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Lebet wohl, ihr engen, staub'gen Gassen

Gertrud Winter
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei tredition, 06.06.2016
ISBN 9783732358915
Genre: Biografien

Rezension:

NIERSTEIN/LUDWIGSHÖHE. Von Ulrich Gerecke."In Ludwigshöhe gab es einen Bäcker, einen Metzger, einen Kolonialwarenladen und zwei Gaststätten." Und zwei Autos, von denen eines, ein Borgwart Lloyd LP 300, dem Volksschullehrer von Gertrud Vowinkel gehörte. Dem Mädchen und ihrer Familie – Vater Philipp, Mutter Anna und vier Kindern – ging es so schlecht allerdings auch nicht (mehr). Schließlich besaßen sie den allerersten Fernseher von Ludwigshöhe. Kein Wunder, dass das halbe Dorf im Haus der Vowinkels zuguckte, als 1953 die Krönung der Queen übertragen wurde und 1954 das "Wunder von Bern".

Anschaulich, liebevoll und dennoch ungeschminkt

Das Rheinhessen der Nachkriegszeit und insbesondere das Dorfleben in Nierstein und Ludwigshöhe ist schon öfters von Zeitgenossen geschildert worden. Doch selten geschah dies so anschaulich, so liebevoll und doch so ungeschminkt wie bei Gertrud Winter. 1947 in der Niersteiner Schiffergasse als zweite Tochter des Rheinschifferpaares Vowinkel geboren, hat die heute in München wohnende Rheinhessin nun ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben. "Lebet wohl, ihr engen, staub’gen Gassen" (siehe Kasten) eröffnet einen faszinierenden Blick auf eine längst vergangene Zeit und einen Mikrokosmos, über den Winter an einer Stelle, als sie mit 14 Jahren erstmals mit dem Zug zur Arbeit nach Mainz fährt, so treffend urteilt: "Spätestens jetzt merkten wir, dass sich unser kleines idyllisches Dorf, das wir bis dahin für den Nabel der Welt gehalten hatten, in Wirklichkeit am Arsch der Welt befand."

In diesem unprätentiösen, hemdsärmeligen Stil steigt Winter schon lange vor ihrer Geburt in eine spannende Familiengeschichte ein. Sie erzählt von ihrem Großvater Anton, der 1888 zur Kaiserkrönung von Wilhelm II. eine Linde auf dem Niersteiner Dorfplatz pflanzte, die dem Ort heute noch seinen Namen schenkt. Breiten Raum nimmt die Darstellung ihres Vaters Philipp ein, ein charmanter Querdenker, dessen Hang zum Unkonventionellen ein steter Quell lustiger Anekdoten ist. Dass er als Rheinschiffer zwar ständig auf dem Wasser unterwegs ist, aber dennoch nicht schwimmen lernte, erklärt Gertrud Winter aus einer heute fast schon zynisch anmutenden Logik der damaligen harten Zeiten: "Dahinter steckte eine raffinierte Überlegung: Bei einer Havarie ließ eine Besatzung, die nicht schwimmen konnte, das Schiff nicht vorschnell im Stich, sondern sie kämpfte um das Schiff, um zu überleben."

Inflation, Armut, Kampf ums Überleben und um ein bisschen wahres Leben – Vowinkel steckt mittendrin im Mahlstrom der Zeit. Er liest Marx und Engels, legt sich gern mit den Nazis an, die ab 1933 aus Nierstein eine braune Hochburg machen, und schmuggelt Flugblätter in Fahrradschläuchen. Während des Zweiten Weltkrieges zieht er sich immer häufiger mit Anna auf sein Schiff zurück, um den Schergen der Diktatur aus dem Weg zu gehen. Möglicherweise entkommt Philipp so auch jenem tragischen Schicksal, dass die sechs Opfer der Kornsand-Morde am 18. März 1945 ereilt. "Gerüchten zufolge hat man auch ihm nachgestellt", berichtet Gertrud Winter .

Der Rhein als Zufluchts-, Lebens- und Überlebensort – kein Wunder, dass auch Winters erste Kindheitserinnerungen auf dem Wasser spielen: "Es war eine mehr als unbehagliche Situation. Meine Zwillingsschwester Else und ich hatten hosenträgerähnliche Lederhalfter an, mit einer langen Schnur daran, die an einen Pfosten gebunden war, sodass wir uns nur in einem bestimmten Radius bewegen konnten. Wir trippelten von einem Fuß auf den anderen, denn wir hatten keine Schuhe und das schwarze Eisen des Schiffsdecks unter unseren Füßen wurde in der Sonne immer heißer. Wir plärrten aus Leibeskräften, bis endlich unsere Mutter kam und uns von dieser Qual befreite."

Den Hungerwinter 47, ihr Geburtsjahr, haben die beiden da schon überlebt. Noch bis tief in die 60er Jahre wird sich ihr Dasein allein um Nierstein und Ludwigshöhe, den "Arsch der Welt", drehen, ehe die Geschichte Gertrud Winter zuerst in ein bigottes katholisches Mädchenheim und dann in einen glamourösen Wiesbadener Friseursalon führt. "Ein facettenreiches und sehr persönliches Panorama deutscher Zeitgeschichte", verspricht der Einbandtext. Das Buch hält das Versprechen.

Quelle: Allgemeine Zeitung, Ausgabe Landskrone, Weihnachten 2016


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