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30 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

lieb

Liebes Leben

Alice Munro , Heidi Zerning
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 06.11.2014
ISBN 9783596186914
Genre: Romane

Rezension:

"Ich brauche nichts weiter zu tun als zuzuschauen und glücklich zu sein - mehr wird nicht von mir verlangt. (...) Wichtig ist nur, glücklich zu sein. (...) Alles andere ist egal. (...) Du glaubst gar nicht, wie gut das tut. Nimm alles hin, und die Tragödie verschwindet. Oder sie wird jedenfalls leichter, und du bist einfach da, gehst entspannt durch die Welt." Ist Glück wirklich so einfach zu bekommen, wie es ein Protagonist im neuen Erzählband der frisch gekürten Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro ausspricht? Oder hat dieser Satz in Wahrheit einen viel tieferen Sinn, als auf den ersten, flüchtigen Blick wahrgenommen? Vielleicht will die kanadische Autorin gar den Finger in die berühmte Wunde legen und darauf aufmerksam machen, nicht immer dem allerorts verheißenden Glück, dem "lieben Leben" in seinen mannigfaltigen Formen ständig hinterherzurennen. Sondern einfach einmal auszuharren und seine Umgebung bewusst wahrzunehmen, um die vielfältigen, zumeist im Verborgenen schlummernden Glücksmomente zu entdecken.

Der Stil der vierzehn neuen Erzählungen fordert dazu buchstäblich auf. Munro schreibt geradlinige, ausgesprochen inhaltsverkürzte, aber trotzdem unglaublich intensive Texte. Man erfährt vielfach nur zwischen den Zeilen, dass etwas Außergewöhnliches passiert bzw. ein einschneidendes Ereignis stattgefunden hat. Und trotzdem spricht sie in zwei Zeilen mehr aus, als andere Bücher auf dreißig Seiten. "All dieses Ausweiden, das heutzutage in Familien betrieben wird..." scheint ihr ein Graus zu sein. Fast beiläufig, scheinbar unbeteiligt, lässt sie ihre Protagonisten erzählen, so als schauten sie, mit einer Tüte Chips auf der Couch sitzend, teilnahmslos und durch eine Milchglasscheibe auf das vor ihnen vorbeiplätschernde Geschehen einer Fernsehsendung. Wie fremdgesteuerte, zumeist auch völlig emotionsarme Marionetten wirken sie dadurch.

Wirklich glücklich sind die Figuren der kanadischen Autorin allerdings nicht. Munros Geschichten handeln von Krankheit, Verlorensein und Verlust, von Betrug oder Verletzungen, vom Alter und gelebten Leben, aber auch von Liebe, Leidenschaft und Lust. Oder kurz und knapp: vom Leben. Und genau wie in jenem kann man sich auch bei Munro niemals ganz sicher sein. Die Autorin versteht es auf beeindruckende Art und Weise mit dem wirkungsvollen Stilmittel der Reduktion eine "Theorie der unguten Spannung" aufzubauen. Ihren Texten haftet eine nebelverhangene Herbstschwere an, "eine trübe Sehnsucht, eine regnerische, träumerische Traurigkeit, eine Schwere ums Herz". Zudem stattet sie sie mit einer "intellektuellen Ernsthaftigkeit und materiellen Unordnung" aus. Worte wie "vielleicht", "wer weiß", "falls möglich" oder "hätte" finden sehr oft Verwendung.

Obwohl sie sich sehr gut und flüssig lesen, fliegen sie einem nicht leichtfüßig zu wie ein Schmetterling, sondern strahlen eher eine "kontrastreiche unfreundliche Düsternis" aus. Für den Erstleser der Autorin mag dieser schnörkellose Stil zunächst etwas gewöhnungsbedürftig wirken, beinahe so wie die kahlen Äste eines winterruhenden Baumes auf einen Tropenbewohner. Auf konkrete Erklärungen wartet man vergeblich. Die "Arbeit" des Erkennens, Verarbeitens und Wertens überlässt sie dem Leser. Doch gerade dieses Unbestimmte und Vage, das von Heidi Zerning kongenial ins Deutsche übertragen wurde, versteht die scheue Kanadierin grandios auszudrücken. Lässt man sich auf diesen Stil ein, so wird man von dieser literarischen "Nacktheit" von Seite zu Seite, von Geschichte zu Geschichte mehr gefangen genommen. Denn ist nicht auch das reale Leben nackt und nicht wie allerorts medial vorgegaukelt eine bunt-schillernde Glimmer-Glitzerwelt?

Fazit: "Wir sagen von manchen Dingen, dass sie unverzeihlich sind oder dass wir sie uns nie verzeihen werden. Aber wir tun es - wir tun es immerfort." Alice Munro stößt den Leser ohne Kompromisse in diese "Dinge" hinein. "Liebes Leben" entpuppt sich dadurch nicht als fiktive Geschichte. "Liebes Leben" ist das Leben selbst!

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Spielplatz der Helden

Michael Köhlmeier
Fester Einband
Erschienen bei Hanser, Carl, 17.03.2014
ISBN 9783446245310
Genre: Romane

Rezension:

Wann ist ein Held ein Held?
Schon in den frühesten Epen der Ilias wurden Personen heroisiert. Menschen brauchen offensichtlich Helden, um sich mit ihnen identifizieren oder sich an ihnen orientieren zu können. "Die Gesellschaft selbst ist ein kodifiziertes Heldensystem, will sagen, sie ist überall in der Welt ein lebendiger und herausfordernder Mythos des Sinnes des menschlichen Daseins.", schreibt der Kulturwissenschaftler Ernest Becker in seinem Buch "Dynamik des Todes". Zudem sei "alles kreative Tun des Menschen im Grunde nichts weiter als ein künstlicher Protest gegen eine natürliche Wirklichkeit". Heldenverehrung hat allerdings gerade im deutschsprachigen Raum einen recht schalen Beigeschmack. Vielleicht ist daher über die Leistung der Südtiroler Robert Peroni, Pepi Schrott und Wolfgang Thomaseth aus dem Jahr 1983 so gut wie nichts an die Öffentlichkeit gedrungen. 1400 Kilometer durchquerten die drei Alpinisten erstmalig ohne Hilfsmittel und Versorgungsdepots, einzig mit durch sie selbst gezogenen Schlitten und dem darauf verpackten Proviant, das Grönländische Inlandeis zu Fuß. Man stelle sich vor: ein Fußmarsch über eine Strecke, die der von Bozen nach Schweden oder nach Spanien entspricht, auf einer Meereshöhe von fast 3000 Metern, bei einer Kälte von tagsüber zehn und nachts 25 Minusgraden. 88 Tage abgeschnitten von jeder Verbindung mit der Außenwelt, ganz auf sich selbst gestellt, allein in einer endlos scheinenden Eiswüste.

Macht die Leistung dieser drei Männer sie deswegen schon zu Helden? Oder glich deren Marsch eher einem Parcours auf dem Spielplatz der persönlichen Eitelkeiten? Der österreichische Autor Michael Köhlmeier (zugegeben einer meiner ganz persönlichen literarischen Helden) hat in einem seiner frühen Werke aus diesem Geschehen ein ganz persönliches "Heldenepos" gestrickt. Aus wechselnden Blickwinkeln seiner drei Eisgänger, die er Reinold Minach, Leo Degaspari, Michael (Much) Gratt nennt, würdigt er zum einen diese schier unglaubliche Leistung dieser Grenzgänger. Zum anderen dienst sie ihm auch zum Ausloten des zwischenmenschlichen Miteinander, als Gang ins Innere. "Der Körper braucht die ganze Fürsorge des Geistes. Die Seele ist alleingelassen. Sie hat keinen Korrektor mehr. Sie schweift herum. Eine kleine Missstimmung kann zu Hass werden. Eine winzige Kränkung wird zur tödlichen Beleidigung. (...) Der Körper wird vom Geist kontrolliert, und die Seele, vom Geist nicht beaufsichtigt, kann Schaden anrichten und Schaden erleiden, wenn sie Nahrung für Misstrauen bekommt."

Der Roman, der Züge eines Melodrams aufweist, und sowohl als innerer Monolog (Ich-Erzähler) als auch als Dialog (Grönlandexpedition) verfasst ist, verwebt raffiniert das eisige Heldendrama der drei Südtiroler mit dem sie nachträglich interviewenden Autor, der wohl einige autobiografische Züge aufweist. Entstanden ist dabei eine großartige menschliche Innensicht, ein Ausloten möglicher Grenzsituationen, des Bewegen am Limits. Es geht um Liebe, Freundschaft, um Macht und um die ganz tief in jedem Menschen verborgenen dunklen Abgründe. "Solche Reste haben wir alle in uns, irgendwo in einem Panzerschrank in der Seele, auf dem steht: Vorsicht Hochspannung." Vor allem offenbart der Roman auf eindringliche Art und Weise die Problematik des menschlichen Zusammenlebens in unserer Zeit. Einer Zeit, in der ein Überangebot an zivilisatorischen Konsumgütern das Verlangen nach dem Umgang mit einer natürlich belassenen Landschaft weckt und wo die weit hinter dem technischen und wirtschaftlichen Fortschritt zurück hinkende Entwicklung des menschlichen Innenlebens einer längst fälligen Reform bedarf. Dieser Notstand wird in Köhlmeiers Roman noch dadurch unterstrichen, dass er die hin und wieder zum Weinen und dann wieder zum Lachen anmutende Handlung der drei Grönland-Pioniere in eine nicht weniger tragikomische Rahmenhandlung stellte, worin der Ich-Erzähler eine erotische Beziehung zu einer verheirateten Frau unterhält, die ihn ihrerseits mit einem anderen Mann betrügt.

Helden, so das letztendliche Fazit, haben in heutiger Zeit ganz offensichtlich ihren Nimbus verloren. Oder sie werden aus anderen Beweggründen geboren, als noch zu Zeiten der Ilias. Denn auch wenn deren zentrales Thema - der Zorn - gleichfalls treibende literarische Kraft in Michael Köhlmeiers Roman ist, verleiht er seinen Handelnden hier keinen göttlichen Status. Oder wie so äußerst treffend von Michael Gratt formuliert: "Ich denke mir im Nachhinein, man müsste bei so einer Expedition extra einen vierten Mann mitnehmen, ein sorgfältig ausgewähltes A****, das man nur darum mitnimmt, um auf ihn einen Zorn haben zu können. Weil irgendwo muss der Zorn hin."

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Der Tod ist ein Philosoph

Tobias Hürter
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.10.2013
ISBN 9783492055802
Genre: Biografien

Rezension:

"In der Londoner Nationalgalerie hängt ein eigenartiges Gemälde: 'Die Gesandten' von Hans Holbein dem Jüngeren. Auf den ersten Blick ist es ein Doppelporträt zweier Diplomaten. Auf den zweiten Blick erkennt man eine rätselhafte, lang gezogene Struktur in der unteren Bildhälfte. Sie liegt da wie selbstverständlich. Und dennoch scheint sie nicht ins Bild zu passen. Sie sprengt die Harmonie der zwei Gentlemen und ihrer Insignien. Was ist das Ding? Es offenbart sich nur, wenn man sich dem Bild von rechts außen nähert. Wenn man so nah dran ist, dass man das Gemälde aus einem spitzen Winkel von 27 Grad betrachtet, erkennt man einen Totenschädel.", berichtet Tobias Hürter. Er ist beeindruckt von diesem Bild, da es den Tod genau so zeigt wie er ist: mittendrin als Teil des Bildes, aber zugleich ein Fremdkörper. Erst beim Perspektivenwechsel aus extremem Winkel gibt er sich zu erkennen und verzerrt dabei zugleich den Rest des Lebens bis ins Unkenntliche.

Der Mensch fürchtet den Tod, obwohl er doch das Selbstverständlichste ist, sozusagen "Routine im Lauf der Welt". Vielleicht wegen seiner schweren Greifbarkeit, diesem Nichts, was sich "hinter ihm" verbirgt. "Eine Lösung des Paradoxes der Sterblichkeit bestünde darin, beide Perspektiven zusammenzuführen.", sinniert Hürter. Diese durchaus nicht leicht zu nennende Aufgabe versucht er in seinem "Plädoyer des Todes" zu bewerkstelligen. Anlass gab ihm eine ganz persönliche Grenzerfahrung mit dem schwarzen Kapuzenmann, der seine Sense bereits ziemlich nah über dem 40-Jährigen schwang. Sein "Beinahetod" zwang ihn zur Auseinandersetzung mit den großen Grundfragen der Menschheit: "Wer bin ich? Was bleibt von mir? Was ist mir wirklich wichtig?" In dreizehn Kapiteln sinniert er über das Wesen des Todes, über die Seele, die Angst vor dem Sterben, über ausgetretene und neue Wege zur Unsterblichkeit. Entstanden ist ein klares, gut lesbaren, aber dennoch tiefsinniges Buch, "das ohne Mystizismen und ohne Jargon auskommt; in dem philosophiert, argumentiert, begründet und das heißt: langsam gedacht wird. Schritt für Schritt auf den Grund der Dinge zu."

Viele Namen tauchen auf: sei es nun Baruch Spinoza, John Locke, Sigmund Freud, Goethe, Sokrates und Platon. Aber auch dem ersten Kaiser von China und den Ansichten der Transhumanisten wird Raum gegeben. Sie alle haben sich bereits mit dem Fundament unseres Daseins auseinandergesetzt. Jeder auf seine Weise, meist nie im Konsens. Offenbar gibt es keine einfache Wahrheit über unsere Identität. Zu schwer greifbar ist die Materie, zu differenziert in ihrer Wahrnehmung, beeinflusst zudem durch persönliche, gesellschaftliche und religiöse Einflüsse. Doch auch wenn viele Dinge nur angekratzt werden können, tut dies der Qualität des Textes, der sich eher als "lautes Denken in Schriftform" versteht, keinen Abbruch. "Der Tod ist ein Philosoph" offenbart sich als Buch, das Anstöße und Spielräume gibt und zum (Um)Denken anregt. Denn genau wie bei Hohlbein gilt: "Wer die Perspektive nicht wechselt, wer dort verharrt, wo er ist, wer nicht suchend umherwandert, der kann nicht alles erkennen. Um den Tod zu erkennen, muss man an den Rand gehen. Um das Leben zu erkennen, muss man in die Mitte." Denn der "bessere Weg ist, den Gedanken an den Tod als heilsamen Schrecken zu nehmen: als freundliche Mahnung, sich darauf zu konzentrieren, worauf es wirklich ankommt, statt sich im Unwesentlichen zu verlieren. Der Schrecken ist am wirksamsten, wenn wir uns weit weg vom Tod wähnen. Wenn wir kräftig und tatendurstig sind. Dann können wir nicht nur erkennen, worauf es wirklich ankommt, wir können es auch tun. Der Tod ist der Maßstab, ob etwas wirklich sinnvoll ist oder wir uns nur einreden, dass es sinnvoll sei. Eine Angst, die uns daran erinnert, hat Sinn."

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liebe, literaturgeschichte, frankreich, gelesen 2013, sex

Wie die Franzosen die Liebe erfanden

Marilyn Yalom ,
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Graf Verlag, 02.12.2013
ISBN 9783862200382
Genre: Sachbücher

Rezension:

"Ohne Liebe bin ich nichts.
Selbst wenn ich in allen Sprachen der Welt,
ja mit Engelszungen reden könnte,
aber ich hätte keine Liebe,
so wären alle meine Worte hohl und leer,
ohne jeden Klang,
wie dröhnendes Eisen oder ein dumpfer Paukenschlag."

Die beste "Definitionen" zum Thema Liebe findet sich tatsächlich in der Bibel im 1. Korinther 13. Ansonsten ist dieses psychische Phänomen nicht nur im eigenen Erklären, sondern auch den spezifischen und heute bekannten naturwissenschaftlichen Forschungsmethoden äußerst schwer zugänglich. Das bedeutet im Umkehrschluss allerdings nicht, dass über die Liebe deshalb nichts Allgemeingültiges ausgesagt werden könnte. Die Trefferquote bei einer Google-Suche liegt im Millionen-Bereich. Jeder hat offensichtlich darüber seine ganz eigene Meinung, die sich aus dem eigene Erleben speist. Erlebnisse lassen sich nun mal sehr schlecht im Labor mit Instrumenten messen. Aber man kann über sie beschreibend berichten. Und das tun wir Menschen schon seit Jahrhunderten. Vor allem in der Literatur nimmt ihre Interpretation einen großen Stellenwert ein. Es gibt kaum einen Autor, der die Liebe nicht zum Sujet seiner Beschreibung herangezogen hat. Doch wie und vor allem wo nahm alles seinen Ursprung?

Marilyn Yalom, Professorin für Französische Literatur an der Stanford University, die bereits vielfältige Beiträge und Bücher zur Kulturgeschichte der Frau, mit besonderem Fokus auf Frauen in Frankreich und in den Vereinigten Staaten, geschrieben hat, nimmt sich in ihrem jüngsten Werk diesem großen Thema an. Dabei stellt sie eine interessante, wenn auch vielleicht nicht ganz ernst zu nehmende These auf: Die Liebe wurde in Frankreich erfunden. Ob nun Wahrheit oder Mythos, eines ist sicher: die anscheinend liebesbegeisterten Französinnen und Franzosen haben es im Laufe von Jahrhunderten geschafft, dass Frankreich als das Land der Liebe schlechthin gilt. "Die Amerikaner meiner Generation hielten die Franzosen für die Stifter der Liebe. Aus ihren Büchern, ihren Chansons, ihren Zeitschriften und Filmen fabrizierten wir uns ein Bild davon, wie aufregend Liebe sein kann - und das war weit entfernt vom aseptischen amerikanischen Modell der Fünfzigerjahre. Die Frage also lautet: Wie sind die Franzosen geworden, wie sie sind? Dieses Buch möchte eine Antwort darauf geben."

Auch wenn man durchaus der Meinung sein könnte, "die Liebe, wie wir sie heute kennen, habe es schon immer gegeben", entstand damals in Frankreich "etwas historisch gesehen Neues, eine kulturelle Explosion, die für Liebende das Recht einforderte, ihre Leidenschaft entgegen allen gesellschaftlichen und religiösen Widerständen auszuleben.", so Yalom. Chronologisch versucht sich in ihrem Werk herauszufinden, wo sich in der französischen Geschichte die Ursprünge finden lassen und zwar am Beispiel ihres Fachgebietes - der Literatur. "Wie die Franzosen die Liebe erfanden" ist also keineswegs eine trockene wissenschaftliche Abhandlung, sondern ein höchst amüsantes und für jeden Literaturbegeisterten erhellend zu lesendes Buch über die Liebe in ihrer kulturellen Form.

Marilyn Yalom beginnt im Frankreich des 11./12. Jahrhunderts, als der Ehebruch als literarisches Thema erstmalig in Mode kam. Franzosen erfanden damals die Ideale der Minne und sorgten für deren Verbreitung. Die Dame bekam eine Starrolle in dem Kult der 'fin'amor', die sich schließlich zu einem Modell für alle westlichen Männer und Frauen entwickeln. "Heute sagen wir romantische Liebe dazu." Die amerikanische Autorin beginnt mit dem französischen Pendant zu Romeo und Julia: Abaelard und Heloise, den Schutzheiligen der französischen Liebespaare und Märtyrern der Liebe. Ihnen folgt im 12. Jahrhundert der 'galanterie' (eine Reihe verfeinerter Sitten im Umgang mit dem anderen Geschlecht, die sich zuweilen bis in die Jetztzeit gehalten hat), als herausragendes Beispiel "Die Prinzessin von Cléves" von Madame de La Fayette, einer der ersten "psychologischen" Romane überhaupt. Weiter geht es mit der Komödie und Tragödie im 17. und dem vorrevolutionäres Frankreich des 18. Jahrhundert. Namen wie Molière ("Der Menschenfeind"), Racine ("Phädra") und Prévost mit seiner femme fatale "Manon Lescaut" tauchen genauso auf wie Rousseaus "Julie oder Die neue Héloïse", "Gefährliche Liebschaften" von de Laclos oder die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse.
Yalom betrachtet die republikanische Liebe (Élisabeth Le Bas, Madame Roland), untersucht sozioerotische Variante selbiger bei Constant, Stendhal ("Rot und Schwarz") und Balzac, wo zumeist ein junger Mann in eine ältere Frau verliebt ist oder umgekehrt, schwenkt ein in die Bahn der französischen Romantik und der Belle Époque. "Madame Bovary" von Gustave Flaubert sowie die Heldenkomödie "Cyrano de Bergerac" von Edmond Rostand nehmen dabei einen besonderen Stellenwert ein. Aber auch der gleichgeschlechtlichen Liebe zollt sie ihre Aufmerksamkeit, deren Vertreter Verlaine, Rimbaud, Wilde und Gide sowie Colette, Gertrude Stein und Vilette Leduc ausführlich "untersucht" werden. "Auch hier setzten die Franzosen eine sexuelle Revolution in Gang, die im restlichen Jahrhundert noch mehrfach hohe Wellen schlagen sollte." Natürlich dürfen auch die neurotische Liebe bei Marcel Proust sowie die verliebten Existenzialisten Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre nicht fehlen, die sie während ihrer Studienzeit noch persönlich in Paris erlebte. Letztendlich schwenkt die Autorin auf der Zielgeraden noch bei Marguerite Duras und letztendlich der Liebe im 21. Jahrhundert ein. Auch wenn heute der französische Roman wohl nicht mehr der privilegierte Ort der Liebe ist. Am ehesten hat er sich wohl noch in den stillen, leisen französischen Filmen gehalten.

Marilyn Yaloms sehr persönlich gehaltenes und mit vielen individuellen und eigenen Bonmots aus ihrem großen (französischen) Bekanntenkreis gewürztes Buch, hält eine Fülle an Historischem und natürlich auch literarisch Wissenschaftlichem bereit. Geschrieben in einem lockeren, sehr gut lesbaren Stil, ist ein äußerst amüsantes, aber trotzdem hochinteressantes Buch entstanden, das vor allem dem Literaturliebhaber eine Fülle an neuem Lesestoff bietet. Letztendlich sehen Franzosen, so Yalom, "die Liebe lieber als ein Spiel, bei dem man sich nicht in die Karten schauen lässt". Sie haben "mit ihrer jahrhundertelangen höfischen Kultur ihre Vorstellungen über die Liebe von oben her entwickelt. Könige und Königinnen, adlige Damen und Herren, Minnesänger und Schriftsteller haben Loblieder und Gedichte auf die Liebe ersonnen und diese Liebe in einer Welt von ihresgleichen ausgelebt." Die Tradition des galanten Liebesgeplauders ist in Frankreich jedenfalls nie ausgestorben. Auch wenn sie feststellt, "dass sich die Regeln für das Zusammenleben kontinuierlich ändern. (...) Aber die Liebe ist deshalb keineswegs verschwunden. Wie seit jeher ist sie in Frankreich auf eine geradezu obsessive Art allgegenwärtig." Auch wenn sie in ihrer bezaubernden Tour durch die Jahrhunderte sicherlich ein paar gewagte Verallgemeinerungen anbringt, über die sich trefflich streiten lässt, so stellt man nach der Lektüre eindeutig fest: Wer will schon streiten, wenn es um die Liebe geht. Denn: "Votre passion pour la littérature française nous honore. Et le plaisir?" (Ihre Leidenschaft für die französische Literatur ehrt uns. Und das Vergnügen?)

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250 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 25 Rezensionen

japan, freundschaft, haruki murakami, einsamkeit, murakami

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Haruki Murakami , Ursula Gräfe
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei btb, 13.07.2015
ISBN 9783442749003
Genre: Romane

Rezension:

Wer Glück malen möchte, braucht viel Blau: Für den weiten Himmel, das Meer und einen Hauch von Freiheit. Wer wütend ist, sieht rot. Wir werden gelb vor Neid oder ärgern uns schwarz. Farben sind untrennbar mit Gefühlen verbunden. Zehn Millionen Farbtöne kann der Mensch unterscheiden. Ein magischer Regenbogen, der sich seit Urzeiten in unserer Seele widerspiegelt. Farben sind aber auch Signale, werden weltweit verstanden und sind in ihrer Wirkung seit Jahrhunderten gleich. Dennoch interpretiert sie jede Kultur auf ihre ganz eigene Weise. In den traditionellen japanischen Handwerkskünsten zum Beispiel nehmen sie oft eine wichtige Rolle ein. Das glänzende Schwarz und erdige Rot der Lackwaren, das unergründlich tiefe Indigo-Blau von Noren (Vorhänge), der intensive Kontrast japanischer Schlösser mit ihren weißen Wänden und Renraku-gebrannten Kacheln in Anthrazit, die fein abgestimmten matt-erdigen Töne einer vermeintlich einfachen Teeschale und natürlich die immense Farbenvielfalt der prächtigen Kimono-Stoffe.

Farben spielen auch im neuen Roman Huraki Murakamis eine tragende Rolle. Fünf junge Leute zwischen sechzehn und siebzehn bilden den Kern. Alle eint eine zufällige Gemeinsamkeit: Sie tragen in ihrem Nachnamen eine Farbe. Die beiden Mädchen heißen Shirane (weiße Wurzel) und Kurono (schwarzes Feld), die Jungen Akamatsu (Rotkiefer) und Oumi (blaues Meer) und rufen sich auch in ihren Farben: Aka, Ao, Shoro und Kuro. Zudem verfügen sie jeder über ganz individuelle Eigenschaften. Shiro ist eine musisch begabte Schönheit, Kuro eine anregende, unermüdliche Leserin mit einem einmaligen Sinn für Humor, Aka ein bescheidener Schüler mit einem hervorstechenden Intellekt und Ao ein physisch markanter, geradliniger Typ und zudem ein herausragender Rugby-Spieler. Stop! Das sind erst vier! Da fehlt doch noch einer. Richtig: Tsukuru Tazaki teilt als einziger die farbliche Stofflichkeit der anderen nicht. Sein Name verweist auf keinen kolorierten Bezug. Dieser Umstand, der ihm schwer zu schaffen macht, lässt ihn glauben, dass er in allem eher mittelmäßig sei (einzig eine besondere Affinität zu Bahnhöfen ist ihm eigen). Tsukuru fühlt sich farblos, fad, unauffällig und reizlos. Um Robert Musils berühmtes Werk heranzuziehen: Er hält sich für einen Mann ohne Eigenschaften.
Ein einschneidendes Vorkommnis zerbricht die freundschaftliche, intensive Bande der fünf radikal. Ab sofort wird Tazaki von den anderen geschnitten, aus ihrem Kreis ausgestoßen. Er fällt in ein schwarzes Loch und steht kurz vor der Selbstaufgabe. Knapp zwanzig Jahre soll er seine Freunde nicht mehr sprechen und sehen. Nun, mit 36 Jahren und einer neu beginnenden, zarten Liebe zu Sara, macht er sich auf den (Pilger-)Weg in seine Vergangenheit, um die Ursache des damaligen dramatischen Zerwürfnisses herauszufinden. Vielleicht aber auch, um doch noch Farbe in sein Leben zu bringen, das die letzten Jahre nichtsagend an ihm vorbeigeglitten ist und das auch sein neuer, ebenfalls "farbiger" Freund Haida ("graues Feld") nur kurz beleben konnte. Denn dieser verschwindet ebenso mysteriös und symbolhaft wie die Vier zuvor.

Für surreale Beschreibungen von dystopischen Welten ist Haruki Murakami schon lange bekannt. Gefühlsmäßig verarmte und vereinsamte Menschen, mitunter Gewalt, Paralleluniversen, deren Grenzen zur realen Welt fließend und daher von dieser kaum zu unterscheiden sind, durchziehen das gesamte Oeuvre des japanischen Autors. Sein neuestes Werk allerdings bildet hierbei eine Ausnahme. Das Surreale hält sich dezent zurück, auch wenn es einige schwer greifbare Situationen gibt. Der mysteriöse Herr Midorigawa ("grüner Fluss") zum Beispiel, der die ganz individuellen Farben eines jeden Menschen sehen kann, dafür aber bald sterben wird, die in Formaldehyd eingelegten, kleinen, 6.!! Finger eines Menschen oder diverse andere vage angedeutete symbolische Botschaften. Zudem durchlebt sein Protagonist zeitweise wirre (Wach-)Träume an der Grenze zum Übergang in ein anderes Bewusstsein. Aber auf mystische Wesen wie die nächtens aus dem Maul einer toten Ziege steigenden und aus imaginären Fäden eine "Puppe aus Luft" spinnenden "Little People" ("IQ84") oder sprechende Schatten und mysteriöse Einhörner ("Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt") wird der Leser vergeblich warten. Dies könnte die Murakami-Fan-Gemeinde vielleicht enttäuschen, wie die sehr gespaltenen Meinungen auf dem japanischen Buchmarkt, wo das Buch bereits im Frühjahr 2013 erschien, aufzeigen.

Warum gefällt mir der Roman trotzdem ausgesprochen gut?
Die Stilistik ist es jedenfalls nicht. Mit seinem lapidar-kühlen Duktus und einfachem Satzaufbau zählt Murakami nicht zu den Sprachkünstlern. Bei ihm liegt die Finesse im Detail: im formalen Handlungsaufbau, in seiner gewieften Erzählweise, in der strukturellen Melange unterschiedlicher Themen. "Vereinfacht ausgedrückt war es die Aufgabe einer Geschichte, eine bestimmte Problematik in eine andere Form umzuwandeln. Durch Merkmale und die Richtung dieser Wandlung deutete sich auf der erzählenden Ebene eine Antwort an.", ist in "IQ84" zu lesen. Darin ist Haruki Murakami zweifelsohne ein Meister. Soziologie, Literatur und Musik fließen in einem wohldurchdachten Potpourri zusammen, werden perspektivisch verwirbelt und zeitlich verschliffen, auch wenn dies im jüngsten Werk nicht direkt ins Auge sticht, sondern eher zwischen den Zeilen verborgen liegt. Neben dem zentralen Farbthema finden sich zum Beispiel immer wieder Einschübe zu Franz Liszts "Le mal du pays" (Heimweh). Entstand diese Musik doch gleichfalls als Teil eines Entwicklungsprozesses bei dem der Komponist unter dem Eindruck seiner Reisen musikalisch immer mehr zu sich selbst fand. Ein Merkmal, das auch Murakamis Protagonist auszeichnet. Der japanische Autor fungiert jedenfalls erneut als souveräner Strippenzieher, als Mittler zwischen Vergangenheit und Jetztzeit. "Bald tauchen, wie von der Melodie angelockt, gewisse Bilder hinter seinen Augenlidern auf - tauchen auf und verschwanden wieder. Es war eine Reihe von Schemen ohne Form und Inhalt. Verschwommen stiegen sie vom dunklen Rand seines Bewusstseins auf, durchquerten lautlos sein Gesichtsfeld und gelangten auf die andere Seite, wo sie verschluckt wurden und verschwanden. Wie winzige Lebewesen mit einem rätselhaften Umriss, die die Linse eines Mikroskops durchquerten."

Murakamis jüngstes Werk entpuppt sich als Buch über die Bedeutung der Werte im Leben eines Menschen, der Entdeckung seines wahren Ichs und dessen möglichen Freiheiten. Es ist ein sensibler Text über Einsamkeit, die Wichtigkeit von Freundschaften und persönliche Wertigkeiten. Dem Japaner ist es erneut hervorragend gelungen, seine an der Wegkreuzung der Gegenwart stehenden Figuren, von dort aus die Vergangenheit genau in Augenschein nehmen zu lassen und Wege zur Zukunftsgestaltung zu entwickeln. Ein Buch, das voller Wahrheiten über das Leben steckt und den Leser in einen permanenten Sog zieht. Es liest sich flüssig, ohne flach zu sein. Einen nicht unerheblichen Anteil hat daran gleichfalls die Übersetzerin Ursula Gräfe, die dem deutschen Leser das japanische Werk ohne spürbare Qualitätsverluste zugänglich machte. Auch wenn das offene Ende den Leser grübelnd und nachdenklich zurücklässt. Aber: "Ein Schriftsteller ist kein Mensch, der Fragen löst. Es ist ein Mensch, der Fragen aufwirft." Denn auch wenn einiges im Unklaren bleibt, so hat Haruki Murakami alles gesagt. Oder vielleicht doch nicht? Für mich persönlich ist Tsukuru Tazaki keineswegs so farblos, wie er sich selbst hält. Er strahlt in einem warmen, goldenen Sonnununtergangsgelb. Ein Gelb, das neben Rot und Blau zu den Primärfarben gehört und Bestandteil der schillernden Orange- und Grüntöne des Schmetterlingsflügels auf dem außergewöhnlich schönen Buchcover ist. Und letztendlich ist Gelb in Japan eine kaiserliche Farbe. Sie steht für Mut und Stärke, Weisheit, Glück und für die Zukunft. Eine Zukunft, die Tsukura vielleicht neu gestalten wird. Auch wenn er zunächst noch ziemlich ratlos vor ihr steht: "Das Leben war wie eine schwierige Partitur (...). Sechzehntelnoten und Zweiunddreißigstelnoten, seltsame Zeichen und kryptische Anmerkungen. Alles richtig zu lesen war eine Aufgabe, die beinahe unmöglich zu bewältigen war, und selbst wenn man alles richtig lesen und sogar in die richtigen Töne umwandeln konnte, hieß das noch lange nicht, dass man den Sinn verstanden hatte und anderen verständlich machen konnte. Ganz zu schweigen davon, jemanden glücklich zu machen. Warum musste das Leben so unendlich kompliziert sein?"

Haruki Murakami meinen allerherzlichsten Glückwunsch zum 65. Geburtstag am 12. Januar 2014!

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Mach das!

Martin Apolin , Mandy Fischer
Buch
Erschienen bei Ecowin, 17.01.2014
ISBN 9783711000538
Genre: Sachbücher

Rezension:

Schlank im Schlaf, Trennkost, Eiweißdiät und Ananas-Kur? Oder doch lieber Brigitte-Diät oder ein Programm bei den Weight-Watchers? Der Weg zum Wunschgewicht wird allerorts angepriesen. Und viel zu leicht glaubt man den vollmundigen Erfolgsgarantien der neuesten Studien, schlankmachenden Pillen, Tees, Pülverchens oder Werbeversprechen wie: "Abnehmen ganz leicht - keine Änderung Ihrer Ernährungsgewohnheiten nötig" oder "Viele Kilos in wenigen Tagen", mitunter gar völlig ohne Sport und Diät.
"Beim Thema Abnehmen wird gelogen, dass sich die stärksten Balken biegen. Kein Wunder, weil sich auf diese Art und Weise enorm viel Geld verdienen lässt.", ist sich der 1965 in Wien geborene Autor Martin Apolin, promovierter Physiker und Sportwissenschaftler, der als AHS-Lehrer (Physik, Sportkunde) und Lektor an der Fakultät für Physik in Wien arbeitet, sicher. Er packt in seinem jüngsten Buch die Grundlagen dieses verteufelten Kreislaufs des Zu- und Abnehmens an der Wurzel an und erläutert ihre Ursachen an der Basis: der Physik. Entscheidenden Anteil trägt dabei der Energieerhaltungssatz. Er ist es, der bestimmt, ob wir ab- oder zunehmen.

Energieerhaltungssatz? Da war doch was in der Schulzeit. Genau! Ganz einfach ausgedrückt besagt er: Energie kann nicht verloren gehen, sondern nur von einer Energieform in eine andere umgewandelt werden. In jedem Menschen läuft verallgemeinert formuliert folgende Reaktionsgleichung im Inneren des Körpers ab: Kohlenhydrate/Fette + Sauerstoff --> Wasser + Kohlenstoffdioxid + Energie. Und genau dieses letzte Paket, die dabei freigesetzte Energie, ist das, was uns am Leben erhält. Jedoch manchmal - und das ist die verflixte Krux - in seiner gespeicherten Form auf den Hüften oder im Bauch liegenbleibt: Energie, die nicht verloren gegangen ist, sondern ausharrt oder auf ihre Umwandlung wartet. Auch wenn wir unseren angesammelten "Speck" einzig den "Tücken" der Evolution zu verdanken haben und er rein physikalisch gesehen eine durchaus positive Energiebilanz darstellt, so ist damit dem übergewichtigen Zeitgenossen nicht geholfen. Und ob es ihn versöhnlich stimmt, wenn er weiß, dass die gespeicherte Energie der Fettpolster letztendlich transformierte Sonnenenergie und wenn man es noch ein wenig herunterbrechen möchte, sogar transformierte Urknallenergie ist, mag bezweifelt werden. Zudem stimmt ein Blick auf die demographische Entwicklung recht bedenklich, nahmen die Menschen zwischen den Jahren 1960 und 2000 in den westlichen Industrieländern um etwa 25 Prozent zu.

Äußerst interessant und unterhaltsam, aufschlussreich und kompetent, aber immer anschaulich und locker, in kurzen Kapiteln von zwei bis maximal fünf Seiten und garniert mit vielen anschaulichen und witzigen Illustrationen aus der Feder von Mandy Fischer, erklärt der österreichische Autor die Grundlage unseres inneren Motors. Er beginnt mit den Erfindern dieser physikalischen Gesetzmäßigkeit (man höre: ein Bierbrauer und zwei Ärzte!!), erläutert immer wieder die unterschiedlichsten Formen von Energieinput und -output oder den Unterschied zwischen Masse und Gewicht. Martin Apolin beschreibt die Ursachen von unverdauten Fetten und "bombensicheren" Nahrungsmitteln, beschäftigt sich mit Brennwerten, Kohlenstoffeinheiten, Muskelmasse, Wasserverlusten, Energiestoffwechseln, honigsüßen Durchflüssen oder dem berühmten Abnehmen im Schlaf. Er untersucht unterschiedlichste Wirkungsgrade bei diversen Aktivitäten (Radfahren, Treppensteigen, Laufen bis hin zu Küssen und Sex). Letztendlich läuft es jedoch immer wieder auf die gleiche Aussage hinaus: "Um abzunehmen, müssen sie eine negative Energiebilanz haben. Wie schaffen Sie das? Indem sie weniger essen und/oder mehr Bewegung machen. Das ist alles, was sie wissen müssen!" Oder:
"Gegen Ihre Korpulenz, gnädige Frau", sagt der Arzt, "hilft nur viel Bewegung."
"Kniebeugen und so, Herr Doktor?"
"Nein. Kopfschütteln, immer wenn ihnen etwas zum Essen angeboten wird."

Fazit: Auch wenn Begriffe wie Leistungsumsatz, Physical Activity Level, Watt, Joule oder Verdauungsverlust vielleicht den ein oder anderen abschrecken mögen, so hat Martin Apolin ein gut verständliches Buch über die physikalischen Prozesse in unserem Körper geschrieben, die bei der Nahrungsaufnahme und -verwertung ablaufen. Prozesse, deren Endresultat letztendlich immer wieder auf den Energieerhaltungssatz hinausläuft. Ein Buch, das hinter den Prozess des Zu- und Abnehmens schaut und das für den Laien genauso geeignet ist wie für den vielleicht schon ein wenig mit der Materie Vertrauten.

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Weissbuch Heilung

Kurt Langbein
Buch
Erschienen bei Ecowin, 24.01.2014
ISBN 9783711000422
Genre: Sachbücher

Rezension:

"Menschliches Genom entschlüsselt!" Diese Meldung schlug im Jahr 2000 ein wie eine Bombe. Die Berichterstattung beherrschte ein ganzes Jahr lang die Medien. Man sprach vom "Buch des Lebens". Anlässlich dieser sensationellen Bekanntgabe verkündete der damalige US-Präsident Bill Clinton in einer Pressekonferenz das Ereignis der Weltöffentlichkeit mit folgenden Worten: "Mit diesem Tag lernen wir die Sprache, mit der Gott das Leben erschaffen hat". Dies veranlasste Sidney Brenner, einen der Pioniere der Genforschung, zu einer vorlauten Bemerkung: "Und vielleicht ist die Bibel die Sprache, in der der Mensch Gott erschaffen hat". Nun ist weder das Genom noch die Bibel eine Sprache, sondern bestenfalls ein geschriebener Text und auch die vollmundige Ankündigung der Wissenschaftler, dass es "nur noch ein kleiner Schritt zur Identifizierung der krank machenden Gene und in der Folge zu einer adäquaten Therapie dieser Bausteine des Lebens" sei, ist mittlerweile in Ernüchterung unter den Genforschern umgeschlagen, stellt Kurt Langbein in seinem "Weißbuch Heilung" fest.

"Das Genom ist längst entschlüsselt, aber die konventionelle Medizin versteht immer noch einen Großteil der Erkrankungen nicht. (...) tausendfache Versuche, mit diesen Ansätzen die großen Volkskrankheiten zu bekämpfen, sind gescheitert." Kommen die Signale, die in einer bestimmten Zelle Gene an- oder abschalten, vielleicht doch aus ganz anderen Regionen des eigenen Körpers? Gibt es eine geheimnisvolle Energie, die in uns fließt und die durch manche Menschen wahrgenommen und aktiviert werden kann? "Was hält uns länger gesund, was macht uns krank? Wie können wir vermeiden, krank zu bleiben oder an einer Krankheit zu sterben? Wie kommt Heilung zustande? Welche Rolle spielen dabei die Mediziner, welche andere Heiler? Wie heilen Heiler überhaupt? Gibt es Erklärungen für Heilungen, welche die Medizin unerklärlich findet? Welche Rolle spielen traditionelle, von der Schulmedizin abgelehnte Therapieformen tatsächlich?" Fragen, denen der Autor in 29 Kapiteln auf den Grund zu gehen versucht.

Kurt Langbein, medizinischer Wissenschaftsjournalist und selbst krebsbetroffen, hat sich in seinem Buch auf eine augenöffnende, individuelle und übergreifende Entdeckungsreise gemacht. Ein Parcours, der ihm ebenso fremd war wie auch mir und der in der eigenen schulmedizinischen geprägten Wahrnehmung bis dato ganz schnell in die Schublade der merkwürdigen fernöstlichen Heilmethoden oder von modernen Esoterik-Strömungen durchzogenen alten Naturkunde gesteckt wurde. Dabei besucht er neben Heilern und Psychoanalytikern auch anerkannte Wissenschaftler, wie zum Beispiel Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer, Epidemiologe Michael Marmot, Hirnforscher Gerald Hüther, den italienischen Neurophysiologen Fabrizio Benedetti oder den amerikanischen Immunbiologen Noah Palm.
Der in Budapest geborene österreichische Autor, der zudem eine bewegte Geschichte seiner Vorfahren erzählen kann, berichtet in kurzen, gut verständlichen und klar analysierten, hochinteressanten Kapiteln von Zellbewegung und -kommunikation in unserem Körper, von Spontanheilung, Placebo-Effekt, Schmerzforschung, den Einflüssen von Beziehungen, Stress, Empathie, Lebensrhythmen und Chronobiologie, von Meditation und Hypnose oder aber den vielen Irrtümern der Ernährungslehre, die Ernährungswissenschaftler Udo Pollmer in einem ZEIT-Interview so treffend persiflierte: "Ernährungsberatung ist vor allem eines: Gewalt von Frauen gegen Frauen."

Eines wird in all den hochinteressanten Ausführungen, die sogar vor der Quantenphysik und dessen jüngstem Kind, der Existenz von Biophotonen, nicht Halt machen, mehr als deutlich: Unser Wissen und das ständige Überbetonen, welchen Einfluss Umweltfaktoren auf unsere Gesundheit haben, das Analysieren unserer Beschwerden und Gesundheitsprobleme in Röhren und mittels hochauflösenderer Fotografien ist nur eine Seite. Eine Medizin, "die den Körper nur als Maschine begreift, hat wenig Chancen, Nachhaltiges zu leisten.", ist sich nicht nur der Autor sicher. Zum "Behandeln" - dessen Wortstamm bereits darauf hindeutet - gehört noch mehr. Krankheit, da sind sich alle interviewten Personen einig, "entsteht primär, wenn das System Mensch nicht mehr in Balance ist. Und Heilung wird dann möglich, wenn Therapeuten den Patienten helfen, die ungünstige Konstellation in ihnen und um sie herum zu verändern und die Selbstheilungskräfte wieder zu aktivieren." Komplementärmedizin ist dabei ein Wort, das man sich merken sollte. Diese Verfahren und Behandlungsmethoden, die (noch) nicht zur konventionellen Schulmedizin gehören und gerade in Universitätskliniken eine nahezu überwindbare Schlucht darstellen, ergänzen und unterstützen und stellen einen nicht zu unterschätzenden Anteil bei der Aktivierung der Selbstheilungskräfte dar.

Fazit: "Weißbuch Heilung" versteht sich als leidenschaftliche Kritik gegen das verkürzte und verengte Denken der medizinischen Zunft. Es ist zugleich ein großes Plädoyer dafür, dass sich die Forschung endlich aus dem festen Griff der Medizin-Industrie, allen voran der Pharmaindustrie, lösen sollte. "Es ist der Geist, der sich den Körper baut", heißt es in Friedrich Schillers "Wallenstein". Kurt Langbein fügt hinzu: "Schritt um Schritt erkennt nun die Neurowissenschaft, wie richtig der Dichter - und ausgebildete Arzt - damit lag: Die Seele kann den Leib verändern." Ich persönlich würde nun nicht behaupten, dass es durch das Lesen dieses Buchs gleichfalls glückt, aber die eigene Denkweise erden, zum Nach- und vielleicht gar zum Umdenken bringen, DAS gelingt diesem hervorragenden Buch, dem ich - ganz im Gegensatz zu tatsächlichen virulenten Krankheiten - eine epidemieartige Verbreitung und akute Ansteckungsgefahr wünsche.

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einfachheit, frauen, algerienkrieg, schreiben, jean-paul sartre

Camus

Iris Radisch ,
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 24.10.2014
ISBN 9783499628016
Genre: Biografien

Rezension:

"Für seine bedeutungsvolle Verfasserschaft, die mit scharfsichtigem Ernst menschliche Gewissensprobleme in unserer Zeit beleuchtet", wurde 1957 dem damals 43-Jährigen der Literaturnobelpreis verliehen. Am 7. November 2013 wäre Albert Camus 100 Jahre alt geworden. Doch er schaffte nicht einmal die Hälfte. Nur zwei Jahre nach der höchsten literarischen Ehrung war er tot. Umgekommen auf der Landstraße nahe Villeblevin bei einem tragischen Verkehrsunfall. Iris Radisch hat 57 Jahre nach der schwedischen eine deutsche "Laudatio" verfasst. Sie würdigt den in der Nähe von Algier, in Mondovi, Algerien, geborenen Schriftsteller, Bühnenautor und "Philosoph des Absurden" auf ihre ganz persönliche Art: eine Biografie, die in allen Belangen seinem Sujet würdig wird.

"Camus hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass es für ihn undenkbar war, die Literatur von den elementaren Erfahrungen der Menschen zu lösen, von dem großen Schmerz und dem großen Glück, die ein Leben bestimmen.", schreibt die Autorin. Und genau dieser Satz bestimmt auch den Duktus ihrer zu Papier gebrachten, ausgezeichneten Recherchen. Im Gegensatz zu der "Gleichgültigkeit der Mutter, die irgendwo im Abseits des Autismus ihr Leben verbracht hat" und Camus sowie all seine literarischen Figuren, die "von einer ähnlichen Aura der Kälte umgeben sind und niemals die seelische Nähe anderer Menschen suchen", prägte, zeichnet Iris Radisch ein unglaublich lebhaftes und emotionales Bild des Franzosen. Denn trotz aller menschlicher Kühle sind Camus' Romane und Erzählungen lichtdurchflutete "Sommerbücher", "elektrisiert von der Hitze des Mittags, der nie zu enden scheint (...), geschrieben unterm höchsten Sonnenstand, in dem die Dinge keine Schatten werfen und mit sich allein sind."

Virtuos und sprachgewaltig, intellektuell und vielschichtig stellt Iris Radisch den Lebensweg Camus' dar: vom "Schweigen im Armenviertel einer französischen Kolonie (...), losgelöst von der religiösen und kulturellen Nabelschnur zum unbekannten europäischen Mutterland - ohne Kenntnis von der eigenen Geschichte und dem eigenen Herkommen in einem Niemandsland endloser Gegenwart, durch das hin und wieder lärmend eine Straßenbahn fährt" bis hin zum weltgewandten Pariser Starautor. Dabei richtet sie ein besonderes Augenmerk neben all den prägenden und ihn beeinflussenden Zeitgenossen wie Jean Grenier, Pascal Pia, den Dichter René Char oder den mit ihm im Autowrack umgekommenen Michel Gallimard, vor allem auf den Mann, dessen Leben nicht unterschiedlicher beginnen konnte, als das Seinige: der Systematiker und Absolvent der Pariser École Normale Supérieure Jean-Paul Sarte. Er war es auch, der den titelgebenden, alles andere als freundschaftlichen und anerkennenden Ausspruch äußerte. Zwar erkannte er die Sprengkraft des Werkes des "geistigen Handwerkers", aber die Originalität seines Autors anerkannte der "intellektuelle Bohemien" nicht. Am Ende "hat die Geschichte Sartre unrecht gegeben. Und Camus in allem bestätigt. (...) seine Kritik des Totalitarismus hat sich als eine der hellsichtigsten Gegenwartsanalysen des 20. Jahrhunderts erwiesen."

Gleichfalls hervorragend gelingt der Autorin zudem die harmonische Einflechtung des Lebenswerkes ihres "Helden des Schreibens am Nullpunkt der Literatur". Sie bindet nicht nur Camus' Welterfolge wie "Der Fremde", "Mythos des Sisyphos" oder "Die Pest" ein, sondern Radisch geht auf sein komplettes Oeuvre intensiv und erläuternd ein: Bücher, die aus dem Zerrissen Sein eines Menschen "zwischen den Gegensätzen des Lebens" geboren wurden, der zudem "davon überzeugt ist, keine Zeit mehr zu haben - für den Aufschub des Glücks, für Verstellungskünste der Zivilisation, für das Irgendwann der Geschichtstheologie." Radisch macht Camus' "philosophische Erkundung der Welt" für den Leser spürbar und stellt seine Stärke - die "Literarisierung die Philosophie" ganz nach dem Vorbild Montaignes, Pascals und Nietzsche, in den Vordergrund.

Fazit: "Er hat nie versucht, auch nur einen seiner Widersprüche zu lösen, er wollte das Leben und das Sein niemals beschneiden", erinnerte sich seine ehemalige Geliebte Maria Casarès. Albert Camus selbst bezeichnet es anders: "Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt." Dieses individuelle, kontrollierte Erleben des Schriftstellers und Existenzialisten, diesen zwischen den Gegensätzen seines Lebens zerrissenen Mann, der am liebsten alles zugleich mochte - " Norden und Süden, französische Kultur und mediterrane Lebensart. Askese und Ausschweifung.", könnte als Zusammenfassung in einem Satz über der Biografie von Iris Radisch stehen. Intelligent, wortstark, emotional, aber auch kritisch beleuchtend, stellt sie den "algerischen Gassenjungen" als Menschen mit Schwächen, aber auch vielen Stärken dar und setzt ihn wirkungsvoll in sein gelebtes Zeitalter. Eine äußerst gelungene Würdigung. Ein großartiges Geburtstagsgeschenk.

"So hat mich jedes Mal, wenn ich den tiefsten Sinn der Welt zu erfühlen glaubte, vor allem ihre Einfachheit erschüttert." (Albert Camus)

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spd, wahlkampagne, angela merkel, fehler, belastung

Der Zirkus

Nils Minkmar
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 23.10.2013
ISBN 9783100488398
Genre: Biografien

Rezension:

Wenn früher ein Zirkus in die Stadt einzog, kam dies fast einer Parade gleich. Bunte Wagen, Sattelschlepper, Elefanten und andere exotische Tiere erzeugten ein großes Getöse. Kinder liefen aufgeregt am Straßenrand umher, um die echte Menagerie zu bestaunen. Artisten, Jongleure und Feuerschlucker brachten ihre Augen zum Leuchten. "Erst wer im runden sandigen Boden den Blick der Zuschauer halten und ihm standhalten konnte, erst wer ein wirkliches Risiko eingegangen war, wer in hoher Höhe gezittert hatte oder Auge in Auge mit einem Raubtier stehen musste, war ein echter Unterhalter. Es war Unterhaltung, die voraussetzungs-, aber nicht anspruchslos war und so alt wie die westliche Demokratie selbst.", berichtet Nils Minkmar, Feuilletonchef der FAZ, in seinem Buch. Heute allerdings lockt diese Art der Massenunterhaltung kaum noch jemand "unterm Sofa hervor". Es gibt sie zwar noch, die Zelte, die früher das Leben ganzer Regionen in Aufruhr versetzten, aber ihre jedermann aufrüttelnde Bedeutung haben sie beinahe gänzlich verloren.

Eine gewisse Analogie kann man auch beim aller vier Jahre stattfindenden Bundestagswahlkampf feststellen. Das Interesse sinkt und den Weg an die Urne finden immer weniger. "Der Wahlkampf war etwas Optionales geworden, dem sich nur noch die motivierten und Gutwilligen zuwandten. (...) Die Akrobatik war nach wie vor vollendet, aber der Rahmen war antiquiert und lebte von der Nostalgie derer, die als Kinder und Jugendliche von den großen Shows der bundesrepublikanischen Demokratie beeindruckt worden waren.", stellt der Autor fest. Eine die Leute beschäftigende soziale Bindewirkung gibt es nicht mehr. Die Ursachen sind - ganz genau wie beim "echten" Zirkus - sicherlich in der dominierenden Konkurrenz zu Fernsehprogrammen und Computern zu suchen. Vielleicht aber auch in dem antiquierten Rahmen, aus dem die großen Parteien herausschauen. Trotzdem finden sich immer wieder Kandidaten, die sich vor den großen Karren spannen lassen und durchs Land "tingeln", um ihr politisches Programm zu präsentieren. Nils Minkmar hat sich dem Tross der SPD und ihrem Spitzenkandidaten Peer Steinbrück angeschlossen. Ein Jahr lang begleitet er ihn bei all seinen Terminen und Verpflichtungen. Beginnend mit einer Vorbesprechung im Willy-Brandt-Haus, unter dem alles dominierenden, beinahe für Beklemmung sorgenden Blick der überlebensgroßen Plastik von "Super-Willy", über öffentliche Wahlkampfveranstaltungen, das legendäre Fernsehduell mit der Kanzlerin unter Moderation von Stefan Raab bis hin zum letzten "Abgesang" nach der im September stattgefundenen und bis dato nicht ergebnispräsenten Bundestagswahl. Minkmar war Teil Staffage der "roten Wagenburg" und erhielt einen Blick in das Zentrum der Macht.

Nicht sensationsheischend, spektakulär oder populistisch, sondern fundiert, differenziert und weitestgehend neutral (eine gewisse Affinität zur SPD ist ihm dennoch nicht abzusprechen und die relativ humanen Seitenhiebe auf die Bundeskanzlerin sind nicht völlig vorurteilsfrei) schreibt er im Stil eines großen Zeitungsfeuilletonisten über seine Erfahrungen im autarken, überwiegend geschlossenen Club einer großen Partei. Wird Politik überschätzt? Wie sollte der ideale Kanzlerkandidat sein? Welches politische Programm spricht den heutigen Wähler an?, sind nur einige Fragen, die er sich im Laufe der Monate stellt und zu beantworten versucht. Er analysiert das Wahlprogramm, räumt auf mit Mythen, Hypothesen oder Vermutungen und weitet die mediale, momentbezogene Berichterstattung aus. Dies alles jedoch ohne ausufernd oder gar ermüdend zu wirken, sondern immer wieder erfrischend gewürzt durch wirkungsvolle Bonmots. Dabei liest sich dieser "politische Insiderbericht" trotz seines hohen sprachlichen Niveaus äußerst flüssig und gut verständlich.

Letztendlich kam alles so wie es fast vorausschaubar war - oder noch schlimmer: die SPD erzielte eines ihrer schlechtesten Wahlergebnisse. Vielleicht, so Minkmar, hätte sie sich lieber an den Spruch von Antoine de Saint-Exupéry gehalten, der einmal meinte: "Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer." Doch gerade damit haderte die SPD allzu offensichtlich. Sie hinterfragte sich ständig, "ob nicht ein schönes Alpenpanorama, ein tiefer Wald oder ein Kurztrip nach Berlin die Männer eher inspirierten und ob es denn überhaupt ein Schiff sein müsse - und wohin wolle man mit dem überhaupt fahren? Auf so etwas sei schon mancher ins Unglück gesegelt." Möglicherweise lag es aber auch daran, dass die Partei Wortkargheit kultiviert und "Verbundenheit mit der Verehrung der heimatlichen Scholle und vorreflexiver Instinkte statt Diskursfähigkeit und intellektueller Kompetenz." Es scheint, so der Autor, dass die SPD nur noch das "Museum ihrer selbst", ein "politisches Weltkulturerbe" ist.Vielleicht sollte sie sich die Aussage von Lars Brandt zu eigen machen, der einmal äußerste: "Man soll sich auf Dauer eben nicht schlichter geben, als man ist." Genauso wie es der Zirkus nicht tut. Denn ein kleines bisschen sehnt sich so mancher vielleicht genau dorthin zurück. Zirkus strahlt immer eine besondere Magie aus, weil er echt, weil er dreidimensional und vor allem weil er live ist.

Fazit: Kenntnisreich, informativ, interessant und fern jeglicher Populistik gewährt Nils Minkmar einen Einblick in die "Zirkusmanege" der SPD-Parteizentrale. Er berichtet von Artisten, Feuerschluckern, Raubtierbändigern und vor allem seinem "Direktor" und dessen Alltag hinter den Kulissen. Ein Buch, das viele Handlungen seiner Akteure verständlicher, wenn mitunter auch nicht nachvollziehbarer macht.

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Ingeborg Bachmann und Max Frisch

Ingeborg Gleichauf
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Piper, 19.01.2015
ISBN 9783492306294
Genre: Biografien

Rezension:

"In ihrer Nähe gibt es nur sie, in ihrer Nähe beginnt der Wahn.", lässt Max Frisch seinen Montauk über die junge Verlagsangestellte Lynn sinnieren. Auch wenn die Erzählung nur Fiktion ist, so könnte sie doch einen großen Anteil Wahrheit beinhalten. Wahrheit über seine Beziehung zu einer Frau, deren bildhafte Lyrik "in ihrer Mischung aus Sinnlichkeit und Intellektualität" fasziniert, die viele Leben gleichzeitig lebte, dabei aber immer darauf bedacht war, dass keines vom anderen wusste: Ingeborg Bachmann. Ingeborg Gleichauf, die mich schon in ihren Biografien über Max Frisch, Simone de Beauvoir und Hannah Ahrendt begeisterte, dringt erneut in den "Zwischenraum aus ungelebten Möglichkeiten", in die "Reste von Vergangenem" ein, um die wohl herausforderndste Liebesbeziehung, die Max Frisch einging, zu beleuchten. Eine Begegnung, die sowohl für Bachmann als auch Frisch äußerst prägend war und deren extreme Erfahrungen in beider Arbeit einflossen.

"Hat nicht jede erste Begegnung ihre ganz eigene, besondere Vorgeschichte? Und wenn diese erste Begegnung den Beginn einer Liebesbeziehung markiert, wie groß ist dann erst die Bedeutung dessen, was vorher geschah oder auch gerade nicht, die Geschichte der Wünsche, Sehnsüchte, überhaupt der ganze Vorstellungs- und Gefühlskosmos, der sich auftut, wenn es um ich und du geht. Noch um ein Vielfaches komplizierter, schillernder, facettenreicher wird es, wenn der Blick sich richtet auf die Beziehung zweier Dichter oder Schriftsteller." Ingeborg Gleichauf berichtet in ihrer unvergleichlich romanesken, analysierenden Art über den verwirrenden, vieldeutigen Anfang, die gemeinsamen Jahre, bis hin zur Trennung, über die Frisch selbst schrieb: "Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht." Sie lässt den Leser an den Höhen und Tiefen dieser ungewöhnlichen, explosiven, großen Liebe teilhaben. Wunderbar gelingt es ihr, an den Schauplätzen Paris, Zürich und Rom Bilder auftauchen zu lassen, Stimmen hörbar zu machen und sie vor dem inneren Auge des Lesers auszubreiten. "Die Vergangenheit schiebt sich über die Gegenwart. Auf der Bühne des Gedächtnisses wird ein Stück aufgeführt."

Gleichauf berichtet vom steten Schreiben Bachmanns und Frischs "gegen den Andrang der Welt, gegen die Ansprüche anderer Menschen", das durchaus ein Schreiben "aus Notwehr gegen die eigenen Ängste und Unsicherheiten" war. Beide sind Meister "im Anfangen, im Entwurf ungeahnter Möglichkeiten". Doch der Boden auf dem sich die zwei Liebenden bewegten, erwies sich mehr als brüchig. Trotzdem kämpften sie um ihre Beziehung und bäumten sich vehement gegen das Scheitern auf, wie die Autorin feststellt. Immer wieder wirft die Autorin Fragen in ihrem Text auf: Wer sind sie denn wirklich, diese Ingeborg Bachmann und dieser Max Frisch? Was zeigten und was versteckten sie? Inszenierten sie sich oder das was man von ihr sehen wollte nur? Ingeborg Gleichauf kitzelt die vielen widersprüchlichen Ansichten ihrer beiden Protagonisten heraus, stellt sie gegeneinander, um irgendwo dazwischen das Quäntchen Wahrheit zu finden. Dabei tritt in ihren Texten ein Ton zutage, der die Schwingungen aus Wirklichkeit und Fantasie, von denen das Paar getragen wurde, nachvollziehbar macht.
Der Blick auf die Beziehung bleibt natürlich ein vermittelter, "gebunden an die Werke, die in dieser Zeit und danach entstehen, und auch an die Werke, die bereits erschienen sind. Sie tragen nicht bei zur Wahrheitsfindung, was das Faktische betrifft, aber sie können etwas zeigen. Sie regen die Vorstellungskraft an. Die Beziehung wird lesbar." Zwar nur in Ansätzen und Momentaufnahmen, aber trotzdem gelingt der Autorin eine Annäherung an das "explosive Zwischen-den-Beiden". Dazu gibt sie neben den Hauptfiguren in diesem Drama weiteren Mitspielern eine Stimme. Das sind zum einen natürlich deren Kunst, aber auch die öffentliche Meinung und vor allem die Schauplätze, an denen sich Bachmanns und Frischs Leben abspielte. Denn beide waren Reisende auf der Suche nach Orten, wo sie länger oder vielleicht für immer verweilen hätten können. Geschickt arbeitet Ingeborg Gleichauf hierbei vor allem das unterschiedliche Erleben heraus.

Fazit: Das Buch - ergänzt durch einige Fotos - liest sich fast wie ein Roman und ist doch sehr detailgenau und differenziert. Es ist der Autorin ohne waghalsige Spekulationen, sondern durchaus mit kritischem Abstand gelungen, die Beziehung von Max Frisch und Ingeborg Bachmann mit ihren jeweiligen Romanen, Theaterstücken oder Gedichten zu verzahnen: eine durchgehend geschickte Verflechtung von Beschreibung und Analyse, ein authentisches Werk und zuweilen ein "beängstigendes In-die-Nähe-Kommen zum Atmosphärischen im Leben des Liebespaares Bachmann und Frisch". Obwohl der Text mit viel Sympathie für die beiden Protagonistin geschrieben und deren Annäherung sehr persönlich gestaltet wird, vereinnahmt Ingeborg Gleichauf sie weder, noch verklärt sie sie zu Helden. Aber sie versetzt sich ganz tief in Frischs und Bachmanns Denk- und Verhaltensweisen. Gerade dadurch holt sie faszinierende und streitbare Persönlichkeiten an die Oberfläche, die letztendlich beinahe persönlich zum Leser sprechen und ausrufen: "Alles ist offen, und nichts ist geklärt" im "Kunstwerk Liebe des Dichterprinzenpaares".

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Dubliner

James Joyce , Albert Bolliger , Harald Beck , Fritz Senn
Medienkombination: 298 Seiten
Erschienen bei Sinus-Verlag, 01.09.2012
ISBN 9783905721881
Genre: Romane

Rezension:

"Und zuallererst lese man die Dubliner. Es ist die einzige Möglichkeit, das Werk eines der größten Schriftsteller zu verstehen.", beurteilt T.S. Elliot das erste Prosawerk des irischen Dichters und Schriftstellers James Joyce. Zweifelsohne gelten die fünfzehn Erzählungen heute als bester Zugang zum Gesamtwerk von Joyce. Zudem verweisen sie thematisch auf seinen "Ulysses", der ursprünglich "nur" als eine weitere Geschichte der "Dubliner" geplant war. Nun kann man sich neben dem geschriebenen Wort auch akustisch an den Schauplatz der Handlung begeben. Denn der Sinus-Verlag hat die erzählte Hassliebe von Joyce zu seiner Heimatstadt Dublin als großartig vertonte, ungekürzte Version auf den Markt gebracht. Obwohl der kleine Verlag aus der Schweiz vor allem für die exzellente Präsentation von historischen Orgeln steht, lässt er auch immer wieder in Sachen "Weltliteratur in Buch und Hörbuch" aufhorchen. Die vorliegende Auflage offenbart unzweifelhaft ein weiteres Kleinod.

"Dubliner" stellen in Gänze einen großen Lebenszyklus dar: beginnend in der Kindheit, über die Jugend bis hin zu Alter bzw. diversen Aspekten des öffentlichen Lebens und schlussendlich dem Tod. Dabei legt der große irische Autor seine Handlung in die Welt des kleinen bis mittleren Bürgertums, motivisch geprägt von Versuchen des Aufbruchs. Joyce wirft einen sensiblen Blick auf Gescheiterte und Betrogene, Arbeitslose und Trinker, gelangweilte Angestellte oder bevormundete Töchter. Seine Protagonisten sind zwar voll von Träumen und Ambitionen, doch gelingt es letztendlich keinem, aus seiner Lethargie und Benommenheit auszubrechen. Erstarrt in Konventionen betäuben sie ihre Enttäuschungen zumeist mit gehörigen Mengen Whisky und Bier. Motive der unerreichbaren Liebe und unglückliche Hingebung, männliche Prostitution oder Entehrung sind genauso Gegenstand wie jugendliches Aufbegehren, beruflicher Erfolg, Schriftstellerträume oder Politik und Intrigen.

Bereits in diesen frühen Texten offenbart James Joyce einen relativ armen äußeren Handlungsrahmen, der im "Ulysses" später seine Vollendung findet. Dieser tritt zugunsten der sensiblen Innensicht auf seine Figuren in den Hintergrund. Zudem brechen fast alle Erzählungen am Ende relativ abrupt ab und offenbaren ein Gespinst an immer wiederkehrenden, miteinander verflochtenen Motiven (finanzielle Sorgen, Alkohol, die Selbstbestimmung Irlands, Kunst und Selbstverwirklichung, Kirche, Konventionen und gesellschaftliches Auftreten). Joyce experimentiert mit dem Prinzip der Andeutung und der indirekten Mitteilung. Dies alles lässt den Hörer in einer Art Schwebezustand zurück und gestattet ihm eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten.

Sein Augenmerk sollte man vor allem auf die erlebte Rede (ein Vorläufer des inneren Monologs) richten, welche die Erzählungen dominieren. Joyce versteht es virtuos, seine Erzählsprache den wechselnden Figuren anzupassen und feinste Nuancen verschiedener Sprechweisen abzubilden. Und dabei kann die Hörbuchfassung ihre Vorteile ausspielen. Denn mit Ulrich Matthes, Eva Mattes, Christian Brückner, Dagmar Manzel, Stefan Kaminski und Gerd Wameling wurden exzellente Sprecher und Meister ihres Fachs gewonnen, die allein schon durch ihre Stimme und Intonation ein Erlebnis darstellen. Alle sechs eröffnen dem Hörer mit ihren unverwechselbaren Timbres und einer Unmenge von Zwischentönen einen ganz neuen, äußerst intensiven Zugang zu dem frühen Werk des Iren. Sie wissen sich in jede Person intensiv hineinzuversetzen und verleihen ihr dadurch einen spezifischen, beinahe physisch fühlbaren Akzent. Allen Sprechern gelingt es wunderbar, Nuancen herausarbeiten, die sich beim stillen Lesen oft gar nicht erschlossen hätten.

Fazit: Wem der Ulysses zu gewichtig, zu schwierig oder zu überladen erscheint, dem sei hiermit empfohlen, die Kurzgeschichten von James Joyces zu hören und gleichzeitig mit oder nachzulesen, denn alle Erzählungen liegen gleichfalls in gedruckter Form als Booklet bei. Ein kurzer Abriss der Lebensdaten von James Joyce, ein Essay von Fritz Senn und ien historischer Stadtplan von Dublin ergänzen diesen wunderbaren, akustisch sehr gelungenen Einstieg in das frühe Meisterwerk des irischen Autors.

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Der Mann, die Frau, das Schaf, das Kind

Galsan Tschinag
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Unionsverlag, 14.08.2013
ISBN 9783293004658
Genre: Romane

Rezension:

"Die ganze Kunst lebt von Übertreibung, wie alle Lebewesen vom Sauerstoff leben!" Übertreibung steht für den Überschuss an Kraft und Leidenschaft eines Künstlers. Damit stellt selbiger zugleich die Seele der Menschheit dar. Einen eindrucksvollen Beleg von der Richtigkeit dieser Aussage bietet der auf deutsch schreibende mongolische Autor Galsan Tschinag mit seinem neuesten Roman. Schon allein der Titel seines jüngsten Werkes klingt alles andere als herkömmlich. Aber auch der Inhalt weist Zuspitzungen und Superlativen auf. Indirekt könnte man die Handlung gar als Hyperbel bezeichnen, obwohl der Großteil durchaus im Glaubwürdigen angesiedelt ist. Allerdings bleibt für hiesige Verhältnisse aller Wahrscheinlichkeit einiges schwer nachvollziehbar. Doch schon bei ein wenig Vertrautheit mit der Lebensweise des zentral- bzw. südostasiatischen Raums erscheint der Großteil der Handlung ganz und gar nicht übersteigert.

Schon der Einstieg in den Plot gestaltet sich alles andere als gewöhnlich. Da steht eine junge, "blütenzarte, zerbrechliche Frau, (...) deren ganze Erscheinung an ein hauchdünnes, schneeweißes Porzellanstück denken ließ, das eher zum Glasschrank in der guten Stube angeberischer Städter gehörte und als Alltagsgeschirr ganz und gar ungeeignet war", völlig hilflos mit einem herzerweichend blökenden Hammel im Treppenhaus eines Hochhauses der mongolischen Hauptstadt. Als Retter in der Not erweist sich ein alter Mann, "mit schütterem, grauen Haar und zerfurcht schwitzigem Gesicht, das alle Erschöpfung der Welt auszustrahlen schien." Während die junge Frau Hilfe zu holen verspricht, nimmt er sich der "gepeinigten Kreatur mit den harngelben Augen" an und bugsiert den Hammel in seine kleine Paterre-Wohnung. Als er dort stundenlang weiterblökt, schlachtet, zerlegt und portioniert ihn kurzerhand säuberlich und verspeist ihn nach Rückkehr der Dame genüsslich mit jener. Danach erzählt man sich gegenseitig seine Lebens- und Leidensgeschichten, die mancherlei Überraschungen bereithalten. Letztendlich kumulieren die Freuden und Kümmernisse der zwei, auf den ersten Blick so ungleichen, bei näherem Kennenlernen doch ziemlich ähnlichen, hoffenden und wartenden, gequälten Seelen in einem versöhnenden Finale Grande.

Das hört sich nach einem sauber gestrickten Plot an, der vielleicht recht gut ins Genre Parodie und Slapstick passen würde. Doch damit würde man dem Werk des mongolischen Autors keinesfalls gerecht werden. Denn wie er das Schicksal von Nüüdül und Dsajaa darstellt, ist erstaunlich, lesenswert und literarisch überaus bereichernd. In blumigen, zuweilen recht interessant-kreativen Wortgestaden erzählt Galsan Tschinag anhand der Schicksale seiner beiden Protagonisten zugleich die zuweilen recht erschreckende Entwicklung seines Heimatlandes. Er berichtet von Korruption und Gewalt, von der Kluft zwischen arm und reich, vom Höhenhimmel, der Steppenerde, viel Windsturm, Nomaden und Traditionen versus Stadt, Moderne und seelenloser Spaßgesellschaft. Glück und Nichtglück stehen genauso im Wechselspiel wie Schicksal und Höllenparadies. Das Buch liest sich zuweilen wie ein feinmaschiger Tagtraum, in dem man Bildern begegnet, "die lebensecht wirken und einander rasch ablösen", zuweilen jedoch einen ungeheuren Windsturm über die gequälten Seelenlandschaften der beiden Hauptdarsteller brausen lassen. Zudem gelingt es Tschinag beim Verknüpfen der Schicksalsfäden mittels literarischer Stilmittel eine unglaubliche Intensität an beinahe realen Gerüchen und Düften zu erzeugen.

Fazit: "Schon der erste Satz packt und nötigt die Augen schon zum nächsten, der sie samt anderen Sinnen auf den wiederum nächsten zieht. So ergeht es ihm mit jedem weiteren Satz, und schnell ist er von einem Sog erfasst, der seinen Geist immer tiefer hineinführt in eine andere, lichterlohe Welt und ihm immer neue, immer köstlichere Nahrung vorsetzt." So wie Nüüdül das Lesen eines Buches mit dem Titel "Die Erde ist eine Weinende, am Ende ihrer Kräfte" empfindet, gestaltet sich gleichermaßen auch DIE Neuentdeckung des Herbstes 2013 des mongolischen Autors. Ein ungewöhnliches, ein außergewöhnliches Buch, ein "Zauberlicht der Wortkunst" aus einem Land, das durch seine geografischen wie politischen Gegensätze geprägt ist. Ganz nach dem Motto: "Das Leben ist eine Wuseltasche mit mehr Falten als der Blättermagen des größten Ochsen." Doch: "Lebt euren Träumen nach, holt sie ein und macht sie zu euren Dienern!" Aber: "Euer Hauptberuf sei der Mensch!"
Ein unterhaltsam-nachdenkliches Buch voll Lebensweisheit und Wärme.

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kristopher jansm, gebunden, die flecken des leoparden, hardcover, anspruchsvoll

Die Flecken des Leoparden

Kristopher Jansma ,
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Graf Verlag, 13.09.2013
ISBN 9783862200283
Genre: Romane

Rezension:

"Die besten Romanciers lassen einen beim Lesen glauben, ihre Geschichten seien wirklich. Man hält den Atem an, wenn Raskolnikow sich seiner Nachbarin mit gezückter Axt nähert. Man weint, wenn niemand zu Gatsbys Beerdigung kommt. Und wenn man erkennt, wie geschickt man reingelegt wurde, liebt man den Autor umso mehr." Schriftsteller verzaubern, begeistern, entführen den Leser in andere Welten oder enttäuschen. Es gibt einfache Texte und komplizierte. Manche sagen in einem Satz alles, wieder andere gestalten ihre Erzählung ausufernd-opulent. Der eine Roman quillt über "von in den Text gewobenen postmodernen Rätseln, die die Intellektuellen bei der Stange hielten", ein anderer wiederum punktet mit "herzerwärmenden Albernheiten für die einfachen Leser". Und dann gibt es die ganz besonderen Bücher, die all dies geschickt miteinander verweben, wo man "ab der ersten Zeile (...) sein Herz anders schlagen [spürt], und wenn es ausgelesen ist, möchte man von vorn beginnen." Doch von den Beweggründen, den Belangen und Antriebsfedern des Autors, seinen "Wort-Kämpfen" und schlaflosen Nächten, seinen Ängsten und Schreibblockaden, dem schweren und steinigen Weg bis zur erfolgreichen Geburt seines geistigen Kindes, davon bekommt der Leser nichts mit. Bestenfalls kann er es nur vage erahnen.

Kristopher Jansma, hat in seinem Debütwerk den Versuch unternommen, dies auf ungewöhnliche Art und Weise darzustellen. Die amerikanische Lyrikerin Emily Dickinson hat dies vielleicht in ihrer unnachahmlichen Art perfekt interpretiert: "Im Umweg liegt Gewinn: Zu licht ist unsrer trüben Sicht der Wahrheit Wundersinn. Wie Blitz, durch mildes Wort erklärt, vertrauter wird dem Kind, muss Wahrheit blenden nach und nach, sonst würde jeder blind." Schon mit seinem ersten Satz nimmt er den Leser gefangen und lässt ihn doch stets auf eine gewisse Art im Vagen: "Wenn Sie glauben, dass Sie der Autor dieses Buches sind, nehmen Sie bitte schnellstmöglich Kontakt auf mit dem Verlag Haslett & Grouse, New York, New York". Und weiter: "Ich habe jedes Buch verloren, das ich je geschrieben habe." Jansma erweist sich über reichlich 300 Seiten als "perfekter Lieferant des Scheins". Irgendwo im leeren Raum zwischen den Erfindungen seiner Protagonisten liegt das wahre Wesen des Autors verborgen, der Konstrukt seiner Gedanken und Empfindungen: sein Ich.

Was erwartet den Leser? Der Text, geschrieben in der Ich-Form, erzählt von einem jungen Mann auf seinem Werdegang zum Schriftsteller. Man begegnet ihm das erste Mal als vaterlosen, kleinen Jungen einer Stewardess in Terminal B eines Flughafens, verwöhnt von den Kolleginnen seiner Mutter: "Es war eine wunderbare Zeit in meinem Leben - bevor ich Schriftsteller wurde." Bereits damals verfasst er seine erste Geschichte. Im Folgenden begleitet der Leser Jansmas Protagonisten in größeren Sprüngen durch sein unstetes Leben als werdender Autor. Er zieht mit Julian, seinem Zimmergenossen aus Studienzeiten, nach Manhattan und verliert allmählich alles: "Sein epischer erster Roman versinkt in einem See; seine einzige wahre Liebe heiratet einen indischen Prinzen; Julian boxt ihm am Grand Canyon ins Gesicht und so weiter und so fort." Die Handlungsschauplätze sind in unterschiedlichsten Regionen der Welt angesiedelt. New York, Dubai, ein Panoramawaggon im damals noch bürgerkriegsgepeitschten Sri Lanka, eine stickige Bar in Afrika, um letztendlich wieder an den Ausgangsort des Geschehens, den Flughafenterminal, zurückführen. "Zehn Jahre lang wollte ich ein anderer sein, bin durch die Welt gereist, habe die Liebe einer guten Frau verloren und bin fast gestorben - und hatte gedacht, nach all dem sei ich irgendwo angekommen."

"Die Flecken des Leoparden" erweist sich als Buch wie "ein Garten sich verzweigender Wege." Kristopher Jansma überrascht mit einer äußerst unkonventionellen Erzählkunst. Sie ist fiktional, anspruchsvoll, herausfordernd, intelligent und interessant und hat der Andreas Heckmann einen kongenialen Übersetzer gefunden. Er erzählt nicht linear, sondern wechselt Ebenen und Personen. Der Amerikaner setzt an vielen Stellen des Romans gezielt und in voller Absicht Kunstgriffe ein. Ob das, was er erlebt wahr ist oder einfach nur erfunden, weiß wohl nicht einmal sein Autor so ganz wirklich. Denn wie stellt sein Protagonist treffend fest: "Was ist das einzig Nützliche auf der Welt? Die Fähigkeit zu lügen. (...) Unser Wertempfinden legt uns noch nahe, allzu offensichtliche Lügen zu verurteilen, aber der Wahrheit gehen wir genauso leidenschaftlich aus dem Weg. Am liebsten halten wir uns im grauen Zwischenreich des Halbglaubens auf." Oder frei nach dem Motto: "Sag alles wahr, doch sag es schräg." Jansmas Charaktere sind dabei nicht immer die allersympathischsten. Vielleicht auch, weil sie sie sich selbst kaum trauen und mitunter als die Umkehrversion ihrer selbst daherkommen. Aber immerhin faszinieren sie derart, dass man ihnen auf ihrer weltumspannenden Reise folgen wird. Auf eine Reise in den Kreißsaal der Literaten.

Fazit: "Er fürchtet, falsche Worte verwendet zu haben, und das auch noch in der falschen Reihenfolge. Und diejenigen, die sie lesen, werden nicht in der Lage sein, zu erkennen, was sie erkennen sollen.", teilt der Ich-Erzähler seine Bedenken mit. Doch auch hier kann als Einschätzung ein Satz Kristopher Jansmas herangezogen werden: In "jedem Wort, an jedem Ort spürte ich ein sich entfaltendes Universum von Geschichten, die nur darauf warteten, dass ich sie Wirklichkeit werden ließ." Kein einfaches Buch und sicher auch nicht eben mal so nebenher zu konsumieren, wenn man die "wahren" Schichten tatsächlich ausschürfen möchte. Jansmas Roman ist elegant, modern, stilisiert und auch witzig. Er ist einfallsreich, mitunter exzentrisch, ausgeklügelt und komplex. Ein äußerst einfallsreiches, kluges und interessantes Buch, auch wenn es mir persönlich zuweilen doch einen Tick zu konstruiert erscheint.

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erziehung, utopie, neuanfang, waisenkind, postapokalyptisch

Die Kindheit Jesu: Roman

J.M. Coetzee
E-Buch Text
Erschienen bei Fischer E-Books, 23.10.2013
ISBN 9783104028446
Genre: Sonstiges

Rezension:

"Warum sind wir hier?", fragt der fünfjährige David den 45-jährigen Simon. "Wir haben die Chance bekommen zu leben und wir haben diese Chance ergriffen. Zu leben ist großartig. Das Größte, was man sich vorstellen kann." Ein bedeutungsschwangerer, aber auch ungemein widersprüchlicher Satz. Leben, egal unter welchen Bedingungen und ohne die Frage eines Davor und Danach? Ist Leben absolut oder was gehört unabdingbar dazu? Wie soll man leben und was ist die menschliche Natur? Keinen geringeren Fragen stellt sich J. M. Coetzee in seinem neuen, sehr philosophisch angehauchten Roman, der zudem jede Menge biblische Bezüge aufweist und diese mit literarischen Anleihen verwebt und zwar mit Miguel de Cervantes "Don Quijote", diesem ungewöhnlichen Buch, das uns die Welt durch zwei Augenpaare zeigt.

Jeder von uns strebt nach einem erfüllten und befriedigenden Leben, von dem man letzten Endes sagen kann: Ich bereue nichts. Doch bleibt dies für die meisten unter dem Strich ein Wunschtraum. Zu spät kommt die Einsicht, dass Energie in viel zu viel Unwichtiges gesteckt wurde und Dinge, denen man keine Bedeutung beimaß, vielleicht das sogenannte Zünglein an der Waage gewesen wären, um sein persönliches Lebensziel zu erreichen. Daher sollte man sich immer wieder die Frage zu stellen: Was will ich? Was ist mir wichtig? Wer bin ich? Fragen, die anregen, sich mit der eigenen Vergangenheit, seinen Wünschen und Bedürfnissen und seiner Zukunft zu beschäftigen. Durch Fragen begeben wir uns auf eine Reise zu uns und unserer Zukunft, die unser Leben positiv verändern kann. Unsere Antworten beinhalten einen Fahrplan, einen Entwurf für ein neues Leben.

In J. M. Coetzees konstruiertem Neu- und Niemandsland, namens Novilla, scheinen die Bewohner am Ende ihrer ganz persönlichen Reise angekommen zu sein. Alle wurden auf eine nicht näher erwähnte Art von ihren Erinnerungen und ihrer Vergangenheit "reingewaschen": "Wir fangen hier neu an. Wir fangen als unbeschriebenes Blatt an, als jungfräuliches Blatt." Sie verrichten schwerste Arbeiten ohne Murren, sind freundlich, hilfsbereit, besuchen in ihrer Freizeit philosophische Seminare und Diskurse und üben sich in Bescheidenheit. Sie sind allem Anschein nach mit sich und ihrem Leben klaglos zufrieden. Niemand stellt mehr Fragen. Doch etwas fehlt. Liebe und Leidenschaft für das jeweils andere Geschlecht ist ihnen völlig abträglich. Ist ein derart emotionsloses und nahezu verstörend ereignisarmes Leben wirklich das, was der Mensch braucht?
Neuankömmling Simon steht dem Ganzen zwiespältig und äußerst skeptisch gegenüber. Hinzu gesellen sich die permanenten Fragen des kleinen David, mit dem er auf demselben Schiff am selben Tag ankam, um gemeinsam in ein neues Leben einzutreten. Als dessen Begleiter, Beschützer und Ersatzvater kommt Simon die Aufgabe zu, das Kind seiner Mutter zuzuführen, die es auf unerklärliche Weise verlor oder nie hatte. Eine geeignete Kandidatin scheint die jungfräuliche, von der Außenwelt bis dato behütete und abgeschirmte, tennisspielende Inés zu sein. Doch ist sie wirklich die richtige Wahl oder hat ihn dabei vielleicht sein Bauchgefühl verlassen? Sehr viele Sympathiepunkte hat ihr der Autor jedenfalls nicht mit auf den Weg gegeben. Hinzu kommt der hochintelligente, nervtötend altkluge David, der sich weder dem staatlichen Schulsystem, noch seinen erwachsenen Betreuern beugen will. Drapiert mit schwarzem Umhang und cooler Sonnenbrille spricht er lieber eine Geheimsprache und glaubt, dass Zahlen mehr sind als Eins-plus-Eins, ja, dass zwischen ihnen dunkle Abgründe und Spalten aufwarten. Einzig ein Bilderbuch aus der Bibliothek - eben jener "Don Quijote" - generiert sich für ihn als das Maß aller Dinge. Doch auch wenn der kleine Knilch sich immer mehr zum Despoten entwickelt, so hat er einen entscheidenden Vorteil seiner emotionslosen Umwelt gegenüber: er ist kein Geschöpf der Erinnerung. "Was, wenn dieser Junge der Einzige unter uns ist, der Augen hat zu sehen? (...) Kinder leben in der Gegenwart, nicht in der Vergangenheit. Warum sie nicht zum Vorbild nehmen? Anstatt darauf zu warten, verklärt zu werden, warum nicht versuchen, wieder wie ein Kind zu sein?"

Zwischen Fakten und Fiktionen changiert das neue Buch des Literaturnobelpreisträgers, das Elemente des Don Quijote und des Neuen Evangeliums auf raffinierte Art und Weise verknüpft. Seine literarisch erschaffene, sterile Welt strotzt zwar vor Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, bleibt aber völlig distanziert und nahezu emotionslos. Dieser auf den ersten Blick wünschenswerten, "dieser besten aller möglichen Welten", fehlt etwas ganz Entscheidendes: Emotionen und Leidenschaft. "Wir werden regelrecht auf einer Wolke des Wohlwollens getragen. Aber es bleibt alles ein wenig abstrakt und die Leere verströmt eher Trostlosigkeit als Frieden." Kann Wohlwollen allein unsere Bedürfnisse befriedigen? Ist ein Leben ohne Sehnsüchte und Verlangen tatsächlich erstrebenswert? Sollte man die Schatten der eigenen Erinnerungen "reinwaschen" und auf das Eingreifen des vorherbestimmten Schicksals warten? Fragen, die der Autor mit gewohnt nüchternen Sätzen, verwobenen mit feinen Humor, zwar nicht beantwortet, aber deren möglichen Lösungsweg er als Gespinst in die Gedanken des Lesers setzt, wo er dann weitere Verästelungen und Verdrahtungen erhält. "Die Kindheit Jesu" erweist sich als intellektuelles Abenteuer, das fasziniert und gleichzeitig verstört, dessen agierenden Personen man größtenteils alles andere als Sympathie entgegenbringt und dessen Ende den Leser keinesfalls erlöst zurücklässt. Ein Text, der sich erst beim zweiten Lesen in voller Größe zu erschließen beginnt.

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Mr. Smith und das Paradies

Georg von Wallwitz , Georg von Wallwitz
Fester Einband: 200 Seiten
Erschienen bei Berenberg, Heinrich von, 11.09.2013
ISBN 9783937834634
Genre: Sonstiges

Rezension:

"Mit der Verteilung von Eigentum und Lasten verhält es sich wie mit einem Fußballspiel, das am nächsten Morgen Stadtgespräch ist. Jeder hat dazu eine Meinung, die Wahrheit des Geschehens liegt aber unformulierbar und unbegreiflich auf dem Platz und entzieht sich allen Worten und aller Logik. Es ist viel einfacher, sich darauf zu einigen, was nicht passiert ist, als auf das tatsächliche Geschehen. Und wie beim Fußball kann man dennoch nicht darüber schweigen, denn Verteilung, Gerechtigkeit und Wohlstand haben einen Zusammenhang, der ausgesprochen sein will." Genau dies war offensichtlich das Ansinnen von Georg von Wallwitz, als er sich damit trug, dieses Buch zu schreiben. Und genau dies ist auch der Grundtenor seines Werkes. Er hebt den großen Schleier, der über einem Wort mit großer Tragweite ausgebreitet liegt - der Ökonomie - und stellt es neben das der Literatur und der Philosophie, "die seit jeher von der Liebe, vom Guten, vom Schönen und von Gott handelten und doch alle fünfzig Jahre etwas anderes darunter verstanden." Mit letzterem, sich stetig wandelnden Verständnis mag man vielleicht noch mitgehen. Aber was die Ökonomie mit Liebe und Schönheit zu tun hat und zudem, beim Blick auf die Weltwirtschaft, auch noch das Gute verkörpern soll, leuchtete einem Laien wie mir bis dato nicht in seiner Gänze ein. Einzig einen "sakralen" Hang könnte man ihr noch zuschreiben, wenn man diverse Spekulanten und andere nach Höherem (oder Erleuchtung?) strebende Eiferer verfolgt.
Dass es der Text des 1968 in München geborenen Autors letztendlich sogar bis auf die Shortlist des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises 2013 schaffte, erscheint nach dem Zuschlagen der letzten Seite mehr als gerechtfertigt. Denn wie Georg von Wallwitz "in gebotener Kürze und Leichtigkeit" beschreibt, "wie die Ökonomie zu dem geworden ist, was sie heute darstellt, worin ihre größten Fortschritte bestehen, wie sie dabei immer Spiegel, Ausdruck und Kind ihrer Zeit blieb", kann einfach nur (von einem ausgesprochenen Laien und "bis-dato-Nichtversteher") als höchst gelungen bezeichnet werden. Fach- und sachkundig sowie ungemein unterhaltsam stellt er annähernd chronologisch die Geschichte der modernen Ökonomie dar.

Von Wallwitz beginnt vor gut 250 Jahren mit "Voltaires Paradies", einer Zeit, in der die Ökonomie aufhörte, "eine Randerscheinung und Lehre für brave Haus- und Landwirte zu sein", leitet über zu eben jenem titelgebenden Adam Smith und seinem, ihn schlagartig in ganz Europa bekannt machenden und auch heute noch in gewissen Teilen gültigen Buch "Der Wohlstand der Nationen". Munter folgt er den Spuren von David Ricardo, Jean-Jacques Rousseau, dem wütend-schillernden Vollblutrevolutionär und Rebellen Michail Bakunin, dem intellektuellen Wunderkind und konsequentialistischen Denker John Stuart Mill, dem "Retter der Zivilisation" und Erfinder der Makroökonomie John Maynard Keynes bis hin zum österreichischen "Paradiesvogel" Joseph Schumpeter, das Ganze gewürzt mit mehr oder weniger heftigen Seitenhieben auf Karl Marx. Der Autor zieht zudem einige "moderne" Quervergleiche anhand des Chinesischen Wachstumsmodells, der Tea-Party-Bewegung oder des 2008 zusammenstürzenden "Turmbaus zu Island".
Georg von Wallwitz erläutert die Gesetze der Marktwirtschaft genauso souverän wie er locker und leicht über Geld plaudert und philosophiert. "Wie viel darf man den Jungen wegnehmen und den Alten geben, bevor es sich um einen Verstoß gegen die Generationengerechtigkeit handelt? Ist die Anhebung des Renteneintrittsalters eine Gemeinheit oder nur gerecht? Sind flexible Arbeitsmärkte ein Mittel der Ausbeutung oder eine Möglichkeit, junge Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren?", sind nur einige Fragen, die fundiert und äußerst anschaulich diskutiert werden. Auch solch heikle Themen wie Steuern und staatliche Regulierung werden aufgegriffen und mit der alles überspannenden Frage nach dem Sinn des Wohlstands kurzweilig veredelt. Zahlreiche literarische Einflechtungen und Querverweise auf Victor Hugos "Les Misérables", Emile Zolas "Germinal", Charles Dickens "Oliver Twist", Schiller, Novalis und viele andere mehr, lockern auf und ergänzen sein "Plädoyer des ökonomischen Wohlstands".

Letztendlich kann und wird aber auch Georg von Wallwitz nicht den Lauf der Dinge voraussagen sowie eine allumfassende Definition des Wortes "Wohlstand" geben können. Denn jener "ist eine Phantasie, ein unbestimmtes Feld luftiger Vorstellungen, die sich aber immer auf uns selbst beziehen, oder auf unsere Liebe, was gleich gut ist. Er erschöpft sich nicht in der Fülle der Dinge, die uns allenfalls für eine Weile glücklich machen, denn es gibt in den Dingen kein Ende und kein Ziel.", beschließt der Autor sein großartiges Buch. Aber vielleicht ist dies auch gut so. Denn der "Blick hinter den Schleier, die Erkenntnis der allzu flüchtigen Natur des Wohlstands, würde den 'animal spirit' und den Fortschritt hin zu Fülle, Schönheit, Zivilisation und im Übrigen zu allem, was Voltaire am Herzen lag, zum Erliegen bringen. Es ist wohl besser, wir lassen den Schleier unberührt, damit all die ernsten Bemühungen der theoretischen und praktischen Ökonomen weiter gehen können (...), als sei er mehr als eine Leerstelle, ein Platzhalter, eine Erfindung." Eine Aussage Georg von Wallwitz könnte allerdings per Definition in Stein gemeißelt werden: "Zweck der Ökonomie ist nicht nur die Erhöhung der Produktivität, sondern in erster Linie die Schaffung der Bedingungen für ein anständiges Leben. Darin besteht doch der Wohlstand, dass wir kultiviert, höflich und moralisch sein können, dass wir Raum und Freiheit haben für alle Aspekte des Lebens, ohne Angst vor der Krise. Dass wir die Liebe zum Geld hinter uns lassen und uns Höherem widmen können. Kunst und Wissenschaft kultivieren uns."

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Zwischenspiel

Monika Maron
Flexibler Einband: 192 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 21.05.2015
ISBN 9783596198009
Genre: Romane

Rezension:

Träume begleiten unsere Nächte und erscheinen uns zuweilen so deutlich wie die Realität. Sie können ein Bild in einem leuchtenden, strahlenden Gold malen oder nur schemenhafte Schleier in tiefem Grau bis dunklem Schwarz ziehen. Nach dem Erwachen verflüchtigen sich diese Impressionen der Nacht, die vielfach unsere Befindlichkeiten und Gefühle widerspiegeln, allerdings schnell wieder im Nirwana des schwer Greifbaren. Zurück bleibt vielleicht noch ein diffuser Schatten oder ein sich auflösendes Bild "tanzender, farbiger Punkte, die jeden Augenblick davonfliegen könnten, um sich an anderer Stelle wieder zusammenzusetzen." Mit wenigen, lockeren, groben und eher kurzen Pinselstrichen sowie größtenteils bis zur Skizzenhaftigkeit verschwommen dargestellten Objekten in hellen und kräftigen Farben, fing gerade die künstlerische Stilrichtung des Impressionismus diese flüchtigen Augenblicke am eindrucksvollsten ein. Nicht mehr das erzählende Thema, sein Wesen oder gar das abstrakte Ding an sich standen im Vordergrund, sondern die leuchtenden Farben und deren subjektive Wahrnehmung: eine neue Art des Malens sensueller "Eindrücke", des Festhaltens von Sinneseindrücken auf der Leinwand. Einer der bedeutendsten Vertreter des Impressionismus und gleichzeitiger Namensgeber war Claude Monet mit seinem Landschaftsbild "Impression, soleil levant" (1872).

Monet ist es auch, dessen "Im Park Monceau" (Au Parc Monceau, 1878) für das Umschlagbild von Monika Marons neuem Roman "Zwischenspiel" gewählt wurde. So generiert bereits der Einband einen wirkungsvollen und absolut stimmigen Einstieg in den Text der Autorin, der vielerlei Anleihen bei den "Künstlern des flüchtigen Augenblicks", wie die Impressionisten zu Beginn eher verächtlich genannt wurden, enthält. Auch Marons sechzigjährige Protagonistin Ruth erwacht eines Morgens aus einem schemenhaft-körperlosen Traum: "Für einen kurzen Augenblick war er plötzlich zum Greifen nah, nur ein Gefühl, kein Bild, und dann wieder nichts. Vielleicht hatte ich vom Tod geträumt, dachte ich, so ein dunkles Nichts kann nur der Tod sein." Es ist der Tag der Beerdigung von Olga, der Mutter Bernhards, des Vaters ihrer Tochter, mit der sie trotz des frühen Beziehungsbruchs, eine lange Freundschaft verband. Der Traum sollte allerdings nur der Anfang einer Kette irrealer Ereignisse dieses Tages sein. Zuerst blendet sie beim Betrachten des Morgenhimmels ein dem allgemeinen Strom entgegen fliegender Wolkenfetzen. Hinzu gesellt sich eine temporäre Störung ihrer Sehfunktion. Plötzlich sieht Ruth ihre Umgebung nur noch verpixelt und verschwommen, beinahe wie hingetupft. Trotzdem setzt sie sich ins Auto, um zum Friedhof zu fahren. Völlig orientierungslos landet sie in einem Park, in welchem die Vergangenheit auf einmal zum Leben erwacht. "Verbannte Erinnerungen" tauchen ungebeten auf und stehen ihr in Form diverser "Erinnerungsleichen" klar und deutlich gegenüber: "...plötzlich erschienen mir Tote, und ich sprach zu ihnen wie zu Lebenden." Olga, die vermeintlich Bestattete, erscheint höchstpersönlich und diskutiert mit ihr über Schuld und Unschuld. Ein verstorbener Freund ihres ehemaligen Ehemannes sitzt quietschvergnügt auf einer Parkbank und sogar politische "Relikte" ihrer DDR-Vergangenheit werfen munter ihrer abgehalfterten Parolen in den Raum, bevor zu guter Letzt sogar Francisco de Goyas um 1816 gemaltes "Das Begräbnis der Sardine" zum schaurig-grotesken Leben erweckt.

Monika Maron hat ganz im Stil der Impressionisten ihre ganz persönliche, illusionistische Wiedergabe der Realität literarisch umgesetzt. Nicht das Objekt an sich scheint ihr von Bedeutung, sondern die Nuancen und Übergänge und der dadurch entstehende Eindruck. Sie löst Konturen auf und lässt der Fantasie einen großen Raum. Ganz nach dem Motto: "Ein Roman sei schließlich kein Lexikon, in dem alles vorkommen müsse, was es gibt. Die Literatur lebe von Metaphern und Gleichnissen und nicht von der plumpen Benennung der Wirklichkeit." Der Leser nimmt dabei aktiv an der Entstehung und Wirkung ihres Bildes teil. Fragen und Gedanken ihrer Protagonistin geraten somit auch zu einem ganz persönlichen Disput: "Was ist so ein Ich eigentlich? (...) Wo bleiben die ganzen Ichs überhaupt, die man in seinem Leben war und denen man das letzte immerhin verdankt? (...) ob nicht vielleicht das Kind, das ich einmal war, mir von allen bisherigen Ichs am vertrautesten geblieben war?" Maron lässt Ruth über das Unverständnis des "Wegseins" von Personen philosophieren, über Schuld und Unschuld, über verpasste Lieben, Lebensentwürfe und deren Haltbarkeit und über das Älterwerden. Auch politische Gedanken werden nicht ausgespart, zum Beispiel der Irrsinn der Bespitzelung durch das MfS.
Gehalten ist das sehr gut und flüssig zu lesende "Zwischenspiel" in einem wunderbar reflektierenden Duktus. Auch wenn der Text etwas "schwer Benennbares, dass allen Gewissheiten gleich wieder den Boden entzog, das im Tragischen das Lächerliche durchscheinen ließ und umgekehrt, das glauben ließ, der Autor verfüge über ein geheimes Wissen, das ihn Menschen und Räume deutlicher erkennen ließ als andere..." enthält, gestaltet sich der geschilderte "wundersame Irrsinn eines Tages" zu einem unglaublich intensiven und bereichernden Leseerlebnis der besonderen Art, bei dem letztendlich sogar in der Darstellung des Schatten- oder Totenreiches eine logische Quintessenz gefunden wird. Denn das " Leben ist reiner Zufall. (...) erst im Dunkel des Todes erscheint unser Leben im rechten Licht." Oder eben beim Hinabsteigen in unseren eigenen "Erinnerungskeller".

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Der Klassenkampf nach dem Klasssenkampf

Luciano Gallino , Paola Borgna
Flexibler Einband: 200 Seiten
Erschienen bei Edition FotoTapeta, 01.06.2013
ISBN 9783940524218
Genre: Sachbücher

Rezension:

"Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus." Mit diesem Satz beginnt die Einleitung im von Karl Marx und Friedrich Engels 1847 geschriebenen und 1848 veröffentlichten "Manifest der Kommunistischen Partei".
Ein Gespenst ist ein Wesen, das spukt und gefährlich erscheint, ein kaum zu fassender Geist, der gewöhnlich keinen fest umrissenen, greifbaren Körper hat. Marx und Engels wollten mit der Aussage auf die schon vorhandene Existenz einer gesellschaftlichen Bewegung, die den Kommunismus als Ziel hat, hinweisen. Für die Mächtigen der damals bestehenden Herrschaftsverhältnisse in Europa fürwahr ein Schreckgespenst, dessen spukhafte Erscheinung hinter jeder Opposition gewittert wurde. In Anlehnung an Marx und Engels könnte deren Aussage in eine andere Richtung gelenkt werden: "Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Klassenkampfs."

Luciano Gallino, Soziologe, emeritierter Professur an der Universität Turin und langjähriger Präsident des italienischen Soziologenverbandes hat sich gemeinsam mit Paola Borgna dem Thema "soziale Klassen und Klassenkonflikt" angenommen. Ein Aspekt, der heutzutage vielfach als weniger wichtig und kaum noch existent abgetan wird, um die globalen Umwälzungen in Arbeit, Produktion und Technologie, in allen Lebensbedingungen und in Kultur und Politik zu beschreiben. Die titelgebende Aussage eines nicht benannten, aber lt. Gallino "ziemlich bekannten italienischen Politikers" der Partito Democratico (Nachfolger der KPI) zeigt, dass sogar stark linksgerichtete Fraktionen von sozialen Klassen nichts mehr hören möchten und das Klassenkonzept als ein Überbleibsel des 19. Jahrhunderts bezeichnen. Schnell wird jemandem, der von solchen redet, vor allem von populistisch medialer Seite Neid auf die Reichen und Mächtigen angelastet. Soziologen und Wirtschaftswissenschaftler wiederum sprechen eher von einem "Flechtwerk von neuen Kulturen und Lebensstilen, von völlig neuen Technologien und Berufen, von schrankenlosen Informations-, Dienstleistungs- und Warenflüssen, auf der Suche nach persönlicher Identität in der Individualisierung bei gleichzeitiger Sozialisierung durch das Internet."

Der italienische Autor ist jedoch völlig anderer Meinung. Für ihn macht es durchaus Sinn, noch über Klassen und Klassenkampf zu diskutieren. Trotz des allgemeinen "Sperrfeuers transkultureller und trans-politischer Einwände gegen die Idee von Klasse und Klassenkampf" unternimmt er den auf den ersten Blick kontroversen Versuch aufzuzeigen, "dass beiden weiterhin eine gewisse Bedeutung innewohnt". Aufgebaut als Frage-Antwort-Konzept zeigt Gallino in seinen hochinteressanten Ausführungen, dass - grob skizziert - die heutigen Strukturen denen einer feudalen Gesellschaft gar nicht so unähnlich sind. Man könnte sie auch vielleicht besser als eine "High-Tech-Re-Feudalisierung auf Basis des Kapitalismus" bezeichnen. Auf der einen Seite die scharf eingegrenzte Klasse der Super-Reichen und Super-Mächtigen und auf der anderen die eine oder auch endlos großen Klassen, "die in Gefahr sind, das bisschen an wirtschaftlichen Ressourcen und an politischer Macht wieder zu verlieren, das sie in der Nahkriegszeit erlangt hatten".

In zehn Kapiteln erläutert Gallino das diffizile und beziehungsreich verflochtene Thema mit großartig ausdrucksstarker Einfachheit und Logik. Auch wenn das Buch für einen Nichtexperten sicherlich nicht einfach zu lesen und zu konsumieren ist, gelingt es ihm hervorragend (irrelevant ob man mit ihm übereinstimmt oder nicht), einen Blick auf die Welt zu werfen, der mit Klarheit, Unität und einem überaus soliden Fundament überzeugt. Neben dem Begriff der sozialen Klasse und des Klassenkampfes befasst er sich mit den umfassenden Themen der wirtschaftlichen Globalisierung, der Umverteilung des Einkommens von unten nach oben, dem Sparregime bei den öffentlichen Klassen, flexibler Arbeit in einer starren Gesellschaft bis hin zum Klassenkampf im Alltag, wie den Schwierigkeiten, in der eigenen Arbeit irgendeinen Sinn zu erkennen, dem Billiglohnsektor oder den Auswirkungen auf die Familie. Der Autor zeigt die unterschiedlichsten latenten Formen des immer noch vorhandenen Klassenkampfs auf, der heute zumeist mittels Gesetzen, allen voran Steuergesetze, geführt wird. Er spricht Lobbyismus genauso an wie die zunehmende "Finanzialisierung" der Welt: die verbissene "Jagd nach jedem nur vorstellbaren Winkel der Natur, der Gesellschaft und des Menschen, der sich in Geldwert übersetzen ließe, in Münzen; zur Schaffung von Geldeinkommen durch den Einsatz von Geld."

Fazit: "Der Klassenkampf nach dem Klassenkampf" erweist sich als hochkomplexes und umfassendes Thema, welches von Luciano Gallino äußerst tiefgründig, kompetent und verständlich dargebracht wird. Der italienische Soziologe wirft einen zuweilen erschreckend aufrüttelnden Blick auf die Welt mit ihren immer noch vorhandenen Klassen und deren derzeitig durchaus gefährlicher Unsichtbarkeit im Alltag ("während ihre Präsenz in der Wirtschaft und in der Produktion doch tief geht und weitreichender ist denn je"). Denn diese, so der Autor, "hat einen Niedergang des Gemeinschaftsgefühls mit sich gebracht, und es schwindet auch die Wahrnehmung davon, dass man zu einer bestimmten Gemeinschaft gehört, was ja eine Art von Verpflichtung anderen gegenüber bedeutet, von denen man wiederum gesellschaftliche Anerkennung und Solidarität erfährt." Eine Stimme, die es unbedingt verdient hat, gehört und gelesen zu werden.

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Die Evolution der Phantasie

Thomas Junker
Fester Einband
Erschienen bei Hirzel, S., Verlag , 31.05.2013
ISBN 9783777621807
Genre: Sachbücher

Rezension:

"Als Duchamp im April 1917 bei der großen Kunstausstellung der Independent Artists in New York ein handelsübliches Urinal einreichte, das er in einem Sanitärgeschäft erworben, mit 'R. Mutt 1917' signiert und mit dem Titel 'Fontaine' versehen hatte, wurde es mit dem Argument abgelehnt, das Objekt sei 'nach jedweder Definition kein Kunstwerk'. Mittlerweile gilt Duchamps 'Fontaine' als eines der Schlüsselwerke moderner Kunst. Was aber macht es zu einem Kunstwerk? Dass es bei einer Kunstausstellung präsentiert werden sollte? Dass es von Duchamp signiert wurde, d. h. von einem anerkannten Künstler und nicht von einem Klempner?"

Dieses von Thomas Junker angeführte Beispiel zeigt deutlich wie schwierig es ist, den weiten Begriff "Kunst" zu bündeln und ihm eine feste Definition zu geben. Trotz alledem ist Kunst ein fester und untrennbarer Bestandteil der menschlichen Evolution. Ohne sie "hätte das Leben unserer Vorfahren einen anderen Verlauf genommen, dann wären die Menschen vielleicht nicht zum 'dominantesten Tier' geworden, 'das jemals auf dieser Erde erschienen ist', wie es Charles Darwin 1871 so treffend formulierte. Junker zeigt in seinem Buch auf, dass uns Kunst keineswegs als überflüssiger Luxus mit in die Wiege gelegt wurde, "sondern als ein unverzichtbarer Bestandteil der Natur des Menschen, vergleichbar mit Sprache und Kultur." Er ist der Meinung, dass der immer wieder Misstrauen erweckende und auf Unverständnis stoßende evolutionäre Blick auf die Kunst, ein kurzsichtiger ist. Denn, so Junker, "damit verspielt man sich die Chancen und Möglichkeiten einer neuen Sicht auf ein vertrautes und scheinbar bekanntes Phänomen wie die Kunst". "Revolutionäre" Ideen wären nicht zum ersten Mal der Anstoß für eine umwälzende Entwicklung und neue Erkenntnisse, die bis dato in einer Sackgasse feststeckte. Sein informatives und interessantes Brevier offenbart dabei keineswegs eine starre Meinung eines einzelnen Fachbereiches, sondern der Autor zieht für seine Betrachtungen die Erkenntnisse und Gedanken von Philosophen, Historikern, Psychologen und natürlich Evolutionsbiologen heran: ein Brückenschlag zwischen Kultur- und Naturwissenschaftlern.

In fünf umfassenden Kapiteln unternimmt er den Versuch, das komplexe Phänomen Kunst aus der darwinschen Perspektive zu betrachten. Zunächst erklärt Junker unterschiedlichste Begrifflichkeiten, die mit dem kleinen/großen Wort einhergehen. Er beschäftigt sich mit der grundsätzlichen Kritik an evolutionären Kunsttheorien und erläutert den Nutzen der Kunst, der zum einen im Überleben und Wohlergehen der Individuen, zum anderen als deutliches Signal bei der Partnerwahl, also der sexuellen Auslese, steht. Zudem verbirgt sich in der Kunst ein unglaublich großer Erfahrungsspeicher, der Sprache, Kreativität, Emotionalität, Geschicklichkeit und Bewegung nahezu spielerisch trainiert. Einen großen Teil widmet der Autor der Beantwortung der Frage, wie Kunst eigentlich funktioniert und "warum es so schwierig ist zu sagen, was Kunst ist". Thomas Junker geht auf die Sprache der Gefühle ein und versucht zu ergründen, warum Kunst magische Kräfte hat bzw. warum sie so unglaublich vielfältig ist. Der Autor führt zudem auf, wie Kunst entstanden ist und welchen evolutionären Zwängen sie sich unterordnen musste. Letztendlich gestattet er sich noch einen Blick in die Zukunft und fragt sich, ob Kunst vielleicht gar "vorm Aussterben bedroht" ist. Denn unzweifelhaft haben sich ursprünglich vorteilhafte Eigenschaften durch Veränderungen der Umwelt und der Lebensweise in ihr Gegenteil verkehrt und könnten somit zu Fehlanpassungen führen.

Fazit: Anspruchsvoll, aber trotzdem verständlich, anschaulich, gut gegliedert und durchaus überzeugend unternimmt Thomas Junker einen Versuch, Kunst als wesentliches evolutionäres Merkmal zu definieren, das fest in uns Menschen verortet ist. Dabei agiert sein Buch keineswegs als strenge wissenschaftliche Abhandlung, sondern gestaltet sich als unterhaltsamer und trotzdem hochinformativer und lohnenswerter Gedankenanstoß über die eindrucksvolle, möglicherweise evolutionäre Erfindung, der wir den Namen Kunst gegeben haben. Zweifelsohne bleibt dabei einiges im spekulativen Bereich angesiedelt, aber interessant und klar argumentiert ist es allemal. Denn eines ist unbestritten: "Ihre inspirierenden und glückspendenden Eigenschaften, die unser Leben in einzigartiger Weise bereichern, können sich aber nur entfalten, wenn sie gefördert werden.", so Thomas Junker. Und weiter: "Die Künste sind mehr als ein unersetzliches Weltkulturerbe - sie sind ein lebendiges Weltnaturerbe, das es zu bewahren gilt."

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alter, schreiben, geld, kindheit, beziehungen

Winterjournal

Paul Auster , Werner Schmitz , ,
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 30.01.2015
ISBN 9783499259500
Genre: Romane

Rezension:

"Sprich jetzt, bevor es zu spät ist, und hoffentlich kannst du so lange sprechen, bis nichts mehr zu sagen ist. Schließlich verrinnt die Zeit.", ist auf der ersten Seite von Paul Austers "Winterjournal" zu lesen. Zu sagen hat der US-amerikanische Autor mit jüdischen Wurzeln sehr viel. Denn seine mittlerweile 66 Lebensjahre bergen eine Fülle an physischen und psychischen Freuden, aber auch Schmerzen. Wobei sich letztere zweifelsohne beharrlicher und hartnäckiger in sein Gedächtnis gegraben haben, als es vielleicht die alltäglichen Genüsse eines warmen Bades, eines guten Essens oder des warmen Gefühls der Sonne auf dem Gesicht konnten. Sie sind es vor allem, die das wunderbare Buch Austers mit einer stillen Sentimentalität, mit einer melancholischen Winterschwere überziehen. Doch immer wieder regt sich in seinen persönlichen Reminiszenzen ein subtiler Humor, gepaart mit einer großen Dankbarkeit an ein im wahrsten Sinne des Wortes gelebtes Leben. Vielleicht trifft der nachfolgende alte jüdische Witz den Grundton des gesamten Buches am Treffendsten: "Sitzen alte Jüdinnen am Kartentisch, eine nach der anderen stößt einen Seufzer aus, eine lauter als die andere, bis schließlich eine von ihnen sagt: "Ich dachte, wir waren uns einig, nicht über die Kinder zu reden."

Über seine Kinder "redet" Paul Auster gleichfalls. Und natürlich über die Liebe, nach der er schon als junger Bub "verrückt" war. Seine zwei Ehen zählen natürlich dazu. Die erste weniger glücklich, die zweite mit der ebenfalls sehr erfolgreichen Schriftstellerin Siri Hustvedt gestaltet sich bereits seit dreißig Jahren zu Austers ganz persönlichem Glücksfall. Sie ist es zudem, der im Buch einige der schönsten Liebeserklärungen zukommen. Auster erzählt nicht chronologisch und auch nicht faktenreich. Es sind eher durch sein Innerstes streifende Gedankensplitter, die sporadisch an die Oberfläche kommen. Zahllose Verlegenheiten sind darunter, genauso wie Zusammenbrüche, Ängste, Fehler und Fehlurteile. Er berichtet von Ritualen, Weggabelungen, aber auch vom Tod, der zuweilen recht persönlich und dringlich an seine Tür klopft. Seine "Körperhüllen" nehmen einen großen Raum ein: "Umschlossene Räume, Behausungen, die kleinen Zimmer und großen Zimmer, die deinen Körper vor dem Freien beschirmt haben." Einundzwanzig ständige Wohnsitze von der Geburt bis zur Gegenwart waren es im Laufe seines Lebens, einundzwanzig Haltepunkte, verstreut auf der ganzen Welt. Und immer wieder diese kalte Winterhauch, der durch die Seiten weht und im Gesicht des Autors seine Spuren, mitunter sogar Narben hinterlassen hat. Doch "es sind Zeichen des Lebens, die verschiedenen in dein Gesicht geschnittenen zerklüfteten Linien sind Buchstaben aus dem geheimen Alphabet, das die Geschichte dessen erzählt, der du bist..." Die ungewöhnliche zweite Person, die Auster gewählt hat, schafft auf der einen Seite Distanz, auf der anderen überlässt gerade sie es dem Leser, in die ein oder andere Rolle zu schlüpfen und einen, vielleicht gar differenzierten Blick auf den Autor zu werfen.

Ein Panorama aus Zeit, "die fortschreitet und doch stillsteht, alles anders und doch alles gleich..." Vierundsechzig Jahre war Paul Auster, als er seine "Lebensbeichte" im Winter 2011 zu Papier brachte. "Du fragst dich: Wie viele Morgen bleiben noch? / Eine Tür ist zugefallen. Eine andere Tür hat sich geöffnet. / Du bist in den Winter deines Lebens eingegangen." Mit diesen Worten schließt er sein Buch. Möge jeder Winter eine weitere Tür zum nächsten "Auster-Frühling" sein, der dann wiederum einem goldenen Sommer und einem farbenfrohen Herbst die Klinke herunterdrückt, um im Anschluss daran erneut den immerwährenden Jahreszeiten-Kreislauf erneut zu eröffnen - für den amerikanischen Autor und natürlich seine begeisterten Leser, mich eingeschlossen. Danke, für diesen liebevoll gezeichneten Innenblick, für diese persönliche Sammlung literarisch verpackter Erinnerungen und Wahrnehmungen. Danke für diesen wunderbaren Sinnesdaten-Katalog.

Fazit: "Schreiben beginnt im Körper, es ist die Musik des Körpers, und auch wenn die Worte Bedeutung haben, manchmal Bedeutung haben können, ist es die Musik der Worte, wo die Bedeutungen beginnen." Paul Austers ganz intimer Blick auf den gelebten und verwundeten Menschen Paul Auster ("warum sonst hättest du dein ganzes Erwachsenenleben damit verbringen sollen, Worte auf Papier zu bluten?") gestaltet sich als sensible, zuweilen philosophische, aber auf jeden Fall ganz grandiose Komposition: eine "Phänomenologie des Atmens", die durch die deutsche Übertragung von Werner Schmitz ein ebenso wunderbares Leseerlebnis ist und bleibt. Selbst wenn der US-amerikanische Autor in seinem ganz persönliches Fazit feststellt: "weil, wer du bist, ein Rätsel bleibt und du keine Hoffnung hast, dass du es jemals lösen wirst." Aber sind es nicht gerade die ungelösten Rätsel, die ihren ganz besonderen Reiz haben?!

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11 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

Settlers Creek

Carl Nixon , Stefan Weidle , Stephanie Nixon
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Weidle, 01.09.2013
ISBN 9783938803608
Genre: Romane

Rezension:

Als Maui, ein großer, starker und furchteinflößender Krieger auf die Jagd geht, kündigt er an, einen Fisch zu fangen, der so groß sei, dass man ihn nicht auf einmal essen könne. Dazu schnitzt er einen Angelhaken aus dem Kieferknochen seiner toten Großmutter, betupft ihn anschließend mit Blut und wirft ihn ins Meer. Wenig später merkt Maui, dass etwas Gigantisches an dem Köder angebissen hat. Mit seiner ganzen Kraft zieht er den Fang an die Oberfläche. Zum Vorschein kommt "Aotearoa", in der Sprache der ersten Siedler Neuseelands "Land der langen weißen Wolke", die Nordinsel Neuseelands.

Noch heute wissen die Maoris viele Mythen und Legenden über den Ursprung ihrer Heimat zu erzählen, die sie vor über 1000 Jahren besiedelten, weit bevor der erste Europäer einen Fuß in das "Ende der Welt" auf der Südhalbkugel setzte. Von den derzeit ca. vier Millionen Menschen in Neuseeland sind rund vierzehn Prozent Maoris. Durch die Übermacht der europäischen Siedler wurden ihre Traditionen jahrzehntelang zurückgedrängt. Ein weiteres Problem war die Landverteilung. Nach Maori-Verständnis ist alles Land Stammesland und nicht zu verkaufen. Gründe für zahlreiche Auseinandersetzungen um unterschiedliche gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten einer lange Zeit unterdrückten und auch heute noch benachteiligten Minderheit.

Um diese, nicht immer friedlichen Konfrontationen, geht es auch im neuen Roman von Carl Nixon. Der neuseeländische Autor hat erneut ein großartiges Buch vorgelegt. "Settlers Creek", so der Titel, bezeichnet einen kleinen Flusslauf, der sich durch ein enges Tal zwischen den nördlichen Bergen der Südinsel schlängelt. Der Wasserlauf stellt dabei eine symbolische Trennlinie zwischen zwei Welten dar, über die Box Saxton, Nixons Protagonist, immer wieder springen muss. Auf der einen Seite die Welt Tipene Pitamas, eines Maoris, auf der anderen steht er selbst, ein Pakeha, ein Abkömmling weißer Siedler in siebter Generation. Makabres Streitobjekt des internen Kulturkampfes ist beider Sohn Mark. Ersterer ist sein leiblicher Vater. Box hingegen hat den Jungen seit seinem zweiten Lebensjahr großgezogen und ihm gemeinsam mit seiner Frau Liz, Marks Mutter, eine Familie gegeben. Doch etwas "ganz Fundamentales war herabgestürzt und hatte das Leben der Zurückgebliebenen zersplittert." Der Neunzehnjährige scheidet freiwillig aus dem Leben. Warum, das erfährt der Leser nicht und scheint auch während der ganzen Romanhandlung niemanden so recht zu interessieren. Den beiden Männern geht es einzig um das Wie und Wo der Bestattung, um Bindungen und Traditionen.

Carl Nixon hat die immerwährende neuseeländische Auseinandersetzung literarisch komprimiert und zwar in einem familiären Punkt. Allerdings vertauscht er die "gesellschaftlichen Rollen" seiner Pole. Box - ehemaliger erfolgreicher Bauunternehmer - musste durch die Rezession seines Landes einige Stufen auf der gesellschaftlichen Leiter nach unten klettern. Er verdingt sich als Tagelöhner in der Baubranche und wohnt zur Miete in einem heruntergekommenen Vorort von Christchurch. Tipene hingegen, Inhaber eines touristischen Unternehmens, das Abenteuerfahrten zu Delphinen organisiert, besitzt ein herrschaftliches Anwesen mit Meerblick in Kaikoura. Zwar waren ihm die vergangenen neunzehn Jahre seines leiblichen Sohnes mehr oder weniger egal, nun aber möchte er "Maaka" in der Erde seines Clans bestattet wissen.

"Wir haben es hier mit einer äußerst delikaten Situation zu tun. Es gilt, eine Reihe von kulturellen Faktoren zu berücksichtigen.", stellt McKenzy, Senior Sergeant von Kaikoura, folgerichtig fest. Nach dem Raub des Leichnams beginnt eine abenteuerliche Verfolgungsjagd um die sterblichen Überreste des Jungen, die der gewaltsamen Landinbesitznahme vor einigen hundert Jahren in nichts nachsteht. Allerdings vermeidet es Carl Nixon äußerst geschickt jedwede Partei zu ergreifen. Und genau diese wohltuende Neutralität zeichnet das Buch aus. Der Autor wirft einen unvoreingenommenen und unverstellten Blick auf die gesellschaftlichen und geschichtsträchtigen Probleme seines Landes. Beide Seiten erhalten von ihm die gleiche Aufmerksamkeit und Beachtung. Atmosphärische Landschaftsbeschreibungen, liebevoll gezeichnete Figuren und Charaktere sowie subtil eingeflochtene Familienbindungen und -traditionen runden die zuweilen überaus spannungsreiche, auf mehreren Zeitebenen agierende Handlung, ab. Stefan Weidle hat den Text des neuseeländischen Autors sensibel und ohne Bruchstellen ins Deutsche übertragen. Ihm ist es gleichfalls zu verdanken, neben dem eindrucksvollen Text, auch ein verlegerisches Kleinod in den Händen zu halten. Wunderbare farbige Landschaftsaufnahmen eröffnen das Buch, am Ende ist ein ausführlicher Maori-Glossar angefügt und auch Covergestaltung und Satz verdienen besondere Beachtung.

Entstanden ist ein feinfühliges, atmosphärisch dicht gewebtes und sublimes Porträt einer Gegend auf der anderen Seite der Erdkugel mit ihren zwei Kulturen. Kulturen, die durch gegenseitigen Respekt und gemeinsame Anliegen langsam zusammenkommen. "Maoritanga" nennen die Neuseeländer das neue Selbstbewusstsein der Maoris. Maori ist mittlerweile neben der Amtssprache Englisch offizielle Landessprache und Teil von Fernseh- und Radioprogrammen. Am Wochenende treffen sich die Maori-Familien in ihren "maraes" (Versammlungshäusern), diskutieren, feiern und empfangen Gäste. Die Helden der Nation, die "All Blacks"-Rugby-Mannschaft, tanzen in den Stadien der Welt vor jedem Spiel den "haka" und die bekannteste Opern-Diva des Landes heißt Kiri Te Kanawa.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Ohne Leib, mit Seele

Georg Fraberger
Buch: 184 Seiten
Erschienen bei Ecowin, 30.08.2013
ISBN 9783711000347
Genre: Sachbücher

Rezension:

Cogito ergo sum - "Ich denke, also bin ich." Dieser erste Grundsatz des Begründers der neuzeitlichen Philosophie - René Descartes - wird oft zitiert, um auf etwas bei aller Skepsis zweifellos Richtiges hinzuweisen: die eigene Existenz denkender Menschen. Menschen, die seit jeher nach dem Kern ihres Wesens suchen. Die sich fragen, was ihre Essenz ausmacht? Ist es tatsächlich die Fähigkeit zu denken und Schlussfolgerungen zu ziehen? Seit Tausenden von Jahren versuchen nicht nur Philosophen zu ergründen, warum wir so ticken wie wir ticken, wie wir handeln sollten und was unser Glück befördert. Stellt man die Aussage einmal um und fragt sich, ob ich auch bin, was ich denke, muss dies allerdings ganz klar mit NEIN beantwortet werden. Denn nicht nur der Verstand und der Körper machen einen Menschen in seiner Gesamtheit aus, sondern etwas tief in uns. Etwas, das bis heute nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden kann, aber dennoch da ist. Erst wenn man die Bedürfnisse dieser geheimnisvollen, aber wirkungsmächtigen Essenz, "dieses Selbst, dieses Ich, diesen Kern des Menschen, das, was ihn ausmacht und dem Leben erst Sinn verleiht", berücksichtigt, "kann man Ideen, Aufgaben, Projekte und Ziele verwirklichen, die jenseits körperlicher, materieller und verstandesgemäßer Grenzen liegen." Aber gerade diese sind es, die dem Leben von uns Konsumenten und Kriegern, Selbstdarstellern und Herdentieren, Glücksrittern und Freiheitskämpfern einen Sinn verleihen. Und zwar auch dann, "wenn Körper und Verstand dem natürlichen Entwicklungs- beziehungsweise Alterungsprozess folgen."

Der österreichische Psychologe, der ohne Arme und Beine geboren wurde, möchte mit seinem Buch "eine grundlegende Diskussion über zahlreiche Anforderungen, die an den modernen Menschen gestellt werden", neu ermöglichen. Aus autobiografischer Perspektive, durch Erfahrungen aus seinem klinischen Alltag und auf Basis psychoanalytischer Strukturen von Sigmund Freud zeigt er auf, dass es zukünftig unabdingbar sein sollte, "die Seele neben dem Unbewussten und Bewussten in einem [wissenschaftlichen] Modell" zu verankern. Schrittweise entwickelt er in neun Kapiteln die notwendige Begründung. Fraberger beginnt damit, aufzuzeigen, dass es so etwas wie die Seele gibt, wie man seelische Bedürfnisse erkennt und im Alltag berücksichtigen kann und soll. Er erläutert deren Orientierung an Tugenden und Werten wie zum Beispiel der Liebe - der er einen eigenen, großen Abschnitt einräumt - und den Zusammenhang zwischen Schönheit, Krankheit, Geld und Glück. Einen großen Raum gibt er seinen Ausführungen zu gesellschaftlichen Werten, Normen und Regeln und deren Auswirkungen. Denn vielfach orientieren wir uns unbewusst und ohne sie wirklich zu hinterfragen an ihnen. Auch auf die Wechselwirkungen zwischen Gedanken, Gefühlen und Körper geht er umfassend ein.

Als Quintessenz seines gut verständlichen, mal philosophischen, dann wieder psychologischen Einblicks in unseren "Wächter" stellt sich der Wiener immer deutlicher die Frage, warum man zwar "von Intelligenz, Leistung, lernen, Konzentration, Verhalten als auch von Begriffen wie Persönlichkeit, Bewusstsein, Ich oder Selbst" liest, aber dennoch außerhalb von theologischen Diskursen nie von einem Begriff wie Seele? "Kann es denn ohne die Berücksichtigung des Sinns im Leben, ohne das Warum, Wozu, Wofür überhaupt zu einer optimalen Entwicklung des Verstandes und der Persönlichkeit kommen?", fragt sich nicht nur Georg Fraberger.

Fazit: "Ohne Leib, mit Seele" gestaltet sich als tiefsinniger, zuweilen philosophischer Diskurs über gute Lebensführung und das Erreichen eines erfüllten Daseins. Ein Buch, das eine Brücke zwischen wissenschaftlichen Theorien und praktischen Lebenserfahrungen des Autors oder seiner Patienten schlägt. "Wir müssen wieder lernen, das, worauf es ankommt, zu erkennen und zu entwickeln: Das seelische Bedürfnis, als der- oder diejenige erkannt und geschätzt zu werden, der oder die man ist - unabhängig davon, ob der Körper groß, klein, stark, schwach, jung oder alt ist. (...) Nicht aber mit dem Ziel, aufgrund dessen gesund oder glücklich zu werden, sondern um ein wertvolles und grundsätzlich sinnvolles Leben führen zu können." (Georg Fraberger)

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48 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

sven regener, berlin, bremen, hamburg, alkohol

Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt

Sven Regener
Flexibler Einband
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 06.11.2014
ISBN 9783462046892
Genre: Romane

Rezension:

Die Beatles reiten noch auf der Erfolgswelle ihres Albums "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band", das am 1. Juni 1967 erschienen ist und als eines der ersten Konzeptalben der Popgeschichte gilt, als sie im August des gleichen Jahres in den Südwesten Englands aufbrechen. Hier drehen sie ihren dritten Spielfilm, bei dem sie erstmals nicht nur Darsteller sind, sondern auch als Autoren und Regisseure verantwortlich zeichnen. "Magical Mystery Tour", ein surrealistischer Lobgesang auf die Kultur der nordenglischen Arbeiterklasse, zeichnet sich durch eine relativ zusammenhanglose Handlung, begleitet durch eine Gruppe feierwütiger Briten auf ihrer Busreise in den Urlaub ans Meer, aus. Unterwegs geben diverse Zauberer - dargestellt von den Beatles selbst - immer wieder Anstoß zu vielfältigen exzentrischen, aber auch musikalischen Aktivitäten.

Als zeitversetzte Persiflage könnte man Sven Regeners gleichnamigen Roman bezeichnen. Auch hier wird der Leser Teil einer konfusen Truppe unterschiedlichst zusammengewürfelter Raver, die zwar nicht zur Erholung ans Wasser fahren, sondern auf ihrer Tour den Techno unters Volk bringen wollen. Auch sie sind dem Feiern, Trinken und Konsumieren unterschiedlichster, stimmungsaufhellender Substanzen nicht abgeneigt. Und Zauberer sind sie allemal, schon allein wegen ihrer schrägen Charaktere und der damit verbundenen differenzierten Lebenseinstellungen. Einziger "Normalo" unter der chaotischen Horde um Ferdi, Schöpfi, den Hosti Bros, Dubi oder Flapsi scheint Karl Schmidt zu sein. Der fährt das illustre Trüppchen von Bremen nach München, Frankfurt und Hamburg, mit Abstecher über Schrankenhusen-Borstel, um auch dem letzten "Güllebauern und Dreibuchstaben-Ravern" das "BummBumm" in die Gummistiefel zu jagen. Ohne Alkohol und Drogen und auch ohne nächtelanges Feiern, steuert Karl, aus dessen Sicht in der Ich-Form der Roman geschrieben ist und der "auch sonst ein paar Schrauben locker hat" seine mal mehr oder weniger muntere Truppe durch Deutschland. Für ihn wird es allerdings eher Bewährungsprobe als Partykracher. Denn er erlebte beim Fall der Mauer seinen ganz persönlichen Flash, landete dazumal in der "Klapper" und später in einer betreuten Drogen-WG. In dessen Nähe, im Eiscafé "Romantica", spürt ihn nach über fünf Jahren Raimund, ein alter Bandkollege aus vergangenen "Glitterschnitter"-Zeiten, auf und zieht ihn "magical mystery" in das Chaos aus Sex, Drugs und Rock'n'Roll... äh... Tekkno... nein... Techno. Denn, so Raimund: "Wir brauchen einen, der sich um alles kümmert, der uns fährt und auf das Geld aufpasst und auf uns auch und dass wir weiterkommen und was weiß ich alles."

"Die alten Sachen waren Vergangenheit und die Zukunft war offen. Keine Richtung, kein Plan. Das gefiel mir ganz gut." Doch wird der alte "Klapsmühlen- und Psychozausel" Karl den ständigen Versuchungen von Hofbräuhaus, Äppelwoi-Kneipe oder Hafenrundfahrt widerstehen und als "Klarsichthüllenfreak" "sauber auf der Kaffeespur bleiben" können oder mutiert er letztendlich doch wieder zum bösen Wolf, der den "kleinen Drogenschweinchen in ihren Häuschen aus Acidpapier, Hanfholz und Crackstein" ans Leder geht? Findet er den richtigen Draht, um diese heillos chaotische "Gruppe von Verstrahlten" zu bündeln? Seine Erfahrungen als Hilfshausmeister und Tiefpfleger im Kinderkurheim Elbauen in Ottmarschen gereichen ihm auf jeden Fall nicht zum Nachteil. Doch wie er selbst feststellt: "Die Zukunft ist eine dumme Sau. Man weiß nie, womit sie als Nächstes um die Ecke kommt!". Aber: Da gibt es unter den ganzen durchgeknallten Typen und Partygranaten ja auch noch Rosa....

Sven Regener hat nach seiner "Herr-Lehmann-Trilogie" erneut ein Buch geschrieben, das auf den ersten Blick den Eindruck macht, zu einem einzigen "Quatschbrei" verschmolzen zu sein. Doch die Hintergründigkeit seines Textes offenbart sich wie immer zwischen den Zeilen. Raver, alte Hippie-Avantgarde, Künstler, Plattenlabelbesitzer und deren Hitparadengaranten sowie jede Menge Dosenbier und ein wenig Paranoia sind tonangebendes Metier. Mit lockerer Souveränität konstruiert der erfolgreiche Autor sowie Sänger und Texter der Folkrock Band "Element of Crime" groteske Situationen, die trotz alledem nicht künstlich, sondern authentisch wirken. I-Tüpfelchen sind seine, den Text beherrschenden, brillanten, zum Teil inneren Dialoge, die sich durch einen kernig-lakonischen Witz auszeichnen. Hier läuft Karl Schmidt, alias Sven Regener, zu Höchstform auf und macht den augenscheinlich trivial wirkenden und leicht zu lesenden Roman zu einem kleinen "Sprachspaßkunstwerk".

Fazit: Das "Lexikon des Internationalen Films" schreibt über den Polaroid-Streifen der Beatles: "Witziger, unerhört rhythmischer Film, in dem die Beatles zahlreiche liebe Gewohnheiten der Briten persiflieren, aber auch sich selbst auf die Schippe nehmen. Die Zuneigung der Gesangsgruppe zu den Menschen aus den unteren Schichten, ihrer eigenen Herkunft, ist deutlich spürbar und macht den Film sympathisch." Auch Sven Regeners "Magical Mystery" offenbart eine äußerst unterhaltsame Parodie auf die Raver-Szene Mitte der 90er Jahre, einer Subkultur, die zwischen Dilettantismus und Genialität schwankte.

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72 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

glaube, finanzkrise, familie, verstehe den hype nicht, rowohlt

F

Daniel Kehlmann , ,
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 24.10.2014
ISBN 9783499249273
Genre: Romane

Rezension:

1974 erfand ein ungarischer Professor für Physik und Design einen bunten Plastikwürfel, der sich zu Beginn der achtziger Jahre wie ein Virus in der Welt auszubreiten begann. Seitdem fummeln Millionen Menschen an der Erfindung von Ernö Rubik herum und versuchen, die Schichten des Zauberwürfels so zu verdrehen, dass alle Seiten gleichfarbig werden. Zwar ist der große Hype mittlerweile verebbt, doch scheint es immer noch ein gewisses Interesse zu geben. Seit einigen Jahren fasziniert das bunte Spielzeug sogar die Wissenschaft. 43.252.003.274.489.856.000 Ausrichtungsmöglichkeiten soll es geben. Für das Wiederherstellen der farblichen Ordnung sind allerdings, man höre und staune, nur zwanzig Züge erforderlich. Der Weltrekord liegt übrigens bei sieben Sekunden.

In sieben Kapiteln beschäftigt sich auch Daniel Kehlmann mit dem Ausloten und der Suche verschiedener Möglichkeiten sowie einem eventuell "berechenbaren" Schicksal. Zwar geht es in seinem neuen Roman mit dem schlichten Titel "F" nicht um jene magische "Gottes Zahl", aber Rubiks Würfel findet sich darin gleichfalls wieder. Einer der drei Brüder, aus deren wechselnder Sicht das Buch jeweils in der Ich-Form erzählt wird, ist diesem magischen Zauber erlegen. Das Mysterium der Existenz Gottes wird ihm im Gegenzug dazu, jedoch Zeit seines Lebens nicht klar werden. Was umso mehr erstaunt, als dass Martin katholischer Priester ist. Seine zwei Halbbrüder wiederum - die Zwillinge Eric und Iwan - scheinen auf den ersten Blick das große Los gezogen zu haben: der eine als schwerreicher Finanzmakler, der andere als erfolgreicher Kunst-Kurator. Doch auch hier trügt der oberflächliche Schein. Die Wahrheit brodelt düster-drohend unter der Oberfläche und schaut weniger optimistisch aus. Denn alle drei Leben, so unterschiedlich sie sich entwickeln, bauen nur auf Betrug und Täuschung auf. Mehr oder weniger haben sich alle drei komplett verloren. Ja, unweigerlich kommt der Verdacht auf, dass sie sich selbst nicht mehr ganz sicher sind, wer sie eigentlich sind und vielleicht gar das Leben des anderen führen.

Ausgangspunkt ist der Besuch einer Hypnoseshow, gemeinsame mit ihrem Vater Arthur Friedland. Diese, so hat es den Anschein, besiegelt in Gestalt des ominösen Lindemann ihr weiteres Schicksal und legt den Grundstein für Kehlmanns ominöses "F". F wie Fatum? Im Lateinischen steht das Wort für eben jene höhere Gewalt, der sich Martin, Eric, Iwan und auch Arthur restlos unterwerfen und die sie, jeder auf ihre eigene Art, als Begründung für diverses Versagen, unterschiedlichste Ängste und persönliche Fügungen gebrauchen. Letzterer macht sich hernach komplett aus dem Staub, um sich fortan als mysteriöser Autor von Zeit zu Zeit aus der Versenkung bei seinen Söhnen zu melden. Diese wiederum fungieren in Kehlmanns Text alles andere als fröhliche Experimente, sondern eher als "zweckfreie Produkte eines spielerischen Geistes", als "böswilliger Angriff auf die Seele jedes Menschen", der sein Buch liest. Letztendlich wirft der Autor die Frage auf: "Wie, wenn wir immer derselbe sind, in immer anderen Träumen? Nur die Namen täuschen uns." Die Antwort liefert er gleich mit: "Lass sie beiseite, und du siehst es sofort."

2005 hat Daniel Kehlmann mit "Die Vermessung der Welt" einen gut lesbaren, humoristischen Bestseller geschrieben. Doch schon mit dessen Nachfolger "Ruhm" verlor er einen Großteil der sprunghaft angewachsenen Fangemeinde. Mit "F" wird er wohl die verloren gegangenen "Schäfchen" auch nicht wieder zurückholen. Zu viele "Spiegelungen und unerwartbare Volten von einer leicht sterilen Brillanz" finden sich in seinem Text, der den Leser in ein Wechselbad der Gefühle wirft. Aber wie der Autor mit mehreren Wirklichkeiten, Bewusstseins- und Daseinsebenen variiert, ist schon grandios. Kehlmanns Stil und sein Spiel mit Strukturen gibt den virtuellen Schwebezustand zwischen Wirklichkeit und Traum beeindruckend wider. Gerade noch fabuliert er voller "Melancholie, ausbalanciert durch Humor", doch schon im nächsten Kapitel offenbart er eine "in der Schwebe gehaltene Brutalität" oder gar philosophische Betrachtungsweisen des Lebens und des Seins an sich. Auf mysteriöse Weise ist letztendlich alles mit allem verbunden. Am 08.08.08 kumuliert die Handlung zu ihrem alles andere als glorreichen Höhepunkt: Eine Geschichte, die dem Fatum - dem Schicksal - einen großen Raum einräumt, in der manchmal jeder Weg falsch ist und in der der Teufel und unterschiedlichste Dämonen mit Gott würfeln. Ob allerdings mit Rubiks Würfel sei dahingestellt.

Fazit: "Dieses Buch berührt mich auf das Merkwürdigste, und bis heute macht es mir Angst. Zum Teil weil es zeigt, wie unübersehbar die Konsequenzen jeder Entscheidung und jeder Bewegung sind - jede Sekunde kann alles zunichtemachen, und wenn man das zu Ende denkt, wie lässt es sich überhaupt leben?" "F" entpuppt sich als hochwertige und anspruchsvolle Publikation, die einen ganz anderen Duktus als sein Bestseller "Die Vermessung der Welt" aufweist. Doch insbesondere diese Andersartigkeit zeigt, welch vielfältige literarisch-stilistische Qualitäten der 38-jährige Autor hat.

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

du, liebe, selbsthilfe

So wirst du stinkreich im boomenden Asien

Mohsin Hamid , Eike Schönfeld
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 16.01.2015
ISBN 9783832163037
Genre: Biografien

Rezension:

Ob Prüfungsangst, Beziehungsangelegenheiten, Krankheit oder der Sinn des Lebens im Allgemeinen, Selbsthilfebücher gibt es für jedes Problem, mit dem wir Menschen uns den lieben langen Tag herumschlagen müssen. Selbsthilfe macht unabhängig. Und weil wir im permanenten Konsumrausch nebenbei auch noch das nötige Kleingeld aufbringen müssen, gibt es dazu noch allerhand Ratgeber zum Anlegen, Sparen oder Mehren desselbigen. Wenn man allerdings "stinkreich" werden will, dann nimmt man sich das neue Buch von Mohsin Hamid zur Hand, kauft sich das nächste Flugticket Richtung Asien und setzt all das um, was der pakistanische Autor in seinen zwölf Kapiteln eindrucksvoll schildert. Denn in der globalen Welt des 21. Jahrhunderts kann schon lange nicht mehr über die Weltwirtschaft ohne zum Beispiel China und Indien gesprochen werden.

"Hab Vertrauen. Du bist nicht so machtlos, wie du wirkst. Deine Zeit kommt noch. Jawohl, dieses Buch wird dir eine Wahl bieten.", so steht es bereits auf den ersten Seiten des in Lahore aufgewachsenen, nach Zwischenstationen in Harvard, Princeton, New York und London heute wieder mit seiner Familie in der Heimat lebenden Autors, der 2007 mit seinem "Der Fundamentalist, der keiner sein wollte" bereits einen beachtlichen Text vorgelegt hat. Sein Roman ist natürlich kein wirkliches Selbsthilfebuch, auch wenn Tonfall (gehalten in der ungewöhnlichen zweiten Person) und Anonymität der durchgängig namenlosen Personen und Orte daran angelegt wurden (es darf trotzdem vermutet werden, dass Handlungsschauplatz eben jene zweitgrößte Stadt Pakistans ist). Auch die zwölf, 15 bis 20 Seiten langen Kapitel mit Überschriften wie: "Zieh in die Stadt", "Verschaff dir Bildung", "Verlieb dich nicht", "Meide Idealisten" oder "Freunde dich mit einem Bürokraten an" erzeugen einen derartigen Eindruck. Letztendlich sind sie jedoch nur literarisches Stilmittel und dienen Mohsin Hamid dazu, die schwindelerregenden sozialen und ökonomischen Veränderungen des "boomenden Asiens" anzuprangern.

"Du", wie er im Buch nur genannt wird, ist dabei alles andere als ein unsympathischer Zeitgenosse. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen auf dem Land, schildert der Autor seinen Werdegang vom hepatitiskranken, schmächtigen Jungen, zum strebsamen Studenten, mit Zwischenstation als "Vertreter für abgelaufene Waren mit nicht abgelaufenem Verfallsdatum", bis hin zum Geschäftsmann und Unternehmer für Tafelwasser. Obwohl der Ehrgeiz treibendes Element ist, klopft auf seinem Weg immer wieder die Liebe in Gestalt "des hübschen Mädchens" an die Tür. Doch auch wenn das Streben nach Reichtum und jenes nach Liebe vieles gemeinsam haben, so stehen sich beide letztendlich nur kontraproduktiv im Weg. Er heiratet die Tochter eines Geschäftsfreundes, sie kämpft sich als Model in die Liga der Schönen und Reichen. Das namenlose Gesicht des Helden, dem durchaus eine gewisse Sympathie innewohnt, gibt jedoch deutlich und mit aller Schärfe gezeichnet die Wesensart der ansonsten unkenntlichen Welt wider. Seine Verletzlichkeit steht in einem scharfen Kontrast zu dem fast liebevoll und charmant skizzierten Umfeld aus Korruption, Armut und Reichtum, aus Geld und Hungerlohn. "Es ist eine explosive Umwandlung, in der die stützenden, erstickenden, stabilisierenden Bindungen ausgedehnter Beziehungen schwächer werden, sich auflösen und Unsicherheit, Furcht, Produktivität und Potenzial hinterlassen."

Fazit: Mit ungewöhnlichen Stilmitteln, souverän von Eike Schönfeld ins Deutsche übertragen, gelingt es Mohsin Hamid die großen Veränderungen unserer Zeit zu verkörpern. Ein Buch, das erschreckt und eine zerbrechliche Verletzlichkeit zu Tage fördert, hervorgerufen durch das Zerstörerische des unaufhörlichen Wachstums in einer globalisierten Welt.

"Es hat einmal einen Augenblick gegeben, in dem alles möglich war. Und es wird einen Augenblick geben, in dem nichts mehr möglich ist. Aber in der Zwischenzeit können wir gestalten. (aus "So wirst du reich im boomenden Asien")

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75 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

mount everest, sinnsuche, liebe, österreichische autoren, everest-besteigung

Das größere Wunder

Thomas Glavinic
Flexibler Einband: 528 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 01.04.2015
ISBN 9783423143899
Genre: Romane

Rezension:

"Ein Leben ist nur dann geschützt, wenn es einer Sache gewidmet ist, die größer ist als der Mensch, der es lebt und der Sache dient." Große Worte von Thomas Glavinic bzw. seinem Protagonisten Jonas des für den Deutschen Buchpreis 2013 nominierten neuen Romans. Gedanken, die ihm während seines an physische und psychische Grenzen gehenden Marsches auf das Dach der Welt - den Mount Everest - kommen. Es ist eben jener Jonas, der bereits in zwei früheren Büchern des österreichischen Autors auftritt. Nach "Die Arbeit der Nacht" (2006) und "Das Leben der Wünsche" (2009) liegt nun der Abschluss der Trilogie vor. Ein würdiges Finale mit einem großartigen Text!

Alle drei Bücher sind auf magische Art und Weise miteinander verbunden, können allerdings völlig unabhängig voneinander gelesen werden. Sie bauen weder aufeinander auf, noch setzt das Verständnis des aktuellen Werkes die zwingende Lektüre der beiden Vorgänger voraus. Aber sie greifen immer wieder faszinierend ineinander über. Erneut beschäftigen den Autor die Motive der Angst, Einsamkeit, Sehnsucht und der Freiheit. Über allem schwebt das unendliche Mysterium der Liebe, dieser "großen Sache", von der im ersten Satz die Rede war. Die Handlung ist erneut auf mehreren Ebenen und in diversen Zwischenreichen angesiedelt. Glavinics Held befindet sich eher in einer Zeitkapsel, die wie ein Ping-Pong-Ball im Raum herumgeworfen wird, als dass er einen stringent konstruierten Weg durchwandert. Vieles wird nur angedeutet, aber nicht endgültig gelöst. "Alles ist in Bewegung, nichts ist fertig, alles kann noch passieren oder ist vielleicht schon passiert.", erläutert der Autor im Interview mit seiner Lektorin, das dem Buch vorangestellt ist. Aber gerade dieses Verweben und Vermischen, dieses Kommunizieren des eigenen Ichs mit einem früheren, macht den ungeheuren Reiz bei der Lektüre aus.

Als Rahmenhandlung fungiert Jonas Everest-Besteigung, die in ihrer ganzen Brutalität und Eindringlichkeit derart plastisch wiedergegeben wird, dass man meint, selbst ein Mitglied dieser Jahr für Jahr unzähligen Expeditionen zu sein, die den Berg in immer abenteuerlicher Weise zu bezwingen suchen: Tod, Verletzung und das Infragestellen der menschlichen Würde inklusive. Diese (Un-)Wirklichkeit entgleitet Glavinics Protagonisten immer wieder: "Er tauchte ab aus der Wirklichkeit, er verschwand in sich selbst, in seiner Vergangenheit, er glitt hinüber zu den Bildern, die ohnehin ständig da waren, ob er hinsah oder nicht." Der in Graz geborene Autor versteht es meisterhaft durch wechselnde Kapitel, Schauplätze aus dem Leben seines Protagonisten zu platzieren, beginnend in dessen ungewöhnlicher Kindheit bis zu seinen zahlreichen, rastlosen Odysseen durch die gesamte Welt. "Szenen in denen er feierte, in denen er Angst hatte, in denen er lachte, in denen er Schlimmes tat, in denen er allein war und wanderte und reiste, im Auto, im Bus, in Hunderten Zügen, in Tausenden Flugzeugen". Immer auf der Suche nach dem einzigen, für das es wert war zu leben und das er in einem kumulierenden Punkt, im "Zentrum eines Jahrhundertsturms" in Gestalt von Marie trifft.

In einer nüchternen und beschreibenden, keineswegs jedoch unverständlich-avantgardistischen, sondern stets gut lesbaren Sprache, ist Thomas Glavinic erneut ein Wurf auf literarisch und stilistisch allerhöchstem Niveau gelungen. Fragen durchziehen das ganze Romangefüge: "Was ist eingeschlossene Zeit"? Ist mein Ich statisch oder dynamisch? Was macht mein Innerstes aus? Wo liegt der Kern meines Wesens? Muss ich für alle Zimmer des Leben immer einen Schlüssel haben oder ist es vielleicht manchmal viel besser, die Dinge einfach auf sich zukommen zu lassen? Was bedeutet Vergänglichkeit? Worin bestehen die Zusammenhänge der Welt? Was bin ich? Ständig gewinnt er Erkenntnisse, die bewusst oder unbewusst seine Handlungen bestimmen. Letztendlich wird klar, dass alles mit allem verbunden ist. "Niemand kann sich lösen. Entkommen gibt es keines."

So wie auf dem düsteren Bild, das im Arbeitszimmers von Jonas' Ziehgroßvater hängt, so herrscht auch in Glavinics Roman eine nahezu gespenstische, zuweilen düstere und beklemmende Stimmung, die der Realität zu entgleiten droht. Wie ein Sog zieht das Geschehen den Leser ins Buch. Alles verschwimmt, schiebt sich ineinander, weich und kräftig, diffus und klar, imaginär und wahrhaftig, durchtanzt von Farben, Geräuschen und Bewegungen. Unglaublich beeindruckend sind Thomas Glavinics Beschreibungen am Berg, die er aus Erzählungen seines 2012 tödlich verunglückten Jugendfreundes Gerfried Göschl, der 2005 ohne Sauerstoff und im Alleingang auf dem Everest war, geschöpft hat und die in ihrer Eindringlichkeit und Authentizität erstaunlich imposant, ja, brillant wirken. Doch Vorsicht: Der Roman "gehörte nicht zur Wirklichkeit, es gab nur vor, ein Teil der Wirklichkeit abzubilden". Aber einer großen Sache ist er dennoch gewidmet, "die größer ist als der Mensch, der es lebt und der Sache dient": der Liebe.

Fazit: "Alles ist vergänglich. Du bist vergänglich. Alles vergeht und verweht. Zeit ist neutral. Zeit ist den Dingen gegenüber gleichgültig. Zeit ist unerbittlich. Keine Sekunde, auf die nicht die nächste folgt. Keine Sekunde, die nicht vergangen wäre. Ob schön. Ob schrecklich." Thomas Glavinics Romanfigur und ihr Weg auf den Gipfel der Welt gestalten sich als ein großartiges Gedankenexperiment, das der Stille und dem Rätsel in uns selbst nachspürt. Gleichzeitig ist es ein großes Buch über die Liebe. "Liebe ist oft selbst ein Partner, und oft ist sie Betrug, und dieser Betrug betrügt die Liebe. Manchmal liebt man nur die Idee der Liebe, man redet sich ein, dieses Große zu erleben, nicht ahnend, dass man sich selbst belügt und das Große nur simuliert." Hier jedoch kann man ohne Zweifel feststellen, dass Thomas Glavinics tatsächlich etwas Großes geschaffen hat: großartige Literatur!

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