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Der Fall Collini

Ferdinand von Schirach
Flexibler Einband: 208 Seiten
Erschienen bei btb, 13.02.2017
ISBN 9783442714995
Genre: Romane

Rezension:

Ferdinand von Schirach - Der Fall Collini

- Man muss nur die richtigen Fragen stellen -

Der, 1964 in München geborene und zurzeit in Berlin wohnhafte Strafverteidiger, Schriftsteller und Dramatiker Ferdinand von Schirach, bekannt für seine prägnanten, kurzen und pragmatisch gehaltenen Sätze, sowie seine durchdringende Sprache, erzählt mit "Der Fall Collini" auf 208 Seiten die wahre Geschichte des pensionierten italienischen Werkzeugmachers Fabrizio Maria Collini. Selbiger tötete am 26.05.2001 den 85-jährigen Jean-Baptiste Meyer im Berliner Hotel Adlon mit vier Schüssen in den Hinterkopf. Der anschließende Gewaltexzess, gegen Kopf und Körper des alten Mannes lässt auf lange angestauten, unbändigen Hass schließen. Direkt nach seiner schrecklichen Tat verlässt Collini scheinbar seelenruhig das Zimmer, fährt mit dem Aufzug nach unten in den Eingangsbereich und gibt der jungen Frau an der Rezeption Bescheid, sie solle die Polizei rufen. Der Mann in Zimmer 400 sei tot. Fabrizio Collini setzt sich daraufhin in die Lobby des Hotels und wartet auf seine Festnahme.
 
Der noch recht junge Rechtsanwalt Caspar Leinen, noch keine 1 1/2 Monate in Amt und Würden, stellt an diesem Tag freiwillig den Notdienst der Strafverteidiger, um an seine ersten Aufträge zu kommen. Leinen, der erst vor kurzem seine Zulassung erhalten hatte, soll Fabrizio Collini als Pflichtverteidiger vertreten. Collini wird anschließend dem Haftrichter vorgeführt und erklärt dort, dass er nicht verteidigt werden will. Doch in einem Rechtsstaat hat der Staat für eine Verteidigung des Angeklagten Sorge zu tragen und so bleibt es letzten Endes dabei. Gegen Fabrizio Collini wird Haftbefehl wegen Mordes erlassen. Ein Motiv scheint jedoch zu keinem Zeitpunkt erkennbar, denn der Täter schweigt über seine Beweggründe. Anschließend folgt eine Rückblende auf Caspars Jugend und seinen Freund Philipp. Er lernt Johanna kennen, Philips ältere Schwester, sowie den Industriellen Hans Meyer, den Großvater von Philipp, der Caspar ein guter Freund wird und mit dem er häufig Schach spielt. Die ganze Familie wächst Caspar über die Jahre sehr ans Herz. Doch als Philipp und seine Eltern auf tragische Weise ums Leben kommen, sehen sich Caspar Leinen und Hans Meyer, den Eigentümer der SMF Meyer Maschinen Fabriken, ein letztes Mal. Erst als Caspar einen Anruf von Johanna erhält, wird ihm so einiges klar, doch der Stein ist bereits ins Rollen gekommen und die Mühlen der Justiz mahlen unaufhaltsam. Nach seinem Gespräch mit Johanna würde Caspar Leinen sein Mandat am liebsten niederlegen, doch als Pflichtverteidiger kann er das nur, wenn das Gericht seinen Antrag auf Niederlegung des Mandats zustimmt oder sein Mandant ihm selbiges ausdrücklich entzieht. Doch Collini schweigt sich zum einen weiterhin beharrlich über sein Motiv aus, zum anderen macht selbiger auch keinerlei Anstalten seinem Anwalt das Mandat zu entziehen.
 
Als Caspar Leinen den berühmten Rechtsanwalt Mattinger kennenlernt, der schon in den 70er Jahren Teile der Stammheimer Insassen der RAF vertreten hatte und die Nebenklage im Fall Collini vertritt, sieht er seine Felle endgültig davonschwimmen. Verzweifelt versucht er in der Tat ein Motiv zu erkennen, um zu verstehen, warum Collini den alternden Hans Meyer auf solch brutale Art und Weise tötete. Als sich Caspar nach einem Telefonat mit seinem Vater die Tatort- und Beweisfotos zum hundertsten Male anguckt, fällt ihm auf einmal ein Detail ins Auge. Es ist nur ein kleiner, vager Verdacht, doch wenn sich dieser bewahrheiten sollte, dann würde dies eventuell ein ganz anderes Licht auf den Fall werfen. Caspar Leinen fährt nach Ludwigsburg, um dort in der Nebenstelle des Bundesarchivs zu recherchieren. Die Geschichte, die der Anwalt dort zusammenträgt, ist eine entsetzliche. Sie wirft ein komplett anderes Licht auf die Beziehung des, wegen Mordes angeklagten Fabrizio Collini zu dessen Opfer Hans Meyer. Man versucht Leinen zu bestechen. Er solle den Fall abgeben, was seiner Karriere förderlich wäre, doch Caspar Leinen lehnt verärgert ab. Als er seine Geschichte vor Gericht vorträgt, scheint diese Fabrizio Collinis Tat ein wenig verständlich zu machen. Herr Mattinger, der Anwalt der Nebenkläger holt jedoch zum Gegenschlag aus und stellt den Prozess quasi wieder auf "0". Doch auch der junge Anwalt Caspar Leinen hat noch ein Ass im Ärmel, welches er geschickt und genau im richtigen Moment ausspielt. 

Mit seinen klar strukturierten, schnörkellosen Sätzen bringt Ferdinand von Schirach den Kern seiner Aussage direkt auf den Punkt. Mal ist man Betrachter von außen, mal mitten im Geschehen. Die, auf Tatsachen beruhenden Geschichten, die der Erfolgsautor in seinen Romanen zusammenträgt, erschienen mittlerweile in weit über vierzig Ländern. "Der Fall Collini", welcher bereits im Jahre 2011 als Roman veröffentlicht wurde und direkt auf Platz 2 der Bestsellerliste des Spiegels einstieg, wurde unter der Regie von Marco Kreuzpaintner verfilmt. Er zeigt in den Hauptrollen Elyas M’Barek als jungen Anwalt Caspar Leinen, Franco Nero als den ehemaligen Gastarbeiter Fabrizio Collini, Heiner Lauterbach in der Rolle des Richard Mattinger, Alexandra Maria Lara spielt Johanna und Manfred Zapatka ist als Hans Meyer zu sehen. Die Literaturverfilmung kam am 18.04.2019 in die deutschen Kinos und zählte einen Monat später bereits weit über 500.000 Besucher. Teilweise doch erheblich abgewandelt nimmt sie dem bewanderten Leser jedoch ein wenig den Reiz sich näher mit der filmischen Umsetzung der Thematik zu befassen. Unbedarfte Personen dürfen sicherlich einen astrein bebilderten und unterhaltsamen Thriller erwarten, der allerdings ein wenig an dem eigentlichen und doch so wichtigen Thema der Literaturvorlage vorbeizielt.
 
 
Meine Wertung: 86/100
 
 
Taschenbuch, Klappenbroschur, 208 Seiten, 12,5 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-442-71499-5
Erschienen am  13. Februar 2017
 
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Der Outsider

Stephen King , Bernhard Kleinschmidt
Fester Einband: 752 Seiten
Erschienen bei Heyne, 27.08.2018
ISBN 9783453271845
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

STEPHEN KING - Der Outsider
 
- Der Outsider frisst die Trauer -
 
Wer sich einen Roman, des 1947 in Portland, Maine geborenen Schriftstellers und Weltbestsellers Stephen Edwin King zu Gemüte führt, wird sich kaum auf leichte Kost für zwischendurch einstellen wollen. Zumeist recht komplex und lebensnah aufgebaut, bringen es seine düsteren Werke zumeist auf weit über 500 Seiten. Im Falle des, am 27.08.2018 erschienenen Mystery Horror Thrillers "Der Outsider" bringt es der King of Horror sogar auf satte 752 Seiten. Mit über 5 Millionen Facebook Followern und fast einer halben Milliarde verkaufter Bücher unterstreicht der Autor diesen, vor langer Zeit schon an ihn vergebenen, inoffiziellen Titel. Der Vater einer Tochter (Naomi Rachel King, Pfarrerin der Unitarian Universalist Association) und zweier Söhne (Owen Philip King und Joseph Hillstrom King; beide ebenfalls Schriftsteller) lebt heute gemeinsam mit seiner Frau und Autorenkollegin Tabitha King in Bangor, Maine. Gemeinsam mit seiner Frau  verbringt er die Winter in Florida.
 
"Der Outsider" handelt von einem Polizei- und Justizskandal mit ungeahnten Folgen. Als Mr. Jon Ritz mit seinem Hund Dave Gassi geht, findet selbiger im Figgis Park der fiktiven Kleinstadt Flint City den Leichnam eines, auf dem Bauch liegenden Jungen, dessen Hose und Unterhose bis auf die Knöchel heruntergezogen wurden. Aus dessen Hinterteil ragt ein dünner, blutiger, abgeschabter Ast und seine Kehle ist eine einzige klaffende Wunde. Der Junge wurde qualvoll zu Tode geschändet. Der hiesige Jugend-Baseball-Coach und Englischlehrer Terence Maitland wird anschließend während der zweiten Hälfte des neunten Innings eines Spiels seiner Mannschaft wegen Mordes an dem elfjährigen Jungen, namens Frank Peterson festgenommen. Das Ganze vor 1588 Zuschauern inklusive seiner Frau und seinen beiden Töchtern. Überzeugt davon, den richtigen verhaftet zu haben, führen Detective Ralph Andersson und Detective Ronald Wilberforce die Befragungen einiger Zeugen durch, die ziemlich eindeutig und deutlich zu Ungunsten von Coach T. ausfallen. Die Beweislast ist ohnehin schon erdrückend. Mehrere Zeugen haben ihn am Tatort gesehen. Sogar von Blut im Gesicht, an den Händen, dem Hemd und der Hose von Coach T. ist die Rede. Doch Terry, der sich nie etwas zu Schulden hat kommen lassen schwört, zum Zeitpunkt des Mordes in Cap City gewesen zu sein.
 
Es gibt etliche Fingerabdrücke am Tatort und die, in Auftrag gegeben DNA-Analyse spricht ebenso eindeutig gegen Maitland. Aber auch Terry hat glaubhafte Zeugen. Er gibt an, zu besagtem Zeitpunkt mit drei Englischlehrern in Cap City auf einer Tagung gewesen zu sein, auf der der weltbekannte Krimiautor Harlan Coben eine Rede als Gastredner hielt. Coach Ts Begleiter bestätigen, dass sich Maitland permanent bei Ihnen aufgehalten hat. Es gibt sogar noch eindeutigere Beweise, die Maitland entlasten, doch wie passt das mit den Ergebnissen der Forensiker, der chemischen Erbgut-Analyse, sowie der Aussage der Zeugen zusammen? Ein Katz- und Mausspiel um die Wahrheit beginnt und die Presse ist immer an vorderster Front dabei, um sämtliche neuen Erkenntnisse zu verschlingen, zu verdauen und verdreht wieder auszuspucken. Hat Terry Maitland einen Zwilling? Einen Klon? Waren hier etwa Aliens am Werk? Oder war es einfach nur ein Terry täuschend ähnlich aussehender Doppelgänger, der den Mord an dem noch nicht einmal jugendlichen Peterson verübt hatte? Ein Paradoxon, das Ralph Anderson in den Wahnsinn zu treiben scheint. Anwalt Howard Gold gewährt Terry Maitland rechtlichen Beistand. Die Details zum Mord, die Detective Andersson später gegenüber Terrys Anwalt erwähnt, sind sogar noch erschreckender und perverser, als man anfangs vermutet hätte.
 
Terrys guter Ruf ist unwiderruflich dahin. Auch seine Frau und seine beiden Töchter werden nie mehr das Leben führen können, dass sie zuvor geführt haben. Ralph Anderson, direkt an der Verhaftung von Coach T. beteiligt, stellt nach seiner vorübergehenden Suspendierung eigene Ermittlungen an. Anwalt Howard Gold und sein Ermittler Alec Pelley treten in direkte Konkurrenz zu Anderson, ermitteln, sammeln Beweise und dann machen sie den absoluten Glücksgriff. Doch langt das, um Terry aus der Sackgasse in die er hineingedrängt wurde wieder herauszuboxen? Für die Maitlands, wie auch die übriggebliebenen Petersons beginnt ein wahr gewordener Alptraum, wie eine Tour de Force. Was sich daraus entwickelt, ist eine, für alle Beteiligten bitterböse Geschichte ohne Happy End. Denn das Unglück kennt keine Rücksicht und macht noch lange nicht halt. Und so bricht auch über die Familie des ermordeten und geschändeten Franky Petersons in rasender Geschwindigkeit Chaos und Elend herein. Als es vor dem Gerichtsgebäude zu einem unvermeidlichen Eklat kommt, nehmen Desaster und Tragödien aber erst so richtig ihren Lauf. Unglaubliche, mysteriöse und übernatürliche Dinge geschehen, in deren Verlauf die Töchter von Terry Maitland, die Polizei von Flint City und alle anderen Beteiligten mehr oder weniger stark hineingesogen werden. Und je mehr Ralph Anderson versucht alles in vernünftige Bahnen zu lenken, je mehr bricht es daraus heraus. Nichts scheint einen Sinn zu ergeben. Das Ganze wird immer verworrener und unglaublicher, was nicht nur Detective Anderson an seine Grenzen bringt.
 
"Der Outsider" ist ein investigativer, aber nicht sonderlich actionreicher Krimi Thriller, der von der Konversation, sowie seinen schockierenden Momenten lebt und sich durch seine routinierte Erzählweise schnell und flüssig lesen lässt. Zu Beginn findet die eigentliche Story zwischen Verhören und Polizeiberichten statt, die dadurch aber weder ins Stocken gerät, noch langweilig wird. Stephen King hat diese einmalige Gabe, bei seiner Klientel einen Lesefluss anzuregen, der wahrlich seinesgleichen sucht. Die örtlichen Begebenheiten sind in King-Manier anschaulich beschrieben. Der Autor wirft immer wieder Banalitäten ein, die die Geschichte lebendig, wie authentisch wirken und mich an seinen Seiten kleben lassen, wie ein Neugeborenes an den Brüsten seiner Mutter. "Der Outsider" ist eine intelligent aufgebaute Story voller schrecklicher Erlebnisse, in der eine unsägliche Tristesse entbrennt. Ich muss jedoch zugeben, dass das 752 Seiten umfassende Werk hier und da mal Gefahr läuft, langatmig zu wirken.
 
 
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
Originaltitel: The Outsider
Originalverlag: Scribner
Hardcover mit Schutzumschlag, 752 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-453-27184-5
€ 26,00 [D] | € 26,80 [A] | CHF 36,50* (* empf. VK-Preis) 
Verlag: Heyne
Erschienen am  27. August 2018
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Meine Wertung: 82/100

 

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Der Fluch von Pendle Hill

Oscar de Muriel , Peter Beyer
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 15.01.2018
ISBN 9783442485062
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

OSCAR DE MURIEL - Der Fluch von Pendle Hill 

- Macht und Ohnmacht des Hexenbundes - 

Der, 1983 in Mexiko City geborene Autor Oscar de Muriel studierte Chemie, arbeitete nebenbei als freiberuflicher Übersetzer um sein Studium zu finanzieren und verlegte seinen Wohnsitz letztlich nach England, um dort seinen Doktor zu machen. Die von ihm erdachten Geschichten um das ungleiche Ermittlerpaar Frey & McGray entstehen heute zu weiten Teilen in einem kleinen Schuppen im hinteren Teil des Gartens seines Hauses in seiner Wahlheimat, der Grafschaft Cheshire im Nordwesten Englands. Der zweite historischer Roman "Der Fluch von Pendle Hill", des leidenschaftlichen Violinenspielers Oscar de Muriel, wandelt als mysteriöser Kriminalroman des viktorianischen Zeitalters auf ähnlichen Pfaden, wie sie schon Sherlock Holmes und Dr. Watson beschritten haben. Aber nun zur Story...

Wir schreiben das Jahr 1882. Genauer gesagt den 02. Dezember 1882. Wir befinden uns an der Ostküste Schottlands, wo der ärztliche Leiter der königlichen Irrenanstalt von Edinburgh Dr. Clouston, begleitet von einem Krankenpfleger namens Tom, die Geisteskrankheit von Lady Anne Ardglass Sohn Lord Joel Ardglass bescheinigen soll. Dr. Clouston soll Joel, welcher seit seinem 23. Lebensjahr bereits mehrere Selbstmordversuche unternommen hatte, in seine Irrenanstalt einweisen und ihn für tot erklären lassen, auf dass er die Ehre der mächtigen Aristokraten-Familie aus dem Geschlecht der Ardglass nicht weiter beschmutzen möge. Was der Doktor mit der Vertragsunterzeichnung und der Übernahme von Lord Joel Ardglass lostritt, hätte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht vorzustellen gewagt. Als Inspector Adolphus "Nine-Nails" McGray und Inspector Ian Frey von CID (dem Criminal Investigation Department) in der Neujahrsnacht 1889 in die örtliche Irrenanstalt gerufen werden, müssen sie mit ansehen, wie eine augenscheinlich von Dämonen oder dem Teufel höchstpersönlich besessene junge Frau, bis zur völligen Groteske verkrampft, in einem Krankenbett liegt. Der bereits anwesende Dr. Clouston, kann jedoch nicht mehr viel für die Todgeweihte tun. Hilflos müssen die Männer mit ansehen, wie die bedauernswerte Person vor ihren Augen aus dem Leben scheidet. Wie sich herausstellt, handelte es sich bei der Verstorbenen um die Krankenschwester Miss Greenweood. Die Bedauernswerte war jedoch keinesfalls von Dämonen oder gar vom Teufel besessen, wie Dr. Clouston erklärt. Es war schlicht und einfach Strychnin, welches man ihr verabreicht hatte. Jemand vollkommen irdisches hatte die junge Krankenschwester also vergiftet. Der hiernach flüchtige Insasse Lord Joel Ardglass gerät aufgrund seiner geradezu aufdringlich auffälligen Verhaltensweise selbstredend schnell unter Mordverdacht.

Patienten und Pfleger der Einrichtung berichten von schemenhaften Gestalten, die in Neumond Nächten über die Flure huschen und durch die Gärten der Anstalt streifen. Pansy McGray, ebenfalls Insassin der königlichen Irrenanstalt von Edinburgh, befindet sich seit den schlimmen Vorfällen, die sie hier herbrachten, in einem dauernden Zustand der Katatonie. Die zwanzigjährige Schwester von Inspector Nine-Nails McGray hatte seit den damaligen Vorfällen angeblich kein einziges Wort mehr gesprochen. Nachdem eine Krankenschwester jüngst vor dem Mord an ihrer Kollegin beobachtet haben will, wie Pansy in einem vermeintlich unbeobachteten Moment mit Lord Joel Ardglass Konversation trieb, wird der Vorfall und die Jagd auf Ardglass für Inspector Nine-Nails McGray zu einer persönlichen Angelegenheit, um nicht zu sagen zur Besessenheit. Die beiden Ermittler des CID bekommen es mit schwarzer Magie, toxikologischen Substanzen, psychoaktiven Stoffen, Hexenbräuchen, Zauber, Okkultismus und Aberglaube zu tun. Was oder wie viel weiß Dr. Clouston? Wohin ist die Hellseherin Miss Oakley verschwunden und warum? Wohin will Lord Ardglass und was hat es mit dem Begriff "Marigold" auf sich, den Pansy Inspector Frey in krakeliger Schrift auf einen Zettel schrieb? Eine Verfolgung des geisteskranken Lord, nimmt seinen Lauf und führt den Leser durch weite Teile des Königreichs bis hin zum Pendle Hill, dem Hexensitz von Lancashire. 

Oscar de Muriel versucht die Kälte, die Feuchtigkeit, den Nebel und die mysteriösen Ereignisse, die sich in Schottlands Hauptstadt Edinburgh zum Ende des 19. Jahrhunderts abspielen, für den Leser ein Stück weit greifbar zu machen. Er bemächtigt sich dabei einer Sprache, die für die damalige Zeit durchaus angemessen scheint. Ähnlich dem Stile von Sherlock Holmes, lässt der mexikanische Schriftsteller Muriel seine beiden Protagonisten durch das halbe Königreich hetzen. Das, im Taschenbuchformat insgesamt 512 Seiten umfassende "Der Fluch von Pendle Hill" ist aus der Sicht von Inspector Frey geschrieben, der zwei Monate zuvor von London nach Edinburgh versetzt wurde. Ian Frey & Nine-Nails McGray, der seinen Spitznamen dem Verlust eines Fingergliedes verdankt, sind sich anfangs nicht grün. Es ist in der Hauptsache McGray, der gegen Frey schießt, doch im Laufe der Geschichte lernen sie einander allmählich Wert zu schätzen und vielleicht auch ein klitzeklein wenig zu vertrauen. Doch McGray ist aufbrausend, unbeherrscht und hat sich nur selten im Griff, was den Auftrag der beiden nicht immer ganz leicht gestaltet. McGray ist eben kein Kind von Traurigkeit und lässt auch gerne mal die Fäuste fliegen. 

Frey & McGray ermitteln, befragen, untersuchen, investigieren, jagen, rätseln, grübeln, zerbrechen sich die Köpfe und ziehen mit Miss Jane Oakley letztendlich sogar eine Hellseherin zu Rate. Doch Lord Ardglass scheint auf Rache zu sinnen und den beiden Ermittlern immer einen Schritt voraus. Die Leichen, die er hinterlässt tragen ein filigranes Zeichen. Ein Mal, das unter die Haut geht. Und dann sehen die beiden Ermittler ein mysteriöses grünes Feuer und noch eines und noch eines. Ein Lärmfeuer? Und was hat es zu bedeuten? Und was ist da noch, das Inspector McGray antreibt Lord Ardglass' Person habhaft zu werden. Etwas, das vielleicht besser im Verborgenen geblieben wäre? "Der Fluch von Pendle Hill" ist mysteriös, nebulös, durchaus atmosphärisch, vielleicht sogar ein wenig gruselig und sogar ein bisschen cozy. In manchen Passagen aber auch etwas verwirrend. Das Lokalkolorit hätte ebenfalls gerne etwas galanter ausfallen dürfen. Etwas mehr Spannung wäre der ansonsten flüssig zu lesenden Geschichte sicherlich nicht minder zuträglich gewesen. So bleibt "Der Fluch von Pendle Hill" leider nicht mehr als ein wirklich recht gutes, aber kaum überragendes Mysterienspiel, das man lesen kann, aber sicherlich nicht gelesen haben muss.
 

DEUTSCHE ERSTAUSGABE
Aus dem Englischen von Peter Beyer
Originaltitel: A Fever Of the Blood (2)
Originalverlag: Penguin
Taschenbuch, Broschur, 512 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-442-48506-2
Erschienen am  15. Januar 2018
Taschenbuch
€ 10,00 [D] inkl. MwSt.
€ 10,30 [A] | CHF 14,50 * (* empf. VK-Preis)
 
Meine Wertung: 80/100

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Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind

Jonas Jonasson , Wibke Kuhn
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei carl's books, 07.04.2016
ISBN 9783570585627
Genre: Romane

Rezension:

JONAS JONASSON - Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind

- es geht doch nichts über ein klein wenig kriminelle Energie -

Der, 1961 in Växjö geborene und heute auf der schwedischen Insel Gotland lebende Journalist und Schriftsteller Jonas Jonasson, veröffentlichte mit „Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind“ bereits im April 2016 seinen nunmehr dritten Roman. Wer zuvor schon "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" (welches mittlerweile in 45 Sprachen übersetzt wurde) oder auch "Die Analphabetin, die rechnen konnte", vom schwedischen Star Autor Jonasson gelesen hat, der weiß in etwa, was ihn mit "Mörder Anders..." erwartet. Nämlich eine durchaus intelligent aufgebaute Story mit ausgeklügelten Wendungen, die immer wieder in unvorstellbaren, komischen Situationen endet und deren Humor nicht selten mit bösem Sarkasmus glänzt. Jonas Jonasson hatte bislang ein goldenes Händchen für skurrile, unterhaltsame und extravagante Storyboards. Leider scheint sein Quell an Inspiration nach und nach zu versiegen oder es liegt am immer gleichen Aufbau, der sich allmählich tot läuft, denn der fantastische Spirit, der noch dem Erstlingswerk "Der Hundertjährige..." innewohnte, geht mit jeder neuerlichen Veröffentlichung von Jonas Jonasson leider mehr und mehr verloren.
 
Der sechsundfünfzigjährige ehemalige Gefängnisinsasse und mehrfache Mörder Johann Andersson ist, nach seiner letztmaligen Entlassung aus der Haftanstalt, im ehemaligen Freudenhaus „Club Amore“ und jetzigen Pension „Sjöudde“ in der Stockholmer Umgebung untergekommen. Axt, Flinte und Messer haben ihn zu dem gemacht, der er heute für jedermann in Schweden ist: nämlich Mörder-Anders. Nicht die hellste Kerze auf der Torte, verspricht er dem Rezeptionisten des "Sjöudde" Per Persson in Zukunft so wenig Morde wie möglich zu begehen. Aber wenn dann erst mal Schnaps und Tabletten im Spiel sind..., aber denen hat Mörder Anders ja mittlerweile abgeschworen. Der Rezeptionist Per Persson ist alles andere als reich und hat sich, nicht zuletzt wegen akuten Geldmangels in und direkt hinter der Rezeption häuslich niedergelassen. Sein Großvater, einst ein angesehener Nutztierhändler, hatte den Wandel der Zeit verschlafen und anstatt in Traktoren weiterhin in Pferde investiert und so das gesamte Vermögen der Familie durchgebracht. Als sich Per Persson gerade auf einer Parkbank von seinem nervenaufreibenden Job an der Hotelrezeption erholt und auf die atheistische Pfarrerin Johanna Kjellander trifft, die vom Sprecher des Gemeinderats und der gesamten Gemeinde während der Predigt aus der Kirche geworfen und letztlich aus dem Kirchenamt entlassen wurde, ändert sich sein ganzes Leben. Vor allen Dingen, als die ebenfalls abgebrannte Pfarrerin, kurzerhand in Zimmer Nummer 8 (Wand an Wand mit Mörder-Anders) untergebracht wird und kurze Zeit später auf selbigen trifft. Geschäftstüchtig wie Pfarrerin Kjellander nun mal ist, schlägt sie dem wohl gefährlichsten Mann Schwedens, ein lukratives Geschäft vor, in das auch bitte der Rezeptionist involviert sein möge. Mit Hilfe der Bibel und Gottes Segen, gegen die die Pfarrerin eine gewisse Abneigung hegt, vermarkten sie Mörder-Anders Dienstleistungen. Sogar die internationale Presse wird hinzugezogen, um die Werbetrommel für die neu gegründete "Körperverletzungsagentur" so richtig anzurühren. So wenden sich Mörder-Anders und seine Freunde gegen den einen oder anderen Feind.
 
Das ungleiche Trio, das es mit der Moral nicht so genau nimmt, kann seine Geschäftsbeziehung in kürzester Zeit zu einem florierenden, internationalen Unternehmen ausbauen. Daraus entwickelt sich eine groteske, humorvolle Geschichte, die jedoch weit hinter den hochgesteckten Erwartungen der Vorgängerromane zurückbleibt. Und auch wenn man Jonas Jonasson attestieren muss, seine ganz eigene, urtypische und unverkennbare Erzählweise entwickelt zu haben, mangelt es ihr ein wenig an Originalität und Ideenreichtum. "Mörder Anders..." ist eine ganz nette Geschichte, die in ihrem Verlaufe leider merklich abflaut, sodass es spätestens ab dem Mittelteil doch arg zäh wird und man sich durch den Wust an Buchstaben buchstäblich hindurch kämpfen muss. Jonasson‘s Geschichten sind zwar immer rigoros übertrieben und konstruiert, dafür aber stets lesenswert und unterhaltsam. Etwas anderes als unterhalten will und soll die Belletristik ja auch gar nicht. "Mörder Anders..." kann da durchaus mithalten, die angesprochenen Erwartungen aber definitiv nicht erfüllen. Die Story ist dafür zu arg drüber. Der Autor verirrt sich dafür einfach zu häufig in Belanglosigkeiten und Nichtigkeiten abseits der eigentlichen Abläufe. Der Lokalkolorit kommt kaum zum Tragen und auch die Charakterzeichnung ist eher blass ausgefallen. Das braucht es zwar für die Geschichte, die Jonasson mit "Mörder Anders..." erzählt nicht unbedingt, doch hätte es das Storyboard sicherlich empathischer gestaltet. 

Als Mörder-Anders dann eines schönen Tages auf die denkbar ungünstige Idee kommt, sein Leben zu ändern, um mit Gottes Hilfe den Pfad der Tugend einzuschlagen, sehen die Pfarrerin und der Rezeptionist die gesamte Körperverletzungsunternehmung als stark gefährdet. Da die Pfarrerin und der Rezeptionist den Hals jedoch nicht voll genug kriegen können, bescheißen sie Mörder-Anders, sowie den ein oder anderen Kunden um seine Investitionen und machen sich dadurch alles andere als lieb Kind in der Unterwelt. Eine irrwitzige Flucht mit dem Wohnmobil, zwei Koffern voller Geld und Mörder-Anders höchstpersönlich als Mitflüchtling an Bord beginnt. Ungewollt ziehen sie eine Schneise der Verwüstung (oder sagen wir besser eine Schneise der Verwunderung) hinter sich her. Die Medien, wie das Internet puschen die Story zusätzlich und bezeichnen Mörder-Anders, der großzügige Spenden an das Rote Kreuz und die Heilsarmee macht, bald als modernen Robin Hood, der von seiner ganzen Nation gefeiert wird. Die beiden gewissenlosen Nutznießer Kjellander und Persson gründen daraufhin im und mit dem Namen von Mörder-Anders eine Glaubensgemeinschaft und kaufen eine Kirche. Eine Kirche mit ihrer ganz eigenen Philosophie, sowie ihrem eigenen Verständnis von Abendmahl und dem Leib Christi. Doch dann ruft einer der geschädigten Unterweltler zur ersten und größten Großversammlung Krimineller in Schweden auf, um die Betrüger um Mörder-Anders und selbigen höchstpersönlich beiseite zu schaffen. Aber die drei Kirchenbesitzer haben einen extrem starken Trumpf in der Hand, der zu einem unkontrollierbaren Blutbad unter den Kriminellen führen könnte... 

Meine Wertung: 73/100 


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Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn
Originaltitel: Mördar-Anders och hans vänner (samt en och annan ovän)
Originalverlag: Piratförlaget, Stockholm 2015
Hardcover, Pappband mit Schutzumschlag, 352 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-570-58562-7
Erschienen am 07. April 2016

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18 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

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Carl Tohrberg

Ferdinand von Schirach
Flexibler Einband: 64 Seiten
Erschienen bei btb, 11.09.2017
ISBN 9783442715749
Genre: Romane

Rezension:

FERDINAND VON SCHIRACH - Carl Tohrberg
(btb)

- kleines Büchlein für den kleinen Lesehunger zwischendurch -

Die Geschichten, die der 1964 in München geborene und heute in Berliner wohnhafte Strafverteidiger und Erfolgsautor Ferdinand von Schirach zu Papier bringt, handeln zumeist von im Leben gescheiterten Personen, die plötzlich hilflos vor einer unerwarteten Situation stehen, keinen gewaltfreien Ausweg aus selbiger finden und daraufhin straffällig werden. Der Autor, der sich selbst gerne als Synästhetiker (die Synästhesie bezeichnet das Vermischen von Sinnesebenen; bspw. Zahlen und Farben) bezeichnet, schreibt mit einer Inbrunst und Erzählkunst, die hierzulande nahezu einmalig ist. So beinhaltet das kleine Büchlein "Carl Tohrberg", gerade mal 63, in Großbuchstaben gehaltene Seiten, die sich auf drei Kurzgeschichten über die üblichen verdächtigen: Missverständnis, Betrug, Mord, Alkohol- und Drogenmissbrauch, sowie Gewaltexzess verteilen. Von Schirach ist ein wahnsinnig guter Erzähler, der seine Leserschaft in aller Regel in kurzen, prägnanten Sätzen, mit äußerst lesenswerten Geschichten aus dem realen Leben, zu fesseln vermag. 

Die drei Kurzgeschichten "Der Bäcker", "Seybold" und "Carl Tohrberg" sind jedoch alles andere als tiefgründig verfasst und nur von mäßiger Spannung. Die erste Story handelt von einem Bäcker, der schnell mal seinen Ärger potenziert und auf Fremde überträgt. "Seybold" hingehen behandelt das Leben eines Amtsrichter in Berlin, einen scheinbaren Ottonormalbürger und Langweiler, der sich immer korrekt verhält, Ordnung und Gesetzt penibel beachtet und es nach einem Vorfall in seiner Pensionierungszeit noch mal ordentlich krachen lässt. "Carl Tohrberg" wiederum wurde als Kleinkind von seiner egoistischen, narzistischen und egozentrischen Mutter von einer Komode fallen gelassen. Es ist die Erzählung über einen Mann, der während der familiären Weihnachtsfeier plötzlich die Nerven verliert und selbige zu einem Familiendrama ausweitet. 

Das kleine Büchlein mit den großen Buchstaben ist schnell gelesen und umso schneller wieder vergessen. Die Geschichten sind bei weitem nicht so spannend, wie noch zu Verbrechen- oder Schuld- Zeiten. Ob man dafür bereit ist 8,- Euro hinzulegen, darf freilich jeder für sich selbst entscheiden. Die Bücher des Schriftstellers Ferdinand von Schirachs wurden bislang zurecht in über 40 Ländern veröffentlicht. "Carl Tohrberg" ist jedoch nicht mehr als ein mittelmäßiger Lückenfüller. Schade eigentlich...!

Meine Wertung: 74/100



FERDINAND VON SCHIRACH
Carl Tohrberg
Drei Stories
Taschenbuch, Klappenbroschur, 64 Seiten, 12,5 x 18,7 cm, 1 s/w Abbildung
ISBN: 978-3-442-71574-9
€ 8,00 [D] | € 8,30 [A] | CHF 11,90* (* empf. VK-Preis) 
Verlag: btb
Erscheinungstermin: 11. September 2017

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10 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

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Zeit der Ernte

James Lee Burke , Daniel Müller
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Heyne, 28.08.2017
ISBN 9783453271012
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

JAMES LEE BURKE - Zeit der Ernte
(Heyne Hardcore)

- ein Gewalt- und Alkoholexzess aus Wüste, Hitze, Schweiß und Staub -

Mit seiner Reihe um den alternden, aber durchsetzungsstarken Anwalt und Korea-Kriegsveteran Hackberry Holland, hat der, 1936 in Louisiana geborene Autor James Lee Burke, direkt ins geschundene Herz des amerikanischen Traums gestochen. Obschon "Zeit der Ernte", der erste Teil der raubeinigen Krimi-Thriller Reihe, erst am 28.08.2017 über Heyne Hardcore auf dem deutschen Markt veröffentlicht wurde, also lange nach den Folgeromanen, erschien dieser Roman bereits im Jahre 1971 in den USA. Auf 384 Seiten erzählt Schriftsteller Burke die Geschichte des mexikanischstämmigen Landarbeiters Art Gomez, der gemeinsam mit dem Texaner Hackberry Holland im Vietnam Krieg gedient hat. Als der Anwalt und aussichtsreiche Kandidat der Demokraten für den Kongress Hackberry Holland Post von seinem alten Freund und Kriegskameraden erhält, erfährt er, dass Art bei einem Streik in Schwierigkeiten geraten sei und daraufhin wegen einer Rangelei in einer Streikpostenkette zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Grobschlächtig und unnahbar, wie sich Hackberry Holland nun mal gibt, kann er das natürlich nicht auf sich sitzen lassen und fährt kurzerhand in Valley, um dem Mexikaner anwaltlichen Beistand zu leisten. 

Hackberry träumt von den entsetzlichen Erlebnissen seiner Kriegsgefangenschaft, die ihn immer wieder einholen und aus der Bahn werfen. Verfolgt von diesen traumatischen Ereignissen frönt der, im ersten Teil noch als Unsympath dargestellte, fast zwei Meter große Anwalt Hackberry Holland dem Alkohol, fühlt sich von der käuflichen Liebe magisch angezogen und ist ein Ekel zu seiner Frau Verisa. Sperrig, alkoholisiert und dadurch mental verkrüppelt, wie Hackberry über sich selber sagt, betreiben er und seine sogenannten Freunde Wahlkampf inklusive Klinkenputzen und Partys auf seine ganz eigene Weise. Der Anwalt lässt dabei keine Situation ungenutzt, sich zu betrinken und wie ein flegelhafter Rüpel zu benehmen. Die Story, die irgendwo in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts angesiedelt ist, schmeckt also permanent nach Whiskey, Bier, Wüste, Gewalt, Hitze, Schweiß und Staub. Es ist eine durchaus intelligente, aber geistig keineswegs hochtrabende Sprache, derer sich Burke bemächtigt. Die Romane des Autors sind zwar generell nichts für Zartbesaitete, dennoch fühlt man sich in seiner Sprache sogleich zu Hause.

Hackberry Holland will sich direkt vor Ort über die Zustände informieren und besucht die Mitglieder der United Farm Workers in ihren billig zusammengezimmerten und windschiefen Häusern. Bei einem, von ihm organisierten Saufgelage, verguckt er sich in die Gewerkschafterin und Streikorganisatorin Rie, die seine Avancen prompt erwidert. Der Anwalt will den streikenden Feldarbeitern mit Rat und Tat zur Seite stehen. Er trinkt aber zu viel und verliert häufig die Kontrolle. Sogleich legt sich der übermütige Anwalt, der laut ist, säuft und pöbelt, mit der texanischen Polizei an, was ihn kurzerhand eine Nacht im örtlichen Polizeigewahrsam einbringt. Hackberry macht sich unter den Offiziellen im Valley also wirklich keine Freunde, was ihn aber auch nicht davon abhält, sich weiterhin gegen jeden aufzulehnen. Als Art Gomez, auf die Initiative von Anwalt Hackberry Holland hin, kurz vor seiner Entlassung aus der texanischen Haftanstalt an der Grenze zu Mexiko steht, wird dieser ermordet aufgefunden. Nun wird es gänzlich ungemütlich im Valley, denn jetzt gerät der Anwalt erst so richtig in Fahrt.

In meinen Augen ist der, in der Ich-Form geschriebene Roman "Zeit der Ernte" allerdings nicht unbedingt der geeignete Einstieg in die Serie. Die Zeichnung der Protagonisten, wie auch des Lokalkolorits sind zwar hervorragend ausgestaltet, dennoch wirkt die egoistische, egozentrische und widersprüchliche Lebensart seines Hauptprotagonisten durchaus befremdlich auf diejenigen Leser, die in der Hackberry Holland-Reihe bereits fortgeschrittenen sind. Aufgrund der unablässigen Sauferei wirken die Charaktere, deren Kommunikation und Interaktion leider zum Teil arg konstruiert und gekünstelt. Das steht im krassen Gegensatz zu den grandiosen Folgewerken (inklusive der "Dave Robicheaux"-Reihe) des Autors. Die doch recht bildhafte Erzählweise offenbart jedoch die Brutalität, die Härte und die Demütigungen in den gewaltbereiten Distrikten Amerikas und Mexikos. Allerdings zieht sich die Geschichte zum Teil wie ein frisch verdauter Kaugummi. Es wird über zu viel belangloses sinniert, Holland plaudert munter aus dem Nähkästchen, die Action wird kurz gehalten und der Aufbau der Story erscheint im Vergleich mit der weiteren Reihe wenig geistreich. Eine Buchseite, die nicht von einem Alkoholexzess berichtet, scheint man in diesem Roman vergeblich zu suchen. Lediglich die seelischen uns körperlichen Grausamkeiten, die Hackberry während seiner Zeit in Kriegsgefangenschaft erlebte, sind interessant vorgetragen und ziemlich heftig. Aber mit stumpfsinnigen Macho- oder Anglergeschichten und angestaubten Kriegsneurosen, lockt man heute keinen Leser mehr in den Lesesessel. Action tritt erst ab Seite 327 zu Tage, was für einen 384 Seiten starken Thriller-Roman dann doch etwas arg dürftig ausgefallen ist. Der gesamte Roman ist also so überflüssig wie Haushaltsreiniger im Aquarium und so weit entfernt von "unterhaltsam" wie die Ringe des Saturns vom Mittelpunkt der Erde. 

Meine Wertung: 63/100



Aus dem Amerikanischen von Daniel Müller 
Originaltitel: Lay Down my Sword and Shield
Originalverlag: The Countryman Press
Paperback, Klappenbroschur, 384 Seiten, 13,5 x 20,6 cm
ISBN: 978-3-453-27101-2
€ 18,00 [D] | € 18,50 [A] | CHF 25,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Heyne Hardcore
Erschienen:  28.08.2017

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Das Dickicht

Joe R. Lansdale ,
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Heyne, 08.02.2016
ISBN 9783453676770
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

JOE R. LANSDALE - Das Dickicht

- eine mörderische Jagd in den Ausklängen des wilden Westens -

Die beiden jugendlichen Geschwister Jack und Lula Parker haben ihre Eltern in den ersten Zuckungen des 20. Jahrhunderts an die Pocken verloren. Ihr Grandpa Caleb Parker bringt die beiden Waisen mi der Kutsche zu ihrer Tante Tessle nach Kansas, wo sie von nun an leben sollen. Er hat die Urkunden für sein Grundstück und das ihrer Eltern einem Anwalt übergeben. Dieser soll die Grundstücke zu gegebener Zeit verkaufen und den Erlös abzüglich seiner Provision den Kindern zukommen lassen, die die entsprechenden Besitzunterlagen einstecken haben. Auf der Fahrt nach Kansas muss das Gespann einen Fluss überqueren, doch die hölzerne Brücke ist abgebrannt. Es stehen nur noch ein paar verkohlte Balken und eine Fähre ist gerade auf der anderen Seite des Flusses. Als sie selbige einige Zeit später besteigen, kommt auch ein großer Mann namens Cut Throat Bill auf einem Fuchs mit an Bord. Während Bill Stress mit Grandpa Parker anfängt, wartet der Fährmann geduldig auf zwei weitere Männer namens Fatty Worth und Nigger Pete, die gerade Richtung Fähre geritten kommen. Die beiden Reiter und Cut Throat Bill scheinen sich zu kennen. Es entbrennt nun endgültig ein Streit zwischen dem großen Mann und Grandpa, den der alte Parker mit dem Leben bezahlt. Als nun plötzlich auch noch ein Wirbelsturm aufkommt, der die Fähre letztlich zum Kentern bringt, trennen sich Jack und Lulas Wege. 

Jack erfährt von einem Mann und einer Frau, die die Fähre auf der anderen Seite nehmen wollten, dass Lula von den drei Männern zu Pferde mitgenommen wurde. Der Mann und die Frau nehmen Jack mit in die Stadt Sylvester, wo gerade die hiesige Bank ausgeraubt wurde. Hier trifft Jack zufällig auf den riesigen Farbigen Eustace Cox und seine Wildsau Keiler. Jack und Eustace, der bereits früher seinen Lebensunterhalt als Kopfgeldjäger verdiente, kommen ins Gespräch. Jack berichtet von den Vorkommnissen auf der Fähre, von den Männern, die seinen Grandpa ermordet und seine Schwester Lula mitgenommen haben. Jack will Lula aus den Fängen der Ganoven befreien und stellt Eustace die beiden Grundstücke als Bezahlung in Aussicht,wenn dieser ihm hilft. Aber Eustace der Riese ist nur mit von der Partie, wenn auch sein Kumpel Shorty der Zwerg dabei ist. Und das ist er, der alte Halunke. Und so beginnt eine mörderische Jagd durch den Ausklang des skrupellosen wilden Westens. Shorty ist ein guter Erzähler und lässt bei Lagerfeuer oder anderen Gelegenheiten keine Situation ungenutzt von Indianergeschichten, Kopfgeldjagden oder seinen sonstigen fragwürdigen Heldentaten zu berichten.

Es ist eine teils empathische, teils überspitzt humorige, aber bisweilen auch recht raue und schroffe Sprache, die der 1951 in Gladewater, Texas geborene Krimi-, Horror-, History- und Science-Fiction Autor Joe R. Lansdales in seinem Roman „Das Dickicht“ verwendet. Die Brutalität ist in eine fast schon schlitzorige, allerdings nicht sonderlich authentische Sprache verpackt, die zumeist aus der Sicht von Jack geschrieben ist. Das Storyboard wäre jedoch sicherlich ein gefundenes Fressen für jemanden wie Quentin Tarantino. Mit dem kleinwüchsigen Shorty und dem riesigen Eustace an seiner Seite sind Gewaltexzesse nämlich an der Tagesordnung, was den, mit christlichen Werten aufgewachsenen Jack das ein oder andere Mal aus der Bahn zu werfen droht. Doch mit dem Gedanken an seine Schwester und was die gesetzesbrecherischen Sauhunde mit ihr anstellen könnten, kommt er nicht umhin seinen Begleitern zu vertrauen. Eine wirkliche Freundschaft ist das zwischen den beiden ungleichen Freunden und ihm zu Anfang nicht und Jack fürchtet, dass ihn die beiden Schlitzohren zu passender Gelegenheit abmurksen könnten.

Gemeinsam machen sie sich auf die Jagd nach den steckbrieflich gesuchten Männern. Als Jack im Hurenhaus auf das leichte Mädchen Jimmie Sue trifft, um an Informationen über Fatty Worth zu gelangen, der ebenfalls gerade in einem der Zimmer zugange ist, beschließt diese kurzerhand ihren harten, unbefriedigenden Job an den Nagel zu hängen und mit ihm zu ziehen. Sie verrät ihm bereitwillig, was er wissen will, denn Jimmie Sue scheint einen wahren Narren an Jack gefressen zu haben. Eustace, Shorty, Jack und Jimmie Sue schnappen sich daraufhin den leichtsinnigen Delinquenten Fatty, als selbiger gerade das Hurenhaus verlässt. Unter Folter wollen sie von ihm erfahren, wohin es Cut Throat Bill, seine Kumpanen und somit auch Lula verschlagen hat. Auch Sheriff Winton, dem sie Fatty gegen ein erhofftes Kopfgeld ausliefern, schließt sich der Meute an. Ein seltsamer Haufen ist das schon, der sich da zusammengefunden hat, um den Verbrechern ins sogenannte Dickicht zu folgen. Auch des Sheriffs Putzhilfe Spot stößt irgendwann zu der illustren Truppe und schließt sich ebenfalls an. Die Charakterzeichnungen sind zwar eher mittelmäßig intensiv ausgefallen, dennoch sympathisiert man im Laufe der Geschichte mehr und mehr mit den Protagonisten. "Das Dickicht" ist eine, bisweilen auf humorvolle Weise erzählte, kurzweilige Geschichte über ein paar liebenswerte Ganoven, die ein paar weniger liebenswerte Ganoven zur Strecke bringen wollen und die Ihre nackte Brutalität durch ihre legere Art ein wenig zu entschärfen weiß. Ein rasantes Showdown in blutig-bleihaltiger Luft bleibt bei dieser waghalsigen Bestrebung natürlich nicht aus. 


Meine Wertung: 84/100

Link zur Buchseite des Verlags:

Originaltitel: The Thicket
Originalverlag: Tropen
Aus dem Amerikanischen von Hannes Riffel 
ERSTMALS IM TASCHENBUCH
Taschenbuch, Broschur, 336 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-453-67677-0
€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 13,90* (* empf. VK-Preis) 
Verlag: Heyne Hardcore
Erscheinungstermin: 8. Februar 2016

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61 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 23 Rezensionen

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SCAR

Jack Ketchum , Lucky McKee , Kristof Kurz
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Heyne, 10.04.2017
ISBN 9783453677173
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

JACK KETCHUM / LUCKY MCKEE - Scar
(Heyne Hardcore)

- bis das Kind kaputt gespielt ist und weit darüber hinaus -

Dallas Mayr alias Jack Ketchum und Co-Autor, Schauspieler, sowie Regisseur Lucky McKee beschreiben in ihrem neuen Roman "Scar" das Leben einer kleinbürgerlichen Familie, die sich an ihren irdischen Gütern erfreut und mit ihren Nachbarn mithalten will. Die perfekte Außenwirkung ist den Eltern Bartholomew und Patricia Cross extrem wichtig, den beiden elfjährigen Zwillingen Delia und Robbie, sowie der Australian Cattle Dog Hündin Caity eher weniger. Vater Bart ist mit seinem neuen "Interesse", dem Pontiac Firebird in der Garage und einem Glas Boodles-Gin beschäftigt. Mutter Pat macht sich gerade frisch im Bad, Bruder Robbie ist in seinem Zimmer mit einem Buick Modellbausatz beschäftigt und Delia sinniert über das unheimliche, alte Puppenhaus, das ihr ihre Mutter zur Verfügung gestellt und zum Spielen überlassen hat. Letzte Nacht hat Delia einen Luftzug daraus gespürt und ein Licht darin schimmern sehen. Diese Nacht zittert es leicht, sodass das T-Shirt, dass sie zum Abdecken auf das Spielzeughäusschen gelegt hat, herunter fällt. Dann blinkt da in der nächsten Nacht wieder ein Licht. Mehrfach. Bis es wieder schwächer wird. Als Delia ihrer Mom von den nächtlichen Vorfällen erzählt, nimmt diese ihre Tochter nicht ernst. Denn es gibt keine Gespenster und keinen Spuk in ihrem alten Puppenhaus. Doch woher kommen der leichte Luftzug und das merkwürdig flackernde Licht? Sind hier etwa übernatürliche Kräfte am Werk oder gibt es eine weit profanere Erklärung dafür?

Delia ist hübsch, fotogen und verdient ihr Geld unter anderem mit Modeshootings, wie auch mit Werbespots. Sie ist allerdings erst elf Jahre alt. Seit sie vier Monate alt ist, vermarkten ihre Eltern ihr Kind gewinnbringend. Vielleicht winkt sogar bald eine Rolle in der Sitcom "Lip-Locked", für das die kleine Delia oder eher ihre Mom ein Castin ergattert hat. Bart und Pat zählen auf ihre Tochter. Sie haben alles auf eine Karte gesetzt. Sie beide gehen ansonsten keiner beruflichen Tätigkeit nach, sind sie doch vollends eingespannt in die Organisation von Delias‘ Karriere und ihres Prestiges. Bart, der die Finanzen der Familie regelt, hat leider kein Händchen für diese Aufgabe. Das Geld, das sie mit Delia verdienen ist aber recht üppig, lässt einen luxuriösen Lebensstil mit Haus, zwei Autos, zwei neuen 4K TV Geräten, Gärtner und Pool zu und zwingt nicht unbedingt dazu arbeiten zu gehen oder die Finanzen genauer im Blick zu behalten. Familie Cross eröffnet das einen sorglosen Lebensstil sponsored by Delia und einer Erbschaft, die Bart vor einiger Zeit gemacht hat. Ein zwingend liebevoller Umgang mit den Kindern dabei? Fehlanzeige. Bart und Pat frönen lieber dem Alkohol, den Tabletten und terrorisieren sich, ihre Kinder und den Hund. Anfangs nur seelisch, später auch körperlich.

Der Roman „Scar“ ist in der Gegenwartsform geschrieben. Anhand des deutschen Covers, des deutschen Titels und der fast schon kitschig oft erwähnten Klischees innerhalb des Plots, ahnt der Leser schon recht früh, wo der Hase lang läuft. Ketchum/McKees' Schreibstil ist flüssig und einigermaßen lebensnah gehalten. Die große Schrift, sowie die kurzen, prägnanten Sätze lassen einen quasi durch die Seiten fliegen. Das Storyboard ist allerdings recht einfach gehalten, geht zu keinem Zeitpunkt in die Tiefe und lässt daher auch kaum Empathien mit den Zwillingen zu. Auf den ersten hundert Seiten liefert das Autorenduo Ketchum/McKee einen ernüchternd ruhigen Aufbau, der Delia und Caity, sowie Ihren Bruder Robbie sympathisch zeichnen soll. Das gelingt ihnen allerdings nur bedingt, denn an vielen Stellen drückt sich das klischeehafte Verhalten der gesamten Familie einfach zu deutlich durch. Der Plot erscheint dadurch leider stark gekünstelt. Dass der, am 24.01.2018 in New York verstorbene, ehemalige Schauspieler, Lehrer, Literaturagent und Holzverkäufer Jack Ketchum das wesentlich besser kann, hat der US-amerikanische Autor spätestens seit "Evil" eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Delia ist ziemlich eingespannt und hechtet von Termin zu Termin. Ihre Mom ist gierig und vergisst darüber das Wohl ihres Kindes. Pat hat sogar eine Webseite, einen Twitter Account, sowie eine Facebook Seite für Delia eingerichtet, die sie regelmäßig mit Inhalten füttert. Beide Elternpaare haben wenig Zeit für die Zwillinge, sind egoistisch und mehr mit sich selbst oder ihren "Spielzeugen" beschäftigt, als dass sie sich eingehend mit ihren Kindern oder deren Bedürfnissen auseinandersetzen würden. Zwischendurch wird immer wieder aus Caitys' Sicht erzählt. Die Hündin ist schlau, lernfähig und wittert immer wieder Gefahr. Dann macht Delias' Bruder Robbie einen folgenschweren Fehler. Einen sehr dummen Fehler, der das Leben der kleingeistigen Familie vollends aus den Fugen hebt. Familie Cross war so hoch auf der Leiter, doch dann fiel sie ab. Die Erziehungsbeauftragten haben sich die ganze Zeit einfach zu sehr in Sicherheit gewogen und nicht mit einem solchen Umstand gerechnet. Als ein weiteres Unglück geschieht, dass alle bisherigen Planungen über den Haufen werfen müsste, hält Pat weiter an ihren Projektierungen fest, verstrickt sich in Lügen und verkauft ihre Seele und letztendlich die des gesamten Familienbundes. Von nun an ist endgültig Schluss mit lustig. Missgunst, Hass und Gewalt beherrschen ihren Alltag. Die Familie oder was noch von ihr übrig ist, zerbricht an ihren eigens auferlegten Standards und Werten. Leider wurden auch diese Aspekte wenig austariert.

Trotz oder gerade wegen der aufgekommenen Tragödien lässt sich mit dem Mitleid und dem künstlich aufgebauschten Gönnertum der Medienformaten jedoch noch kräftig Profit schlagen. Das Medieninteresse wird immer größer. Delias' Eltern übertreiben es immer mehr und bald ist das junge Mädchen nicht mehr nur äußerlich versehrt. Das Geltungsbedürfnis und die Geldgier ihrer Eltern machen Delias' Leben zu einer Hölle aus Voyeurismus und Stress. Die Eltern, in erster Linie Pat, agieren völlig am Wohl des Kindes vorbei. Ohne Rücksicht auf Verluste. Aber Delia spielt ohnehin bald nicht mehr mit und verhält sich ganz anders als es ihrer Mom lieb sein kann. Pat dreht indes völlig am Rad und geht für ihren Vorteil letztlich auch über Leichen. Sie lügt und betrügt und ihr scheint nichts mehr heilig, außer dem eigenen Wohl. "Scar" ist eine leider arg banale Story, die in der wirklichen Welt aus Missbrauch, Hass und Gewalt keinen gewichtigen Platz einnehmen kann. Obendrein ist der Plot reichlich oberflächlich und spannungsarm gehalten. Schade drum, denn da hätte man sicherlich mehr draus machen können.

Meine Wertung: 68/100


Link zur Buchseite des Verlags: Klick!

Aus dem Amerikanischen von Kristof Kurz 
Originaltitel: The Secret Life of Souls
Originalverlag: Pegasus Books
Paperback, Klappenbroschur, 336 Seiten, 13,5 x 20,6 cm
ISBN: 978-3-453-67717-3
€ 14,99 [D] | € 15,50 [A] | CHF 20,50* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Heyne Hardcore
Erschienen: 10.04.2017

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Die Tyrannei des Schmetterlings

Frank Schätzing
Fester Einband: 736 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 24.04.2018
ISBN 9783462050844
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Frank Schätzing - Die Tyrannei des Schmetterlings 

- Wissenschafts- und SciFi Thriller der Extraklasse; weitreichend, komplex aber leider auch äußerst abstrakt -

Frank Schätzing, seines Zeichens Deutschlands wohl investigativster Thriller- und SciFi Autor, hat sich nach dem Welterfolg "Breaking News" aus dem Jahre 2014 dieses Mal wieder der Wissenschaft und dem SciFi zugewandt. Kaum ein Schriftsteller schafft es, eine derart bildhafte und empathische Sprache zu entwerfen und diese in eine schillernd metaphorische, wie literarisch reizvolle Sprache einzubetten, um der potentiellen Leserschaft mit Leichtigkeit ein Kopfkino der Sonderklasse zu bescheren. Schnell ist man drin in der weitreichenden und komplexen Story, die im ersten, aber nicht für den Rest des Storyboards repräsentativen Kapitel "Feinde", von Söldnern im Süden Afrikas handelt. Sie wollen einen Warlord infiltrieren. Sprengstoff zünden, Brunnen vergiften und Desinformationen steuern. Doch was die jungen Männer und ihren Anführer Agok während ihres lautlosen Angriffs erwartet, hätten sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht auszumalen getraut. Dieses erste Kapitel dient jedoch lediglich als einleitender Appetizer und hat mir der eigentlichen Story wenig zu tun. 

Der zweite Teil und eigentliche Erzählstrang handelt vom ghanaisch-amerikanischen Undersherriff Luther Opoku und seinem Deputy Ruth Underwood, die die Leiche einer jungen Frau an einem Steilhang in der Sierra Nevada in Kalifornien untersuchen. Herauszufinden ob es ein Unfall war, der die junge Frau vierzig Meter weiter unten in die Äste eines Baumes trieb oder ob sie vielleicht sogar herunter gestoßen wurde, bleibt Aufgabe der beiden schlecht ausgerüsteten Staatsbediensteten und ihrer Kollegen. Die Tote war Mitarbeiterin des Silicon Valey Big Players Nordvisk Incorporated. Einer Firma, die sich mit künstlicher Intelligenz, sowie maschinellem Lernen befasst und eine Außenstation in Flugplatzgröße in Sierras' weitläufigem Hinterland betreibt. Kurz vor ihrem Sturz in den Tod hatte sie einen Unfall mit einem schwer gepanzerten Firmenfahrzeug, dass unweit des Tatorts aufgefunden wird. Als ein USB IDKey im Wagen der Toten gefunden wird, gerät der Stein allmählich ins Rollen. Auf dem IDKey befinden sich nämlich Informationen, die einige Mitarbeiter von Nordvisk Incorporated in arge Erklärungsnöte bringen dürften. Nachdem sich Undersherriff Opoku mit CEO Hugo van Dyke auf der Außenstation von Nordvisk Incorporated zu einem Gespräch trifft und sich bei dieser Gelegenheit Mitarbeiter und Gelände zeigen lässt, geschehen plötzlich merkwürdige, kaum zu begreifende Dinge. Das Geheimnis, das der Hightech-Konzern tief im Berg seiner Forschungsanlage verbirgt ist so ungeheuerlich, dass es jegliche Vorstellungskraft übertrifft. Nichts ist, wie es scheint, was Luther Opoku allmählich an seinem ansonsten doch stets so scharfen Verstand zweifeln lässt. Aber so sehr Luther die Fakten auch hin und her wendet, er kommt auf keinen Nenner was hier vor seinen eigenen Augen eigentlich gespielt wird. Ihm wird sprichwörtlich der Boden unter den Füßen weggerissen. Die Realität, seine Erinnerung, alles ist plötzlich anders. Was ist nur mit ihm geschehen und was muss noch alles mit ihm geschehen, da er sich selbst bald nicht mehr zu kennen glaubt? Auch der Leser wird immer wieder in die Irre geführt. Nichts ist wirklich. Nichts ist wie es scheint. Aber alles scheint möglich und doch unmöglich zugleich. Dieses Verwirrspiel, das auch den Leser ratlos zurück lässt, hat der Autor in der ersten Hälfte hervorragend inszeniert und derart mit Spannung aufgeblasen, dass es wahrlich schwer fällt, dass Buch bis hierhin auch nur eine Sekunde aus der Hand zu legen. Ich muss aber auch zugeben, dass sich die ganzen Überlegungen, die aus der neuen Lebenssituation Luthers entstehen, schon arg grotesk ausnehmen. Man versetze sich nur einmal in seine Situation. Das muss wahrlich die Hölle sein.

Geschickt hält der, am 28. Mai 1957 in Köln geborene Autor Frank Schätzing die Spannung hoch, indem er den Leser immer wieder mit Andeutungen und Fakten anfüttert. Alles bleibt diffus. Der Plot des intelligenten, 736 Seiten starken SciFi Thrillers lässt durchaus Parallelen zu H.G. Wells erkennen, ist aber schon arg bizarr und abstrakt ausgestaltet und wirkt dadurch gerade in der zweiten Hälfte oftmals arg verwirrend. Es geht unter anderem um Quantenmechanik von deren grundlegenden Strukturen man schon mal etwas gehört haben sollte, die man aber fast noch zur Allgemeinbildung zählen kann. "Die Tyrannei des Schmetterlings" nötigt seinen Lesern somit zwar keine tiefergehenden Kenntnisse in mikrophysikalischen Bereichen ab, dennoch wird es immer schwieriger Schätzings' Gedankengängen zu folgen, je tiefer man in den Roman einsteigt. Auch ist die Story, wie man es vom Autor her gewohnt ist, stets fein ausgeschmückt, im Gegenzug aber auch rasant, spannend und actionreich verfasst. Die Charakterisierung seiner Protagonisten, die Beschreibungen des jeweiligen Lokalkolorits, sowie die jeweiligen Konversationen sind Schätzing-like lebendig gehalten. Es ist aber auch nichts neues, dass Schätzings' Personal immer recht umfangreich gestaltet ist; von daher wäre eine tiefergehende, differenziertere Charakterzeichnung natürlich sinnstiftend gewesen. 

Der Erzählung von Herrn Schätzing kann man, aufgrund ihrer teils surrealen Überlegungen nicht immer gleich auf Anhieb folgen. Dem ein oder anderen mögen diese Überlegungen vielleicht etwas zu verworren vorkommen, dem wissenschaftlich und vor allem an künstlicher Intelligenz, neuronale Netze, Quantenmechanik, Quantenphysik, Genetik, Epigenetik, Astrophysik, Computertechnik, Robotik Zeitmaschinen, Parallelwelten, Zeitinterferenzen etc. interessierten Leser kann es aber interessante, vielleicht gar neue Denkanstöße versetzen. Es ist schon faszinierend, was der Mensch und seine Computertechnik alles zu erschaffen im Stande ist, aber diese Technologien bergen immer ein gewisses Risiko und können in den falschen Händen natürlich auch missbräuchlich eingesetzt werden. Wird uns unsere Technologie in Zukunft nun also das Leben erleichtern oder den wahren Horror auf Erden bescheren? 

„Die Tyrannei des Schmetterlings“ ist ein intelligentes, aber zum Teil auch nicht immer ganz leicht zu verstehendes Buch. Ich für meinen Teil mag ja diese Sparten der Wissenschaft. Von daher kann ich die vielen negativen Meinungen zu "Die Tyrannei des Schmetterlings" nicht so ganz nachvollziehen. Mit Sicherheit geht vielen Lesern aber auch die Empathie ab, mit denen Schätzing auf einmalige Weise seine Protagonisten in "Der Schwarm" gezeichnet hat. Das ist ihm seit diesem großen Wurf leider weder mit "Limit", noch mit "Breaking News" und leider auch nicht mit „Die Tyrannei des Schmetterlings“ gelungen. Aber ich muss schon zugeben, dass das gesamte Thema im letzten Drittel des SciFi Thrillers leider zu sehr ins Theoretische abrutscht und dadurch schon etwas langatmig und trocken wird. Für die potentielle Leserschaft wird es schwerer und schwerer, sich in Schätzings Gedankenwelt zurechtzufinden. Von Seite zu Seite wird es immer schwieriger in die wirren Beschreibungen des Lokalkolorits, der Begebenheiten, sowie der Handelnden abzutauchen, was den Lesefluss an mancher Stelle doch arg ins Stocken bringt. Es fällt einem unheimlich schwer, das Geschriebene in geistige Bilder zu fassen. Schätzing verlangt seinen Lesern in der zweiten Hälfte des Romans schon eine ganze Menge ab. Das hat die brillante erste Hälfte der Story in der Form eigentlich nicht verdient. Aber die Idee ist und bleibt schier genial und eröffnet dem Erzähler eine ganze Menge Möglichkeiten. Schade nur, dass die Umsetzung so manches Mal an ihren eigenen erzählerischen Kunstgriffen scheitert.


Meine Wertung: 83/100

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Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05084-4
736 Seiten, gebunden mit SU
Erscheinungsdatum: 24.04.2018

Preis
Deutschland: 26,00 €
Österreich: 26,80 €

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Ein Bulle im Zug

Franz Dobler
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Heyne, 08.03.2016
ISBN 9783453676961
Genre: Romane

Rezension:

Ein Bulle im Zug von Franz Dobler 
(Heyne Hardcore)

- Milieustudie und Psychogramm über einen irren und völlig kaputten Polizisten -

Franz Doblers' Milieustudie und Psychogramm über den irren und völlig kaputten 43-jährigen Polizisten Robert Fallner wurde von der Presse hoch gelobt und hat sogar den deutschen Krimi Preis 2015 gewonnen. Das birgt gleich zwei Fehler in sich. Zum einen stellt sich die Frage: „Wie kann ein Roman, der alles andere als ein Krimi ist, den deutschen Krimi Preis gewinnen?“. Das ist eigentlich bereits Aussage genug. Zum anderen: „Wie konnte es überhaupt zu dieser ungerechtfertigten Lobhudelei kommen?". Der, 1959 in Schongau geboren und heute in Augsburg lebende Autor Franz Dobler besitzt einen ungelenken, zum Teil auch unangenehmen Schreibstil, der sich gerne in den Wirren des modernen Zeitgeistes verirrt. Seine unterschwellige Gesellschaftskritik, mit all ihren neurotischen Abstufungen ist teilweise amüsant, andererseits nerven die ständigen Wiederholungen über den Geisteszustand seines Protagonisten ungemein. Man kann sie als geistig hochtrabenden bezeichnen oder als blanken Unsinn abtun. Das bleibt letzen Endes jedem selbst überlassen.

Der Polizist Robert Fallner ist vom Dienst freigestellt. Seine Beurlaubung wurde erst kürzlich ausgesprochen, nachdem er in Ausübung seines Dienstes den jungen, polizeibekannten Heranwachsenden Maarouf R. in der gemeinsamen elterlichen Wohnung erschossen hat. Maarouf soll angeblich eine Pistole gehabt und selbige auch gezogen haben. Doch eine solche Waffe ist nicht auffindbar. Fallners' Kollege Eric Maier hat während des Einsatzes nichts dergleichen gesehen und sagt dementsprechend auch zu Roberts' Nachteil aus. Der Polizist Robert Fallner ist kaputt und am Boden. Noch funktioniert seine Beziehung zu Jacqueline und auch sein Spürsinn scheint ungetrübt, aber die Gesellschaft hat aus ihm ein missmutiges und armseliges Wrack gemacht. Der junge Mann, den Fallner erschossen hatte, scheint ihn mit in den Abgrund nehmen zu wollen. Überall, zu allen Tages- und Nachtzeiten taucht der tote Maarouf in seinen Gedanken auf, zieht ihn immer weiter runter und wird sein ständiger geistiger Begleiter. Über seine Tat oder die Konsequenzen, die daraus folgen und somit das eigentliche Schicksal des Jungen oder das seiner Familie schert sich der Unsympath Robert Fallner einen Dreck. Immerhin hat Fallner den jungen Mann in Ausübung seines Dienstes augenscheinlich zu Unrecht niedergeschossen und dabei tödlich verletzt. Empathie scheint dem Polizisten ohnehin völlig abzugehen. Und so macht sich Robert Fallner in wirren Selbstgesprächen gedanklich kaputt und nervt mit seinen Marotten, sowie einer kaputten und völlig verqueren Weltsicht nicht nur sein Umfeld, sondern letzten Endes auch den kaum zu beneidenden Leser. 

Um sich von seiner Frau, der kaum fruchtenden Therapie und seinen frischen Neurosen abzulenken, fährt Fallner mit dem Zug quer durch Deutschland. Für 4.900 Euro hat er sich eine Jahres-Bahncard100 gekauft. Er will auf diesen Fahrten wieder zu sich selbst finden, sich in gewisser Weise selbst therapieren und seiner lang gehegten Obsession frönen. Ein klares Ziel hat er ansonsten nicht vor Augen. Sein Chef, der von der ganzen Sache weniger begeistert ist und ihn darum bittet schnellstmöglich wieder dienstfähig zu werden, betraut ihn jedoch noch mit einer Sache: Ein Killer fährt offensichtlich mit dem Zug durch Deutschland um mordet Frauen. Bislang sind sechs Opfer zu beklagen. Der Bulle im Zug soll lediglich die Augen offen halten, wenn er schon seine bescheuerte Idee, sich mit einer Zugfahrt selbst heilen zu wollen, auch gegenüber seiner Therapeutin durchzusetzen vermochte. Am Startpunkt, dem Münchner Hauptbahnhof Bahnhof, bleibt Robert Fallner vorerst stiller Beobachter. Er sinniert über sein bisheriges Leben und das der anderen. Seine Ansichten nehmen sich bisweilen seltsam grotesk aus. Doblers' Schreibstil ist durchgehend anstrengend und verhält sich gegenüber dem Lesefluss eher kontraproduktiv. Wie im Wahn erzählt sein Protagonist ständig das Gleiche, hadert mit sich und seinem kaputten Leben oder textet seine Mitmenschen mit mehr oder minder belanglosem Zeugs zu. Fallner versinkt mehr und mehr in Selbstmitleid. Er führt Selbstgespräche mit seinem alten ich, das längst im Abyss seiner Seele verschwunden ist. Robert ermittelt unter anderem im kranken Frankfurter Milieu, setzt sich am nächsten Tag aber ohne Ergebnisse schon wieder in einen Zug und fährt von dannen. Ohnehin verläuft die Ermittlung, die sich irgendwann selbst verzehrt und wahrscheinlich aus Desinteresse aus dem Plot herauskatapultiert wird, im Sande. Fallner trifft sich auch in Berlin mit seinem guten, alten Polizei Kumpel Telling, den er schon lange mal wieder sehen wollte. Die Freundschaft scheint aber auch keine wirkliche zu sein und so nimmt sich das Treffen äußerst seltsam aus. 

"Ein Bulle im Zug" ist eine Geschichte ohne wirklichen Anfang oder wirkliches Ende. Doblers' Pseudo Pop Art, mit all ihrem verschrobenen Humor, kann ich persönlich wenig bis gar nichts abgewinnen. Es ist ein zäher, anstrengender Plot geworden, der die Konsistenz eines frisch verdauten Kaugummis aufweist. Es fällt auch nicht immer leicht, Doblers sprunghafter Gedankenwelt zu folgen. Oftmals stellt man sich beim Lesen die Frage: "Äh, was labert der da eigentlich?". Der Autor springt nämlich munter von einem Punkt zum anderen, zieht keine klare Linie und schreibt wirres, unstrukturiertes Zeug. Wenn Sprache und Story dermaßen verschroben sind, dann ist das natürlich ein Fall für den deutschen Krimi Preis, den dieser Nonsens-Non-Krimi 2015 eingeheimst hat. Fallner sabbelt und brabbelt einen geistigen Sermon, der in keiner Silbe auch nur ansatzweise nachvollziehbar erscheint. Es gibt durchaus ein paar lustige Szenen, diese können den Plot jedoch nicht aus dem tiefen Loch holen, in das er sich verkrochen hat. Franz Dobler bemächtigt sich zum Teil einer vulgären Sprache, die jeden Witz und jedwede Moral mit Abstand missen lässt. Dass dies beabsichtigt ist, ist mir durchaus bewusst, ändert aber nichts an der plumpen Effekthascherei, die der Schriftsteller dadurch betreibt. Der anscheinende Wortwitz ist an der einen oder anderen Stelle schon mal ganz nett, aber in den meisten Fällen doch eher ihre größere Schwester. Die Witze zünden kaum und kommen einem vor, wie das "um Kopf und Kragen reden" eines verwirrten, alkoholhaltigen Geistes auf dem Abstellgleis. Eine Differenzierung der Charaktere oder Denkweisen der Personen, auf die Fallner trifft, findet nicht wirklich statt. Alles verläuft grau in grau. Nichts hebt oder setzt sich ab. Hier von einem Meisterwerk zu sprechen, wie durch einen Gutteil der Presse geschehen, ist an Absurdität kaum zu überbieten. Das Ganze ist mindestens so interessant, wie das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen rückwärts zu lesen. Franz Dobler und ich werden literarisch ganz sicher keine Freunde werden. Für mich war das Buch eine reine Tour de Force. Den, am 13.02.2017 als gebundenes Buch im Tropen Verlag und am 14.05.2018 bei Heyne Hardcore als Taschenbuch erschienenen zweiten Teil "Ein Schlag ins Gesicht" werde ich mir daraufhin eher nicht zu Gemüte führen.

Meine Wertung: 18/100


Originaltitel: Ein Bulle im Zug
Originalverlag: Tropen
Taschenbuch, Broschur, 352 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-453-67696-1
€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 14,50* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Heyne Hardcore
Erschienen: 08.03.2016

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WERNER - WAT NU !?

Rötger Feldmann , Brösel
Flexibler Einband: 128 Seiten
Erschienen bei Bröseline, 01.06.2018
ISBN 9783947626007
Genre: Comics

Rezension:

BRÖSEL – Werner–Wat nu!?
(Bröseline Verlag)

Seit 1981 erscheinen in unregelmäßigen Abständen anarchische Kult-Comics aus dem hohen Norden, die sich rund um den Teilzeitrocker und Bölkstofffanatiker Werner drehen. Der wohl bekannteste deutsche Comic Held oder eben Antiheld betritt nun, nach 14-jähriger Abstinenz abermals die Bühne. Pünktlich zum 30. Jahrestag des legendären Werner-Rennen am 30.08. bis 02.09.2018 auf dem Flugplatz Hartenholm, haut Rötger Werner Friedrich Wilhelm Feldmann alias Brösel nämlich den 13. Werner Band "Werner-Wat nu!?" raus. 128 Seiten professionell gezeichnet und voll in Farbe. Extra hierfür wurde der Bröseline Verlag ins Leben gerufen. Seit jeher sind es die stark übertriebenen Geschichten, inspiriert vom Leben und dem Umfeld Rötgers, die Millionen von Lesern an den Seiten pappen oder in die Kinos strömen ließen. Wer erinnert sich nicht an das legendäre „Fußballspiel“ auf dem Kieler Wochenmarkt, den Krankenhausaufenthalt („...un mach das Licht aus oder ich beiß die Lampe ab!“), an „Präsi“ („Wenn hier einer Anna nass macht, dann bin ich das!") oder an den Rohrbruch mit Gas/Wasser/Scheiße-Röhrich („Wenn einer noch muss, aber denn is Schluss“)? Aber wo sind die herrlich bekloppten Charaktere nur abgeblieben? Im neuen Band finden sie jedenfalls keinerlei Erwähnung.

Werner, wie er leibt und lebt, ist mal wieder auf der Suche nach Bölkstoff. Doch der ist aus! Die Bölkstoff Station wurde gefrackt. Den Sündenbock findet man schnell im Bergamt. Kurzerhand nimmt man die hohlgebohrte Bürokratenassel mit. Es wird aber nicht nur geblödelt, gebölkt und gedengelt, in Band 13 kommen auch sozialkritische und vor allem umweltpolitische Aspekte zum Tragen. So werden unter anderem das Fracking, das Umweltgift Glypho-satt, das Biene-Maya-Sterben, sowie die Saatgut-Mafia zwischen Kimme und Korn genommen, denn wie schon auf Seite 16 von einem Schwein propagiert wird: "Die schlimmste Umweltsau ist der Mensch!!!" Werner umtreibt dabei natürlich auch die Angst um die gebotene Reinheit seines Lebenselixiers, dem Bölkstoff. Da kann er richtig garstig werden, der Werner. Und wie ich es mir bereits in meiner eigenen Phantasie zurechtgelegt habe, kommt dann auch der Spruch, den ich wohl niemals vergessen werde und der mir in Sachen Werner immer im Gedächtnis bleiben wird: "Wohin des Weges, Bursch? ..." nur eben als neue, aber nur mit einem einzigen Buchstaben veränderten Version :-). Absolut naheliegend das!

Erstmals vollführt Werner einen ungewollten Ausflug auf dem Skateboard, wobei die Gewichtung hierbei ganz klar auf „Flug“ liegt. Natürlich geht es dabei auch immer wieder um Maurerbrause, Aggregate, Mokicks, Reisschüsseln und echte Feuerstühle. Es wird auch auf die bevorstehende (dritte) Revanche zwischen Brösel auf dem Red Porsche Killer von Horex und dem fett getunten 911er Porsche von Schankwirt Holgi eingegangen. Die Sprechblasen sinn hierbei offmols voll mem friesischen Sleng! Allerdings fand ich Werner früher deutlich witziger. Entweder war er das tatsächlich oder ich bin langsam zu alt für diesen Scheiß. Vielleicht hätte ich vorher auch mehr Bölkstoff tanken sollen. Auch Werner ist älter geworden, reifer, vielleicht gar nachdenklicher un längs nich mäh so loggäää wie früääähhh. Es passiert auch einfach zu wenig in Band 13. Wo ist Geselle Eckat (Eckhard), wo die vertrottelten Bullen Helmut und Bruno, die quäkende Krankenschwester, die überquellende Scheiße, die Bikerfreunde Hörni und Kalle, Ölfuß, der MC Klappstuhl, die unsäglichen Unfälle mit all ihrer rasanten Konsequenz, der Radau und die pure Leichtigkeit des Seins? Die Zeichnungen sind zwar allererste Sahne, aber die Konversationen und das Storyboard im Allgemeinen hätten durchaus mehr Biss vertragen können. 

Für Hardcorefans ist „Werner–Wat nu!?“ sicherlich ein Muss. Für die, die es eventuell werden möchten, mag die Anschaffung eine Überlegung wert sein, aber mit 19,80 Euro wird für den Werner Band 13 ein wirklich stolzer Preis aufgerufen. Man hat das 128 Seiten Büchlein dafür auch leider viel zu schnell durch.


Meine Wertung: 77/100

Link zur Buchseite des Verlags: https://www.werner.de/index.php/werner-13-kommt/

Brösel: WERNER — WAT NU!?, Bröseline Verlag 
Erscheinungstermin: 01. Juni 2018
ISBN 978-3-947626-00-7
128 Seiten
Euro: 19,80

Der offizielle Trailer zu “Werner-Wat nu!?:

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So weit die Füße tragen

Josef M. Bauer
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 11.12.2001
ISBN 9783404146666
Genre: Romane

Rezension:

So weit die Füße tragen von Josef Martin Bauer
(Bastei Lübbe)

„So weit die Füße tragen“ ist die Erzählung des jungen, deutschen Wehrmachtangehörigen und Kriegsgefangenen Clemens Forell [(eigentlich Cornelius Rost (1919–1983)], der Ende des zweiten Weltkriegs zu 25 Jahren Zwangsarbeit in einem russischen Bleibergwerk am Ostkap (Kap Deschnjow) verurteilt wird und von dort zu fliehen versucht. Er schuftet Tag ein Tag aus, wird krank oder gibt hin und wieder an krank zu sein, damit er nur einmal kurz ausbrechen kann, aus der ewigen Dunkelheit und der beklemmenden Bedrängnis des todbringenden Bleibergwerks. Dabei schmiegt er erste Pläne für eine irrwitzige Flucht. 

Der 1955 erschienene und in 15 Sprachen übersetzte Erfolgsroman von Josef Martin Bauer beruht angeblich auf Tatsachen, deren niedergeschriebene Erlebnisse so zermürbend sind wie ein Todesmarsch. Ein verzweifelter Todesmarsch durch die eiskalte Hölle Sibiriens. Ständig auf der Flucht, von nichts weiter umgeben als Eis, Kälte und ewiger Weite. Weit über 14.000 Kilometer legt Clemens Forell  hierbei zurück. Die Entfernungen im Buch werden jedoch stets in „Werst“ angegeben, was etwa einem Kilometer (1066,78 Metern) entspricht.

Die Geschichte beginnt, als im Dezember 1945 ein Zug mit deutschen Kriegsgefangenen durch das karge, schneebedeckte Russland fährt. Monatelang durch halb Sibirien bis zum Baikalsee. Ab und an, wenn der Zug in arktischer Kälte für Stunden steht, wird eine Wanne lauwarmer Kartoffeln hineingeschüttet. Dann darf auch ein Arm voll Feuerholz hineingeholt werden, aber erst nachdem die Toten hinausgelegt wurden. Viel zu wenig Feuerholz um die kalten Wagons in ausreichendem Maße zu heizen. Am ersten Etappenziel Tschita angekommen, sattelt man für den nächsten, qualvollen Abschnitt auf Pferdeschlitten um. Weitere 40 strapaziöse Reisetage ziehen ins Land, in denen elendiglich weitergestorben wird. Das darauffolgende Teilstück zieht sich auf Hundeschlitten fort. Anschließend geht man noch wochenlang zu Fuß. Eine Flucht erscheint aufgrund der Bewachung, der kargen Landschaft und des ewigen Eises mehr als aussichtslos. Es ist eine nie enden wollende Totenwanderung, bei der so mancher auf der Strecke bleibt. Und als man endlich an der Station am Ostkap ankommt, sind von ursprünglich 1.950 Mann gerade noch 1.236 übrig. Josef Martin Bauer erzählt Clemens Forells‘ Geschichte recht nüchtern und sinniert im Allgemeinen wenig über die Strapazen dieser Odyssee. Der Leser muss also seiner Phantasie zusätzlich Antrieb geben, um auch nur annähernd die Qualen und das Elend nachvollziehen zu können, das auf die Totgeweihten mit ihrer Verurteilung hereinbricht. Der intellektuell gehaltene Schreibstil Bauers ist an die vierziger Jahre des letzten Jahrtausends angelehnt, hat etwas Patina angesetzt und verhält sich gegenüber dem Lesefluss daher etwas kontraproduktiv. Die verwendete Sprache ist also gerne mal ein wenig sperrig, passt deswegen aber auch besonders gut zum Zeitgeist, den Gegebenheiten und den Gefahren, denen Clemens Forell im Laufe der Zeit ausgesetzt ist.

In der Kaserne am Ende eines Bergwerksstollens, ohne Einrichtung oder Stroh zum Hinlegen, werden die Männer nach ihrem kräftezehrenden Marsch untergebracht. Quasi arbeitsnah im Bleibergwerk. Es gibt generell wenig zu essen. Nur so viel, dass möglichst keiner stirbt. Der Hunger ist also ein ständiger Begleiter und auch die Dunkelheit. Als viele der Männer an Typhus erkranken und auf eine provisorische Krankenstation gebracht werden, schmieden Forell und sein Kumpan Dechant die ersten Fluchtpläne. Doch dazu kommt es nicht mehr, denn Clemens Forell wird gemeinsam mit dem Strafgefangenen Lothar Eisemann dazu auserkoren, eine bewachte Versorgungsfahrt auf Hundeschlitten zu begleiten. Mit Aufseher Wassilij machen sie sich zu dritt auf den dreiwöchigen Weg zu einer Hafenstadt am Meer. Bei dieser Gelegenheit beschließt Clemens zu fliehen. Es ist eine nahezu aussichtslose Flucht abertausende Kilometer durch die eisige Wüste Sibiriens, des Kaukasus und über das Uralgebirge. Mit Proviant für vielleicht zehn Tage. Als Wassilij tief und fest schläft, nutzt Clemens seine Chance. Er muss den eigentlich sehr netten Russen Wassilij glücklicherweise nicht töten und ihm gelingt die Flucht.

Forell muss aufpassen, dass er nicht schneeblind wird. Er will ein Pensum von mindestens 30 Kilometer am Tag schaffen, was kaum zu schaffen ist. Am elften Tag, als er schon fast nicht mehr klar denken kann, gerät er in eine Kontrolle. Forell wird festgenommen und letztlich wieder seiner Kommandantur am Ostkap überstellt, wo das langsame Sterben von neuem beginnt. Auf Anordnung der Russen wird der Flüchtige von seinen Kameraden im Spießrutenlauf bestraft. Mit allerlei erdenklichem Einfallsreichtum wird auf Clemens eingedroschen. Bis er bewusstlos zu Boden geht. Dann hören die Männer auf, die bereits geschlagen haben. Doch diejenigen, die noch nicht zum Zuge gekommen sind, prügeln weiter ohne jede Rücksicht auf den reglos am Boden liegenden Kameraden Clemens Forell ein. Wieder zurück im Berg überkommen ihn Angstzustände. Er redet nicht mehr so gerne mit den anderen. Vom unförmigen Stiel seiner Spitzhacke bekommt er offene Blutblasen an den Händen. Die Arbeit im Bleibergwerk ist hart. Die Gefangenen kommen nur selten ans Licht. Und so vergeht Jahr um Jahr mit der Arbeit im dunklen Bleibergwerk. Die mühselige Arbeit, ohne auch nur ein Quäntchen Hoffnung, macht die Kriegsgefangenen mürbe. Keiner traut sich gegen die Russen mobil zu machen. Und so verrinnt jeder neuerliche Tag in Schweiß, Demut, Krankheit und hirnzermarternder Sinnlosigkeit. Gequält und angetrieben von der Liebe zu seiner Katrin macht sich Forell zwei Jahre nach seinem ersten Fluchtversuch dann doch auf zu einer erneuten Flucht und auf den äußerst beschwerlichen, wie auch gefährlichen Weg nach Hause. Die jeweils aufgenommenen Strapazen kommen jedoch nicht richtig zur Geltung und bleiben eher hintergründig, was doch arg befremdlich ist, sollte dies doch eines der Hauptaugenmerke eines solchen Tatsachenromans sein.

Im Laufe der Zeit werden von verschiedenen Insassen Fluchtversuche unternommen, von denen einer über Alaska sogar bei den Amerikanern endet, die den Flüchtigen allerdings prompt wieder an die Russen ausliefern. So heißt es also: Es bleibt nur die Möglichkeit über die Weiten Sibiriens nach Hause zu gelangen. Zwei weitere Flüchtige werden keine zehn Kilometer vom Lager erfroren gefunden. Dechant, ein Mitgefangener Forells will es dann dennoch wagen und erhält dabei Unterstützung von dem deutschen Kasernenarzt Dr. Stauffer. Dechant gibt sein Vorhaben jedoch vorzeitig auf. Die Überbleibsel der Fluchtvorbereitungen Dechants sind jedoch noch vorhanden und befinden sich in Dr. Stauffers' Obhut. Als Forell wegen einer Lungenentzündung ins Lazarett kommt, übernimmt er kurzerhand die aufgegebene Planung Dechants. Vor Angst vor Entdeckung, aber auch seiner Liebe zu Katrin wegen, macht sich Clemens Forell abermals auf den beschwerlichen, unvorstellbar strapaziösen Weg. Die klirrende Kälte Sibiriens, die schier endlosen Weiten, die Gefahren des Entdecktwerdens, den Tod als ständigen Begleiter an seiner Seite wissend, marschiert und marschiert und irrt Forell fast ganze drei Jahre lang durch die Einöde des weltgrößten Kontinents. Der Ausbrecher läuft und läuft und läuft und der Horizont, der aus lauter glitzernden Glasscherben zu bestehen scheint, macht den Anschein, als ob er vor ihm fliehen würde. Mit einem sehr kleinen Kompass ausgerüstet, der ihm nur grob die Richtung vorgibt, irrt Clemens Forell durch Sibirien und gerät dabei immer wieder an seine Grenzen oder auch weit darüber hinaus. Er trifft auf einheimische Rentierhirten, die ihn verköstigen, aber nicht verraten, sondern erst einmal mitnehmen. Wochenlang zieht er mit ihnen umher, kehrt sogar in ihr Dorf ein. Irgendwann als die Zeit gekommen ist, überhäuft man ihn mit Geschenken, führt ihn fort und wünscht ihm voller Herzlichkeit alles Gute für seinen weiteren Weg.

Forell trifft mehrfach auf Dörfer, wird in der Regel herzlich aufgenommen und zuvorkommend behandelt. Aber eigentlich will er doch nur nach Hause. Bedrückend wird es, als sich Clemens eingestehen muss, dass er kurz davor steht aufzugeben und sich allmählich Gewahr wird, dass er niemals heimkehren wird. Er gerät an drei russische Strafgefangene, die vor einiger Zeit aus einem Goldbergwerk im Kolymagebirge geflohen sind. Raue Genossen, die als Gesetzlose auf das Leben in der Wildnis bestens eingestellt sind. Sie nehmen Forell mit auf ihre Reise, die in der kargen Landschaft Sibiriens nicht viel mehr als Jagen und Goldwaschen bereithält. Eine tiefe Freundschaft wird sich unter den Männern nicht herauskristallisieren. Eher das Gegenteil ist der Fall. Folgendes Zitat von Seite 343 macht es mehr als deutlich: „Clemens muss ständig auf der Hut sein, denn es ist eine abscheuliche Gegend, in der einem Menschen so schnell etwas zustoßen kann, so laut er auch um Hilfe schreit. Leichen bedeuten in diesem Land keine große Aufregung, wenn überhaupt jemand die findet.“ Forell trifft immer wieder auf Menschengruppen, wobei er von einem Jakutenstamm der Hunde züchtet einen Hund, der wohl Ausschussware ist, zur Seite gestellt bekommt. Niemand auf den er trifft fragt Forell ernsthaft nach seinem Ausweis. Ansonsten redet er sich raus, erfindet Geschichten und baut auf die Barmherzigkeit des einfachen sibirischen Volkes. Er stielt, wenn ihm nichts anderes übrig bleibt und schlägt sich durch. Krank sieht er aus und keiner glaubt, dass er jemals nach Hause zurückkehren wird. Viele meinen es gut mit ihm, andere wiederum trachten ihm nach dem Leben. Aber nicht nur Menschen können hier draußen in der endlosen Wildnis Gefahr bedeuten, denn Forell macht auch mit Bären und Wölfen Bekanntschaft.

„So weit die Füße tragen“ wurde bereits mehrfach verfilmt (u.a. in einem sechsteiligen Fernsehfilm von 1959 und einer Kinoverfilmung von 2001). Wohingegen sich der Sechsteiler noch sehr nahe am Buch orientiert, nimmt sich die 2001er Neuverfilmung schon wesentlich mehr Freiraum für eigene Interpretationen. Auch eine Hörspieladaption wurde erfolgreich produziert. Die Erzählungen, die Cornelius Rost alias Clemens Forell für Josef Martin Bauer auf Tonband gesprochen hatte, wurden jedoch vom Rundfunk-Journalisten Arthur Dittlmann in einer dreiteiligen Doku-Reihe im Bayerischen Rundfunk angezweifelt. Es gibt sehr viele Ungereimtheiten, die auf eine rege Phantasie Cornelius Rosts schließen lassen. Das Buch über die Flucht, die Strapazen und den elend langen Heimweg bis nach München ist dennoch sehr lesenswert. Lediglich die ersten 150 Seiten nehmen sich ein wenig zäh aus.

Meine Wertung: 84/100

Link zur Buchseite des Verlags: Klick!

10,00 €
Inkl. MwSt.
BASTEI LÜBBE
TASCHENBUCH
SONSTIGE BELLETRISTIK
478 SEITEN
ISBN: 978-3-404-14666-6
ERSTERSCHEINUNG: 11.12.2001

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Eiskalter Hund

Oliver Kern
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.03.2018
ISBN 9783453438699
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Eiskalter Hund von Oliver Kern
(Heyne)

Kunst macht er, der Herr Kern und zwar eine ganze Menge. Da schreibt er mit "Das Gewicht der Seele" mal eben einen schwarzhumorigen Hammer-Thriller der Sonderklasse, wo er bereits zuvor schon zwei Thriller unter seinem eigenen Namen veröffentlichte. Danach folgten drei Lissabon Thriller unter dem Pseudonym Luis Sellano. Der dritte Lissabon Thriller "Portugiesische Tränen" erscheint übrigens heute, am 10.04.2018 im Heyne Verlag. Davor und dazwischen verfasste Oliver Kern zwei Kristina-Reitmeier-Thriller, die wiederum unter seinem eigenem Namen verlegt wurden und nun eröffnet er mit Kommissar Fellinger schon wieder eine neue Krimi-Reihe. Ach ja und dann waren da ja noch unzählige Beiträge zu Anthologien und seine Comics und Grafiken und Illustrationen und und und...Ein wahrer Allrounder vor dem Herrn, der 1968 in Esslingen am Neckar geborene und heute mit seiner Familie in der Region Stuttgart lebende Herr Kern. Seine Kindheit und Jugend über wuchs er in der niederbayerischen Region um Passau auf. Genauer gesagt in Hauzenberg. Hier ist auch sein neuer Kriminalroman ansässig.

Lebensmittelkontrolleur Berthold Fellinger ist eigentlich so ein richtiger Korinthenkacker, wenn es um seine Kontrollen geht und er nach Paragraph drei bis acht LMHV (Lebensmittelhygiene-Verordnung) Existenzen - die es allerdings zumeist auch geradezu herausfordern - aufs Spiel setzt. Wenn er denn, neben seinen privaten Ermittlungen, überhaupt mal zum Arbeiten kommt, der liebe Herr Beamte von der Hygiene. Auf einen Tipp hin kontrolliert Fellinger mal wieder den Chinesen. Also besser gesagt das Restaurant des Chinesen. Peking heißt es. Er hat nix gegen Chinesen, der Herr Lebensmittelkontrolleur. Nur gegen den abgezogenen Hund, der tiefgefroren im Kühlhaus des Chinesen hängt. Sei überfahren worden. Von des Chinesen Bruder Tian, sagt Herr Luang. Keine zweihundert Meter vom Restaurant entfernt. Der rumänische Koch hält sich dahingehend bedeckt. Nur die sächsische Restaurantangestellte Mai Ling gibt sich redselig und Fellinger einen Tipp auf die Hundebesitzerin "de Frau Boschinga" (die Frau Poschinger), der Fellinger gleich darauf einen Besuch abstattet. Aber nicht nur der Hund ist tot, Frau Poschinger ist auch nicht mehr aufzufinden. Ob da der Chinese nicht vielleicht wichtige Informationen zurückgehalten oder gar Spuren verwischt hat, um sich und seinen Bruder einen gewissen Vorteil zu verschaffen? 

Der Frau Helga Poschinger ihre Tochter Veronika sagt jedenfalls, sie sei in Indien im Urlaub, also die Helga. Aber das glaubt der Herr Fellinger nicht und beginnt zu ermitteln. Und da findet er doch glatt heraus, dass sie gar nicht ausgereist ist, die Frau Poschinger. Zumindest nicht über den Flughafen. Es entspinnt sich nun also eine lustige, wie im Laufschritt erzählte und spannende Story. Seine Recherche führt den Berthold Fellinger sogar ins benachbarte Tschechien, wo ihm nicht weniger Gefahr droht. In der Ich-Form verfasst, sinniert Fellinger immer mal wieder in kurzen, prägnanten Sätzen und aufs Geratewohl über sein eigenes Leben, seine Mitmenschen und die Missstände des Lebens im Allgemeinen. Mit intelligentem Wortwitz, schlagfertigen Argumenten, einem gewissen Unverständnis und einer belustigten Apathie gegenüber seinen Mitmenschen, ermittelt Fellinger hartnäckig im Passauer Umland, vergisst darüber beinahe seine eigene Arbeit und begibt sich auch nicht minder hartnäckig in Gefahr. Das macht er mit der darüberstehenden Lässigkeit eines Mittvierzigers, dem das Leben nicht wirklich etwas anhaben konnte. Noch nicht. Obwohl Fellinger schon gerne Polizist geworden wäre. Da hat aber das Knie nicht mitgemacht. Also sein Knie. Sein Rechtes. Knorpelschaden. Jetzt observiert und ermittelt er halt als Lebensmittelkontrolleur und nebenbei noch ganz privat. Hat doch auch was, wenn man nicht so genau drüber nachdenkt. 

Die Fortschritte seiner Ermittlungen sind dem Leser jedoch nicht immer gleich auf Anhieb klar, da der Plot doch hier und da mal zu unabsichtlichen Verwirrungen neigt. Es werden Finten gelegt und Haken geschlagen, sodass sich zum Schluss hin doch alles ganz anders darstellt, als ursprünglich gedacht. Es drängt sich dem Leser jedoch immer wieder die Frage auf, warum der Fellinger so hartnäckig weiter ermittelt, obwohl ihn die ganze Sache zum einen nichts angeht und er darüber zum anderen seine Arbeit vollkommen vernachlässigt. Der Fellinger ist durchaus sympathisch gezeichnet, der Kriminalroman ist es im Allgemeinen auch. Die übrigen Antagonisten werden nicht minder unterhaltsam dargestellt. Lässig, humorig und schwungvoll bayerisch erzählt...aber eben auch nicht mehr und auch nicht weniger. Schon bei „Das Gewicht der Seele“ habe ich mich bezüglich Kerns Schreibe immer mal wieder an Jörg Juretzka und seine „Kristof Kryszinski“ erinnert gefühlt. Jedoch in etwas abgeschwächter Form. Lustig, kurzweilig und unterhaltsam ist er jedoch allemal, der Kriminalroman „Eiskalter Hund“.

Meine Wertung: 83/100

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OLIVER KERN
Eiskalter Hund
Fellingers erster Fall
Kriminalroman

ORIGINALAUSGABE
Taschenbuch, Klappenbroschur, 304 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-453-43869-9
€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 13,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Heyne
Erschienen: 12.03.2018

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Das Ende

Richard Laymon , Marcel Häußler
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.03.2018
ISBN 9783453677142
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Das Ende von Richard Laymon

- pervers..., perverser..., Laymon!!! -

Keiner stellt den Tod kälter und kränker dar, als der, ihm 2001 bereits selbst anheimgefallene, US-amerikanische Schriftsteller Richard Laymon. Die Plots des, 1947 in Chicago geborenen Autors sind blanker Thrill und blanker Horror. Dafür schreibt der ehemalige Lehrer, Bibliothekar und Zeitschriftenredakteur aber derart cineastisch, dass sich das Kopfkino fast wie auf Knopfdruck einstellt. Es ist selbstredend Ansichtssache, ob dies aufgrund der expliziten Darstellung von Brutalität und Abartigkeit immer so gut ist. Dass sich Laymons Plots stets um eine Kombi aus Sex und Gewalt drehen, dürfte für die Wenigsten etwas Neues sein. Man nehme ein junges sexhungriges Pärchen, ein paar blutgeile Hillbillys und fertig ist der Laymon-Plot. Aber nein, weit gefehlt, so leicht ist es denn nun auch wieder nicht...

Eine blonde Frau, lediglich in ein seidiges Negligee gehüllt, fährt mit ihrem Jaguar durch die Nacht. Sie nimmt einen, offensichtlich bereits auf sie wartenden Mann in einem Waldstück auf. Die beiden überlegen kurz, wo sie ein wenig Ruhe für ihr Schäferstündchen finden könnten und steuern kurzerhand eine Flussbiegung an, die bei den Ortsansässigen unter dem Begriff „Die Schleife“ bekannt ist. Am Fluss angekommen, wollen Sie ein wenig die innere, wie äußere Feuchtigkeit zu spüren. Als die beiden schlussendlich ins Wasser eintauchen, passiert es. Ein augenscheinlich grundloser Gewaltausbruch, der ihr beider Leben verändert. Seines hat er bereichert, ihres hat er beendet. Als sie anschließend auch noch den Kopf verliert und er sich ganz ungezwungen zu ihr legt, schläft er ein. 

Am nächsten Morgen machen Bass Paxton und Faye Everett - ein weiteres Pärchen, das sich am Fluss etwas erfrischen will - eine schreckliche Entdeckung. Zuerst glauben sie an ein schlafendes Paar am Strand. Sie augenscheinlich komplett nackt und er nur mit einer Jeans bekleidet. Er liegt halb auf ihr und alles sieht ganz natürlich und friedlich aus, bis der Mann plötzlich aufwacht und erschrocken mit dem Kopf der Frau, wie mit einer Trophäe oder einem Football unter dem Arm durch den Fluss flüchtet. Bass und Faye haben den Mörder gesehen. Er sie aber auch. Von nun an sind sie in akuter Gefahr, denn der Mörder macht gnadenlos Jagd auf seine Zeugen.

Immer wieder beschreibt Laymon die anziehende, wie auch abstoßende Erotik von diversen Körperteilen, solange sie noch fest mit dem jeweiligen Körper verbunden sind. Im Falle der etwas kopflosen jungen Frau namens Alison Parkington verhält sich die Sache natürlich ein wenig anders. Die Schock- und Aha-Momente sind mal wieder genial. Der Plot kommt mir dieses Mal irgendwie reifer, erwachsener und abgeklärter vor, als alles was ich bisher von Laymon gelesen habe. Die cineastische Vortragskunst des Verfassers ist legendär, erschreckend lebensnah und voller beißend tragischer Komik. Geschickt hält Laymon die Spannung hoch, die Tiefgründigkeit hingegen absichtlich flach. 

Bass und Faye informieren das Büro des Sheriffs Rusty Hodges. Seine investigative Arbeit nimmt sich zwar nicht übermäßig actionreich, dafür aber umso spannender aus. Unterstützung erhält er von seiner Schwiegertochter Deputy Mary "Pac" Hodges. Sie beide machen sich auf die Suche nach Bill und Trinket, einem weiteren jungen Pärchen, das den Mörder der kopflosen Frau gesehen haben könnte. Auch sie scheinen in höchster Gefahr zu sein. Dem Mörder scheint es unter anderem um Machtgefühle, sowie das hemmungslose Ausleben hetero- wie auch homoerotischer Spielereien zu gehen. Ein Katz und Maus Spiel beginnt, indem auch der Mörder kräftig mitmischt. Parallel dazu erzählt Laymon die Geschichte von Merton und Walter, die offensichtlich eine homosexuelle Abhängigkeitsbeziehung führen. Merton scheint etwas Schlimmes getan zu haben, will es Walter aber nicht en Detail erzählen. Walter greift in seiner Verzweiflung zum Hörer und tätigt einen Anruf.

Ein Dritter Erzählstrang berichtet von Faye Everetts' Mitbewohnerin Ina Jones. Als Bass Ina mit seinem Anruf weckt, um sich nach Faye und ihren Befinden zu informieren, ist selbige nicht zu Hause, obschon Bass sie direkt nach der Befragung durch die Polizei zu Hause abgesetzt hatte. Ina bemerkt, dass Faye offensichtlich ihre Koffer gepackt hat und mir ihrem Wagen weggefahren ist. Laymon beschreibt immer wieder Nichtigkeiten, die dem Plot Leben einhauchen und ihn gewissermaßen greifbar machen. Es sind diese kurzen, prägnanten Kapitel, die von einem Erzählstrang zum Nächsten springen, die den Leser an seinen Seiten kleben lassen. Eine lange Zeit passiert fast nichts, doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Über die Motive des Täters oder worum es letzten Endes überhaupt geht wird der Leser sehr lange im Unklaren gelassen, doch dann ist es zu spät, denn nichts ist, wie es scheint.

Richard Laymon charakterisiert seine Protagonisten zumeist absichtlich recht oberflächlich, so muss man auch nicht allzu viel Mitleid aufbringen, wenn der eine oder die andere von ihnen frühzeitig das Zeitliche segnet. Laymon hat seinen Plot hier und da mit ein wenig Humor gewürzt, was mir beim Lesen zuweilen ein tiefenentspannendes Schmunzeln ins Gesicht zauberte. Laymons' Plots weisen keinerlei Tiefgründigkeit auf, aber das brauchen sie auch nicht. Es sind durchgeknallte Thriller, die im Allgemeinen solche Leser ansprechen und unterhalten sollen, die eben auf solch kranken Thrill stehen. Mit einem, zugegebenermaßen  etwas wirren Showdown verabschiedet sich Laymon nach insgesamt 320 Seiten. Was das Ganze alles allerdings mit dem Klappentext zu tun haben soll, weiß nur der Geier... und der hat das Buch sicherlich genauso wenig gelesen, wie der Verfasser des Klappentexts.

Meine Wertung: 84/100

Link zur Buchseite des Verlags: Klick!

Aus dem Amerikanischen von Marcel Häußler 
Originaltitel: Among the Missing
Originalverlag: Leisure
Taschenbuch, Broschur, 320 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-453-67714-2
€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 13,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Heyne Hardcore
Erschienen:  12.03.2018

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Fest der Finsternis

Ulf Torreck
E-Buch Text: 672 Seiten
Erschienen bei Heyne, 13.02.2017
ISBN 9783641190545
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Fest der Finsternis von Ulf Torreck (Heyne Verlag)

- Die Stadt der Liebe spuckt ihren Abschaum aus -

„Fest der Finsternis“ ist ein historischer Kriminalroman, der auf einem einstmals real existierenden Personenkreis aufgebaut und in den Anklängen des 19. Jahrhunderts in Paris angesiedelt ist. Die Geschichte spielt zu der Zeit, als die Pest grassiert und ganz Europa fest in ihrem Würgegriff hält. Der, 1973 in Leipzig geborene Autor Ulf Torreck, nimmt es mit den Zeitepochen, Vitae und persönlichen Beziehungen seiner Protagonisten allerdings nicht ganz so genau. So ward ein allerletztes Aufflammen der Pest in Frankreich 1786 in Marseille dokumentiert und Hauptprotagonist Inspecteur de Police Louis Marais 1805 bereits ein Vierteljahrhundert tot. Wobei hier die Meinungen stark differieren. Aber sei es drum, schließlich handelt es sich bei „Fest der Finsternis“ um Trivialliteratur mit bemerkenswertem Unterhaltungswert, einem köstlich umschriebenen Personenkreis und einer verkommenen, faulig-modrigen Grundstimmung.

Der überaus hartnäckige Inspekteur de Police Louis Marais ist von Polizeiminister Joseph Fouché höchstpersönlich nach Brest strafversetzt worden. Als Marais‘ Frau Nadine und sein Sohn Paul der Pest zum Opfer fallen, versucht sich Marais das Leben zu nehmen. Kurz nachdem er sein Vorhaben noch einmal überdenkt und selbiges vorerst auf die lange Bank schiebt, wird er von Fouché nach Paris zurückbeordert. Zum Commissaire du Police Judiciaire degradiert, soll er Ermittlungen zu den jüngsten Vorfällen in der französischen Hauptstadt aufnehmen. Denn mitten hinein in diesen unsäglichen Zustand des allseitigen Leids, sticht ein brutaler Mörder, der es auf junge Frauen abgesehen zu haben scheint. Als der Clochard Nounous die kopflose Leiche eines toten Mädchens aus der Seine angelt, hat Marais die Antwort auf die Frage nach seiner Rekrutierung durch Polizeiminister Fouché und gleichzeitig seinen nächsten Fall. Der Pathologe Doktor Mounasse stellt fest, dass das Mädchen kurz vor ihrer Ermordung ein Kind entbunden haben muss. Außerdem hat man ein silbernes Kreuz in ihrer Vagina platziert. Das dies nicht die einzige weibliche Leiche in der Form darstellt, wird Inspektor Marais schnell klar, als eine Reihe weiterer grässlicher Morde verübt wird und Marais dabei stets im Dunkeln tappt. Die Leichname sind auf grausamste Art und Weise verstümmelt. Angst und Schrecken, Revolten und eine infame Unsicherheit prägen das Bild dieser verruchten Stadt, in der sich schwarze Messen mit absolut widerwärtigem Hintergrund zutragen sollen. Das Beschriebene und die mörderischen Taten sind zum Teil echt harter Tobak und nichts für zarte Gemüter.

Marais‘ Ermittlungen führen ihn in das weitverzweigte Netz des französischen Hochadels und er erhält hierbei direkte Unterstützung eines weltberühmten Insassen der Irrenanstalt Charenton, welche sich weit im Süden von Paris befindet. Niemand geringerer als der adelige Libertin (Freigeist) und Verfasser einiger pornographischer, kirchenfeindlicher und philosophischer Romane Namens Donatien Alphonse François de Sade (besser bekannt als Marquis de Sade), einem der führenden Connaisseure, wenn es um die Verknüpfung der Themen Sex und Gewalt geht, steht Louis Marais zur Seite. „Es braucht ein Monster, um ein Monster zu jagen“, um es mit Marais‘ Worten zu erklären. Dass, sich die beiden tatsächlich kannten und de Sade den Inspecteur de Police, der ihn des Öfteren wegen seiner unzüchtigen Ausschweifungen festnahm, tatsächlich als seinen Lieblingspolizisten bezeichnete, lag laut Aussage des Marquis an der bemerkenswerten Intelligenz und Redegewandtheit Marais. Man schickte nun also nach de Sade und unterstellte den, in die Jahre gekommenen und fett gefressenen, Gicht und Rheuma geplagten Mittsechziger der Aufsicht des frisch gebackenen Commissaire du Police Judiciaire. Da die beiden Streithähne unterschiedlicher kaum sein könnten, entbrennt auf kurz oder lang eine Art Hassliebe, die sich allerdings nicht zu sehr in den Vordergrund drängt oder gar von den Geschehnissen abzulenken droht und sich immer wieder in kleinen Spitzen zwischen den beiden äußert. Die Geschichte erfährt durch die Investigationen der beiden ungleichen Protagonisten, ein leichtes Flair von Sherlock Holmes und Dr. Watson. Marais hat natürlich auch so seine Schwierigkeiten mit der respektlosen und vulgären Art de Sades. Sehr zum Leidwesen Marais gibt der Marquis nämlich stets seine unpassenden Expertisen ab, mit denen selbiger aber gar nicht mal so unrecht zu haben scheint oder beantwortet Fragen schon mal mit einer nachgeahmten oder geruchsechten Flatulenz.

Der historische Roman ist an die damalige Ausdrucksweise angelehnt, jedoch dahingehend recht verständlich und unkompliziert geschrieben. Es wird unter anderem über den jungen Marquis de Sade berichtet, wie er neben seinen Pflichten als Ehemann Unzucht mit dem Comte (Graf) trieb, wie er im Gefängnis saß, der Guillotine entging und im geheimen seine Bücher schrieb. Leider sind diese erzählerischen Ausschweifungen zum Auftakt des Plots etwas langatmig geraten, was den Lesefluss auf den ersten siebzig Seiten immer wieder stark auszubremsen droht. Das Buch besitzt jedoch einen ganz besonderen Charakter und baut in dieser Stimmung vergangener Epochen, trotz der teils vulgären Sprache und expliziten Gewaltdarstellungen, eine ganz spezielle Gefühlsregung beim Leser auf. Man atmet förmlich den Gestank, die Feuchtigkeit und den Moder aus Paris Gossen, den Dreck und die Fäkalien aus den Abwasserkanälen und die kalte, erniedrigende Hierarchie der Pariser Gesellschaft. Die Geschichte eröffnet von der Grundstimmung her so einige Parallelen zu dem modernen Klassiker "Drood" von Dan Simmons. Dem Plot fehlt es jedoch an einer konsequenten Konstante, denn er wirkt eher ein wenig wirr, grotesk und durcheinander. Der ehemalige Rausschmeißer und Barmann Ulf Torreck lässt es außerdem, sehr zum Leidwesen des Lesers, ein wenig an Lokalkolorit mangeln.

Die Ermittlungen führen den Commissaire du Police Judiciaire unter anderem nach Bicêtre, einem weiteren Irrenhaus vor den Toren von Paris, wo er mit dem ehemaligen Polizeiarzt sprechen will, der nach den ersten Morden dieser Art in einen katatonischen Zustand vollkommener Leere, einhergehend mit Stupor (Starre des gesamten Körpers) und akinetischem Mutismus (antriebsgestörtes Schweigen), gefallen zu sein scheint. Aber auch hier kommt Commissaire Louis Marais trotz enormer Gewaltausbrüche und Folterung seinerseits, was ihn um ein Haar selbst zum Mörder werden lässt, keinen Schritt weiter. Trotz Marais großspuriger, ja teils gar großkotziger Art, zieht er in der kranken Pariser Unterwelt anno 1805 die Sympathien auf sich. Wie ein Besessener ackert Marais an seinem Fall. Allmählich scheint er daran zu zerbrechen und zugrunde zu gehen. Der große Inspektor Marais nur noch Schatten seiner selbst? Mitnichten! Eine  Kriminalgeschichte nimmt ihren Lauf, in der Marais mit seinem neu rekrutieren Assistenten Aristide und dem Asylum Insassen Marquis de Sade ermittelt. Von allen möglichen Seiten werden ihnen Fallen gestellt oder Steine in den Weg gelegt. Auf ihrem gemeinsamen Weg und ihren Ermittlungen begegnet das ungleiche Paar allerlei illustren Gestalten, die ihnen mal mehr mal weniger hilfreich bei ihren Investigationen zur Seite stehen. Dabei kommen sie einem grausamen Motiv auf die Schliche, das sich für meinen Geschmack allerdings etwas zu grotesk ausnimmt. Der historische Thriller/Kriminalroman hat sein ganz eigenes Flair und ist durchaus lesenswert, wenn auch nicht immer ganz glaubwürdig. Die Leichen und deren zum Teil amputieren Körperteile werden hierbei recht explizit beschrieben, was vielleicht nicht jemand Sache sein dürfte. Der 672 Seiten starke Plot liest sich ansonsten ganz gut, weist aber durchaus verzichtbare Längen auf. Auch flacht die Geschichte zu ihrer Aufklärung hin leider ein wenig ab. Ulf Torreck schreibt übrigens auch unter dem Pseudonym David Gray.

https://www.facebook.com/UlfTorreck

Meine Wertung: 82/100

Link zur Buchseite des Verlags:https://www.randomhouse.de/Paperback/Fest-der-Finsternis/Ulf-Torreck/Heyne-Hardcore/e498831.rhd

DEUTSCHE ERSTAUSGABEPaperback, Klappenbroschur, 672 Seiten, 13,5 x 20,6 cmISBN: 978-3-453-67713-5€ 14,99 [D] | € 15,50 [A] | CHF 20,50* (* empfohlener Verkaufspreis)Verlag: Heyne HardcoreErschienen: 13.02.2017

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Die letzten vier Tage des Paddy Buckley

Jeremy Massey , Herbert Fell
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei carl's books, 19.09.2016
ISBN 9783570585559
Genre: Romane

Rezension:

JEREMY MASSEY - Die letzten vier Tage des Paddy Buckley 
(carl’s books)

- der Tod und sein Hirte -

Paddy Buckley, seines Zeichens Bestatter und Angestellter des Bestattungsinstituts Gallagher, hat es geschafft. Endgültig. Eingeäschert und bestattet befindet er sich an einem Ort des wunderbaren Friedens und Verstehens. Von diesem Ort der Stille aus erhält der Leser Einblick in „Die letzten vier Tage des Paddy Buckley“. Paddy höchst selbst berichtet von der Zeit, als seine ganz persönliche Apokalypse über ihn hineinbrach und wie es zu all dem Unheil kam. Er sinniert über seine Arbeit als Bestatter, seinen verständnisvollen Chef Frank Gallagher und seine weiteren Arbeitskollegen. Darunter auch Eamonn Gallagher, den Sohn des Chefs, dem er einst aus einer misslichen Lage half und der ihm auf ewig zu Dank verpflichtet ist. So wie auch Christy, mit dem er sich ebenfalls sehr gut versteht. Zwei Jahre zuvor, als Paddys schwangere Frau Eva an einem Aneurysma stirbt, bricht für Paddy eine Welt zusammen. Völlig verzweifelt und desillusioniert arbeitet er von nun an sieben Tage die Woche und kann nach zwei Jahren der unentwegten Selbstkasteiung letztendlich gar nicht mehr schlafen. Das Schicksal nimmt seinen Lauf, als er die Bestattung für Miss Lucy Wrights verstorbenen Ehemann Michael organisieren soll. Das Vorbereitungsgespräch, sowie die Trauerbewältigung der frisch gebackenen Witwe laufen nämlich etwas anders ab, als es für gewöhnlich üblich wäre und so hat Paddy alsbald einen weiteren Leichnam zu bestatten. Als er sich dann zu allem Unglück auch noch in Brigid, die Tochter von Michael und Lucy Wright verliebt, stolpert Paddy von einer misslichen Lage in die nächste. Mitten hinein in sein eigenes, nicht ganz unverschuldetes Verderben.

Die Ereignisse überschlagen sich endgültig, als Paddy in seinem Toyota Camry eines Abends völlig gedankenverloren und ohne Licht von der Arbeit nach Hause fährt. Er nimmt den Bruder des gefährlichsten Verbrechers ganz Irlands auf die Haube und tötet ihn. Als ihm das schreckensbleich bewusst wird, verlässt Paddy von Panik ergriffen fluchtartig den Unfallort. Von hier an rutscht der eigentlich doch grundehrliche und sympathische Paddy immer weiter hinab in seinen ganz persönlichen, dunkelschwarzen Abgrund und beginnt einen riesengroßen Haufen Scheiße anzurühren. Er verstrickt sich immer mehr in Lügen und kommt aus seinem eigens erschaffenen Dilemma nicht mehr heraus. Paddy hat aber auch außerkörperliche Erfahrungen, die ihn den Dingen recht entspannt entgegenschauen lässt. So gelingt es ihm, das jeweilige Geschehen aus einer gewissen Distanz zu beobachten und in gewisser Weise für diesen Moment unangreifbar zu sein. Mit einer unfassbaren Ruhe und Arglosigkeit zieht Paddy weiter durchs Leben und harrt der Dinge die da kommen. Als er letztlich jedoch nicht mehr Herr der Lage wird, ist er auf die Hilfe seiner Arbeitskollegen angewiesen, die er eigentlich aus dem ganzen Schlamassel raushalten wollte. Er lädt große Schuld auf seine Schultern und führt den Tod aus dem er selbst Profit schlägt quasi immer an der Hand. Und dann kommt es im Bestattungsinstitut zu einem mächtigen Showdown mit weiteren Toten und Verletzten.

Der, in der Ich-Form verfasste Plot „Die letzten vier Tage des Paddy Buckley“ spielt im Oktober des Jahres 2014 in Dublin. Es ist der erste Roman des irischen Roman- und Drehbuchautors Jeremy Massey, der mit seiner Frau und seinen drei Kindern mittlerweile in Australien lebt. Er selbst hat jahrelang im familieneigenen Bestattungsunternehmen gearbeitet und ist somit vom Fach. Massey hat für sein Debüt einen eher zeitlosen Erzählstil gewählt. Das herbstliche Wetter, seine Tristesse und Melancholie spiegeln sich in dessen Texten wieder, werden vom Autor aber durch gekonnt eingeschobene besondere Momente und hoffnungsschwangere Lichtblicke erhellt. So trist und skurril sich die Erzählung auch aufnimmt, so warmherzig, lebendig und humorvoll wird sie auch vorgetragen. Trotz dem, dass der Plot immer bizarrere Formen annimmt, bleibt er stets realistisch. Er nimmt sich dabei aber schon fast ein wenig zu makaber aus, als dass er noch als lustig durchgehen könnte. Jeremys‘ Humor ist definitiv von rabenschwarzer Natur. Der Plot hat jedoch auch etwas poetisches, etwas nachdenkliches, dass einen innehalten und seinen Gedanken nachhängen lässt. Massey bringt mit „Die letzten vier Tage des Paddy Buckley“ ein sehr empathisches und intelligentes Werk zum Ausdruck, das von einem schaurigen, leicht psychotischen, bisweilen gar ekelerregenden Unterton, unterschwelliger Spannung, einer bedrohlichen Dramaturgie und den sympathisch gezeichneten, lebensnahen Charakteren geleitet wird. „Die letzten vier Tage des Paddy Buckley“ ist erfrischend anders und doch wohlbekannt und hier und da mit makabren bis morbiden Nuancen gewürzt, die den Leser das eine Mal schmunzeln, das andere Mal erschaudern lässt.

Meine Wertung: 86/100

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DEUTSCHE ERSTAUSGABEAus dem Englischen von Herbert Fell Originaltitel: The Last Four Days of Paddy BuckleyOriginalverlag: Riverhead, New York 2015Paperback, Klappenbroschur, 272 Seiten, 13,5 x 21,5 cmISBN: 978-3-570-58555-9€ 14,99 [D] | € 15,50 [A] | CHF 20,50* (* empfohlener Verkaufspreis)Verlag: carl's booksErschienen:  19.09.2016

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Old School

John Niven , Stephan Glietsch
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Heyne, 10.07.2017
ISBN 9783453677210
Genre: Romane

Rezension:

JOHN NIVEN - Old School (Heyne Hardcore)

- die Alten lassen es so richtig krachen -

Susan Forbisher ist eine rundum abgesicherte Frau in den Ausklängen ihrer Fünfziger und mit dem Langweiler und beeideten Wirtschaftsprüfer Barry verheiratet. Sie bereitet gerade Kunstblut für ihre Laienspielgruppe „Die Wroxham Players“ vor und er sich Frühstück für einen großartigen Tag. Dass ihr heute noch gründlich das Lachen vergehen wird, ahnt Susan zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ihre Freundin Julie Wickham hingegen geht einer frustrierenden, von Pisse und Bleichmittel dominierten Putztätigkeit im Altersheim nach und bewohnt eine kleine (A-)Sozialwohnung. Einst war sie jung, sexy und gut betucht. Nun ist sie keines mehr davon, denn heute ist ihr 60. Geburtstag. Das verspricht ihr Frustration pur. Ethel Merriman, noch keine Neunzig, Altersheimbewohnerin, Gelegenheitsdiebin und Hobbyrollstuhlfahrerin hat es faustdick hinter den Ohren. Nicht nur ihr vulgäres Gebärden, sondern auch ihre freche, urkomische Art machen sie einfach sympathisch und zum Knuddeln liebenswert. Jill Worth wiederum ist 67. Sie gehört ebenfalls Susans' Laienspielgruppe an. Linda ist ihre 35-jährige Tochter, die mittlerweile aussieht wie 50. Lindas Sohn Jamie ist schwer krank und nimmt sie nahezu 24/7 in Beschlag. Jamie leidet am De-Havilland-Syndrom, einer seltenen Autoimmunerkrankung die das eigene Lungengewebe angreift. Eine OP, die weltweit nur ein Team in Chicago durchführen kann, würde 60.000 Pfund verschlingen. Geld das sie beide nicht haben. Das sind natürlich alles Probleme, die nicht einfach zu handeln sind.

Die beinahe schon enthusiastisch erzählte Story des gebürtigen Schotten John Niven spielt zu Beginn in Wroxham einer kleinen Ortschaft in Norfolk, UK. Später geht es dann einmal quer durch Frankreich. Die Charaktere sind bunt ausgeschmückt, nur allzu lebhaft und des Scheiterns endgültig überdrüssig. Als sich dann auch noch ein, den Damen nur allzu bekannter Freier, einen sechzig Zentimeter langen und sechs Zentimeter im Durchmesser fassenden schwarzen Dildo von einer Domina tief in den Darm stoßen lässt, kann das nicht gut gehen...und das tut es auch nicht! (Zitat Seite 44 : "Er hatte praktisch die Größe von fünf aufeinandergestapelen Cola-Dosen). Voll schwarzen Humor erzählt Niven seine Geschichte der gescheiterten Existenzen, geläuterten Irrwege und unerreichten Ziele. Die coole Story ist zwar durchaus vorhersehbar, dennoch absolut lohnenswert und größtenteils „cozy“ geschrieben. 
Das Konglomerat aus Altersheim und frustrierten, gescheiterten Existenzen an der Schwelle zum Altwerden ist sympathisch gezeichnet, was es dem Leser ein leichtes macht, empathische Gedanken für die Protagonistinnen zu hegen. Nachdem ihnen ihre allgemeine Geldnot und die damit verbundene ausweglose Situation mehr und mehr vor Augen gehalten wird, fassen die Damen einen irrwitzigen Plan. In ihrer Verzweiflung wenden sie sich an den 89-jährigen Nails, ein ehemaliger Liebhaber von Julie und landesweit bekannten Verbrecher a.D. Man trifft sich, findet sich sympathisch, schmiedet gemeinsame Pläne  und  schon kann die Sache steigen. In seinem hohen Alter ist Nails allerdings nicht immer so ganz bei der Sache, was er allerdings im denkbar ungünstigsten Moment durchblicken lässt. Und damit treten sie alle das pure Chaos los.

Eine bunt ausstaffierte Flucht vor der Polizei und ihrer eigenen Vergangenheit beginnt. Eine Flucht voller Erlebnisse und Abenteuer. Die Alten lassen sich dabei auf die falschen Leute ein und obschon sie es tunlichst vermeiden sollten, streuen sie Spuren wie ein Straßenköter mit starkem Durchfall. Den beißend scharfen Geruch der Polizei stetig im Nacken, sind die Damen ihr doch immer einen entscheidenden Schritt voraus. Die Polizisten Boscombe und Wesley sind lebensecht, vielleicht ein bisschen trottelig, aber nicht wirklich überzeichnet. Das ein solcher, natürlich nicht ganz ernst gemeinter Thriller-Plot geradezu für Übertreibungen prädestiniert ist, dürfte nicht nur dem geübten Leser nur allzu klar sein. Die äußerst humorvolle und warmherzige Story ist ansonsten herrlich schön bekloppt und gehört in jedem Fall auf die Leinwand.

Der, 1966 in Irvine, North Ayrshire im Südwesten Schottlands geborene und indes nach England übergesiedelte Autor John Niven wohnt mittlerweile in Buckinghamshire, welches nur knapp drei Auto-Stunden vom ersten Handlungsort Wroxham entfernt liegt. Er studierte bis 1991 Englische Literatur in Glasgow und war später im Marketing und als A&R Manager bei diversen Plattenfirmen (u.a. bei PolyGram) tätig. Als Manager bei London Records lehnte er im Jahre 1997 die Band COLDPLAY mit der Begründung ab, sie seien „Radiohead für Trottel“. Anfang 2002 widmete sich John Niven dem Schreiben und avancierte binnen kürzester Zeit zu einem weltbekannten Thriller- und Drehbuchautor. Sein überaus erfolgreiches Werk „Kill Your Friends“ wurde im November 2015 von Regisseur Owen Harris verfilmt. Nicholas Hoult (u.a. X-Men; Mad Max: Fury Road) spielt darin die Hauptrolle des A&R-Managers Steven Stelfox.

Meine Wertung: 85/100

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Aus dem Englischen von Stephan Glietsch Originaltitel: Sunshine Cruise CompanyOriginalverlag: HeinemanGebundenes Buch mit Schutzumschlag, 400 Seiten, 13,5 x 21,5 cmISBN: 978-3-453-26945-3€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 26,90* (* empfohlener Verkaufspreis)Verlag: Heyne HardcoreErschienen:  09.11.2015

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67 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 21 Rezensionen

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Old School

John Niven ,
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Heyne, 09.11.2015
ISBN 9783453269453
Genre: Romane

Rezension:

JOHN NIVEN - Old School (Heyne Hardcore)

- die Alten lassen es so richtig krachen -

Susan Forbisher ist eine rundum abgesicherte Frau in den Ausklängen ihrer Fünfziger und mit dem Langweiler und beeideten Wirtschaftsprüfer Barry verheiratet. Sie bereitet gerade Kunstblut für ihre Laienspielgruppe „Die Wroxham Players“ vor und er sich Frühstück für einen großartigen Tag. Dass ihr heute noch gründlich das Lachen vergehen wird, ahnt Susan zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ihre Freundin Julie Wickham hingegen geht einer frustrierenden, von Pisse und Bleichmittel dominierten Putztätigkeit im Altersheim nach und bewohnt eine kleine (A-)Sozialwohnung. Einst war sie jung, sexy und gut betucht. Nun ist sie keines mehr davon, denn heute ist ihr 60. Geburtstag. Das verspricht ihr Frustration pur. Ethel Merriman, noch keine Neunzig, Altersheimbewohnerin, Gelegenheitsdiebin und Hobbyrollstuhlfahrerin hat es faustdick hinter den Ohren. Nicht nur ihr vulgäres Gebärden, sondern auch ihre freche, urkomische Art machen sie einfach sympathisch und zum Knuddeln liebenswert. Jill Worth wiederum ist 67. Sie gehört ebenfalls Susans' Laienspielgruppe an. Linda ist ihre 35-jährige Tochter, die mittlerweile aussieht wie 50. Lindas Sohn Jamie ist schwer krank und nimmt sie nahezu 24/7 in Beschlag. Jamie leidet am De-Havilland-Syndrom, einer seltenen Autoimmunerkrankung die das eigene Lungengewebe angreift. Eine OP, die weltweit nur ein Team in Chicago durchführen kann, würde 60.000 Pfund verschlingen. Geld das sie beide nicht haben. Das sind natürlich alles Probleme, die nicht einfach zu handeln sind.

Die beinahe schon enthusiastisch erzählte Story des gebürtigen Schotten John Niven spielt zu Beginn in Wroxham einer kleinen Ortschaft in Norfolk, UK. Später geht es dann einmal quer durch Frankreich. Die Charaktere sind bunt ausgeschmückt, nur allzu lebhaft und des Scheiterns endgültig überdrüssig. Als sich dann auch noch ein, den Damen nur allzu bekannter Freier, einen sechzig Zentimeter langen und sechs Zentimeter im Durchmesser fassenden schwarzen Dildo von einer Domina tief in den Darm stoßen lässt, kann das nicht gut gehen...und das tut es auch nicht! (Zitat Seite 44 : "Er hatte praktisch die Größe von fünf aufeinandergestapelen Cola-Dosen). Voll schwarzen Humor erzählt Niven seine Geschichte der gescheiterten Existenzen, geläuterten Irrwege und unerreichten Ziele. Die coole Story ist zwar durchaus vorhersehbar, dennoch absolut lohnenswert und größtenteils „cozy“ geschrieben. 
Das Konglomerat aus Altersheim und frustrierten, gescheiterten Existenzen an der Schwelle zum Altwerden ist sympathisch gezeichnet, was es dem Leser ein leichtes macht, empathische Gedanken für die Protagonistinnen zu hegen. Nachdem ihnen ihre allgemeine Geldnot und die damit verbundene ausweglose Situation mehr und mehr vor Augen gehalten wird, fassen die Damen einen irrwitzigen Plan. In ihrer Verzweiflung wenden sie sich an den 89-jährigen Nails, ein ehemaliger Liebhaber von Julie und landesweit bekannten Verbrecher a.D. Man trifft sich, findet sich sympathisch, schmiedet gemeinsame Pläne  und  schon kann die Sache steigen. In seinem hohen Alter ist Nails allerdings nicht immer so ganz bei der Sache, was er allerdings im denkbar ungünstigsten Moment durchblicken lässt. Und damit treten sie alle das pure Chaos los.

Eine bunt ausstaffierte Flucht vor der Polizei und ihrer eigenen Vergangenheit beginnt. Eine Flucht voller Erlebnisse und Abenteuer. Die Alten lassen sich dabei auf die falschen Leute ein und obschon sie es tunlichst vermeiden sollten, streuen sie Spuren wie ein Straßenköter mit starkem Durchfall. Den beißend scharfen Geruch der Polizei stetig im Nacken, sind die Damen ihr doch immer einen entscheidenden Schritt voraus. Die Polizisten Boscombe und Wesley sind lebensecht, vielleicht ein bisschen trottelig, aber nicht wirklich überzeichnet. Das ein solcher, natürlich nicht ganz ernst gemeinter Thriller-Plot geradezu für Übertreibungen prädestiniert ist, dürfte nicht nur dem geübten Leser nur allzu klar sein. Die äußerst humorvolle und warmherzige Story ist ansonsten herrlich schön bekloppt und gehört in jedem Fall auf die Leinwand.

Der, 1966 in Irvine, North Ayrshire im Südwesten Schottlands geborene und indes nach England übergesiedelte Autor John Niven wohnt mittlerweile in Buckinghamshire, welches nur knapp drei Auto-Stunden vom ersten Handlungsort Wroxham entfernt liegt. Er studierte bis 1991 Englische Literatur in Glasgow und war später im Marketing und als A&R Manager bei diversen Plattenfirmen (u.a. bei PolyGram) tätig. Als Manager bei London Records lehnte er im Jahre 1997 die Band COLDPLAY mit der Begründung ab, sie seien „Radiohead für Trottel“. Anfang 2002 widmete sich John Niven dem Schreiben und avancierte binnen kürzester Zeit zu einem weltbekannten Thriller- und Drehbuchautor. Sein überaus erfolgreiches Werk „Kill Your Friends“ wurde im November 2015 von Regisseur Owen Harris verfilmt. Nicholas Hoult (u.a. X-Men; Mad Max: Fury Road) spielt darin die Hauptrolle des A&R-Managers Steven Stelfox.

Meine Wertung: 85/100

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Aus dem Englischen von Stephan Glietsch Originaltitel: Sunshine Cruise CompanyOriginalverlag: HeinemanGebundenes Buch mit Schutzumschlag, 400 Seiten, 13,5 x 21,5 cmISBN: 978-3-453-26945-3€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 26,90* (* empfohlener Verkaufspreis)Verlag: Heyne HardcoreErschienen:  09.11.2015

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Flugangst 7A

Sebastian Fitzek
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Droemer, 25.10.2017
ISBN 9783426199213
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

SEBASTIAN FITZEK - Flugangst 7A
(Droemer Knaur)


Der 46-jährige, äußerst sympathische und stets auf dem Teppich gebliebene Schriftsteller Sebastian Fitzek wird als der deutsche Thriller Autor gehandelt und dies wohl zu Recht, wurden seine Romane doch mittlerweile in 24 Sprachen übersetzt. In gewohnter Regelmäßigkeit liefert der Berliner Autor zumeist qualitativ hochwertige Psychothriller ab, die zwar häufig zu Übertreibungen neigen oder deren Plots oftmals weit hergeholt erscheinen, dafür aber zumeist gut bis perfide durchdacht sind. Da macht auch sein neuestes Werk "Flugangst 7A", welches am 25.10.2017 bei Droemer/Knaur erschienen ist, in beiderlei Hinsicht keine Ausnahme. Seine Sprache ist aus dem Leben gegriffen, zum Teil recht einfach, leicht unkonventionell, dafür aber stets nah am Geschehen und unter Spannung gehalten. Genau dafür lieben ihn die zahlreichen "Fitzekianer". Ich muss jedoch gleich zu Anfang vorwegschicken, dass der erfolgreiche Berliner Autor mit „Flugangst 7A“ den Realitätsbogen mal wieder arg überspannt hat.

 Eine junge Frau namens Nele ist schwanger. Sie ist mit dem HI-Virus infiziert, der in ihrem Blut aufgrund von Medikamenteneinnahme allerdings kaum noch nachweisbar ist. Sie zieht in ihren Beziehungen immer wieder gewalttätige Kerle an, die sie mies behandeln. So auch ihr Exfreund und Vater des ungeborenen Kindes David Kupfer. Der Geburtstermin steht vor der Tür und Neles Vater Mats Krüger steigt in Buenos Aires in einen Flieger nach Berlin, um sich mit seiner Tochter zu versöhnen und ihr bei der Geburt seelischen Beistand zu leisten. Der, am 13.10.1971 in Berlin geborene Autor Sebastian Fitzek plaudert mit seinem zugänglichen Schreibstil, der den meisten Bibliophilen runtergehen dürfte wie Öl, gleich munter drauf los. Eine mysteriöse und unterschwellige Spannung aufbauend, lässt er seine Leserschaft an seinen Seiten kleben. Nicht zuletzt der Haupt-Protagonistin Nele widerfahren merkwürdige, gar ungehörige Dinge, die das Potential dazu haben, dem leidenschaftlichen Thriller-Konsument das ein oder andere Mal den Atem stocken zu lassen. Ihr Vater hingegen gibt sich ganz paranoid seiner Flugangst hin und schon nimmt die Story mächtig Fahrt auf. Fitzek spielt auf geschickte Weise mit den Urängsten seiner Leserschaft. Seine Protagonisten erfahren körperlich, wie seelisch grenzwertige Grausamkeiten. 


Mats, an Bord eines, mit über 600 Passagieren nahezu vollbesetzten Airbus A 380, erhält einen Anruf. Seine hochschwangere Tochter Nele ist entführt worden. Wenn er sich nicht an die Anweisungen des Anrufers hält, wird Nele sterben und mit ihr ihr ungeborenes Kind. Psychologe Mats Krüger soll für eine Katastrophe an Bord sorgen. Er soll eine ihm bekannte Person an Bord dazu bringen, das Flugzeug zum Absturz zu bringen. Nur so könne er seine Tochter und das ungeborene Leben in ihr retten. Was hat es mit diesem doch weit hergeholten Erpressungsversuch auf sich? Was und wer steckt dahinter? Spätestens hier beginnt es arg unrealistisch und konstruiert zu werden, denn das gegeneinander Aufwiegen von Menschenleben ist wohl extrem schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Ich will an dieser Stelle nicht zu viel verraten, nur ist die Antwort auf diese Frage in Fitzeks Plot aus moralischer Sicht wohl vergleichsweise einfach zu beantworten, was das gesamte Storyboard im Prinzip ad absurdum stellt. Der Spannung tut dies jedoch kaum einen Abbruch, wenn man gewillt ist darüber hinwegzusehen. Es entbrennt ein Psychoverwirrspiel, wie man es vom Berliner Autor nicht anderes erwartet hätte. Seine Plots sind nicht übermäßig brutal, aber doch von der etwas härteren Seite und definitiv nichts für zartbesaitete Seelchen. Man sollte sich auch stets bewusst sein, das es sich bei Fitzeks Thrillern stets um Trivialliteratur, ohne jeglichen Tiefgang handelt, die dafür allerdings umso spannender gestaltet sind da er sehr gerne mit sehr deutlich akzentuierten Cliffhangern arbeitet. 


Es entbrennt eine Art Hetzjagd. Ein Wettlauf mit der Zeit. Viele Protagonisten werden eingebunden. Mats erhält dabei Hilfe auf deutschem Boden von nicht immer zu erwartender Seite. Merkwürdige Begebenheiten und seltsame Zufälle mehren sich. Man fragt sich immer wieder wie das alles zusammenhängt? Fitzek macht es natürlich auch dieses Mal wieder enorm spannend und obschon seine Plots nicht immer ganz schlüssig, schon mal mit etwas plumpen Ideen ausstaffiert und zumeist recht realitätsfern gestaltet sind, scheint das seine zahlreiche Leserschaft nicht großartig zu stören. Ich für meinen Teil, kann mir jedenfalls beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Mensch und schon gar kein promovierter, erfahrener Psychologe wie Dr. Mats Krüger in einer Situation wie dieser auch nur annähernd so reagieren würde. Hier stimmt für mich die Verhältnismäßigkeit nicht mehr. Aber Sebastian Fitzek möchte schocken und dafür muss er den Plot ein bisschen in die eine und die andere Richtung biegen. Ich will aber auch hier nicht zu viel verraten. Mats Geschichte hingegen ist bedrückend. Die psychologischen Qualen und deren Folgen werden von Fitzek zumeist in den Vordergrund gestellt. Seine Protagonisten agieren allerdings des Öfteren etwas weltfremd. Wer darüber jedoch geflissentlich hinwegsehen kann (was mir von Seite zu Seite schwerer gelingen will), wird durchaus mit Hochspannung belohnt. Die Geschichte flacht aber meiner Meinung nach, gerade aufgrund ihrer unrealistischen Grundhaltung mehr und mehr ab, bis sie letztlich daran zu zerbrechen droht. Schade eigentlich, aber da sollte Sebastian dringend wieder von ablassen. Seine Plots waren ja schon immer etwas unrealistisch aufgebaut, aber mit "Flugangst 7A" schießt er im wahrsten Sinne des Wortes den Vogel ab. Für den Showdown hält der Autor noch mal richtig harten Tobak bereit. Seien wir nur froh, das Sebastian Fitzek seine psychopathischen Neigungen lediglich in Wort, Ton und Bild auslebt. 


Meine Wertung: 78/100 


http://www.sebastianfitzek.de/ 
http://www.facebook.com/sebastianfitzek.de 


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Hardcover, Droemer HC
25.10.2017, 400 S.
ISBN: 978-3-426-19921-3
Diese Ausgabe ist lieferbar
gebundene Ausgabe: € 22,99E-BOOK: (€16,99) 


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buch, cannabis, drogen, hamburg, humor, joint, kiffen, kiffer, literaturverfilmung, true crime, tüte, weiche drogen

Die Cannabis GmbH

Rainer Schmidt
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Heyne, 08.03.2016
ISBN 9783453676978
Genre: Romane

Rezension:

Die Cannabis GmbH von Rainer Schmidt

(Heyne Hardcore)


- Detailgetreue Anleitung zum Cannabis-Anbau oder Thriller zum Gähnen -


Der Dude und seine Madame. Allein aufgrund dieser törichten, störenden bis nervigen „Namensgebung“ der Hauptprotagonisten hätte man das 352-seitige Buch gleich nach dem Aufschlagen auch schon wieder zuschlagen sollen. 2016 im Heyne Hardcore Verlag erschienen, erzählt Autor und Journalist Rainer Schmidt in "Die Cannabis GmbH" die Geschichte vom „namenlosen“ Dude, eines Hamburger Cannabis Züchters erster Güte. Sein ganzer Stolz: "Strongdude". Eine Eigenzüchtung, ein Kassenschlager. Als der Dude eines Abends seines harzigen Engagements entledigt wird, dass er in einer Scheune hinterm Haus zu züchten pflegte und einen der Täter der Konkurrenz dabei erwischt, diesen daraufhin grün und blau prügelt, übergibt er die Sache kurzerhand seinen Jungs Steely und Mike. Danach passiert jedoch eine gaaanz lange Zeit erst einmal gaaar nichts. Und dieser erste, noch recht interessante Teil des Plots wird auch im Laufe der weiteren Geschichte nicht mehr wirklich aufgegriffen. "Die Cannabis GmbH" lebt zwar Hamburgs Lifestyle und Autor Schmidt versteht es durchaus mit Sprache zu spielen, aber eigentlich entbrennt hier lediglich eine furchtbar langweilige, weil langwierige Lobhudelei auf den Cannabis Anbau. Die etwas wirre „Geschichte“ kommt einem zum Teil so vor, wie im (Cannabis-)Rausch verfasst, ist eigentlich auch nicht wirklich eine Geschichte im herkömmlichen Sinne und für das Etikett Heyne Hardcore leider eine richtiggehende Enttäuschung.

 

Der ehemalige Chefredakteur des Rolling Stone Rainer Schmidt beschreibt die Anbaugepflogenheiten des Dudes bis ins kleinste Detail, was die Sache für einen anbauinteressierten Leser vielleicht spannend, für den Rest der Gesellschaft vollkommen überflüssig gestaltet und den Aufbau eines wahrhaftigen Storyboards dem Anbau THC-haltiger Genussmittel hintanstellt. Es wird einfach viel zu viel über das Leben, sowie das illegale Unternehmen des Dudes philosophiert. Somit zeichnet der gebürtige Düsseldorfer Schriftsteller, welcher derzeit in Berlin lebt, in gewisser Weise eher eine Hommage an ein uraltes Rausch-, Genuss- und Heilmittel. Aufgrund dessen bin ich mir nicht ganz sicher, ob es sich bei "Die Cannabis GmbH" um einen schwer verdaulichen „Thriller“ handeln soll oder rein um eine gut verpackte und sehr detaillierte Anleitung zur Hanfgewinnung. Der Verfasser hält für einen Thriller definitiv zu wenig Story parat, dafür sinniert er über den Markt, unternehmerische Fähigkeiten, die Abnehmer und vor allem über den Marihuana Anbau selbst. PH-Wert, EC-Wert, 400er Metallhalogen-Hochdrucklampen, 600er Natriumdampf-Lampen, Nährsalze, Nährstoffe und Bewässerung, seziert bis ins kleinste Atom. Ein fesselnder Thriller geht hingegen eindeutig anders. Und so zieht sich Seite für Seite zäh wie erkaltende Lava. Es gehört schon eine gehörige Portion Unbedarftheit dazu, solch eine uninteressante, belanglos Geschichte zu Papier zu bringen und derart zu schwafeln, dass es einem den Schmalz aus den Tränendrüsen drückt. Selbst dem enthusiastischsten Bongraucher dürfte "Die Cannabis GmbH" nicht mehr als ein müdes Gähnen entlocken. Für mich ist das absoluter Hamburg-Humbug. Schade eigentlich. Da hätte man sicherlich mehr draus machen können. Vor allem frage ich mich: Wo ist der, Kiffern in die Wiege gelegte Wortwitz, wo der rauchverhangene rußschwarze Humor, wo der kreative Geisteserguss, wo die lockerflockigen Ideen? Komplette Fehlanzeige! Charakterzeichnung, Lokalkolorit ebenfalls Fehlanzeige! Dass sich Nico Hofmann die Filmrechte für UFA Fiction gesichert hat, ist mir ebenso ein Rätsel...aber vielleicht macht er ja was daraus!?!

 

Der Dude ist ein spätpubertärer Althippie, seine Olle (kurzum "Madame" genannt), eine nervige Zicke und seine Mitarbeiter in welcher Hinsicht auch immer tickende Zeitbomben. Die angedeuteten Charakterisierungen bleiben ansonsten eher schemenhaft, was ein Mitfühlen mit den Protagonisten quasi ad absurdum stellt. Das Ganze wird zu allem Überfluss auch noch pseudointelligent und ebenso pseudowitzig vorgetragen. Oder ich kann eben einfach nicht auf den Hamburger Humor...wer weiß das schon?!? Lediglich die, immer mal wieder eingeflochtenen Diskussionen oder das Für und Wider zur hiesigen, meist doch als absolut verfehlt zu bezeichnenden Drogen- und Genussmittelpolitik, birgt in gewisser Hinsicht interessantes. Der Rest ist jedoch ebenso spannungsvoll vorgetragen, wie das Feuilleton der hiesigen Tageszeitung und liest sich zum Teil wie ein wissenschaftliches Essay. Wer sich ein bisschen mit Cannabis auskennt und da meine ich nicht (nur) mit dem Konsum, sondern mit den literarisch nur allzu oft aufgegossenen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Hintergründen, wird sich hier wohl eher langweilen, als irgendetwas Neues zu entdecken. Die Geschichte zieht sich wie ein frisch verdauter Kaugummi und brodelt quasi über vor Langeweile. Die Konversation, wenn sie denn mal stattfindet, ist unnatürlich, steif und bockig, in eine fast schon nervende, mehr oder minder zusammenhangslose Schreibe gepackt. Das Ganze wird zu allem Überfluss auch noch trocken und humorlos runtergenudelt. Action gleich Null! Auf den letzten Seiten wird es dann sogar tatsächlich noch mal spannend, aber das kommt leider reichlich spät. Zu spät, wie ich meine. Denn dann ist das Buch auch schon fertig, der letzte Drops gelutscht und der letzte Joint geraucht. Puh, Erntedank!

 

Meine Wertung: 44/100

 

http://www.rainer-schmidt.org

 

Link zur Buchseite des Verlags: https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Die-Cannabis-GmbH/Rainer-Schmidt/Heyne-Hardcore/e485971.rhd

 

Originaltitel: Die Cannabis GmbH

Originalverlag: Rogner & Bernhard

Taschenbuch, Broschur, 352 Seiten, 11,8 x 18,7 cm

ISBN: 978-3-453-67697-8

€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 13,90* (* empfohlener Verkaufspreis)

Verlag: Heyne Hardcore

Erschienen: 08.03.2016

 

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156 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 41 Rezensionen

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Under Ground

S.L. Grey , Jan Schönherr
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Heyne, 14.11.2016
ISBN 9783453438101
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

S.L. Grey - Under Ground
(Heyne)

- Spannungsarmer Thriller ohne jeglichen Tiefgang -

Ein tödliches Grippevirus breitet sich langsam über die ganze Welt aus. AOBA lässt die gewohnte Weltordnung zusammenbrechen. Als das Virus allmählich auch die USA bedroht, werden alle ankommenden und abgehenden Flüge gestrichen. Keiner kommt mehr weg. So ergeht es auch Cait, die als Au-Pair-Mädchen in New Hampshire arbeitet. Sie will über den JFK Airport zurück nach Johannesburg, der Hauptstadt Südafrikas und ihrer Heimat. Doch die Botschaft an den Anzeigetafeln ist unmissverständlich: Alle Flüge bis auf weiteres gecancelt. Also ist die gezwungen vorerst bei der kleinen Sarita und ihrem Dad Tyson zu bleiben. Als diesem die ausweglose Situation am Flughafen bewusst wird, entschließt er sich kurzerhand dazu Cait einfach mitzunehmen. Mit der Vorgabe zu Saritas Großmutter zu fahren, begeben sich die drei auf den Weg. Jedoch ist nicht die Großmutter das Ziel, sondern ein hermetisch abgeschirmter, in die Erde gebauter Silo Bunker mit mehreren Wohnungen, einer Krankenstation, Fitnessraum, Poolbereich, Kühlhaus und Kontrollraum. Es handelt sich um Survival-Luxuswohnungen im sogenannten Sanctum. Im Internet wurden diese Wohnungen extra für solche Fälle und viele weitere Katastrophen angepriesen. Für sogenannte Prepper (von englisch: to be prepared = bereit sein; also jemand der für alle Eventualitäten einer Katastrophe vorbereitet ist oder sein möchte), die das nötige Kleingeld für solch eine Investition haben. Tyson war einer davon. Mehrere Familien, die unterschiedlicher kaum sein könnten, ziehen aufgrund der nahenden Bedrohung durch das Virus in das Sanctum, dass sich im US-Bundesstaat Maine, mitten im nirgendwo befindet. Das Leben außerhalb des Bunkers gerät allmählich aus den Fugen. Plünderungen, Aufstände, Zerstörung sind an der Tagesordnung. Als es kurz nach dem Einzug ins Sanctum zu mehreren Zwischenfällen kommt, gerät das Leben auch innerhalb des Bunkers nunmehr aus den Fugen. Ein Mörder treibt sein Unwesen und jeder einzelne der Protagonisten könnte es sein...

"Under Ground" ist ein unkonventioneller und moderner Thriller auf 383 Seiten, der den schnellen Verfall von Moral und Werten innerhalb einer Gemeinschaft behandelt, die abgeschnitten von der Außenwelt in eine Extremsituation gerät. Die Geschichte ist über weite Strecken in der Ich-, sowie der Gegenwartsform geschrieben, was ich persönlich für etwas verunglückt, weil irritierend bis nervig empfinde. Mir ist das Ganze auf der einen Seite zu aufgesetzt, auf der anderen Seite viel zu emotionslos und spannungsarm runtergerasselt. Die Charaktere sind recht gleichförmig beschrieben und bleiben daher den gesamten Plot über recht blass. Die Story kommt nur schleppend in Gang und nimmt sich über weite Strecken doch recht belanglos aus. Lokalkolorit ist beinahe gänzlich Fehlanzeige und Spannung will auch nicht so recht aufkommen. Alles wird sehr vage gehalten und nur angedeutet. Der Spannung verleiht dies jedoch kaum Auftrieb.
 
Die Insassen des Schutzbunkers gehen bei der kleinsten Kleinigkeit sofort an die Decke, trauen einander nicht mehr als fünf Meter Feldweg und gehen sich alsbald gegenseitig an die Gurgel. Dann geschieht etwas Unvorhergesehenes und die Schutzsuchenden können ihrem unterirdischen Bunker und sogleich zum potentiellen Massengrab avancierten Sanctum nicht mehr entfliehen. Sie sind von der Außenwelt abgeschnitten. Durch Unachtsamkeit und Dummheit gehen nach und nach immer mehr Sachen kaputt und es kommt im Laufe der Zeit zu Versorgungsengpässen. Allmählich werden die Insassen krank. Nicht nur körperlich sondern auch geistig. Recht schnell fallen die einzelnen Protagonisten in eine Art Neandertaler Verhalten zurück. Als sich die Vorräte allmählich dem Ende neigen, sind Misstrauen, wie auch Missgunst an der Tagesordnung und die Verzweiflung der Eingeschlossenen wird immer greifbarer. 

Nach dem relativ langweiligen ersten Drittel nimmt der Plot nur ganz gemächlich Fahrt auf. Das Storyboard wirkt leider arg konstruiert, die Erzählung ist flach und die zahlreichen Charaktere wurden recht dürftig ausstaffiert. Schade eigentlich, denn die Idee ist eigentlich richtig gut und hat ein megamäßiges Potential. Leider vermögen es die beiden, in Südafrika lebenden Bestsellerautoren Sarah Lotz und Louis Greenberg, die sich hinter dem Pseudonym S. L. Grey verbergen nicht, dieses auch nur annähernd umzusetzen. Der Leser muss sich schon gute 300 Seiten gedulden, bis die Geschichte eine gewisse Erwartungshaltung zu erfüllen im Stande ist. Denn dann wird der Plot geradezu hastig und die Geschehnisse beginnen sich regelrecht zu überschlagen. Spannung ist nun geboten, doch die kommt reichlich spät, denn nach 383 Seiten ist der „Spuk“ auch schon wieder vorbei.

Meine Wertung: 71/100

www.sarahlotz.com
www.louisgreenberg.com
 
Link zur Buchseite des Verlags:
https://www.randomhouse.de/Paperback/Under-Ground/S-L-Grey/Heyne/e462895.rhd
  
DEUTSCHE ERSTAUSGABE
Aus dem Englischen von Jan Schönherr
Originaltitel: Under Ground
Originalverlag: Macmillan
Paperback, Klappenbroschur, 384 Seiten, 13,5 x 20,6 cm
ISBN: 978-3-453-43810-1
€ 12,99 [D] | € 13,40 [A] | CHF 17,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Heyne
Erschienen: 14.11.2016

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402 Bibliotheken, 11 Leser, 1 Gruppe, 142 Rezensionen

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HELIX - Sie werden uns ersetzen

Marc Elsberg
Fester Einband: 648 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 31.10.2016
ISBN 9783764505646
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

ELSBERG, MARC - Helix. Sie werden uns ersetzen 
(Blanvalet)

- aktueller und spannender, aber nüchtern erzählter Wissenschaftsthriller über Genetik und Genmanipulation -

Der US-amerikanische Außenminister bricht auf der Münchner Sicherheitskonferenz zusammen. Er erleidet einen Herzanfall und stirbt im Krankenhaus. Während der anschließenden Obduktion bildet sich ein grinsender Totenkopf auf seinem entnommen Herzen. In Tansania befällt der Armyworm die Maisfelder und zerstört ganze Ernten. Nur ein kleines Gebiet bleibt verschont. Hier sind die Maiskörner viel größer als andernorts. Summende Luftgeister seien dafür verantwortlich, wie eine Bäuerin zu berichten weiß. In dieser Art Super-Mais werden Gene für unterschiedliche Resistenzen gefunden, die andere Sorten in der Gegend nicht aufweisen. Die Konzerne wollen dessen Ausbreitung verhindern, würde es doch Milliarden an Investitionen zunichtemachen und fest einkalkulierte Gewinne schmälern. Dann verschwindet eine hochbegabte 15-jährige. Zuvor hatte sie auf falschen Namen ein Konto mit Millionenbewegungen angelegt. Weltweit kommt es zu immer weiteren, unerklärlichen Resistenzen bei Flora und Fauna. Dass sie genetische Veränderungen erfuhren, hat der Gentechnikkonzern Santira bereits in Erfahrung bringen können. Doch wer steckt hinter dem geschäftsschädigenden Eingriffen in Mutter Natur? „Helix. Sie werden uns ersetzen“ ist ein Wissenschaftsthriller über die Gefahren der Gentechnik, Genetik und Biotechnologie. Er gibt tiefe und erschreckende Einsichten in die Mikrobiologie deren Technologisierung, sowie deren Vermarktung. 

In einer Spezialklinik wird mehreren Paaren die Möglichkeit einer künstlichen Befruchtung offeriert und damit auch die Gelegenheit dem ungeborenen Leben durch gezielte Genmanipulation ganz besondere Fähigkeiten mitzugeben, es zu modifizieren, komplexer zu gestalten und es zu "verbessern". Die Apotheose der Wissenschaft. In den Anlagen einer Gated Community forschen etliche Akademiker, die Versuche am genetisch optimierten Menschen durchführen. Hier können sich die Paare bereits ein Bild der verschiedenartigen Fähigkeiten der Wunderkinder machen. Als die genetisch modifizieren, hochbegabten Wunderkinder jedoch anfingen, während eines Baseballspiels die physikalischen Gesetzte der Schwerkraft außer Kraft zu setzen und durch die Lüfte zu wirbeln wie in chinesischen Martial Arts Filmen, wurde mir der bis dahin interessante und wissenschaftlich fundierte Roman dann leider doch kurzzeitig eine Spur zu albern. Dann flüchtet eines dieser angepriesen Superkinder. Es hatte irrwitzige Vorbereitungen getroffen und plötzlich befindet sich die Menschheit am Beginn einer neuen Zeitrechnung.

Marc Elsberg (eigentlich Marcus Rafelsberger) ist ein, am 03.01.1967 in Wien geborener und dort mittlerweile auch wieder ansässiger Science-Thriller Autor. Er arbeitete jahrelang in Hamburg und Wien in der Werbebranche und schrieb als Kolumnist für die österreichische Tageszeitung „Der Standard“. Mit Vorgängerromanen wie „Blackout“ und „Zero“ erlangte Marc Elsberg internationale Bekanntheit und Anerkennung. Das 646 Seiten umfassende Werk „Helix-Sie werden uns ersetzen“ ist sein mittlerweile siebter Roman. Es ist ein Buch über Moral und Ethik geworden, das die richtigen Fragen zur richtigen Zeit stellt, aber auch eine erschreckende Zukunftsvision, wie sie uns früher ins Haus stehen könnte, als uns allen lieb sein kann. Elsberg arbeitet gerne mit Effekthascherei und Cliffhangern am Ende der kurzen, prägnanten Kapitel, von denen es insgesamt 134(!!!) hat. Kurze Kapitel mit viel Leerlauf in Form weißer, unbedruckter Passagen oder ganzer Seiten bauschen den Roman künstlich auf 646 Seiten auf. Der Autor schiebt aber auch immer wieder interessante Fakten über Wirtschaft und Technologie in den Plot, überfordert den Leser damit nicht und macht die Geschichte dadurch interessanter. Zum Beispiel das "Land Grabbing" in Afrika, welches eine makabere Begrifflichkeit bezüglich des Massenaufkaufs ganzer Ländereien durch große arabische, indische, chinesische, südkoreanische, US-amerikanische, britische oder deutsche Konzerne oder halbstaatliche Organisationen darstellt, um die eigene Landbevölkerung ernähren zu können, während die einheimische Bevölkerung weiter und immer schlimmer Hunger leiden muss. Der Fortschritt auf dem Gebiet der Gentechnik ist erschreckend. Zitat S. 140: "Vor allem, wenn man bedenkt", mischte sich Gordon ein, der ihrer Unterhaltung gefolgt war, "dass sich inzwischen jeder einigermaßen versierte Hobbygenetiker in seinem Küchen- oder Garagenlabor daran versuchen kann."  

„Helix. Sie werden uns ersetzen“ ist eine recht nüchterne, faktenbasierte und unemotionale Erzählung mit durchaus interessanten Denkansätzen. Marc Elsbergs Schreibstil ist rund, verlangt dem Leser aber durchaus ein klein wenig Hintergrundwissen ab. Trotz des umfangreichen Personals, welches den gesamten Plot über leider ein wenig blass bleibt, kommt man aufgrund der jeweiligen Gegebenheiten und Beschreibungen recht gut mit der Namensvielfalt zurecht. Der Autor rasselt sein interessantes Thema allerdings recht trocken herunter, lässt seinen Mitarbeiterstab zu viel recherchieren und baut irgendwann kaum mehr Spannung auf, was für ein kleines Spannungstief zur Mitte des Plots hin verantwortlich ist. Die subtile Spannung reicht meiner Meinung nach allerdings aus, die vergleichsweise trockene Erzählung nahezu den gesamten Plot über zu tragen. Marc Elsberg wirft aber auch einige wahrlich erschreckende Denkanstöße über Moral, Ethik, Wirtschaft, Wissenschaft und Menschenrechte in den Raum. Es geht ihm um die wichtigen moralischen Fragen an die Gesellschaft und die Verantwortung des ureigenen Ichs. 

Meine Wertung: 82/100

www.marcelsberg.com

Link zur Buchseite des Verlags: https://www.randomhouse.de/Buch/HELIX-Sie-werden-uns-ersetzen/Marc-Elsberg/Blanvalet-Hardcover/e487809.rhd

ORIGINALAUSGABE
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 648 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-7645-0564-6
€ 22,99 [D] | € 23,70 [A] | CHF 30,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Blanvalet
Erschienen: 31.10.2016

LACK OF LIES - Reviewing The Hard Stuff
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Glut und Asche

James Lee Burke , Dietmar Wunder , Daniel Müller
Schallplatte
Erschienen bei Random House Audio, 14.09.2015
ISBN 9783837131918
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

James Lee Burke – Glut und Asche
(Random House Audio)

- Ein komplexes und brutales Tex-Mex Thriller Hörbuch -

Danny Boy Lorca, Indianer und Trunkenbold wird Zeuge eines grausamen Mordes in der texanischen Wüste im Grenzgebiet zu Mexiko. Von einem Versteck aus muss er mit ansehen, wie ein Mann von einer Gruppe Mexikaner auf grausame Weise verstümmelt, skalpiert und anschließend getötet wird. Die Szenerie und die Schreie, die sich in den schlimmsten 15 Minuten seines irdischen Daseins tief in seine Gedankenwelt einbrennen, werden sein Leben unwiederbringlich verändern. Danny Boy bleibt unentdeckt und kann einen zweiten Mann vor der Gruppe fliehen sehen. Wieder zu Hause angekommen und voller Vorwürfe, dass er weder dem einen, noch dem anderen Man helfen konnte, verfällt er in sein altbekanntes Schema und gibt sich dem Vergessen durch Alkohol hin. Als er am nächsten Tag schwer angetrunken und eingenässt zum Polizeirevier kommt, um dort wie gewohnt seinen Rausch auszuschlafen und zu duschen, erzählt er von den nächtlichen Vorkommnissen weit draußen in den Mesas. Sheriff Hackberry Holland und sein Chief Deputy Pam Tibbs verfrachten den frisch geduschten Danny Boy in ihr Auto und fahren gemeinsam mit ihm zum Tatort, an dem sich ein Bild des Schreckens offenbart. Sheriff Holland ist sofort klar, dass der Geflohene in allerhöchster Lebensgefahr steckt. Es entbrennt eine gewalttätige und blutige Suche nach dem Geflohenen in der flirrenden Hitze des Tex-Mex Grenzgebietes, in dem sich so allerlei zwielichtige Gestalten, psychopathische Individuen und der allgemeine Bodensatz der Gesellschaft herumtreiben. Plötzlich sieht sich Hackberry Holland mit einem ganzen Pulk an Leuten konfrontiert, die er eigentlich gar nicht in seinem County haben will.

Der hierzulande als zweiter Teil der Hackberry Holland Reihe erschienene Roman „Glut und Asche“ kann als Standalone gehört werden, da er nicht zwangsläufig auf dem ersten Teil „Regengötter“ aufbaut. Selbstverständlich tauchen jedoch altbekannte Protagonisten aus dem ersten Teil auf. Die Charaktere in James Lee Burkes Romanen sind zumeist recht intensiv, persönlich und empathisch gezeichnet. Das macht sie allerdings nicht zwangsläufig sympathisch. Klarer Sympathieträger ist jedoch der bärbeißige aber besonnene, in die Jahre gekommene Sheriff und Hauptprotagonist, mit dem gewöhnungsbedürftigen Namen Hackberry Holland. Ein fast zwei Meter großer, verwitweter Nordkorea Veteran der, wenn er nicht gerade an seinen diversen Traumata leidet, von seinem Rückenleiden gequält wird. Und wie man es vom 1936 in Houston, Texas geborenen Schriftstelle Burke nicht anders gewohnt ist, geht es gleich von Anfang an deftig zur Sache. Das komplexe Storyboard lebt nicht allein von Effekthascherei, sondern vielmehr von der tiefgründigen Zeichnung seiner Protagonisten, der exzellenten Beschreibung des Lokalkolorits, des Einwebens von scheinbaren Nichtigkeiten und des Einbringens der entsprechenden Spannungsbögen immer genau da, wo es richtig weh tut.

Gelesen wird dieser derbe, kranke und zermürbende Thriller von Schauspieler und Synchronsprechwunderkind Dietmar Wunder, der bereits Hollywoodstars wie Daniel Craig, Cuba Gooding Jr. und Adam Sandler seine Stimme geliehen hat. Im Hörbuchbereich kennt man ihn als Sprecher der Thriller Autoren Jean-Christophe Grangé, Stieg Larsson, James Patterson und Jeffrey Deaver. Er wurde bereits mit mehreren deutschen Hörbuchpreisen ausgezeichnet. Dietmar Wunder liest den Plot akzentuiert aber besonnen. Innerhalb der Kommunikation wird er je nach Charakter mal etwas schneller, mal etwas langsamer, spricht je nach Geschlecht dunkler oder heller, ruhiger oder aufgeregter, mal betonter oder mit deutlichem Akzent, so dass sich die einzelnen Protagonisten gut voneinander abgrenzen und die Charaktergebung intensiviert wird. Das Hörbuch kommt im Hochglanz Digi-Pak mit zwei MP3 CDs, einer Gesamtlaufzeit von ca. zehn Stunden und keinem weiteren Zubehör. Das braucht es aber auch nicht, denn die gelungene, wenn auch gekürzte Lesung von Dietmar Wunder, die sogleich ein monströses und grobschlächtiges Kopfkino lostritt, lässt den Hörer an dessen Lippen kleben. Erschienen ist das Hörbuch zu „Glut und Asche“ am 14.09.2015. 

Meine Wertung: 84/100

Link zur Hörbuchseite des Verlags: https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Glut-und-Asche/James-Lee-Burke/Random-House-Audio/e487670.rhd#biblios

Mein Blog: www.lackoflies.com

Aus dem Amerikanischen von Daniel Müller 
Originaltitel: Feast Day of Fools (Simon & Schuster)
Originalverlag: Heyne
Hörbuch MP3-CD (gekürzt), 2 CDs, Laufzeit: ca. 600 Minuten
ISBN: 978-3-8371-3191-8
€ 19,99 [D]* | € 22,50 [A]* | CHF 28,50* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Random House Audio
Erschienen: 14.09.2015

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Glut und Asche

James Lee Burke ,
Flexibler Einband: 704 Seiten
Erschienen bei Heyne, 14.09.2015
ISBN 9783453676800
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


James Lee Burke – Glut und Asche
(Heyne Hardcore)

- Nepper, Schlepper, Bauernfänger auf Texanisch -

Erneut lässt der, 1936 in Houston, Texas geborene Autor James Lee Burke, seinen fast zwei Meter großen Protagonisten, Witwer und Nordkorea Veteran Sheriff Hackberry Holland durch die texikanische Hölle gehen. „Glut und Asche“, der hierzulande am 14.09.2015, als zweiter Teil der Hackberry Holland Reihe erschienene Thriller Roman des internationalen Bestsellerautors, kann als Standalone betrachtet werden, da er nicht direkt auf dem ersten Teil „Regengötter“ aufbaut. Allerdings tauchen neben dem bärbeißigen aber zumeist besonnenen, indes in die Jahre gekommene Sheriff mit dem gewöhnungsbedürftigen Namen Hackberry Holland auch weitere altbekannte Protagonisten wieder auf. Da wären zum Beispiel Chief Deputy Pam Tibbs, Disponentin Maydeen Stoltz, Ethan Riser vom FBI, der russische Waffenhändler Sholokoff oder der ständig betrunkene Indianer Danny Boy Lorca. 

Als letzterer des Nachts in die Wüste geht, um auf der Mesa nahe der Tex-Mex Grenze versteinerte Dinosauriereier auszugraben, wird er Augen- und Ohrenzeuge eines grausamen und brutalen Mordes, verübt von der skrupellosen Schlepperbande eines mexikanischen Drogenkartells, augenscheinlich an einem Bundesbeamten der Drogenbehörde. Noie Barnum, ein weiterer Gefangener der Schlepperbande kann aus der Gewalt seiner Entführer fliehen, wobei der ansonsten einzige Zeuge Danny Boy Lorca glücklicherweise gänzlich unentdeckt bleibt. Barnum hingegen befindet sich in allerhöchster Lebensgefahr, jedoch fehlt von ihm jede Spur. Krill, der Anführer der Schlepper ist ein krankes, barbarisches Individuum, das keine Ruhe findet ehe es sein Opfer gefunden hat. Der geflohene Gefangene ist im Besitz brisanter Regierungsgeheimnisse über den Bau einer Drohne, die die Mexikaner gerne an Al-Quaida verkaufen würden. Das wiederum würden die Amerikaner gerne verhindern und so entfacht ein Flächenbrand ungeahnten Ausmaßes, in einem ausgedorrten Landstrich ohne Moral, voller herzlich kranker und gestörter Individuen, bei dem sich keiner mehr so recht sicher sein kann, wer hier gerade Freund oder wer hier gerade Feind ist. Der Flüchtige Barnum wird von allen Seiten gejagt und hat sich mächtige Feinde, nicht zuletzt auf Seiten beider Regierungen gemacht. Und so geraten der Geflohene Noie Barnum, Reverend Cody Daniels, der auf Wetbacks (umgangssprachlich für illegale, mexikanische Einwanderer) schießt, der ehemalige Kojote (Schlepper) Krill und sein Gefolge, Sheriff Hackberry Holland und sein Deputy Pam Tibbs, Rüstungsunternehmer Temple Dowling, Waffenhändler Sholokoff, sowie die Asiatin Anton Ling, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Illegalen kurz hinter der Grenze Obdach zu gewähren und sie mit dem Nötigsten zu versorgen, in eine nicht mehr aufzuhaltende Lawine geradezu herausgeforderter Interaktionen und somit in eine hässliche und blutige Spirale der Gewalt. Mit einem Mal hat es Hackberry Holland mit einem ganzen Pulk an Leuten zu tun, die er eigentlich gar nicht in seinem County haben will.

Sheriff Holland und Deputy Tibbs ermitteln unter anderem in mexikanischen Bordellen. Ständig begleitet von Hitze, Schweiß und dem betäubenden Geruch nach Tod. Sie sprechen dort mit begriffsstutzigen Kleinkriminellen, nicht sonderlich hilfsbereiten Polizisten und ekelerregenden Zuhältern, was Hackberry das eine oder andere Mal seine Kompetenzen gnadenlos überschreiten lässt. Die beiden Ermittler haben es aber auch immer wieder mit völlig kaputten Gestalten zu tun, die ihnen das Leben schwer machen. Wie bei James Lee Burke nun mal üblich, bewegen sich die Ermittlungen abermals in einem Milieu voller Gleichgültigkeit, Gewalt und der Sehnsucht nach Tod. Zu einer, bereits aus dem ersten Teil "Regengötter" bekannten Person, baut Schriftsteller Burke dann noch eine arge Kontroverse ein, mit der er dem Leser etwas zum Hadern und Zähneausbeißen gibt. 

Wie man es vom Autor nicht anders gewohnt ist, geht es gleich von Anfang an deftig zur Sache. Burke baut seine feinen Spannungsbögen immer genau da auf, wo es richtig weh tut und webt ein, für das belletristische Genre doch recht komplexes Storyboard drum herum. Diverse Parallelen zu den Gangstern aus dem ersten Hackberry Holland Fall drängen sich auf, die Sprache ist explizit und hart wo sie es sein soll, aber im Gegenzug auch nachdenklich und sentimental wo es von Nöten ist. Burkes‘ Schreibstil gleicht stets dem eines actionreichen und interessant aufgebauten Kinofilms. Es herrscht generell viel Kommunikation und die Beschreibung des Lokalkolorits macht die Versinnbildlichung der jeweiligen Szenerien zu einer Leichtigkeit. Jedoch werden hier immer wieder Szenen der Gewalt beschrieben, die zwar nicht in allen Einzelheiten, aber doch recht drastisch aufgeführt werden. Hin und wieder lässt sich Burke dann aber dazu hinreißen zu sehr aus dem Nähkästchen zu plaudern, was den Lesefluss ein wenig ins Stocken geraten lässt und am Anfang des letzten Drittels einen etwa 100-seitigen Durchhänger kreiert. Einen solch komplexen, 696 Seiten starken Thriller bekommt man allerdings auch nicht alle Tage zu lesen. Inhaltlich ist "Glut und Asche" auch etwas wirrer und flacher als noch der erste Hackberry Holland Fall. Zu viele Gruppen, zu viele Gangster und jeder hat irgendwelchen Dreck am Stecken. Auch die Sentimentalität der Auftragskiller in Burkes' Hackberry Holland Reihe ist durchaus etwas befremdlich. Man wird zum Teil regelrecht nachsichtig mit diesen bemitleidenswerten Kreaturen...und dann bekommt Holland bei einem fulminanten Showdown auch noch Hilfe von gänzlich unerwarteter Seite.

Meine Wertung: 82/100

Link zur Buchseite des Verlags: https://www.randomhouse.de/Paperback/Glut-und-Asche/James-Lee-Burke/Heyne-Hardcore/e457859.rhd

Mein Blog: www.lackoflies.com

Aus dem Amerikanischen von Daniel Müller 
Originaltitel: Feast Day of Fools
Originalverlag: Simon & Schuster
Paperback, Klappenbroschur, 704 Seiten, 13,5 x 20,6 cm
ISBN: 978-3-453-67680-0
€ 17,99 [D] | € 18,50 [A] | CHF 24,50* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Heyne Hardcore
Erschienen: 14.09.2015

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Das Äquinoktium der Wahnsinnigen

Anatol E. Baconsky , Max Demeter Peyfuss
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Blitz
ISBN 9783898402774
Genre: Fantasy

Rezension:


Das Äquinoktium der Wahnsinnigen - Anatol E. Baconsky
(Blitz Verlag)

- Der Mensch, die Stadt und das Meer, säen Einsamkeit, Zwietracht und Tod -

„Das Äquinoktium der Wahnsinnigen" ist eine Sammlung von insgesamt elf mythischen und nebulösen Kurzgeschichten auf 208 Seiten, die 1967 im Original unter dem Titel „Echinoxul nebunilor si alte povestiri“ erschienen sind. Die Erzählungen des rumänischen Schriftstellers Anatol E. Baconsky (1925-1977), die sich rund um Tod und Verderben ranken, sind durch ihren prosaischen Schreibstil nicht immer ganz leicht zu lesen oder auf Anhieb zu verstehen. Das Äquinoktium bezeichnet dabei die Tag-und-Nacht-Gleiche, also die beiden Tage eines Jahres, in der Tag und Nacht gleich lang sind. Sie bestimmen den kalendarischen Frühlings-, bzw. Herbstanfang. Die kurzen Stories haben über die Jahre leicht Patina angesetzt und dürften gerne ein wenig spannender gestaltet sein. Sie handeln von einsamen Menschen, ihrem tristen Umfeld und ihren ausweglos erscheinenden Situationen. Sie leben zumeist in kleineren Städten voller Verschwiegenheit und Missmut, sinnieren über ihr Leben und hängen ihren kranken Gedanken, sowie ihren merkwürdigen Phantasien nach.

Sämtliche, aus der Ich-Perspektive geschriebene Geschichten drehen sich um das Meer als Bringer und Nehmer, den Wind als Gedankenträger, den Strand als Sehnsuchtsort und die Stadt als einsamste aller Gegenden. Diese wiederkehrenden Metaphern, Gegenstände, Beschreibungen und Örtlichkeiten sind stets veranschaulichte Trugbilder der vergeistigten Leere der ureigenen Nonexistenz. Es geht um das Unbekannte, Geheimnisvolle, Unaufgelöste, in all seiner grau-schwarzen Farbenpracht. Alles bleibt unter einem Schleier im Verborgenen. Wie hypnotisiert lassen die Protagonisten das selten greifbare Unheil über sich hereinbrechen. Fühlen sich gar in dessen Bann gezogen. Es sind einsame Menschen in trostlosen Gegenden. Der Autor erzeugt eine gewisse Grundstimmung voller Hoffnungslosigkeit. Finstere Gestalten wuseln zu nachtschlafenden Zeiten umher, säen die Saat von Hass und Qual. Existenz und Nonexistenz der Protagonisten verschwimmen ineinander. Selbstzerstörerische Gedanken nisten sich in ihre Gehirne. Die Geschichten bleiben stets offen und bieten Möglichkeiten für unterschiedliche Interpretationen. Ein metaphorischer Quell der Inspiration. 

Ich für meinen Teil kann mit den Kurzgeschichten allerdings nicht allzu viel anfangen, sind sie mir letztlich doch etwas zu trocken, zu spannungsentladen und nicht zuletzt daher doch auch schwer verdaulich. Es sind phantastische Geschichten, die kaum echte Spannung aufkommen lassen und Edgar Allan Poe ganz klar den Vortritt einräumen. Hinzu kommt noch der, bereits angesprochene, nicht immer ganz leicht zu lesende oder eher schon als gewöhnungsbedürftig zu bezeichnende, lyrische Erzählstil, der kaum Dynamik besitzt. Auch dürften die kurzen Geschichten gerne tiefgründiger und leidenschaftlicher ausgeschmückt sein. „Das Äquinoktium der Wahnsinnigen" verlangt einiges an Konzentration und eignet sich kaum zum nebenbei lesen.

Anatol Emilian Baconsky starb am 04.03.1977 bei einem Erdbeben in Bukarest, als er gemeinsam mit seiner Frau und ein paar Freunden die Drucklegung seines Buches „Remember“ (o.g. „Wie ein zweites Vaterland“) feiern wollte. Die Feier fand in einem Hochhaus statt, das bei besagtem Erdbeben komplett in sich zusammenstürzte. 

Meine Wertung: 64/100

More hard stuff @ www.lackoflies.com

Link zur Buchseite des Verlags: https://www.blitz-verlag.de/index.php?action=buch&id=1760

Januar 2009
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Blitz; Auflage: 1. Auflage (1. Januar 2009)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3898402770
ISBN-13: 978-3898402774

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