GernotUhls Bibliothek

55 Bücher, 33 Rezensionen

Zu GernotUhls Profil Zur Autorenseite
Filtern nach
55 Ergebnisse
Wähle einen Buchstaben, um nur die Titel anzuzeigen, die mit diesem beginnen.



LOVELYBOOKS-Statistik

(9)

11 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

biografie, ebook, gewinn, kurz-biografie, kurz-biografien, leserunde, michael ende

Mit Michael Ende am Schreibtisch: Einmal Phantásien und zurück

Gernot Uhl
E-Buch Text
Erschienen bei hockebooks: e-book first, 29.03.2018
ISBN 9783957512178
Genre: Sonstiges

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Die Welt des Michael Ende

Michael Ende , Michael Ende ,
Audio CD
Erschienen bei steinbach sprechende bücher, 23.07.2009
ISBN 9783886984688
Genre: Romane

Rezension:

Ausgeschnitten aus: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/ende

Michael Ende ist mein größter Held. Seine Geschichten sind meine Geschichten, seine Figuren sind meine Freunde. Mit Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer bin ich im engen Führerhäuschen der guten alten Lokomotive Emma auf große Fahrt gegangen, mit Momo habe ich den Grauen Herren getrotzt und an der Seite von Bastian Balthasar Bux hätte ich mich beinahe für immer in Phantásien verirrt. Das kann im Reich der Fantasie immer passieren. Wie gut, dass es einen neuen Audioguide für Abenteuerreisen in die Welt des Geheimnisvollen und Wunderbaren gibt: das neue Michael-Ende-Hörbuch...

 Michael Ende (1929-1995) ist im Reich der Fantasie geboren: Sein Vater ist ein fantastischer Maler, für den die innere Welten genauso wirklich sind wie die äußere Realität. Das färbt ab. Michael Ende wächst mit rätselhaften Bildern und zauberhaften Geschichten auf. Im Zweiten Weltkrieg versinkt die heile Welt der Träume in einer Trümmerwüste der Alpträume. Michael Ende erlebt Bombennächte und überlebt sie nur knapp. Er bleibt dem Träumen treu, wird Theaterschauspieler und will Bühnenautor werden. Als das nicht klappt, schreibt er ein Kinderbuch: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer befreien nicht nur die Prinzessin Li Si aus der Drachenstadt Kummerland, sie retten auch die künstlerische Existenz von Michael Ende. Das Buch gewinnt den Deutschen Jugendbuchpreis und von da an gilt er als talentierter Kinderbuchautor. Das ist richtig, aber lang nicht alles: Michael Ende ist einer der am meisten unterschätzten deutschen Schriftsteller. Seine Bücher und Geschichten haben sich millionenfach verkauft, sind in Dutzende von Sprachen übersetzt worden und begeistern bis heute jung und alt. In seinen Geschichten wimmelt es nicht nur von kuriosen Gestalten, kindlichen Helden und verwunschen Welten. In ihnen verarbeitet der Geschichtenerzähler Michael Ende viele, viele kluge Gedanken über die Fantasie und das Schöpferische, über das Wunderbare und das Geheimnisvolle. Michael Ende ist ein Philosoph des Fantastischen. Dass berühmte Literaturkritiker wie Marcel Reich-Ranicki diese Tiefe in ihrer Ignoranz übersehen - "Mit dem Phänomen Ende beschäftige ich mich nicht" - spricht nicht eben für ihr Berufsethos.Überhören muss man Michael Ende nicht mehr. Dafür sorgt ein neues Hörbuch von und über den Geschichtenerzähler. Vielleicht werden Hörbücher dem Phänomen Ende sogar gerechter als die klassische Buchform. Der Schriftsteller selbst war jedenfalls vom gesprochenen Wort überzeugt. Und überzeugend gelesen sind seine Geschichten in diesem über zehnstündigen Hörbuch (unter anderem von Gert Heidenreich und Maria Hartmann). Dass der Geschichtenerzähler selbst immer wieder zu Wort kommt und mit seiner angenehmen, brummigen Stimme (mit leichtem bayerischen Einschlag) Einblicke in seine philosophischen und künstlerischen Überzeugungen gewährt, macht dieses Hörbuch selbst für Kenner zu dem, was es ist: Ein wunderbarer Audioguide für Abenteuerreisen und Kurztrips nach Phántasien.

 

Zugegeben: Auf den ersten Blick ist das tatsächlich eine recht abenteuerliche Führung. Da stehen einzelne Buchkapitel und Auszüge recht unvermittelt neben Gedichten und Schnipseln, dazwischen finden sich hin und wieder Gesprächsmitschnitte (ebenfalls in teils abenteuerlicher Tonqualität). Aber gerade darum geht es ja: Nicht die äußere Ordnung ist wichtig, sondern die innere. Und die bildet sich immer erst im Zusammenspiel von Autor, Erzähler und Hörer heraus. Deshalb ist dieses Hörbuch so famos als Wegweiser in die eigene Fantasie geeignet. Oder anders gesagt: Herausgekommen ist ein großer Querschnitt durch die Lebensgeschichte und das Lebenswerk von Michael Ende, der schon vielen Menschen den Weg nach Phantásien gezeigt hat. Nur gehen muss man ihn selber. Und das ist wunderbar! Immer wieder.

 

Eulengezwitscher. Bücher, Biografien und Blog von Gernot Uhl

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(5)

14 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Gegen den Hass

Carolin Emcke
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 23.05.2018
ISBN 9783596296873
Genre: Sachbücher

Rezension:

Aus: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/emcke

 

Die Signalfarbe steht ihm gut. Das schmale Büchlein leuchtet in grellem Orange und bringt die drei Worte, die sein schlichtes Cover zieren, in all ihrer Wucht zur Geltung: GEGEN DEN HASS schreibt Carolin Emcke an. Ihre Botschaft: Widerstand gegen den Hass richtet sich gegen Handlungen, nicht gegen Menschen - und funktioniert nur, wenn man ihn nicht fanatisch angeht.

 

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist eine der renommiertesten Auszeichnungen der literarischen Welt. Die Liste der Preisträger ist voll von großen Namen: Albert Schweitzer gehört dazu, Astrid Lindgren und Orhan Pamuk. Jetzt gesellt sich auch Carolin Emcke (Jahrgang 1967) in diese illustren Runde - völlig zu Recht. Emcke ist eine praktisch veranlagte Philosophin. Sie verfügt über die Gabe, gesellschaftliche Konflikte nicht nur sehen, sondern auch deuten zu können. Dabei mag die Doktorarbeit über "Kollektive Identitäten" und sozialphilosophische Grundlagen geholfen haben. Carolin Emcke belässt es aber nicht bei akademischer Analytik: Sie hat das Studierzimmer verlassen und als Journalistin die Kriegs- und Krisengebiete der Welt bereist. Das Elend und die Fluchtmotive vieler verzweifelter Menschen hat sie selbst erlebt. Als bekennender Homosexueller sind ihr die Mechanismen der Diskriminierung geläufig und als Patentochter von Alfred Herrhausen, den die RAF ermordet hat, hat sich intensiv mit den Funktionsweisen des Terrors befasst. Alle diese Einsichten und und die Ergebnisse jahrelangen Nachdenkens fließen nun ein in die kleine, aber pfiffige und bewundernswert undiplomatische Streitschrift "Gegen den Hass". Foto: Sebastian Bolesch. Quelle: Carolin EhmkeAnhand zweier Beispiele schlüsselt Emcke die zunehmend auftretenden Phänomene von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (Clausnitz) und institutionellem Hass (Tod eines farbigen Mannes im Polizeigewahrsam) auf. Dabei verwebt sie philosophische Leitgedanken mit eigenen Situationsanalysen und offenen Fragen an die Leserinnen und Leser. Ihre Argumentation ist stringent, ihre Formulierungen spielen damit, ein kleines bisschen suggestiv zu sein. Ihre Ergebnisse fasst sie unmissverständlich zusammen: "Der akute, heiße Hass ist die Folge kühler, länger vorbereiteter oder über Generationen weitergereichter Praktiken und Überzeugungen." Emcke kritisiert die Profiteure von gezielter Skandalisierung in Medien und Politik (darunter die AfD-Politiker mit ihren populistischen Parolen), aber sie nimmt auch die Leserinnen und Leser in die Pflicht, sich im Widerstand gegen den Hass nicht selbst zu radikalisieren: "Dem Hass begegnen lässt sich nur, indem man seine Einladung, sich ihm anzuverwandeln, ausschlägt." Auch wenn Carolin Emcke demütig von sich weist, selbst Lösungen für den zunehmend ungenierten und salonfähigen Hass zu kennen, gibt sie pragmatische Ratschläge, die wir alle tagtäglich umsetzen können und sollen. Widerstand gegen den Hass fängt bei jeder und jedem einzelnen an! Die große Gefahr und die große Chance besteht dabei darin, sich nicht von Fanatismus und Radikalismus korrumpieren zu lassen: "Es geht nicht darum, Personen als Menschen zu dämonisieren, sondern ihre sprachlichen und nicht-sprachlichen Handlungen zu kritisieren oder zu verhindern."Fazit: Gegen den Hass ist ein lesenswerter Mutmacher für alle, die in Freiheit und Vielfalt leben wollen!

 

Eulengezwitscher. Bücher, Biografien und Blog von Gernot Uhl

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

11 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

biografie, biographie, de sade, erotik, frankreich, französische revolution, literaturgeschichte, zeitzeugen

De Sade oder Die Vermessung des Bösen

Volker Reinhardt
Fester Einband: 464 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 14.07.2014
ISBN 9783406665158
Genre: Biografien

Rezension:

Aus: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/de-sade

Er war ein Schocker-Schriftsteller: der Marquis de Sade. Die Gewalt- und Sexorgien in seinen Romanen haben den Namenspatron des Sadismus an der Schwelle zum 19. Jahrhundert in den Kerker und beinahe aufs Schaffot gebracht. Dabei hat der Marquis, der heute vor 200 Jahren gestorben ist, anders als seine Fantasiefiguren keineswegs schwangere Bäuche aufgeschlitzt oder Ritualmorde begangen (allenfalls hat er ab und an die Peitsche geschwungen). Vielmehr zeigte er sogar menschliche und moralische Züge. Diesem Rätsel de Sade ist der routinierte Biograf Volker Reinhard nun auf den Grund gegangen. 

Seit Daniel Kehlmanns biografischem Roman "Die Vermessung der Welt" (über Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt) wird im literarischen Betrieb immer mal wieder gerne etwas vermessen. Nun hat sich der Schweizer Historiker Volker Reinhard in seiner jüngst bei C.H. Beck erschienen Biografie über den Marquis de Sade der Vermessung des Bösen angenommen. Anders als so oft ist dieser Titel allerdings tatsächlich Programm. Reinhardt vermag es, sich seinem von so gegensätzlichen Emotionen wie Ekel, Lust, Verdammung und Befreiung aufgeladenen Protagonisten nahezu unbefangen zu nähern: Wer sich mit de Sades Diagnose, dass die Welt durch und durch böse ist, auseinander setzen will, muss sein Leben kennen. Dieser Linie bleibt Reinhardt treu. De Sades eigene (aus heutiger Sicht eher harmlose) Eskapaden porträtiert Reinhardt ebenso nüchtern wie die biografischen Folgen der Exzesse seiner Romanfiguren: Für seine zu Papier gebrachten Unmenschlichkeiten (mitunter verleugnet de Sade die Autorenschaft) wandert er jahrelang ein, weil man sich vor der Gewalt seiner Fantasien fürchtet. Reinhardt beschönigt die rohe Brutalität nicht, aber er weidet sich auch nicht daran. Er zeigt de Sade als überlegten Provokateur, der die dunkelsten menschlichen Abgründe ans Licht bringt - wohlwissend um ihre skandalisierende Kraft. Es gibt allerdings einen Preis für die akademische Unbestechlichkeit: De Sade und sein Leben bleiben weitgehend Forschungsobjekte und diese (wenn auch legitime) Herangehensweise verhindert, dass der Marquis selbst zwischen den Buchdeckeln neu auflebt. Möglicherweise ist das aber auch gar nicht nötig. Denn so gelingt es Reinhardt, das Schockerlebnis de Sade in unsere Zeit zu übersetzen - und das ist sein selbst gestecktes Ziel.

Fazit: Diese Biografie ist nichts für Moral-Apostel - aber auch nichts für Gewaltsex-Voyeure. Volker Reinhardt porträtiert den legendären verhassten und verklärten Marquis de Sade in keiner Weise einseitig. Der Schweitzer Historiker bleibt bei den Quellen und differenziert konsequent zwischen Leben und Lebenswerk. Das geht zwar manchmal auf Kosten der Lebendigkeit, aber Volker Reinhardt will auch keine fesselnde Lebensgeschichte erzählen. Er holt den heute vor 200 Jahren gestorbenen Marquis de Sade als Mahner in die Gegenwart: als feinsinnigen und berechnenden Provokateur, der dazu anregen will, über menschliche Abgründe nachzudenken, die heute oftmals durch mediale Abstumpfung und Verharmlosungen gut getarnt, aber umso gefährlicher sind.

Eulengezwitscher. Bücher, Biografien und Blog von Gernot Uhl

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Hillary

Dorothea Hahn
Fester Einband: 214 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 20.10.2016
ISBN 9783406697548
Genre: Biografien

Rezension:

Aus: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/clinton-hillary

 

Diese Wahl wird keinen Sieger hervorbringen, höchstens eine neue US-Präsidentin. Sollte Hillary das Rennen machen, muss sie erst einmal Scherben beseitigen. Der schmutzige Wahlkampf hat sie beschädigt: Donald Trump hat Zweifel an ihrer persönlichen und die politischen Eignung für das höchste Staatsamt gesät: Krank sei sie - und korrupt. Ist sie stark genug, Präsidentin aller Amerikaner zu werden? Eine neue Biografie lässt Antworten erahnen.

 

Hillary Clinton wird es schwer haben im Weißen Haus. Viele Amerikaner wollen sie lieber im Gefängnis sehen als im Oval Office - das haben sie im Wahlkampf immer wieder skandiert. Clinton weiß um den Hass, der ihr entgegen schlägt. Sie kennt auch die Vorwürfe: Zu unecht sei sie in ihrem einstudierten Auftreten, zu schwach (vor allem gesundheitlich), zu unprofessionell (mit Blick auf die E-Mail-Affären), zu verbissen und eine Kandidatin von gestern. Möglicherweise stimmt das alles, aber vielleicht auch nichts: Hillary Clinton ist vor allem eine berechnende und ehrgeizige Politmanagerin. Was ihr Glaubwürdigkeit und Authentizität zu fehlen scheint, macht sie durch politische Verlässlichkeit und Berechenbarkeit wett. Und so schwach kann sie auch nicht sein, wenn man bedenkt, wie souverän sie erst in Schatten ihres Übermannes Bill Clinton getreten ist - und wieder heraus. Bill hat es ihr nicht eben leicht gemacht: Er war ein erfolgreicher Präsident, ein lausiger Ehemann und ein charismatischer Entertainer (mit Saxophon). Hillary dagegen setzt auf staatstragende Seriosität, auf Konsequenz und Beharrlichkeit. Seit vielen Jahrzehnten arbeitet sie sich unermüdlich die Karriereleiter hinauf. Sie ist eine umtriebige Unternehmertochter, die Jura studiert und als Anwältin gearbeitet hat, an der Seite ihres Mannes ins Weiße Haus gezogen ist und seine erniedrigenden Seitensprünge ausgehalten hat, die danach als Senatorin und Außenministerin selbst in die Politik gegangen ist und die parteiinterne Niederlage gegen Barack Obama erhobenen Hauptes verkraftet hat. So manche Zwangspause im beruflichen Aufstieg hat sie genutzt, um frischen Atem zu schöpfen. Dabei hat sie sich immer wieder selbst neu erfunden. Ja, sie ist eine Kandidatin von gestern gewesen - aber eine, die sich ins Heute weiterentwickelt hat. Übrigens hat sie auch in der Vergangenheit schon kräftig daran mitgearbeitet, Männer wie Trump vom Weißen Haus fernzuhalten: Sie war als Anwältin an der Amtsenthebungsklage gegen den Skandal-Präsidenten Richard Nixon beteiligt...

 

Die druckfrische Biografie von Dorothea Hahn zeichnet Hillary Clintons Lebensweg aus der gebotenen Distanz und angenehm nüchtern nach. Die Biografin spielt mit offenen Karten und berichtet, dass ihre Interview-Anfragen vom Clinton-Team nicht beantwortet worden sind. Das macht nichts. Clinton ist seit Jahren immer wieder von Kritikern und Bewunderern befragt worden, so dass ohnehin nur Sprechblasen hätten erwartet werden dürfen. Dorothea Hahn gibt ihrem zeitgemäß schlanken Buch eine ganz andere und spannende Wendung. Diese Biografie ist aus deutscher Perspektive geschrieben. Wer dieses Buch liest, muss nicht befürchten, abgehängt zu werden: Denn Dorothea Hahn liefert alle zum Verständnis von Hillary Clinton nötigen Hintergründe und Fakten mit. Das schafft sie gewissermaßen nebenbei und ohne Schwung aus der Lebensgeschichte zu nehmen. Wer schon eines der zahllosen Bücher von und über Hillary gelesen hat, wird wenig Neues entdecken. Wer sich aber einen fundierten Eindruck von ihr machen will, der über Zeitungswissen und Vorurteile hinausreicht, der wird viel Freude an diesem Buch finden, das zudem locker geschrieben ist.

 

Eulengezwitscher. Bücher, Biografien und Blog von Gernot Uhl

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Das verborgene Leben des Fidel Castro

Juan Reinaldo Sanchez , Axel Gyldén , Monika Buchgeister , Norma Cassau
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 12.08.2016
ISBN 9783404608973
Genre: Biografien

Rezension:

Aus: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/castro

Er war der ewige Revolutionär: Fidel Castro. Auf der großen Bühne der Sozialromantik hat er alle Rollen gegeben: er war der Aufrührer an der Uni, der ehrenvoll gescheiterte Putschist als junger Rechtsanwalt, der heldenhafte Guerillakämpfer in den Bergen der Sierra Maestra, der erste Arbeiter und Bauer des sozialistischen Karibikidylls auf Kuba und der große Freund der Dritten Welt. Zwei neue Biografien erlauben ungewohnte Blicke in die Maske dieses begnadeten Selbstinszenierers.

 Was ist das für ein Mann, der sein Leben für Ideale riskiert, die er dann verrät und entehrt?

Der junge Fidel Castro streitet gegen den kubanischen Militärdiktator Batista und für seine (gewöhnungsbedürftigen) Vorstellungen von Freiheit und Demokratie. Zumindest gibt er das vor. Denn kaum, dass seine siegreiche Revolution den Tyrannen vertrieben hat, sitzt auch schon der nächste große Unterdrücker in Havanna. Anfangs jubeln ihm die vermeintlich befreiten Kubaner euphorisch zu, weil Castro die amerikanischen Konzerne enteignet und den Großgrundbesitz auf die armen Landbauern verteilt. Sie bewundern ihn dafür, dass er den wutschnaubenden US-Politikern in Washington trotzig die Stirn bietet (auch wenn er sich dafür den Sowjets andienen muss). Sie freuen sich über bessere Bildung und Gesundheitsversorgungen, und sehen geflissentlich darüber hinweg, dass Castros Kuba auch nichts anderes als eine Zweiklassengesellschaft ist. Sie feiern einen Volkstribunen, der selbst mit der Machete das Zuckerrohr schneidet und können doch nicht wissen, dass hinter der Fassade des genügsamen Landmanns ohne eigenen Besitz ein den Luxus liebender Macho steckt, der sich eine geheimgehaltene Paradisinsel, eine Yacht und viele andere Annehmlichkeiten gönnt. 

Davon berichtet Castros ehemaliger Leibwächter in leuchtenden Farben. Juan Reinaldo Sanchéz' Blick auf den Maximo Lider ist eine Abrechnung.Was ist das für ein Mann, der sein Leben für Ideale riskiert, die er dann verrät und entehrt? Der junge Fidel Castro streitet gegen den kubanischen Militärdiktator Batista und für seine (gewöhnungsbedürftigen) Vorstellungen von Freiheit und Demokratie. Zumindest gibt er das vor. Denn kaum, dass seine siegreiche Revolution den Tyrannen vertrieben hat, sitzt auch schon der nächste große Unterdrücker in Havanna. Anfangs jubeln ihm die vermeintlich befreiten Kubaner euphorisch zu, weil Castro die amerikanischen Konzerne enteignet und den Großgrundbesitz auf die armen Landbauern verteilt. Sie bewundern ihn dafür, dass er den wutschnaubenden US-Politikern in Washington trotzig die Stirn bietet (auch wenn er sich dafür den Sowjets andienen muss). Sie freuen sich über bessere Bildung und Gesundheitsversorgungen, und sehen geflissentlich darüber hinweg, dass Castros Kuba auch nichts anderes als eine Zweiklassengesellschaft ist. Sie feiern einen Volkstribunen, der selbst mit der Machete das Zuckerrohr schneidet und können doch nicht wissen, dass hinter der Fassade des genügsamen Landmanns ohne eigenen Besitz ein den Luxus liebender Macho steckt, der sich eine geheimgehaltene Paradiesinsel, eine Yacht und viele andere Annehmlichkeiten gönnt. Davon berichtet Castros ehemaliger Leibwächter in leuchtenden Farben. Juan Reinaldo Sanchéz' Blick auf den Maximo Lider ist eine Abrechnung.Analyse des Wissenschaftlers, Abrechnung des Bodyguards Der langjährige Bodyguard will am Ende seiner Laufbahn ins Gefängnis geraten sein, weil er um Vorruhestand gebeten habe. Solcher Undank löst die Bande der bedingungslosen Loyalität - und Sanchéz plaudert durchaus kurzweilig aus dem Nähkästchen. Es ist zwar nicht wirklich sensationell oder ganz und ganz unvorstellbar, was er da ans Licht bringt, denn dass Macht korrumpiert, ist ja an sich keine echte Überraschung. Aber Sanchéz zerstört eines der Bilder, das Castro zeitlebens von sich zeichnet: Das des uneigennützigen, väterlichen Herrschers, dessen Freizeit nur Kuba gilt, aber nie den eigenen Vergnügungen.

Wesentlich weniger aufgeregt nähert sich Roman Rhode Castros Lebensgang und Lebenswerk. Was Rhode vorgelegt hat, ist nicht weniger als ein Lehrstück politischer Biografik. Nüchtern und distanziert beschreibt und analysiert er die Entwicklung von Castro und Kuba. Er beherrscht die mehrsprachige und vieltausendseitige Literaturlage (was allerdings zur Folge hat, dass er mitunter etwas zuviel voraussetzt) und er fällt kein Vorurteil. Aber seine geradezu emotionslose Schilderung führt nochmals eindringlicher vor Augen, wie Castro seine eigenen Ideale ins Gegenteil verkehrt. Beeindruckend ist die exemplarische Anatomie des Schauprozesses gegen den ehemaligen General Ocho (von dem auch Sanchéz erzählt). Rhode zeigt, wie Castro kurzen Prozess mit allen macht, die ihm nicht folgen. Der einstige Freiheitskämpfer verachtet die Freiheit des Andersdenkens straft selbst Widerworte von engen Vertrauten mit Kerker (wie im Fall Sanchéz) und Tod (wie bei Ochoa). Beide Biografien tragen auf ganz unterschiedliche Weise - Boulevard und Wissenschaft - dazu bei, dass der Mythos Castro bröckelt und dass seine Legende möglicher kürzer lebt, als er selbst...

 

Eulengezwitscher. Bücher, Biografien und Blog von Gernot Uhl

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Fidel Castro

Roman Rhode
Flexibler Einband: 250 Seiten
Erschienen bei Kohlhammer, 01.12.2012
ISBN 9783170214866
Genre: Sachbücher

Rezension:

Er war der ewige Revolutionär: Fidel Castro. Auf der großen Bühne der Sozialromantik hat er alle Rollen gegeben: er war der Aufrührer an der Uni, der ehrenvoll gescheiterte Putschist als junger Rechtsanwalt, der heldenhafte Guerillakämpfer in den Bergen der Sierra Maestra, der erste Arbeiter und Bauer des sozialistischen Karibikidylls auf Kuba und der große Freund der Dritten Welt. Zwei neue Biografien erlauben ungewohnte Blicke in die Maske dieses begnadeten Selbstinszenierers.  Was ist das für ein Mann, der sein Leben für Ideale riskiert, die er dann verrät und entehrt? Der junge Fidel Castro streitet gegen den kubanischen Militärdiktator Batista und für seine (gewöhnungsbedürftigen) Vorstellungen von Freiheit und Demokratie. Zumindest gibt er das vor. Denn kaum, dass seine siegreiche Revolution den Tyrannen vertrieben hat, sitzt auch schon der nächste große Unterdrücker in Havanna. Anfangs jubeln ihm die vermeintlich befreiten Kubaner euphorisch zu, weil Castro die amerikanischen Konzerne enteignet und den Großgrundbesitz auf die armen Landbauern verteilt. Sie bewundern ihn dafür, dass er den wutschnaubenden US-Politikern in Washington trotzig die Stirn bietet (auch wenn er sich dafür den Sowjets andienen muss). Sie freuen sich über bessere Bildung und Gesundheitsversorgungen, und sehen geflissentlich darüber hinweg, dass Castros Kuba auch nichts anderes als eine Zweiklassengesellschaft ist. Sie feiern einen Volkstribunen, der selbst mit der Machete das Zuckerrohr schneidet und können doch nicht wissen, dass hinter der Fassade des genügsamen Landmanns ohne eigenen Besitz ein den Luxus liebender Macho steckt, der sich eine geheimgehaltene Paradisinsel, eine Yacht und viele andere Annehmlichkeiten gönnt.  Davon berichtet Castros ehemaliger Leibwächter in leuchtenden Farben. Juan Reinaldo Sanchéz' Blick auf den Maximo Lider ist eine Abrechnung.Was ist das für ein Mann, der sein Leben für Ideale riskiert, die er dann verrät und entehrt? Der junge Fidel Castro streitet gegen den kubanischen Militärdiktator Batista und für seine (gewöhnungsbedürftigen) Vorstellungen von Freiheit und Demokratie. Zumindest gibt er das vor. Denn kaum, dass seine siegreiche Revolution den Tyrannen vertrieben hat, sitzt auch schon der nächste große Unterdrücker in Havanna. Anfangs jubeln ihm die vermeintlich befreiten Kubaner euphorisch zu, weil Castro die amerikanischen Konzerne enteignet und den Großgrundbesitz auf die armen Landbauern verteilt. Sie bewundern ihn dafür, dass er den wutschnaubenden US-Politikern in Washington trotzig die Stirn bietet (auch wenn er sich dafür den Sowjets andienen muss). Sie freuen sich über bessere Bildung und Gesundheitsversorgungen, und sehen geflissentlich darüber hinweg, dass Castros Kuba auch nichts anderes als eine Zweiklassengesellschaft ist. Sie feiern einen Volkstribunen, der selbst mit der Machete das Zuckerrohr schneidet und können doch nicht wissen, dass hinter der Fassade des genügsamen Landmanns ohne eigenen Besitz ein den Luxus liebender Macho steckt, der sich eine geheimgehaltene Paradiesinsel, eine Yacht und viele andere Annehmlichkeiten gönnt. Davon berichtet Castros ehemaliger Leibwächter in leuchtenden Farben. Juan Reinaldo Sanchéz' Blick auf den Maximo Lider ist eine Abrechnung.Analyse des Wissenschaftlers, Abrechnung des Bodyguards Der langjährige Bodyguard will am Ende seiner Laufbahn ins Gefängnis geraten sein, weil er um Vorruhestand gebeten habe. Solcher Undank löst die Bande der bedingungslosen Loyalität - und Sanchéz plaudert durchaus kurzweilig aus dem Nähkästchen. Es ist zwar nicht wirklich sensationell oder ganz und ganz unvorstellbar, was er da ans Licht bringt, denn dass Macht korrumpiert, ist ja an sich keine echte Überraschung. Aber Sanchéz zerstört eines der Bilder, das Castro zeitlebens von sich zeichnet: Das des uneigennützigen, väterlichen Herrschers, dessen Freizeit nur Kuba gilt, aber nie den eigenen Vergnügungen. Wesentlich weniger aufgeregt nähert sich Roman Rhode Castros Lebensgang und Lebenswerk. Was Rhode vorgelegt hat, ist nicht weniger als ein Lehrstück politischer Biografik. Nüchtern und distanziert beschreibt und analysiert er die Entwicklung von Castro und Kuba. Er beherrscht die mehrsprachige und vieltausendseitige Literaturlage (was allerdings zur Folge hat, dass er mitunter etwas zuviel voraussetzt) und er fällt kein Vorurteil. Aber seine geradezu emotionslose Schilderung führt nochmals eindringlicher vor Augen, wie Castro seine eigenen Ideale ins Gegenteil verkehrt. Beeindruckend ist die exemplarische Anatomie des Schauprozesses gegen den ehemaligen General Ocho (von dem auch Sanchéz erzählt). Rhode zeigt, wie Castro kurzen Prozess mit allen macht, die ihm nicht folgen. Der einstige Freiheitskämpfer verachtet die Freiheit des Andersdenkens straft selbst Widerworte von engen Vertrauten mit Kerker (wie im Fall Sanchéz) und Tod (wie bei Ochoa). Beide Biografien tragen auf ganz unterschiedliche Weise - Boulevard und Wissenschaft - dazu bei, dass der Mythos Castro bröckelt und dass seine Legende möglicher kürzer lebt, als er selbst...   Eulengezwitscher. Bücher, Biografien und Blog von Gernot Uhl 

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Johnny Cash

Robert Hilburn , Henning Dedekind , Werner Roller
Flexibler Einband: 848 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.03.2018
ISBN 9783492311977
Genre: Biografien

Rezension:

Aus: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/cash

Eigentlich wollte Johnny Cash nur angeln. Mit seinem Wohnmobil ist er zu dem Weier im Wald gefahren. Unterwegs hat er sich Tabletten eingeworfen. Cash schluckt Aufputschmittel. Er braucht das, obwohl er alles hat, was ein Mann braucht: Familie und einen Traumjob als gefeierter Country-Musiker. Im Rausch hat er den Wald angezündet. Jetzt brennt alles lichterloh - auch sein Leben - und hätte sein Neffe nicht Hilfe geholt, wäre auch Cash verbrannt.

 Die Stimme von Johnny Cash ist unverkennbar: Dieser klare und doch brummige, volle und doch verletzliche tiefe Sound seines Bassbaritons ist nicht nur sein musikalisches Markenzeichen. Er lässt tief in die Abgründe der Lebensgeschichte dieser legendären Country-Ikone blicken. Mann in Schwarz haben sie ihn genannt - und auch hier muss man nicht nur an die typische Kleidung von Johnny Cash denken - es trifft auch auf seine geschundene Seele zu. Cash ist ein Lebenskünstler und ein Lebensversager. Einer, der alles erreicht hat: Familie und Fans, Geld und Ruhm - und einer, der all das ruiniert, weil er sich derbe gehen lässt und seiner Tablettensucht das Spiel seines Lebens überlässt. Ein Biograf, der sich anschickt, diesen Widerspruch zu erklären, braucht braucht Platz, viel Platz. Robert Hilburn hat sich über 800 Seiten gegönnt: Das wiederum ist der Albtraum des Rezensenten. Aber dieses Mammutwerk ist ein Meisterwerk: Eine intimes Lebensgemälde, das auf einer Staffelei mit drei Beinen steht: Auf der unverhohlenen Bewunderung für den Künstler Cash, auf dem einfühlsamen Umgang mit der labilen Psyche eines innerlich vereinsamten Superstars - und auf der kompromisslosen Verurteilung des unverantwortlichen Lebenswandels von Johnny Cash.

 Es wäre leicht, Johnny Cashs Lebensgeschichte in Sterotypen zu erzählen: Der Junge, der Gospels singt und dem die Mutter nicht nur das Leben schenkt, sondern auch die Gitarre, die ihn berühmt macht. Die Ehe mit Vivian, die schwierigen ersten Karriereklänge, das Familienglück von vier Töchtern, der musikalische Durchbruch, das Abrutschen in die Tablettensucht, die Verhaftung wegen Drogenbesitzes, Scheidung, Selbstmordversuche, neue Liebe, legendäre Konzerte (beispielsweise im Folsom-Gefängnis), Weltruhm. Cashs Biograf Hilburn macht es sich nicht so einfach. Er hat nicht den Drang, nur die Skandale oder familiären Tragödien zu zeigen, sondern das ganze Bild. Dazu zählen Song-Analysen, Zeitzeugen-Interviews, Einordnungen und eine Tendenz zur Vollständigkeit, die manchmal an Unerbittlichkeit grenzt (zum Beispiel bei der Fülle an Namen von Weggefährten, Partnern und Managern). Es es selten, dass eine Biografie nichts allzu sehr beiseite lässt und nichts allzu sehr aufgebauscht.

Robert Hilburn hat das geschafft - und Johnny Cash ein echtes Denkmal errichtet…

 

Eulengezwitscher. Bücher, Biografien und Blog von Gernot Uhl

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Der Dichter und die Ratio: Erinnerungen an Bertolt Brecht (Bibliothek Suhrkamp)

Fritz Sternberg
E-Buch Text: 197 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp Verlag, 18.08.2014
ISBN 9783518738740
Genre: Sachbücher

Rezension:

Aus: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/brecht

Dieses Buch ist wie eine Zeitkapsel. Vor über einem halben Jahrhundert (und kurz vor seinem Tod) hat der marxististische Theoretiker Fritz Sternberg seine Erinnerungen an Bertolt Brecht aufgeschrieben. Doch das zuerst 1963 erschienene schmale Bändchen mit dem gewichtigen Inhalt ist in den vergangenen Jahrzehnten in Vergessenheit geraten. Jetzt hat Sternbergs Nachlassverwalterin Helga Grebing die Zeitkapsel geöffnet und den den Text in der Bibliothek Suhrkamp erneut herausgegeben, kommentiert und mit einem umfangreichen Anhang versehen. Ein Blick ins Buch.

Sternbergs Erinnerungen tragen nicht den Charakter einer umfassenden Brecht-Biografie. Sie vermitteln daher nur sehr eingeschränkt einen Überblick über Brechts Lebensgang (dafür gibt es aber eine ausführliche und sehr gelungene Chronologie im Anhang). Sternbergs Erinnerungen sind in weiten Teilen Erinnerungen an seine Diskussionen mit Brecht. Als solche vermitteln sie allerdings ungleich Wertvolleres, weil Selteneres: ungetrübte Einblicke in das Denken und in die Gedanken des frühen Brechts, der in Sternberg einen "ersten Lehrer" findet. In diesen Diskussionen ringen Brechts intuitiver bis ungestümer Sozialismus und Sternbergs analytisch-theoretische Sicht auf Marx und Co. miteinander.

Das systematische Denken lag ihm nicht, schreibt Sternberg über Brecht, lässt aber im gleichen Federstrich auch keinen Zweifel am Genie des Denkers "im Rösselsprung": Bald beim Fragen, bald beim Nachdenken explodierte es in ihm ,und er sagte dann neue, sehr originelle Dinge. Man spricht darüber, wie Dichter zur Umwälzung der Gesellschaft beitragen kann, reflektiert das Ende des Ersten Weltkriegs und die Zersplitterung der Arbeiterbewegung. Buchstäblich aus dem Fenster (von Sternbergs Wohnung) beobachten die beiden die Polizeigewalt im Mai 1929 (sog. Blutmai), gemeinsam überlegt man, wie man Hitler verhindern könnte. Während des Exils kühlt die Beziehung immer mehr ab, je unkritischer sich der zunehmend berühmte Autor kritischer Dramen der Sowjetunion (und später der DDR) annähert. Dass dieses Abkühlen keinen Schatten auf die Schilderung von Brecht wirft, ehrt Sternberg und zeugt von der Qualität seines Büchleins.Fazit: Sternbergs Brecht-Buch ist keine Einsteiger-Lektüre. Weil seine Würze in der Kürze liegt, setzt Sternberg viel voraus (auch wenn das zumeist durch die umsichtige Edition Helga Grebings gut aufgefangen wird). Der unverstellte Blick auf Brechts Gedankenwelt ist allerdings eine Delikatesse unter den Biografien des Denkens. Dieser Text zeigt einen Brecht, der noch nicht verwaschen oder verklärt ist von den literarischen und biografischen Analysten der vergangenen 50 Jahre.

 

Eulengezwitscher. Bücher, Biografien und Blog von Gernot Uhl

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Das private Leben der Bismarcks

Waltraut Engelberg
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Pantheon, 13.10.2014
ISBN 9783570552261
Genre: Biografien

Rezension:

Aus: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/bismarcks

 

Aufregung herrscht im Hause Puttkamer. Ein gewisser Otto von Bismarck hat brieflich um die Hand der einzigen Tochter Johanna angehalten und sich dann kurzerhand zum Besuch angekündigt. Jetzt wartet man gespannt auf den preußischen Junker. Auf Herz und Nieren will ihn Johannas Vater Heinrich prüfen. Es kommt anders. Kaum dass die Umworbene den Raum tritt, lässt Bismarck ihren alten Herrn links liegen, stürmt geradewegs auf Johanna zu, herzt sie, gibt ihr einen Kuss - und sie erwidert die Zärtlichkeiten. Der spätere Realpolitiker, der wenig hält von langen Reden, hat Fakten geschaffen. Und wie das deutsche Kaiserreich, dass er als Eiserner Kanzler schmiedet, hält auch die Beziehung zu Johanna von Puttkamer, solange beide leben. Zwei Paarbeziehungen erzählen von dieser fast fünfzigjährigen Ehe. Wir blicken hinein... 

Eigentlich hat der stürmische Bismarck ja sein Herz schon an Marie verloren - aber die ist schon vergeben. Wie gut, dass Marie mit Johanna befreundet ist und sie mit flugs mit dem angehenden preußischen Diplomaten Bismarck verkuppelt. Das ist kurz vor der Revolution von 1848, in der es für den königstreuen Hardliner um alles geht. Da sich die Monarchie gegen die liberal-demokratische Bewegung behauptet, kann Bismarck die Karriereleiter im Regierungsbetrieb bis zur obersten Sprosse erklettern: dem Kanzleramt. Für Johanna ist das nicht immer vergnügungssteuerpflichtig. Sie ist dem Land eher verbunden als der Stadt und kann den diplomatischen Gepflogenheiten nicht viel abgewinnen. Dennoch folgt sie ihrem Mann überall hin, wohin ihn der König schickt: Ihre drei Kinder sind an drei verschiedenen Orten geboren, alle zusammen machen sie Station in Sankt Petersburg und Paris, bis endlich Berlin zum dauerhaften Arbeitsort Bismarcks wird. Johanna lebt nur für Bismarck - so soll sie es jedenfalls einmal gesagt haben es ist auch was dran: Obwohl sie es einfach liebt und prunkvolle Empfänge hasst, spielt sie für ihn die staatstragende Gastgeberin. Johanna ist es auch, die sich mit seinem Leibarzt verbündet, damit ihr "Bismärckchen" nicht an seiner Völlerei und Trinkerei zugrunde geht. Dabei ist sie nicht nur treusorgende Gattin und Mutter. Sie ist so etwas wie Bismarcks beste Freundin, wegen seiner vielen Reisen und Abwesenheiten oftmals auch Brieffreundin: Ihr schreibt er arglos, wenn er sich Hals über Kopf in andere Frauen verliebt (das kommt häufiger vor, aber Bismarck wird nie fremdgehen). Ihr schreibt der Eiserne Kanzler als auch so anmutige Treuschwüre wie diesen: "Du bist mein Anker an der guten Seite des Ufers." Kaum verwunderlich, dass er Johannas Tod 1894 wird er nie verwinden wird. Vier Jahre später stirbt auch Otto von Bismarck.

Unterschiedlicher können Bücher, die das gleiche Titelbild tragen, kaum sein. Waltraud Engelberg hat eher einen Sachbericht im nüchternen Präteritum vorgelegt, Gabriele Hoffmann eine empathische Erzählung, weitgehend im lebendigen Präsens. Engelberg nähert sich der Beziehung eindeutig aus einer Otto von Bismarck-Perspektive, da sie sich auf das Lebenswerk ihres Mannes stützen kann: eine monumentale Bismarck-Biografie. Sie schreibt gewissermaßen über Bismarcks Privatleben, in dem Johanna eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Hoffmann rückt dagegen stärker "die erste Kanzlergattin" in den Mittelpunkt. Sie erzählt "die Geschichte einer großen Liebe". Engelbergs Buch ist informativ und quellenfundiert - aber da steht Hoffmanns Beziehungsbiografie nicht nach, obwohl sie doch deutlich unterhaltsamer geschrieben ist: Sehr überzeugend sind die "Notizen für Historiker" im Anhang. Dort dokumentiert Hoffmann, dass auch ihr außerordentlich unterhaltsames Buch auf dem Stand der Forschung ist.

 

Eulengezwitscher. Bücher, Biografien und Blog von Gernot Uhl


  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Otto von Bismarck und Johanna von Puttkamer

Gabriele Hoffmann
Fester Einband: 399 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 20.10.2014
ISBN 9783458176176
Genre: Biografien

Rezension:

Aus: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/bismarcks

 

Aufregung herrscht im Hause Puttkamer. Ein gewisser Otto von Bismarck hat brieflich um die Hand der einzigen Tochter Johanna angehalten und sich dann kurzerhand zum Besuch angekündigt. Jetzt wartet man gespannt auf den preußischen Junker. Auf Herz und Nieren will ihn Johannas Vater Heinrich prüfen. Es kommt anders. Kaum dass die Umworbene den Raum tritt, lässt Bismarck ihren alten Herrn links liegen, stürmt geradewegs auf Johanna zu, herzt sie, gibt ihr einen Kuss - und sie erwidert die Zärtlichkeiten. Der spätere Realpolitiker, der wenig hält von langen Reden, hat Fakten geschaffen. Und wie das deutsche Kaiserreich, dass er als Eiserner Kanzler schmiedet, hält auch die Beziehung zu Johanna von Puttkamer, solange beide leben. Zwei Paarbeziehungen erzählen von dieser fast fünfzigjährigen Ehe. Wir blicken hinein... 

Eigentlich hat der stürmische Bismarck ja sein Herz schon an Marie verloren - aber die ist schon vergeben. Wie gut, dass Marie mit Johanna befreundet ist und sie mit flugs mit dem angehenden preußischen Diplomaten Bismarck verkuppelt. Das ist kurz vor der Revolution von 1848, in der es für den königstreuen Hardliner um alles geht. Da sich die Monarchie gegen die liberal-demokratische Bewegung behauptet, kann Bismarck die Karriereleiter im Regierungsbetrieb bis zur obersten Sprosse erklettern: dem Kanzleramt. Für Johanna ist das nicht immer vergnügungssteuerpflichtig. Sie ist dem Land eher verbunden als der Stadt und kann den diplomatischen Gepflogenheiten nicht viel abgewinnen. Dennoch folgt sie ihrem Mann überall hin, wohin ihn der König schickt: Ihre drei Kinder sind an drei verschiedenen Orten geboren, alle zusammen machen sie Station in Sankt Petersburg und Paris, bis endlich Berlin zum dauerhaften Arbeitsort Bismarcks wird. Johanna lebt nur für Bismarck - so soll sie es jedenfalls einmal gesagt haben es ist auch was dran: Obwohl sie es einfach liebt und prunkvolle Empfänge hasst, spielt sie für ihn die staatstragende Gastgeberin. Johanna ist es auch, die sich mit seinem Leibarzt verbündet, damit ihr "Bismärckchen" nicht an seiner Völlerei und Trinkerei zugrunde geht. Dabei ist sie nicht nur treusorgende Gattin und Mutter. Sie ist so etwas wie Bismarcks beste Freundin, wegen seiner vielen Reisen und Abwesenheiten oftmals auch Brieffreundin: Ihr schreibt er arglos, wenn er sich Hals über Kopf in andere Frauen verliebt (das kommt häufiger vor, aber Bismarck wird nie fremdgehen). Ihr schreibt der Eiserne Kanzler als auch so anmutige Treuschwüre wie diesen: "Du bist mein Anker an der guten Seite des Ufers." Kaum verwunderlich, dass er Johannas Tod 1894 wird er nie verwinden wird. Vier Jahre später stirbt auch Otto von Bismarck.

Unterschiedlicher können Bücher, die das gleiche Titelbild tragen, kaum sein. Waltraud Engelberg hat eher einen Sachbericht im nüchternen Präteritum vorgelegt, Gabriele Hoffmann eine empathische Erzählung, weitgehend im lebendigen Präsens. Engelberg nähert sich der Beziehung eindeutig aus einer Otto von Bismarck-Perspektive, da sie sich auf das Lebenswerk ihres Mannes stützen kann: eine monumentale Bismarck-Biografie. Sie schreibt gewissermaßen über Bismarcks Privatleben, in dem Johanna eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Hoffmann rückt dagegen stärker "die erste Kanzlergattin" in den Mittelpunkt. Sie erzählt "die Geschichte einer großen Liebe". Engelbergs Buch ist informativ und quellenfundiert - aber da steht Hoffmanns Beziehungsbiografie nicht nach, obwohl sie doch deutlich unterhaltsamer geschrieben ist: Sehr überzeugend sind die "Notizen für Historiker" im Anhang. Dort dokumentiert Hoffmann, dass auch ihr außerordentlich unterhaltsames Buch auf dem Stand der Forschung ist.

 

Eulengezwitscher. Bücher, Biografien und Blog von Gernot Uhl

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Im Schatten der Macht - König Otto I. von Bayern

Jean Louis Schlim
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei August Dreesbach Verlag, 11.10.2016
ISBN 9783944334806
Genre: Sonstiges

Rezension:

Aus: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/otto-i

 

Die Frauenkirche ist rappelvoll. Die Münchner feiern Hochamt. Plötzlich stürmt ein panischer junger Mann ins das Gotteshaus. Er hastet zum Altar, fällt auf die Knie und bittet um Vergebung. Die Menge tuschelt. Das ist doch Prinz Otto. Ist der nicht mehr ganz normal?

 

Liegt es an der komplizierten und frühzeitigen Geburt? Oder an den Ängsten, die seine Mütter während der Schwangerschaft heimgesucht haben? Oder an der unerbittlichen Ausbildung, die er als Königssohn und möglicher Kronprinz durchlaufen muss? Ist er zu sensibel für die Macht? Das kann sich ein Herrscherhaus wie das der Wittelsbacher nicht erlauben. Otto wird ganz normal auf die Regierungsverantwortung vorbereitet. Er nimmt für Bayern sogar an der Ausrufung des Deutschen Kaiserreiches im Spiegelsaal von Versailles teil. Trotzdem: Schon in frühen Jahren wird Otto von Beklemmungen und Wahnvorstellungen gepeinigt.

 

Eine Zeit lang kann die Wittelsbacher Königsfamilie das einigermaßen erfolgreich verbergen. Nach dem Domsturm muss man Otto selbst verbergen. Es ist ein biografischer Wendepunkt: In Märchenschlössern verwahrt zu werden ist fortan das Schicksal des Prinzen. Seine Lebensgeschichte sich vollends in eine Leidensgeschichte. Zwar wird er offiziell König, als sein ebenfalls zunehmend geistig umnachteter Bruder Ludwig II. im Starnberger See ertrinkt. Regieren aber werden in den knapp drei Jahrzehnten seiner Amtszeit immer Andere.Eine neue Biografie nimmt sich dieses tragischen bayrischen Königs verständnisvoll an, der nicht nur im Schatten der Macht gelebt hat (so der Untertitel), sondern auch in geistiger Umnachtung. Jean Louis Schlim hat keinen Psychothriller vorgelegt, obgleich Ottos Leben diesen Stoff durchaus hergeben würde. Er beschränkt sich darauf, kommentierender Chronist zu sein (leider ist auch der Schreibstil manchmal etwas dröge). Das nimmt der Dramatik etwas den Schwung, wird aber dem schwermütigen Menschen Otto durchaus gerecht. Und dies ist die wichtigste Leistung des Buches:

 

Hier geht es nicht um einen Glanz- und Glamourkönig, sondern um einen traurigen und bedauernswerten Menschen, den auch das blaue Blut nicht davor schützt, allmählich dahinzudämmern. Dazu bietet die Biografie im wahrsten Wortsinn viele Lebensbilder, da sie liebevoll und stilsicher illustriert ist…

 

Eulengezwitscher. Bücher, Biografien und Blog von Gernot Uhl


  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Das Paradies war für uns - Emmy Ball-Hennings und Hugo Ball

Bärbel Reetz
Flexibler Einband: 477 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 06.09.2015
ISBN 9783458361008
Genre: Biografien

Rezension:

Aus: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/ball

 

Gläubige Nutte trifft verhinderten Doktor: Sie liebt seine Handschrift, er liebt ihren starken Auftritt. Emmy Hennings und Hugo Ball sind ein seltsames Paar. Beide sind verhinderte Literaten von Weltrang. Ihre Bücher und Theaterstücke lassen nicht wirklich die Kasse klingeln, aber ihre Gedanken revolutionieren die konventionelle Kunst mit dem Dadaismus. Während alle Welt in den Großen Krieg zieht, kämpfen sie mit verrückter Nonsens-Kultur für den Frieden...

 

Die Zentrale des Wahnsinns heißt Cabaret Voltaire. Diese Züricher Künstlerkneipe ist die Wiege des Dadaismus. Eine Gruppe junger Literaten um Emmy Hennings und Hugo Ball findet das Verrecken in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs ziemlich aberwitzig. Man will das mit nationalistischem Pathos aufgeladene Völkerschlachten als das entlarven, was es ist: der reine Irrsinn. Und das Mittel der Wahl ist die ebenso sinnfreie Kunstform des Dadaismus: Sinnlose Texte, sinnlose Bilder, sinnloses Theater. Ganz nebenbei hinterfragt man damit auch den Heiligen Ernst der herkömmlichen Kunstbranche. Dabei geht es im Leben von Emmy und Hugo nicht minder drunter und drüber wie auf der kleinen Bühne des Cabaret Voltaire.Emmy Hennings (1885-1948) war schonmal verheiratet, hat zwei Kinder zu Welt gebracht und dann bei ihrer Mutter abgegeben. Sie will Künstlerin sein und schläft mit Künstlern. Sie ist eine Muse, die sich Seelenverwandten leidenschaftlich gerne hingibt. Und weil sie merkt, dass sie den Männern gefällt, verkauft sie ihren Körper. Einmal beklaut sie einen Freier, wird erwischt, wandert ein, und schreibt darüber: "Gefängnis" heißt das Buch, das endlich den ersehnten Erfolg bringt - eine Autobiografie. Hugo Ball (1886-1927) ist irgendwie das Gegenteil von ihr. Ein bisschen verklemmt, ein bisschen verkopft (fast fertiggestellte literaturwissenschaftliche Doktorarbeit), ein bisschen zurückhaltender. Er ist nicht ganz so schnell mit Beziehungen, aber wenn er sich bindet, dann richtig. Er ist fixiert auf Emmy, nachdem sie endlich zusammenkommen. Gemeinsam geht man ins literarische Exil.

 

Man könnte es schlimmer treffen als im Tessin - jedenfalls, solange das Geld reicht. In Italien genügen sich die beiden und suchen nun nach dem inneren Frieden. Ob sie ihn finden, bleibt in der neuen Paarbiografie offen. Das tut ihr aber keinen Abbruch. Gekonnt schlüsselt Bärbel Reetz das schillernde Leben dieser beiden außergewöhnlichen Menschen auf, soweit das Dritte können. Herausgekommen ist ein packendes Buch, das das Unverständliche zum Erlebnis macht. Zugegeben: Es ist für Normalmenschen nicht immer ganz leicht, die flippigen Anwandlungen von Emmy und die Wandlungen von Hugo Ball zu verstehen, der sich vom advangardistischen Kunstrevoluzzer zum dogmischten Katholiken entwickelt. Aber hier punktet die Biografin Bärbel Reetz mit einer ausgewogenen und nur behutsam kommentierenden Darstellung, die auch das teils prominente Umfeld des Künstlerpaares schildert und einbringt. Überzeugend ist zudem, dass die beiden Künstler nicht auf ihre Dada-Phase reduziert, sondern in ihrer Widersprüchlichkeit ernst genommen werden.

 

Eulengezwitscher. Bücher, Biografien und Blog von Gernot Uhl

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

biografie, bundeskanzler, deutschland, nachkriegsdeutschland, politik, politiker, spd, willy brandt

'Das musst du erzählen'

Egon Bahr
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Propyläen Verlag, 08.03.2013
ISBN 9783549074220
Genre: Biografien

Rezension:

Aus: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/bahr

Er war der wichtigste Mann von Bundeskanzler Willy Brandt: Egon Bahr. Als Pressechef, Chefdenker und Vertrauter hat Bahr den übergroßen Sozialdemokraten vom Berliner Rathaus bis ins Bonner Bundeskanzleramt begleitet. Mehr noch: Seine Erinnerungen an den Freund (wie er immer wieder sagt) sind eigentlich autobiografische Notizen zum Fall B. - einem politischen Doppelleben: Denn Egon Bahr und Willy Brandt verschmelzen in dieser Erzählung zu einem einzigen Protagonisten, dessen Bühne die Neue Ostpolitik war.

 

An Unstimmigkeiten oder auch nur an zwei Meinungen kann sich Egon Bahr nicht erinnern: Ist der Kanzler einmal nicht erreichbar, verhandelt Egon Bahr in seinem Namen; er überbringt seinen Gesprächspartnern im Osten Botschaften von Brandt, die der erst im Nachhinein erfährt und mit einem zufriedenen Schmunzeln abnickt. Anekdoten wie diese machen Bahrs Erinnerungen, die bei Hörbuch Hamburg erschienen sind, zum unterhaltsamen Ohrenschmaus. Sie zeigen aber auch, dass Egon Bahr eine erfrischende Brise Nüchternheit in den allmählich ermüdenden Personenkult um Willy Brandt streut - selbstverständlich ohne dessen historische Größe anzuzweifeln: Ihm geht es nicht um die Familien-, Frauen- und Frustgeschichten seines mittlerweile mystifizierten Chefs. Bahr beschränkt sich diesbezüglich auf humorvolle Sticheleien, wenn er etwa Brandt mit dem Sowjetführer Leonid Breschnew vergleicht: Die beiden haben sich auf Anhieb verstanden.

 

Wein, Weib und Gesang hätten sie beide nicht abgelehnt. Und wenn der Arzt gesagt hätte. ihr müsst vorsichtiger sein, hätten beide sofort beschlossen: "Wir hören auf zu singen!"

 

Egon Bahr hat anderes im Sinn: Ihm geht es um die diplomatische Kärrnerarbeit hinter den Parolen "Wandel durch Annäherung" und "Mehr Demokratie wagen". Diese Kärrnerarbeit hat zu großen Teilen er selbst geleistet. Deshalb sind seine Erinnerungen an Brandt eher die Erinnerungen an die gemeinsame Politik, die Brandts Namen und Bahrs Handschrift trägt. Der Hörer pendelt mit dem Chefunterhändler der sozial-liberalen Koalition zwischen Bonn und New York, Berlin und Moskau hin und her: Immer auf der Suche nach einem neuen Miteinander im Kalten Krieg und immer bestrebt, den Deutschen in Ost und West die politische Teilung menschlich zu erleichtern. Detailgetreu (teilweise im Wortlaut) geschilderte Verhandlungssituationen vermitteln das Gefühl, mit am Tisch zu sitzen, wenn der Architekt der Neuen Ostpolitik um Grenzen, Transitabkommen oder auch nur um die richtigen Vokabeln ringt. Darüber scheint der Baumeister Brandt, der an diesen Arbeitsgesprächen nicht teilnimmt, manchmal aus dem Sinn zu geraten. Aber dieser Eindruck trügt, denn Brandt und Bahr sind zunehmend ein Herz und eine Seele. Die Memoiren des Einen schließen den Anderen stets mit ein. Immer wieder gewährt Bahr Einblicke in sein nahezu symbiotisches Verhältnis zu Brandt: Es rührt ihn, dass Brandt ihn auf dem Sterbebett als Freund benennt; er rechnet mit dem gemeinsamen Parteifeind Herbert Wehner ab; er ist stolz darauf, dass Brandt ihm sagt, er habe Anteil am Nobelpreis. Selbst die auf den ersten Blick oberflächliche Deutung, wonach Brandt ein Träumer mit Bodenhaftung gewesen sei erklärt sich besser, wenn man den bodenständigen Bahr erzählen hört.


Zwar fällt der Name des ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlers nicht so oft, wie es der Untertitel erwarten lässt ("Erinnerungen an Willy Brandt"). Allerdings erzählt Egon Bahr die Biografie der Marke Brandt und seiner Neuen Ostpolitik unterhaltsam und lehrreich. Dass Egon Bahr selbst liest, machen das (gekürzte) Hörbuch zu einem zeitgeschichtlichen Zeugnis ersten Ranges.

  

Eulengezwitscher. Bücher, Biografien und Blog von Gernot Uhl

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Freiheit für Raif Badawi, die Liebe meines Lebens

Ensaf Haidar , Andrea Claudia Hoffmann , Pegah Ferydoni
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei Random House Audio, 12.10.2015
ISBN 9783837132977
Genre: Biografien

Rezension:

Aus: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/badawi

 

Zehn Jahre Haft und tausend Stockhiebe: Raif Badawi sitzt ein, weil er gebloggt hat: für mehr Freiheit, Gleichberechtigung und Toleranz in einem modernen Saudi-Arabien. Dafür ist er unter die Mühlen eines mittelalterlichen Rechts- und Gesellschaftssystem geraten. Seine Frau Ensaf Haidar erzählt ihre gemeinsame Geschichte über Macht und Ohnmacht, Hoffnung und Verzweiflung - und über die ganz große Liebe.

 

Zugegeben: Ich bin kein großer Fan von Liebesgeschichten. Diese hier hat mich aber mitgerissen und ich bin froh, dass ich mir die Geschichte von Raif Badawi und Ensaf Haidar angehört habe. Raif ist ein saudischer Blogger, der sich in und mit seinem liberalen Forum für Frauenrechte, Meinungsfreiheit und eine weltoffenere Gesellschaft stark gemacht hat. Das hat ihm viele digitale Freunde eingebracht - und mächtige Feinde in der Religionspolizei, die nicht nur im Netz Jagd auf ihn gemacht haben. Seit über drei Jahren sitzt Raif Badawi im Gefängnis.Seine Frau Ensaf kämpft seither für seine Freilassung. Sie lebt mit den drei gemeinsamen Kindern im kanadischen Asyl, organisiert Proteste, nimmt Preise für ihren inhaftierten Mann entgegen und trifft sich mit führenden Politikern Europas. Nur sie können den König von Saudi-Arabien zu einer Begnadigung bewegen - wenn überhaupt. Auch Ensaf Haidars ergreifendes Hörbuch Freiheit für Raif Badawi, die Liebe meines Lebens ist Teil dieses Kampfes. Aber es ist weit mehr: Eingebunden in das biografische Drama zweier junger saudischer Menschen ist dieses Hörbuch eine Einführung in die kaum zu glaubende politische, rechtliche und gesellschaftliche Wirklichkeit des einflussreichen Golfstaates. Vieles weiß man so mehr oder weniger: die Männer haben das Sagen, die Frauen werden unterdrückt und müssen sich vollverschleiern, die Familienehre ist wichtig, der Glaube ebenso. Was das aber ganz konkret heißen kann, hat zumindest mir regelrecht den Atem verschlagen: Das aberwitzige Versteckspiel, in dem Raif und Ensaf als Paar zueinander gefunden haben, die grotesken Widerstände aus ihrer Familie, der kalte und zynische Hass seines Vaters, der schon den dreizehnjährigen Raif anzeigen und hinter Gitter bringen kann, die Drohungen und Mordversuche gegen den Blogger, der das freie Wort liebt, ohne sein Land verraten zu wollen, die haltlosen Anschuldigungen, mit denen man Raif schließlich außer Gefecht setzt. Denn verboten ist sein Blog nicht. Deshalb wirft man ihm Abfall vom Glauben vor - und das ist ein schlimmes Vergehen in Saudi-Arabien. Ensaf Haidar hält trotz größtem Druck der auf sie ausgeübt wird (inklusive Familienverbannung und vermuteter Zwangsscheidung) zu ihrem Mann. Sie erzählt ihre gemeinsame Liebesgeschichte wie einen paarbiografischen Krimi: Immer wieder wird es brenzlig, immer wieder lassen sich Freunde und Feinde Raifs neue Möglichkeiten einfallen, ihm zu schaden oder ihm zu helfen. Immer wieder gibt es unverhoffte Wendungen - nur ein Happy End ist leider noch nicht in Sicht. Wer sich aber für die Freilassung von Raif Badawi einsetzen will, kann dies beispielsweise auf den Seiten von Amnesty International tun oder eben auch mit dem Kauf dieses empfehlenswerten Hörbuchs einen kleinen Beitrag leisten…

 

Eulengezwitscher. Bücher, Biografien und Blog von Gernot Uhl

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

der spiegel, rudolf augstein, spiegel, werdegang aus einer anderen perspektive

Der Herausgeber

Irma Nelles
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 04.02.2016
ISBN 9783351036300
Genre: Biografien

Rezension:

Aus: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/augstein

 

Er hat Deutschland den Spiegel vorgehalten: Rudolf Augstein. Augstein hat den Mächtigen auf die Finger geschaut. Seit seinem Tod (2002) hat sich Der Spiegel merklich eingetrübt. Dafür sorgt nun Augsteins ehemalige Büroleiterin Irma Nelles für einen unerwartet klaren Blick auf den Mann hinter dem Spiegel und zeigt viel männliches, allzu männliches...

Rudolf Augstein ist ein journalistisches Denkmal. Er hat die kritische Berichterstattung kultiviert, existenzielle Kämpfe um Freiheit der Presse ausgefochten und dabei zeitweise seine eigene Freiheit verloren (mehr dazu siehe hier). Rudolf Augstein war fortschrittlich, wortgewandt und willensstark. Er war einer der ganz großen Meinungsmacher und ein Vorbild für viele idealistische Journalisten.

Und jetzt kommt seine ehemalige Büroleiterin Irma Nelles mit einem Buch um die Ecke, das einen ganz anderen Rudolf Augstein zeigt: Einen einsamen, verzweifelten, ewig unzufriedenen Menschen, der Trost bei edlen Tropfen und schönen Frauen sucht. Irma Nelles drückt das nicht so verklemmt aus. In ihren Erinnerungen trinkt der Herausgeber "sehr gründlich" seine Bierflasche aus und ist enttäuscht, dass kein Nachschub mehr da ist. Augstein selbst thematisiert die Diagnose Alkohol-Sucht mit seiner Büroleiterin. Bei so viel Nähe wird auch Irma Nelles selbst zum Objekt der Augstein-Begierde: "Wir sollten jetzt endlich mal fieken" soll – so oder so ähnlich – der im Dienst um keine geschliffene Formulierung verlegene Spitzenschreiber gefleht haben – mehr als einmal. 

Mehr als einmal habe ich auch darüber nachgedacht, ob ich solche Enthüllungen nun gut oder schlecht finden soll. Eigentlich bin ich kein Freund von voyeuristischer Enthüllungsbiografik, wie sie beispielsweise Peter Siebenmorgen bei Augsteins Intimfeind Franz Josef Strauß versucht hat.

Trotzdem fällt meine Antwort im Falle dieses Erinnerungsbuches etwas anders aus: Irma Nelles' unaufgeregten Umgang mit diesen Einblicken in Augsteins Gefühlswelt finde ich gut. Sie berichtet nicht um des Skandals willen und sie schreibt nicht erkennbar effekthascherisch. Sie hat Augstein eben so und nicht anders erlebt. Und so gibt sie nun Zeugnis von ihm. Nelles hat sich oft über Augstein gewundert - und sie hat ihn bewundert. Das steht zwischen den Zeilen und außer Zweifel. Irma Nelles vergisst auch nicht, das das Bild eines mitfühlenden Menschen zu zeichnen, der selbst mit Feinden trauern kann. Sehr persönlich nimmt Augstein Anteil am Tod der Frau von Franz Josef Strauß, den er ein ganzes Medienmacherleben bis aufs Messer bekämpft hat. Gerade deshalb können auch die teils sehr intimen Details, die Irma Nelles locker-lässig ausplaudert, nicht den Eindruck erwecken, dieses Buch sei eine Abrechnung oder ein Enthüllungsthriller. Viel eher ist es das wertvolle Dokument einer autobiografischen Verarbeitung:

Seite für Seite atmet das Buch den Stolz einer selbstbewussten Frau, die sich im Schatten eines gleichermaßen genialen wie schwierigen Menschen nicht verloren hat. Wenn man es ganz streng nimmt, handelt es sich bei diesem außerordentlich lesenswerten Buch um eine Paarbiografie zweier Menschen die fast – aber eben nur fast – alles miteinander geteilt haben.

 

Eulengezwitscher. Bücher, Biografien und Blog von Gernot Uhl

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(68)

107 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 26 Rezensionen

anschlag, bataclan, blut, brie, buecherseele79, cafes, familie, frankreich, mord, paris, terror, terroranschlag, tod, trauer, verlust

Meinen Hass bekommt ihr nicht

Antoine Leiris , Doris Heinemann
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 09.05.2016
ISBN 9783764506025
Genre: Biografien

Rezension:

Hélène tanzt in den Tod. Die junge Mutter stirbt im Bataclan in Paris. Terroristen nehmen ihr das Leben. Zurück bleiben ihr kleiner Sohn Melvil und ihr Mann Antoine. Antoine hat seine Frau verloren. Gewinnen will er ihre Mörder nicht lassen. „Freitag Abend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes", schreibt er bei Facebook, „aber meinen Hass bekommt ihr nicht.“
Antoine Leiris hat diesen Brief kurz nach dem Attentat geschrieben. Terroristen hatten am 13. November 2015 im Pariser Club Bataclan 89 Menschen getötet, darunter auch Hélène. Der millionenfachen Klick-Anteilnahme in den Sozialen Netzen folgt jetzt die Geschichte hinter dem Brief: Ein gleichermaßen intimes wie literarisches Tagebuch vom Start in das Leben nach dem Terror. Dieses Hörbuch sollten alle hören, die vor einem Jahr den entwaffnenden Brief gelikt, geteilt, übersetzt oder kommentiert haben. Denn es ist etwas anderes, dem Terror rhetorisch die Stirn zu bieten, als lebenslang mit seinen Folgen leben zu müssen.
Hélène, die im Bataclan gestorben ist, wird ihrem Sohn nie wieder vorlesen können und sie wird ihren Mann nie wieder küssen. Was das Buch noch eindrücklicher vermittelt als der Brief oder als tagelange Sondersendungen nach bestürzenden Anschlägen: Terror trifft nicht nur eine Lebensweise, ein Land, oder irgendwelche Leute Es trifft Menschen mit Familien und Freunden. Es kann mich treffen - oder Dich. Bedrückend detailliert beschreibt Antoine Leiris die quälenden Stunden der Ungewissheit nach dem Anschlag und die ersten schrecklichen Tage mit der bitteren Wahrheit. Immer wieder streut er Erinnerungen an Hélène ein, die sie im Laufe des Hörbuches unnatürlich lebendig wirken lassen. Je enger man sie kennen lernt, desto schmerzhafter und eindringlicher ist ihr gewaltsamer Tod.
Antoine Leiris kontrastiert den Ausnahmezustand mit den unausweichlichen Alltagsroutinen: Melvil will gefüttert und gewickelt werden, der Gasmann will den Zähler ablesen und so  weiter und so fort. Auch nachdem die Weltgeschichte ihren Blick von Paris wieder auf andere Schauplätze des Schreckens richtet, müssen Antoine Leiris und sein Sohn mit ihrem Schicksal leben. Umso beeindruckender ist sein Vorbild, sich dem Terror auch emotional nicht zu beugen. "Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit misstrauischem Blick betrachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Verloren. Der Spieler ist noch im Spiel." Und doch geht von diesem Buch in seiner schonungslosen Intimität und Detailtreue eine gewisse Gefahr aus: Manche erschütternde und bewegende Momente bewirken gerade das, was Leiris überwinden will: Das Gefühl von Angst und mitfühlender Ohnmacht. Aber überwunden werden kann eben nur, was da ist. Und das gilt auch für Angst und Ohnmacht...

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Chronist der Macht

Mainhardt Nayhauß-Cormons
Fester Einband: 544 Seiten
Erschienen bei Siedler, 22.09.2014
ISBN 9783827500120
Genre: Biografien

Rezension:


Das journalistische Urgestein Mainhardt Graf von Nayhauß auf der Frankfurter Buchmesse.Ohne Kohl geht's kaum. Der Altkanzler ist auf der Frankfurter Buchmesse allgegenwärtig, selbst da, wo's nicht um Bücher von ihm oder über ihn geht. Wenn aber mit Mainhardt Graf zu Nayhauß ein journalistisches Urgestein der Bonner Republik und selbsterklärter "Chronist der Macht" seine Erinnerungen vorstellt, dann muss aber auch über den Machtmenschen Helmut Kohl gesprochen werden.


Ganz konkret erzählt und schreibt Nayhauß von einer pikanten Homestory. Anfang der 1970er sitzt er mit Kohls beim Kaffee. Helmut muss noch mal ins Büro und so unterhält sich Nayhauß mit Hannelore. Und die offenbart Erstaunliches:Sie schießt regelmäßig mit ihrer Pistole. Wir bitten sie, für ein Foto mit der Waffe zu posieren. Ohne zu zögern holt sie die Pistole, legt an mit ausgestrecktem Arm und visiert ein imaginäres Ziel mit dem rechten Auge über Kimme und Korn an. Der journalistisch gehörnte Politikergatte ist außer sich und Nayhauß fällt bei Kohl in Ungnade. Als Journalist war man bei Kohl aber immer Liftboy, erinnert sich Nayhauß im Buchmessen-Talk mit Rainer Blasius von der FAZ, mal ganz oben, mal ganz unten. Der schreibende Graf (geb. 1926) hat in seinen vielen Berufsjahrzehnten nicht nur mit Kohl gesprochen, sondern mit allen bisherigen Kanzlern - und dabei für fast alle großen Zeitungen und Zeitschriften gearbeitet. Sein persönlicher Stil verbindet ein treffsicheres politisches Gespür für die richtigen Fragen und Themen mit der locker-verständlichen Schreibe des Boulevards. Und das hat Nayhauß nicht verlernt. Seine gut 500 Seiten umfassende Autobiografie liest sich flüssig und kurzweilig wie eine Lebens- und Laufbahn-Reportage. Wer den ein oder anderen Blick hinter die Kulissen der Bonner Republik werfen will, wird beim Chronist der Macht fündig: Unterhaltsam und amüsant erzählt er Anekdotisches und Merkenswertes aus 60 Jahren Bundesrepublik- und Kanzlergeschichte



Nayhauß selbst legt noch mehr viel Wert darauf, Zeugnis über die Kindheit- und Jugendlüge abzulegen, mit der er leben musste: dass sein Vater von der Gestapo verhaftet gefoltert und ermordet worden war, verheimlicht ihm die Mutter. Ahnungslos stellt sich der Sohn der Ermordeten als Heranwachsender gut mit dem nationalsozialistische Regime. Er ist in der Hitlerjugend, später sogar bei der Waffen-SS. Dass er noch später als bekennender Bundesrepublikaner lebt, nimmt DER SPIEGEL zum Ausgangspunkt einer fragwürdigen Argumentation: "Nayhauß hat sich angepasst - immer und jedem." Ein gewisses Maß an Anpassung ist kein journalistisches Makel, Chronisten und Kommentatoren müssen auf der Höhe der Zeit sein - und das praktiziert auch DER SPIEGEL unter anderem mit seiner erfolgreichen Online-Ausgabe. Wer wie Nayhauß unangenehme Fragen stellt und damit Dauerkanzler wie Adenauer und Kohl verärgert, der kann so angepasst nicht sein. Und dass Nayhauß als knapp 90-Jähriger einen zeitgemäßen Schreibstil findet, kann man ihm auch nicht zum Vorwurf machen. Ein ganz und gar Angepasster würde eine solch' diskussionswürdige Jugend wohl gar nicht mehr erst zum Thema machen. Graf von Nayhauß hat es getan.



Fazit: Es gibt zwei Schwachstellen in diesem Buch: Der Titel ist der schwächste Teil. Mainhardt Graf von Nayhauß ist kein dröger "Chronist der Macht". Er ist ein lebhafter Erzähler, der analytische Tiefe und keckern Stil verbindet. Auch der Umfang wirkt abschreckend. Über 500 Seiten Politikgeschichte? Gefühlt sind es weit weniger als 500 Seiten, denn Nayhauß erzählt Politik in vielen kleinen Geschichten. Sein offener Umgang mit der konformen Jugend im Nationalsozialismus macht das Buch glaub- und lesenswürdiger.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(5)

12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

bayern, biografie, biographie, geschichte, könig, krieg

Ludwig II.

Oliver Hilmes
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Pantheon, 11.05.2015
ISBN 9783570552728
Genre: Biografien

Rezension:

Aus: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/ludwig-ii

Oliver Hilmes und der Märchenkönig - das passt. Der Shootingstar unter den deutschen Biografen hat ein Faible für schillernde Gestalten der Romatik. Seine wissenschaftlichen und biografischen Meriten hat Hilmes an der Schnittstelle von Musik und Politik erworben - bislang allerdings mit musischem Schwerpunkt: Über Franz Liszt hat er geschrieben, über dessen Tochter Cosima, die Richard Wagner geheiratet hat, schließlich über deren gemeinsame Kinder. Mit dem Wagner-Clan und seiner Zeit kennt sich Hilmes aus. Umso verheißungsvoller ist der Untertitel seiner neuen - eher politischen - Biografie über Wagners Finanzier und Förderer Ludwig II.: "Der unzeitgemäße König". Vor 150 Jahren wurde er gekrönt.

Es existieren gewissermaßen zwei Ludwigs, so Hilmes, die Kunstfigur und die historische Persönlichkeit. Von Anfang macht der Biograf klar, was der Leser auf den 446 Seiten zu erwarten hat - und was nicht: Auch wenn das kunstfertige Cover Anderes vermuten lässt, geht es Hilmes um die historische Figur des bayrischen Königs. Er will mit wissenschaftlichem Anspruch und anhand harter Fakten neue Erkenntnisse zu Tage zu fördern und sich daran messen lassen. Hilmes legimiert seine Ludwig-Biografie mit vielfachen (und mitunter zu offensiv vorgetragenen) Hinweisen auf die von ihm neu erschlossenen Quellen. Als erster Ludwig-Biograf hat Hilmes eine stattliche Zahl von Briefen und Tagebüchern aus dem königlichen Umfeld eingesehen und ausgewertet - vor allem im lange verschlossenen Geheimen Hausarchiv der Wittelsbacher Dynastie.

Je länger Ludwigs (chronologisch geschilderte) Lebensgeschichte dauert, desto erhellender werden die aus den Akten geborgenen Gedanken und Worte von und über den Kini (König). Hilmes hat in gewisser Weise einen Kini-Krimi geschrieben, in dem er als Archiv-Detektiv dem König und den Intrigen seines Hofes nachspürt. Das gelingt ihm über weite Strecken fesselnd. Vor allem die Überlieferungen von Bismarcks Mann in München, Georg von Werthern, erweisen sich als wertvolle Quelle.

Gestützt auf diese und ähnliche Dokumente durchleuchtet Hilmes gekonnt Ludwigs politische Leistungen und Niederlagen im Zeitalter der deutschen Nationalstaatsgründung. Ein kleiner Wermutstropfen: Wie Wethern in seinen Depeschen und Tagebucheinträgen berichtet Hilmes eher über die Akte Ludwig, als dass er den König zwischen Buchdeckeln wieder zum Leben erweckt. Mitunter beschränkt er sich darauf, zwischen neu entdeckten Zitaten zu moderieren, anstatt Ludwigs Lebensgeschichte zu erzählen. Allerdings erlaubt dieser analytische Zugang auch spannende Einblicke: So erfährt der Leser, wie sich Wagner und Ludwig umschwärmen, weil sie einander brauchen. In der Alltagswelt ist der Komponist auf seinen Mäzen angewiesen - in dessen Traumwelten ist es umgekehrt: Dort regiert Ludwig nicht das Bayern an der Schwelle des 20. Jahrhunderts; er herrscht stattdessen über die verklärten alten Reiche, die der verehrte Meister in seinen opulenten Opern heraufbeschwört. "Es giebt einen einzigen Weg zur Erregung seiner sympatischen Seelenkräfte zu gelangen, lässt Hilmes Wagner sagen, und diess bin ich, meine Werke, meine Kunst, in denen er die eigentliche wirkliche Welt ersieht, während alles Uebrige ihm wesenloser Unsinn dünkt." Wagners Musik konnte bei ihm eine Euphorie bis hin zur Verzückung hervorrufen, aber offensichtlich ließ diese Wirkung auch schnell wieder nach. Dieser Mechanismus fand eine Entsprechung in der Korrespondenz der beiden Männer.

Ludwig vermochte es, einen regelrechten Rausch zu Papier zu bringen [...], schwand das Delirium aber, beurteilte er die Dinge rational, gewissermaßen nüchtern. (S. 75)

Das Problem: Immer mehr fließen für Ludwig (und von ihm unbemerkt) die bürokratische Alltagswelt und die pompösen Traumwelten ineinander. Der König kann sich besser mit Wagners Bühnengestalten (wie dem mittelalterlichen Schwanenritter Lohengrin) identifizieren, als mit der zeitgemäßen Rolle eines volksnahen und parlamentarischen Monarchen. Ludwig verfällt körperlich, psychisch und sittlich auf eine tragische Weise, die ihn von seinem Umfeld entfremdet und die Hilmes akribisch aufschlüsselt. Nüchtern dokumentiert er, wie Ludwig sich selbst in einer Kunstwelt abschottet, dabei jedes Augenmaß für äußere Realitäten verliert, schließlich abgesetzt wird und kurz darauf auf myteriöse Weise im Starnberger See ertrinkt (Hilmes schließt Mord aus): Dabei seziert er die Überschuldung für den Bau von Luftschlössern (S. 289ff.), die entwürdigend-grobe Behandlung von Bediensteten, Ludwigs Gewichtszunahme und seine Angst vor der Schizophrenie, an der sein Bruder Otto zugrunde geht. Um Ludwigs eigene Krankheiten zu deuten (vor allem die des Geistes), zieht Hilmes wie ein Ermittler ausgewiesene Experten zurate:

Der Münchner Psychatrieprofessor Hans Förstl [...] glaubt, bei Ludwig eine sogenannte schizotype Störung nachweisen zu können. [...] Die schizotype Persönlichkeit ist oft misstrauisch und neigt zum Grübeln, zeigt sich dann aber wieder flammend begeistert. Ihr Auftreten ist nicht selten unkonventionell und exzentrisch. Das alles trifft [...] auf Ludwig II. zu. (S. 38)


Um sein Ziel zu erreichen, der Person Ludwig näherzukommen, dringt Hilmes allerdings auch tief in in die Intimsphäre des Königs ein. Dabei drängt sich ein NSA-Vergleich auf: Nicht alles was möglich ist, ist auch nötig, um sachdienliche Aufklärung zu betreiben. Zwar ist relevant, dass Ludwig homosexuell war und Beziehungen zu Reitknechten unterhalten hat - aber manches hätte ruhig unter der Bettdecke bleiben können. Denn selbst lückenlose Kenntnis privater Praktiken muss nicht zwingend zur Person führen. Im Fall des Märchenkönigs ist die Unterscheidung von historischer Persönlichkeit und Kunstfigur möglicherweise sogar irreführend: Denn die historische Persönlichkeit Ludwig II. hat sich selbst zu einer Kunstfigur gemacht. Diese Kunstfigur macht einen bedeutenden Teil der Person Ludwigs aus, sie lässt sich aber nur unzureichend mit dem rein wissenschaftlichen Handswerkszeug fassen.

Fazit: Oliver Hilmes legt eine souveräne Biografie über Ludwig II. vor, die spannende Einblicke in die höfischen Intrigen, die diplomatischen Gepflogenheiten und Winkelzüge zur Zeit der Reichsgründung gewährt. Dieses Buch ist ein Fest für Hobbyhistoriker und solche, die es werden wollen, denn auf interessierte Laien nimmt Hilmes gekonnt Rücksicht. Ein Ziel, das er eingangs in einem Nebensatz formuliert – der Person Ludwigs näherzukommen – hat er aufgrund zweifelhafter Grundannahmen aber nicht ganz erreicht. Denn die Person des Märchenkönigs ist von seinem Mythos nicht zu trennen – auch nicht von einem ausgezeichneten Historiker, der es glänzend versteht, sein Sujet für ein breiteres Publikum zu öffnen. Oliver Hilmes hat kurzweilig durch die Akte Ludwig moderiert. Was Ludwig auch ausmacht: den Zauber des ewig geheimnisvollen Lebens als Kunstwerk hat er weniger abgebildet – allerdings hat er das auch nicht gewollt... 

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Mit leichtem Gepäck

Maud Parrish , Susanne Gretter , Conny Lösch
Fester Einband: 360 Seiten
Erschienen bei edition erdmann ein Imprint von Verlagshaus Römerweg, 22.09.2016
ISBN 9783737400312
Genre: Sonstiges

Rezension:

Aus: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/parrish

Man braucht nicht viel Geld, um die Welt zu sehen. Jedenfalls dann nicht, wenn man so verwegen drauf ist wie Maud Parrish. 1895 packt die junge Amerikanerin erst das Fernweh, dann packt sie ihren Koffer und sagt dem bürgerlichen Leben samt Elternhaus und Ehemann Lebwohl. Alleine und mittellos, aber glücklich zieht sie los. Am Ende ihres langen Lebens wird sie 17 Mal die Welt umrundet haben. Eine neue Übersetzung ihres 1939 verfassten Reisetagebuchs offenbart bemerkenswerte Einblicke. 

Maud Parrish ist keine passionierte Literatin. Eigentlich hatte sie auch nie ein Buch schreiben wollen. Vielleicht hätte sie das auch besser nicht getan – die ersten 50 Seiten sind jedenfalls harter Stoff. Parrish schreibt schnoddrig, sprunghaft und verworren: Ihr Reisetagebuch breitet sich aus wie ein Flickenteppich aus Eindrücken und Erinnerungsfetzen. So eigenwillig wie Maud Parrishs Persönlichkeit ist, so eigenwillig ist auch ihr Schreibstil. Wenn man aber die ersten Seiten durchhält, hebt der Teppich ab und man kann mit Maud Parrish um die Welt fliegen.Im echten Leben reist sie höchstens in der Holzklasse. Regelmäßige Arbeit zum Broterwerb ist nicht ihr Ding. Lieber hungert sie den einen oder anderen Tag, als dass sie auf das Reisen verzichten würde. „Manchmal ist es sogar besser, nicht so viel zu essen. Vielleicht bin ich deshalb so gesund.“

In der Tat ist ihre körperliche Konstitution herausragend. Die üblichen Reisekrankheiten gehen fast spurlos an ihr vorüber – obwohl sie keineswegs immer medizinisch versorgt ist. Denn Maud Parrish will nicht nur Hauptstädte und Hafenstädte sehen, sie ist auch im Dschungel, im Gebirge und in der Wüste unterwegs. Sie ist in gewisser Weise reisesüchtig. „Fremde Orte bedeuten mir mehr als Menschen.“ Meistens möchte sie genau dorthin, wo man ihr ein Visum verweigert oder wo sonst irgendwelche Unwägbarkeiten ihre Pläne durchkreuzen. Aber mit den paar Brocken, die sie in vielen Sprachen aufgeschnappt hat und mit einer bis zur Verhandlungssicherheit ausgebauten Hand-und-Fuß-Verständigung kriegt sie doch meistens, was sie will. Man staunt immer wieder über die Entbehrungsbereitschaft und den Starrsinn, aber auch über die Leidenschaft und die beinahe kindliche Freude und Neugier, immer wieder entlegene Ecken der Welt zu entdecken. Es ist sicher spannend, so zu reisen, wie Maud Parrish – gut, dass man das mittlerweile auch zwischen zwei Buchdeckeln tun kann.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(11)

21 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 9 Rezensionen

biografie, biographie, gewalt, gudrun ensslin, ingeborg gleichauf, linksterrorismus, raf, sozialstudie, terror, terrorismus

Poesie und Gewalt - Das Leben der Gudrun Ensslin

Ingeborg Gleichauf
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 03.02.2017
ISBN 9783608949186
Genre: Biografien

Rezension:

Aus: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/ensslin

Gudrun Ensslins Lebensgeschichte ist Literatur: Die schöne Pfarrerstochter verflucht die Nächstenliebe, gibt sich als Braut des Bösen dem teuflischen Terror hin, ehe sie freiwillig aus dem Leben scheidet. Das ist eine Steilvorlage für Biografen. Und genau das bringt Ensslins Biografin Ingeborg Gleichauf dazu, ihre besondere Lebensgeschichte vorurteilsfrei aufzurollen - über die Literatur, die sie selbst gelesen und durchdrungen hat. Dabei zeigt sie Ensslin eher als Dichterin denn als Henkerin.

 Rätselhafte Menschen faszinieren. Gudrun Ensslin ist so ein Mensch. Ihr Lebensweg hätte sie als ehrgeizige und akribische Forscherin auf einen Germanistik-Lehrstuhl bringen können, als vielseitig belesene Lektorin in große Verlage oder sogar als Autorin in die Bestsellerlisten. Stattdessen hat sie die Wurzeln ihrer humanistischen Bildung und ihrer christlichen Erziehung gekappt und sich (selbst)mörderischer Gewalt und blindem Hass hingeben. Als RAF-Terroristin hat an der Vernichtung all dessen gearbeitet, was sie einst ausgemacht hat: Nächstenliebe (als Tochter, Schwester, Mutter, Freundin), Weltoffenheit (als allseits interessierte Schülerin mit Auslandsjahr) und kritisches Urteilsvermögen (als Viel-Leserin und politische Redakteurin mit sozialdemokratischem Missionseifer).Gudrun Ensslin ist 1940 geboren und in einer Pfarrersfamilie aufgewachsen. In der Schule ist sie beliebt und wissensdurstig. Gudrun Ensslin studiert Germanistik und schreibt ihre Doktorarbeit (teilweise mit Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes) über den Schriftsteller Hans Henny Jahn, der Gewalt ablehnt und menschliche Brutalität geißelt. Ensslin verfügt über eine scharfsinnige Beobachtungsgabe, stilsichere Formulierungskünste und eine eigene musische Begabung. Diese Wesenszüge arbeitet ihre Biografin Ingeborg Gleichauf treffsicher heraus. Die Dichterin und Dichter-Forscherin Gudrun Ensslin näher kennen zu lernen, ist das größte Verdienst dieser Biografie, die durch diese Herangehensweise eine Sonderstellung unter den direkten und indirekten Lebensbeschreibungen von Gudrun Ensslin einnimmt: Gleichauf bewirkt durch ihre profunden Analysen, dass man sich die Texte, die Ensslin geprägt haben, selbst zur Hand nimmt. Ebenso überzeugend ist es, dass sie sich nicht auf tiefenpsychologische Spekulationen zu Ensslins Männerwahl einlässt - auch wenn hier Potential wäre. Berward Vesper, ihr erster Partner, teilt Gudrun Ensslins Liebe zu Büchern, kann sich aber nicht von seinem nationalsozialistisch geprägten Vater lösen. Und ihr zweiter Partner ist Andreas Baader, der Kopf der RAF. Es fällt Ingeborg Gleichauf an manchen Stellen lesbar schwer, ihm die Verantwortung für Ensslins Radikalisierung zuzuschreiben - aber sie hält es durch, auch wenn es schwer sein mag. Unnötig kompliziert macht es sich Ingeborg Gleichauf damit, ihren Anpruch des unvoreingenommenen Herangehens gegen andere Autoren abzugrenzen. Denn anstatt ihre Leistung für sich stehen und das Werten anderen zu überlassen, fällt sich abschätzige Urteile über Stefan Austs RAF-Standardwerk, die unentspannt und wenig souverän rüberkommen. Und auch die Lobeshymnen auf Gerd Koenen sind insofern unangebracht, als sie die Eigenständigkeit in Frage stellen, die ihr eigenes Ensslin-Buch im breiten Angebot der Literatur zur RAF durchaus verdient. Dabei ist diese Biografie streng genommen gar kein echtes RAF-Buch. Sein qualitativer und quantitativer Fokus liegt auf den Jahren, in denen Ensslin noch nicht als Terroristin menschenverachtende Verbrechen begangen und verantwortet hat. Das ist insofern erfrischend, als die Literatur zum RAF-Terror tatsächlich kaum noch zu überschauen ist. Wer sich allerdings über diese Ensslin-Biografie zum ersten Mal mit dem RAF-Terror beschäftigt, dem hätte man die dunkle Seite der Gudrun Ensslin vielleicht noch etwas deutlicher vor Augen führen können. Dessen ungeachtet ist die diese Biografie gelungen.

Ingeborg Gleichauf zeigt eindrucksvoll, dass man Menschen nicht pauschal bewerten kann und soll - auch wenn sie viel Unheil angerichtet haben.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

die gelegenheit, ergriff, von einem

Von einem, der stets die Gelegenheit ergriff

Mareile Seeber-Tegethoff , Günther Wittrin
Flexibler Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Worte & Leben, 04.04.2017
ISBN 9783981854909
Genre: Biografien

Rezension:

Link zur Rezension: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/wittrin

Unaufhörlich grollt der Donner der russischen Artillerie durch die kalte Nacht im Februar 1945. Irgendwo zwischen Danzig und Gotenhafen müht sich der 16-jährige Günther Wittrin auf einem platten Fahrrad ab. Er muss ein Schiff erreichen, um dringende Nachrichten nach Berlin zu bringen, aber die Chancen stehen schlecht. Plötzlich hält neben ein ihm ein deutscher Militärlaster und bietet eine Mitfahrgelegenheit auf der Ladefläche an. Wittrin zögert nicht. Er nutzt die Gelegenheit, und quetscht sich zwischen hoch gestapelten Zeitungen. Derart geschützt überlebt er den Kugelhagel russischer Angriffe und schafft es rechtzeitig zum Dampfer. Nicht lange nachdenken, sondern gute Chancen beim Schopf packen - das ist das Lebensmotto von Günther Wittrin. "Von einem, der stets die Gelegenheit ergriff" erzählt seine Autobiografie, die er zusammen mit Mareile Seeber-Tegethoff geschrieben hat. 

 Nicht nur Spitzensportler engagieren geübte Biografen, die dabei helfen, die eigene Lebensgeschichte zu erzählen. Auch Privatpersonen wie das Kriegskind Günther Wittrin können so genannte Lebensbücher in Auftrag geben. Seltener ist es dagegen, dass solche Bücher in den Handel kommen.

 Um es vorweg zu nehmen: Dieses Buch hat es verdient, weil sowohl die Lebensgeschichte als auch die dahinter stehende Lebenseinstellung lesenswert und einfühlsam im Stil der Erzählung eingefangen sind. Zunächst fallen die vielen kurzen Sätze auf, fast ein Telegrammstil, die Erwähnung zahlreicher, Details und Erinnerungsfetzen, die - bunt zusammengewürfelt - keine große Linie erkennen lassen. Aber unmerklich rücken die Mosaiksteine zu einem Stimmungsbild des bewegten Teils der Weltgeschichte zusammen, in dem Günther Wittrin lebt und wirkt. Wittrin ist ein Kriegskind, das in einer friedlichen deutsch-polnischen Mischgesellschaft aufgewachsen ist, bis Rassismus und Nationalismus dieses Miteinander gewaltsam auseinander gerissen haben.

 Diese Kindheits- und Jugenderfahrungen prägen Wittrins Leben und seine Lebensgeschichte. Über die Hälfte seines Lebensbuches widmet Wittrin der Zeit bis 1945. Die Bruchstücke seiner Erinnerungen erscheinen von Seite zu Seite zusehends sympathisch vertraut hingeworfen, ganz so, als habe man diese Lebensgeschichte selbst erlebt. Dabei werden die Erinnerungen ohne Wertungen und Urteile präsentiert, die Urteile vielmehr dem Leser überlassen. Das ist bisweilen härter, als sie bereits leicht verdaulich serviert zu bekommen!So scheint Günther Wittrin auch im Leben vorzugehen: er vermeidet im Wesentlichen Wertungen und beschränkt sich auf eine Beobachterrolle. Und dabei fackelt er nicht lange: Er entscheidet schnell, lässt Stillstand nicht zu, unterwirft sich im Notfall dem Unausweichlichen, hält Anspannung, harte körperliche Arbeit, wie auch Erniedrigung, ohne Murren aus. Er schildert die Wirkungen der Entscheidungen der großen Entscheider auf die Basis, auf die Bevölkerung, in einer undramatischen Weise. Von Bedeutung sind die Handlungen nur dort, wo sie geschehen. Der Atomtest auf Novaja Semlja ist nur das Zittern einer 0,5µ dicken Membran, „der Engländer“ richtet Sperrzonen ein und der Bauer hat die Frühjahrsbestellung abgeschlossen.

 Die Botschaft: Du hast die Chance durch zu kommen, wenn du die Gelegenheiten beim Schopf packst, es hat keinen Zweck, Unabänderliches zu bekämpfen, aber du kannst „nein“ sagen! Seine Arbeit muss man fröhlich ausführen – oder siceine andere suchen.

 Günther Wittrins Autobiografie prahlt nicht, langweilt nicht und beschönigt nicht. Sie lädt die Leserinnen und Leser mit verschmitztem Lächeln und freundlicher Umarmung ein zu einer Lesereise durch ein Leben voller Höhen und Tiefen, das mit frohem Mut gemeistert wurde, auch an seinen übelsten Stellen. Das geht unter die Haut.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Die Schwester

Kerstin Decker
Flexibler Einband: 656 Seiten
Erschienen bei Piper, 04.09.2018
ISBN 9783492312851
Genre: Biografien

Rezension:

Link zur Rezension: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/nietzsche-elisabeth

Wenn es um ihren glühend verehrten Bruder geht, wird Elisabeth Förster-Nietzsche resolut. Als er langsam dem Wahnsinn verfällt, schützt sie ihn vor unliebsamer Vereinnahmung. Nach seinem Tod setzt sie eine Stiftung durch, die den Nachlass von Friedrich Nietzsche verwaltet. Und als ihr andere die Deutungshoheit über das geistige Erbe des berühmten Philosophen ("Gott ist tot!") streitig machen, da setzt sie sich durch: Elisabeth Förster-Nietzsche hält bis zu ihrem eigenen Tod die Hand über das Lebenswerk ihres Bruders. Eine neue Biografie offenbart ein Selbstverständnis von selbstgefälliger Selbstlosigkeit.

 Elisabeth Förster-Nietzsche ist so etwas wie eine frühere Maike Kohl-Richter: Sie schirmt das geistige Erbe eines bis zur Vergötterung geliebten Manns gegen jeden äußeren Einfluss ab. Sie war zwar mit dem Mann, den sie zutiefst bewundert hat, nicht wie Maike Kohl-Richter mit Helmut Kohl in zweiter Ehe verheiratet, sondern die Schwester des philosophischen Schwergewichts Friedrich Nietzsche. So heißt auch die neue Biografie über Elisabeth Förster-Nietzsche: "Die Schwester". Der Titel wird dem Buch nicht ganz gerecht – wenn man mal davon absieht, dass er ihm eine gewisse Aufmerksamkeit garantiert. In Wahrheit berichtet die erfahrene Biografin Kerstin Decker das Leben einer selbstbewussten und selbstbestimmten Frau. Elisabeth Förster-Nietzsche steht nicht gegen ihren Willen im Schatten des Überbruders. Sie geht ganz bewusst hinein und wählt ihre Lebensaufgabe als Nachlass-Managerin wohlüberlegt. Insofern sie damit aber einen kaum zu unterschätzenden Anteil an Nietzsches Nachhaltigkeit trägt, ist eine Biografie über sie ebenfalls von größtem Wert. Diesen Wert hat Kerstin Decker erkannt und zwischen Buchdeckeln zugänglich gemacht.Dabei kommt Elisabeth Förster-Nietzsche in ihres Bruders Werk nicht immer gut weg: "Hier arbeitet eine vollkommene Höllenmaschine mit unfehlbarer Sicherheit über den Augenblick, wo man mich blutig verwunden kann", schreibt Nietzsche über seine Schwester – und deren Biografin Kerstin Decker zitiert solche Äußerungen. Sie tut dies aber nicht um eines billigen Effektes willen, sondern um das ambivalente Verhältnis dieser beiden Geschwister so zu zeigen, wie sie es rekonstruiert hat. Die Voraussetzungen für eine solche Biografie sind alles andere als bequem. Nietzsche selbst ist kein einfacher Mensch und auch kein leicht bekömmlicher Philosoph. Seine mitunter martialische Sprache, sein heroischer Denkstil sind nicht nur gewöhnungsbedürftig. Sie sind auch vielfach aus dem Zusammenhang gerissen und instrumentalisiert worden – zum Beispiel von den Nationalsozialisten. Nietzsches Schwester wird für gewöhnlich als verbiesterte Hüterin des Heiligen Grals gezeigt – das ist ja auch eine feine Dramaturgie. Genialer Bruder verfällt dem Wahnsinn, umsichtige Schwester schreibt den Menschen ab und bewahrt das Werk, um es schließlich an den Teufel (Hitler) zu verschachern. Das hat vielleicht literarischen Wert, aber es wird der Lebensgeschichte von Elisabeth Förster-Nietzsche nicht gerecht. Ihr geht es nicht um dramaturgische Paukenschläge, sondern um die herausfordernde Aufgabe, ein großes Gedankengebäude und intellektuellen Denkmalschutz zu stellen. Ihre Biografin Kerstin Decker hat nicht nur ein ohnehin schon kompliziertes zwischenmenschlichen Geschwisterverhältnis zu tun gehabt, sondern auch mit einer ganzen Reihe von Vorurteilen. Diese Aufgabe hat sie souverän und für ihre Leserinnen und Leser gewinnbringend gelöst:

 "Die Schwester" ist kein biografischer Thriller, eher eine angenehm tiefgehende Analyse, die eigene Urteile anbietet, aber nicht aufzwingt. 

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Ich musste die Rute küssen

S. Rosa , Miriam Pobitzer
Flexibler Einband: 120 Seiten
Erschienen bei Edition Raetia, 27.07.2017
ISBN 9788872836101
Genre: Biografien

Rezension:

Link zur Rezension: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/rosa-s

Südtirol ist mein Traumland. Seine wuchtigen und doch filigranen Berge, seine tiefgrünen Märchenwälder, die rauschenden Gebirgsbäche und das bronzeklingende Geläut der Kirchen- und Kuhglocken verzaubern mich. Die Schläge mit der Birkenrute, die Rosa S. als Kind erdulden musste, passen dagegen nicht in dieses Idyll. Ihre anonymen Erinnerungen machen sprachlos. Umso lauter dröhnt ihre Stimme...

 Vor kurzem waren meine Familie und ich in Südtirol: Urlaub auf dem Bauernhof, Bilderbuchwetter, einfach mal die Seele baumeln lassen. Zu lesen hatte ich mir ein autobiografisches Büchlein über eine Kindheit in Südtirol mitgenommen, die ein Menschenleben zurückliegt. Knapp achtzig Jahre ist Rosa S. alt, als sie ihre Erinnerungen niedergeschrieben hat. Trotzdem lesen sich die gleichermaßen schlichten wie wuchtigen Memoiren von Rosa S. wie ein Tagebuch voller allzu frischer Erinnerungen. Erinnerungen an grausame Gewalt, an Erbarmungslosigkeit, Versagen und Verzweiflung. Dass Rosa S., wie sie sagt, ohne Verbitterung zurückschaut, ist so unvorstellbar wie die Qualen, die sie erlitten hat.

 Rosa S. ist aus einem Seitensprung entstanden. Ihr Vater hat schon eine Familie. Ihre Mutter, von der Schwangerschaft völlig überrumpelt, ist stigmatisiert. Ein „Kind der Sünde“ bringt sie zur Welt, das nicht, wie erhofft, früh stirbt. Der Pfarrer weigert sich, Rosa zu taufen, die Dorfgemeinschaft wendet sich ab. Christliche Vergebung? Gelebte Nächstenliebe? Es ist kollektives Versagen. Wenn ein Lamm von seiner Mutter verstoßen wird, springt die Herde ein – oder der Schäfer. Wenn ein Menschenkind von seiner Mutter gepeinigt wird, schaut die Gemeinde weg, wenn auch manch mitleidiger Blick das arme Kind streift. Die Mutter prügelt aus nichtigen Auslässen, aus Prinzip, vielleicht auch, weil sie ihrer Tochter die Schuld gibt. dass ihr ihr eigenes Leben entglitten ist. Die Rute muss Rosa S. selbst holen und küssen. Die Mutter legt das Holz sogar in Wasser ein. Dann schmerzt es noch schlimmer. Fluchtversuche werden vereitelt, selbst das Urvertrauen missbraucht.

 Rosa S. schildert all das fast emotionslos. Genau darin liegt die Wucht ihrer Worte. So wie sie ihren Namen verbirgt – Rosa S. ist ein Pseudonym –, so verbirgt sie auch ihre Gefühle. Und so kann sie auch ohne Verbitterung zurückblicken. Dass sie es selbst einmal als Mutter in einem nicht minder leichter eigenen Familienleben besser machen wird, ist die große Lebensleistung von Rosa S. Dabei verklärt sie sich nicht, sie kokettiert nicht mit der Opferrolle, sie berichtet schlicht und ergreifend – im doppelten Wortsinn – ihre Lebensgeschichte als Vermächtnis für ihre Kinder und Enkel.

 Dieses Buch ist ein schmerzvolles, aber wertvolles Zeugnis, Prädikat: Unbedingt lesenswert...

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(6)

9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

berlin, bordell, drogen, drogenkonsum, hausdame, hure, hydra, menschenhandel, prostitution, puff, sex gegen geld, sex sells, sklaven, sklaverei, straßenstrich

Lieb und teuer

Ilan Stephani , Theresa Bäuerlein
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Ecowin, 22.06.2018
ISBN 9783711001252
Genre: Biografien

Rezension:

Link zur Rezension: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/stephani

Huren-Bücher waren fast immer Skandalbücher. Die Memoiren der Fanny Hill und die Geschichte der wienerischen Dirne Josephine Mutzenbacher haben sogar die obersten Gerichte in den USA und Deutschland beschäftigt. Während diese beiden berühmten Büchern von Männern geschrieben worden sind, sind die lesenswerten Erinnerungen von Ilan Stephani gefühlsecht. Ein Blick hinein.

 Illan Stephani (Jahrgang 1986) fängt mit nackten Zahlen an: 1,2 Millionen würde in Deutschland jeden Tag für Sex bezahlt. Deutsche Bordelle setzten im Jahr doppelt so viel Euro um, wie die Bierbranche. Dann wird es ernst. Ihr erster Tag im Bordell beginnt mit ungeahnter Leichtigkeit: Aus Ilan wird Paula (weil es in ihrem Puff noch keine Paula gibt) und Paula hat keine Berührungsängste. Freier sind auch nur Menschen, sind auch nur Männer. Dem ersten Freier folgt der erste Selbsttest im Spiegel: "Vorher-nachher. Irgendetwas. Muss. Doch. Jetzt. Anders. Sein. Ist es aber nicht."

 Nein, hier schreibt kein Skandal-Sternchen, dass es mit versauten Formulierungen und derben Anekdoten auf billige Effekte abgesehen hat. Hier schreibt eine Art zufällige Sozialphilosophin, die als neugierige Studentin ins Bordell geht und von dort aus die Gesellschaft beobachtet: Warum prostituieren sich Frauen? Was erhoffen sich die Männer von käuflicher Liebe: Geht es nur um körperliche Befriedigung oder auch um Seelenmassage ? Was passiert, wenn sich Sex und Geld begegnen? Und warum ist Prostitution ein ewiges Stress-Thema? Unter anderem, weil Sex gegen Geld oft – manche sagen: immer – mit Erniedrigung und Unterdrückung einhergeht. Ilan Stephani macht keinen Bogen um die Zwangsprostitution. Sie verharmlost nicht, wie viele Frauen gewaltsam zu (käuflichem) Sex gezwungen werden. "Sex gegen Geld ist ein Tauschgeschäft – Sex unter Zwang ist ein Verbrechen." Freiern, die vermuten, einer Zwangsprostituierten begegnet zu sein, rät Ilan Stephani, den Verdacht anonym zu melden.

 Ilan Stephani ist eine meinungsstarke Frau, aber sie drängt mir als Leser ihre eigene Sicht nicht auf. Sie erläutert und begründet die Überzeugungen, die sie gewonnen hat. Sie reflektiert die Prostitution als gesellschaftliches Symptom für die Sehnsucht nach gutem Sex. "Das wirkliche Geheimnis, das Huren hüten, ist, wie glücklich und friedlich Männer in der Nähe einer Vagina werden." Und obwohl Ilan Stephani immer wieder Beispiele von verunsicherten, enttäuschten und frustrierten Freiern zu erzählen weiß, die sie in den zwei Jahren als Prostituierte mit ein bisschen Zärtlichkeit für den Moment glücklich und friedlich gemacht hat, spricht sie der Prostitution letztlich doch die Fähigkeit ab, diese Sehnsucht befriedigen zu können.

 "Lieb und teuer" ist ein Buch wie ein Sozialroman, in dem Erlebtes und Nachgedachtes ineinander fließen.

  (0)
Tags:  
 
55 Ergebnisse

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist! Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach!

Hol dir mehr von LovelyBooks

Mit der Verwendung von LovelyBooks erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir und unsere Partner Cookies zu Zwecken wie der Personalisierung von Inhalten und für Werbung einsetzen.