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American Blood

Ben Sanders , Berni Mayer , Ulla Mothes
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.09.2016
ISBN 9783453418394
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Man liest anders, wenn man die Orte, wo eine Geschichte spielt, aus eigener Anschauung kennt. Zugegeben, ich spreche von mir.
 
„American Blood“ spielt hauptsächlich in New Mexico. Und da ich schon einige Male dort gewesen bin, fühlte ich mich bei diesem rasanten Thrillers immer mal wieder vor Ort mit dabei. Der dortige blaue Himmel, die kalte und karge Landschaft, die Weite gemahnen einen gelegentlich an den Mond oder den Mars. Doch eben nicht nur:
 
„Er fuhr auf der I-25 zurück nach Norden, nach Santa Fe und dort östlich auf der San Francisco Street durch die Innenstadt. Niedrige Lehmziegelhäuser, überall spanische Verzierungen. Die Kathedrale des heiligen Franz von Assisi schmückte das Ende der Strasse. Ihm gefiel dieses Bewusstsein für Tradition. Die älteste Hauptstadt eines amerikanischen Bundesstaates und er mittendrin: ein Glücksritter in tausendjähriger Tradition.“
 
Worum geht's?
Marshall Grade arbeitete als Undercover-Cop in New York. Dann flog er auf, musste fliehen, vom mächtigen Drogenkartell von Tony Asaro wurde ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt, er wird in einem Zeugenschutzprogramm in New Mexico untergebracht. Die ihm zur Verfügung gestellte Wohnung vermietet er und nimmt sich in Santa Fe eine günstigere Unterkunft.
 
Dann verschwindet eine junge Frau namens Alyce Ray, die ihn an jemanden aus seinem früheren Leben erinnert (wer das genau ist, wird im Verlaufe der Geschichte enthüllt). Marshall macht sich auf die Suche nach ihr und gerät dabei an äusserst brutale, gewalttätige Drogenhändler. Darüber hinaus wird er von einem Auftragskiller (von dem man auch erfährt, wie er dazu geworden ist) gejagt.
 
Marshall ist ein nachdenklicher, wortkarger Typ, der es besonders den Frauen, mit denen er zu tun hat, nicht gerade leicht macht. Doch auf sich allein gestellt ist er nicht; Hilfe erhält er von Lucas Cohen, einem Polizisten, der im Zeugenschutzprogramm eingeteilt ist.
 
Das alles ist überaus spannend geschildert, es gibt Tote zuhauf, die nicht zuletzt der Polizeibürokratie zu schaffen machen.
 
Ben Sanders, 1989 im neuseeländischen Auckland geboren, versteht es meisterhaft, mit wenigen Sätzen Stimmungen herzuzaubern, die einen nicht mehr so schnell loslassen. 
„Im Norden die Berge. Sie erinnerten ihn daran, wie riesig die Welt war und dass keine Herausforderung einzigartig war. Irgendwo da draussen unter Milliarden von Menschen hatte jemand im selben Moment das gleiche Problem wie er. Er wartete.“
 
Fazit: Ein Thriller, der einem ganz viele „thrills“ verschafft.

PS: Weitere Bände mit Marshall Grade sollen folgen. Man darf gespannt sein. Auch darauf, wie der Autor diesen Charakter weiter entwickelt, den er von sich sagen lässt. „Ich bin kein Teil der Gesellschaft. Ob das Land von Demokraten oder Republikanern regiert wird, betrifft mich nicht.“

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Ausgewählte Werke von Annemarie Schwarzenbach / An den äussersten Flüssen des Paradieses

Annemarie Schwarzenbach , Roger Perret
Fester Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Lenos, 02.11.2016
ISBN 9783857874703
Genre: Sonstiges

Rezension:

Diese zum Teil unveröffentlichten Textausschnitte, erfahre ich aus dem Klappentext, entstanden zwischen 1933 und 1942, während Annemarie Schwarzenbachs Fahrten durch Europa, nach Asien, Afrika und in die USA. Herausgeber Roger Perret erläutert: „In dieser Textcollage können die verschiedenen Fahrten als ein Vorhaben, als eigentliche Lebensreise Annemarie Schwarzenbachs erfahren werden.“ 
 
Textcollage trifft es gut, Lebensreise ebenso. Sinnigerweise beginnt das Ganze mit einem Kapitel über die Schweiz, dem dieser ganz wundervolle Satz vorangestellt ist: „Why do we leave this loveliest country in the world?“ Weil damals (1933-1935) zum Beispiel Syrien ein überaus anziehendes Land war. „Syrien stellt sich dem Reisenden vor als ein fruchtbares Küstenland, der Côte d'Azur manchmal verblüffend ähnlich, mit graublauen Olivenbäumen und gelben Felsen, Farbtöne Cézannes, den schönen Abhängen des Libanon, auf seinem höchsten Kamm noch schneegekrönt, und einer belebten, erstrangigen Asphaltstrasse, die dem blauen Meer entlang Fischerdörfer und Kreuzritterstädte miteinander verbindet. Aber, dieses Syrien ist das des ersten Aspekts, vorbehalten den Leuten, die auf Luxusdampfern zur Osterzeit eine Mittelmeerfahrt unternehmen.“ Im weiten Inneren des Landes sieht es jedoch anders aus, das regiert die „Atmosphäre der Wüste, der grossen, unter einer blendenden Sonne liegenden Landstriche ...“. 
 
Schwarzenbachs Schilderungen von Iran (über Teheran notiert sie unter anderem: „Wie in Innsbruck sehen die schneebedeckten Berge überall in die breiten Strassen hinein.“) machen mich nicht nur neugierig auf dieses mir unbekannte Land, sondern sehnsüchtig. Und über die Schiiten lese ich, sie seien „die Feinde jedes Fortschritts und hassen nicht nur die Europäer, sondern alles, was auf Veränderung und Bewegung hinweist, denn ihre Religion verlangt ja den ewigen Rückblick, die fruchtlose Anklage, den Zustand der Feindschaft und Verschliessung.“ 
 
„An den äussersten Flüssen des Paradieses“ ist sowohl Reisebericht als auch politische Aufklärung. Doch vor allem ist es reflektierende Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben. „... aber ich gestehe, dass ich geneigt war, angesichts der Wüste, die einmal der Boden der frühesten Kultur gewesen ist, an allen Realitäten der Vergangenheit wie der Zukunft zu zweifeln, denn wir glauben so recht von Herzen doch nur an den Augenblick, den es nicht gibt.“
 
Es finden sich auch kurze Briefauszüge in diesem schön gestalteten, gut in der Hand liegenden Band, etwa an Klaus Mann, Carl Jacob Burckhardt oder Arnold Kübler. An letzteren mit der Ortszeile Sils-Baselgia (und natürlich taucht dabei vor meinem inneren Auge sofort die Oberengadiner Landschaft auf) zum Beispiel diese Zeilen: „Sie sprechen immer mit so etwas wie Neid von der Freiheit des Reisens, von Ihrem soliden Redaktionstisch aus [...] Muss ich Ihnen sagen, mit was, für gewisse Menschen, die Orient- und Abenteuer-Fahrten erkauft sind?“
 
„An den äussersten Flüssen des Paradieses“ ist nicht nur ein vielfältig anregendes, sondern ein auch immer wieder zum Schmunzeln einladendes Buch. „Noch eine Stunde bis Baku ... und als ich auf das Deck hinaustrete, sieht man schon eine grosse Bucht, und auf der linken Seite etwas, was ich zuerst für einen Pinienwald halte – und dann erkenne, dass es Öltürme sind, die dicht nebeneinander ein grosses, gelbes Feld bedecken.“ 
 
Herausgeber Roger Perret legt mit diesen höchst ansprechenden Texten nicht einfach eine Auswahl, sondern so recht eigentlich eine sehr gelungene Komposition vor. Ergänzt wird sie durch einen hilfreichen Anhang, der auch Quellenhinweise sowie eine Biographie der Reisenden Annemarie Schwarzenbach umfasst.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der

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krimi, mord, serienkrimi, zwangsprostitution, kindesmissbrauch

Alles so hell da vorn

Monika Geier
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Argument Verlag mit Ariadne, 13.07.2017
ISBN 9783867542234
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Dies ist mein erster Monika Geier-Krimi und bereits nach ein paar Seiten bin ich wild entschlossen, ihn definitiv zu mögen, ja mehr, ihn gut zu finden. Das hat mit der Seite 9 zu tun, auf der geschildert wird, wie die Protagonistin mit dem Rauchen aufgehört hat. Wie? „Ganz einfach so. Sie, Kriminalkommissarin Bettina Boll, hatte gedankenlos eine Kippe nach der anderen geplotzt, seit sie zwölf war, denn da waren ihre Eltern gestorben. Jetzt rauchte sie nicht mehr. Das war alles. Einen Entschluss dazu hatte sie nicht gefasst. Es war nur einfach nicht mehr notwendig.“
 
Wer so schreibt, hat nicht nur viel Witz von der Sorte, die mir gefällt, sondern versteht auch etwas von Sucht (und vom Leben), denn besser als mit „Es war nur einfach nicht mehr notwendig“ kann man das Ende einer Sucht (und den Anfang eines neuen Lebens) nicht beschreiben.
 
In der „Sexy Bar“, einem Bordell im Vorort eines Frankfurter Vororts, wird ein Kunde erschossen – Bettina Bolls Kollege Ackermann. Die Täterin ist schnell ausgemacht – eine junge Zwangsprostituierte, die sich Manga nennt, flüchtig ist und kurz darauf in einer Dorfsturnhalle, wo Lehrer, Kinder und Eltern gerade einer Vorführung der Polizeipuppenbühne des Polizeipräsidiums Westpfalz zuschauen, den Schuldirektor Gutvatter erschiesst.
 
Den Plot fand ich eher so so, das Buch hingegen super. Das liegt daran, dass Monika Geier wunderbar erzählen kann, und spannend darüber hinaus, Krimigefühle kamen zunächst jedoch nicht auf. Weil Krimi für mich Page-Turner bedeutet und zu einem solchen wird „Alles so hell da vorn“ erst in der zweiten Hälfte, wo die Geschichte gehörig Fahrt aufnimmt. Doch ich will nicht meckern, denn das ist ein sehr gelungenes Buch.
 
Ein aktuelles Sittengemälde ist es, das besser als jede Sozialstudie vermittelt, wie Leute miteinander umgehen, wie sie reden, denken, was sie umtreibt, was auf der Welt los ist. Der Verlag sieht das offenbar anders, ganz anders, sonst hätte er kaum diesen Satz aus einer Besprechung auf der vierten Umschlagsseite platziert: „Leicht streift Geier den Zwang zur Wirklichkeitsstreue ab, ohne das Geisterbahngetröte aufgeregter Metzelthriller: Bettina Boll leistet an halben Tragen ganze Arbeit.“ Am Rande: Was um Himmels Willen sind bloss Geisterbahngetröte und Metzelthriller? 
 
Monika Geier schaut den Leuten aufs Maul und lässt sie immer mal wieder ganz wunderbar exotisch-reale Dialekte reden. Überhaupt kennt sich diese Autorin im wirklichen Leben aus, mit den Tücken des Alltags, mit den Anstrengungen und Freuden alleinerziehender Mütter, mit dem Leben in Pirmasens. „In Primasens war es dann so, wie es eben ist, wenn Drama auf Bürokratie stösst: irgendwie unbefriedigend.“ Darüber hinaus ist sie eine eigenständige Denkerin. „Vielleicht war das, was posttraumatische Belastungsstörung genannt wurde, ja nur ein ganz natürliches Innehalten nach einer Krise. Eine plötzliche Weitsicht, gesunde Unzufriedenheit mit einem fehlerhaften System. Die dazu führte, dass man wirklich krank wurde, wenn man nichts änderte.“
 
„Alles so hell da vorn“ ist ein echt tolles Buch!

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seele, soziale konflikte, sao paolo, entführung, thriller

Wer Lügen sät

Robert Wilson , Kristian Lutze
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 19.06.2017
ISBN 9783442314539
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Sabrina Melo, die Tochter des skrupellosen brasilianischen Multimillionärs Iago Melo, wird in São Paulo entführt. Dieser engagiert den Spezialermittler Charles Boxer, spielt aber sein eigenes gefährliches Spiel. „Sie kommen nicht in meine Position, wenn Sie nicht einen geschärften Kern aus Stahl haben, Mr Boxer.“ Die Charakterisierung dieses Ego-Monsters lässt einen automatisch an andere Egozentriker denken. „Er hat getan, was 'er' tun wollte. Ja, nur 'er' weiss, wie man es macht. Es hat meine Mutter wahnsinnig gemacht, und dann hat es 'mich' wahnsinnig gemacht. Deswegen musste ich von ihm weg. Und wegen seiner Wutausbrüche.“

„Wer Lügen sät“ ist der nunmehr vierte Band um den Entführungsspezialisten Charles Boxer, einem der ungewöhnlichsten und überzeugendsten Krimihelden der letzten Jahre. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Robert Wilsons Protagonisten es so an sich haben, gescheite Sachen über die Welt, das Leben und die menschliche Existenz von sich zu geben.

„Bald wird es überall in der entwickelten Welt so sein“, sagte Melo, hob die Hand und wischte über das Glas. „Die Menschen glauben es nicht, aber es wird so kommen. Die Superreichen werden von Gebäude zu Gebäude fliegen, um die immer zahlreicher werdenden wütenden, verarmten Massen zu meiden.“

„Ich habe neulich den Artikel eines amerikanischen Journalisten gelesen, der einen Vorschlag gemacht hat, wie man die Ungleichheit beenden könnte“, sagte er nach einer Weile und überraschte Boxer mit dem abrupten Themenwechsel. „Er wollte alle private Security verbieten lassen. Die Idee war, dass die Reichen dann nicht mehr geschützt sein würden. Entweder sie würden ihren Reichtum verschenken, oder er würde ihnen von den weniger Glücklichen gewaltsam genommen werden.“

„Wer Lügen sät“ erzählt nicht nur eine Geschichte, sondern mehrere. Neben Sabrina Melo wird auch der Architekt Julião Gonçalves, der in einer von Iago Melos Baufirmen angestellt gewesen war, entführt. Zudem ist vor vielen Jahren die Schwester von Eiriol Lewis in London verschwunden, die Boxer ausfindig machen soll. Und auch Charles Boxers familiäre Verhältnisse, insbesondere das rätselhafte Verschwinden seines Vaters, kommen, wie schon in Robert Wilsons früheren Charles Boxer-Büchern, ausgiebig zur Sprache. Dass „Wer Lügen sät“ trotz der verschiedenen ineinander verwickelten Erzählstränge spannend bleibt, ist eine Meisterleistung.

„Wer Lügen sät“ spielt in London und São Paulo, in ganz unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Erzählt mit feinem psychologischen Gespür und einem ausgeprägten Sensorium für soziale und weltpolitische Konflikte, lehrt uns der Autor mehr über die Welt als viele gescheite Sachbücher.

Robert Wilson verschafft dem Leser auch einen guten Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse Brasiliens, wo Korruption, Zerstörung der Natur, Gangs, die sich blutig bekämpfen, die ungeheuere Diskrepanz zwischen dem Leben in den Favelas und den Villenvierteln „normal“ ist. Auch die Zeit der Militärdiktatur kommt zur Sprache. Doch vor allem wird gezeigt, wie sich soziale Konflikte nicht nur verschärfen, sondern in brutale Gewalt ausarten.

Darüber hinaus ist „Wer Lügen sät“ auch die Geschichte von Boxers schmerzhafter Selbstfindung, bei der, wie das bei wirklichen Selbstfindungen so ist, fast alle Gewissheiten auf der Strecke bleiben.

Robert Wilson, vertraut mit den Tiefen der menschlichen Seele, zeigt mit „Wer Lügen sät“ einmal mehr, dass wer etwas von der Welt verstehen will, am besten Krimis liest: Die Krimis von Robert Wilson.

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Tags: seele, selbstfindung, soziale konflikte   (3)
 

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Soweit wir wissen

Zia Haider Rahman , Sabine Hübner
Fester Einband: 704 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 20.03.2017
ISBN 9783827012982
Genre: Romane

Rezension:

An einem Tag im Herbst 2008 steht ein braunhäutiger, ausgemergelter Mann mit einem struppigen Bart vor der Haustür eines Londoner Bankers, der in ihm einen Jugendfreund erkennt, ihn bei sich aufnimmt und sich zu seinem Chronisten erklärt, wohl wissend, dass eine Geschichte, die man über einen anderen erzählt, auch immer eine über einen selber ist.

„Wie müssen alles, was wir verstehen wollen, vereinfachen und reduzieren, und, was ganz wichtig ist, wir müssen die Erwartung aufgeben, alles verstehen zu können, um wenigstens den Weg zu einem teilweisen Verständnis freizuräumen. Und ich glaube, dass das für alles menschliche Forschen gilt“, führt Zafar, der Jugendfreund des Bankers, dessen Karriere angesichts der Finanzkrise auf Eis liegt und dessen Frau ihn verlassen hat, aus und illustriert das am Beispiel der Kartografie und des Übersetzens von Lyrik. „Beide, Kartograf wie Übersetzer, sind mit dem gleichen Problem konfrontiert, dass sie nämlich nicht alles exakt einfangen können und manche Dinge aufgeben müssen, um überhaupt etwas zu retten.“ Genial! Auf die Idee, Kartografie und Lyrik überzeugend in einen Zusammenhang zu bringen, wäre ich selber wohl nie gekommen.

Derart viel und ganz unterschiedliches Wissen (von der Peters-Projektion, einer Weltkarte, in der die Gebiete der Landmassen im korrekten Grössenverhältnis dargestellt werden bis zum Autor, der das schreibende Selbst eines anderen Autors verändern kann) habe ich so gehäuft noch in keinem Buch gefunden. Selten hat mich eine Lektüre so fasziniert, überwältigt und bereichert.

„Zu wissen, wie sich die Dinge verhalten, bedeutet nicht, dass man sie richtig sieht, es bringt einen nicht davon ab, die Dinge falsch zu sehen“, erläutert Zafar anhand der Poggendorf-Täuschung, einer der zahllosen optischen Täuschungen, die wir zwar verstehen können, von denen wir aber trotz unseres Wissens getäuscht werden.

„Musst du an die Evolution glauben, wenn du den Kreationismus ablehnst?

Folgt das nicht daraus? Was wäre die Alternative?

Warum nicht einfach an nichts glauben?. Warum muss man unbedingt an etwas glauben?“

„soweit wir wissen“ setzt sich mit so ziemlich Allem auseinander. Von der Mathematik („Die Mathematik schert sich nicht um Autorität, sie schert sich nicht darum, wer du bist oder woher du kommst, oder um deine Augenfarbe, oder mit wem du zu Abend isst.“) bis zur englischen Klassengesellschaft (wo nur Status und Beziehungen zählen).

Obwohl Zafar an renommierten Unis studiert hatte, in die sogenannt bessere (snobistische) englische Gesellschaft, wird er nicht aufgenommen. Und auch in Asien gehört er nicht mehr dazu. „Wissen Sie, was ich in Oxford studiert habe?“, wird er in Kabul von einem afghanischen Colonel gefragt, der ihn als Engländer wahrnimmt. „Geschichte. Aber wessen verdammte Geschichte? Natürlich ihre Geschichte.“

Die Geschichte spielt unter anderem in Bangladesch, Grossbritannien, den USA und Afghanistan. Letzteres schildert der im ländlichen Bangladesch geborene und in London aufgewachsene Zia Haider Rahman derart faszinierend, dass ich sofort eine unwiderstehliche Sehnsucht nach diesem Land verspürte.

„soweit wir wissen“ ist ein scharfsinniger Blick auf die soziale Realität („In England bestand der Ursprung wahrer, rechtgeleiteter Macht, der Kern der Autorität, nicht etwa in Bildung, sondern im Anschein von Wissen, wobei man demonstrative Ignoranz alles Gewöhnlichen bekundet.“; „Ironischerweise sind sich Wissenschaftler aber dessen, was sie sagen, viel weniger sicher als Politiker, politische Entscheidungsträger und Experten.“), eine ungewöhnliche, zum Nachdenken animierende Auseinandersetzung mit Religion („Ich glaubte, die Antwort des Islam auf das Streben nach Sinn bestehe nicht darin, Fragen zu beantworten, sondern darin, Menschen zu drillen, die Sinnsuche zugunsten von Ritual und Gewohnheit aufzugeben.“; „die wunderbare Feststellung, auf der das Christentum basiert, ist die, dass die grösste Liebe nicht erkämpft oder verdient werden kann. Das ist keine ethische Norm, sondern eine empirische Beobachtung, ein wissenschaftlich überprüfbarer Lehrsatz, und auf diesem Fels wurde eine ganze Religion erbaut, eine prächtige Kathedrale der Hoffnung.“), eine aussergewöhnliche, anregende und brillante Meditation über Grundfragen des Lebens.

„soweit wir wissen“, ein sehr gescheites, sehr sensibles Buch, lotet die Grenzen unseres Wissens und Wissen-Könnens aus. Aufregend, spannend, hervorragend erzählt – ein Meisterwerk!

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kriegsfotograf, dokumentarische fotografie, inge morath, kevin carter, fotograf

Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

Sabine Gruber
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 07.10.2016
ISBN 9783406697401
Genre: Romane

Rezension:

Der Protagonist dieses Romans ist ein Kriegsfotograf namens Bruno Daldossi und wohl deshalb ist dem Buch (als Motto?) auch dieses Zitat von Christoph Bangert (die Klammerbemerkungen stammen von mir) vorangestellt, das meinen Unmut erregt: „Wie erinnern uns in Bildern (stimmt, insofern als Bilder Gefühle transportieren). Wenn wir uns verbieten, Bilder anzusehen, wie sollen wir das Geschehene im Gedächtnis speichern? (zum Beispiel indem wir uns Geschichten anhören). Woran wir uns nicht erinnern, das hat nicht stattgefunden.“ (Soll das ein Witz sein? Ich erinnere nämlich kaum etwas aus meinem bisherigen Leben ...). 
 
Wir wissen nicht, was Bilder vom Krieg in uns auslösen. Doch wir wissen, dass Bilder Emotionen freisetzen und die Militärs Angst vor Kriegsbildern haben. Und sie deshalb kontrollieren wollen. Grund genug also, sich jeglicher Bilder-Zensur in den Weg zu stellen.
 
Mich interessiert die dokumentarische Fotografie und ich bin deshalb gespannt auf dieses Buch, das ich jedoch, wie erwähnt, ziemlich negativ gestimmt angehe ... und bin dann bereits auf den ersten Seiten positiv überrascht, wie eine kurze Geschichte von der Überfahrt eines Flüchtlingsbootes mich in ihren Bann zieht. Und ganz viele Bilder in meinem Kopf erzeugt.
 
Dass jeder und jede ein Buch wieder anders liest, ist ein Gemeinplatz. Also konkret: Ich lese „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ mit dem Fokus auf der Fotografie. „Er musste alles Auffällige festhalten, und um es festhalten zu können, musste es sich wiederholen oder er musste es inszenieren.“ Es sind Sätze wie dieser, die mich zum Selber-Denken anregen und ich deswegen schätze. Warum eigentlich das Auffällige? Macht nicht erst das Foto etwas zum Auffälligen?
 
Die vielen Bezugnahmen auf Fotografen (etwa Werner Bischof, Inge Morath, Don McCullin, Kevin Carter, Dorothea Lange und immer wieder der von mir wenig geschätzte Robert Capa) und Fotografisches, die meistens interessant, spannend und lehrreich (manchmal aber auch wenig durchdacht) sind, scheinen mir jedoch ziemlich an den Haaren herbei gezogen. Anders gesagt: sie drängen sich keineswegs auf und sind für die Geschichte eigentlich nicht nötig, ja, sie stehen ihr eher im Wege.
 
„Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ ist nämlich nicht in erster Linie ein Buch über Fotografisches, sondern eine Beziehungsgeschichte. „Es war Teil ihrer gemeinsamen Vereinbarung gewesen, dass jeder seine Leidenschaften lebte, ohne den anderen damit zu belasten. Marlis' neue Liebe war schwerwiegend und untragbar für sie beide.“
 
Überraschend ist das nicht, ist man da versucht zu sagen, denn Eifersucht und Besitzergreifendes gehören nun einmal zu den Gefühlen, die sich so recht eigentlich kaum vom Verstand beeinflussen lassen. Wie Daldossis Nicht-Klarkommen mit der neuen Situation geschildert wird, ist eindringlich, realistisch und überzeugend.
 
Weniger realistisch fand ich, dass Daldossi ständig an seine Zeit in Bosnien und im Irak denkt. Und dabei vor allem an Frauen und Bilder. Ein vögelnder, saufender und sensibler Mann – klischeehafter geht es kaum. Doch mit den Klischees ist es eben so eine Sache: Sie finden sich in der Wirklichkeit.
 
Und dann ist da noch Johanna Schultheiss, Journalistin und Ex-Frau eines Kollegen von Bruno Daldossi. „Während Johanna sprach, fiel ihr Blick auf Brunos Hand, die auf seinem Schenkel lag. Diese Finger haben die Verschlüsse von Objektiven für das Grauen der Welt geöffnet; sie haben die Zeit angehalten, und haben sie für die Zukunft gespeichert, dachte sie und blickte aus dem Fenster.“ Gibt es wirklich Leute, die so bedeutungsschwanger denken? Nun ja, möglich ist vieles, wobei eher unwahrscheinlich ist, dass es der Ex-Frau eines Kriegsfotografen durch den Kopf geht.
 
Mir ist es streckenweise vorgekommen, als ob da jemand beschlossen habe, einen Kriegsfotografie-Roman zu schreiben, in der Folge ganz viel recherchiert hat und dann in dem Vielen ersoffen ist. Weniger wäre mehr gewesen, dachte es gelegentlich in mir, doch hätte ich dann leider auch Sätze wie diesen verpasst. „Dass er endlich begreifen müsse, dass seine Arbeiten nicht nur Entsetzen hervorriefen, sondern auch die Leute verrohten und enthemmten.“ Nicht, weil ich damit einig gehe, doch weil darüber nachgedacht gehört.
 
„Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ hat mich geärgert und fasziniert. Es hat also geschafft, was die meisten Bücher (die plätschern an mir vorbei) bei mir nicht schaffen. 
 
Geärgert hat mich der saufende, ständig in seiner Kriegsvergangenheit lebende Daldossi, der emotional nicht vom Fleck kommt. Das hat weniger mit Sabine Grubers höchst gelungener Charakterisierung zu tun (Säufer bleiben in der Tat emotional stehen), als damit, dass mich solche Typen langweilen. Fasziniert hat mich das Buch vor allem der vielen gescheiten und differenzierten Beziehungs-Beobachtungen wegen: „Wer nicht scheiterte, hatte sich in Johannas Augen abgefunden. Die meisten wussten gar nicht, dass sie längst klein beigegeben hatten.“

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Tags: dokumentarische fotografie, don mccullin, fotografie, inge morath, kevin carter, kriegsfotograf   (6)
 

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libyen, hisham matar, mussolini, gaddafi

Die Rückkehr

Hisham Matar , Werner Löcher-Lawrence
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 27.02.2017
ISBN 9783630874227
Genre: Romane

Rezension:

Dreissig Jahre lang hatte Hisham Matar das Land seiner Kindheit nicht mehr betreten, als er sich im März 2012 zusammen mit seiner Frau und seiner Mutter nach Libyen aufmacht, um herauszufinden, was mit seinem Vater geschehen ist, der in Gaddafis Gefängnissen verschwunden war. "Mutter wusste, dass mein Wille, herauszufinden, was geschehen war, zu einer Obsession geworden war."

Hishams Vater, Diplomat, Politiker und Widerstandskämpfer gegen Gaddafis Regime, war im März 1990 vom ägyptischen Geheimdienst aus seiner Kairoer Wohnung entführt und an Gaddafi ausgeliefert worden (der Klappentext spricht fälschlicherweise davon, dass der libysche Geheimdienst ihn im Kairoer Exil mitten auf der Strasse entführt habe).

Vor allem beschäftig den Sohn, wie es seinem Vater in den ersten Tagen, ja, den ersten Stunden der Gefangenschaft ergangen ist. Bei seinen Nachforschungen stösst er jedoch auch immer wieder auf kulturelle Eigenheiten, die seiner Wahrheitssuche entgegen stehen. "Als Erregung und Nervosität nichts zu sagen übrig liessen, taten wir, was die meisten Leute tun und worin die libysch-beduinische Gesellschaft besonders gut ist: Wir wiederholten die höflichen, unpersönlichen Allgemeinplätze und Fragen, die, so verlangt es die Etikette, nicht zu spezifisch sein dürfen, wobei der Hauptzweck darin liegt, dem aus dem Weg zu gehen, was die männlichen Mitglieder meiner Familie väterlicherseits stets sorgfältig vermeiden: Einmischung und Klatsch."

In Libyen waren Geschichten im Umlauf, "die zu abstrus wirkten, als dass man sie glauben konnte", doch die sich als wahr erwiesen. So sollten sich etwa unter dem Gelände des militärischen Komplexes in Tripolis, in dem Gaddafi sich aufhielt, Gefängnisse befinden, in denen die heftigsten Widersacher des Dikatators eingesperrt waren, denn er "hatte seine grössten Gegner gerne nahe bei sich, um sie sich von Zeit zu Zeit ansehen zu können, die Lebenden wie die Toten. Gefriertruhen mit Leichen lange verstorbener Dissidenten wurden gefunden."

Die Rückkehr findet in der Zeit nach Gaddafis Sturz und vor dem neuen Bürgerkrieg statt und beschert dem 42jährigen Hisham Matar auch ein recht aufreibendes Familienbesuchsprogramm. Er hat zwar nur einen Bruder, jedoch einhundertdreissig Cousins und Cousinen, die alle besucht werden wollen. Sein Onkel Mahmoud (geboren 1955), der jüngste Bruder seines Vaters (geboren 1939) verbrachte einundzwanzig Jahre in Abu Salim, dem berüchtigsten Gefängnis des Landes, und erweist sich als eine wichtige Informationsquelle. Er war auch ein grosser Leser, der immer wieder bestimmte Einzelheiten aus den Brüdern KaramasowCandide oder Madame Bovary zitierte, "was er aus dem gleichen Grund heraus tat, der freie Menschen ein Buch erneut lesen lässt: um den Genuss zu wiederholen und zu vertiefen." 

Für mich, der ich so ziemlich gar keine Vorstellung von Libyen habe, ist Die Rückkehr eine höchst aufschlussreiche Lektüre. Und das hat nicht zuletzt mit den vielen Anekdoten zu tun, die Hisham Matar erzählt. So war etwa sein Vater Bayern München-Fan und wenn er ausser Haus war, nahm die Mutter die Spiele auf, auch die Fussballübertragungen im Radio, einschliesslich der zweiten ägyptischen Liga, sogar nachdem er entführt worden war. Die mir liebste Anekdote ist diese hier: "Ein achtzehnjähriger arabischer Muslim betete in einem englischen Pub für eine schottische Mannschaft, weil sie einen möglicherweise aus Afrika stammenden schwarzen Spieler hatte, während die libysche Familie des Muslims im Exil in Kairo die deutsche Mannschaft anfeuerte."

Da Hisham Matar ein belesener Mann ist, kommt auch Literarisches nicht zu kurz. So zitiert er etwa Jean Rhys: "Nie würde ich zu irgend etwas gehören. Nie würde ich wirklich irgendwohin gehören, und das wusste ich, und mein ganzes Leben lang würde es nie anders sein - ich würde versuchen, irgendwohin zu gehören, und dabei scheitern. Immer würde irgend etwas schiefgehen. Ich bin eine Frede und werde es immer bleiben, und im Grunde genommen machte es mir so gut wie nichts aus." Er kommentiert das Zitat wie folgt: "Als ich diese Zeilen von Jean Rhys zum ersten Mal las, dachte ich, ja, und dann, fast sofort, ärgerte ich mich über dieses Einverständnis. Deshalb ist die Rückkehr in jenes frühere Leben wie das Entdecken eines Spiegelbildes an einem öffentlichen Ort. Deine erste Reaktion, noch bevor du es begreifst, ist Argwohn. Du kommst aus dem Tritt, findest aber gerade noch rechtzeitig das Gleichgewicht wieder."

Er soll in der Bibliothek auftreten, ein Gespräch vor Publikum. Ein alter Mann aus dem Publikum stellt sich als Freund seines Vaters vor und übergibt ihm Kurzgeschichten, die dieser geschrieben hatte. "Ich wusste zwar von den Versuchen meines Vaters, Gedichte zu schreiben, hatte aber nicht geahnt, dass er sich als Student in Paris auch in Prosa versucht hatte." Auch erfährt er erst von Fremden, dass seine Mutter Mütter von politischen Gefangenen bei sich aufgenommen hatte.

Die Rückkehr informiert auch über die Verbindungen des britischen Establishments mit Gaddafi sowie über die Besatzung Libyens durch die Italiener, die 1911 ins Land kamen und jeden sechsten Bewohner der Hauptstadt auf kleine Inseln rund um Italien, zum Beispiel die Tremiti-Inseln, Ponza, Ustica und Favignana, verschleppten. "Das Land sollte entvölkert werden. Die Geschichte erinnert sich an Mussolini als den clownesken Faschisten, den wirkungslosen, tumben Italiener, der im Zweiten Weltkrieg kaum überzeugte; in Libyen verantwortete er einen Genozid."

Gegen Ende des Buches wähnt man sich plötzlich in einem veritablen Thriller. Nach neunzehn Jahren des Stocherns im Nebel, meldet sich ein Mann telefonisch bei Hisham – er habe seinen Vater gesehen, im Jahre 2002. "Noch nie hatte jemand behauptet, meinen Vater nach 1996, dem Jahr des Massakers gesehen zu haben. Wenn das stimmte ...". Der britische Aussenminister David Miliband und Gaddafis Sohn Saif al-Islam kommen ins Spiel ...

Die Rückkehr ist ein bewegendes Buch.


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krähen, vogel, prosa, theodor fontane, philosophie

Krähengekrächz

Monika Maron , Elke Gilson
Fester Einband: 64 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 27.04.2016
ISBN 9783100488350
Genre: Romane

Rezension:

Es geschieht nicht oft, dass ich schon nach den ersten Zeilen weiss, dass ich nicht nur ein mich sehr ansprechendes, sondern ein wichtiges Buch in Händen halte. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass das, was ich da lese, sehr viel mit mir, mit meinem eigenen Leben und meiner Sicht auf die Dinge zu tun hat. Natürlich gibt es da auch viele Unterschiede, so sind Monika Marons Beispiele andere als die aus meiner Wirklichkeit, doch es gibt Gemeinsamkeiten oder zumindest Sichtweisen und Einschätzungen, mit denen ich mich leicht identifizieren kann. Und vor allem diese: unverhofft (zufällig?) Entdeckungen zu machen und sich dann von diesen leiten zu lassen. Bei Monika Maron sind es Krähen, bei mir sind es die Spatzen, die sich regelmässig auf meinem Balkon einfinden.

„Krähengekrächz“ handelt von Monika Marons Verhältnis zur Welt, zum Leben, zu den Tieren, zur Verbundenheit der Lebewesen auf diesem Planeten. Als sie im Alter die Krähen entdeckt (und natürlich, schliesslich ist sie Schriftstellerin, ganz automantisch ihren literarischen Nutzen bedenkt), beschliesst sie, sich „mit einem Exemplar dieser Spezies zu befreunden. Schon dieses Vorhaben beweist, wie wenig ich von Krähen verstand.“

Doch sie gibt nicht auf, den Kontakt mit ihnen zu suchen und an manchen Tagen gelingt es ihr, mit bis zu fünfzehn Krähen durch die Strassen zu laufen. „Ich vergesse oft, wie alt ich schon bin, und erst später fällt mir dann ein, dass man mich ja für eine der verrückten Alten halten könnte, deren einzige Gesellschaft noch hungernde Vögel und streunende Katzen sind, die sie mit Futter anlocken, so wie ich gerade meine Krähen.“

Sie hat gelesen, dass Krähen menschliche Gesichter erkennen können und fragt sich jetzt, was genau sie wohl sehen (ob sie die Sonnenbrille vor den Augen hat oder nicht, spielt offenbar eine Rolle) und interessiert sich dafür, was Annette von Droste-Hülshoff, Theodor Fontane und Philip Roth über Krähen geschrieben haben.

„Nachdem ich begonnen hatte, mich um die Krähen zu bemühen, fand ich sie überall: in der Literatur, in jedem zweiten Film hörte ich ihr Krächzen, bei jedem Spaziergang und auf Reisen. Vor einer Lesung in Schwerte sass ich im Garten der Katholischen Akademie, rauchte eine Zigarette, und als ich von irgendwo Krähengeschrei hörte, fühlte ich mich auf seltsame Weise angesprochen, obwohl es doch gar nicht meine Krähen waren. So ging es mir seither überall, als gehörten die Krähen nun zu mir oder ich zu ihnen.“

Genauso oder zumindest ähnlich ging es mir, als ich die dokumentarische Fotografie entdeckte. Jedenfalls zu Beginn, wo ich mich von all dem damals Neuen wie elektrisiert fühlte.

Wie wohl jede wirkliche Entdeckung, führt auch Monika Marons über sie hinaus. „Inzwischen sehe ich den Menschen als Sonderfall der grossen Tierfamilie und kann mich nicht einmal entscheiden, ob die menschliche Besonderheit eher ein Glück oder ein Unglück ist.“

Diesem schön gestalteten Band ist ein aufschlussreiches Nachwort der Germanistin Elke Gilson beigegeben, in dem Frau Maron unter anderem über sich selber aufgeklärt wird. „Dass sie erst jetzt angefangen habe, sich für Krähen und Vögel überhaupt zu interessieren, sei, so die Autorin im Vorangehenden, ein Versäumnis. Es obliegt der Verfasserin dieses Nachwortes, klarzumachen, dass die Selbstbezichtigung näherer Betrachtung gar nicht standhält.“

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annemarie schwarzenbach, carson mccullers, biographie

Fast eine Liebe

Alexandra Lavizzari
Fester Einband: 143 Seiten
Erschienen bei edition ebersbach, 15.03.2008
ISBN 9783938740552
Genre: Biografien

Rezension:

Carson McCullers ist mir, im Gegensatz zu Annemarie Schwarzenbach, mehr als nur ein Begriff. Ich habe, viele Jahre ist es her, mehrere ihrer Bücher gelesen, doch ausser den Titeln erinnere ich nur die Diogenes-Taschenbuchumschläge. Von Annemarie Schwarzenbach weiss ich nur, dass sie viel gereist ist. Soweit meine Ausgangslage.

Sowohl Carson als auch Annemarie sei jegliches bürgerliche Denken fremd und die Selbstverwirklichung das wichtigste Lebensziel gewesen, schreibt Alexandra Lavizzari. Gemeinsam sei beiden auch „eine Tendenz zur Dreieckskonstellation ohne sexuelle Präferenz“. Andererseits hätten sie charakterlich kaum verschiedener sein können. „Carson überbordete geradezu vor Jugend und Optimismus und stand eben am Anfang einer fulminanten literarischen Karriere, als sie sich in Annemarie verliebte, während Annemarie, von Drogen, Enttäuschungen und ungelösten inneren Konflikten verbraucht, nur noch zwei Jahre zu leben hatte.“

Carson McCullers' „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ erschien am 4.Juni 1940 im angesehenen Verlagshaus Houghton & Mifflin. Wie Alexandra Lavizzari den Titel kommentiert, hat meine ganze Sympathie (auch natürlich, weil ich noch nie darüber nachgedacht habe und diese Lesart meinen Horizont weitete): „Es trug einen ungewöhnlichen poetischen Titel, unter dem sich niemand etwas vorstellen konnte, dessen Kombination von zartem Gefühl und Wildheit jedoch auf Anhieb die Fantasie der Leser anregte.“

Als musikalisch talentiert, einzelgängerisch, stur und sehr von sich eingenommen, schildert Alexandra Lavizzari Carson, die es selten lange in einem Job aushielt. Auch Annemarie, aus reichem Schweizer Elternhaus, weitgereist und drogenabhängig, war ein ausgesprochen unruhiger Geist. Als sie sich in New York begegneten, war Carson verheiratet und Annemarie in einer schwierigen Beziehung mit Margot von Opel sowie an Erika Mann interessiert.

„Obwohl sie mit dreiundzwanzig Jahren bereits auf dem besten Weg war, sich zur Alkoholikern zu entwickeln, konnte sie sich unter Drogen und ihrer Wirkung nichts vorstellen und wollte nicht verstehen, warum Annemarie sie so inständig davor warnte.“ Annemarie war trotz oder vielleicht wegen ihrer Drogensucht wesentlich hellsichtiger als Carson, die „in ihrer eigenen abseitigen Vorstellungswelt lebte“. Sie will wieder weg aus New York, doch weiss sie nicht, ob nach Sils, Alaska oder in die Mongolei und kommentiert dies wie folgt: „Es handelt sich nicht darum, ob Margot nach Alaska oder in die Wüstenei mitgehen würde, denn dann wäre es für mich ja nicht der Aufbruch oder das von Allem weggehen, – wohl aber ist in mir der Verdacht wach, dieses Weggehen sei eine Neigung, dem Schicksal auszuweichen.“

Annemarie wird immer kränker, der Tod des Vaters wirft sie vollends aus der Bahn. Die Schilderung dieses psychischen Absturzes gehört zu den eindrücklichsten Szenen dieses überaus gelungen Buches.

Die Geschichte von Carson McCullers und Annemarie Schwarzenbach war eine ausgesprochen schwierige, verwickelte und dramatische. Daraus eine gut und spannend zu lesende Geschichte zu machen, verlangt neben viel Wissen auch viel Talent fürs Strukturieren, das Alexandra Lavizzari ganz offenbar eigen ist. Zudem braucht es ein exzellentes Einfühlungsvermögen sowie den Mut zur Vereinfachung. Letztendlich, das wissen gute Biografen, bleibt es natürlich eine persönliche Interpretation – und im Falle von „Fast eine Liebe“ eine fundierte und höchst anregende.

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jan myrdal, pol pot, kambodscha, rote khmer

Pol Pots Lächeln

Peter Fröberg Idling , Andrea Fredriksson-Zederbauer , Steve Sem-Sandberg
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Unionsverlag, 24.06.2015
ISBN 9783293206977
Genre: Romane

Rezension:

1978 werden vier schwedische Intellektuelle, der bekannteste unter ihnen Jan Myrdal, von Pol Pots Regime nach Kambodscha eingeladen und sehen dort, was sie sehen sollen und sehen wollen. Der Autor Peter Fröberg Idling, 1972 in Stockholm geboren, damals also gerade sechs Jahre alt, hat Dokumente studiert, mit den an dieser Reise Beteiligten und auch mit Kambodschanern, welche die damalige Zeit aus eigener Anschauung kennen, gesprochen – die Kooperationsbereitschaft war unterschiedlich, die Einsicht in eigenes Fehlverhalten ebenso. Mir drängte sich der Eindruck auf: Je prominenter, desto weniger Einsicht in eigene Fehlern. Und Verantwortungsübernahme schon gar nicht.
 
Die Motivation für diese Recherchearbeit lag (wie immer) im Persönlichen: Der gelernte Jurist Fröberg Idling arbeitete ab 2001 zwei Jahre in Kambodscha für eine Menschenrechtsorganisation.
 
Der Verlag bezeichnet das Buch als „literarische Reportage“, gemäss Spiegel Online zeigt es, „was Journalismus jenseits von Meinungen, Schnellschüssen und Rechthabereien sein kann“; ich selber, der ich mit diesen Kategorien wenig anfangen kann, habe es ganz einfach als persönliche, anregende und interessante Suche nach den Dingen hinter den Dingen gelesen. 
 
Die zentrale Frage, welcher der Autor von „Pol Pots Lächeln“ wesentlich (es gibt auch ganz viele, ganz unterschiedliche Seitenarme der Geschichte) nachgeht, lautet: Wie ist es möglich, nicht zu sehen, was zu sehen ist? Schliesslich besuchten die vier Schweden „ein Land, in dem eine gut geschmierte Höllenmaschine ohne Unterlass arbeitete und jeden Tag über tausend Kinder, Frauen und Männer starben.“
 
Sahen sie das alles und sagten nichts, weil sie der Revolution nicht schaden wollten? Oder wurden sie reingelegt? Weder noch, doch ich will hier nicht vorgreifen ...
 
„Pol Pots Lächeln“ ist ganz vieles. Kambodschanische Geschichte der 1970er bis heute – wie die Roten Khmer entstanden, die eigenartig mysteriöse Rolle Sihanouks, das ungeheuere amerikanische Bombardement, das Nixon und Kissinger unter Umgehung des Kongresses, ausführen liessen und Hunderttausende Kambodschaner tötete – , kulturelle Aufklärung („Die Pagoden sind eine Art Universität des armen Mannes. Das Mönchsein wird als Ausbildung und Initiationsritus gesehen, auch wenn die Mönche manchmal nur ein paar Wochen in der Pagode verbringen. Viele Rote Khmer waren folglich Mönche gewesen.“), die Vermittlung von Lokalkolorit („Ich schlängle mich durch den Abendverkehr. Rechtsverkehr ist mehr als Empfehlung zu verstehen – man fährt auf jener Seite der Strasse, die sich für den Mnoment am besten eignet. Eine einigermassen funktionierende Anarchie.“) sowie ein Bericht darüber, wie der Autor recherchiert („Was ihm von der Rede im Gedächtnis blieb, berichtete er einem englischen Historiker, es ist also eine übersetzte Version. Der Engländer erzählt es dann mir. Ich übersetze es meinerseits. Was bleibt dann übrig? Von der Stimme? Von der Botschaft? Alles, nichts oder etwas? Ja?“).
 
Selten habe ich überzeugender vorgeführt gekriegt, was Geschichtschreibung auch sein kann: Keine chronologisch oder linear erzählte Aufzählung von Ereignissen, sondern das Aufzeigen dessen, wie man bei seinen Nachforschungen vorgegangen ist. Wenig interpretierend, denn was Fröberg Idling findet, spricht so recht eigentlich für sich selbst. Meist genügt, es aufzuzeichnen und die eigene Meinung deutlich zum Ausdruck zu bringen
 
„Pol Pots Lächeln“ ist die Art Aufklärung, die ich mir mehr wünschte: inspirierend, spannend, mäandernd und dabei den Faden nicht verlierend.

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jack reacher, nebraska, iowa, kansas, cia

Der Anhalter

Lee Child , Wulf Bergner
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 29.06.2015
ISBN 9783764505417
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Lee Child ist bekannt für seine Jack-Reacher-Romane. Ich habe einige von ihnen gelesen, keiner hat mich gelangweilt, im Gegenteil, alle haben mich gefesselt. Wie macht der Mann das bloss? Das ist mehr eine rhetorische Frage, denn Krimis zu analysieren bringt es irgendwie nicht. Jedenfalls für mich nicht. Auch die Frage, ob es sich bei Krimis um Literatur handeln könnte, beschäftigt mich nicht. Weil mich Kategorien nicht (mehr) interessieren.
 
In jungen Jahren lehnte ich alles ab, was Mainstream war. Also alles, was sich verkaufte, was kommerziell erfolgreich war. Das hat sich geändert. Nicht in dem Sinne, dass mich nun alles, was Mehrheiten findet, plötzlich begeistert. Natürlich nicht, schliesslich ist auch Donald Trump mit einer Mehrheit der Elektoren-Stimmen gewählt worden. Und Hillary Clinton, die die Mehrheit der Wähler hinter sich gehabt hat, wäre ja nun auch keine wirkliche Alternative gewesen. Also her mit den Verlierern! Allemal!
 
Doch zurück zu Lee Child beziehungsweise Jack Reacher. Der ist eindeutig Mainstream – und ich bin eindeutig begeistert. Jedesmal. Auch bei „Der Anhalter“.
 
Für die, die ihm bislang noch nicht begegnet sind: Jack Reacher ein Meter fünfundneunzig gross, von kräftiger Statur, ein ehemaliger Militärpolizist, ohne festen Wohnsitz und ohne Hab und Gut. Ein Einzelgänger, der oft per Anhalter unterwegs ist.
 
Er lebt nicht wie andere, hat andere Prioritäten.
„Wieso sind Sie nirgends sesshaft?“
„Besitzen Sie ein Haus?“
„Natürlich.“
„Ist das immer ein reines Vergnügen?“
„Nein.“
„Da haben Sie Ihre Antwort.“
 
Dieses Mal wird er von zwei Männern und einer Frau mitgenommen. Im Laufe der Geschichte wird klar, dass die beiden Männer Killer sind und die Frau von ihnen gekidnappt wurde. Neben der örtlichen Polizei interessieren sich auch die CIA und das FBI für die Killer. Und dann nimmt der Fall unvermutet noch weit grössere Dimensionen an.
 
„Der Anhalter“ lässt den Leser (und die Leserin) an den Überlegungen der Protagonisten – Jack Reacher, FBI Special Agent Julia Sorenson – teilnehmen; beide spielen jeweils verschiedenste plausible Szenarien im Kopf durch. Das ist lehrreich und unterhaltsam. 
 
So nebenbei erfährt man auch reichlich Interessantes der vielfältigsten Art. Etwa, dass es nur neun US-Grossstädte mit über einer Million Einwohnern gibt oder dass die meisten Leute zwar importierte Kleider tragen, doch Unterwäsche aus ihrem Herkunftsland bevorzugen. „Es ist eine grosse Sache, ausländische Unterwäsche anzuziehen. Fast wie Verrat oder Auswanderung.“
 
Zudem ist „Der Anhalter“ auch witzig. 
So heisst etwa der Mann vom Aussenministerium, der sich auch für den Fall interessiert, Lester L. Lester, jr., was den FBI-Agenten Mitchell zur Frage verleitet, ob sein zweiter Vorname auch Lester sei. „Er sagte: 'Das ist er allerdings.' 'Klasse', sagte Mitchell.“

Der Manager eines abgelegenen Motel wird so beschrieben: „Der Mann war ungefähr dreissig, vorzeitig kahl, etwa eins fünfundsechzig gross und ungefähr eins sechzig breit.“

Mein Lieblingsdialog geht so: „Sie widersetzen sich praktisch ihrer Verhaftung. Würde ich Sie erschiessen, wäre ich im Recht.“
„Dann tun Sie's doch. Glauben Sie etwa, dass ich ewig leben möchte?“
 
Lee Child weiss nicht nur spannend und in einem No-Nonsense-Stil zu erzählen, er vermittelt auch ein Amerika jenseits der Klischees und der Hochglanzprospekte. „Auf seinen Reisen hatte er unzählige geschlossene Motels gesehen. Amerika war voll von ihnen. Sie gleichen kleinen Zeitkapseln erstarrter Relikte aus einer früheren Ära, manchmal schlicht, manchmal abenteuerlich futuristisch, stets Zeugen des langen, traurigen Niedergangs der Kräfte und des Ehrgeizes ihrer Besitzer, stets Beweis dafür, wie der Publikumsgeschmack sich verändert hatte.“
 
Als „resolut, verantwortungsbewusst, entschlossen, kenntnisreich und scharfsinnig“, schätzt FBI Special Agent Julia Sorenson Jack Reacher ein. Das trifft genau so auch auf „Der Anhalter“ zu.

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weltverbesserung, emergenz-theorie, gott als schöpfer, theismus, naturalismus

Gott denken

Holm Tetens
Flexibler Einband: 96 Seiten
Erschienen bei Reclam, Philipp, 04.02.2015
ISBN 9783150192955
Genre: Sachbücher

Rezension:

Für Naturalisten besteht die gesamte Realität nur aus natürlichen Dingen. „Den Glauben von Erwachsenen an Gott hält der Naturalist für intellektuell beschämend ...“, so Holm Tetens, Professor für theoretische Philosophie an der Freien Universität Berlin, der selber kein Naturalist ist und in diesem schmalen Bändchen überzeugend darlegt, dass nicht der Nicht-Naturalist ein Brett vor dem Kopf hat, sondern derjenige, der glaubt, dass allein die Wissenschaften erkenntnistheoretisch vorurteilsfrei offen für die Wirklichkeit sind.
 
Nicht-natürliche Vorgänge gibt es für die Wissenschaften nicht. Bei dieser Ausgangslage ist nicht verwunderlich, dass es weder Gott noch Götter geben kann.
 
„Dürfen und sollen wir das Dasein Gottes behaupten?“, fragt Holm Tetens und wer jetzt gleich, und ohne sich etwa gross Gedanken zu machen, mit: „Ja, klar, sowieso“ antwortet, für den ist dieses Büchlein nicht unbedingt gedacht, es sei denn, er/sie habe auch Phasen, in denen er/sie gerne denkt, denn um die Frage zu beantworten, genügt nicht, einfach eine Meinung zu haben (das wäre etwas gar billig), sondern es setzt die Bereitschaft voraus, „erhebliche Gedankenarbeit“ zu leisten.
 
„Gott will nur das, was vernünftig, gut und schön ist, und er will nichts, was unvernünftig ist. Er will insbesondere nichts, was logisch oder begrifflich widersprüchlich ist. Das logisch und begrifflich Widersprüchliche denkt er noch nicht einmal. Umgekehrt legt er sich auf alles logisch oder begrifflich Wahre fest und will es auch.“ Das klingt fast so, als ob Holm Tetens versuchen würde, sich selbst zu beschreiben.
 
Doch Spass beiseite – Tetens schreibt schliesslich an anderer Stelle, Menschen seien endliche Ich-Subjekte, Gott hingegen ein unendliches Ich-Subjet – , es geht ja hier um den Versuch, Gott zu denken. Und dass man das mit der einem zur Verfügung stehenden Ratio tut, drängt sich so recht eigentlich auf. „Natürlich, wir können uns Gottes 'Denkschaffen' nicht vorstellen. Es ist freilich unerheblich, dass uns unser Vorstellungsvermögen in diesem Falle im Stich lässt. Auch die Quantenmechanik zum Beispiel behauptet über Quantenobjekte vieles, und das meiste davon können wir uns nicht vorstellen, sondern es nur mathematisch widerspruchsfrei beschreiben. Genauso ist es mit Gottes Denken und Wollen. Wir können uns widerspruchsfrei denken, dass etwas existiert und es von Gott mit vernünftigen Gründen als etwas gedacht wird, das auch der Fall sein soll. Und ebenso widerspruchsfrei können wir denken, dass etwas, von dem Gott mit guten Gründen denkend will, dass es der Fall sein soll, auch tatsächlich der Fall ist. Mehr müssen wir nicht wissen; mehr sollten wir auch nicht behaupten.“
 
Weder die naturalistische noch die nicht-naturalistische Kernthese lassen sich definitiv beweisen oder widerlegen, doch lassen sich die beiden nach vernünftigen Gesichtspunkten miteinander vergleichen und genau dies tut Holm Tetens einleuchtend und nachvollziehbar.
 
Höchst aufschlussreich fand ich insbesondere seine Anregung, die beiden Thesen vom Ende oder der Konsequenz her zu betrachten: Die naturalistische Auffassung bietet die Desillusionierung, die theistische eine Erlösungsperspektive.
 
Reines irrationales Wunschdenken, diese Erlösungshoffnung, werden nun die einen sagen. Doch ist sie wirklich so irrational? Dazu Holm Tetens: „Die Erlösungshoffnung wäre nur dann rumdum unvernünftig, wenn der Naturalismus beweisbar wahr und der Theismus im logischen Gegenzug beweisbar falsch wäre. So ist es nicht, im Gegenteil ...“.
 
Die Gründe dafür finden Sie in diesem höchst anregenden Buch.

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tagebuch, anregungen

Entwürfe zu einem dritten Tagebuch

Max Frisch , Peter von Matt , Peter von Matt , Peter von Matt
Flexibler Einband: 215 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 14.03.2011
ISBN 9783518462409
Genre: Biografien

Rezension:

Anlässlich der Veröffentlichung dieses Tagebuchs publizierte die Weltwoche einen Artikel darüber, wer denn nun eigentlich die Deutungshoheit über Frisch habe, Professor Muschg oder Professor von Matt. Ganz so, als ob es einer Autoritätsdeutung bedürfe. Nun ja, ich kann selber lesen und mir auch selber eine Meinung bilden. Und diese weicht von derjenigen des Herausgebers von Matt gelegentlich ab. 
 
  Ein Beispiel: Frisch schreibt: „Mittags am Bach, das Wasser ist kieselklar, aber kalt, die Felsen sind warm von der Sonne und die Luft riecht nach Wald, nach Pilzen, man hört nichts als das Wasser und es gibt nichts zu denken.“ Das klingt für mich sehr Zen-mässig. Von Matt sieht das anders: „Die Aussage 'es gibt nichts zu denken' schwebt unentscheidbar zwischen Resignation und Erleichterung. Sie fordert aber die Entscheidung und setzt dadurch das verleugnete Denken selbst in Bewegung.“ Schon verblüffend, was der Mann da hinein liest – nur steht es nicht dort.
 
  Schön, dass es dieses Tagebuch gibt. Ich habe es gerne und mit Gewinn gelesen. Unter anderem wegen Passagen wie dieser: 
 „Leben als Oase -
 der Tod als die Wüste ringsum -
 Woher will ich das wissen?“
  Oder dieser:
 „ICH MÖCHTE NUR NOCH SPIELEN
 Günter Eich kurz vor seinem Tod:
 ICH MÖCHTE NUR NOCH SPIELEN.“
 
  Erstaunt war ich darüber: „Dass ich Alkoholiker sei, habe ich früher schon gesagt. Jetzt ist es keine Koketterie mehr. Ich bin Alkoholiker. Nur in einer Klinik gelingt der völlige Entzug.“ Das Geständnis ist das Eine, die Überzeugung, dass der Entzug nur in einer Klinik gelingen könne, das Andere. Ich weiss nicht, ob Frisch wegen Alkohol schon einmal in einer Klinik gewesen ist, vermute jedoch, dass dem nicht so war, denn dann hätte er den letzten Satz wohl nicht geschrieben.
 
  Die hier vorgelegten Texte, schreibt Herausgeber von Matt, seien „keineswegs flüchtige und vorläufige Niederschriften.“ Schon möglich, obwohl für alles in diesem Band Gedruckte würde ich das nicht gelten lassen. Etwa: „Hänge ich am Leben? Ich hänge an einer Frau. Ist das genug?“
 
  Unmittelbarer Anlass, mich mit diesem Buch zu beschäftigen, war, dass ich irgendwo gelesen habe, Frisch äussere sich darin auch über das Sterben seines Freundes, des Strafrechtsprofessors Peter Noll. Zu diesem ist unter anderem zu lesen: „Im Gegensatz zu Peter kenne ich meine Todesursache noch nicht – was nicht heisst, dass ich mehr Zeit habe als er. Zeit wofür? Ich mähe den Rasen.“ Und: „Was ich (ohne persönliche Verstricktheit) nie verdaut habe: seine tollpatschigen Offerten an Frauen.“ 
 
  Noch einmal Herausgeber von Matt: „Was an den einzelnen Texten immer neu fasziniert, ist ihr Gefälle auf ein Ende hin, das gleichzeitig abschliesst und öffnet. Selbst wenn sie mit dem klar formulierten Ergebnis einer Beobachtung oder eines Denkablaufs enden, steht dieses da als etwas, das Weiterdenken verlangt.“ Das trifft es sehr gut.

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