Huebner

Huebners Bibliothek

118 Bücher, 101 Rezensionen

Zu Huebners Profil Zur Autorenseite
Filtern nach
118 Ergebnisse
Wähle einen Buchstaben, um nur die Titel anzuzeigen, die mit diesem beginnen.



LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

8 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

steinzeit, kupferherstellung, glutstein, ötzi, pfahldorf

Ötzi und die endende Steinzeit, Kupferzeit, Kupferbeil, Tote vom... / Die Verschwörung von Breitental - das Kupferbeil des Ötzi

Christian Ausmünster
Flexibler Einband: 528 Seiten
Erschienen bei epubli, 09.11.2016
ISBN 9783741864254
Genre: Biografien

Rezension:

Inhalt:

Im zweiten Teil der geplanten Trilogie begegnen wir Narado, dem bekanntlich die Figur der Gletschermumie „Ötzi“ zugrundeliegt als Jugendlichem. Seine Geschichte wird erzählt bis zu seinem Tode. Wir erfahren, wie sich ein nomadenähnliches Leben vor ca. 5000 Jahren zugetragen haben könnte. Kenntnisreich berichtet Christian Ausmünster von einem bewegten Leben zwischen Sippenkonflikten und Umbrüchen der Zeitgeschehnisse, wenn z.B. die gewinnbringende Bearbeitung von Kupfer aus Südeuropa in die Berge gebracht wird, wobei sich der Autor hier dichterischer Freiheiten bedient und von seinen minutiösen Recherchen abweicht.

Der Inhalt der Handlung ist schnell erzählt: Narado wird durch einen Komplott seiner Stiefmutter gezwungen, seiner Heimat, dem Breitental (Vinschgau), den Rücken zu kehren. Seine abenteuerliche Odyssee beginnt. Wir erfahren welche räuberische Übergriffe seiner Heimat widerfahren. Feuersbrünsten zum Trotz erfährt das Breitental mit Narados Rückkehr, seinem angehäuften Wissen aus vielen Begegnungen eine Handelsblüte, bevor er und sein Sohn sich erneut auf den Weg machen. Diese letzte Reise soll ihm zum Verhängnis werden. So wird Narado Opfer dessen, worum sich bis heute die „Ötzi“-Mythen ranken.

Ausmünster gelingt ein sehr rührender, sehr einfühlsamer letzter Moment in Narados Leben und somit gekonnt die Brücke zu der so genannten Gletschermumie, die uns heute noch fassungslos in ihren Bann zieht.

 

Stilistik:

Begrifflichkeiten, die Ausmünster erdacht hat, passen sehr gut in eine fantastische Zeit vor 5000 Jahren, von deren semantischer Morphologie man wenig bis gar nichts weiß.  Fraglich bleibt, ob die Abweichungen von den hist. Tatsachen, was bspw. Schmerlzofenkonstruktionen und geologische Beschaffenheit des Terrains betreffen, hätten sein müssen, oder ob der Autor sich nicht auch an den Forschungsstand hätte halten können und ebenso gelungen und überzeugend konstruiert hätte.

Gehäufte, seitenlange Dialoge, ausschließlicher Gebrauch von direkter Rede und innere Monologe als direkte Rede verfasst, sind Geschmackssache und können zuweilen Spannung hemmen. Gleiches gilt für die größtenteils vernachlässigte Atmosphäre der Handlungsräume und die Wiederholungen im Handlungsstrang. Hier seien als Beispiele die sich oft ganz sehr ähnelnden Reiserouten in kurzer Abfolge genannt. Die Motivationen von Narados Reisen sind häufig hintergründig,  es geht um Kupfervorkommen, dann wieder um Getreide oder Auskundschaftungen, oder einfach nur ums Reisen selbst. So wirft sich die Frage auf, ob man die Intermezzi zwischen den gleichen Reisen / Ausflügen nicht hätte weglassen können, da sie zumeist den jeweiligen Handlungsstrang unwesentlich verfolgen.

Die erste Hälfte des Buches ist zeitlich gedehnt, die zweite sehr gerafft, was ein Ungleichgewicht hervorruft, wodurch man bes. in der zweiten Hälfte den Eindruck bekommt, als würde Narado stakkatoartig hin und her gehetzt wie eine Marionette.

 

Fazit:

Unglaubliche Mühen und Aufwand wohnen dem Werk inne, dem einfach noch der letzte Schliff zu fehlen scheint, was die Lockerung der Stilistik, die Atmosphäre gemäß der fünf Sinne fürs innere, lesende Auge betreffen. Hier nimmt mich persönlich Ausmünster nicht konsequent mit in die Berge einer Welt vor 5000 Jahren, was das eigentlich Spannende an der Sache gewesen wäre. Ein ums andere Mal wird der Tenor und der Focus auf Nebensächliches gelegt, worunter der Handlungsstrang leidet. Zu viel wird ausgesprochen, zu wenig Leerstellen gelassen, zu selten dem Leser zugetraut, sie mit der eigenen Fantasie zu füllen. Das ist unglaublich schade, fesselt doch schon allein die ausgewählte Thematik und der Mut, sich dem Gletschermann Ötzi auf belletristische Weise zu nähern. Diesem Mut gebührt meine Bewunderung und Anerkennung.

Umfangreiches Zusatzmaterial hilft dem Unkundigen und dem Neueinsteiger in Band 2 sich in die Materie hineinzufinden, ohne lange selbst auf Recherchereise ins Internet oder einschlägige Literatur gehen zu müssen.

April 2017

Ivonne Hübner

 

  (1)
Tags: alpen, berge, gletschermumie ötzi, kupferzeit, steinzeit   (5)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(26)

53 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 9 Rezensionen

potsdam, berlin, verwunschen, kleinwüchsig, märchenhaft

Pfaueninsel

Thomas Hettche
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei btb, 08.02.2016
ISBN 9783442749836
Genre: Romane

Rezension:

Hettche erzählt die Geschichte der kleinwüchsigen Marie, die mehr oder weniger zufällig zunächst als Attaktion, dann als scheinbar vergessenes Beiwerk auf der Potsdamer Pfaueninsel lebt. Wunderbare Landschaftsgestaltungen lassen das Herz des Gartenliebhabers höher schlagen. Ich denke, wenn ich nicht jahrelang in Potsdam gelebt hätte, hätte ich das Buch beiseite gelegt, da der Leser mit doch sehr detaillierten Beschreibungen von der Urbarmachung bis zur Kommerzialisierung der Pfaueninsel konfrontiert wird. Die doch sehr sinnliche, sehr blumige Sprache überrascht hinter jeder Zeile und macht, wenn auch der Handlungsstrang zuweilen ins Langatmige fällt, diesen Roman zum Genuss.
Marie, die als Zwergenwüchsige gemeinsam mit ihrem Bruder auf der Insel lebt, wird als Kuriosum dargestellt und man hat das Gefühl, ihr zu nahe zu treten, wenn Hettche von ihren Amouren mit ihrem (ebenfalls kleinwüchsigen) Bruder, ihrem deformierten Körper, ihren Sehnsüchten und Verliebtheit in Gustav berichtet. Die Bedienung unseres natürlichen Voyeurismus stehlen den Landschaftsarchitekten Lenné und Schinkel zu weilen die show, was nicht hätte sein müssen.

Ivonne Hübner

  (3)
Tags: kleinwuchs, pfaueninsel, potsdam   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(245)

364 Bibliotheken, 5 Leser, 2 Gruppen, 122 Rezensionen

schottland, pfau, banker, humor, teambuilding

Der Pfau

Isabel Bogdan
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 18.02.2016
ISBN 9783462048001
Genre: Romane

Rezension:

Eine Gruppe Banker verschlägt es auf einen leidlich heruntergekommenen Landsitz irgendwo in England. Teambuilding steht auf dem Seminarplan. So weit so gut. Hier hätte Isabel Bogdan doch eine schöne Basis für einen unterhaltsamen, lustigen Roman gehabt. Die Hauptfigur aber übernimmt ein Pfau, der es mit der Farbe Blau nicht so hat. Ob Pfau und Blau absichtlich als Reimpaar hier verwendet wurden, erschließt sich mir nicht, aber viele der wohl witzig gemeinten Passagen bleiben fad und leer, zum Schmunzeln kommt es auch dann nicht, als der Hund der Bankchefin den (bereits erschossenen) Pfau aportiert und es einigen Trubel gibt, das vermeintliche durch Banker-Hund erlegte Tier zu entsorgen. Bogdan macht zu viele Worte um Unwichtiges, oder das, was der Leser durch seine Phantasie hätte füllen können. 
Schade, denn diese Teambuilding-Idee war wirklich gut.

Ivonne Hübner

  (2)
Tags: banker, landsit, pfau, psychologie, teambuildingseminar   (5)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(119)

180 Bibliotheken, 9 Leser, 0 Gruppen, 30 Rezensionen

berge, leben, roman, einsamkeit, tod

Ein ganzes Leben

Robert Seethaler
Flexibler Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 18.01.2016
ISBN 9783442482917
Genre: Romane

Rezension:

Robert Seethaler schafft vermutlich das, was nie ein Autor zuvor gekonnt hat: er packt eine zum Greifen nahe, zum Weinen sinnliche, zum Lachen rührende, zum Riechen echte, zum Staunen überwältigende Lebensgeschichte auf 150 Seiten.
Nicht umsonst wurde Robert Seethalers "Ein ganzes Leben" mit Lob und Preisen überhäuft. Zu Recht.
Erzählt wird Andreas Eggers Geschichte. Eine ganz simple Lebensgeschichte eines in den Bergen lebenden und dort sterbenden Mannes. Kriegsgefangenschaft auf anderthalb Seiten und doch viel aussagekräftiger und einnehmender als manchens Werk über in Sibirien Gefangen von 400 Seiten. Ein einfaches, hartes Leben aus Eggers  Perspektive geschildert und doch so ausführlich, so detailiert, dass man schon jeden Satz analysieren müsste, um jede Geste, jede Mimik, Geräusch, Geschmack, Gefühl zu erfassen, um nichts zu übersehen. Ein so dichtes Buch, alle Sinne stets bedienend, dass man es durchaus zwei, dreimal hintereinander lesen kann und muss. Die Auslassungen machen es zu dem, wonach es uns dürstet, die wir seit zig Jahren von 900-Seiten-Schinken gequält werden. Dieses Buch ist Urlaub.
Seethalers Philosophie ist hinlänglich bekannt und eine Schule für jeden Autor, für mich auf jeden Fall.

Danke, Herr Seethaler für dieses Erlebnis, diese Lehre!!!

Ivonne Hübner

  (1)
Tags: aussiedler, berg, dor, einsamkeit, eremit, gebirge, seilbahn, seilbahnarbeiten, tal   (9)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(17)

32 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

vieh, dbp 2016, erbstreit, berg, kühe

Fremde Seele, dunkler Wald

Reinhard Kaiser-Mühlecker
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 25.08.2016
ISBN 9783100024282
Genre: Romane

Rezension:

Reinhard Kaiser-Mühlecker. "Fremde Seele, dunkler Wald". Im Herbst 2016 gehypt, nominiert für den Deutschen Buchpreis und doch hält der 300 Seiten starke Text nicht, was Titel und cover versprechen.
Augebaut wird "Fremde Seele, dunkler Wald" wunderbar atmosphärisch, Figuren schaurig mystifiziert.  Solche wie wir: Existenzen reingeworfen in die Maschine des 21.Jh. - kümmert euch! Wahrlich: die ersten 100 Seiten bilden eine Einheit und es hätte dabei bleiben können. Wozu der Ausrutscher ins Krimi-Genre, wozu die Teenager-Affäre, verschließt sich mir. Als habe Kaiser-Mühlecker nicht weiter gewusst und, um auf Nummer Sicher zu gehen, von diesem und jenem dazugetan, obwohl es an Zutaten genügt hätte:
Eine gehörige Portion heruntergekommenen Bauernhofes, eine Handvoll depressiver, demotivierter, desilliusionierter Menschen,  alle charakterlich sehr stark gezeichnet; der Luftschlösser zimmernde Familienvater, die schweigsame, mit allem abschließende Mutter, die geifernde Oma, die auf dem Erbe ihres Mannes hockt wie eine Matrone, schließlich die drei Geschwister: Alexander, der Soldat, der bei der Bundeswehr nicht mehr das findet, was er dort einst zu suchen geglaubt hatte, Jakob, mit minderwertigem Schulabschluss, ohne Träume und schier ohne Perspektive, und Luisa, die aus ihrer gescheiterten, schwedischen Ehe flieht.
Gekonnt: alle drei finden sich, scheinbar verängstigt von ihren Ausflügen ins Leben wieder auf dem Hof ein. Schwach: der philosophische Grundgedanke, dass das Suchen nicht zwangsläufig mit dem Finden einher gehen muss, bleibt nur angerissen.
Manko: Als Jakob (ca. 16) so etwas wie eine Beziehung versucht, lassen Spannung und Handlung nach.
Bis auf das Fünkchen Zuviel dennoch eine wahr gezeichnetes, unverblümtes Bild unserer Gesellschaft.

Ivonne Hübner

  (0)
Tags: bauernhof, berg, brüder, bundeswehr, erbe, erbstreit, gebirge, kühe, soldat, vieh   (10)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(275)

433 Bibliotheken, 12 Leser, 1 Gruppe, 65 Rezensionen

altes land, flüchtlinge, hamburg, ostpreußen, flucht

Altes Land

Dörte Hansen
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Knaus, 16.02.2015
ISBN 9783813506471
Genre: Romane

Rezension:

"Die Frauen hatten Helden oder Tiere werden müssen, anders war man mit den Kindern nicht über dieses Eis gekommen" (S. 271)

Altes Land ist nicht bloß die Geschichte dreier Generationen von Flüchtlingen: Hildegard von Kampcke, Kriegsflüchtling von 1945; ihrer Tochter Vera, Seelenflüchtling; deren Nichte Anne, Urbanflüchtling. Dieses Buch ist eine Abrechnung und zieht herrlich ehrlich und unverblümt Bilanz mit unserer von verschrobenen, kalkulierten, maßgeschneiderten und designten Ideallebenskonzepten abgeknabberten Lebenswirklichkeit.
Es rechnet ab mit Gummistiefeldemeterfanaten, die auf der Suche nach sich selbst das Weite (aufs Land) suchen und hier doch wieder nur Pestizidbauern finden, du um das nackte bäuerische Überleben kämpfen.
Dörte Hansen spricht mir aus der Seele, wenn sie aus der Sicht der Alteingesessenen "Dörfler" einen ernüchternden Blick auf den nervenden, invasierenden und marodierenden Stadtzuzug wirft, wie auf Neuzüchtungen in der Obstauslage eines Supermarktes.
Ihre Sprache ist wie eine Rettung. Seit Günter Grass habe ich keine so facettenreichen, farbenfrohen. Sprachbilder mehr gelesen: gebündelt und gezurrt wie Strohpuppen, standsicher und absolut nachvollziehbar. Ein literarisches Ereignis.

Die Menschen, die Hansens Figuren Vera und Anne - die Haupthandelnden, wie ich meinen möchte - begegnen, werden klar charakterisert. Wir finden uns in einer großstädtischen, aber bitte im Szenestadteil verordneten Blutegel eines "Musimaus"-Musiklehrers, der die Eltern der "hochbegabten" Kleinen schröpft und ihnen Illusionen von Orffschen Talenten ans Bein nagelt; wir treffen den ganz normalen Wahnsinn eines mittelständischen Handwerkerbetriebes, der gegen Pressholz und Kunststofffenster kämpft in einer Welt, wo man den Kindern zwar Reiswaffeln in die Münder stopft, aber Laminat dem Echtholzfußboden den Vorzug gibt. Wir begegnen dem Möchtegern-Aussteiger und freischaffenden Journalisten, der sich auf Kosten der Land-Raritäten eine goldene Nase in seiner Branche (der er seine Autarkie angesagt hat und doch von ihr abhängig ist) verdienen will.

Das, was wie köstliche Überspitzungen auf der Zunge zergeht, ist bei genauerem Nachschmecken so wahr und furchtbar schmerzhaft, dass man dieses Buch einigen zartbesaiteten "Neudörfischen", gestrandet aus der Großstadt und um kümmerliche Neuzuüchtungen ganz ohne Dach über den Tomaten tänzelnd, einfach nicht schenken kann. Sie würden einem glatt die Freundschaft kündigen.

Liebe Frau Hansen, danke für dieses ehrliche Buch!

Ivonne Hübner

  (0)
Tags: alleinerziehende, biobauernhof, demeter, facherwerkhaus, generationskonflikt, kriegsflüchtlin, nachkriegsdeutschland, norddeutschland, scheidungskinde   (9)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

paris, vincent van gog, maler, 1890, van gogh

Die Witwe der Brüder van Gogh

Camilo Sánchez , Peter Kultzen
Flexibler Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Unionsverlag, 15.02.2016
ISBN 9783293207257
Genre: Romane

Rezension:

1890: Johanna van Gogh-Bonger, verheiratet mit Theo van Gogh und damit Vincent van Goghs Schwägerin, gibt mithilfe ihrer Tagebuchaufzeichnungen einen Einblick in die letzten Wochen ihres Mannes, welcher nach dem Tod seines Bruders abbaut und letztlich einer Depression, gepaart von körperlichen Symptomen erliegt.Vinvents Tod ist ein Schmerz, der mir ewig nachgehen wird und den ich ein Leben lang mit mir herumtragen werde. (Theo) Mit 29 verwitwet und alleinerziehend nimmt Johanne den Kampf mit vang Goghs Gläubigern, seinem Vermächtnis und seinem Werk auf.
Camilo Sanchez webt seinen Roman um die Tagebuchaufzeichnungen der Johanna und bewegt sich ganz dicht am wirklich Geschehenen.
Im Eigentlichen hat Johanne Vincent van Gogh, ihren Schwager kaum gekannt, kurze Begegnungen, abrupt beendete Besuche des Windfang, immer nervösen, herumstreunenden Geistes. Gerade vier Tage von Van Goghs Leben durfte Johanne bezeugen und dennoch, so schreibt sie, war er allgegenwärtig. Die enge Verbindung zwischen Theo und Vincent, täglicher - oft mehrmaliger! - Briefwechsel, Vincents Geld- und Seinsnöte immerdar, schien sie ihn besser zu kennen als ihren Mann. Selbst der Sohn war nach dem Schwager benannt worden. Und dann, als Theo verstorben war, nimmt sich Johanne der Vermächtnisse beider an: Das Werk des einen, die Schulgefühle und Verpflichtungszwänge des anderen.

Sanchez' Werk: ein längst überfälliges Zeugnis dessen, dass der berühmte Vincent van Gogh als unbekannter, armer Kerl in Vergessenheit geraten wäre, wenn sich eine Frau nicht wider aller Konventionen für ihn und sein Werk stark gemacht hätte.

Danke, Johanna van Gogh-Bonger

  (1)
Tags: 1890, amsterdam, bilde, johanna van gogh-bonger, maler, malerei, paris, theo van gogh, vincent van gog   (9)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(37)

78 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 28 Rezensionen

england, kate riordan, familie, schwangerschaft, schwangerschaftsdepression

Im Spiegel ferner Tage

Kate Riordan ,
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei Heyne, 14.12.2015
ISBN 9783453417991
Genre: Romane

Rezension:

Alice, kleine Bürokraft im London von 1932, etwas naiv und unbedarft, wird nach einem one-night-stand schwanger. Sie verrät nicht dem Kindsvater, wohl aber ihrer Mutter von der Katastrophe. Der Engelmacherin verweigert sie Hand anzulegen und schon ersinnt die Mutter den Plan, die junge Frau auf einen englischen Landsitz zu schicken, wo sie das Kind zur Welt bringen und danach zur Adoption freigeben soll.
Alice ca. halbjähriger Aufenthalt im Hochsommer Englands wird blumig und sehr, sehr lang beschrieben. Wie man es nicht anders erwartet, wenn eine junge Frau zu einer schrulligen Haushälterin, deren naiven Küchenhilfe und einem misstrauischen Gärtner geteckt wird: da sind doch Geheimnisse aufzuspüren!

So erzählt Rjordan im Präsens der Alice, was sie uns sehr nahe kommen lässt, und komponiert eine zweite, zeitlich früher handelnde Ebene der Elizabeth, welche um 1900 in das Anwesen einheiratete. Elizabeths Handlungszeit umfasst dabei nur die letzten Tage ihrer letzten Schwangerschaft, wobei Rjordan in mittels eines Tagebuches, das Alice findet, in Elzabeth Erinnerungen umherspringt.
So findet Alice also auf verstaubten Pfaden über knarrende Treppen, vorbei an übellaunig von der Wand blickende Portraitierte in verwaisten Kinderzimmern und vergessenen - aber durchaus gut in Schuss gehaltenen Kapellen - Versatzstücke zu Elizabeth und ihre Familie. Selbstverständlich wird sich die Heldin in den sporadisch vorbeischauenden Hausherren verlieben und am Ende mit ihm in trauter Dreisamkeit (das Kind wird nicht zur Adoption freigegeben) das Happy-End gestalten.

Parallelen: beide Frauen in guter Hoffnung; beide Frauen mit dem jeweiligen Kindsvater eher nicht zufrieden.
Während Elizabeth Opfer der Wochenbettdepression wird, gegen die es um 1900 noch keine effektiven Maßnahmen, bzw. für die es kein Verständnis im heutigen Sinne gab, sieht Alice ihrer eigenen Niederkunft mit ähnlichen Ängsten entgegen.
Elizabeth war von ihrem Mann als "verrückt" erklärt weggesperrt worden. Als auch das letzte Kind tot zur Welt kommt, nimmt sie sich und der Erstgeborenen das Leben.

Die Handlunsgfolge: Verdient meine drei Sternen: Wir haben also die gegenwärtige Handlunsgzeit der Alice, die vergangene der Elizabeth und die vorvergangenen der Elizabeth, welche Alice (in der Gegenwart) via Tagebuch erfährt.

Die Tragödie: leider nur unzureichend tragisch und mysteriös vermittelt, Ansätze zum Gruseleffekt verpuffen in Banalitäten.

Die Heldin: sehr naiv, sehr unspektakulär, sehr konform.

Der Plot: Den Babyblues als Aufhänger zu nehmen, ist für mich etwas fraglich, vielleicht hätte er als Nebeneffekt dienen können, die Charaktere der 1900-Figuren etwas mehr heraus zu bilden.

Alle in allem ein netter Schmöker "mit ohne viel Nachdenken"

Ivonne Hübner

  (1)
Tags: cottig, england, erinnerunge, geheimni, küste, landhaus, schwangerschaft, schwangerschaftsdepression, um 190, zeit: 1930-1940   (10)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(6)

8 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

philipp von schwaben, juden, irene von byzanz, minnesänger, walther von der vogelweide

Das Spiel der Nachtigall

Tanja Kinkel , Uve Teschner , Katrin Fröhlich
Audio CD
Erschienen bei Argon, 20.06.2013
ISBN 9783839891452
Genre: Historische Romane

Rezension:

Das beinahe 1000Seitige Epos anzuhören, stellt schon eine Herausforderung dar. Während Uve Teschner durch ausgesucht facettenreiche Stimmimitationen glänzt, nervt Katrin Fröhlichs schneidende, sehr laute, auch in romantischen Situationen aggressiv wirkende Stimme. Hier freut sich der Hörer wohl auf den Perspektivwechsel, und die beruhigende Baritonlage Teschners. Auch sollte der Finger auf dem Lautstärkenregler bleiben, denn die beiden sehr unterschiedlichen Klangfarben der Sprecher sorgen auch für sehr unterschiedliche Lautstärken. Weibliche Sprecher haben es seit jeher schwerer als männliche. Ab S. 500 harmoniert die Mischung einfach nicht mehr.
Buchrezension: http://www.lovelybooks.de/autor/Tanja-Kinkel/Das-Spiel-der-Nachtigall-624318021-w/rezension/1234306018/

Ivonne Hübner

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(49)

94 Bibliotheken, 2 Leser, 4 Gruppen, 17 Rezensionen

mittelalter, liebe, walther von der vogelweide, krieg, kaiser

Das Spiel der Nachtigall

Tanja Kinkel
Fester Einband: 924 Seiten
Erschienen bei Droemer Knaur, 02.11.2011
ISBN 9783426198186
Genre: Historische Romane

Rezension:

Als außerordentliche Liebhaberin der mhd. Dichtkunst, des Minnesang und Aventiureromans erfreut mich die Begegnung Walters mit Reinmars und schärft meinen kritischen Blick auf die Details. Als Germanistin mit Schwerpunkt Mittelalter muss ich die politische Aufbereitung zuweilen als oberflächlich, lückenhaft bzw. ungenau beurteilen. Für den Laien ist es mit Sicherheit zu viel des
Guten.

Tanja Kinkel gelingt es, das, was wir nicht über die mhd. Dichter wissen, zu überspielen. Manches Detail, wie zum Bsp. Walters Äußeres, worüber nur schemenhaft Quellen berichten, hätte vielleicht günstiger abgewogen werden können; manche Dichtungsübersetzung ist ebenfalls nicht günstig gewählt. Hier widerspricht die aktuelle Forschung vielleicht der "Publikumswirksamkeit". Die sich über hunderte von Seiten anbahnende Liebelei zwischen Judith, der jüdischen Heilerin aus Salerno und unserem Dichter, entspricht der zu erwartenden Spannungskurve. Der wirklich spannenden Figur des Walters von der Vogelweide, steht die eher blasse Figur der "Medica" gegenüber. Die hist. Heilerin ist leider ein viel zu häufig missbrauchter Charakter (Gordon, 1986, Schweikert 2002, Graeme-Evens 2005, Ebert 2007, Cassens 2008, Michel 2010, Renk 2011, Canavan 2011) und wurde nach der "Nachtigall" (2011) immer wieder aufgegriffen (Geiges 2012, Serno 2012, Hardy 2013, Sauer 2014), sodass man es einfach nicht mehr lesen kann und die Kräuterkunde auch keine Überraschungen mehr bietet, die den Leser noch zum Staunen bringen - oder zum Schmunzeln, je nachdem. Allerdings rettet die Aussicht, dass sich die beiden Protagonisten annähern über die sehr diffizilen, für den Laien vielleicht schwer zu durchdringenden politischen Detials. Die Dialoge zwischen Walter und Judith in der ersten Buchhälfte suchen ihresgleichen: scharfzüngig, widerborstig, spannungsgeladen. Der Schneit der Dialoge nimmt dann leider kongruent mit dem Erwachsen der Liebegsgeschichte ab.
Fazit: dreihundert Seiten weniger hätten die Geschichte auch erzählt.

Ivonne Hübner

  (1)
Tags: heilerin, heinrich der löwe, medica, minnesang, mittelalter, mittelhochdeutsche lyrik, reinmar der alte, staufer welfen, walter von der vogelweise   (9)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(43)

125 Bibliotheken, 12 Leser, 2 Gruppen, 11 Rezensionen

mexiko, schriftsteller, tod, philippinen, träumen

Straße der Wunder

John Irving , Hans M. Herzog
Fester Einband: 736 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 23.03.2016
ISBN 9783257069662
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(9)

21 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

jahrhundertwende, familie, französische literatur, elend, paris

Tod auf Kredit

Louis-Ferdinand Céline , Werner Bökenkamp , any.way , Wiebke Jakobs
Flexibler Einband: 704 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 03.01.2005
ISBN 9783499238475
Genre: Klassiker

Rezension:

Céline (*1984) reflektiert auf nahezu grausame Weise seine (und die Arbeit seines Alter Egos) als Pariser Arzt, die er hasst, und mit der er auf radikale Weise abrechnet. Céline selbst kriegsinvalid, studierte Medizin und erlangt zweifelhafte Bekanntheit durch antisemitische Veröffentlichungen, floh 1844 aus Frankreich und wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Erst 1952 konnte er nach Frankreich zurückkehren und ließ sich als Armenarzt in Meuden nieder. Er starb 1961.
"Alte Erinnerungen sind hartnäckig... aber sie sind spröde... sie sind gebrechlich ...", zieht er, wie er es regelmäßig tun wird, auf S.52 eine Art Fazit, oder absolutiert sich vor seinen Lesern für sein chaotisches, versatzartiges Konglomerat aus erlebter und erzählter Rede, springt in seinen "hartnäckigen" Erinnerungen hin und her, was es dem Leser nicht immer leicht macht, ihm zu folgen. Nicht so sehr die Anekdoten, die er wie trash vor des Lesers Füße wirft, packen denselben, sondern die erbarmungslose Sprache. Er euphemisiert nicht, erzählt nicht durch die Blume. Alles, was ihn abstößt, Menschen im Besonderen, wird beim Worte genommen. Sexualität, Brutalität, das nackte Leben in Armut, ihre Abgründe, Gewalt, davor macht der Autor nicht Halt. Er reißt uns nicht mit in eine abgerundete Geschichte mit Liebeskeplänkel und einem formschönen Spannungsbogen, sondern in seine Abneigung gegenüber allen Menschlichen, wobei der Autor immer wieder in seine unfassbare Kindheit, eine "fast"-Kindheit zurück erinnert und ein wesentlicher Bestandteil seiner wichtigsten Erinnerung nimmt auch dieses Mal die Krankheit ein (seiner Mutter). Der Vater mag Inspiratior der expressiven Sprache gewesen sein. Die verwirrte Psyche des Vaters und die schwache Mutter geben den Anstoß für eine kritische Realitätsbetrachtung auf die Kindheit und Jugend. Céline seziert die gesamte Familie, rechnet ab, scheinber.
Und dennoch scheint Céline nie Ruhe zu finden, so heißt es: "Ich war unerbittlich, ich war rasend, besonders, weil ich mich mit der Phantasie entschädigte..." (301) Und wieder fällt er auf das Körperliche zurück, jede Tragödie scheint im Körperlichen zu münden, sei es eine Prügelei oder die Wollust.
Die Syntax: elypsenhaft, unvollendet, lässt den Leser zuweilen im Stich, nicht selten muss eine Passage wiederholt gelesen werden, um den Sprung von einen in den nächsten Gemützszustand nachvollziehbar zu machen, aber dennoch... Céline fesselt, weckt den düstersten, beschämensten Voyerismus in uns und dabei bekommt man rote Ohren, weil man sich ertappt und entblößt, ja nackt fühlt.

I.Hübner

  (6)
Tags: arzt, jahrhundertwende, paris   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(10)

33 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

mao, china, kommunismus, familie, verrat

Tochter des Glücks

Lisa See , Elke Link
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Bertelsmann, C, 22.04.2013
ISBN 9783570100301
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(18)

25 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 15 Rezensionen

historisch, niederrhein, historischer roman, huren, 17. jahrhundert

Die Dirne vom Niederrhein

Sebastian Thiel
Flexibler Einband: 298 Seiten
Erschienen bei Gmeiner-Verlag, 04.03.2013
ISBN 9783839213520
Genre: Historische Romane

Rezension:

Band 2 der Niederrhein-Trilogie wird als historischer Krimi ausgeschrieben, in dem der Leser auf Maximilian und Elisabeth trifft, die trotz der Irrwege des 30jährigen Krieges zueinander finden.
Aber von vorn:
Sebastian Thiel findet eine knappe und schnörkellose Sprache uns mittels der personalen Erzählhaltung in die Charaktere von Maximilian und Elisabeth zu entführen. Was ihm bei ersterem, wie ich finde, sehr gut gelingt, findet bei letzterer gehäuft ungeschickte Formulierungen, die den Lesefluss zuweilen beeinträchigen. Obwohl sich allgemeingültige Phrasen die Hand geben, wird der Leser an der ein oder anderen Stelle von dialektischen Lichtblicken überrascht, die aber leider nur die Seltenheit bilden.
Da wir uns aber in einem historischen Kirmi befinden sei die sprachliche Stilistik als ausreichend zu bewerten.
Kommen wir zum Plot.
Die Geschichte des Maximilian und der Elisabeth werden aus dem ersten Teil der Trilogie aufgegriffen. Ein großes Manko stellt - wie es bei Folgeromanen der Hahnenfuß nun einmal ist - die Stringens dar. Leider konnten mir einige Zusammenhänge erst mithilfe der Autorenbefragung klar werden. Nun hat aber der Leser nicht immer die Möglichkeit, mit dem Autoren zu sprechen. Ohne den ersten Band gelesen zu haben, findet man schwer in die Charaktere hinein. Das Setting, Niederrhein 1642, allerdings ist sehr gut umrissen. Nicht zu viele kriegsstrategische und politische Details beeinträchtigen hier den Ablauf der Geschichte. Allerdings ist es immer schwer einen glaubhaften (Liebes-)schmöker, gesetzt in den 30jährigen Krieg, zu schreiben. Zu viel ist vom Furchtbaren bekannt. Auch konnte der Autor das barocke Lebensgefühl nicht stringent vermitteln. Carpe Diem ja, Vanitas und Memento mori eher weniger. Zu sehr kommen der Entwicklung von Atmosphäre und Identifikationsplattform die schwachen Charaktere in die Quere.
Elisabeth zeigt sich dem Leser als eine durchtriebene, ja unsympathische Person, mit der sich die geneigte Leserin nur schwer identifizieren kann, wohingegen die Figur des Maximilian als schwacher Held nicht in jeder Szene zum Träumen anregt. Leser, die auf starke Charaktere warten, werden leider enttäuscht.
Kommen wir zum Kriminalfall.
Maximilian wird nache einem missglückten Selbstmordversuch in den Schutz eines Konvents geführt. Hier übernimmt er eine Art Hausmeistertätigkeit und wird schnell Zeuge von dubiosen Machenschaften. Parallel dazu wird in guter Schnitttechnik die Geschichte von Elisabeth erzählt, die ebenfalls nach erfolglosem Suizidversuch von der Hure Rosi aufgegriffen und in den Prostituiertentross des fahrenden Heers aufgenommen wird. Elisabeth kann sich überraschend schnell, zu schnell für mein Emfpinden, mit ihrem neuen Beruf arangieren, ist auch sehr einträglich damit.
Nicht nur der Start in die Geschichte, sondern auch der Tenor des ganzen bilden bei den beiden Protagonisten Parallelen - zu viele für mein Emfpinden. Da wäre die Schuldproblematik, denn beide fühlen sich schuldig am Tod des Geschwisters. Elisabeth - Antonella, Maximilian - Lorenz. (Auch hier muss der erste Band zurate gezogen werden, um die Verwicklungen und Beziehungen zwischen den vier Personen nachvollziehen zu können.) Schuld und Rache beherrschen nun den Erzählstrang.
Die Huren werden, was voraussehbar ist, von Major von Rosen ins Kloster gebracht, wo von Dr. Sylar Experimente am menschlichen Hirn vorgenommen werden.
Wir haben es hier nicht mit einem klassischen whodunit-Krimi zu tun, sondern lediglich mit der Aufdeckung eines Verbrechens, eingebettet in einen historischen Roman. Was mich persönlich geärgert hat, ist die Blindheit des Maximilian gegenüber dem intriganten Vikar und seinem Dr. Sylar, die Machtlosigkeit von Schwester Agathe, die zur Oberin befördert wird. Elisabeth wird also in eine der Zellen im Konvent gesperrt, Maximilian bringt ihr das Essen; das erste Zusammentreffen: Wut, Hass, Sex. Eine furchtbar undglaubwürdigte Szene wird erst nach langer Diskussion mit dem Autor plausibel, schade. Auch hier fehlt der erste Band.
Elisabeth wird zu allem Überfluss schwanger und Maximilian, der inzwischen des Vikars Karrierepläne und Dr. Sylar Versuche durchschaut hat, muss die Huren noch befreien, bevor alle zufrieden und glücklich miteinander alt werden können.
Alles in allem ein ordentlicher Schmöker ohne großen Bildungsanspruch und Tiefe. Ein Ferienbuch.

"Nicht ohne den ersten Band" oder die Beförderung einer Nonne zur Oberin

  (8)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(933)

1.701 Bibliotheken, 38 Leser, 10 Gruppen, 144 Rezensionen

new york, liebe, amerika, radio, gewalt

Der Junge, der Träume schenkte

Luca Di Fulvio , Petra Knoch
Flexibler Einband: 783 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 22.07.2011
ISBN 9783404160617
Genre: Historische Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(242)

515 Bibliotheken, 7 Leser, 3 Gruppen, 24 Rezensionen

paris, freundschaft, liebe, frankreich, magersucht

Zusammen ist man weniger allein

Anna Gavalda , Ina Kronenberger
Fester Einband: 653 Seiten
Erschienen bei Gruner + Jahr, 05.03.2010
ISBN 9783570197134
Genre: Romane

Rezension:

Die Message, die uns Anna Gavalda mit ihrem Text vermitteln will ist ganz schnell erzählt: Rückzug aus der Welt und in die Welt zurückfinden. Dieses große erzählerische Vorhaben meistert sie mittels vier Figuren, in deren Erzählperspektive sie im stetigen Wechsel die Leser entführt. Die auktorialen Einschübe lassen einen wunderbaren Blick in die Figuren zu.

Wir lernen Camille, dem Essen abholt und von Anorexie geplagt, Paulette der Gegenwart abholt und von beginnender Demenz geplagt, Philibert der Realität abholt und von der Suche nach sich selbst geplagt und Franck der Genussverweigerung abholt und vom Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Lebens geplagt, kennen. Und so wie jede dieser vier Figuren sein Päckchen zu tragen hat, einen Ausweg aus der Misere "Leben" sucht, so finden die vier einander schließlich in einer belle etage der Pariser Innenstadt. Hier kommen Abhängigkeiten der vier Personen voneinander ans Licht, die nicht skurriler, aber auch nicht subtiler hätten umrissen werden können.
Alle Figuren leiden unter einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung, die Thema von Anfang bis Ende bleibt. Auf sich aufdrängende Fragen liefert Gavalde keine Antworten.
Es wird deutlich, dass sich alle vier brauchen und auch füreinander da sein werden: Philibert nimmt Camille in seiner Wohnung auf, wie er es schon für Franck getan hat, Franck, der Enkel der Paulette, entführt diese aus dem Altersheim und auch sie wird ein Zimmerchen in Philiberts Wohnung finden.
Klischee und Zufall sind erlaubt in einer märchenhaften Geschichte.
Also wird Franck, der Koch, der magersüchtigen Camille das Essen lehren.
Philibert, der geschichtsversessene Adelige wird Paulette, die Versatzstücke ihres Lebens vergisst, die Details der Vergangenheit in Erinnerung rufen.
Camille wird Philibert die Liebe zu Menschen beibringen, sich um Paulette aufopferungsvoll kümmern und so allmählich zur gestorben geglaubten Kunst, von der sie einst sehr gut leben konnte, zurückfinden.
Am Ende wird gelacht und geweint und das alles auf einmal, wenn sich Franck und Camille, die nicht unterschiedlicher hätten sein können, ihr Katz und Maus-Spielchen aufgeben und zueinander finden, Familienplanung, na klar, ein Romanende mit Pauken und Trompeten. Paulette aber wird dann schon verstorben sein, das Häuschen auf dem Lande an Franck und Camille vererbt haben.
Auch Philibert wird am Ende seiner Lehrzeit die Hochzeitsglocken läuten lassen.

Ein gekonnter Schmöker für den schnellen Lesegenuss. Eine Geschichte mit viel Witz, viel Sex, vielen Drogen, vielen Zweifeln, vielen Kompromissen, viel Ekel, vielen Tabubrüchen.
Konflikte werden weggetauberte, wodurch die Märchenwelt, in die uns Gavalda entführt, nur noch märchenhafter wirkt.
Warum alle Figuren an einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung leiden, bleibt ein dickes fettes Fragezeichen.A ber vielleicht steckt die Antwort in der Frage: wir alle müssen mit dem leben, was wir mitgeliefert bekommen haben. Wir alle müssen unseren eigenen Weg gehen und genau das vermittelt der Roman vortrefflich.
Ivonne Hübner

  (10)
Tags: altenpflege mal ander, alter adel, demenz, drogen, französische geschicht, kunst, sex, witz   (8)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(35)

71 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

england, fossilien, frauen, 19. jahrhundert, lyme regis

Zwei bemerkenswerte Frauen

Tracy Chevalier , Anne Rademacher
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei btb, 13.02.2012
ISBN 9783442743056
Genre: Romane

Rezension:

Tracy Chevalier erzählt in der ihr eigenen Freude am Detail die Geschichte von Mary Anning und Elizabeth Philpot, die zum Beginn des 19.Jh. die Paläantologie und Geologie Europas entscheidend prägten.
Der unscheinbare Titel "Zwei bemerkenswerte Frauen" wird durch den Namen der Autorin zum Programm. Wie wir es von Chevalier kennen, taucht sie tief in die erzählte Zeit ein, besticht durch Feinheiten und Spitzfindigkeiten und bemüht sich um 360 Seiten Authentizität, indem sie so wenig erfindet wie nur möglich. (Sogar, dass Mary Annings Hund Tray 1833 durch einen Klippeneinsturz zu Tode kam, ist überliefert - neben Effi Briests Rollo wohl einer der berühmtesten Hunde der Literatur?) Tracy Chevalier bricht wie in den meisten ihrer Romane mit gesellschaftlichen Tabus, überbrückt die Standesunterschiede ihrer Figuren und das auf suptile Art und Weise: Mary Anning gehört der englischen Arbeiterklasse an, Elizabeth Philpot dem Bildungsbürgertum. Während erstere von dem wenigen leben muss, was Fossilienfunde am Strand von Lyme Regis (Südengland) abwerfen, wurde letztere gemeinsam mit ihren zwei Schwestern von ihrem Bruder aus London aufs Land verbannt, wo sie als unverheiratet Frau dem altjungferlichen Leben das Beste abzugewinnen sucht und mehr oder weniger durch Zufall auf Fossilien und damit auf Mary Anning stößt. Die gemeinsame Begeisterung für versteinerte Tierüberreste ist der Beginn einer zwiespältigen Freundschaft, die nicht ohne Eifersucht, Missgunst und Theatralik verläuft. Am Ende aber sind alle Querelen ausgestanden und die Freundschaft ist - zumindest im Roman - gerettet.
Die historischen Mary Anning und Elizabeth Philpot mochten weniger eng miteinander befreundet sein, aber ihre Fossilienfunde und der damit einhergehende Kampf gegen die Männerdomäne in der Naturwissenschaft sind das treibende Thema. (Wir sprechen wie gesagt vom beginnenden 19.Jh., in dem Frauen weder Wahlrecht noch das Recht auf wissenschaftliches Arbeiten hatten. Dass Mary Anning 1825 in wissenschaftlichem Zusammenhang erwähnrt wurde, grenzt an ein Wunder und Tracy Chevalier wird berechtigterweise nicht müde, diesen sonderbaren und ungewöhnlichen Umstand genauestens zu beschreiben.)
Ein Roman ganz ohne Liebesschmalz und doch von so viel Zärtlichkeit., Hingabe und leisen weiblichen Hoffnungen genährt, dass man die üblichen schmonzettenhaften Liebeleien kein bisschen erwartet, geschweigedenn vermisst und dennoch völlig zufrieden gestellt wird. Nicht nur Chevalier-Begeisterte werden diesen Roman lieben, sondern auch die Freunde guter und seriöser sowie lehrreicher Unterhaltung.
Der Stil mag dem ein oder anderen ungeduldigen, Chevalier-Ungeübten Leser zu langatmig erscheinen, aber jede Zeitraffung, Zeitdehnung und Zeitdeckung hat ihre Berechtigung und wird auch von Chevalier im Nachwort begründet und sogar, wie ich meine unnötigerweise entschudligt. Die Rede ist von der gähnenden Langeweile von Damen aus gutem Hause, die ihre Tage mit dem Malen von Aquarellen zu füllen versuchen und von einer Arbeiterin, die jahrzehntelang, ja ihr ganzes Lebens lang dem scheinbar eintönigen Suchen nach Fossilien an einem grauen Strand nachging. Und wie farbenfroh Chevalier diese Monotonie zu beschreiben, Ereignisse zu raffen und zu schmücken versteht, ist wieder einmal nur lobenswert.
I.Hübner

  (18)
Tags: beginn 19.jh., fossilien, london, lyme regis, naturwissenschaft, paläantologie, südengland   (7)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(31)

56 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 9 Rezensionen

kinderarbeit, armut, kinder, historisch, bauern

Die Schwabenkinder

Elmar Bereuter
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.05.2004
ISBN 9783492240666
Genre: Historische Romane

Rezension:

Kaspanaze (Kaspar Ignaz) ist ein etwa 8jähriger Junge, der im Begrenzerwald in bitterer Armut lebt. Seine Eltern werden durch eine Reihe unglücklicher Zufälle an den Rand ihrer Existenz getrieben und sehen keinen anderen Ausweg, als ihren Jungen nach Norden, an den Fuß der Alpen ins Schwabenland zu schicken, damit er sich dort als Hirtenjunge verdingt, so er von einem Bauern gekauft wird.
Bereuter schildert eindrucksvoll die wahren Begebenheiten, die sich im ausgehenden 19.Jh. und noch bis ins 20.Jh. auf dem Rücken von Kindern zugetragen haben, wie schwer die Lebensbedingungen, wie qualvoll die Ausbeutung der Kinder war.
Der Roman besticht durch seine Authentizität, die nicht nur durch die vielseitigen dialektalen und regionalgefärbten Einsprengsel überzeugt, sondern auch durch die Fülle an Detailwissen und die rührende Sprache, mit der Kaspanazes Geschichte erzählt wird. Freilich ein fiktiver Roman, der sich aber so in vielen Kinderjahren zugetragen haben könnte. Sklaverei, die zur erzählten Zeit besonders in Übersee ein reißendes Thema war, wird auch von Bereuter kritisch, aber ambivalent hinterfragt. Nichts anderes stellt die Kinderarbeit dar, zu dessen Zweck die Kleinen tagelange Fußmärsche weit von ihren Elternhäusern entfernt zurücklegen müssen, um dann auf den Kindermärkten an die Bauern für eine Saison verkauft zu werden.
Selten habe ich aus Belletristik so viel über einen Landstrich und seine Eigenheiten gelernt.
Einen Stern in meiner Bewertung muss ich leider abspenstig machen, denn eine Landkarte und ein kleines Glossar in Sachen Bairischer Mundarten hätten mir das häufige Recherchieren im Internet und Lexikon doch erspart. Oder weiß jemand, der nicht aus der Gegend stammt, was "schlenzen" bedeutet?
Alles in allem lesenswert!
I. Hübner

  (9)
Tags: alpen, alpenvorland, bauern, bauernhof, dorf, hirtenjunge, kinderarbeit, kindesmisshandlung, schwabenland   (9)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(30)

76 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 4 Rezensionen

england, maeve binchy, irland, zweiter weltkrieg, erwachsen werden

Irische Freundschaften

Maeve Binchy
Flexibler Einband: 784 Seiten
Erschienen bei Droemer/Knaur, 01.03.1999
ISBN 9783426614525
Genre: Liebesromane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

fiktive kriminalgeschichte, oberlausitz, fürst pückler, branitz, herrmann fürst von pückler-muskau

Sturm über Branitz

Franziska Steinhauer
Flexibler Einband: 462 Seiten
Erschienen bei Gmeiner-Verlag, 08.08.2011
ISBN 9783839212189
Genre: Historische Romane

Rezension:

Ein Schmuckstück für Krimi-Muffel und Liebhaber der historischen Kulisse.
Franziska Steinhauer gelingt es, einen dubiosen Mordfall in die Lausitz des 19.jahrhunderts zu erfinden und Spannung von der ersten bis zuir 450. Seite aufrechtzuerhalten.
Zugegeben scheinen die Wirrnisse um einen Leichenfund im Schlosspark Branitz des Gartenfürsten Pückler-Muskau etwas unglaubwürdig, aber es geht bei dem historischen Kriminalroman ja nicht um Authentizität, sondern um die Aufklärung eines fiktiven Mordfalls.
Die Leiche eines Jungen, übel zugerichtet, augenscheinlich missbraucht, wird unter einer Baumwurzel gefunden, die durch einen heftigen Sturm freigelegt wurde. Schon beginnt die Gerüchteküche um Branitz zu brodeln und die Ortspolizei rätselt.
Stilistisch sehr gekonnt, aber eben auch dies nur für Liebhaber der wechselnden Erzählperspektive, schlüpft der Leser wechselweise in die vielen Charaktere des Geschehens. Ob Weisenjunge, Priester, Eremit, Kräuterhexe, bürgerliche Städter oder dörfliche Handwerker - jeder kommt zu Wort und auch aus dem umfangreichen überlieferten Briefmaterial des Fürsten selbst hat die Autorin schöpfen können, um die Atmosphäre um 1860 gefühlsstark wiederzugeben, wobei die Zweckdienlichkeit der zitierten Briefpassagen nicht immer einleuchten, nicht immer mit der Kriminalgeschichte in Verbindung gebracht werden können.
Der Jungenleichnam führt den Dorfpolizisten Hausmann und Dr. Priest sowie Hinnerk Renck auf verschiedene Pfade. Aber erst Frieder Prohaska, der junge Dorfschullehrer, wird auf die richtige Spur zu einem nahe gelegenen Kloster geführt, in dem die Weisenkinder nicht immer nach allen Regeln pädagogischen Geschicks behandelt zu werden.
Entgegen den Regeln der Textsorte "Rezension" möchte ich nicht verraten, wer der Täter ist, sondern den Leser anregen, sich selbst auf die Spur zu begeben.
Das Glossar am Ende des Romans ist gut gemeint, aber nicht notwendig für den Krimileser. Alles in allem fesselnde Lektüre vor allem für stürmische Herbstabende.

  (11)
Tags: branitz, fiktive kriminalgeschichte, herrmann fürst von pückler-muskau, oberlausitz   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

völkerwanderung, kimbern, geschichte, kelten, ambornen

Der Silberkessel

Stefan Jäger
Flexibler Einband: 316 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.12.2006
ISBN 9783492248426
Genre: Historische Romane

Rezension:

Ein Sachbuch oder ein historischer Roman. Da kann man sich auf Anhieb bei Jägers "Der Silberkessel" gar nicht so sicher sein.
Auf jeden Fall eine 316-seitige Sammlung von Personennamen, Ortsnamen, altreligiösen und historischen Fakten.
Wir befinden uns in der Antike, genauer im 2 Jh. vor Chr. Schon allein diese Tatsache macht es dem Leser von Anfang schwer, sich in die Historie hineinzuversetzen. Wer kennt den Lebensraum der Kimbern? Wer weiß, wann die Kimbern ihre Völkerwanderung nach Süden antreten, um sich mit keltischen Stämmen zu vereinen und im weiten Römischen Reich neues Siedlungsland zu finden. Im Klappentext lesen wir von einer "gefährlichen Kulisse" für die aufkeimende Liebe zwischen dem Römer (der aber ein Hellene ist, wie der Romantext uns belehrt) und der Kimberin Svanhild. Aber nicht nur die Kulisse ist gefährlich, sondern auch am Wort, an der Poetik und am Aufkeimen wird weitestgehend gespart. Figuren bleiben blass, Kriegsgeschehen und Fußnoten scheinen dem Autor wichtiger als die Gefühlsduselei, ohne die seine Zielgruppe eigentlich nicht auskommen möchte.
Ein nicht durch und durch geschichtsfanatischer (Hobby-)Historiker würde dem sehr gut recherchierten, sehr um geschichtliche Fakten bemühten Roman keine große Chance geben. Und dennoch ertappt man sich während endloser, seitenlanger Dialoge des Helden und Jungunternehmer Timaos und seinem Kaufmannfreundes über Währung, Finanzdepression und Wrtschaftskrise (des 2.Jh. in Marsaille) beim Gedanken daran, einfach vorzublättern und zu schauen, wie es mit der jungen Kamberin Svanhild und ihrem älteren Bruder, einem kimrbischen Stammesanführer so geht und auch dort wird man enttäuscht, weil eben das Innenleben der Figuren ziemlich kalt bleibt.
Jägers Sprache ist von einer gewissen Obszönität durchzogen, die sicherlich das Raue der Zeit des Römischen Imperiums widerspiegeln will, oftmals aber nur ein übertriebener, unangebrachter und ungewollt voyeristischer stilistischer Fehlgriff unter die Gürtellinie bleibt.
Alles in allem Schade um eine sehr gute Grundidee für einen Roman, bleibt auf den zweiten Teil zu hoffen und auf ein bisschen mehr Herz für die geneigte LeserIn.

  (8)
Tags: ambornen, kelten, kimbern, römer, römisches reich, schlacht, teuthonen, völkerwanderung   (8)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(32)

51 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

mittelalter, eifel, historischer roman, folter, 1066

Die Waldgräfin

Dagmar Trodler
Fester Einband
Erschienen bei Blanvalet
ISBN 9783764501259
Genre: Historische Romane

Rezension:

Wer sich noch nicht mit Grint, Eiter und Co. auskennt, sollte in die qualvolle Geschichte Alienors von Sassenberg eintauchen - und zwei Lesezeichen bereithalten, dazu unten mehr.
Aber nun von vorn: Dagmar Trodler lässt mittels Ich-Perspektive den Leser eigentlich wohl im Regelfall die Leserin in Alienor von Sassenberg im Rheintal schlüpfen. Sie ist die Tochter eines mittelmäßig begüterten Grafen. Ihre Mutter und der Großteil ihrer Familie wurden von den Erschwernissen des Lebens im 11. Jh. dahingerafft. Die kleine Schwester Emilia und der cholerische, geizige Vater sind alles, was ihr bleibt. Sie lebt wie die Heilige Barbara eingesperrt auf dem Sassenberg und Dagmar Trodler, um es vorweg zu nehmen, versteht es hervorragend, den Leser auf den Bergfried in das vergangene Jahrtausend zu entführen.
Dagmar Trodler spannt uns zunächst nicht auf die Folter, wenn es darum geht, in die Geschichte einzuführen - das kann nicht jeder, da schließe ich mich ein. Zu beginn nämlich, bringt Vater Albert von Sassenberg einen Wilddieb von der Beizjagd mit, einer jener ungezählten Ereignisse, zu derer Alienor nicht mitgenommen hat. Zunächst glaubt Alienor, der geschundene, gedemütigte Wilddieb sei tot, wird aber bald eines Besseren belehrt. Die Odyssee ihres Herzens, wenn man so sagen darf, beginnt zur Christnacht, wo sie dem Gefangenen gegenüber, dem Vorbild ihrer verstorbenen Mutter folgend, Mildtat mit Brot und Wein erweist, und in seinen blauen Augen versinkt. Auf S. 390 soll der Leser auch erfahren, dass sich der Gefangene bei dieser ersten Begegnung in die Grafentochter verliebt hat, aber das glaubt man nicht, denn die 390 Seiten, die dem Geständnis vorweggehen, sprechen eine ganz andere Sprache.
Sowieso finde ich, dass Dagmar Trodler zwei Tenore anschlägt: zum einen die romantisierende, bildreiche Sprache einer jungen Frau, die sich den Konventionen tapfer entgegenstellt, zum anderen das rationale Abwiegen einer jungen Frau, die versucht, den ertragreichsten Weg zu gehen.
Der Gefangene entstammt offenbar edlem Hause. Alienors Vater kann weder durch Folter noch durch Demütigung erfahren, wer der ominäse Fremde ist. Kurzerhand beschließt er den halb tot gefolterten Menschen seiner Tochter als Sklaven, Reitknecht, zur Verfügung zu stellen. Sie soll seinen Namen in Erfahrung bringen - selbstverständlich durchschaut der Sklave dieses Motiv sogleich. Und ab diesem Schachzug der Autorin wartet die geneigte Leserin auf den ersehnten Kuss. Der folgt auf S. 393! Bis dahin heißt es: Tage und Nächte durchlesen, um die schmerzhaften Peitschenstriemen, Lanzenverletzungen, Verbrennungen, Eiterwunden, Wundbrände, Kratzer und Herzschmerzen durchzustehen. Ein wirklich gekonnter Schachzug, die Leserin bei der Stange zu halten.
In der Tat müssen der Sklave, Hans (Hans!), der nach wie vor seinen Namen und Herkunft verweigert zu nennen und Alienor einige Abenteuer durchstehen, denn die Sassenburg wird durch den missgönnerischen Heimbacher Nachbarn belagert und Hans (!) soll als Spion fungieren, wobei er verwundet wird - die besagte Lanze - und im Sterben liegt (nicht zum ersten, nicht zum letzten Mal).
Alienor vergisst die Kriegsansage des Nachbarn und flieht bei Nacht und Nebel zum Versteck des Sklaven. Auf dem Sterbebett gesteht Hans (!) seine edle Herkunft als Erik von Schweden, Sohn des schwedischen Königs. Die Tortur geht weiter. Hans, nein von nun an Erik, braucht ärztliche Hilfe. Da gibt es Naphtail, den Juden auf der Sassenburg, der im Kellerlabyirnth seine Laboratorien und orientalischen Medizien hat. (Kellerlabyrinthe mit einem angeschlossenene paradiesischen Garten dürfen nicht fehlen, wenn eine Romanze noch nicht zu Ende ist!) Auf dem Weg zurück zur Sassenburg, welcher an die drei, vier Tage nimmt und jeder Augenblick dem Leser haarklein geschildert wird - und der Leser will auch das Bad des nackten Hühnen im Weier und die Prophezeiung der Kräuterhexe, Alienor würde einst einen Prinzen ehelichen, wissen, auf dem Weg zur Sassenburg jedenfalls müssen die beiden sich doch endlich ineinander verlieben - tun sie sicherlich, aber nicht offiziell ;-)
Aber will der Leser seine Identifikationsfigur verstümmelt, entstellt, verbrannt, gebrandmarkt sehen?
Das frage ich mich, die ich meinen eigenen Erik "Im Land der Sümpfe" ebenfalls habe brandmarken lassen - ein totaler Zufall, Dagmar Trodlers Buch habe ich diesen Sommer erst entdeckt.
Will und kann die geneigte Leserin sich mit einer Heldin identifizieren, deren Gesicht durch eine quer über dasselbe verlaufenden Narbe entstellt wird und deren Haare zuerst abgebrannt, dann kurzgeschoren werden, identifizieren? Hier bricht Dagmar Trodler mit der Konvention. Der Leser will auf jeden Fall wissen, wie sich die heidnische von der christlichen Religion unterscheidet. Hier beruft sich Dagmar Trodler in verbissener Wiederkehr auf die altnordische Liederedda und an dieser Stelle lernte ich sehr viel über meine eigenen Fehler als Autorin: Das Glossar. Dagmar Trodler hinterließ ein Glossar, in dem es nicht in alphabetischer, sondern chronologischer Reiehnfolge zugeht und von Querschlägen nur so hagelt, denn Latein, Altnordisches, Hebräisches ... alles wird einfach runtergetextet und wenn man Glück und das oben erwähnte zweite Lesezeichen parat hat, findet man auch als trainierter Glossarist die passende Übersetzung von Eriks nordischen Aussprüchen. In der Tat ist es verblüffend, wie Erik zwar des Deutschen innerhalb kurzer Zeit mächtig wurde, aber die simpelsten Dinge in seiner Muttersprache sagt. Da hatte es mein eigener Erik leichter, den habe ich das Deutsche von Kindesbeinen an gelehrt, dann kommen solche Logikfehler nicht auf,. Hier verrät sich die collagehafte Arbeitsweise Dagmar Trodler. An mancher Stelle, zum Beispiel, als die Heldin eine Wassersetzung mitmachen musste, damit in der Gottesprüfung und vor der Hochzeit mit dem Kuchenheymer (ein sehr passender Name für den ungeliebten, stets alkoholisierten Anverlobten der Alienor) festgestellt wird, dass sie Jungfrau und vom Sklaven, den sie und der jüdische Arzt nach Einkehr in die Burg für tot erklärten, obschon er im besagten Kellerlabyrinth zusammen geflickt wird und auf die Liebe wartet - im wahrsten Sinne - jedenfalls bei solchen Szenen wie diesem Wassergang beschleicht mich der Verdacht, dass die Autorin absichtlich dramatisieren und auch noch einen Hexenprozess anschneiden wollte. Wenn schon denn schon.
So wirkt der Roman zuweilen übervoll von Mittelalter-Klischees, jedes Thema muss abgerissen werden: der unaufrichtige Abt, der kluge Jude, die todkranke Schwester, der auf Vorteil bedachte Vater, die rebellierende Tochter, der fremdartige Hühne, die Kräuterhexe, das Gasthaus im Wald, der einsame Weier (sie hinterm Baum, lüstern ihn beobachtend, der Schauprozess ... Da klingeln einem die Ohren und man ertappt sich beim Ausspruch: das auch noch!
Aber es ist gut, es macht Spaß zu lesen.
Wie gesagt, folgt die Leserin fieberhaft der Hassliebe zwischen aufrichtiger Christin und stolzem Heiden und darf im letzten Viertel des Romans Zeugin der erfüllten Liebe sein, aber es wäre zu einfach: Erik nimmt Alienor mit nach Schweden, alles wird gut. Aber dem ist nicht so. Dagmar Trodler lässt sich Zeit mit und den Leser warten auf das letzte Wort.
Es folgen "Freyas Töchter"
und "Die Tage des Raben" - eine Trilogie.

I.Hübner, September 2011

  (14)
Tags: altnordische lieder-edda, der auf vorteil bedachte vater, der fremdartige hühne, der kluge jude, der unaufrichtige abt, die kräuterhexe, die rebellierende tochter, die todkranke schwester, heidentum, hexenverfolgung, "im land der sümpfe" ivonne hübner, orientalische heilkunst, zwangsverlobung   (13)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(109)

234 Bibliotheken, 4 Leser, 7 Gruppen, 41 Rezensionen

paris, liebe, louvre, intrigen, frankreich

Blutrote Lilien

Kathleen Weise , Hauptmann Hauptmann & Kompanie
Fester Einband: 326 Seiten
Erschienen bei Planet Girl, 18.01.2011
ISBN 9783522502184
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Winter 1605. Die Lilien des Königs betören, beschwören und trügen, wenn sie erfrieren färben sie sich braun, wenn sie in einen Mordkomplott eingesponnen sind, blutrot. Das muss die erst 15-jährige Charlotte de Montmorency lernen, nachdem sie ihrem 14-jähirgen Bruder Henry an den Pariser Königshof folgt, um in denselben eingeführt und mit Marquis de Bassompierre vermählt zu werden. Doch ihre kindliche Unschuld, ihre jugendliche Neugier zollt ihren Tribut, als Charlott ihren Verlobten bei dem in flagranti erwischt, was Gang und Gäbe am Hofe zu sein scheint. Das vermeintliche Liebesglück und die Sehnsucht nach der einen wahren Liebe werden jäh zerstört. Charlotte kämpft von nun an gegen Lästerlust, Intrige und Missgunst. Sie sieht die einzige Verbündete in einer Hugenuttin, Sophie, deren einzige Daseinsberechtigung das Wohlwollen der Königin ist. Charlotte erweist sich durch ihre Leidenschaft für die Beizjagd bald als Favoritin des Königs und der will sie in ihrer Nähe behalten, für immer. Das geht nur, wenn sie entweder freiwillig bleibt, oder in die Königsfamilie einheiratet. Charlotte fühlt sich bedrängt, ersticken. Aber auch in der Freundin Sophie findet Charlotte keinen Trost. Im ominösen, von Geheimnissen umrankten Hofnarren Anjoulevement findet Charlotte Zuspruch und ... es erübrigt sich beinahe jeder Erwähnung ... Dessen Herr, der gerüchteumrankte Prinz wird ihr durch die Hand des Königs (dem Onkel des Prinzen) zu ihrem neuen Verlobten anvertraut. Ja, den Prinzen - wer will ihn nicht - den bekommt Charlotte schließlich, auch wenn die Zuneigung zunächst von Vorurteilen verwehrt wird. Aber Liebe wächst ja bekanntermaßen. Das Buch endet für meinen Geschmack zu abrupt, der Instinkt der Schriftstellerin sagt mir, da muss was folgen!

Ein Jugendbuch als Historischer Roman - oder ein Historischer Roman als Jugendbuch? Eine gute Idee. Beim Lesen darf aber weder das Genre noch die Zielgruppe außer Acht gelassen werden. Ersteres, weil es doch sehr, sehr überzeugend recherchiert ist, zweiteres, weil die dramatische Kurve doch sehr einfach gestaltet ist, aber durchaus lesenswert!
Es ist bei Planet Girl 2011 erschienen und wenn man nicht gerade wie ich eine Bibliotheksausgabe in Händen hält, so sollte sich vorn im Einband ein eingeklebter Brief befinden, der mit Sicherheit das Geheimnisvolle, Fesselnde dieses Jugendbuches trägt.

  (19)
Tags: barockes ballett, barocke tragödie, französischer barock, hugenotten, pariser könisghof, prinz   (6)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(14)

36 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

schottland, william wallace, highlander, schicksal, mittelalter

Das Herz der Highlands

Kathleen Givens , Katharina Volk
Flexibler Einband: 540 Seiten
Erschienen bei Blanvalet Taschenbuch Verlag, 11.08.2008
ISBN 9783442368181
Genre: Historische Romane

Rezension:

1290: Britannien. Isabel und Rachel sind engste Freundinnen seit Kindheit. Die Pogrome zwingen die jüdische Rachel und ihre Eltern zur Flucht jenseits der britannischen Grenzen nach Schottland ins beschauliche Berwick. Isabel lebt von nun an am englischen Hof, wird umgarnt und muss sich einiger Widrigkeiten widersetzen. Sie kann zunächst als Hofdame über keinen Mangel klagen. Erst die Begegnung mit dem - wie könnte es anders sein - gutaussehenden, stattlichen, blonden Rory lässt ihre Sicherheiten schwinden. Weil sich Schotten und Engländer im nahenden Krieg miteinander befinden, ist eine Liaison zwischen einer Engländerin (noch dazu vom Hofe) und einem Schotten ausgeschlossen.
Isabel de Burke muss fliehen und findet bei ihrer Freundin Rachel in Berwick Unterschlupf. Auch der Schönling Rory und sein Kumpan Keiran, auch ein Schönling, dunkel aber, welcher sich hoffnungslos in Rachel verliebt, verstricken sich in die Fehde um die englische Thronfolge. Für die Liebe bleibt nicht viel Zeit, aber auch die erotischen Gelüste seitens der Leserin bleiben nicht unerfüllt.
Ein Roman nach Plan. Am Ende wird alles gut - wenn ein Roman mit "Und einen Augenblick stand mit der Welt alles zum Besten" endet, bleiben kaum mehr Fragezeichen.
Kathleen Givens entführt uns in die schottischen Highlands. Das zumindest verspricht der Klappentext.Tatsächlich aber findet sich der geneigte Leser die meiste Zeit der doch recht umfangreichen Lektüre in den Kemenaten und Kammern von Burgen, Schenken und Verliesen. Die Beschreibungen der schottischen Highlands aber werden durch die Flut an Namen von rachelüsternen Schotten und blutrünstigen Engländern sowie ausschweifende Berichte des schottisch-englischen Erbfolgestreites vergrätzt.
"Das Herz der Highlands" will sich mit Braveheart (William Wallace) messen, es bleibt meiner Meinung nach beim Versuch, dem Stoff noch mehr Mystik auszuzutschen. Was selbstverständlich in den Realien verborgen liegt, ist die beeindruckende Verbissenheit der Schotten, sich von England zu emanzipiern, daraus enspringen Heldengeschichten, die erzählt werden müssen, aber ... geht das nicht auch packender?

  (16)
Tags: erbfolgekrieg, schottische highlands, unabhängigkeitskrieg, william wallace   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(6)

13 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

pferde, raucher mit zehn jahren, hunger und krankheiten, kolchose, ostrpeußen

Wolfskind

Ingeborg Jacobs
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Propyläen Verlag, 10.03.2010
ISBN 9783549073711
Genre: Sachbücher

Rezension:

Liesabeth Otto ist ein "Wolfskind". Ihr Sprachrohr wird ab 1994 Ingeborg Jacobs, die Dokumentarfilmerin, die durch Zufall mit der Ostpreußin bekannt wurde. Seither teilt Liesabeth Otto ihr Leben mit abertausenden Dokumentarfilzuschauern und Lesern.
Sie wird 1937 in Wehlau geboren, verliert ihre Mutter an den Hunger und wird als kleines Kind in ein Sammellager verfrachtet, in dem sie mit ihren Halbgeschwistern Christel und Manfred ums nackte Überleben kämpft. Eine unüberlegte Bemerkung ihrer älteren Schwester lässt sie das Weite suchen und von nun an ist die Siebenjährige (!) auf sich allein gestellt, überwindet Hunger und Krankheiten mithilfe von mitleidigen Bauern, aber ein wirkliches Zuhause soll ihr nicht vergönnt werden. Liesabeth Ottos Leben ist gezeichnet durch Entbehrungen und kein Auge bleibt Trocken bei der Lektüre ihrer oftmals grausamen Erlebnisse. Ingeborg Jacobs Ein berührendes Bekenntnis einer im Leben starken, im Traum schwachen Frau, die nicht nur die eigenen Kinder zu Grabe getragen hat und dennoch immer wieder Lebensmut und freudvolle Momente fand. "Ich war wie der Wind", schreibt sie und meint das eigentlich nicht beschreibbare Gefühl einer heimatlosen Waisen eines Sommers.
Ottos Erinnerungen hat Jacobs in überschaubaren Anekdoten zusammengetragen und in schnell lesbarem, kaum verschnörkeltem, aber umso ehrlicherem Stil zurück gelassen, was es dem ergriffenen Leser nur noch leichter macht, in ein Leben zwischen Weltkrieg, Eisernem Vorhang und Zerfall der Sowjetmacht einzutauchen.
I. Hübner

  (15)
Tags: betteln, flucht, hunger und krankheiten, kolchose, ostrpeußen, pferde, raucher mit zehn jahren, wolfskinder   (8)
 
118 Ergebnisse