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16 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 12 Rezensionen

mecklenburg, organist, rollstuhlfahrer, verbitterung, peer wesendon

Erntedank in Vertikow

Frank Friedrichs
Flexibler Einband: 302 Seiten
Erschienen bei DichtFest, 26.11.2016
ISBN 9783946937203
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Kennengelernt habe ich diesen Autor und sein Buch im Rahmen einer regionalen Buchmesse. Für das Leseexemplar sage ich noch einmal DANKE und berichte mal von meinen Leseeindrücken.

Wir begegnen:
• einem zwar erfundenen Dorf im Mecklenburg, aber sicher gibt es ganz viele Dörfer, die hier als Vorbild dienen können,
• einem ungewöhnlichen Ermittler, der in dieser Aufgabe vielleicht eine neue berufliche Herausforderung finden will,
• und sehr unterschiedlichen Menschen mit vielen Macken und Eigenarten, die die menschliche Spezies abbildet.

Und somit ist dieser Roman nur am Rande ein Krimi. Ja, es gibt einen Todesfall. Aber der steht nur scheinbar im Mittelpunkt der Geschichte. Vielmehr nimmt Peer Wesendonk diesen Platz in der Mitte ziemlich raumgreifend ein. In seinem ersten Leben, vor einem schweren Motorradunfall, war er Organist hier im Dorf und hatte seinen Beruf oder besser seine Berufung gefunden. Jetzt kehrt er im Rollstuhl zurück und muss sich und sein Leben neu organisieren. An seinen Arbeitsplatz an die Orgel kann er nicht zurück, seine Frau ist während der Woche in Berlin, er ist also allein und hat vor allem viel Langeweile. Zwar organisiert seine Frau  ihm so manche Hilfen, sieht aber nicht, dass diese im Alltag und in der Praxis nur bedingt funktionieren.  Die Unzufriedenheit wächst und Peer fühlt sich mehr und mehr unverstanden.

Da kommt es ihm doch gerade recht, dass der vermeintliche Unfalltod der Nachbarin von manchem Dorfbewohner so gar nicht als Unfall gesehen wird. Hier handelt es sich wohl um Mord, meint man und Peer lässt sich von dieser Meinung anstecken. Zumal die Polizei offensichtlich keine Ermittlungen dieser Art anstellen will und den Vorgang als Unfall ad acta legen wird. Peer beginnt seine eigenen Ermittlungen und die Reaktionen im Dorf sind entweder für ihn oder gegen ihn und seine „dummen“ Fragen. Hat man ihn vielleicht schon als nächstes Opfer auserkoren? Oder entspringen all diese Überlegungen vielleicht nur seinem mit der neuen Situation überforderten Kopf. Aber die Anzeichen mehren sich, dass seine Überlegungen nicht von der Hand zu weisen sind und die unbequemen Fragen letztlich auch ihn selbst in Gefahr bringen.

Wie schon gesagt, ist der Kriminalfall nicht das Spannendste an diesem Roman. Vielmehr ist dies die sehr genaue Beobachtung der involvierten Charaktere und eine vielleicht manchmal ein klein wenig überzeichnete Darstellung der Personen. Aber durch diese spitze Feder wird besonders fein herausgearbeitet, wie das Leben auf dem Dorf, hier in Vertikow, und sicher auch anderswo funktioniert. Mindesten ebenso lesens- und erfahrenswert ist aber die Befindlichkeit des Menschen, der plötzlich sein ganzes Leben neu daraufhin ausrichten muss, dass er es alltäglich mit und in und aus einem Rollstuhl bewältigen muss.

Wer Spannung und Humor und die norddeutsche Mentalität mag, ist hier bestens bedient. 

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Tags: autounfall, dorfleben, hobbydetektiv, mecklenburg, orgelspiel, rollstuhlfahrer   (6)
 

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96 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 78 Rezensionen

wien, carlotta fiore, krimi, oper, österreich

Die unbekannte Schwester

Theresa Prammer
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 07.04.2017
ISBN 9783471351390
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Carlotta Fiore, gescheiterte Opernsängerin und relativ erfolglose Kaufhausdetektivin hat es endlich geschafft. Nach zwei Fällen/ Romanen ist sie als Quereinsteigerin bei der Kripo in Wien angekommen, zusammen mit der Wiedereinstellung von Konrad Fürst, ihrem Vater. Diesen hat sie im ersten Band „wiedergefunden“ obwohl sie ihn nicht wirklich gesucht hat.

Carlotta wird von den Kolleginnen und Kollegen der Abteilung nicht gerade freundlich empfangen, sie wird mit Missgunst und Neid konfrontiert und falsch kolportierte Gründe für ihre Einstellung tun ein Übriges für ein ganz schlechtes Klima untereinander.
Der erste Fall für die beiden Neuen ist der Tod einen Journalisten, am Tatort findet sich ein Notizzettel, auf dem deutlich Carlottas Name steht. Leider kann sie sich dieses Beweisstück nicht aneignen, ein Kollege der Streifenpolizei war schneller. Die Beweisaufnahme am Tatort wie auch die Berichte von Spurensicherung und Gerichtsmedizin tendieren zu einem Suizid und damit soll der Fall möglichst schnell abgeschlossen werden. Carlotta sieht in diesem vermeintlichen Selbstmord aber die Vertuschung eines Mordfalls, weswegen sie alles daransetzt, dass weitere Ermittlungen stattfinden.  Die Hindernisse, die sie aus dem Weg räumen muss, sind schon sehr massiv und auch ihr Vorgesetzter will ihr Ermittlungen entziehen.
Es geht um brisante journalistische Recherchen, um eine alte Nachbarin als Zeugin, der man einfach nicht glauben will und um eine geheimnisvolle weibliche Besucherin, die den Toten kurz vor seinem Ableben noch aufgesucht hat.

Immer wieder werden diese aktuellen Ereignisse mit den persönlichen Lebensumständen von Carlotta und ihrer durchaus komplizierten Vergangenheit verwoben und da beginnt sich ein wenig Kritik bei mir zu rühren. Für meinen Geschmack nehmen diese Ereignisse einen zu großen Raum im Buch ein, der eigentliche Krimi tritt in den Hintergrund. Zeitweilig habe ich mich gefragt, ob ich überhaupt einen Krimi lese.  In einer anderen Rezension habe ich gelesen, dies sei eigentlich eine Zusammenfassung von Carlottas Geschichte aus den beiden Vorgängerbänden. Das kann ich nicht wirklich beurteilen, da ich den zweiten Band nicht kenne. Aber so abwegig scheint mir diese Einschätzung nicht zu sein.

In den „Wiener Totenliedern“ habe ich den morbiden Charme, der sowohl zum Handlungsort Theater als auch zur Stadt Wien hervorragend passte, sehr genossen. Von dieser Stimmung habe ich in diesem Band leider nichts mehr wiedergefunden, das habe ich als sehr schade empfunden und deshalb kann ich diesen Band auch nur halbherzig zum Lesen empfehlen.
Sicher war ein gewisser Spannungsbogen da und die Neugier auf die Lösung sorgte dafür, das Buch bis zum Ende zu lesen. Aber zu mehr als drei Punkte kann ich mich nicht durchringen.

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Tags: mord, suizid, vertuschung, wien   (4)
 

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107 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 79 Rezensionen

reise, alter, berlin, husum, freundschaft

Weit weg ist anders

Sarah Schmidt
Flexibler Einband: 261 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 06.03.2017
ISBN 9783458362562
Genre: Romane

Rezension:

Edith aus Berlin, Christel aus Husum, beide siebzigjährig, lernen sich während einer Reha auf Usedom kennen. Christel möchte doch einfach nur nett sein, doch die etwas kratzbürstige Edith will eigentlich nur in Ruhe gelassen werden. Mehr oder minder zwangsläufig raufen sich die beiden dann doch zusammen. Edith weiß, dass sie zurück in ihre Wohnung und nach der Reha ihr selbstbestimmtes Leben wieder aufnehmen kann. Bei Christel ist das so selbstverständlich nicht, ist sie doch schwer krank und zumindest nach Meinung ihrer gluckenhaften Tochter dazu nicht mehr im Stande. Aber – sie möchte auch noch ihre eigenen Entscheidungen treffen und sich nicht in ihr Leben hineinreden lassen.

Christel hat Edith nach Husum eingeladen und weil in der Berliner Wohnung gerade eine Handwerker-Attacke stattfindet, tritt Edith die Flucht an und reist in den Norden. Dort reift der Plan der beiden, gemeinsam auf eine Reise zu gehen, auch wenn dies mit vielen Vorbehalten geschieht. Immerhin gibt es da auch noch das liebe Geld, mit dem Christel großzügig versorgt ist, Edith dagegen muss sich ihre Finanzen einteilen. Auch wenn klar ist, dass Christel für die wesentlichen Kosten der reise aufkommen wird, schließlich braucht sie die Begleitung und manchmal Hilfestellung einer anderen Person. So gibt es über die finanzielle Situation, aber auch viele andere Themen immer wieder Gelegenheiten für  heftige Meinungsverschiedenheiten.

Als Leser/in erleben wir in diesem Buch das Altsein mit sehr vielen und unterschiedlichen Facetten. Vor allem aber zeigt es auch, dass ältere und nicht mehr so selbstständige Menschen nicht bevormundet werden wollen. Auch wenn die körperliche Kraft langsam schwindet, ist doch das eigene Denken nicht am Ende und die  Menschen sind durchaus zu eigenen Entscheidungen fähig.

Dieser Roman ist eine wohl komponierte Mischung aus Humor und Tiefgang. Sarah Schmidt erzählt die Geschichte von Edith und Christel mit sehr viel Situationskomik, beispielsweise wenn die beiden eine Spielbank besuchen. Doch sie findet auch für eine ausgiebige Reflektion dieses Lebensabschnittes die richtigen Worte.

Vielleicht hatte ich zu sehr „Heiterkeit“ erwartet und brauchte deshalb ein wenig längeres Nachdenken über den Roman. Mittlerweile glaube ich, dass sich die Geschichte so oder ähnlich täglich in unserer Nachbarschaft abspielen könnte und wir gut daran tun, manchesmal ein wenig genauer zu schauen. Wie beispielsweise der Briefträger in Berlin, der für mich neben den beiden Protagonistinnen eine bemerkenswerte Figur ist.

Sehr gelungen und zur Lektüre empfohlen, auch wenn man sich an den Personen reiben kann.

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Tags: alter, berlin, deutschlan, husum, pflegebedürftigkeit, reha, reisen, usedom   (8)
 

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historischer roman, otto der große, ottonen, mittelalter, deutsche geschichte

Die fremde Königin

Rebecca Gablé , Jürgen Speh
Fester Einband: 768 Seiten
Erschienen bei Ehrenwirth, 27.04.2017
ISBN 9783431039771
Genre: Historische Romane

Rezension:

Die fremde Königin

„… erzählt einen Abschnitt der deutschen und europäischen Geschichte dessen Spuren noch heute sichtbar und Teil unserer politischen Realität sind. Ich finde es wichtig, zu verstehen, wie wir wurden, wer wir sind. Dieser Roman will zur Beantwortung dieser Frage beitragen, aber keinen völkischen Schwachsinn transportieren.“

Diesen Anspruch an sich selbst formuliert Rebecca Gable im Nachwort ihres Romans, in dem sie natürlich auch wieder sehr detailliert erzählt, welche Handlungseckpunkte und Personen historisch belegt sind und wo und wann sie ihrer Fantasie freien Lauf gelassen hat.
Die Landkarte im vorderen und der Stammbaum im hinteren Vorsatz helfen sehr, wenn die eigene Orientierung gerade in den ersten Abschnitten noch mal ins Trudeln gerät ob der vielen Namen und Figuren, die man kennenlernt.
Dieser Fortsetzungsband zu „Das Haupt der Welt“ beginnt im Jahr 951 und führt uns in mehreren Zeitabschnitten bis in das Jahr 962.
Adelheid, die Witwe des Königs von Italien, wurde in Garda eingekerkert, bei ihr ihre noch sehr junge Tochter und die Dienerin Anna. Und Gaidemar, ein Bastard, der über seine Herkunft so gut wie gar nichts weiß, aber falsche Vermutungen hegt, soll den heimlichen Plan zur Befreiung der Königin ausführen.
Natürlich verliebt sich der junge Panzerreiter (das waren schwer bewaffnete Reiter, die bereits wie die späteren Ritter Rüstungen aus Metall trugen) in Adelheid, aber ebenso natürlich weiß der geübte Leser von Rebecca Gable, dass diese Verbindung viel zu einfach wäre. Adelheid heiratet – zunächst aus politischen Erwägungen – Otto den Ersten, König des Ostfränkischen Reiches. Adelheid ist eine Frau ihrer Zeit und dieser doch auch weit voraus. Zwar zieht sie nicht direkt mit in die diversen Schlachten, aber sie hat doch ihren Anteil an den Ereignissen und ist für Otto eine wichtige Ratgeberin, wenn nicht sogar die wichtigste.
Gaidemar befehligt Adelheids Leibwache und ist ihr Vertrauter, auch wenn Otto dieses Zusammenspiel zunächst wenig gefällt. Das wird sich im Verlauf des Buches ändern.
Neben vielen neuen Personen treffen wir auch einige Charaktere aus dem ersten Band wieder und zum Ende hin kennt Gaidemar auch seine eigene Herkunft und Geschichte. Dazwischen liegt ein lebhaftes Jahrzehnt, das typisch für diese Zeit geprägt ist von kriegerischen Auseinandersetzungen und ständig wechselnden Koalitionen. Bündnisse von heute haben möglicherweise morgen schon keinen Bestand mehr. Der Hof war eigentlich ständig auf Reisen zwischen seinen verschiedenen Herrschaftssitzen. Welche Riesenunternehmungen das aus heutiger Sicht waren, das lässt sich nur mühsam erahnen. Der Roman lebt neben dem historischen Rahmen natürlich von den für einen Historienschmöker im besten Sinne notwenigen Themen wie Freundschaft und Liebe, Hass und Hinrichtungen und jeder Menge Intrigen.

Wer historische Romane im Allgemeinen und Rebecca Gable im Speziellen mag, ist hier wieder bestens bedient und beraten.
Fünf Sterne und eine absolute Leseempfehlung, anders kann ich auf diese Buch nicht antworten.

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Tags: deutsche geschichte, mittelalter, ottonen, panzerreiter   (4)
 

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29 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

afghanistan, geheimdienste, thriller, vertraue, agenten

Wer die Hunde weckt

Achim Zons
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 16.02.2017
ISBN 9783406704086
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

David Jakubowicz arbeitet als Auslandskorrespondent für eine große deutsche Zeitung. Als er im Auto der Amerikanerin Sandra Brown, Mitarbeiterin der CIA, einen Unfall nur knapp überlebt, wird ihm sehr schnell klar, dass Sandra Brown und er Opfer eines Anschlags geworden sind, den die Amerikanerin nicht überlebt hat. Von ihr sollte David brisantes Material über eine geplante politische Aktion in Afghanistan erhalten …
David gelingt es, sich vom Ort des Anschlags zu entfernen und seine Verletzungen im Krankenhaus behandeln zu lassen. Gleichzeitig verfolgt er so gut es geht, die Nachrichtenlage in der Welt und erfährt von einem Bombardement in Afghanistan. Ein deutscher Offizier hat am Fluss Taloqan durch die Amerikaner zwei Lastwagen bombardieren lassen, angeblich wollten die Taliban mit diesen Fahrzeugen einen Anschlag auf das dortige deutsche Lager verüben. Um die deutschen Soldaten zu schützen, blieb dem Kommandant keine andere Wahl.
Ob das wirklich so war, daran bekommt der Kommandant Robert Westphal massive Zweifel, als er auf den Bildern vom Tatort kleine Hände, kleine Füße entdeckt. Hat hier jemand, und wenn ja, wer, ein böses Spiel mit ihm gespielt? Westphal setzt sich sofort nach Deutschland ab …
Obwohl in einem anderen Jahr und an einem anderen Ort, erinnert doch vieles an die Geschehnisse in Kundus im Jahr 2009.
Auch David reist umgehend nach Deutschland, um Robert Westphal zu finden und persönlich zu den Vorgängen zu befragen, sein Jagdinstinkt nach der großen Schlagzeile ist geweckt.
Die Chefredaktion der großen deutschen Tageszeitung, für die David schreibt, sieht in der Story eine letzte Chance für das Blatt, das durch wirtschaftlich schwierige Zeiten trudelt. Westphal wurde von David gefunden und interviewt, macht aber eine Zustimmung zur Veröffentlichung seiner Kenntnisse von der Zahlung einer hohen Geldsumme abhängig.
Und dann schalten sich deutsche Geheimdienste und das Verteidigungsministerium ein. Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel um die Wahrheit und in den Augen der beteiligten Personen und Institutionen gibt es sehr verschiedene Auffassungen von Wahrheit. Sehr deutlich wird, dass die wirkliche Wahrheit nichts mit der Wahrheit zu tun hat, die wir Normalbürger tagtäglich in den Nachrichten, sei es in Zeitungen oder in Funk und Fernsehen, erfahren dürfen.
Für mich sehr glaubhaft schildert der Autor Achim Zons diese schmutzigen „Geschäfte“ und einmal mehr bestätigt sich die Vermutung, dass die Auslandseinsätze aller westlichen Staaten beispielweise im nahen Osten, beispielsweise in Afrika, keineswegs dazu dienen, die Zivilbevölkerung in den betroffenen Regionen zu schützen. Vielleicht am Rande, aber wirklich wichtig und entscheidend in den Augen der Akteure sind ganz andere Aspekte.
Achim Zons erzählt seinen Roman aus wechselnden Perspektiven und trifft sehr genau immer jenen Punkt, an dem der Wechsel dieser Perspektiven zu erfolgen hat. Die dadurch erzeugte Spannung wird recht gut durchgehalten, selbst wenn der Autor sich an einigen Stellen in Nebensächlichkeiten verliert.

Wer politisches Weltgeschehen auf andere Weise erfahren will, ist mit diesem Buch bestens bedient und wird vielleicht seine eigenen Meinung damit schärfen. Für diese Leser empfehle ich den Roman ohne Einschränkung.

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Tags: afghanistan, amerikanisches militär, bombardierung von zwei tanklastwagen, deutsche bundeswehr, geheimdienste, zeitungswesen   (6)
 

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56 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 31 Rezensionen

familie, brandenburg, wende, geschichte, geschwister

Altenstein

Julie von Kessel
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Kindler, 10.03.2017
ISBN 9783463406770
Genre: Romane

Rezension:

Auf dieses Buch hatte ich mich sehr gefreut, leider blieb es beim Lesen nur noch bedingt bei dieser Vorfreude.
Dabei hat das Buch eigentlich alle Komponenten, um aus dem Stoff einen spannenden Schmöker zu machen.
Das alles ist vorhanden:
Eine Großfamilie von Adel, die in den letzten Kriegsmonaten nach Westen flieht und in Bonn ein neues Zuhause findet.
Eine ausgesprochen starke weibliche Protagonistin, insgesamt 10 Geschwister aus unterschiedlichen Ehen und Beziehungen sowie ein stattliches Anwesen im Brandenburgischen.

Nach einigen Wirren der Flucht findet die Familie wieder zusammen und nach dem Fall der Mauer versucht Konrad, einer der Söhne, den früheren Familiensitz auf verschiedenen Wegen zurückzugewinnen. Das gelingt ihm nach einigen Schwierigkeiten, allerdings nur bedingt. Denn das Gutshaus wurde bereits früher verkauft, umliegende Wälder kann er schließlich mit dem geliehenen Geld einer der Schwestern erwerben. Aber damit sind die kommenden Probleme auch schon vorprogrammiert.

Positiv zu nennen ist auch ein ausführliches Inhaltsverzeichnis und vor allem eine Namensauflistung, aus der das nicht leicht zu durchschauende Familiengeflecht erkennbar wird. Einige Figuren und Charaktere sind gut und pointiert herausgearbeitet, andere bleiben vielleicht auch mit Absicht eher schwach und ein wenig verschwommen.

Und die Autorin erzählt die Familiengeschichte auf unterschiedlichen Zeitebenen und auch nicht immer aus dem gleichen Blickwinkel. Und da fängt mein Unmut an. Hier wird  so munter hin und her gesprungen – in den Zeiten, in den Jahren, bei den Personen, dass ich es als ein deutliches Zuviel des Guten empfunden habe. Obwohl gerade diese Erzählweise mich in der Regel sehr reizt und ich mich durchaus als eine geübte Leserin dieses Genres verstehe, wusste ich hier manchesmal nicht mehr so ganz genau, wann und wo ich mich eigentlich gerade befinde.

Und in der Regel kann ich nach einem Buch dieser Art immer sagen, dass ich wieder etwas dazugelernt habe über unsere Geschichte. Das muss nicht viel sein und nicht groß. Es reicht manchmal ein kleines Detail oder eine neue Sichtweise von bereits Bekanntem. Aber auch das fehlt hier völlig, da so viele Informationen zwar angerissen, aber nicht vertieft werden und schon gar nicht mit wirklichen Hintergrundinformationen versehen sind.

Und das ist schade, das schmälert das Lesevergnügen doch ein wenig und lässt mich für dieses Buch deshalb nur bedingt eine Empfehlung aussprechen.

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Tags: bonn, brandenburg, einteignung und rückgabe, familiengeschichte, flucht 1945, treuhand   (6)
 

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116 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 64 Rezensionen

alter, liebe, einsamkeit, roman, kent haruf

Unsere Seelen bei Nacht

Kent Haruf , Pociao
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 22.03.2017
ISBN 9783257069860
Genre: Romane

Rezension:

Ein kleines und sehr feines Buch, über dessen Gewinn ich mich sehr gefreut hatte, kam aus dem Umschlag und nahm mich ein zweites Mal schon mit ersten Sätzen völlig gefangen. Das erste Mal war das mir bei der Leseprobe passiert.
Noch immer stelle ich mir den Anfang des Buches in meinem Umfeld vor und finde keine Person, der ich dieses „Abenteuer im Alter“ zutrauen würde.

Eines Abends nimmt Addie all ihren Mut zusammen und klingelt bei Louis, einem flüchtigen Bekannten aus der nächsten Nachbarschaft. Ihr Wunsch und ihre Frage an Louis klingen im ersten Moment so ungewöhnlich, doch schon sehr schnell beim Lesen des Buches scheint dies eine ganz natürliche Möglichkeit zu sein, Freundschaft zu schließen und die mögliche Einsamkeit des Alters zu überwinden. 

Seit Addie verwitwet ist, kann sie nicht mehr gut schlafen. Nachts lassen sich die Gedanken nicht verscheuchen und die Einsamkeit beschwert sie zusätzlich. Ihr Wunsch, es möge doch nachts wieder ein Mensch neben ihr liegen und mit ihr reden, klingt eigentlich nicht ungewöhnlich. Aber dass sie diesen Wunsch ohne drumherum zu reden, einfach so ihrem ebenfalls verwitweten Nachbarn präsentiert, ist doch nicht alltäglich und so nimmt es nicht wunder, dass Louis zunächst sprachlos reagiert. Doch Addie macht ihm auch sofort deutlich, dass sie dabei keinerlei erotischen Gedanken hegt, ihr geht es einzig und allein um das Gespräch und noch mehr um das Gefühl, nicht allein zu sein. Gerade und besonders in der Nacht.

Nach ein paar Tagen ist Louis bereit für einen Versuch und siehe da, beiden gefällt dies Arrangement gut. Es tut ihnen einfach gut, mit einem Menschen zu reden, dabei das eigene Leben zu reflektieren und auch sich selbst gegenüber zuzugeben, wo man entscheidende Fehler gemacht hat. Und da sich andere Menschen in der Nachbarschaft schon nach wenigen Tagen das Maul zerreißen, sind Addie und Louis der Meinung, dass er dann auch ganz normal abends durch die Vordertür kommen kann. Die ersten Abende wählte er noch den Weg über die Gärten und durch den Hintereingang. Aber das, was die beiden Protagonisten teilen, geht erstens niemanden etwas an und darf zweitens jeder wissen.

Im Verlauf der Geschichte spielen Addies Enkel Jamie und der Hund Bonny eine ganz wesentliche Rolle, beide leben eine Zeitlang in den beiden Haushalten und spornen die beiden Alten zu ungewöhnlichen Unternehmungen an. Alle Beteiligten genießen ihr „neues“ Leben und wären da nicht Tratscherei und Missgunst, könnte es gerne so bleiben. Dabei sind die Nachbarn noch nicht einmal die Schlimmsten. Noch viel dümmer und unangemessener fand ich die Reaktion der Kinder, insbesondere von Addies Sohn Gene. In ihm zeigt sich ein Wesenszug, den ich einfach nur verwerflich gegenüber der eigenen Mutter finde.

Dieses Buch möchte ich allen „Alten“ ans Herz legen und ihnen sagt, habt den Mut für Euer Leben und Eure Wünsche die Verantwortung zu übernehmen. Steht dazu. Und den jüngeren Lesern empfehle ich es, damit sie (wir) erkennen, dass wir nicht zu den Erziehungsberechtigten unserer Eltern werden, nur weil diese die 70 bereits überschritten haben.

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Tags: alter, einsamkeit, enkel, hunde, liebe, miteinander reden, zuneigung   (7)
 

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121 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 48 Rezensionen

garten, liebe, ellen berg, schrebergarten, humor

Mach mir den Garten, Liebling!

Ellen Berg
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 16.11.2015
ISBN 9783746631462
Genre: Humor

Rezension:

Einen Schrebergarten als Geschenk? Zugegeben eine etwas ungewöhnliche Idee, aber Tante Ruth hat sich schon etwas dabei gedacht, als sie damals nach Italien auswanderte und ihren Garten ihrer Nichte Luisa vermachte.
Luisa ist eine Enddreißigerin und ein ausgesprochener Workaholic. Für die Firma steht sie immer zur Verfügung. Egal ob zusätzliche Stunden am Abend oder Wochenende anfallen, Luisa ist immer zur Stelle. Sie erhofft sich von ihrem Engagement den Aufstieg zur Geschäftsführerin und damit auch ein besseres Gehalt. Das hat ihr Chef ihr jahrelang in Aussicht gestellt. Glaubt sie. Auf dem bevorstehenden Betriebsfest zum Firmenjubiläum wird er bekanntgeben, dass er sich aus dem Geschäftsalltag herausziehen will und Luisa ist fest von ihrem Aufstieg überzeugt.
Aber – alles kommt ganz anders. Robin Konrad heißt der neue Geschäftsführer, kommt von außen und bringt nicht nur interessante Geldgeber in das nicht so ganz gesunde Unternehmen mit, sondern zu allem Überfluss auch noch seine eigene Assistentin. Luisa ist von einem auf den anderen Tag nicht nur ihre Hoffnungen, sondern auch noch die bisherigen Befugnisse los. Sie ist wütend, frustriert, am Boden zerstört, alles gleichzeitig. Doch schon sehr schnell merkt sie, dass mit Robin Konrad und seinen Geldgebern nicht alles koscher ist. Ihr Verdacht wächst, dass dieser die Firma keineswegs sanieren will, sondern ganz andere Pläne verfolgt. Bei ihrem Chef und den Kollegen findet sie lange kein Gehör ….
Zu allem Überfluss kündigt gerade jetzt Tante Ruth ihren Besuch an. Und sie will nicht nur ihre Nichte wiedersehen, sondern auch ihren Garten bewundern. Und da tut sich der nächste Abgrund in Luisas Leben auf. Um den Garten hat sie sich nicht gekümmert und entsprechend sieht dieser aus. Als sie sich dort zum ersten Mal blicken lässt, macht sie die nicht gerade erfreuliche Bekanntschaft ihres Gartennachbarn Kasunke. Er droht ihr, den Zustand des Gartens zu melden und zwangsweise einen Eigentümerwechsel zu veranlassen. Aber das, soviel weiß Luisa, darf auf keinen Fall passieren.
Rettungsaktionen sind also angesagt, für den Garten und für die Firma, und es gelingt Luisa mit der ihr eigenen Beharrlichkeit, Kollegen und Gartennachbarn für ihre Pläne zu gewinnen. Bis das allerdings gelingt, dürfen die Leser an einigen Verwicklungen und Missverständnissen teilhaben.

Der Roman von Ellen Berg liest sich sehr leicht, mit einen steten Schmunzeln und manchmal auch mit einem lauten Lachen. Sicher, die Charaktere sind allesamt sehr überzeichnet und mit spitzer Feder karikiert, aber gerade durch dieses Stilmittel wird jede einzelne Figur deutlich sichtbar und man ertappt sich beim Lesen dabei, die Pendants im eigenen Bekannten- und Kollegenkreis zu suchen. Und wir finden sie.

Gleiches gilt für die beiden wichtigen Aufgaben, auch hier wird sehr übertrieben dargestellt, was mit einem starken Willen alles möglich ist.
Aber – dies ist ja kein Sach- oder Fachbuch über Gartenrettung und Neugestaltung genauso wenig wie es ein Fahrplan zur Sanierung eines in die Jahre gekommenen Unternehmens ist. Deshalb seien wir nachsichtig mit der Realität im Zeitraffer, die in diesem unterhaltsamen Roman an den Tag gelegt wird und lassen wir uns einfach nur unterhalten. Leicht, locker, flockig wie an einem Frühlingstag im Garten.

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Tags: fimensanierung, kollegialität, rettungsaktionen, schrebergarten   (4)
 

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211 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 46 Rezensionen

liebe, freundschaft, dani atkins, familie, intensivstation

Der Klang deines Lächelns

Dani Atkins , Sonja Rebernik-Heidegger
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 02.11.2016
ISBN 9783426519356
Genre: Romane

Rezension:

Sieben Jahre sind eine lange Zeit.  Sieben Jahre haben sich Ally und Charlotte, die in einer früheren Zeit mal gute Freundinnen waren, sich nicht mehr gesehen. Und eigentlich wollten sie sich auch nie wieder begegnen. Und nie wieder wollten sie noch einmal etwas miteinander zu tun haben. Und nun treffen sie ausgerechnet auf der Intensivstation eines Krankenhauses wieder aufeinander.
Was ist passiert?
Allys Mann Joe ist schwer verunglückt, als er versucht hat, einen Jungen aus einem zugefrorenen See zu retten. Jetzt kämpft er und kämpfen die Ärzte um sein Leben.
Charlotte wartet jeden Moment auf den Heiratsantrag von David, endlich soll ihr Traum in Erfüllung gehen. Stattdessen erhält sie die Schreckensnachricht von Joes Zusammenbruch, von dem zunächst niemand weiß, was ihn herbeigeführt hat.

Zunächst sind die beiden Frauen entsetzt, dass sie sich in diesen ohnehin schon schweren Stunden auch noch mit Ereignissen in ihrer gemeinsamen Vergangenheit konfrontiert sehen und dieser Situation nicht ausweichen können. Versuchen sie anfangs noch, die jeweils andere Frau einfach zu ignorieren, kommen sie im Verlaufe der Nacht nicht umhin, sich den Ereignissen zu stellen, die zum Ende ihrer ehemaligen Freundschaft geführt haben. Als Leser werden wir Zeuge einer sehr zaghaften und vorsichtigen Wiederannäherung der beiden Frauen, die letztlich auch Gespräche wieder möglich macht.

Erzählt wird diese Geschichte auf mehreren Zeitebenen und jeweils aus der Sicht jeweils einer der beiden Frauen. Dabei überlappen sie sowohl Zeiten als auch Ereignisse, so dass wir des Öfteren das gleiche Geschehen sehr unterschiedlich erzählt bekommen. Auf konkrete Zeitangaben verzichtet die Autorin, daher ergibt sich die gerade anstehende Zeitebene immer erst aus der erzählten Episode und das keineswegs schon in den ersten Sätzen. Diese Erzählweise macht die Lektüre anfangs recht mühsam, man gewöhnt sich allerdings im Laufe des Buches daran und damit wird das Lesen dann einfacher. Trotz dieser Hindernisse ist man aber von diesem Buch gefangen. Zum einen sicher, weil man wissen will, wie sich die Genesung darstellt bzw. ob es überhaupt eine Besserung gibt. Andererseits gibt dieser Roman ständig Anstöße, sich selbst zu hinterfragen. Wie würde man selbst in einer ähnlichen Situation reagieren? Kann es diese Anhäufung von Zufällen wirklich geben oder hat die Autorin einfach nur ein wenig dick aufgetragen?

Aber eigentlich ist das auch egal, es gelingt der Autorin, in diesem Roman eine Geschichte zu erzählen, die die Leser/innen anrührt ohne kitschig zu sein und die an jeder Stelle des Buches gut unterhält. Mit dem Fortschreiten der Ereignisse steigert sich auch die Spannung, das Ende ist dann allerdings etwas vorhersehbar. Und genau deshalb passiert auch an dieser Stelle wieder etwas beim Leser. Unweigerlich stellt man sich die Frage, ob man die Größe, eine Entscheidung dieser Tragweite zu treffen, selbst auch aufbringen könnte.

Trotz der kleinen Kritikpunkte möchte ich dieses Buch allen empfehlen, die gern emotional starke Frauen- und Familienschicksale lesen.

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Tags: angst, feindschaft, freundschaft, intensivstation, mut, organspende, schicksal   (7)
 

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(3)

5 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

trennung, neuanfang, dackel, neue liebe, freundinnen

Nach ihm die Sintflut

Jule Maiwald
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 16.12.2016
ISBN 9783499272332
Genre: Humor

Rezension:

Der Roman beginnt mit einer sehr skurrilen „Beerdigung“.

Anne, Anfang 40, eine Tochter, hat sich von ihrem Mann Richard getrennt. Und diese symbolische Beerdigung im Kreise ihrer besten Freundinnen soll der Start in Annes  neues Leben werden. In Ermangelung einer echten Leiche muss eine als Richard zurechtgemachte Gummipuppe diesen sozusagen vertreten ….

Anne ist danach von ihrem Trennungsschmerz noch keineswegs geheilt, aber jeder Tag der folgt,  ist ein wenig einfacher als der vorherige. Nur mit den Finanzen hapert es ein wenig. Richard ist ein erfolgreicher Schriftsteller und bislang war Anne nicht nur seine Ehefrau, sondern auch Dienstbotin jedweder Art und vor allem Lektorin ohne Bezahlung.
Die Jobsuche steht daher ganz oben auf Annes Agenda, gestaltet sich aber im Verlagsbereich nicht so ganz einfach. Und dann steht da plötzlich diese Idee im Raum, von der Anne anfangs alles andere als begeistert ist. Gemeinsam mit einer Freundin soll sie die Trennungsagentur Ex und Hopp gründen und deren Geschäftsführerin und Organisatorin werden. Schließlich lässt sie sich überreden, wenn auch noch nicht überzeugen und trotz ihrer Skepsis entwickelt sich das junge Unternehmen erfolgreich. Denn an verlassenen Frauen mangelt es in Hamburg nicht und es sind auch genügend darunter, die sich eine solche Zeremonie leisten können. Gemeinsam mit ihren Klientinnen entwickelt Anne immer neue, zum Teil sehr aufwändige Rituale und inszeniert „Beerdigungen“ ganz besonderer Art. Die Gummipuppen spielen dabei eine immer größere Rolle und sind bestens geeignet, gewisse Rachegefühle zu befriedigen.

Anfangs hatte ich meine Schwierigkeiten mit diesem Roman, er war so wenig lebendig. Aber das ändert sich mit dem steigenden Erfolg des Unternehmens. Es entstehen verrückte Ideen und es bilden sich Netzwerke unter den Frauen, die allerdings auch das ein oder andere Mal zu beinahe dramatischen Missverständnissen führen werden. Ganz besonders gilt das im Falle von Felix, dem möglicherweise neuen Mann in Annes Leben.
Wichtige weitere Figuren sind die Tochter und der Pekinese Gorbi, ein sehr eigenwilliges Exemplar dieser Spezies mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein ausgestattet. Gorbi gehört eigentlich Tante Martha und lebt während deren Reise bei Anne. Obwohl sie die meiste Zeit abwesend ist, spielt Tante Martha eine große Rolle in diesem Roman. In ihrem „Getzwitscher“ als Einleitung jedes Kapitels steuert sie Ideen und Meinungen dabei, die dann auch mal so klingen können:

"Ich halte es darum mit meinem Lieblingsfriseur, der sagt: "Männer sind wie Frisuren. Wechsle sie, bevor sie tun, was sie wollen, ihre Form verlieren oder langweilig werden." (Zitat Seite 34)

Viel Hamburger Lokalkolorit hat ein Übriges dazu beigetragen, dass ich dieses Buch als Häppchen für zwischendurch sehr genossen habe.

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Tags: dackel, freundinnen, hamburg, neue liebe, trennung, trennungsagentur   (6)
 

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(162)

255 Bibliotheken, 5 Leser, 2 Gruppen, 109 Rezensionen

island, thriller, mord, krimi, psychologin

DNA

Yrsa Sigurdardóttir , Anika Wolff
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei btb, 26.09.2016
ISBN 9783442756568
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Eine Freundin sprach von einem „völlig schrägen“ Buch, nachdem sie diesen Roman als Hörbuch für sich entdeckt hatte. Was sie erzählte klang so verrückt, dass ich das Buch selbst auch lesen wollte und jetzt, auch ich bin atemlos bis zum Ende geblieben, kann ich ihr nur zustimmen.
Wer als einigermaßen versierter Krimileser vielleicht glaubt, dass ihm kaum noch „neue“ Morde über den Weg laufen können, wird hier aber sehr klar eines Besseren belehrt. Aber nicht nur das „Wie“ des Mordens ist überraschend und lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Auch das „Wer“ ist am Ende mehr als einfach nur eine Überraschung.  Diese Lösung, dieses Ende habe ich erst wenige Seiten vor dem Schluss, sozusagen auf der Zielgeraden, erraten können.

1987 – im Prolog – lernen wir drei Kinder kennen, Geschwister, die sehr aneinander hängen und wir erleben eine Diskussion unter Erwachsenen, in der es um die Entscheidung geht, diese Kinder zu trennen und somit adoptionsfähig zu machen. Oder soll man sie ob der besonderen Situation doch beieinander lassen, was aber sehr wahrscheinlich zu einem langen Aufenthalt im Kinderheim führen wird.

Jetzt sind wir im Jahr 2015 und im weiteren Verlauf des Romans rätselt man immer wieder, beinahe beständig, ob und wenn ja welche der handelnden Figuren wohl eines der Kinder von damals sein könnte. Oder sind es doch mehrere? Ein grauenvoller Mord an einer Frau, Mutter zweier Kinder, entsetzt nicht nur die Ermittler der Mordkommission und den Leiter dieser Sonderkommission Huldar. Auch die Psychologin Freyja, die bei den Befragungen eines Kindes, Tochter des Mordopfers, eine entscheidende Rolle spielt. In den Aussagen des Mädchens finden sich von Anfang an wichtige Hinweise, aber niemand kann diese richtig deuten und bewerten.
Und es soll nicht bei diesem einen Mord bleiben. Auf die Frage, was die Opfer ggf. miteinander verbindet, finden Huldar und seine Kollegen keine Antwort.

Überhaupt nicht einzuschätzen  war für mich die Rolle eines jungen Amateurfunkers, der plötzlich geheimnisvolle Zahlenbotschaften von einem unbekannten Sender erhält. Eine dieser Zahlen ist seine eigene Identitätsnummer, eine weitere die des ersten Mordopfers. Wer schickt ihm diese Botschaften und was will man ihm damit sagen. Auch diese Figur passt am Ende als ein wichtiges Mosaikteilchen in das Gesamtkonstrukt, erkennen kann man das als Leser aber erst zu einem Zeitpunkt, als es beinahe schon zu spät ist.

Mehr will ich über dieses Buch nicht verraten. Aber als Lektüre empfehlen will ich es sehr gern. Allerdings nicht an eher zartbesaitete Naturen, denn zimperlich geht der Mörder nicht vor und zimperlich ist auch kein Attribut für dieses Buch insgesamt, das der Auftakt zu einer Serie um Huldar und Freyja ist.

Wer nordische und insbesondere isländische Krimis mag, wird hier bestens bedient.

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Tags: amateurfunker, grausamkeit, island, serienmorde   (4)
 

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(60)

104 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 56 Rezensionen

dübell, historisch, luftfahrt, fliegen, zeppelin

Der Jahrhunderttraum

Richard Dübell
Flexibler Einband: 736 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 13.01.2017
ISBN 9783548288277
Genre: Historische Romane

Rezension:

„In den folgenden dreißig Jahren dachten die Menschen, wenn sie als Fliegen dachten, an Zeppeline.
Mit ihnen reisten sie um die Welt. Mit ihnen bombardierten sie im Krieg Ziele auf dem Boden, und zwar alle kriegführenden Parteien.
Der Mensch schafft es jedes Mal, seine größten Erfindungen in Waffen zu verwandeln.“

„… wenn das Luftschiff nicht zugleich so ungeheuer elegant, so schön gewesen wäre, Hundertachtundzwanzig Meter lang, zwölf Meter im Durchmesser – in allen Abmessungen pure Eleganz.
Es sah aus wie etwas, das sich ein Erzähler wie Jules Verne ausgedacht hatte, aber kein nüchterner Ingenieur.“

Dies sind nur zwei Zitate aus diesem umfangreichen Roman, die für den weit über eine Familiensaga hinausreichenden Rahmen des Buches stehen. „Jahrhunderttraum“ ist bereits der zweite Teil der Saga um die Familie von Briest, aber wer ihn nicht kennt, wird ihn auch nicht unbedingt vermissen.

Richard Dübell hat die Geschwister Otto, Amalie und Levin von Briest in den Mittelpunkt dieses Romans. Die Großeltern der beiden sind bei einem schlimmen Eisenbahnunglück in der Schweiz ums Leben gekommen, aber es gibt gewisse Zweifel daran, dass es ein Unfall war. Ein Detektiv wird beauftragt und damit beginnt eine spannende Suche nach Verantwortlichkeiten, die aber von amtlichen Seiten in vielerlei Hinsicht boykottiert werden.
Der Roman erzählt eine Zeitspanne der deutschen Geschichte von etwa 1891 an und reicht bis ins Jahr 1909. Schon in diesen Jahren erstarkt unterstützt von wirtschaftlich starken Persönlichkeiten eine politische Bewegung, die einen sehr fruchtbaren Nährboden für die Kräfte des Nationalsozialismus bereitet. In dieser Deutlichkeit war mir das bislang nicht bewusst.
Gleichzeitig ist dies eine Zeit des Aufbruchs, der industriellen Entwicklungen und Entdeckungen und ein großer Traum der Menschen ist die Fliegerei. Von den ersten relativ erfolglosen und immer wieder durch Rückschläge gekennzeichneten Versuchen eines Otto Lilienthal bis hin zum Grafen Zeppelin und seinem Fluggerät gleichen Namens reicht die Spanne und so unterschiedlich wie die verschiedenen technischen Ansätze, so spannend sind die Menschen, die hier ihre Träume verfolgen.
Auch wenn mich die technischen Details manchmal ein wenig zum drüber Hinweglesen verführt haben, alles in allem habe ich dieses Buch sehr genossen. Es vereint, was eine gute Familien- und Historiensaga mitbringen muss: Interessante Menschen, das spannend erzählte und gut recherchierte gesellschaftliche und politische Klima, in dem die Menschen leben, ein bisschen Tragik und Liebe nicht zu vergessen. Und wer das so geschickt und lesenswert miteinander verknüpft wie Richard Dübell, hat unbedingt eine 5 Sterne Empfehlung verdient.

Zum Lesen sehr empfohlen.

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Tags: anfänge der fliegerei, berli, bodensee, familiengeschichte, lilienthal, zeppelin   (6)
 

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(62)

87 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 60 Rezensionen

fliegen, frauenbewegung, pilotinnen, nationalsozialismus, frauen

Unsere Hälfte des Himmels

Clarissa Linden
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 10.01.2017
ISBN 9783426519011
Genre: Romane

Rezension:

Bei diesem Roman versprachen die Beschreibung und die Leseprobe etwas mehr, als das Buch zumindest anfangs halten konnte.
Wer allerdings das Durchhaltevermögen aufbringt und die ersten 180/ 200 Seiten wirklich liest, wird dann doch durch stetig wachsende Spannung und eine recht gute Geschichte belohnt. Wie gut, dass ich diese Rezension schreiben musste, daher durfte ich meinem anfänglichen Wunsch, mit der Lektüre aufzuhören, nicht nachgeben.
Durchhaltevermögen und Stärke mussten auch die Frauen beweisen, die in 20er und 30er Jahren Fliegerinnen waren bzw. werden wollten.
So wie Amelie und ihre beste Freundin Hanni. Ihre Geschichte spielt im Jahr 1935 und bereits erreichte Frauenrechte bzw. Frauenfreiheiten werden von den Nationalsozialisten sukzessive wieder zurückgedrängt. Amelie und Hanni wollen sich diesen gesellschaftlichen Normen ihrer Zeit nicht unterordnen und ihren Traum von Fliegen leben und sie wollen auch davon leben, sprich: damit Geld verdienen. Beide bewerben sich heimlich in Berlin bei der Bücker Flugzeugbau GmbH um einen Ausbildungsplatz. Wenn alles klappt, dann wollen sie gemeinsam nach Berlin gehen und auch zusammen dort wohnen. Ein Gedanke, den sich anfangs beide verbieten, ist die Frage, was passieren wird, wenn nur eine von ihnen eine Zusage bekommt. Aber schneller als erwartet tritt ein Mann in Amelies Leben, ausgerechnet der Fluglehrer ihre besten Freundin. Ab diesem Moment gibt es Geheimnisse zwischen den beiden und die Freundschaft droht daran zu zerbrechen.
Ein zweiter Handlungsstrang spielt im Jahr 1971 und hier ist Amelies Tochter Lieselotte die Protagonistin. Lieselotte ist verheiratet, lebt in Kassel und erfährt durch einen Telefonanruf, dass ihre Mutter einen Unfall erlitten hat und in einem Frankfurter Krankenhaus im Koma liegt. Obwohl das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter nie besonders herzlich war, reist Lieselotte nach Frankfurt und quartiert sich für einige Tage in der Wohnung der Mutter ein. Im Krankenhaus erfährt sie, dass Koma-Patienten wahrscheinlich hören und fühlen, was um sie herum passiert, auch wenn es dafür keine erkennbaren Reaktionen gibt. Ihr wird nahegelegt, der Mutter vorzulesen und über Dinge zu sprechen, die schöne Erinnerungen wecken können. Von dieser Aufgabe ist Lieselotte völlig überfordert und so beginnt sie, in den Schränken der Mutter nach Aufzeichnungen oder Fotos zu suchen. Denn, das stellt sie mit Erschrecken fest, sie weiß noch weniger über Leben und Vergangenheit der Mutter, als ihr bewusst ist. Bei ihrer Suche nach Amelies Vergangenheit hilft ihr deren Nachbarin Marga, eine junge Studentin, die Lieselotte eher befremdlich findet und sich wundert, dass zwischen Mutter und Nachbarin ein freundschaftliches Verhältnis besteht. Erst durch Marga beginnt Lieselotte neben den Recherchen auf Amelies Spuren auch ihr eigenes Leben und ihre Ehe zu hinterfragen.
Beide Frauenfiguren, Amelie und Lieselotte, leben in Zeiten, die Frauen neben den allgemeinen politischen Ereignissen auch als Umbruchzeiten erlebten. 
Nach den anfänglichen Längen ist dies ein Roman, der zeitgeschichtliche Ereignisse mit dem Schicksal von Menschen geschickt verbindet. Und auch neugierig machen kann, von weiteren Fliegerinnen und deren Leben als Pionierinnen zu lesen. Und der einmal mehr deutlich aufzeigt, welch menschenverachtende Mächte in den Jahren des Nationalsozialismus am Werk waren.

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Tags: berlin, emanzipation, fliegerinnen, frankfurt, nationalsozialismus, pilotinnen   (6)
 

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519 Bibliotheken, 18 Leser, 2 Gruppen, 77 Rezensionen

david hunter, thriller, simon beckett, england, backwaters

Totenfang

Simon Beckett , Sabine Längsfeld , Karen Witthuhn
Fester Einband: 560 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Wunderlich, 14.10.2016
ISBN 9783805250016
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

„Gut Ding will Weile haben“ sagt das Sprichwort nicht ohne Grund.

Es gibt viele Dinge, die immer besser werden, je mehr Zeit für das Gutwerden man ihnen einräumt. Das gilt auch und im Besonderen für Bücher, obwohl  das Gefühl dafür leider immer mehr verloren geht.
Auf dieses Buch trifft dieser Satz ohne Einschränkungen zu. Simon Beckett hat sich nach dem letzten Roman der David-Hunter-Reihe Zeit gelassen, gute sechs Jahre liegen zwischen dem Vorgänger und dem jetzt erschienenen fünften Band „Totenfang“. Bei den letzten Bänden wurden leichte Ermüdungserscheinungen sichtbar und die Lesefreude nahm an. Jetzt ist sie mit Macht zurückgekehrt und ich habe „Totenfang“ mit der gleichen Atemlosigkeit gelesen wie seinerzeit „Die Chemie des Todes“.
Die beruflichen Aussichten Dr. Hunters sind zur Zeit nicht die besten, seine Anstellung an der Uni scheint gefährdet und auch die Polizei greift seltener auf seine Hilfe als forensischer Anthropologe zurück.
Auf der Fahrt zu einem Wochenendaufenthalt bei Freunden stolpert Dr. Hunter sozusagen in seinen nächsten Fall hinein – und findet eine Leiche. In einem unwirtlichen Mündungsgebiet an der Küste von Essex, den Backwaters, ereilt ihn eine Autopanne, die noch Folgen haben wird. Hilfe sucht er bei einer Familie, die ihm die Unterstützung zwar nicht verweigert, aber es an der notwendigen Höflichkeit und Freundlichkeit fehlen lässt.
Dr. Hunter versteht dieses Verhalten erst, als er erfährt, dass die Ehefrau und Mutter der Familie seit einigen Monaten vermisst wird. Aber da ist es zum Teil schon zu spät, seine Verstrickung in den Fall steht in ständigem Widerstreit zu seinen beruflichen Aufgaben und der Arbeit für die Polizei.
Wie man es von Simon Beckett gewohnt ist, beschreibt er den Zustand und die Veränderungen von  Wasserleichen sehr detailliert ohne dass es für den Leser eklig wird. Man erfährt, wann und warum sich nach und nach Körperteile wie Hände und Füße, später auch der Kopf vom Torso lösen. Welche Einflüsse hat die Natur? Die Wassertemperatur, Ebbe und Flut, der auch ohne Wasser schon sehr komplizierte Verwesungsprozess gehen hier eine Verbindung ein, die kaum sichere Aussagen über den Todeszeitpunkt und die näheren Umstände des Todes erlauben. Doch diese Leiche bleibt nicht die einzige, ist eine davon der ebenfalls seit Wochen verschwundene Leo Villiers? Dr. Hunter hegt daran Zweifel, aber der Vater von Leo lässt eine wahre Armada von Anwälten tätig werden, damit der Tod seines Sohnes festgestellt wird. Wohlgemerkt festgestellt, nicht aufgeklärt.
Dieses Verhalten und weitere recht eigenwillige Figuren treten nach und nach auf und tragen neben dem unwirtlichen und teilweise bedrohlichen Wetter zur immer weiteren persönlichen Verstrickung Dr. Hunters in den Fall bei, was wiederum sein Verhältnis zur Polizei sehr belastet. Er will es lange nicht wahrhaben, aber er befindet sich in akuter Gefahr.
„Totenfang“ ist spannend von Anfang an und trotzdem gelingt es Beckett, diese Spannung von Seite zu Seite noch zu steigern.  Die letzten 200 Seiten musste ich am Stück lesen, eine Pause hätte ich nicht mehr geschafft.
Diesem Buch gebe ich eine absolute Leseempfehlung!

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Tags: backwaters, david hunter, england, entführung, erpressung, wasserleichen   (6)
 

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(121)

257 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 92 Rezensionen

familie, anna mcpartlin, irgendwo im glück, homosexualität, liebe

Irgendwo im Glück

Anna McPartlin , Sabine Längsfeld
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 26.08.2016
ISBN 9783499272233
Genre: Romane

Rezension:

Zugegeben – bislang hat mich diese Autorin nicht so sehr angesprochen, aber mit diesem Roman hat sie mich nicht nur total überrascht, sondern auch begeistert.

„Irgendwo im Glück“ sein, mehr möchte Jeremy nicht, aber diesen Moment, diesen Raum zu finden, das ist nicht so einfach. Schon gar nicht wenn man Teenager ist und sich die eigenen Lebensumstände ganz anders ausmalt.
Jeremy ist 16, mit seiner jüngeren Schwester lebt er bei seiner Mutter Maisie Bean, die den gewalttätigen Ehemann und Vater vor Jahren endlich verlassen hat und es so gerade schafft, mit zwei Jobs sich und ihrer kleinen Familie ein einigermaßen normales Leben zu gestalten. Große Sprünge können sie nicht machen, das Geld ist immer knapp, aber sie haben sich eingerichtet in ihrem Leben und sind (meistens) zufrieden.
Jeremy kümmert sich immer dann, wenn seine Mutter aus dem Hause ist, liebevoll und  verantwortlich um die demente Großmutter Bridie, die mit ihnen im Haushalt lebt und keinesfalls mehr allein bleiben kann.
In dieser doch einigermaßen stabilen Situation geschieht Unfassbares. Jeremy ist plötzlich verschwunden, gemeinsam mit seinem besten Freund Rave. Keiner der Clique, mit der die beiden stets zusammen waren, hat eine Erklärung und so wird schließlich eine polizeiliche Untersuchung eingeleitet. Taucher suchen den nahen Stausee ab, finden aber nichts. Lediglich das Fahrrad, mit dem die beiden Jungen unterwegs waren, wird nach einigen Tagen in einem Gebüsch gefunden.
Die Medien stürzen sich auf den Fall, am Ende tritt Maisie sogar im Rahmen einer Polizeipressekonferenz auf und appelliert an mögliche Entführer, ihren Sohn gehen zu lassen. 

Ausgesprochen geschickt finde ich die Erzählweise der Autorin. Das Buch beginnt mit einem Prolog, in dem wir Leser teilnehmen an einer Lesung der Autorin Maisie Bean, die die Geschichte ihres Sohnes, seines Verschwindens, der Suche und der Sorge einer ganzen Familie und Region vor 20 Jahren erzählt. Und an gleicher Stelle bei der gleichen Gelegenheit finden wir uns am Ende im Epilog wieder, der letztlich ein flammendes Plädoyer der Autorin – und der Mutter von Jeremy - an das Publikum und auch an uns, die Leser des Romans, darstellt.
Die Geschichte beginnt am ersten Januar 1995 und endet nach nur wenigen Tagen. Was in diesen Tagen geschieht, wird immer wieder aus wechselnden Perspektiven der beteiligten Personen geschildert. Damit erleben wir auch hautnah, wie verschieden Menschen über ein gleiches Detail oder eine gleiche Handlung denken können.
Dadurch ist der Autorin ein Buch zu einem heiklen Thema auf stellenweise sogar leichte Art gelungen, immer allerdings mit einer großen Spannung versehen, so dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.

Wer die Autorin bereits kennt, sollte auf dieses Buch keinesfalls verzichten. Er wird aufs Angenehmste überrascht sein.

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Tags: drogen, entführung, familie, homosexualität, verschwinden   (5)
 

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(59)

142 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 18 Rezensionen

krebs, liebe, tod, freundschaft, krankheit

Das Leben drehen

Nicole Walter
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.06.2012
ISBN 9783426510612
Genre: Romane

Rezension:

Plötzlich war da dieser Hut in ihrem in ihrem Zimmer, vor ihrem Schreibtisch.

Und unter diesem Hut Amelie. „Ich bitte sie um ihren Mann. Nicht für lange. Ich werde sterben“. Das hatte sie gesagt und für Marlene stürzt mit diesen Worten eine bislang als heil geglaubte Welt zusammen.
Marlene, Ärztin in der Onkologie, ist verheiratet mit Markus, einen erfolgreichen Fotografen. Beiden fordert der Beruf viel Zeit ab und beide gehen in ihren jeweiligen Aufgaben auf. Und plötzlich diese Erkenntnis: Markus betrügt mich, ich habe nichts bemerkt! Habe ich wirklich nichts bemerkt?

Marlenes Gefühle fahren Achterbahn. Ihr ganzes Weltbild ist aus den Fugen geraten und ihr eigenes Leben erst recht. Sie hat einige Baustellen in ihrer Vergangenheit, die sie jetzt wie ganz selbstverständlich wieder einholen, denen sie sich allerdings erstmals mit einer gewissen Bereitschaft stellt. Nach anfänglicher Hilflosigkeit ist Marlene bereit, Amelie als Patientin auf ihrer Station zu akzeptieren und will mit ihr gemeinsam um das Leben der jungen Frau kämpfen. Markus entpuppt sich als ganz offensichtlicher Feigling, als er von Amelies Krankheit erfährt, reagiert er mit Flucht. Soweit die rein äußerlichen Fakten, das Innenleben aller Beteiligten aber ist sehr viel tiefer betroffen und auch vielschichtiger, als es sich in diesen Äußerlichkeiten zeigen kann.
Amelie und Marlene empfinden im Laufe der Geschichte mehr und mehr Freundschaft für einander und es gelingt Amelie, Gedanken bei Marlene aufzurufen, denen diese sich bislang beharrlich verweigerte. Jetzt setzt sie sich mit diesen ungeklärten Fragen und Beziehungen aus ihrem Leben, aus ihrer Vergangenheit auseinander und ist in der Lage, Lösungen anzustreben und auch zu finden.

Bis hierhin bleiben trotz der spannenden und auch anrührenden Geschichte die Charaktere ein wenig distanziert gegenüber der Leserin, das ändert sich allerdings mit dem Auftreten von Amelies Oma, bei der alle gemeinsam einige Zeit in der Toskana verbringen. Mit dieser Frau erlebt der Roman nicht nur in den Handlungen eine gewisse Wendung, sondern hier erscheint unter all den Figuren plötzlich ein richtiger Mensch auf der Bildfläche. Ein Mensch mit Ecken und Kanten, mit Lebenserfahrung und auch mit einer Einstellung zu Leben und Tod, von der wir uns alle eine Scheibe abschneiden können. Und eine Figur, die mit beiden Beinen auf der Erde steht und im Hier und Jetzt verankert ist.
Nicht zuletzt diese Figur hat mich dem bis dahin etwas sperrigen Buch versöhnt, ohne diese Oma hätte ich vielleicht irgendwann doch nicht weiter gelesen.

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Tags: ehebruch, freundschaft, krebestation, münchen, onkologie, rod, toskana   (7)
 

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(7)

23 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

faber-castell, 19. jahrhundert, faber-castel, bleistiftfabrik, familiendynastie

Eine Zierde in ihrem Hause

Asta Scheib
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Taschenbuch, 23.08.2011
ISBN 9783499256608
Genre: Biografien

Rezension:

Es ist schon viele Jahre her, dass ich dieses Buch gelesen habe. Damals überlegte ich etwas despektierlich, ob ich ein Buch über „diese „Bleistifttante“ überhaupt lesen wollte.
Asta Scheib hat mich eines Besseren belehrt. Schon von den ersten Seiten an war ich fasziniert von dem lockeren, aber keineswegs flachen Schreibstil und von Seite zu Seite begeisterte mich der Faktenreichtum, der hinter diesem Roman steht und von einer gründlichen Recherche zeugt.
Erzählt wird die Geschichte der Ottilie von Faber, die mit gerade mal 16 Jahre von ihrem Großvater als Erbin und Nachfolgerin in der Firma bestimmt wird. In diesem Sinne wird sie fortan erzogen und in die Belange des damals schon recht erfolgreichen Unternehmens eingeführt.  Der Großvater verstirbt früh und Ottilie heiratet seinem Wunsch entsprechend der Grafen zu Castell. Dass sie entgegen den Gewohnheiten der Zeit ihren eigenen Namen behalten kann, hat noch der Großvater durchgesetzt und so nennt sie sich nun Ottilie von Faber-Castell. Tief verborgen in ihrem Inneren weiß Ottilie, dass diese Ehe falsch für sie ist. Aber es sollen viele Jahre vergehen, ehe sie sich befreit. Der Ehemann setzt alles daran, Ottilie aus der Firma drängen und auf den ihr und allen Frauen angemessenen Platz zu verweisen. Kinder, Küche, Kirche. Ottilie bekommt in dieser Ehe fünf Töchter und dann schließlich den lang ersehnten Erben. 
Sie hat mittlerweile einen anderen Mann kennengelernt und erreicht für sich den Punkt in ihrem Leben, an dem sie ihr eigenes Leben beginnen und leben will. Sie erwirkt die Scheidung, verliert ihr Erbe und jeglichen Kontakt zu ihren Kindern, aber sie weiß, dass diese Entscheidung für sie die richtige ist.
Historisch interessant wird dieser Roman vor allen dadurch, dass er nicht nur eine Seite des damaligen  Lebens erzählt. Mit dem Dienstmädchen Anna, die im Laufe des Buches zu einer Vertrauten von Ottilie wird, erleben wir auch das Leben der einfachen Leute im ausgehenden 19. Jahrhundert. Das dadurch entstandene breite Bild dieser Zeit lässt uns den Roman nicht nur lesen, sondern in gewisser Weise auch erleben. Und wir erleben in der Person des Großvaters einen Unternehmer, der schon damals wusste, dass er seinen Wohlstand und sein privilegiertes Leben zu einem guten Teil seinen Angestellten und Arbeitern zu verdanken hat. Und der danach handelt.

Wie gesagt, es ist lange Jahre her, das ich dieses Buch gelesen habe; jetzt bin ich zufällig wieder darauf gestoßen und habe einige Passagen noch einmal gelesen. Es hat mich noch immer fasziniert und hat für mich als historisch-biografischer Roman weiterhin eine gewisse Bedeutung. Es liest sich flüssig und spannend und wird sicher alle begeistern, die Gefallen an starken Frauenfiguren und guten  und historisch interessanten Familiengeschichten haben.

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Tags: 19. jahrhundert, bleistiftfabrik, faber-castell, ottilie von faber-castell   (4)
 

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(58)

70 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 56 Rezensionen

südtirol, krimi, mord, commissario grauner, ultental

Die Stille der Lärchen

Lenz Koppelstätter
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 13.10.2016
ISBN 9783462047349
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein bizarres Bild erwartet den Commissario Grauner, als er in diesem einsamen Tal in Südtirol eintrifft.
Unweit des Dorfes St. Gertraud lehnt draußen bei den alten Urlärchen an einem dieser Stämme die Leiche eines 17jährigen Mädchens. Ein Mörder ist schnell gefunden, oder besser zwei Mörder.
Zum einen ist da der geständige Architekt Benedikt Haller, der erst vor kurzem in dieses einsame Tal gezogen und vom ersten Tag bis jetzt ein Außenseiter geblieben ist. Will er mit seinem Geständnis seinen Sohn schützen?  Michael, ein verhaltensauffälliger Jugendlicher, war Klassenkamerad des Opfers und vielleicht waren die beiden sogar befreundet? Die Dorfgemeinschaft, die ansonsten schweigt wie eine Wand, ist sich in dieser Sache aber ganz sicher. Der Michl war’s und ihn wollen sie dafür auch bestraft wissen. Die Erkenntnisse und auch die Arbeit der Polizei bedeuten ihnen nichts, ihre eigenen (Vor)-urteile sind wichtiger und mit Sicherheit auch richtiger. Entsprechend zäh gestalten sich die Befragungen und der Dorfgeistliche scheint auch eine sehr dubiose Rolle zu spielen. Zudem gibt es nach und nach immer mehr Hinweise auf ein gut 100 Jahre zurückliegendes Ereignis, mit dem der jetzige Mord irgendwie in Verbindung stehen soll.
Grauner und sein Kollege Saltapepe geben nicht viel auf das Geständnis Hallers. Zumal er alle weiteren Aussagen verweigert und sie an dieser Stelle einfach nicht weiterkommen.
Dass sie den Mord trotz all dieser Widernisse in wenigen Tagen aufklären, liegt zum einen an dem kriminalistischen „Näschen“ von Grauner, der neben seinem Beruf als Polizist im Nebenerwerb auch noch „Viechbauer“ ist und beide Berufe mit Leidenschaft und Herzblut ausübt. Es liegt aber auch an der oft anderen Einschätzung von Saltapepe, der als zwangsweise Zugezogener mit der Mentalität der Menschen in der Region oftmals seine Schwierigkeiten hat. Er kommt eigentlich aus Neapel, wurde in diese „hinterste Ecke“ in Südtirol zwangsversetzt und möchte manchesmal die Fälle lösen wie er das aus dem Süden her kennt. Da nimmt man schon mal schnell die Waffe zur Hand. Grauner dagegen ist Südtiroler durch und durch, er ist verwurzelt in der Gegend und versteht die Leute auf seine Weise einfach besser.
Diese beiden Charaktere, die, so scheint es stellenweise, auch ein wenig Gegenspieler und Konkurrenten sind, machen für mich den Reiz dieses Buches aus. An ihnen sieht man überdeutlich, dass Südtirol und das übrige Italien zwar verwaltungstechnisch ein Land sind. Im Leben und im Alltag Menschen ist das aber noch lange nicht angekommen.
Grauner und Saltapepe beißen sich jeder auf seine Weise in den Ereignissen fest, streiten sich aufs Feinste und finden sich doch immer in gemeinsamen Erkenntnissen wieder.
Die Lösung ist überraschend, aber doch logisch und was diesem Roman an Spannung durch Action vielleicht ein wenig fehlt, macht er durch die Spannung, die in den Charakteren steckt, allemal wieder wett.

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(53)

73 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 42 Rezensionen

nsu, verfassungsschutz, düsseldorf, mord, thriller

Wolfsspinne

Horst Eckert
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Wunderlich, 26.08.2016
ISBN 9783805250993
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:  
Tags: düsseldorf, nsu, raf, rauschgift, verfassungsschutz   (5)
 

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58 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 19 Rezensionen

thriller, playground, mutterliebe, schweden, fantasie

Playground – Leben oder Sterben

Lars Kepler , Christel Hildebrandt
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Piper, 04.10.2016
ISBN 9783492060462
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Was trifft für mich nach der Lektüre dieses Buches eigentlich zu? Letzteres sicher nicht, denn ich hatte ganz andere Erwartungen. Da ich schon einige Romane dieses Schreibduos kenne, war ich schon eher darauf eingestellt, etwas Ähnliches lesen zu können. Aber weit gefehlt und da mich das Buch auf seine ganz eigene Art gefesselt hat, ist auch das erste Attribut nicht zutreffend. Bleibe ich also bei „ganz gern gelesen“ und füge hinzu, auch mit großer Spannung gelesen.

Der Roman spielt auf zwei Ebenen, mit relativ kurzen Sequenzen in der realen Welt und sehr ausführlichen in einer fiktiven Welt. Und ob diese zweite Welt vielleicht doch real sein könnte, das werden wir nicht erfahren. Im Mittelpunkt steht Jasmin, die zu Beginn als Soldatin der schwedischen Armee im Kosovo kämpft und bei einem Einsatz schwere Verletzungen erleidet. Kurzzeitig ist sie klinisch tot, wird aber reanimiert. Diese kurze Zeitspanne erlebt Jasmin als eine Halluzination, die zeitlich eine ganz andere und viel weiterreichende Dimension darstellt als nur einige Minuten.
Jasmin redet immer wieder über dieses Erleben und wird damit als psychisch krank eingestuft. Sie wird behandelt und lernt in dieser Zeit, dass es besser ist, nicht auf ihren Erfahrungen zu beharren, wenn sie wieder in ein normales Leben zurückkehren  will. Jahre später, Jasmin ist aus der Armee ausgeschieden, hat inzwischen ein Kind, passiert das Gleiche wieder. Nach einem Autounfall, bei dem sie und auch ihr Sohn schwer verletzt werden, gerät sie wieder in diese fiktive Welt.
Sie weiß nun, dass sie sich die Erfahrungen nicht eingebildet hat und fasst nach ihrer „Rückkehr“ einen schwerwiegenden Entschluss. Um das Leben ihres Sohnes zu beschützen und zu retten, muss sie noch einmal in diese andere Welt zurückkehren.

Diese fiktive Welt des Nahtoderlebnis wird sehr ausführlich beschrieben, vieles daran erinnert an das heutige China und das ist sicherlich kein Zufall. In diesem anderen Erleben geht es um nichts mehr als das nackte Überleben. Die Minuten hier, in denen sich entscheidet, ob ein Patient reanimiert werden kann, weiten sich dort zu einem komplexen Geschehen in einer zeitlichen Dimension, die nicht zu fassen, aber in jedem Fall sehr viel größer ist. Zwischen dem Stillstand des Herzens und dem endgültigen Tod, nach dem eine Rückkehr nicht mehr möglich ist, haben die Betroffenen in dieser anderen Welt viele Möglichkeiten der Einflussnahme. Nur wenn sie die richtigen Entscheidungen treffen und die zahlreichen Kampfsituationen bestehen, haben sie eine Chance. In diesem Geschehen, in den Kämpfen, geht es brutal und blutig zu, zartbesaitete Gemüter sollten das vorher wissen, aber die Spannung hat mich immer weiter gezogen bis zum Schluss.

Playground ist ein ganz anderes Buch von Lars Kepler als die Erwartungshaltung vermuten ließ, aber auch ein ganz anderes Buch hinsichtlich des Themas.
Ich kann mich nicht erinnern, über das Thema Nahtoderfahrung schon einmal in einem Roman in so ausführlich und detailliert geschilderten Erlebnissen gelesen zu haben.

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Tags: chin, klinisch tot, nahtod, soldatin   (4)
 

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122 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 26 Rezensionen

sylt, krimi, dora heldt, einbrüche, immobilien

Böse Leute

Dora Heldt
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 19.02.2016
ISBN 9783423260879
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Wer Dora Heldt kennt, wird auch diesen Roman von ihr mit Genuss lesen. Wer allerdings das erwartet, was als Genre auf dem Cover steht – Kriminalroman – wird das Buch nach der Lektüre möglicherweise ein wenig enttäuscht zur Seite legen.
Die Autorin bleibt ihrer bislang bekannten Linie treu und erzählt erneut eine kurzweilige Geschichte von der Insel Sylt und auch das Personal ist den Fans dieser Autorin nicht fremd.

Hauptkommissar a. D. Karl Sönnigsen ist seit kurzem pensioniert. Sein Nachfolger als Revierleiter ist in Karls Augen ein echter Reinfall und so nimmt es nicht wunder, dass Karl zusammen mit den Freunden Onno, Charlotte und Inge ein eigenes Ermittlerteam auf die Beine stellt, das fröhlich bei Kaffee und Kuchen drauflos ermittelt. Dabei versteht er es geschickt, selbst eigentlich so wenig Arbeit wie möglich zu erledigen und die verschiedensten Aufgaben an die drei anderen Hobbydetektive zu delegieren.

Natürlich hat das die „echte“ Polizei so gar nicht gern, was die Vier dort auf die Beine stellen. Und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich Karl Sönnigsen kräftig mit seinem in seinen Augen unfähigen Nachfolger Peter Runge anlegt. Diese mysteriösen Einbrüche können doch nicht so schwierig aufzuklären sein. Denn eingebrochen wird nicht in die Villen der Reichen und Schönen, sondern in die eher bescheidenen Häuser von Einheimischen. Und – es wird auch eigentlich nichts gestohlen außer sehr wenig Bargeld. Die Terassentüren bieten wenig Widerstand  und die Einbrecher hinterlassen stets große Unordnung.

Doch jetzt, beim letzten Einbruch, ist plötzlich ein Detail anders. Es gibt eine Leiche. Unfall oder Mord? Gibt es Zusammenhänge zum Einbruch? Diese und andere Fragen soll eine vom Festland hinzugezogene Kollegin von der Mordkommission klären. Eigentlich ist Anna eine alte Bekannte von Karl, doch auch sie ist nicht willens, ihre Erkenntnisse mit ihm und seinen Freunden zu teilen. Und nun wird Karl richtig bockig. Dann gibt er auch nicht mehr preis, was seine Rentnergang herausfindet.
Seine Nase erkennt immer noch die richtige unter den verschiedenen Spuren und so wundern sie Leser und Leserinnen nicht, dass am Ende ein siegreiches Quartett von Hobbyermittlern steht. Das sich natürlich auch wieder mit den richtigen Polizisten aussöhnt …

Nein, ein Krimi im klassischen Sinne ist das nicht geworden, eher ein Liebes-, Frauen- und vielleicht auch ein Gesellschaftsroman, in dem ein paar Einbrüche zu klären sind. Sozusagen mit einer „Prise Krimi“. Die Aufklärung lässt Dora Heldt ihre Protagonisten eher nebenbei erledigen, denn das Leben bietet ja noch so viele andere Seiten, die in einem Roman auch erzählt sein wollen. Liebe, Missgunst, Neid und die daraus resultierenden Missverständnisse und Verwicklungen.

Ich habe das Buch schnell und auch gern gelesen, es unterhält auf die bekannt kurzweilige Art und wird sowohl allen Dora – Heldt - Fans gefallen als auch jenen, die etwas Spannendes lesen wollen, aber nach eigenem Bekunden keine Krimis mögen.

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Tags: einbruch, hobbydetektive, immobilien, mord, sylt   (5)
 

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(70)

99 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 47 Rezensionen

helgoland, thriller, spannung, orkan, anna krüger

Hell-Go-Land

Tim Erzberg
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 22.08.2016
ISBN 9783959670463
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Bislang hatte ich nie Neugierde nach Helgoland verspürt, doch nach der Lektüre dieses Buches sieht das anders aus. Und ich verspüre große Lust, die Insel zu erkunden, stellenweise mit diesem Roman als Reiseführer.

Der Leser erlebt Helgoland im Winter, während eines heftigen und mehrere Tage andauernden Sturms. Es sind keine Touristen mehr auf der Insel und die Bewohner haben sich in ihren Häusern und auch in ihrer Privatheit verschanzt.
Genau in diese Zeit fällt der erste Arbeitstag von Anna Krüger, die hier im abgeschiedenen Polizeiposten der Insel ihre neue Stelle als stellvertretende  Leiterin der Dienststelle antritt. Anna ist auf der Insel aufgewachsen, aber von Ihrer Rückkehr wissen nur ganz wenige und das aus gutem Grund.
Trotzdem erwartet sie schon an diesem ersten Tag eine grausige Überraschung. Ein Paket, an sie persönlich adressiert, wurde vor der Tür der Dienststelle abgelegt und der Inhalt macht ihr unmissverständlich klar, dass es vor den Schrecken der Vergangenheit kein Entrinnen gibt. Und es werden weitere Pakete folgen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn Anna weiß: wenn sie nicht in Erfahrung bringt, wer ihr diese Pakete schickt, wird es ein Menschenleben kosten.
Obwohl man als  Leser an vielen Stellen den Ereignissen ein wenig voraus ist, erfährt man doch sehr lange Zeit nicht, welcher Art das Geheimnis aus Annas Jugend ist, das offensichtlich noch immer so großen Einfluss auf sie hat. Damit gelingt es dem Autor, zum einem die Spannung stets auf einem hohen Niveau zu halten und uns andererseits häufiger auf neue Fährten zu bringen und damit auch neue Verdächtige ins Spiel einzuführen.
Nicht nur Anna hat ihr Geheimnis, auch andere Personen und auch ihre Kollegen verbergen Dinge aus Vergangenheit und Gegenwart.

Das wirklich unwirtliche Wetter wie auch die Verschlossenheit der Insulaner sind nur zwei Aspekte des Romans, die eine düstere und leicht depressive Stimmung erzeugen, die beim Lesen wie mit Händen zu greifen scheint. Und doch können wir die entscheidenden Wendungen der Geschichte nicht festhalten, genauso wenig wie das Anna und ihren Kollegen gelingt. Das Böse oder der Böse ist ihnen bis zu einem furiosen Showdown immer ein Stück weit voraus.

Tim Erzberg ist es in diesem Buch gelungen, einen Handlungsort zu zeichnen, der neugierig macht und uns darin authentische und glaubwürdige Charaktere zu präsentieren. Wir spüren das Grauen, erleben die Angst und können nachempfinden, dass Anna sich davon nicht beherrschen lassen will.
Ein wirklich spannender und gut erzählter Thriller und ein Autor, von dem ich gern mehr lesen möchte.
Lesen Sie Hell-Go-Land und sie werden begeistert sein.

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mallorca, sommer, liebesgeschichte, roman, beziehung

Die Sommer mit Lulu

Peter Nichols , Dorothee Merkel
Fester Einband: 507 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 11.07.2016
ISBN 9783608983104
Genre: Romane

Rezension:

„ … mit Anlaufschwierigkeiten“ habe ich in einer Rezension gelesen und leider muss ich mich dieser Feststellung anschließen. Ich würde sogar weitergehen und sagen wollen, dass diese Anlaufschwierigkeiten sehr, sehr lange angehalten und es mir schwer gemacht haben, das Buch überhaupt zu Ende zu lesen.

Dabei fing es mit einer sehr vielversprechenden Leseprobe an und auch mit einer Erzählidee, die mich sehr neugierig gemacht hat. Lulu und Gerald waren einmal ein Ehepaar, damals vor etwa 60 Jahren. Obwohl beide fast ihr ganzes Leben auf Mallorca verbringen, vergehen die Jahre nach dem Bruch der Beziehung ohne ein weiteres Zusammentreffen der beiden bis zu diesem Tag, der ihre beiden Leben beenden wird.
Eine zufällige Begegnung dieser beiden Personen steht am Anfang des Romans und von jetzt auf gleich  befinden sich Lulu und Gerald in einem heftigen Streit. Dieser wird nicht nur verbal ausgetragen, sondern führt auch zu vielleicht nicht beabsichtigten Handgreiflichkeiten und endet mit fatalen Folgen. Die beiden Alten stürzen über die Klippen ab und überleben diesen Absturz nicht. Auf der Polizeistation begegnen sich Luc und Aegina, die Kinder der beiden aus späteren Ehen. War es ein Unfall? Was genau ist passiert? Die Fragen bleiben in letzter Konsequenz auch für den Leser unbeantwortet.
Nun beginnt eine rückwärts gerichtete Erzählweise das Leben der beiden Protagonisten zu beleuchten, aber leider in einer Weise, bei der man sehr schnell den Eindruck gewinnt, dass die eigentlichen Hauptfiguren an den Rand treten, vielleicht sogar an den Rand gedrängt werden.

In fünf Etappen, die zeitlichen Abstände sind sehr unterschiedlich und betragen mal nur drei, in anderen Fällen mehr als 20 Jahre, sollten wir jetzt doch eigentlich die Gesichte von Lulu und Gerald erfahren und auch, was die beiden so sehr entzweit hat. Nur leider passiert das nicht. Ohne rechten Zusammenhang werden in den Mittelpunkt dieser Episoden Figuren gestellt, die zwar alle in irgendwelchen Beziehung zu mindest einer der beiden Protagonisten stehen, aber im Roman soviel Raum einnehmen, dass von Lulu und Gerald nicht mehr so viel die Rede ist.
Erst am Schluss erfahren wir auf den letzen Seiten den Grund für die Verletzung, die Lulu ihrem damaligen Ehemann Gerald nie verzeihen konnte.

Und von diesen letzten Seiten habe ich mich dann in gewisser Weise belohnt gefühlt, dass ich durchgehalten habe. Bis dahin war mein Weiterlesen vor allem der Tatsache geschuldet, dass ich eine Rezension schreiben musste.

Ja, es gibt auch einige wenige Dinge, die mir gut gefallen haben. Beispielsweise die landschaftlichen Eige

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Tags: beziehungen, malerei, mallorca   (3)
 

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schottland, pfau, banker, humor, teambuilding

Der Pfau

Isabel Bogdan
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 18.02.2016
ISBN 9783462048001
Genre: Romane

Rezension:

Schon lange hat mich ein Buch nicht mehr so amüsiert wie dieses. Wenn er nicht so lang wäre: „Denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt“ hätte auch als Titel für diesen Roman herhalten können.
Ja, diese Geschichte ist eine Aneinanderreihung von Missverständnissen und alle basieren letztlich darauf, dass jede der handelnden Figuren jeweils nur das ihr gerade bekannte und sichtbar gewordene Detail betrachtet und ihm seine eigenen Interpretation beifügt, weil die Zusammenhänge, die ganz schnell Klarheit schaffen könnten, einzig dem Leser vorbehalten bleiben.
Und das ist die Geschichte: Lord und Lady McIntosh besitzen ein größeres Anwesen in Schottland, dessen Unterhaltung regelmäßig viel Geld verschlingt. So hat das Ehepaar ein paar Cottages zu Feriendomizilen aus- und umgebaut, um so weitere Einnahmequellen zu haben. Auf dem Grundstück gibt es zur eigenen Erbauung und derer der Gäste ein paar Pfauen, die doch, so der Lord, wirklich schön anzusehen sind.
Leider hat einer dieser Pfauen eine ausgeprägte Macke entwickelt, er reagiert mit geradezu zerstörerischer Wut auf alles Blaue, das sich ihm in den Weg stellt.
Nun erwarten die McIntosh über das Wochenende eine Gruppe von Bankern, die dort ein Seminar zur besseren Teambildung absolvieren sollen. Neben der Teamleiterin und ihren Mitarbeitern reisen eine Psychologin und vor allem auch eine eigene Köchin mit an. Und  es passiert sehr viel Unvorhergesehenes. Ein plötzlicher Wintereinbruch und in der Folge eine ernsthafte Erkältung der Vorgesetzten verhindern den Ablauf des Wochenendes gemäß dem vorhandenen Plan. Und die Vorgesetzte ist ausgerechnet mit einem metallicblau lackierten Auto angereist.
Natürlich attackiert der Pfau dieses Auto auf das Übelste und natürlich versuchen die Gastgeber dieses Malheur so lange wie möglich zu vertuschen. Der Pfau verliert in der Folge dieses erneuten  Angriffes sein Leben …..
Anfangs läuft das Seminar sehr schlecht an, erst als die Chefin wegen ihrer Erkältung ans Bett gefesselt ist, fangen die Mitarbeiter an, ihre Aufgaben anzugehen und das sogar mit Erfolg. Von der eigenen Köchin werden sie gut versorgt, einzig die Tatsache, das der Aufenthalt wegen des Wettern länger dauern wird, macht der Köchin Kopfzerbrechen.
So ist sie gar nicht unglücklich darüber, dass ihr der Zufall ein Stück Fleisch in die Hände spielt, mit dem sie am letzten Abend des Aufenthalts eine große Überraschung plant. Doch dazu sind zuvor allerlei Heimlichkeiten vonnöten und sie hat immer wieder Mühe, dass niemand seine Blicke zu tief in die Speisekammer wirft.
Eigentlich gelingt in diesen Tagen allen alles. Der Lord kann den toten Pfau verheimlichen, die Banker werden nach ihrer Rückkehr besser zusammenarbeiten als vor diesem Wochenende und die Köchin serviert trotz aller Widrigkeiten ein delikates Essen am letzten Abend. Ende gut, alles gut möchte man meinen.  Aber, wie eingangs erwähnt,  weiß man als Leser ja mehr als die Beteiligten und so kann diese Geschichte an dieser noch nicht zu Ende sein. Ist sie auch nicht.
Es folgt ein abschließendes Kapitel einige Wochen später und hier schließt sich der Kreis. Zumindest eine Person versteht jetzt die Zusammenhänge.
Schon lange habe ich mich nicht mehr so amüsiert bei einem Buch, der Humor ist „very british“ und von der Autorin teilweise mit sehr spitzer Feder formuliert. Ein kleiner Geniestreich in Sprache und Inhalt. Viel Spaß bei der Lektüre.

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Tags: bankberater, küchengeheimnis, schottland, winter   (4)
 

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pia korittki, lübeck, krimi, ostsee

Tödliche Mitgift

Eva Almstädt
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 13.06.2014
ISBN 9783404171743
Genre: Krimi und Thriller

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