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7 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Asche zu Asche, Sterne zu Staub

Wiebke Schmidt-Reyer
Flexibler Einband: 420 Seiten
Erschienen bei epubli, 20.06.2017
ISBN 9783745073584
Genre: Romane

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81 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 8 Rezensionen

sklaverei, frauenrechte, frauen, usa, familie

Die Erfindung der Flügel

Sue Monk Kidd , Astrid Mania
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei btb, 13.03.2017
ISBN 9783442714674
Genre: Romane

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54 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 21 Rezensionen

liebe, schicksal, krankheit, ivy und abe, elizabeth enfield

Ivy und Abe

Elizabeth Enfield , Babette Schröder
Flexibler Einband: 439 Seiten
Erschienen bei Diana, 18.09.2017
ISBN 9783453291898
Genre: Liebesromane

Rezension:

Es ist ein ganz unkonventionelles Geschichtenformat.
Nicht so sehr die Handlung ist bannend - eher ein Kammerspiel zwischen zwei Menschen, die sich immer wieder neu kennen lernen, gerahmt von gewissen geschichtlichen Ereignissen, die wir als Mitteleuropäer mitbekommen haben -, sondern die Idee, dass Ivy und Abe in jedem Kapitel, erstens immer weiter in die Vergangenheit versetzt werden, immer jünger werden also und zweitens ihre Beziehung zueinander in Variationen geschildert werden.
Im Grunde sind es Kurzgeschichten. In einer jeden geht es um Ivy, über deren Familiengeschichte und Vergangenheit wir von Kapitel zu Kapitel mehr erfahren sollen. Abe nimmt in jeder Geschichte eine andere Rolle ein. Wieso? Das ist mir  nicht klar.

Wieso hat Enfield ihn nicht in jedem Kap. anders genannt? Keine Ahnung. Interessant ist, wie sich eine Frau in jeder "Geschichte" anders definiert, sich auf verschiedene Weisen auf den "neuen" Mann in ihrem Leben einlässt. Das gefällt mir sehr.

In der Szenengestaltung fehlt es mir an Atmosphäre, an Abwechslung in der sehr dialoglastigen Erzählweise. Längere erzählte Handlungen wären abwechslungsreich.
Ein Buch, das sich sehr schnell "wegliest", sehr emotionsgeladen ist und vor allem unglaublich traurig. Ein Buch, das uns die Endlichkeit des Lebens vor Augen führt. Kein Buch für trübe Tage, das würde vllt. deprimieren, weil es von Verlust und Sehnsucht getrieben ist.
Das wiederholte Motiv: Ehebruch. In beinahe jedem Kapitel wird das thematisiert. Verschiedene Varianten, verschiedene Fantasien ausdiskutiert. Man bekommt den Eindruck, als habe die Autorin probiert, wie sie ihren Roman eigentlich beginnen möchte und hier sämtliche Entwürfe als Einzelkapitel aneinandergereiht.
Leider verliert das Experiment für mich ab der Mitte an Spannung. Es wird müßig, die vielen Varianten des Beziehungsdramas nachzuvollziehen, weil es sich wiederholt. Plätze, Bemerkungen, Figuren, kleine Ereignisse, Gegenstände wiederholen sich und bilden die eigentlichen Konstanten, welche aber keinen wirklichen Zweck erfüllen, denn die Vernetzungen bilden kein übergeordnetes großes Ganzes.
Dennoch ist das das Buch durchziehende Schicksal der kranken Mutter und des kranken Bruders sehr berührend.

Sehr flotter, übersichtlich, doch sehr geraffter Lesefluss möglich. Bisher ein wirklich nachdenklich machendes Vergnügen.
Für das Ende hätte ich mir eine Umarmung der ersten mit der letzten Ivy gewünscht, was vllt. erklären würde, dass alle Episoden dazwischen einfach ihrer Fantasie entsprangen, wie sie ihn hätte in ihrem langen Leben kennenlernen können. Eine Leserhoffnung, die sich nicht bewahrheitet. Und so bleiben es scheinbar lose aneinandergerreihte Episoden, die, so zusammenhanglos sie trotz kleiner Parallelen s.o. scheinen, eher unbefriedigt wirken. Eine Identifikation mit den Figuren kann nicht so richtig funktionieren, weil die "Kurzgeschichten" eben zu kurz sind, das große Ganze fehlt.

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380 Bibliotheken, 34 Leser, 1 Gruppe, 51 Rezensionen

freundschaft, missbrauch, ein wenig leben, roman, hanya yanagihara

Ein wenig Leben

Hanya Yanagihara , Stephan Kleiner
Fester Einband: 958 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin, 30.01.2017
ISBN 9783446254718
Genre: Romane

Rezension:

... du musst ihnen zeigen, dass es dir gefällt" (555)
Und da ist Jude St. Francis gerade mal 10 oder 11 Jahre alt.

Einem Impuls folgend würde ich Hanya Yanagihara (HY) die 2 Kg Papier gern vor die Füße schleudern und brüllen: Wieso? Wozu schreibst du dieses Buch?

Weder ist es eine Biografie, noch ein Tatsachenbericht, noch liegen dem Erzählten irgendwelche real existierende Figuren zugrunde. Es belehrt nicht, es bildet nicht, es schockiert einfach nur und macht traurig. Es ist eine Aneinanderreihung von Schrecknissen, die hier einem Jungen von 8-15 Jahren angedichtet werden und deren Dämonen er bis ins weite Erwachsenenalter nicht loswird.

!!! Achtung Spoiler!!!

Wozu also? Es gibt hunderte, aberhunderte Berichte von Opfern sexuellen Missbrauchs. Man kennt die furchtbaren Einzelheiten mittlerweile aus Missbrauchsskandalen, egal ob im Internat oder im Milleur geschehen.

Dass das Lesen dieses knapp 1000seitigen Buches so schwer fällt, ist nicht dem Stil, sondern der Grausamkeit, die Jude St. Fransis widerfährt, geschuldet. Und die Tatsache, dass es nicht stimmen kann, nicht stimmen soll, nicht stimmen darf.

Es kann/darf/soll nicht sein, dass ein Baby auf einer Mülltüte ausgesetzt wird, dass es als einziges Kind in ein Kloster kommt, hier Prügelstrafen, sexuellen Missbrauch erfahren muss, dem falschen "Bruder" vertraut, mit ihm aus dem Kloster flieht, von ihm, achtjährig, zur Prostition gezwungen wird, von ihm missbraucht wird, von ihm unterrichtet wird: in schulischen wie autoagressiven Verhalten, Verhalten gegen sich, den eigenen Körper, das ihn nie mehr losalssen wird, von der Polizei aufgegriffen wird, in ein Heim gesteckt wird, von Heimbetreuern immer wieder vergewaltigt wird, sich bald als Stricher identifiziert, weil er nichts anderes kann, aus dem Heim flieht, per Anhalter von Truckern missbraucht wird, von Geschlechtskrankheiten zerfressen von einem Psychiater aufgesammelt wird, zwölf Wochen weggesperrt, aufgepeppelt, wieder nur missbraucht, schließlich laufen gelassen wird, laufen so lange, bis er nicht mehr kann, dann von dem Mann überfahren wird, ins Krankenhaus kommt, hier von Sozialarbeiterin Ana gelehrt wird, zu reden, das Reden nicht bis zum Schluss wird lernen können, weil Ana vorher sterben wird, auf dem College seine drei Freunde: Malcom, Willem und Jean-Baptiste kennenlernen wird, lernen wird, entdecken wird, wie grandios er ist, sein Engelsgesicht - er muss eine wahre Schönheit sein, beliebt und gern gesehen auf jeder Partie - ihm alle Pforten der Sympathien öffen wird, er ein grandioser Anwalt sein wird (ja der grandioseste überhaupt), überhüuft von Geld!, er nach Jahrzehnten eine homosexuelle Beziehung mit Caleb probieren wird und auch von ihm beinahe zu Tode gebracht werden wird, da jener nicht ertragen wird, wie vernarbt, entstellt, gegeißelt Jude ist, von ihm vergewaltigt und geprügelt wird, Jude sich von diesen Übergriffen kaum erholen wird, sich schließlich der langjährige Freund Willem ihm seine Liebe gestehen wird, die beiden eine Beziehung probieren werden, Judes Angst vor Sex (und immer wieder Sex, Motto und Thema über hunderte Seiten) wieder und wieder zutage kommt, er es für Willem tun wird, sich dann anschließend beinahe bis zum Äußersten selbst verletzen wird, um Scham, Ekel und Abscheu gegen das Körperliche abzustreifen, sich zu reinigen, sich zu säubern und endlich, endlich wird er erzählen, wird sich Willem anvertrauen, es werden "Glückliche Jahre" folgen, denen aber wieder nur das Schrecknis anhaftet, indem Jude 1. die Beine amputiert werden, zweitens Willem bei einem Autounfall ums Leben kommen wird.

Und man fragt sich, wie eine Autorin dermaßen pervertierte Gedanken über dermaßen viele Seiten ausbreiten kann. Und wieder: Warum?

Ein solches Leben kann es nicht gegen. Die Entwicklunspsycholgin in mir weigert sich gegen das Vertrauen in so viele überzeichnete Charaktere. Ein Junge, Jugendlicher, dem so viel Grauen widerfährt, würde erstens eine Randexistenz führen, eingewiesen, betreut, oder, sich therapieren und ein abgeschottetes, zurückgezogenes Leben führen, keinesfalls als Partymaus und Schönling Jude.

Wozu also? Wozu das Grässliche, das Abscheuliche?
Ich weiß es nicht.
Unserem animalischen, angeborenen Voyerismus sei dank, ist es ein Bestseller geworden und ich schäme mich für diese publik gewordene Geilheit.

I. Hübner Sept. 2017

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Tags: angs, autoagression, gewalt gegen jugendliche, gewalt gegen kinder, grausamkeit, hoffnung, homosexualität, kinderhei, kindesmisshandlung, männerfreundschaft, pädophili, panik, psychiatrie, psychologi, zwangsprostitution   (15)
 

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99 Bibliotheken, 2 Leser, 4 Gruppen, 31 Rezensionen

rumänien, banat, liebe, familiengeschichte, jacob

Jacob beschließt zu lieben

Catalin Dorian Florescu
Fester Einband: 402 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 08.03.2012
ISBN 9783406612671
Genre: Romane

Rezension:

Catalin Dorian Florescu erzählt in "Jacob beschließt zu lieben" die Geschichte eines leidgeprüften, vergessen geglaubten Landstrichs dem Banat, eingeklemmt und gesplittert zwischen Serbien, Ungarn, Rumänien, hin- und hergestoßen und unterschätzt.

Mithilfe des pers. Ich-Erzählers berichtet Florescu von einer 300jährigen Familiengeschichte auf ganz verblüffende Art und Weise. Dabei verquicken sich die Handlungsstränge des um 1920 einem Zeitungsartikel folgenden, ins schwäbische Dorf Triebswetter (im rumänischen Banat) stolpernden Jacob (senior , den im 30jährigen Krieg - "Lothringer, auf dem Weg nach Hause" (73) - umherirrenden Caspar, Urgroßvater des um 1769 aus Dieuse aufbrechenden über Wien ins Banat kommenden Frédéric Aubertin (während seiner Heimatsuche umbenannt in Frederick Obertin), mit der des Ich-Erzählers Jacob (junior).
Und das alles, ohne, dass man den Überblick verliert.

Jener zuletzt genannte Ich-Erzähler Jacob Obertin wird von seinem Vater im ausgehenden 2.WK an die Russen verraten, nach Sibirien verschickt, weil er dem Alten nicht tauglich erscheint, den Hof weiter zu führen. Jacub kann vom Viehwaggon abspringen und wird unweit seiner Heimat aufgepeppelt. Einige Jahre bleibt er im sog. Exil, bis er sich getraut, nach Hause zurückzukehren, wo sein Halbbruder (Halbzigeuner und Bastard seines Vaters) den Hof längst einverleibt hat. Jacob beschließt, auszuwandern, sich eine neue Existenz jenseits der Rumänischen Grenzen zurück in Lothringen, wo alles begann, aufzubauen. Sein Vater vereitelt den Plan. 

Jacob hätte alle Berechtigung seinen Vater zu hassen. Zeitlebens hatte der seinen Sohn, kränklich, weil zu früh geboren, verachtet, bloß gestellt, ihm Hof und Erbe versagt, obwohl Jacob senior sich den Hof (als sich den Rumänen überlegen fühlender Schwabe) erschlichen hatte. Man erwartet, dass der Sohn seinen Vater für alles, was der ihm angetan hatte, erschlägt.
Die Schwabenstämmigen werden vertrieben - nicht aber nach Lothringen, sondern in einen unbenannten, unwirtlichen Landstrich.

Und am Ende beschließt Jacob zu lieben. Und sich und seinem Vater ein Haus am Ende der Welt zu bauen.

Die Kunst des Erzählens des 1967 in Rumänien geborenen Florescu ist syntaktisch wie semantisch erstaunlich. Immer wieder schweifen die Handlungsstränge in die Vergangenheit, wodurch ein Netz von Erzählzeiten gespannt wird.
Wir erfahren erstaunliches über die politischen Umwälzungen eines Landstriches zwischen Serbien, Rumänien und Ungarn, hin- und her gepeitscht zwischen Diktatur und Deportation, wo die Zeit stehen geblieben zu sein schien, aber eigentlich mit den Umwälzungen besonders nach dem 2. Weltkrieg im Eilschritt davon flog.

Ivonne Hübner, Aug.2017

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379 Bibliotheken, 16 Leser, 1 Gruppe, 134 Rezensionen

bienen, bienensterben, roman, natur, zukunft

Die Geschichte der Bienen

Maja Lunde , Ursel Allenstein
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei btb, 20.03.2017
ISBN 9783442756841
Genre: Romane

Rezension:

Tao (Bezirk 242, Shirong Sichuan, China, 2098), George (Autumn Hill, Ohio, USA 2007), William (Maryville, Hertfordshire, England, 1852) sind die Stimmen dieses beeindruckenden Romans von Maja Lunde, der uns vor Augen führt, dass die Spezies Mensch - gemessen an Georges Geschichte - mitten in der blinden, selbstsüchtigen Zerstörung unserer Lebensgrundlage ist. Ich möchte gerade mal den ländlich Lebenden zumuten, den Kreislauf der Natur und die Grundsubstanz unserer Nahrungskette zu verstehen. "Die Geschichte der Bienen", fasst nun auf kompakten, schnell zu lesenden 500 Seiten zusammen, was in die Allgemeinbildung eingehen sollte, nämlich, dass alles Leben von der Produktivität der Bienen abhängt. Niemand sonst, als die Landbevölkerung erfährt mit Blick auf die fruchtlosen Obstbäume in einem Jahr wie diesem (2017), wie schmerzhaft es ist, wenn die Bienen im April/Mai ausblieben.

Auf wunderbare Weise versteht Lunde es, die anfangs separat und schier unabhängig voneinander funktionierenden Geschichten der o.g. Protagonisten miteinander in Verbindung zu bringen: William, der die Savage-Standardbeute (Bienenstock) entwickelt, sein Nachfahre George, der sie in seinem Familieunternehmen über Generationen einsetzte, und doch dem CCD - Colony Collapse Disorder (Bienensterben) - hilflos ausgeliefert war und Tao, die Thomas Savage Standardwerk des "blinden Imkers" in die Finger bekommt, um das Rätsel der sterbenden Bienenpopulationen zu begreifen und in einem unglaublich tristen Endzeitchina erst durch den Tod ihres dreijährigen Sohnes Wei-Wen einer neuen Chance, einer Hoffnung gegenwärtig wird,, da die Bienen zurückkehren.

Lunde thematisiert noch mehr: Drei Geschichten, drei Söhne, drei Familientragödien. Während William klar wird, dass er nicht auf seinen einzigen und erstgeborenen Sohn Edmund, sondern auf seine Tochter Charlotte bauen  muss, droht George seinen Sohn Thomas an die Literaturwissenschaften zu verlieren, anstatt ihn in der Familienimkerei zu wissen. Und schließlich wird Taos Geschichte durch die Trauer um ihren Sohn Wei-Wen, ihren Schuldgefühlen und der Frage nach dem unbewussten Märtyrertod des Kindes geprägt.

Man mag von stilistischen Schwächen besonders in Taos Geschichte absehen. Auch scheint das China der Zukunft sehr klischeehaft, sehr konstruiert. Einige von Taos Handlungssträngen bleiben für mich unmotiviert.

Eines jedoch macht Maja Lunde diffizil klar: Mit den Bienen endet auch die Geschichte der Menschen.

Erschreckend, wahr und aufrüttelnd!
Ein Buch für die Schullektüreliste!

Ivonne Hübner

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Tags: biologie   (1)
 

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34 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 14 Rezensionen

17.jh. hist. roman, 30jähriger krieg, hist. roman, englan, schirmer

Hinter den Augen der Welt

Tess Schirmer
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Querverlag, 27.02.2017
ISBN 9783896562524
Genre: Historische Romane

Rezension:

Tess Schirmer überzeugt in ihrem Debut durch sprachliche Rafinesse, Liebe zum Detail, wortgewandtem Spannungsaufbau und herrlich verträumter Atmosphäre des Englands im 17.Jh.
Wer ausgesucht sinnliche historische Romane mit außergewöhnlicher Handlung mag, wird "Hinter den Augen der Welt", Querverlag, 2017, lieben.

Im Fokus steht die Geschichte zweier Mädchen, Mary und Finn, die sich auf subtile Weise näher kommen, sich ineinander verlieben und doch hinter den Augen der Welt ihre Verbindung nicht lange geheim halten können. Tess Schirmer gelingt es, durch verwobene Intrigen Handlungsstränge ineinander fließen zu lassen und so dem Leser viel Spielraum für Fantasiereisen ins antithetische Barockzeitalter während des 30jährigen Krieges zu geben. Ohne übertrieben politisch oder sozialpsychologisch vorzugehen, fesselt die Autorin den Leser durch vortrefflich recherchierte Fakten des Landadels, kenntnisreiche Darstellungen des Handlungszeitraumes, zeigt somit nachvollziehbar die Antriebe und Beweggründe der dargestellten Personen auf.

Ohne den Romanschluss vorwegnehmen zu wollen, bleibt der Leser gespannt, ob wir durch einen Fortsetzungsband verwöhnt werden, nachdem die Protagonistinnen ihrer romantischen Beziehung zueinander überführt und einem inquisitorischen Gericht ob vermeintlicher teuflischer Handlungen vorgeführt werden. Es bleibt spannend.

Ivonne Hübner, 2017

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Tags: 17.jh. hist. roman, 30jähriger krieg, englan, hist. roman, homosexualität, lesbische liebe   (6)
 

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8 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

steinzeit, kupferherstellung, glutstein, ötzi, pfahldorf

Die Verschwörung von Breitental - Das Kupferbeil des Ötzi

Christian Ausmünster
Flexibler Einband: 528 Seiten
Erschienen bei epubli, 09.11.2016
ISBN 9783741864254
Genre: Biografien

Rezension:

Inhalt:

Im zweiten Teil der geplanten Trilogie begegnen wir Narado, dem bekanntlich die Figur der Gletschermumie „Ötzi“ zugrundeliegt als Jugendlichem. Seine Geschichte wird erzählt bis zu seinem Tode. Wir erfahren, wie sich ein nomadenähnliches Leben vor ca. 5000 Jahren zugetragen haben könnte. Kenntnisreich berichtet Christian Ausmünster von einem bewegten Leben zwischen Sippenkonflikten und Umbrüchen der Zeitgeschehnisse, wenn z.B. die gewinnbringende Bearbeitung von Kupfer aus Südeuropa in die Berge gebracht wird, wobei sich der Autor hier dichterischer Freiheiten bedient und von seinen minutiösen Recherchen abweicht.

Der Inhalt der Handlung ist schnell erzählt: Narado wird durch einen Komplott seiner Stiefmutter gezwungen, seiner Heimat, dem Breitental (Vinschgau), den Rücken zu kehren. Seine abenteuerliche Odyssee beginnt. Wir erfahren welche räuberische Übergriffe seiner Heimat widerfahren. Feuersbrünsten zum Trotz erfährt das Breitental mit Narados Rückkehr, seinem angehäuften Wissen aus vielen Begegnungen eine Handelsblüte, bevor er und sein Sohn sich erneut auf den Weg machen. Diese letzte Reise soll ihm zum Verhängnis werden. So wird Narado Opfer dessen, worum sich bis heute die „Ötzi“-Mythen ranken.

Ausmünster gelingt ein sehr rührender, sehr einfühlsamer letzter Moment in Narados Leben und somit gekonnt die Brücke zu der so genannten Gletschermumie, die uns heute noch fassungslos in ihren Bann zieht.

 

Stilistik:

Begrifflichkeiten, die Ausmünster erdacht hat, passen sehr gut in eine fantastische Zeit vor 5000 Jahren, von deren semantischer Morphologie man wenig bis gar nichts weiß.  Fraglich bleibt, ob die Abweichungen von den hist. Tatsachen, was bspw. Schmerlzofenkonstruktionen und geologische Beschaffenheit des Terrains betreffen, hätten sein müssen, oder ob der Autor sich nicht auch an den Forschungsstand hätte halten können und ebenso gelungen und überzeugend konstruiert hätte.

Gehäufte, seitenlange Dialoge, ausschließlicher Gebrauch von direkter Rede und innere Monologe als direkte Rede verfasst, sind Geschmackssache und können zuweilen Spannung hemmen. Gleiches gilt für die größtenteils vernachlässigte Atmosphäre der Handlungsräume und die Wiederholungen im Handlungsstrang. Hier seien als Beispiele die sich oft ganz sehr ähnelnden Reiserouten in kurzer Abfolge genannt. Die Motivationen von Narados Reisen sind häufig hintergründig,  es geht um Kupfervorkommen, dann wieder um Getreide oder Auskundschaftungen, oder einfach nur ums Reisen selbst. So wirft sich die Frage auf, ob man die Intermezzi zwischen den gleichen Reisen / Ausflügen nicht hätte weglassen können, da sie zumeist den jeweiligen Handlungsstrang unwesentlich verfolgen.

Die erste Hälfte des Buches ist zeitlich gedehnt, die zweite sehr gerafft, was ein Ungleichgewicht hervorruft, wodurch man bes. in der zweiten Hälfte den Eindruck bekommt, als würde Narado stakkatoartig hin und her gehetzt wie eine Marionette.

 

Fazit:

Unglaubliche Mühen und Aufwand wohnen dem Werk inne, dem einfach noch der letzte Schliff zu fehlen scheint, was die Lockerung der Stilistik, die Atmosphäre gemäß der fünf Sinne fürs innere, lesende Auge betreffen. Hier nimmt mich persönlich Ausmünster nicht konsequent mit in die Berge einer Welt vor 5000 Jahren, was das eigentlich Spannende an der Sache gewesen wäre. Ein ums andere Mal wird der Tenor und der Focus auf Nebensächliches gelegt, worunter der Handlungsstrang leidet. Zu viel wird ausgesprochen, zu wenig Leerstellen gelassen, zu selten dem Leser zugetraut, sie mit der eigenen Fantasie zu füllen. Das ist unglaublich schade, fesselt doch schon allein die ausgewählte Thematik und der Mut, sich dem Gletschermann Ötzi auf belletristische Weise zu nähern. Diesem Mut gebührt meine Bewunderung und Anerkennung.

Umfangreiches Zusatzmaterial hilft dem Unkundigen und dem Neueinsteiger in Band 2 sich in die Materie hineinzufinden, ohne lange selbst auf Recherchereise ins Internet oder einschlägige Literatur gehen zu müssen.

April 2017

Ivonne Hübner

 

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Tags: alpen, berge, gletschermumie ötzi, kupferzeit, steinzeit   (5)
 

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(30)

61 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 9 Rezensionen

historischer roman, potsdam, berlin, kleinwuchs, märchenhaft

Pfaueninsel

Thomas Hettche
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei btb, 08.02.2016
ISBN 9783442749836
Genre: Romane

Rezension:

Hettche erzählt die Geschichte der kleinwüchsigen Marie, die mehr oder weniger zufällig zunächst als Attaktion, dann als scheinbar vergessenes Beiwerk auf der Potsdamer Pfaueninsel lebt. Wunderbare Landschaftsgestaltungen lassen das Herz des Gartenliebhabers höher schlagen. Ich denke, wenn ich nicht jahrelang in Potsdam gelebt hätte, hätte ich das Buch beiseite gelegt, da der Leser mit doch sehr detaillierten Beschreibungen von der Urbarmachung bis zur Kommerzialisierung der Pfaueninsel konfrontiert wird. Die doch sehr sinnliche, sehr blumige Sprache überrascht hinter jeder Zeile und macht, wenn auch der Handlungsstrang zuweilen ins Langatmige fällt, diesen Roman zum Genuss.
Marie, die als Zwergenwüchsige gemeinsam mit ihrem Bruder auf der Insel lebt, wird als Kuriosum dargestellt und man hat das Gefühl, ihr zu nahe zu treten, wenn Hettche von ihren Amouren mit ihrem (ebenfalls kleinwüchsigen) Bruder, ihrem deformierten Körper, ihren Sehnsüchten und Verliebtheit in Gustav berichtet. Die Bedienung unseres natürlichen Voyeurismus stehlen den Landschaftsarchitekten Lenné und Schinkel zu weilen die show, was nicht hätte sein müssen.

Ivonne Hübner

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Tags: kleinwuchs, pfaueninsel, potsdam   (3)
 

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392 Bibliotheken, 8 Leser, 2 Gruppen, 123 Rezensionen

schottland, pfau, banker, humor, teambuilding

Der Pfau

Isabel Bogdan
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 18.02.2016
ISBN 9783462048001
Genre: Romane

Rezension:

Eine Gruppe Banker verschlägt es auf einen leidlich heruntergekommenen Landsitz irgendwo in England. Teambuilding steht auf dem Seminarplan. So weit so gut. Hier hätte Isabel Bogdan doch eine schöne Basis für einen unterhaltsamen, lustigen Roman gehabt. Die Hauptfigur aber übernimmt ein Pfau, der es mit der Farbe Blau nicht so hat. Ob Pfau und Blau absichtlich als Reimpaar hier verwendet wurden, erschließt sich mir nicht, aber viele der wohl witzig gemeinten Passagen bleiben fad und leer, zum Schmunzeln kommt es auch dann nicht, als der Hund der Bankchefin den (bereits erschossenen) Pfau aportiert und es einigen Trubel gibt, das vermeintliche durch Banker-Hund erlegte Tier zu entsorgen. Bogdan macht zu viele Worte um Unwichtiges, oder das, was der Leser durch seine Phantasie hätte füllen können. 
Schade, denn diese Teambuilding-Idee war wirklich gut.

Ivonne Hübner

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Tags: banker, landsit, pfau, psychologie, teambuildingseminar   (5)
 

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212 Bibliotheken, 7 Leser, 0 Gruppen, 35 Rezensionen

leben, berge, roman, tod, alpen

Ein ganzes Leben

Robert Seethaler
Flexibler Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 18.01.2016
ISBN 9783442482917
Genre: Romane

Rezension:

Robert Seethaler schafft vermutlich das, was nie ein Autor zuvor gekonnt hat: er packt eine zum Greifen nahe, zum Weinen sinnliche, zum Lachen rührende, zum Riechen echte, zum Staunen überwältigende Lebensgeschichte auf 150 Seiten.
Nicht umsonst wurde Robert Seethalers "Ein ganzes Leben" mit Lob und Preisen überhäuft. Zu Recht.
Erzählt wird Andreas Eggers Geschichte. Eine ganz simple Lebensgeschichte eines in den Bergen lebenden und dort sterbenden Mannes. Kriegsgefangenschaft auf anderthalb Seiten und doch viel aussagekräftiger und einnehmender als manchens Werk über in Sibirien Gefangen von 400 Seiten. Ein einfaches, hartes Leben aus Eggers  Perspektive geschildert und doch so ausführlich, so detailiert, dass man schon jeden Satz analysieren müsste, um jede Geste, jede Mimik, Geräusch, Geschmack, Gefühl zu erfassen, um nichts zu übersehen. Ein so dichtes Buch, alle Sinne stets bedienend, dass man es durchaus zwei, dreimal hintereinander lesen kann und muss. Die Auslassungen machen es zu dem, wonach es uns dürstet, die wir seit zig Jahren von 900-Seiten-Schinken gequält werden. Dieses Buch ist Urlaub.
Seethalers Philosophie ist hinlänglich bekannt und eine Schule für jeden Autor, für mich auf jeden Fall.

Danke, Herr Seethaler für dieses Erlebnis, diese Lehre!!!

Ivonne Hübner

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Tags: aussiedler, berg, dor, einsamkeit, eremit, gebirge, seilbahn, seilbahnarbeiten, tal   (9)
 

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36 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

vieh, dbp 2016, erbstreit, berg, kühe

Fremde Seele, dunkler Wald

Reinhard Kaiser-Mühlecker
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 25.08.2016
ISBN 9783100024282
Genre: Romane

Rezension:

Reinhard Kaiser-Mühlecker. "Fremde Seele, dunkler Wald". Im Herbst 2016 gehypt, nominiert für den Deutschen Buchpreis und doch hält der 300 Seiten starke Text nicht, was Titel und cover versprechen.
Augebaut wird "Fremde Seele, dunkler Wald" wunderbar atmosphärisch, Figuren schaurig mystifiziert.  Solche wie wir: Existenzen reingeworfen in die Maschine des 21.Jh. - kümmert euch! Wahrlich: die ersten 100 Seiten bilden eine Einheit und es hätte dabei bleiben können. Wozu der Ausrutscher ins Krimi-Genre, wozu die Teenager-Affäre, verschließt sich mir. Als habe Kaiser-Mühlecker nicht weiter gewusst und, um auf Nummer Sicher zu gehen, von diesem und jenem dazugetan, obwohl es an Zutaten genügt hätte:
Eine gehörige Portion heruntergekommenen Bauernhofes, eine Handvoll depressiver, demotivierter, desilliusionierter Menschen,  alle charakterlich sehr stark gezeichnet; der Luftschlösser zimmernde Familienvater, die schweigsame, mit allem abschließende Mutter, die geifernde Oma, die auf dem Erbe ihres Mannes hockt wie eine Matrone, schließlich die drei Geschwister: Alexander, der Soldat, der bei der Bundeswehr nicht mehr das findet, was er dort einst zu suchen geglaubt hatte, Jakob, mit minderwertigem Schulabschluss, ohne Träume und schier ohne Perspektive, und Luisa, die aus ihrer gescheiterten, schwedischen Ehe flieht.
Gekonnt: alle drei finden sich, scheinbar verängstigt von ihren Ausflügen ins Leben wieder auf dem Hof ein. Schwach: der philosophische Grundgedanke, dass das Suchen nicht zwangsläufig mit dem Finden einher gehen muss, bleibt nur angerissen.
Manko: Als Jakob (ca. 16) so etwas wie eine Beziehung versucht, lassen Spannung und Handlung nach.
Bis auf das Fünkchen Zuviel dennoch eine wahr gezeichnetes, unverblümtes Bild unserer Gesellschaft.

Ivonne Hübner

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Tags: bauernhof, berg, brüder, bundeswehr, erbe, erbstreit, gebirge, kühe, soldat, vieh   (10)
 

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497 Bibliotheken, 14 Leser, 2 Gruppen, 75 Rezensionen

altes land, flüchtlinge, hamburg, ostpreußen, landleben

Altes Land

Dörte Hansen
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Knaus, 16.02.2015
ISBN 9783813506471
Genre: Romane

Rezension:

"Die Frauen hatten Helden oder Tiere werden müssen, anders war man mit den Kindern nicht über dieses Eis gekommen" (S. 271)

Altes Land ist nicht bloß die Geschichte dreier Generationen von Flüchtlingen: Hildegard von Kampcke, Kriegsflüchtling von 1945; ihrer Tochter Vera, Seelenflüchtling; deren Nichte Anne, Urbanflüchtling. Dieses Buch ist eine Abrechnung und zieht herrlich ehrlich und unverblümt Bilanz mit unserer von verschrobenen, kalkulierten, maßgeschneiderten und designten Ideallebenskonzepten abgeknabberten Lebenswirklichkeit.
Es rechnet ab mit Gummistiefeldemeterfanaten, die auf der Suche nach sich selbst das Weite (aufs Land) suchen und hier doch wieder nur Pestizidbauern finden, du um das nackte bäuerische Überleben kämpfen.
Dörte Hansen spricht mir aus der Seele, wenn sie aus der Sicht der Alteingesessenen "Dörfler" einen ernüchternden Blick auf den nervenden, invasierenden und marodierenden Stadtzuzug wirft, wie auf Neuzüchtungen in der Obstauslage eines Supermarktes.
Ihre Sprache ist wie eine Rettung. Seit Günter Grass habe ich keine so facettenreichen, farbenfrohen. Sprachbilder mehr gelesen: gebündelt und gezurrt wie Strohpuppen, standsicher und absolut nachvollziehbar. Ein literarisches Ereignis.

Die Menschen, die Hansens Figuren Vera und Anne - die Haupthandelnden, wie ich meinen möchte - begegnen, werden klar charakterisert. Wir finden uns in einer großstädtischen, aber bitte im Szenestadteil verordneten Blutegel eines "Musimaus"-Musiklehrers, der die Eltern der "hochbegabten" Kleinen schröpft und ihnen Illusionen von Orffschen Talenten ans Bein nagelt; wir treffen den ganz normalen Wahnsinn eines mittelständischen Handwerkerbetriebes, der gegen Pressholz und Kunststofffenster kämpft in einer Welt, wo man den Kindern zwar Reiswaffeln in die Münder stopft, aber Laminat dem Echtholzfußboden den Vorzug gibt. Wir begegnen dem Möchtegern-Aussteiger und freischaffenden Journalisten, der sich auf Kosten der Land-Raritäten eine goldene Nase in seiner Branche (der er seine Autarkie angesagt hat und doch von ihr abhängig ist) verdienen will.

Das, was wie köstliche Überspitzungen auf der Zunge zergeht, ist bei genauerem Nachschmecken so wahr und furchtbar schmerzhaft, dass man dieses Buch einigen zartbesaiteten "Neudörfischen", gestrandet aus der Großstadt und um kümmerliche Neuzuüchtungen ganz ohne Dach über den Tomaten tänzelnd, einfach nicht schenken kann. Sie würden einem glatt die Freundschaft kündigen.

Liebe Frau Hansen, danke für dieses ehrliche Buch!

Ivonne Hübner

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Tags: alleinerziehende, biobauernhof, demeter, facherwerkhaus, generationskonflikt, kriegsflüchtlin, nachkriegsdeutschland, norddeutschland, scheidungskinde   (9)
 

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paris, vincent van gog, maler, 1890, van gogh

Die Witwe der Brüder van Gogh

Camilo Sánchez , Peter Kultzen
Flexibler Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Unionsverlag, 15.02.2016
ISBN 9783293207257
Genre: Romane

Rezension:

1890: Johanna van Gogh-Bonger, verheiratet mit Theo van Gogh und damit Vincent van Goghs Schwägerin, gibt mithilfe ihrer Tagebuchaufzeichnungen einen Einblick in die letzten Wochen ihres Mannes, welcher nach dem Tod seines Bruders abbaut und letztlich einer Depression, gepaart von körperlichen Symptomen erliegt.Vinvents Tod ist ein Schmerz, der mir ewig nachgehen wird und den ich ein Leben lang mit mir herumtragen werde. (Theo) Mit 29 verwitwet und alleinerziehend nimmt Johanne den Kampf mit vang Goghs Gläubigern, seinem Vermächtnis und seinem Werk auf.
Camilo Sanchez webt seinen Roman um die Tagebuchaufzeichnungen der Johanna und bewegt sich ganz dicht am wirklich Geschehenen.
Im Eigentlichen hat Johanne Vincent van Gogh, ihren Schwager kaum gekannt, kurze Begegnungen, abrupt beendete Besuche des Windfang, immer nervösen, herumstreunenden Geistes. Gerade vier Tage von Van Goghs Leben durfte Johanne bezeugen und dennoch, so schreibt sie, war er allgegenwärtig. Die enge Verbindung zwischen Theo und Vincent, täglicher - oft mehrmaliger! - Briefwechsel, Vincents Geld- und Seinsnöte immerdar, schien sie ihn besser zu kennen als ihren Mann. Selbst der Sohn war nach dem Schwager benannt worden. Und dann, als Theo verstorben war, nimmt sich Johanne der Vermächtnisse beider an: Das Werk des einen, die Schulgefühle und Verpflichtungszwänge des anderen.

Sanchez' Werk: ein längst überfälliges Zeugnis dessen, dass der berühmte Vincent van Gogh als unbekannter, armer Kerl in Vergessenheit geraten wäre, wenn sich eine Frau nicht wider aller Konventionen für ihn und sein Werk stark gemacht hätte.

Danke, Johanna van Gogh-Bonger

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Tags: 1890, amsterdam, bilde, johanna van gogh-bonger, maler, malerei, paris, theo van gogh, vincent van gog   (9)
 

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england, kate riordan, schwangerschaft, familie, riordan

Im Spiegel ferner Tage

Kate Riordan ,
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei Heyne, 14.12.2015
ISBN 9783453417991
Genre: Romane

Rezension:

Alice, kleine Bürokraft im London von 1932, etwas naiv und unbedarft, wird nach einem one-night-stand schwanger. Sie verrät nicht dem Kindsvater, wohl aber ihrer Mutter von der Katastrophe. Der Engelmacherin verweigert sie Hand anzulegen und schon ersinnt die Mutter den Plan, die junge Frau auf einen englischen Landsitz zu schicken, wo sie das Kind zur Welt bringen und danach zur Adoption freigeben soll.
Alice ca. halbjähriger Aufenthalt im Hochsommer Englands wird blumig und sehr, sehr lang beschrieben. Wie man es nicht anders erwartet, wenn eine junge Frau zu einer schrulligen Haushälterin, deren naiven Küchenhilfe und einem misstrauischen Gärtner geteckt wird: da sind doch Geheimnisse aufzuspüren!

So erzählt Rjordan im Präsens der Alice, was sie uns sehr nahe kommen lässt, und komponiert eine zweite, zeitlich früher handelnde Ebene der Elizabeth, welche um 1900 in das Anwesen einheiratete. Elizabeths Handlungszeit umfasst dabei nur die letzten Tage ihrer letzten Schwangerschaft, wobei Rjordan in mittels eines Tagebuches, das Alice findet, in Elzabeth Erinnerungen umherspringt.
So findet Alice also auf verstaubten Pfaden über knarrende Treppen, vorbei an übellaunig von der Wand blickende Portraitierte in verwaisten Kinderzimmern und vergessenen - aber durchaus gut in Schuss gehaltenen Kapellen - Versatzstücke zu Elizabeth und ihre Familie. Selbstverständlich wird sich die Heldin in den sporadisch vorbeischauenden Hausherren verlieben und am Ende mit ihm in trauter Dreisamkeit (das Kind wird nicht zur Adoption freigegeben) das Happy-End gestalten.

Parallelen: beide Frauen in guter Hoffnung; beide Frauen mit dem jeweiligen Kindsvater eher nicht zufrieden.
Während Elizabeth Opfer der Wochenbettdepression wird, gegen die es um 1900 noch keine effektiven Maßnahmen, bzw. für die es kein Verständnis im heutigen Sinne gab, sieht Alice ihrer eigenen Niederkunft mit ähnlichen Ängsten entgegen.
Elizabeth war von ihrem Mann als "verrückt" erklärt weggesperrt worden. Als auch das letzte Kind tot zur Welt kommt, nimmt sie sich und der Erstgeborenen das Leben.

Die Handlunsgfolge: Verdient meine drei Sternen: Wir haben also die gegenwärtige Handlunsgzeit der Alice, die vergangene der Elizabeth und die vorvergangenen der Elizabeth, welche Alice (in der Gegenwart) via Tagebuch erfährt.

Die Tragödie: leider nur unzureichend tragisch und mysteriös vermittelt, Ansätze zum Gruseleffekt verpuffen in Banalitäten.

Die Heldin: sehr naiv, sehr unspektakulär, sehr konform.

Der Plot: Den Babyblues als Aufhänger zu nehmen, ist für mich etwas fraglich, vielleicht hätte er als Nebeneffekt dienen können, die Charaktere der 1900-Figuren etwas mehr heraus zu bilden.

Alle in allem ein netter Schmöker "mit ohne viel Nachdenken"

Ivonne Hübner

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Tags: cottig, england, erinnerunge, geheimni, küste, landhaus, schwangerschaft, schwangerschaftsdepression, um 190, zeit: 1930-1940   (10)
 

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philipp von schwaben, juden, irene von byzanz, minnesänger, walther von der vogelweide

Das Spiel der Nachtigall

Tanja Kinkel , Uve Teschner , Katrin Fröhlich
Audio CD
Erschienen bei Argon, 20.06.2013
ISBN 9783839891452
Genre: Historische Romane

Rezension:

Das beinahe 1000Seitige Epos anzuhören, stellt schon eine Herausforderung dar. Während Uve Teschner durch ausgesucht facettenreiche Stimmimitationen glänzt, nervt Katrin Fröhlichs schneidende, sehr laute, auch in romantischen Situationen aggressiv wirkende Stimme. Hier freut sich der Hörer wohl auf den Perspektivwechsel, und die beruhigende Baritonlage Teschners. Auch sollte der Finger auf dem Lautstärkenregler bleiben, denn die beiden sehr unterschiedlichen Klangfarben der Sprecher sorgen auch für sehr unterschiedliche Lautstärken. Weibliche Sprecher haben es seit jeher schwerer als männliche. Ab S. 500 harmoniert die Mischung einfach nicht mehr.
Buchrezension: http://www.lovelybooks.de/autor/Tanja-Kinkel/Das-Spiel-der-Nachtigall-624318021-w/rezension/1234306018/

Ivonne Hübner

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mittelalter, liebe, walther von der vogelweide, krieg, kaiser

Das Spiel der Nachtigall

Tanja Kinkel
Fester Einband: 924 Seiten
Erschienen bei Droemer Knaur, 02.11.2011
ISBN 9783426198186
Genre: Historische Romane

Rezension:

Als außerordentliche Liebhaberin der mhd. Dichtkunst, des Minnesang und Aventiureromans erfreut mich die Begegnung Walters mit Reinmars und schärft meinen kritischen Blick auf die Details. Als Germanistin mit Schwerpunkt Mittelalter muss ich die politische Aufbereitung zuweilen als oberflächlich, lückenhaft bzw. ungenau beurteilen. Für den Laien ist es mit Sicherheit zu viel des
Guten.

Tanja Kinkel gelingt es, das, was wir nicht über die mhd. Dichter wissen, zu überspielen. Manches Detail, wie zum Bsp. Walters Äußeres, worüber nur schemenhaft Quellen berichten, hätte vielleicht günstiger abgewogen werden können; manche Dichtungsübersetzung ist ebenfalls nicht günstig gewählt. Hier widerspricht die aktuelle Forschung vielleicht der "Publikumswirksamkeit". Die sich über hunderte von Seiten anbahnende Liebelei zwischen Judith, der jüdischen Heilerin aus Salerno und unserem Dichter, entspricht der zu erwartenden Spannungskurve. Der wirklich spannenden Figur des Walters von der Vogelweide, steht die eher blasse Figur der "Medica" gegenüber. Die hist. Heilerin ist leider ein viel zu häufig missbrauchter Charakter (Gordon, 1986, Schweikert 2002, Graeme-Evens 2005, Ebert 2007, Cassens 2008, Michel 2010, Renk 2011, Canavan 2011) und wurde nach der "Nachtigall" (2011) immer wieder aufgegriffen (Geiges 2012, Serno 2012, Hardy 2013, Sauer 2014), sodass man es einfach nicht mehr lesen kann und die Kräuterkunde auch keine Überraschungen mehr bietet, die den Leser noch zum Staunen bringen - oder zum Schmunzeln, je nachdem. Allerdings rettet die Aussicht, dass sich die beiden Protagonisten annähern über die sehr diffizilen, für den Laien vielleicht schwer zu durchdringenden politischen Detials. Die Dialoge zwischen Walter und Judith in der ersten Buchhälfte suchen ihresgleichen: scharfzüngig, widerborstig, spannungsgeladen. Der Schneit der Dialoge nimmt dann leider kongruent mit dem Erwachsen der Liebegsgeschichte ab.
Fazit: dreihundert Seiten weniger hätten die Geschichte auch erzählt.

Ivonne Hübner

  (1)
Tags: heilerin, heinrich der löwe, medica, minnesang, mittelalter, mittelhochdeutsche lyrik, reinmar der alte, staufer welfen, walter von der vogelweise   (9)
 

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mexiko, schriftsteller, tod, philippinen, träumen

Straße der Wunder

John Irving , Hans M. Herzog
Fester Einband: 736 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 23.03.2016
ISBN 9783257069662
Genre: Romane

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jahrhundertwende, familie, französische literatur, elend, paris

Tod auf Kredit

Louis-Ferdinand Céline , Werner Bökenkamp , any.way , Wiebke Jakobs
Flexibler Einband: 704 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 03.01.2005
ISBN 9783499238475
Genre: Klassiker

Rezension:

Céline (*1984) reflektiert auf nahezu grausame Weise seine (und die Arbeit seines Alter Egos) als Pariser Arzt, die er hasst, und mit der er auf radikale Weise abrechnet. Céline selbst kriegsinvalid, studierte Medizin und erlangt zweifelhafte Bekanntheit durch antisemitische Veröffentlichungen, floh 1844 aus Frankreich und wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Erst 1952 konnte er nach Frankreich zurückkehren und ließ sich als Armenarzt in Meuden nieder. Er starb 1961.
"Alte Erinnerungen sind hartnäckig... aber sie sind spröde... sie sind gebrechlich ...", zieht er, wie er es regelmäßig tun wird, auf S.52 eine Art Fazit, oder absolutiert sich vor seinen Lesern für sein chaotisches, versatzartiges Konglomerat aus erlebter und erzählter Rede, springt in seinen "hartnäckigen" Erinnerungen hin und her, was es dem Leser nicht immer leicht macht, ihm zu folgen. Nicht so sehr die Anekdoten, die er wie trash vor des Lesers Füße wirft, packen denselben, sondern die erbarmungslose Sprache. Er euphemisiert nicht, erzählt nicht durch die Blume. Alles, was ihn abstößt, Menschen im Besonderen, wird beim Worte genommen. Sexualität, Brutalität, das nackte Leben in Armut, ihre Abgründe, Gewalt, davor macht der Autor nicht Halt. Er reißt uns nicht mit in eine abgerundete Geschichte mit Liebeskeplänkel und einem formschönen Spannungsbogen, sondern in seine Abneigung gegenüber allen Menschlichen, wobei der Autor immer wieder in seine unfassbare Kindheit, eine "fast"-Kindheit zurück erinnert und ein wesentlicher Bestandteil seiner wichtigsten Erinnerung nimmt auch dieses Mal die Krankheit ein (seiner Mutter). Der Vater mag Inspiratior der expressiven Sprache gewesen sein. Die verwirrte Psyche des Vaters und die schwache Mutter geben den Anstoß für eine kritische Realitätsbetrachtung auf die Kindheit und Jugend. Céline seziert die gesamte Familie, rechnet ab, scheinber.
Und dennoch scheint Céline nie Ruhe zu finden, so heißt es: "Ich war unerbittlich, ich war rasend, besonders, weil ich mich mit der Phantasie entschädigte..." (301) Und wieder fällt er auf das Körperliche zurück, jede Tragödie scheint im Körperlichen zu münden, sei es eine Prügelei oder die Wollust.
Die Syntax: elypsenhaft, unvollendet, lässt den Leser zuweilen im Stich, nicht selten muss eine Passage wiederholt gelesen werden, um den Sprung von einen in den nächsten Gemützszustand nachvollziehbar zu machen, aber dennoch... Céline fesselt, weckt den düstersten, beschämensten Voyerismus in uns und dabei bekommt man rote Ohren, weil man sich ertappt und entblößt, ja nackt fühlt.

I.Hübner

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Tags: arzt, jahrhundertwende, paris   (3)
 

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32 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

mao, china, kommunismus, familie, verrat

Tochter des Glücks

Lisa See , Elke Link
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Bertelsmann, C, 22.04.2013
ISBN 9783570100301
Genre: Romane

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25 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 15 Rezensionen

historisch, niederrhein, historischer roman, huren, 17. jahrhundert

Die Dirne vom Niederrhein

Sebastian Thiel
Flexibler Einband: 298 Seiten
Erschienen bei Gmeiner-Verlag, 04.03.2013
ISBN 9783839213520
Genre: Historische Romane

Rezension:

Band 2 der Niederrhein-Trilogie wird als historischer Krimi ausgeschrieben, in dem der Leser auf Maximilian und Elisabeth trifft, die trotz der Irrwege des 30jährigen Krieges zueinander finden.
Aber von vorn:
Sebastian Thiel findet eine knappe und schnörkellose Sprache uns mittels der personalen Erzählhaltung in die Charaktere von Maximilian und Elisabeth zu entführen. Was ihm bei ersterem, wie ich finde, sehr gut gelingt, findet bei letzterer gehäuft ungeschickte Formulierungen, die den Lesefluss zuweilen beeinträchigen. Obwohl sich allgemeingültige Phrasen die Hand geben, wird der Leser an der ein oder anderen Stelle von dialektischen Lichtblicken überrascht, die aber leider nur die Seltenheit bilden.
Da wir uns aber in einem historischen Kirmi befinden sei die sprachliche Stilistik als ausreichend zu bewerten.
Kommen wir zum Plot.
Die Geschichte des Maximilian und der Elisabeth werden aus dem ersten Teil der Trilogie aufgegriffen. Ein großes Manko stellt - wie es bei Folgeromanen der Hahnenfuß nun einmal ist - die Stringens dar. Leider konnten mir einige Zusammenhänge erst mithilfe der Autorenbefragung klar werden. Nun hat aber der Leser nicht immer die Möglichkeit, mit dem Autoren zu sprechen. Ohne den ersten Band gelesen zu haben, findet man schwer in die Charaktere hinein. Das Setting, Niederrhein 1642, allerdings ist sehr gut umrissen. Nicht zu viele kriegsstrategische und politische Details beeinträchtigen hier den Ablauf der Geschichte. Allerdings ist es immer schwer einen glaubhaften (Liebes-)schmöker, gesetzt in den 30jährigen Krieg, zu schreiben. Zu viel ist vom Furchtbaren bekannt. Auch konnte der Autor das barocke Lebensgefühl nicht stringent vermitteln. Carpe Diem ja, Vanitas und Memento mori eher weniger. Zu sehr kommen der Entwicklung von Atmosphäre und Identifikationsplattform die schwachen Charaktere in die Quere.
Elisabeth zeigt sich dem Leser als eine durchtriebene, ja unsympathische Person, mit der sich die geneigte Leserin nur schwer identifizieren kann, wohingegen die Figur des Maximilian als schwacher Held nicht in jeder Szene zum Träumen anregt. Leser, die auf starke Charaktere warten, werden leider enttäuscht.
Kommen wir zum Kriminalfall.
Maximilian wird nache einem missglückten Selbstmordversuch in den Schutz eines Konvents geführt. Hier übernimmt er eine Art Hausmeistertätigkeit und wird schnell Zeuge von dubiosen Machenschaften. Parallel dazu wird in guter Schnitttechnik die Geschichte von Elisabeth erzählt, die ebenfalls nach erfolglosem Suizidversuch von der Hure Rosi aufgegriffen und in den Prostituiertentross des fahrenden Heers aufgenommen wird. Elisabeth kann sich überraschend schnell, zu schnell für mein Emfpinden, mit ihrem neuen Beruf arangieren, ist auch sehr einträglich damit.
Nicht nur der Start in die Geschichte, sondern auch der Tenor des ganzen bilden bei den beiden Protagonisten Parallelen - zu viele für mein Emfpinden. Da wäre die Schuldproblematik, denn beide fühlen sich schuldig am Tod des Geschwisters. Elisabeth - Antonella, Maximilian - Lorenz. (Auch hier muss der erste Band zurate gezogen werden, um die Verwicklungen und Beziehungen zwischen den vier Personen nachvollziehen zu können.) Schuld und Rache beherrschen nun den Erzählstrang.
Die Huren werden, was voraussehbar ist, von Major von Rosen ins Kloster gebracht, wo von Dr. Sylar Experimente am menschlichen Hirn vorgenommen werden.
Wir haben es hier nicht mit einem klassischen whodunit-Krimi zu tun, sondern lediglich mit der Aufdeckung eines Verbrechens, eingebettet in einen historischen Roman. Was mich persönlich geärgert hat, ist die Blindheit des Maximilian gegenüber dem intriganten Vikar und seinem Dr. Sylar, die Machtlosigkeit von Schwester Agathe, die zur Oberin befördert wird. Elisabeth wird also in eine der Zellen im Konvent gesperrt, Maximilian bringt ihr das Essen; das erste Zusammentreffen: Wut, Hass, Sex. Eine furchtbar undglaubwürdigte Szene wird erst nach langer Diskussion mit dem Autor plausibel, schade. Auch hier fehlt der erste Band.
Elisabeth wird zu allem Überfluss schwanger und Maximilian, der inzwischen des Vikars Karrierepläne und Dr. Sylar Versuche durchschaut hat, muss die Huren noch befreien, bevor alle zufrieden und glücklich miteinander alt werden können.
Alles in allem ein ordentlicher Schmöker ohne großen Bildungsanspruch und Tiefe. Ein Ferienbuch.

"Nicht ohne den ersten Band" oder die Beförderung einer Nonne zur Oberin

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1.737 Bibliotheken, 39 Leser, 10 Gruppen, 147 Rezensionen

new york, liebe, amerika, radio, gewalt

Der Junge, der Träume schenkte

Luca Di Fulvio , Petra Knoch
Flexibler Einband: 783 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 22.07.2011
ISBN 9783404160617
Genre: Historische Romane

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543 Bibliotheken, 8 Leser, 3 Gruppen, 27 Rezensionen

paris, freundschaft, liebe, frankreich, magersucht

Zusammen ist man weniger allein

Anna Gavalda , Ina Kronenberger
Fester Einband: 653 Seiten
Erschienen bei Gruner + Jahr, 05.03.2010
ISBN 9783570197134
Genre: Romane

Rezension:

Die Message, die uns Anna Gavalda mit ihrem Text vermitteln will ist ganz schnell erzählt: Rückzug aus der Welt und in die Welt zurückfinden. Dieses große erzählerische Vorhaben meistert sie mittels vier Figuren, in deren Erzählperspektive sie im stetigen Wechsel die Leser entführt. Die auktorialen Einschübe lassen einen wunderbaren Blick in die Figuren zu.

Wir lernen Camille, dem Essen abholt und von Anorexie geplagt, Paulette der Gegenwart abholt und von beginnender Demenz geplagt, Philibert der Realität abholt und von der Suche nach sich selbst geplagt und Franck der Genussverweigerung abholt und vom Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Lebens geplagt, kennen. Und so wie jede dieser vier Figuren sein Päckchen zu tragen hat, einen Ausweg aus der Misere "Leben" sucht, so finden die vier einander schließlich in einer belle etage der Pariser Innenstadt. Hier kommen Abhängigkeiten der vier Personen voneinander ans Licht, die nicht skurriler, aber auch nicht subtiler hätten umrissen werden können.
Alle Figuren leiden unter einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung, die Thema von Anfang bis Ende bleibt. Auf sich aufdrängende Fragen liefert Gavalde keine Antworten.
Es wird deutlich, dass sich alle vier brauchen und auch füreinander da sein werden: Philibert nimmt Camille in seiner Wohnung auf, wie er es schon für Franck getan hat, Franck, der Enkel der Paulette, entführt diese aus dem Altersheim und auch sie wird ein Zimmerchen in Philiberts Wohnung finden.
Klischee und Zufall sind erlaubt in einer märchenhaften Geschichte.
Also wird Franck, der Koch, der magersüchtigen Camille das Essen lehren.
Philibert, der geschichtsversessene Adelige wird Paulette, die Versatzstücke ihres Lebens vergisst, die Details der Vergangenheit in Erinnerung rufen.
Camille wird Philibert die Liebe zu Menschen beibringen, sich um Paulette aufopferungsvoll kümmern und so allmählich zur gestorben geglaubten Kunst, von der sie einst sehr gut leben konnte, zurückfinden.
Am Ende wird gelacht und geweint und das alles auf einmal, wenn sich Franck und Camille, die nicht unterschiedlicher hätten sein können, ihr Katz und Maus-Spielchen aufgeben und zueinander finden, Familienplanung, na klar, ein Romanende mit Pauken und Trompeten. Paulette aber wird dann schon verstorben sein, das Häuschen auf dem Lande an Franck und Camille vererbt haben.
Auch Philibert wird am Ende seiner Lehrzeit die Hochzeitsglocken läuten lassen.

Ein gekonnter Schmöker für den schnellen Lesegenuss. Eine Geschichte mit viel Witz, viel Sex, vielen Drogen, vielen Zweifeln, vielen Kompromissen, viel Ekel, vielen Tabubrüchen.
Konflikte werden weggetauberte, wodurch die Märchenwelt, in die uns Gavalda entführt, nur noch märchenhafter wirkt.
Warum alle Figuren an einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung leiden, bleibt ein dickes fettes Fragezeichen.A ber vielleicht steckt die Antwort in der Frage: wir alle müssen mit dem leben, was wir mitgeliefert bekommen haben. Wir alle müssen unseren eigenen Weg gehen und genau das vermittelt der Roman vortrefflich.
Ivonne Hübner

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Tags: altenpflege mal ander, alter adel, demenz, drogen, französische geschicht, kunst, sex, witz   (8)
 

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71 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

england, fossilien, frauen, freundschaft, 19. jahrhundert

Zwei bemerkenswerte Frauen

Tracy Chevalier , Anne Rademacher
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei btb, 13.02.2012
ISBN 9783442743056
Genre: Romane

Rezension:

Tracy Chevalier erzählt in der ihr eigenen Freude am Detail die Geschichte von Mary Anning und Elizabeth Philpot, die zum Beginn des 19.Jh. die Paläantologie und Geologie Europas entscheidend prägten.
Der unscheinbare Titel "Zwei bemerkenswerte Frauen" wird durch den Namen der Autorin zum Programm. Wie wir es von Chevalier kennen, taucht sie tief in die erzählte Zeit ein, besticht durch Feinheiten und Spitzfindigkeiten und bemüht sich um 360 Seiten Authentizität, indem sie so wenig erfindet wie nur möglich. (Sogar, dass Mary Annings Hund Tray 1833 durch einen Klippeneinsturz zu Tode kam, ist überliefert - neben Effi Briests Rollo wohl einer der berühmtesten Hunde der Literatur?) Tracy Chevalier bricht wie in den meisten ihrer Romane mit gesellschaftlichen Tabus, überbrückt die Standesunterschiede ihrer Figuren und das auf suptile Art und Weise: Mary Anning gehört der englischen Arbeiterklasse an, Elizabeth Philpot dem Bildungsbürgertum. Während erstere von dem wenigen leben muss, was Fossilienfunde am Strand von Lyme Regis (Südengland) abwerfen, wurde letztere gemeinsam mit ihren zwei Schwestern von ihrem Bruder aus London aufs Land verbannt, wo sie als unverheiratet Frau dem altjungferlichen Leben das Beste abzugewinnen sucht und mehr oder weniger durch Zufall auf Fossilien und damit auf Mary Anning stößt. Die gemeinsame Begeisterung für versteinerte Tierüberreste ist der Beginn einer zwiespältigen Freundschaft, die nicht ohne Eifersucht, Missgunst und Theatralik verläuft. Am Ende aber sind alle Querelen ausgestanden und die Freundschaft ist - zumindest im Roman - gerettet.
Die historischen Mary Anning und Elizabeth Philpot mochten weniger eng miteinander befreundet sein, aber ihre Fossilienfunde und der damit einhergehende Kampf gegen die Männerdomäne in der Naturwissenschaft sind das treibende Thema. (Wir sprechen wie gesagt vom beginnenden 19.Jh., in dem Frauen weder Wahlrecht noch das Recht auf wissenschaftliches Arbeiten hatten. Dass Mary Anning 1825 in wissenschaftlichem Zusammenhang erwähnrt wurde, grenzt an ein Wunder und Tracy Chevalier wird berechtigterweise nicht müde, diesen sonderbaren und ungewöhnlichen Umstand genauestens zu beschreiben.)
Ein Roman ganz ohne Liebesschmalz und doch von so viel Zärtlichkeit., Hingabe und leisen weiblichen Hoffnungen genährt, dass man die üblichen schmonzettenhaften Liebeleien kein bisschen erwartet, geschweigedenn vermisst und dennoch völlig zufrieden gestellt wird. Nicht nur Chevalier-Begeisterte werden diesen Roman lieben, sondern auch die Freunde guter und seriöser sowie lehrreicher Unterhaltung.
Der Stil mag dem ein oder anderen ungeduldigen, Chevalier-Ungeübten Leser zu langatmig erscheinen, aber jede Zeitraffung, Zeitdehnung und Zeitdeckung hat ihre Berechtigung und wird auch von Chevalier im Nachwort begründet und sogar, wie ich meine unnötigerweise entschudligt. Die Rede ist von der gähnenden Langeweile von Damen aus gutem Hause, die ihre Tage mit dem Malen von Aquarellen zu füllen versuchen und von einer Arbeiterin, die jahrzehntelang, ja ihr ganzes Lebens lang dem scheinbar eintönigen Suchen nach Fossilien an einem grauen Strand nachging. Und wie farbenfroh Chevalier diese Monotonie zu beschreiben, Ereignisse zu raffen und zu schmücken versteht, ist wieder einmal nur lobenswert.
I.Hübner

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Tags: beginn 19.jh., fossilien, london, lyme regis, naturwissenschaft, paläantologie, südengland   (7)
 

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56 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 9 Rezensionen

kinderarbeit, armut, kinder, historisch, bauern

Die Schwabenkinder

Elmar Bereuter
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.05.2004
ISBN 9783492240666
Genre: Historische Romane

Rezension:

Kaspanaze (Kaspar Ignaz) ist ein etwa 8jähriger Junge, der im Begrenzerwald in bitterer Armut lebt. Seine Eltern werden durch eine Reihe unglücklicher Zufälle an den Rand ihrer Existenz getrieben und sehen keinen anderen Ausweg, als ihren Jungen nach Norden, an den Fuß der Alpen ins Schwabenland zu schicken, damit er sich dort als Hirtenjunge verdingt, so er von einem Bauern gekauft wird.
Bereuter schildert eindrucksvoll die wahren Begebenheiten, die sich im ausgehenden 19.Jh. und noch bis ins 20.Jh. auf dem Rücken von Kindern zugetragen haben, wie schwer die Lebensbedingungen, wie qualvoll die Ausbeutung der Kinder war.
Der Roman besticht durch seine Authentizität, die nicht nur durch die vielseitigen dialektalen und regionalgefärbten Einsprengsel überzeugt, sondern auch durch die Fülle an Detailwissen und die rührende Sprache, mit der Kaspanazes Geschichte erzählt wird. Freilich ein fiktiver Roman, der sich aber so in vielen Kinderjahren zugetragen haben könnte. Sklaverei, die zur erzählten Zeit besonders in Übersee ein reißendes Thema war, wird auch von Bereuter kritisch, aber ambivalent hinterfragt. Nichts anderes stellt die Kinderarbeit dar, zu dessen Zweck die Kleinen tagelange Fußmärsche weit von ihren Elternhäusern entfernt zurücklegen müssen, um dann auf den Kindermärkten an die Bauern für eine Saison verkauft zu werden.
Selten habe ich aus Belletristik so viel über einen Landstrich und seine Eigenheiten gelernt.
Einen Stern in meiner Bewertung muss ich leider abspenstig machen, denn eine Landkarte und ein kleines Glossar in Sachen Bairischer Mundarten hätten mir das häufige Recherchieren im Internet und Lexikon doch erspart. Oder weiß jemand, der nicht aus der Gegend stammt, was "schlenzen" bedeutet?
Alles in allem lesenswert!
I. Hübner

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Tags: alpen, alpenvorland, bauern, bauernhof, dorf, hirtenjunge, kinderarbeit, kindesmisshandlung, schwabenland   (9)
 
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