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raf, terrorismus, deutscher herbst, terror, historischer roman

Schlaf der Vernunft

Tanja Kinkel
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Droemer, 02.11.2015
ISBN 9783426199671
Genre: Romane

Rezension:

Das Buch ist ein Bilderbuch, ein Film durch das reale Leben, dem man von der ersten Zeile folgt. Drüber hinaus ist es so aktuell  als wäre es auf dem Herbst 2015 geschrieben, weil es hilft Terrorismus aus der Perspektive der Täter, wie der Überlebenden ihrer Taten zu sehen, ohne auch nur einen Moment in eine schwarz/weiß Zeichnung zu verfallen. Wie das geht?

Als ich dieser Tage wieder hörte, dass islamische Fanatiker schon andersdenkende Islamanhänger als Ungläubige bezeichnen, die getötet werden können, so dachte ich erst, ein einmaliges Phänomen dieser Religion, das mich nichts angeht. Bis ich Schlaf der Vernunft in die Hände bekam und las, wie unsere deutschen Fanatiker damals andersdenkende, wenn sie nur auf der Seite des Staats arbeiteten, auch als Schweine titulierten, die man der übergeordneten eigenen Ziele wegen umbringen dürfe. Alle Fanatiker brauchen offenbar, selbst wenn alle Hemmungen gefallen sind, immer noch eine Entschuldigung für sich selbst, um ihre absurden Taten zu rechtfertigen. Bisher verstand ich es nicht, doch dieses Buch half mir, Fanatismus besser zu begreifen, ohne ihn billigen zu müssen, weil es mich zu den Menschen, hinter den Tätern begleitete, und den Überlebenden aus dem Umkreis ihrer Opfer. Ich musste für mich herausfinden, was ich verstehen, was ich evtl. sogar verzeihen kann und es war schockierend genug für mich festzustellen, ich konnte die Beweggründe der Frau nachvollziehen, die mindestens vier Menschen ermordete. Auch die Frage, kann die Strafe für Terror verjähren, wo das Leid der Angehörigen nie verjähren kann, bekam eine völlig neue Dimension für mich und ich werde brauchen, muss das Buch erneut lesen, um zu einer Überzeugung zu kommen.

So dankbar, was das Angebot für Herz und Verstand betrifft, wie nach dieser Lektüre, war ich einem Autor noch nie. Das Buch sollte auch zur Pflichtlektüre in jeder Schule werden denn es bereichert die Sicht auf das Leben ungemein.

Elfi

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liebe, verführung, erotik, giacomo casanova, historischer roma

Verführung

Tanja Kinkel
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.07.2013
ISBN 9783426512876
Genre: Historische Romane

Rezension:

Angiola Calori und Casanova begegnen sich als Kinder, verlieren sich aus den Augen und begegnen sich erst wieder, als er auf bestem Weg war, DER Casanova zu werden, sie als verkleideter Kastrat im Kirchenstaat gezwungen war, ihr Geschlecht zu verleugnen. Das pulsierende, nach Leben und Lieben schreiende Rokoko bildet die Kulisse, dazu zwei Menschen, die nach oben wollen, egal was es sie kostet.

Es ist nicht bei jedem Roman und Autor so, sicher sein zu können, das Spannung, Liebe, Erotik, Gefahr gleichberechtigt neben guter Unterhaltung und Informationen zur Zeitgeschichte stehen, aber  dafür ist Tanja Kinkel schließlich bekannt.

Eines vorweg. Es ist wohl ihr erotischster Roman, aber dafür ist zweifelsfrei Casanova verantwortlich. Nur bei diesem Roman  buchstabiert sich Erotik, wie es geschrieben wird, nicht mit drei Buchstaben: SEX. Sie nennt trotzdem alle die Dinge beim Namen, welche zu dieser Zeit gehören, als Venedig das Bangkok jener Zeit war, ohne jedoch jede Hautfalte zu beschreiben, wie das gerade in einigen Büchern üblich scheint.

Wenn Grausamkeit nicht vermieden werden kann, dann erfährt man aus der Handlung, wie Menschen der Willkür ihrer Dienstherrn ausgesetzt waren, oder „Herrschaften“ ohne Strafe wegkamen, selbst wenn sie töteten. Und es war schon eine verrückte Zeit, wenige Jahrzehnte vor der großen Revolution, in der ungewöhnliche Menschen mit Phantasie, wie Casanova und Angiola Calori, die außergewöhnlichsten Karrieren machen konnten, aus eigener Kraft.

Keine andere Autorin beschreibt für mich ehrgeizige, emanzipierte Frauen so deutlich wie Tanja Kinkel, ohne dass irgendetwas Weibliches an ihnen verloren geht oder etwas unlogisch erscheint. Dabei sind auch Nebenfiguren keine Schaufensterpuppen bei ihr. Jede könnte meine Lieblingsfigur sein und meine Entscheidung fiel mir auch diesmal äußerst schwer. Ich habe mich sogar für Angiola Ersatzmutter entschieden, Mamma Lanti, welche ihre Kinder zur Prostitution angehalten hat, weil Tanja Kinkel Gründe anführte, nicht den Stab über sie brach, welche diese Handlungsweise, zu jener Zeit, für mich nachvollziehbar machte. So gab es auch keine vielleicht gerechtfertigte Seitenhiebe auf die Kirche, welche ursächlich für die „Kastration von Kindern damals war: Alles zur Ehre Gottes“, war die gebräuchliche Entschuldigung, sondern eine Auseinandersetzung mit den Menschen, welche denen übel mitspielten, die unschuldig betroffen waren.

Ich habe mich auch halb tot gelacht, über die Dialoge von Tanja Kinkel und ihre Empfehlungen an Frauen, wie sie ihre Seitensprünge dem Ehemann beichten sollen, oder an Männer, wie diese andere Männer zur Handlungsunfähigkeit degradieren können, etc. etc. Aber diese Anekdoten möchte ich nicht vorwegnehmen, zumal ich unzählige Lieblingssätze und Aphorismen gefunden habe, die typisch für Casanova - und Tanja Kinkel sind. Wer aus diesem Buch nichts für sich mitnehmen kann, ist selbst schuld denn eines ist gewiss: Casanova wäre stolz auf die Schilderung seiner große Liebe zu Angiola Calori, nicht von ihm, sondern aus der Sicht von Tanja Kinkel geschrieben. 

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