Girdie

Girdies Bibliothek

453 Bücher, 397 Rezensionen

Zu Girdies Profil
Filtern nach
453 Ergebnisse
Wähle einen Buchstaben, um nur die Titel anzuzeigen, die mit diesem beginnen.



LOVELYBOOKS-Statistik

(95)

200 Bibliotheken, 11 Leser, 0 Gruppen, 86 Rezensionen

italien, liebe, sommer, hamburg, freundschaft

Brausepulverherz

Leonie Lastella
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 27.04.2017
ISBN 9783596035465
Genre: Liebesromane

Rezension:

Jiara und Jonas kennen sich schon seit Schultagen und sind seit Jahren miteinander liiert. Doch als Jiara im Sommer wie schon oft an die italienische Riviera fährt, um dort zu jobben, begegnet sie Milo, der ungeahnte Gefühle in ihr wachruft. Leonie Lastella hat die Geschichte von Jiara und Milo in ihrem Roman „Brausepulverherz“ aufgeschrieben. Sie ist zwar nur fiktiv, zaubert den Leser aber nach Italien mit viel Wärme, Strand und auch Musik. Das Cover fängt davon eine Menge ein und durchtränkt die Farbe der Sonne mit weiß und grün und roten Farbpunkten entsprechend den Farben der italienischen Flagge, so dass ich mich gleich an meine Urlaube in diesem schönen südlich von uns gelegenen Land erinnert fühlte.

Nach dem Abbruch ihres Medizinstudiums steht Jiara momentan davor, auch ihr Psychologiestudium aufzugeben. Gemeinsam mit Jonas, der kurz vor seinem Abschluss im BWL-Studium steht, um dann als Partner ins Unternehmen seines Vaters einzusteigen, wohnt sie in Hamburg. Schon sehr häufig ist sie in Finale Ligure an der Riviera gewesen, weil hier früher Onkel und Tante wohnten. Einmal hat auch Jonas sie begleitet. Geblieben ist eine tiefe Freundschaft mit dem Trattoriabesitzer Dario, bei dem sie sich als Aushilfe gerne ein wenig in den Semesterferien hinzuverdient. Eines Tages steht Darios langjähriger Freund Milo vor ihr, der kurzfristig eine Unterkunft sucht. Milo ist Musiker und tingelt mit seinen Liedern wenig erfolgreich durchs Land. Gleich bei der ersten Begegnung spürt Jiara eine unbändige Anziehungskraft, die von ihm ausgeht. Dennoch sagt ihr Verstand, dass Jonas in Hamburg auf sie wartet. Außerdem befürchtet sie, dass sie mit dem Ende ihrer Beziehung zu Jonas weitere Freundschaften verlieren wird. Und werden ihre Gefühle überhaupt im gleichen Maße von Milo erwidert und wenn ja, kann es eine Zukunft für die beiden geben?

Für beide Protagonisten ist ein Lebensweg von den Eltern vorgesehen worden. Während Jiaras Mutter ihre Tochter bereits als Ärztin gesehen hat, sind Milos Eltern davon ausgegangen, dass er mit seinem Bruder gemeinsam die Firma seines Vaters übernimmt. Milo stellt sich trotzig diesem Plan entgegen, aber Jiara lässt sich auf den Wunsch ihrer Mutter ein. Ihr Wunschberuf ist ein ganz anderer, doch letztlich fühlt sie sich den Erwartungen von Freunden und Familie verpflichtet. Milo bildet also nicht nur rein äußerlich einen Anziehungspunkt für Jiara, sondern steht ihr auch als Beispiel vor Augen wie man seine Träume leben kann. Allerdings sind ihr seine kurzen Liebschaften ein Dorn im Auge.

Jonas ist der perfekte Planer und nimmt ihr dadurch viele Entscheidungen ab. In Italien stellt sie fest, dass es ihr schwer fällt, Entscheidungen zu treffen und sie daher in ihrem Leben allein schlecht zurechtkommt. Milo ist auf seinem gewählten Weg ist glücklich, auch wenn ihn der Familienstreit über seinen Berufswunsch mehr nahe geht als er sich selbst eingesteht. Er macht Jiara Mut, sich selbst mehr zuzutrauen. Für die unschlüssige Jiara ist es eine Zerreißprobe zwischen zwei Männern und ihrem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben.

Auch die Autorin hat in Italien ihre Liebe gefunden, die man zwischen den Zeilen herauslesen kann. Einfühlsam schildert sie intime Szenen zwischen den beiden Protagonisten. Die Kapitel wechseln sich ab zwischen Milo und Jiara. Beide erzählen in der Ich-Form, so dass mir die Konflikte, die beide bewegen, nachvollziehen. Auch gemeinsam lässt sich hierzu keine einfache schnelle Lösung finden. Sehr lange verharrt daher die Erzählung bei diesen Problemen, was zu einigen Längen führt. Beide Protagonisten scheuen eine direkte Aussprache mit den betroffenen Personen, Milo wegen seiner Sturheit und Jiara aufgrund ihrer Unentschlossenheit.

Der Roman ist eine Auseinandersetzung zwischen Leidenschaft und Verstand. Die Geschichte ist leicht lesbar geschrieben und über allem liegt aufgrund des Settings eine warme Sommerbrise. Wer nach einem unterhaltsamen Roman für einige nette Lesestunden sucht ist hier richtig.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(77)

207 Bibliotheken, 10 Leser, 0 Gruppen, 61 Rezensionen

roman, freundschaft, trauma, eleanor oliphant, ich eleanor oliphant

Ich, Eleanor Oliphant

Gail Honeyman , Alexandra Kranefeld
Fester Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Ehrenwirth, 24.04.2017
ISBN 9783431039788
Genre: Romane

Rezension:

„Ich, Eleanor Oliphant“ ist nicht nur der Titel des Romandebüts der Schottin Gail Honeyman sondern so stellt sich auch die Protagonistin im Buch dem Leser vor. Die bald 30jährige Eleanor hat eine bewegte Vergangenheit, die sie für jeden deutlich spür- und sichtbar gezeichnet hat. Wäre das Leben so bunt wie ein Farbklecks stände Eleanor auf dessen dunkler Seite vergleichbar mit dem Schemen einer Frau auf dem Cover dieses Buches. Doch die Farben laufen ineinander und das Bunte, welches Spaß und Freude beinhaltet, ist auf dem Weg zu Eleanor. Schaut man auf die Rückseite des Buchumschlags bemerkt man links unten einen jungen Mann, der sich ebenfalls auf einem dunklen Randgebiet befindet, aber nicht nur bereits selbst vom bunten Glück gefärbt wurde sondern auch seinen Blick ins Helle in Eleanors Richtung wirft. Ein gutes Vorzeichen.

Eleanor ist studierte Altphilologin, arbeitet aber seit neun Jahren bei einer Grafikdesign-Agentur als Buchhalterin. Wenn sie sich tagsüber ihrer Zahlenwelt gewidmet hat, geht sie nach getaner Arbeit nach Hause und verbringt dort allein ihre Stunden bis zum nächsten Dienstantritt. Ihre Freizeit verbringt sie mit Lesen und Fernsehen Einmal in der Woche ruft ihre Mutter an, die im Gefängnis sitzt. Ein Freund ist ihr nur der Wodka, dem sie immer wieder gerne zuspricht.

Eines Tages sieht sie ihren Traummann bei einem Konzert, zu dem sie Eintrittskarten gewonnen hat, auf der Bühne. Fortan geht ihr der Gedanke nicht mehr aus dem Kopf, ihren Schwarm zu treffen und sie stellt sich vor, dass sie schon bald ein Paar sein werden. Während der neue Kollege Raymund sie ein Stück auf ihrem Heimweg begleitet sehen die beiden wie ein älterer Mann zu Fall kommt. Sie eilen ihm zu Hilfe und auch nach der gemeinsamen Aktion hält Raymund den Kontakt zu ihr. Doch seine Gegenwart findet Eleanor eher lästig als erfreulich. Sie folgt weiter ihrem Herzen, den Sänger für sich zu gewinnen. Sie hat noch einige Erfahrungen mit dem Leben zu meistern um zu erkennen, welche Gefühle ihr tatsächlich wichtig sind.

Von den ersten Seiten an wurde mir klar, dass Eleanor ein Erlebnis in ihrer Kindheit hatte, das sie mehr oder weniger erfolgreich verdrängt, sie aber traumatisiert und sichtbare Narben in ihrem Gesicht hinterlassen hat. Gail Honeyman lässt ihre Protagonistin den Roman selbst erzählen und auf diese Weise habe ich über Eleanors Vergangenheit nur so viel erfahren können, wie sie selbst bereit war preiszugeben. Das war anfangs recht wenig doch mit der Zeit hat sie sich immer mehr geöffnet und Gefühle zugelassen. Ihre Kindheit hat sie in Pflegefamilien verbracht. Ihre Mutter sitzt also vermutlich schon sehr lange im Gefängnis für ein von ihr verübtes Verbrechen. Worum es sich dabei handelt bleibt bis fast zum Ende hin unbenannt, allerdings hatte ich eine Vorahnung. Die Gespräche mit ihr durchbrechen das Einerlei ihres Alltags und vor allem ihrer Einsamkeit, sind ihr aber verhasst. Dennoch hält sie an den Telefonaten fest, vielleicht weil sie der letzte Kontakt zu einem Mitglied ihrer Familie sind. Sie weiß nicht, wer ihr Vater ist und sonst sind ihr keine Verwandten bekannt.

Um sich vor körperlichen und seelischen Wunden zu schützen, lebt Eleanor zurückgezogen, gerne beobachtet sie jedoch das Verhalten ihrer Mitmenschen. Sie hat es nie für nötig befunden, Freundschaften zu schließen, vermutlich weil sie durch den häufigen Wechsel der Pflegestellen immer wieder neu beginnen musste, Vertrauen aufzubauen. Sie war gut in der Schule und konnte ein Studium abschließen. Im weiteren Verlauf erzählt sie im Rückblick von einer Beziehung während dieser Zeit, die ihr sehr schlechte Erfahrungen gebracht hat. Ein weiterer Grund also für sie, sich von näheren Bekanntschaften fernzuhalten.

Bücher sorgen dafür, dass Eleanor ein breites Allgemeinwissen hat. Im Rahmen ihrer Begeisterung für den Sänger entdeckt sie das Medium Internet für sich, dass ihr letztlich mehr bringt als nur das Wissen über ihren Traummann. Aber bei all ihren äußeren Veränderungen und ihrer zaghaften Kontaktaufnahme hat sie immer die Stimme ihrer Mutter im Kopf, die sich negativ über jedes Tun äußert. Obwohl sie sich dessen absolut bewusst ist, findet sie nicht selber einen Weg aus dieser frühen Prägung dem Willen der Mutter zu folgen um keine Restriktionen befürchten zu müssen. Zunehmend genießt sie das Mitgefühl und die kleinen Aufmerksamkeiten der langsam vertrauter werdenden Personen. Aktuell positive Erfahrungen mit guten Ratschlägen decken sich mit dem früheren Erleben einer gelungenen Umsetzung der Empfehlung einer Fachkraft. Daraus folgt nicht nur für Eleanor eine Aufforderung, sich professionelle Hilfe zu suchen. Ihr wachsendes Selbstbewusstsein geht mit einem entsprechenden Feedback einher.

Der Schreibstil der Autorin ist angenehm zu lesen. Hauptsächlich beschreibt die Ich-Erzählerin ihren Alltag. Unterschwellig umgibt die Geschichte von Beginn an das Geheimnis um das besondere Geschehen in der Kinderzeit Eleanors. Es brauchte seine Zeit bevor die Protagonistin sich ihren Vorstellungen entsprechend für ihren Schwarm ausgestattet hatte, dadurch entstand im mittleren Buchteil eine gewisse Länge. Eleanor hat ganz eigene Ansichten über passendes Verhalten in allen möglichen Situationen, die sie durch ihre Beobachtungen, vielfältiger Lektüre und den Vorgaben ihrer Mutter entwickelt hat. Hieraus ergeben sich immer wieder amüsante Szenen. Sie wirkte schutzbedürftig auf mich, obwohl sie sich schon vielfach behauptet hatte.

Ich musste Eleanor einfach sympathisch finden und ich habe mich für sie gefreut, dass sie nach so langen Jahren des Alleinseins einen Weg zu sich selbst gefunden hat, der durch den Moment der vermeintlichen Liebe ausgelöst worden ist und auch eine Öffnung zu anderen hin bewirkt hat. Mir als Leser wurde dadurch wieder einmal klar, auf welche Dinge es im Leben wirklich ankommt: Vertrauen, Offenheit und Aufrichtigkeit. Dieses Buch empfehle ich gerne weiter.(4,5 Sterne)

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(13)

44 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 11 Rezensionen

freundschaft, jugendbuch, selbstfindung, all-age, familie

Du & Ich - Best friends for never

Hilary T. Smith , Jenny Merling
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei FISCHER FJB, 23.03.2017
ISBN 9783841440044
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Der Roman „Du & Ich – Best friends for never“ von Hilary T. Smith sagt bereits im Titel aus, worum es in diesem Jugendbuch ab 14 Jahren geht. Die Geschichte handelt vom Zerbrechen der Freundschaft zwischen Annabeth und Noe. Beide sind zu Beginn des neuen, ihres letzten Schuljahrs an der Highschool seit drei Jahren befreundet und reden über große Pläne für das gemeinsame Studium an der Northern University. Doch die Freundschaft droht, wie der Luftballon auf dem Cover, schon sehr bald zu zerplatzen nachdem Noe sich in den gleichaltrigen Stephen verliebt hat.

Als Annabeth in ihrem ersten Jahr auf der Highschool auf Noe trifft ist sie 13 Jahre alt. Kurze Zeit vorher hat sie von ihrer Cousine auf wenig einfühlsame Weise erfahren, in welcher Situation ihre Mutter mit ihr schwanger geworden ist. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt und niemand ihrer Familie spricht von ihm. Seitdem fühlt sie sich anderen Jugendlichen nicht gleichwertig. Vom Charakter her ist sie eher schüchtern und unsicher. Als Noe auf sie aufmerksam wird, folgt sie nur allzu gerne deren Wünschen durch kleine Gefälligkeiten, um dadurch die Freundschaft zu intensivieren. Teilweise ändert Annebeth auch ihr Verhalten, die Hinwendung zu vegetarischem Essen ist eine der größten und bedeutsamsten. Und aktuell hat sie sich mit nunmehr 16 Jahren dem Turnsport verschrieben, dem Noe bereits seit langem erfolgreich nachgeht. Doch Noe erobert sich im Laufe der dreijährigen Freundschaft nicht nur einen festen Platz im Leben von Annabeth sondern auch einen sehr großen, der nun durch Noes Beziehung zu Stephen einen ersten Einschnitt erfährt.

Annabeth ist zu dem Zeitpunkt als sie Noe kennen lernt bereits selbst eine Persönlichkeit, aber sie ist sich dessen nicht bewusst. Es gibt einige Dinge, die sie besonders mag wie beispielsweise ihre Liebe zur Natur. Auch Treue gehört zu ihren Charaktereigenschaften. Davon profitiert ihre Freundin. Noe genießt die ihr geschenkte Aufmerksamkeit. Dadurch, dass Noe nun mehr Zeit mit Stephen verbringt, zieht Annabeth sich zurück und beobachtet das Verhalten ihrer Freundin und macht sich Gedanken über ihre Freundschaft, die manchmal eher einseitig aussieht. Noe ist nicht immer aufrichtig zu ihrer Freundin. Sie leidet seit langer Zeit an einer Essstörung und arglos hat Annabeth ihr sogar geholfen diese zu verbergen.

Ihre Freundschaft hat aber auch Gutes für Annabeth gebracht, denn Noe hat sie aus einer gewissen Lethargie geholt, sie motiviert und angetrieben und sie vom Grübeln abgehalten. Nun fühlt sie sich allein gelassen und sucht nach einer Möglichkeit die Lücke zu füllen. Von einem wenig älteren Jungen lässt sie sich verführen und in eine ungewollte Lage bringen. Eher unbewusst hat sie nach Liebe und Aufmerksamkeit gesucht und muss nun feststellen, dass sie sich reichlich naiv hat ausnutzen lassen. Doch diese Einsicht führt sie auch dazu über ihre eigenen Grenzen hinaus zu gehen. Nicht nur sie selbst ist dabei, ihre Einstellungen zu ändern und andere Meinungen zuzulassen.

Der Roman wird von Annabeth in der Ich-Form erzählt und so konnte ich ihren Gedanken nicht nur zu ihrer Freundin sondern auch zu ihrer Mutter, die eine wichtige Bezugsperson in ihrem Leben ist, folgen. Sehr gut konnte ich dadurch die Veränderungen wahrnehmen, die sich aus ihren Erfahrungen ergibt. Ihr Wandel ist durchgehend positiv und ich glaube, dass sie ihren weiteren Weg auch ohne Noe meistern wird. Ich hoffe auf eine Fortsetzung der Geschichte.

Die Autorin hat eine glaubhafte, ergreifende Freundschaftsgeschichte geschrieben. Sie greift wichtige Themen in diesem Roman auf mit denen Jugendliche sich häufig auseinandersetzen wie Mobbing, Essstörungen, Liebeskummer und Depression. Auch wenn sie vielleicht nicht immer eine ausgereifte Lösung für alle Probleme findet, zeigt sie einen Weg auf damit umzugehen. Mir hat das Buch gut gefallen und darum empfehle ich es gerne nicht nur an junge Leser weiter.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(57)

142 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 40 Rezensionen

krieg, fuchs, freundschaft, kinderbuch, pax

Mein Freund Pax

Sara Pennypacker , Birgitt Kollmann , Jonathan Klassen
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei FISCHER Sauerländer, 16.03.2017
ISBN 9783737352307
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Im Buch „Mein Freund Pax“ schreibt die US-Amerikanerin Sara Pennypacker über die Freundschaft eines ungewöhnlichen Paars. Der zwölfjährige Peter hat vor fünf Jahren einen sehr jungen Fuchs im Bau seiner getöteten Mutter gefunden und aufgezogen. Er hat ihm den Namen Pax gegeben, nach einer Marke für Rücksäcke wie Peter im Roman erklärt. Die beiden sind nahezu unzertrennlich. Jetzt aber rückt ein Krieg immer näher und sein Vater meldet sich zum Dienst an der Front. Peter muss für ein halbes Jahr zu seinem Großvater, der 300 Kilometer entfernt wohnt. Pax kann dahin nicht mit, daher wird Peter von seinem Vater angewiesen ihn an einer Straße auszusetzen, im für den Fuchs unbekannten Gelände. Sehr bald merkt Peter, dass das nicht richtig war, packt einige Sachen zusammen und begibt sich auf die Suche. Allerdings hat er nicht über die Gefahren seines Abenteuers nachgedacht und bald schon wird seine weitere Reise durch eine Verletzung behindert, während Pax in der ungewohnten Freiheit ums Überleben kämpft.

Peter ist ein sympathischer Charakter. Er wird zwar schnell wütend, doch eher ungewollt. Seine Sorge um den Fuchs lässt ihn fürsorglich wirken. Bei der Wahl des Namens für seinen tierischen Freund hat er nicht an Frieden gedacht, aber die gesamte Erzählung steht unter diesem Oberbegriff. Obwohl der Roman in der Gegenwart spielt, legt die Autorin bewusst nicht fest, um welchen Krieg es sich handelt. Durch die Meldung des Vaters zum Kriegsdienst wird Peter direkt damit konfrontiert. Seine Suche nach Pax wird schließlich zu einer Suche nach Frieden, während er die Auswirkungen der Kämpfe auf die Natur erlebt, mehr über die Grausamkeiten der Handlungen erfährt und die Folgen der Erlebnisse im Einsatz von der hilfsbereiten, aber zurückgezogen lebenden Vola erzählt bekommt. Die Geschichte ist auch eine Auseinandersetzung mit der Frage nach der Schuld, die man durch eigenes Verhalten verursachen kann.

Peters Suche ist zunächst das vom Vater angeordnete Ende einer langen Freundschaft und wird schließlich zu einem Weg für Peter an den Erlebnissen zu reifen. Durch seine Erfahrungen und die Antworten auf Fragen, die er stellt, beginnt er verschiedene Dinge zu begreifen. Auch das Verhalten seines Vaters ordnet er neu ein.

Jedes zweite Kapitel widmet Sara Pennypacker dem Rotfuchs Pax. Er hat noch nie gejagt und daher auch noch nie frisch Erlegtes gefressen. Doch seine Instinkte lassen ihn nicht im Stich. Glaubhaft schildert die Autorin, wie Pax die Bekanntschaft zu seines Gleichen findet ohne dabei seine Hoffnung, Peter wieder zu finden, aufzugeben. Der Text wird ergänzt von passenden schwarz weißen Zeichnungen des kanadischen Illustrators Jon Klassen.

Sara Pennypackers Roman ist geeignet für Kinder ab 10 Jahren, aber ihre Geschichte spricht auch ältere Leser und Erwachsene an. Vor dem Hintergrund einer besonderen Freundschaftsbeziehung kommen die Gräuel des Kriegs in vielen Facetten zum Ausdruck. Ich empfehle Eltern, das Buch zu lesen und es mit jüngeren Kindern zu diskutieren. Lesenswert ist es auf jeden Fall!

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(78)

104 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 58 Rezensionen

alter, liebe, einsamkeit, roman, kent haruf

Unsere Seelen bei Nacht

Kent Haruf , Pociao
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 22.03.2017
ISBN 9783257069860
Genre: Romane

Rezension:

„Unsere Seelen bei Nacht“ ist der letzte Roman des verstorbenen US-Amerikaners Kent Haruf. Der Autor wurde nur 71 Jahre alt und auch die beiden Protagonisten seines Buchs sind etwa in diesem Alter. Die Geschichte spielt wie alle seine Romane in der von ihm erdichteten Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado, in dem er als Kind gelebt hat.

Addie ist Witwe und lebt in ihrem Einfamilienhaus allein. Ihr Sohn lebt mit Frau und Kind in der Hauptstadt Denver. Vor allem nachts fühlt sie sich einsam. Nachdem sie lange über ihre Idee, der Einsamkeit zu entkommen, nachgedacht hat, klingelt sie bei ihrem ebenfalls verwitwetem Nachbarn Louis. Sie fragt ihn, ob er sich vorstellen kann, die Nächte neben ihr zu liegen. Auf rein platonischer Ebene möchte sie mit ihm zusammen sein. Nach einer kurzen Bedenkzeit ist Louis einverstanden und gemeinsam entdecken sie, wie schön es ist, Zeit miteinander zu verbringen und sich im Gespräch auszutauschen. Auch der längere Aufenthalt von Addies sechsjährigem Enkel ist nach ersten Befürchtungen kein Problem für die beiden. Von den Bewohnern der Kleinstadt wird ihre Beziehung misstrauisch beobachtet, doch das haben beide nicht anders erwartet. Eine größere Sorge sind ihre Kinder, vor allem Addies Sohn Gene stellt sich gegen die gemeinsamen Pläne von Addie und Louis.

Kent Haruf hat seine Erzählung in einen schlichten Rahmen gepackt. Die Zahl der handelnden Personen ist überschaubar. Die Dialoge werden indirekt geführt. Nach einigen Seiten hatte ich mich daran gewöhnt und konnte problemlos die jeweiligen Sätze der entsprechenden Person zuordnen ohne dass diese erwähnt wird. Gleich zu Beginn kommt der Autor zum Hauptthema des Romans, der Einsamkeit im Alter. Da er selbst beim Schreiben des Buchs bereits älter als 70 Jahre war, bringt er in seine Schilderungen sicher auch eigene Erfahrungen und solche aus seinem Freundschafts- und Bekanntenkreis ein. Das macht die Erzählung authentisch.

Addie und Laurence kennen sich bereits seit langen Jahren, hatten aber nur gelegentlichen kurzen Kontakt zueinander. Ich fand es eine mutige Art von Addie, sich mit ihrem Wunsch ohne Umschweife an Laurence zu wenden. All die folgenden gemeinsamen Stunden sind realistisch beschrieben und gut vorstellbar. Die beiden Protagonisten nähern sich vorsichtig einander an und gehen auch im weiteren Verlauf fürsorglich miteinander um. Das tut beim Lesen richtig gut.

Das Misstrauen der Kinder in Bezug auf das Verhältnis ihrer Eltern war von Beginn an vorhanden. Verständlich ist eine gewisse Sorge um das Wohl des Elternteils, aber letztlich versteckt sich bei Gene dahinter vor allem die Angst vor dem Verlust des Erbes. Das Ende der Geschichte hat für mich nicht zum Charakter der Addie gepasst, die sich einen eigenen Weg aus der Einsamkeit gesucht und gefunden hat. Von ihr hätte ich mehr Selbstbewusstsein gewünscht.

Das Buch lässt sich in wenigen Stunden lesen. Obwohl nichts Aufsehenerregendes geschieht, war es schön, diese besondere Geschichte über Zuneigung und Beisammensein im Alter zu lesen, wenn mir auch das Ende nicht so ganz gefallen hat. Dennoch empfehle ich den Roman an einfühlsame Leser gerne weiter

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(9)

87 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 8 Rezensionen

fantasy, gesellschaftskritik, scifi, mobbing, umweltkatastrophen

Alle Vögel unter dem Himmel

Charlie Jane Anders , Sophie Zeitz
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei FISCHER Tor, 23.03.2017
ISBN 9783596036967
Genre: Fantasy

Rezension:

Die US-Amerikanerin Charlie Jane Anders hat schon vieles in mancherlei Form geschrieben, aber „Alle Vögel unter dem Himmel“ ist ihr erster Roman. Er enthält Elemente der Magie und der Science Fiction. Vögel sind es, die einem der Protagonisten, nämlich der sechsjährigen Patricia Delfine sagen, dass sie eine Hexe ist. In der Gegenwart, in der Patricia lebt, werden angesichts einer düsteren Version der Zukunft bald keine Lebewesen mehr die Erde bewohnen und auch kein Sternenhimmel mehr, wie auf dem Cover, zu sehen sein.

Patricia bemerkt bereits als Kind, dass sie mit Vögeln reden kann. Doch nach nur einem einzigen Erlebnis versagt diese Fähigkeit wieder. Zunächst bleibt unklar, ob sie vielleicht nur davon geträumt hat. Ein weiterer Protagonist ist Laurence Armstead, der als Jugendlicher eine Uhr bastelt, mit der man zwei Sekunden in die Zukunft reisen kann. Etwa zu diesem Zeitpunkt treffen die beiden Hauptfiguren zum ersten Mal in der Schule aufeinander. Bis hierhin war die Erzählung für mich zwar mysteriös, aber dennoch hätte sie sich zu einer ganz normalen Liebesgeschichte zwischen Patricia und Laurence entwickeln können. Doch weit gefehlt.

Eines Tages erhält die Schule mit Theodolphus Rose einen neuen Vertrauenslehrer, der den Posten nur als Tarnung angenommen hat, denn er ist Mitglied eines Ordens der Assassinen. Seit Jahren hat er sich vorgenommen, Patricia und Laurence zu töten, denn er glaubt, dass die beiden an dem zukünftigen Krieg zwischen Magie und Wissenschaft die Schuld tragen werden. Er versucht die beiden gegeneinander auszutricksen. Doch sein Spiel geht nicht auf. Stattdessen schlagen Patricia und Laurence unterschiedliche Wege ein und verlieren sich aus den Augen. Als sie einander wieder begegnen ist die Hexenkraft von Patricia gereift und Laurence hat erste Erfolge auf technischem Gebiet. Auf der Erde kommt es an verschiedenen Orten zu diversen Katastrophen. Es stellt sich die Frage, ob die Fähigkeiten der beiden den drohenden Untergang verhindern können. Oder werden ihre Kenntnisse zur Zerstörung der Erde beitragen? Ihre Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt.

Die Geschichte ist ein Mix aus unterschiedlichen Genres. Hierbei hat Charlie Jane Anders eigenes Wissen und Erfahrungen aus unterschiedlichen Bereichen eingebracht. Beschreibungen von wissenschaftlichen und technischen Sachen sind leicht verständlich. Zu Beginn schreibt die Autorin auffassungsmäßig auf der Ebene der sechsjährigen Patricia. Der sprachliche Ausdruck wächst mit dem Alter der Protagonisten. Der Roman besteht aus mehreren Buchteilen, dazwischen liegen Zeitsprünge. Sowohl Patricia und Laurence füllen Lücken in ihrer Vergangenheit immer wieder durch Rückblicke zur Erweiterung des Wissens des Lesers auf.

Charlie Jane Anders schreibt mit flinker Feder, manches wirkt wie beiläufig eingebracht, birgt aber so neuartige Ideen, dass es mich immer wieder aufs Neue fasziniert hat. Hin und wieder verliert sie sich etwas in liebevoll gestalteten Details. Gerade bei den fantastischen Elementen des Romans werden ihre Beschreibungen nahezu poetisch. Sie erklärt viele Sachen und lässt ihre Charaktere sich gerne selbst in Frage stellen. Patricia und Laurence lassen sich als Freaks beschreiben. Aufgrund ihrer Marotten stehen sie bei ihren Mitschülern in keinem guten Licht und werden gemobbt. Ihr Verhältnis zueinander ist umstritten. Beide habe ich für manche Dinge bemitleidet, andererseits auch bewundert. Ich war mir unsicher, ob ich ihnen meine Sympathie schenken sollte.

Dieser Roman ist anders wie die bisherigen Fantasy und Science Fiction Bücher die ich bisher gelesen habe. Charlie Jane Anders schreibt kreativ und beeindruckt mit Erklärungen für Magie, so dass man glauben könnte, sie gehöre ganz realistisch zu unserer Welt. Die technischen Entwicklungen klingen nahezu machbar und so ergibt sich ein dystopischer Roman, der verstörend ist, weil er auf seine eigene Art vorstellbar erscheint. Gerne gebe ich hierzu eine Leseempfehlung für Fans von Fantasy und Science Fiction Büchern.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(8)

18 Bibliotheken, 7 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

transsexualität, freundschaft, erwachsenwerden

Meine Mutter, sein Exmann und ich

T.A. Wegberg
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 10.03.2017
ISBN 9783499217593
Genre: Jugendbuch

Rezension:

In seinem Jugendbuch „Meine Mutter, sein Exmann und ich“ nutzt T.A. Wegberg das Thema Transgender als Hintergrund für die aktuellen Probleme des 15-jährigen Joschka. Wie der Titel es bereits verdeutlicht, hat nicht Joschka Probleme mit seiner Geschlechtsidentität, sondern er hat Frust darüber, dass seine Mutter ihren Körper entsprechend ihrer männlichen Gefühle anpassen möchte. Lebenswege sind verschieden und manchmal ist es schwierig den richtigen zu finden. Joschkas Gedanken kreisen darum Wege zu finden, beispielsweise um seinen Traumberuf zu realisieren und vor allem aber, seine Freunde nicht durch die Selbstverwirklichung seiner Mutter zu verlieren. Sehr gut wird das durch das Cover visualisiert.

Joschkas Eltern sind schon längere Zeit geschieden. Als er und seine Zwillingsschwester Liska zehn Jahre alt sind, spricht ihre Mutter offen an, dass sie mit einer Therapie und einer Hormonbehandlung beginnen möchte um ihre körperliche Umwandlung zu einem Mann zu beginnen. Fünf Jahre später steht die abschließende Operation an und Joschka hat sich immer noch nicht damit arrangiert. Er nennt seine Mutter weiter „Mama“ statt bei seinem neu gewählten Vornamen Frederik und sorgt dafür, dass seine Freunde ihn nicht zu sehen bekommen. Liska dagegen hat keine Probleme damit.

Schließlich zieht Joschka zu seinem Vater, der inzwischen wieder verheiratet ist und mit seiner zweiten Frau einen weiteren Sohn hat, obwohl er dabei einen sehr viel weiteren Weg zur Schule in Kauf nimmt. Mit dem nach den Sommerferien beginnenden Schuljahr erhält er mit Alexander einen neuen Klassenkameraden der an einer Krankheit leidet, die dieser zu verbergen sucht. Erst durch die Annäherung an Alexander und der wachsenden Liebe zu seiner Mitschülerin Emma beginnen sich seine Prioritäten in Sachen Freunde zu verschieben und so langsam wächst sein Verständnis für den Wunsch seiner Mutter ein Mann zu sein.

Der Roman ist gedacht ab einem Alter von ungefähr 14 Jahren. Der Autor schreibt aus der Sicht von Joschka und konfrontiert den Leser mit den Problemen eines 15-jährigen Jungen, der sich darüber sorgt, dass er wegen der Geschlechtsumwandlung von Frederik ausgelacht und aus dem Freundeskreis ausgeschlossen wird. Joschka verfügt über keine besonderen Fähigkeiten wie sportliche oder technische Begabung mit denen er bei seinen Freunden punkten könnte. Er verhält sich gerne konform, um akzeptiert zu werden.

Sehr schön fand ich den Kontrast, den T.A. Wegberg mit Liska setzt. Von Beginn an spricht sie mit ihren Freundinnen über die Geschlechtsumwandlung und so entsteht hier kein Geheimnis, das zu irgendwelchen Missverständnissen führen kann. Liska freut sich über den Besuch von Freunden und ihr neuer Vater hat die Möglichkeit sich als Persönlichkeit zu zeigen und so akzeptiert zu werden. Joschka hat nun diesen Zeitpunkt verpasst. Und genau das baut eine gewisse Spannung im Roman auf, die mich schnell weiter lesen ließ, denn ich glaubte, dass irgendwann doch endlich einer von Joschkas Freunden auf Frederik treffen würde. Ich wartete ungeduldig darauf, wie Joschka dann reagieren würde.

Joschka erzählt in der Ich-Form und auf diese Weise wusste ich auch, was er in welcher Situation denkt. Er sucht ständig den Vergleich mit Jungen in seinem Alter. Die Probleme seiner Mutter hat er zwar registriert, aber ausgeblendet. Sein Vater und seine Stiefmutter verschließen sich seinen Problemen. Sie verlangen von ihm, dass er Verantwortung übernimmt. Aber immer wieder scheitert er daran. Das trägt nicht dazu bei, sein Selbstbewusstsein zu steigern und so lobt er sich selbst für all das, was ihm gelingt. Seine Freundschaft zu Alexander zeigt ihm, wie es ist, vor einem Geheimnis zu stehen. Als er merkt, dass er damit umgehen kann und nun auch jemanden hat, den er ins Vertrauen ziehen kann, wird es deutlich einfacher für ihn sich gegenüber anderen zu öffnen. Jugendliche Leser des Romans werden hier allerdings genau wie Joschka keine abschließenden Antworten zum Thema Transgender finden.

„Meine Mutter, sein Exmann und ist“ ist ein Buch über Freundschaft, Vertrauen, Akzeptanz und Selbstfindung und darüber, dass es nicht auf das Äußere, sondern auf die Persönlichkeit ankommt. Der Schreibstil ist locker und amüsant. Daher vergebe ich gerne eine Leseempfehlung.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(29)

56 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 28 Rezensionen

familie, wende, geschichte, geschwister, nachkriegszeit

Altenstein

Julie von Kessel
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Holtzbrink Buchverlage, 10.03.2017
ISBN 9783463406770
Genre: Romane

Rezension:

„Altenstein“ ist der Debütroman von Julie von Kessel. Ihre Geschichte dreht sich um den Verlust und die spätere Enteignung von Hab und Gut einer fiktiven alten Adelsfamilie in Ostpreußen. „Altenstein“, der Sommersitz der gräflichen Familie von Kolberg, gehört dazu. Hier geht es nicht nur um Gebäude, sondern vor allem um wertvolle weitläufige Bodenflächen.

Eine der Protagonisten ist Agnes von Kolberg, die zweite Frau von Kuno, dem Erben und Oberhaupt der Familie. Sie sieht sich gern als Blume und ihre Kinder als Blütenblätter die sie ausschmücken. So ist denn sinnbildlich die Blume auf dem Cover zu verstehen mit den drei Blütenblättern auf der linken Seite, die für die drei Töchter von Agnes aus erster Ehe stehen und fünf auf der rechten Seite, die ihre zwei Töchter und drei Söhne, von denen einer bereits bei der Geburt verstorben ist, aus der Ehe mit Kuno symbolisieren. Auch Kuno hat aus seiner ersten Ehe drei Töchter.

Konrad ist der jüngste der Geschwister. Er ist ein letztes, von Agnes ertrotztes Kind und wird mitten im Krieg geboren. Neben Agnes ist er es und die nächst geborene ältere Schwester Marie Elisabeth, genannt Nona, auf denen der Fokus der Erzählung vor allem ruht. Nachdem nicht nur die Heimat in Ostpreußen verloren ist, sondern auch der Besitz von Altenstein in Brandenburg aufgegeben werden musste, findet die inzwischen verwitwete Agnes mit ihren Kindern im rheinischen Bonn eine neue Bleibe. Zwar hat sie nur noch wenig Geld zur Verfügung, legt aber weiter bei der Erziehung ihrer Kinder Wert auf Anstand und Standesbewusstsein und Respekt ihr selbst gegenüber. Nona und Konrad jedoch widersetzen sich immer wieder. Sie sind es auch die nach der Wende nach Altenstein fahren und dann nach einer Möglichkeit suchen, das Anwesen zurück zu erhalten.

Julie von Kessel stammt selbst aus einer Adelsfamilie wie sie sie im Roman beschreibt. Daher gelingt es ihr, die Charaktere im Roman authentisch zu gestalten. Bereits beim Lesen ist mir aufgefallen, dass ungewöhnlich viele Mitglieder der Familie von Kolberg im diplomatischen Umfeld arbeiten und so ist es auch in der Familiengeschichte der Autorin selbst. Diese von Beginn an weltgewandten Menschen haben auf ihren Landgütern immer eine beständige Heimat gehabt und dadurch die Möglichkeit in den „Schoss der Familie“ zurück zu kehren. Die Häuser waren groß genug um etliche Personen zusätzlich aufzunehmen. Die Güter warfen genügend Lebensmittel ab, um ohne Not weitere Familienangehörige zu ernähren. So wie die Familie von Kolberg standen viele Adelsfamilien aus Ostpreußen vor dem Nichts. Ihren Stolz und ihre Weltoffenheit haben viele dabei behalten und in neuer Form versucht, sich zu verwirklichen.

Mit Konrad bringt die Autorin auch ein Beispiel dafür, dass nicht jeder seiner Rolle gerecht wird. Nona bricht bewusst aus dem für sie durch Agnes vorgesehenen Lebensweg aus; sie wechselt den Beruf und den Ehemann. Eigentlich zählten Mädchen in der Erbfolge wenig und der Besitz fiel grundsätzlich an den ältesten Sohn. Doch Agnes hat für ihre Kinder eine andere Aufteilung vorgesehen. Als nun Hoffnung auf eine Rückgabe des Anwesens beziehungsweise einen finanziellen Ausgleich aufkeimt, kann der älteste Sohn seinen Unmut über testamentarisch Festgelegte Teilung des Erbes zurück halten. Selbst über den Tod von Agnes hinaus behalten die Geschwister mit wenigen Ausnahmen ihr Klassendenken. Konrad gibt sich auch nach außen hin immer noch gerne als Graf. Untereinander herrscht ein freundlicher Umgangston, der jedoch im Detail gesehen ruppig wird. Vor klaren Ansagen scheint keiner zurück zu schrecken. Obwohl die Hilfsbereitschaft von jedem für seine Familienangehörigen da ist, hört sie wohl bei finanziellen Angelegenheiten auf.

Julie von Kessel konfrontierte mich in ihrem Roman mit einer Familie die einen Teil deutscher Geschichte gelebt hat. Zu den geschichtlichen Hintergründen hätte ich mir an einigen Stellen mehr Informationen gewünscht. Zu Beginn des Buchs findet der Leser eine Auflistung der einzelnen Kapitel mit örtlichen Gegebenheiten und eine Aufzählung der Familienmitglieder. Doch die zeitlichen Sprünge von Kapitel zu Kapitel verbunden mit wechselnden Personengruppen forderten meine Aufmerksamkeit und störten immer wieder meinen Lesefluss.

Die Charaktere im Buch sind abwechslungsreich gestaltet, die Schauplätze manchmal ungewöhnlich und interessant. Für die Erzählung, die glaubwürdig konstruiert ist, gebe ich gerne eine Leseempfehlung.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(58)

107 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 52 Rezensionen

tod, trauer, verlust, roman, 70er jahre

Ein fauler Gott

Stephan Lohse
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 06.03.2017
ISBN 9783518425879
Genre: Romane

Rezension:

Ben ist im Sommer 1972 elf Jahre und hat gerade seinen Bruder Jonas verloren. Er war dabei als Jonas im Schwimmbad anfing zu krampfen und wenige Tage später im Krankenhaus verstarb. Ben glaubt, dass Gott keine Lust dazu hat seine Macht über die Menschen auszuüben und Freude daran findet Brüder durch den Tod zu trennen. Im Debütroman „Ein fauler Gott“ von Stefan Lohse ist das eine der unbefangenen Ansichten des Protagonisten Ben. Aber auch der verstorbene Jonas hatte seine ganz spezielle Denkweise. So lang gestreckt wie Raketen würden die Menschen in den Himmel kommen vertraut er seinem Bruder an. Die Rakete auf dem Cover lässt sich symbolisch mit Jonas verbinden, der eine solche auf dem Krankenbett als Bild visualisiert hat.

Trotz des großen Verlusts geht das Leben für Ben und seine geschiedene Mutter weiter. Ben besucht nach den Ferien die 5. Klasse des Gymnasiums und lernt neue Freude kennen. Neue Schulfächer fordern seine Aufmerksamkeit. Davon erzählt er auch zu Hause und bietet damit seiner Mutter ein wenig Abwechslung in ihrer Einsamkeit. Wie die meisten Frauen zur damaligen Zeit übt sie ihren Beruf als Fremdsprachenkorrespondenten nicht mehr aus. Es bleibt ihr genug Zeit sich in ihrem Schmerz immer tiefer zu versinken. Gegenüber Ben versucht sie Normalität zu leben, zum Weinen geht sie in ihr Schlafzimmer und lässt sich von der Wärme ihrer Heizdecke in ihrem Kummer umfangen.

Stefan Lohse schildert die Geschichte als auktorialer Erzähler in einem schlichten Stil. Er lässt sich auf Augenhöhe eines Heranwachsenden nieder und fängt damit die sorglose Kindheit umso deutlicher ein. Der Autor ist Anfang der 1970er in etwa im gleichen Alter gewesen wie Ben und auch ich habe diese Zeit entsprechend erlebt. Die Themen über die Ben sich mit seinen Freunden ausgetauscht hat, egal ob über Film, Fernsehen, Bücher oder Musik waren mir nur allzu bekannt und immer wieder tauchten dadurch meine eigenen Erinnerungen an diese Zeit auf. In den Dialogen, die er mit seinen Freunden führt, geht es um typische Sorgen und Probleme von Fünftklässlern und gerne bin ich mit Ben wieder in dieses Alter eingetaucht.

Wenn Ben nach Hause kommt findet er seine Mutter vor, die vor Trauer wie gelähmt ist und dadurch den Haushalt manchmal vernachlässigt. Ihre Gedanken kreisen um das Wie und Warum, doch Antworten findet sie nicht. Ihr geschiedener Mann ist längst wieder verheiratet und wohnt in Frankfurt, von ihm erfährt sie keinen Trost. Ihre Sorge um Ben ist seit dem Tod von Jonas gewachsen, denn sie möchte ihn nicht auch noch verlieren. Leider fehlte mir durch den Erzählstil die direkte Nähe zu ihrer Person. Das, was sie am Ende des Buchs als Lösung für sich und Ben geplant hat fand ich aus der Erfahrung heraus eher unglaubwürdig.

Ben schafft sich mit seiner Fantasie eigene Weltne in die er stundenweise versinken kann. Letztlich lässt er sogar seiner Mutter Einblick in sein Spiel nehmen und nach Wunsch daran teilnehmen. Obwohl „Ein fauler Gott“ eigentlich ein zutiefst trauriges Buch über den Tod eines Jungen ist, legt sich mit Bens unerschrockener Art der eigenen Sicht auf viele Dinge ein dicker Film Vergnügen über das Leid und rückt Freundschaft und Zusammenhalt in den Vordergrund. Lässt sich auch die Wunde des Verlusts nicht mehr heilen, so zeigt Ben dem Leser und seiner Mutter, dass eine optimistisch gedachte Zukunft für die Zurückgebliebenen möglich ist.

Das warmherzig erzählte Schicksal von Bens Familie konnte mich berühren und ließ mich dennoch aufgrund von Bens Einfällen und dem Schwelgen in eigenen Erinnerungen an die damalige Zeit nicht traurig werden; ein Buch, dass ich gerne weiterempfehle.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(96)

155 Bibliotheken, 3 Leser, 2 Gruppen, 91 Rezensionen

kamerun, usa, new york, amerika, american dream

Das geträumte Land

Imbolo Mbue , Maria Hummitzsch
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783462047967
Genre: Romane

Rezension:

Für das aus Kamerun stammende Ehepaar Jende und Neni Jonga ist die USA das Land ihrer Träume. In dem entsprechend betitelten Debütroman „Das geträumte Land“ von Imbolo Mbue suchen sie nach einem Weg, dort Asyl zu erhalten um dann in den Besitz von Arbeitspapieren zu kommen, damit sie legal im Land bleiben dürfen. Im Cover sind die Farben der Flagge Kameruns wiederzufinden. So wie die traditionelle farbenfrohe Kleidung der Kameruner fällt das Titelbild dem Betrachter sofort ins Auge. Doch symbolisch hat sich New York in Form von Wolkenkratzern und Freiheitsstatue aus Holz entsprechend des großen Wunschs der Jongas in den Vordergrund gespielt.

Es ist das Jahr 2008 und Jende ist bereits seit drei Jahren in New York. Vor achtzehn Monaten konnten auch Neni und sein Sohn Liomi einreisen. Gemeinsam wohnen sie in einer bescheidenen Wohnung in Harlem. Er arbeitet für einen Taxidienst und erhält eines Tages durch Beziehungen die Möglichkeit für Clark Edwards und seiner Familie als Chauffeur zu arbeiten und dessen Familienmitglieder. Clark Edwards ist Manager der Investmentbank Lehman Brothers. Diese Position als Fahrer ist gut bezahlt und Jende benötigt das Geld dringend, denn neben dem Lebensunterhalt für seine kleine Familie möchte er Neni ihren Traum erfüllen, Apothekerin zu werden. Neni arbeitet stundenweise als Pflegerin für ältere Personen. Durch Familie Edwards erhält sie die Chance in deren Ferienhaus auszuhelfen und so noch zusätzlich einiges zu verdienen. Die Erfüllung der Wünsche rückt in greifbare Nähe, doch dann muss Lehman Brothers im Zuge der Finanzkrise Insolvenz anmelden. Beide Familien, die Jongas und die Edwards, haben mit den Konsequenzen zu kämpfen. Wird es eine Zukunft für Jende und Neni in den USA geben?

Neni stammt aus einer wohlhabenden Familie aus Limbe/Kamerun. Jendes Familie ist nicht so gutsituiert und seine Chancen auf einen gesellschaftlichen Aufstiegs sind gering, weil unsichtbar gezogene Standesgrenzen das verhindern. Nenis Vater hat seine Erlaubnis für die Ehe verweigert. Das junge Paar ist seiner jeweiligen Familie und den geltenden kamerunischen ungeschriebenen Gesetzen so verbunden, dass es sich nicht spürbar dagegen auflehnt. Ein Cousin von Jende schafft den Sprung nach Amerika ins „Land der Unbegrenzten Möglichkeiten“. Jende leiht sich das Geld von ihm für seinen eigenen Start. Jende begleitet auf seinem Weg in die USA auch die Hoffnung seiner ganzen Familie auf Unterstützung. Die Sorgen seiner Verwandten, denen er sobald wie möglich Unterstützung für medizinische Hilfe, Renovierungen und anderes zukommen lässt stellt er regelmäßig vor die Erfüllung seiner eigenen Träume für die er mühsam sein Geld zusammenträgt. Je nachdem wie viel die Familie in Kamerun benötiget wächst und sinkt sein Vermögen und damit auch sein Budget, einen ordentlichen Anwalt zu bezahlen der sich für seinen weiteren Aufenthalt einsetzt.

Neni machte auf mich zunächst einen selbstbewussten Eindruck, sie hatte ein großes Ziel für sich vor Augen und schaffte es trotz Kind und Haushalt für ihr Studium zu lernen. Doch Jende trifft als Oberhaupt seiner kleinen Familie für Neni wichtige Entscheidungen die deren Zukunft beeinflussen und Neni ordnet sich dieser Ordnung unter, so wie sie es von Geburt an gewohnt ist. Obwohl also beide US-Amerikaner werden möchten bleiben sie doch in ihren Herzen Afrikaner. Für mich stellte sich daher von Beginn an die Frage, ob sie die Assimilation im fremden Land schaffen können.

Clark und Cindy Edwards leben den amerikanischen Traum. Cindy stammt aus einfachen Verhältnissen und führt jetzt an der Seite ihres Ehemanns ein sorgloses Leben. Dadurch hat sie für die Wünsche der Jongas ein gewisses Verständnis, dass aber dann aufzuhören schien als ihr eigenes Budget durch die Krise eingeschränkt wurde. Die Edwards haben gemeinsam bereits einige Sorgen geteilt. Allein durch ihr Vermögen gelingt es beiden nicht, ein wunschlos glücklich zu sein. Der ältere Sohn Vince soll in die Fußstapfen seines Vaters treten, doch er rebelliert und geht seinem eigenen Traum, im Ausland zu leben, nach. Für Cindy bricht mit Vince eine wichtige Bezugsperson in ihrer unmittelbaren Nähe weg. Ihr eigenes erhofftes und gelebtes Leben erhält deutliche Risse.

Für mich als Leser war es interessant am Alltagsleben der beiden Familien in New York teilhaben zu können. Imbole Mbue erzählt aus einer auktorialen Sichtweise. Die Probleme und Sorgen der einzelnen Personen beschreibt sie einfühlsam und wirklichkeitsnah. Mit und mit erfuhr ich durch Erinnerungen immer mehr über die Vergangenheit von Jende und Neni sowie Clark und Cindy. Das Leben in Kamerun mit den geltenden Konventionen war mir bisher unbekannt. Es war für mich schwierig, mit den Protagonisten zu sympathisieren, weil jede ihr Schwächen hatte. Vor allem Neni erschien mir letztlich arglos in Bezug auf die Umsetzung ihres Berufswunschs, der durch die frühe sorglose Liebe zu Jende zunächst unerreichbar wurde.

Imbolo Mbue vermittelte mir mit ihrem Roman ein realistisches Beispiel für die Auswanderung einer kamerunischen Familie und deren Versuch in den USA eingebürgert zu werden. Auch die Geschichte des Managers Clark Edwards und seiner Familie konnte ich gut nachvollziehen. Mir hat das Buch unterhaltsame Stunden bereitet und daher empfehle ich es gerne weiter.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(50)

146 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 41 Rezensionen

liebe, jugendbuch, krankheit, fischer, tabletten

Jeder Tag kann der schönste in deinem Leben werden

Emily Barr , Maria Poets
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei FISCHER FJB, 23.03.2017
ISBN 9783841440075
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Der Titel des Buchs „Jeder Tag kann der Schönste in deinem Leben werden“ von Emily Barr ist für die 17-jährige Protagonistin Flora Banks Programm, denn in ihrem 10. Lebensjahr hat eine anterograde Amnesie, die durch ein Ereignis eingetreten ist bei dem ihr Gehirn so geschädigt wurde, dass sie alltägliche Dinge spätestens beim Aufwachen wieder vergessen hat. Manches kann sie sich sogar nur für Stunden merken. Wer das wunderschön gestaltete Cover mit seinen Ranken und der glänzenden erhabenen Schrift anschaut, wundert sich über einen Elch in der Mitte links und ein Flugzeug auf der rechten Seite. Sie stehen symbolisch für das Abenteuer, das Flora in diesem YA-Roman erlebt und dabei über sich selbst hinauswächst.

Alles, was sich vor der Amnesie ereignet hat, vergisst Flora nicht. Für die Sachen, die sie im täglichen Leben wissen muss, beschreibt sie ihre Arme und Hände, Zettel und Notizbücher, manchmal macht sie ein Foto mit ihrem Handy. Sie hat es wirklich nicht einfach; so zu leben wünscht man sich nicht. Doch dann hat sie nach einer Party ein neues, nie dagewesenes Erlebnis. Sie wird von dem 19-jährigen Drake in einer romantischen Situation geküsst. Und es passiert für sie das Unmögliche: sie kann sich am nächsten Tag daran erinnern! Auch an das Gespräch mit ihm. Doch Drake hat sich gerade von ihrer besten Freundin getrennt und wird zukünftig auf Spitzbergen/Norwegen studieren. Als ihr in Paris lebender Bruder dringend die Hilfe ihrer Eltern benötigt und sie allein zu Hause bleibt, sieht sie endlich die Chance aus dem ihr von ihren Eltern gesetzten Rahmen auszubrechen und alleine zu entscheiden, was sie tun und lassen möchte. Der Kuss lässt sie nicht ruhen und sie beschließt, Drake zu suchen.

Die 17-jährige Flora verharrt wissensmäßig auf dem Stand einer 10-Jährigen. Jede neue Erkenntnis, jede neue Erfahrung ist bereits nach wenigen Stunden nicht mehr abrufbar. Sie legt sich ihre Notizen sichtbar hin, um daran erinnert zu werden, dass es diese gibt. Eigentlich müsste sie stundenlang darüber nachlesen, was sie in den letzten Jahren gelernt und erlebt hat. Das geht natürlich nicht und so beschränkt sie sich auf das Wesentliche. Der Roman ist in der Ich-Perspektive geschrieben. So konnte ich durch die etlichen Wiederholungen, die Flora jeden Tag durchliest, um sich ihr Wissen mühsam erneut zu erarbeiten ein wenig davon ahnen, wie schrecklich es für sie jedes Mal sein muss, ihr Umfeld neu kennen zu lernen. Und dennoch konnte ich es kaum nachzuvollziehen, denn an das, was mich bereits anfing zu langweilen, konnte Flora sich ja jedes Mal nicht erinnern.

Flora kleidet sich meistens wie ein Kind und äußert sich entsprechend, ihr Tun wirkt auf andere häufig befremdlich. Sie selbst ist sich dessen bewusst und nichts liegt ihr mehr am Herzen als so zu sein wie Gleichaltrige. Im Buch wird ihre Pubertät nicht thematisiert, doch ihre Reize bleiben nicht verborgen und es prickelt und kribbelt in ihr als sie mit Drake allein ist. Von Drake geht für sie keine Gefahr aus, denn sie hat festgestellt, dass er sie schon eine Weile kennen muss. Weil sie sich am nächsten Tag auch an das Gespräch mit ihm erinnert sieht sie die Möglichkeit, dass sie sich an noch mehr erinnern wird und ihr Leben sich demzufolge ändert. Diese Chance ist es ihr Wert, ihn zu suchen um die Beziehung fortzusetzen, weil sie ihn für ihren Glückritter hält.

Die Autorin stellt die Liebesromanze zwischen Flora und Drake bei ihrer Erzählung in den Vordergrund. Dahinter zurück tritt das Verhältnis von Flora zu ihren Eltern, die bewusst das Verhalten ihrer Tochter in den vergangenen Jahren nach eigenem Willen geleitet haben. Für mich war es schwierig, trotz der Probleme der Mutter, dafür Verständnis aufzubringen. Flora hätte sicher durch weiteren Zugang zu sozialen Medien mehr Möglichkeiten gehabt, sich mit Gleichaltrigen auszutauschen. Zum Glück hat sie ihre Freundin Paige, die sie seit dem Kindergarten kennt. Aber auch in diese Freundschaft mischt sich ein Erwachsener ein. Floras ganz großer Rückhalt ist ihr Bruder, erst zum Ende des Buchs begreift sie und damit auch ich als Leser welche große Rolle er seit der Erkrankung für sie gespielt hat.

„Sei mutig“ liest Flora jeden Tag eintätowiert auf ihrer Hand. Wie wichtig der Mut für sie ist, um eingefahrene Gleise zu durchbrechen und Grenzen zu überschreiten liest man in dieser Geschichte. Emily Barr erzählt sehr emotional und neben der Faszination für die Kraft, die Flora aufbringt um mit ihrer Einschränkung zu leben, war ich gespannt darauf, ob es ihr gelingen wird, Drake in Spitzbergen zu finden und ob er sie wirklich liebt. Das Ende konnte manche meiner offenen Frage beantworten und ließ mich erneut staunen, was alles in Flora steckt.

„Jeder Tag kann der Schönste n deinem Leben werden“ ist eine ungewöhnliche Liebesgeschichte mit einer beherzten Protagonistin, die mir sympathisch wurde. Der Autorin ist es gelungen, einige Charaktere so zu zeichnen, dass man bis zum Schluss nicht weiß, ob sie es gut mit Flora meinen oder nicht. Ich habe Flora gerne auf ihrer Reise begleitet, die für mich gefühlsmäßig ein Abenteuer war. Gerne gebe ich hierfür eine Leseempfehlung.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk

Andreas Stichmann
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 17.02.2017
ISBN 9783498058500
Genre: Romane

Rezension:

Im Roman „Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk“ lässt Andreas Stichmann in Hamburg-Osdorf frischen Wind und neue Ideen in die beschauliche und seit Jahren existierende Wohnsiedlung Sonnenhof durch zwei Charaktere einkehren. Früher als alternatives Wohnprojekt gegründet dient sie heute dem betreuten Wohnen unter der Leitung von Ramafelene Meisner, dem Sohn der Gründerin und passenderweise so wie sie von Beruf Sozialarbeiter. Einerseits erscheint dort die 17-jährige Bianca, genannt Bibi, vom Äußeren her schon durch ihre blauen Haare auffallend. Sie soll dort ihre Sozialstunden ableisten und sinnt dabei über einen Ausweg der ihr drohenden Unterbringung in einem Heim nach. Andererseits hat sich David van Geelen, Miterbe eines Unternehmens und Focusing-Trainer den Sonnenhof und seine Bewohner bewusst dazu ausgesucht mit ihm gemeinsam vom Projekt der Entführung eines Millionärs zu profitieren. Er möchte die Welt verändern, ist sich aber bewusst, dass er das nicht alleine schafft.

David setzt auf das Schwarmverhalten so wie bei Fischen. In Bezug darauf bezeichnet er sich selbst als Seapunk, also als jemand der wie alles vom Meer beeinflusst wird. Entsprechend ist das Cover in aquablau gestaltet mit dem Bildelement eines Wals. Die im Buch enthaltenen bunten Seapunk-Collagen zeigen Beispiele für die gleichnamige Stilrichtung. Das sieht gut aus, hat aber auf den Handlungsablauf keine Einwirkung.

Jeder Charakter dieses Romans scheint auf der Suche zu sein. Ramafelene sucht nach neuen Konzepten, um mehr Geld zur Erhaltung und Renovierung der Wohnanlage einzunehmen. Seine Mutter sucht nach einer Möglichkeit selbstbestimmt im Alter zu leben, der Bewohner Küwi sucht mittels Detektor nach realen Schätzen, Bibi sucht nach einer dauerhaften Bleibe und David van Geelen nach Mitstreitern für seine Idee.

So kurios und komisch wie das Aufeinandertreffen dieser Figuren auch sein mag, so nachdenklich stimmen die Sorgen der Personen, die hier versammelt sind. Der Autor bildet dadurch einige Themen unserer Gesellschaft ab. Bibi steht als Vertreterin der Jugendlichen, die eine dunkle Zukunftsperspektive für sich sehen und aus Langeweile unüberlegt und eher beiläufig straffällig werden. Ingrid, auch dunkle Inge genannt, hat viel erreicht in ihrem Leben und vertritt die ältere Generation die umsorgt altern möchten. Ihrem Sohn ist es noch nicht gelungen eine Lebensgefährtin zu finden. Seine große Zuneigung zu Bibi ist nicht zu übersehen, aber der Altersunterschied ist groß. Die behinderten Bewohner möchten entsprechend ihrer Fähigkeiten aktiv am Alltag beteiligt werden und nicht nur nutzlos beschäftigt sein. Die Idee von David übersteigt schließlich alles. Erscheint sie auf den ersten Blick als wahnwitzig aber genial, so ist sie auf den zweiten zu hinterfragen.

David wurde durch das Verhalten seiner Eltern ihm gegenüber geprägt. Das was er heute ist, hat er zum größten Teil seiner Umwelt zu verdanken. Seine Idee spricht für ihn, doch die Umsetzung richtet er gegen die Schatten seiner Vergangenheit. Über die Konsequenzen hat er sich wenig Gedanken gemacht. An dieser Stelle treibt denn auch der Ernst der Sache an die Oberfläche.

Andreas Stichmann schreibt schlicht und auf wesentliche Details beschränkt aus unterschiedlichen Erzählperspektiven. „Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk“ ist ein Abenteuer, das auf den Prüfstand zu stellen ist. Der Autor brachte mich dazu, darüber zu rätseln wie weit man gehen muss um, eine gewachsene Gemeinschaft aufzubrechen und die Zugehörigen zu instrumentalisieren. Wenn auch das Verbrechen am Beginn einer Weltveränderung bei mir ein Störgefühl hervorrief, so war das Lesen doch verbunden mit Einzigartigkeit der Charaktere und einer ungewöhnlichen Geschichte. Das Ende war vielversprechend, ließ aber Raum zum Weiterdenken. Kein Buch für jedermann, eher für Denker die Situationskomik mögen.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(67)

111 Bibliotheken, 6 Leser, 0 Gruppen, 48 Rezensionen

alter, liebe, tod, frankreich, liebe im alter

Und jetzt lass uns tanzen

Karine Lambert , Pauline Kurbasik
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Diana, 06.03.2017
ISBN 9783453291911
Genre: Liebesromane

Rezension:

Marguerite, 78 Jahre alt, und Marcel, 73 Jahre alt, begegnen sich bei einem Kuraufenthalt im Süden Frankreichs zum ersten Mal. Beide haben vor geraumer Zeit ihren Ehepartner verloren. Sie sind die Protagonisten des Buchs „Und jetzt lass uns tanzen“ der Belgierin Karine Lambert. Nicht nur die zunehmenden großen und kleinen Zipperlein sondern auch die Leere in ihren Wohnungen gestalten ihr Leben wie einen Tanz auf dem Drahtseil. Die Figuren auf dem Cover des Romans nehmen den Leser auf direktem Weg mit hinein in die Geschichte. Für Marguerite und Marcel wird die gemeinsame Zeit zu einem Balanceakt auf schmalem Grat zwischen dem Bekenntnis zueinander und der Sorge ihrer Kinder über das entstandene Verhältnis.

Marguerite war mit ihrem Mann Henri über 50 Jahre verheiratet. Henri war einige Jahre älter als sie und ein angesehener Notar. Er ist unerwartet verstorben. Nach einem großen Schicksalsschlag in der Familie hat sie als junge Frau bei Henri Sicherheit, Beständigkeit und in gewissem Maße auch Wohlstand im Leben gefunden. Seine Entscheidungen hat sie nie in Frage gestellt. Ganz nach seinen Vorstellungen war sie das Schmuckstück an seiner Seite. Eigene Wünsche hat sie den seinen routinemäßig untergeordnet. Das Glück wurde von einem gemeinsamen Sohn ergänzt, der in die Fußstapfen des Vaters getreten ist.

Ganz anders ist das bisherige Leben von Marcel verlaufen. Der frühere Tierpfleger ist gebürtig aus Algerien und als Jugendlicher mit seinen Eltern während des Unabhängigkeitskampfs nach Frankreich geflüchtet. Begleitet wurden sie von der Nachbarsfamilie, die es aber eines Tages wieder in die Heimat zog. Doch sieben Jahre später kehrt Nora, die Tochter der Nachbar zu ihm zurück. Hier zeigt sich die Geschichte einer Flucht und Möglichkeiten eines Neuanfangs, wie sie heute nicht aktueller sein könnten. Marcel und Nora sind ebenfalls fast 50 Jahre verheiratet als Nora tragisch verstirbt. Marcels Tochter sorgt sich um ihren Vater und schenkt ihm eine Reise, auf der er Marguerite kennen lernen wird.

Marguerite und Marcel sind zwei sehr unterschiedliche Charaktere. Wären sie noch jung, würde wahrscheinlich auch der Altersunterschied deutlich sichtbarer sein. Außerdem kommen sie aus verschiedenen Gesellschaftsschichten. Marguerite wohnt im großzügigen Einfamilienhaus, Marcel lebt in einer Wohnung im 2. Stock eines Mietshauses. Aber sie haben auch eine große Gemeinsamkeit: Beide bringen Erfahrungen aus langen Ehejahren mit. An schöne Dinge erinnern sie sich gerne und wünschen sich, diese mit jemandem wieder erleben zu können. Andere Situationen möchten sie lieber vergessen und nie mehr daran denken. Nach ihrer ersten Begegnung brauchen beide eine gewisse Zeit um zu begreifen, welche Erfahrung sie da gerade gemacht haben. Marguerite ist gemeinsame Lachen aufgefallen, dass sie befreiend fand und Marcel war von ihrer Offenheit sehr angetan. Jeder verarbeitet das kurze Aufeinandertreffen auf seine Art und Weise mit allem Für und Wider einer weiteren Kontaktaufnahme. Doch eine Variable haben sie bei ihren weiteren Aktivitäten nicht berücksichtigt und das ist ihr Nachwuchs. Vor allem der Sohn von Marguerite, dem das Verhalten seines Vaters zu seiner Mutter ein Vorbild zu sein scheint, ist gegen eine neue Beziehung seiner Mutter zu einem Mann.

Karine Lambert schreibt in einem leicht lesbaren, einnehmenden, warmherzigen Schreibstil. Man kann gar nicht anders als die beiden Protagonisten zu mögen. Marguerite und Marcel zeigten mir als Leser, dass man auch mit fortgeschrittenem Alter noch viel Neues entdecken und erleben kann und das diese Erfahrungen gemeinsam noch mehr Freude machen können. Die Autorin schneidet in ihrer Geschichte auch das Thema der körperlichen Anziehungskraft zueinander an. Sie verschweigt nicht den Schmerz der Trauer um den Verlust des geliebten Menschen, der niemals ganz vergehen wird. Gleichzeitig zeigt sie einen Weg auf, damit umzugehen und auch die Trauer des neuen Partners zu respektieren, sowie sich gegenseitig zu stützen. Auch das Problem, seine Liebe erneut zu verlieren, wird von ihr thematisiert. In ihrer realistischen Darstellung der Beziehung gibt es nicht nur Verständnis füreinander, sondern auch Auseinandersetzungen.

Das Buch ist eine Liebesgeschichte der ganz besonderen Art, die zeigt, dass Liebe in jedem Alter möglich ist. Sie ist einfühlsam geschrieben und entbehrt nicht einer gewissen Heiterkeit, die mich immer wieder zum Schmunzeln brachte, wenn Marguerite und Marcel ihre Wünsche wahr werden ließen. Gerne empfehle ich diesen Roman weiter.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(12)

31 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

familie, neuengland, brand, trauer, neuanfang

Fast eine Familie

Bill Clegg , Adelheid Zöfel
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 23.02.2017
ISBN 9783100023995
Genre: Romane

Rezension:

Ihr Hochzeitstag sollte einer der schönsten Tage des Lebens für Lolly und Will werden. Doch dann gegen sechs Uhr in der Früh explodiert das Haus in dem kleinen Ort Wells an der Ostküste der USA in dem sie schlafen und reißt sie in den Tod. Mit diesem fulminanten Anfang beginnt der Roman „Fast eine Familie“, dem Debüt des US-Amerikaners Bill Clegg. Fassungslos zurück bleibt June, die Mutter der Braut, die nicht im Haus war. Außer dem jungen Paar verliert sie ihren Ex-Mann und ihren Lebensgefährten bei dem Unglück. June lässt das Geschehen immer wieder Revue passieren. Die innere Leere lähmt sie, diese Tiefe des Abgrunds der Einsamkeit der sich vor ihr auftut konnte ich nachempfinden. Deutete das Cover noch eher auf eine beschauliche Geschichte hin, bereitete der Klappentext mich bereits auf das entsetzliche Ereignis vor und die sichtbaren dunklen Wolken am Himmel auf dem Titelbild deuten das Unheil an.

Mit dem Brand des Wohnhauses endet für zwei junge Leute eine gemeinsame Zukunft als Familie, die noch gar nicht begonnen hat. Anstelle des Brautpaars stehen im Mittelpunkt der Erzählung diejenigen, die durch das Unglück wohl am meisten Leid erfahren, die Mütter. Einerseits ist es June, andererseits Lydia, die Mutter von Junes Lebensgefährten Luke. Der Autor erzählt aus unterschiedlichen Erzählperspektiven mal als auktorialer Erzähler wie bei June und Lydia, mal lässt er die Figur selbst zu Wort kommen. Es sind die Personen, die June und Lydia und deren Kinder sowie Will gekannt haben, die jeweils mit ihrer Geschichte einen weiteren Puzzlestein dazu liefern, das Geschehen vor und nach der Tragödie zu einem Großen und Ganzen zu ergänzen.

Von Beginn an fragte ich mich, was der Auslöser für die Explosion war. Im Laufe des Lesens trat die Frage immer mehr in den Hintergrund, die Erzählung wendete sich mehr der Beziehung zwischen June und Luke zu. Luke schien Zeit seines Lebens durch seine Herkunft, sein Äußeres und seinen gutwilligen Gemüt dazu prädestiniert, der Schuldige zu sein. Auch nach dem Brand wird er ohne weitere Gründe von den Bewohnern der Ortschaft zum Täter erklärt.

Auf eindrucksvoll empfindsame Weise zeichnet der Autor ganz nebenbei das Miteinander in einer Kleinstadt an der Ostküste, das verbunden ist mit seinen Bewohnern von denen sich in der Regel die meisten einander kennen. Doch gerade in Wells hat sich in den letzten Jahrzenten die Bevölkerungsstruktur geändert und ein großer Teil der Häuser wird von Touristen und Besitzern nur noch am Wochenende bewohnt. Dadurch ist die Zahl der Bediensteten gestiegen, die besserverdienenden Hauseigentümer bevorzugen das Leben in der Großstadt. Ein Überschreiten der Grenze zwischen Eigentümer und Angestelltem wie bei Luke und June wird kritisch gesehen.

June wendet dem Dorf verständnislos den Rücken und fährt mit ihrem Auto bis an die Westküste zu einem Motel. Dort findet sie zunächst den benötigten Abstand, aber auch eine ungewöhnliche Form der Hilfe, die mir während des Lesens die Hoffnung darauf gab, dass June aus ihrer Starre herausfinden und es für sie einen Neuanfang geben wird. Gegenüber dem Dorfgefüge steht das Motel direkt am Meer der Westküste als Kleinkosmos mit seiner beschränkten, aber ständig wechselnden Zahl an Gästen. Hier scheinen Wünsche in Erfüllung zu gehen, alles ist möglich, dazu gehört aber auch Enttäuschung. Allein durch ihren anhaltenden Aufenthalt gewinnt June Aufmerksamkeit in dieser Umgebung.

Bill Clegg erzählt in keiner zeitlichen Reihenfolge. Seine Figuren schildern jeweils ihren Teil der Geschichte, der meistens nicht direkt mit dem Unglück zusammenhängt. Jeder hat schon Bedeutsames erlebt und so wird aus fast jedem Kapitel eine Short Story. Dabei bin ich vielen interessanten Charakteren begegnet, erfuhr wie sie die Liebe ihres Lebens kennengelernt und ihren Platz im Leben gefunden haben.

Der Autor gibt die Hoffnung mit, dass es sie gibt, die aufmerksamen Menschen auf die man zu ungeahnter Zeit an unvermutetem Ort trifft und die uneigennützig beherzt dort helfen wo sie Handlungsbedarf sehen. „Fast eine Familie“ ist ein Buch mit großen Emotionen, sehr einfühlsam geschrieben und ergreifend. Ein gelungener Debütroman dem ich gerne eine Leseempfehlung gebe.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(43)

81 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 20 Rezensionen

cambridge, boxen, club, krimi, studium

Der Club

Takis Würger
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 22.02.2017
ISBN 9783036957531
Genre: Romane

Rezension:

„Der Club“ ist der Debütroman von Takis Würger. Mit dem Titel ist ein elitärer Club für männliche Studenten der Universität in Cambridge gemeint. Die Ausstattung des Romans im Leinengewand in clubähnlichen Farben vermittelt dem Leser ein entsprechend auserlesenes Gefühl. Bei seiner Geburt in Niedersachsen ahnt noch niemand, dass Hans, der Protagonist des Buches, einmal zu diesem angesehenen Club gehören wird.

Hans ist ein ruhiges Kind, das möglichst jeden Trubel meidet und hervorragend beobachten kann. Nach einem Zwischenfall in der Schule meldet sein Vater ihn zum Boxtraining an. Er fährt ihn zu jeder Veranstaltung und verstirbt auf der Fahrt zu einem Turnier als Hans 15 Jahre alt ist. Wenige Monate später verliert er auch seine Mutter. Nachdem er bis zum Abitur in einem Internat gelebt hat, besorgt ihm seine in England wohnende und in Cambridge dozierende Tante ein Stipendium und einen Studienplatz an eben dieser Universität, allerdings mit der Bedingung, dass Hans ihr helfen soll ein Verbrechen aufzuklären. Nach einiger Überlegung ist er dazu bereit, obwohl er die Art der begangenen Straftat nicht kennt. Mit Hilfe von Charlotte, einer Doktorandin seiner Tante, wird er Mitglied im Pitt Club, dem nur Auserwählte beitreten dürfen. Was Hans dort sieht und erlebt entspricht nicht seinen Wertvorstellungen und immer wieder stellt er sich die Frage, ob der Weg richtig ist den er eingeschlagen hat.

Die Mutter von Hans ist bereits vor der Schwangerschaft mit ihm an Krebs erkrankt. Vielleicht ist es diese Tatsache die ihm jede Menge Respekt vor dem Leben und dem Leiden eines Menschen mit auf seinen Weg gibt. Er hat eine stoische Art sein Schicksal zu akzeptieren, doch weil seine englische Tante ihm nicht anbietet, ihn aufzunehmen, bleibt ihm kaum eine andere Wahlmöglichkeit außer dem Internat. Zum Glück findet er hier Gelegenheit zum Boxen, denn dieser Sport verhilft ihm nicht nur zu Kraft sondern sorgt auch dafür, dass er seine Gedanken konzentrieren und seine Gefühle kanalisieren kann. Takis Würger schreibt hierbei aus eigener Erfahrung und seine Begeisterung für den Sport ist im Geschriebenen erkennbar.

Doch in Hans spiegelt sich der Autor selbst nicht wieder. Ganz bewusst ist sein Protagonist im Vergleich eher klein, der Autor aber genau das Gegenteil. Nach den Ereignissen, die Takis Würger selbst als Mitglied im Pitt Club erlebte, kann ich verstehen, dass Hans nicht sein Alter-Ego sein soll. Unscheinbar soll Hans sein und dadurch ein bedeutungsloses Mitglied, wenn er denn unbedingt seiner Tante den Gefallen zu erfüllen hat. Erschreckend sind die eigenen Erfahrungen des Autors im Club, die er in die Handlungen seiner fiktiven Figuren einfließen lässt, doch sie stachelten meine Neugier an, darüber zu lesen und herauszufinden um welches Verbrechen es sich handelt, dass der Protagonist aufklären soll.

Für Hans ist die Zeit in Cambridge wichtig, um zu erkennen, wie weit er gehen kann, um ein Ziel zu erreichen. Takis Würger spielt mit unterschiedlichen Erzählperspektiven in seinem Roman, eine davon ist natürlich Hans, der seine Erlebnisse in der Ich-Form schildert. Auf diese Weise ist es auch möglich an seiner Gewissensbildung durch innere Auseinandersetzungen teilzuhaben.

„Der Club“ ist tiefgründig, geistreich und spannend geschrieben ohne zu moralisieren, obwohl er durchaus ein Plädoyer für ein faires Miteinander der Geschlechter und Gesellschaftsschichten ist. Mir hat das Buch sehr gut gefallen und gerne gebe ich hierfür eine Leseempfehlung.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(17)

88 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

liebe, london, liebesroman, songs, australien

Der Mann, der zu träumen wagte

Graeme Simsion , Annette Hahn
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei FISCHER Krüger, 23.02.2017
ISBN 9783810530318
Genre: Romane

Rezension:

„Der Mann, der zu träumen wagte“ im gleichnamigen Buch von Graeme Simsion heißt Adam Sharp, ist Jahrgang 1963 und wohnt als IT-Berater in London. Vor 22 Jahren war er in Melbourne/Australien eine Zeit mit der Schauspielerin Angelina Brown liiert, während er für seinen Arbeitgeber einen Auftrag dort vor Ort zu erledigen hatte. Doch Bedenken auf beiden Seiten für eine feste Bindung führten zum Ende der Beziehung. Vergessen hat er sie nie.

Eines Tages sitzt er zu Recherchezwecken vor seinem Computer als er eine E-Mail erhält. Es ist nur ein schlichter einsilbiger Gruß, aber er ist von Angelina. Inzwischen lebt Adam seit vielen Jahren mit seiner Freundin Claire zusammen. Beide sind durch ihre Berufe stark eingebunden und haben unter anderem dadurch ihre Differenzen. Die E-Mail gibt Adam jetzt die Möglichkeit den Kontakt wieder aufleben zu lassen. Er zögert mit einer Antwort, macht sich Gedanken darüber, warum sie ihm geschrieben hat. Schließlich antwortet er ihr. Erinnerungen werden wach bei ihm und eine gewisse Melancholie über die damalige Trennung. Dann schreibt Angelina ihm von ihrem bevorstehenden Urlaub, den sie gemeinsam mit ihrem Ehemann im eigenen Ferienhaus in Frankreich verbringen wird und lädt ihn dazu ein! Wie wird Angelina nach so langer Zeit auf ihn reagieren? Wäre es möglich ihre Liebe von damals nicht nur auf- sondern auch weiterleben zu lassen? Träumen darf man, aber wie viel ist Adam bereit, für seinen Traum aufzugeben?

Adam stammt aus einer zerrütteten Ehe, daher hat er Bindungsängste. Er selbst spielt leidenschaftlich gern Klavier, obwohl sein strenger Vater ihn früher zum Üben anhalten musste. Ich vermute, dass der Graeme Simsion ein großer Musikfan ist, denn der ganze Roman ist mit Musik durchzogen. Für jede Situation kennt der Protagonist einen Song. Bedeutsam dafür ist auch, dass er Angelina in einer Bar kennengelernt hat, während er dort Klavier spielte. Adam erscheint manchmal unsicher, aber in der Musik kann er seine Gefühle ausdrücken. Die Idee der Einbindung von Musik in eine Geschichte finde ich grundsätzlich interessant. Am Ende des Buchs hat der Autor eine Playlist zusammengestellt. Einige der Lieder kenne ich, leider aber nicht alle. Und so konnte ich manchmal die damit verbundenen Empfindungen leider nicht nachvollziehen.

An den beiden vorigen Romanen von Graeme Simsion habe ich vor allem die amüsanten Situationen geschätzt, die durch die Auslegung bestimmten Verhaltens durch den Protagonisten entstanden. Diese vergnüglichen Szenen habe ich hier vermisst. Adam Sharp ist ein durch sein Elternhaus geprägter Charakter, der betrübt darüber ist den Möglichkeiten die das Leben ihm bisher geboten hat, nicht nachgekommen zu sein. Dabei zweifelt er, ob sie die bessere Wahl gewesen wären. Bei der ihm nun dargebotenen Chance lebt er seine Gefühle auf eine solche Weise aus, die moralisch anzuzweifeln ist. Mir ist die Figur dadurch auch nicht nahe gekommen genauso wenig wie Angelina. Dennoch muss ich dem Roman eine geschickte Konstruktion zuschreiben, verbunden mit einem leicht und gut lesbaren Schreibstil. Durch die Erzählung in der Ich-Form des Protagonisten verbleibt der Leser an der Seite von Adam, erfährt dessen Gedanken und kann sich so selbst ein Urteil über sein Verhalten bilden.

„Der Mann, der zu träumen wagte“ ist ein romantisch geschriebener Roman über zwei Menschen, die sich nach Jahren wiedersehen und sich über das Ausleben ihrer Gefühle und den Konsequenzen daraus klar werden müssen. 3,5 Sterne

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(5)

8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

brasilien, belletristik, hoffmann und campe, roman, ipanema

Luana

Luiza Sauma , Mayela Gerhardt
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 17.02.2017
ISBN 9783455000016
Genre: Romane

Rezension:

Ein Brief aus Brasilien löst bei André Caraval, Mitte 40 und Allgemeinmediziner in London, Erinnerungen an seine Jugend in Rio de Janeiro aus. Doch bereits seit Monaten träumt er von der Absenderin Luana, dem früheren Dienstmädchen der Familie. In seinen Träumen ist sie für ihn unerreichbar.

Im gleichnamigen Roman konfrontiert Luiza Sauma gleich zu Beginn den Leser damit, dass André etwas in seinem Inneren ganz tief verborgen hat. Der Brief bringt Gefühle in ihm an einen langen heißen brasilianischen Sommer an die Oberfläche. Es war 1985 kurz nach dem Tod seiner Mutter und das Jahr in dem er seinen schulischen Abschluss gemacht hat. Luana war in diesem Sommer 16 Jahre alt. Schon das Titelbild in schwarz-weiß führt den Leser in der Zeit zurück. Das Cover zeigt eine junge Frau, die am Fenster Abkühlung im leichten Windzug sucht und offenbart dabei auf den zweiten Blick erkennbare Intimität, die eine zweite anwesende Person in der Szene erwarten lässt.

Andrés Familie ist wohlsituiert und beschäftigt ihrem Stand entsprechend ein Dienstmädchen. Luanas Mutter ist in dieser Rolle der Familie von André seit vielen Jahren verbunden. Seit einiger Zeit wird sie durch ihre Tochter unterstützt. Der Vater von André ist als Chirurg bis spät abends beschäftigt. André und sein zehn Jahre jüngerer Bruder sind also, nachdem die Mutter verstorben ist, häufig mit den beiden Bediensteten zu Hause allein. Luanas Haut lässt vermuten, dass ihr Vater ein Weißer ist, doch näheres erfährt sie nicht von ihrer Mutter.

Sie ist anmutig und hübsch, ihrem Charme kann André sich nicht gänzlich entziehen. Aus der Sicht eines heute verheirateten, aber seit kurzem getrennt lebenden Manns mit zwei Kindern blickt er auf die Ereignisse Mitte der 1980er Jahre zurück. Mag der räumliche Abstand von seiner Heimat es ihm ermöglicht haben, das damalige Geschehen auszublenden, vergessen hat er es nicht. Jetzt beginnt er seine eigene Handlungsweise zu hinterfragen und aufzuarbeiten.

Obwohl ein Dienstmädchen möglichst präsent im Haushalt ihres Dienstherrn zu sein hatte, war ihr Platz grundsätzlich in der Küche oder dem eigenen kleinen Zimmer im Haus, wo sie Essen oder einer Beschäftigung außerhalb des Haushalts nachgehen konnte. Ihre Lebenswege scheinen auf diese Weise vorgezeichnet zu sein. Doch wenn er mit Luana allein ist, weichen die Grenzen zwischen ihnen zurück. In seinen Schilderungen kommt zum Ausdruck, dass er seine Mutter sehr stark vermisst. In der Wohnung bleibt alles an seinem Platz, vieles muss ihn an sie erinnern. Vielleicht ist es die Suche nach Geborgenheit, die er bei dem jungen Dienstmädchen zu finden hofft. Vielleicht ist es aufgrund der fehlenden Vaterfigur die Suche nach männlicher Stärke von der Luana André entgegen getrieben wird.

Luiza Sauma nähert sich dem alles ändernden, entscheidenden Zeitpunkt im Leben von André eher vorsichtig, aber äußerst offen, aus der Perspektive des inzwischen erwachsenen André in der Ich-Form erzählt. Sein Verhalten wird neben dem Unfalltod der Mutter auch beeinflusst von den Anforderungen des Vaters an ihn, den Erwartungen seiner Freunde und dem in der Gruppe üblichen Alkohol und Drogenkonsum gegen die endlose Langeweile der Kinder reicher Eltern. Der Sommer 1985 ist für beide Protagonisten eine wichtige Zeit in der ihnen die Gestaltung ihrer Zukunft offen stehen sollte. Aber für beide existieren aus unterschiedlichen Gründen Einschränkungen und Alternativen fehlen.

Die Autorin schreibt in einem leicht lesbaren Schreibstil in den sie einige portugiesische Wörter eingeflochten hat, die die Gestaltung des Umfelds abrunden. Die Kenntnis der Gegebenheiten in ihrem Geburtsort Rio de Janeiro lässt die Geschichte glaubhaft und real erscheinen. Während ich glaubte, die Hitze des Sommers zu spüren und die Luft flirren zu hören, habe ich ganz nebenbei auch einiges von der Lebensweise der Brasilianer in Ipanema erfahren können. Durch die Briefe Luanas konnte ich mir bereits einige Vorstellungen davon machen, was damals passiert ist. Doch meine Vermutungen reichten nicht daran heran, was wirklich geschah. Über allem liegt ein geheimnisvoller Schleier, der ein gewisses Spannungselement in den Roman einbringt und erst sehr spät gelüftet wird.

„Luana“ ist ein einfühlsam geschriebener Roman mit einigen überraschenden Wendungen über die gesellschaftliche Stellung durch Geburt, die Auswirkung des Vertuschens von Verfehlungen und der Unmöglichkeit der Korrektur verpasster Möglichkeiten. Im Vordergrund steht jedoch immer die Liebe zum Leben. Mir hat das Buch sehr gut gefallen und daher empfehle ich es gerne weiter.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(78)

213 Bibliotheken, 14 Leser, 0 Gruppen, 26 Rezensionen

thriller, dänemark, kopenhagen, sonderdezernat q, krimi

Selfies

Jussi Adler-Olsen , Hannes Thiess
Fester Einband: 576 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 10.03.2017
ISBN 9783423281072
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Im mittlerweile siebten Fall für das in Kopenhagen beheimatete Sonderdezernat Q unter der Leitung von Carl Morck geht es auch um „Selfies“ wie der gleichnamige Titel schon sagt, aber nur am Rande. Einen wesentlich größeren Platz im Buch nehmen diesmal die Väter ein. Ihr Verhalten kann ihre Kinder in bedeutender Weise mit nachhaltigen Folgen beeinflussen. Wenn die Söhne oder Töchter keinen Ausweg mehr sehen, sich dem Einfluss zu entziehen, wenn also alle Stricke reißen wie es auf dem Cover angedeutet wird, dann sind ungeahnte Handlungen überaus wahrscheinlich. Doch dazu möchte ich nicht zu viel verraten.

Bevor die Ermittlungen des Sonderdezernats Q im Mai 2016 zum aktuellen Fall beginnen, nimmt Jussi Adler Olsen im Prolog den Leser mit ins Jahr 1995 und ich lernte Dorrit, ihre Mutter, ihre Oma und den nationalsozialistisch eingestellten Großvater kennen, die später eine große Rolle spielen werden. In 2016 begegnete ich Dorrit wieder, war aber verwundert, dass sie sich inzwischen in Denise umbenannt hat. Sie lebt von der Sozialhilfe und lernt auf dem Sozialamt Michelle und Jazmine kennen, die etwa so alt sind wie sie selbst und sich ebenso gerne wie Denise aufbrezeln und von Männern aushalten lassen. Ihr Ziel ist es, talentlos berühmt zu werden. Doch die Sachbearbeiterin des Amts meint es nicht gut mit ihnen. Die Antipathie ist auf beiden Seiten gleich groß.

Im Moment versuchen Carl Morck und sein Team einen länger zurückliegenden Fall zu lösen, bei dem eine junge Lehrerin hinterrücks erschlagen wurde. Der Fall hat große Ähnlichkeit mit einem aktuellen bei dem eine ältere Frau, die Großmutter von Denise, auf die gleiche Weise ums Leben gekommen ist. Rose geht es zu dieser Zeit nicht gut. Ein Rüffel von Carl bringt einen Widerstand gegen Autorität in ihr zum Klingen, der sie aus der Bahn wirft. Erst wünscht sie sich wieder wie eine ihrer Schwestern zu sein, doch die Depression wächst sich weiter aus und nimmt verstörende Züge an, die das Team des Sonderdezernats veranlassen, sich auf die Suche nach Roses Vergangenheit zu begeben. Dann wird Michelle, inzwischen eine Freundin von Denise, von einem Auto überfahren und es sieht so aus, als ob es sich um eine vorsätzliche Tat handelt.

„Selfies“ hat mir sehr gut gefallen, besser als die letzten beiden Serienteile. Warum ist das so? Einerseits liegt es sicher an meiner Neugier mehr über die Vergangenheit der dubiosen Charaktere aus dem Team von Carl Morck zu erfahren, die der Autor über die letzten Fälle hinweg aufgebaut hat und die nun in wenigstens einem Fall befriedigt wurde. Andererseits sind die Täter und Opfer diesmal Personen, die jeder aus dem Alltag kennt, vielleicht etwas überzeichnet, aber durchaus realistisch.

Außerdem verbindet der Thriller wieder einen Fall aus der Vergangenheit mit der Gegenwart, es sind Ähnlichkeiten und Unterschiede heraus zu arbeiten. Auf der Dienststelle gibt es für das Q-Team eine neue Variante durch die ihre Ermittlungsarbeit gestört wird. Vor allem aber verwebt Jussi Adler Olsen wieder mehrere Fälle in einer sehr interessanten komplexen Weise, die einfach Spaß zu lesen macht. Mit Denise und ihren Freundinnen sowie der Sachbearbeiterin vom Sozialamt schafft der Autor Charaktere, die man eigentlich nicht mögen will, die einem aber auch irgendwie leid tun. Ich konnte mich diesem Spiel mit Gut und Böse nicht entziehen.

Die Spannung kommt bei diesem Thriller eher leise daher, nimmt dann an Fahrt zu und hält bis zum Ende seinen Spannungsbogen. Die Geschichte spielt zwei Jahre nach dem sechsten Ermittlungsfall. Das Buch ist auch diesmal wieder in sich abgeschlossen, eine Kenntnis der vorherigen Fälle ist nicht nötig. Allerdings wird aus dem bisherigen Privatleben der Ermittler wenig wiederholt und die Relevanz der Kenntnis von Roses Vergangenheit kann nicht so gut eingeschätzt werden.

In den Dialogen mit Carls Assistenten Assad kommt es wieder zu dem besonderen Wortwitz aufgrund der Auslegung bestimmter Wörter. Doch die Reaktion von Assad auf die Korrekturen durch Carl deuten wie auch einige andere kurze Einwürfe an, dass es in seinem Leben noch einiges Unbekanntes gibt, der Stoff im nächsten Serienteil sein wird, wird schon zu erfahren war. Darauf freue ich mich schon.

Der siebte Fall für das Sonderdezernat Q hat mich spannungsmäßig gefesselt und vom Aufbau her überzeugt. „Selfies“ isst definitiv eine Empfehlung wert und für Carl Morck Fans ein absolutes „Must-Read“.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(5)

7 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

berlin, galiani berlin, truggestalten, rudolph herzog, vergangenheit

Truggestalten

Rudolph Herzog
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783869711485
Genre: Romane

Rezension:

Im Buch „Truggestalten“ von Rudolph Herzog sind sieben sagenhafte Erzählungen versammelt. Wie der Titel bereits andeutet, beinhalten die unterschiedlichen Geschichten Figuren, die unrealistisch sind, teils weil sie ausschließlich unserer Fantasie entspringen, teils weil sie durch Sagen in unsere Köpfe gekommen sind. Keine von ihnen hält einer realen Betrachtung stand. Das Titelbild des Buchs zeigt das East Side Hotel in Berlin, so wie wir es heute besuchen können. Die Kinder auf der Kaimauer passen mit ihrer Kleidung nicht ins Bild, stehen aber für vergangene Zeiten in der Stadt. In jeder Story wird eine Episode aus der Vergangenheit angeschnitten, die mich als Leser dazu veranlasste, mir diese ins Gedächtnis zu rufen und nach weiteren Informationen darüber im Netz zu suchen.

Die Erzählungen basieren manchmal auf genau jenen Erinnerungen, die auf unerklärbare Weise sich ihren Weg in das Bewusstsein der Berliner Bewohner, gleich welchen Alters drängen. Da sind beispielsweise polnische Zwangsarbeiter im zweiten Weltkrieg oder auch eine als verrückt erklärte Näherin aus dem 19. Jahrhundert. Erinnerungen an den Hungerwinter nach dem Krieg, aber auch an dem Mauerfall werden wach. Und wer bisher noch nicht wusste, woran es liegt, dass der neue Berliner Flughafen noch nicht fertig ist, wird hier eine Erklärung finden. Doch nicht nur die Vergangenheit dient der Erklärung der trügerischen Gestalten. Hierhinter verbergen sich auch Wiedergänger, Aufsitzer und Dschinn. Immer wieder finden sich Begebenheiten, die zwar weder zur Begründung noch zum Ablauf der jeweiligen Geschichte beitragen, aber interessant und abwechslungsreich sind.

Die Schilderungen spielen in unterschiedlichen Teilen der Hauptstadt Berlins, als Leser begegnete ich dort verschiedenen Kulturen. Nicht nur den Zeitgeist, sondern auch die aktuelle gesellschaftliche Lage versteht der Autor einzufangen. Rudolph Herzog schreibt in der allwissenden Erzählperspektive ebenso wie in der Ich-Form aus Sicht einer Frau und eines Manns. Die Gestaltung der Storys in der Verbindung zu historischen Geschehnissen verbunden mit Mystik hat mich sehr angesprochen. Gefehlt hat mir ein wenig die Verbindung zwischen den Geschichten, denn neben dem Handlungsort Berlin findet man nur gelegentlich eine Figur, die einem vage aus einer anderen Erzählung bekannt vorkommt und die vergleichbar mit einem Wimpernschlag auch schon wieder entschwunden ist.

Das Buch hat bei mir wohlige Schauer des Gruselns ausgelöst. Es zeigt die Vielfalt einer Großstadt, die Bedeutung des Einzelnen und Flüchtigkeit des Moments. Gerne kann es mehr solcher Geschichten geben.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Simsaladschinn – Das Mädchen aus der gelben Tasche – Band 1

Corinna Wieja , Mila Marquis
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Magellan, 18.01.2017
ISBN 9783734840500
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Alle guten Zutaten für das Buch „Simsaladschinn“ von Corinna Wieja umkreisen auf dem wunderbar gestalteten Cover die zeichnerisch dargestellte Protagonistin. Sie ist „Das Mädchen aus der gelben Tasche“ dem der gleichlautende Untertitel gewidmet ist. Das Titelbild mit der Hintergrundfarbe lila und ganz vielen bunten Blümchen sowie Gegenständen, die in der Erzählung eine Rolle spielen, haptisch spürbar sind und durch Relieflack glänzen, wird vor allem Mädchen ansprechen. Aber die Geschichte enthält ganz viel Magie und handelt von Freundschaft bei der ein Junge im Mittelpunkt steht.

Für Diamandarazade, kurz Amanda genannt, steht der Abschluss ihrer Ausbildung als Dschinn bevor und damit der vielwöchige Dienst bei den Menschen. Amanda wählt zu Hause eine abgestoßene gelbe Handtasche aus dem Schrank mit den Aufbewahrungsgefäßen in der sie zur Erde reisen und in dem sie dort wohnen wird. Statt zu einem Flaschengeist wird sie so zu einem Taschengeist! Die Tasche landet in der Nähe von Jonas, der kurz vorher eine Auseinandersetzung mit zwei Klassenkameraden hatte. Nur mit Hilfe seiner Stiefschwester konnte er aus der schwierigen Situation entkommen. Er nimmt die Tasche mit nach Hause und säubert sie. Nach alten Dschinnregeln wird Jonas durch das Reiben an dem Gefäß zum Meister von Amanda, die kurz vorher von der Entführung ihres Lehrers Muffid erfahren hat. Amanda tüftelt einen Plan aus, wie sie mit Hilfe von Jonas Muffid zu Hilfe eilen kann. Leider hat sie nicht mit der Möglichkeit gerechnet, dass irgendetwas bei der Anwendung ihrer magischen Fähigkeiten schief gehen könnte. Hinzu kommt auch noch, dass Jonas ein eher zurückhaltender, furchtsamer Junge ist. Wird es ihr dennoch gelingen, ihren Lehrer zu befreien?

Das Buch ist geeignet für Kinder ab einem Alter von etwa neun Jahren. So fröhlich wie die Titelgestaltung ist auch der Grundton der Story, der sich vor allem aus dem Wortwitz ergibt. Amanda spricht als Dschinni natürlich alle Sprachen der Welt, aber Redewendungen, die sie nicht kennt, legt sie wörtlich aus. Natürlich ist das gerade beim Zaubern irreführend und für den Leser erheiternd. Hinzukommen außerdem Spannungselemente und auch eine gewisse Tiefgründigkeit vor dem Hintergrund des Mobbings.

Jonas hat schon früh seine Mutter verloren. Zu Beginn des Schuljahrs ist er gemeinsam mit seinem Vater zu seiner Stiefmutter gezogen, was einen Schulwechsel zur Folge hatte. Er ist ein guter Schüler, findet sich selbst aber nicht besonders mutig. Amanda dagegen ist ein wahrer Wirbelwind. Ihr Vater ist der Herrscher über das Wolkendschinnvolk. Sie ist selbstbewusst und erfinderisch. Das Buch ist aus einer allwissenden Erzählperspektive geschrieben, doch der Fokus liegt in den einzelnen Kapiteln im Wechsel auf Amanda und Jonas. Im Laufe der Geschichte ziehen beide ihre Erfahrungen aus dem gemeinsamen Abenteuer. Amanda erfährt die Grenzen ihrer Zauberkraft und gemeinsam erfahren sie durch ihre Freundschaft wie schön es ist, sich mit jemandem austauschen, beraten und helfen zu können. Dabei werden sie von ihren Familien unterstützen. An Jonas Seite ist auch seine Stiefschwester, die er von einer neuen Seite kennen und schätzen lernt.

„Simsaladschinn“ ist eine ansprechende, turbulente Geschichte für Kinder, die dank ihrer sehr guten Konstruktion vom Ablauf her funktioniert und schlüssig ist. Am Schluss ist man schon ein wenig traurig, dass sie vorbei ist, doch das Ende lässt auf eine Fortsetzung folgen. Klare Leseempfehlung für abenteuersuchende, der Magie nicht abgeneigte junge Leseratten.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(87)

203 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 43 Rezensionen

liebe, freundschaft, dani atkins, familie, verlust

Der Klang deines Lächelns

Dani Atkins , Sonja Rebernik-Heidegger
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 02.11.2016
ISBN 9783426519356
Genre: Romane

Rezension:

Das Buch „Der Klang deines Lächelns“ von Dani Atins erzählt die Geschichte zweier Frauen, die zufällig in einer ungewöhnlichen, beide extrem belastenden Situation aufeinander treffen. Sie haben sich vor einigen Jahren kennengelernt, als ein Mann sich zwischen ihnen entschieden hat. Aber nun begegnen Ally und Charlotte sich als Besucher auf der Intensivstation eines Krankenhauses in London wieder und bangen um die Gesundheit ihrer Ehemänner.

Die einzelnen Abschnitte des Buchs nehmen die wunderschöne Gestaltung des Covers auf und zeigen als Übertitel neben der Kapitelanzeige Notenlinien mit Noten. Bezug nimmt die Aufmachung auf Ally, deren Leben von Musik durchzogen ist und durch die sie David, der inzwischen Charlottes Mann ist, kennengelernt hat. Hier deutet sich schon an, dass es für die beiden einen Grund gibt, warum sie keinen Kontakt gehalten haben. Doch das ist eine Geschichte, die sich erst aus den zahlreichen Rückblenden im Roman ergibt.

Zu Beginn des ersten Kapitels erzählt die Autorin wie es zum Aufeinandertreffen von Ally und Charlotte in der Klinik gekommen ist. Allys Ehemann Joe ist bei einer Rettungsaktion auf dem Eis eines Teichs eingebrochen und wird unterkühlt und im Koma liegend eingeliefert, während fast gleichzeitig David mit akuten Herzproblemen in der Klinik aufgenommen wird. Sowohl Ally wie auch Charlotte eilen besorgt ins Krankenhaus. Während die Ärzte alles erdenklich Mögliche zur Rettung der beiden Männer veranlassen, erinnern die beiden Frauen sich daran, wie sie ihre Ehemänner und einander kennengelernt haben.

Wie in ihren vorigen Büchern konfrontiert Dani Atkins den Leser zu Beginn des Romans wieder mit Fragen, was geschehen wäre, wenn man an einer bestimmten Stelle seines Lebens anders entschieden hätte. Mir zeigt das jedes Mal wie wichtig es ist, die richtige Entscheidung in bestimmten Situationen zu treffen. Aber zu wählen erscheint aufgrund der Umstände oft leicht und stellt sich später doch als so falsch heraus.

Die Charaktere, die die Autorin schafft wirken alle sympathisch. Sie gehören zu unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Ally kommt aus einfachen Verhältnissen, ihre Eltern sind schon älter und stehen in allen ihren Entscheidungen hinter ihr. Die Mütter von Charlotte und David möchten ihre Kinder bestmöglich in der Gesellschaft platzieren, damit ihr Status gesichert ist. Ihre Familien besitzen genügend Geld, damit sie sich jeden Wunsch erfüllen können, außer dem nach Gesundheit, was auch Charlotte bei ihrer Familienplanung erfahren muss. Statt also ein eher eifersüchtig darüber zu sein, was die beiden sich leisten können, habe ich sie vielmehr bedauert. Von David hätte ich mir mehr Selbstbewusstsein gewünscht sich, für seine Freundinnen einzusetzen. Jeder Figur habe ich das Glück gegönnt, weiterhin eine schöne Zukunft zu haben. Doch wer Dani Atkins schon einmal gelesen hat weiß, dass sie ihren Protagonisten tragische Schicksale nicht erspart. Obwohl mir bewusst war, dass die Autorin gerne aufwühlend und mitreißend, konnte ich mich auch diesmal der Wirkung nicht gänzlich entziehen und so habe ich mit den Charakteren mit gelitten und gehofft.

Ally und Charlotte erzählen ihren Part jeweils in der Ich-Form, was mir ermöglichte ihren Gedanken und Gefühlen zu folgen. War der Beginn des Buchs spannend, weil man noch nicht genau wusste, ob die beiden Hauptfiguren überleben würden, flachte der Spannungsbogen im mittleren Teil etwas ab, weil hier die Vergangenheit erzählt wurde und teilweise voraussehbar war. Doch dann kam eine unerwartete Wendung und bis zum Ende ließ die Autorin eine Sache offen und brachte die Erzählung zu einem überraschenden Schluss.

Auch mit ihrem dritten Roman gelingt es der Autorin die Herzen der Leser anzusprechen. Die Geschichte ist sehr gut konstruiert und durchaus realistisch. Wer gerne emotional mitnehmende Bücher liest ist hier richtig und denjenigen empfehle ich das Buch gerne weiter.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(33)

65 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 13 Rezensionen

türkei, deutschland, gewalt, berlin, roman

Ellbogen

Fatma Aydemir
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 30.01.2017
ISBN 9783446254411
Genre: Romane

Rezension:

Hazal begegnete ich im Roman „Ellbogen“, dem Debüt von Fatma Aydemir zum ersten Mal zwei Tage vor ihrem 18. Geburtstag. Doch die für sie damit verbundene Volljährigkeit wird für die junge Türkin kaum Änderungen in ihrem Leben bringen, denn in der Familie hat sie sich weiter dem Diktat der Eltern zu beugen. Sie geht auf eine berufsvorbereitende Schule und jobbt in der Bäckerei ihres Onkels, die auf dem Papier ihrer Mutter gehört. Ihr Vater ist Taxifahrer, ihre Mutter arbeitet selber nur gelegentlich in der Bäckerei, was ihr genügend Zeit gibt, den nötigen Respekt gegenüber den Eltern bei Hazal einzufordern. Wird der Vater wütend scheut er nicht davor zurück, Hazal zu bestrafen. Aber längst liebt ihre Mutter ihren Vater nicht mehr, hat ihn vielleicht nie geliebt, denn die Ehe wurde arrangiert. Für ein eigenständiges Leben fühlt Hazals Mutter sich nicht bereit und auch finanziell ist sie von ihrem Mann abhängig.

Mit ihren Freundinnen, alle mit Migrationshintergrund, hat Hazal geplant, in der ersten Nacht ihrer Volljährigkeit einen ganz bestimmten angesagten Club aufzusuchen, natürlich ohne dass ihre Eltern davon erfahren sollen. Doch dann kommen die Planungen für ihre geheime Party zwei Tage vorher ins Stocken. Als sie es endlich bis zum Eingang des Clubs geschafft haben, lässt sie der Türsteher nicht rein. Die drei Mädchen sind am Boden zerstört, die Stimmung ist entsprechend aufgeladen und dann fühlen sie sich auf der Heimfahrt von einer eher als harmlos einzustufenden Person derart provoziert, dass es zum Äußersten, Undenkbaren kommt. Hazal erscheint der einzige Ausweg die Flucht nach Istanbul zu einem zehn Jahre älteren alleinstehenden Mann den sie nur aus dem Chat im Internet kennt.

Fatma Aydemir lässt in dem ersten der drei Teile des Buchs ihre Protagonistin aus ihrem Alltag erzählen in einem in ihrem Umfeld üblichen und realistischen Slang. Hineingeworfen in eine für Hazal sehr unangenehme Situation konnte ich sie gleich dabei kennenlernen wie sie alles daran setzt, sich durch Mitleid und Lügen herauszuwinden. Das wurde ihr bereits als Kind von ihrer Mutter so beigebracht. Die junge Frau erklärt im weiteren Verlauf der Geschichte, dass es immer darum geht, allen ein erfolgreiches Leben vorzuspielen. Gelingt das nicht, darf auch mal ein Selbstmordversuch vorgetäuscht werden. Bei all dem findet sie nicht zu ihrer eigenen Identität. Jeden Schritt den sie geht wird durch Regeln und Verbote gelenkt. Jede Abweichung von den Erwartungen der anderen an ihre eigene Person endet mit emotionalen und körperlichen Blessuren, die angewendeten Ellbogenschläge lauern überall.

Hazal als Figur ist keine Sympathieträgerin. Obwohl ihre Tante Semra, die anders lebt als die übrigen Familienmitglieder ihr als Vorbild dienen könnte eifert sie ihr nicht nach und sie scheint auch nicht aktiv nach Wegen für eine beruflich erfolgversprechende Zukunft zu suchen. Es sind die kleinen Momente und Erinnerungen und die Ausweglosigkeit die die Protagonistin für sich und ihre Freundinnen sieht die den Roman so erschreckend machen.

Der erste Teil endet abrupt, in den beiden folgenden begleitete ich Hazal nach Istanbul. Obwohl ihr sicher immer wieder gesagt wurde, dass man sich auf keinen Fall auf unbekannte Männer einlässt, ist sie zu ihrer Internetbekanntschaft gefahren und in seine Wohnung eingezogen, wobei sie von Beginn an weiß, dass er vermutlich eine Gegenleistung verlangen wird. Hazal ist natürlich durch die vorangegangenen Ereignisse aufgelöst, verwirrt und verzweifelt, doch auf mich wirkte sie manches Mal auch reichlich unbeholfen und unwissend. Schnell war sie immer bereit, ihre Mitmenschen zu attribuieren. Da gab es die Syrerin und den Studenten, die sie persönlich nicht kannte und diese dennoch als solche benennen konnte, nur um irgendwann später dann selbst die Frage aufzuwerfen, ob man die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft einer Person ansieht.

Führte mich der erste Teil noch in eine deutsche Subkultur die ich so persönlich nicht kannte, so folgte ich der Protagonistin in die türkische Hauptstadt um sie dort im Überlebenskampf wiederzufinden, dem sie doch eigentlich entrinnen wollte. In Form einiger Freunde drängt sich nun das aktuelle politische Geschehen in die Erzählung, was für Hazal aber nur neue Ängste bringt. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Gegenheiten erfolgt nicht weiter.

Ich habe auf eine Lösung für die Probleme von Hazal gehofft, was meine Lesegeschwindigkeit vorangetrieben hat. Mir war klar, dass ihre unfassbare Tat ihr Leben in erheblichem Maße verändert hat. „Ellbogen“ gab mir auf beängstigende Weise eine realistische Darstellung und eine mögliche Erklärung der Hintergründe für die immer wieder sich ereignenden gewalttätiger Übergriffe von Jugendlichen, ein Buch das beängstigend ist und so wichtig für das Verstehen.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(11)

65 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

briefwechsel, befindlichkeiten glück, roman, frundschaften

Schlafen werden wir später

Zsuzsa Bánk
Fester Einband: 688 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 23.02.2017
ISBN 9783100052247
Genre: Romane

Rezension:

„Schlafen werden wir später“ von Zsuzsa Bánk ist ein Briefroman in moderner Form. Johanna und Mártha sind Freundinnen seit Kindertagen und schreiben einander E-Mails über das, was sie gerade bewegt. Sie schreiben einander auch Briefe und Postkarten, telefonieren miteinander und besuchen sich gegenseitig. Doch es sind die E-Mails die ihnen den Platz einräumen, ihre Gedanken zu ordnen, der anderen ihre Gefühle begreifbar zu machen, Vergessenes zu erfassen, Ungesagtes zu äußern und zu kurz Gekommenes zu ergänzen. Sie ermöglichen eine schnelle Reaktion auf eine erhaltene E-Mail, nehmen Platz ein für ein nicht stattgefundenes Telefonat und erlauben eine wohldurchdachte Antwort auch nach mehreren Tagen. Selbst wenn in der Hektik des Alltags die Möglichkeit zum erholsamen Schlafen fehlt, sind meistens ein paar schnelle Zeilen an die Freundin rasch geschrieben, egal zu welcher Tageszeit.

Johanna und Mártha sind beide 42 Jahre alt. Johanna ist Lehrerin und wohnt in einem Haus im Schwarzwald. Sie hat sich vor nicht allzu langer Zeit von ihrem Freund Markus getrennt und eine schwere Krankheit überstanden. Außerdem schreibt sie an ihrer Doktorarbeit über die Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff steht, deren Werke sie bewundert. Ihre Eltern sind früh verstorben, doch ihre Gedanken verweilen häufig bei ihnen und ihren besonderen Charakteren.
Mártha ist Autorin und hat bisher zwei Lyrikbände geschrieben. Sie arbeitet an einem Buch mit Erzählungen, wenn ihre Zeit als dreifache Mutter es erlaubt. Mit ihrem Mann Simon und den Kindern lebt sie in Frankfurt am Main in einer Erdgeschosswohnung. Wenn sie zu Lesungsterminen fährt kümmert sich oft eine alte Freundin der Familie oder ihre aus Ungarn stammenden Eltern um die Kinder. Ihr großer Wunsch ist es, von ihrer Arbeit ohne Not leben zu können.

Durch diese besondere Form des Romans hat der Leser es mit zwei Ich-Erzählerinnen zu tun. Die Gedanken beider Protagonistinnen liegen also offen vor ihm. Es sind nicht die großen weltpolitischen Ereignisse über die die beiden Frauen schreiben, sondern das ganz normale Leben und die Zwänge des Alltags. Beide sind in Frankfurt-Höchst aufgewachsen und immer füreinander da gewesen. Sie kennen einander so gut, dass ihre Unterhaltungen ganz tief gehen. Sie scheuen sich nicht den anderen zu kritisieren, ihren Ärger übereinander zu benennen oder ihre Enttäuschung. Sie nutzen die Möglichkeit, um sich zu beschweren und ihre Gefühle, die sie in bestimmten Situationen empfinden, von der Freundin bestätigen oder korrigieren zu lassen. Sie verzeihen einander und lassen sich auch gerne von der anderen ermutigen oder loben. Sie sprechen sich wie zu Kinderzeiten mit Kosenamen an und genießen dadurch die Erinnerung gemeinsamer wohliger Vergangenheit, sie streicheln sich mit Worten und verschenken ihre Aufmerksamkeit um der Freundin Halt und Wärme zu geben.

Zsuzsa Bánk schreibt ohne Kapiteleinteilung und lässt die Freundinnen immer im Wechsel mailen. Nicht jeder Tag wird verschriftlicht, denn dazwischen erfolgen Telefonate, Briefe und Besuche auf die die folgenden Mails dann eingehen. In manchen E-Mails sind die Sätze nicht ausformuliert, sondern eine Aneinanderreihung von Worten die direkt aus dem Gedankenkarussell des Alltags kommen und ungefiltert in den Text fließen. Der Roman beginnt im März 2009 und endet im Juni 2012. Natürlich ist es interessant zu verfolgen, ob Mártha in dieser Zeit ihre Erzählungen fertig stellen und Johanna ihre Doktorarbeit beenden wird. Aber was diesen Roman so besonders macht ist die Ehrlichkeit. Beide Charaktere sind aus dem Leben gegriffen und so, dass sie jedem schon einmal begegnet sind oder man sich in ihnen selbst erkennt. Sie wirken authentisch und ich denke, dass viele eigene Erfahrungen der Autorin in sie hinein geflossen sind. Ich habe mich immer tiefer in den Text hineingelesen und war stellenweise sehr berührt von den realistisch eingefangenen Stimmungsbildern des Alltags.

„Schlafen können wir später“ ist ein wunderbarer Roman über Freundschaft, Selbstverwirklichung, Zusammenhalt und Neufindung, der mich am Ende mit Wärme im Herzen zurücklässt und den ich gerne an empathische Leser weiterempfehle.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(66)

107 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 62 Rezensionen

thriller, cruelty, cia, scott bergstrom, agenten

Cruelty

Scott Bergstrom , Christiane Steen
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 17.02.2017
ISBN 9783499272660
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Beim Thriller „Cruelty“ von Scott Bergstrom ist der Titel Programm, denn die Geschichte beinhaltet einige grausam anmutende Szenen. Wer also Gewaltanwendung bei kriminellen Handlungen nicht mag, für den ist dieses Buch nicht geeignet. In kräftigem Orange macht nicht nur der Titel auf dem Cover, sondern auch der in gleicher Farbe eingefärbte Buchschnitt auf sich Thriller aufmerksam. Diese Farbe habe ich direkt mit Gefahr in Verbindung gebracht vor der ich gewarnt werden sollte. Auch der düstere Untertitel „Ab jetzt kämpfst du allein“ erzeugte in mir bereits bei der Betrachtung des Buchs ein beklemmendes Gefühl.

Gwendolyn Bloom ist 17 Jahre alt und lebt momentan in New York. Ihre Mutter ist vor zehn Jahren gestorben. Mit ihrem Stiefvater, der als Politoffizier bei der UN beschäftigt ist, lebt sie irgendwo auf der Welt jeweils über einen längeren Zeitraum dort, wo er gerade beschäftigt ist. Am Tag nach seinem Geburtstag fliegt er aus beruflichen Gründen zu einem Kurzaufenthalt nach Paris. Noch am gleichen Abend stehen plötzlich zwei Special Agents des Diplomatischen Sicherheitsdienstes vor ihrer Haustür und teilen ihr das Verschwinden ihres Vaters mit. Erst auf diese Weise erfährt sie, dass er ein Spion der CIA ist. Weitere Tage vergehen und die rechtschaffene Schwester ihrer Mutter reist an, um sich um sie zu kümmern. Doch je mehr Zeit vergeht, desto weniger traut Gwendolyn dem Geheimdienst zu, ihren Vater zu finden. Der einzige Anhaltspunkt von dem aus sie ihre eigene Suche aufnehmen kann ist ein altes Taschenbuch, das ihr Vater bei einem Nachbarn kurz vor seiner Abreise deponiert hat. Doch mit unglaublichem Spürsinn gelingt es ihr, die Fährte aufzunehmen. Ihr Nachbar, früher selber für einen Geheimdienst tätig, vermittelt ihr einen Kontakt in Paris, der versucht sie physisch und psychisch auf potentielle Gefahren bei ihrer Suche vorzubereiten. Doch das was dann folgt hat Gwendolyn nicht in ihren schlimmsten Träumen vorausgesehen. Es ist eine Welt voller Gewalt zur Durchsetzung eigener Interessen die aus dem Handel mit Drogen, Menschen und Waffen bestehen.

Das Buch ist im Präsens geschrieben und so kamen mir die Gefahren in die die Protagonisten gerät noch gegenwärtiger vor. Gwendolyn verändert sich als recht junger Charakter in der feindlichen Welt der Geheimdienste sehr schnell. Auch in der Presse erfahre ich immer wieder von Radikalisierungen Jugendlicher bei denen ich staune, wie rasch das möglich ist. Scott Bergstrom beschreibt seine Hauptfigur als groß und kräftig. Eher untypisch für diesen Körperbau trainiert Gwen mehrmals wöchentlich an Sportgeräten auf hohem Niveau. Es ist also annähernd realistisch, wenn sie sich nach ihrer Vorbereitung in Paris erwachsenen Männern kämpferisch entgegenstellt. Sie spricht mehrere Sprachen und steht durch ihre Auslandsaufenthalte an der Seite ihres Vaters anderen Kulturen sensibel und offen gegenüber. Auch das Glück und der Zufall kommen ihr bei ihrer Mission häufiger entgegen. Allerdings fand ich es weniger glaubwürdig, dass sie die mentale Kraft besitzt den Level der Gewaltanwendung so anhaltend hoch zu halten und wörtlich über Leichen zu gehen um ihren Vater zu retten, der sie lebenslang über seine Tätigkeit belogen und immer wieder zu alleinigen Reisen aufgebrochen ist, ohne für ihre Sicherheit zu sorgen.

Nach einer eher ruhigen Einführung in die Welt von Gwendolyn beginnt die Spannung mit der Entführung des Vaters. Auch wenn die Protagonistin im Mittelteil auf der Stelle zu treten scheint konnte ich eine gewisse Erwartung weiteren Nervenkitzels nicht leugnen und ich wurde nicht enttäuscht. Zum Schluss bereitete der Autor mir ein furioses Finale. Das Ende deutet auf eine Fortsetzung hin. Wer mit Gewalt in Thrillern klar kommt und sich die Reife einer noch jungen Frau vorstellen kann, wird dieses Buch mögen und sich von der anhaltenden Spannung mitreißen lassen. 

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

10 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

neuanfang, vergangenheit, roman, bürgerkrieg, deutschland

Tierchen unlimited

Tijan Sila
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783462050264
Genre: Romane

Rezension:

„Tierchen Unlimited“ heißt der Debütroman von Tijan Sila. Doch Tierchen Unlimited sieht der Protagonist der Geschichte nur im Traum, wenn er sich eine wohlige Umgebung mit pelzigen Mitbewohnern wünscht. Aber die Gegenwart sieht anders aus. Er lebt in Sarajevo während des bosnischen Bürgerkriegs der 1990er, in dem Sentimentalität bei heranwachsenden Jungen nicht gefragt ist. Im Traum des unbenannten Ich-Erzählers, der autobiographisch einige Gemeinsamkeit mit dem Autor aufweist, blitzt der Wunsch nach Frieden auf. Das Cover des Buchs zeigt eine Unterteilung in schwarz und weiß. Dadurch ergibt sich deutlich eine fiktive Abgrenzung, durch Regeln und Normen gezogen, die der Hauptfigur des Romans dazu dienen, sie zu übertreten.

Das Fahrrad, das mühelos dort balanciert wo die Farben des Titels aufeinandertreffen, ist ein wichtiges Requisit des Erzählers zu Beginn der Geschichte, denn es bringt ihn aus einer Gefahrenzone. Wer jetzt denkt, das Buch beginnt während der Zeit des Bürgerkriegs, liegt falsch.

Zum ersten Mal begegnete ich dem Protagonisten im Buch in einer Situation, in der er wieder einmal eine ihm gesetzte Grenze überschritten hat. Nackt und verwundet wird er bei seiner Flucht mit dem Rad von mitleidigen Menschen ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht und dort verarztet. Dort begegnet er einer guten Freundin wieder, die inzwischen Polizistin ist. Er hat sie kennengelernt, nachdem er bereits einige Monate mit seinen Eltern in Deutschland lebte. Sie ringt gerne und ständig und (be-)nutzt ihn als Partner. Der Erzähler fühlt sich zu ihr hingezogen und ist von ihren Lebensumständen und ihrer Kraft fasziniert. Das ist für ihn neu, denn die Anforderungen und Erwartungen seiner bisherigen Freundschaften konnte er besser einordnen. Seine Überlegungen führen ihn und damit den Leser Jahre zurück zu seiner Jugend während der Kriegsjahre.

Bei seinen anschaulichen Schilderungen des Alltags im Krieg habe ich manches Mal erschreckt verharrt, wenn sich das Ende einer Waffenruhe ankündigte und der Protagonist immer noch auf den Straßen unterwegs war. Für die im Kriegsgebiet Wohnenden musste das Leben weitergehen, auch wenn es an Nahrungsmitteln oft fehlte. Es ist beängstigend zu lesen und macht betroffen. Aber Tijan Sila erzählt die Erlebnisse des Jungen mit einer großen Selbstverständlichkeit, die nicht in Wehmut an bessere Zeiten endet, sondern das Beste aus den Gegebenheiten macht. Und dazu gehören für einen Heranwachsenden Raufereien und Lügen. Es ist eine gefährliche und turbulente Zeit. Auch nach seiner Ankunft in Deutschland frönt der Ich-Erzähler keinem ereignislosen Alltag, was hauptsächlich an seiner erwachenden Liebe und einigen Bekannten mit nationalsozialistische Einstellung liegt.

Die Sprache des Autors ist schnörkellos und gerade, er scheut sich nicht die Dinge beim Namen zu nennen. Seine Erzählung ist realistisch und ich habe mich beim Lesen oft gefragt, welche Situationen der Autor selbst erlebt hat. In den Abschnitten über sein Leben in Deutschland fliegt er dann hier und da über die Realität hinaus, was dem Roman ein gehörige Portion Würze verleiht. Hatte der Protagonist in Bosnien noch mein Mitgefühl so war ich zunehmend amüsiert und es schlich sich eine Menge Häme bei seinen weiteren Schilderungen ein in denen er von unangenehmen Situationen erzählt, die sich durch sein grenzwertiges beziehungsweise normenüberschreitendes Verhalten ergeben. Hier kommt zwar zum Ausdruck, dass er nun mehr Möglichkeiten und die Freiheit hat, seine Zukunft zu gestalten, jedoch entbehrt das Ganze nicht einer gewissen Härte und Durchsetzungsfähigkeit.

Der Roman zeigt, dass jede Zeit, jede Umgebung, jede persönliche Einstellung und jedes Alter seine Tücken und Probleme mit sich bringt. Es ist nicht nur eine Gegebenheit die unser Leben gestaltet, sondern viele Dinge tragen dazu bei. Nicht aufzugeben, sein Vertrauen nicht verlieren und auf die Zukunft hoffen, ist die Essenz davon. „Tierchen Unlimited“ ist ein gelungenes Debüt, das ich gerne weiterempfehle.

  (1)
Tags:  
 
453 Ergebnisse