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50 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 34 Rezensionen

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Alchimie einer Mordnacht

Benjamin Black , Elke Link
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 04.10.2018
ISBN 9783462049190
Genre: Historische Romane

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92 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 54 Rezensionen

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Der Blumensammler

David Whitehouse , Dorothee Merkel
Fester Einband: 346 Seiten
Erschienen bei Tropen, 30.08.2018
ISBN 9783608503739
Genre: Romane

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22 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

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Sofia trägt immer Schwarz

Paolo Cognetti , Christiane Burkhardt
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Penguin, 24.09.2018
ISBN 9783328600275
Genre: Romane

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9 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

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Nach mir die Flut

Sarah Perry , Eva Bonné
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Eichborn , 28.09.2018
ISBN 9783847906513
Genre: Romane

Rezension:

Nach dem großen Erfolg von Sarah Perrys Roman "Die Schlange von Essex" im letzten Jahr, veröffentlicht der Eichborn Verlag nun den Debutroman der Britin "Nach mir die Flut". Schon hier findet sich, was sie in der "Schlange" zur Vollendung bringt: das Spiel mit Wahrheit und Schein, mit Realität und Mythen.
John Cole, ein ältlicher Buchhändler mit eher farblosem Leben, verirrt sich auf der Fahrt zu seinem Bruder im Wald und findet dort ein verfallenes Herrenhaus, dessen Bewohner auf ihn gewartet zu haben scheinen. Er wird freudig begrüßt und zu seinem Zimmer geführt, spürt aber sogleich die seltsame Atmosphäre, die Haus und Bewohner umgibt.
Für mich war dieser Anfang, dieser Teil, wo man überhaupt noch nicht wusste, in welche Richtung sich das Ganze entwickeln würde, tatsächlich der beste Part des Buches. Die Bewohner des Herrenhauses umgibt ein Geheimnis, die Stimmung ist leicht bedrohlich und sehr schnell fragt der Leser sich, wer oder was diese Bewohner eigentlich sind, was sie zusammen geführt hat und welche Pläne sie mit Cole haben.
Leider löst Perry dieses Geheimnis recht schnell auf, was ein kleines Spannungstief hervorruft, um dann aber ein kammerspielartiges Szenario aufzubauen, das in seiner Dichte und Eleganz beeindruckt. Und bei ihrem Erstling gefällt mir die Personenführung tatsächlich besser als bei der vielgerühmten "Schlange". Trotz der Risse und Brüche in ihrem Wesen, handeln alle Personen in sich logisch und individuell nachvollziehbar. Die Handlung entwickelt einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Aufbau und Sprache ziehen den Leser mitten ins Geschehen, man liest wie unter einer Glasglocke, nach außen abgeschlossen.
Wer sucht, wird sicher Kritikpunkte finden: der Roman behandelt nichts Neues, das düstere Herrenhaus ist ein vielgenutzes Bild, die Abgeschlossenheit Grundidee sämtlicher britischen Krimis, aber das ändert alles nichts daran, dass Sarah Perry erzählen kann. Und auch wenn es in diesem Debutroman holprige Stellen gibt, auch wenn der Spannungsbogen nicht immer gehalten wird, ist nicht zu übersehen, dass die Autorin etwas von Konstruktion versteht. Wie auch von Satzbau: ihre filigranen, eleganten Formulierungen haben mich hier genauso wie bei der "Schlange" beeindruckt.
Und daher habe ich diesen düsteren, ein wenig unheimlichen, viktorianisch anmutenden Roman wirklich gern gelesen, zumal er "schlanker" ist als der Nachfolger, nicht so vollgepresst mit Wissen und überladen mit Bedeutung. Ich freue mich wirklich auf weitere Romane dieser Autorin und bin gespannt, wie sich ihr Stil weiterentwickelt.

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Little Library Cookbook

Kate Young , Susanne Kammerer , Regina Rawlinson
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Wunderraum, 01.10.2018
ISBN 9783336547999
Genre: Sachbücher

Rezension:

Ein literarisches Kochbuch. Da führte natürlich kein Weg drum herum. 100 Speisen aus Romanen, zu kochbaren Rezepten umgeformt von der Food-Bloggerin Kate Young, einigen vielleicht bekannt durch ihren Blog "The Little Library Café", wo sie das Konzept dieses Buches wohl schon länger durchführt.
Die Idee ist charmant. Wer wollte nicht immer schon einmal Puhs Honichküchlein oder Harry Potters Siruptorte probieren? Die Auswahlliteratur ist weit gefächert, von Kinderbüchern über Klassiker zu Gegenwartsliteratur, der eine oder andere Roman war mir auch gänzlich unbekannt. Immer gibt es ein oder zwei Zeilen aus dem jeweiligen Buch, dann einen persönlichen Text Kate Youngs und schlußendlich das Rezept, häufig begleitet vom passenden Bild.
Und an dieser Stelle muss ich doch leise ein paar Kritikpunkte anbringen, so gelungen ich die Idee auch finde: bei einem literarischen Kochbuch hätte ich mir mehr Infos zu den ausgewählten Büchern gewünscht. Nur die Zeile mit dem betreffenden Gericht, das erscheint mir doch ein wenig mager. Im Gegenzug hätte ich wirklich nicht geschätzt dreiundneunzigmal den Hinweis darauf gebraucht, wie sehr die australische Autorin in England unter Heimweh gelitten hat und wie sehr ihr dabei Bücher und Essen geholfen haben. Es tut mir ja leid für sie, aber da hätten ein paar Kürzungen zugunsten der Auswahlliteratur bzw ein anderer Schwerpunkt im Kochbuchaufbau nicht geschadet. Und auch unter den Rezepten waren einige, die bei mir eine irritierte Augenbraue hervorgerufen haben. Ein sehr weiches Frühstücksei, ernsthaft? Jane Austen hin oder her, aus deren "Emma" diese grandiose Rezeptidee stammt, aber ein weiches Ei als ernstgemeintes Rezept in einem Kochbuch? Hatte Austen sonst nichts zu bieten? Und Baked Beans aus der Dose zum Frühstück fand ich auch eher gewöhnungsbedürftig.
Aber nun ist Schluß mit dem Genörgel, denn natürlich gibt es auch ganz wunderbare Rezepte - und bei 100 Gerichten dürfte jeder etwas Passendes für sich finden können, ob nun Sherlock Holmes' Hähnchen-Curry, Pippi Langstrumpfs Pfannkuchen oder das Weihnachtsmahl aus Dickens Christmas Carol oder,oder, oder... Und Spass macht es allemal, durch das Buch zu blättern, ob man nun nach Rezepten sucht und Bücher entdeckt oder andersherum. Also insgesamt eine gelungene Idee, deren Umsetzung meiner Meinung nach noch ein wenig holprig daher kommt. Aber das Thema schreit ja förmlich nach einer Fortsetzung...

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81 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 11 Rezensionen

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Neujahr

Juli Zeh
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 10.09.2018
ISBN 9783630875729
Genre: Romane

Rezension:

Diese Rezension fällt mir schwer. Zum Einen, weil bei diesem Roman schnell zu viel erzählt ist und zum Anderen... Ich habe nach diesem Buch ein Kochbuch gelesen, ich hätte auch das Telefonbuch genommen, solange der Text unverfänglich und unbedrohlich ist. Die Beschäftigung mit Mehlmengen und der Anzahl der Eier pro Rezept hat mir geholfen, einige Szenen aus dem Roman zu verdrängen, die für mich an der Grenze zum Unerträglichen waren.
Ich hatte schon immer ein zu gutes Vorstellungsvermögen, um Bücher aus den Bereichen Horror und blutiger Thriller zu lesen. Man kann darüber lachen, aber ich kann mich noch so richtig kindlich und kein bißchen erwachsen gruseln. Und brauche dann nachts als "Schutzschild gegen böse Geister" meine Hunde im Bett. Ich bin also genau die Leserin, die Juli Zeh sich gewünscht haben muss, die die Beklemmung und Panik der Protagonisten komplett mitlebt und erlebt.
Zum Inhalt möchte ich nur wenig sagen. Ein junges Paar im Familienurlaub auf Lanzarote, ein Vater, der sich mit der ihm zugedachten Rolle überfordert fühlt, eine Radtour, um den Kopf frei zu bekommen und Zeit allein zu haben.
Juli Zeh spielt. Wie die Katze mit der Maus. Und ich weiß jetzt, wie die Maus sich fühlen muss. Der Roman beginnt wie so viele Romane über junge Ehepaare, ein bißchen Stress, ein bißchen Streit, das Übliche, wenn die Paarbedürfnisse denen der Kinder weichen müssen und man nicht alles unter einen Hut bekommt. Und wenn der Leser sich gerade auf einen Roman über Paare im Familienstress eingestellt hat, dann, ja dann kommt der Prankenhieb, der einen quer durch den Raum an die Wand schießt. Und das ganz unangestrengt und leichtfüssig und weitestgehend unblutig.
Der Roman ist recht kurz, aber im Gegensatz zu einigen anderen Stimmen glaube ich nicht, dass er länger und ausgearbeiteter besser geworden wäre. Es ist im Grunde nicht wichtig, was die Charaktere schlußendlich aus ihrer Situation machen. Wir sehen sie in einer Extremsituation, bekommen die Erklärung, wie es dazu kommt und werden dann nett vor die Tür begleitet. Und im Grunde reicht das völlig aus. Man braucht nicht seitenlanges Vorher und Nachher für diese Erzählung. Ich halte sie für eine Fingerübung, einen Könnensbeweis. Und eigentlich ist es schade, dass nicht mehr Schriftsteller sich das trauen, dass nicht mehr Kurzromane und Novellen erscheinen, denn diese Form ist in ihrer punktgenauen Verknappung ja hochinteressant und kann immens spannend sein.
Von mir kommt eine definitive Leseempfehlung, auch wenn mir die Lektüre stellenweise sehr schwer gefallen ist. Das lag aber an der beschriebenen Situation, nie an der Umsetzung.

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72 Bibliotheken, 7 Leser, 1 Gruppe, 22 Rezensionen

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Schnee in Amsterdam

Bernard MacLaverty , Hans-Christian Oeser
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 20.09.2018
ISBN 9783406727009
Genre: Romane

Rezension:

Stella und Gerry verbringen ein verlängertes Wochenende in Amsterdam. Sie sind ein eingespieltes Paar, beide schon im Ruhestand, der Sohn aus dem Haus. Die Reise ist ein Weihnachtsgeschenk Stellas an ihren Mann, der nicht ahnt, dass sie damit noch anderes bezwecken könnte, als nur ein paar schöne Tage mit Besichtigungen.
Die Ruhe des Erzählens bei Bernard MacLaverty ist trügerisch. Er betrachtet einen Abschnitt aus dem Leben des Paares wie unter dem Mikroskop. Freitag bis Montag -  fast minutiös verfolgen wir den Tagesablauf, die Gespräche, die kleinen Gewohnheiten und Reibereien. Der Leser erfährt wenig über das Davor und nichts über das Danach. Gerry ist Alkoholiker, so viel wird relativ schnell deutlich, und Stella ist damit nicht glücklich, hat dem aber wohl wenig entgegen zu setzen.
Sie machen Besichtigungen und Spaziergänge, gehen in Restaurants, schlafen im Hotel. Es ist nichts Außergewöhnliches an diesem Paar, auf den ersten Blick zumindest nicht. Aber zwischen den Zeilen lauern Risse und Brüche. Stella und Gerry sind von Nordirland nach Schottland gezogen oder doch geflohen, sie haben die Religionskonflikte wohl hautnah erlebt, ihr Leben war scheinbar wenig friedlich.
MacLaverty ist ein Meister der Zwischentöne, der Andeutungen. Nichts liegt hier einfach klar zutage, um alles rankt ein leichter Nebel. Aber Stella und Gerry verhalten sich eben so, wie man das tut, wenn man sich unbeobachtet wähnt. Sie müssen einander nichts erklären und in ihren Gesprächen gibt es Zwischentöne, die nur sie selbst erkennen und verstehen. Der Autor gibt uns Einblick in einen eingegrenzten Zeitraum im Leben der Beiden und lässt uns mit unseren Beobachtungen weitgehend allein.
Ein ständiges "Warum" war mein Begleiter beim Lesen. Warum macht Gerry dies, warum sagt Stella das, oder auch warum machen oder sagen sie dieses oder jenes nicht. Irgendwann ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass wir in die meisten Leben in unserem Umfeld deutlich weniger Einblick erhalten und trotzdem Urteile fällen. Uns aus wenigen Informationen ein Bild zusammenbasteln, das zu unseren Erfahrungen  passt.
Der Roman hat mich nachdenklich gemacht, die Sprache hat mich begeistert. Trotzdem hat das Buch mich letztendlich nicht völlig überzeugt. Das mag aber daran liegen, dass ich gerne mehr gewusst hätte, dass der kleine Einblick mich irgendwie unbefriedigt zurückliess, dass ich lieber einen Anfang und ein Ende hätte. Dabei ist das Leben ja eher so vage, so fragil, wie hier beschrieben. Wer diese Erkenntnis aushält, der dürfte mit dem Roman sehr glücklich werden.

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20 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

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Ein Mord zu Weihnachten

Francis Duncan , Barbara Först
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 12.10.2017
ISBN 9783832198640
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ich weiß nicht, wie viele Rezensionen ich schon mit diesem Satz begonnen habe, aber sei's drum: ich liebe britische Krimis! Eine mehr oder weniger geschlossene Gesellschaft, ein Ermittler, der außergewöhnlich kluge Schlüsse ziehen kann und Lokalkolorit in Form von pittoresken Dörfchen, Herrenhäusern und Tee mit Scones - und schon bin ich glücklich.
In diesem Falle stimmt das Gesamtpaket: ein verschneites Cover, das je nach Lichteinfall geheimnisvoll golden zu schimmern beginnt (ich glaube, ich habe eine halbe Stunde damit verbracht, das Buch verzückt hin und her zu drehen), ein mir bisher nicht bekannter Autor mit hervorragendem Schreibstil (mehr als zwanzig Krimis soll Francis Duncan geschrieben haben, wo zum Henker finde ich die restlichen neunzehn und wieso überhaupt kenne ich den Mann nicht?) und ein logisch aufgebauter Plot, der zum Miträtseln einlädt ( der Vollständigkeit halber gehört die Klammer hier hin, nur Füllung habe ich diesmal keine).
Alle Jahre wieder lädt Benedict Grame, Hobbyweihnachtsmann aus Leidenschaft, eine ausgewählte Gästeschar ein, die Weihnachtstage auf seinem Landgut zu verbringen. Die Mischung besteht im Allgemeinen aus Familienmitgliedern, guten Bekannten und Menschen, die Grame im Laufe des Jahres kennenlernt und als interessant einschätzt. Auf diese Weise erhält auch Mordecai Tremaine eine Einladung, ein älterer Herr, dessen bevorzugtes Vergnügen in der Auflösung von Kriminalfällen besteht. Pünktlich zu Weihnachten liegt dann auch eine Leiche unter dem Tannenbaum und Tremaine ist in seinem Element.
Klassischer kann ein britischer Krimi wirklich nicht sein. Ein älterer, überaus höflicher Ermittler mit beständig rutschendem Kneifer, diverse Hausgäste unterschiedlichen Temperaments ( das junge verliebte Paar, die kalte Göttin, die Diva, der Trinker, das unscheinbare Ehepaar etc), ein Butler (jawoll!), ein Herrenhaus in tiefem Schnee und natürlich ein Mord, der relativ unblutig über die Bühne geht und somit den Leser mit relativ wenig Unbehagen erfüllt. Perfekt, und das meine ich ganz unironisch.
Ungefähr an dieser Stelle erwähne ich, auch schon Tradition meiner Besprechungen klassischer englischer Kriminalromane, Kamin, Wolldecke und Hunde, habe aber festgestellt, dass der Roman auch im Bett wunderbar lesbar ist. Und im Zug. Und beim Bäcker. Sogar im Stehen und ganz ohne Hund.
Und ich wünsche mir nun vom Weihnachtsmann (oder dem DuMont Verlag) die restlichen Romane Herrn Duncans, Goldschimmer bitte mit eingeschlossen.

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43 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 33 Rezensionen

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Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste

Philipp Schwenke
Fester Einband: 608 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 07.09.2018
ISBN 9783462051070
Genre: Romane

Rezension:

Ein Karl-May-Roman. Ich gebe zu, das klang verlockend. Bin ich doch mit Winnetou und Old Shatterhand einen weiten Weg gegangen. Die ersten Romane Mays las ich in der Grundschule. Ich durfte im Laden nebenan immer zwei Taschenbücher kaufen, eines für mich, eines für meine Mutter. Nach dem Lesen wurde getauscht. Wegen dieser Romane habe ich angefangen, mich mit der Geschichte der Ureinwohner Amerikas zu beschäftigen, was dazu führte, dass ich eine zeitlang im Völkerkundemuseum in Hamburg den Stand eines Bildhauers mitbetreut habe, der dort einen Totempfahl schnitzte, der nun vor dem Museum aufgestellt ist.
Irgendwann in dieser Zeit habe ich auch das Karl-May-Museum in Radebeul besucht. Ich wusste also im Groben, was auf mich zukommen würde. Ich wusste, dass May seine Abenteuer natürlich nicht selbst erlebt hatte; ich wusste, dass er durchaus kein unbescholtener Bürger war und Gefängnisse von innen kannte; ich wusste, dass seine Beschreibungen der Indianer und Beduinen etc höchst fragwürdig waren und sein Erziehungschristentum äußerst unerträglich. Und dennoch...
Dennoch hat Schwenkes Roman mich komplett überrascht. Was als heiterer Schwank beginnt, mit großartigen Bildern, die mich innerlich um eine Verfilmung betteln liessen, endet ganz und gar unlustig. Schwenke erzählt von Mays erster Orientreise. Erzählt von dem behäbigen älteren Herrn, der sich in seinem Ruhm sonnt und dabei jedes Maß verliert, erzählt von der Suche des Schriftstellers nach dem Shatterhand in ihm, erzählt von Betrug, Größenwahn und Nervenzusammenbrüchen, vonn Irrsinn und Wahnsinn, von vermeintlichen Leopardenangriffen und Giftmordversuchen, erzählt schlußendlich von einem armen, nur schwer zu ertragenden Wurm, der von eigener Größe aufgeblasen Freund und Feind nicht erkennt. Schwenke erzählt lang und breit noch dazu, spielt dabei seine eigenen Spielchen mit dem Leser und führt ihn quasi gemeinsam mit May in den Wahn, lässt offen, was Realität, was Einbildung ist und will damit einfach zu viel auf einmal.
Dabei gefällt mir Schwenkes Schreibstil, der dem Mays angeglichen ist, wirklich gut und das Konzept des Romans ist durchaus spannend. Geht es doch um die Änderungen, die diese erste große Reise bei dem Schriftsteller, seinem Leben und seinem Umfeld hervorrufen. Diese Reise führt zu einem Bruch in Mays Leben und Gehirn, einem schwerwiegenden Bruch. Danach zerfällt, was vorher schon auf schwankenden Boden gebaut war. Und die Idee, Mays vermutliche Schizophrenie für den Leser miterlebbar zu gestalten, ist ja auch eigentlich nicht unsinnig.
Aber kurz gesagt: das Buch ist zu dick, zu detailreich, zu überbordend. Irgendwann hat man einfach genug von dem Gejammer und bedeutungsvollen Geschwafel des Möchtegern-Abenteurers. Irgendwann sind die Intrigen, Ausflühte und Machenschaften Mays und seiner Gespielin Klara einfach nur unerträglich. So unerträglich, dass ich froh war, als das Ganze sein Ende fand. Und das kann eigentlich nicht im Sinne des Autors sein.

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23 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

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Erste Hilfe

Mariana Leky
Flexibler Einband: 188 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Taschenbuch, 02.01.2006
ISBN 9783499240775
Genre: Romane

Rezension:

Der Dumont Verlag nutzt den Erfolg des Romans "Was man von hier aus sehen kann" , der im letzten Jahr zum "Lieblingsbuch der Unabhängigen Buchhandlungen" gewählt wurde, und legt ein älteres Werk Mariana Lekys neu auf. "Erste Hilfe" erschien zuerst 2004 und scheint der erste Roman der Autorin zu sein. Es geht um drei Freunde, Matilda, Sylvester und die Erzählerin. Matilda leidet unter Angststörungen, die anderen beiden versuchen zu helfen und müssen sich zwangsläufig auch mit ihren eigenen Problemen auseinander setzen.
Was man sofort bemerkt, der Erzählton, der in "Was  man von hier aus sehen kann" für die besondere Stimmung sorgt, diese ruhige und doch irgendwie gleichzeitig wuselige Art des Erzählens, die findet sich auch hier schon. Nur, dass mir hier relativ schnell zuviel davon da ist und ich nach ein paar Seiten schon das erste Mal genervt Luft hole und das Buch beiseite legen muss. Das ist schade, denn die Frage danach, was Freundschaft ausmacht, ist ja durchaus spannend und Mariana Leky ist definitiv feinfühlig genug, um keine 08/15-Ideen zu verarbeiten.

"Weil wir auf einem Bahnsteig stehen, denke ich darüber nach, ob wirklich alles von Sylvester abgegangen ist (...)"

und dann denkt sie darüber nach, ob auch wirklich keine Gefühle an Sylvester hängen geblieben sind und denkt darüber nach, ob Sylvester womöglich auch darüber nachdenkt, ob alles abgegangen oder etwas hängen geblieben ist und nachdem ich diesen Absatz vollständig gelesen habe, beginne auch ich darüber nachzudenken, ob etwas von Sylvester und diesem Buch an mir hängen geblieben sein könnte und da muss ich das Buch, entsetzt ob dieses Gedankens, erstmal zuklappen. Da bin ich aber schon relativ weit und deshalb klappe ich es wieder auf und lese weiter, denn neun Seiten gehen bestimmt noch und dann ertappe ich mich dabei, wie ich beginne diese Seiten zu zählen während des Lesens und auch dabei, dass die Frage, ob es nun Seite 6 oder Seite 7 vor dem Ende ist, mich mehr interessiert als Matilda und Sylvester und die Erzählerin - und dann ist es auch schon vorbei.

Ich muss gestehen, auch bei Lekys Bestseller gab es Stellen, wo mir diese Art zu Schreiben anstrengend zu lesen erschien, aber da haben die Charaktere das wieder wett gemacht. Hier sind auch die Charaktere fürchterlich anstrengend und trotz des vielen Textes irgendwie wortkarg und alle schleppen insgeheim an ihren Päckchen herum und keiner ist dabei, der wie Selma hin und wieder Köpfe zurecht rückt und Pflaster auflegt und "Heile Gänschen" singt, weshalb das Ganze trotz Freundschaft und Therapie tendenziell trostlos ist. Und ja, vielleicht ist das Leben so, und vielleicht mochte ich das Buch nicht, genau weil das Leben so ist, aber es ist tatsächlich so: ich mochte das Buch nicht. Und deshalb ende ich hier dann auch, denn mehr gibt es nicht dazu zu sagen.

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99 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 10 Rezensionen

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Der Lärm der Zeit

Julian Barnes , Gertraude Krueger
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783462048889
Genre: Romane

Rezension:

1937, Russland zu Zeiten Stalins. Während einer Aufführung von Dmitri Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzensk" verlässt Stalin das Theater. Für uns heute ist das kaum noch vorstellbar, aber das ist Grund genug für den Komponisten um sein Leben zu fürchten. Nacht für Nacht steht er nun mit gepacktem Koffer am Aufzug und wartet auf seine Abholung. Er möchte nicht vor den Augen der Familie aus dem Bett gezerrt werden.
Es sind Bilder wie diese, die Barnes' Roman unfassbar beklemmend machen. Wie erträgt man das, Nacht für Nacht? Und was macht die Angst um Leben und Familie mit und aus einem Menschen? Ja, auch Angst um die Familie, denn Schostakowitschs Tod könnte dem Diktator noch nicht ausreichend erscheinen, auch das Leben seiner Frau ist in Gefahr und die Zukunft der Kinder. Unfassbar ist das eigentlich, in lebensbedrohender Gefahr zu sein, nur, weil einem anderen ein Musikstil nicht behagt.
Für dieses Mal geht es gut aus, keine Schergen des Diktators erscheinen, langsam kehrt die Familie in den Alltag zurück. Nur was für ein Alltag ist das, ohne Entwarnung, unter ständiger Anspannung, immer unter Beobachtung der "Macht", die unberechenbar bleibt?
Wir folgen Schostakowitschs Gedankengängen, die durch sein Leben mäandern, immer wieder verweilen, weiterziehen, zurückkehren. Drei Teile hat der Roman, um drei verschiedene Lebensabschnitte geht es: die Zeit als geächteter Komponist, die Zeit nach einem Amerikabesuch, der ihn weite Teile seiner Selbstachtung kostet und die Zeit des Alters mit Rückblicken auf sein Leben. Immer wollte er eigentlich nur komponieren, doch nie durfte er ein selbstbestimmtes Leben führen. Der Druck von oben, die ständige Angst -  hätte er sich wehren sollen? Müssen? Können? Hätte er sein Leben aufs Spiel setzen sollen, um sein Rückgrat zu bewahren, das Wohlergehen seiner Kinder? Hätte er das Risiko eingehen sollen, dass sie ihr Leben in Waisenhäusern verbringen, den Eltern entzogen und gezwungen, die eigene Familie zu verleugnen und zu verachten? Hätte er damit und mit dem eigenen Tod ein Zeichen gesetzt und wenn ja, für wen?
Julian Barnes gelingt es, die unsichtbaren Fäden sichtbar zu machen, mit der in einer Diktatur Menschen gefügig gemacht werden. Er zeigt, dass die Angst vor dem, was kommen könnte, den Menschen schlimmer zusetzen kann, als das tatsächliche Ereignis. Aber was viel wichtiger ist, er findet auch deutliche Worte dafür, dass wir in unserer sicheren Welt uns kein Urteil erlauben sollten darüber, was Menschen in einer solchen Situation antreibt. Schostakowitsch ist lange für seine Kooperation mit dem russischen Regime kritisiert worden. Von seinen Kollegen im sicheren Ausland.
Dieser Roman hat mir streckenweise schlimmere Atemnot bereitet als jeder Thriller, so hervorragend vermittelt er den Freiheitsentzug, das völlige Ausgeliefertsein und die Hoffnungslosigkeit, diesem Käfig zu entkommen. Ein großartiges Buch, beklemmend, realitätsnah und aktuell - denn Diktaturen funktionieren immer und zu allen Zeiten nach den hier beschriebenen Mustern.

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166 Bibliotheken, 13 Leser, 1 Gruppe, 85 Rezensionen

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Die Schwestern von Mitford Manor – Unter Verdacht

Jessica Fellowes , Andrea Brandl
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Pendo Verlag, 04.09.2018
ISBN 9783866124523
Genre: Romane

Rezension:

Der Herbst ist da. Und mit ihm pünktlich mein Bedürfnis nach Tee, Kamin und Wolldecke. Da aber Tee, Kamin und Wolldecke ohne Buch recht langweilig sind, steigt natürlich auch mein Bedürfnis nach passender Lektüre. Und was könnte passender sein, als ein Krimi in englischen Adelskreisen, geschrieben von der Nichte des britischsten aller Briten Julian Fellowes, dem "Downton Abbey"-Fellowes?
Dem Klappentext entnehme ich, dass Jessica Fellowes die Begleitbände zur Serie geschrieben hat, und das merkt man ihrem eigenen Roman auch deutlich an. Wer also Sehnsucht hat nach dem Downton Abbey- Feeling, der liegt mit Mitford Manor sicher nicht verkehrt.
Mit den Mitfords hat sich die Autorin eine Familie herausgesucht, die wirklich existiert hat. Die Mitford Girls, die sechs Töchter Lord Mitfords, waren zu ihrer Zeit berühmt-berüchtigt sowohl für ihre Schönheit als auch für ihre Exzentrik. Relativ frei, aber ein wenig weltfremd erzogen, fanden sich unter ihnen dann u.a. eine Schriftstellerin, ein Nazi-Fangirl und eine Kommunistin. Die Tischgespräche müssen bisweilen wirklich schwierig gewesen sein...
In diesem Roman nun geht es um Nancy Mitford, die älteste der Schwestern. Intelligent, liebenswürdig, ein wenig oberflächlich, flatterhaft und bisweilen arg spitzzüngig, so wird die junge Dame in ihren Teenagerzeiten dargestellt. Ihr wird Louisa zur Seite gesellt, die, aus schwierigen Verhältnissen stammend, überglücklich ist über ihre Anstellung als Kindermädchen in der hochgeborenen Familie. Diese beiden nun, fast gleichaltrig und fast befreundet, einer echten Freundschaft stehen die gesellschaftlichen Verhältnisse im Weg, rutschen nahezu zufällig in die Ermittlungen zu einem Mord.
Wer nun einen zielgerichteten Krimi erwartet, liegt falsch. Der Autorin geht es mehr um die Beschreibung der adeligen Welt der Zwanziger Jahre, um erste Lieben und kleine Tändeleien, um das Leben in der Familie Mitford, sowohl als Familienmitglied als auch als Bedienstete. Der Mord dient mehr zur Erhöhung der Spannung zwischen Reisen nach London oder an die Küste, verbotenen Bällen und Tee mit Scones. Tatsächlich haben mich der Mordfall und seine Auflösung in einigen Teilen etwas verwirrt zurückgelassen. Aber im Grunde ist das nicht wichtig, denn Jessica Fellowes Schreibstil ist recht charmant und der Roman liest sich so locker-luftig und ist dabei so herrlich snobbish, dass es wirklich Spass macht ihn zu lesen. Geplant ist wohl eine sechsbändige Reihe, in der es in jedem Band um eine andere Schwester gehen soll. Diese Idee finde ich eigentlich recht gelungen und daher werde ich wohl auch die Folgebände lesen.

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15 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

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Happy End

Amélie Nothomb , Brigitte Große
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 26.09.2018
ISBN 9783257070422
Genre: Romane

Rezension:

Mit Amélie Nothomb verbinde ich intelligente, hinter- und abgründige, schwarzhumorige Bücher, die gerne mit der Lesererwartung spielen. Ich mag das, sehr sogar. Daher habe ich mich schon auf den Tag gefreut, an dem ich endlich "Happy End" in den Händen halten würde, Nothombs Adaption von Charles Perraults Märchen "Riquet mit der Locke". Und schon der erste Satz nahm mich gefangen:

Als Énide mit achtundvierzig Jahren ihr erstes Kind erwartete, fieberte sie der Entbindung entgegen wie andere einer Partie Russisch Roulette.

Und recht hatte sie, in der Sache etwas mißtrauisch zu sein, denn sie bringt ein so abgrundtief hässliches Kind zur Welt, dass sie und ihr Mann den Jungen zunächst mehr oder weniger verstecken, um ihn vor Gehässigkeiten und Verletzungen zu schützen. Was Déodat, so nennen sie den Knaben, aber eigentlich auszeichnet, ist eine außergewöhnliche Klugheit und Auffassungsgabe, die ihn dann auch die Mechanismen des Spotts, der über ihn hereinbricht, verstehen läßt. Und so wird aus Déodat ein äußerst erfolgreicher Wissenschaftler, durch seine Redegewandheit und seinen Humor beliebt.
Trémière dagegen ist schon als Baby wunderschön, so außergewöhnlich schön, dass ihre Umgebung das Bedürfnis verspürt, sie zu quälen, um einen Ausgleich zu schaffen. Zudem gilt sie als unbeschreiblich dumm, weil sie selten spricht und lieber beobachtet.
Wie diese beiden, der hässliche Déodat und die schöne Trémière oder auch der wortgewandte Déodat und die schweigsame Trémière, sich entwickeln, aufeinander zu leben und sich schlußendlich dann auch begegnen, das ist das Thema dieses Romans.
Stimmung und Schreibstil liessen in meinem Hinterkopf immer wieder ein Glocke klingen, der Tonfall kam mir bekannt vor. Und irgendwann kam ich auf des Rätsels Lösung: an Süskinds "Das Parfum" erinnerte mich der Text, nicht so sehr inhaltlich als mehr in der Wortwahl, in der Satzmelodie. Eine Lektüre dieses Buches lohnt tatsächlich schon allein wegen dieses grandiosen Stils.
Aber. Ja, es kommt leider ein Aber. Der Text ist eine Neuinterpretation eines Märchens von Perrault, erschienen 1697. Dort wird der hässliche Riquet mit der Gabe geboren, jemandem von seiner Klugheit einen Teil zu schenken, während die schöne, aber dumme Prinzessin einen Teil ihrer Schönheit abgeben kann, Happy End inbegriffen.
Wenn ein Schriftsteller sich die Mühe macht, einen solchen Text in die heutige Zeit zu versetzen, dann steht dahinter zumeist ein Anliegen, etwas, das dem Autor am Herzen liegt. Denn warum sich sonst die Mühe machen, wenn man nicht versuchen würde, dem heutigen Leser damit einen Fingerzeig zu geben? Aber genau den verstehe ich scheinbar nicht. Achte weniger auf das Aussehen, auf die inneren Werte kommt es an? Oder teile Deine Talente mit Deinen Mitmenschen und Dir wird mehr gegeben als genommen? Oder wer bestimmt überhaupt, was Werte sind und wie sie auszusehen haben? Eine im Grunde so simple Botschaft kann ich mir bei der tiefgründigen Nothomb eigentlich nicht vorstellen. Eine andere erkenne ich jedoch leider nicht. Und so blieb mir am Schluss des Romans, trotz aller sprachlichen Schönheit, ein leichter Anflug von Beliebigkeit gemischt mit dem Verdacht, ich sei doch dümmer als gedacht...

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Licht

Anthony McCarten , Gabriele Kempf-Allié , Manfred Allié
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 29.08.2018
ISBN 9783257244335
Genre: Romane

Rezension:

Ich habe ein Faible für Geschichtsromane. Damit meine ich weniger wandernde Hebammen oder Animierdamen im Mittelalter, sondern vielmehr Romane, die vergangene Menschen, Orte, Daten, Fakten lebendig machen und auch nachvollziehbar aus heutiger Sicht. Mit "Licht" hat der bekannte Autor Anthony McCarten einen solchen Roman geschrieben. Gut, man merkt durchaus, dass diesem Roman ein Schema zugrunde liegt, dass der Autor eine Verfilmung wahrscheinlich schon vor Augen hatte und dass er weniger ein Sprachkünstler denn ein Unterhaltungsprofi ist. Aber ich lasse mich bisweilen gerne unterhalten und Bildungslücken schließe ich auf diesem Niveau auch gerne.
Die Zusammenarbeit von Thomas Alva Edison, dem Erfinder, mit John Pierpont Morgan, dem Bankier, ist das Thema der Wahl. Und für Edison könnte diese Zeit durchaus unter einem abgewandelten Goethe-Zitat stehen: Ein Teil von jener Kraft,/ die stets das Gute will und stets das Böse schafft.
Mit der Erfindung der Glühbirne wird Edison interessant für Morgan. Die Vorstellung, der Welt das elektrische Licht zu schenken, ganze Städte mit den nötigen Installationen zu versehen, entspricht Morgans ausgeprägtem Sinn für Macht und Finanzen. Er stattet Edison mit einem Labor und unbegrenztem Geld für Forschungen aus, bietet gar sein Haus als Versuchsobjekt an. Zunächst verläuft das Projekt erfolgreich. Doch während Edison auf die Nutzung von Gleichstrom setzt, arbeitet der ursprünglich mit ihm befreundete Erfinder Nikola Tesla an einem ähnlichen Projekt mit einem Konkurrenten, basierend auf Wechselstrom. Edison verrennt sich so sehr in die Idee, Wechselstrom sei hochgefährlich, dass er um diesen Beweis zu erbringen, mithilft, den elektrischen Stuhl zu konstruieren. Sein Ziel, Gutes für die Menschheit zu erschaffen, verliert er dabei völlig aus den Augen, seine eigene Menschlichkeit ebenso.
Und an dieser Stelle muss ich es nun gestehen: ich habe schon immer arge Schwierigkeiten beim Lesen von grausamen und brutalen Begebenheiten gehabt. Besonders, wenn es um hilflose Wesen geht, ob Kind oder Tier, die sinnlosen Quälereien ausgesetzt werden. Die hier beschriebenen Tierversuche haben mich an die Grenzen dessen gebracht, was ich in einem Roman ertragen möchte. Sicher, sie machen deutlich, wie sehr Edison seinen Weg verloren hat, wie weit er sich von dem entfernt hat, was für ihn eigentlich wichtig ist. Und sie zeigen auch, welche Werte bisweilen auf dem Altar der wissenschaftlichen Forschung geopfert werden, nämlich Menschlichkeit, Mitgefühl und Aufrichtigkeit. Trotzdem habe ich mich zwingen müssen, weiterzulesen und die Lesefreude ist mir dabei gänzlich abhanden gekommen.
Für weniger zartbesaitete Leute ist "Licht" aber sicherlich ein interessanter Roman über das Leben und Wirken Thomas Alva Edisons, über den Einfluss der Hochfinanz auf Forschung und Wissenschaft und darüber, wie schnell man seine Seele an den Teufel verkaufen kann. Keine hohe Literatur, aber gut gemachte Unterhaltung.

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Gott der Barbaren

Stephan Thome
Fester Einband: 719 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 10.09.2018
ISBN 9783518428252
Genre: Romane

Rezension:

Ich muss gestehen, auf der Landkarte meiner Bildung ist China weitestgehend Terra incognita. Ich weiß sträflich wenig über Geschichte und Kultur dieses an Geschichte und Kultur ja so reichen Landes. Umso dankbarer bin ich für die Einblicke, die Stephan Thomes großartiger Roman dem Leser gewährt. "Gott der Barbaren" spielt Mitte des 19.Jahrhunderts. Die Qing-Dynastie wankt;  Europäer, vor allem Engländer haben sich in den Hafenstädten angesiedelt; der Opiumhandel blüht; Missionare strömen aus auf Seelenfang. Kulturen prallen aufeinander.
Philipp Johann Neukamp, ein junger Deutscher, empfänglich für Visionen von einem gerechteren Leben, die ihn auf die Barrikaden der März-Revolution in Deutschland geführt haben, gerät auf der Flucht an einen Scharlatan, der ihn mehr schlecht als recht ausgebildet auf einen Missionarsposten nach China schickt. Angekommen, muss er relativ schnell erkennen, dass er weitestgehend auf sich selbst gestellt ist. Zunächst kommt er bei einer anderen Missionsgesellschaft unter und dort in Kontakt mit einem jungen Chinesen, der von einem besseren China und dem Sturz des Kaisers träumt.
Dieser Hong Jin ist Cousin eines Mannes, der meint, der zweite Sohn Gottes und ein Bruder Jesu zu sein. In Visionen sieht dieser sich als Gründer eines neuen Reiches. Bei den ärmlich lebenden Hakka-Nomaden findet er schnell Anhänger, die Bewegung wächst und weitet sich zu einem Aufstand aus. In relativ kurzer Zeit erobern die Rebellen große Gebiete. Hong Jin wird einer der strategischen Köpfe der Rebellion.
Um den Aufstand niederzuschlagen, beruft der Kaiser Zeng Guofan, einen seiner besten Feldherren, der mit der sogenannten Hunan- Armee gegen die Rebellen vorgeht. Gleichzeitig wird der mächtige Oberbefehlshaber aber auch zu einer theoretischen Gefahr für den Thron, der durch die Opiumkriege mit den Briten arg ins Wanken geraten ist. Denn die Briten wollen, gemäß ihrer üblichen Kolonialpolitik, eine Öffnung des Landes für den Handel erzwingen und setzen dafür auch ihre überlegene Militärgewalt ein. James Bruce, Earl of Elgin and Kincardine, wird dafür als Sonderbotschafter einberufen.
Philipp Johann Neukamp, Hong Jin, Zeng Guofan, Lord Elgin. Um diese vier Menschen und ihre unterschiedlichen Sichtweisen dreht sich der Roman. Neukamp und Hong Jin sind die junge Generation, die Verbesserungen einführen möchte, empfänglich für Ideologien, die genau das versprechen, und die ihren Weg verlieren in einem Strudel scheinbar notwendiger Grausamkeiten, die aber, so ihr Glaube, zu einem guten Ziel führen. Selten wurde der Weg in blinden Fanatismus besser beschrieben. Das Gute, das mit dem Schwert erkämpft werden muss, geleitet von einem "Propheten" mit einem direkten Draht zu Gott - Thome zeigt, wie aus eigentlich friedlichen Menschen "Gotteskämpfer" werden, bar jeder Gnade und Menschlichkeit. Und wie ein Aufstand außer Kontrolle gerät durch innere Machtkämpfe und Realitätsverlust.
Im Gegensatz dazu stehen zwei altgediente Befehlshaber: Elgin, der von der englischen Krone von Brandherd zu Brandherd um die Welt geschickt wird und doch eigentlich lieber bei seiner Familie weilen möchte und Zeng Guofan, dessen ganzes Leben aus Kriegsführung besteht und der doch eigentlich lieber Gelehrter geblieben wäre. Im Grunde sind sich die beiden müden, aber disziplinierten Kämpen sehr ähnlich, auch wenn sie kulturell Welten trennen. Beide müssen in ihrer herausragenden Stellung einsame Entscheidungen treffen und vor sich selbst vertreten, beide sehnen sich nach Frieden und Ruhe.
Thome gelingt es hervorragend, die doch recht verworrenen politischen Fäden zu entwirren und die verschiedenen Positionen und Beweggründe darzulegen. Die Handlungen der einzelnen Beteiligten werden so nachvollziehbar, die Abläufe verständlich. Und gleichwohl bleibt das Ganze trotz der immensen Informationen über Geschichte, Kultur, Lebensweisen im damaligen China ein überaus spannender Abenteuerroman. Die Einbettung der Handlung in die historisch verbürgten Fakten gelingt mühelos, der Lesefluss ebenso.
Selten hat mich ein historischer Roman so begeistert. Die ruhige Erzählweise, die vielen Einblicke in das Denken der Protagonisten und die im Gegensatz dazu sich überschlagenden Ereignisse und handlungsbedürftigen Brennpunkte ergeben eine perfekte Komposition. Die Nominierung für die Shortlist des Deutschen Buchpreises ist daher mehr als verdient. Und wäre meine Meinung ausschlaggebend, würde Thome diesen Preis für seinen herausragenden Roman auch bekommen.

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Und die Braut schloss die Tür

Ronit Matalon , Gundula Schiffer
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 20.08.2018
ISBN 9783630875644
Genre: Romane

Rezension:

An ihrem Hochzeitstag schließt sich die Braut Margi in ihrem Zimmer ein und verweigert damit die Schließung der Ehe. Draußen vor der Tür versuchen ihre Mutter Nadja und ihr Verlobter Matti mit Margi Kontakt aufzunehmen. Doch die Braut schweigt. Aus dieser Situation macht Ronit Matalon eine bittersüße Komödie, seziert auf wenig Seiten und trotzdem präzise eine Familie, stellvertretend für die Gesellschaft. Die Braut schweigt, und jeder geht anders damit um, muss sich allein mit dieser Situation auseinandersetzen, nach Gründen suchen und nach Lösungen. Letztere fallen so unterschiedlich aus wie die Charaktere, die sie ersinnen.
Während Matti zwischen Verzweiflung und Aggression schwankt und droht, die Tür gewaltsam zu öffnen, organisiert seine Mutter eine Psychologin, die Margi quasi durch die Tür therapieren soll. Die Brautmutter ist mit der Situation gänzlich überfordert und läßt sich von einer Woge der Verzweiflung, die ihre Wurzeln in einem vergangenen Verlust hat, überrollen. Und dazu kommen der Gesichtsverlust den geladenen Gästen gegenüber und natürlich das in die Hochzeitsfeierlichkeiten investierte Geld.
Das alles beschreibt Matalon so böse wie witzig. Und lässt trotzdem auch leise Momente zu, die den Leser trotz aberwitzigster Situationen mit den Figuren fühlen lassen, etwa, wenn Matti sich vor der Tür einrollt, um Margi näher zu sein.
"Und die Braut schloss die Tür" ist ein intelligent komponierter Kurzroman, den man sich in seinem Bilderreichtum hervorragend auf der Bühne oder als Film umgesetzt vorstellen kann. Einfühlsamkeit, schwarzer Humor und Gesellschaftskritik halten sich hier wunderbar die Waage.
Leider ist dieser Roman der letzte Ronit Matalons, die Ende letzten Jahres verstarb. Ich würde mich freuen,  wenn ihre vorhergehenden Werke, die bisher nur teilweise übersetzt wurden, auch dem deutschen Leser zugänglich gemacht würden. Denn eines ist sicher, Ronit Matalon war eine hochinteressante Stimme des modernen Israels und nicht umsonst dort sehr bekannt.

Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Landpartie

Eduard Keyserling , Florian Illies
Fester Einband: 744 Seiten
Erschienen bei Manesse, 03.09.2018
ISBN 9783717524762
Genre: Romane

Rezension:

Es gibt Schriftsteller, deren Werk völlig unverdient aus der Aufmerksamkeit gerät, in irgendeiner Versenkung verschwindet und dort sanft einstaubt. Und manchmal, zum Glück!, wird so ein Schriftsteller mit seinem Werk wieder entdeckt, entstaubt und den Lesern neu vorgestellt. Eduard von Keyserling ist so ein Schriftsteller, einer der eigentlich in die Riege der großen deutschsprachigen Erzähler der Jahrhundertwende gehören sollte, in einem Atemzug genannt mit beispielsweise Fontane oder Storm oder den Manns, Heinrich und Thomas.
Der Manesse Verlag hat nun den 100. Todestag von Keyserlings am 28.September 2018 zum Anlass genommen, einen Band mit gesammelten Erzählungen herauszubringen. Dort sind nun alle auffindbaren Erzählungen und Novellen versammelt, mit Kommentar, Zeittafel, Bildteil und einem Nachwort von Florian Illies. Es wurde scheinbar sehr sorgsam recherchiert, Übersetzungen werden genannt und sogar Verfilmungen. Das ist zum einen informativ und zum anderen schön, wenn man sich noch nicht so wirklich trennen will von diesem Buch und seiner besonderen Stimmung.
Eduard von Keyserling wurde 1855 in ein altes kurländisches Geschlecht geboren und bleibt in seinen Erzählungen in weiten Teilen der Adelswelt verhaftet. Häufig geht es um den jugendlichen Überschwang gegenüber dem gegebenem Regelwerk, um unstatthafte Liebe. Aber selten wurden diese Motive so elegant und melancholisch behandelt, so bar jeden Schmalzes. Und so modern, denn von Keyserling scheut sich nicht gesellschaftliche Problematiken zu bearbeiten, so zum Beispiel die Stellung der Frau, die häufig genug wenig eigenen Willen zugestanden bekommt und im goldenen Käfig lebt.
Obwohl die Erzählungen, wie der Kommentar beweist, zeitlich und örtlich eingeordnet werden können, wirken sie wie aus der Zeit gefallen, erzählen von einer verlorenen Welt. Wobei der Autor durchaus andeutet, warum diese Welt untergeht, untergehen muss. Es ist spannend zu verfolgen, wie die Erzählungen über die Jahre sich verändern, wie es erst um Angehörige des Landadels geht, mit bestimmten Rechten, mit Gütern und Traditionen und wie nach und nach diese Rechte und Güter und Traditionen verloren gehen, so dass der Band mit einem herrischen Bankdirektor endet, der zwar noch ein "von" im Namen trägt, aber von adeligem Verhalten keine Spur mehr aufzeigt.
Was all diesen Erzählungen gemeinsam ist, das sind die Stimmungen, die von Keyserling mit Worten schaffen konnte. Seine Beschreibungen der Natur, der Gärten, der Jahreszeiten schaffen nicht nur den Rahmen für die Handlung, sondern geben die passende Färbung. Häufig befinden wir uns im Übergang vom Sommer zum Herbst, wenn die Blumen am prächtigsten blühen, aber der nahende Verfall sich schon ankündigt oder im Übergang zwischen Tag und Abend, wenn die Stimmung stiller wird und die Natur durchatmet. Die Abstufungen sind unglaublich fein, manchmal ist es nur die Beschreibung eines Blumenstraußes in den Händen der Heldin, die dem aufmerksamen Leser den Ausgang schon andeutet.
Es gibt Autoren, wo man nach jeder Erzählung eine lange Pause braucht. Hier habe ich geradezu rauschartig gelesen, weshalb im Nachhinein der Band auf mich wirkt wie ein langer Sommer, mit Bienengesumm und Rosenduft, der unwiderruflich beendet wird durch einen Krieg, der weitere Sommer dieser Art für immer unterbindet.
Es bleibt zu hoffen, dass von Keyserling nun ins Gedächtnis der Leser zurückkehrt, denn seine bildreiche und doch schnörkellose Sprache ist in ihrer Feinsinnigkeit schlicht wunderschön.

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Heimat

Nora Krug
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Penguin, 27.08.2018
ISBN 9783328600053
Genre: Biografien

Rezension:

Nora Krug hat sich mit ihrem Buch einem schwierigen Thema angenähert. Was ist Heimat? Und inwiefern nimmt unsere Herkunft Einfluss auf unser Verhalten? Und speziell für Deutsche: warum fühlen wir uns schuldig für das Grauen, dass unsere Vorfahren verbreitet haben? Und daraus abgeleitet: haben eigentlich die eigenen Vorfahren überhaupt daran teilgehabt? Und wenn ja, wie?
In den meisten deutschen Familien herrscht Schweigen über die Vergangenheit. Inzwischen ist die "Täter"-Generation in großen Teilen verstorben, direkte Nachfragen zu dem Verhalten im Dritten Reich sind so nicht möglich. Von den Kindern, also unseren Eltern, hört man auch häufig nur wenig: "der Opa war nicht so" oder "die Oma hat es schwer gehabt". Aber was ist denn nun wirklich passiert?
Nora Krug beginnt nachzuforschen. Sie befragt Familienmitglieder, durchforstet alte Akten, besucht Wohnorte, Archive, Bibliotheken. Und das, was sie herausfindet, bildet die Grundlage für ihr Buch. Dazu kommen Flohmarktfunde, Bilder aus der Zeit, angeordnet unter verschiedensten Gesichtspunkten, Soldaten mit Tieren z.B. oder KZ-Wärterinnen, Zeichnungen, Exkurse zu typisch deutschen Dingen wie Hansaplast oder Brot...
"Heimat" ist ein ganz besonderes Buch. Gestaltet wie eine Graphic Novel, kommt es leichtfüssig daher, aber es ist kein Leichtgewicht. Es stellt unseren Umgang mit Geschichte in Frage, die Tatsache, dass wir zwar alle Daten und Fakten über die Gesamtvorgänge kennen, aber selten sagen können, welche Geschäfte in unserem Heimatort eigentlich in jüdischem Besitz waren, ob unsere Großväter in der Partei waren, wie der Krieg mit unserem Wohnort umgegangen ist.
"Ach, lass die Toten doch ruhen", war die Antwort meiner Mutter auf Nachfragen. Gleichzeitig hat sie aber ein ungutes Gefühl, wenn z.B. Deutsche bei der Fußballweltmeisterschaft die Flagge im Gesicht aufgemalt herumtragen, wie alle anderen teilnehmenden Völker auch. Ruhen die Toten dann wirklich?
Und hilft es uns wirklich weiter, lieber unsere gesamte Vergangenheit pauschal zu verdammen, von den Germanen über das Nibelungenlied bis zur Pickelhaube, weil Teile davon von den Nationalsozialisten für ihre Zwecke mißbraucht wurden, statt endlich aufzuarbeiten, was eben nicht ein ganzes Volk dazu bewogen hat mitzulaufen, mitzumachen, sondern viele einzelne, individuelle Personen unterschiedlichster Herkunft, meinen Großvater eingeschlossen?
Nora Krug liefert eine ganze Reihe kluger Denkanstöße ohne zu Dozieren. Sie läßt uns schlicht teilhaben an ihrer persönlichen Suche nach Erkenntnis. Und das macht sie so wunderbar, dass ich ihr ganz viele Leser wünsche, ganz besonders unter den heutigen Schülern. Denn wir sollten unsere Vergangenheit nicht denen überlassen, die sie wieder zu mißbrauchen gedenken.

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73 Bibliotheken, 6 Leser, 2 Gruppen, 18 Rezensionen

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Sechs Koffer

Maxim Biller
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 08.08.2018
ISBN 9783462050868
Genre: Romane

Rezension:

Ein schmaler Band. Da muss man sorgsam auswählen, was hinein soll, was zwingend notwendig ist, was zurück bleibt und dann muss genauso sorgsam formuliert werden, damit auch alles seinen Platz findet. Der Inhalt von sechs Koffern, von sechs Leben, von mindestens sechs möglichen Romanen, zusammengekürzt auf diesen schmalen Band. Da hat jemand das Koffer packen gelernt. Ein Familienerbe?
Der Großvater wurde vom KGB verhaftet und hingerichtet. Jemand muss ihn verraten haben. Jemand aus der Familie? Aber wer? Und warum? Gegenseitige Schuldzuweisungen, jahrzehntelanges Schweigen, keiner will die Enkel einweihen in die Familiengeheimnisse, keiner will Fragen beantworten. Das vergrößert natürlich die Neugier eher als sie einzudämmen. Der junge Maxim Biller beginnt nachzuforschen...
Was hier Wahrheit ist und was Dichtung, bleibt in einer Grauzone. Die nachprüfbaren Fakten stimmen, Namen, Wohnorte, Berufe. Aber darum geht es im Grunde auch gar nicht.
Für uns Deutsche heutzutage ist es vorbei. Wir weisen jede Zusammengehörigkeit mit den Dritten Reich zurück und können dadurch recht unbeschwert leben. Wenn wir auf dem richtigen Wege sind, stehen wir auf gegen rechts, aber seltenst befinden wir uns dabei in unmittelbarer Gefahr. Für Juden ist es nicht vorbei. War es niemals. Denn der Antisemitismus ist unausrottbar, kommt und geht in Wellen. In der Sowjetunion und den angrenzenden Partnerstaaten war er neben den unzähligen anderen Einschränkungen immer eine Bedrohung. Ist es daher ein Wunder, dass die Kinder des Großvaters in den Westen fliehen möchten? In ein ruhigeres Leben, ohne Pulverfässer, die jederzeit hoch gehen könnten? Die Frage ist nun die, welchen Preis sie dafür bereit sind zu zahlen...
Mehr zum Inhalt möchte ich gar nicht sagen. Den erschließt man sich besser selbst. Aber ein paar Überlegungen zu Kritikpunkten habe ich noch:
Eine durch und durch unsympathische Familie wäre das, stellt eine Bekannte fest. Nun ist an persönlichen Meinungen ja selten zu rütteln, aber sind die Billers unsympathisch? Sind sie nicht eher getrieben? Auf der Suche nach einem lebenswerten Leben, nach Sicherheit? Und können wir das überhaupt nachvollziehen, was es mit Menschen macht, sich über Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende niemals völlig sicher fühlen zu dürfen?
Und ein anderer Gedanke: ist uns eventuell Tevje, der Milchmann lieber? Ein melancholischer, sanfter Mensch, immer freundlich, immer fröhlich, der sein Schicksal ergeben trägt? Haben wir es nicht so gern, wenn jemand kritisch hinterfragt, uns aus der bequemen Zone heraus drängt? Und muss ein intelligenter hinterfragender Geist nicht bisweilen vor unserer Selbstgefälligkeit und Behäbigkeit ausfällig werden? Und ist es wirklich so viel schlimmer, wenn jemand offen ausspricht, was die anderen lieber netter formuliert hinten herum anbringen?
Und letzte Frage: muss ein Schriftsteller sympathisch sein, um gute Bücher zu schreiben? Muss man eventuelle  öffentliche Tiraden kennen, um die Bücher beurteilen zu können?
Aber um zu einem Schluss zu kommen: ich finde "Sechs Koffer" brilliant und zu recht auf der Shortlist.
Und wer sich durch obige Überlegungen auf den Schlips getreten fühlt, wird schon wissen, warum.

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Die Blütezeit der Miss Jean Brodie

Muriel Spark , Andrea Ott
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 29.08.2018
ISBN 9783257070088
Genre: Romane

Rezension:

Dieses 1961 erstmals erschienene Buch ist schlichtweg alterslos. Es ist spritzig, charmant, witzig und auf elegante Weise böse und das alles auf nur 261 Seiten. Selten habe ich ein so perfekt komponiertes Schmuckstück gelesen, mit so vielen Facetten auf so wenig Seiten.
Die Lehrerin Jean Brodie pflegt einen eher unkonventionellen Unterrichtsstil. Sie bevorzugt offen eine Reihe Schülerinnen, die sogenannte Brodie-Clique, die sie durchaus auch privat zum Tee einlädt, sie erzählt lieber Ankedoten aus ihrem Leben als den Unterrichtsstoff durchzuarbeiten, sie beeinflusst und formt die Mädchen ungehemmt und manipuliert sie nach ihren Wünschen. Bisher allerdings konnte die Schulleitung ihr noch kein Fehlverhalten nachweisen. Auch Miss Brodies Privatleben entspricht wenig den Gepflogenheiten ihrer Zeit. Sie liebt den verheirateten Kunstlehrer und beginnt mit dem Musiklehrer ein Verhältnis. Doch ihre Blütezeit nähert sich dem Ende, eingeleitet durch einen Verrat aus ihrem engsten Umkreis.
Man mag sie, die charismatische Miss Brodie mit dem römischen Profil. Und trotz ihrer übergriffigen Manipulationen bedauert man ihren Niedergang. Denn eine gewisse Freiheit des Denkens und Handelns hat sie ihren Schülerinnen durchaus vermittelt. Sie ist eine Art dunkler Mary Poppins, eine Miss Poppins, die ihre Macht hemmungslos ausnutzt und das weniger zum Guten ihrer Zöglinge, denn zum eigenen Vorteil. Fasziniert vom Faschismus und von der eigenen Unfehlbarkeit überzeugt, kommt sie wie ein Wirbelsturm in die Leben ihrer bevorzugten Schülerinnen und formt sie nach ihrem Willen. Die Brodie-Clique wird ein Leben lang, diese Unterrichtsstunden als prägend empfinden.
Muriel Spark wechselt die Zeitebenen so oft wie andere ihre Unterröcke. Sie springt vor und zurück, berichtet den Werdegang der Mädchen, erzählt von ihrer Herkunft und Zukunft - und das völlig unaufgeregt und vor allem ohne Hektik. Jedes Wort ist dort, wo es hingehört, jeder Sprung bringt auch den Leser weiter, ein Juwel der Formulierungskunst. Selbst Sex wird unverklemmt und trotzdem damenhaft abgehandelt, und genau genommen gibt es tatsächlich recht viel davon, erstaunlich viel für einen Roman von 1961. Mich aber hat am meisten beeindruckt, mit welcher Leichtigkeit die Autorin Autoritätsmissbrauch darstellt,ohne erhobenen Warnfinger aber mit Nachdruck. Denn man mag sie, die Miss Jean Brodie in der Blützeit ihrer Jahre, und das ist das Gefährliche.

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3 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Zurück nach Fascaray

Annalena McAfee , Christiane Bergfeld
Fester Einband: 960 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 29.08.2018
ISBN 9783257070200
Genre: Romane

Rezension:

Ich bin sprachlos, was recht selten passiert. Wie schreibe ich über dieses Buch? Es ist völlig verrückt, es ist genial, ich bin schockverliebt? Ja, das trifft es am ehesten. Hiermit stelle ich mein Jahreshighlight 2018 vor, denn hiernach kann nichts Vergleichbares mehr kommen.
Aber von vorn: bei Durchsicht der Vorschau fiel mir dieses Buch auf. "Fascaray". das klang gut, abgelegene schottische Insel, Nationaldichter, Identitätssuche waren die Stichworte, also habe ich mir das Ganze notiert. Und dann erschien es nicht. Für Mai war es angekündigt, jetzt im August ist es erst soweit, mit dem Warten wurde ich immer gespannter. Und dann kam der Tag, an dem der Postmann mir ein Diogenes-Päckchen in die Hand drückte, und heraus kam... ein Ziegelstein von einem Buch. Mit hauchdünnen Seiten. 951 Seiten, um genau zu sein.
Auf diesen 951 Seiten erzählt Annalena McAfee die Geschichte des fiktiven Eilands Fascaray, des fiktiven Dichters Grigor McWatt und die von Mhairi McPhail, die beauftragt wurde, ein McWatt-Museum auf der Insel aufzubauen. Das gelingt ihr derart phantastisch, dass ich erst einmal irritiert nach einer schottischen Insel namens Fascaray gesucht habe. Der Leser findet in diesem Buch Ausschnitte aus dem McWatt-Kompendium, einer Art Tagebuch, Teile von McWatts Werk in Deutsch und Schottisch, Kochrezepte, Bücherlisten, Ausschnitte aus Mhairis Arbeit über den Dichter, kurz eine komplette eigene Welt mitsamt Pflanz- und Tierlisten. Überhaupt diese Listen mit schottischen Ausdrücken zur Wetterlage, zur Flora und Fauna, grandios!
Zugegeben, man muss ein wenig irre sein, um sich durch all das durchzuarbeiten, man muss Schottland mögen, es hilft zumindest, und die schottische Sprache. Das trifft bei mir alles zu, daher bin ich selig in diesem Buch verschwunden und mit rollendem R und Rachen-Ch wieder hervorgekommen.
Aber dieses Buch ist nicht nur eine Liebeserklärung an Schottland, es wirft auch die Frage auf, was Heimat ist und was die eigene Identität eigentlich ausmacht. Macht einen ein unbekannter Urgroßvater zum Schotten oder doch auch die Liebe zur Kultur?
Und so ist "Zurück nach Fascaray" für mich ein unglaublich intelligentes, liebevolles und vollkommen verrücktes Projekt, ein Roman, bei dem ich jede seiner 951 Seiten geliebt habe. Zum Abschluß möchte ich mich noch bei Christiane Bergfeld für die wunderbare Übersetzung bedanken, denn das ist bestimmt kein Spaziergang gewesen.
Und ein kleiner Tip am Rande: wer ein wenig sucht, kann im Internet eine Aufnahme des Liedes finden, mit dem Grigor McWatt berühmt geworden ist : Hame tae Fascaray. Den Background bilden Annalena McAfees Sohn und ihr Mann Ian McEwan.

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40 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 20 Rezensionen

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Ein schönes Paar

Gert Loschütz
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Schöffling, 06.02.2018
ISBN 9783895611568
Genre: Romane

Rezension:

Mein erster gelesener Roman von der diesjährigen Longlist für den Deutschen Buchpreis. Und ganz sicher nicht der schlechteste Einstieg in diese Liste.
Gert Loschütz erzählt von einer lebenslangen Liebe, einer Liebe, die trotz Trennung nicht endgültig loslassen kann, von zwei Menschen, die auf ewig verbunden bleiben.
Herta und Georg lernen sich kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs kennen, eine junge Verkäuferin und ein Berufssoldat. Obwohl beider Eltern die Verbindung nicht schätzen, werden die Beiden ein Paar. Sie bekommen einen Sohn, Philipp genannt Fips, und richten sich nach dem Krieg in der DDR ein. Doch weil das Leben dort kein Zuckerschlecken ist und ein Fehler schnell gemacht, ist die junge Familie irgendwann gezwungen, in den Westen zu fliehen. Dort zerbricht ihre Ehe, Herta läßt ihren Sohn bei Georg zurück und verschwindet jahrelang. Nur Postkarten geben in unregelmäßigen Abständen ein Lebenszeichen.
Loschütz versteht sein Handwerk. Stück für Stück setzt der Leser gemeinsam mit Philipp Hertas und Georgs Werdegang zusammen, wird man zu den wichtigen Kreuzungen in ihrer beider Leben geführt. Oft bleibt es dem Leser dabei selbst überlassen, sich das "Wie" oder "Warum" zu denken, vieles bleibt vage, einiges offen. Aber welcher Sohn weiß schon alles über das Leben seiner Eltern?
Der Roman ist wohl durchdacht, wohl formuliert und trotzdem sprang bei mir der Funke nicht über. Vielleicht weil mir das Handeln der Personen zu unverständlich war? Stellt ein Sohn seiner Mutter, die über Jahrzehnte verschwindet, wirklich keine Fragen, wenn sie urplötzlich wieder auftaucht? Und auch nicht dem Vater über die Gründe dieses Verschwindens, der Trennung? In jungen Jahren vielleicht nicht, aber später, als Heranwachsender, als Teenager?
Und dann wirkt der Text zu poliert auf mich, ja, tatsächlich zu professionell. Mir fehlt der Lebenshauch in der brillanten Konstruktion. Sprachlich wunderbar elegant, bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, ist eigentlich im Überfluss alles da, was ein Meisterwerk benötigt. Aber wirklich berührt hat mich der Roman nicht. Auf der Longlist steht er trotzdem definitiv verdient und hat sicherlich auch gute Chancen für die Shortlist.

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"deutsche politikwissenschaftlerin":w=1

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an

Michaela Karl
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei btb, 09.07.2018
ISBN 9783442716234
Genre: Sachbücher

Rezension:

Michaela Karl schreibt einfach wirklich lesenswerte Biographien. Erst kürzlich habe ich ihr Buch über New Yorks spitzeste Feder Dorothy Parker gelesen, nun folgte ihr neuestes Werk über Unity Mitford. Was die Bücher Frau Karls ausmacht, ist die sehr gute Recherche, der nachvollziehbare Aufbau ohne unnötiges Namedropping und die durchgehend spannende Ausarbeitung. Zusammenhänge klar zu erklären und dabei charmant zu erzählen, das Talent hat wahrlich nicht jeder...
Diesmal also Unity Mitford. Aber wer zum Henker ist das? Ein leises Klingeln hatte ich im Hinterkopf beim Namen Mitford, jedoch in Verbindung mit dem Namen Nancy. Und, bingo, Unity ist eine der sogenannten Mitford Schwestern, die in den Zwanziger und Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts Englands Tageszeitungen recht häufig zierten.
Die Mitford Schwestern sind die sieben Töchter von Lord und Lady Redesdale. Aufgewachsen in für die Zeit erstaunlicher Freiheit auf dem Lande und nicht an eigener Meinungsbildung gehindert, werden sie genauso schön wie exzentrisch. Nancy und Diana, Unitys ältere Schwestern, sind gern gesehene Ballgäste, weltoffen, mit großem Freundeskreis. Unity dagegen gilt früh schon als schwierig und aufmüpfig. Als Diana Geliebte des englischen Faschistenführers Mosley wird, wendet auch Unity sich dem Faschismus zu. Sie reist nach Deutschland, lernt dort tatsächlich Hitler kennen und eine enge Freundschaft entsteht.
Michaela Karl versucht aufwendig nachzuvollziehen, wie aus einem englisches Upper class girl eine hartgesottene Nationalsozialistin werden konnte. Wie ein intelligenter, charmanter, fröhlicher Mensch einer solchen menschenverachtenden Idiologie blind folgen konnte, alles ausblendend, was nicht ihrem Weltbild entsprach.
Es ist nicht nachzuvollziehen, zumindest für mich nicht. Frau Karl holt sehr weit aus, berichtet über Herkunft und Umfeld, über Einflüsse, politische Strömungen, aber Unity bleibt blass, nicht greifbar. Sie soll aufgedreht und dumm gewesen sein, sagen die einen, die anderen sprechen von ihrem Charme und ihrer Aufgeschlossenheit. Definitiv war sie wohl eines der ersten Fangirls, völlig ihrem Idol Hitler verfallen. Schlimmer noch, es gelingt ihr, auch einen Teil der Familie damit anzustecken. Ihre Schwester Diana wird bis zum Tode bekennende Faschistin bleiben.
Für mich war es hochinteressant zu lesen, wie viele Engländer den deutschen Nationalsozialismus bewundert und auch gefördert haben. Wie gesellschaftsfähig Faschismus und Judenhass auch dort waren. Ich wusste, dass es diese Strömungen dort gab, P.G. Wodehouse z.B. macht sich mit seiner Figur Spade über oben erwähnten Oswald Mosley lustig, aber wie offen Hitler von britischen Adelskreisen hofiert wurde, war mir nicht klar.
Auch wenn sich mir die Beweggründe Unitys nicht wirklich erschlossen haben, ist diese Biographie äußerst lesenswert und sollte unsere Wachsamkeit wecken. Denn Menschenverachtung kommt nicht immer dumpf und kahlgeschoren daher. Nein, manchmal erscheint sie auch als elegante, redegewandte Dame von Welt. Aber wie auch immer sie auftritt, man muss ihr frühzeitig entgegen treten.

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Unter der Drachenwand

Arno Geiger
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 10.01.2018
ISBN 9783446258129
Genre: Romane

Rezension:

1944. Der junge Soldat Veit Kolbe wird zur Genesung nach Mondsee geschickt, einem Dorf unterhalb der Drachenwand in Österreich. Dort wird er bei der unfreundlichen Trude Dohm einquartiert. Ebenfalls bei Frau Dohm im Quartier ist Margarete mit ihrem Baby, deren Mann an der Front ist. Aus gelegentlichen Begegnungen werden gemeinsame Abendessen und schlußendlich Liebe. Aber sobald Veits Verletzungen verheilt sind, wird ein neuer Einberufungsbefehl kommen.
Was nach einer romantischen Liebesgeschichte in Kriegszeiten klingt, ist auch genau das, eine romantische Liebesgeschichte in Kriegszeiten. Aber eben nicht nur. Arno Geiger gelingt es, das Große im Kleinen abzubilden, Mondsee als ein Ort unter vielen im sogenannten Deutschen Reich. Da ist der erschöpfte, kriegstraumatisierte Soldat, die Kriegsbraut, die ihren Mann kaum kennt, die Lehrerin, die für Zucht und Ordnung sorgen soll und ihre landverschickten Schützlinge, die kaum zu bändigen sind, der Brasilianer, Bruder der Quartiersfrau Dohm, der für seine offenen Worte schwer bezahlen muss und der Postenkommandant in Mondsee, der sich an jegliche Regeln hält, um nur ja nicht aufzufallen. Sie alle sind Stellvertreter einer kriegsgeschädigten Gesellschaft.
Aber obwohl man die Idee zu diesem Roman, die Konstruktion dahinter zu erkennen vermeint, ist es eben die große Kunst Geigers lebende, atmende Menschen erschaffen zu haben. Menschen, deren Beweggründe man nachvollziehen kann, deren Schicksal einem nahegeht, die eben im Guten wie im Schlechten menschlich handeln. Es gibt keine Bösewichter und Helden, nein, Geigers Gestalten versuchen auf ihre Weise und ihrem Charakter entsprechend mit der Ausnahmesituation zurecht zu kommen. Und das gelingt naturgemäß mal mehr, mal weniger gut.
Was diesen Roman mit seinen vielen Einzelschicksalen zusammenhält, ist die Sprache. Nüchtern, geradlinig und doch feinfühlig erzählt Geiger seine Geschichte. Und der Erzählfluss scheint ihm so wichtig zu sein, dass er dem Lesenden Atempausen in Form von Schrägstrichen vorgibt, wie man das sonst eher aus Theatertexten kennt. Und das ist auch das Besondere, das Großartige an diesem Roman: ein Autor, der seinen Text bis ins Kleinste durchdacht und geplant hat, der jedes Wort und jedes Satzzeichen bewußt gesetzt hat und dem es trotz oder vielleicht auch genau darum gelingt, seiner Geschichte Leben einzuhauchen und, genau dosiert, Gefühl. Hier ist ein Meister seines Fachs am Werk, selten erlebt man eine solche handwerkliche Präzision. Und so war die Nominierung für die Longlist des Deutschen Buchpreises wohl zu erwarten, gefolgt von der Nominierung auch für den Österreichischen Buchpreis.
Und wer sich bisher nicht herangetraut hat an "gehobene" Literatur, weil er sie für nicht oder nur schwer lesbar hielt, der möge hier einen Versuch wagen. Denn neben all dem oben Gesagten, entwickelt der Roman beim Lesen eine solche Sogwirkung, dass ich ihn mehr oder weniger in einem Zuge gelesen habe, unwillig über jede notwendige Pause. Ich wiederhole es also wirklich gern: ein ganz und gar großartiger Roman!

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44 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 10 Rezensionen

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Mord in Cornwall

John Bude , Eike Schönfeld
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 23.09.2018
ISBN 9783608962383
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Klett-Cotta nimmt sich gerade auf liebevolle Weise des britischen Krimis an. In schönster Regelmäßigkeit erscheinen fast vergessene Romane mehr oder weniger bekannter Autoren in bester Agatha Christie-Manier. Und die Bücher sind schon ohne Inhalt wahre Schmuckstücke.
Dieses hier nun ist ein etwas betulicher Whodunnit, der in einem kleinen Fischerdorf an Cornwalls Küste spielt. In seinem Herrenhaus wird der wenig beliebte Julius Tregarthan erschossen aufgefunden. Die Polizei beginnt zu ermitteln, bedarf aber bisweilen der Hilfe des krimibegeisterten Pfarrers, der seine angelesenen Deduktionskünste nun in einem echten Mordfall nutzen kann. Wer schnelle Schnitte, rasante Verfolgungsfahrten oder blutige Gemetzelszenen erwartet, der wird sich hier relativ schnell langweilen. In dem Dörfchen geht alles weiter seinen Gang, jeder kennt jeden und jeder spekuliert. Spannend ist dabei nur das Mordsetting: ein Herrenhaus, einsam auf den Klippen, zwei Schüsse, aber keine Fußspuren, ein unbeliebter Toter und so einige in Frage kommende Verdächtige. Neben Reverend Dodd wäre auch Miss Marple auf ihre Kosten gekommen. Diese Art Krimi liest man am besten an einem regnerischen Herbsttag unter einer Wolldecke auf dem Sofa, selbstverständlich mit einem Tee und, für Perfektionisten, einem angekuschelten britischen Jagdhund. Ich bin Perfektionistin.
"Mord in Cornwall" ist der erste Kriminalroman John Budes, und das merkt man dem Buch nicht wirklich an. Später wurde Bude unter seinem richtigen Namen Ernest Carpenter Elmore, John Bude ist ein Pseudonym, Mitbegründer der Crime Writers' Association und schrieb noch zahlreiche weitere Krimis.
Was ich an diesen klassischen britischen Krimis so liebe, ist die Tatsache, daß sie ein bißchen wie Märchen für Erwachsene funktionieren. Am Ende ist immer alles gut, der Mörder wurde gefasst, der Ermittler ist selten in unmittelbarer Gefahr und die Spannung entsteht durch das Miträtseln. Ein mit einem solchen Krimi gemütlich verbrachter Nachmittag erholt mich manchmal mehr, als aufwendig geplante Urlaube. Und deshalb hoffe ich, dass Klett-Cotta diese Reihe noch lange weiterführt.

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