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Was ich getan habe

Anna George , Henriette Zeltner
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei btb, 10.07.2017
ISBN 9783442715121
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Inhalt:

"Mein Name ist David James Forrester. Ich bin Anwalt. Heute Abend um 18 Uhr 10 habe ich meine Frau getötet. Dies ist meine Aussage."

Der erfolgreiche Anwalt David Forrester hat gerade seine Frau Elle getötet. Sie liegt tot in der Waschküche ihres gemeinsamen Hauses. Mit dem Diktiergerät in der Hand irrt David nun verzweifelt durch Melbourne, nimmt seine Aussage auf und überlegt sich eine Verteidigungsstrategie. Dabei lässt er die vergangenen zwei Jahre noch einmal Revue passieren. Er konnte sein Glück kaum fassen, als er Elle damals kennenlernte und nach seiner gescheiterten Ehe mit zweiundvierzig Jahren noch einmal eine neue Liebe fand. Ihre Beziehung war leidenschaftlich, geradezu obsessiv, und David war hingerissen von der Schönheit, Intelligenz und Stärke seiner Frau. Er hatte sie geliebt, also wie konnte es überhaupt soweit kommen?

Meine persönliche Meinung:

Ich weiß nicht, wie viele Bücher inzwischen mit einem Verweis auf Gone Girl von Gillian Flynn beworben werden, um die Verkaufszahlen anzukurbeln – Anna Georges Debüt Was ich getan habe ist jedenfalls wieder einmal eines davon. Es war allerdings nicht dieser Hinweis, sondern eher der Klappentext, der mich auf diesen Thriller neugierig machte, denn obwohl mir Gone Girl ganz gut gefallen hat, fand ich den Roman nicht so herausragend, dass ich nun zwingend nach einer vergleichbaren Lektüre Ausschau halten müsste. Trotzdem schürt ein solcher Vergleich mit einem bekannten Bestseller natürlich eine gewisse Erwartungshaltung, der das Buch dann auch gerecht werden sollte. Sieht man davon ab, dass auch Gone Girl in weiten Teilen eher ein Ehedrama als ein Thriller ist, konnte ich allerdings keinerlei Gemeinsamkeiten feststellen. Immerhin konnte Gone Girl ja mit ein paar Thriller-Elementen, präzise ausgearbeiteten Charakteren und vor allem einem fulminanten Plottwist aufwarten, aber all das hat Anna Georges Debüt nun leider gefehlt. Warum Was ich getan habe überhaupt als Thriller bezeichnet wird, ist mir vollkommen schleierhaft, denn ich konnte nicht einmal im Ansatz irgendwelche Thriller-Elemente feststellen und auch an Spannung mangelt es diesem Buch leider gewaltig.
Es ist natürlich nicht ganz einfach, einen Spannungsbogen aufzubauen, wenn schon im ersten Satz enthüllt wird, wer der Mörder ist. Zahlreiche Thriller und Kriminalromane, in denen der Täter von Anfang an bekannt ist, beweisen allerdings, dass dies trotzdem gelingen kann, denn viel spannender und interessanter als die Identität des Mörders ist häufig eben sein Motiv und die Frage, was ihn überhaupt zum Mörder werden ließ. Gerade das hätte mich auch in diesem Thriller besonders interessiert, zumal betont wird, dass David Forrester seine Frau geliebt hat. Trotzdem hat er sie getötet, sodass die Frage nach dem Warum der eigentliche Kern der Erzählung ist.
Die Geschichte wird abwechselnd aus drei Perspektiven erzählt. Zum einen begleitet man David, der nach dem Mord an seiner Frau durch Melbourne irrt und dabei seine Aussage auf ein Diktiergerät spricht; zum anderen kommt aber auch seine Frau Elle zu Wort, die quasi aus ihrem Körper herausgetreten ist, nun in der Waschküche ihres Hauses auf ihren leblosen Körper und ihre verrenkten Gliedmaßen herabblickt und sich dabei ebenfalls an die Geschehnisse der vergangenen zwei Jahre erinnert. Das ist leider nur sehr schwer nachvollziehbar, aber dennoch liefert Elles Perspektive sehr erschütternde Einblicke in ihre Beziehung zu David und die tatsächliche Beschaffenheit ihrer Ehe. Aber auch Elles beste Freundin Mira kommt zu Wort, denn sie versucht verzweifelt, Elle zu erreichen, macht sich große Sorgen um sie und ahnt, dass David ihr etwas angetan hat, denn Mira hat dem Mann ihrer Freundin noch nie getraut.
Der Aufbau der Erzählung, der geschickte Perspektivwechsel und auch der etwas außergewöhnliche Schreibstil der Autorin haben mir ausgesprochen gut gefallen, aber leider ist es Anna George nicht gelungen, Spannung aufzubauen und ihren Protagonisten Tiefe zu verleihen. Vor allem das Verhalten von Elle war für mich leider absolut nicht nachvollziehbar. Dies lag nicht nur an ihrer etwas unrealistischen Perspektive außerhalb ihres Körpers, sondern vor allem auch daran, dass mir vollkommen schleierhaft war, was sie an David liebte und auf welcher Basis diese Ehe überhaupt geschlossen wurde. Ich konnte nicht ansatzweise etwas erkennen, was ich unter den Begriff Liebe fassen würde. Mir ist durchaus klar, dass sich manche Frauen auch zu Männern hingezogen fühlen können, die sie schlecht behandeln, aber selbst das wurde nicht deutlich genug herausgearbeitet. Auch die sexuelle Komponente dieser Beziehung, die zumindest zu Beginn noch klar im Vordergrund steht und in einer Detailliertheit geschildert wird, die ich eher abstoßend als erotisch fand, verpuffte rasend schnell wieder, sodass auch eine wie auch immer geartete Hörigkeit, Obsession oder besonders erotische Leidenschaft für mich nicht ersichtlich war. Obwohl Elles Schicksal wirklich erschütternd ist, gelang es mir nicht, mit ihr mitzufühlen oder mich in sie einzudenken, weil sie mir einfach fremd blieb.
Aber auch David war leider nicht besonders vielschichtig gezeichnet, was sehr bedauerlich ist, denn eigentlich ist der Täter die interessanteste Figur in einem Thriller. Auch wenn man seine Tat nicht gutheißen kann, möchte man seine Motivation verstehen, will wissen, warum er zum Mörder geworden ist, denn obwohl dies nichts entschuldigt, erhofft man sich doch wenigstens eine Erklärung. Es kommt in Thrillern ja sehr häufig vor, dass sich ein vermeintlicher Traumprinz plötzlich als gefährlicher Psychopath entpuppt oder man den Mörder, den man eigentlich verabscheuen müsste, auf geradezu erschreckende Weise sogar verstehen kann. Solche verstörenden Momente machen letztendlich den Reiz eines psychologisch ausgefeilten Thrillers aus und sorgen für die nötige Spannung. Was ich getan habe wäre durchaus so angelegt und die Geschichte hätte auch das Potenzial für solche Schockmomente, scheitert letztendlich aber an ihren eindimensionalen und flachen Figuren, denn nicht nur Elle, sondern auch David sind einfach nicht komplex und präzise genug ausgearbeitet, um ihre Gefühle, Gedanken und Handlungsmotive nachvollziehen zu können. Nach den ersten Kapiteln stellte ich mir jedenfalls nicht mehr die Frage, warum David seine Frau getötet hat und diese Beziehung so fatal enden musste, sondern nur noch warum sie überhaupt eingegangen wurde. Hierfür liefert die Erzählung allerdings keine Erklärung, weder aus Davids noch aus Elles Perspektive.
Die einzige Protagonistin, deren Sichtweise mir einleuchtete, war die von Mira, Elles bester Freundin, denn sie ist die Einzige, die einen klaren Blick auf die Dinge hat.
Der Plot war so vorhersehbar, dass einfach keine Spannung aufkommen wollte, Überraschungsmomente blieben weitgehend aus und auch auf einen Plottwist wartete ich vergeblich. Sieht man von einer einzigen Wendung am Ende der Geschichte ab, die allerdings wenig überraschend war, aber immerhin eine logische Erklärung für so manche Ungereimtheit lieferte, hatte Was ich getan habe leider überhaupt nichts mit einem Thriller gemeinsam. Darüber könnte man hinwegsehen, wenn dieses Ehedrama wenigstens etwas tiefgründig und einfühlsam erzählt worden wäre, aber den Protagonisten fehlte es leider an der notwendigen psychologischen Tiefe, und so war mir leider nicht ersichtlich, welche Motivation hinter ihren Handlungen und Emotionen steckt. Das ist wirklich bedauerlich, denn die Geschichte hätte durchaus Potenzial und der Schreibstil der Autorin wirkte ansonsten sehr ausgereift und ließ sich ausgesprochen angenehm lesen. Trotzdem war ihr Debüt für mich leider eine ziemliche Enttäuschung.

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hoffen und bangen, unerfüllte sehnsüchte, nähe und distanz, schmerz, ester

Unvollkommene Verbindlichkeiten

Lena Andersson , Gabriele Haefs
Fester Einband: 280 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 10.04.2017
ISBN 9783630875248
Genre: Romane

Rezension:

Im vergangenen Jahr habe ich Widerrechtliche Inbesitznahme von Lena Andersson gelesen und war vollkommen überwältigt. Auch nach der Lektüre hat mich dieser kluge philosophische Roman über das Unglück der Liebe noch lange beschäftigt und auch sehr nachdenklich und traurig gestimmt, denn es ist mitunter schmerzhaft, wenn eine Autorin einem den Spiegel vorhält und man sich in einer Romanfigur wie Ester Nilsson wiederzuerkennen glaubt, die gegen alle Regeln des gesunden Menschenverstandes verstößt und die man, wäre sie eine gute Freundin, am liebsten schütteln und zur Vernunft bringen würde. Gleichzeitig hat es aber auch etwas Tröstliches, sich in einem Roman wiederzufinden und kann durchaus dabei helfen, sich selbst ein bisschen besser zu verstehen, zumindest dann, wenn man schon einmal in einer ähnlichen Situation war wie Ester Nilsson. Ich konnte es jedenfalls kaum erwarten, zu erfahren, wie es Ester inzwischen ergangen ist und freute mich darauf, ihr in Lena Anderssons neustem Werk Unvollkommene Verbindlichkeiten nun wieder zu begegnen. Obwohl häufig auf Widerrechtliche Inbesitznahme Bezug genommen wird, muss man den Vorgänger im Vorfeld nicht gelesen haben, um der Handlung folgen zu können, aber man sollte diesen wunderbaren, klugen und poetischen Roman gelesen haben, weil er einfach brillant ist und auch, weil man die Protagonistin dann vielleicht ein bisschen besser verstehen kann.
In Widerrechtliche Inbesitznahme hatte sich Ester Nilsson in den narzisstischen Künstler Hugo Rask verliebt, war diesem Mann hoffnungslos verfallen, gab sich zwar stets selbstbewusst und souverän, hatte ihre Autonomie allerdings längst eingebüßt und lebte nur noch für ihn und die Momente, die sie mit ihm verbringen konnte. Hugo genoss ihre Bewunderung, war allerdings nicht in der Lage so viel Intimität und Nähe zuzulassen oder überhaupt über Gefühle zu reden. Trotzdem nutzte er ihre Liebe schamlos aus, versprach ihr zwar nie etwas, verstand es allerdings geschickt, Esters Hoffnung immer wieder neue Nahrung zu geben, indem er ihr gerade so viel Aufmerksamkeit schenkte, wie notwendig war, um ihre bedingungslose Liebe am Leben zu erhalten. Er ließ sie stets im Ungewissen und stieß sie, als sie zunehmend fordernder wurde, erbarmungslos und ohne ein Wort der Erklärung von sich. Obwohl sie an dieser Liebe fast zerbrochen wäre und sich geschworen hatte, nie wieder in eine solche emotionale Abhängigkeit zu geraten, verliebt sie sich nun, fünf Jahre später, erneut – diesmal in Olof Sten, einen verheirateten Mann, der ihr unverblümt klarmacht, dass er sich niemals von seiner Frau trennen wird. Nach ihrer schmerzhaften Erfahrung mit Hugo Rask hätte ich ihr natürlich gewünscht, dass sie nun endlich ihr Glück findet und einem Mann begegnet, der ihre Liebe erwidert. Allerdings ahnte ich schon, dass sie wieder auf einen Mann treffen würde, der sich nicht festlegen will, und sie sich erneut Hoffnungen hingibt, die sich niemals erfüllen werden.
Aber was bringt eine gebildete Frau Ende dreißig dazu, sich schon wieder so zu verrennen? Es ist mitunter kaum zu ertragen, mitanzusehen, wie sie sich von Olof demütigen und verletzen lässt, sich immer wieder erniedrigt und trotzdem nicht loslassen kann. Wieder verliert sie sich selbst vollkommen aus den Augen und richtet ihr ganzes Leben so ein, dass sie Olof immer, wenn es seine begrenzte Zeit zulässt, zur Verfügung stehen kann.
Esters Absolutheitsanspruch an die Liebe ist ungebrochen und verleitet sie eben auch dazu, wieder in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. Und wieder ist es diese trügerische und alles verzehrende Hoffnung, die sie erneut in eine emotionale Abhängigkeit zu einem Mann geraten lässt, der sich nicht eindeutig verhält, sie zwar nicht will, aber eben auch nicht gehen lässt.
Man könnte sich also fragen, ob sie aus ihrer Erfahrung mit Hugo Rask nichts gelernt hat. Vermutlich kann man Ester nur verstehen, wenn man schon einmal in einer ähnlichen Situation war. Dass Liebe nicht erwidert wird, ist wahrscheinlich jedem schon einmal passiert. Wenn Liebe ins Leere fällt, ist das zwar schmerzhaft, kann man aber niemandem verübeln, denn Liebe kann nicht erzwungen werden. Niemand hat ein Recht darauf, geliebt zu werden, das weiß auch Ester Nilsson, aber jeder hat ein Recht auf Klarheit, denn nichts ist quälender als Ungewissheit und Hoffnung, die sich niemals erfüllen wird.
Man kann Ester kaum vorwerfen, dass sie sich wieder Hals über Kopf verliebt, zumal wir uns nicht immer aussuchen, wen wir lieben, denn sich zu verlieben ist keine Entscheidung, die man bewusst trifft. Es soll ja sehr reflektierte Kopfmenschen geben, die auch bei der Partnerwahl sehr systematisch und überlegt vorgehen und sich dabei nur von ihrem Verstand leiten lassen, aber in aller Regel ist Liebe eben ein Gefühl, das sich rational nicht erklären lässt und dem mit Vernunft auch kaum beizukommen ist. Deshalb ist es auch nicht erstaunlich, dass der Freundinnenchor, der Ester bereits in Widerrechtliche Inbesitznahme unablässig zur Vernunft mahnte, auch jetzt nicht zu ihr durchdringen kann. Doch während der Freundinnenchor damals noch anonym war, haben die Freundinnen nun Namen bekommen, was allerdings nichts daran ändert, dass ihre gutgemeinten Ratschläge ungehört verhallen.
„Nimm die Menschen beim Wort, das ist das Praktischste und Einfachste. Nicht deuten, sondern davon ausgehen, dass sie meinen, was sie sagen“. Nun, hätte sich Ester diesen Rat ihrer Freundin Lotta zu Herzen genommen, wäre ihr viel erspart geblieben, denn man muss Olof immerhin zugutehalten, dass er – im Gegensatz zu Hugo Rask – von Anfang an Klartext spricht und ihr deutlich sagt, dass er seine Ehefrau niemals verlassen wird. Trotzdem lässt er sich auf eine Beziehung mit ihr ein, die er zwar „Freundschaft“ nennt, aber weit über ein freundschaftliches Verhältnis hinausgeht. Da sich Esters unbedingter Absolutheitsanspruch an die Liebe aber niemals mit einer Rolle als Geliebte in Einklang bringen lässt, ist es nur logisch ist, dass sie wieder unglücklich sein wird.
Olofs klare Worte stehen im Widerspruch zu seinem Verhalten, womit er Ester immer wieder Anlass zur Hoffnung gibt. Und Ester ist eben auch eine Meisterin der Selbsttäuschung, will nicht wahrhaben, dass er sich niemals von seiner Frau trennen wird und neigt dazu, sich verzweifelt an jedem kleinen Strohhalm festzuhalten. Sie seziert und analysiert jedes Wort und jede SMS von Olof und kommt dabei immer wieder zu der Überzeugung, dass sich seine Ehe in der Auflösung befindet und er nur noch etwas Zeit braucht, um seine Ehefrau endgültig zu verlassen.
Ester ist zweifellos in mehrfacher Hinsicht eine „Wiederholungstäterin“, aber dennoch kann man nicht behaupten, dass sie aus ihrer Beziehung zu Hugo Rask nichts gelernt hat. Damals gab sie sich zunächst noch souverän und selbstbewusst, wollte Hugo nicht unter Druck setzen und niemals fordernd erscheinen. Bei Olof will sie diesen Fehler nicht noch einmal machen, sondern von Anfang an deutlich sein und sagt ihm deshalb auch sofort, dass sie ihr Leben mit ihm teilen will. Durch ihre bisherigen Erfahrungen hat sie inzwischen offenbar auch einen Teil ihrer Leidensfähigkeit eingebüßt, denn während sie bei Hugo Rask noch dachte, das Leiden an der Liebe sei eine noble Sache und sie müsse nur genug leiden, um sich seine Liebe zu verdienen, kommt sie bei Olof nun doch häufig zu der Überzeugung, dass sie sich ihr Leben nicht von ihm stehlen und sich auch nicht länger demütigen lassen will. Und so fasst sie überraschenderweise tatsächlich wiederholt den Entschluss, sich von ihm abzuwenden. Doch sobald sie im Begriff ist, sich von ihm zu lösen, ergreift er die Initiative und nimmt wieder Kontakt zu ihr auf, denn: „Wie so viele andere konnte er es nicht ertragen, das zu verlieren, was er gar nicht haben wollte“. Obwohl er sich nicht auf sie festlegen möchte, ist er nicht bereit, sie gehen zu lassen. Und obwohl sie wiederholt versucht, sich aus seinen Fängen zu befreien, hat sie nicht die Kraft, ihm zu widerstehen, wenn er wieder vor ihr steht oder sich bei ihr meldet.
Letztendlich befindet sich Ester mit Olof in einer jahrelangen On-Off-Beziehung, durchlebt ein dauerndes Wechselbad der Gefühle und schwankt ständig zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Glück und Leid, Intimität und Distanz, völliger Hingabe, aber auch Wut auf den Mann, der ihr das alles zumutet. Der Leser durchlebt und durchleidet all diese Hoch und Tiefs an ihrer Seite mit, ahnt, dass es keine Erlösung geben wird, sondern wünscht sich einfach nur, dass es ihr gelingt, endlich aus ihrer passiven Rolle herauszutreten und sich aus dieser zerstörerischen Liebe zu befreien. Am Ende hat mich Ester aber doch sehr überrascht, denn sie holt zu einem Befreiungsschlag aus, den ich ihr niemals zugetraut hätte.

Zweifellos ist Lena Andersson mit Unvollkommene Verbindlichkeiten wieder ein Meisterwerk gelungen, das seinem Vorgänger literarisch in nichts nachsteht. In einer sehr schlichten, lakonischen aber gleichzeitig auch sehr poetischen Sprache erzählt die Autorin eine äußerst desillusionierende Liebesgeschichte. Schonungslos und vollkommen ohne Kitsch, Sentimentalität, Romantik oder Pathos dokumentiert sie die Gefühlwelt einer Frau, die sich zum wiederholten Male in einen Mann verliebt, der ihre Liebe nicht erwidert, aber die ihm entgegengebrachten Gefühle ausnutzt und sich nicht eindeutig verhält. Trotz des mitunter ironischen Untertons und einer gewissen Süffisanz ist dies manchmal nur sehr schwer zu ertragen, aber trotzdem grandios, denn kaum ein Schriftsteller vermag es, die Liebe so gekonnt und intelligent ihres Zaubers zu berauben und romantische Liebeskonzepte so analytisch zu zerpflücken wie Lena Andersson. Das hat mich bereits bei Widerrechtliche Inbesitznahme beeindruckt und zeigt sich nun auch wieder in Anderssons neustem Werk.
Wer den Vorgänger gelesen hat, könnte von Unvollkommene Verbindlichkeiten allerdings ein wenig enttäuscht sein, denn sieht man von dem verblüffenden Ende ab, hat dieser Roman leider wenig Neues oder Überraschendes zu bieten. Ich würde die Erzählung zwar nicht gerade als Wiederholung, aber in weiten Teilen eben nur als Abwandlung dessen bezeichnen, was der Leser bereits aus Widerrechtliche Inbesitznahme kennt. Der überragenden Qualität dieses Romans tut dies jedoch keinen Abbruch. Ein grandioses Meisterwerk!

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england, thriller, geheimnisse, into the water, hexen

Into the Water - Traue keinem. Auch nicht dir selbst.

Paula Hawkins , Christoph Göhler
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 24.05.2017
ISBN 9783764505233
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Mit ihrem Debüt Girl on the Train hat Paula Hawkins 2015 auf Anhieb einen Bestseller vorgelegt, der auch erfolgreich verfilmt wurde. Während der Film überwiegend positiv aufgenommen wurde, wurde die Buchvorlage sehr kontrovers diskutiert. Vielen Lesern war Girl on the Train zu langatmig, und auch die Protagonistin, eine schwer alkoholabhängige Frau, deren Wahrnehmungen man nicht immer trauen konnte, stieß auf wenig Sympathien. Mich hingegen hat Girl on the Train restlos begeistert, was nicht zuletzt an der ruhigen Erzählweise der Autorin, der düster-tristen Grundstimmung und den grandios ausgearbeiteten Figuren lag. Umso mehr habe ich mich natürlich nun auf ihren neuen Roman Into the Water gefreut. Allerdings habe ich schon kurz nach dem Ersterscheinungstag die ersten Verrisse gelesen. Selbst viele, die von Paula Hawkins Erstlingswerk begeistert waren, sind von ihrem aktuellen Roman nun sehr enttäuscht, was meiner Neugierde allerdings keinen Abbruch tat.
Inzwischen kann ich die kritischen Stimmen jedoch durchaus nachvollziehen, denn die Autorin verlangt dem Leser sehr viel Geduld, Durchhaltevermögen und Konzentration ab. Man kann es eigentlich niemandem verdenken, wenn er zwischendurch den Faden und auch das Interesse verliert. Nachdem ich mehr als hundert Seiten gelesen hatte, wollte auch ich schon aufgeben und das Buch abbrechen, denn der Einstieg in die Geschichte ist leider äußerst zäh und gleichzeitig auch sehr verwirrend.
Der Roman wird aus nicht weniger als elf Perspektiven erzählt – da fällt es mitunter schwer, den Überblick zu behalten. Manche Protagonisten schildern ihre Erlebnisse und Gedanken aus der Ich-Perspektive, anderen hingegen folgt man aus der Sicht der personalen Erzählinstanz. Auch Passagen aus dem Manuskript der kürzlich verstorbenen Nel wurden in die Geschichte eingeflochten und gewähren einen Einblick in das Schicksal all der Frauen, die im „Drowning Pool“ den Tod fanden. Eine Hauptfigur gibt es nicht, und auch die Suche nach einem Sympathieträger erweist sich als sehr schwierig. Die vielen Zeitsprünge, die in die Vergangenheit reichenden Vorgeschichten und auch die vielen Nebenschauplätze, die auf den ersten Blick nichts mit der Haupthandlung zu tun zu haben scheinen, verleiten dazu, manche Passagen nur zu überfliegen, was man allerdings tunlichst vermeiden sollte. Stattdessen kann ich nur dazu raten, jede scheinbar noch so kleine Nebensächlichkeit aufmerksam zu lesen, denn sonst wird es im weiteren Verlauf der Handlung schwierig, die Zusammenhänge und Verwicklungen noch zu überblicken. Das erfordert außerordentlich viel Geduld, weil im ersten Viertel des Romans eben recht wenig passiert. Diese schier unüberschaubare Menge an Protagonisten, die ständigen Perspektivwechsel und auch der recht ereignislose und langatmige Einstieg in die Geschichte, führte leider auch bei mir dazu, dass es mich irgendwann eigentlich gar nicht mehr interessierte, ob Julias Schwester Nel nun Selbstmord begangen hat, ermordet wurde oder ihr Tod ein tragischer Unfall war. Trotzdem habe ich durchgehalten und bin auch sehr froh darüber, denn nachdem diese anfängliche Durststrecke überstanden war, konnte mich die Geschichte dann doch packen und hat mir auch ausgesprochen gut gefallen.
Allerdings melden sich die Protagonisten weiterhin nur sehr kryptisch zu Wort, man weiß nie, wer lügt und wer der die Wahrheit sagt, und offenbar hat auch jeder in diesem kleinen Örtchen Beckford etwas zu verbergen. Wie bereits in ihrem ersten Roman, macht es Paula Hawkins dem Leser auch hier nicht gerade leicht, ihre Figuren zu mögen. Mir gefällt es allerdings, wenn Charaktere ambivalent angelegt sind und man nicht weiß, ob man sie nun lieben oder hassen soll. Obwohl mir außer Julia, die mit traumatischen Kindheitserinnerungen zu kämpfen hat, niemand so recht ans Herz wachsen wollte, waren alle Protagonisten sehr überzeugend und glaubwürdig ausgearbeitet.
Die Autorin hat ihr Buch allen unbequemen Frauen gewidmet, und unbequem waren nicht nur die Frauen, die seit Jahrhunderten an besagter Flussbiegung in Beckford den Tod fanden und deren Geschichten hier ebenfalls sehr eindrücklich erzählt werden, sondern eben auch die Protagonistinnen, die Paula Hawkins in ihrem Roman zu Wort kommen lässt. Auch Nel war eine unbequeme Frau, denn sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichten all dieser Frauen aufzuschreiben und sich damit nicht gerade Freunde gemacht. Der Verdacht liegt nahe, dass sie deshalb sterben musste, denn zumindest ihre Schwester Julia ist davon überzeugt, dass Nel niemals gesprungen wäre und beginnt daraufhin, sich ebenfalls mit den Geschichten dieser unbequemen Frauen zu beschäftigen. Unbequem sind auch Nickie, eine recht verschrobene Alte, die glaubt, mit Toten sprechen zu können, Erin, die Ermittlerin, eine Fremde und Außenseiterin im Dorf, die an der Wahrheit interessiert ist, und Lena, die fünfzehnjährige Tochter von Nel, ein aufmüpfiges Mädchen, das sehr störrisch und voller Wut und Trauer ist. Sie hat nicht nur ihre Mutter verloren, sondern auch ihre beste Freundin, eine ebenfalls unbequeme junge Frau, die erst vor Kurzem Selbstmord begangen hat, weil sie einen Mann liebte, den sie nicht lieben durfte.
Die Schicksale all dieser unbequemen Frauen sind miteinander verwoben und waren teilweise sehr berührend. Stück für Stück gilt es die Zusammenhänge herauszufinden und die einzelnen bruchstückhaften Splitter zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen. Ich will nicht behaupten, dass dieser Roman besonders spannend ist, wer einen rasanten Thriller erwartet, kann eigentlich nur enttäuscht sein, aber trotzdem entwickelte die Erzählung nach dem recht zähen Einstieg einen Sog, dem ich mich nicht mehr entziehen konnte. Das lag nicht nur an dem angenehmen Schreibstil der Autorin, sondern auch an dem raffinierten und äußerst gut durchdachten Plot, der am Ende zu einem runden Ganzen führt. Die Geschichte ist allerdings äußerst komplex. Der Roman lässt sich nicht einfach nebenbei zügig weglesen, sondern erfordert eben ein bisschen Durchhaltevermögen und Geduld.

Belohnt wird man aber mit einer sehr tiefgründigen und bewegenden Geschichte, um Freundschaft, Loyalität, verdrängte Erinnerungen, um lange zurückliegende Missverständnisse, die zu spät erkannt werden, und um eine verbotene Liebe mit verheerenden Folgen. All das hat Paula Hawkins in Into the Water zu einer äußerst komplexen und ergreifenden Erzählung verwoben, die mich trotz massiver Startschwierigkeiten dann doch noch überzeugen konnte.

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thriller, vergnügungspark, jonas winner, murder park, freizeitpark

Murder Park

Jonas Winner
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Heyne, 13.06.2017
ISBN 9783453421769
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nachdem ich in der Verlagsvorschau Murder Park von Jonas Winner entdeckt hatte, konnte ich den Erscheinungstermin kaum noch abwarten, denn der Klappentext tönte sehr vielversprechend. Sobald es um Serienmörder geht, ist mein Interesse ohnehin geweckt, aber vor allem das Setting ließ auf einen außergewöhnlich beklemmenden Thriller hoffen.
Jonas Winner verwendet in Murder Park das klassische Muster der locked room mysteries und siedelt die Handlung seines Romans in einem hermetisch abgeschlossenen Raum an – in diesem Fall eben auf einer von der Außenwelt abgeschotteten Insel. Zwölf Personen wurden auf diese abgelegene Insel eingeladen, schon am ersten Tag wird einer von ihnen ermordet, und im weiteren Verlauf der Erzählung dezimiert sich die Gruppe weiter. Die Insel ist aber unbewohnt und nur mit einer Fähre zu erreichen; niemand kann sie unbemerkt betreten oder verlassen, sodass der Verdacht naheliegt, dass der Mörder unter den Anwesenden zu suchen ist und das Misstrauen untereinander mit jedem weiteren Mord kontinuierlich wächst. Das ist ein altbekanntes Schema, das an Agatha Christies Und dann gabs keines mehr erinnert, aber noch immer hervorragend funktioniert, zumal Jonas Winner den Schauplatz seines Thrillers ganz besonders gruselig gestaltet hat.
Dem Autor ist es sehr gut gelungen, diese Insel sehr bildgewaltig zu beschreiben und eine äußerst beklemmende Atmosphäre zu erzeugen. Besonders bedrohlich ist das Setting nämlich nicht nur, weil man dem Mörder auf der Insel hilflos ausgeliefert ist und weder fliehen noch auf Hilfe hoffen kann, sondern weil Winner den Handlungsort auch mit einer sehr schaurigen Geschichte versehen hat. Bis vor zwanzig Jahren befand sich ein Freizeitpark auf der Insel. Zodiac Island hätte eigentlich ein Ort sein sollen, an dem man sich amüsiert, Spaß hat und der von Kinderlachen erfüllt ist. Doch nachdem der Serienmörder Jeff Bohner dort drei alleinerziehende Mütter auf bestialische Weise ermordet hatte, musste der Vergnügungspark geschlossen werden.
Nun hat der Unternehmer Robert Levin den verfallenen Park gekauft und möchte sich gerade dessen schaurige Vorgeschichte zunutze machen, um auf der Insel einen neuen Erlebnispark zum Thema Serienkiller zu eröffnen. Er und sein Team haben ein Konzept erarbeitet, das sie nun im Vorfeld der Eröffnung einer auserwählten Gruppe von Presseleuten und Experten präsentieren wollen.
Ich muss ja zugeben, dass auch mir die Faszination am Makabren nicht ganz fremd ist und es durchaus interessant sein mag, sich mit Serienmördern zu beschäftigen und Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele zu bekommen, um zu erfahren, was Menschen überhaupt zu Mördern werden lässt und zu solch grausamen Taten veranlasst, aber von realen Morden zu profitieren, indem man sie zur Jahrmarktattraktion macht, finde ich doch äußerst abstoßend. Bereits das Museum, das auf der Insel eingerichtet wurde und in dem zahlreiche Murderabilia, also Gegenstände, die von berühmten Serienmördern stammen, ausgestellt werden, wirkte auf mich etwas befremdlich. Es soll ja tatsächlich Menschen geben, die solche Murderabilia sammeln, was allerdings der Stilisierung von Serienmördern zu Helden und Pop-Ikonen gleichkommt und meiner Meinung nach doch sehr fragwürdig ist, zumal es den Angehörigen der Verbrechensopfer wie blanker Hohn erscheinen muss. Noch geschmackloser ist allerdings das Grundkonzept des Murder Park, denn der Erlebnispark soll vor allem als eine Art Partnerbörse fungieren. Mir ist vollkommen schleierhaft, wie man sich in einer solch morbiden Atmosphäre und umgeben von Andenken an berühmte Serienmörder verlieben soll, halte es aber auch nicht für ausgeschlossen, dass es genug Menschen gibt, die an solchen makabren Unterhaltungsspektakeln Gefallen finden würden. Völlig abwegig erschien mir das Geschäftsmodell jedenfalls nicht.
Ich war jedoch sehr beruhigt, dass meine Bedenken auch im Buch thematisiert wurden und innerhalb der Gruppe schon die ersten kritischen Stimmen laut werden, als das Konzept präsentiert wird. Allerdings ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand, dass sich diese dreitägige Pressereise zu einem wahren Albtraum entwickeln wird.
Die Geschehnisse auf der Insel werden aus der Sicht des Reporters Paul Greenblatt erzählt, der von Mördern und Mordgeschichten geradezu besessen ist und auch eine ganz besondere und persönliche Verbindung zu Zodiac Island hat. Dieser gegenwärtige Handlungsstrang wird immer wieder durch Interviews unterbrochen, die der Psychiater Sheldon Lazarus im Vorfeld der Vorbesichtigung geführt hat, um die richtigen Kandidaten für dieses Wochenende zu finden. Eigentlich hat es mir ausgesprochen gut gefallen, die Teilnehmer dieser Pressereise in Form dieser Gesprächsaufzeichnungen kennenzulernen. Allerdings halte ich es für ziemlich unrealistisch, dass ein Unternehmer tatsächlich einen Psychiater beauftragt, um die Bewerber für eine solche Pressepräsentation zu durchleuchten und von jedem Einzelnen ein psychiatrisches Profil zu zeichnen. Ich kann mir auch kaum vorstellen, dass jemand bereitwillig sein Innerstes nach außen kehrt, nur weil er an einer Firmenpräsentation teilnehmen möchte. Lässt man die Glaubwürdigkeit außer Acht, waren diese Interviews allerdings eine sehr gute Möglichkeit, Einblicke in Persönlichkeit der Teilnehmer zu erhalten, denn diese wurden keinesfalls zufällig ausgewählt, sondern stehen alle in Verbindung mit Zodiac Island und den Morden, die sich dort vor zwanzig Jahren zugetragen hatten.
Paul Greenblatt ist der Erste, den man auf diese Weise kennenlernt. Er ist eben auch der Protagonist, dem man in der Haupthandlung folgt und aus dessen Perspektive erzählt wird. Obwohl mich das traumatische Erlebnis, das er in seiner Kindheit durchleiden musste, sehr berührt hat, fiel es mir manchmal schwer, mich in ihn hineinzuversetzen und seine Handlungen und Gedanken nachzuvollziehen. Er ist mit elf anderen Personen auf dieser Insel, einer nach dem anderen wird auf grausame Weise ermordet und er muss jeden Moment damit rechnen, der Nächste zu sein, aber auf seine Libido scheint sich das erstaunlicherweise nicht negativ auszuwirken. Auch sonst kann ich nicht gerade behaupten, dass ich ihn besonders mochte, aber vor allem hatte ich oft den Eindruck, dass man seinen Wahrnehmungen nicht ganz trauen kann.
Auch alle anderen Charaktere waren mir nicht gerade sympathisch und verhalten sich auch äußerst merkwürdig. Selbst die Interviewausschnitte vermochten es nicht, dass ich zu einer der Romanfiguren eine Verbindung aufbauen konnte. Das soll jedoch keineswegs ein Kritikpunkt sein, denn zum einen muss ich die Protagonisten eines Buches gar nicht mögen, und zum anderen führt dies eben auch dazu, dass ich jeden von ihnen im Verdacht hatte, der Mörder zu sein – selbst Paul Greenblatt. Jonas Winner versteht es äußerst geschickt, den Leser immer wieder auf die falsche Fährte zu locken und einen sehr wendungsreichen Plot zu konstruieren. Sobald ich sicher war, den Mörder nun enttarnt zu haben, wurde diese Person entweder selbst ermordet oder der Verdacht wurde auf einen anderen aus der Gruppe gelenkt. Selbst als es kaum noch Überlebende gibt und der Kreis der Verdächtigen immer kleiner wird, hatte ich keine Ahnung, wer der Mörder sein könnte.
Was mich ein wenig gestört hat, war das Tempo des Romans, denn mir ging es häufig einfach ein bisschen zu schnell. Die Romanfiguren sterben wie die Fliegen, ein Mord jagt den nächsten, wird auf wenigen Zeilen abgehandelt, sodass es kaum noch schockierend war, wenn wieder jemand zu Tode kam.
Das Ende war dann sehr überraschend, allerdings auch ein bisschen enttäuschend.
Trotzdem hat mir dieser Thriller ausgesprochen gut gefallen, denn dem Autor ist es gelungen, das Spannungslevel kontinuierlich zu steigern und bis zum Schluss zu halten. Sein flüssiger Schreibstil und eine angenehme Kapitellänge lassen den Lesefluss nie ins Stocken geraten. Besonders beeindruckend waren aber vor allem das Setting und die außerordentlich bedrohliche Atmosphäre, die mich über kleine Unglaubwürdigkeiten gerne hinwegsehen ließen.

Ein rasanter und beklemmender Thriller voller überraschender Wendungen, der mich sehr gut und spannend unterhalten hat.

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79 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 19 Rezensionen

horror, schweden, fähre, thriller, vampire

Die Überfahrt

Mats Strandberg , Antje Rieck-Blankenburg
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei FISCHER Tor, 24.05.2017
ISBN 9783596295999
Genre: Fantasy

Rezension:

Ich war sehr gespannt auf Die Überfahrt von Mats Strandberg und fieberte dem Ersterscheinungstag geradezu entgegen, denn ich liebe Thriller, die mich mit meinen eigenen Ängsten konfrontieren. Das klingt für jeden, der gerne Schiffsreisen unternimmt, sicher furchtbar albern, aber bereits der Schauplatz dieses Thrillers kommt für mich einem Albtraum gleich. Für mich gibt es kaum etwas Beklemmenderes als Schiffe, und schon allein die Vorstellung, an einem von Wasser umgebenen Ort sein zu müssen, den ich nicht jederzeit verlassen kann, treibt mir den puren Angstschweiß auf die Stirn. Ich war mir also ziemlich sicher, dass Die Überfahrt ein überaus spannendes und beklemmendes Leseerlebnis wird, zumal der Autor auf dem Cover als „der schwedische Stephen King“ bezeichnet und auch mit Justin Cronin verglichen wird. Dass man diesen Vergleichen nicht trauen kann, ist mir durchaus bewusst, aber trotzdem falle ich immer wieder auf solche werbewirksamen Aussagen herein. Man tut einem Autor aber sicher keinen Gefallen, wenn man die Messlatte derart hoch anlegt und eine Erwartungshaltung schürt, der der Roman dann nicht gerecht werden kann. Ich habe jedenfalls nicht einmal ansatzweise Gemeinsamkeiten mit King oder Cronin erkennen können, was jedoch keinesfalls der einzige Grund war, weshalb mich Die Überfahrt letztendlich doch sehr enttäuscht hat.
Dabei beginnt die Erzählung durchaus vielversprechend, wenn auch nicht gerade besonders spannend, denn auf den ersten hundert Seiten passiert eigentlich nichts. Allerdings gelingt es Mats Strandberg ausgezeichnet, die überaus klaustrophobische Atmosphäre und die Stimmung auf der Baltic Charisma perfekt einzufangen und dieses gewaltige und etwas heruntergekommene Schiff vor den Augen des Lesers Gestalt annehmen zu lassen.
Außerdem lernt man im ersten Teil dieses Thrillers die Passagiere und Besatzungsmitglieder näher kennen, aus deren Perspektive die Geschehnisse dann erzählt werden. Mit viel gutem Willen kann man hier eine kleine Gemeinsamkeit mit Stephen King erkennen, der ebenfalls sehr viel Zeit darauf verwendet, seine Charaktere einzuführen und eine Vorliebe für gebrochene Figuren und soziale Außenseiter hat. Allerdings schafft es King, seinen Figuren Kontur zu verleihen und lebendige und unverwechselbare Charaktere zu erschaffen, während ich manche Protagonisten in Strandbergs Thriller kaum voneinander unterscheiden konnte. Am Anfang fiel es mir besonders schwer, den Überblick über das Personal des Romans zu behalten, und manchen Figuren fehlte eben auch leider die nötige Tiefe, sodass sie etwas schablonenhaft wirkten. Einen Hauptprotagonisten auszumachen, ist unmöglich, denn die Geschichte wird aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt, von denen keine besonders heraussticht. Eines haben allerdings alle Charaktere gemeinsam – sie sind allesamt vom Schicksal gebeutelte und gebrochene Figuren, seien es nun die Besatzungsmitglieder oder die Passagiere.
Im Gedächtnis blieb mir vor allem ein abgehalfteter ehemaliger Schlagerstar, der in der Karaokebar des Schiffes arbeitet, das Ende seiner Karriere noch immer nicht verkraftet hat, äußerst verbittert ist und seinen Frust mit Sex, Alkohol und Kokain betäubt. Im Grunde verachtet er die Passagiere, die er nun unterhalten muss, um überhaupt noch seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, und verhöhnt die Frauen, die ihn noch immer hingebungsvoll anschmachten und zumindest seine sexuellen Bedürfnisse befriedigen. Er ist ein äußerst verabscheuungswürdiger Charakter und keineswegs ein Protagonist, mit dem man mitfiebern könnte. Albin, ein kleiner Junge, der mit seinen Adoptiveltern an Bord ist, ist mir allerdings sehr ans Herz gewachsen. Seine Adoptivmutter sitzt im Rollstuhl, der Vater ist ein depressiver Alkoholiker, der zu heftigen Wutausbrüchen neigt und im nächsten Moment wieder in weinerliche Depressionen verfällt. In der Familie wird jedoch nicht über diese Probleme gesprochen, und so freut sich Albin, dass er auf dieser Schiffsreise wenigstens seine Cousine Lo wiedersehen darf, die er lange nicht mehr gesehen hat. Doch Lo hat sich verändert, steckt mitten in der Pubertät, bunkert jetzt schon heimlich kleine Wodkafläschchen und ist Albin fremd geworden.
Auch wenn mir außer Albin und einem homosexuellen jungen Mann, der die Fahrt auf der Baltic Charisma nutzt, um seinem Lebensgefährten einen Heiratsantrag zu machen, niemand so recht sympathisch war, hat mir der Einstieg in die Geschichte sehr gut gefallen, obwohl lange nichts Spektakuläres passiert. Langweilig war es trotzdem nicht, die Personen kennenzulernen, die dazu verdammt sind, die kommenden vierundzwanzig Stunden miteinander auf dieser Fähre zu verbringen, die für alle bald zu einer tödlichen Falle werden soll.
Mit steigendem Alkoholpegel sinken die Schamgrenzen und Hemmschwellen immer mehr, aber aus diesem Grund waren ja die meisten Passagiere überhaupt an Bord gekommen –  um sich sinnlos zu betrinken und alle Hemmungen fallen zu lassen. Die Partystimmung hat ihren Höhepunkt fast erreicht, als das Grauen dann hereinbricht.
Schon auf den ersten Seiten spürt man, dass mit der stark geschminkten, dunkelhaarigen Frau mit dem zerfurchten Gesicht und ihrem kleinen, etwa fünf Jahre alten Sohn etwas nicht stimmt. Allerdings erfährt man nichts Näheres über die beiden, sodass der Horror, der nun ausbricht, doch etwas unvermittelt kommt. Auch wenn es zunächst noch äußerst schockierend und auch spannend war, dieses Horrorszenario aus verschiedenen Perspektiven zu beobachten, wurde mir das Blut, das nun eimerweise aus den Seiten triefte, schnell zu viel. Ich kann wirklich viel aushalten, habe auch keinen empfindlichen Magen, aber effekthascherisches Gemetzel allein ist eben furchtbar nichtssagend und auf Dauer auch sehr ermüdend. Als der erste Schock überwunden war und sich nur noch ein unappetitliches Szenario an das nächste reihte, habe ich mich nämlich leider auch schrecklich gelangweilt, zumal schon absehbar war, wie die Geschichte endet. Ein paar gute Ansätze waren durchaus erkennbar, wurden dann allerdings in wenigen Sätzen abgehandelt und verliefen leider wieder im Sande. Jede Chance, der Geschichte noch ein bisschen Tiefgang zu verleihen, wurde ungenutzt fallengelassen, sodass außer billigem Splatter eigentlich nichts mehr übrigblieb.
Und gerade das ist es, was Strandbergs Roman von Werken von King und Cronin unterscheidet, denn diese beiden Autoren schaffen es, Horror auf hohem Niveau zu erzählen, nicht jedes blutige Detail in allen Einzelheiten zu beschreiben, sondern das wahre Grauen im Kopf des Lesers entstehen zu lassen und den ewigen Kampf von Gut gegen Böse in all seinen Facetten zu zeigen. Weniger ist eben tatsächlich häufig mehr, und etwas weniger Blut und Gedärme und dafür etwas mehr Tiefgang hätten diesem Roman sehr gut getan. Wer blutigen und brutalen Splatter mag, wird an Die Überfahrt spätestens nach hundert Seiten seine Freude haben, aber mein Geschmack ist das leider gar nicht, weshalb mich dieser Horrorthriller leider enttäuscht hat.

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berlin, psychothriller, schuld, thriller, unfall

Schuld bist du

Jutta Maria Herrmann
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.06.2016
ISBN 9783426518519
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Vor ein paar Monaten habe ich bei einem Gewinnspiel Jutta Maria Herrmanns Debüt Hotline gewonnen und war von diesem Psychothriller so angetan, dass ich unbedingt mehr von dieser Autorin lesen wollte. Erst kürzlich erschien bereits ihr dritter Roman Amnesia, aber obwohl es sich bei ihren Büchern um Einzelbände handelt, die in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können, wollte ich nun trotzdem erst Schuld bist du lesen.
Selbst wenn man es nicht will, neigt man ja dazu, die Werke eines Autors miteinander zu vergleichen. Schon nach wenigen Kapiteln habe ich jedoch gemerkt, dass Schuld bist du vollkommen anders ist als Jutta Maria Herrmanns Debüt, in dem sich die Autorin zwar auch im weitesten Sinne mit dem Thema Schuld beschäftigt, das aber sehr viel ruhiger erzählt ist. Jakob Auerbachs verzweifelte Suche nach seiner Frau und seiner kleinen Tochter ist jedenfalls ungleich rasanter und actionreicher als die eher gemächliche, aber etwas tiefgründigere Erzählung in Herrmanns Debüt.
In einem zweiten Erzählstrang begleitet der Leser eine Frau, die im Krankenhaus am Bett eines Mannes sitzt, der an Maschinen angeschlossen ist und offenbar nur noch geringe Überlebenschancen hat. In welcher Verbindung die unbekannte Ich-Erzählerin zu dem Mann steht, der neben ihr mit dem Tod ringt, und was ihm zugestoßen ist, erfährt man jedoch zunächst nicht. Sie sitzt an seinem Sterbebett und erzählt ihm die Geschichte einer Frau namens Grit, die ihr offenbar sehr nahesteht. Obwohl dieser Handlungsstrang in der Ich-Perspektive erzählt wird, der Leser die Gedanken und Gefühle dieser Frau also hautnah miterlebt und auch erfährt, welches traumatische Ereignis in ihrer Jugend noch immer ihr Leben überschattet, bleibt sie äußerst rätselhaft und mysteriös. Auch die Geschichte, die sie erzählt ist äußerst erschütternd, allerdings ist auf den ersten Blick nicht erkennbar, inwiefern dieser zweite Erzählstrang mit Jakob Auerbach und dessen Familie zusammenhängt.
Jakobs Suche nach seinem Kind und seiner Frau entwickelt sich im weiteren Handlungsverlauf zu einem absoluten Albtraum, dem ich mit angehaltenem Atem folgte. Was Jakob während seiner Suche widerfährt und welche unheimlichen Begegnungen und Entdeckungen er macht, gleicht einer einzigen Horror-Odyssee. Während ich zu Beginn noch alles recht nachvollziehbar und realistisch fand, war ich irgendwann vollkommen verwirrt, denn das, was Jakob erlebt, wird immer surrealer, unglaubwürdiger und absurder. Ich reagiere ja immer ein wenig allergisch auf abwegige Zufälle und vollkommen unlogische Wendungen. Da sich solche an den Haaren herbeigezogenen Zufälle häuften, die Geschichte immer unlogischer und abstruser wurde und die Zusammenhänge immer weniger Sinn ergaben, war ich manchmal fast schon ein wenig ungehalten. Jakobs Suche nach seiner Familie war aber trotzdem so spannend und mitreißend, dass ich das Buch nicht mehr aus den Händen legen konnte und einfach hoffte, dass es für dieses surreale Szenario eine halbwegs schlüssige Erklärung gibt. Allerdings habe ich Jakobs Wahrnehmungen nicht mehr getraut, nicht zuletzt, weil auch er selbst immer wieder befürchtet, den Verstand zu verlieren. Doch gerade diese unzuverlässige Erzählweise trägt letztendlich enorm zur Spannung dieses Psychothrillers bei.
Ich war jedoch sehr gespannt, wie die Autorin es schaffen will, den Plot noch irgendwie logisch und stimmig aufzulösen, vor allem, weil ich auch kurz vor dem Ende noch immer nicht erkennen konnte, welche Verbindung nun zwischen Jakob und der Frau, die im Krankenhaus am Sterbebett dieses Mannes sitzt, besteht. Jutta Maria Herrmann hat mich allerdings nicht enttäuscht, denn sie führt nicht nur beide Erzählstränge gekonnt zusammen, sondern überraschte mich auch mit einem schlüssigen und realistischen Ende. Auch wenn die Autorin nicht für alle Ungereimtheiten eine Erklärung liefert, ergibt im Nachhinein betrachtet nun alles einen Sinn.
In Hotline hatte mich ein bisschen gestört, dass die Geschichte etwas vorhersehbar war, was man von Schuld bist du jedoch nicht behaupten kann. Sprachlich und erzähltechnisch hat mir Herrmanns Debüt allerdings ein wenig besser gefallen, während mich Schuld bist du nun vor allem aufgrund des deutlich rasanteren Erzählstils und des raffinierten und ausgefallenen Plots überzeugen konnte.
Das Thema Schuld und Verdrängung zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Erzählung und gibt dem Leser nach der Lektüre auch Anlass, über den eigenen Umgang mit Schuld nachzudenken.
Ein sehr außergewöhnlich konstruierter Psychothriller, der mich trotz zeitweiliger Irritationen vollkommen begeistern konnte und von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat.

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roman, entführung, thriller, spannung

Babydoll

Hollie Overton , Marie-Luise Bezzenberger
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 15.05.2017
ISBN 9783442205202
Genre: Romane

Rezension:

Ich muss ja zugeben, dass der Titel Babydoll mich ein wenig abgeschreckt hat, aber als ich den Klappentext gelesen hatte, musste ich dieses Buch einfach lesen. Als es dann bei mir angekommen ist, habe ich es fast in einem Rutsch durchgelesen, denn es war so mitreißend, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte.
Die Erzählung setzt da ein, wo andere Entführungsgeschichten enden, nämlich an dem Tag, an dem es Lily gelingt, ihrem Peiniger zu entkommen, weil dieser vergessen hatte, die Tür der Hütte zu verriegeln, in der sie die letzten Jahre eingesperrt war. Schon auf den ersten Seiten hielt ich den Atem an, denn Lilys Flucht ist bereits sehr spannend und auch erschütternd, zumal man erfährt, dass sie während ihrer achtjährigen Gefangenschaft ein Kind von ihrem Entführer bekommen hat und auf jeder Seite ihre Angst spüren kann.
Im nächsten Kapitel wechselt die Perspektive dann zu ihrem Entführer Rick Hanson, der inzwischen zwar bemerkt hat, dass er vergessen hatte, die Tür abzuschließen, aufgrund seiner Nachlässigkeit auch verärgert und ein wenig beunruhigt ist, aber davon ausgeht, dass Lily es ohnehin niemals wagen würde, zu fliehen. Er befindet sich gerade auf dem Weg nach Hause zu seiner Frau Missy, einer sehr einfältigen Person, die nichts vom Doppelleben ihres Mannes weiß. Rick verachtet seine Frau, aber er braucht sie eben, um die Fassade des ehrbaren Lehrers aufrechtzuerhalten. In die Gedankenwelt dieses Mannes einzutauchen, ist schon zu Beginn dieses Psychothrillers überaus verstörend, aber im weiteren Handlungsverlauf haben mir die Passagen, die aus Ricks Perspektive geschildert werden, geradezu die Sprache verschlagen.
Die Geschichte wird aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt. Abwechselnd kommen Lily, ihre Zwillingsschwester Abby, ihre Mutter Eve und ihr Entführer Rick Hanson zu Wort. Obwohl der Fokus der Erzählung auf der Zeit nach Lilys Rückkehr und den Folgen der Entführung liegt, wirft der Leser mit jedem Protagonisten auch einen Blick zurück in die Vergangenheit und erfährt, was in den vergangenen acht Jahren passiert ist. Hollie Overton hat alle Charaktere ihres Romans sehr glaubwürdig ausgearbeitet und psychologisch präzise gezeichnet.
Vor allem Lilys Schicksal ging mir sehr nahe, denn die unsäglichen Qualen und Misshandlungen, die sie während ihrer achtjährigen Gefangenschaft erleiden musste, waren sehr schockierend. Ihr Körper ist das offizielle Beweismittel für Ricks perverse Neigungen; doch noch schlimmer als die Narben und Brüche, sind die psychischen Schäden, die er ihr zugefügt hat, indem er sie jahrelang ihrer Freiheit und ihrer Jugend beraubte und alles versucht hat, sie zu brechen. Ich mochte Lily von der ersten Seite an und war sehr beeindruckt von ihrer Stärke, ihrem Mut und der Entschlossenheit, mit der sie für ein neues Leben für sich und ihre kleine Tochter kämpft.
Lilys enge und liebevolle Bindung zu ihrem Kind, das während einer der unzähligen Vergewaltigungen gezeugt wurde, hat mich häufig zu Tränen gerührt. Die kleine Sky liebt ihren Vater, denn sie hat außer ihm nie einen anderen Menschen kennengelernt und weiß nicht, dass er ein Ungeheuer ist, das ihre Mutter geschlagen und gequält hat, da Lily immer dafür sorgte, dass ihr Kind das nicht mitbekommt. Sky kannte bislang nur die Isolation, hat große Mühe, sich nun in ihrer neuen Umgebung zurechtzufinden, die Reizüberflutung und die neuen Eindrücke zu verarbeiten und möchte wieder zurück in die vertraute Hütte im Wald und zu ihrem Vater. Das klingt zunächst etwas irritierend, ist aber aus der Sicht dieses Kindes auf geradezu erschütternde Weise nachvollziehbar.
Lily stellt sehr schnell fest, dass es für sie unmöglich ist, wieder zur Normalität zurückzukehren. Sie denkt viel darüber nach, was sie in den letzten Jahren versäumt hat, war gerade frisch verliebt, als sie im Alter von sechzehn Jahren aus ihrem bisherigen Leben gerissen wurde und würde nun gerne alles nachholen. Allerdings muss sie erkennen, dass die vergangenen acht Jahre nicht nur bei ihr, sondern auch bei ihrer Familie sehr tiefe Wunden hinterlassen haben und sie nie wieder dort anknüpfen kann, wo ihre unbekümmerte Jugend einst endete.
Ihr Vater ist kurz nach ihrer Entführung an einem Herzinfarkt verstorben, weil er den Verlust seines Kindes nicht verkraften konnte. Ihre Mutter Eve ist eine zerbrechliche und schwache Frau geworden, die sich in unverbindliche Affären stürzte, um ihren Sorgen und der Einsamkeit zu entfliehen. Lilys Zwillingschwester Abby hingegen hat sich mit Drogen und Alkohol betäubt, wollte sich umbringen und selbst dafür bestrafen, dass nicht sie, sondern ihre Schwester entführt wurde. Man merkt deutlich, dass die Autorin selbst eine Zwillingsschwester hat, denn die besondere Verbindung, die zwischen Zwillingen besteht, wird sehr eindrucksvoll und nachvollziehbar geschildert. Als Abby erfährt, dass Lily die vergangenen Jahre ganz in ihrer Nähe gefangen gehalten wurde, sie den Entführer sogar kannte und ihm tagtäglich begegnete, gerät sich vollkommen außer Kontrolle. Ich mochte Abby nicht besonders, denn sie war mir häufig ein wenig zu impulsiv, aber dennoch hat mich ihre enge Bindung an ihre Zwillingsschwester sehr berührt.
Besonders verstörend und schockierend waren allerdings die Passagen, die aus der Perspektive von Rick erzählt wurden, denn Hollie Overton hat einen so abgrundtief bösen Charakter geschaffen, wie man ihn selbst im Thrillergenre nur selten findet. Die Autorin hat auch ihren Antagonisten überaus präzise ausgearbeitet und lässt den Leser in die dunkelsten Abgründe menschlicher Grausamkeit blicken. Nach Lilys Flucht wird Rick zwar sehr schnell gefasst, aber er schmiedet im Gefängnis einen teuflischen Plan. Er will Lily nicht ungeschoren davonkommen lassen, sondern sie für ihren Ungehorsam bestrafen. Seine Gedankengänge sind äußerst abstoßend, denn dieser Mann besitzt keinerlei Unrechtsbewusstsein oder Skrupel. Irritierend ist vor allem, dass er behauptet, Lily zu lieben und sogar davon ausgeht, dass sie ihm Dankbarkeit schuldet. Er war sich sicher, ihren Willen gebrochen zu haben und kann es nicht fassen, dass sie es tatsächlich gewagt hat, sich ihm zu widersetzen. Obwohl er im Gefängnis sitzt, ist zu befürchten, dass es ihm gelingt, seine Pläne in die Tat umzusetzen, denn das besonders Gefährliche an diesem Mann ist, dass er überaus intelligent und charismatisch ist und Menschen sehr geschickt manipulieren kann.
Die Spannung dieses Psychothrillers resultiert vor allem aus der ständigen Gefahr, die noch immer von diesem perversen Psychopathen ausgeht. Doch nur der Leser weiß, was Rick vorhat, während Lily und ihre Familie verzweifelt versuchen, wieder etwas Normalität in ihr Leben zu bringen, aber recht arglos sind und sich zumindest sicher fühlen.
Mir hat Babydoll ausgesprochen gut gefallen, auch wenn das Ende ein bisschen zu gewollt und nicht gerade originell war. Selten hat mich ein Roman so tief berührt und gleichzeitig so hochspannend unterhalten. Durch die angenehme Kapitellänge und den flüssigen Schreibstil der Autorin flog ich geradezu durch die Seiten und fieberte das ganze Buch hinweg mit Lily und ihrer Familie mit. Ein grandioses Debüt einer Autorin, von der man hoffentlich bald noch mehr lesen darf!

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38 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 14 Rezensionen

spannend bis zum ende, urlaubsliteratur, www.die-rezensentin.de, westfalen, krimi

Mordkapelle

Carla Berling
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Heyne, 10.04.2017
ISBN 9783453419964
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ich hatte mal wieder richtig Lust auf einen spannenden Krimi zum Miträtseln und bin bei meiner Suche nach neuem Lesestoff auf Mordkapelle von Carla Berling gestoßen. Bei deutschen Kriminalromanen bin ich inzwischen immer ein wenig skeptisch, denn entweder stecken sie so voller Lokalkolorit, dass man auch gleich einen Reiseführer lesen könnte, oder sie sind so gewollt komisch, dass sie eher einer albernen Slapstickkomödie gleichen. Beides geht leider meistens auf Kosten eines intelligenten Plots und vor allem der Spannung. Der Klappentext von Carla Berlings Kriminalroman klang allerdings äußerst vielversprechend, und so war ich sehr gespannt auf Mordkapelle, den vierten Band der Reihe um die Lokalreporterin Ira Wittekind. Die ersten drei Bände dieser Krimireihe wurden allerdings im Selbstverlag veröffentlicht, während Mordkapelle nun der erste Band ist, der kürzlich bei Heyne erschien, aber man muss die vorhergehenden Bände nicht zwingend kennen, um der Handlung folgen zu können. Ich hatte jedenfalls nie den Eindruck, dass mir entscheidende Vorkenntnisse fehlen, um Ira Wittekind bei ihrem vierten Fall zu begleiten, denn man lernt die Protagonistin und das Umfeld, in dem sie lebt und arbeitet, sehr gut kennen, und der Kriminalfall ist in sich abgeschlossen. Erfreulicherweise hielt sich das Lokalkolorit in Grenzen, sodass man Bad Oeynhausen nicht kennen muss, um seine Freude an diesem Krimi zu haben.
Man merkt, dass Carla Berling selbst jahrelang als Lokalreporterin tätig war, und es hat mir sehr gut gefallen, dass sie in ihrem Kriminalroman keinen klassischen Ermittler, sondern eine Journalistin ins Rennen schickt. Besonders sympathisch war mir, dass Ira Wittekind nicht mehr ganz jung, sondern bereits Mitte fünfzig ist, eigentlich ein recht intaktes Privatleben hat und weder unter Depressionen noch unter Psychosen leidet. Ein bisschen neurotisch ist sie freilich, aber weit entfernt von den vielen gebrochenen Ermittlerfiguren, die ansonsten in der Krimilandschaft zu finden sind und mir allmählich etwas auf die Nerven gehen. Die Protagonistin ist sehr glaubwürdig angelegt und hat durchaus die nötigen Ecken und Kanten. Sympathisch war sie mir trotzdem nicht, denn für mein Empfinden war sie einfach eine Spur zu kühl und tough, aber ich muss Charaktere auch nicht zwingend mögen, wenn mich ein Buch ansonsten begeistert und die Geschichte spannend erzählt und raffiniert gestrickt ist.
Das Privatleben der Ermittler interessiert mich allerdings meistens nicht besonders, weshalb ich die Passagen, in denen Ira Wittekinds Beziehung zu ihrem Freund Andy und ihr familiäres Umfeld im Vordergrund stehen, etwas langweilig fand. Besonders genervt war ich von zwei alten Tanten, die gemeinsam mit Ira und ihrem Lebensgefährten auf dem Hof von Andys Familie leben und sich – streng nach dem Motto „Nich‘ lang schnacken, Kopp in’n Nacken“ – bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit einen hinter die Binde gießen. Selbst wenn das am Anfang noch recht komisch war, wurde es mir irgendwann zu viel und einfach eine Spur zu albern. Die Darstellung der beiden alten Damen war leider sehr überzeichnet, sodass sie auf mich eher wie Karikaturen wirkten. Ich bin zwar nicht vollkommen humorbefreit, aber solche gewollt komischen Momente stören mich in Kriminalromanen doch sehr und treffen auch nicht unbedingt mein Komikzentrum. Iras Lebensgefährte Andy, der ein sehr liebenswürdiger, verlässlicher und überaus geduldiger Partner an ihrer Seite ist, und auch ihre beste Freundin Coco mochte ich hingegen sehr gerne.
Ira Wittekinds Privatleben und ihre Bedenken, mit ihrem Freund eine Ehe einzugehen, haben mich ein bisschen gestört und auch sehr gelangweilt, aber der spektakuläre Mordfall, in dem sie ermittelt, nimmt in der Erzählung glücklicherweise einen breiteren Raum ein und konnte mich auch weitaus mehr begeistern. Bereits die Tötungsart und der Tatort sind schon überaus bizarr, aber besonders rätselhaft ist das Motiv, denn Ludwig Hahnwald, das Mordopfer, war äußerst beliebt, hatte für jeden ein freundliches Wort übrig, war großzügig, hilfsbereit, ein kompetenter Apotheker und angesehener Geschäftsmann, der von jedem geachtet und von den Frauen noch immer umschwärmt wurde. Wer sollte also einen Grund haben, den betagten Mann zu töten? Bei ihren Recherchen findet Ira Wittekind jedoch sehr schnell heraus, dass das Mordopfer ein hartherziger Patriarch war. Obwohl das Bild des vermeintlich perfekten und allseits beliebten Apothekers allmählich bröckelt, scheint auf den ersten Blick niemand ein Motiv gehabt zu haben, ihn zu ermorden. Während Ira immer tiefer in die Abgründe einer furchtbaren Familientragödie vordringt, muss sie allerdings feststellen, dass ihr ein Newsblogger mit reißerischen Schlagzeilen stets einen Schritt voraus ist. Außerdem wird sie von einem anonymen Anrufer tyrannisiert und fühlt sich zunehmend bedroht. Offenbar möchte jemand unbedingt verhindern, dass sie der Wahrheit auf die Spur kommt.
Ich fand es nicht gerade glaubwürdig, wie mühelos Ira Wittekind bei ihren Recherchen an die nötigen Informationen kommt. Es war jedenfalls erstaunlich, wie bereitwillig die meisten Befragten aus dem privaten Umfeld des Opfers die Lokalreporterin mit recht delikaten Familieninterna versorgen, die man am nächsten Tag nicht unbedingt in der Zeitung lesen möchte und – abgesehen von der Polizei – auch keinem Außenstehenden anvertrauen würde. Eine besonders ausgeklügelte Taktik, mit der es ihr gelingt, das Vertrauen der Befragten zu gewinnen, konnte ich jedenfalls nicht erkennen. Auch die Ermittlungsarbeit der Polizei war mir ein vollkommenes Rätsel. Ira Wittekind ist bei ihren Recherchen jedenfalls weitaus erfolgreicher, stößt dabei auf ein erschütterndes Familiengeheimnis und zahlreiche Verdächtige.
Es war sehr interessant, an Iras Seite immer tiefer in die düstere Vergangenheit des Mordopfers einzutauchen, die einzelnen Puzzleteile zusammenzusetzen und fleißig mitzurätseln, wer den Mord begangen haben könnte. Auch wenn ich den Kriminalfall und seine Hintergründe sehr spannend fand und die Abgründe, die sich hinter der Fassade des vermeintlich ehrenhaften und allseits beliebten Mordopfers auftaten, äußerst erschreckend waren, war mir die Erzählweise der Autorin häufig ein wenig zu gemächlich. Carla Berlings Sprache ist einfach, lässt sich angenehm und flüssig lesen, aber nervenzerreißende Hochspannung oder das Gefühl, das Buch nicht mehr aus der Hand legen zu wollen, konnte bei mir leider nicht aufkommen. Der Kriminalfall war allerdings gut durchdacht, durchaus glaubwürdig und logisch konstruiert. Das Ende war ebenfalls schlüssig, wenn auch nicht besonders überraschend. Die etwas zähe Ermittlungsarbeit, Ira Wittekinds recht unspektakuläres Privatleben und die klischeehaften Figuren, die für mein Empfinden zu wenig Tiefe hatten, konnten mich allerdings nicht so recht überzeugen.
Für mich war Mordkapelle ein solider und zuweilen recht unterhaltsamer Kriminalroman zum Miträtseln, dem es jedoch leider etwas an Spannung und dem nötigen Tiefgang fehlte. Ein netter Krimi für Zwischendurch, aber nichts, was im Gedächtnis bliebe.

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63 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 20 Rezensionen

thriller, dolomiten, krimi, südtirol, debüt

Der Tod so kalt

Luca D'Andrea , Verena Koskull
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei DVA, 06.03.2017
ISBN 9783421047595
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Inhalt:

Der New Yorker Dokumentarfilmer Jeremiah Salinger fühlt sich nach seinem letzten erfolgreichen Filmprojekt vollkommen ausgebrannt und leer. Er beschließt, sich eine kleine Auszeit zu gönnen und mit seiner Frau Annelise und seiner kleinen Tochter Clara ein paar Monate in Siebenhoch zu verbringen, dem Heimatdorf seiner Frau in den Südtiroler Dolomiten. In dem abgelegenen, idyllischen Bergdorf glaubt er, etwas zur Ruhe zu kommen und viel Zeit mit seiner Familie verbringen zu können.

Während er eines Tages fasziniert den Hubschrauber der Bergrettung Dolomiten beobachtet, kommt ihm jedoch die Idee, einen Film über die Arbeit des Bergrettungsteams zu drehen. Als er die Crew bei einem Einsatz auf den Ortler begleitet, ereignet sich bei den Dreharbeiten ein schrecklicher Unfall, den Salinger als Einziger schwerverletzt in einer Gletscherspalte überlebt. Seitdem leidet er unter einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung, hat Panikattacken, Albträume und Wahnvorstellungen, in denen er immer wieder die Stimme der Bestie zu hören glaubt, die er zum ersten Mal in der Gletscherspalte am Ortler vernommen hatte. Er muss seiner Frau versprechen, sich nun zu schonen und mindestens ein Jahr nicht zu arbeiten.
Doch dann erfährt er zufällig, dass sich 1985 in der nahegelegenen Bletterbach-Schlucht ein furchtbares Verbrechen zugetragen hat, bei dem drei junge Einheimische bestialisch ermordet wurden. Salingers Schwiegervater und drei weitere Männer aus dem Dorf hatten die grausam zerstückelten Leichen gefunden, nachdem die drei jungen Leute nicht von einer Wanderung zurückgekehrt waren. Obwohl es zahlreiche Verdächtige gab, konnte der Mörder noch immer nicht gefasst werden. Salinger möchte unbedingt die Wahrheit über dieses dreißig Jahre zurückliegende Massaker herausfinden, aber als er beginnt, Fragen zu stellen, stößt er bei den Dorfbewohnern nur auf eine Mauer des Schweigens. Man gibt ihm unmissverständlich zu verstehen, dass es besser für ihn wäre, die Vergangenheit ruhen zu lassen, denn man will nicht, dass ein Fremder seine Nase in eine Angelegenheit steckt, die noch immer wie ein Fluch auf der Dorfgemeinschaft lastet. Aber Salinger schlägt alle Warnungen und Drohungen in den Wind. Er ist geradezu besessen davon, den Mörder zu finden und sicher, dass er die Stimme der Bestie nur zum Schweigen bringen kann, wenn es ihm gelingt, das Bletterbach-Massaker aufzuklären, selbst wenn er sich damit in große Gefahr begibt und riskiert, seine Familie zu verlieren.

Meine persönliche Meinung:

Wenn man an Südtirol denkt, kommen einem zunächst wunderschöne Landschaften, die schneebedeckten Gipfel der Alpen und Dolomiten, ein Meer von Weinbergen und Obstgärten sowie idyllisch gelegene Bergdörfer und blühende Almen in den Sinn. Ich bin eigentlich kein großer Fan von den Bergen, aber dennoch war ich gerade aufgrund des außergewöhnlichen Settings neugierig auf Der Tod so kalt von Luca D’Andrea, denn hinter dieser Postkartenidylle würde man eher einen beschaulichen Heimatroman als einen beklemmenden, zuweilen auch recht gruseligen Thriller vermuten. Die Gegend, in der Luca D’Andrea die Handlung seines Thrillers angesiedelt hat, kenne ich von diversen Urlauben recht gut, denn abgesehen von dem fiktiven Dörfchen Siebenhoch handelt es sich dabei um real existierende Orte. Die Landschaft Südtirols ist zweifellos wirklich traumhaft schön, aber auf mich wirkten die schroffen Berge auch immer ein wenig bedrohlich.
Und äußerst bedrohlich ist auch die Atmosphäre in Luca D’Andreas Thriller, nicht nur aufgrund der tückischen Gefahren, die in den Bergen lauern, sondern auch, weil der Autor die Dolomiten zum Schauplatz eines furchtbaren Verbrechens macht. Die Landschaft spielt in Der Tod so kalt eine sehr große Rolle. D’Andrea stammt selbst aus Bozen, kennt sich in der Gegend also bestens aus, ist auch mit den lokalen Brauchtümern, Legenden und Mythen vertraut und lässt diese immer wieder in die Handlung einfließen. Man merkt deutlich, dass der Autor vieles aus eigener Anschauung kennt, aber auch sehr akribisch recherchiert hat. Mir war die Legende vom Reich der Fanes bislang vollkommen unbekannt, und auch wenn ich ungefähr wusste, was ein Krampus ist, fand ich es sehr interessant, mehr über diese Schreckgestalt und das mit ihr verbundene Brauchtum zu erfahren. Auch die Auswirkungen des stetig zunehmenden Tourismus, der zur größten Einnahmequelle Südtirols geworden ist, sowie die Mentalität und die Eigenheiten der etwas verschrobenen Südtiroler beschreibt der Autor sehr authentisch und zeichnet ein überaus überzeugendes Porträt der verschworenen Dorfgemeinschaft des fiktiven Örtchens Siebenhochs.
Es ist für einen Fremden nicht ganz einfach, das Vertrauen der Einheimischen zu gewinnen, was Salinger, der Protagonist in D’Andreas Thriller, immer wieder zu spüren bekommt. Obwohl seine Ehefrau eine Einheimische ist, begegnen ihm die Siebenhochler mit unverhohlenem Misstrauen, nicht nur, weil sie ihn als Eindringling empfinden, sondern weil sie ihm auch die Schuld an dem Unglück am Ortler geben, das Salinger als Einziger überlebt hat. Er selbst leidet seit dem Unfall unter einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung, Wahnvorstellungen und Panikattacken, die er zu überwinden versucht, indem er geradezu besessen alles daran setzt, das dreißig Jahre zurückliegende Bletterbach-Massaker aufzuklären, bei dem drei junge Einheimische auf bestialische Weise ermordet wurden. Doch die Dorfbewohner wollen nicht, dass sich ein Fremder in ihre Angelegenheiten einmischt. Sie versuchen mit allen Mitteln, Salinger einzuschüchtern und greifen ihn auch tätlich an, weil er sich von ihren Drohungen nicht beeindrucken lässt. Auch sein Schwiegervater bittet ihn inständig, seine Recherchen einzustellen, und seine Frau droht, ihn zu verlassen, wenn er sich nicht schont. Doch Salinger lässt sich nicht beirren, denn er ist sicher, dass er die Stimme der Bestie, die er seit dem Unglück zu hören glaubt, nur zum Schweigen bringen kann, wenn es ihm gelingt, die Wahrheit über das Bletterbach-Massaker herauszufinden.
Der Autor hat seinen Protagonisten sehr fein gezeichnet und psychologisch glaubwürdig ausgearbeitet. Da das ganze Buch aus der Ich-Perspektive Salingers erzählt wird, man seine Gedanken, Ängste und Gefühlszustände also hautnah miterlebt, konnte ich mich sehr gut in ihn einfühlen. Er ist keineswegs ein mutiger Held, der ein dreißig Jahre zurückliegendes Verbrechen aufklären möchte, um sich zu profilieren, sondern ein gebrochener Charakter, der sich in eine Idee verrannt hat und dabei fast seinen Verstand verliert. Hin und wieder fiel es mir nicht leicht, Salingers Besessenheit für das Bletterbach-Massaker nachzuvollziehen, denn er begibt sich immer wieder in Gefahr, wird massiv bedroht und setzt außerdem auch seine Ehe aufs Spiel. Er liebt seine Familie über alles, und nur die Liebe zu seiner kleinen Tochter Clara bringt ihn hin und wieder zur Vernunft, denn er möchte sie auf keinen Fall verlieren. Doch dann gewinnt die Stimme der Bestie, die er seit dem Unglück am Ortler unaufhörlich zu hören glaubt, wieder die Oberhand. Er weiß, dass er sie nur zum Schweigen bringen kann und zur Ruhe kommen wird, wenn er den Mörder von damals entlarvt und ist ständig hin- und hergerissen zwischen seiner Familie und seiner Obsession. Die Momente mit seiner Tochter waren sehr berührend, denn das kleine Mädchen gibt ihrem Vater auf geradezu rührende Weise immer wieder Halt und Kraft. Nur das Buchstabenzählspiel, das die beiden ständig spielen und als eine Art Geheimsprache zwischen Vater und Tochter fungiert, ging mir irgendwann fürchterlich auf die Nerven, weil es doch sehr überstrapaziert wird.
Der Tod so kalt ist äußerst abwechslungsreich komponiert. Das ständige Wechselspiel zwischen sehr ruhigen, einfühlsamen Passagen und überaus rasanten, actionreichen Szenen hat mir ausgesprochen gut gefallen. Auch der Gruselfaktor kommt nicht zu kurz. Der Autor versteht es hervorragend, Spannung aufzubauen und sie das ganze Buch hinweg auf einem sehr hohen Level zu halten. Während man Salinger bei seiner gefährlichen Suche nach dem Mörder begleitet, wird man immer wieder mit neuen Verdächtigen konfrontiert und auf falsche Fährten gelockt. Zwischendurch hatte ich allerdings kurzfristig die Befürchtung, dass die Geschichte ins Phantastische abdriftet, als der Jaekelopterus rhenaniae, ein vor mehr als zweihundertfünfzig Millionen Jahren ausgestorbenes Riesenskorpion, des Mordes verdächtigt wird. Glücklicherweise waren meine Bedenken unbegründet, denn stattdessen gewährt der Autor hier sehr interessante Einblicke in die Geologie, Paläontologie sowie die ökologische Nischentheorie, jedoch ohne in einen wissenschaftlichen Ton zu verfallen. Der wendungsreiche Plot mündet nach einem fulminanten Showdown schließlich in ein durchaus realistisches, logisches und schlüssiges Ende, das mich sehr überrascht hat.
Mir hat Der Tod so kalt ausgesprochen gut gefallen und mich aufgrund der imposanten Kulisse, den überzeugenden Charakteren und der abwechslungsreichen und hochspannenden Erzählweise restlos begeistert.

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189 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 44 Rezensionen

japan, thriller, mord, mobbing, hass

Geständnisse

Kanae Minato , Sabine Lohmann
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei C. Bertelsmann, 27.03.2017
ISBN 9783570102909
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Als ich Geständnisse von Kanae Minato in der Verlagsvorschau entdeckte, wusste ich nicht, dass das Buch bereits 2010 verfilmt wurde und 2011 auch in den deutschen Kinos lief. An mir ist dieser Film jedenfalls vollkommen vorbeigegangen, aber da ich ohnehin immer erst das Buch lesen möchte, bevor ich mir die Verfilmung anschaue und die deutsche Übersetzung der Buchvorlage erst im März 2017 erschien, war ich ganz froh, diesen Roman nun völlig unvoreingenommen entdecken zu können.
Mich hat Geständnisse von Kanae Minato vollkommen überrascht, denn was auf dem Klappentext zunächst nach einem recht gewöhnlichen Roman mit Thrillerelementen und einer nicht gerade besonders neuen Grundidee klang, entpuppte sich als ein außergewöhnlich düsteres, tiefgründiges und verstörendes Psycho- und Sozialdrama und war in jeder Hinsicht nicht nur anders, sondern vor allem viel besser, als ich es erwartet hätte.
Die Erzählung beginnt mit der Rede, die Moriguchi am letzten Schultag vor den Ferien vor ihrer Klasse hält. In ihrer Abschiedsrede verkündet sie, dass sie nach dem Tod ihres Kindes nun beschlossen hat, die Schule zu verlassen und dem Lehrerberuf den Rücken zu kehren, erläutert aber auch, warum sie überhaupt Lehrerin geworden ist. Erst am Ende ihrer Ansprache beschuldigt sie zwei Schüler ihrer Klasse, ihre kleine Tochter ermordet zu haben. Obwohl sie keine Namen nennt, wissen die beiden Betroffenen und auch deren Mitschüler sofort, wen Moriguchi für den Tod ihres Kindes verantwortlich macht. Schockiert stellt sie fest, wie gelassen und ungerührt die beiden Täter ihren Worten folgen. Doch das ändert sich, als sie die Bombe platzen lässt und ganz sachlich und unverblümt ihren genauen Racheplan offenbart. Sie glaubt nicht an eine angemessene Bestrafung vonseiten der Justiz, aber es geht ihr ohnehin nicht um Gerechtigkeit, sondern um Rache, Vergeltung, echte Reue und Erkenntnis der Schuld. Bereits die ersten Seiten sind äußerst verstörend, denn Moriguchi ist bei ihrer Ansprache völlig emotionslos, kühl und nüchtern. Ihre Rache ist erbarmungslos, abgrundtief böse, aber auch eine Art Lehrstück, das jedoch nicht nur darauf abzielt, die Mörder ihrer Tochter zur Besinnung zu bringen und ihre Tat zu bereuen, sondern die beiden Jugendlichen systematisch zu zerstören und zu vernichten – psychisch und auch sozial. Trotz der Nüchternheit und Kälte, die in Moriguchis Worten mitschwingen und trotz der Gnadenlosigkeit, mit der sie ihren Rachefeldzug führt, hat mich ihre Ansprache tief berührt. Ich konnte erschreckend gut nachvollziehen, was sie empfindet und warum sie auf diese Weise Vergeltung üben will.
Somit werden also bereits im ersten Kapitel Tat, Täter und auch Moriguchis Rachepläne enthüllt. Man könnte also meinen, dass die Geschichte nun vollständig erzählt ist, da alles Wichtige schon erwähnt wurde, aber die Hintergründe der Tat, die Motivation der Mörder sowie die Folgen, die Moriguchis spezielle Rachepädagogik nach sich zieht, offenbaren sich erst im weiteren Verlauf der Erzählung und werden nun aus verschiedenen Perspektiven geschildert.
In den folgenden Kapiteln kommen weitere Beteiligte zu Wort – eine Mitschülerin, eine Mutter sowie die Schwester eines Täters und auch die beiden Mörder selbst. Mit jedem Perspektivwechsel kommen neue Details an die Oberfläche und ergeben sich neue Blickwinkel auf die Tat und auch auf die Auswirkungen von Moriguchis Rache. Dies führt natürlich zu Wiederholungen, denn dieselben Geschehnisse werden dabei immer wieder aufs Neue, aber eben aus einer anderen Perspektive erzählt. Dennoch ist der Roman niemals langweilig, denn gerade die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Ereignisse und ihre Hintergründe machen den eigentlichen Reiz dieser Erzählung aus. Mit jeder weiteren Erzählperspektive und mit jeder neuen Version der Geschichte verschwimmen auch die Grenzen zwischen Täter und Opfer immer mehr, denn obwohl die Tat der beiden jugendlichen Mörder verabscheuungswürdig bleibt und durch nichts gerechtfertigt wird, sind auch sie Opfer. Sie sind nicht nur Opfer von Moriguchis Rache, die sie zunehmend vernichtet, sondern vor allem Opfer einer außerordentlich leistungsorientierten Gesellschaft. Dennoch war es mir nicht möglich, Mitleid für die beiden Jugendlichen zu empfinden, denn für ihr Verhalten und ihr abscheuliches Verbrechen gibt es keine Entschuldigung, höchstens eine Erklärung.
Die Autorin gewährt in Geständnisse sehr tiefe Einblicke in das japanische Schulsystem und die japanische Leistungsgesellschaft, in der das Streben nach Erfolg und ein geradezu übermächtiger Druck, stets der Beste sein zu müssen, recht bizarre Formen annehmen und zu Vereinsamung, Narzissmus, Aggressionen, psychischen Störungen und zerrütteten Familiengefügen führt. So beschreibt Kanae Minato in ihrem Roman auch sehr präzise das Phänomen des „Hikikomori“. Bei diesem Begriff handelt es sich um den japanischen Fachausdruck für eine besondere Form der Sozialphobie. Er bezieht sich auf Personen, überwiegend auf Jugendliche, die sich vollkommen von der Gesellschaft zurückziehen, das Haus ihrer Eltern nicht mehr verlassen und aus Angst, sich immer mit anderen messen zu müssen, dabei zu versagen und dem Druck nicht gewachsen zu sein, keine sozialen Kontakte pflegen und sich vollständig isolieren.
Die Einblicke in diese, für mich bislang vollkommen fremde Kultur haben mich überaus fasziniert und auch sehr nachdenklich gestimmt. Sicherlich ist vieles, was in diesem Roman thematisiert wird, dem japanischen Schulsystem und der extrem leistungs- und fortschrittsorientierten japanischen Gesellschaft geschuldet, aber ich würde trotzdem nicht so weit gehen, zu behaupten, dass die angesprochenen Probleme nur in Japan und nicht auch bei uns zu finden sind. Das Hauen und Stechen an Schulen, Hochschulen und auch im Beruf, Mobbingattacken, mit denen die Konkurrenz ausgeschaltet werden soll, der enorme Leistungsdruck angesichts stetig wachsender Anforderungen und die teilweise geradezu krankhafte Sucht nach Anerkennung und Erfolg sind auch in unserer Gesellschaft tagtäglich zu sehen und nehmen mitunter beängstigende Ausmaße an.
Mich hat dieser Roman sehr erschüttert und tief bewegt. Neben dem raffinierten Spiel mit unterschiedlichen Perspektiven und den faszinierenden Einsichten in die japanische Gesellschaft, hat mich vor allem auch der nüchterne, lakonische Erzählstil der Autorin begeistert, denn gerade dadurch gewinnt das Erzählte eine ungeheure Intensität. Völlig frei von Sentimentalität und ohne effekthascherische und reißerische Töne, gewährt Kanae Minato Einblicke in die tiefsten und bösesten Abgründe der menschlichen Seele.
Geständnisse ist ein äußerst düsterer Roman, der wenig Optimistisches aufweist und auch mit keinem versöhnlichen Ende aufwarten kann. Auf die melancholisch-deprimierende Grundstimmung muss man sich ebenso einlassen können wie auf die fremde Kultur. Mich hat Geständnisse von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und vollkommen in seinen Bann gezogen. Zweifellos hat dieses großartige Buch jetzt schon die besten Aussichten, eines meiner Jahreshighlights zu werden. Ein grandioser Roman um Schuld und Sühne, Rache und Vergeltung von ungeheurer Sogkraft!

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67 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 37 Rezensionen

psychothriller, berlin, stalker, spannung, susanne kliem

Das Scherbenhaus

Susanne Kliem
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei carl's books, 20.03.2017
ISBN 9783570585665
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Als ich Das Scherbenhaus von Susanne Kliem in der Verlagsvorschau entdeckt habe, landete das Buch sofort auf meiner Wunschliste, denn der Klappentext und auch das Setting klangen so vielversprechend, dass ich sicher war, dass mir dieses Buch gefallen würde. Manchmal liege ich da allerdings auch mächtig daneben, denn viele Bücher halten nicht, was die Klappentexte versprechen, aber bei Das Scherbenhaus habe ich mich nicht getäuscht. Abgesehen von dem leider etwas schwachen Ende, hat mich dieser Psychothriller durchaus überzeugt und auch sehr spannend unterhalten.
Susanne Kliem hat ihre Protagonistin Carla sehr präzise ausgearbeitet und einen Charakter entworfen, mit dem ich von der ersten Seite an mitfiebern konnte. Ihre Angst vor dem unbekannten Stalker, der sie seit Monaten bedroht, wurde sehr glaubwürdig und nachvollziehbar geschildert. Er hat sich zwar seit ein paar Wochen nicht mehr gemeldet, aber dennoch gelingt es Carla nicht, ihre Ängste abzulegen. Sie traut sich kaum, alleine das Haus zu verlassen und fühlt sich auch in ihren eigenen vier Wänden nicht mehr sicher. Obwohl ihre beste Freundin Jule immer für sie da ist, sie im Restaurant ihres Schwagers als Köchin arbeitet und die Arbeit sie ausfüllt und von ihren Sorgen ablenkt, fühlt sie sich oft einsam und alleine mit ihren Ängsten. Ein Neubeginn in Berlin kommt ihr sehr gelegen, denn sie glaubt, dass ihr Stalker sie in der großen Stadt nicht finden kann.
Die Wohnung ihrer Halbschwester Ellen in Berlin ist das genaue Gegenteil von Carlas abgelegenem alten Bauernhaus in Stade, das zwar wunderschön und idyllisch gelegen ist, ihr aber immer mehr zum Gefängnis wurde. Ich konnte sehr gut nachvollziehen, dass sie sich nach einer neuen Umgebung sehnte und sich im Safe Haven zunächst sicher wähnte.
Das Setting war überaus beeindruckend, denn das hochmoderne Wohnhaus, das Carlas Halbschwester Ellen selbst entworfen hat und nach ihren Vorstellungen bauen ließ, um dann selbst darin zu wohnen, löste bei mir äußerst beklemmende Gefühle aus. Das lag jedoch nicht nur an den architektonischen Besonderheiten, mit denen dieses Gebäude ausgestattet ist, sondern vielmehr an der recht eigentümlichen Hausgemeinschaft. Auf den ersten Blick scheint diese Wohnanlage jedoch sicher zu sein – sie ist computergesteuert, die Türen lassen sich über eine Handy-App schließen und öffnen, und das Haus ist gegen Eindringlinge von außen durchaus gut geschützt, aber seine Bewohner sind eben äußerst seltsam. Das erkennt Carla jedoch erst auf den zweiten Blick, denn die vermeintliche Sicherheit und die sehr zuvorkommend und freundlich wirkende Hausgemeinschaft verleiten sie zunächst zu mitunter recht unüberlegten und vertrauensseligen Handlungen. Carla ist davon überzeugt, dass der Tod ihrer Halbschwester kein Unfall, sondern Mord war, auch wenn die Polizei ihr keinen Glauben schenken will. Ellen hat ihr gesagt, dass sie sich bedroht fühlt, konnte ihr allerdings nicht mehr mitteilen von wem und warum, aber erst nachdem Carla im Safe Haven ein paar eigenartige Dinge beobachtet und im Keller eine grauenhafte Entdeckung macht, ist sie sicher, dass einer der Hausbewohner dahintersteckt.
Was die Bewohner des Safe Haven anbelangt, hat es die Autorin geschafft, äußerst plastische Figuren zu zeichnen, die jedoch sehr schwer durchschaubar und überaus rätselhaft sind. Die Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse innerhalb dieser Hausgemeinschaft sind der eigentliche Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Das Beziehungsgeflecht der Personen untereinander, das von Kontrolle und Manipulation geprägt ist, wäre jedoch etwas nachvollziehbarer, wenn manche Charaktere ein bisschen mehr Tiefe hätten.
Obwohl Susanne Kliem versucht, den Verdacht immer wieder auf eine andere Person zu lenken, war mir recht schnell klar, wer hinter all den rätselhaften Vorkommnissen steckt und für Ellens Tod verantwortlich ist. Trotz dieser Vorhersehbarkeit fiel die Spannungskurve jedoch nicht ab, da das Motiv des Täters bis zuletzt im Dunkeln lag. Allerdings interessieren mich die Beweggründe einer Tat ohnehin meistens mehr als die Identität des Täters. Sein Motiv war für mich zwar durchaus glaubwürdig und auch sehr schockierend, aber trotzdem hat mich das schwache Ende dieses Psychothrillers leider ein bisschen enttäuscht, nicht zuletzt, weil es – zumindest teilweise – etwas zu überkonstruiert war. Das ist umso bedauerlicher bei einer Geschichte, die über mehr als 300 Seiten hinweg geradezu atemlos spannend und atmosphärisch dicht erzählt wird.
Der Schreibstil von Susanne Kliem ist einfach und schnörkellos und lässt sich sehr angenehm und flüssig lesen. Das Spannungslevel ist von der ersten Seite an sehr hoch und konnte trotz der teilweisen Vorhersehbarkeit über das ganze Buch hinweg gehalten werden. Ich war mir lange sicher, dass Das Scherbenhaus eines meiner Thriller-Highlights werden könnte, aber auf den letzten Seiten hat mich dieser überaus beklemmende Psychothriller dann bedauerlicherweise doch etwas enttäuscht, sodass ich ein Sternchen abziehen musste. Trotzdem kann ich für diesen hochspannenden Psychothriller auf jeden Fall eine Leseempfehlung aussprechen.

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359 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 179 Rezensionen

mord, psychologie, krimi, manuskript, erinnerungen

Das Buch der Spiegel

E.O. Chirovici , Werner Schmitz , Silvia Morawetz
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 27.02.2017
ISBN 9783442314492
Genre: Romane

Rezension:

E. O. Chirovici hat in seinem Heimatland Rumänien bereits fünfzehn Romane veröffentlicht. Das Buch der Spiegel ist jedoch sein erster Roman in englischer Sprache, wurde bereits in 38 Länder verkauft und ist in der deutschen Übersetzung nun kürzlich bei Goldmann erschienen. Inzwischen ist dieser Roman in aller Munde, selbst Denis Scheck lobte ihn über den grünen Klee und meinte, er sei etwas „Besonderes“ und „im Thrillergenre ein herausragendes Buch“. Obwohl ich Herrn Scheck sehr schätze, treffen seine Buchempfehlungen nicht immer meinen Geschmack, aber bei Chirovicis Roman kann ich ihm nur zustimmen, denn er ist wirklich in jeder Hinsicht herausragend. Allerdings würde ich das Buch nicht als Thriller, sondern eher als Kriminalroman bezeichnen, denn im Zentrum der Handlung steht ein fast dreißig Jahre zurückliegender Mordfall, der nun aus unterschiedlichen Perspektiven erneut beleuchtet wird.
Als der Literaturagent Peter Katz eines Tages das Manuskript von Richard Flynn in den Händen hält, ist er sofort fasziniert von dem Text, denn Flynn behauptet bereits in seinem Anschreiben, sich nun wieder genau an die Ereignisse von damals zu erinnern und die Wahrheit über den Mord an dem berühmten Psychologieprofessor Joseph Wieder enthüllen zu können. Im Verlauf der Handlung müssen Katz und auch der Leser jedoch feststellen, dass es mehr als nur eine Wahrheit gibt und Erinnerungen sehr trügerisch sein können.
Während man im ersten Teil des Romans gemeinsam mit Peter Katz Flynns Exposé liest, zweifelt man trotz der höchst subjektiven Darstellung der Ereignisse jedoch zunächst nicht am Wahrheitsgehalt von Flynns Worten und der Zuverlässigkeit seiner Erinnerungen.
Das Manuskript bricht allerdings genau an der Stelle ab, an der Flynn seine Erinnerungen an die Mordnacht rekonstruiert. Peter Katz möchte nun natürlich unbedingt wissen, was Flynn über die Ermordung Wieders weiß oder ob sein Buch womöglich mit einem Mordgeständnis endet. Außerdem würde sich ein Roman über ein wahres Verbrechen auch sehr gut verkaufen lassen. Da Flynn inzwischen verstorben und das vollständige Manuskript unauffindbar ist, beauftragt Katz seinen Freund, den Reporter John Keller, Nachforschungen anzustellen. Keller soll entweder den Rest des Manuskripts finden oder aber so viel über den Mord an Wieder in Erfahrung bringen, dass er anhand der zusammengetragenen Informationen Flynns Buch als Ghostwriter vollenden kann.
Im zweiten Teil des Buches folgt der Leser nun Keller bei seinen Recherchen, die aus der Ich-Perspektive geschildert werden. Der Reporter sucht zunächst die Personen auf, die damals in den Fall involviert waren und Wieder kannten. Doch die Aussagen der Befragten widersprechen sich, und offenbar ist auch Flynn in seinem Manuskript nicht ganz bei der Wahrheit geblieben. Kellers Nachforschungen ergeben kein stimmiges Bild. Stattdessen wird der Fall immer noch verworrener und die Liste der Verdächtigen immer länger. Je mehr Keller in Erfahrung bringt, umso undurchsichtiger erscheint ihm alles, sodass er schließlich entnervt aufgibt. Doch bevor er seine Recherchen einstellt, befragt er noch Roy Freeman, den inzwischen pensionierten Detektive, der damals erfolglos in dem Mordfall ermittelte und den Eindruck hat, vor nahezu dreißig Jahren etwas übersehen zu haben.
Im dritten Teil des Buches begleitet man dann Roy Freeman, der nun erneut die Ermittlungen aufnimmt und alles daran setzt, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen und den Mord an Wieder endlich aufzuklären.
Chirovici spielt sehr raffiniert mit unterschiedlichen Perspektiven und hat seinen Roman äußerst klug konstruiert. Die Handlung wird aus drei verschiedenen und zeitlich versetzten Ich-Perspektiven geschildert, wobei der Leser immer wieder mit höchst subjektiven Wahrnehmungen, widersprüchlichen Vermutungen, Halbwahrheiten und Fehleinschätzungen konfrontiert wird. Kein Detail passt zum anderen, obwohl sich alle Beteiligten zu den selben Sachverhalten äußern. Da die Ereignisse jedoch völlig unterschiedlich dargestellt werden, muss man sich stets erneut fragen, wessen Worten man eigentlich Glauben schenken darf. Allerdings scheinen manche Beteiligten gar nicht bewusst zu lügen, sondern bewerten und deuten die Fakten, an die sie sich erinnern, nur auf völlig unterschiedliche Weise.
Der Roman kreist immer wieder um die Frage, wie zuverlässig unsere Erinnerungen eigentlich sind und ob das, woran wir uns erinnern, bzw. zu erinnern glauben, auch tatsächlich passiert ist. Ohne dass wir es wollen, entwickeln sich völlig falsche Erinnerungen, die wir dann aber für die Wahrheit halten, und so schönen und verfälschen wir immer wieder die Realität.
Mich hat Das Buch der Spiegel von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und begeistert. Gebannt folgte ich diesem raffinierten Verwirrspiel und versuchte die einzelnen Puzzleteile zu einem stimmigen Ganzen zusammenzusetzen. Das Ende war jedoch absolut nicht vorhersehbar, für meinen Geschmack vielleicht ein bisschen zu konstruiert, aber dennoch glaubwürdig und schlüssig.
Ich bin absolut begeistert von diesem Roman und kann ihn nur jedem empfehlen, der kluge Spannungsliteratur auf hohem Niveau zu schätzen weiß. Ein sprachlich versierter und intelligent erzählter Roman um Wahrheit, trügerische Erinnerungen und die subjektive Wahrnehmung von Liebe.

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136 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 27 Rezensionen

psycho, düster, psychothriller, angst, beängstigend

Das Mädchen im Dunkeln

Jenny Blackhurst , Anke Angela Grube
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 16.02.2017
ISBN 9783404174164
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Inhalt:

Karen Browning arbeitet als Psychiaterin am Cecil-Baxter-Institut, ist beruflich sehr erfolgreich und steht kurz vor ihrer Beförderung. Als sie eines Tages von Jessica Hamilton aufgesucht wird, die aufgrund ihrer Spannungskopfschmerzen therapeutische Hilfe sucht, hält Karen ihre neue Patientin zunächst für einen Routinefall, fühlt sich allerdings schon während der ersten Therapiesitzung ein wenig unbehaglich. Die junge Frau gesteht ihr, dass sie ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann hat, ihn zwar nicht liebt und auch nicht will, dass er sich scheiden lässt, aber von der Ehefrau ihres Liebhabers geradezu besessen ist und sie abgrundtief hasst.
Kurz darauf geschehen in Karens privatem Umfeld seltsame Dinge. Nicht nur Karens, sondern vor allem das Leben ihrer beiden besten Freundinnen Bea und Eleanor gerät plötzlich vollkommen aus den Fugen. Karen ist sicher, dass nur Jessica für all die mysteriösen Vorkommnisse verantwortlich sein kann, unter denen ihre Freundinnen zu leiden haben. Die Freundschaft der drei Frauen, die seit ihrer Kindheit durch dick und dünn gehen, wird vor eine harte Zerreißprobe gestellt, denn privat wäre es eigentlich Karens Pflicht, ihre Freundinnen vor Jessica zu warnen, aber beruflich ist sie an die ärztliche Schweigepflicht gebunden. Noch ahnt sie jedoch nicht, in welcher Gefahr Bea und Eleanor schweben und ihre neue Patientin sie nicht zufällig ausgewählt hat, sondern im Begriff ist, Karen alles zu nehmen, was ihr etwas bedeutet – ihre Karriere, ihre Beziehung zu Michael und auch ihre beiden besten Freundinnen.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe Jenny Blackhursts Debütroman Die stille Kammer zwar nicht gelesen, aber von vielen Seiten gehört, dass die Autorin einen brillanten Thriller vorgelegt hat. Da es sich bei ihren Büchern um Einzelbände handelt und der Klappentext von ihrem aktuellen Psychothriller Das Mädchen im Dunkeln sehr vielversprechend tönte, war ich sehr gespannt, ob Jenny Blackhurst auch mich begeistern kann. Allerdings ist der Klappentext des Verlags ein wenig irreführend und vor allem sehr ungeschickt formuliert, denn einerseits geht aus ihm nicht hervor, dass eigentlich die Freundschaft von Karen zu ihren beiden besten Freundinnen im Zentrum der Handlung steht, während er andererseits bereits so viel vom Plot verrät, dass man fast schon von einem Spoiler sprechen kann, sodass ich in meiner Inhaltsangabe auf diese Hinweise verzichtet habe. Den Klappentext kann man der Autorin jedoch ebensowenig anlasten wie die vielen Rechtschreib- und Grammatikfehler in der deutschen Übersetzung ihres Buches, die auf ein äußerst mangelhaftes Lektorat schließen lassen. Ich habe jedenfalls noch nie ein Verlagsbuch gelesen, das so viele Fehler enthält, dass man beim Lesen immer wieder ins Stocken gerät und manche Sätze erneut lesen muss, um ihren Sinn zu erfassen. Über vereinzelte kleine Fehlerchen, die durchaus vorkommen können, kann ich entspannt hinwegsehen, aber in dieser Häufigkeit sind sie äußerst störend und hemmen leider auch den Lesefluss.
Inhaltlich gibt es an diesem Thriller weitaus weniger auszusetzen, denn Das Mädchen im Dunkeln ist ein durchaus spannender und lesenswerter Psychothriller.
Bereits das erste Kapitel ist etwas irritierend, denn es handelt sich dabei um ein Therapiegespräch, bei dem Karen jedoch selbst die Patientin ist. Schnell wird klar, dass etwas Schreckliches vorgefallen sein muss und sich die Psychologin nun selbst in therapeutische Behandlung begeben musste. Das Buch wird dann abwechselnd aus der Perspektive von Karen und ihren beiden besten Freundinnen Bea und Eleanor erzählt und immer wieder durch das Therapiegespräch unterbrochen, das Karen mit ihrem Therapeuten führt. Stück für Stück offenbart sich nun, was Karen und ihren Freundinnen zugestoßen ist und was Karens Patientin Jessica mit all den rätselhaften Vorkommnissen zu tun hat. Manche Kapitel werden auch aus der Perspektive einer unbekannten Person geschildert, die die Freundinnen schon seit langer Zeit beobachtet, fotografiert und auch ihre Spuren im Internet verfolgt. Was diese Person im Schilde führt und ob es sich dabei um Jessica handelt, bleibt jedoch lange im Dunkeln. Diese Passagen sind vor allem deshalb so verstörend, weil diese Person alles von den Frauen zu wissen scheint, selbst Begebenheiten, die schon viele Jahre zurückliegen, und auch ganz genau weiß, wo sie ansetzen muss, um die Frauen zu verunsichern und in Angst und Schrecken zu versetzen.
Jenny Blackhurst hat Karen, Bea und Eleanor sehr fein gezeichnet und präzise ausgearbeitet. Der Leser erhält sehr tiefe Einblicke in ihre jeweiligen Gedanken, Ängste und die Probleme, mit denen sie aktuell zu kämpfen haben, aber auch in ihr bisheriges Schicksal sowie die Beschaffenheit ihrer außergewöhnlichen Freundschaft. Die drei Frauen sind seit mehr als dreißig Jahren miteinander befreundet, immer wieder wird betont, wie besonders eng die Bindung zwischen den drei Freundinnen ist, aber seltsamerweise verbergen sie gerade das voreinander, was sie am meisten belastet.
Bea mochte ich besonders gerne, und ihr Schicksal berührte mich auch sehr, während mir Eleanor, die mit ihrer Mutterrolle vollkommen überfordert zu sein scheint und äußerst überspannt ist, häufig ein wenig auf die Nerven fiel. Trotzdem tat sie mir leid, denn ihr Leben gerät im Verlauf der Geschichte so aus den Fugen, dass sie fast den Verstand verliert. Obwohl Karen im Fokus der Handlung steht, ist sie besonders schwer zu durchschauen und war mir leider auch sehr unsympathisch. Was ihre Tätigkeit als Psychologin anbelangt, fand ich sie äußerst unprofessionell und gleichzeitig zu karriereversessen, aber auch privat hat sie so einige Leichen im Keller. Diese könnte man ihr durchaus verzeihen, wenn sie sich nicht selbst als Hüter von Moral und Anstand verstünde und nicht immer wieder betonen würde, wie wichtig es ihr ist, anderen selbstlos zu helfen. Eigentlich mag ich ambivalente und vielschichtige Charaktere, aber diese Frau verhält sich einfach in jeder Hinsicht so widersprüchlich, dass es mir sehr schwerfiel, mich in sie hineinzuversetzen und mit ihr mitzufühlen.
Die rätselhafteste Figur ist natürlich Jessica, die mysteriöse Patientin, die eines Tages bei Karen auftaucht und vorgibt, therapeutische Hilfe zu suchen. Auch wenn ihre wahre Identität erst am Schluss enthüllt wird, war mir sehr schnell klar, wer sie ist und warum sie es auf Karen abgesehen hat. Allerdings war mir vollkommen schleierhaft, warum sie Bea und Eleanor schaden möchte, sodass die Spannung trotzdem bis zum Ende aufrechterhalten werden konnte.
Eines muss man diesem Psychothriller nämlich lassen – er ist durchgehend spannend, und das Ende hält trotz mancher Vorhersehbarkeiten noch eine erstaunliche Überraschung parat. Leider verblieb aber meiner Meinung nach noch eine kleine Ungereimtheit, die vom Ende her betrachtet, keinen Sinn ergab. Besonders tiefgründig ist Das Mädchen im Dunkeln leider nicht. Das Thema Ehebruch steht immer wieder im Zentrum der Handlung, wobei der moralische Zeigefinger für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr erhoben wurde. Trotzdem hat mir Das Mädchen im Dunkeln gut gefallen und sehr spannende Lesestunden bereitet.
Ein fesselnder Psychothriller für Zwischendurch, nicht besonders überragend, aber dennoch solide und lesenswert.

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371 Bibliotheken, 18 Leser, 0 Gruppen, 23 Rezensionen

thriller, krimi, mord, ehe, gone girl

Gone Girl - Das perfekte Opfer

Gillian Flynn , Christine Strüh
Fester Einband: 832 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 23.07.2015
ISBN 9783596520725
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Inhalt:

Nick und Amy Dunne haben sich vor sieben Jahren kennengelernt, zwei Jahre später geheiratet und galten als absolutes Vorzeigepärchen, zumindest als sie noch in New York lebten und beruflich erfolgreich waren. Sie waren beide als Journalisten tätig, verloren jedoch durch den fortschreitenden Niedergang der Printmedien innerhalb weniger Monate ihre Jobs. Bislang musste sich Amy keine Sorgen um ihr finanzielles Auskommen machen, denn ihre Eltern sind erfolgreiche Schriftsteller, haben die Kindheit ihrer Tochter sehr publikumswirksam vermarktet, indem sie Amy zur Kinderbuchfigur einer erfolgreichen Buchreihe machten, und haben einen Teil ihrer Einnahmen in einem Trustfonds für Amy angelegt. Allerdings wurde die Buchreihe Amazing Amy eingestellt und ihre Eltern sind inzwischen nahezu pleite, sodass sie ausgerechnet jetzt dringend Geld aus Amys Trustfonds benötigen.
Als Nick von seiner Zwillingsschwester Go erfährt, dass seine Mutter an Brustkrebs erkrankt ist, beschließt er, mit Amy in seine alte Heimatstadt North Carthage in Missouri zurückzukehren, um seiner kranken Mutter beizustehen. Von Amys letzten finanziellen Mitteln kauft er dort eine Bar, die er gemeinsam mit seiner Schwester betreibt, und unterrichtet nebenbei noch einen Kurs am Junior College. Amy verfasst Persönlichkeitstests für Frauenzeitschriften, um ihren Teil zum gemeinsamen Lebensunterhalt beizutragen, vermisst aber ihr altes Leben in New York und fühlt sich in der beschaulichen Kleinstadt, in die sie nun verpflanzt wurde, nicht besonders wohl. Die Ehe von Nick und Amy beginnt nun unaufhaltsam zu kriseln.
An ihrem fünften Hochzeitstag verschwindet Amy plötzlich spurlos. Alles deutet auf ein Gewaltverbrechen hin, und da sich Nick sehr sonderbar verhält und auffallend emotionslos zu sein scheint, gerät er sehr schnell ins Visier der Ermittler und auch der Medien. Er schwört zwar, dass er nichts mit dem Verschwinden seiner Frau zu tun hat, aber wo ist Amy und was ist ihr zugestoßen? Das verwüstete Wohnzimmer und ein sorgfältig weggewischter Blutfleck in der Küche, den die Polizei entdeckt, lassen das Schlimmste befürchten. Außerdem berichten Zeugen, dass Amy schon seit längerer Zeit Angst hatte, aber vor wem und warum?

Meine persönliche Meinung:

Ich hatte fast den Eindruck, dass ich der letzte Mensch auf diesem Planeten bin, der Gone Girl von Gillian Flynn noch nicht gelesen hat und auch den Film nicht kennt. Dabei liegt dieser Roman schon seit einiger Zeit ungelesen in meinem Regal, aber ich hatte eben nie Lust ihn zu lesen, was vor allem an dem Hype lag, der um dieses Buch gemacht wurde. Sobald ein Roman in aller Munde ist, interessiert er mich nicht mehr, und allzu oft habe ich eben auch schon die Erfahrung gemacht, dass gerade diese Bücher mich auch maßlos enttäuschen. Allerdings stieß ich in letzter Zeit immer wieder auf Bücher, die mit dem Hinweis „für alle Fans von Gone Girl“ oder „so abgründig wie Gillian Flynns Gone Girl“ beworben wurden, was natürlich keine große Orientierungshilfe ist, wenn man das erwähnte Buch gar nicht kennt. Es ist fast so, als gäbe Gone Girl die Messlatte vor, an der sich künftig jeder Thriller messen lassen muss. Da sich der Hype inzwischen etwas gelegt hat und ich mir jetzt selbst ein Bild machen wollte, beschloss ich also, Gone Girl nun doch endlich zu lesen.
Der Einstieg in die Geschichte ist leider äußerst zäh und langatmig. Nach den ersten hundert Seiten fragte ich mich, wann denn nun endlich etwas passiert und was die anderen Leser an diesem Buch denn nur so begeistert hat, denn außer einem guten Schreibstil konnte ich leider nichts entdecken, was auch nur annährend spannend oder irgendwie besonders gewesen wäre. Gillian Flynn lässt sich ausgesprochen viel Zeit, ihre Protagonisten einzuführen. Es dauert leider ewig, bis die Geschichte in Gang kommt, und da ich weder Amy noch Nick besonders mochte, fiel es mir zunächst auch schwer, Interesse für das Schicksal dieses Ehepaars aufzubringen. Erst später erkannte ich, dass die Autorin ihre Figuren absichtlich so gezeichnet hat, dass man sie nicht besonders sympathisch findet, aber zu Beginn des Romans ist dies der Spannung leider nicht besonders zuträglich.
Das ganze Buch wird abwechselnd aus der Ich-Perspektive von Nick und Amy erzählt. Während Nick überwiegend die aktuellen Ereignisse schildert, die am Tag von Amys Verschwinden einsetzen, kommt Amy in Form von Tagebucheinträgen zu Wort, die bis zu dem Tag zurückreichen, an dem sie Nick kennengelernt hat. Außerdem wirft sie auch immer wieder einen Blick zurück in ihre Kindheit und Jugend.
Als Tochter eines erfolgreichen Schriftstellerehepaars wuchs Amy sehr behütet und vor allem in sehr gut situierten Verhältnissen auf. Sie wurde von ihren Eltern sehr verwöhnt, fühlte sich von ihnen aber auch ausgenutzt, denn ihren Wohlstand hatten sie nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass sie ihre Tochter wie ein Produkt vermarkteten, indem sie sie zur Romanfigur einer Buchreihe machten, die sich gut verkaufen ließ. Amy bemühte sich, dem Bild gerecht zu werden, das ihre Eltern in ihren Büchern von ihr entwarfen, strebte nach dem Perfektionismus, den ihr die Romanfigur vorgab, denn alles, was der realen Amy nicht gelingen wollte, beherrschte „Amazing Amy“ in den Büchern mühelos. Amy fühlte sich nie als reale Person, sondern immer als Produkt. Auch in ihrer Ehe mit Nick spielte sie zunächst nur eine Rolle, nicht die von „Amazing Amy“, aber die der „Coolen Amy“, die ebenfalls ein reines Phantasiegebilde war, aber ihrem Mann zu gefallen schien. Doch diese Rolle beginnt ganz allmählich zu bröckeln, als beide ihren Job verlieren und Amy dazu genötigt wird, mit Nick in seine provinzielle Heimatstadt zu ziehen, in der sie keinen Anschluss findet und sich nicht heimisch fühlt. Nick ging allerdings stillschweigend davon aus, dass Amy sich irgendwann an die neue Umgebung gewöhnen würde und war auch selbst nicht immer ehrlich zu seiner Frau. So bekam die Ehe erste Risse, die nicht mehr zu kitten waren und schließlich in einem wahren Psychokrieg zwischen den Ehepartnern enden.
Durch die Ich-Perspektive und die Tagebuchform lernt man beide Protagonisten sehr gut kennen, zumindest wird zunächst der Eindruck erweckt, man käme sowohl Amy als auch Nick besonders nahe. Im weiteren Handlungsverlauf stellt man jedoch schnell fest, dass man weder Amys noch Nicks Worten Glauben schenken kann. Der Leser wird ständig mit zwei unterschiedlichen, sich widersprechenden Sichtweisen konfrontiert, aus denen letztendlich auch die Spannung dieses Romans resultiert. Da beide Charaktere äußerst ambivalent angelegt sind, fällt es ausgesprochen schwer, für einen der beiden Stellung zu beziehen, denn man kann sie weder hassen noch lieben. Amy und Nick sind nicht gerade Sympathieträger, aber dennoch gibt es immer wieder Momente, in denen man sich gut in den Charakter, aus dessen Perspektive gerade erzählt wird, einfühlen kann. Allerdings wird man schon im nächsten Kapitel wieder gezwungen, die eigene Einschätzung nochmals zu überdenken, ist ständig hin- und hergerissen und wird somit immer tiefer in dieses verwirrende und wirklich böse Psychospiel hineingezogen.
Unwillkürlich stellt man sich beim Lesen auch selbst immer wieder die Frage, ob man den Menschen, den man liebt, auch wirklich kennt und ob man selbst nicht auch häufig nur eine Rolle spielt, um geliebt zu werden und den Erwartungen des anderen gerecht zu werden. Der Roman zeigt sehr eindrücklich, welche Abgründe hinter der Fassade einer scheinbar perfekten Liebesbeziehung lauern können und wie Liebe in abgrundtiefen Hass umschlagen kann.
Doch ist der Roman nicht nur ein erschütterndes Ehedrama, sondern auch eine Abrechnung mit der Medienlandschaft. Das öffentliche Interesse an diesem Vermisstenfall ist natürlich groß, nicht zuletzt, weil Amy eine berühmte Kinderbuchfigur ist und sich Journalisten und TV-Sender mit geradezu perverser Sensationsgeilheit auf solche privaten Schlachtfelder stürzen. Es wird sehr eindrücklich geschildert, wie die Medien Einfluss auf die öffentliche Meinung nehmen und wie schnell ein Unschuldiger zum Verbrecher abgestempelt werden kann.
Gone Girl ist äußerst raffiniert und sehr wendungsreich komponiert. Leider entfaltet sich die Spannung erst im zweiten Teil des Romans, während der Einstieg in die Geschichte wirklich äußerst langweilig ist. Selbst als die Handlung dann Fahrt aufnimmt, kommt es häufig zu bedauerlichen Längen, die den Spannungsbogen immer wieder abreißen lassen. Das ist wirklich schade, denn Gillians Flynns Schreibstil ist grandios. Die Geschichte ist glaubwürdig, tiefgründig und klug erzählt, und am Ende laufen alle Fäden dieses Verwirrspiels schlüssig zusammen. Vor allem die Figurenzeichnung fand ich absolut gelungen, gerade weil die Protagonisten so vielschichtig und komplex sind und es nicht möglich ist zwischen Gut und Böse, Täter und Opfer zu unterscheiden. Gone Girl blieb ein wenig hinter meinen Erwartungen zurück, die zugegebenermaßen auch ziemlich hoch waren, hat mir aber trotz seiner Längen sehr gut gefallen und mich auch nachdenklich zurückgelassen.

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rache, thriller, thrille, buchflüsterer, marina heib

Drei Meter unter Null

Marina Heib
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Heyne, 06.03.2017
ISBN 9783453271111
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Marina Heib ist im Krimi- und Thrillergenre zwar keine Unbekannte, aber bislang habe ich noch keines ihrer Bücher gelesen. Als ich jedoch Drei Meter unter Null in der Verlagsvorschau entdeckt hatte, konnte ich den Erscheinungstermin kaum abwarten, denn dieses Buch versprach ein Thriller ganz nach meinem Geschmack zu sein. Ich fing auch sofort an zu lesen, als es dann endlich bei mir ankam und war ein bisschen enttäuscht, dass es nur so wenige Seiten hat und so schnell gelesen war, denn es war einfach großartig. Obwohl es so ein dünnes Büchlein ist, ist Drei Meter unter Null einer der gewaltigsten, erschütterndsten und düstersten Thriller, die ich jemals gelesen habe und ging mir so unter die Haut, dass ich diese Geschichte nicht so schnell vergessen werde.
Schon nach wenigen Seiten habe ich gemerkt, dass Drei Meter unter Null ein in jeder Hinsicht außergewöhnlicher und herausragender Thriller ist, der sich schon sprachlich und stilistisch weit von der Masse anderer Bücher dieses Genres abhebt. Der Schreibstil der Autorin ist einfach brillant, ihre Sprache fast poetisch, vor allem aber so eindringlich und ausdrucksstark und gleichzeitig so klar und prägnant, dass es wirklich ein Genuss ist, solche Sätze zu lesen, denn da sitzt jedes Wort. Besonders beeindruckt war ich jedoch, mit welcher Präzision und mit welchem Gespür für menschliche Emotionen und Abgründe Marina Heib ihre Protagonistin ausgearbeitet hat.
Das ganze Buch wird aus der Ich-Perspektive einer Frau geschildert, die im Alter von vierunddreißig Jahren beschließt, Mörderin zu werden. Ihren Namen erfährt man nicht und auch das Motiv für ihre Taten bleibt zunächst im Dunkeln, aber man erhält sehr tiefe Einblicke in ihr Denken, Fühlen und Leiden. Während sie sich auf ihrem blutigen Rachefeldzug befindet, wirft sie immer wieder einen Blick zurück in ihre Vergangenheit und lässt ihr ganzes bisheriges Leben noch einmal Revue passieren.
Schon als Kind war sie anders als andere, sehnte sich nach Abenteuern, wollte nicht Ärztin oder Ingenieurin werden, sondern Pippi Langstrumpf, Tarzan oder Winnetou. Sie wuchs sehr behütet auf, ihre Eltern unterstützten ihre Träume, liebten sie und taten alles, um sie glücklich zu machen, sorgten sich allerdings auch um ihr einziges Kind, denn es ist leichter, in dieser Welt zu bestehen, wenn man sich ein wenig anpasst. Sie drängen ihre Tochter zu nichts, sind aber erleichtert, als sie irgendwann selbst beschließt, sich anzupassen und normal zu werden. Sie studiert Informatik, ist beruflich erfolgreich und inzwischen zu einer hübschen, unabhängigen und selbstbewussten jungen Frau geworden. Doch an einem nebligen Novembertag gerät ihr Leben vollkommen aus den Fugen, sodass sie beschließt, Mörderin zu werden. Doch was genau veranlasst eine junge Frau, die so behütet aufgewachsen ist, plötzlich dazu, ihr Menschsein abzulegen und zu einer Wölfin zu werden, die auf die Jagd geht, um erbarmungslos zu töten? Diese Frage steht im Zentrum der Geschichte.
Der Leser begleitet diese Frau nun während sie ihre Opfer beobachtet, ihnen auflauert und sie brutal tötet. Sie hat einen genauen Plan ausgetüftelt, will nichts dem Zufall überlassen und hat eine Liste von Opfern angelegt. Die Männer auf ihrer Liste leben verstreut in ganz Deutschland. Für jeden von ihnen hat sie sich eine ganz individuelle Tötungsart überlegt, denn sie sollen leiden, bevor sie sterben – jeder auf eine ganz spezielle Art und Weise. Sie geht ohne Mitleid und ohne Skrupel vor. Ihre Opfer sind erfolgreiche Unternehmer, aber auch Obdachlose; ein Muster oder eine Verbindung zwischen diesen Männern ist nicht erkennbar, sodass man sich als Leser ständig fragt, warum sie das tut und was diese Männer getan haben.
Das besonders Verstörende und gleichzeitig auch Faszinierende an diesem Buch war für mich, dass ich diese Frau mochte und große Sympathien für sie hegte, was angesichts der abscheulichen Gräueltaten, zu denen sie fähig ist, sehr befremdlich und irritierend ist. Als Leser gerät man also in einen Zwiespalt, denn einerseits kann und darf man keineswegs gutheißen, was sie tut, aber andererseits möchte man sie auch unbedingt verstehen und nachvollziehen können, warum sie so barbarisch mordet. Die Autorin versteht es äußerst geschickt, den Leser auf die Seite dieser Mörderin zu ziehen, obwohl ihre Taten zunächst nicht nachvollziehbar sind und sie mit äußerster Brutalität vorgeht.
Die Spannung dieses Thrillers beruht nicht auf blutigen oder actiongeladenen Szenen, sondern in erster Linie darauf, dass man die Protagonistin unbedingt verstehen will und ihre Beweggründe erfahren möchte. Es ist zwar schockierend, sie bei ihrer grausamen Mission zu begleiten und mitzuerleben, wie skrupellos sie dabei vorgeht, aber dennoch kann man sie nie dafür verurteilen, sondern möchte nur begreifen. Denn soviel ist klar: Sie ist keine geistesgestörte Psychopathin, die aus purer Lust am Töten mordet, sondern eine gequälte Seele, die nicht grundlos tötet. Der Leser erfährt den Grund jedoch erst, als sich diese junge Frau ihrem letzten Opfer zuwendet. Wieder gerät man in ein Dilemma, als man ihr Motiv dann kennt, denn man kann sie erschreckend gut verstehen. Ich war erschüttert, schockiert und tief bewegt, als ich erkannte, warum sie zur Mörderin wurde, und ich war auch erschüttert über mich selbst, weil ich mir tatsächlich wünschte, dass es ihr gelingt, ihre blutige Mission zu vollenden. Auf den letzten Seiten, wenn man schon denkt, man wisse nun alles, hätte nun begriffen, welches bewegende Schicksal sich hinter ihren Taten verbirgt, kommt es dann noch einmal zu einer überraschenden Wendung, mit der weder der Leser noch die Protagonistin gerechnet hätte und die mich vollkommen fassungslos zurückließ.
Ich kann Drei Meter unter Null nur wärmstens weiterempfehlen, denn dieser Thriller hat mich von der ersten bis zur letzten Seite vollkommen gefangen genommen und lässt mich auch jetzt noch immer nicht los.

Ein erschütterndes und düsteres Psychogramm einer Mörderin – sprachgewaltig, psychologisch ausgefeilt und intelligent erzählt.

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230 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 73 Rezensionen

thriller, entführung, familie, spannung, amy gentry

Good as Gone

Amy Gentry , Astrid Arz
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei C. Bertelsmann, 27.02.2017
ISBN 9783570103234
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nachdem ich Good as Gone in der Verlagsvorschau entdeckt hatte, konnte ich es kaum noch abwarten, bis das Buch endlich erscheint und fing sofort an zu lesen, als ich es dann endlich in den Händen hielt. Obwohl ich inzwischen einige Bücher über verschwundene Kinder, die mehrere Jahre später wieder zu ihrer Familie zurückkehren, gelesen habe, bin ich immer wieder gespannt, ob es Autoren gelingt, diese nicht besonders innovative Grundidee noch originell umzusetzen. Dass dies gelingen kann, hat Joy Fielding in ihrem aktuellen Roman Die Schwester eindrucksvoll bewiesen, und die Niederländerin Anita Terpstra, die sich ebenfalls dieser Thematik zuwandte, hat mich mit ihrem grandiosen Thrillerdebüt Anders vollkommen überrascht und überzeugt.
Da Good as Gone in der Verlagswerbung fulminant angepriesen wurde, war meine Erwartungshaltung entsprechend hoch. Irritierend ist ja bereits, dass das Buch auf dem Cover zwar als „Roman“ bezeichnet, aber als Thriller beworben wird. Obwohl Good as Gone durchaus Thrillerelemente aufweist und recht spannend beginnt, würde ich dieses Buch nicht als Thriller bezeichnen, da sich die anfängliche Spannung leider recht schnell verliert und bedauerlicherweise auch nicht mehr zurückkehrt.
Als Julie, die als dreizehnjähriges Mädchen vor den Augen ihrer kleinen Schwester entführt wurde, acht Jahre später wieder auftaucht, ist die Freude der Familie natürlich groß. Doch die Euphorie weicht recht schnell dem Zweifel, und vor allem Julies Mutter Anna hegt zunehmend den Verdacht, dass die junge Frau, die behauptet, ihre vermisste Tochter zu sein, gar nicht Julie ist.
Die Handlung folgt zwei Erzählsträngen. In dem hauptsächlichen Handlungsstrang begleitet man Anna auf ihrer verzweifelten Suche nach der Wahrheit um die Identität ihrer vermeintlichen Tochter, während man in dem Nebenstrang mit Erzählperspektiven unterschiedlicher Frauenfiguren konfrontiert wird. Die Textpassagen, in denen die vergangenen Lebensstationen dieser Frauen geschildert werden, waren zunächst überaus verwirrend, denn auf den ersten Blick scheinen sie mit der Haupthandlung nichts zu tun zu haben. Den Zusammenhang konnte ich zwar irgendwann erkennen, aber solange ich den Sinn dieser Nebenstränge nicht verstand, empfand ich sie einfach als lästige Unterbrechungen. Mag sein, dass diese Erzähltechnik originell ist, aber bei mir führte sie leider dazu, dass mich irgendwann gar nicht mehr interessierte, ob die zurückgekehrte junge Frau tatsächlich Julie ist. Spätestens nachdem dann auch noch eine religiöse Komponente immer stärker in den Fokus rückte, verlor ich gänzlich das Interesse an Julies Identität und Schicksal.
Die Haupthandlung, die aus der Ich-Perspektive von Anna erzählt wird, war hingegen sehr gelungen. Die Protagonistin ist sehr gut ausgearbeitet, und die Ich-Perspektive ermöglicht einen direkten Einblick in ihr Denken und Fühlen, das sehr authentisch und nachvollziehbar geschildert wird. Sie will unbedingt glauben, dass die junge Frau, die eines Abends vor der Tür steht, ihre vermisste Tochter ist. Der Gedanke, dass sie ihr eigenes Kind nicht erkennt, ist für sie sehr schmerzhaft, denn die zurückgekehrte Julie ist ihr so vollkommen fremd, dass sie endlich Gewissheit braucht. Als Anna von einem Privatdetektiv mit dem Verdacht konfrontiert wird, dass diese junge Frau nicht ihre Tochter ist, reagiert sie zunächst vollkommen ablehnend, denn sie möchte nicht, dass er recht hat. Sie will diejenige sein, die ihr Kind besser kennt als irgendein Fremder. Obwohl ich mich in Anna sehr gut einfühlen konnte, ergaben ihre Handlungen für mich häufig keinen Sinn. Mir war zum Beispiel nicht klar, warum sie manche Entdeckungen einfach für sich behält und ihren Mann Tom nie mit ihrem Verdacht konfrontiert. Das Familiengefüge gerät nicht durch Julie, sondern vielmehr durch Annas beharrliches Schweigen ins Wanken, und leider wurde mir nie klar, warum sie sich ihrem Mann gegenüber nicht öffnet. Da man nur Annas Perspektive folgt, lernt man ihren Mann Tom und auch Julies jüngere Schwester Jane im Grunde kaum kennen, dabei birgt gerade die Familienkonstellation eigentlich enormes Potenzial. Die Reaktionen der einzelnen Familienmitglieder auf Julies Rückkehr und auch die Gründe für Janes rebellisches Verhalten werden allerdings nur angedeutet, weil der Fokus vollkommen auf Anna liegt. Sie ist ziemlich allein mit ihren Zweifeln, behält sie für sich und stellt alleine Nachforschungen an.
Obwohl der Verdacht eigentlich recht schnell in eine Richtung gelenkt wird, war auch ich häufig hin- und hergerissen, ob es sich bei der jungen Frau tatsächlich um das seit acht Jahren vermisste Mädchen handelt. Man muss diesem Roman lassen, dass er sehr raffiniert und überaus innovativ konstruiert ist. Es ist der Autorin durchaus gelungen, den Plot wendungsreich zu gestalten, aber das Potenzial, das sich hinter dieser Konstruktion und der eigentlich guten Grundidee verbirgt, entfaltet sich leider erst ganz am Schluss. Aufgrund der etwas verwirrenden Nebenstränge, war mein Interesse an der Auflösung jedoch inzwischen nahezu verpufft. Das Ende ist zwar wirklich überraschend, logisch und glaubwürdig ist es auch, aber die religiöse Komponente, die hier besonders in Erscheinung tritt, konnte mich leider nicht überzeugen.
Ich war ein wenig enttäuscht von Good as Gone, denn ich empfand diesen Roman weder als besonders spannend noch als tiefgründig, obwohl die psychologischen Momente mitunter durchaus interessant waren. Wirklich beeindruckt war ich hingegen vom Schreibstil der Autorin, der mir ausgesprochen gut gefallen hat und sich sehr angenehm und flüssig lesen lässt. Die Konstruktion von Good as Gone ist durchaus originell, doch leider ging gerade das auf Kosten der Spannung und der an sich guten Grundidee, die dem Roman zugrunde liegt.

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120 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 36 Rezensionen

thriller, sabine thiesler, toskana, heyne, nachts in meinem haus

Nachts in meinem Haus

Sabine Thiesler
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Heyne, 09.01.2017
ISBN 9783453269699
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Inhalt:

Tom Simon ist ein renommierter und leidenschaftlicher Kunstmaler, sehr vermögend, glücklich verheiratet und lebt mit seiner zweiten Frau Charlotte in einem einsam gelegenen Haus im Norden von Hamburg. Charlotte ist eine erfolgreiche Film- und Fernsehproduzentin, beruflich viel unterwegs, und obwohl Tom sie über alles liebt, kann er den verführerischen Reizen von Leslie, der Ehefrau eines Freundes, nicht widerstehen und hat seit einiger Zeit ein Verhältnis mit ihr.
Wieder einmal wird Charlotte für mehrere Tage weg sein, Tom hat sie gerade erst zum Flughafen gebracht und freut sich auf eine gemeinsame Liebesnacht mit Leslie, die ihren Besuch bereits angekündigt hat. Doch dann werden er und seine Geliebte in dieser stürmischen Gewitternacht plötzlich von seltsamen Geräuschen überrascht. Tom ist sicher, dass Einbrecher im Haus sind, greift zu seiner Harpune, die er unter dem Bett versteckt hat, schleicht sich ins Erdgeschoss, sieht dort schemenhaft den Schatten einer menschlichen Gestalt und schießt. Ein schreckliches Versehen, wie sich sofort herausstellt, denn als er erkennt, wen er in seiner Panik erschossen hat, ist er schockiert und fassungslos – seine Ehefrau Charlotte.
Vollkommen verzweifelt bittet Tom seinen besten Freund René um Hilfe und hofft, dass der erfahrene Anwalt weiß, was in dieser Situation zu tun ist. René rät ihm, das Land zu verlassen und stellt ihm das kleine Haus seiner verstorbenen Schwester in der Toskana zur Verfügung. Alles Weitere werde er für ihn regeln und hat auch schon einen Plan, wie er Tom helfen kann.
Noch in derselben Nacht macht sich Tom auf den Weg nach Italien, hält sich genau an Renés Anweisungen und richtet sich in dem kleinen Häuschen am Ortsrand von Cimessa ein. Doch auch in dem Idyll des toskanischen Bergdorfs kann er keine Ruhe finden. Eine rätselhafte in Schleier verhüllte Frau scheint ihn zu beobachten, er fühlt sich ständig verfolgt, die Einsamkeit droht ihn zu erdrücken und das wenige Bargeld, das er nach Italien mitnehmen konnte, geht allmählich zur Neige. Immer wieder regen sich in ihm auch Zweifel, ob René ihm tatsächlich helfen wird und trifft eine folgenschwere Entscheidung, als er erkennt, dass er niemandem mehr vertrauen kann.

Meine persönliche Meinung:

Seit ich vor einigen Jahren Sabine Thieslers Romandebüt Der Kindersammler gelesen habe, freue ich mich auf jedes neue Buch der Autorin und habe inzwischen sechs Bücher von ihr gelesen. Bislang hat mich Sabine Thiesler noch nie enttäuscht, nur Und draußen stirbt ein Vogel war ein bisschen schwächer als seine Vorgänger, aber alle Bücher der Autorin waren gleichermaßen fesselnd und überzeugten mich vor allem deshalb, weil Sabine Thiesler es schafft, in jedem ihrer Romane eine subtile psychologische Spannung aufzubauen. Außerdem sind ihre Bücher für mich immer eine kleine Reise in die Toskana, deren unverwechselbaren Charme die Autorin ganz vortrefflich einfängt, ohne sich in ausufernden Landschaftsbeschreibungen zu verlieren. Ihre Charaktere waren mir häufig nicht gerade sympathisch, aber darüber kann ich entspannt hinwegsehen, wenn sie glaubwürdig gezeichnet sind und nachvollziehbar handeln. Gerade das ist Sabine Thiesler in ihrem aktuellen Roman Nachts in meinem Haus leider gründlich misslungen und hat mir den Spaß am Lesen nahezu vollständig geraubt.
Es fällt mir schwer, diesen Roman zu bewerten, ohne zu spoilern, aber dass der Kunstmaler Tom Simon aus Versehen seine Frau tötet, weil er sie in der Dunkelheit für einen Einbrecher hielt, ereignet sich bereits auf den ersten dreißig Seiten dieses mehr als fünfhundert Seiten dicken Spannungsromans. Dass er mit seiner Geliebten Leslie gerade im Schlafzimmer zugange ist, als er im Haus seltsame Geräusche hört, erfährt man ebenfalls schon auf den ersten Seiten, und dass Leslie die Ehefrau seines besten Freundes René ist, den er nach dem versehentlichen Mord an Charlotte dann um Hilfe bittet, weiß der Leser auch nach den ersten Kapiteln.
Dann springt die Handlung zurück ins Jahr 1998, als Tom seine erste Ehefrau Emilia von Orosz kennenlernte. Man erfährt sehr detailliert, warum er sich von ihr scheiden ließ und wie er nach der Scheidung zum ersten Mal seiner späteren Ehefrau Charlotte begegnete. Ich war sehr gespannt darauf, zu erfahren, was Toms Erlebnisse in der Vergangenheit mit den Geschehnissen der Gegenwart zu tun haben, wartete das ganze Buch hinweg auf eine Verbindung, aber es gab keine. Man erfährt zwar, wie er zu seinem beträchtlichen Vermögen gekommen war und lernt auch seinen Freundeskreis besser kennen, aber ansonsten ist die ausführliche Schilderung seiner Vergangenheit vollkommen unnötig. Trotzdem glaube ich kaum, dass diese Passagen lediglich reine Seitenfüller sind, sondern vielmehr dazu dienen sollten, aus Tom einen tragischen Helden zu machen, einen gebrochenen Mann, der zwar wohlhabend, aber immer auf der Suche nach Liebe und Anerkennung ist, sich in Kreisen bewegt, in denen er eigentlich ein Fremdkörper ist, und nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden kann. Sabine Thiesler nimmt sich also sehr viel Zeit, ihren Protagonisten einzuführen, denn anders kann ich mir die detaillierte Ausarbeitung seiner Vorgeschichte nicht erklären. Tom ist durchaus als tragische Figur angelegt, aber eben nicht sehr überzeugend. Es war mir nicht möglich, mich in ihn einzufühlen, geschweige denn, mit ihm mitzufiebern. Seine grenzenlose Naivität und seine Unfähigkeit, selbstständig Entscheidungen zu treffen, sind schon recht anstrengend, aber seine gleichzeitige Abgebrühtheit und sein Egozentrismus machen es ziemlich schwer, mit ihm Mitleid zu empfinden. Am meisten störte mich jedoch, dass seine Handlungen häufig vollkommen unlogisch, unglaubwürdig und absolut nicht nachvollziehbar waren.
Schwer vorstellbar ist ja bereits, dass man eine Harpune unter dem Bett lagert und damit dann ohne Vorwarnung auf einen vermeintlichen Einbrecher schießt, aber wie man in einer solchen Situation auf die Idee kommen kann, sein Schicksal ausgerechnet in die Hand des Menschen zu legen, mit dessen Ehefrau man sich kurz zuvor noch vergnügt hat, ist nicht nur reichlich naiv und blauäugig, sondern vor allem auch ziemlich dreist und unverschämt. Ich bin keineswegs ein Hüter von Sitte und Moral, dass man sich zur Ehefrau des besten Freundes hingezogen fühlt, kann ja durchaus vorkommen, aber Tom betont irrsinnigerweise immer wieder, wie sehr er Charlotte liebt und wie glücklich seine Ehe ist, und es gehört ja auch ein ordentliches Stück Unverfrorenheit dazu, sich ausgerechnet dem Mann seiner Geliebten anzuvertrauen und ihn um Hilfe zu bitten.
Nun ja, René ahnt in diesem Moment nicht, dass seine Frau ihn mit Tom betrügt, ist offenbar ein erfahrener Anwalt und müsste also wissen, was nun zu tun ist, aber der Plan, den er sich ausdenkt, um Tom zu helfen, ist so unausgereift und unlogisch, dass kein halbwegs vernünftiger Mensch davon ausgehen würde, dass man sich auf diese Weise aus der Bredouille ziehen kann. Paradoxerweise ärgert sich Tom maßlos, als sich in ihm die ersten Zweifel regen, ob es vielleicht doch keine so grandiose Idee war, René blind zu vertrauen, kommt jedoch nie auf die Idee, sein eigenes Verhalten zu hinterfragen, sondern fühlt sich von seinem besten Freund verraten und lamentiert über den Verlust dieser Freundschaft. Vor diesem Hintergrund war sein weiteres Vorgehen in Italien leider noch absurder, sinnfreier und überhaupt nicht mehr nachvollziehbar. Sympathisch war mir Tom ohnehin nicht, aber man muss schon jegliche Vorstellungen von Logik und gesundem Menschenverstand außen vor lassen, um nicht auf jeder weiteren Seite in diesem Buch, genervt mit den Augen zu rollen. Spannung wollte bei mir jedenfalls nicht mehr aufkommen, eine tragische Figur, mit der man mitfiebern könnte, ist Tom eben auch nicht gerade, sodass ich mir nur noch gewünscht habe, ihn einfach kläglich scheitern zu sehen. Doch auch alle anderen Charaktere sind nicht gerade Sympathieträger, wobei man René immerhin zugutehalten muss, dass er sich zumindest zeitweise seines Verstandes bedient.
Hinzu kommen die dilettantischen Ermittlungen der deutschen und auch der italienischen Polizei, die mir wirklich die Sprache verschlug. Wenn es in Italien tatsächlich so einfach ist, unliebsame Zeitgenossen aus dem Weg zu schaffen und Morde zu vertuschen, muss dieses Land ja ein wahres Eldorado für Serienmörder sein. Hier begegnet man auch wieder Donato Neri, der Lesern von Sabine Thieslers Romanen bereits bekannt ist. Bislang hat es mir immer sehr gut gefallen, dass diese Ermittlerfigur zwar in jedem ihrer Bücher in Erscheinung tritt, aber eben ein Nebencharakter ist, dessen persönliche Lebensgeschichte eigentlich keine Rolle spielt. Leider nehmen Neris Eheprobleme in Nachts in meinem Haus einen sehr breiten Raum ein, haben nicht das Geringste mit der Haupthandlung zu tun, unterbrechen diese jedoch immer wieder und sind extrem anstrengend und langweilig. Die Turbulenzen in seinem Privatleben führen jedoch auf geradezu aberwitzige Weise dazu, dass er dem deutschen Kunstmaler Tom Simon immer wieder zufällig begegnet. Eine dieser Zufallsbegegnungen ist jedoch so an den Haaren herbeigezogen und überkonstruiert, dass ich nur noch mit dem Kopf schütteln konnte. Zufälle werden in diesem Roman ohnehin sehr überstrapaziert und machen den Plot, in dem es vor Ungereimtheiten und Logikbrüchen nur so wimmelt, leider noch unglaubwürdiger.
Manchmal konnte ich fast nicht glauben, dass das Buch tatsächlich aus der Feder von Sabine Thiesler stammt. Allerdings ist der Schreibstil der Autorin unverkennbar und das Einzige, was mir an Nachts meinem Haus gut gefallen hat. Ansonsten fehlt es diesem Roman leider an allem, was ihre Bücher bislang besonders ausgezeichnet hat – psychologische Spannung, glaubwürdige Charaktere und einen logischen und schlüssigen Plot. Das ist sehr schade, denn die Idee, die der Geschichte zugrunde liegt, hätte durchaus Potenzial und das Setting hat mir auch sehr gut gefallen, sodass ich Nachts in meinem Haus trotzdem noch gut gemeinte zwei von fünf Sternchen gebe.

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schweden, mord, thriller, stockholm, rache

Der Mörder und das Mädchen

Sofie Sarenbrant , Hanna Granz
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Rütten & Loening Berlin, 17.02.2017
ISBN 9783352008931
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Seit Henning Mankells Wallander-Krimis, Håkan Nessers Van-Veeteren-Reihe und Stieg Larssons Millennium-Trilogie bin ich ein großer Fan skandinavischer, vor allem schwedischer Krimis und Thriller. Da sie ein ganz besonderes Flair haben, bin ich immer auf der Suche nach neuen schwedischen Autoren. Deshalb war ich nun auch neugierig auf Der Mörder und das Mädchen von Sofie Sarenbrant, denn der Klappentext klang sehr vielversprechend.
Ich würde dieses Buch jedoch nicht als Thriller, sondern vielmehr als Kriminalroman bezeichnen. Obwohl ich die üblichen Ermittlungskrimis inzwischen meistens ein wenig langweilig finde und nur noch selten lese, hat mir Der Mörder und das Mädchen sehr gut gefallen, denn der Schreibstil der Autorin lässt sich sehr angenehm und flüssig lesen, die Geschichte wird atmosphärisch erzählt und der Plot ist gut durchdacht und spannend. Besonders überzeugend fand ich jedoch die Charaktere, vor allem die beiden Frauenfiguren, die im Zentrum der Ermittlungen stehen – Cornelia, die des Mordes an ihrem Ehemann verdächtigt wird und Kriminalkommissarin Emma Sköld, die in diesem Mordfall ermittelt.
Gerade was Ermittlerfiguren anbelangt, ist es inzwischen schwierig geworden, es mir noch recht zu machen, doch Emma ist eine sehr interessante und vielschichtige Protagonistin, nicht immer besonders sympathisch, aber zumindest menschlich und auch glaubwürdig. Ausführliche Schilderungen aus dem Privatleben der Ermittler, finde ich in Kriminalromanen meistens ziemlich langweilig und auch überflüssig. In diesem Buch machen sie jedoch durchaus Sinn, weil es zwischen der familiären Situation von Emma Sköld und dem aktuellen Mordfall, in dem sie ermittelt, eine Verbindung gibt. Cornelia, die beste Freundin ihrer Schwester Josefin, wird des Mordes an ihrem Ehemann beschuldigt, und obwohl Josefin an die Unschuld ihrer Freundin glaubt, ist Emma davon überzeugt, dass nur Cornelia für die Tat in Betracht kommen kann. Auch sonst sind die beiden Schwestern recht verschieden, haben unterschiedliche Lebenskonzepte und häufig Meinungsverschiedenheiten. Doch Emma hat auch noch mit anderen Problemen zu kämpfen, denn sie hat sich erst vor Kurzem neu verliebt, ist von diesem Mann schwanger und leidet unter den typischen Schwangerschaftsproblemen, sodass es ihr nicht leichtfällt, wie gewohnt weiterzuarbeiten. Sie ist allerdings sehr ehrgeizig und möchte den hohen Ansprüchen, die ihr Beruf als Kriminalkommissarin der Sektion Gewaltverbrechen an sie stellt, unbedingt weiterhin gerecht werden. Kristoffer, der neue Mann an ihrer Seite, ist Immobilienmakler und ein äußerst zwielichtiger Charakter. Immer wieder fragt sich Emma, ob er wirklich der richtige Partner für sie ist, denn er verbringt viel zu viel Zeit mit seiner Arbeit, will immer für seine Kunden erreichbar sein, hat ständig Besichtigungstermine und nur selten Zeit für sie. Aber sie liebt Kristoffer, will eine Familie mit ihm gründen und freut sich auf das gemeinsame Baby. Deshalb leidet sie auch sehr darunter, dass ihr Exfreund Hugo sie einfach nicht in Ruhe lässt und regelrecht verfolgt. Hugo liebt sie nach wie vor, kommt nicht über die Trennung hinweg, ist geradezu besessen von dem Gedanken, sie zurückzugewinnen und greift dabei zu recht beängstigenden Mitteln.
Emmas Charakter ist zwar sehr gut ausgearbeitet, allerdings hatte ich, gerade was ihre Beziehung zu Hugo anbelangt, ständig das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben und den Eindruck, dass bei der Charakterentwicklung der Ermittlerfigur etwas fehlt. Vermutlich fehlt tatsächlich etwas, aber das ist nicht die Schuld der Autorin, denn im Nachhinein habe ich nun festgestellt, dass Der Mörder und das Mädchen bereits der dritte Band der Krimireihe um Emma Sköld ist. Allerdings ist es der erste Band, der ins Deutsche übersetzt wurde, sodass ich davon ausgehe, dass sich genauere Hinweise zu Emmas Vorgeschichte und ihrer Beziehung zu Hugo in den beiden ersten Bänden befinden. Mich ärgert es immer ein wenig, wenn eine Krimireihe in der deutschen Übersetzung nicht in der richtigen Reihenfolge erscheint, aber da Der Mörder und das Mädchen offenbar der bislang erfolgreichste Roman der Emma-Sköld-Reihe ist, hat man wohl entschieden, ihn zuerst auf den deutschen Buchmarkt zu bringen. Das ist zwar schade, aber da die Geschichte in sich abgeschlossen ist, sind diese Vorkenntnisse über Emma vermutlich eher nebensächlich, wenn man sie bei ihrem aktuellen Fall begleitet.
Im Zentrum dieses Fall steht nämlich vor allem Cornelia, die des Mordes an ihrem gewalttätigen Ehemann Hans beschuldigt wird. Ich konnte mich von der ersten Seite an, sehr gut in diese Frau einfühlen, und war sehr berührt, als sie sich rückblickend daran erinnert, was ihr Mann ihr angetan hat. Die Ängste, die sie durchlebt, solange sie noch mit ihm unter einem Dach verbringen muss, sind auf jeder Seite spürbar, aber auch der Schock und die gleichzeitige Erleichterung, als Hans am Morgen des Tages, an dem sie endlich aus dem gemeinsamen Haus ausziehen wollte, tot im Gästezimmer liegt, werden sehr nachvollziehbar geschildert. Obwohl Cornelia in mehrfacher Hinsicht vom Tod ihres Ehemanns profitiert und keinen Grund hat, um ihn zu trauern, hatte ich zunächst nicht eine Sekunde lang den Verdacht, sie könnte ihn tatsächlich ermordet haben. Das änderte sich jedoch im weiteren Handlungsverlauf, denn in ihren Aussagen offenbaren sich immer wieder Ungereimtheiten. Es gibt weder Zeugen, die bestätigen könnten, dass ihr Mann tatsächlich gewalttätig war, noch hat sie ihn jemals angezeigt oder einen Arzt aufgesucht. Außerdem scheint sie, was den Verkauf des Hauses anbelangt, etwas zu verbergen. Doch obwohl sie sich manchmal etwas verdächtig verhält und ich häufig dachte, sie könnte Hans tatsächlich ermordet haben, hoffte ich, dass man sie nicht des Mordes überführt, denn man könnte es ihr kaum verübeln, sich ihres gewalttätigen Ehemannes entledigt zu haben.
Allerdings werden die Ereignisse während der Ermittlungen abwechselnd aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, sodass stets neue Verdächtige auftauchen. Man verfolgt den Fall nicht nur aus der Sicht von Cornelia, ihrer Freundin Josefin und der Kommissarin Emma Sköld, sondern auch aus der des Täters. Obwohl er seine Gedanken aus der Ich-Perspektive schildert, bleiben sowohl seine Identität als auch sein Motiv bis zum Schluss vollkommen im Dunkeln. Außerdem begleitet man auch Hugo, den Exfreund von Emma, dabei, wie er seiner ehemaligen Freundin und ihrem neuen Lebensgefährten immer wieder auflauert und alles versucht, diese Beziehung zu zerstören.
Die Autorin versteht es wirklich, mit den klassischen Zutaten eines guten Kriminalromans geschickt zu hantieren, den Verdacht immer wieder raffiniert auf eine andere Person zu lenken und falsche Fährten auszulegen. Die Spannungskurve steigt zwar kontinuierlich an, fällt in der Mitte des Romans aber leider ein wenig ab und bäumt sich erst in den letzten Kapiteln wieder gewaltig auf. Trotz aller Verwicklungen, lösen sich alle Handlungsfäden logisch auf und führen zu einem schlüssigen Ende zusammen. Erst auf den letzten Seiten wird dem Leser die Auflösung des Falls präsentiert, die mehr als überraschend für mich war und mich mit einem unbehaglichen Frösteln zurückließ. Aber gerade solche Enden liebe ich in diesem Genre.
Mir hat dieser Kriminalroman ausgesprochen gut gefallen, denn er war bis auf ein paar kleine Durststrecken recht spannend und vor allem gut durchdacht. Ich würde mich freuen, wenn auch die beiden ersten Bände der Emma-Sköld-Reihe ins Deutsche übersetzt werden und würde diese recht interessante Ermittlerin gerne noch bei weiteren Fällen begleiten.

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berlin, www.die-rezensentin.de, ermittlung, krimi, trieb

Ein dunkler Trieb

L.U. Ulder
Flexibler Einband: 444 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 02.11.2016
ISBN 9783426216019
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Inhalt:

Björn Liebermann hatte sich seinen Neubeginn in Berlin vollkommen anders vorgestellt. Der Wegzug aus Hamburg ist ihm ohnehin nicht leichtgefallen und war auch nicht seine Idee, aber seine Freundin Franziska hat endlich ihren Traumjob gefunden, sodass er auf seine anstehende Beförderung zum Hauptkommissar verzichtete und ihr zuliebe nach Berlin zog. Immerhin sah zunächst alles danach aus, als könnte er hier wenigstens bei der neu aufgestellten Ermittlungsgruppe für Banden- und Schwerstkriminalität einsteigen, doch stattdessen muss er nun einen erkrankten Kollegen bei der Mordkommission ersetzen. Er macht auf der Dienststelle keinen Hehl daraus, dass er enttäuscht ist, Mord und Totschlag ihn nicht besonders interessieren und er auch keine Erfahrung mit Tötungsdelikten hat.
Beim Anblick der bereits stark verwesten Frauenleiche, die ein Spaziergänger mit seinem Hund in einem Waldstück fand, stößt Björn schnell an seine Grenzen. Die junge Frau wurde offenbar mehrfach missbraucht und qualvoll erstickt. Doch ahnen Björn und seine Kollegen von der Mordkommission zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie es mit der Tat eines perversen Serienmörders zu tun haben, der es geradezu meisterhaft versteht, keine Spuren zu hinterlassen.

Meine persönliche Meinung:

Bei Ein dunkler Trieb von L. U. Ulder handelt es sich um den ersten Band der Reihe um den Ermittler Björn Liebermann, der sich seiner Lebensgefährtin zuliebe von Hamburg nach Berlin versetzen ließ und dort zunächst bei der Mordkommission landet. Ich habe in der letzten Zeit nur noch selten nach solchen klassischen Ermittlungsthrillern gegriffen, weil mich viele sehr enttäuscht haben, aber sobald in einem Klappentext das Wörtchen „Serienmörder“ fällt, ist mein Interesse geweckt und die Neugierde groß, sodass ich auf Ein dunkler Trieb sehr gespannt war.
Schon auf den ersten Seiten begleitet man den Mörder bei seiner ersten Tat und erhält detaillierte Einblicke in die tiefsten Abgründe menschlicher Grausamkeit. L. U. Ulder verlangt dem Leser schon einiges ab, denn im weiteren Handlungsverlauf wird man noch mit weiteren Perversionen konfrontiert, zu denen der Täter fähig ist. Man darf nicht allzu zimperlich und zartbesaitet sein, wenn man den wirklich abartigen Gedankengängen dieses Sadisten folgt und ihn bei seinen Taten begleitet, denn wie der Titel schon sagt, wird er von wahrhaft dunklen Trieben geleitet. Trotzdem haben mir gerade die Kapitel besonders gut gefallen, die aus der Sicht des Mörders erzählt werden und in denen man nicht nur hautnah miterlebt, wie er sich seine Opfer aussucht und sich ihnen nähert, sondern auch, was er ihnen antut. Obwohl die blutigen Details und die brutalsten Grausamkeiten häufig nur angedeutet werden, sind diese Passagen überaus verstörend, schockierend und teilweise auch wirklich abstoßend. Beängstigend ist aber vor allem, dass dieser Mörder sehr intelligent ist, seine Taten überaus präzise plant und große Freude und Lust dabei verspürt. Außerdem weiß er, wie man Spuren verwischt und geschickt falsche Fährten legt. Und so stoßen Björn Liebermann und sein Team recht schnell auf einen Verdächtigen und ahnen zunächst nicht, dass sie es eigentlich mit einem Serienmörder zu tun haben, der sie raffiniert an der Nase herumführt.
Ich greife vor allem deshalb immer seltener zu reinen Ermittlungsthrillern, weil die Ermittlungen häufig so langatmig oder aber so unglaubwürdig geschildert werden, dass man sich regelrecht durch die Seiten quälen muss. Ich weiß nicht, in welchem Bereich L. U. Ulder hauptberuflich arbeitet, im Buch steht lediglich ein wenig kryptisch, dass es sich bei L. U. Ulder um ein Pseudonym handelt und der Autor in seinem Hauptberuf mit „ebensolchem Verhalten konfrontiert“ wird. Man merkt auf jeden Fall deutlich, dass er sich mit der Ermittlungsarbeit auskennt oder zumindest sehr gut recherchiert hat, denn die Mordermittlungen werden sehr glaubhaft und realistisch geschildert. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass Björn Liebermann und seine Kollegen von der Mordkommission sehr gut und vor allem glaubwürdig ausgearbeitet sind. Gerade was Ermittlerfiguren anbelangt, kann man es mir eigentlich kaum noch recht machen. Ich muss sie nicht mögen, aber sie sollten eben glaubwürdig und nicht überzeichnet sein. Björn Liebermann hatte es leider schon nach wenigen Seiten bei mir verscherzt. Da seine Lebensgefährtin einen Traumjob bei einer Großbank gefunden hat, ließ er sich von Hamburg nach Berlin versetzen, musste aber seine Hündin Laura in Hamburg zurücklassen. Ja, sowas reicht schon, um meine Sympathien zu verspielen. Hinzu kommt, dass seine Freundin eine so oberflächliche und arrogante Person ist, dass es mir ohnehin schwerfiel, nachzuvollziehen, warum er ihretwegen sein altes Leben und vor allem seinen Hund in Hamburg zurückgelassen hat und ständig nach ihrer Pfeife tanzt. Nachdem ich den Klappentext gelesen hatte, hatte ich ja ein bisschen die Befürchtung, dass die privaten Probleme von Björn Liebermann etwas zu sehr in den Fokus gerückt werden könnten, denn Beziehungsprobleme und andere Privatangelegenheiten der Ermittler empfinde ich in Thrillern meistens als störend. L. U. Ulder hat es aber geschafft, das etwas verkorkste Privatleben seiner Ermittlerfigur geschickt in die Thrillerhandlung einzubetten, sodass man Björn Liebermann zwar sehr gut kennenlernt, aber die Spannung nicht darunter leidet. Glücklicherweise hat es Björn auch geschafft, das Ruder noch mal rumzureißen, sodass ich mich wieder mit ihm versöhnen konnte, er mir zunehmend sympathischer wurde und ich ihn gerne bei seinen Ermittlungen begleitet habe. Besonders gut hat mir jedoch seine Vorgesetzte Claudia Harder gefallen, weil man in Büchern nur sehr selten solchen Frauenfiguren begegnet. Ich will nicht behaupten, dass sie besonders sympathisch ist, aber sie ist eine sehr außergewöhnliche Ermittlerin und trotzdem nicht überzeichnet. Sie ist sehr ungepflegt, legt offenbar keinen Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild und hat den Liebreiz eines Bierkutschers, trinkt gerne mal einen über den Durst, hat überhaupt keine Manieren und ist ziemlich derb, rüpelhaft und burschikos, was ihr einen nicht besonders schmeichelhaften Spitznamen eingebracht hat, aber trotzdem mochte ich sie, denn zumindest beweist sie Charakter, ist ehrlich, direkt und unverstellt.
Die Ermittlungen führen Björn Liebermann auch immer wieder zum Berliner Straßenstrich, wo er unerwartet Hilfe von einer Prostituierten und einem Spanner erhält, der über seine Beobachtungen genauestens Buch führt und ein ausgesprochen widerlicher Charakter ist. Aber selbst diese Nebenfiguren sind sehr präzise gezeichnet und detailliert ausgearbeitet.
Durch die Täterperspektive ist der Leser den Beamten der Mordkommission immer einen Schritt voraus und weiß auch, dass, selbst als die Ermittlungen abgeschlossen zu sein scheinen, die Gefahr, die von diesem Perversen ausgeht, noch keineswegs vorbei ist. Dieser Thriller ist sehr raffiniert konstruiert und hat einen äußerst gut durchdachten und wendungsreichen Plot. Das Spannungslevel, das von der ersten Seite an sehr hoch ist, wird kontinuierlich gehalten, sodass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Auch die angenehm kurzen Kapitel sowie der eingängige Schreibstil und die lebendigen Dialoge sorgen dafür, dass man nur so durch die Seiten fliegt.
Besonders wichtig ist mir bei Ermittlungsthrillern vor allem, dass das Ende nicht vorhersehbar, aber trotzdem logisch und nicht überkonstruiert ist. Auch hier hat mich der Autor nicht enttäuscht, denn die Auflösung des Falls hat mich nicht nur überrascht, sondern war auch schlüssig und glaubwürdig.
Obwohl mir die Schilderungen grausamster Perversionen und die Darstellung dunkelster menschlicher Abgründe einiges abverlangt haben und ich mitunter große Abscheu und auch Ekel empfand, hat mir Ein dunkler Trieb überaus gut gefallen, mir sehr spannende Lesestunden bereitet und mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt, begeistert und vollkommen in seinen Bann gezogen. Ich freue mich schon auf den nächsten Fall von Björn Liebermann, den er hoffentlich wieder an der Seite von Claudia Harder lösen darf (auch wenn er das vermutlich gar nicht möchte).

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225 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 64 Rezensionen

thriller, entführung, jugendbuch, thailand, spiel

Wonderland

Christina Stein
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei FISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch, 25.08.2016
ISBN 9783733502898
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Bei Wonderland handelt es sich bereits um das zweite Buch von Christina Stein. Ich bin froh, ganz zufällig auf anderen Blogs auf diesen Thriller gestoßen zu sein, denn auf meiner üblichen Suche nach spannendem Lesestoff hätte ich es vermutlich niemals entdeckt. Es ist im FISCHER Kinder- und Jugendbuch Verlag erschienen, dessen Verlagsprogramm ich mir nur selten anschaue, da ich mich eigentlich nicht mehr zur Zielgruppe zähle. Auch in Buchläden stöbere ich nie durch die Kinder- und Jugendbuchabteilung und würde dort ein Buch wie Wonderland weder suchen noch vermuten. Dieser Thriller wird vom Verlag für die Altersklasse ab 16 Jahren empfohlen, und jünger sollte man auch nicht sein, wenn man dieses Buch lesen möchte, schon gar nicht, wenn man etwas zartbesaitet ist und mit Brutalität und Grausamkeiten in Büchern nicht zurechtkommt. Ich lese durchaus hin und wieder gerne einen Jugendthriller, aber meistens sind sie mir eben ein bisschen zu harmlos, was man von Wonderland allerdings nicht behaupten kann, denn die Autorin beschreibt schonungslos alle Facetten des Bösen und entwirft ein wahrhaft grauenvolles Szenario.
Mich hat dieses Buch eine schlaflose Nacht gekostet, denn es war von der ersten bis zur letzten Seite so unglaublich fesselnd und spannend, dass ich mich nicht davon losreißen konnte. Der Schreibstil der Autorin ist großartig, für ein Jugendbuch allerdings außergewöhnlich anspruchsvoll, zumal die Sätze recht lang und mitunter auch etwas verschachtelt sind. Mir hat er jedoch gut gefallen, passt hervorragend zu diesem temporeichen Thriller und behindert keineswegs einen sehr fließenden und eingängigen Lesefluss.
Bereits das Setting dieses beklemmenden Thrillers ist hervorragend gewählt, denn das abgeschiedene Areal inmitten des thailändischen Dschungels, das von einer hohen Betonmauer umgeben und mit einigen beängstigenden Details ausgestattet ist, sorgt für eine äußerst klaustrophobische Grundstimmung.
Das Buch wird aus der Ich-Perspektive von Liz, Jacob und auch einem der Täter und Hauptdrahtzieher dieses brutalen Reality-Games erzählt. Da die Kapitel jedoch nur durchnummeriert und nicht mit dem Namen des jeweiligen Charakters betitelt sind, erschließt sich erst nach den ersten Sätzen eines Kapitels, aus wessen Sicht gerade erzählt wird, was zunächst etwas gewöhnungsbedürftig ist.
Obwohl man diesen drei Charakteren durch die gewählte Ich-Perspektive sehr nahekommt, ist Jacob zu Beginn der Geschichte noch äußerst geheimnisvoll und nur schwer durchschaubar, gewinnt erst im weiteren Handlungsverlauf mehr Kontur, offenbart Stück für Stück seine tragische Vergangenheit und wurde mir dann auch zunehmend sympathischer. Anfangs war mir dieser junge Mann sehr suspekt, denn er weiß mehr als er zugibt, und man ahnt auch recht schnell, dass er für dieses Spiel nicht zufällig ausgewählt wurde. Er ist ein äußerst interessanter und auch facettenreicher Charakter.
Die zwanzigjährige Liz hingegen, wuchs mir schon auf den ersten Seiten ans Herz. Sie zeigt sich von dieser luxuriösen Villa eher unbeeindruckt und spürt sofort, dass mit diesem Ort etwas nicht stimmt. Ihr Schicksal berührte mich auch am meisten, denn sie ist schwer herzkrank, träumte von einer Karriere als Ballerina, die sie aufgrund ihrer Krankheit jedoch aufgeben musste, und will nun eine Weltreise machen, um etwas von der Welt zu sehen. Die Angst vor dem Tod ist ohnehin ihr ständiger Begleiter, aber sie hätte nie damit gerechnet, nicht an ihrer Krankheit, sondern in einem perfiden Reality-Game perverser Männer sterben zu müssen. Ihre Verzweiflung, Panik und ihre Ängste sind auf jeder Seite spürbar, aber dennoch gibt sie niemals auf und beeindruckte mich vor allem durch ihren Mut und Kampfgeist. Auch wenn ihre sich anbahnende Liebe zu Jacob in dieser nicht gerade romantisch aufgeladenen Atmosphäre auf den ersten Blick etwas befremdlich scheint, hat mich diese zarte Liebesgeschichte nicht gestört und zeigte, welche ungeahnten Kräfte Liebe zu mobilisieren vermag. Doch Jacob ist eben auch sehr undurchsichtig und rätselhaft, sodass man nicht weiß, ob man ihm tatsächlich trauen kann.
Doch nicht nur Liz‘ aufkeimende Liebe zu Jacob, sondern auch ihre Beziehung zu ihren Freunden wird während dieses grausamen Opferspiels immer wieder auf eine harte Probe gestellt, zumal die sechs Studenten jeden zweiten Tag entscheiden müssen, wer von ihnen geopfert werden soll. Alle Charaktere sind überaus präzise und auch glaubwürdig ausgearbeitet, und Christina Stein ist es sehr gut gelungen, die Emotionen und Verhaltensweisen, die unter ständiger Todesangst, in Gefangenschaft und während des vollkommenen Ausgeliefertseins an einen bzw. mehrere unbekannte Gegner in Erscheinung treten, sehr authentisch, nachvollziehbar und eindrucksvoll zu beschreiben. Und so fiebert man mit diesen sechs jungen Menschen unaufhaltsam mit, schwankt mit ihnen zwischen Hoffnung und Verzweiflung und durchlebt und durchleidet an ihrer Seite all die abscheulichen Grausamkeiten, die ihre Peiniger ihnen zufügen.
Besonders verstörend sind vor allem die Passagen, die aus der Sicht des Initiators dieses barbarischen Spiels geschildert werden, denn seine Gedanken, seine Ansichten über Frauen und auch die Beweggründe, die ihn und auch die anderen Männer zu solchen Taten veranlassen und sich im weiteren Verlauf der Geschichte allmählich offenbaren, waren überaus pervers, abstoßend und schockierend.
Doch so alptraumhaft dieses Szenario auch ist, schien es mir durchaus nicht vollkommen abwegig, dass Menschen, die es sich leisten können, jeden Preis zu bezahlen, um ihre Perversionen ungehindert ausleben zu können, auf solche bizarren Ideen kommen. Christina Stein schafft es zumindest, ihre Geschichte durchaus authentisch, realistisch und vorstellbar zu erzählen. Gerade das macht diesen Thriller auf geradezu erschreckende Weise glaubwürdig und schockierend.
Vor allem gelingt es der Autorin aber, schon nach wenigen Seiten ein sehr hohes Spannungslevel zu erzeugen und es kontinuierlich zu steigern. Wonderland ist ein rasanter Thriller, der den Leser nicht nur in die dunkelsten menschlichen Abgründe und Perversionen reißt, sondern ihn auch die Angst, den Schrecken und das Gefühl ausgelieferter Ohnmacht hautnah miterleben lässt. Ein absoluter Pageturner – schonungslos, tempogeladen und fulminant erzählt.

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144 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 24 Rezensionen

thriller, psychose, tom rob smith, labil, sschweden

Ohne jeden Zweifel

Tom Rob Smith
E-Buch Text: 384 Seiten
Erschienen bei Manhattan, 14.10.2013
ISBN 9783641091484
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Inhalt:

Daniel war sicher, dass seine Eltern glücklich sind und ihren Ruhestand in vollen Zügen genießen, seit sie zu ihrem letzten großen Abenteuer aufgebrochen waren und das Großstadtleben gegen ein beschaulicheres Leben auf dem Land tauschten. Sie haben ihre Gärtnerei und ihr Haus in London verkauft und einen abgelegenen Hof in Schweden erworben, dem Heimatland seiner Mutter, das sie im Alter von sechzehn Jahren verlassen hatte. Daniel hat seine Eltern in Schweden zwar nie besucht, zweifelte allerdings bislang nie daran, dass sie im ländlichen Schweden ihr Glück und auch neue Freunde gefunden haben.
Umso schockierter ist er nun, als sein Vater ihn mit der Nachricht konfrontiert, dass seine Mutter unter einer Psychose leide und er sie in ein Krankenhaus einweisen lassen musste. Daniel beschließt, gleich am nächsten Tag nach Schweden zu reisen, doch noch bevor er sich auf den Weg machen kann, erreicht ihn ein Anruf seiner verzweifelten Mutter. Sie bittet Daniel, seinem Vater kein Wort zu glauben, denn sie sei nicht verrückt, brauche keinen Arzt, sondern die Polizei und sei schon auf dem Weg zu ihm nach London.
Daniel weiß nicht mehr, wem er glauben soll, als seine Mutter kurz darauf am Flughafen ankommt und ihm immer wieder versichert, dass sie keine Wahnvorstellungen habe, sondern man sie nur zum Schweigen bringen wolle und in großer Gefahr schwebe. Erst als sie in Daniels Wohnung ist und sich sicher und unbeobachtet fühlt, erzählt sie ihm, dass sie in Schweden einem furchtbaren Verbrechen an einem jungen Mädchen auf die Spur gekommen sei, das von der verschworenen Dorfgemeinschaft vertuscht werde. Sein Vater habe sich sehr verändert und sei ebenfalls an diesem Komplott gegen sie beteiligt. Sie beschwört ihren Sohn, ihr zu vertrauen, denn er ist ihre letzte Hoffnung. Daniel ist hin- und hergerissen zwischen seinen Eltern, weiß nicht, welcher Version er Glauben schenken kann und beschließt deshalb, die Wahrheit selbst herauszufinden.

Meine persönliche Meinung:

Ich bin ganz zufällig über Ohne jeden Zweifel von Tom Rob Smith gestolpert, fand den Klappentext sehr ansprechend und war gespannt auf den Psychothriller eines britischen Autors, der den Schauplatz seines Buches in Schweden angesiedelt hat. Ich habe allerdings noch nie etwas von Ohne jeden Zweifel gehört, habe, um ehrlich zu sein, nicht allzu viel erwartet und mich nun umso mehr gefreut, durch Zufall auf einen ebenso spannenden wie tiefgründigen Psychothriller gestoßen zu sein, der mich von der ersten Seite an begeistert hat.
Wenn es zwischen den Eltern zu Streitigkeiten kommt, geraten Kinder, egal welchen Alters, in einen schmerzhaften Loyalitätskonflikt, bei dem sie nicht mehr wissen, auf wessen Seite sie sich schlagen sollen. Man will nicht vor die Wahl gestellt werden, sich für ein Elternteil entscheiden zu müssen, sondern sich die Liebe und das Vertrauen beider bewahren. In einen solchen Konflikt gerät Daniel, als sein Vater ihm mitteilt, dass seine Mutter Wahnvorstellungen habe und sich Verbrechen und Verschwörungen einbilde, wo keine sind. Seine Mutter Tilda hingegen versucht alles, um Daniel davon zu überzeugen, dass sie die Wahrheit sagt, ihr Verstand vollkommen klar ist und sein Vater sogar in den Komplott verwickelt ist, den die eingeschworene Dorfgemeinschaft in Schweden gegen sie führt. Daniel weiß nicht mehr, wem er nun glauben soll. Die Worte seiner Mutter klingen logisch und einleuchtend, zumal sie auch Beweise in ihrer Handtasche hat, die ihre Behauptungen stützen, aber sein Vater hat die Saat des Zweifels bereits gesät, sodass Daniel die Glaubwürdigkeit seiner Mutter trotzdem immer wieder in Frage stellt. Er nimmt sich sehr viel Zeit, um ihr die Möglichkeit zu geben, ihm ihre Sicht der Dinge in Ruhe darzulegen.
Das Buch besteht überwiegend aus einem Dialog zwischen Mutter und Sohn, bei dem jedoch die Erzählungen der Mutter überwiegen und Daniel sie nur unterbricht, wenn er etwas nicht versteht oder sie ihn auffordert, ihre Vermutungen zu bestätigen.
Schon zu Beginn dieses Gesprächs mit seiner Mutter, bricht Daniels harmonisches Bild von der Ehe seiner Eltern vollkommen in sich zusammen. Er erfährt, dass es zwischen seinen Eltern schon früher häufig zu Streitigkeiten und Konflikten kam, die jedoch immer vor ihm verborgen wurden, um ihn zu schützen. Besonders irritiert ist er aber, weil er dachte, dass seine Eltern ihren Ruhestand bequem finanzieren können, sich ganz bewusst für ein einfaches Leben auf dem Land entschieden haben und nicht ahnte, dass sie die Entscheidung, sich einen heruntergekommenen Hof in Schweden zu kaufen und dort ihr Gemüse selbst anzubauen, aus reiner Not getroffen hatten, weil ihre finanziellen Mittel gar nicht reichten, um weiterhin in London leben zu können. Im weiteren Verlauf des Gesprächs stellt er sich immer wieder die Frage, ob er seine Eltern überhaupt kennt und macht sich auch große Vorwürfe, sich im Grunde nie für ihr Leben interessiert zu haben. Er ging einfach immer stillschweigend davon aus, dass sie glücklich sind, hat auch nie mitbekommen, dass sie Probleme haben und sie auch nie mit seinen eigenen konfrontiert. Auch er war nie ehrlich zu seinen Eltern, hat nicht nur seine Homosexualität, sondern auch seine berufliche Erfolglosigkeit vor ihnen verheimlicht und sich von ihnen distanziert, weil er das Bild, das sie von ihm hatten, nicht zerstören und sie nicht enttäuschen wollte. Trotz aller Heimlichkeiten merkt man jedoch, dass Daniel seine Eltern liebt, sie auch ihn lieben und stellt sich unwillkürlich die Frage, wie gut man die Menschen, die man liebt, eigentlich kennt. Gerade weil er seine Eltern liebt, fällt es ihm nun so schwer, sich entscheiden zu müssen, auf wessen Seite er nun steht. Ist sein Vater tatsächlich in kriminelle Machenschaften verstrickt und somit selbst ein Verbrecher? Schwebt seine Mutter tatsächlich in Gefahr oder ist sie eine geistesgestörte, paranoide Frau mit Wahnvorstellungen? Weder das eine noch das andere will Daniel akzeptieren, muss allerdings eine Entscheidung treffen.
Ich konnte mich sehr gut in die Gefühle und Gedanken, die Daniel während dieses Dilemmas hat, hineinversetzen, denn Tom Rob Smith hat seinen Hauptprotagonisten psychologisch sehr präzise und glaubwürdig ausgearbeitet. Im Nachwort seines Thrillers, das sehr berührend war, schildert der Autor die realen und autobiografischen Hintergründe seines Psychothrillers. Da er schon selbst in der Situation war, in der sich Daniel befindet, ist es nicht erstaunlich, dass er zwiespältigen Emotionen seines Hauptprotagonisten so eindrucksvoll, authentisch und nachvollziehbar schildert.
Während Daniels Mutter streng chronologisch und bis ins kleinste Detail erzählt, was nun in Schweden genau vorgefallen ist, und genau erklärt, warum sie so sicher ist, dass sich die Leute im Dorf gegen sie verschworen haben, stellt sich nicht nur Daniel, sondern auch der Leser die Frage, ob man ihren Worten Glauben schenken kann. Häufig hört sich das, was sie sagt, durchaus glaubwürdig an, die Schlüsse, die sie zieht, scheinen mitunter auch logisch zu sein, aber dennoch gerät man hin und wieder ins Straucheln, weil gerade die Anschuldigungen gegen ihren Mann sehr absurd klingen. Sie macht es Daniel und damit auch dem Leser nicht leicht, eine Entscheidung zu treffen. Als Daniel seine Entscheidung schließlich doch getroffen hat, fühlt er sich jedoch nicht so recht wohl dabei, beschließt deshalb, selbst nach Schweden zu fahren und der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Dabei kommt er einem schrecklichen Familiengeheimnis auf die Spur, das weit in die Vergangenheit seiner Mutter reicht und sehr erschütternd war.
Wer einen rasanten Thriller erwartet, wird von Ohne jeden Zweifel sicher enttäuscht sein. Die sehr ausführlichen Erzählungen von Tilda und der innere Konflikt des Hauptprotagonisten stehen zunächst vollkommen im Fokus dieses Psychothrillers, während das Verbrechen an dem jungen Mädchen, eher zweitrangig ist. Erst auf den letzten hundert Seiten, als sich Daniel in Schweden auf die Spurensuche begibt und selbst versucht, herauszufinden, was dem Mädchen, von dem ihm seine Mutter erzählt hat, zugestoßen ist und die Tragödie, die sich hinter der Geschichte seiner Mutter verbirgt, allmählich aufdeckt, nimmt das Tempo etwas zu. Trotz seiner ruhigeren Gangart hat mich dieser Psychothriller von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und vollkommen in seinen Bann gezogen, mich häufig tief bewegt und sehr nachdenklich, aber mit einem versöhnlichen Ende zurückgelassen. Ich bin froh, dieses Buch entdeckt zu haben und kann Ohne jeden Zweifel nur jedem empfehlen, der etwas gemächlichere, aber dafür umso tiefgründigere Thriller mag.

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29 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

finnland, moor, krimi, eric berg, thriller

Kalt

Eric Berg
E-Buch Text: 192 Seiten
Erschienen bei bloomoon, 12.02.2016
ISBN 9783845815572
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Inhalt:

Acht Internatsschüler fahren im Rahmen einer Exkursion ihres Biologie-Leistungskurses nach Finnland in den Patvinsuo-Nationalpark, um dort bei einem Projekt zur Rettung der finnischen Moore mitzuhelfen. Sie werden von ihren beiden Lehrern Dr. Brecht und Mrs Greenwood begleitet und vor Ort von dem jungen, attraktiven Nooa betreut, der sich in dieser Moorlandschaft auskennt, den Schülern erklärt, was bei der Renaturierung eines Moores zu tun ist und sie auch über die Gefahren aufklärt, die im Moor lauern. Eindrücklich zeigt er ihnen, was passiert, wenn sie die Markierungen verlassen und in eines der tückischen Moorlöcher geraten, aus denen man sich nicht mehr aus eigener Kraft befreien kann.
Kurz nachdem sich die Schüler in dem Biwak eingerichtet haben, in dem sie während ihrer Exkursion unterkommen, verschwindet ihr Biologielehrer Dr. Brecht plötzlich spurlos. Hatte er genug von den geschmacklosen Streichen, die ihm schon am ersten Tag gespielt wurden? Es sieht dem verantwortungsbewussten Lehrer allerdings gar nicht ähnlich, sich einfach stillschweigend aus dem Staub zu machen. Da sie keine Spur von ihm finden können und in diesem abgelegenen Teil Finnlands keinen Handyempfang haben, beschließt Mrs Greenwood, in die nächstgelegene Stadt zu fahren, ihren Kollegen bei der Polizei vermisst zu melden und die Schule zu informieren. Allerdings kehrt sie nicht mehr zurück, sodass die acht Teenager mit ihrem Betreuer Nooa, der kaum älter ist als sie, nun völlig auf sich allein gestellt sind. Sie stecken ohne ein Fahrzeug in diesem Lager inmitten des Moores fest, und da es inzwischen auch noch zu schneien beginnt, werden sie außerdem bald eingeschneit sein.
Einige Schüler genießen es, endlich ohne ihre Lehrer ausgiebig feiern zu können und kosten ihre Freiheit in vollen Zügen aus. Doch die Lage droht zu eskalieren, als einer von ihnen tot aufgefunden wird. War es nur ein tragischer Unfall oder etwa Mord? Und wer hat die Pflöcke mit den Markierungen versetzt? Ist vielleicht der unheimliche Nationalparkwächter, der ganz in der Nähe in einer einsamen Hütte lebt, für all diese rätselhaften Vorkommnisse verantwortlich? Oder ist einer von ihnen vielleicht ein Mörder?

Meine persönliche Meinung:

Ich habe vor ein paar Monaten Eric Bergs Kriminalroman Das Küstengrab gelesen, und da er mir sehr gut gefallen hat, wollte ich unbedingt mehr von diesem Autor lesen. Bei Eric Berg handelt es sich um das Pseudonym des Schriftstellers Eric Walz, der bereits zahlreiche historische Romane veröffentlicht hat und unter dem Namen Eric Berg Kriminalromane sowie Jugendthriller schreibt. Obwohl ich der Zielgruppe schon seit ein paar Jahrzehnten entwachsen und bei Jugendbüchern immer ein bisschen skeptisch bin, habe ich mich nun für Eric Bergs Jugendthriller Kalt entschieden, denn der Klappentext klang sehr vielversprechend und interessant. Ich habe diese Entscheidung nicht bereut, denn Kalt hat mich wirklich überzeugt und war spannender als ich dachte.
Besonders beeindruckt war ich von dem Schauplatz, an dem die Geschichte spielt. Moorlandschaften sind ja wunderschön, so gefährlich wie ihr Ruf sind Moore auch nicht, aber dennoch sind sie immer ein wenig unheimlich, geheimnisvoll und auch bedrohlich und bieten somit natürlich die perfekte Kulisse für einen gruseligen und packenden Thriller. Dem Autor ist es sehr gut gelungen, die finnische Moorlandschaft vor den Augen des Lesers Gestalt annehmen zu lassen und die Gefahren, die im Moor lauern können, sehr eindrücklich zu beschreiben. Besonders beklemmend ist jedoch die Abgeschiedenheit des Patvinsuo-Nationalparks. Als die beiden Lehrer plötzlich spurlos verschwinden und die Jugendlichen auf sich alleine gestellt sind, keine Möglichkeit haben, Hilfe zu holen oder diesen Ort zu verlassen und mitten im Mai dann auch noch starke Schneefälle einsetzen und sie bald eingeschneit sein werden, ist diese bedrohliche Situation, aus der es kein Entkommen zu geben scheint, sehr gut nachvollziehbar und äußerst beängstigend. Hinzu kommt, dass ganz in der Nähe der Wächter des Nationalparks lebt, der ein recht unangenehmer und unheimlicher Zeitgenosse ist und ihnen offenbar auch nicht helfen will. Doch die eigentliche Gefahr geht nicht von der Kälte, dem Schnee, dem schlammigen Untergrund des Moores und den kaum wahrnehmbaren tückischen Moorlöchern aus, sondern lauert innerhalb der Schülergruppe, die nun mit ihrem Betreuer Nooa, der kaum älter ist als sie, in diesem Biwak eingeschlossen sind.
Eric Berg hat sich sehr viel Mühe gegeben, seine Charaktere präzise und psychologisch ausgefeilt auszuarbeiten. So beginnt jedes Kapitel mit einer Art Zeugenaussage, in denen nicht nur Schüler zu Wort kommen, die an der Exkursion teilnahmen, sondern auch ihre Mitschüler, Freunde und Geschwister. In diesen Passagen erfährt man zunächst nur wenig über das, was im finnischen Moor tatsächlich vorgefallen ist, lernt die acht Schüler aber besonders gut kennen, erhält Einblicke in ihr Leben, ihre Gefühle und Gedanken und erfährt auch, warum sie im Internat sind. Die Schicksale und Lebensgeschichten der Jugendlichen waren teilweise sehr berührend und nehmen in diesem Jugendroman einen sehr breiten Raum ein. Auf den ersten Blick scheinen manche Details nichts mit den Geschehnissen in Finnland zu tun zu haben, liefern allerdings die Erklärung für das Verhalten der Schüler und für die Konflikte, die während dieser Exkursion zutage treten. Dass die Situation im Lager so eskaliert, liegt nicht nur an den äußeren Umständen und der Abgeschiedenheit im Moor, sondern auch daran, dass es zwischen den Schülern immer wieder zu Streitigkeiten, Machtkämpfen und Eifersuchtsszenen kommt. Besonders unter den Mädchen enfacht sich ein erbitterter Kampf um die Gunst des guttaussehenden Betreuers Nooa, von dessen Charme sie sofort hingerissen sind. Teilweise sind diese Zickenkriege unter den Schülerinnen schon ein wenig anstrengend, aber dennoch sehr authentisch und glaubwürdig. Der charismatische Nooa versteht es, jeden für sich einzunehmen und imponiert auch den Jungs. Doch ein paar weigern sich auch, sich von ihm etwas sagen zu lassen, genießen es, dass die Lehrer endlich weg sind und wollen sich den Spaß von Nooa nicht vermiesen lassen. Abgesehen von Franzi, einem Mädchen, das ebenfalls in Nooa verliebt ist, sich an den Zickereien jedoch nicht beteiligt, und Lasse, einem Jungen, der sich von Nooa verstanden fühlt und endlich den Mut findet, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen, waren mir diese jungen Menschen allerdings nicht besonders sympathisch. Einige der Jugendlichen verhalten sich äußerst merkwürdig, scheinen auch zu abscheulichen Grausamkeiten fähig zu sein, sodass der Verdacht immer wieder geschickt auf eine andere Person gelenkt wird, als es den ersten Toten gibt.
Was tatsächlich während dieser Klassenfahrt passiert ist, erfährt man Stück für Stück in den Rückblenden einiger Exkursionsteilnehmer, vor allem von Franzi, die eine recht gute Beobachtungsgabe hat und erschreckende Details offenbart.
Es hat mir sehr gut gefallen, dass der Autor jeder seiner Figuren, auch den Freunden, Mitschülern und Geschwistern, die sich zu den Geschehnissen äußern, eine individuelle Sprache verliehen hat und sie somit zu unverwechselbaren Charakteren macht. Natürlich verwendet er dabei, je nachdem, wer sich zu Wort meldet, eine mitunter recht flapsige Jugendsprache, was die Authentizität jedoch unterstreicht und auf den ersten Seiten dieses Thrillers auch geradezu herzerfrischend amüsant war.
Obwohl Eric Berg den Verdacht immer wieder auf eine andere Person lenkt und einige falsche Fährten legt, war mir irgendwann klar, wer der Täter ist, sodass die Spannung ein wenig gelitten hat. Trotzdem war dieses Buch nie langweilig und hat mich bis zum Schluss gefesselt. Ein wenig schade fand ich auch, dass das Motiv des Mörders mir bis zuletzt nicht einleuchten wollte, obwohl er am Ende selbst zu Wort kommt und über seine Taten spricht. Die letzten Seiten, die aus der Sicht des Täters geschildert werden, waren jedoch äußerst verstörend. Vor allem der letzte Satz jagte mir noch einen gewaltigen Schauer über den Rücken.
Mir hat Kalt von Eric Berg sehr gut gefallen, für so manchen Gänsehautmoment gesorgt und ist auch für erwachsene Leser eine kurzweilige Lektüre und durchaus empfehlenswert.

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arno strobel, rache, ratten, psychothriller, bunker

Das Rachespiel

Arno Strobel
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 23.01.2014
ISBN 9783596196944
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nachdem ich vor ein paar Monaten Die Flut von Arno Strobel gelesen hatte, habe ich mir vorgenommen, unbedingt mehr von diesem Autor lesen zu wollen, denn das Buch gefiel mir sehr gut. Da abgesehen von seinem kürzlich erschienenen Thriller Im Kopf des Mörders – Tiefe Narbe, der den Auftakt zu einer Trilogie bildet, alle seine bisherigen Bücher Einzelbände sind, die in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können, habe ich mich für Das Rachespiel entschieden, denn der Klappentext ließ auf eine sehr beklemmende Geschichte hoffen.
Schnell und ohne langes Vorgeplänkel geht es auch sofort auf den ersten Seiten äußerst spannend los, denn das Videomaterial, das Frank zugeschickt wird, ihn aus seinem recht biederen, aber glücklichen Alltag reißt und mit seiner Vergangenheit konfrontiert, ist bereits überaus schockierend. So richtig Fahrt nimmt dieser Thriller allerdings erst auf, als Frank und drei weitere Mitspieler, seine ehemaligen Freunde aus Kindertagen, in die verlassene Atombunkeranlage gelockt und dort eingeschlossen werden. Nun müssen sie sich dem Spiel des Unbekannten stellen, einem Spiel um Leben und Tod, bei dem sie nicht nur um ihr eigenes Leben spielen, sondern auch um das der Menschen, die sie lieben. Sie müssen eine Reihe von Aufgaben erfüllen, die ihnen über Lautsprecher mitgeteilt werden und erfahren auch, dass nur zwei von ihnen die Chance haben, diese Nacht im Bunker zu überleben. Und so beginnt ein erbitterter Kampf ums Überleben, den sich nicht gemeinsam gewinnen können, sondern nur, wenn sie gegeneinander antreten.
Arno Strobel hat für diesen Thriller einen Schauplatz gewählt, wie er beklemmender kaum sein könnte. Eine ehemalige Atombunkeranlage, voller dunkler, kalter und verwirrender Gänge und Räume, in denen der Unbekannte auch viele hungrige Ratten ausgesetzt hat. Der Autor spielt also sehr raffiniert mit den Ängsten seiner Leser. Vor Ratten habe ich zwar keine Angst, aber die Vorstellung, in einem stockdunklen und kalten Bunker eingesperrt zu sein, verursacht mir ausgesprochen klaustrophobische Gefühle. Hinzu kommt, dass der Unbekannte es sehr geschickt versteht, die vier Mitspieler gegeneinander aufzuhetzen, denn sie spielen nicht gemeinsam gegen ihren unbekannten Gegner, sondern wissen, dass nur zwei von ihnen diesen Albtraum überleben werden und versuchen deshalb, sich gegenseitig daran zu hindern, das Spiel zu gewinnen. Jeder kämpft im Grunde gegen jeden, sodass die Atmosphäre von gegenseitigem Misstrauen geprägt ist und die Spannungen untereinander immer wieder zu eskalieren drohen.
Die Geschehnisse werden überwiegend aus Franks Perspektive geschildert, der sich in diesem Spiel auch häufig mit der Frage konfrontiert sieht, wie weit er gehen wird, um sich und seine Familie zu retten und ob er auch bereit wäre, einen seiner Mitspieler zu opfern, um selbst die Chance zu haben, zu überleben. Bedauerlicherweise war mir Frank nicht besonders sympathisch und auch alle anderen Figuren sind leider sehr klischeebehaftet und unsympathisch. Manuela, die einzige Frau im Bunde, ist vollkommen hysterisch, hat panische Angst vor Ratten, die nun wahrlich nicht ihr größtes Problem sind, und ging mir entsetzlich auf die Nerven. Jens ist ein entsetzlicher Feigling und Opportunist und Torsten ein rüpelhafter, aggressiver und unberechenbarer Widerling, der keine Skrupel kennt und dem man auch außerhalb dieses Bunkers nicht begegnen möchte.
Mit unsympathischen Charakteren kann ich gut leben, auch wenn es der Spannung zuträglicher wäre, wenn man wenigstens einen Sympathieträger finden würde, auf dessen Seite man sich schlagen und mit dem man mitfiebern könnte. Noch mehr gestört hat mich allerdings, dass alle vier Protagonisten häufig vollkommen irrational und auch unglaubwürdig handeln, was die Spannungskurve zwar immer wieder ansteigen lässt, aber leider etwas auf Kosten der Plausibilität der Geschichte geht.
Man weiß recht schnell, dass Frank, Manuela, Torsten und Jens in diesem Bunker für etwas büßen sollen, das sie in ihrer Kindheit angerichtet haben, denn schon von Beginn an macht der Unbekannte keinen Hehl daraus, dass er im Namen von Festus handelt. Wer Festus ist oder war, ob er überhaupt noch am Leben ist und was Franks Jugendbande ihm vor mehr als dreißig Jahren angetan hat, erfährt der Leser aber nur scheibchenweise. In den Dialogen und vor allem in zahlreichen mit „Damals…“ überschriebenen Kapiteln, in denen ein Blick in die Vergangenheit gewährt wird, offenbart sich ganz allmählich das grausame Geheimnis, das die vier Freunde noch immer verbindet und keinen von ihnen jemals losgelassen hat. Spannend war also nicht nur, ob sie diese Nacht im Bunker überleben werden, sondern auch, was in der Vergangenheit passiert ist und die Frage, wer sie nun für ihre Verfehlungen von damals büßen lassen möchte. Obwohl das Personal dieses Thrillers sehr überschaubar und der Plot nicht sehr verzwickt ist, hat mich das Ende von Das Rachespiel sehr überrascht und war für mich auch nicht vorhersehbar.
Strobels Sprache ist schlicht, klar und prägnant, sodass sich dieser Psychothriller sehr schnell und flüssig lesen lässt. Hin und wieder hätte ich mir gewünscht, sein Erzählstil wäre etwas eindringlicher und atmosphärischer, denn mir war er häufig etwas zu nüchtern und distanziert.
Schiebt man die Fragen nach der Plausibilität und Glaubwürdigkeit ein wenig zur Seite, ist Das Rachespiel ein überaus fesselnder und lesenswerter Psychothriller, der geschickt mit den Ängsten des Lesers spielt und vor allem aufgrund seines klaustrophobischen Schauplatzes für beklemmende Momente und ein durchgängig hohes Spannungslevel sorgt.

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thriller, horror, jenny milewski, ring, angstmädchen

Angstmädchen

Jenny Milewski , Maximilian Stadler
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Heyne, 09.01.2017
ISBN 9783453438804
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ich liebe Thriller aus Skandinavien und bin immer auf der Suche nach neuen skandinavischen Thrillerautoren. Dass es sich bei Jenny Milewski um eine schwedische Autorin handelt, wusste ich nicht, der Schauplatz ihres Thrillers Angstmädchen geht aus dem Klappentext auch nicht hervor, und da ich ihr Debüt Skalpelltanz nicht gelesen habe, hatte ich mich sehr gefreut, durch Zufall auf einen skandinavischen Thriller gestoßen zu sein und eine neue schwedische Autorin entdecken zu dürfen.
Nach dem ersten Kapitel, das eigentlich ein Prolog ist und bereits Schlimmes erahnen lässt, springt die Geschichte im zweiten Kapitel in das Jahr 1992 zurück, als Malin in ihr Zimmer im Studentenwohnheim in Linköpping einzieht und zunächst voller Vorfreude auf ihr bevorstehendes Studentenleben ist.
Das ganze Buch wird aus Malins Ich-Perspektive geschildert, sodass man sich sehr gut in das schüchterne Mädchen einfühlen kann, das erst kürzlich aus ihrem behüteten Elternhaus auszog, zwar voller Tatendrang und Enthusiasmus in einen neuen Lebensabschnitt startet, aber dennoch ein wenig ängstlich und unsicher ist, nun auf eigenen Beinen stehen zu müssen. Sie bemüht sich, Anschluss zu finden, will sich mit ihren neuen Mitbewohnern gut verstehen, fühlt sich allerdings etwas verloren und alleingelassen.
Schon kurz nach ihrem Einzug ereignen sich recht mysteriöse Vorfälle, aber ansonsten passiert auf den ersten hundert Seiten leider nahezu nichts – zumindest nichts, was nur ansatzweise spannend wäre. Das erste Drittel des Buches plätschert also recht gemächlich und vor allem nahezu vollkommen ereignislos vor sich hin, und obwohl ich Malins Startschwierigkeiten in der neuen Umgebung sehr gut nachvollziehen konnte und sich das Unheimliche, das in ihr Leben tritt, bereits ankündigt, musste ich mich regelrecht zum Weiterlesen zwingen. Da Jenny Milewski ihre Hauptprotagonistin allerdings sehr gut ausgearbeitet hat und Malin eine liebenswürdige junge Frau ist, die mir sehr sympathisch war und in die ich mich gut einfühlen konnte, wollte ich dennoch wissen, wie es ihr im weiteren Verlauf der Geschichte ergehen wird. Alle anderen Figuren bleiben jedoch recht blass und konturlos, sind allerdings auch nur Staffage, da die Handlung überwiegend auf Malin fokussiert ist.
Glücklicherweise nimmt die Geschichte nach dem recht langwierigen Einstieg dann auch endlich Fahrt auf. Die Ereignisse überschlagen sich sogar förmlich. Malin macht dabei eine erstaunliche Entwicklung durch, wächst über sich hinaus und wird mutiger. Bedauerlicherweise erhält der Leser jedoch bereits im ersten Kapitel so konkrete Hinweise darauf, wie die Geschichte für sie enden wird, dass einfach keine Spannung mehr aufkommen will. Wenn man ohnehin weiß, welches Schicksal die Protagonistin ereilen wird, fällt es eben recht schwer, noch mit ihr mitzufiebern, auch wenn man sich wünschen würde, dass sich alles doch noch zum Guten wendet.
Trotz des bereits bekannten Ausgangs der Geschichte wollte ich aber wissen, was Malin denn nun genau widerfahren ist. Leider kann ich paranormalen Phänomenen nur wenig abgewinnen und hätte mir gewünscht, dass aus dem Klappentext hervorgegangen wäre, dass es sich bei Angstmädchen eigentlich um einen Mystery-Thriller mit Horrorelementen handelt. Ich will ja nicht abstreiten, dass übersinnliche Erscheinungen durchaus ihren Reiz haben und für schaurige Schockmomente sorgen können, aber ich habe mich leider auch nur sehr selten gegruselt. Man muss der Autorin zugutehalten, dass sie sich offenbar intensiv mit der japanischen Kultur und Mythologie beschäftigt hat, was am Ende des Buches auch deutlich wird, aber leider konnte mich Angstmädchen weder fesseln noch schockieren. Dazu ist die Idee, die diesem Buch zugrunde liegt, eben leider auch nicht innovativ genug und zu abgedroschen, um noch für Gänsehaut zu sorgen.
Die wenigen gruseligen Momente und die gut ausgearbeitete Hauptprotagonistin konnten das Buch leider auch nicht mehr retten, sodass Angstmädchen für mich eine ziemliche Enttäuschung war.

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thriller, london, psychothriller, stalking, verfolgung

Alleine bist du nie

Clare Mackintosh , Sabine Schilasky
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 13.01.2017
ISBN 9783404174706
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ich bin in der Verlagsvorschau auf dieses Buch aufmerksam geworden und war erstaunt, dass ich von der Autorin bislang noch nichts gehört hatte, denn Clare Mackintosh feierte bereits mit ihrem Thrillerdebüt Meine Seele so kalt erste Erfolge. Umso neugieriger war ich also auf Alleine bist du nie und bin froh, diese Autorin nun entdeckt zu haben, denn ihr Buch hat mir ausgesprochen gut gefallen und war ungeheuer fesselnd und spannend.
Ich muss jedoch zugeben, dass ich anfangs etwas enttäuscht war, denn es dauert ziemlich lange, bis die Geschichte in Fahrt kommt. Die ersten Kapitel sind leider furchtbar zäh und langweilig. Ich war häufig versucht, das Buch abzubrechen, weil einfach nichts passierte, aber mein Durchhaltevermögen hat sich gelohnt, denn glücklicherweise entpuppte sich dieser Thriller nach dieser anfänglichen Durststrecke als hochspannender und nervenaufreibender Pageturner, den ich nicht mehr aus den Händen legen konnte.
Zunächst nimmt sich Clare Mackintosh allerdings sehr viel Zeit, ihre Charaktere einzuführen. Damit schafft sie zwar ein hohes Identifikationspotential mit der Hauptprotagonistin Zoe, allerdings ist es auch ein bisschen ermüdend, diese Frau über so viele Seiten hinweg einfach nur durch ihren Alltag zu begleiten.
Auch ich bin mehrere Jahre mit dem Zug gependelt und war täglich knapp drei Stunden mit Bus und Bahn unterwegs. Unwillkürlich stellen sich dabei gewisse Routinen ein – man geht jeden Morgen zur gleichen Zeit aus dem Haus, kauft sich beim selben Bäcker ein Brötchen, am gleichen Kiosk eine Zeitung, nimmt dieselbe Treppe zum Bahnsteig und versucht, im Zug immer den gleichen Sitzplatz zu ergattern. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, man denkt nicht über diese Angewohnheiten nach und rechnet auch nicht damit, bei diesen alltäglichen Ritualen beobachtet zu werden, denn wer interessiert sich schon für solche belanglosen Banalitäten?
Auch Zoe folgt jeden Tag einer Routine, die sich über Jahre hinweg eingeschlichen hat, und ahnt nicht, dass ihr diese jemals zum Verhängnis werden könnte und sie bei jedem Schritt beobachtet wird. Das ändert sich jedoch, als sie eines Morgens in der Tageszeitung eine Anzeige entdeckt, in der mit ihrem Foto für eine Dating-Agentur geworben wird. Fortan fühlt sie sich beobachtet und ahnt auch recht schnell, in welcher Gefahr sie schwebt, als sie herausfindet, was anderen Pendlerinnen zugestoßen ist, deren Foto ebenfalls in einer Anzeige dieser Agentur abgedruckt war. Während sie zunächst nur beunruhigt ist, steigert sich ihre Angst zunehmend und entwickelt sich schließlich zur Paranoia, die man jedoch sehr gut nachfühlen kann. Doch niemand scheint ihre panische Angst ernst zu nehmen, weder ihr Lebensgefährte noch ihre Kinder, und auch die Polizei schenkt ihr zunächst wenig Beachtung. Nur DC Kelly Swift nimmt Zoes Besorgnisse ernst und will alles daran setzen, den Betreiber der Website, für die in der Anzeige geworben wird, zu finden.
Kelly war jahrelang in der Abteilung für Sexualdelikte tätig, wurde allerdings suspendiert, nachdem sie während eines Verhörs die Kontrolle verloren hatte und auf einen Verdächtigen losgegangen war. Inzwischen arbeitet sie in der Londoner U-Bahn und kümmert sich um Diebstähle und kleine Ordnungswidrigkeiten. Sie ist davon überzeugt, dass mehrere bislang ungeklärte Straftaten an Frauen auf diese ominösen Anzeigen zurückzuführen sind, nimmt die Ermittlungen auf und hofft dabei auch, ihrer Karriere wieder auf die Sprünge zu helfen. Außerdem lässt der Fall sie nicht mehr los, da ihre Zwillingsschwester Lexi vor einigen Jahren vergewaltigt wurde und der Täter noch immer nicht gefasst werden konnte. Während ihre Schwester beschlossen hat, die traumatischen Erinnerungen endlich hinter sich zu lassen und kein Interesse an der Strafverfolgung des Täters hat, ist Kelly geradezu besessen von dem Gedanken, Lexis Vergewaltiger seiner gerechten Strafe zuzuführen. Allerdings stellt sie auch bei ihrem aktuellen Fall fest, dass jedes Opfer einer Gewalttat mit den traumatischen Erlebnissen anders umgeht und muss lernen, zu akzeptieren, dass manche Frauen die Tat einfach nur vergessen wollen und ihnen nicht an der gerechten Bestrafung des Täters gelegen ist.
Die Geschichte wird abwechselnd aus Kellys und Zoes Perspektive erzählt. Beide Protagonistinnen sind präzise ausgearbeitet, sehr glaubwürdig gezeichnet und waren mir von der ersten Seite an sympathisch. Man merkt, dass die Autorin selbst jahrelang bei der britischen Polizei gearbeitet hat, denn die Ermittlungsarbeit wird sehr authentisch geschildert.
In kursiv gedruckten und recht knapp gehaltenen Kapiteln lässt die Autorin den Leser aber auch in die Gedankenwelt des Täters eintauchen, ohne jedoch jemals entscheidende Hinweise auf seine Person zu liefern. Diese Passagen waren nicht nur überaus verstörend, sondern ließen die Spannungskurve auch kontinuierlich ansteigen. Clare Mackintosh versteht es ausgezeichnet, den Leser immer wieder auf die falsche Fährte zu locken, denn ob es sich beim Betreiber der Website um einen Fremden oder um jemanden in Zoes persönlichen Umfeld handelt, ist bis zum Ende unklar. Zoe spürt jedoch, dass sie niemandem mehr trauen kann, denn nicht nur ihr Lebensgefährte Simon, sondern auch ihre Kinder, ihre Nachbarn und ihr Chef verhalten sich äußerst verdächtig und scheinen etwas vor ihr zu verbergen.
Ich hatte bis zum Schluss keine Ahnung, wer nun hinter diesen Anzeigen stecken könnte und war sehr überrascht als der Täter dann feststand. Doch selbst nach dem fulminanten Showdown und der schockierenden Auflösung des Falls, schafft es die Autorin auf den letzten Seiten noch einmal, eine Wendung einzubauen, die mir dann erneut einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte und mich vollkommen fassungslos zurückließ. Häufig wirken gerade solche Schockmomente ganz am Ende eines Buches zu gewollt und überkonstruiert, aber Clare Mackintosh gelingt es trotz zahlreicher Wendungen, die Logik des Plots nie aus den Augen zu verlieren. Das Buch ist bis zum Ende glaubwürdig, und die Geschichte ist bis ins kleinste Detail durchdacht.
Außerdem wendet sich die Autorin in ihrem Thriller auch sehr aktuellen Themen zu. So wird sich jeder Leser nach der Lektüre fragen, wer sich die Aufnahmen von Sicherheitskameras eigentlich anschaut, ob die Überwachung des öffentlichen Raums tatsächlich immer unserer Sicherheit dient und wie viele Fotos von uns im Internet umherschwirren, ohne dass wir etwas davon wissen.
Schade, dass Alleine bist du nie ein bisschen zu gemächlich beginnt, denn ansonsten hat dieses Buch alles, was einen guten Psychothriller ausmacht –  einen raffiniert komponierten und logischen Plot, überzeugende Charaktere, ein authentisches Szenario, atemlose Spannung ohne viel Blutvergießen und ein schlüssiges Ende, das den Leser bestürzt und schockiert zurücklässt.

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