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Nevernight - Das Spiel

Jay Kristoff , Kirsten Borchardt
Fester Einband: 704 Seiten
Erschienen bei FISCHER Tor, 25.04.2018
ISBN 9783596297597
Genre: Fantasy

Rezension:

Die Rezension ist auch auf meinem Blog zu finden.

Nachdem ich Nevernight: Die Prüfung beendete, war ich nicht nur schwer begeistert, sondern begann im selben Moment, den zweiten Band sehnsüchtig zu erwarten. Als ich diesen dann endlich in den Händen hielt, war die Vorfreude groß – nur leider ging es nicht ganz so fulminant weiter, wie erhofft, und rückblickend habe ich das Gefühl, dass Nevernight: Das Spiel leider ein wenig der Lückenfüller-Gefahr des zweiten Bandes zum Opfer fiel.

Wie auch beim ersten Band wird Nevernight: Das Spiel anfangs in zwei Timelines erzählt, die beide Mia behandeln, dieses Mal aber nur einige Monate, nicht mehrere Jahre auseinander liegen. Während ich mich beim ersten Band an dieses Konzept gewöhnen konnte, gelang mir das beim zweiten Teil nicht so recht. Immer, wenn ich mich endlich in der einen Timeline zurechtgefunden hatte, wechselte Kristoff in die andere und riss mich wieder aus der Geschichte heraus. Die ersten einhundertfünfzig Seiten zogen sich, und ich war seltsam erleichtert, als es nur noch eine Timeline war. Der Anfang hätte nicht nur um einiges gekürzt werden können – bis Mia in der Gladiatii-Staffel ankommt, vergeht fast ein Viertel des Buches –, er hätte meines Erachtens auch einfacher chronologisch erzählt werden können.

Nach dem Überwinden dieser Anfangsschwierigkeiten stellte sich jedoch der altbekannte Flair ein, den ich im Vorgänger kennen und lieben gelernt hatte. Geniale Kampfszenen, sarkastische Metakommentare in den Fußnoten, ein neuer, aber nicht minder spannender Cast. Was im ersten Band die anderen Akolythen waren, sind in Nevernight: Das Spiel Mias Gladiatii-Kollegen – nur besser, wenn das irgendwie Sinn macht. Alle müssen für den Augenblick wohl oder übel miteinander auskommen, es gibt zwar Rivalität, aber darüber noch etwas ganz anderes: Kameradschaft. Da es zu viele Mitglieder sind, um auf alle einzugehen, sei nur gesagt, dass es keinen von ihnen gab, der mir nicht doch irgendwie ans Herz wuchs, allen voran Sid. Sid ist so ziemlich der grandioseste Nebencharakter aller Zeiten. Ich mein’ ja nur.

Der Rest von Nevernight: Das Spiel lässt sich am besten als Akkumulation von Enthüllungen beschreiben, die mich mal mehr, mal weniger überrascht haben. Es gab einige Dinge, die ich vorausgesehen habe, und erschreckend weniges, das mich wirklich kalt erwischte. (Ich sage „erschreckend“, weil Kristoffs Bücher zumindest auf mich immer einen ordentlichen Schock-Faktor wirkten. Vielleicht bin ich verwöhnt.) Bei manchen Entwicklungen wartete ich eigentlich nur darauf, dass sie geschehen würden, und nur der Zeitpunkt dafür hing irgendwie in der Schwebe.

Nevernight: Das Spiel ist ohne Frage unterhaltsam, was allen voran Kristoffs Schreibstil, der besonders im Humor des Werks und in den Kampfszenen brilliert, zuzuschreiben ist. Nachdem ich diese 150-Seiten-Hürde überwunden hatte, brauchte ich nicht allzu lange, um die letzten 550 Seiten zu lesen, dennoch konnte ich am Ende das Gefühl nicht abschütteln, dass es diesen zweiten Teil nicht wirklich gebraucht hätte. Es wurde eine immense Menge Fragen aufgeworfen, aber nur sehr wenige Antworten geboten – eigentlich keine –, und überhaupt hat sich im Plot nicht viel getan. Gerade der Mittelteil des Buches bestand nur aus einer Aneinanderreihung an Kämpfen – wie gesagt, unterhaltsam geschrieben, aber im Großen und Ganzen nicht die Geschichte vorwärtsbringend.

In den letzten zehn Seiten legt Kristoff noch mal einen Zahn zu, doch ein schockierendes Ende, von dem ich in anderen Rezensionen gelesen habe, ist es für mich nicht wirklich. Es macht Lust auf den dritten Band, ja, und hinterlässt natürlich einen guten letzten Eindruck – aber nicht gut genug, um für mich die durchmischten Enthüllungen und die mangelnde Vorwärtsbewegung zu entschuldigen.

Ich habe allerdings einiges an Vertrauen in den dritten Band – und bin unglaublich gespannt, wie das Ende von Mias Geschichte aussehen wird.

3,5 Sterne

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Tags: adult fantasy, epic fantasy, jay kristoff, nevernight   (4)
 

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223 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 115 Rezensionen

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Kleine Feuer überall

Celeste Ng , Brigitte Jakobeit
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 20.04.2018
ISBN 9783423281560
Genre: Romane

Rezension:

Nachdem ich Celeste Ngs Debüt  Was ich euch nicht erzählte gelesen hatte, war ich nicht nur restlos begeistert, sondern wusste auch, dass ich das nächste Werk der Autorin kaum abwarten können würde. Als ich dann nicht ganz anderthalb Jahre später  Kleine Feuer überall in den Händen hielt, waren meine Erwartungen entsprechend hoch – und Celeste Ng gelang es dennoch mühelos, sie zu erfüllen.

Dass es sich bei  Kleine Feuer überall um einen Einzelband handelt, kann ich immer noch nicht recht begreifen, denn was mich unter anderem am meisten beeindruckte, war die Vielzahl von Geschichten, die sich in diesen 384 Seiten verbirgt. Ja, es gibt Figuren, die etwas mehr Bildfläche kriegen, aber sämtliche Charaktere sind in einem solchen Detail- und Vergangenheitsreichtum gestaltet, dass ich gar nicht wusste, wessen Hintergründe mich mehr fesselten. Nicht jeder Charakter ist durchweg sympathisch, aber all ihre Motive werden so sensibel dargestellt, dass man nicht anders kann, als zumindest stellenweise mit ihnen mitzufühlen – und dann stellt man fest, dass man als Leser*in selbst zwischen den Stühlen steht, selbst die Entscheidungen, die die Charaktere treffen müssen, nicht treffen könnte.

Shaker Heights ist eine sehr reale Stadt, hat mich aber mit den von Ng beschriebenen Regeln oft zum Zweifeln gebracht – das kann es doch nicht wirklich geben, dachte ich mir? Aber doch, das gibt es, und der  FAQ der Stadt listet tatsächlich Details wie "Grass may not be taller than six inches" auf. Das ist natürlich nur ein kleines Detail, und zusammen mit all den anderen Überlegungen der Stadt, kommt man nicht umhin, sie zumindest ein kleines bisschen für ihren Optimismus, für ihren Idealismus zu bewundern, so befremdlich manche Aspekte auch auf einen wirken mögen.

Vor allem aber ist Shaker Heights die Stadt, in der Celeste Ng aufgewachsen ist, eine Stadt, in der sie es liebte aufzuwachsen und die sie erst rückblickend komplexer erfassen konnte (zwei exzellente Interviews findet ihr  hier und  hier). Wie sie es selbst ausdrückt: 

It's sort of like writing about a family member you love dearly but you know has certain quirks or shortcomings that you want to portray accurately, but at the same time you want people to like them the way you do.
( Quelle)

Ich muss zugeben, dass ich während des Lesens durchaus abgeschreckt von der Konformität der Stadt war. Weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass man wirkliche derartige Vorgaben stellen kann und die Leute sie befolgen. Weil ich das Gefühl hatte, dass die Stadt jedes bisschen Individualität schluckt, stattdessen eine Performance liefert. Aber rückblickend – und besonders, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass  Kleine Feuer überall in den 90ern verwurzelt ist – kommt mir der Gedanke, dass die Stadt aktiv versucht, an ihrer kleinen Utopie zu arbeiten, dass sie aktiv versucht, die Umstände zu verbessern, und das wiederum beeindruckt mich durchaus.

Neben dem Thema des Feuers – ob im wahrsten Sinne des Wortes, in kleinen Flammen, die in den Figuren entstehen, oder vertreten durch Glut, die in ihnen schlummert – ist in  Kleine Feuer überall das Thema der Mutterschaft geradezu omnipräsent. Einerseits werden da natürlich die biologischen Beziehungen zwischen Mia und Pearl, und Mrs Richardson und ihren Kindern Lexie, Trip und Moodie thematisiert; andererseits auch unkonventionellere Beziehungen, denn es zeigt sich recht schnell, dass die Kinder aus der einen Familie bei der Mutter aus der anderen gewisse Schlupfwinkel finden, die ihnen bisher nicht eröffnet wurden. Auch hier ist es unmöglich, zu bewerten, ob eine der beiden Mütter die "bessere" ist, weil beide immerzu aus Liebe  für ihre Kinder handeln, aber es war unglaublich faszinierend zu lesen, wie Celeste Ng ebendiese verschiedenen Perspektiven auf mütterliche Zuneigung eröffnet.

Die Stärke dieses Themas kulminiert sich in dem großen Adoptionsstreit, der zwischen der chinesisch-amerikanischen Bebe und den McCulloughs, einer weißen, reichen Familie, entsteht. Nachdem Bebe ihr Kind zur Welt brachte, allerdings über kein Geld mehr verfügte, um sich um das Kind zu kümmern, setzte sie es vor einer Feuerwache aus. Jetzt, über ein Jahr später, geht es ihr finanziell und psychisch besser – und sie will ihr Kind zurück, woraufhin ein Rechtsstreit entsteht, der gefühlt die ganze Stadt spaltet. Es geht um biologische Eltern und um Adoptivelternschaft, aber auch um die Frage, wie eine weiße Familie das kulturelle Erbe des kleinen Mädchens erfüllen kann, wenn doch ihre leibliche Mutter dazu viel besser geeignet wäre.

Auch hier beweist Celeste Ng ein unglaubliches Feingefühl – nie entsteht der Eindruck, dass sie selbst irgendeine Meinung vertritt, irgendeine Seite bevorzugt; gleichzeitig werden die Argumente zwar sachlich, aber empfindlich genug vorgebracht, dass man nicht umhinkommt, beide Seiten zu verstehen … und zumindest ich saß vor dem Buch und war unfähig, eine klare, dezidierte Entscheidung zu treffen.

Ihr merkt es vielleicht schon selbst – ich weiß gar nicht, wie ich meine Liebe zu dem Buch ausdrücken soll, bin einerseits überzeugt, dass ich noch eine Ewigkeit weiterschwärmen könnte, andererseits der Komplexität dieses Buches immer noch nicht gerecht werden würde. Während des Schreibens dieser Rezension habe ich gemerkt, wie viele Aspekte ich noch gar nicht detailliert genug betrachtet habe oder welche Passagen ich mir unbedingt noch einmal anschauen möchte, jetzt, wo ich weiß, wie das Buch ausgeht. Ich kann euch  Kleine Feuer überall wirklich nur ans Herz legen, wenn ihr nach einem Buch sucht, das Themen wie Rassismus, Mutterschaft und Identität anspricht, das euch mit seinen vielfältigen Geschichten in den Bann zieht, eure bereits gebildeten Ansichten herausfordert und euch gleichzeitig dazu bringt, neue Meinungen zu formen. Das ist es zumindest, was in meinen Augen ein unvergleichliches Meisterwerk ausmacht.

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60 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 9 Rezensionen

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Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Jesmyn Ward , Ulrike Becker
Fester Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 14.02.2018
ISBN 9783956142246
Genre: Romane

Rezension:

Ich hatte von dem englischen Original dieses Buches – Sing, Unburied, Sing – schon viel Gutes gehört, weswegen ich mich sehr freute, die deutsche Ausgabe vom Kunstmann Verlag als Rezensionsexemplar zu erhalten. Darüber hinaus ist diesen Monat Black History Month, was mich anregte, mal einen Blick auf mein Regal zu werfen – und festzustellen, dass ich bisher zu wenig von schwarzen Autor*innen gelesen habe. Das möchte ich verstärkt ändern, und ich freue mich, dass Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt den Anfang machen darf.
Was mich auch im Nachhinein besonders an dem Buch fasziniert, ist die Tatsache, wie viele Geschichten Jesmyn Ward auf diesen dreihundert Seiten erzählt. Das Buch ist in drei verschiedenen Perspektiven verfasst – die von Jojo, Leonie und des Jungen Richie, der schon länger nicht mehr unter den Lebenden weilt –, die alle mehr oder weniger in der Gegenwart verwurzelt sind. Und gerade durch diese Figuren und vielmehr noch durch die Art und Weise, wie sie verknüpft sind, werden noch so viele andere Dinge aufgedeckt. Da ist Jojo, dem Pop von seiner Vergangenheit erzählt; Leonie, die ihrem toten Bruder begegnet, wenn sie high ist, und Richie, der sich wie ein roter Faden durch alle Zeiten zieht. Es hat mich sehr beeindruckt, zu sehen, wie all diese Geschichten miteinander verknüpft werden, sich gegenseitig beeinflussen und für Schaden und Trauer gleichermaßen sorgen.
Letztlich war es auch gerade dieses Zwischenmenschliche, das mir unglaublich gut gefiel. Wie ich schon angedeutet habe, stecken in all diesen Geschichten eine unzählige Anzahl Konflikte, überspannt von dem größeren, teils schier übermächtigen, Konflikt des Rassismus, der die Familie bis in die Gegenwart begleitet und unter dem sie leidet. Da ist Leonie, die von Michaels Eltern abgelehnt wird, weil sie schwarz ist. Sie selbst ist unfähig, sich um ihre Kinder Jojo und Kayla zu kümmern. Pops Vergangenheit ist gezeichnet von einem grausamen Gefängnisaufenthalt, eine Geschichte, deren Ende Jojo zu Anfang des Buches noch nicht kennt. Mam wird immer mehr vom Krebs aufgefressen und ruft Hilflosigkeit in der Familie hervor. All das erzählt Jesmyn Ward ohne große Worte, ohne die Tatsachen direkt auszusprechen, schafft es aber gleichzeitig, das Subtile so deutlich zu machen, dass es mir als Leserin nur allzu schmerzlich bewusst wurde.
Leider war mein Lesevergnügen nicht uneingeschränkt – was jedoch ganz klar an meinen eigenen Präferenzen liegt. Das Buch arbeitet nämlich nach den ersten Kapiteln immer stärker mit magischem Realismus, was ich, wie ich festgestellt habe, einfach nicht gerne lese und letztendlich ein Element darstellte, mit dem ich nicht gerechnet habe. Wenn ich Fantasy lesen will, dann kann ich mich voll und ganz darauf einstellen, wenn ich aber nur gewisse magische oder übernatürliche Elemente in der Geschichte vorfinde, ohne ein wirkliches System dahinter, kämpfe ich persönlich verstärkt mit Verständnisproblemen – und so erging es mir auch im Fall von Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt. Da ebendieser Aspekt gegen Ende hin verstärkt vorkommt, nahm mein Verständnis ab; die Subtilität, die ich noch bewunderte, wurde zu einer Abstraktion, der ich schlichtweg nicht folgen konnte. Und das war einfach sehr ärgerlich, weil ich das Gefühl hatte, schlichtweg unfähig zu sein, der Geschichte weiter zu folgen. Aber wie gesagt: Das liegt ganz eindeutig an meinem Geschmack, und hätte ich gewusst, dass das Buch dieses Element enthält, hätte ich vermutlich gar nicht erst danach gegriffen.
Zuletzt solltet ihr vielleicht noch wissen, dass das Buch einige graphische Szenen enthält, insbesondere eine am Anfang, in welcher eine Ziege geschlachtet und das bis ins kleinste Detail beschrieben wird. Wenn ihr so etwas nicht lesen könnt oder wollt, ist das Buch vielleicht nichts für euch.
Letztendlich war Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt durchaus eine einzigartige Leseerfahrung, wenn auch nicht eine, die mir uneingeschränkt gefiel. Wenn euch die angesprochenen Aspekte interessieren, kann ich mir jedoch gut vorstellen, dass euch das Buch besser gefällt als mir.

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Tags: magischer realismus   (1)
 

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194 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 60 Rezensionen

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Sag den Wölfen, ich bin zu Hause

Carol Rifka Brunt , Frauke Brodd
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Eisele Verlag, 23.02.2018
ISBN 9783961610075
Genre: Romane

Rezension:

Eines möchte ich vorwegnehmen: "Sag den Wölfen, ich bin zu Hause" ist einer der seltenen Fälle, in denen das Buch einfach für mich nicht funktioniert hat und ich mir gut vorstellen kann, dass es anderen besser gefällt. Vielleicht habe ich auch einfach etwas anderes erwartet, oder die euphorischen Bewertungen haben mich etwas geblendet. Wie auch immer – leider kann ich den Hype nicht ganz nachvollziehen.
Grundsätzlich gefiel mir gut, welche emotionale Bandbreite das Buch abdeckt, auch "unangenehme" Gefühle oder Tabu-Themen werden angesprochen, und wenn ich einen Lieblingsaspekt nennen würde, dann wäre das wohl die Dynamik zwischen June und ihrer Schwester. Die Beziehung der beiden ist unglaublich kompliziert, aber unglaublich detailliert und realistisch gleichermaßen – die Szenen zwischen ihnen waren ganz klar meine liebsten. Überhaupt hat mich Junes Familie fasziniert und rückblickend ist es schade, dass wir nicht mehr über ihre Eltern erfahren haben.
Aus dem Rest des Buches konnte ich leider nicht viel für mich gewinnen. Der Plot ist schwach ausgebildet, und Junes Stimme konnte mich nicht genug fesseln, um einen wirklichen Drang zu entwickeln, weiterzulesen. Ich konnte generell keine wirkliche emotionale Verbindung zu den Charakteren aufbauen, was mein Interesse für das Buch weiterhin dämpfte. Es stört mich nicht, über Charaktere zu lesen, die nicht wirklich "sympathisch" sind oder in einer ganz anderen Welt leben als ich, aber ich brauche irgendeinen Anhaltspunkt, irgendetwas, das mich packt, um ihre Geschichte zu verfolgen – und das war bei June (und bei den restlichen Charakteren) leider nicht der Fall.
Toby, Finns Freund, mit dem sich June nach Finns Tod wiederum (langsam) anfreundet, fand ich schlichtweg unheimlich. Was – wie bereits gesagt – ganz klar an meinem eigenen Empfinden liegt, nicht an irgendetwas Expliziten, das er tut. Ich fand es einfach befremdlich, zu lesen, wie er wieder und wieder versucht, mit June in Kontakt zu treten, und die Kontakte generell sind … seltsam. (Außerdem erschließt es mich nicht, warum June bereitwillig einen wildfremden Menschen treffen würde.) Selbst zum Ende hin, als seine Motive klarwerden, konnte ich nicht mit ihm warmwerden.
Zuletzt muss ich dem Buch zugutehalten, dass es AIDS thematisiert, noch dazu zu einer Zeit (1987), als die Entdeckung noch nicht sonderlich lange her war und viele Vorurteile und offene Fragen kursierten. Deshalb ist es auch vollkommen verständlich, dass diese Vorurteile zur Sprache kommen – andererseits finde ich es schade, dass das Buch das Stigma des homosexuellen AIDS-Kranken nicht weiter herausfordert. Grundsätzlich hätte ich mir gewünscht, dass diese Thematik – aber auch Junes Gefühle generell, oder das Verhalten ihrer Familie – stärker angesprochen wird. Obwohl das Buch über vierhundert Seiten hat, hatte ich hinterher das Gefühl, dass wenig Konkretes gesagt wurde, und die Metaphern der Sprache waren kaum mehr als Dekoration. Aber wie bereits gesagt: Ganz offensichtlich bin ich mit der Meinung in der Minderheit. Wenn euch das Buch anspricht, kann ich mir gut vorstellen, dass es euch besser gefällt als mir.

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Renegades

Marissa Meyer
Fester Einband: 556 Seiten
Erschienen bei Feiwel & Friends, 01.01.2017
ISBN 9781250044662
Genre: Sonstiges

Rezension:

Dass ich Marissa Meyer vergöttere, sollte mittlerweile klar sein – daher stand es für mich auch gar nicht zur Debatte, ob ich ihr neustes Werk lesen würde. Zwischen der Ankündigung des Buches und dem tatsächlichen Erscheinen war so viel Zeit vergangen, dass ich sogar relativ unwissend in das Buch ging; eigentlich wusste ich nur, dass es "irgendwas mit Superhelden" war.
Das vorneweg: Verglichen mit den anderen fünf Büchern, die ich von Meyer gelesen habe, ist Renegades das schwächste. Obwohl es an sich kein schlechtes Buch ist, und der Vergleich auch etwas hinkt, weil die Luna Chroniken und Heartless allesamt Nacherzählungen waren und sie mit Renegades etwas vollkommen Neues erschaffen hat.
Das Buch wird aus zwei Perspektiven erzählt: Novas, die einer Gruppe Bösewichte – den Anarchists – entstammt, und Adrians, der zu den Renegades und damit "zu den Guten" gehört. Anfangs haben mich beide ein wenig enttäuscht, Nova erschien mir nicht "böse" oder "dunkel" genug, und Adrian erfüllt das Klischee, neben seiner Identität als Superheld noch eine geheime Identität zu haben … und das kann und konnte ich schlichtweg nicht ausstehen. Besonders, weil er als Mensch und als Freund einfach so … gutherzig ist, was ich unmöglich mit diesem riesigen Geheimnis vereinbaren konnte, das er aus heiterem Himmel erschaffen hat.
Dafür ist mir Nova dann doch noch sympathischer geworden – und zwar, als ich realisierte, dass meine Definition von böse nicht auf dieses Mädchen zutrifft. Aus irgendeinem Grund hatte ich immer Adelina von den Young Elites im Hinterkopf, aber Nova und Adelina zu vergleichen, würde bedeuten, eine Windböe nicht von einem Wirbelsturm unterscheiden zu können. Nova ist nicht wirklich ein Bösewicht – gerade, als sie in Kontakt mit den Renegades kommt, wird sie mit all den Dingen konfrontiert, die sie an ihnen verabscheut, und gleichzeitig mit den Fragen nach ihrer eigenen Loyalität und Moral. Marissa Meyer gelingt es letztlich wunderbar, bei Nova die Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmen zu lassen, und macht sie damit zu einer Protagonistin, mit der man mühelos sympathisieren kann.
Grundsätzlich weiß ich nicht, inwiefern Renegades eine völlig neue Sicht auf Superhelden und Bösewichte eröffnet, beziehungsweise ich bezweifle, dass das überhaupt möglich ist. In anderen Rezensionen habe ich oft gelesen, dass Meyer nicht wirklich etwas Originelles geschaffen hat und insbesondere die Dialoge extrem klischeebeladen sein sollen – dem Eindruck kann ich nicht zustimmen, was aber nicht zuletzt daran liegen könnte, dass ich mit Superhelden bisher weniger am Hut hatte. Ein paar Aspekte, die man öfters sieht, konnte ich natürlich festmachen; von der antithetischen Gegenüberstellung der Bösewichte und der Helden bis hin zu den einzigartigen Fähigkeiten oder den Doppelidentitäten. Gleichzeitig hatte ich mehr das Gefühl, dass Meyer eine Metaebene eröffnet, indem sie ihre Figuren Fragen stellen lässt, ob jetzt die typische Rede des Bösewichts kommt, oder sie sich über irgendwelche Comics mit Superhelden unterhalten.
Noch darüber hinaus mochte ich, dass wir einen intensiveren Einblick in diese Welt erhielten als es ein zweistündiger Film ermöglicht. Ich persönlich hatte gerade bei Filmen oft das Problem, dass mir manche Dinge einfach viel zu unrealistisch erschienen – in Renegades das Ganze aber detailliert beschrieben zu kriegen, hat zumindest mir unglaublich geholfen.
Kurzum: Ich habe mich in der von Marissa Meyer erschaffenen Welt pudelwohl gefühlt. Was auch gut so war, denn das Buch hat über 550 Seiten und nimmt sich wirklich viel Zeit. Schon während dem Lesen dachte ich, dass man es gut und gerne etwas hätte raffen können – aber gleichzeitig konnte ich nicht die Sogwirkung leugnen, die Renegades auf mich ausübte. Ich fand Novas und Adrians Geschichte ziemlich faszinierend, das ständige Hin-und-Her des Geheimhaltens wurde geschickt in den Text eingeflochten, ohne zu konstruiert zu wirken; gerade die Nebencharaktere (die meisten auf Seiten der Renegades, wenn ich ehrlich bin) sind mir wirklich ans Herz gewachsen. Und, meine Güte, das Ende! Was für ein fieses Ende. So fies, dass ich schon überlegt habe, ob ich mich darüber ärgern soll. Aber aktuell werte ich die Überraschung noch als etwas Gutes – und freue mich auf den zweiten und abschließenden Teil, der nächstes Jahr im November erscheinen soll.

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152 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 87 Rezensionen

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Der gefährlichste Ort der Welt

Lindsey Lee Johnson , Kathrin Razum
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 13.10.2017
ISBN 9783423281331
Genre: Romane

Rezension:

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal nach dem Beenden eines Buches so unentschlossen war.
Die Vorfreude auf Der gefährlichste Ort der Welt war groß – ich liebe charakterbasierte Bücher und freute mich darauf, gleich mehrere Perspektiven besser kennenzulernen, und verbunden mit einer latenten Gesellschaftskritik konnte ich es kaum abwarten, Mill Valley zu betreten. Nur leider blieb bei mir die große Begeisterung bis zur letzten Seite aus, und auch jetzt fällt es mir schwer, festzumachen, woran das liegt.
Der Einstieg in das Buch fiel mir nicht so leicht: es wird mit einem Aufsatz von Tristan Bloch, einem Schüler der 8. Klasse, eröffnet, in welchem er sämtliche Details der Kleinstadt darlegt. Die Legenden, Statistiken und absurd kleinen Anekdoten waren im ersten Moment ganz schön überwältigend. Wenn ich jetzt zurückblicke und noch einmal durch diesen Prolog lese, kann ich das Ganze schon besser verstehen; an den Anfang gestellt aber überfordert diese Masse an Informationen sehr, ganz zu schweigen davon, dass man sich zuverlässig an alles erinnern kann. Außerdem finde ich schade, dass auf Seite 15 von "unbestimmter Rasse" die Rede ist – das deutsche "Rasse" kann man nicht mit dem Gebrauch des englischen "race" gleichsetzen, und ich hätte mir hier eine andere Lösung gewünscht. Elif schlägt Anführungszeichen oder ein vorgesetztes "sog." vor, dem ich mich anschließen würde; der Diskurs wird genauer in diesem Artikel ausgeführt.
Nach Tristans Aufsatz geht die Geschichte erst so richtig los – jetzt wird aus der dritten Perspektive von den Charakteren selbst berichtet; in drei Abschnitten – achte, elfte und zwölfte Klasse – wird je ein Kapitel von einem anderen Charakter erzählt. Zuerst gefiel es mir richtig gut, diese unterschiedlichen Einblicke zu erhalten; es gab Figuren, die mir sofort unsympathisch waren, andere, mit denen ich schlichtweg Mitleid hatte, wieder andere, die ich gar nicht mögen wollte, aber denen ich dennoch nicht widerstehen konnte.
Besonders faszinierte mich die Tatsache, dass alle Geschichten miteinander verknüpft waren; zum einen natürlich dadurch, dass die Charaktere miteinander interagieren, aber auch dadurch, dass es im größeren Zusammenhang einen roten Faden gibt, der sich durch sämtliche Kapitel zieht. Manchmal überlappen sich die Perspektiven, oder ein Charakter nimmt die Geschichte auf, wo ein anderer sie losgelassen hat – ein literarischer Staffellauf quasi. Eine derartige Narration ist mir noch nie begegnet, und sie hat mich unglaublich fasziniert und bis zuletzt beeindruckt.
Wir erfahren aber nicht nur, was im Jetzt passiert, sondern auch, wie die Charaktere dahin gekommen sind, welche Ereignisse sie in ihrer Vergangenheit beeinflusst haben oder immer noch beeinflussen. Zu jedem Charakter gehört also auch ein ordentliches Stück Hintergrundgeschichte, das nicht uninteressant ist, aber mich nach den einzelnen Perspektiven etwas unbefriedigt zurückließ. Ich wollte einfach mehr über jeden wissen, mehr als die Biographie; wollte wissen, wie ihre Geschichte weitergeht, wollte sie noch einmal das Wort ergreifen lassen, und es war irgendwie frustrierend und herzzerreißend gleichermaßen, dass das nicht möglich war.
Vor allem aber hatten sämtliche Biographien eine Gemeinsamkeit: die Eltern waren Schuld bzw. hatten etwas gemacht oder verhielten sich auf eine besondere Art und Weise, die dazu führte, dass ihr Kind sich jetzt so verhielt oder entwickelt hatte. Ich will gar nicht sagen, dass Eltern keinen derartigen Einfluss ausüben (können) – aber es ist schade, dass in der Hinsicht keine Abwechslung gezeigt wurde, dass immer die Eltern der Kern der Probleme zu sein schien, wodurch die Charaktere keine wirklichen Eigenmotivationen hatten. Bei der Varietät an Charakteren – ich habe gerade nachgezählt, es sind neun Perspektiven (Tristans Aufsatz ausgenommen) – wäre es doch nicht zu viel verlangt gewesen, eine Familie aufzuzeigen, die funktioniert, die unterstützt und einen Austausch bietet.
Auch das Thema Social Media ist im Roman sehr präsent – welche Formen es annimmt, welche Konsequenzen der Missbrauch mit sich bringt. Ich mochte den Einsatz und die Diskussion; es werden Blogeinträge abgebildet, Facebook-Kommentare dargestellt und Tweets eingebunden, die Repräsentation und die Nutzung ist also keineswegs einseitig porträtiert (es wird auch nebenher mal bemerkt, wie jemand immer und immer wieder durch Instagram scrollt – ein kleines Detail, das viel Authentizität erzeugt). Gerade Facebook wurde als wichtigste Plattform für die Jugendlichen auserkoren; hier werden viele Fotos geteilt und (bösartige) Kommentare verfasst. Egal, wo der Austausch stattfindet, eins bleibt jedoch gleich: die Teilnehmer können sich hinter der Maske der Anonymität oder einem Profilbild verstecken, sich zurücklehnen, wenn anderorts jemand Schaden nimmt.
Aber egal, was Lindsey Lee Johnson in ihrem Debüt diskutiert, eins wird deutlich: alles hat Konsequenzen. Ob Partys, Alkohol und Drogen oder feindselige Kommentare – in Der gefährlichste Ort der Welt wird jeder zum Opfer, Täter oder leistet Beihilfe … und sie alle zeigen, dass jede noch so augenscheinlich harmlose Kleinstadt, jedes Mill Valley zum gefährlichsten Ort der Welt werden kann.

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519 Bibliotheken, 8 Leser, 2 Gruppen, 71 Rezensionen

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Joyland

Stephen King , Hannes Riffel
Flexibler Einband: 350 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.01.2015
ISBN 9783453437951
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ich habe es wirklich versucht.
Als Juliane (I AM JANE) und Jemima (Hochhorst) ankündigten, dass es einen Stephen King Novembergeben würde, war ich Feuer und Flamme und beschloss, dass es an der Zeit war, King eine zweite Chance zu geben, nachdem Der dunkle Turm ein Reinfall für mich war. In der Bücherei suchte ich mir Joyland aus; ich war zu vorsichtig, um mich an ein längeres Werk zu wagen, und die Prämisse klang spannend genug, dass ich das Buch mit seinen knapp 350 Seiten auslieh.
Ziemlich schnell stellte sich ein Gefühl ein, das ich auch bei Der dunkle Turm empfunden hatte – so einfach und angenehm zu lesen der Schreibstil auch sein mochte, konnte ich nicht den Eindruck abschütteln, auf der Stelle zu treten. An den 350 Seiten las ich acht Tage, gefühlt mindestens doppelt so lange.
Zuallererst wurde ewig lang eine Hintergrundgeschichte zu Devin und seiner (Ex-)Freundin gegeben (an deren Namen ich mich nicht einmal mehr erinnern kann), und dann wurde beschrieben, wie er in Joyland eingeführt wurde, welche Freunde er machte und welchen ulkigen Gestalten er dort begegnete. Alles fühlte sich wie eine lang(wierig)e Einführung an.
Ich habe die Inhaltsangabe oben bewusst knapp gehalten – rückblickend verrät der offizielle Klappentext nämlich fast alles, selbst Ereignisse, die erst nach der Hälfte des Buches passieren. Wenn er noch den Namen des Mörders erwähnen würde, hätte er den Plot von Joyland präzise erfasst. Es gab nur wenige Momente, die mich ansatzweise bewegen konnten; selbst die Auflösung der Mordserie hatte ich tatsächlich erraten, etwas, das mir sonst selten passiert. Grundsätzlich war dieser Krimi-Aspekt enttäuschend – Devins Suche war für mich inkohärent und an den Haaren herbeigezogen, ebenso wie die Aufklärung im Showdown.
Vor allem – und das trägt für mich das größte Gewicht – war die Aufdeckung der Mörder so belanglos. Ich konnte einfach nicht erschließen, warum ausgerechnet Devin sich für die umgebrachten Mädchen einsetzen sollte, warum er – als Unbeteiligter, als nur jemand Weiteres, der von den grausamen Taten gehört hatte – auf den Mörder stolpern sollte, und vor allem nach all der Zeit! Es war mir zu passiv; Devin war mir, bis auf wenige Ausnahmen, zu passiv. Ich wurde die ganze Geschichte über nicht wirklich warm mit ihm, und das, obwohl er nichts wirklich trennt, aus allem etwas Persönliches macht. Er war mir zu normal, zu nett – ein langweiliger Gary Stu.
Alles, das ansatzweise interessant hätte sein können, wurde schnell im Keim erstickt – die hässliche Trennung verarbeitete Devin mit extra viel Gejammer; Erin und Tom – zwei Gleichaltrige, mit denen Devin sich anfreundet, und die einzigen Charaktere, die mir sympathisch waren – werden schnell abgefertigt; Annie (eine Frau, an deren Haus Devin täglich vorbei läuft) wird zu einem Sexobjekt degradiert, weil sie ja so viel reifer und erfahrener ist als Devin und ihm natürlich noch einiges beibringen kann. Und ja, auch Devin scheint oft nur auf Oberflächlichkeiten (Stichwort: Brüste) zu achten. Gibt ja sonst nichts zu sehen.
Selbst ein paranormales Element – der Geist einer der ermordeten Frauen, der in Joyland gesichtet wird – wird schnellstmöglich im Keim erstickt; der Ansatz ist so vage, dass er auf mich rückblickend wie ein verzweifelter Versuch wirkt, der Geschichte noch irgendwie mehr Kohärenz zu verleihen.
Nein, Joyland war keineswegs so schlimm wie Der dunkle Turm – aber in Anbetracht der Sache, dass die Veröffentlichung der beiden Werke dreißig (!) Jahre auseinanderliegt, finde ich es ganz schön erschreckend, wie ähnlich sich die Werke in ihren Schwächen sind. Als hätte sich King kein bisschen weiterentwickelt.
Ich weiß, dass die King-Fans sehr zahlreich und enthusiastisch sind – und ich wollte es wirklich verstehen, wollte die Faszination hinter dem Autor begreifen. Aber nach Joyland bin ich mir ziemlich sicher, dass ich vorerst keine weiteren Versuche wagen werde. Die Geschichte war mir einfach zu stereotypisch, zu flach, zu banal.

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345 Bibliotheken, 17 Leser, 0 Gruppen, 21 Rezensionen

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Die Seiten der Welt

Kai Meyer
Flexibler Einband: 576 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 24.08.2017
ISBN 9783596198528
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Schon lange wollte ich etwas von Kai Meyer lesen – als ich dann in der Buchhandlung über die Taschenbuchausgabe von Die Seiten der Welt stolperte und ihre Schönheit bewunderte, beschloss ich, dass es an der Zeit war, den Versuch zu wagen. Als sich dann noch ergab, dass Kai Meyer eine Lesung in Freiburg hielt, wertete ich das erst recht als Zeichen.
Bereits nach dem Lesen der ersten paar Seiten merkte ich, dass Kai Meyer da eine ganz großartige, einzigartige Welt erschaffen hat – eine Welt, in der sich alles um Bücher dreht, in der es Buchstabenschwärme und fliegende Origamis gibt; in der man mit zwei exakt gleichen Ausgaben eines Buches von einem Ort zu einem anderen springen kann und noch so viel mehr. Diese Welt ist letztendlich auch das, was mir ganz klar am besten am Buch gefallen hat – kein Wunder, dass ihr auf der Website zum Buch eine ganz eigene, mit Illustrationen gestaltete Seite findet, die anzuschauen ich euch nur nahelegen kann. Es kam mir ein wenig wie ein "erwachsenes" Tintenherz vor – wesentlich ausgereifter, teilweise auch wesentlich düsterer, und definitiv um einiges komplexer.
Leider hatte ich Schwierigkeiten, richtig in die Geschichte hereinzukommen. Selbst nachdem ich die Komplexität der Welt zu überblicken lernte, konnte mich die Geschichte immer noch nicht wirklich packen, und auch nach dem Beenden des Buches fällt es mir schwer, auszumachen, woran das lag.
Zum einen wurde ich mit Furia als Protagonistin nicht ganz warm; nichts an ihr war außergewöhnlich, packend genug, um eine engere Verbindung zu ihr aufzubauen. Dass Meyer die dritte Person wählte, um ihre Geschichte zu erzählen, schien nur mehr Distanz zu erzeugen. Sie funktionierte als Medium für die Geschichte – mehr aber auch nicht.
Mit den Nebencharakteren konnte ich tendenziell mehr anfangen, wenn auch hier die große Sympathie ausblieb; am liebsten mochte ich da noch Cat, die Diebin, auf die Furia in Libropolis trifft. In ihr fand ich irgendwie das, was ich in Furia vermisste – eine Geschichte, die über die in Die Seiten der Welt hinausreichte, starke Motive und einfach einen eigensinnigen Charakter. Außerdem hat mir die Freundschaft zwischen ihr und Furia sehr gut gefallen – es ist immer toll, wenn zwei weibliche Charaktere nicht nur als Rivalinnen dargestellt werden. Ebenfalls sehr gerne mochte ich Isis Nimmernis, die jemand ist, die man zuerst als Feindin einschätzt, letztendlich aber eher in eine graue Zone einzuordnen ist – da gibt's ganz viel Potential. Auch die prominenteste Bösewichtin Mater Antiqua gefiel mir sehr gut; sie beauftragte jedoch die Umgarnte mit ihren Kavalieren, die mir zu eindimensional und oberflächlich war – das Einzige, was sie auszeichnete, war ein starker Männerhass, der auch von anderen Charakteren belächelt wurde. Das war mir einfach eine Spur zu abgedreht.
Wie auch immer – da mich die Geschichte nicht wirklich packen konnte, kam mir das Buch mit seinen 550 Seiten ewig lang vor; oftmals legte ich es mitten in der Szene weg, weil ich mich einfach nicht dazu bringen konnte, weiterzulesen. Ich las über eine Woche daran und kam nur selten in einen richtigen Fluss. Irgendetwas an dem Plot war mir zu langsam, zu langatmig. Ich konnte mich nicht wirklich für die Geschichte motivieren, so beeindruckend ich auch den Weltenbau fand.
Das Ende gefiel mir hingegen insofern sehr gut, dass es selbst Stränge aufnimmt und zu Ende führt, die ich schon längst wieder vergessen hatte. Es ist wirklich zufriedenstellend und darüber hinaus so abgerundet, dass man nicht unbedingt nach dem zweiten Band lechzt. Zumindest ist das für mich optimal, weil ich mir aktuell noch nicht sicher bin, ob ich den zweiten Band lesen möchte. (Die Vorgeschichte, Die Spur der Bücher, reizt mich mehr – in der Lesung hat Kai Meyer daraus vorgelesen, und mit Geschichten im viktorianischen London kann man mich einfach immer ködern!)
Zuletzt möchte ich noch sagen, dass mir Kai Meyer ursympathisch ist – ob das meine Meinung auf das Buch beeinflusst hat, weiß ich/hoffe ich jedoch nicht. :D Die Lesung war auf jeden Fall ein ganz besonderes Erlebnis – er hat ganze 45 Minuten vorgelesen und danach eine ausgiebige Fragerunde gemacht, ehe es ans Signieren ging, und als Mensch ist er richtig cool! Es ist schade, dass mich Die Seiten der Welt nicht wirklich überzeugen konnte – aber ich bin immerhin froh, es endlich versucht zu haben, und ziehe vor ihm und seiner Arbeit meinen Hut. Die Welt der Bibliomantik hat mich definitiv fasziniert.

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13 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

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Even the Darkest Stars

Heather Fawcett
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 19.10.2017
ISBN 9780062463388
Genre: Sonstiges

Rezension:

Ich hätte niemals zu Even the Darkest Stars gegriffen, wäre es nicht in meiner FairyLoot von September enthalten gewesen. Ich hatte dieses Buch nicht einmal auf meinem "Radar", ehrlich gesagt – aber als ich erstmalig von der Prämisse las, war ich gleich Feuer und Flamme für Kamzins Abenteuer. Zumindest ich habe noch nie etwas in der Art gelesen, fand die Idee einfach unglaublich cool.
Obwohl es sich bei Even the Darkest Stars um ihr Debüt handelt, gelang es Heather Fawcett mühelos, mich von der ersten Seite an in den Bann zu ziehen. Die Geschichte entwickelt schnell eine Sogwirkung, die ich so nicht erwartet hätte – gerade in Anbetracht der Sache, dass das Buch nicht nur in einer fiktiven Welt spielt, sondern auch ein ganzes Magiesystem inklusive eigenartigen Wesen und Gestalten mitbringt, manche mehr, andere weniger vertraut. Dennoch hatte ich nie das Gefühl, dem Ganzen nicht folgen zu können; nur wenige Fragen über den Weltenbau blieben für mich unbeantwortet, und gerade für den Auftakt einer Reihe bin ich wirklich zufrieden mit der Menge Informationen, die ich als Leserin erhielt.
Fawcetts Schreibstil ist poetisch und bildhaft, gerade die Dialoge haben mir unglaublich gut gefallen. Andere Rezensenten loben insbesondere, dass es ihr gelingt, die Landschaft (insbesondere die Berge) dem Leser nahezubringen; das kann ich persönlich nicht bestätigen. Es kann aber auch gut daran liegen, dass ich weder mit dem Thema noch mit der englischen Terminologie vertraut bin und tatsächlich öfters mal etwas nachschlagen/googeln musste, um zu verstehen, was um Kamzin herum eigentlich gerade passierte. Wenn ihr sowieso mit dem Lesen auf Englisch noch nicht so vertraut seid, würde ich euch vielleicht raten, auf die deutsche Ausgabe zu warten. (Aber es lohnt sich!)
Was die Charaktere anbetrifft, hat Fawcett ebenfalls tolle Arbeit geleistet. Gerade die Protagonistin Kamzin ist mir mit ihrem trockenen Realismus sehr schnell sympathisch geworden. Sie ist nicht jemand, der sich kleinmacht oder schlechtredet; stattdessen kann sie ihre Fähigkeiten realistisch einschätzen. Die Familiendynamik zwischen ihrem Vater und ihrer Schwester hat mir ebenfalls gut gefallen – auch wenn das Verhältnis der drei angespannt ist, hatte ich als Leserin stets das Gefühl, ausreichend Gründe dafür zu erhalten.
Kamzins bester Freund Tem … ist nicht der übelste beste Freund, den ich je gelesen habe, aber ich hege immer noch diese seltsame bester Freund-Abneigung, die die Grisha-Trilogie in mir ausgelöst hat. (Heißt: Ich mag es nicht, wenn a) der beste Freund als weiteres Loveinterest eingeführt wird und b) der Protagonistin nur ein Klotz am Bein ist.) Es ist kein Spoiler, wenn ich sage, dass Tem sehr verliebt in Kamzin ist (die beiden haben es miteinander versucht und sie weiß, dass sie ihn nicht auf diese Weise liebt), und als Begleiter auf ihrer Reise ist er … zumindest manchmal nützlich. Also, ich bin zwiegespalten. Es tut mir leid. Vermutlich gilt wie immer, dass es an meiner seltsamen Aversion liegt, dass ich Tem nicht wirklich wertschätzen könnte.
Kommen wir zu dem Hauptaugenmerk à la dem mysteriösen Typen aus dem Klappentext namens River Shara. Hier wurde ich sehr positiv überrascht, einerseits, wie die Romanze zwischen ihm und Kamzin sich entwickelt, aber auch er als Charakter hat mir sehr gut gefallen. Bevor er und Kamzin sich erstmalig annähern, arbeiten sie miteinander und man erfährt einiges über ihn, seine Familie und seine Prinzipien. Ich habe die beiden sogar (sehr) geshippt, was sich bei mir zu einer Seltenheit entwickelt hat, also … ich bin immer noch echt froh darüber. Die Dialoge der beiden sind einfach herrlich, brachten mich oft zum Lachen und besitzen einfach eine grandiose Dynamik.
Grundsätzlich wird das Versprechen des Klappentexts gehalten: Even the Darkest Stars ist wirklich ein einzigartiges Buch, sowohl vom Weltenbau (es gibt kleine Drachen, die quasi als Lichter fungieren!), aber auch von den Charakteren (das All That Sass-Motto der FairyLoot ist definitiv zutreffend) her. Selbst die Geschichte hat eine komplett andere Richtung in den letzten paar Kapiteln eingeschlagen, sehr düster, aber unglaublich cool! Da kann ich auch bereitwillig darüber hinwegsehen, dass die Geschichte im Mittelteil etwas langsamer voranschreitet. Andererseits klebte ich auch so sehr an den Seiten, dass mir das kaum aufgefallen sind.
Der zweite Band, All the Wandering Light (noch so ein schöner Titel!), erscheint leider erst im September 2018. Andererseits bietet mir das genug Zeit, Even the Darkest Stars ein zweites Mal zu lesen – denn ich bin wirklich schwer beeindruckt von Heather Fawcetts Debüt und kann mir gut vorstellen, dass es einiges in Kamzins Welt gibt, das ich noch nicht entdeckt habe.

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depressionen, mental health

Irre glücklich

Jenny Lawson
Flexibler Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Kailash, 17.10.2016
ISBN 9783424631302
Genre: Sachbücher

Rezension:

Auf Irre Glücklich bin ich wegen der Autorin Veronica Schwab aufmerksam geworden, die dieses Buch schon öfters empfohlen hat und es auch auf Goodreads mit This book is everything kommentiert. Außerdem bin ich immerzu interessiert, mehr über Mental Health, insbesondere über Depressionen und Angststörungen wie in Lawsons Fall, zu lernen. Gerade da sind Berichte von Betroffenen unglaublich wichtig.
Leider hatte ich eine andere Erwartung von dem Buch – ich erwartete etwas Kohärenteres, nicht die episodenartigen Erzählungen, die nach jedem Kapitel in sich abgeschlossen sind. Dafür ermöglichen diese, im Notfall ein Kapitel zu überspringen (es gibt bspw. ein Kapitel mit einer Trigger-Warnung) oder das Buch über einen längeren Zeitraum zu lesen, ohne etwas zu verpassen oder zu vergessen. Grundsätzlich lässt sich Irre Glücklich aber sehr leicht lesen, einerseits vom Schreibstil her, aber auch in Hinsicht darauf, wie Lawson mit der Thematik umgeht.
Der Titel sagt eigentlich schon alles: Es ist wirklich ein Buch, das das Leben feiert. Es gibt nur zwei, drei Kapitel, in denen Lawson wirklich ihre Krankheiten im Detail erwähnt oder ohne eine humoristische Note, wo sie von den Zeiten spricht, in denen es ihr schlechter geht. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Buch daher für Betroffene sehr gut geeignet ist – wenn nötig, spricht Lawson eine Trigger-Warnung aus, aber abgesehen davon zeigt sie mit Irre Glücklich einfach, wie lebenswert das Leben ist. Die Autorin bildet quasi einen gewaltigen, bunten Hoffnungsschimmer ab, und das schätze ich unglaublich.
Zugegeben: Jenny Lawson lebt das alles oft auf sehr exzentrische Weise aus. Die Versprechungen von Ausflügen nach Australien und haufenweisen ausgestopften Tieren und absurden Dialogen mit ihrem Ehemann Victor sind nicht übertrieben. Ich kann nicht einmal sagen, dass Lawson sich überspitzt ausdrückt, denn die beschriebenen Erfahrungen entsprechen einfach der Prämisse, ihr Leben an den guten Tagen zu 200% zu leben – und dass daraus Ereignisse resultieren, die auf den Leser alles andere als alltäglich wirken, ist rückblickend eine logische Konsequenz.
Auch Lawsons Humor ist sehr speziell, hat aber in den meisten Fällen bei mir genau den richtigen Nerv getroffen. Es ist eine gesunde Mischung aus Sarkasmus und schlichtweg der Fähigkeit, die eigene Krankheit fast schon gesondert zu betrachten und sie als Quelle von Humor zu gebrauchen. Dabei bezeichnet Lawson sich zum Beispiel auch selbst als Irre – was ich okay finde, da sie die Selbstbezeichnung wählt; falls es auch aber stören sollte, würde ich euch von dem Buch eher abraten.
Im Großen und Ganzen hat mir Irre Glücklich gut gefallen – während mir die einzelnen Kapitel manchmal etwas zu überdreht und auch zu ausführlich waren, ohne einen wirklichen roten Faden aufzuweisen, schätze ich doch die Aussage des Buches, dass man sein Leben feiern soll. Das hat Jenny Lawson sich zu ihrer Mission gemacht – ob auf TwitterInstagramihrem Blog oder eben in diesem Buch.

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Tags: depressionen, mental health   (2)
 

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37 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 18 Rezensionen

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Das verborgene Spiel

M. L. Rio , Karin Dufner
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Penguin, 11.09.2017
ISBN 9783328100539
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Es fällt mir schwer, in Worte zu fassen, was ich für Das verborgene Spiel empfinde, aber zwei Dinge kann ich ganz klar sagen: Es ist ein Buch, über das nicht ansatzweise genug geredet wird. Und es ist ein Buch, auf das man sich einlassen muss.
Ich habe in der Inhaltsangabe nicht übertrieben, als ich schrieb, dass Shakespeare omnipräsent in dem Leben von Oliver und seinen Freunden ist. Sie zitieren Shakespeare in jeder Lebenslage, können immer die richtige Zeile anbieten; sie führen ausschließlich Shakespeare auf, und die Aufführungen beschreibt Rio mit einer Detailtreue, dass man teilweise seitenlang (ggf. leicht abgewandelte) Shakespeare-Dialoge liest. Darauf muss man sich einstellen. Wenn das nichts für euch ist, werdet ihr mit dem Buch vermutlich weniger Spaß haben.
Ihr braucht allerdings nicht Shakespeare zu kennen – vor Das verborgene Spiel war ich lediglich mit Romeo und Julia und ein paar Sonetten vertraut, habe höchstens mal etwas während dem Lesen gegoogelt, um die Charakterrollen aus anderen Stücken besser verstehen zu können. Die Autorin flicht all das aber so gut ein, dass man mit den Charakteren auf der Bühne steht – und dazu braucht man nicht einmal den Text zu kennen.
Letztendlich ist es ein Buch, dessen Charaktere von Shakespeares Stücken leben, und als Leser begegnet man derselben Sogströmung – von der ersten Seite an, denn statt in Teile und Kapitel ist das Buch in Akte und Szenen eingeteilt. Grandios!
Auch die Darstellung von Olivers Freundeskreis hat mir unglaublich gut gefallen. Richard, Alexander, James, Meredith, Wren, Filippa – jeder spielt eine andere Rolle, sowohl im Theater als auch außerhalb. Es benötigte nur wenige Szenen, bis ich sie auseinanderhalten konnte, was bei mir etwas heißt … M. L. Rio gelingt es mühelos, jedem der Charaktere distinktive Eigenschaften zu verpassen, vor allem aber auch Dynamiken unter den Charakteren zu entwickeln. Obwohl die Geschichte ausschließlich aus Olivers Perspektive in der ersten Person berichtet wird, hatte ich das Gefühl, neben seiner Geschichte Bruchstücke von sechs weiteren zu erfahren.
Mein Highlight unter seinen Freunden ist ganz klar James – ein höchstintelligenter Charakter, der beste Schauspieler in der Gruppe, der sich gerade in den Rollen, die er dadurch erhält, eingeengt fühlt. Er ist Olivers Mitbewohner, sein bester Freund, vielleicht mehr? Rio schuf eine solche Spannung zwischen ihnen, dass ich förmlich an den Seiten klebte. Noch nie ist mir eine derartig undefinierte Beziehung begegnet, die mich so sehr packen konnte. Ich liebe es, wenn mir als Leserin die Antworten nicht auf dem Silbertablett präsentiert werden. Und auch hier schuf die Autorin einen Interpretationsfreiraum zwischen Andeutungen und Möglichkeiten, den ich liebte.
Das verborgene Spiel ist letztendlich eine Geschichte von menschlichen Abgründen. (Wenn ihr den offiziellen Klappentext lest, verrät der auch etwas mehr – ich habe ihn erst hinterher gelesen und war froh darüber. Eure Entscheidung!) Von subtilen Nuancen zwischen den Charakteren bis hin zu gravierenden Entscheidungen, die die Charaktere treffen oder vor die sie gestellt werden, ist alles mit dabei. Die Andeutungen, die von Anfang des Buches vermittelt werden, werden schnell zu einer düsteren Realität, als man Zeuge davon wird, wie Oliver und seine Freunde immer tiefer in die Katastrophe rutschen.
Rio schaffte es ebenfalls, mich wieder und wieder zu überraschen, die Geschichte sich in Richtungen entwickeln zu lassen, die ich nicht erwartete, rückblickend aber auf fast schon ein Ultimatum hinarbeiteten. Als ich mit dem Lesen des Buches begann, wusste ich nur, dass es außerhalb meiner Komfortzone lag, und war deshalb zögerlich, fast schon skeptisch – stattdessen entwickelte Das verborgene Spiel eine Sogwirkung, die es mir unmöglich machte, Olivers Geschichte loszulassen.
Nach derartig hohen Einsätzen hatte ich nicht die geringste Ahnung, wie Rio das Buch beenden würde – aber auch hier packte sie meine Erwartungen und stellte sie vollkommen auf den Kopf. Ohne etwas zu verraten: Das Ende überwältigte mich dermaßen, dass ich die letzten Sätze mehrmals las, die Anspielung googelte, begeistert den Kopf schüttelte, ein paar Tränen verdrückte und es noch einmal las.
Dann setzte ich mich an meinen Laptop und bestellte mir mehrere Werke Shakespeares. Wenn ich das nächste Mal in Olivers Welt zurückkehre, will ich gut vorbereitet sein.

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119 Bibliotheken, 7 Leser, 1 Gruppe, 24 Rezensionen

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Und wenn die Welt verbrennt

Ulla Scheler , Diana Mantel
Flexibler Einband: 350 Seiten
Erschienen bei Heyne, 18.09.2017
ISBN 9783453271425
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Schon mit ihrem Debüt Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen hat Ulla Scheler bewiesen, wie gut sie schreiben kann. Deshalb habe ich mich umso mehr gefreut, eine Chance zu erhalten, Und wenn die Welt verbrennt zu lesen. Nach Erhalten des Buches war meine Neugier so groß, dass ich es gleich am selben Abend aufgeschlagen habe – und am Abend darauf die letzte Seite las. Dass das Buch über 400 Seiten schwer ist, merkt man zu keinem Augenblick, im Gegenteil; ich inhalierte Felix' und Alisas Geschichte förmlich, und gerade die ersten drei Viertel des Buches waren toll, stellenweise grandios.
Die Geschichte wird sowohl aus Alisas Perspektive im Präsens als auch aus Felix' Perspektive im Präteritum erzählt – ein Tempuswechsel, der mir so noch nie begegnet ist und der mir überraschend gut gefallen hat. Bis auf ein paar holprige Übergänge ist die Erzählung aus den zwei Perspektiven in meinen Augen sehr gut gelungen.
Schnell hat sich Felix als mein persönlicher Favorit herauskristallisiert: seine Gefühle, nie gut genug zu sein, und seine Ziellosigkeit im Leben werden von Scheler so subtil, aber doch allanwesend dargestellt, dass ich gar nicht anders konnte, als mit ihm mitzufühlen.
Mit Alisa hatte ich dafür ein paar Schwierigkeiten, was hauptsächlich daran liegt, dass sie die Geheimnistragende der beiden ist – sie hat diese düstere Vergangenheit, die sie zwar verdrängen will, aber nicht kann. Allerdings wird gerade zu Anfang dieses Geheimnis nur angedeutet, auch in Felix' Perspektive, und das ziemlich oft, etwas, was mich persönlich stört. Es ist klar, dass ein Geheimnis besteht, dann muss man nicht noch andauernd darauf hinweisen, ohne dem Leser oder den Figuren selbst irgendwelche Klarheit anzubieten.
Umso besser hat mir dann die Richtung gefallen, die die Geschichte eingeschlagen hat. Während ich die Beziehung von Felix und Alisa zumindest anfangs etwas überstürzt fand, begannen die beiden schnell, sich besser kennen zu lernen und miteinander statt gegeneinander zu arbeiten – zumindest von Felix' Seite aus, Alisa öffnete sich nur langsam. Und gerade diese Enthüllung ihrer Vergangenheit, die Twists beinhaltet, die selbst Alisa so nicht vorausgesehen hat, war der prominente Faktor, der es mir unmöglich machte, das Buch aus der Hand zu legen. Immer, wenn ich dachte, jetzt auf der richtigen Spur zu sein, brachte Ulla Scheler eine neue Überraschung ein, und es gab bis zum Ende eigentlich nur einen Aspekt, den ich richtig erraten hatte – sehr cool, und vor allem eine Richtung, die ich nicht erwartet hatte.
Wie bereits erwähnt: Der Schreibstil hat mir außerordentlich gut gefallen, noch besser als in Schelers Debüt. Einerseits trug er mich durch die Geschichte, andererseits schaffte es die Autorin mit ihren Worten, kleinste zwischenmenschliche Nuancen auszudrücken und Gefühle zu formulieren, die man sonst gar nicht erfassen kann. Klasse fand ich es auch, dass Alisa in ihren Kapiteln immerzu einen "kleinen Käfer" anspricht. Wirklich wunderschön.
Jetzt kommt das große Manko. Leider. Denn bis zu etwa den ersten dreihundert Seiten wäre Und wenn die Welt verbrennt ein Buch gewesen, das vier, wenn nicht sogar fünf Sterne verdient hätte. Ich war voll und ganz in der Geschichte drinnen – bis die Charaktere sich auf einmal selbst zu widersprechen schienen, und der Plot zwar einen überraschenden Twist nahm, die Konsequenzen aber so absurd waren, dass ich das Gefühl hatte, ein völlig anderes Buch in der Hand zu halten. Felix machte plötzlich Dinge, die nicht im Geringsten zu erklären waren, und darüber hinaus beinhaltete der Plottwist eine Straftat, die von keinem der Charaktere – weder von den Tätern noch von den Mitwissenden – thematisiert wurde. Die Krönung zu dieser Absurdität bildete das letzte Kapitel, das mehr wie ein verzweifelter Versuch wirkte, die Geschichte in die richtige Richtung zu biegen, letztendlich bei mir aber nur einen bitteren Beigeschmack hinterließ.
In der Danksagung berichtet Ulla Scheler von ihren Problemen beim Schreiben des Buches, und leider merkt man das dem Endprodukt auch an. Nach diesem fulminanten Auftakt war das Ende so absurd und abwegig, dass ich enttäuscht und frustriert gleichermaßen war und mir fast wünschte, niemals die letzten Kapitel gelesen zu haben.
Ich kann mir aktuell nicht vorstellen, in der Zukunft zu einem weiteren Buch von ihr zu greifen; der Schreibstil rettet nicht über die Probleme der Charaktere und des Plots zurück, und in dem Fall von Und wenn die Welt verbrennt auch nicht über die Ignoranz, mit der ernste Probleme im Text behandelt werden.

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Ready Player One

Ernest Cline , Sara Riffel , Hannes Riffel
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei FISCHER Tor, 27.04.2017
ISBN 9783596296590
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Aus irgendeinem Grund war ich immer davon überzeugt, dass mir Ready Player One nicht gefallen würde. Was mich dann doch dazu bewegt hat, es zu lesen, war die Tatsache, dass es verfilmt wird, und dass die Verfilmung wiederum das Buch in der Bloggerszene wieder hat aufleben lassen … wenn das Sinn macht. Kurzum: Ich war neugierig. Dabei hatte ich nicht mal wirklich eine Ahnung, was mich erwarten würde – abgesehen von den ganzen 80er-Anspielungen.
Das vorweg: Nur wenige der Anspielungen habe ich auf Anhieb verstanden. Und wisst ihr was? Das war nicht das geringste Hindernis. Cline integriert Beschreibungen in den Text, die auch einem unwissenden Leser ermöglichen, Wades Begeisterung für zahlreiche kultige Spiele, Serien, Musik und Bücher nachzuempfinden. Für diejenigen, die die angesprochenen Dinge kennen, ist das Ganze bestimmt doppelt so cool.
Was mich an Ready Player One am meisten fasziniert hat, war tatsächlich der Weltenbau. Eigentlich ist das total absurd, denn die Art und Weise, wie davon berichtet wird, ist streng genommen reiner Infodump. Es gibt immer wieder Absätze, nein, ganze Seiten, wo Wade nur über die Vergangenheit berichtet, wie die OASIS entstand, wo er quasi Hallidays Biographie wiedererzählt … gerade zu Anfang des Buches wird eigentlich nur Hintergrundwissen vermittelt. Und was für mich gedanklich immer ein totaler Downturner war, hat hier bei Ready Player One einfach so gut funktioniert – und das hat mich unglaublich fasziniert.
Zum einen fand ich es cool, so viel zu erfahren, weil es nicht nur zeigt, wie die Welt im Jahre 2044 ist, sondern auch, wie es dazu kam. Das machte diese fast schon dystopische Realität um einiges greifbarer, da mir nicht plötzlich statt der Welt A die Welt B präsentiert wurde, sondern auch den Weg dorthin erläutert kriegte. Der zweite Grund, warum mir dieser Informationsfluss gut gefiel, war schlichtweg Wades Stimme – Cline gelingt es wunderbar, seinem Protagonisten eine ganz einzigartige Erzählweise zu verpassen, die selbst dann durchschimmert, wenn er irgendwelche Fakten von sich gibt. Von der ersten Seite an wurde in die Welt hineingezogen, und das schon, obwohl es noch nicht einmal um die Jagd nach dem Easter Egg ging, sondern erst darauf hingearbeitet wurde.
Zu Wade an sich hatte ich gar keine übermäßig tiefgreifende Sympathie entwickelt – ich bewunderte den Jungen, bemitleidete ihn manchmal, war beeindruckt von seinem Wissen und seiner Intelligenz … aber ich brauchte diese tiefe Verbindung auch gar nicht, denn wie bereits gesagt: Als Erzählstimme von dieser Geschichte hat er einfach wunderbar funktioniert. Die Nebencharaktere – auch wenn wir sie nur durch Wades Perspektive sehen – sind mir eher ans Herz gewachsen, wie zum Beispiel Wades bester Freund Aech, die mysteriöse Art3mis, in die Wade nicht-so-heimlich verliebt ist, oder der schrullige Ogden, der Mitgründer der OASIS.
Die Suche nach dem Easter Egg war in der Hinsicht besonders spannend, dass wir dadurch einen Einblick in die OASIS erhielten, da die einzelnen Rätsel zahlreiche Planeten in den Sektoren abdeckten. Es ist einfach so cool, dass einerseits Dinge wie Schule, Arbeit etc. in die OASIS ausgelagert werden (können), sie gleichzeitig aber Quests beinhaltet, die den Charakteren ermöglichen, ein höheres Level zu erreichen, magische Artefakte, Möglichkeiten, den Avatar aufzurüsten – in der Definition auch als MMOSG (Massively Multiplayer Online Simulation Game) bezeichnet.
Die Lösung der Rätsel erfordert ein umfangreiches Wissen über all die Medien, die Halliday zu Lebenszeiten konsumierte – Wissen, dass sich Wade über Jahre mühsam angeeignet hat und dann dementsprechend einbringen kann. Da das bereits von Anfang an klar ist – also, dass er dieses Wissen besitzt – war es für mich als Leserin auch nur logisch, dass er (mit etwas Startschwierigkeiten) gute Chancen hatte, im Wettbewerb in den vorderen Reihen mitzumischen.
An der Stelle setzt allerdings mein erster kleinerer Kritikpunkt ein. Manchmal waren mir ein paar Gegebenheiten zu … konstruiert. Wade tut etwas Beeindruckendes, und erst in einem darauffolgenden Absatz wird erklärt, dass er schon vor Monaten XY gemacht hat, damit das Beeindruckende überhaupt erst so funktionieren konnte. Eine nachgeschobene Erklärung quasi, wo ich mich als Leserin immer etwas ausgelassen fühle. Es ist mir etwas zu leicht gemacht, diese Erklärung dann einzuschieben, wo sie gebraucht wird.
Mein zweiter kleiner Kritikpunkt bezieht sich auf die Romanze. Wade macht von Anfang an klar, dass er in ein Mädchen verliebt ist, das er nur aus der OASIS kennt, aber aus der Verliebtheit wird schnell eine regelrechte Obsession, in Folge derer er manchmal einfach total unsinnige Entscheidungen trifft. Auch wenn diese Liebelei die Geschichte im Großen und Ganzen nicht überschattet, hat sie dem Ende des Buches doch irgendwie einen enttäuschenden Beigeschmack beschert.
Wohlgemerkt: Beide Kritikpunkte sind auf hohem Niveau. Es sollte mittlerweile klar geworden sein, dass ich das Buch liebte und es am liebsten gar nicht mehr aus der Hand geben wollte. Vielleicht lag es daran, dass ich keine hohen Erwartungen an Ready Player One hatte – aber aus der Perspektive von jemandem, der mit der Videospielwelt und der ganzen Kultur der 80er eigentlich gar nichts am Hut hat, ist es für mich doppelt beeindruckend, dass Ernest Cline es so mühelos gelang, mich in diese Welt hineinzuziehen, mich mit seiner eigenen Begeisterung anzustecken.


4,5 Sterne!

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The Gentleman's Guide to Vice and Virtue

Mackenzi Lee
Fester Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Katherine Tegen Books, 27.06.2017
ISBN 9780062382801
Genre: Sonstiges

Rezension:

The Gentleman's Guide to Vice and Virtue gehört zu denen Büchern, die mich auf eine Art und Weise berührt haben, dass es mir auch noch Tage später schwerfällt, dieses Gefühl in Worte zu fassen. Was für mich total verrückt ist, weil ich niemals erwartete, dass dieses Buch mich so sehr trifft.
Ich hatte eine quirlige, witzige Reise durch Europa mit einer gesunden Prise Humor erwartet, was nichts zuletzt daran lag, dass das Buch seit Monaten in aller Munde ist – die deutsche Ausgabe ist immerhin schon im März erschienen, und auch im englischsprachigen Raum teilten Booktuber schon Monate vor Erscheinen des Buches positive, wenn nicht sogar euphorische Meinungen, die meine Erwartung von dem Buch derartig prägten und formten.
Es ist nicht so, dass ich diese quirlige Reise nicht bekam, oder dass der Humor nicht an Perfektion grenzt … (Das ist untertrieben: Montys Humor ist perfekt. Ich habe so selten so laut bei einem Buch gelacht – und Lee gelingt es besonders gut, mich auf der einen Seite weinen und auf der nächsten wie blöd grinsen zu lassen.) Aber darüber hinaus besticht das Buch mit einer Tiefe, mit einer Ernsthaftigkeit unter dieser leichten Ebene, die mich zutiefst beeindruckt und bewegt hat.
Wenn ich genauer darüber nachdenke, ist es fast so, als wäre The Gentleman's Guide to Vice and Virtue für jeden eine ganz einzigartige Erfahrung, was gar nichts mit der Interpretation der Inhalte zu tun hat, sondern damit, dass jeder Inhalt des Buches für jeden zugänglich ist … mit versteckten, "zweiten" Bedeutungen für diejenigen, die es brauchen.
Ihr fragt euch, was ich hier für einen Stuss zusammenschreibe? Ich denke mir nämlich gerade auch, dass das sehr absurd klingt. Aber dann müsste ich irgendwie den Platz in meinem Herzen leugnen, den Monty und Percy und Felicity in Windeseile erobert haben.
Wie eigentlich alle Bücher lebt auch The Gentleman's Guide to Vice and Virtue von seinen Charakteren. Da ist natürlich unser Protagonist Monty, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird; ein junger Mann, der augenscheinlich nichts außer Alkohol und Liebeleien im Kopf hat. Doch im Laufe des Buches beginnt Lee, mehr und mehr Schichten von Monty zu enthüllen, die mir nicht nur den Atem raubten, diesen Jungen umarmen und nie wieder loslassen wollten … die Autorin machte es darüber hinaus auf eine Art und Weise, die mir nicht das Gefühl gab, dass mir bisher Informationen vorenthalten wurden – sondern dass diese Teile von Monty teils so in ihm vergraben sind, dass er es selbst kaum wagt, sie zu berühren. Von einem humorvollen, höchst skandalösen jungen Mann wurde er zu jemandem, der versuchte, sein Leben mit aller Kraft zusammenzuhalten.
Percy, Montys bester Freund und Schwarm, wurde zu meiner Erleichterung nicht als Loveinterest abgestempelt – besonders schön ist Lee hier die Balance zwischen oh-Gott-was-wenn-er-mich-nicht-so-mag und oh-Gott-mag-er-mich-vielleicht-so? gelungen. Percy ist immer noch vorrangig Montys bester Freund, und durch all die Jahre, die sie sich schon kennen, sind sie zu einer unzertrennlichen Einheit geworden. Kurzum: Ich habe sie eigentlich von den ersten zwei Sätzen an geshippt.
Und ich schließe mich der allgemeinen Meinung an, wenn ich sage, dass ich öfters als nicht das Bedürfnis hatte, die Köpfe der beiden endlich zusammenzudrücken. Aber Spaß beiseite: Ich find's absolut fantastisch, wenn Liebespaare in Romanen wirklich und wahrhaftig Freunde sind, bevor sie mit diesem ganzen Romantik-Kram anfangen. In The Gentleman's Guide to Vice and Virtue war es darüber hinaus von der ersten Seite an klar, wer hier Interesse an wem hat, was doppelt erfrischend ist.
Ich hatte oben bereits angedeutet, dass das Buch auch vor ernsten bzw. kritischen Themen nicht zurückschreckt, und Percys und Montys (potenzielle) Beziehung ist eines davon, Homosexualität im 18. Jahrhundert – damals auch ganz gerne noch Sodomie (angelehnt an die Bibel) genannt. Lee thematisiert die Queer Culture, wie sie es nennt, nicht nur im Text selbst, sondern auch noch ausführlicher (inklusive ihrer unglaublich spannenden und nicht weniger bedrückenden Recherche) im Anhang, wo sie auch weitere Themen wie Rassismus und, ja, Epilepsie anspricht. Einer der Charaktere (es wird erst im Laufe des Buches enthüllt, deshalb werde ich hier keine Namen nennen) ist nämlich von Epilepsie betroffen, und Lee beschreibt nicht nur den (weniger schönen) Umgang mit dieser Krankheit, sondern auch generell den Umgang mit einem kranken Geliebten und dem (nett gemeinten, oftmals aber sehr schädlichen) Wunsch, diesen zu heilen, mit einer Sensibilität, die unglaublich ist.
Besonders gut hat mir in der Hinsicht gefallen, dass Lees Charaktere nicht perfekt auf die eben angesprochenen Themen reagieren, sondern Fehler machen … und auf eben diese problematischen Verhaltensweisen angesprochen werden, sich entschuldigen und aus ihren Fehlern lernen. So, wünsche ich mir, sollte immer mit problematischen Inhalten in Büchern umgegangen werden: Wenn der/die Autor*in sich entscheidet, diese zu repräsentieren, dann soll den Lesern auch gezeigt werden, wo eben die Probleme liegen. Und zuletzt für die ausführliche Recherche, die angemessene Sensibilität und die unglaublich gelungene Integration in den Text kann ich nur meinen Hut vor Mackenzi Lee ziehen.
Zuletzt kann ich euch nur noch sagen, dass es tatsächlich nichts an diesem Buch gibt, das ich nicht liebe. Montys Schwester Felicity hat mich mit ihrem trockenen Humor, ihrer Intelligenz und ihrer Scharfsinnigkeit beeindruckt; selbst Nebencharaktere, so unsympathisch sie auch sein mögen, bestechen dennoch mit einer künstlerischen Brillanz. Der Schreibstil ist grandios, mit wunderschönen, bildhaften Ausdrücken, die all die Orte, die Monty, Percy und Felicity aufsuchen, mit einer Leichtigkeit zum Leben erwecken lassen. Mackenzi Lee bewältigt das Genre mit links und machte es mir nicht nur zu einem Vergnügen, sondern zu einer Ehre, an Montys Geschichte teilnehmen zu dürfen.
(Deshalb freue ich mich umso mehr, dass Lee bereits angekündigt hat, dass ein Spin-Off zu Felicity geben wird – The Lady's Guide to Petticoats and Piracy.)
Ich kann mich nur wiederholen – The Gentleman's Guide to Vice and Virtue hat mich von der ersten Seite mit solch einer Wucht gepackt, dass ich mir nicht vorstellen konnte, diese Geschichte jemals wieder gehen zu lassen, und mir immer wieder bewiesen, dass ich Monty und seine Abenteuer noch mehr lieben konnte. Ein grandioses Buch, das nicht nur ein diesjähriger Favorit ist, sondern zu einer Zeit in mein Leben kam, in der ich gar nicht wusste, wie sehr ich es brauchte.

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Tags: historical fiction, jugendbuch, lgbtqia, young adult   (4)
 

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83 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 13 Rezensionen

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Der Dunkle Turm – Schwarz

Stephen King , Joachim Körber
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Heyne, 10.07.2017
ISBN 9783453504028
Genre: Fantasy

Rezension:

Ach herrje.
Interessanterweise bin ich auf Schwarz gekommen, weil ich Der Dunkle Turm im Kino gesehen habe und mir dachte: Hey, der Film war ein bisschen kurz, ich bin total neugierig, wie Rolands Welt in Stephen Kings Werk beschrieben wird. Das wird keine Filmrezension, und ich habe mich auch nicht näher eingelesen, inwiefern der Film etwaige Details aus späteren Bänden aufnimmt, aber so viel kann ich sagen – retrospektiv war mir der Film um einiges lieber, weil ich da wenigstens irgendwelche Antworten bekommen habe.
Als Leser komme ich normalerweise gut damit klar – befürworte es sogar –, ins kalte Wasser geworfen zu werden. Stephen King hat mich jedoch nicht nur ins kalte Wasser geworfen, sondern meinen Kopf immer tiefer unter die Oberfläche gedrückt, wenn ich versucht habe, zu schwimmen.
Genug der Metaphorik: Ich bin einfach nicht in die Geschichte reingekommen, was an zwei Dingen liegt. Zum einen konnte ich keinerlei Verbindung zu den Charakteren aufbauen, weder zu Roland, dem Protagonisten, noch Jake, der ab dem ersten Drittel des Buches recht präsent wird. Die Nebencharaktere kamen mir bestenfalls wie Skizzen vor, und keine davon gefiel mir sonderlich gut. Stellenweise hat das immerhin zu der Geschichte gepasst, wenn deutlich wurde, dass Stephen King gerade dieses Unwohlsein beim Leser hervorrufen wollte – das gelingt ihm ganz wunderbar. Gerade die Kampfszenen in dem Buch haben mir mit ihrer brutalen Realität unglaublich gut gefallen! Aber mit den Charakteren wurde ich einfach nicht warm.
Der zweite, große Grund, der mich weiter von der Geschichte entfernt hat, war der Weltenbau. Nein, warte, der Weltenbau ist da, wird zumindest angedeutet – aber nicht im Geringsten erklärt. Das ganze Buch über passieren höchst seltsame Dinge, Roland gibt irgendwelche ominösen Begriffe von sich, und nichts, einfach gar nichts, wird erklärt. Eine Handvoll Dinge konnte ich mir zusammenreimen; vielleicht fehlte es mir beim Rest an Fantasie. Auf jeden Fall führte es dazu, dass ich mit jeder verstreichenden Seite nur noch frustrierter wurde.
Auf den letzten fünfzehn Seiten des Buches liefert King erstmalig Antworten. Und auch diese sind wieder so abstrakt, so vage verfasst, dass ich hinterher nur wenig schlauer war und dafür maximal frustriert und einfach froh, dass das Buch vorbei war. Ich habe noch nie ein 300 Seiten-Buch gelesen, das sich so verflucht lang angefühlt hat. Dabei lässt sich das Buch an sich leicht lesen, Kings Schreibstil hat mir gut gefallen, insbesondere die kleinen, allgemeingültigen Weisheiten, die im Text verstreut sind! Aber dieser konfuse Plot, diese Fragen, die sich angehäuft haben, haben es mir einfach unmöglich gemacht, meinen Gefallen an manchen Szenen für mehr als ein paar Seiten aufrecht zu halten.
Was Schwarz anbetrifft, scheint es einen allgemeinen Konsensus zu geben, den ich in einigen Rezensionen gelesen und von anderen Fans erzählt bekommen habe: "Nur dran bleiben, die Reihe lohnt sich erst ab den Folgebänden so richtig!", "Der erste Band ist der zähste, einfach durchbeißen!" – und so weiter. Aber ganz im Ernst: Ist das nicht ein Privileg Kings? Bei jedem weniger bekannten Autor würde man eher dazu raten, die Reihe abzubrechen … oder der Verlag würde sie einstellen, wenn sie sich nicht gut verkaufen würde.
Ja, vielleicht werde ich weiterlesen. Doch das rechtfertigt es in meinen Augen noch lange nicht, solch einen zähen ersten Band abzuliefern. Oder aber ich werde einem anderen Werk Kings eine Chance geben, und wenn es dann nichts wird, soll es eben nicht sein. Es ist verrückt, welche Ehrfurcht ich gegenüber diesem Mann empfinde; dass ich mich kaum traue, dieses Buch zu kritisieren, weil er einen (fast schon) legendären Status in Autorengefilden eingenommen hat.
Zuletzt möchte ich noch darauf eingehen, dass ich es schade finde, dass King im ersten Drittel des Buches mehrmals vulgäre Beschreibungen bei Frauen verwendet. Da finden sich Sätze wie "Ihre Brüste drängten sich in überreifer Pracht gegen die vom Waschen ausgebleichte Bluse, die sie trug" und "Der Revolvermann pustete sie um, und sie landete mit hurenhaft gespreizten Beinen und über die Schenkel gerutschtem Rock auf dem Boden" (beide zitiert nach Schwarz (Der Dunkle Turm), Stephen King, Heyne). Ich habe die Argumente gehört: Dass es ein Mittel sei, um die Figuren zu charakterisieren, dass man es im Kontext betrachten müsste … nein, finde ich nicht. Im Kontext und außerhalb des Kontexts sind solche Beschreibungen veraltet und unschön, und die Sexualisierung der weiblichen Nebencharaktere führte nicht gerade dazu, dass ich sie besser kennen lernte. Ein kleiner Trost: Diese Beschreibungen häufen sich lediglich in den ersten hundert Seiten, aber unschön sind sie immer noch.
Kurzum – mein erster King war ein absoluter Reinfall. Der Geschichte gelang es nur bruchstückhaft, mich zu fesseln, und anstatt Licht ins Dunkle zu bringen, habe ich mich als Leser irgendwann nur noch an der Nase herumgeführt gefühlt. Ich habe eine gefühlte Ewigkeit an dem Buch gelesen, und war einfach nur noch froh, als es vorbei war.

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Aquila

Ursula Poznanski
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Loewe, 14.08.2017
ISBN 9783785586136
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Nachdem Poznanskis Elanus weniger mein Fall war, habe ich mich umso mehr darüber gefreut, im Rahmen der Leserunde auf Lovelybooks ein Rezensionsexemplar von Aquila gestellt zu bekommen. Die Prämisse klang einfach genial: eine Erinnerungssuche in der italienischen Stadt Siena.
Und auch das Buch geht vielversprechend los. Poznanski fackelt nicht lange und wirft den Leser direkt ins Geschehen, das Buch beginnt mit Nikas Aufwachen und schnell wird alles noch verwirrender, mysteriöser und gefährlicher. Die ersten 150 Seiten waren toll, denn genauso wie Nika tappt man vollkommen im Dunkeln, und als immer mehr Fragen aufgeworfen werden, stellt man sich als Leser auch die Frage, wie das alles aufgelöst werden soll.
Nach diesem grandiosen Auftakt begann die Geschichte etwas zu stocken, indem sie immer wieder um dieselben Fragen kreiste und nicht wirklich Antworten gab. Ab diesem Punkt nahmen auch meine Probleme mit Nika zu. Zum einen, weil sie sich – aber das ist wohl eine Protagonistenkrankheit – immer öfters Hals über Kopf in unsinnige Gefahren begab; andererseits hatte ich aber auch nicht das Gefühl, sie wirklich zu kennen. Sie wird dürftig charakterisiert: mit ihrem Stiefvater kommt sie nicht klar, in Deutschland hat sie eine beste Freundin, und ihr Studium mag sie nicht wirklich. Außerdem hat sie sich nicht richtig bemüht, Italienisch für ihr Auslandssemester zu lernen. Es wird nicht verraten, was sie wirklich gern macht, was sie bewegt; sie erwägt nicht einmal, ihre beste Freundin anzurufen und ihr von dem Schlamassel zu erzählen, in dem sie immer tiefer versinkt.
In der Leserunde hat jemand angemerkt, dass das in dem Kontext nicht wichtig sei – schließlich geht es um die Suche nach Nikas Erinnerungen. Ich hingegen glaube, dass es Geschmackssache ist. Ich persönlich würde mir lieber etwas mehr Zeit nehmen, meine Protagonistin kennenzulernen, damit ich mit dieser auch richtig mitfühlen kann.
Grundsätzlich ist mein größter Kritikpunkt an Aquila eben das Zwischenmenschliche. Ich will hier keine Namen nennen oder spoilern, aber so viel sei gesagt: Im Laufe des Buches bahnt sich eine Liebesgeschichte an, die vollkommen an den Haaren herbeigezogen und nicht nur total unrealistisch ist, sondern auch rein moralisch betrachtet haarspaltend ist. Ebenfalls am Rande wird eine Betrugsgeschichte erwähnt, die von der Betrogenen einfach mit einem Achselzucken abgewunken wird. Paart das mit ein paar absurden Kommentaren, und ihr könnt euch vorstellen, wie frustriert und wütend ich am Ende des Buches war. Was die Charaktere anbetrifft, gibt es wirklich keinen in Aquila, der mir nur ansatzweise sympathisch war. Selbst über Nika konnte ich letztendlich nur den Kopf schütteln.
Auch die Auflösung hat mir weniger gut gefallen. Wir verbringen so viel Zeit mit der Spurensuche, dass das Verbinden der einzelnen Hinweise einerseits total konstruiert wirkte, andererseits auch einfach im Kontext… unrealistisch war? Und irgendwie wieder nichts Neues. Ich hatte das Gefühl, dass Poznanski in Aquila viele Möglichkeiten, das Buch origineller zu gestalten, verpasst hat. Sehr schade.
Kurzum: Aquila hat vielversprechend begonnen, aber die Charaktere, die verworrene Spurensuche und die an den Haaren herbeigezogene Auflösung haben mir das Lesevergnügen ziemlich vermiest. Nachdem ich schon Elanus tendenziell enttäuschend fand, war das vorerst mein letzter Poznanski. Ich glaube mittlerweile einfach, dass es schwer ist, an Erebos und Saeculum anzuknüpfen; vielleicht habe ich auch einfach zu hohe Erwartungen. Aquila konnte in meinen Augen nicht erfüllen, was es verspricht.

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Tags: jugendbuch   (1)
 

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125 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 28 Rezensionen

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Die Königin der Schatten - Verbannt

Erika Johansen , Sabine Thiele
Flexibler Einband: 608 Seiten
Erschienen bei Heyne, 26.06.2017
ISBN 9783453315884
Genre: Fantasy

Rezension:

Es ist noch keinen Monat her, dass ich Die Königin der Schatten - Verflucht gelesen habe und positiv überrascht war. Ich bin sogar so weit gegangen, zu sagen, dass es einer der besten zweiten Bände war, die ich jemals gelesen habe. Ich muss nicht hinzufügen, dass meine Freude auf den Abschluss der Trilogie gigantisch war.
Durchaus hinzufügen muss ich allerdings, dass ich nach dem Höhenflug des zweiten Bandes umso tiefer fiel.
Von Anfang an fiel es mir schwer, in die Geschichte reinzukommen; ich hatte das Gefühl, dass die Geschehnisse zwischen Kelsea und der Roten Königin irgendwie an den Haaren herbeigezogen waren. Die Dialoge wirkten flach, und immer wieder wurde die Vergangenheit der Roten Königin thematisiert. Letztlich konnte ich einfach ihre Beweggründe nie hundertprozentig nachvollziehen, die Motive waren mir schlichtweg nicht stark genug.
Wie auch schon in dem vorherigen Band beschränkt sich Johansen nicht nur auf Kelseas Perspektive; neben der Sichtweise von ein paar anderen Nebencharakteren gibt es auch in Die Königin der Schatten - Verbannt einen Strang, der komplett in der Vergangenheit spielt. Dort begegnen wir Katie, einem Mädchen, das der ersten Generation nach der Überfahrt entspringt und erlebt, wie die so mühsam erkämpfte Utopie an ihrer Umsetzung scheitert.

"Vielleicht ist es uns nicht möglich, zufrieden zu sein, dachte Kelsea […]. Vielleicht sind wir nicht gut genug für Utopien."
(Die Königin der Schatten - Verbannt, Erika Johansen, Heyne Verlag)

Kurzum – alle Handlungen waren spannender als Kelseas. Oder zumindest bewegten sich alle vorwärts, im Gegensatz zu den Geschehnissen zwischen Kelsea und der Roten Königin, die fast eingefroren schienen, sich immer um dieselben Themen drehten oder diese so abstrakt behandelten, dass das Folgen erschwert wurde.
Die anderen Sichtweisen gefielen mir nur bedingt besser; am liebsten war mir Aisas Perspektive. Das Mädchen hat einfach so viel Biss und so einen starken, eigensinnigen Charakter. Zusammen mit Mace gehört sie wohl zu meinen liebsten Figuren der ganzen Trilogie.
Mit Katies Vergangenheitsstrang hingegen hatte ich mehr zu kämpfen. Gerade zum Anfang hin zieht sich ihre Geschichte ungemein, und ich fragte mich öfters, warum wir diesen Einblick jetzt erhielten; hier hätte meiner Meinung nach einiges gekürzt werden konnten. Als Katies Geschichte endlich Fahrt aufnahm, war sie in Ordnung… bis es sehr schnell sehr unangenehm wurde. Ohne hier zu spoilern: Es gibt zwei Sexszenen, die nicht nur vorne und hinten keinen Sinn machen, sondern einfach abrupt, unschön sind und der Geschichte keinen, überhaupt keinen Mehrwert bringen.
Das war ungefähr im letzten Drittel des Buches. Bis dahin war ich schon ordentlich frustriert, weil die Geschichte sich im Schneckentempo vorwärts zu bewegen schien. Aber nichts konnte mich auf das vorbereiten, was daraufhin noch folgte.
Im Nachhinein ist es, als hätte jemand völlig anderes als Erika Johansen dieses Buch geschrieben. Nichts passte mehr wirklich. Die Charaktere verhielten sich anders als gedacht, es wurden unnötige Vorgeschichten dazu gedichtet und ein paar Stränge gezogen, die storytechnisch gar keinen Sinn machen. Das war schlimm genug – es war quasi, als wären die Charaktere, die ich lieben gelernt habe, gegen irgendwelche halbherzigen Doppelgänger ausgetauscht geworden. Aber nichts, nichts von alldem kam an dieses Ende ran. Erst dachte ich noch: Huch, das sind ziemlich wenige Seiten, um die ganzen Katastrophen noch aufzulösen. Der Grund eröffnete sich mir bald. Es wird nichts aufgelöst. Johansen wählt eine simple und faule Lösung und kümmert sich gar nicht erst um die Lösung all der Probleme. Ich war perplex… vorrangig aber wütend und frustriert.
Ich bleibe dabei: Die Königin der Schatten - Verflucht ist tatsächlich einer der besten zweiten Bände, die ich jemals gelesen habe. Aber im Umkehrschluss ist Die Königin der Schatten - Verbannt vermutlich der schlechteste Abschluss einer Reihe, der mir jemals begegnet ist. Die Handlung tritt größtenteils auf der Stelle, Charaktere wirken wie ausgewechselt, und die Auflösung wurde mit einem Deus ex Machina par excellence umgangen. Das ist nicht zuletzt schade, wenn man daran denkt, was für ein unglaubliches Potential diese Reihe hatte, mit ihrer innovativen Idee und einer einzigartigen Protagonistin und Themen wie Politik und Moral, die selten so explizit angesprochen werden… und wie all das in diesem letzten Teil ungenutzt blieb.

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Tags: adult fantasy, high fantasy   (2)
 

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64 Bibliotheken, 10 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

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Lord of Shadows (The Dark Artifices)

Cassandra Clare
Flexibler Einband: 720 Seiten
Erschienen bei Simon & Schuster Childrens Books, 23.05.2017
ISBN 9781471116650
Genre: Sonstiges

Rezension:

Ich habe Lady Midnight geliebt. Dann habe ich Lord of Shadows gelesen.
Nach mittlerweile über acht Jahren bin ich immer noch jedes Mal aufs Neue überrascht, wie es Cassandra Clare wieder und wieder gelingt, mich vollkommen zu begeistern. Ich dachte, Lady Midnight wäre grandios, wenn nicht sogar ihr bestes Werk – aber wenn man mich fragt, verblasst es neben Lord of Shadows. Als hätte es sorgsam und gemächlich das Fundament gelegt, und Lord of Shadows wäre das atemberaubende Bauwerk darauf, das so viele sorgsam gestaltete Details enthält, dass man gar nicht weiß, wo man mit dem Staunen anfangen soll.
Von der ersten Seite an hatte mich das Buch gepackt; Cassandra Clare legt ein ungewohntes Tempo vor, und es gibt nur wenige ruhige Momente in Lord of Shadows. Ich stand kontinuierlich unter Strom, während ich das Buch gelesen habe, konnte und wollte es nicht weglegen – die Bedrohung von Malcom im ersten Band war meiner Meinung nach gar nichts gegen das Grauen, das auf die Schattenjäger in Lord of Shadows wartet. Gerade, weil es von mehreren Seiten kommt, und darüber hinaus Dimensionen annimmt, die mich als Leser schlichtweg schockierten.
Womit ich mir ganz sicher bin: Lord of Shadows ist Clares düsterstes Buch. Die Charaktere stehen nicht nur vor Entscheidungen ungeahnter Größe und Brutalität, sondern machen darüber hinaus unmoralische Dinge und betreten Wege, die ich nicht für möglich gehalten hätte. In anderen Büchern von Clare hatte ich oft das Gefühl, dass die Charaktere durchweg undurchdachte Entscheidungen treffen; auch das ist bei Lord of Shadows nicht mehr der Fall. Ich schätze, das liegt nicht zuletzt daran, in welchen Zeiten Emma und die Blackthorns aufgewachsen sind, und wie diese sie dazu gezwungen haben, viel zu früh erwachsen zu werden.
Das Buch erhält außerdem mit dem Auftreten des Cohorts eine politische Note, die ebenfalls neu für Clare ist und – neben den Charakteren, natürlich – fast mein "Lieblings"aspekt des Buches ist. Die extremistischen Einstellungen dieser Gruppe waren erschreckend, widerwärtig… und verdammt real, wie eine beängstigende Prophezeiung vonseiten Clares. Gerade, wenn man einen Blick auf aktuelle Entwicklungen wirft, wirkt Lord of Shadows wie ein unheimlicher Spiegel, den man eigentlich nicht wahrhaben will.
Kurzum: Der Plot von Lord of Shadows ist pure Genialität. Dass das Buch 700 Seiten schwer ist, hat man – gerade im Kontrast zu Lady Midnight – an keiner Stelle gemerkt.
Wahrscheinlich verdreht jemand von euch jetzt die Augen, aber das Herz der Geschichte sind – wie üblich – die Charaktere. Eine unangenehme Wahrheit gleich im Voraus: Am wenigsten interessiert hat mich Emma und Julians Beziehung. Versteht mich nicht falsch, ich habe die Szenen geliebt, in denen gezeigt wird, wie gut sie miteinander arbeiten können. Ich kann jedoch nur begrenzt die romantische Spannung nachvollziehen, und von allen Ships in dem Buch interessiert mich ihres letztendlich am wenigsten. (Auch wenn ich mir… Sorgen mache, ob/wie der Parabatai-Bund gelöst wird.) Ich mag auch Emma viel lieber als Julian, hauptsächlich, weil ich bei ihren Szenen mehr das Gefühl hatte, dass sie auf den Punkt kommt – bei Julian ist alles oft viel zu kompliziert, und in der nächsten Sekunde jagt mir der Junge Angst ein. (Obwohl Emma definitiv der einzige Charakter in der Reihe ist, der sich immer noch kopflos in wahnwitzige Gefahren stürzt.)
Dafür haben mich die anderen Charaktere (und ihre Liebeleien) viel mehr überzeugt. Ich war überrascht, wie sehr mir die Blackthorns letztendlich am Herz liegen, da ich mich nach Lady Midnight noch davon überzeugen wollte, dass ich sie ja gar nicht sooo gern mag. Aber ganz im Ernst – das Trio Livvy, Ty und Kit war einfach mein persönliches Highlight! Gerade Kit stand ich im ersten Band noch skeptisch gegenüber, in Lord of Shadows hat er mein Herz im Sturm erobert. Es ist spannend, zu sehen, dass er zwar neu in den Schattenjäger-Reihen ist, aber dennoch einiges über sie weiß. Besonders herzerwärmend war es, zu lesen, wie er insbesondere von den Zwillingen aufgenommen wurde, und grundsätzlich brachte er einfach etwas Erfrischendes in die Runde. Die Herondales sind schon genial.
Von Cristina war ich bereits im ersten Buch ein Fan, und das hat sich in Lord of Shadows nicht im Geringsten verändert: Mit ihrer erwachsenen, ehrlichen Art ist sie gute Seele und Ruhepol gleichermaßen. Auch mit Mark wurde ich vollends warm, und selbst, was die Entwicklungen Kierans anbetrifft, hat Clare gezeigt, dass in ihm tatsächlich ein junger Mann steckt, den man ins Herz schließen könnte.
Grundsätzlich bin ich überrascht, wie viele Fragen und offene Stränge Lord of Shadows zurückgelassen hat. Von der plötzlichen Brutalität des Endes, vor der mich haufenweise Leute schon gewarnt haben (nett gemeint, hat aber nichts geholfen! :D), mal ganz abgesehen, habe ich das Gefühl, dass es noch so viele offene Fragen gibt! Ich finde es gar nicht so schlimm, dass Queen of Air and Darkness erst 2019 erscheinen soll, weil Clare sich auch dieses Mal bei der Reihenfolge der Bücher etwas gedacht hat; vielmehr stellt sich mir die Frage, wie zur Hölle sie das alles in einem Buch abwickeln will? Entweder hat der dritte Band über 1000 Seiten oder ich sterbe in jedem Kapitel einen literarischen Tod. Ich bin für die erste Option, bitte danke.Und ja, das Ende war wirklich heftig. Überraschenderweise habe ich keine Träne vergossen, weil ich so geschockt war, aber damit gerechnet hätte ich niemals.
Es gibt nur noch einen Punkt, über den ich mich noch nicht begeistert ausgesprochen habe – auch in Lord of Shadows gibt es wieder zahlreiche altbekannte Charaktere, die auftauchen. Ich will euch gar nicht verraten, wer, aber die Besuche werden länger und intensiver und es ist einfach fantastisch. Der Traum eines Fans, quasi.
Mittlerweile seid ihr mein Geschwärme vermutlich leid – kurz gesagt: Ich glaube tatsächlich, dass Lord of Shadows Clares bestes Werk ist, aber das ändert sich vermutlich mit den nächsten Büchern, die sie auf den Markt bringt. Bis dahin seid ihr vor weiteren Lobtiraden sicher. Und wenn du das hier noch liest und das Buch noch nicht kennst, dann, bitte, tu mir den Gefallen und hole das gefälligst nach.

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Tags: cassandra clare, lord of shadows, the dark artifices, urban fantasy, young adult   (5)
 

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278 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 58 Rezensionen

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Die Königin der Schatten - Verflucht

Erika Johansen , Sabine Thiele
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Heyne, 16.05.2016
ISBN 9783453315877
Genre: Fantasy

Rezension:

Als ich Die Königin der Schatten - Verflucht in die Hand nahm, hatte ich befürchtet, Anschlussschwierigkeiten zu haben, da das Lesen des ersten Bandes über anderthalb Jahre zurückliegt. Deshalb war ich umso positiver überrascht, als sich meine Befürchtungen als größtenteils unbegründet herauskristallisierten: Ein ganz grobes Hintergrundwissen reicht, um fast alles in Band 2 zu verstehen, nur bei kleinen Details war ich manchmal verwirrt. Meinem Lesevergnügen hat es zumindest keinen Abbruch getan, und ich musste mir nicht die Zeit nehmen, den ersten Band ein zweites Mal zu lesen (nicht zuletzt, weil der wiederum 500+ Seiten misst).
Das Stichwort ist bereits gefallen: Die Königin der Schatten - Verflucht war von der ersten bis zur letzten Seite ein einziges Vergnügen. Ich bin überrascht, wie gut mir der Band gefiel. Vielleicht liegt das daran, dass ich mich mittlerweile selbst in Kelseas Altersklasse bewege, aber stand ich der Protagonistin im ersten Band noch zwiegespalten gegenüber, habe ich sie jetzt endgültig ins Herz geschlossen. Gerade, weil sie in ihren ersten Wochen als Königin Fehlentscheidungen getroffen hat und immer noch trifft. Aber immerhin trifft sie Entscheidungen, tritt die Politik nicht nur an irgendwelche Untertanen ab, sondern beteiligt sich aktiv – und sieht auch ihre Verfehlungen ein.

"Schmerz entwaffnet nur die Schwachen."
(Die Königin der Schatten - Verflucht, Erika Johansen, Heyne)

Kelsea ist eine Protagonistin mit zahlreichen Makeln, und gerade die Tatsache, dass sie das selbst sieht, macht sie in meinen Augen so sympathisch. Es gibt einfach zu viele Protagonistinnen, die ihr Handeln kein einziges Mal hinterfragen, und Johansen gelingt hier ein erfrischender Twist. In dem zweiten Band entwickelt Kelsea sich noch dazu in eine sehr düstere Richtung, die mich unglaublich faszinierte und mich realisieren ließ, wie sehr ich sie unterschätzt habe. Das teils naive Mädchen aus dem ersten Band ist einer starken Frau gewichen, die sich den Konsequenzen ihrer Handlungen stellt.
Ein kurzer Einwand dazu (für diesen Absatz gilt eine Triggerwarnung für selbstverletzendes Verhalten!): In Folge der Verdüsterung ihres Charakters entdeckt Kelsea auch, dass sie durch ihre bloßen Gedanken Leute verletzen kann. Um ihre Wut zu "kontrollieren", richtet Kelsea diese Kraft immer öfter gegen sich selbst und lässt ihre Haut aufreißen. An mehreren Stellen im Buch wird beschrieben, wie ihre Arme und Beine Wunden zeigen, bluten, etc., und sie tauscht sich sogar mit einem anderen Charakter darüber aus, der ähnlich fühlt. Das finde ich, kurzum gesagt, katastrophal: Es wird ganz deutlich und explizit ein selbstverletzendes Verhalten gezeigt, ohne die Problematiken dessen zu thematisieren. Dass Kelsea es als Ventil für ihre Wut gebraucht, wird als vollkommen akzeptabel dargestellt, was dem Buch stellenweise einen bitteren Beigeschmack verlieh.
Auch die Nebencharaktere, insbesondere Kelseas Königsgarde, oder zum Beispiel Pater Tyler, sind exzellent herausgearbeitet und brillieren als eigenständige Figuren, nicht nur als Hilfswerke der Protagonistin. Jedem wird eine eigene Stimme und eigene Charakteristika verliehen; dass das Buch auch aus anderen Sichtweisen erzählt wird und nicht nur aus Kelseas, hat mich nicht im Geringsten gestört. Im Gegenteil: Es hat unglaublich viel Spaß gemacht, zu sehen, wie unterschiedlich die Perspektiven auf die Ereignisse sein können und wo Intrigen geschmiedet und Ereignisse enthüllt werden, von denen Kelsea noch gar keine Idee hat.

"Und Kelsea fragte sich plötzlich, ob die Menschheit sich je änderte. […] Das bestimmendste Charakteristikum dieser Spezies war wohl die Verfehlung."
(Die Königin der Schatten - Verflucht, Erika Johansen, Heyne)

Schon in Die Königin der Schatten hat mich der Weltenbau ganz besonders fasziniert: Obwohl Kelseas Welt mittelalterliche Zustände darstellt, spielt die Geschichte etwa im Jahr 2300, ist also eine verquere Zukunftsvision. Im ersten Band gab es für meinen Geschmack noch zu wenig Informationen über diese Welt, was sich im zweiten drastisch ändert: Erika Johansen baut über Kelseas Visionen die Perspektive einer Frau namens Lily Mayhew ein, die im 21. Jahrhundert lebt und sich gerade in dieser Umbruchphase befindet.
Zugegeben: Ich stand Lilys Kapiteln etwas zwiegespalten gegenüber, nicht zuletzt, weil ihre Perspektive einen Großteil des Buches einnimmt, was mich etwas abschreckte, weil ja eigentlich Kelseas Geschichte erzählt wird. Auch wenn ich die Ereignisse der Vergangenheit unglaublich spannend fand (dazu gleich noch mehr), fragte ich mich immer wieder, welche Bedeutung ihre Perspektive jetzt für Kelseas Gegenwart hat. Zum Ende des Buches hin werden mehr Parallelen gezogen, aber auch diese erschienen mir etwas an den Haaren herbeigezogen und ließen mich eher unbefriedigt zurück, nachdem ich so viel Zeit mit Lily verbracht hatte. Ich kann mir gut vorstellen, dass man Lilys Sichtweise stark hätte kürzen können – aber, wie gesagt, da die Ereignisse zu ihrer Zeit an sich nicht uninteressant waren, störten mich ihre Passagen nicht zum Lesezeitpunkt, sondern eher im größeren Zusammenhang.
Und, wie bereits angedeutet: Die Essenz des Weltenbaus ist einfach unglaublich genial! Ich habe noch nie etwas Vergleichliches gelesen. Was Erika Johansen in Die Königin der Schatten - Verflucht ausführt, ist kreativ und faszinierend und erschreckend zugleich. Ich kann aufgrund von Spoilern nicht ins Detail gehen, aber sie löst sich etwas von dem dystopischen Weltenentwurf und widmet sich Leuten zu, die bewusst eine Utopie schaffen wollten. Ich bin immer noch begeistert; es ist einfach vollkommen anders als alles, was ich jemals gelesen habe. Johansen revolutioniert High Fantasy, und sie macht es mit einer beeindruckenden Leichtigkeit.
Kurz gesagt: Obwohl Die Königin der Schatten - Verflucht über 600 Seiten stark ist, habe ich die Dicke des Buches höchstens in den Momenten gespürt, in denen mein Handgelenk nachgeben wollte. Die Kapitel flogen förmlich an mir vorbei, und ich war konstant gespannt, wie Kelseas Geschichte weitergeht, ob sich eine Lösung finden lässt, um die Mort-Invasion irgendwie zu stoppen. Vermutlich ist das Buch einer der besten zweiten Bände, die ich jemals gelesen habe.

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Ein Kuss aus Sternenstaub

Jessica Khoury , Gabriele Haefs
Flexibler Einband: 360 Seiten
Erschienen bei cbt, 10.07.2017
ISBN 9783570403532
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Es war Mara von cakes & colors, die mich vor über einem Jahr in ihrer Rezension zu The Forbidden Wish (OT) meine Neugier weckte. Als ich dann vor ein paar Monaten entdeckte, dass das Buch auf Deutsch erscheinen würde, betrachtete ich das als Wink des Schicksals, es endlich zu lesen. Und so viel vorweg: Es hat mich nicht enttäuscht!
Seit AMANI — Rebellin des Sandes bin ich auf den Geschmack von Geschichten mit orientalischem Setting gekommen. Dieses gestaltet Jessica Khoury auf wundersame Weise in Ein Kuss aus Sternenstaub aus. Von Beschreibungen der Stadt über die Kleidungen der Figuren bis hin zu Bräuchen — alles ist bis ins Detail ausgearbeitet. Obwohl es sich bei dem Buch um einen Einzelband handelt, hat man nicht das Gefühl, einen unvollständigen Weltenbau zu erhalten. Fremde Begriffe werden nach und nach erklärt oder geschickt in den Text eingeflochten, sodass man der Geschichte gut folgen kann und mit Zahras Welt vertraut wird.

"Sogar ein Dieb kann Ehre haben, und sogar eine Dschinny hat vielleicht ein Herz."
(Ein Kuss aus Sternenstaub, Jessica Khoury, cbj)

Allein die Idee des Buches ist spannend und originell — Khoury platziert mit Zahra ganz bewusst eine starke Frau in das Zentrum der Geschichte, die eigensinnige und gleichzeitig moralisch zwielichtige Entscheidungen trifft. (Zugegeben: An manchen Stellen wirkt Zahra nicht wie die 4000-jährige Frau, die sie eigentlich ist, aber das verzeihen wir ihr.) Sie ist quasi Aladdin überlegen, obwohl er gleichzeitig als Lampenbesitzer ihr Gebieter ist, was die Beziehung der beiden ungleich und in der Konsequenz unglaublich faszinierend gemacht hat.
Ehrlich gesagt — es gibt bessere Romanzen als die zwischen Zahra und Aladdin. Aber durch die Machtdifferenz zugunsten Zahras ist ihre originell, und Aladdin ist keiner dieser verpönten Bad Boys, die man heutzutage überwiegend in Young Adult antrifft. Ihre Beziehung hat mich also nicht gestört, mich aber auch nicht großartig berührt.
Auch Aladdin an sich fand ich etwas enttäuschend. Zu Beginn des Buches zeigt er solide Motive, die sich dann im Laufe der Handlung verflüchtigen und auch in seiner Liebe zu Zahra etwas untergehen. Da wäre definitiv noch einiges mehr gegangen! Es geht doch nichts über eine gute Charaktermotivation; Aladdin ist leider der zielloseste Charakter von allen.
Viel spannender hingegen fand ich Zahras Vergangenheit, die sie auch 500 Jahre später noch verfolgt: Auch damals ist ihr Liebe zum Verhängnis geworden, wenn auch diese ganz anders interpretiert wird. Ein schöner Twist, der zeigt, dass es auch platonische Beziehungen gibt.
Besonders viel Frauenpower beweist Ein Kuss aus Sternenstaub bei seinen Nebencharakteren, an ihrer Spitze Prinzessin Caspida mit ihren Wachmaiden. Caspida hat mit ihrem unglaublich starken Willen, ihrer Determination und schließlich ihrer Freundschaft zu Zahra das Buch für mich einfach abgerundet. (Ausnahmsweise würde ich mich für ein Spin-Off aussprechen!)


"Der Preis jeder Lüge ist, dass die Wahrheit immer an den Tag kommen wird."
(Ein Kuss aus Sternenstaub, Jessica Khoury, cbj)

Die Charaktere und das fantastische Setting trösten auch darüber hinweg, dass der Plot manchmal etwas hinkt — damit meine ich überhaupt nicht, dass es dem Buch an Spannung fehlt, im Gegenteil! Gerade die politischen Aspekte der Handlung haben mich unglaublich fasziniert. Ich finde lediglich, dass Khoury bei manchen brenzlige Situationen etwas um den Brei geschrieben hat, sozusagen. ;) Besonders beim Ende hätte es so viele Möglichkeiten gegeben, die Autorin wählte aber den (meiner Meinung nach) voraussehbarsten Ausgang.
Aber wie könnte ich über dieses Buch reden, ohne den Schreibstil zu erwähnen? Jessica Khoury schreibt einfach atemberaubend und unglaublich bildhaft, ohne, dass der Text zu dicht wird oder die Vergleiche zu absurd. Allein des Schreibstils wegen muss man das Buch lieben — hinzu kommen aber noch die unglaublich faszinierende Protagonistin Zahra, starke weibliche Nebencharaktere und eine originelle Erzählung, die in mir den Wunsch erweckte, ebenfalls einmal Zahras und Aladdins Parthenien besuchen zu können.

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amerika, arrangierte ehe, bollywood, contemporary, freundschaft, indien, indische traditionen, jugendbuch, liebe, universität, ya contemporary, young adult

When Dimple Met Rishi

Sandhya Menon
E-Buch Text: 320 Seiten
Erschienen bei Simon Pulse, 30.05.2017
ISBN 9781481478700
Genre: Sonstiges

Rezension:

When Dimple Met Rishi ging (zumindest in der englischsprachigen Bloggerwelt) ein gewaltiger Hype voraus. Schon Monate vor Erscheinen des Buches stolperte ich über eine positive Rezension nach der anderen. Und wenn man mich fragt, wird es diesem Hype gerecht — zumindest in den Aspekten, die auch angepriesen wurden.
Zuallererst: Dimple und Rishi haben mich zu 150% überzeugt. Okay, Dimple vielleicht zu 100, und Rishi doppelt so sehr — aber meine Güte, die beiden sind einfach herrlich. Dimple lebt für ihre Passion — alles, was mit Computern zutun hat — und ist unglaublich eigenständig und zögert vor allem nicht, für das zu kämpfen, was sie möchte. Obwohl ihre Mutter sie in eine ganz andere Frauenrolle (idealerweise geschminkt und verheiratet) pressen will, lehnt sie sich dagegen auf und hinterfragt ganz bewusst die Werte, für die sie steht.
Rishi ist zumindest in der Hinsicht das krasse Gegenteil: Er unterstützt die Idee der arrangierten Ehe und kann es kaum abwarten, Dimple zu treffen. Außerdem hat er einen festen Plan, will an eine technische Universität gehen, heiraten, Kinder kriegen — seine wahre Leidenschaft, die Kunst (speziell Comics), muss seiner Überzeugung nach dafür auf der Strecke bleiben. Gleichzeitig setzt er sich unglaublich für die Leute ein, die ihm am Herzen liegen.
Es war unglaublich spannend, zu sehen, wie die zwei Jugendlichen mit teils so unterschiedlichen Wertvorstellungen lernten, einen Mittelweg zu finden. So banal das auch klingen mag: Sie unterhielten sich tatsächlich darüber. Ich finde, man sieht in der Literatur viel zu selten (angehende) Paare, die etwas anderes tun, außer sich zu streiten/ignorieren und übereinander herzufallen. Auch wenn Dimple und Rishi in einem sehr kurzen Zeitraum von sechs Wochen sich kennen (und lieben?) lernen, geht ihre Beziehung nicht einfach von 0 auf 100. Sie müssen zuallererst lernen, miteinander auszukommen, mit dieser absurden Situation umzugehen, und werden allmählich Freunde, als sie mehr Zeit miteinander verbringen.
Und, ich kann es nicht oft genug betonen, ich habe die beiden SO SEHR geshippt. Ich habe wirklich für die beiden mitgefiebert. Denn Sandhya Menon gelingt es mit Bravour, eine Chemie zwischen den beiden entstehen zu lassen, die einfach so... echt wirkt. Ich war und bin vollkommen begeistert! (Und hätte auch gerne einen Rishi, bitte danke!)
Auch wenn ich nicht für die Repräsentation sprechen kann, möchte ich noch kurz auf die Darstellung der indischen Kultur in dem Buch eingehen. Die Autorin flicht geschickt indische Phrasen ein oder schlichtweg Begriffe für Kleidungsstücke oder besondere Speisen, was mich oft dazu verleitete, nach den Wörtern zu googeln — eine coole Art und Weise, mehr über eine Kultur zu lernen. Besonders schön, dass es sich hierbei um Own Voices handelt.
Es gibt letztendlich zwei Kritikpunkte, die ich an When Dimple Met Rishi äußern kann: Für die Tatsache, dass Dimple extra an einem Coding-Camp teilnimmt, geht es überraschend wenig um ihr Hobby, beziehungsweise darum, was sie explizit für den Wettbewerb macht. Das ist einfach schade, weil dieser Einblick sehr spannend (und definitiv neuartig) gewesen wäre!
Mein zweiter Kritikpunkt ist das Ende — nicht die Art, wie es endet, sondern, dass einfach ein paar Ereignisse auf den letzten Seiten einerseits unnötiges Drama erzeugen und andererseits so... voraussehbar sind? Vermutlich der einzige Aspekt, in dem When Dimple Met Rishi auch nur irgendein Klischee ansatzweise erfüllt.
Aber was soll ich sagen — insgesamt habe ich das Buch geliebt, und ich möchte abermals betonen, dass die Repräsentation einer realistischen und gesunden Beziehung einfach unglaublich gut gelungen ist. Ich habe Dimple und Rishi vollkommen ins Herz geschlossen, und war verdammt traurig (okay, vielleicht habe ich geheult), sie gehen lassen zu müssen. Ein absolutes Must-Read, vielleicht sogar, wenn ihr sonst weniger YA Contemporary lest, und erst recht, wenn ihr Lust auf ein diverses Jugendbuch habt, das mit den altbackenen Klischees bricht.

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anxiety, feminism, friendship, holly bourne, jugendbuch, ya contemporary, young adult

Am I Normal Yet?

Holly Bourne
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Usborne Publishing Ltd, 01.08.2015
ISBN 9781409590309
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Ich habe Am I Normal Yet? aus einer reinen Laune heraus gekauft. Das eBook war günstig, es klang nach einem etwas anderen Jugendbuch, und die Bewertungen bei Goodreads waren überraschend gut. Holly Bourne hat bereits ziemlich viele Bücher veröffentlicht, und ich bin fest entschlossen, in der Zukunft noch mehr von ihr zu lesen!
Aber zurück zum Anfang: Am I Normal Yet? hat schon eine ganz besondere Prämisse. Wir haben ein Jugendbuch, das sich auf Thematiken konzentriert, die in anderen Büchern oft untergehen oder gar nicht erst erwähnt werden: Freundschaft, Mental Health und Feminismus. Allein schon den Versuch zu unternehmen, das in ein Buch zu packen, finde ich bewundernswert — hinzu kommt, dass Holly Bourne verdammt gute Arbeit geleistet hat.

"When boys get older, if they don't find someone they get called bachelors. We get called spinsters. There isn't a word that means male spinster. Just like there isn't a word for a guy who sleeps around — whereas there are TONS for girls. The Englisch language itself is sexist — it reinforces those overgeneralized, screwed-up notions about how boys and girls are allowed to be..."
(Holly Bourne, Am I Normal Yet?)

Die Freundschaft der drei Mädchen — die später den Spinster Club (dt. Club der alten Jungfern) gründen — ist einfach herrlich. Sie unterstützen sich gegenseitig, sind ehrlich zueinander und können sich auch eingestehen, wenn sie etwas falschgemacht haben. Nie hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass Amber und Lottie nur als Freundinnen charakterisiert werden; stattdessen gibt Bourne ausnahmslos jedem Charakter in dem Buch einen wirklichen Charakter, mit eigenen Geschichten und entsprechenden Eigenheiten. Gerade beste Freundinnen werden so oft stereotypisiert — hier aber nicht, und allein das machte das Buch zu einem absoluten Lesevergnügen.
Bald häuften sich die positiven Aspekte: Ich schloss die Protagonistin Evie unglaublich ins Herz, liebte ihre enge Beziehung zu ihrer Schwester, allein schon der Schreibstil ist herrlich erfrischend. Holly Bourne bringt einen ganz besonderen Humor mit ein, wegen dem ich öfters lachend (oder zumindest grinsend) vor dem Buch saß.

"Everyone's on the cliff edge of normal. Everyone finds life an utter nightmare sometimes, and there's no 'normal' way of dealing with it." Sarah sighed. "There is no normal, Evelyn. There's only what's normal to you. You're chasing a ghost."
(Holly Bourne, Am I Normal Yet?)

Mein Lieblingsaspekt — neben der Freundschaft und den feministischen Einflüssen — war aber ganz klar die Ausgestaltung von Mental Health. Evie kämpft seit Jahren mit einer OCD und einer generalisierten Angststörung. Ich kann nicht als Betroffene sprechen, hatte aber den Eindruck, dass Bourne sehr sorgfältig recherchiert hat und das Thema auch im Buch exzellent angeht. Vor allem wird hier, im Gegensatz zu anderen Büchern, nichts romantisiert. Wir erleben Evie an Höhepunkten, aber auch an (vielen) Tiefpunkten. Ihr Verhalten wird nicht beschönigt, hässliche Aspekte nicht ausgelassen. Vor allem wird ihre Therapie nicht nur angesprochen, sondern explizit im Buch thematisiert und nicht klischeehaft abgespeist. Auch im Nachhinein bin ich noch vollkommen begeistert von dieser akkuraten und ehrlichen Repräsentation.
Es gab nichts, das mich an Am I Normal Yet? wirklich gestört hat. Ich habe hauptsächlich einen kleineren Kritikpunkt anzubringen, das einzige Klischee, das sich überhaupt in dem Buch finden lässt: Im Laufe der Handlung gibt es drei Jungs, die mehr oder weniger plötzlich an Evie interessiert sind. (Zugegeben, nicht gleichzeitig, und keiner schwört ihr seine ewige Liebe, was einen Pluspunkt gibt.) Ich war einfach manchmal etwas überrumpelt in der Hinsicht, weil es mir etwas... unrealistisch erschien? Gleichzeitig muss ich zumindest Bournes Umgang damit loben. Denn wieder wird nichts romantisiert, und auch Lottie und Amber halten vor Evie nicht zurück, was sie davon halten.

"You find his arrogance and his alphaness sexy — because you've been conditioned into thinking that's how boys should be."
(Holly Bourne, Am I Normal Yet?)

Tja, ich wünschte, ich hätte mit sechzehn Jahren so gedacht. Vor allem wünschte ich aber, dass solche Verhaltens- und Denkweisen in mehr Jugendbüchern herausgefordert werden würden.
Was soll ich sagen — ich habe es keine Sekunde bereut, Am I Normal Yet? spontan gekauft zu haben. Innerhalb von zwei Tagen hatte ich das Buch verschlungen und allein schon die Tatsache, dass es zwei weitere Bände aus Ambers bzw. Lotties Sicht gibt, freut mich ungemein! Bourne hat ein unglaublich wichtiges Buch geschrieben, das nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit bekommt, wie es verdient — das muss sich ändern!
Schließen möchte ich mit einer Aussage der Autorin:

"Feminism is for all genders. Feminism benefits all genders."

Amen.

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The Distance from me to you

Marina Gessner , Katrin Behringer
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei arsEdition, 06.03.2017
ISBN 9783845816043
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Vielleicht hätte ich es besser wissen müssen.
In letzter Zeit bin ich den "klassischen" Jugendbüchern à la Girl meets Boy aus dem Weg gegangen. Weil ich kein Fan von den Liebesgeschichten war, weil sie bestenfalls schlecht und schlimmstenfalls katastrophal dargestellt wurden. Dennoch entschloss ich mich, The Distance from me to you eine Chance zu geben. Denn die Idee eines Mädchens, das alleine eine 2000 Meilen lange Wanderung macht, hat mich einfach unglaublich fasziniert und ich war zumindest gespannt, wie die Autorin dieses Element ausgestalten würde.
Leider konnte mich das Buch nicht im Geringsten überzeugen, schlimmer noch: Es hat mich durchweg schockiert und wütend gemacht.
Schon in den ersten Kapiteln, noch bevor Sam überhaupt eingeführt wird, wird klar, dass hier viel schwarz-weiß gezeichnet wird. Courtney bleibt zu Hause wegen einem Jungen; obwohl sie als beste Freundin betitelt wird, hatte ich nicht das Gefühl, zwischen ihr und Kendra eine Freundschaft zu sehen.
Mit Brendan, Kendras Freund, ist es ähnlich. Er wird als "lieb, aufrichtig und ernst" beschrieben, außerdem will er im Herbst sein Studium aufnehmen. Da der Klappentext bereits Sam ankündigt, rechnete ich damit, dass Kendra und Brendan sich trennen würden. Genau das passierte auch: Als Kendra auf dem Trail unterwegs ist, erhält sich die Nachricht von Brendan, er wolle sich auf sein Studium konzentrieren und daher eine Beziehungspause. Aha. Das ist von seiner Seite schön blöd, aber Kendras Reaktion ist noch absurder. Sie trauert nicht, ist nicht wütend, verurteilt ihn höchstens für seine Prioritäten. Schließlich steckt er ja in seinen Plänen fest.
Grundsätzlich fiel es mir unglaublich schwer, eine emotionale Beziehung zu den Charakteren aufzubauen. Das liegt gar nicht einmal daran, dass Gessner in der dritten Person schreibt — vielmehr berichtet sie tatsächlich nicht von den Gefühlen der Charaktere. Sie reagieren kaum emotional, setzen sich nie mit ihren Handlungen auseinander... und das gilt für die Protagonisten! Die wenigen Nebencharaktere werden nur klischeehaft charakterisiert, sodass sie vollkommen blass bleiben.
Meine Meinung über Kendra schwankte regelmäßig, worauf ich später noch zurückkommen werde, aber aus ihr hätte man grundsätzlich etwas machen können. Was Sam anbetrifft... puh.
Eingeführt wird er als klassisches Loveinterest: Groß, gutaussehend, ein Mädchenmagnet. (Dass er seit Wochen auf dem Trail herumläuft und vermutlich nicht mehr frisch riecht, erwähnt niemand.) Er flirtet natürlich mit Kendra, die sich als bestenfalls unauffällig beschreibt, und da die beiden in dieselbe Richtung laufen, begegnen sie sich in der Folge immer wieder.
Anstatt die Chance auszunutzen und die beiden sich wirklich kennenlernen zu lassen, konstruiert die Autorin lediglich zufällige Treffen, von denen eins absurder als das andere ist. Sam erzählt nichts von sich selbst und seiner Vergangenheit, und wenn Kendra etwas sagt, dann verhöhnt er sie regelrecht dafür. Leute, ich habe so einiges gelesen, aber ich bin noch nie einem so verachtungsvollen Charakter begegnet. Sam ist unfähig, irgendetwas zu kommunizieren, und in der Folge dessen schlichtweg voreingenommen und verbittert:

"Sam hatte ihr nichts davon gesagt, wie aufgewühlt und unruhig er war. Komisch, dass sie es nicht bemerkte. Er vergaß, dass er manchmal [...] schwer zu durchschauen war."
(The Distance from me to you, Marina Gessner, bloomoon)

Nur, dass wir uns richtig verstehen. Sam macht Kendra für seine Unfähigkeit verantwortlich. Sie muss ihn verstehen. Ganz zu schweigen von verallgemeinernden, sexistischen Aussagen wie diesen:

"Sie sah genauso aus, wie ein Mädchen aussehen sollte, süß, brav und anständig."
(The Distance from me to you, Marina Gessner, bloomoon)

"Unglaublich, wie reiche Mädchen ihr Geld verschwendeten, ganz abgesehen von ihrer Energie."
(The Distance from me to you, Marina Gessner, bloomoon)

Da fehlen selbst mir die Worte, und ich dachte, ich hätte schon alles gelesen.
Das Ganze gipfelt in einem von zahlreichen Ausbrüchen Sams:

"'Halt die Klappe', rief Sam endlich."
(The Distance from me to you, Marina Gessner, bloomoon)

Es besteht einfach keinerlei Chemie zwischen den beiden, wie auch? Sie reden ja nicht miteinander. Sie wissen in der Konsequenz nichts voneinander und hören sich nicht zu. An irgendeinem Punkt entscheidet Kendra, sich vor ihm auszuziehen, was den Start der "Beziehung" der beiden markiert. Wow. Super romantisch. Ich glaube, ich hätte das sogar noch hingenommen, aber das, was ich oben zitiert habe, markiert keine schlecht geschriebene, sondern eine schlichtweg toxische Beziehung. (Sam bringt sie im Laufe des Buches auch noch dazu, sehr viele, sehr blöde Dinge zu machen.) Was für ein Bild wird da jüngeren Lesern vermittelt?
Dieses Verhalten färbt natürlich auch auf Kendra ab:

"Die ganzen Bücherstapel zu Hause, das viele Lernen, die ganzen guten Noten, und trotzdem wusste sie nicht, wie man es anstellte: die simpelste, grundlegendste Sache der Welt, nämlich einen Jungen dazu zu bringen, sie zu küssen."
(The Distance from me to you, Marina Gessner, bloomoon)

Das Problem habe ich schon öfters bei Jugendbüchern beobachtet. Gerade, wenn das Mädchen einen Hintergrund aus einer intakten bzw. wohlhabenden Familie und guten Noten hat, wird das oft als etwas Schlechtes dargestellt? Als ob man sie dafür verurteilen müsste. Als ob sie das zu einem Langweiler oder einem weniger guten Menschen machen würde. Wieder gibt es nur schwarz oder weiß. Verdammt schade. Es ist nichts Falsches daran, aus seiner Komfortzone auszubrechen. Aber auch hier animiert Sam Kendra zu Dingen, auf die sie niemals eigenständig gekommen wäre, und wodurch sie unverantwortliche Entscheidungen trifft, mit denen sie sich selbst in Gefahr bringt. Und das nur, um mit ihren "langweiligen" Regeln zu brechen? Um begehrenswert für diesen Jungen zu sein?
Was Sam anbetrifft, kann ich nichts Revidierendes sagen. Seine Vergangenheit rechtfertigt nicht im Geringsten sein Verhalten.
Kendra... Kendra hätte eine ziemlich gute Protagonistin werden können. Es gibt vereinzelte Augenblicke im Buch, in denen man einen ganz anderen Blick auf sie erhaschen kann. Allein schon die Tatsache, dass sie sich vornimmt, die Wanderung alleine durchzuziehen, fand ich unglaublich bewundernswert! Leider geht die Kendra des Anfangs (wenn auch sie Vorurteile hegt und undankbar wirkt) im Mittelteil verloren. Der Wanderaspekt geht mit Sams Auftauchen den Bach herunter, rückt schlichtweg in den Hintergrund und verliert sich stellenweise komplett. Da wäre so viel mehr gegangen!
Am Ende des Buches gelang es Gessner zumindest, einen Hoffnungsschimmer zu erwecken (nicht nur, weil es vorbei war). Ich werde nichts spoilern, aber meiner Meinung nach hat sie mit dem Ausgang die bestmöglichste Entscheidung getroffen; noch dazu sieht auch Kendra bis zu einem gewissen Grad ein, was für gefährliche Entscheidungen sie getroffen hat.
Aber, wie bereits gesagt, nichts kann über diesen katastrophalen männlichen Protagonisten hinwegretten. Wieder einmal ist es schockierend, was man in Jugendbüchern vorfinden kann, was von vielen als schlichtweg "normal" gelesen wird. Da bildet The Distance from me to you keine Ausnahme.

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One of Us Is Lying

Karen M. McManus
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Delacorte Press, 30.05.2017
ISBN 9781524764722
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Auf One of Us Is Lying habe ich mich schon seit Monaten gefreut; dass der örtliche Thalia es schon Tage vor dem Erscheinen vorrätig hatte, wertete ich noch als zusätzliches Zeichen. Ich weiß gar nicht mehr, was mich so sehr an dem Buch fasziniert hat; vermutlich hatte ich einfach mal wieder Lust auf einen "guten alten" Contemporary. Genau das — und vielleicht noch ein bisschen mehr — sollte ich bekommen.
Zuallererst finde ich es beeindruckend, wie gut es McManus gelingt, die Geschichten der vier Jugendlichen (Simon bekommt logischerweise keine Perspektive) zu erzählen. Obwohl das Buch keine vierhundert Seiten hat, hatte ich nie das Gefühl, dass irgendjemand zu viel oder zu wenig zu Wort kam. Zugegeben habe ich nicht alle von ihnen von anfangs an gemocht, — gerade mit Addy hatte ich meine Probleme — aber als ich das Buch zuschlug, war ich schon ein wenig traurig, sie alle gehen zu sehen.
Das Ding ist, sie werden im Klappentext der Geschichte als Stereotype beschrieben: Bronwyn ist die Streberin, Nate der Drogendealer, Addy das folgsame Hündchen ihres Freundes, Cooper ist der perfekte Schönling, dem die Sportstipendien förmlich zufliegen. Dabei macht die Autorin so viel mehr aus ihnen, verpasst ihnen Familien, Hobbys, Freunde und schafft es noch irgendwie, das alles ins Buch zu packen, ohne dass irgendwo Längen entstehen. Grundsätzlich finde ich klasse, welche Rolle Familie in One of Us Is Lying einnimmt. Nein, es werden nicht harmonische Familien präsentiert — aber wenigstens werden die Eltern und Geschwister erwähnt und tauchen tatsächlich auf, anstatt immer "zufällig" außer Haus zu sein. Gerade Addys und Bronwyns Schwestern sind ziemlich präsent, was ich klasse finde.
Man könnte argumentieren, dass dadurch das Mysterium rund um Simons Tod in den Hintergrund rückt — wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke, ist das definitiv bis zu einem gewissen Grad der Fall. Das Ding ist, dass mich das überhaupt nicht gestört hat. Ich hätte über die Charaktere einfach so lesen können und das Buch trotzdem noch genossen, obwohl dieser Kriminalaspekt dem Ganzen einen zusätzlichen Kick gegeben hat. Es ist durchaus gut gemacht — mit genau der richtigen Prise Überraschungen, dass ich das Buch nur noch mit Mühe weglegen konnte.
Zugegeben, ich habe ausnahmsweise tatsächlich erraten, wer Simon umgebracht hat. Ich hatte zumindest von Anfang an eine Vermutung, die sich bewahrheitete, und somit hatte ich nicht den "großen Knall" am Ende des Buches, was für mich okay war und zumindest meinem Lesegenuss keinen Abbruch tat.
Was ich allerdings kritisieren muss, — ohne zu sehr zu spoilern, daher keine Namen — ist ganz speziell das Ende zweier Charaktere. In den letzten Augenblicken wurde noch (unnötiges) Drama hineingebracht, weswegen besagte Charaktere nicht das Happy End bekommen konnten, was ich mir für sie gewünscht hätte (sie waren/sind meine Favoriten). Das ist ein klitzekleiner Wermutstropfen, denn im Großen und Ganzen hat mich One of Us Is Lying nicht nur überzeugt, sondern in erster Linie überrascht. Ja, die Idee ist nicht neu; manch andere würden sie vielleicht sogar als "ausgelutscht" bezeichnen. Aber mit authentischen Charakteren verleiht Karen M. McManus der Geschichte einen ganz besonderen Twist, weshalb ich letztendlich froh bin, ihr Debüt gelesen zu haben.

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Giants - Zorn der Götter

Sylvain Neuvel , Marcel Häußler
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Heyne, 09.05.2017
ISBN 9783453534803
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Giants: Sie sind erwacht war eines meiner Jahreshighlights 2016. Ihr könnt gar nicht glauben, wie sehr ich mich auf die Fortsetzung gefreut habe — und so viel kann ich sagen, ich bin wieder einmal begeistert!
Das System ist dasselbe wie schon beim ersten Band: Die Geschichte wird auf ihre ganz besondere Art und Weise durch Interviews und gegebenenfalls Berichte erzählt. Im Zentrum steht wieder der mysteriöse Interviewer (über den wir in diesem Band tatsächlich mehr erfahren!), der die Fäden in den Händen zu halten scheint.
Obwohl zwischen den Ereignissen in beiden Büchern zehn Jahre verstrichen sind, wurde man als Leser erstaunlich schnell und mühelos in die zwischenzeitlichen Geschehnisse eingeführt. In Giants: Zorn der Götter gibt es sogar einen weiteren Zeitsprung, und auch dieser gelingt Sylvain Neuvel mühelos.
Auch die Thematik bleibt spannend, Neuvel kreiert ein weiteres Mal Science Fiction vom Feinsten: In dem Buch finden sich Aspekte der Physik, Linguistik, Politik und verstärkt der Biologie — all das Komplexe wieder so heruntergebrochen, dass selbst Fachfremde kein Problem haben, sich zurechtzufinden. Im Gegenteil: Man ist wieder und wieder aufs Neue fasziniert, was der Autor geschaffen hat. Es wirkt so real, dass mir die Idee, dass es in dem Buch eigentlich um eine Alien-Invasion gibt, stellenweise fast schon absurd vorkam! An dieser Stelle liegt auch mein einziger, kleiner Kritikpunkt: Der Grund hinter der Invasion war mir letztendlich fast schon zu banal. Ich hatte nach all den Geschehnissen irgendetwas Größeres, Wirkgewaltigeres erwartet — aber vielleicht muss ich das Ganze auch erst sacken lassen.
Wo ich schon von Geschehnissen spreche — meine Güte. Ich dachte, Giants: Sie sind erwacht hätte mich an die Grenzen meiner Nerven gebracht. Aber das war noch gar nichts gegen diesen Band. Ich habe die zweite Hälfte des Buches in einem Rutsch durchgelesen, was mir wirklich schon ewig nicht mehr passiert ist; es war mir einfach unmöglich, es wegzulegen. Grundsätzlich ist der Plot einfach so viel größer angelegt, als ich jemals erwartet hätte. Vom Syndrom eines schlechten zweiten Bandes keine Spur, im Gegenteil — Neuvel legte immer noch einmal eine Schippe drauf, wenn ich es für unmöglich glaubte.
Ich kann auch nicht genug betonen, wie sehr mir die Charaktere ans Herz gewachsen ist — allen voran Kara und Vincent, aber auch Rose und selbst den mysteriösen Interviewer habe ich lieb gewonnen. Ich bin wieder einmal beeindruckt, wie viel nur über Dialog bzw. Interviews übermittelt werden kann. Und meine Güte, haben sie mich in Existenzkrisen gestürzt. Ich habe einen Großteil des Buches auf einer Busfahrt gelesen, und ich habe unverschämt oft aus dem Fenster geblinzelt, weil mir die Tränen kamen.
Also, ja, ich bin aufs Neue begeistert. Eigentlich noch mehr als zuvor. Giants: Zorn der Götter ist mehr eine würdige Fortsetzung, die ich nur auf hohem Niveau kritisieren kann. Ansonsten beweist Neuvel erneut, wie gut er nicht nur schreiben, sondern auch diese verschiedenen Themenbereiche miteinander verflechten kann. Von mir gibt's eine ganz klare Empfehlung. Und alle, die die Reihe noch nicht begonnen haben, sollten das definitiv nachholen!

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