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adriaan van dis, biografisch, mutter-sohn-beziehung, ik kom terug, erinnerungen

Das verborgene Leben meiner Mutter

Adriaan van Dis , Marlene Müller-Haas
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Droemer, 04.10.2016
ISBN 9783426281628
Genre: Romane

Rezension:

Folgende Rezension basiert auf der niederländischen Fassung des Romans Das verborgene Leben meiner Mutter, der erstmals in 2014 unter dem Originaltitel Ik kom terug („Ich komme wieder“) erschienen ist. Die verwendeten Zitate habe ich nach eigenem Ermessen übersetzt.

„Wir standen uns gegenüber, meine Mutter und ich. Sie an der einen Seite des Kästchens, ich an der anderen. Wir zogen an den Griffen. Der Schlüssel steckte noch im Schloss. […] ‚Es ist mein Kästchen,‘ kreischte sie.“ Es handelt sich um die Eingangsszene des Buches, die auf der übertragenen Sinnebene die Distanz, welche während der ganzen Geschichte nie gänzlich überwunden werden kann, wunderbar aufzeigt. Wie in einem Ringkampf versucht der zu dem Zeitpunkt 16 Jahre alte Ich-Erzähler sich des geheimnisvollen Kästchens seiner Mutter, ihr tiefstes Inneres, zu bemächtigen, in welchem sie ihre schmerzlichen Erinnerungen an ihre indonesische Vergangenheit verstaut hat. Es handelt sich um Postkarten, Fotos, Briefe und Souvenirs, die mit ihrer Erfahrung als Kriegsgefangene in einem japanischen Lager im vormaligen Niederländisch-Indien (heute: Indonesien) und mit dem brutalen Schicksal ihres indonesischen Ehe- und Lebenspartners in Verbindung stehen.
Immer wieder startet der Erzähler einen Versuch, sich Zugang zum Verborgenen zu verschaffen, denn schließlich geht Indonesien auch ihn etwas an: „Dort wurde ich gezeugt.“ Vergeblich. Jahrzehntelang behält Mutter Marie ihr Kästchen hinter Schloss und Riegel. Sie gilt als charakterstarke, intelligente und wortgewandte Frau, doch ihrer traumatischen Erlebnisse kann sie sich dennoch nicht erwehren. Das zeigt sich symptomatisch an ihrer distanzierten Art, hinter der sich ihr Unvermögen, mit Empathie umzugehen, verbirgt. Der Erzähler hat darunter seit seiner Kindheit zu leiden, ein klägliches Erbe seiner Mutter. „Ich bin immer noch ein anhänglicher Sohn auf der Suche nach einer liebensvollen Mutter“, äußert er nach acht Jahren therapeutischer Behandlung.
Kurz vor ihrem 98. Geburtstag, als der Tod stets näher rückt, scheint Marie erstmals bereit, langsam aber sicher ihre Geheimnisse zu lüften. Der Erzähler, der bereits mit 19 Jahren sein Elternhaus verlassen hat, nach Paris gezogen ist und seitdem nur sporadisch bis auf ein paar Telefonate und Hausbesuche pro Jahr Kontakt zu ihr gehalten hat, erhält einen ungewöhnlichen Anruf von ihr: Sie wünscht sich, noch einmal zu ihrem Elternhaus zurückzukehren. Der Sohn tut ihr den Gefallen. Es beginnt an dieser Stelle eine Reise durch ein hochgradig gefühlsexplosives Gebiet voller Bilder, Gerüche, Geschmäcker und verflogener Hoffnungen. Mutter und Sohn kommen sich befremdlich nahe. Gewissermaßen lernt der Erzähler erst ab jenem Zeitpunkt seine Mutter tiefergehend zu verstehen: „Ich habe eine andere Mutter kennengelernt.“ Das mysteriöse Kästchen beginnt sich einen Spalt zu öffnen, für den Leser ebenso aufwühlend wie es für den Sohn selbst gewesen ist. Maries Assoziationen und Erzählungen nehmen ihren Lauf und der Erzähler zögert nicht, sich fortlaufend Notizen darüber zu machen; er ist letztlich Schriftsteller. Aber sie lässt ihren Sohn nicht einfach freie Bahn, sondern stellt eine Forderung auf: sie will sich von ihrem ewigen Leid befreien, der Erzähler soll ihr gefälligst eine Sterbepille besorgen. Dafür kann er seine Geschichte haben. „Wie du mir, so ich dir.“ Bis ins hohe Alter erweist die Mutter sich als eisern und manipulierend - von Mutterliebe keine Spur. Der Roman endet schlussendlich mit ihrem Tod und einem entleerten Kästchen.

Das Buch besticht durch seine Authentizität. Van Dis Mutter scheint, gemäß ihres festen Glaubens an Wiedergeburt und die Macht der Esoterik, gerade durch die zahlreichen, schlagkräftigen Zitate und längeren Monologe erneut zum Leben erweckt zu sein. Ein sehr gelungenes Portrait! Nahbar wird die Erzählung auch dadurch, dass Van Dis sich selbst in einer Doppelrolle figuriert hat. Als Sohn lässt er dem Leser seine Ängstlichkeit und Unterwürfigkeit wiederholt spüren. Oftmals traut er sich nicht nach Details über das Leben seiner Mutter zu fragen. Zu sehr plagt ihn das schlechte Gewissen, dass er sie verletzen könnte. Auch Schuldgefühle überkommen ihn. Als Autor dahingegen präsentiert er sich kühn und zielgerichtet: „Ein Schreiber muss seine Hände schmutzig machen.“ Er weiß die bösartigen Wesenszüge seiner Mutter zu Papier zu bringen und seinen Roman geschickt als Mittel der Revanche für ihren nachwirkenden Einfluss einzusetzen. Eines ist ihm während der Konfrontation mit seiner Mutter nämlich eindringlich bewusst geworden: dass seine Mutter ihn viel stärker geprägt hat, als sein kriegsbedingt geschädigter und gewalttätiger Vater, den er in seinen früheren Meisterwerken wie Nathan Sid (1983) oder Indische duinen (1994) immer in den Mittelpunkt platzierte. „Meine Mutter [war] [die Offizierin] im Hause.“ Man könnte das Buch auch als Abrundung verstehen, die endgültige Beendigung eines langen, psychisch sehr belastenden Verarbeitungsprozesses.
Was mich sehr bewegt hat, waren die eindruckvoll beschriebenen Szenerien, beispielsweise über die einsame Wildnis im Indischen Archipel oder über Maries Appartement im Altenheim. Die Bilder haben sich bis heute in meinen Kopf gebrannt. Für einen Moment wird man bis zum Schauplatz verlagert und bekommt die Geschehnisse direkt vorgeführt. Die Leselust wird durch immer neu hinzukommende Fotos und Karten aus dem Kästchen angetrieben. Im Falle der geschilderten Kriegszustände entsteht dadurch ein besseres Geschichtsverständnis für die damaligen Ereignisse, zumal es sich um privatüberliefertes, autobiografisches Material handelt.
Der Ton bleibt das ganze Buch über nüchtern bis distanziert, eine wiederzuerkennende Spiegelung der Mutter. Amüsant ist der Roman jedoch allemal! Die Erzählung ist durchweg gespickt mit Ironie und Humor, der durch den kühlen Schreibstil umso kräftiger zum Ausdruck kommt. Komik tut dem Gegenspieler Tragik gut, so halten sich beide die Waage. Ich habe das Buch als sehr unterhaltsam und spannungsreich empfunden, das trotz seiner unterschwelligen Last gut verdaulich, oder wie Van Dis es in einem Interview einst ausgedrückt hat, „tragbar“ ist.
Ich kann diesen Roman jedem nur empfehlen. Adriaan van Dis ist ein großartiger, vielfach preisgekrönter Autor mit hohen literarischen Qualitäten. Wer nach Das verborgene Leben meiner Mutter bereits nach einem neuen Werk von ihm schmachtet, würde von ihm sicherlich ein gelassenes, aber besänftigendes „Ich komme wieder“ entgegnet bekommen.

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