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37 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 21 Rezensionen

adoption, zwilling, 50er jahre, england, familiengeschichte

Zeit der Schwalben

Nikola Scott , Nicole Seifert
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Wunderlich, 18.08.2017
ISBN 9783805200370
Genre: Romane

Rezension:

„Zeit der Schwalben“ ist der Debütroman der deutschen Autorin Nikola Scott. Die Geschichte spielt in England auf zwei Zeitebenen, einerseits im Jahr 2010 und in Rückblicken zwischen 1958 und 1960. Die Mutter der sechszehnjährigen Elizabeth ist sterbenskrank, doch auf ihren Wunsch hin verbringt ihre Tochter vier Wochen im Sommer 1958 bei Freunden auf dem Anwesen Hartland in East Sussex in der Nähe des Meers. Unerwartet erlebt sie dort unvergessliche, unbeschwerte heitere Tage mit Ausflügen, sportlichen Aktivitäten und einer ersten Schwärmerei. Schwalben stehen allgemein als Symbol für Freiheit und Hoffnung. Hier auf Hartland, wo die Schwalben fliegen, fühlt Elizabeth sich losgelöst und frei von den heimischen Sorgen. Die Hoffnung darauf, dass ihre Mutter wieder gesund wird und sie ihre gemeinsamen Zukunftspläne umsetzen können, fühlt sich real und richtig an. Das sich auf dem Cover die junge Frau im Wasser spiegelt ist kein Zufall, sondern deutet auf die Beziehung von zwei Charakteren in der Geschichte hin.

Adele Harington ist 40 Jahre alt und als Konditorin in einem Café angestellt. Vor einem Jahr ist ihre Mutter gestorben, ihre vier Jahre jüngere Schwester möchte als Jahresgedächtnis eine kleine Feier im elterlichen Haus gestalten. Während Adele etwas Abstand im früheren Arbeitszimmer ihrer Mutter sucht, klingelt das Telefon, sie nimmt das Gespräch entgegen und eine ihr unbekannte Person berichtet von einem eingetroffenen Brief, der nach ihrer Vorgabe jedoch wie alle Informationen nur nach Ankündigung zugestellt werden soll. Des Weiteren fällt noch ein Datum: ihr eigener Geburtstag. Doch damit ist nicht genug der seltsamen Ereignisse an diesem Tag, denn kurze Zeit später steht eine Frau vor der Haustür, die ihre Mutter sucht und vollkommen überrascht stellt Adele fest, dass es ihre eigene ist.

Der Roman verbirgt einige Geheimnisse und Nikola Scott versteht es, sie erst mit und mit zu lüften. Es ist nicht nur spannend mit ihr in die Vergangenheit der Familie zu reisen, sondern auch zu verfolgen, wie Adele sich langsam aus den noch immer im Raum stehenden Ansprüchen ihrer verstorbenen Mutter an ihre Person löst. Adele ist das einzige der drei Geschwister das kein Studium beendet hat. Sie ist von Kindheit an risikoscheu und häufig fließen Tränen aus kleinstem Anlass. Erst als immer mehr Details aus der Jugend ihrer Mutter bekannt werden, kann sie deren Handlungsweise im Umgang mit ihr verstehen und darauf aufbauend ergründen, was sie selbst als Persönlichkeit ausmacht. Adele ist ein Sympathieträger. Ihre Schwester Venetia hat häufig eine andere Meinung als sie und so ergeben sich ständig Reibereien.

Erschien mir Venetia schon nicht liebenswert, so empfand ich im Roman vor allem den Vater von Elizabeth als echten Unsympathen, obwohl als Entschuldigung für sein Verhalten sicher auch die Konventionen seiner Zeit zu sehen sind. Nikola Scott hat ausführlich zum Thema Frauen in Schwierigkeiten in den 1950er Jahren recherchiert. Anhand einer Begebenheit in meiner eigenen Familiengeschichte kann ich bestätigen, dass ihr eine überaus realistische Darstellung der Ereignisse gelungen ist. Sowohl Adele wie auch Elizabeth schildern die Geschichte in der Ich-Form, wobei die Autorin Tagebucheinträge von Elizabeth als Rückblick in die Vergangenheit nutzt. Auf diese Weise gelingt es ihr sehr gut, die Gefühle und Gedanken beider Personen in ihrer jeweiligen Zeit einzufangen.

„Zeit der Schwalben“ ist eine berührende Familiengeschichte, die ein Beispiel aufzeigt für die Folgen der gesellschaftspolitischen Stellung der Frau in der Familie von vor fünfzig Jahren. Die Suche nach der Wahrheit hält eine gewisse Spannungskurve bis zum Schluss. Mich hat der Roman fasziniert und daher vergebe ich gerne eine Leseempfehlung.

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352 Bibliotheken, 19 Leser, 2 Gruppen, 81 Rezensionen

dystopie, fantasy, tod, utopie, neal shusterman

Scythe – Die Hüter des Todes

Neal Shusterman , Pauline Kurbasik , Kristian Lutze
Fester Einband: 528 Seiten
Erschienen bei FISCHER Sauerländer, 21.09.2017
ISBN 9783737355063
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Auf dem Cover der Dystopie „Scythe – Die Hüter des Todes“ von Neal Shusterman ist ein martialisch aussehender Sensenmann abgebildet. Die Sense (=Scythe) als ihr Werkzeug benutzen die zum Töten Ausgewählten jedoch sehr selten, denn ihnen stehen vielfach andere Mittel zur Verfügung. Willkürlich werden für diesen Beruf Personen in ihrer Jugend ausgesucht und zu Scythe ausgebildet. Ihre Aufgabe besteht darin, den natürlichen Tod zu ersetzen, denn inzwischen kann jede Krankheit und jede körperliche Versehrtheit geheilt werden, es gibt keinen Anlass mehr um Kriege zu führen, das Verkehrswesen ist sicher, Verbrechen wurden ausgemerzt und jeder hat genug zum Leben. Sie töten, von ihnen „nachlesen“ genannt, nach ihrer eigenen Auswahlmethode, um eine festgesetzte Quote zu erfüllen. Allein dieser Tatbestand führt zu kritischen Stimmen innerhalb des Berufsstands der hochgeachteten, gleichzeitig auch gefürchteten Scythe in Bezug auf Anwendung und Durchführung der Methoden und Quotenerfüllung.

Bei einer seiner Nachlesen wird Scythe Faraday auf die 16-jährige Citra aufmerksam, bei einer weiteren auf den gleichaltrigen Rowan und daher beruft er sie zu seinen Auszubildenden. Beide lernen im Laufe der Auseinandersetzung mit ihrem zukünftigen Beruf das Für und Wider der willkürlichen Nachlese kennen. Durch eine unerwartete Wendung der Geschehnisse werden Citra und Rowan zu Konkurrenten, denn nur einer von ihnen soll letztlich zum Scythe ernannt werden, der andere darf nicht, wie ursprünglich geplant, in sein altes Leben zurückkehren, sondern wird vom Rivalen sofort vor Ort nachgelesen.

Neal Shusterman spielt in seiner Dystopie mit einer spannenden Idee. Er geht davon aus, dass im Jahr 2042 die Rechenkraft unserer Computer eine ungeahnt enorme Größe erreicht hat. Das System „Thunderhead“, entwickelt aus der heute bereits bestehenden Cloud, besitzt die Fähigkeit sich selbst anhand der ausgewerteten Daten zu verbessern und so optimiert es beispielsweise den Verkehrsfluss oder auch Medizintechnik. Es leben zwar auch heute in der Realität immer mehr Menschen auf unserem Planeten weil die Geburtenzahl die Todesfälle übersteigt. Nach der Vision des Autors stirbt ein Mensch aber keines natürlichen Todes mehr, ganz im Gegenteil kann er sich immer wieder verjüngen lassen. Die Möglichkeit andere Welten zu erschließen ist wegen Misserfolgen ausgeschlossen. Die einzig logische Konsequenz daraus, scheint es zu sein, weltweit ein System zum Beenden von Leben zu etablieren. Thunderhead errechnet zwar den Bedarf an Sythe, mischt sich aber ansonsten nicht in deren Belange ein. Doch nach welchen Maßstäben soll getötet werden? Kann die Auswahl gerecht getroffen werden? Wird unsere Moral es zulassen, sich über das Verbot des Tötens unter dem Deckmantel der Notwendigkeit hinwegzusetzen?

Alle diese Fragen bilden den Hintergrund der Geschichte um Citra und Rowan. Der Autor fügt zwischen den Kapiteln Tagebucheinträge verschiedener Scythe ein, die mir Einblicke in das Denken der Ausgewählten gaben. Auf diese Weise habe ich deren Zweifel an ihrer Tätigkeit, manchmal aber auch die Begeisterung dafür gespürt. Sehr geschickt zeigt Neal Shusterman unterschiedliche Positionen seiner Charaktere, die ein Abbild der Ansichten in unserer Gesellschaft bilden. Spielt es überhaupt eine Rolle, wie die Auswahl der zu Mordenden getroffen wird, ob schnell getötet wird und auf welche Weise? Es ist nicht einfach, Figuren sympathisch zu finden, die zum Töten ausgebildet werden, obwohl der Autor dazu Argumente findet, den Bedarf an Scythe zu erklären. Sind Citra und Rowan schließlich Opfer oder Täter?

„Scythe – die Hüter des Todes“ ist nicht einfach nur eine spannende Dystopie, sondern eine Auseinandersetzung mit dem wertvollen Gut unseres eigenen Menschseins. Mich hat das Buch zum Nachdenken über das Problem des Bevölkerungswachstums gebracht. Sehr gespannt bin ich schon auf die Fortsetzung des Buchs voraussichtlich im April 2018.

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

Wir Strebermigranten

Emilia Smechowski
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin, 24.07.2017
ISBN 9783446256835
Genre: Biografien

Rezension:

Im Buch „Wir Strebermigranten“ erzählt die Autorin Emilia Smechowski die Geschichte der Flucht ihrer polnischen Eltern im Jahr 1988, die sie selbst als Fünfjährige miterlebt hat. Die 1980er-Jahre waren eine Zeit des Aufbruchs in Polen mit dem Bestreben die Wirtschaftslage zu stabilisieren und sich von der Politik des Ostblocks zu lösen. Emilias Eltern fühlten sich unfrei, ausreisen durfte man nur mit Reisepass, der dem Vater verwehrt wurde. Heute fühlt sich die Autorin von den Flüchtenden aus Syrien, dem Sudan oder Irak in besonderer Weise berührt. Auch sie ist eine Geflüchtete und dennoch sind die Umstände gänzlich andere

In ihrer Geschichte beschäftigt sie sich vor allem damit, wieso heute die Flüchtlinge so starke Emotionen im Aufnahmeland hervorrufen und warum es so schwierig ist, die Angekommenen zu integrieren. Denn vor allem in den 1980ern ist etwa eine Million Polen nach Deutschland eingewandert, die aber seltsamerweise wenig aufgefallen ist. Das lag zum einen daran, dass viele von ihnen aufgrund der Vergangenheit mindestens eines Familienmitglieds das Anrecht hatten, als Deutsche zu gelten, so wie es auch bei der Familie von Emilia Smechowski der Fall war. Andererseits bemühten sich die eingereisten Polen um Assimilation mit ihrer Umgebung. Auch die Eltern der Autorin waren darum bemüht, von Beginn an wie Deutsche zu leben, also nicht nur die Sprache zu lernen sondern sich auch mit der Kultur der Deutschen auseinanderzusetzen.

Bei uns im Westen Deutschlands leben viele Griechen, Portugiesen und Türken, die vor allem in den 1960er als Gastarbeiter eingereist sind. Sowohl Griechen als auch Portugiesen haben eigene Versammlungsheime, eigene Kirchengemeinden und eigene Volkstanzgruppen die bei Festivitäten gern gesehen sind. Ursprünglich aus Polen stammende Bekannte habe ich auch genügend, muss aber länger darüber nachdenken, wer zu dieser, immerhin zweitgrößten Migrationsgruppe Deutschlands gehört, denn meist erkennt man im Gespräch noch nicht einmal einen Akzent, entsprechend der Bezeichnung der Autorin erscheint mir der Begriff „Strebermigranten“ zu passen. Auffällig ist höchstens der Vorname, wenn gerade Zwanzigjährige mit Hans oder Erika angesprochen werden. Sobald diese Gedanken da waren, habe ich fasziniert die Schilderungen der Autorin gelesen und dieses Stück Geschichte einmal aus einer ganz anderen Sicht gesehen.

Ihr Buch erzählt aber nicht nur von der Flucht und dem Ankommen der Familie, sondern auch von ihrer ganz eigenen Loslösung aus dem Familienverbund und dem langsamen Vortasten in beruflicher Hinsicht auf für sie ungewohntem Terrain ohne der Hilfe der Eltern, die ihren Vorstellungen entgegen standen. Gerade der Weg ihrer Selbstverwirklichung hat bei ihr jedoch den Wunsch freigesetzt sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen und auszusöhnen.

„Wir Strebermigranten“ ist die Geschichte vieler Polen und eine ganz persönliche der Autorin, ein Reisebericht, ein Familienroman und eine kulturelle Auseinandersetzung. Emilia Smechowski beobachtet scharf. Sie lenkt den Blick auf die aktuelle Flüchtlingslage und wirft Fragen nach der Möglichkeit einer besseren Integration auf. Das Buch bringt einen Abschnitt der Flüchtlingspolitik Deutschlands ans Licht, der bisher eher verborgen liegt. Die Aussagen des Buchs sind eine Beschäftigung mit ihnen wert und daher vergebe ich gerne eine Leseempfehlung.

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30 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

edouard louis, fischer, schwul, gewalt, lgbt

Im Herzen der Gewalt

Édouard Louis , Hinrich Schmidt-Henkel
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 24.08.2017
ISBN 9783103972429
Genre: Romane

Rezension:

„Im Herzen der Gewalt“ ist das zweite Buch des 24-jährigen Franzosen Édouard Louis. Der Roman ist autobiographisch. Im Rückblick schildert der Autor die zufällige Begegnung mit einem jungen Mann, den er am Heiligabend auf der Straße trifft und der sich ihm als Reda vorstellt. Die folgenden Stunden der Nacht enden für Édouard mit einer Morddrohung durch seine Zufallsbekanntschaft. Bereits das Cover des Buchs vermittelte mir die Ausgangslage einer grauen, düsteren Umgebung die dazu führt, dass der Autor den jungen Mann mit zu sich nach Hause nimmt.

Der Geschichte beginnt im Waschsalon. Édouard befindet sich dort, unweit seiner Wohnung, um seine Bettwäsche zu waschen. Es ist überraschenderweise der 1. Weihnachtstag, wenige Stunden nachdem Reda ihm angedroht hat, ihn zu töten. Sein Bedürfnis nach Reinheit nimmt extreme Züge an. Zuhause säubert und desinfiziert er alle Flächen und duscht mehrmals. Doch seine Erinnerungen an das Erlebte kann er nicht so ohne weiteres wegwischen. Gleich auf den ersten Seiten lässt er den Leser ahnen, wie aufgewühlt er von den Ereignissen ist. Seine Schilderung ist ein Aufschrei, ein „ich möchte das nicht erlebt haben“ und doch kann er die Vergangenheit nicht ändern.

Schließlich sucht er fast ein Jahr später Zuflucht bei seiner Schwester in Nordfrankreich, dort, wo auch seine Heimat ist. Während seines Aufenthalts lauscht er aus einem Versteck dem Gespräch seiner Schwester mit ihrem Mann. Sie schildert ihm das, was sie inzwischen von Édouards über die Nacht mit Reda erfahren hat. Aus dieser Distanz heraus reflektiert Édouard die Geschichte für sich und ergänzt das Gespräch für den Leser durch seine Gedanken. Hat der Beginn des Romans sich lediglich auf vage Andeutungen beschränkt, so erfuhr ich nun bruchstückhaft, aber in allen Einzelheiten, was sich in den wenigen Stunden des Zusammenseins mit Reda ereignet hat.

Édouard ist verstört und hat ein großes Bedürfnis zu reden. Er will nicht allein sein mit seiner Geschichte, doch die Geschehnisse verlassen ihn nicht gemeinsam mit seinen Worten sondern bleiben bei ihm. Auch Tränen fließen, jedoch ohne die Erinnerungen mitzunehmen. Seine Freunde raten ihm zu einer Anzeige bei der Polizei. Jeder mit dem er spricht bedauert ihn, jedoch mit dem Unverständnis über die Tatsache, dass Édouard einem Unbekannten so schnell vertraut hat. Für ihn muss es einen Grund geben, warum Reda so gehandelt hat, vielleicht handeln musste. Er sucht dessen Tat zu rechtfertigen. Im Vordergrund steht dabei Redas Status als Immigrant und Kind eines kabylischen Flüchtlings von der er in dieser einen Nacht erzählt hat. Der Autor hat selber in seiner Kindheit und Jugend mit schwierigen Familienverhältnissen gekämpft, bevor er sich aus den engen Ansichten der Dorfbewohner seines damaligen Wohnorts befreien konnte. Letztlich kann er durch seine Argumentation nicht wirklich überzeugen, auch sich selber nicht, denn er selbst hat gezeigt, dass man seine Ziele aus einer ungünstigen Ausgangslage heraus dennoch erreichen kann. Seine ungewollte Opferrolle versucht er abzustreifen, doch eine von ihm gewünschte Mitschuld findet er nicht für sich. Was bleibt ist die ständig wiederkehrende Angst, das alles könnte wieder passieren.

Als Leser habe ich die Verzweiflung von Édouard gespürt, der vergeblich versucht, das Geschehene zu vergessen. Er erzählt intensiv und eindringlich, in hellster Erregung, später auch erschöpft durch seine widerstreitenden Gefühle und sein Gedankenkarussell. Gerade das, was der Autor erlebt hat, kann auch denen von uns passieren, die ihren Empfindungen unbesonnen und spontan nachgeben. Dadurch sind die Schilderungen so beunruhigend in unserer heutigen Zeit zunehmender Gewaltbereitschaft. Der Roman berührt und bleibt im Gedächtnis. Darum eine Leseempfehlung von mir.

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25 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

smyrna, balkankrise, granatäpfel, liebesgeschichte, conradi

Das Haus der Granatäpfel

Lydia Conradi
Fester Einband: 672 Seiten
Erschienen bei Pendo Verlag, 02.10.2017
ISBN 9783866124257
Genre: Historische Romane

Rezension:

„Das Haus der Granatäpfel“ steht auf der Insel Uzunade, die kurz vor der heutigen Stadt Izmir in der Türkei liegt. In dem gleichnamigen Buch von Lydia Conradi, die auch als Charlotte Roth bekannt ist, wurde das Haus nach den Bäumen benannt, die links und rechts vom Eingang wachsen. Es ist das Sommerhaus der Familie von Edmond Delacloce, deren Mitglieder sich als Levantiner fühlen, damit sind die Bewohner der Länder des Mittelmeerraums östlich von Italien gemeint. Der Roman führte mich einhundert Jahre in die Vergangenheit als Izmir noch lateinischer Schreibweise Smyrna hieß. Hier lebten Türken, Griechen, Armenier, Franzosen und Briten zunächst friedlich miteinander trotz der Zugehörigkeit zu verschiedenen Religionsgemeinschaften. Doch dem Kampf um Ländereien konnten sich die Stadtbewohner letztlich nicht gänzlich entziehen.

Klara Reinecke ist im Jahr 1910 noch 15 Jahre alt und Schülerin einer Schweizer Privatschule als sie in der Silvesternacht von ihrem Vater mit seinem Handelspartner Peter Delacloche aus Smyrna bekannt gemacht wird. Zwei Jahre später fährt sie nach Uzunade um Peter zu heiraten. Die Familie lebt vom Warenhandel. Die Frauen sind den Konventionen entsprechend für Haus und Familie zuständig, das Erlernen eines eigenen Berufs wird nicht gern gesehen. Von Peters Mutter und seinen Schwestern und seiner Familie wird Klara nicht als ebenbürtig angesehen, von ihren Eltern fühlt sie sich abgeschoben. Die intelligente und aufgeschlossene junge Frau langweilt sich. Sie beginnt Liebeleien mit diversen, auf der Insel anwesenden männlichen Verwandten bis sie schließlich den Arzt Sevan kennenlernt, der ihre Schwägerin im Krankenhaus behandelt hat. Für die beiden ist es Liebe auf den ersten Blick, obwohl Sevan mit seiner Jugendliebe verheiratet ist und ein Kind hat. Klara und Sevan müssen in den folgenden Jahren mit vielen Sorgen leben und manches Hindernis überwinden.

Auf der ersten Klappseite des Buchs sind Stammbäume aufgezeichnet, denn die Familie Delacloche ist verzweigt. Auf diese Weise konnte ich mit schnellem Blick während des Lesens feststellen, wer mit wem wie verwandt ist. Obwohl im Buch über viele Personen erzählt wird, sind Klara und Sevan die Protagonisten. Klara wird von ihren Eltern bereits im Hinblick auf eine spätere gute Partie hin erzogen. Durch die örtliche Entfernung haben Klara und Peter wenig Möglichkeit, sich näher kennen zu lernen. Klara kann sich das Leben in Smyrna nicht vorstellen, weil sie noch nie außerhalb von Deutschland beziehungsweise der Schweiz gewesen ist. Auch wie das Leben in einer großen Familie sich gestaltet, kann sie als Einzelkind nicht ahnen. Sie hat nicht darüber nachgedacht, dass sie tagsüber ohne ihren Ehemann sein wird, weil er tagsüber seinen Geschäften nachgeht und dazu die Insel verlässt. Vage blieb für mich, welche Tätigkeiten alle zu Peters Alltag gehörten.

Sevan ist Armenier, die in Smyrna eine Minderheit sind. Bereits als Kind wünscht er sich, später Arzt zu werden. Sein Wunsch erscheint zunächst aufgrund fehlender finanzieller Mittel als unrealistisch. Seine spätere Frau hat er schon als Junge bewundert. Doch ihre Liebe leidet unter der ablehnenden Haltung ihrer Familie. Gesellschaftspolitisch steht er deren Meinung entgegen. Sowohl für Klara als auch für Sevan stellt sich die Frage, ob es wirklich Liebe ist, was sie für den Ehepartner empfinden. Als sie einander begegnen, fühlen sie sich sofort zueinander hingezogen, meinem Empfinden nach etwas zu schnell.

Lydia Conradi hat ihre Figuren bis in die Nebenhandlungen hinein gut ausformuliert. Sie vermittelte mir gekonnt geschichtliches Hintergrundwissen das dazu notwendig war, die kriegerischen Auseinandersetzungen zu verstehen, in die die Bewohner von Smyrna im Laufe der Zeit hineingezogen wurden. Deutlich konnte man auch das Unbehagen der Frauen empfinden, die zu Hause auf ihre Liebsten zu warten hatten, groß waren die Verluste in allen Gesellschaftsschichten. Aber nicht nur in der weltpolitischen Lage herrschte der Kampf um Ländereien, sondern es gab Auseinandersetzungen in Smyrna um die Vorherrschaft der Nationalitäten und Religionsgemeinschaften. Auch begannen die Frauen sich gegen die ihnen zugeteilten Rollen als ausschließliche Hausfrau und Mutter aufzubegehren, während die Männer die Riten und Konventionen ihres jeweiligen Volkes in Frage stellten denen sie sich verpflichtet fühlt,en. Auf allen Ebenen zeichnete die Autorin für mich ein nachvollziehbares Bild der damaligen Ereignisse ohne dabei wertend zu sein. Anhand detaillierter Beschreibungen konnte ich mir ebenfalls die Örtlichkeiten sehr gut vorstellen.

Der Roman hat einen angenehm zu lesenden Schreibstil. Die Erzählung hat mich mitgenommen zu einer mir noch nicht bekannten Begebenheit der Weltgeschichte. Mit viel Einfühlungsvermögen vermittelte Lydia Conradi mir die Gefühle und Eindrücke ihrer Figuren, so dass ich ihr Handeln nachvollziehen konnte. Es entstand anhand ihrer Beschreibungen für mich ein umfassendes Bild der Stadt Smyrna und ihrer Bewohner von 1912 bis 1922. Ich empfehle dieses Buch gerne an alle die sich für historische Romane interessieren.

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43 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 14 Rezensionen

nationalsozialismus, behinderung, erbgutgesetze, im lautlosen, hamburg 1926

Im Lautlosen

Melanie Metzenthin
E-Buch Text: 526 Seiten
Erschienen bei Tinte & Feder, 11.07.2017
ISBN 9781542095969
Genre: Historische Romane

Rezension:

„Im Lautlosen“ ist ein historischer Roman der Hamburgerin Melanie Metzenthin. Schon das schwarzweiß Foto auf dem Cover ließ mich aufgrund der Kleidung schließen, dass der Roman in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg spielt. Im Mittelpunkt steht das Arztehepaar Richard und Paula Hellmer. Ihr Sohn ist taub und so bezieht sich der Titel einerseits auf dessen Gehörlosigkeit, andererseits aber auch auf den Mut vieler Zivilpersonen, die sich wie die Hellmers vor und im Krieg gegen die Ungerechtigkeiten des Naziregimes eingesetzt habe. Auf lautlose Art, beispielsweise nur durch das Ausfüllen von Formularen, retteten sie Personen das Leben.

Richard und Paula lernen sich 1926 an der Hamburger Universität kennen. Beide studieren Medizin, verlieben sich und heiraten in einer Zeit politischer Unruhen, in der die nationalsozialistische Partei immer mehr Anhänger findet. Im August 1932 wird das Glück von Paula und Richard noch durch die Geburt der Zwillinge Emilia und Georg vergrößert. Bereits nach einigen Monaten stellt sich heraus, dass Georg taub ist. Gemeinsam widmen sie sich der größtmöglichen Förderung. Derweil arbeitet Richard als Psychiater in der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn. Nach dem Erlass neuer Gesetze durch die Nationalsozialisten soll die Leistungsfähigkeit von körperlich und psychisch behinderten Menschen bewertet werden. Richard ahnt, welche Folgen seine Beurteilung haben wird und verfälscht bewusst den Gesundheitszustand in den auszufüllenden Formularen. Nicht nur, dass er sich Sorgen um seinen Sohn macht, der mit seiner Behinderung auffallen und nach den neuen Gesetzen behandelt werden könnte, sondern auch sein Schwindel bleibt nicht ohne Folgen …

Melanie Metzenthin hat mit diesem Buch einen großen Familienroman geschrieben, der in einer zunehmend düster werdenden Zeit spielt. Die Autorin ist selbst Psychiaterin, die einige Zeit in Langenhorn gearbeitet hat, der Haupthandlungsort Hamburg ist ihre Heimatstadt. Die Geschichte ist bestens recherchiert und die Ereignisse dadurch glaubhaft. Neben einer Reihe historisch verbürgter Personen sind die meisten Charaktere fiktiv. Die Protagonisten sind liebevoll gestaltet und ich konnte mich mit ihrem Denken und Handeln identifizieren. Richard, Paula, ihre Familien und Freunde wurden mir sympathisch und ich habe mit ihnen gehofft und gebangt. Obwohl mir die damaligen Geschehnisse in Grundzügen bekannt sind, hat mich die Erzählung in ihrer Darstellung tief berührt.

Die Schilderung rief mir wieder ins Gedächtnis, welche Macht die Anhänger einer gemeinsamen Gesinnung über andere ausüben können. Richard und Paula sind Figuren, die Mut machen, dass es immer Menschen geben wird, die sich nicht einschüchtern lassen und hinter ihrer Überzeugung der Menschlichkeit stehen und danach handeln. „Im Lautlosen“ lässt Geschichte lebendig werden und bringt ein dunkles Kapitel ans Licht. Die Erzählung ist bewegend und bleibt im Gedächtnis. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

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157 Bibliotheken, 9 Leser, 2 Gruppen, 58 Rezensionen

neapel, freundschaft, italien, freundinnen, klassenkampf

Die Geschichte der getrennten Wege

Elena Ferrante , Karin Krieger
Fester Einband: 540 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 27.08.2017
ISBN 9783518425756
Genre: Romane

Rezension:

Mit dem Roman „Die Geschichte der getrennten Wege“ liegt nun auch der dritte Band der vierteiligen Reihe von Elena Ferrante rund um die Ich-Erzählerin Elena und ihrer gleichaltrigen Freundin Raffaella, die von Elena Lila gerufen wird, in deutscher Übersetzung vor. Die Protagonistinnen verbindet eine über 60-jährige Freundschaft. Der vorliegende Roman erzählt von der Zeit, in der Lila weiterhin in Neapel wohnt und Elena als junge Ehefrau nach Florenz zieht. Es ist Ende der 1960er beziehungsweise es sind die 1970er Jahre und Italien wird von sozialen Unruhen erschüttert. Doch obwohl sie räumlich voneinander getrennt leben und einander nur noch selten sehen, reißt die Verbindung nie gänzlich ab und sie halten telefonischen Kontakt. Die Rivalität um einen Vorrang in ihrer Freundschaft bleibt dennoch weiter bestehen.

Der Erzählung voran gestellt ist eine Liste der handelnden Personen und die wichtigsten Ereignisse der Vergangenheit in die sie eingebunden waren. Der Roman beginnt zunächst im Jahr 2010, Lila wird vermisst und Elena schreibt über ihre gemeinsame Freundschaft. Bei ihrem letzten Treffen vor fünf Jahren hat sie einige nachteilige Veränderungen an Lila wahrgenommen. Sie deutet dem Leser an, dass in der Zwischenzeit einiges Furchtbares geschehen ist. Mich machte das natürlich neugierig, denn ich wollte wissen, was sich in den vergangenen Jahren Schreckliches ereignet hat. Gespannt wartete ich aber auch darauf, von schönen Erlebnissen der jungen Frauen in Neapel und Florenz zu erfahren, denn immerhin dauerte die Freundschaft der beiden Frauen weiterhin an.

Zunächst sieht es so, als ob Elena das Glück gefunden hat. Sie hat ein Buch geschrieben, das veröffentlicht wurde und erfolgreich ist. Mit Pietro Airota, den sie während ihres Studiums kennenlernte, hat sie den Sohn einer angesehenen und wohlsituierten Mailänder Familie geheiratet. Vergleichsweise jung wird er zum Universitätsprofessor berufen und erhält einen Lehrstuhl in Florenz. Schon bald wird Elena schwanger. Lila hat sich aus ihrer Ehe mit Stefano befreit und lebt mit einem Freund aus Kindheitstagen zusammen. Während sie ihren kleinen Sohn von einer Nachbarin betreuen lässt arbeitet sie selbst Vollzeit in einer Wurstfabrik. Die Arbeitsbedingungen sind hart und die Arbeiter permanent unzufrieden. Glaubte ich nun, dass beide den sich aus der Situation heraus vorgezeichneten Lebensweg gehen würden, so lag ich gänzlich falsch. Elena Ferrante hat sich für ihre Figuren ein Auf und Ab des Schicksals erdacht, bei der die Figur des Nino Sarratore, der mir als Leser bereits seit Band 1 der Romanserie bekannt war und der eventuell der Vater von Lilas Sohn ist, eine bedeutende Rolle spielt.

Elena hat viel Zeit dafür aufgewendet sich aus dem neapolitanischen Milieu zu lösen. Dabei spricht sie bewusst keinen Dialekt mehr. Von sich selbst sagt sie, dass ihre Sprache männlicher geworden ist mit dem Ziel, sich von der durch Männern dominierten Gesellschaft zu lösen. Denn nur wer auf Augenhöhe agieren kann, wird auch die Hintergründe begreifen. Ihr Verhalten hat sie insgesamt einer höheren Gesellschaftsschicht angepasst. Und dennoch ist sie nicht zufrieden mit ihrer Arbeit. Nach einer ersten Welle der Anerkennung für ihr Erstlingswerk, bleiben die Ideen zu einer Fortsetzung ihres Schreibens bruchstückhaft. Von der traditionellen Rolle als Hausfrau und Mutter kann sie sich nicht gänzlich lösen und findet bei ihrem Mann keine Unterstützung zur Selbstverwirklichung, weil er seine eigene Karriere vorantreiben will.

Ende der 1960er beginnen die Arbeiter in Italien gegen die wirtschaftliche und soziale Ungerechtigkeit aufzubegehren. Am Beispiel der Wurstfabrik, in der Lila arbeitet, bindet die Autorin diesen historischen Aspekt in ihren Roman ein. Kommunisten und Faschisten versuchen die Oberhand zu gewinnen und bekämpfen nicht nur den sozialen Missstand sondern sich auch gegenseitig. Dabei kommt es in Neapel zu blutigen Kämpfen. Ich erlebte Lila in der täglichen Tretmühle der eintönigen Fabrikarbeit. Doch wem die Figur im Roman inzwischen vertraut geworden ist wie mir, kennt Lila als einfallsreich und intelligent. Sie weiß um ihre Begabung für Ungewöhnliches, denn sie hat auch schon früher Erfolg mit ihrer Kreativität gehabt. So nimmt sie eine Idee ihres Lebensgefährten auf und geht ihr mit Hartnäckigkeit und Ausdauer nach. Lila ist sich darüber bewusst, dass Wissen eine Art Macht über andere Personen mit sich bringt. Sie nutzt es als Werkzeug, um den von ihr gewünschten Platz in der Gesellschaft zu finden.

Elena Ferrante schaffte es, mich mit der Entwicklung ihrer Protagonistinnen immer wieder zu überraschen. Die schöne klare Sprache wird dabei gerade im Umfeld von Lila oft rau, manchmal sogar roh. Doch diese Art unterstützt es, den Kampf der beiden jungen Frauen um einen Platz in der Gesellschaft zu verdeutlichen. Durch die gewählte Erzählperspektive konnte ich dem Versuch Elenas folgen, das geltende Frauenbild in ihrer Zeit zu begreifen, gerade auch aus der Sicht der Männer, genauso wie der Ergründung ihrer eigenen Libido.

Wieder einmal konnte die Autorin mich mit ihrer Erzählung überzeugen. Ich bin schon gespannt darauf, welche Erfahrungen die beiden Freundinnen auf ihrem Lebensweg noch machen werden und ob Lila gefunden wird beziehungsweise gefunden werden will. Wer die Serie noch nicht kennt, sollte jetzt mit dem Lesen beginnen, denn der letzte Band erscheint voraussichtlich im Februar 2018.

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57 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 12 Rezensionen

damaris liest, psychologie, manipulation, thriller, freundschaf

Beware That Girl

Teresa Toten
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei FISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch, 24.08.2017
ISBN 9783733504205
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

„Beware that girl“ ist ein Roman für Jugendliche ab 14 Jahren von der Kanadierin Teresa Toten. Im oberen Drittel des Covers sieht der am Buch Interessierte den Blick einer jungen Frau, der so wirkt, als ob sie etwas zu verbergen hätte. Darüber ist tiefgründig „Sie weiss alles über dich“ zu lesen. Mir stellte sich hier gleich de Frage, wer damit gemeint ist, was bereits eine gewisse Spannung noch vor Beginn des Buchs erzeugte. Die gesamte Gestaltung des Buchs in schwarz und taupe vor hellem Hintergrund wirkt geheimnisvoll. Im unteren Bereich des Covers ist die abendliche Silhouette einer Großstadt zu erkennen, gemeinsam mit den glitzernden Lichtern führte sie mich in die Welt der Upper Class Girls nach New York an die High School Waverly.

Kate und Olivia sind die beiden Protagonistinnen. Kate hat eine schwierige Kindheit erlebt. Aber sie ist sportlich und kreativ und eine sehr gute Schülerin, so dass sie Privatschulen für Mädchen über diverse Stipendien besuchen konnte. Als Ziel hat sie sich gesetzt, einen Studienplatz in Yale zu erhalten. Ein späterer guter Job soll ihr eine gewisse Macht über andere Personen geben. Dafür bedient sie sich auch gern mal einer Lüge, um sich ins rechte Licht zu setzen. Im letzten Schuljahr an der für sie neuen Schule Waverly sucht sie bewusst nach einer betuchten Freundin mit Connections. Auch Olivia ist auf der Suche nach einer Freundin mit der sie zwar nicht über ihre Vergangenheit sprechen möchte, dafür aber auf seelische und moralische Unterstützung hofft. Sie hat ein Jahr aus zunächst unbekannten Gründen mit der Schule pausiert. Ihre früheren Freundinnen studieren bereits. Mit Kate scheint sie die perfekte Freundin gefunden zu haben. Ganz neu an der Schule ist aber auch der Direktor für Förderung und Modernisierung Mark Redkin. Sein Charme und sein gutes Aussehen erobern die Frauen. Und auch Olivia findet seine Anziehungskraft unwiderstehlich. Das ist Kate überhaupt nicht recht, weil damit ihre Rolle ins Wanken gerät.

Damit der Leser einen ungefähren Eindruck von der Geschichte des Romans erhält, finden auf der Rückseite des Buchs zwei Bücher Erwähnung, die ich aber bisher nicht gelesen habe. So konnte ich unbeeinflusst mit dem Lesen beginnen. Alle Kapitel sind mit Kate, Olivia oder dem Namen beider Protagonistinnen überschrieben, so dass man immer direkt weiß, auf wem im Folgenden der Fokus gerichtet wird. Kate erzählt dabei in den nur ihr gewidmeten Abschnitten in der Ich-Form. Der Prolog ist mit dem Namen der beiden Hauptfiguren überschrieben, doch die beschriebene Szene bleibt namenslos. Es steht lediglich fest, dass den beiden etwas Schreckliches zugestoßen ist. Kate und Olivia bleiben zu diesem Zeitpunkt unter sich, nahe kommen kann man ihnen nicht, aber man möchte schnellstmöglich erfahren, was sie erlebt haben. Darauf musste ich allerdings bis nahezu zum Schluss warten.

Die Autorin spielt nicht nur mit den Figuren, sondern auch mit dem Leser. Kate und Olivia wissen ihre Geheimisse geschickt voreinander zu verbergen und auch der Leser erfährt erst im Laufe der Erzählung warum die Charaktere die jeweiligen Mittel zur Verfolgung ihrer eigenen Ziele einsetzen. Von Beginn an konnte ich Mark Redkin nicht einordnen. Obwohl er hilfsbereit erscheint und tatkräftig seinem Job nachgeht, wirkt sein Handeln aufgesetzt. Teresa Toten arbeitet in ihrem Roman sehr gerne mit dem Stilmittel der Übertreibung und mit vielen Klischees. Beispielsweise verhält Olivia sich so, wie man sich ein reiches Mädchen vorstellt, das hauptsächlich damit beschäftigt ist, sich um sich selbst zu kümmern. Dabei denkt sie wie viele ihresgleichen im Roman so viel über sich nach, dass sie glaubt, zur Stabilisierung ihrer Psyche nur noch mit Tabletten leben zu können. Mark wird von der Autorin als unwiderstehlich gestaltet, dadurch wird dem Leser auffällig deutlich, wie sehr Olivia und Kate als junge Frauen gefordert sind, hinter die Fassade zu blicken. Ob ihnen das gelingt, ist neben der Frage die sich aus dem Prolog ergibt, spannungsfördernd bis zum Ende. An wenigen Stellen kommt es leider zu kleinen unlogischen Zusammenhängen.

Auch wenn Olivia und Kate meine Sympathie nicht gewinnen konnten, so haben doch die Geheimnisse der Hauptfiguren und der stille, aber emotionale Kampf auf psychischer Ebene der beiden untereinander einen Lesesog bei mir entwickelt. Der Roman endet in einem so nicht erwarteten Finale. Trotz kleiner Schwächen hat das Buch mir spannende Lesestunden geschenkt. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

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175 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 109 Rezensionen

thriller, dänemark, mord, geheimbund, geheimdienst

Oxen - Das erste Opfer

Jens Henrik Jensen , Friederike Buchinger
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 08.09.2017
ISBN 9783423261586
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

„Oxen – Das erste Opfer“ ist der erste Band einer Thriller-Trilogie des Dänen Jens Henrik Jensen. Oxen ist ein eher ungewöhnlicher dänischer Nachname und entspricht dem deutschen „Ochse“. Titelgebend ist der Protagonist Niels Oxen, Anfang 40, Kriegsveteran und früher als Elitesoldat bei den Jägern. Eingesetzt wurde er unter anderem auf dem Balkan und in Afghanistan. Dafür wurde er mit höchsten Ehren ausgezeichnet. Aber seine Einsätze sind nicht spurlos an ihm vorbei gegangen und er ist tief traumatisiert. Erst im Laufe der Geschichte offenbaren sich alle Gründe, warum Oxen sich mit seinem Hund, einem weißen Samojeden, den Sommer über in den nordjütländischen Wald zurückgezogen hat und bereits vor etwa einem Jahr aus der Gesellschaft ausgestiegen ist. Dunkel und beklemmend wirken die Bäume auf dem Cover und sie geben sehr gut die Stimmung im Buch wieder. Im oberen Bereich des Titelbilds leuchtet dem Leser der Name des Protagonisten blutrot entgegen. Auch durch die Fallermittlungen, in die Oxen involviert wird, zieht sich eine blutige Spur.

Oxen’s Neugier bringt ihn eines Tages bei einem Streifzug durch die Gegend in die Nähe von Schloss Norlund. Er beobachtet seltsame Vorkommnisse auf dem Schlossgelände und schafft es nicht mehr rechtzeitig sich spurlos zurückzuziehen. Daher wundert er sich nicht, dass er einige Tage später von einem Trupp Polizisten in seinem Lager im Wald aufgestöbert wird. Widerwillig folgt er Kommissar Grube aufs Polizeirevier und erfährt hier vom Tod des Schlossbesitzers. Einer der Verdächtigen ist er selbst. Verwunderlich ist, dass sowohl der Polizeipräsident als auch die Spitze des Inlandsnachrichtendienstes PET beim Verhör anwesend sind. Sonderbarerweise erhält er vom Chef des Geheimdienstes ein Jobangebot, welches er nach einigem Zögern annimmt, auch weil das Gehalt ungewöhnlich hoch ist. Unterstützt wird er von Margrethe Franck, einer Mitarbeiterin des PET.

Oxen beginnt auf seine Art mit der Recherche. Obwohl er und Franck sich anfangs wenig mögen, bringt ihre Arbeit sie allmählich dazu, Vertrauen zueinander aufzubauen. Beide erhalten sich aber eine gewisse Skepsis dem anderen gegenüber. Der Fall stellt sich als zunehmend verzwickter dar. Delikte geschehen und werden verschleiert, doch die beiden geben nicht auf. Ihre Ermittlungen führen sie schließlich zu einem alten Geheimbund.

Mit Niels Oxen und Margrethe Franck hat der Autor zwei interessante Charaktere geschaffen. Nicht nur Oxen plagen Alpträume, sondern auch Franck, die zudem ein körperliches Handicap trägt. Bei Oxen hatte ich das Gefühl, dass er weiß, worauf er sich bei dem neuen Job einlässt. Anhand der Erfahrungen in der Vergangenheit als Soldat und einer kurzen Zeit als Polizeischüler versucht er mit seinem Verhalten, der jeweiligen Situation entsprechend zu handeln ohne anzuecken. Laufende brenzlige Situationen lassen sich dadurch natürlich nicht vermeiden.

Bereits der Text auf der Buchrückseite ließ mich als Leser wissen, dass Oxen von „sieben Dämonen“ heimgesucht wird. Jens Henrik Jensen zeigt mir damit eine hässliche Seite des Krieges auf. Auch mehr oder weniger unversehrte Kriegsheimkehrer haben meistens mit ihren Erinnerungen an all die Greuel zu kämpfen, die sie erlebt haben, viele ein Leben lang. Ganz nebenbei lernte ich außerdem mit dem Danehof ein Kapitel dänischer Geschichte kennen, dass mir bisher unbekannt war.

Der Autor baut den Thriller komplex auf. Es gibt mehrere Todesfälle, die miteinander verbunden werden wollen. Die Suche nach dem Motiv gestaltet sich schwierig. Für die Fallermittlungen entscheidend sind sowohl bei Oxen wie auch bei Franck Seilschaften auf die sie im Bedarfsfall zurückgreifen können. Gemeinsam ziehen sie Verbindungen die sie der Lösung über viele Umwege näher bringen. Einige mitwirkende Charaktere blieben bis zum Schluss undurchsichtig, auch der Zweifel an der Integrität der Figuren untereinander steigerte die durchgehende Spannung. Das Ganze endet in einem furiosen Finale.

Obwohl der Fall letztlich als aufgeklärt gilt, bleiben einige Dinge fragwürdig, so dass ich als Leser auf Antworten in den nächsten beiden Bänden hoffe. In verschiedenen Szenen werden Gewaltanwendungen beschrieben, das Buch ist also nichts für sensible Leser. „Oxen“ ist meiner Meinung nach zurecht ein Bestseller unter den Thrillern Dänemarks, darum erhält der Kriminalroman von mir eine Leseempfehlung.

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258 Bibliotheken, 15 Leser, 1 Gruppe, 106 Rezensionen

lize spit, belgien, roman, und es schmilzt, kindheit

Und es schmilzt

Lize Spit , Helga van Beuningen
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 24.08.2017
ISBN 9783103972825
Genre: Romane

Rezension:

„Und es schmilzt“ ist der Debütroman der Belgierin Lize Spit. Das Cover des Buchs gaukelt dem Leser mit seiner blümchenhaften Gestaltung eine heile Welt vor. Doch so wie die Buchstaben auf dem Titel haptisch spürbar sind, hat das Leben in einem kleinen Dorf in Flandern tiefe seelische Wunden bei der Protagonistin Eva hinterlassen. Auf dem weißen, nach außen unbefleckt wirkenden Umschlag sind bei näherem Hinsehen Schmelzschlieren und Tautropfen zu erkennen. In der Geschichte verhält es sich ähnlich, denn erst wer hinter die Fassade schaut, wird das Hässliche erkennen.

Der Roman wird auf drei zeitlichen Ebenen in der Ich-Form durch Eva erzählt. Es ist Silvester 2015 und die Protagonistin folgt der Einladung eines früheren Klassenkameraden. Zum Schuljahrgang gehörten außer ihr nur noch zwei Jungen. Inzwischen wohnt sie in Brüssel. Sie war seit neun Jahren nicht mehr in ihrem Geburtsort, der ungefähr eineinhalb Stunden entfernt liegt. Vor der Fahrt packt sie sich eine Curverkiste mit gefrorenem Eis in den Kofferraum. Die Erzählung in der Gegenwart erkennt man an den Uhrzeiten, die dem Text vorangestellt sind. Unterbrochen wird die Geschichte zum einen von Rückblicken auf den Sommer 2002, die jedes Mal durch das Datum des Tags betitelt werden, zum anderen von den Erinnerungen Evas an Ereignisse aus ihrem Umfeld in Familie, Schule und Dorf, die eine treffende Bezeichnung als Überschrift haben.

Zunächst ließ mich die Autorin einen Blick auf ihre Familie werfen. Schon nach wenigen Seiten wurde mir klar, dass in Evas Jungmädchenwelt, vielleicht auch heute noch, nicht alles in Ordnung ist, denn sie fühlt sich unvollständig. Es ist schwierig für sie, das Gefühl zu erklären. Anders gesagt, hat Lize Spit dazu nur eine fadenscheinige Erklärung gefunden. Herhalten muss der bei der Geburt verstorbene Zwilling ihres älteren Bruders, der wohl auch für die Alkoholsucht ihrer Eltern verantwortlich gemacht wird. Deutlich wird herausgestellt, dass Eva in dem kleinen Ort kaum Möglichkeiten hatte, Freunde zu finden und daher für ihre Freizeitgestaltung und zur Behebung ihrer Langeweile auf die beiden Klassenkameraden Pim und Laurens angewiesen war.

Die Autorin glänzt mit ihrem Schreibstil, auch den Zeitgeist hat sie gut eingefangen, ihre Fantasie ist grenzenlos, aber ihre Charaktere verharren im eignen Dreck. Eva erzählt als 27-Jährige das, was sie als gerade Vierzehnjährige im damaligen heißen Sommer mit den beiden Jungen erlebt hat. Was ist so faszinierend an der Geschichte? Um dem Buch nicht die Spannung zu nehmen, wird auch im Klappentext kaum etwas von der Handlung angedeutet. Es sind die zu Beginn in den Text gestreuten Hinweise, die beim Leser Fragen hinterlassen wie beispielsweise der Sinn des Eisblocks im Kofferraum, die Todesursache des Bruders von Pim, der Grund für das auffällige Verhalten von Evas Schwester oder auch wieso am Wegrand des Dorfs ein Slip von Eva liegt. Natürlich wollte auch ich hierzu eine Lösung finden, lesend konnte ich aus meiner gesicherten Position voyeuristisch die Gründe entdecken.

Um es hier einmal deutlich auf den Punkt zu bringen: hinter der Fassade verbirgt sich Gewalt an einer Minderjährigen, aber auch an Tieren, verursacht durch Minderjährige! Das ist erschreckend! Tragisch ist auch, dass die Taten scheinbar keine Konsequenzen für die Beteiligten haben. Reue, Bedauern oder Einsicht werden nicht geäußert. Eva, Laurens und Pim haben erfolgreich geschwiegen. Ich hoffe, dass die Darstellung der Gewalt keine Nachahmer finden wird. Neben der 14-jährigen Protagonistin, die einerseits als kreativ und autodidaktisch dargestellt wird und dennoch nur der Langeweile entfliehen will, werden durchgehend die jungen Frauen des Dorfs als lüstern und mit wenigen Hemmungen dargestellt. Die Eltern sind mit sich selbst genug beschäftigt oder stehen im Selbstverständnis hinter ihren Kindern.

Eigentlich mag ich es, wenn der Autor eines Textes ganz nah an das Geschehen ran zoomt. Aber in diesem Roman beugt Lize Spit sich so weit vor, dass mir der Blick vor Augen verschwimmt und mir davon übel wird. Die Autorin selbst äußert sich nicht dazu, inwieweit die Schilderungen autobiografisch sind. Sie selbst ist gleichaltrig mit Eva und ebenfalls im Dorf aufgewachsen. Auf mich wirkt der Roman so, als ob sie sich etwas von der Seele schreiben wollte. Man muss dieses Buch nicht lesen und daher gebe ich auch keine Leseempfehlung. 


PS: Ich sehe den Roman als reine Fiktion an, die der Fantasie der Autorin entspricht und habe ihn als solchen bewertet. Sollten sich Personen aufgrund ihrer eigenen Erfahrung in der Geschichte wiedererkennen und Ähnliches erlebt haben, benötigen sie Hilfe. Eine Anlaufstelle dafür ist beispielsweise https://www.hilfeportal-missbrauch.de/startseite.html

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109 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 38 Rezensionen

abenteuer, peru, inka, sabrina janesch, historischer roman

Die goldene Stadt

Sabrina Janesch
Fester Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Berlin, 18.08.2017
ISBN 9783871348389
Genre: Romane

Rezension:

„Die goldene Stadt“ von Sabrina Janesch ist Abenteuerroman und gelebte Geschichte gleichzeitig. Das peruanische Machu Picchu ist titelgebend, die Stadt, in der man ursprünglich große Goldvorkommen vermutet hat. Nach einer alten Sage wurde Gold nach einem bestimmten Ritual an einem Ort gesammelt. Dieser Ort wird als El Dorado bezeichnet und gilt als verschollen, Machu Picchu ist einer der möglichen Orte, wenn auch die Goldfunde nicht den Erwartungen entsprachen. Auf dem braunen Hintergrund des Covers findet man rund um die goldene Mitte in der Farbe taupe Ausschnitte einer Landkarte von Augusto R. Berns, der die Stadt etwa 1876 entdeckte.

Augusto R. Berns kam als Rudolf August Berns in Uerdingen als Sohn eines Weinhändlers zur Welt. Der Protagonist des Romans ist eine Person der Zeitgeschichte. Doch die Autorin schreibt hier keine Biographie. Durch einen Zeitungsartikel wurde sie 1911 auf den Deutschen aufmerksam, der Machu Picchu deutlich früher als bisher vermutet gefunden hat. Auf den Spuren der Stadt wurde ihre Neugier nicht nur von der Person des Entdeckers geweckt, sondern auch von dem Mysterium, das die goldene Stadt umgibt. Ich fand es eine gute Idee der eigentlichen Erzählung, das Entstehen des Romans voranzustellen. Schon auf den ersten Seiten wurde auf diese Weise auch mein Interesse geweckt. In einer Übersicht konnte ich die wichtigsten Daten im Leben von Augusto R. Berns nachlesen und daran im Laufe des Lesens die Handlung zeitlich eingeordnet. In ihre Erzählung hat die Autorin viele Fakten über Peru und seine Bewohner eingefügt.

Verfolgt man die Berichterstattung über die goldene Stadt im Internet kann man ahnen, welche Schwierigkeiten die Recherche der Autorin bereitet hat. Das unwirtschaftliche Gelände in den Anden bewahrt nicht nur das Geheimnis der Stadt, sie gibt auch wenige Informationen über die Menschen preis, die sich dort aufhielten. Sabrina Janesch hat viele Einzelheiten zusammengetragen, nach Verwandten gesucht, Wissenschaftler befragt und das Land bereist. Daraus entstanden ist ihre ganz eigene Vorstellung des Protagonisten Augustus Berns, der nach dem plötzlichen Tod seines Vaters und der Heirat seiner Mutter mit einem Kupferarbeiten den Schulbesuch abbrechen muss. Seine Träume von einem Leben als Entdecker in Peru muss er zunächst beenden, doch vergessen kann er sie nicht.

Die Familie zieht nach Solingen und Augustus wird in einer Regenschirmfabrik als Schlosser und Schmied ausgebildet. So viel er von seinem hart erarbeiteten Geld erübrigen kann, spart er, um seinen Traum doch noch ermöglichen zu können. Statt zum Militärdienst reist Augustus in die Niederlande und heuert auf einem Schiff nach Peru an. Um dort seinen Lebensunterhalt zu verdienen, tritt er dem peruanischen Militär bei. Die Erfahrungen seines Berufs kann er dort nützlich einsetzen. Er schließt Bekanntschaften, die ihm später von Vorteil sein werden und er lernt die Sprache des Landes.

Die Figur des Augustus, die die Autorin beschreibt, kann man sich gut vorstellen. Das Leben von Berns ist eine Abfolge von Erlebtem, erworbenem Wissen und Kenntnissen, Gelegenheiten, Glück aber auch Misserfolg. Sie füllt die Kindheit und Jugend des Protagonisten mit kleinen Episoden, die schon den Charakter des späteren Entdeckers erkennen lassen. Er ist gewitzt, neugierig und interessiert an allem, was mit Geologie und Technik zu tun hat. Schon früh entstehen in seinem Kopf Szenarien der Geschichte, die für ihn in langweiligen Stunden lebendig werden. Sabrina Janesch beschreibt Städte und Natur auf eine solche Weise, die auch für mich das Geschehen lebendig werden ließen. Leider war mir aber nicht immer klar, wann Augustus wie viel Geld zur Verfügung hatte. Die letzten Jahre Berns bleiben im Dunkeln.

Mit ihrem Buch „Die goldene Stadt“ ist Sabrina Janesch ein Mix aus Historie und Fantasie gelungen. Ihr Schreibstil liest sich mühelos. Obwohl mir Machu Picchu bereits ein Begriff war, habe ich die Stadt auf den Spuren von Augustus R. Berns nochmals neu entdeckt. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

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32 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

thriller, usa, lisa gardner, entführung, gardner

Die Überlebende

Lisa Gardner , Michael Windgassen
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 21.07.2017
ISBN 9783499290930
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:  
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24 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

roman, sonja heiss, rimini, verlag kiepenheuer & witsch, liebe

Rimini

Sonja Heiss
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 17.08.2017
ISBN 9783462050448
Genre: Romane

Rezension:

Die verschiedenen Buchteile von „Rimini“, dem Debütroman von Sonja Heiss, beziehen sich in zeitlicher Hinsicht auf Masha Armin, die eine der Protagonisten ist. Weil ihr jeweiliges Alter die Teile betitelt, lässt sich daran der Fortschritt der Geschichte festmachen. Der Titel des Buchs ist das Ziel der Hochzeitsreise von Mashas Eltern. Doch das ist über 40 Jahre her. Mit ihrem damaligen Aufenthalt in der italienischen Stadt verbindet Barbara, Mashas Mutter, wunderschöne Erinnerungen, die sie nicht mit ihrem Ehemann teilt und die ihr Leben lang ihr kleines Geheimnis geblieben sind.

Wie die weißen Linien auf dem grauen Hintergrund des Covers es andeuten, so ist ihr Leben wie das der weiteren Hauptfiguren nicht immer geradlinig verlaufen und auch in der Erzählung ist der Weg oft krumm. Ihre Kindheit verbindet Barbara mit starken Ängsten, von ihr wurde Gehorsam erwartet. An diese Zeit denkt sie nicht gern zurück, denn sie ist verbunden mit vielen Tränen. Die Liebe zu ihrem Mann Alexander ist erst mit der Zeit gewachsen, doch bestimmte Gemeinsamkeiten weckten in beiden den Wunsch auf ein gemeinsames Leben Seite an Seite, in guten wie in schlechten Zeiten.

Der Roman spielt in der Gegenwart und nimmt nicht nur Barbara und Alexander in den Fokus. Das Ehepaar könnte seinen Rentneralltag in Frankfurt am Main genießen, doch Barbara macht die ständige Nähe von Alexander zu schaffen. Noch mehr Sorgen haben Masha und ihr älterer Bruder Hans, obwohl die beiden eigentlich immer ihrem Ziel gefolgt und ihnen schon vieles geglückt ist. Masha ist 39 Jahre alt und wohnt in Berlin. Mit der Schauspielkarriere hapert es. Immer stärker wird der Wunsch nach einem Kind, aber sie fragt sich, ob ihre langjährige Beziehung der ideale Vater ist. Hans ist ein erfolgreicher Anwalt, verheiratet und Vater zweier Kinder. Die Familie ist gutsituiert. Aber bei Hans macht sich eine gewisse Überheblichkeit im Beruf breit, die Probleme mit sich bringt.

Bereits seit seiner Kindheit äußert Hans seinen Unmut in Wutausbrüchen, die er bis heute weder vermeiden noch verbergen kann. Überspitzt zeigt die Autorin auf, welche Konsequenzen ein antisoziales Verhalten im Beruf haben kann. Doch sie schreckt nicht davor zurück, noch einen Schritt weiter zu gehen und so durfte ich miterleben, wie Hans noch eine weitere Obsession entwickelte. Schwierigkeiten im Job führen zu finanziellen Sorgen und die wieder zu Problemen in der Ehe und Unzufriedenheit bei den Kindern.

Masha befindet sich in einer Phase, in der sie auf die Entwicklung in ihrem Leben zurückblickt und unzufrieden mit dem Erreichten ist. Ein Kind würde ihrer Zukunft nochmal eine neue Richtung geben. Aber sie sieht auch die damit verbundenen Abhängigkeiten. Auch wenn es ihr nicht bewusst ist, schreckt sie dennoch vor der Verantwortung zurück und überträgt ihre Ängste darauf, den idealen Partner zu finden. Dadurch gewinnt sie Zeit für ihre Entscheidung, von der ihr aber im fortgeschrittenen Alter nicht mehr allzu bleibt.

Alexander und Barbara tragen schwer an ihrer Kindheit. In den vielen gemeinsamen Ehejahren haben sie einander so gut kennen gelernt, dass sie die Meinung des anderen zu sämtlichen Fragen des Alltags bereits wissen, ohne darüber zu reden. Gemeinsames Schweigen ist die Folge und Wiederholungen von bereits Gesagtem, wenn es denn zu einem Gespräch kommt. Für Barbara tritt ihr Dasein in eine Dauerschleife, die sie zu durchbrechen sucht. Der genügsame Alexander sucht mit seinem männlichen Beschützerinstinkt die Nähe seiner Frau, doch dadurch wird jeder Ausbruchgedanke Barbaras sofort von ihrem Mann aufgefangen und geprüft. Auflehnung von Barbara bleibt nicht aus, das habe ich als Leser durchaus erwartet, die exzentrische Umsetzung hat mich überrascht.

Sonja Heiss erzählt über eine ganz normale Familie in ihrem ganz gewöhnlichen Alltag, erschreckenderweise hat man an einigen Stellen ein Déjà-Vu. Die Autorin beschreibt alle Unzulänglichkeiten der Charaktere detailliert und ließ mich als Leser daran unbewertet teilhaben. Ihre Charaktere muss man nicht lieb gewinnen und ihre Entscheidungen nicht alle gut heißen, um sich von ihrem Schicksal berühren zu lassen. In Nahaufnahme beleuchtet sie in feinfühliger, manchmal recht freizügiger Sprache das Für und Wider von Entscheidungen. Mit Rückblicken auf Kindheit und Jugend ihrer Protagonisten versucht sie, dem Ursprung der Sorgen auf den Grund zu gehen. An Erwachsene wird der Anspruch gestellt, dass sie ihre Gefühle im Griff haben. Doch möchte man nicht eigentlich noch ein wenig Kind bleiben, wenn damit Geborgenheit und Liebe verbunden ist? Endet Kindsein durch eigenen Beschluss oder den Tod der Eltern? Die Erzählung gibt Anregung darüber nachzudenken.

„Rimini“ ist ein Roman um Liebe und der Suche nach Anerkennung, Bewunderung und Respekt. Der Ernst des Alltäglichen wird durch Ironie, Sarkasmus und überspitzte Darstellung gemildert. Das Leben ist kein Wunschkonzert, das stellt auch Sonja Heiss entsprechend dar und weist bereits im Prolog darauf hin. Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen und darum empfehle ich sie gerne uneingeschränkt weiter.

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177 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 94 Rezensionen

zauberer, magie, fantasy, rainbow rowell, simon snow

Aufstieg und Fall des außerordentlichen Simon Snow

Rainbow Rowell , Brigitte Jakobeit
Fester Einband: 528 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 04.08.2017
ISBN 9783423640329
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Auf dem Cover des Jugendbuchs „Aufstieg und Fall des außerordentlichen Simon Snow“ von Rainbow Rowell sitzt der Titelheld lässig und cool lächelnd auf einem thronartigen Sessel. Doch allzu viel hat er nicht zu lachen, denn ein Krieg bahnt sich an in der magischen Welt und bei Anwendung seiner Zauberkräfte ist er alles andere als entspannt.

Simon Snow ist Schüler des Internats Watford School of Magicks. Der aktuelle Leiter der Schule, kurz Magier genannt, hat ihn mit 11 Jahren im Kinderheim der gewöhnlichen Menschen besucht und ihn darüber aufgeklärt, dass er zaubern kann. Mit seiner Mitschülerin Agatha ist er seit langer Zeit liiert und mit seiner Klassenkameradin Penelope, die kurz Penny genannt wird und deren Freund in Amerika lebt, ist er sehr eng befreundet. Zu Beginn seiner Schulzeit hat er in einem Ritual seinen Zimmergefährten Baz zugeteilt bekommen. Baz ist nicht nur ein Zauberer, sondern Simon vermutet auch, dass er ein Vampir ist. Die beiden verstehen sich nicht besonders gut, doch meistens akzeptieren sie die Eigenarten des anderen. Simon und seine Freunde sind ungefähr 18 Jahre alt und kommen ins letzte Schuljahr. Ein Schatten bedroht ihr Dasein, der nach seiner Anwesenheit große Löcher auf der Erde hinterlässt. Aber Baz kehrt nach den Ferien nicht an die Schule zurück und sein Fernbleiben wirft bei Simon Fragen auf. So stellt das finale Schuljahr ihn nicht nur vor die Aufgabe, seine Zauberkraft endlich zu kanalisieren, sondern auch nach dem Verbleib von Baz zu suchen. Ein Glück für ihn, dass er Penny und Agatha an seiner Seite hat.

Das Buch beginnt mit deutlichen Ähnlichkeiten zu der Serie um Zaubererlehrling Harry Potter, daher war ich zunächst etwas enttäuscht beim Lesen, zumal sich die Geschichte auch eher langsam aufbaute. Doch dann wurde alles ganz anders und turbulent. Zwar reicht auch hier der Erzählzeitraum über ein Schuljahr, doch weil dies bisher ein Einzelband ist, wird die Vergangenheit in Rückblicken erzählt und ergänzt auf diese Weise die Ereignisse in der Gegenwart. Dadurch passiert ständig etwas Neues. Um einige Geschehnisse aus der Vergangenheit darzustellen, die die heute lebenden Charaktere wissensmäßig weiter voran bringen können, hat sich die Autorin einen interessanten Trick ausgedacht.

Die Schilderungen erfolgen immer in der Ich-Form und wechseln auf die unterschiedlichen Charaktere der erwähnten Freunde und diverse andere Randfiguren. Jede Szene wird zwar nur einmal beschrieben, jedoch konnte man auf diese Weise auch schon mal in der Erinnerung eine andere Ansicht erfahren. Die nummerierten Kapitel, die immer auf einer neuen Seite beginnen, sind mit dem Namen desjenigen betitelt, der gerade erzählt. Grundsätzlich ist das nur eine Figur. In Ausnahmen, wenn die Spannung oder die Emotionen steigen, wechselt die Perspektive nach kürzeren Abschnitten noch innerhalb des Kapitels, was mich als Leser noch intensiver in das Geschehen einbezog. Rainbow Rowell lässt mit ganz einfachen, klaren Sprüchen zaubern. Das ist so genial, dass ich entgegen der Vernunft versucht war, mein eigenes Glück damit zu probieren.

In ihrem letzten Schuljahr beginnen die Protagonisten ebenfalls, sich in Gefühlsangelegenheiten zu entwickeln. Bestehende Freundschaften werden darauf überprüft, ob man mehr als auf einer mentalen Ebene füreinander empfindet. Dabei kommt es zu einigen Überraschungen. Etwas verworren und unklar bleibt leider die Herkunft von Simon Snow.

Worüber andere Autoren eine mehrbändige Serie schreiben, dass schafft Rainbow Rowell in einem einzigen Buch. Sie beeindruckt mit Charakteren, die zwar nicht alle ganz ausformuliert sind, aber in ihrem Wesen doch ganz eigen. Sie lässt Gefühle ihrer Figuren zu, die darüber auch offen reden. Keiner ist perfekt, doch jedem wird Raum und Zeit eingeräumt, Mankos zu korrigieren, sich zu verbessern oder einfach zu akzeptieren wie man ist. Dadurch entsteht eine zwar zunächst gemächliche, doch dann immer abwechslungsreichere und unterhaltsame Geschichte mit unvorhersehbarem Ende. Mir hat das gut gefallen und daher empfehle ich den Roman gerne an Jugendliche ab 13 Jahren, aber auch an alle erwachsenen Fantasyfans weiter.

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80 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 36 Rezensionen

berlin, ruhrpott, huren, anna basener, familie

Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte

Anna Basener
Flexibler Einband
Erschienen bei Bastei Lübbe, 16.03.2017
ISBN 9783847906254
Genre: Humor

Rezension:

Den Titel des Debütromans von Anna Basener „Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte“ kann man sinnvoll entsprechend des Lebensabschnitts der Protagonistin Änne ergänzen mit „… da war sie Wirtschafterin im Bordell“. Später hat sie sich dann mit einer ihrer besten Freundinnen zusammengetan und eine Frühstückspension in Essen-Rellinghausen eröffnet. Eine der Leidenschaften von Omma Änne sind Zigaretten im eleganten Langformat, daher ist das Cover ähnlich einer entsprechenden Marke gestaltet mit Blumenborte am linken Rand. Der Titel ist, wie ein Warnhinweis, im unteren Drittel zu lesen.

Fünf Söhne von drei Vätern hat Omma zur Welt gebracht und Bianca, 26 Jahre alt, ist ihre Enkelin. Zum Studium wollte sie raus aus dem familiären Umkreis im Ruhrgebiet, darum ist sie nach Berlin gezogen und hat hier eine kleine Wohnung, die sie sich mit einer anderen Studentin teilt. Doch dann stirbt Mitzi, die Vertraute und Freundin von Omma, so dass diese jetzt ganz allein in ihrer Pension in Essen ist. Kurzentschlossen nimmt sie die Einladung ihrer Enkelin nach Berlin an. Wegen eines Streits wird idealerweise das Zimmer der Mitbewohnerin frei. Darum bleibt Omma Änne bei Bianca, ihre Möbel hat sie auch im Gepäck. Mancher Freund aus Essen kommt in der Folgezeit gerne zu Besuch. Und währenddessen brennt Bianca die Frage unter den Nägeln, woran die Mitzi denn eigentlich gestorben ist. In ihr keimt der Verdacht, dass sie das nicht erfahren soll und gerade darum will sie es auf jeden Fall wissen! Die Antwort lässt nicht nur Bianca staunen.

Anna Basener erzählt in ihrem Debütroman eine überaus turbulente Handlung zwischen Essener Kohlenpott und Berliner Multikulti. Die Handlung in der Gegenwart wird aus Sicht von Bianca erzählt. Sie ist eine knallharte Beobachterin, die die Dinge gerne hinterfragt, was von ihrer Omma manchmal bedauert wird, weil sie sehr hartnäckig sein kann. Als Leser konnte ich an ihren Gedankengängen teilhaben, das brachte mir mehr Nähe zu den Situationen und den einzelnen Personen. Auch beim Denken kann Bianca sich ihrer Essener Herkunft nicht ganz entledigen. Kurze Sätze, kein Blatt vorm Mund, aber immer ehrlich, auch wenn man die Ehrlichkeit manchmal zurechtbiegen muss. Die Dialoge mit Omma Änne sind im Pütt-Platt gehalten mit ganz viel typischem Akkusativ und „watt“ und „datt“. Dadurch kam das Flair des Ruhrgebiets mit nach Berlin.

Anna Basener bedient manches Klischee. Der Roman erzählt nicht nur das Leben von Biancas Großmutter, sondern auch von ihren Freundinnen, den beiden Prostituierten Mitzi und Ulla. Die Autorin schildert die Geschichten mit einem Augenzwinkern, aber durchaus realistisch denkbar. Sie befasst sich mit der Frage, was Frauen dazu veranlasst, sich für Sex bezahlen zu lassen, verschweigt aber auch mögliche Konsequenzen nicht, vor allem die Abhängigkeit von einem Zuhälter und gewaltsame Übergriffe.

Omma Änne und Bianca sind Personen, die man lieb gewinnt und denen man gerne auch ungesetzliches Verhalten verzeihen möchte. Die Handlung bleibt in ständiger Bewegung. Die große Frage, woran Mitzi gestorben ist, bringt Spannung ins Geschehen. Daneben bahnt sich auch eine Liebesgeschichte an, natürlich eher kompliziert. Anna Basener versteht es, neben Hass, Neid, Liebe und Verachtung ihrer Charaktere mit ihrem lockeren, leichten Schriftstil Witz in den Roman zu bringen. Mir hat das sehr gut gefallen. Das Buch wird verfilmt, darauf bin ich schon sehr gespannt.

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13 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

Halali

Ingrid Noll
Fester Einband
Erschienen bei Diogenes, 26.07.2017
ISBN 9783257069969
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

 „Halali“ ist ein Jägergruß mit dem in der allgemeinen Bedeutung die Jagd beendet wird. Im Kriminalroman mit gleichlautendem Titel von Ingrid Noll begleitet der Gruß ein Verbrechen und eröffnet damit erst eine Reihe von weiteren Gesetzesübertretungen. Die Erzählung nimmt den Leser mit zu Ereignissen, die die Protagonistin Holda Mitte der 1950er Jahre in der Nähe der damaligen Bundeshauptstadt erlebt hat. Das Cover des Buchs ziert ein Ausschnitt aus dem Gemälde von Caravaggio mit dem Titel „Judith enthauptet Holofernes“. Die Frage, ob das Bild einen Bezug zur Erzählung hat, kann ich bejahen, auch wenn hier niemand geköpft wird.

Holda ist 82 Jahre und Witwe. Ihre Enkelin Laura wohnt im gleichen Hochhaus und kommt oft zu Besuch. Dabei erzählt Holda gerne aus ihrer Jugendzeit und zieht Vergleiche zu früher. Dabei stellt sie technische Errungenschaften von damals und heute gegenüber, Jugendsprache, Berufsbezeichnungen und Benimmregeln. Mit 20 Jahren, also sie noch nicht volljährig war, zog sie aus einem Eifeldorf nach Bad Godesberg und arbeitete als Sekretärin im Innenministerium in Bonn. Mit ihrer gleichaltrigen Kollegin Karin verbrachte sie ihre Freizeit in der sie auch darüber reden, wie man einen passenden Ehemann findet. Bei einem Spaziergang finden sie in einem Starenkasten ein Briefkuvert mit geheimnisvollem Inhalt. Diese Begebenheit ist der Beginn einer Reihe von ungewöhnlichen Verkettungen. Holda und ihre Freundin verstricken sich eher versehentlich in unangenehme Situationen mit kriminellen Folgen.

Ingrid Noll weiß, wovon sie in diesem Roman schreibt. Einige Male habe ich mich gefragt, wie viel Ingrid in Holda steckt, denn nicht nur das Alter ist identisch. Die Autorin lebte in den 1950ern ebenfalls in Bad Godesberg. Ihre Erfahrungen aus dieser Zeit sind sicher in die Schilderungen eingeflossen. Als Rheinländerin war es mir ein ganz besonderer Genuss immer wieder Sätze in Mundart zu lesen, denn auch ich bin mit diesem Slang aufgewachsen. Überhaupt verhielten sich viele Personen so, wie ich es aus meiner Kindheit in den 1960er her kenne und so kann ich sagen, dass ich mich rundum wohl im Umfeld der Geschichte gefühlt habe.

Holda ist ein eine junge Frau, die aus ihrem Leben mehr machen möchte, als in der heimischen Bäckerei zu verkaufen. Sie ist strebsam und fleißig und hält sich im Allgemeinen an Regeln und Vereinbarungen. In dem für sie typischen sarkastisch lakonischen Erzählstil lässt die Autorin ihre Protagonistin das Geschehen in der Ich-Form schildern. Es brachte mich zum Schmunzeln, wie Holda ihre Contenance verteidigte. Wieder einmal gelingt es Ingrid Noll einige schrullige Charaktere zu schaffen, wie die lebenslustige Karin, die standesbewusste Gräfin oder den disziplinierten Regierungsrat.

Bereits auf den ersten Seiten vertraut Holda dem Leser an, dass sie den Pfad der Tugend in ihren jungen Jahren auch mal verlassen hat. Ab diesem Zeitpunkt wartete ich gespannt darauf, worin ihre kriminelle Aktivität denn bestehen würde. Auch diesmal schafft es die Autorin mit einem Augenzwinkern mir zu vermitteln, dass so ein Gesetzesübertritt ungewollt, aber kaum ungewöhnlich ist. Der Vergleich zwischen dem Heute und Gestern erdet den Roman in der Realität. Die Intrigen sind zwar bitterböse, reihen sich aber in den damaligen Alltag ein.

Wer die Romane von Ingrid Noll mag, der wird auch mit „Halali“ bestens unterhalten werden wie ich. Mir hat vor allem gefallen, dass die Autorin diesmal mit dem zeitlichen Vergleich mal einen ganz anderen Handlungsrahmen für ihre Erzählung geschaffen hat. Sehr gerne gebe ich für dieses Buch eine Leseempfehlung.

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(107)

218 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 91 Rezensionen

münchen, kaufhaus, juden, judenverfolgung, familiengeschichte

Das Haus der schönen Dinge

Heidi Rehn
Flexibler Einband: 656 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 02.05.2017
ISBN 9783426519370
Genre: Historische Romane

Rezension:

Das „Haus der schönen Dinge“ nennen die Einheimische das von Heidi Rehn erfundene Kaufhaus Hirschvogl am Rindermarkt in München. Gegründet 1897 dient es über viele Jahre den Einheimischen nicht nur zum Einkauf, sondern auch zum Bestaunen des großen Warensortiments. Außerdem hat die Ehefrau des jüdischen Kaufhausbesitzers Jacob Hirschvogl ein Händchen für eine ausgefallene Präsentation der Waren. Das Cover zeigt die Ansicht der prachtvollen Eingangshalle eines Kaufhauses zur damaligen Zeit. Der Lichthof auf dem Titelbild, der einen hellen übersichtlichen Blick auf die verschiedenen Etagen gewährt, ist repräsentativ. Beliebte Einkaufsstätten suchten sich mit ihrem Angebot und dessen Darbietung voneinander abzugrenzen und sich gegenseitig zu übertreffen.

Das Ehepaar Hirschvogl hat drei Kinder, glücklicherweise ist das älteste ein Sohn, der zum erhofften Nachfolger werden soll. Doch Benno enttäuscht seine Eltern. Lilith, genannt Lily, ist die Zweitälteste und brennt darauf, das Warenhaus selbst führen zu dürfen, um die Wende zum 20. Jahrhundert jedoch nahezu eine Unmöglichkeit. Gerade die Frauen waren den Konventionen der Zeit unterworfen und hatten sich vielfach den Wünschen der Männer unterzuordnen, wozu in Kreisen mit Besitz und Macht manches Mal auch die Akzeptanz von Liebschaften gehörte.

Im Vordergrund der Erzählung steht immer das Kaufhaus. Gleichzeitig schildert die Autorin allerdings auch die Geschichte der jüdischen Kaufmannsfamilie Hirschvogl, die eingebunden ist in die politischen Entwicklungen von 1897 bis 1938 mit einem Nachspiel im Jahr 1952. Die Beschreibungen des Warenhauses sind sehr detailreich. Die Räumlichkeiten und die Ausstattung konnte ich mir sehr gut vorstellen. Es hat mich manchmal erstaunt, welche Warenvielfalt zu Beginn des letzten Jahrhunderts angeboten werden konnte, auch aus dem Ausland. Die Entwicklung der Mode ließ sich beim Lesen leicht nachvollziehen.

Die Geschichte der Familie Hirschvogl ist gleichzeitig beispielhaft für die Geschichte der Juden in München, in deren Hand fast alle Warenhäuser der Stadt waren. Das Ansehen der jüdischen Kaufleute war in Abhängigkeit der Politik ein Auf und Ab. So vor Augen geführt war ich erschrocken, wie leicht die Bürger sich von den gesellschaftlichen Trends tragen ließen und dabei auch plötzlich ihren Hass gegen ihre jüdischen Freunde richteten.

Die Zeit im Roman schreitet zügig voran. Heidi Rehn verweilt jeweils etwas länger bei wichtigen, dann natürlich fiktiven Ereignissen im Familienkreis und realen bedeutenden politischen Geschehnissen. Manchmal werden Monate und Jahre übersprungen, auch wenn der aktuelle Abschnitt mit einem Cliffhanger endet. Um den Anschluss zu halten, übermittelt die Autorin dem Leser in diesen Fällen die weitere Entwicklung im Rückblick. Hin und wieder wirkte diese Technik auf mich leider wie eine Kürzung des Textes. Nach meiner Vorstellung hätte der Roman ausführlicher in zwei Teilen erscheinen können. Auf der vorderen Innenseite ist der Stammbaum der Familie Hirschvogl gedruckt. Bei näherer Betrachtung nahmen die Angaben ein wenig die Spannung, weil ich anhand der Auflistung und der Geburts- und Sterbedaten nachvollziehen konnte, wer in die Nachfolge von Jacob Hirschvogl einsteigen würde. Das Glossar am Ende des Buchs mit Erklärungen zu Begriffen aus dem Kaufmannswesen, wichtigen zeitgeschichtlichen Figuren, Abkürzungen und bayrischer Mundart habe ich sehr zu schätzen gewusst.

Die Familie der Besitzer des fiktiven Warenhauses in München erlebt in „Das Haus der schönen Dinge“ viele glückliche Momente, aber auch zahlreiche Enttäuschungen, Neid und Verrat. Wer gerne Familienromane über mehrere Generationen liest und wie ich Interesse an der Geschichte eines Kaufhauses hat, dem empfehle ich dieses Buch gerne weiter.

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31 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 11 Rezensionen

familie, contemporary, 2017, freundschaft, pubertä

Hier stirbt keiner

Lola Renn
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei FISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch, 22.06.2017
ISBN 9783733503253
Genre: Jugendbuch

Rezension:

„Hier stirbt keiner“ von Lola Renn ist ein Buch für Jugendliche ab 12 Jahren und es ist im Roman so, wie der Titel es bereits verrät, denn es stirbt wirklich niemand. Aber stirbt man nicht ein wenig, wenn man allein zurück gelassen wird? Die Protagonistin Annika hat schon mal das Gefühl, dass sie das letzte Lebewesen auf der Welt ist und alle übrigen sind bereits ausgestorben. Wenn sie sich in diesen Momenten wie das Mädchen auf dem Cover auf den Boden legt, ändert sich natürlich ihr Blick auf ihr Umfeld. Ihre Eindrücke sind dann sehr ungewöhnlich und sie unterstützen ihre Einsamkeit noch. Aber darüber spricht sie mit keinem.

Annika ist 15 Jahre alt, hat einen älteren Bruder und eine beste Freundin. Sie ist eine eher unauffällige Schülerin. Doch innerhalb kurzer Zeit ändert sich ihr Leben drastisch, denn ihr Bruder Marek fliegt ohne festen Pläne nach Nordamerika, sie streitet sich mit ihrer Freundin und zu Hause herrscht Kleinkrieg zwischen ihren Eltern. Hat sie vorher noch mit Marek die Sorgen um die Ehe ihrer Eltern teilen können, so beschränkt er jetzt den Kontakt zu Annika auf wenige Sätze. Nur Chris, der beste Freund von Marek ist ihr auch weiterhin ein guter Freund. Aber er plant ein Studium im fernen München. Annika zaudert, tiefere Gefühle zuzulassen, um nicht noch einen Weggang verschmerzen zu müssen.

Die Protagonistin hat nicht nur mit ihren sich verändernden Gefühlen zurecht zu kommen und sich in diversen Gruppen Gleichaltrigen zu behaupten, sondern ihr sicherer Ruhehafen zu Hause befindet sich ebenfalls im Aufruhr. Ihre Eltern bringen nicht das nötige Verständnis für die Sorgen ihrer Tochter auf, denn ihre eigenen massiven Probleme miteinander wollen auch gelöst werden. In ihrem Alter hat Annika allerdings auch nicht das nötige Potential die Situation danach einzuschätzen, dass nicht nur sie diejenige ist, die unter der Reise ihres Bruders und dem Stress der Eltern leidet. In der Folge fühlt sie sich unverstanden und zieht sich immer mehr zurück. Mit Chris und ihrem Bruder hat sie schon viele unmögliche, aber auch wunderschöne Erlebnisse gehabt. Zuerst mag sie gar nicht glauben, dass sie auch weiterhin für Chris interessant ist. Erstaunt stellt sie fest, dass sie in ihm nahezu einen Seelengefährten hat, denn auch er kennt psychisch schwierige Situationen.

Lola Renn erzählt ganz nah am Leben und gerade das macht den Roman so nachvollziehbar. Ihre Charaktere haben Ecken und Kanten. Annika hilft in vielen Situationen unaufgefordert in der Pension ihrer Mutter, was ich nicht selbstverständlich fand. Ihr Verhalten zu Bezugspersonen war dagegen häufiger unfreundlich. Die Autorin beschreibt in diesem Bereich aber beispielsweise nicht nur den Streit zwischen Annika und ihrer Freundin, sondern sie bietet auch einen möglichen Weg aus der Krise an. Chris wird zu Annikas Zuflucht, aber auch ihrem wunden Punkt, der sehr schnell verletzt werden kann. Lola Renn erzählt den Umgang von Annika mit ihren Eltern und Freunden ohne selbst zu werten. Annika wird zunehmend deutlich, dass auch ihr eigenes Verhalten auf andere verletzend wirkt.

Der Roman bietet ausreichend Gesprächsstoff über die Leere, die sich durch den Weggang eines Geschwisters ergibt, Streit in einer langen Freundschaft, Selbstmordgedanken, Einordnen von Gefühlen bei erwachender Liebe, Kommunikationsprobleme mit Vater und Mutter sowie Trennung der Eltern. Ich empfehle das Buch daher nicht nur Jugendlichen, sondern auch deren Eltern oder das Lesen in einer Gruppe. Nicht für jedes Problem gibt es eine ideale Lösung, im Buch werden aber einige Möglichkeiten angedeutet. Das Ende bietet Potential für eine Fortsetzung.

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66 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 39 Rezensionen

thriller, norwegen, insel, langatmi, psychologischer thriller

... und morgen werde ich dich vermissen

Heine Bakkeid , Ursel Allenstein
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 23.06.2017
ISBN 9783499290558
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein dunkler Leuchtturm, der über Seegras mit dem Meer verbunden scheint und von einem undurchdringlichen türkisblau umgeben ist, bildet das Cover zum Thriller „… und morgen werde ich dich vermissen“ des Norwegers Heine Bakkeid. Es passt gut zu dem vorliegenden Buch mit seiner zunächst undurchsichtigen verwobenen Geschichte. Der Titel bezieht sich nicht direkt auf die Aussage einer Person der Geschichte, sondern eher darauf, dass der Protagonist Thorkild Aske sich in Frei, eine junge Studentin verliebt hat, die gemeinsam mit ihm in einen Unfall verwickelt war und dabei ums Leben gekommen ist, wie man ihm als Schwerverletzten später erzählt hat.

Thorkild, über 40 Jahre alt, geschieden und kinderlos, war bis zu seinem Unfall bei einer Spezialeinheit der norwegischen Polizei für interne Ermittler beschäftigt. Noch bevor ihm eine neue Stelle vom Arbeitsamt vermittelt wird, bittet ihn sein betreuender Psychologen um einen Gefallen. Er soll für ein Elternpaar das plötzliche Verschwinden ihres Sohnes aufklären, der einen Leuchtturm in Nordnorwegen zu einem Eventhotel umbauen wollte. Trotz seiner anfänglichen Weigerung übernimmt er den Auftrag. Nach ersten ergebnislosen Befragungen im Umfeld des bis dato unauffindbaren Sohns wird eine Leiche in einer stürmischen Nacht auf der Leuchtturmwärterinsel angespült und verschwindet fast genauso schnell wieder. Thorkild konnte jedoch vorher die Leiche grob untersuchen. Es handelte sich um eine Frau, die aber von niemand vermisst wird. Mit seiner Bitte, ihn von der Insel abzuholen, löst er eine weitere Reihe von Unerklärlichem aus. Er beginnt zu ermitteln, auch zu seiner eigenen Sicherheit, denn aus der Beschreibung der Geschehnisse könnten sich auch Hinweise gegen ihn richten lassen.

Der Thriller ist aus der Sicht von Thorkild geschrieben, so bleibt der Leser immer an seiner Seite bei den Ermittlungen und kann seine Wahrnehmungen teilen. Die verwendete Zeitform im Haupthandlungsstrang ist das Präsens. Auf diese Weise hatten die Ereignisse auf mich einen unmittelbareren Eindruck. Dennoch blieb mir die Figur des Thorkild bis zum Schluss suspekt. Bereits durch den Prolog wusste ich, dass er Selbstmordgedanken hegt, mir wurde aber nicht ganz deutlich, ob sich der Wunsch über eine Zeit entwickelt hat oder aus Gelegenheiten heraus erwächst. Er fährt eine harte Linie im Leben mit Teils verwendeter brutaler Gewaltübergriffe. In Einschüben finden sich die Erinnerungen von Thorkild vom Kennenlernen Freis an bis zum Unfall, der dubios bleibt. Nirgends scheint Thorkild mit offenen Armen aufgenommen zu werden, was vielleicht seiner speziellen Art des Humors geschuldet ist den nicht jeder versteht.

Die Konstruktion des Thrillers ist gelungen, wenn es auch einige mysteriöse Handlungen gibt, die nicht hätten sein müssen, weil sie nicht unmittelbar zur Fallaufklärung benötigt werden und die Darstellung auf mich realitätsfern wirkte. Nach einem eher mühsamen Anfang wächst die Spannung deutlich mit dem Fund der weiblichen Leiche. Bereits vorher hat der Autor den Leser mit in eine unwirtliche Gegend nach Nordnorwegen genommen und untermalt die Ermittlungen mit Kälte, Sturm und Einsamkeit. Nicht alltägliche Gerüche und Geräusche glaubte ich als Leser beinahe zu spüren. Interessant fand ich die Frage danach, wie man jemanden wie Thorkild verhören soll, der sich selber ausgiebig mit Methoden der Verhörtechnik beschäftigt und auch ausgeführt hat.

„… und morgen werde ich dich vermissen“ ist ein Thriller der mich nicht uneingeschränkt überzeugen konnte. Zwar war die Handlung nach einer Einführung einiger wichtiger Charaktere und der Vergabe des Auftrags zum Aufsuchen einer vermissten Person zunehmend spannend bis zum Schluss, aber ich konnte die Handlungen des Protagonisten nicht immer nachvollziehen. Das Buch ist der Auftakt zu einer Serie mit Thorkild Aske als Ermittler. Wer gerne Thriller liest und mit Gewalt keine Probleme hat, ist hier richtig.

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67 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 12 Rezensionen

picasso, frankreich, liebe, französische küche, kochen

Monsieur Picasso und der Sommer der französischen Köstlichkeiten

Camille Aubray , Anna-Christin Kramer
Fester Einband: 464 Seiten
Erschienen bei FISCHER Krüger, 27.04.2017
ISBN 9783810530219
Genre: Liebesromane

Rezension:

Der Roman „Monsieur Picasso und der Sommer der französischen Köstlichkeiten“ von Camille Aubray spielt auf mehreren Zeitebenen auf zwei Kontinenten. Bereits das Titelbild lässt den Leser wissen, dass ein Teil der Geschichte in Frankreich stattfindet. Kleine Gassen und gemütliche Cafés gehören zum Ort Juan-les-Pins an der Cote d‘azur auf der Halbinsel Antibes. Hierhin hat sich Pablo Picasso im Jahr 1936 für einige Wochen zurückgezogen.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht Céline, Mitte 30 und inzwischen eine erfolgreiche Make-Up-Artistin in Hollywood, wo sie auch lebt. Ihr Vater ist ein angesehener Anwalt, ansässig in der Nähe von New York, der wie im alten Stil als Patriarch seine Familie führt und vor allem seinen Sohn aus erster Ehe bevorzugt. Ihre Mutter gibt Céline eines Tages ein Notizheft mit Aufzeichnungen ihrer Großmutter Ondine mit aufgeführten Gerichten, die diese im Frühjahr 1936 für Pablo Picasso gekocht hat.

Céline begegnete ich im Buch zum ersten Mal in der Gegenwart, während sie an der französischen Riviera an Bord einer Luxusyacht geht und dort auf etwas ungeduldig wartete. Das machte mich natürlich neugierig darauf, welche Angelegenheit die US-Amerikanerin dorthin gebracht hat. Bis zur Auflösung musste ich lange warten und solange habe ich eine turbulente, schicksalsschwere Geschichte gelesen, die ihren Ausgangspunkt in eben jenem Jahr Mitte der 1930er nahm und sich über Jahrzehnte bis in die Gegenwart streckte.

Jedes Kapitel ist durch seinen Titel fest verortet und half mir bei der jeweiligen Einordnung in den zeitlichen Rahmen. Die Autorin hat zur geschichtlichen Figur von Pablo Picasso, die eine große Rolle in ihrem Roman spielt, sehr gut recherchiert und das Bild, das sie in ihren Schilderungen entwickelt, passt zu dem, welches sich beim Nachlesen aus den Medien ergibt. Seine Bilder werden von ihr so beschrieben, dass ich sie mir gut vorstellen konnte. Im Internet sind sie aufzufinden, mit Ausnahme einer fiktiven Malerei. Céline, ihre Mutter und ihre Großmutter Ondine sind liebevoll entwickelte Charaktere, deren Entwicklung von ihrem Umfeld und der jeweiligen Zeit abhängig gestaltet sind.

Mit dem Setting an der französischen Küste, mit den Beschreibungen der feinen Köstlichkeiten mit all ihren Kräutern, dem frischen Fisch und dem duftenden Brot wünschte ich mir, beim Lesen vor Ort sein zu können. Das Buch enthält nur eine Auflistung der Zutaten und eine Beschreibung der Zubereitung, aber keine Rezepte.

Camille Aubray versteht es, trotz aller Dramatik. dem Roman eine gewisse Leichtigkeit zu verleihen mit viel Romantik und einem Hauch Spannung, der sich durch die Suche nach einer bestimmten Sache ergibt. Außerdem sorgt ein Familiengeheimnis für ein Rätsel und ein Hauch Mystik hilft bei der Auflösung. Insgesamt ergibt sich eine realistisch vorstellbare Geschichte. Ich wurde durch die Erzählung sehr gut unterhalten und daher empfehle ich sie gerne.

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167 Bibliotheken, 4 Leser, 2 Gruppen, 32 Rezensionen

jugendbuch, geheimnis, genetik, scifi, familie

Einzig

Kathryn Evans , Sabine Reinhardus
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei FISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch, 24.05.2017
ISBN 9783733502973
Genre: Jugendbuch

Rezension:

„Einzig“ wäre die 16-jährige Teva im gleichnamigen Buch von Kathryn Evans gerne. Doch in dem verwitterten, von außen unheimlich wirkenden Haus lebt sie mit ihrer Mutter und fast einem Dutzend Schwestern, die alle wie jüngere Ausgaben von ihr selbst aussehen. So wie das Titelbild ein verschwimmendes Gesicht wiederspiegelt, so sieht Teva sich in den Gesichtszügen ihrer Geschwister.

Tevas ist etwas Besonderes, denn über fast ein Jahr hinweg bildet sich in ihrem Körper eine Nachbildung ihrer selbst, so wie es bei jeder Teva vorher auch schon war. Sie selbst hat sich vor gut einem halben Jahr von dem Körper ihrer ältesten Schwester gelöst. Teva erinnert sich mit Schrecken an die damit verbundenen Schmerzen. Die Kopien bleiben vom Alter her immer auf dem Stand den sie zum Zeitpunkt ihrer Entstehung haben, ihre Charaktere jedoch prägen sich unterschiedlich aus.

Um nicht als Freaks zu gelten, hält die Mutter sämtliche Geschwister im Haus eingesperrt mit Ausnahme der jeweils letzten Schwester. Weil diese über das Wissen ihrer Vorgängerinnen verfügt, lebt sie deren Leben einfach weiter. Plötzlich hat Teva Schmerzen an den Fingern und einer beginnt sich zu duplizieren. Der Ablösevorgang beginnt. Doch Teva lehnt sich mit aller Macht gegen ihr Schicksal auf. Sie sucht nach einer Möglichkeit, weiter in der Öffentlichkeit zu leben, zu studieren und ihre Begabung zum Beruf zu machen. Die sich unter ihrer Haut heranreifende Teva muss verdrängt werden!

Der Roman beginnt furios mit der Trennung der neuen, der 16. Teva vom Körper unter dessen Haut sie sich entwickelt hat. Der Prozess vollzieht sich in Windeseile. Nach einem Zeitsprung von einem halben Jahr konnte ich Teva in ihrem Alltag erleben. Sie ist eine unauffällige Schülerin, hat eine beste Freundin bei der sie gerne mal übernachtet und einen Freund. Aber das Verhältnis zu ihm ist problematisch, denn sie hat die Beziehung von ihrer Schwester zwar übernommen und fühlt sich auch zu ihm hingezogen, allerdings zweifelt sie an ihrer Liebe.

Während die Seiten nur so dahin flogen, weil ich unbedingt wissen wollte, ob Teva einen Ausweg aus dem Dilemma finden wird, nahm die Spannung noch zu, weil die Protagonistin mit der Eifersucht ihrer fünfzehnten gleichnamigen Schwester zu kämpfen hatte. Erst beinahe am Schluss deckte die Autorin das Geheimnis der Familie auf und wie es zu den vielen Tevas gekommen ist. Die Auflösung zögert sich durch das wenig kommunikative Verhalten einiger Figuren hinaus und letztlich werden nicht alle Fragen schlüssig beantwortet. Interessant fand ich den Twist in der Erzählung als nicht nur mir als Leser die Geschichte irreal erschien. Der Schluss wird nicht jedem gefallen.

„Einzig“ ist ein ungewöhnlicher Jugendroman ab 13 Jahren mit einem dystopischen Element. Das Buch fand ich faszinierend, weil es das ganz normale Leben eines Teenagers zu beschreiben scheint, das der Leser gut nachvollziehen kann, sich dahinter aber eine neuartige, erschreckende Idee verbirgt. Gerne empfehle ich das Buch weiter, auch an erwachsene Leser.

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392 Bibliotheken, 10 Leser, 0 Gruppen, 127 Rezensionen

liebe, prosopagnosie, mobbing, übergewicht, jennifer niven

Stell dir vor, dass ich dich liebe

Jennifer Niven , Maren Illinger
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei FISCHER Sauerländer, 22.06.2017
ISBN 9783737355100
Genre: Jugendbuch

Rezension:

„Stell dir vor, dass ich dich liebe“ ist nach „All die verdammt perfekten Tage“ (meine Rezension dazu hier: KLICK) ein neues Buch von der US-Amerikanerin Jennifer Niven für Jugendliche ab 14 Jahren. Der Titel allein verdient ein Ausrufezeichen in Bezug auf den Inhalt der Geschichte, denn es scheint unmöglich zu sein, dass die Protagonisten in Liebe zueinander finden. Jack und Libby begegnen einander am ersten Tag der elften Klasse der Highschool in Amos/Ohio. Auf dem Cover ist ein Stern, denn wie Sterne sind die Sommersprossen von Libby für Jack und erst sehr viel später merkt er, dass er Libby damit identifiziert und mit vielem mehr, dass ihre Persönlichkeit ausmacht. Das ist für beide wichtig, denn Libby ist übergewichtig und Jack gesichtsblind. So braucht es eine Menge Zeit und viele Einsichten, damit beide eine Brücke des Verstehens zueinander bilden können.

Jack ist der smarte Typ, gut aussehend und amüsant. An potentiellen Freundinnen mangelt es ihm nicht. Doch durch einen Unfall in seiner Kindheit ist ihm die Möglichkeit, Gesichter zu erkennen, abhanden gekommen. Selbst seine Eltern und beiden Brüder vermag er nicht durch bloßes Ansehen zu erinnern. Keiner weiß davon und so lebt er ständig auf einem Pulverfass, dass seine Unfähigkeit auffliegt. Eine Art Sicherheit geben ihm seine besten Freunde, die so prägnante Merkmale aufweisen, dass er sie von anderen unterscheiden kann. Leider ist er dadurch in einer gewissen Abhängigkeit von deren Verhalten anderen gegenüber und ihren Vorstellungen, wie er selbst zu agieren hat.

Libby kehrt nach einer langen Zeit wieder zur Schule zurück. Nach dem Tod ihrer Mutter hat sie begonnen, sinnlos zu essen. Mit fast dreihundert Kilogramm war sie schließlich zu dick, das Haus zu verlassen. Ihr Weg ins Krankenhaus ging durch sämtliche Medien. Etwa die Hälfte ihres Gewichts hat sie inzwischen verloren, aber ihr Bild in der Öffentlichkeit hat sich manifestiert. Am ersten Schultag nach den Ferien wird sie genau zu der von Libby erwarteten Zielscheibe für den Spott der Klassenkameraden, die sie von früher her wieder erkennen und miteinander über sie zu tuscheln beginnen. Bei einem besonders gemeinen Spiel mit ihr beweist Jack seine Solidarität zu seinen Schulfreunden, trifft Libby damit aber an ihrem wunden Punkt.

Laut der Autorin ist der Roman ein persönliches Buch und genau das ist es, was die Geschichte so glaubwürdig und realistisch macht. Jennifer Niven hat als Jugendliche selber Gewichtsprobleme gehabt und lässt ihre Erfahrungen hier einfließen. Noch eindringlicher wird die Schilderung durch das Stilmittel der Übertreibung, denn erst durch Libby besonders hohes Gewicht werden auch die Medien auf sie aufmerksam und bringt ihr eine nicht wünschenswerte Form der Bekanntheit und Stigmatisierung.

Zum Thema Prosopagnosie (Gesichtsblindheit) hat die Autorin sehr gut recherchiert und das Gespräch mit Betroffenen gesucht, davon einige in ihrer Familie. So ist auch die Darstellung des Charakters Jack authentisch, sein Verhalten für mich als Leser nachvollziehbar. Eindringlich ist die Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Peergroups in der Erzählung, anschaulich beschreibt Jennifer Niven die Entstehung und Ausführung von Bullying sowie die Probleme von Lehrern und Eltern im Umgang mit den betroffenen Jugendlichen. Der schulische Lösungsansatz erschien mir sinnvoll. Bis auf ein paar versteckten Hinweisen fehlte mir jedoch ein wenig der Hinweis auf die gesundheitlichen Folgen von Übergewicht.

„Stell dir vor, dass ich dich liebe“ ist ein wichtiges Buch um zu zeigen, dass jede Person einzigartig ist und sich diese Verschiedenartigkeit durch psychische und physische Unterschiede ergeben. Jeder hat seine Talente und ist zu respektieren. An einem Maß bestimmter Verhaltensregeln kommt man im Alltag nicht vorbei, ansonsten sollte jeder so leben können, wie er sich wohlfühlt ohne dafür schikaniert zu werden. Gerne empfehle ich das Buch weiter, auch an Erwachsene.

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13 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

vatersuche, deutsche teilung, deutschland, krieg, zweiter weltkrieg

Alles, was folgte

Renate Ahrens
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Droemer, 02.05.2017
ISBN 9783426281666
Genre: Romane

Rezension:

Fast 48 Jahre sind vergangen seit Oskar „seine“ Ingrid im Februar 1942 beim Tanzen kennen gelernt hat. Es ist ein wichtiger Tag für ihn, der seine folgenden Wochen, Monate und Jahre geprägt hat. Im Buch „Alles, was folgte“ schildert Renate Ahrens nicht nur das Kennenlernen, sondern auch die anschließenden Erlebnisse der beiden im gebeutelten Hamburg und Oskars Kampf im Krieg an der Ostfront und in Gefangenschaft. Die Möwen auf dem Cover des Buchs bewegen sich scheinbar frei und unbesorgt. Diese Unabhängigkeit ist Oskar und Ingrid leider fremd, denn ihre Zukunftsvorstellungen werden aufgrund ihrer Jugend von der elterlichen Generation gezügelt.

Im Vordergrund der Geschichte steht jedoch Katharina, 44 Jahre alt, in Hamburg lebend und freiberufliche Fotografin in Kriegs- und Krisengebiete. Der Roman spielt im Jahr 1990 und auch für die Protagonistin ist es aufgrund der gerade geöffneten Grenzen zu Ostdeutschland eine bewegende Zeit. Eines Tages erhält sie einen Packen mit Briefen von jemandem aus Ostberlin, den sie nicht kennt. Die Briefe hat ihre Mutter Maria nach Ende des Krieges an ihre Schwester Ingrid geschrieben. Für Katharina sind die Briefe kaum fassbar, denn aus ihrem Inhalt geht hervor, dass nicht Maria ihre leibliche Mutter ist, sondern Ingrid. Zunächst will sie den Gedanken daran komplett verdrängen, aber das Thema lässt sie nicht ruhen und so begibt sie sich auf die Suche nach Ingrid und ihren unbekannten Vater, während sie bereits die nächsten nicht ungefährlichen Reisen in Krisenregionen plant.

Die Kapitel wechseln in unbestimmter Reihenfolge zwischen der Ich-Erzählerin Katharina und Oskar. Katharina hat in ihrem Beruf die Gefahr nie gescheut, auch in ihrer neuen Beziehung stellt sie ihren Job an die erste Stelle. Ihre Motivation dazu kann sie nicht genau benennen, doch sie wird mit jeder Reise zu einer Zeitzeugin. Mit ihren Bildern möchte sie zeigen, was eigentlich nicht geschehen darf und so die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen. Auch Oskar hat an bedeutenden Geschehen der Geschichte teilgenommen. Anders als Katharina hatte er nicht die Wahl, sich dem zu entziehen. Beide Protagonisten erzählen von der Liebe, nach der sie gesucht und sie verloren haben und nach Möglichkeiten ihr Leben danach neu auszurichten.

Der Roman liest sich leicht und gängig. Die Handlung treibt ständig voran. Bereits zu Beginn der Erzählung erhält Katharina die Briefe von Maria und ich fieberte über den folgenden Seiten mit, ob es ihr gelingen wird, ihre leiblichen Eltern zu finden. Aber auch die Erlebnisse von Oskar in Kriegszeiten und der Zeit danach ließen mich nicht unberührt.

Renate Ahrens ist es gelungen, wichtige Daten des letzten Jahrhunderts gekonnt in eine Familiengeschichte einzuweben und dabei noch ein paar unbekanntere Fakten einzufügen. Obwohl ich als Leser aufgrund der parallel geführten Erzählstränge einen leichten Wissensvorsprung bei der Suche nach ihren Eltern vor Katharina hatte, blieb sehr lange offen, ob sie erfolgreich verlaufen würde. Der Schluss des Romans ist überraschend und wird nicht jedem gefallen. Mich hat der Roman fasziniert und mir nochmal einige wichtige Zeitgeschehnisse in Erinnerung gerufen. Gerne empfehle ich das Buch daher weiter.

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 6 Rezensionen

Hôtel Atlantique

Valerie Jakob
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Wunderlich, 22.04.2017
ISBN 9783805251341
Genre: Romane

Rezension:

Das „Hotel Atlantique“ im gleichnamigen Debütroman von Valerie Jakob steht an der französischen Atlantikküste in St. Julien de la mer, einem fiktiven Ort in der Nähe von Biarritz. Eine entsprechende Karte zur Lokalisierung findet sich auf den Vorsatzblättern. Das Hotel Atlantique liegt wie auf dem Titelbild zu sehen, direkt am Meer und ist der wöchentliche Treffpunkt der Protagonistin Delphine mit ihrer älteren Freundin Aurélie.

Delphine Gueron hat lange Jahre als Kommissarin in Paris gearbeitet. Seit sie in Rente gegangen ist, lebt sie wieder in ihrer Heimat St. Julien de la mer. Jeden Dienstagnachmittag trifft sie sich mit der kürzlich verwitweten Aurélie de Montvignon im angesehenen Hotel Atlantique. Aurélie ist seit langer Zeit Dauermieterin einer der Suiten im Hotel. Eines Tages fällt sie kurz vor dem Treffen mit Delphine vom Balkon ihres Zimmers ohne erkennbaren Grund. Delphine glaubt an Fremdeinwirkung, ein Nachweis gestaltet sich schwierig. Der fünfzehnjährige Karim, der erst vor kurzem versucht hat, bei ihr zu Hause einzubrechen und dem sie angeboten hat, sie bei einigen Tätigkeiten zu unterstützen statt ein Anzeige zu erstatten, trägt mit seinem Wissen zu den Nachforschungen bei. Über einen langjährigen Freund der Familie, der Wohnrecht im Haus der Montvignons besitzt, führen die Ermittlungen zu einem dunklen Kapitel der französischen Geschichte.

Obwohl der Roman äußerst raffiniert konstruiert ist konnte mich die Erzählung nicht mitreißen. Zwischen den Zeilen liest man die Begeisterung der Autorin für die Gegend an der französischen Küste in der Nähe zur spanischen Grenze. In den Beschreibungen der Landschaft kann man sich verlieren, mir persönlich gefielen die ausschweifenden Beschreibungen der Umgebung nicht so gut, weil ich mehr Romantik erwartet hatte. Die durchaus interessant gestalteten Charaktere blieben für mich auf Distanz, was im Fall von Delphine wohl auch dem höflichen Umgangston mit ihrer Freundin bei dem beide sich Siezen geschuldet ist und im Fall der Figur des Richard, dem alten Freund des Hauses, daran liegt, dass er als fragwürdige Person aufgebaut ist.

Der Roman führte mich zu dem mir unbekannten und gerne verschwiegenen Thema der horizontalen Kollaboration in der Vergangenheit der Franzosen. Einen Bogen von den damaligen Ereignissen zur heuten Zeit schafft Valerie Jakob durch den Charakter des Karims, so dass deutlich wird, dass es auch heute noch Vorbehalte gegen Personen gibt, bei denen mindestens ein Elternteil ausländischer Herkunft ist. Mein Lesefluss wurde leider immer wieder durch französische Floskeln und kurze Sätze unterbrochen. Es erfolgt nicht immer eine Übersetzung und so waren meine Grundkenntnisse der Sprache gefordert.

„Hotel Atlantique“ fasst in einem unterhaltsamen Roman, der wenige Längen verzeichnet, brisante Themen der französischen Geschichte aus Vergangenheit und Gegenwart auf. Ein Spannungselement ergibt sich aus dem Tod von Aurélie. Die Aufklärung der Umstände gestaltet sich jedoch eher schwierig. Wer sich gerne an die Küste des Atlantiks, umgeben von französischem Lebensstil versetzen lassen möchte und ein in der französischen Öffentlichkeit verschwiegenes Kapitel entdecken will ist bei diesem Buch richtig.

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15 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

erzählungen, wiederentdeckung, kurzgeschichten, short stories, alter

Für dich würde ich sterben

F. Scott Fitzgerald , Anne Margaret Daniel , Gregor Runge , Andrea Stumpf
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 11.04.2017
ISBN 9783455000078
Genre: Romane

Rezension:

Mit „Für dich würde ich sterben“ liegen erstmals Texte von Francis Scott Key Fitzgerald in gedruckter Form vor, die zu Lebzeiten des Autors in der vorliegenden Fassung keinen Verleger fanden. Das Buch enthält achtzehn Geschichten, davon sind vierzehn abgeschlossene Erzählungen, ein Fragment und drei Exposés zu Filmen. Die erste der im Buch enthaltenen Storys hat F. Scott Fitzgerald 1920 geschrieben, die anderen Texte viele Jahre später in den 1930ern.

Nach seinen großen Romanerfolgen wurde der Name des Autors in Verbindung mit Liebesgeschichten gebracht, in denen junge Männer aus minderbemitteltem Haus um Töchter reicher Eltern buhlten. Fitzgeralds eigene Eltern gehörten der oberen Mittelschicht an. Als Lieutenant bei der Army lernte er seine spätere Frau Zelda kennen, die eine Heirat aber zunächst aufgrund ungesicherter Lebensverhältnisse ablehnte. Doch nach ersten schriftstellerischen Erfolgen heirateten sie und führten ein mondänes Leben bei denen das zur Verfügung stehende Geld nicht ausreichte. Seine Erfahrungen flossen in seine Werke ein. So bewegt er sich in der ersten Geschichte „Spielschulden“ auf bekanntem Terrain in der Verlagswelt.

In den folgenden Jahren kam zu den Sorgen um‘s Geld die psychische Erkrankung seiner Frau hinzu, die immer wieder und zunehmend Aufnahme in psychiatrischen Kliniken suchte. Auch seine eigenen Probleme mit Alkohol und Gewaltanwendung gegen seine Frau blieben der Öffentlichkeit nicht verborgen. Bereits die zweite Geschichte „Böser Traum“ nimmt den Leser mit in eine psychiatrische Klinik und spielt mit dem Gedanken, ob sich klar trennen lässt, wer hier Patient oder Arzt ist. Die folgenden Erzählungen sind tragisch, schicksalhaft, erheiternd, aber grundsätzlich mit einer Spur von Dunkelheit versehen. Beispielhaft hierfür steht die Titelstory „Für dich würde ich sterben“, die vom Thema „Selbstmord“ durchzogen ist. Kurze Zeit nach Verfassen der Geschichte versuchte der Autor sich mit einer Überdosis Tabletten umzubringen. Seine Beliebtheit sank zunehmend, doch die Umarbeitung der einmal geschriebenen Erzählungen, um sie dem Geschmack des Publikums anzupassen, verweigerte er und so blieb eine Veröffentlichung aus.

Die Geschichten lesen sich leicht und unterhaltsam und wirken aus einer heutigen Perspektive gesehen modern, vielleicht weil gerade die beinhalteten Frauenfiguren meist sehr selbstbewusst agieren. Im Anhang des Buchs finden sich zahlreiche Erläuterungen und Stellenkommentare zu den einzelnen Geschichten. Für mich waren die Storys ein ansprechender Zeitvertreib, für Fans des Autors die auch an seinem Lebensweg Interesse haben, sind sie ein Muss.

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