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Janko-Unchaineds Bibliothek

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Das Dickicht

Joe R. Lansdale ,
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Heyne, 08.02.2016
ISBN 9783453676770
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

JOE R. LANSDALE - Das Dickicht

- eine mörderische Jagd in den Ausklängen des wilden Westens -

Die beiden jugendlichen Geschwister Jack und Lula Parker haben ihre Eltern in den ersten Zuckungen des 20. Jahrhunderts an die Pocken verloren. Ihr Grandpa Caleb Parker bringt die beiden Waisen mi der Kutsche zu ihrer Tante Tessle nach Kansas, wo sie von nun an leben sollen. Er hat die Urkunden für sein Grundstück und das ihrer Eltern einem Anwalt übergeben. Dieser soll die Grundstücke zu gegebener Zeit verkaufen und den Erlös abzüglich seiner Provision den Kindern zukommen lassen, die die entsprechenden Besitzunterlagen einstecken haben. Auf der Fahrt nach Kansas muss das Gespann einen Fluss überqueren, doch die hölzerne Brücke ist abgebrannt. Es stehen nur noch ein paar verkohlte Balken und eine Fähre ist gerade auf der anderen Seite des Flusses. Als sie selbige einige Zeit später besteigen, kommt auch ein großer Mann namens Cut Throat Bill auf einem Fuchs mit an Bord. Während Bill Stress mit Grandpa Parker anfängt, wartet der Fährmann geduldig auf zwei weitere Männer namens Fatty Worth und Nigger Pete, die gerade Richtung Fähre geritten kommen. Die beiden Reiter und Cut Throat Bill scheinen sich zu kennen. Es entbrennt nun endgültig ein Streit zwischen dem großen Mann und Grandpa, den der alte Parker mit dem Leben bezahlt. Als nun plötzlich auch noch ein Wirbelsturm aufkommt, der die Fähre letztlich zum Kentern bringt, trennen sich Jack und Lulas Wege. 

Jack erfährt von einem Mann und einer Frau, die die Fähre auf der anderen Seite nehmen wollten, dass Lula von den drei Männern zu Pferde mitgenommen wurde. Der Mann und die Frau nehmen Jack mit in die Stadt Sylvester, wo gerade die hiesige Bank ausgeraubt wurde. Hier trifft Jack zufällig auf den riesigen Farbigen Eustace Cox und seine Wildsau Keiler. Jack und Eustace, der bereits früher seinen Lebensunterhalt als Kopfgeldjäger verdiente, kommen ins Gespräch. Jack berichtet von den Vorkommnissen auf der Fähre, von den Männern, die seinen Grandpa ermordet und seine Schwester Lula mitgenommen haben. Jack will Lula aus den Fängen der Ganoven befreien und stellt Eustace die beiden Grundstücke als Bezahlung in Aussicht,wenn dieser ihm hilft. Aber Eustace der Riese ist nur mit von der Partie, wenn auch sein Kumpel Shorty der Zwerg dabei ist. Und das ist er, der alte Halunke. Und so beginnt eine mörderische Jagd durch den Ausklang des skrupellosen wilden Westens. Shorty ist ein guter Erzähler und lässt bei Lagerfeuer oder anderen Gelegenheiten keine Situation ungenutzt von Indianergeschichten, Kopfgeldjagden oder seinen sonstigen fragwürdigen Heldentaten zu berichten.

Es ist eine teils empathische, teils überspitzt humorige, aber bisweilen auch recht raue und schroffe Sprache, die der 1951 in Gladewater, Texas geborene Krimi-, Horror-, History- und Science-Fiction Autor Joe R. Lansdales in seinem Roman „Das Dickicht“ verwendet. Die Brutalität ist in eine fast schon schlitzorige, allerdings nicht sonderlich authentische Sprache verpackt, die zumeist aus der Sicht von Jack geschrieben ist. Das Storyboard wäre jedoch sicherlich ein gefundenes Fressen für jemanden wie Quentin Tarantino. Mit dem kleinwüchsigen Shorty und dem riesigen Eustace an seiner Seite sind Gewaltexzesse nämlich an der Tagesordnung, was den, mit christlichen Werten aufgewachsenen Jack das ein oder andere Mal aus der Bahn zu werfen droht. Doch mit dem Gedanken an seine Schwester und was die gesetzesbrecherischen Sauhunde mit ihr anstellen könnten, kommt er nicht umhin seinen Begleitern zu vertrauen. Eine wirkliche Freundschaft ist das zwischen den beiden ungleichen Freunden und ihm zu Anfang nicht und Jack fürchtet, dass ihn die beiden Schlitzohren zu passender Gelegenheit abmurksen könnten.

Gemeinsam machen sie sich auf die Jagd nach den steckbrieflich gesuchten Männern. Als Jack im Hurenhaus auf das leichte Mädchen Jimmie Sue trifft, um an Informationen über Fatty Worth zu gelangen, der ebenfalls gerade in einem der Zimmer zugange ist, beschließt diese kurzerhand ihren harten, unbefriedigenden Job an den Nagel zu hängen und mit ihm zu ziehen. Sie verrät ihm bereitwillig, was er wissen will, denn Jimmie Sue scheint einen wahren Narren an Jack gefressen zu haben. Eustace, Shorty, Jack und Jimmie Sue schnappen sich daraufhin den leichtsinnigen Delinquenten Fatty, als selbiger gerade das Hurenhaus verlässt. Unter Folter wollen sie von ihm erfahren, wohin es Cut Throat Bill, seine Kumpanen und somit auch Lula verschlagen hat. Auch Sheriff Winton, dem sie Fatty gegen ein erhofftes Kopfgeld ausliefern, schließt sich der Meute an. Ein seltsamer Haufen ist das schon, der sich da zusammengefunden hat, um den Verbrechern ins sogenannte Dickicht zu folgen. Auch des Sheriffs Putzhilfe Spot stößt irgendwann zu der illustren Truppe und schließt sich ebenfalls an. Die Charakterzeichnungen sind zwar eher mittelmäßig intensiv ausgefallen, dennoch sympathisiert man im Laufe der Geschichte mehr und mehr mit den Protagonisten. "Das Dickicht" ist eine, bisweilen auf humorvolle Weise erzählte, kurzweilige Geschichte über ein paar liebenswerte Ganoven, die ein paar weniger liebenswerte Ganoven zur Strecke bringen wollen und die Ihre nackte Brutalität durch ihre legere Art ein wenig zu entschärfen weiß. Ein rasantes Showdown in blutig-bleihaltiger Luft bleibt bei dieser waghalsigen Bestrebung natürlich nicht aus. 


Meine Wertung: 84/100

Link zur Buchseite des Verlags:

Originaltitel: The Thicket
Originalverlag: Tropen
Aus dem Amerikanischen von Hannes Riffel 
ERSTMALS IM TASCHENBUCH
Taschenbuch, Broschur, 336 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-453-67677-0
€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 13,90* (* empf. VK-Preis) 
Verlag: Heyne Hardcore
Erscheinungstermin: 8. Februar 2016

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SCAR

Jack Ketchum , Lucky McKee , Kristof Kurz
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Heyne, 10.04.2017
ISBN 9783453677173
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

JACK KETCHUM / LUCKY MCKEE - Scar
(Heyne Hardcore)

- bis das Kind kaputt gespielt ist und weit darüber hinaus -

Dallas Mayr alias Jack Ketchum und Co-Autor, Schauspieler, sowie Regisseur Lucky McKee beschreiben in ihrem neuen Roman "Scar" das Leben einer kleinbürgerlichen Familie, die sich an ihren irdischen Gütern erfreut und mit ihren Nachbarn mithalten will. Die perfekte Außenwirkung ist den Eltern Bartholomew und Patricia Cross extrem wichtig, den beiden elfjährigen Zwillingen Delia und Robbie, sowie der Australian Cattle Dog Hündin Caity eher weniger. Vater Bart ist mit seinem neuen "Interesse", dem Pontiac Firebird in der Garage und einem Glas Boodles-Gin beschäftigt. Mutter Pat macht sich gerade frisch im Bad, Bruder Robbie ist in seinem Zimmer mit einem Buick Modellbausatz beschäftigt und Delia sinniert über das unheimliche, alte Puppenhaus, das ihr ihre Mutter zur Verfügung gestellt und zum Spielen überlassen hat. Letzte Nacht hat Delia einen Luftzug daraus gespürt und ein Licht darin schimmern sehen. Diese Nacht zittert es leicht, sodass das T-Shirt, dass sie zum Abdecken auf das Spielzeughäusschen gelegt hat, herunter fällt. Dann blinkt da in der nächsten Nacht wieder ein Licht. Mehrfach. Bis es wieder schwächer wird. Als Delia ihrer Mom von den nächtlichen Vorfällen erzählt, nimmt diese ihre Tochter nicht ernst. Denn es gibt keine Gespenster und keinen Spuk in ihrem alten Puppenhaus. Doch woher kommen der leichte Luftzug und das merkwürdig flackernde Licht? Sind hier etwa übernatürliche Kräfte am Werk oder gibt es eine weit profanere Erklärung dafür?

Delia ist hübsch, fotogen und verdient ihr Geld unter anderem mit Modeshootings, wie auch mit Werbespots. Sie ist allerdings erst elf Jahre alt. Seit sie vier Monate alt ist, vermarkten ihre Eltern ihr Kind gewinnbringend. Vielleicht winkt sogar bald eine Rolle in der Sitcom "Lip-Locked", für das die kleine Delia oder eher ihre Mom ein Castin ergattert hat. Bart und Pat zählen auf ihre Tochter. Sie haben alles auf eine Karte gesetzt. Sie beide gehen ansonsten keiner beruflichen Tätigkeit nach, sind sie doch vollends eingespannt in die Organisation von Delias‘ Karriere und ihres Prestiges. Bart, der die Finanzen der Familie regelt, hat leider kein Händchen für diese Aufgabe. Das Geld, das sie mit Delia verdienen ist aber recht üppig, lässt einen luxuriösen Lebensstil mit Haus, zwei Autos, zwei neuen 4K TV Geräten, Gärtner und Pool zu und zwingt nicht unbedingt dazu arbeiten zu gehen oder die Finanzen genauer im Blick zu behalten. Familie Cross eröffnet das einen sorglosen Lebensstil sponsored by Delia und einer Erbschaft, die Bart vor einiger Zeit gemacht hat. Ein zwingend liebevoller Umgang mit den Kindern dabei? Fehlanzeige. Bart und Pat frönen lieber dem Alkohol, den Tabletten und terrorisieren sich, ihre Kinder und den Hund. Anfangs nur seelisch, später auch körperlich.

Der Roman „Scar“ ist in der Gegenwartsform geschrieben. Anhand des deutschen Covers, des deutschen Titels und der fast schon kitschig oft erwähnten Klischees innerhalb des Plots, ahnt der Leser schon recht früh, wo der Hase lang läuft. Ketchum/McKees' Schreibstil ist flüssig und einigermaßen lebensnah gehalten. Die große Schrift, sowie die kurzen, prägnanten Sätze lassen einen quasi durch die Seiten fliegen. Das Storyboard ist allerdings recht einfach gehalten, geht zu keinem Zeitpunkt in die Tiefe und lässt daher auch kaum Empathien mit den Zwillingen zu. Auf den ersten hundert Seiten liefert das Autorenduo Ketchum/McKee einen ernüchternd ruhigen Aufbau, der Delia und Caity, sowie Ihren Bruder Robbie sympathisch zeichnen soll. Das gelingt ihnen allerdings nur bedingt, denn an vielen Stellen drückt sich das klischeehafte Verhalten der gesamten Familie einfach zu deutlich durch. Der Plot erscheint dadurch leider stark gekünstelt. Dass der, am 24.01.2018 in New York verstorbene, ehemalige Schauspieler, Lehrer, Literaturagent und Holzverkäufer Jack Ketchum das wesentlich besser kann, hat der US-amerikanische Autor spätestens seit "Evil" eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Delia ist ziemlich eingespannt und hechtet von Termin zu Termin. Ihre Mom ist gierig und vergisst darüber das Wohl ihres Kindes. Pat hat sogar eine Webseite, einen Twitter Account, sowie eine Facebook Seite für Delia eingerichtet, die sie regelmäßig mit Inhalten füttert. Beide Elternpaare haben wenig Zeit für die Zwillinge, sind egoistisch und mehr mit sich selbst oder ihren "Spielzeugen" beschäftigt, als dass sie sich eingehend mit ihren Kindern oder deren Bedürfnissen auseinandersetzen würden. Zwischendurch wird immer wieder aus Caitys' Sicht erzählt. Die Hündin ist schlau, lernfähig und wittert immer wieder Gefahr. Dann macht Delias' Bruder Robbie einen folgenschweren Fehler. Einen sehr dummen Fehler, der das Leben der kleingeistigen Familie vollends aus den Fugen hebt. Familie Cross war so hoch auf der Leiter, doch dann fiel sie ab. Die Erziehungsbeauftragten haben sich die ganze Zeit einfach zu sehr in Sicherheit gewogen und nicht mit einem solchen Umstand gerechnet. Als ein weiteres Unglück geschieht, dass alle bisherigen Planungen über den Haufen werfen müsste, hält Pat weiter an ihren Projektierungen fest, verstrickt sich in Lügen und verkauft ihre Seele und letztendlich die des gesamten Familienbundes. Von nun an ist endgültig Schluss mit lustig. Missgunst, Hass und Gewalt beherrschen ihren Alltag. Die Familie oder was noch von ihr übrig ist, zerbricht an ihren eigens auferlegten Standards und Werten. Leider wurden auch diese Aspekte wenig austariert.

Trotz oder gerade wegen der aufgekommenen Tragödien lässt sich mit dem Mitleid und dem künstlich aufgebauschten Gönnertum der Medienformaten jedoch noch kräftig Profit schlagen. Das Medieninteresse wird immer größer. Delias' Eltern übertreiben es immer mehr und bald ist das junge Mädchen nicht mehr nur äußerlich versehrt. Das Geltungsbedürfnis und die Geldgier ihrer Eltern machen Delias' Leben zu einer Hölle aus Voyeurismus und Stress. Die Eltern, in erster Linie Pat, agieren völlig am Wohl des Kindes vorbei. Ohne Rücksicht auf Verluste. Aber Delia spielt ohnehin bald nicht mehr mit und verhält sich ganz anders als es ihrer Mom lieb sein kann. Pat dreht indes völlig am Rad und geht für ihren Vorteil letztlich auch über Leichen. Sie lügt und betrügt und ihr scheint nichts mehr heilig, außer dem eigenen Wohl. "Scar" ist eine leider arg banale Story, die in der wirklichen Welt aus Missbrauch, Hass und Gewalt keinen gewichtigen Platz einnehmen kann. Obendrein ist der Plot reichlich oberflächlich und spannungsarm gehalten. Schade drum, denn da hätte man sicherlich mehr draus machen können.

Meine Wertung: 68/100


Link zur Buchseite des Verlags: Klick!

Aus dem Amerikanischen von Kristof Kurz 
Originaltitel: The Secret Life of Souls
Originalverlag: Pegasus Books
Paperback, Klappenbroschur, 336 Seiten, 13,5 x 20,6 cm
ISBN: 978-3-453-67717-3
€ 14,99 [D] | € 15,50 [A] | CHF 20,50* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Heyne Hardcore
Erschienen: 10.04.2017

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Die Tyrannei des Schmetterlings

Frank Schätzing
Fester Einband: 736 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 24.04.2018
ISBN 9783462050844
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Frank Schätzing - Die Tyrannei des Schmetterlings 

- Wissenschafts- und SciFi Thriller der Extraklasse; weitreichend, komplex aber leider auch äußerst abstrakt -

Frank Schätzing, seines Zeichens Deutschlands wohl investigativster Thriller- und SciFi Autor, hat sich nach dem Welterfolg "Breaking News" aus dem Jahre 2014 dieses Mal wieder der Wissenschaft und dem SciFi zugewandt. Kaum ein Schriftsteller schafft es, eine derart bildhafte und empathische Sprache zu entwerfen und diese in eine schillernd metaphorische, wie literarisch reizvolle Sprache einzubetten, um der potentiellen Leserschaft mit Leichtigkeit ein Kopfkino der Sonderklasse zu bescheren. Schnell ist man drin in der weitreichenden und komplexen Story, die im ersten, aber nicht für den Rest des Storyboards repräsentativen Kapitel "Feinde", von Söldnern im Süden Afrikas handelt. Sie wollen einen Warlord infiltrieren. Sprengstoff zünden, Brunnen vergiften und Desinformationen steuern. Doch was die jungen Männer und ihren Anführer Agok während ihres lautlosen Angriffs erwartet, hätten sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht auszumalen getraut. Dieses erste Kapitel dient jedoch lediglich als einleitender Appetizer und hat mir der eigentlichen Story wenig zu tun. 

Der zweite Teil und eigentliche Erzählstrang handelt vom ghanaisch-amerikanischen Undersherriff Luther Opoku und seinem Deputy Ruth Underwood, die die Leiche einer jungen Frau an einem Steilhang in der Sierra Nevada in Kalifornien untersuchen. Herauszufinden ob es ein Unfall war, der die junge Frau vierzig Meter weiter unten in die Äste eines Baumes trieb oder ob sie vielleicht sogar herunter gestoßen wurde, bleibt Aufgabe der beiden schlecht ausgerüsteten Staatsbediensteten und ihrer Kollegen. Die Tote war Mitarbeiterin des Silicon Valey Big Players Nordvisk Incorporated. Einer Firma, die sich mit künstlicher Intelligenz, sowie maschinellem Lernen befasst und eine Außenstation in Flugplatzgröße in Sierras' weitläufigem Hinterland betreibt. Kurz vor ihrem Sturz in den Tod hatte sie einen Unfall mit einem schwer gepanzerten Firmenfahrzeug, dass unweit des Tatorts aufgefunden wird. Als ein USB IDKey im Wagen der Toten gefunden wird, gerät der Stein allmählich ins Rollen. Auf dem IDKey befinden sich nämlich Informationen, die einige Mitarbeiter von Nordvisk Incorporated in arge Erklärungsnöte bringen dürften. Nachdem sich Undersherriff Opoku mit CEO Hugo van Dyke auf der Außenstation von Nordvisk Incorporated zu einem Gespräch trifft und sich bei dieser Gelegenheit Mitarbeiter und Gelände zeigen lässt, geschehen plötzlich merkwürdige, kaum zu begreifende Dinge. Das Geheimnis, das der Hightech-Konzern tief im Berg seiner Forschungsanlage verbirgt ist so ungeheuerlich, dass es jegliche Vorstellungskraft übertrifft. Nichts ist, wie es scheint, was Luther Opoku allmählich an seinem ansonsten doch stets so scharfen Verstand zweifeln lässt. Aber so sehr Luther die Fakten auch hin und her wendet, er kommt auf keinen Nenner was hier vor seinen eigenen Augen eigentlich gespielt wird. Ihm wird sprichwörtlich der Boden unter den Füßen weggerissen. Die Realität, seine Erinnerung, alles ist plötzlich anders. Was ist nur mit ihm geschehen und was muss noch alles mit ihm geschehen, da er sich selbst bald nicht mehr zu kennen glaubt? Auch der Leser wird immer wieder in die Irre geführt. Nichts ist wirklich. Nichts ist wie es scheint. Aber alles scheint möglich und doch unmöglich zugleich. Dieses Verwirrspiel, das auch den Leser ratlos zurück lässt, hat der Autor in der ersten Hälfte hervorragend inszeniert und derart mit Spannung aufgeblasen, dass es wahrlich schwer fällt, dass Buch bis hierhin auch nur eine Sekunde aus der Hand zu legen. Ich muss aber auch zugeben, dass sich die ganzen Überlegungen, die aus der neuen Lebenssituation Luthers entstehen, schon arg grotesk ausnehmen. Man versetze sich nur einmal in seine Situation. Das muss wahrlich die Hölle sein.

Geschickt hält der, am 28. Mai 1957 in Köln geborene Autor Frank Schätzing die Spannung hoch, indem er den Leser immer wieder mit Andeutungen und Fakten anfüttert. Alles bleibt diffus. Der Plot des intelligenten, 736 Seiten starken SciFi Thrillers lässt durchaus Parallelen zu H.G. Wells erkennen, ist aber schon arg bizarr und abstrakt ausgestaltet und wirkt dadurch gerade in der zweiten Hälfte oftmals arg verwirrend. Es geht unter anderem um Quantenmechanik von deren grundlegenden Strukturen man schon mal etwas gehört haben sollte, die man aber fast noch zur Allgemeinbildung zählen kann. "Die Tyrannei des Schmetterlings" nötigt seinen Lesern somit zwar keine tiefergehenden Kenntnisse in mikrophysikalischen Bereichen ab, dennoch wird es immer schwieriger Schätzings' Gedankengängen zu folgen, je tiefer man in den Roman einsteigt. Auch ist die Story, wie man es vom Autor her gewohnt ist, stets fein ausgeschmückt, im Gegenzug aber auch rasant, spannend und actionreich verfasst. Die Charakterisierung seiner Protagonisten, die Beschreibungen des jeweiligen Lokalkolorits, sowie die jeweiligen Konversationen sind Schätzing-like lebendig gehalten. Es ist aber auch nichts neues, dass Schätzings' Personal immer recht umfangreich gestaltet ist; von daher wäre eine tiefergehende, differenziertere Charakterzeichnung natürlich sinnstiftend gewesen. 

Der Erzählung von Herrn Schätzing kann man, aufgrund ihrer teils surrealen Überlegungen nicht immer gleich auf Anhieb folgen. Dem ein oder anderen mögen diese Überlegungen vielleicht etwas zu verworren vorkommen, dem wissenschaftlich und vor allem an künstlicher Intelligenz, neuronale Netze, Quantenmechanik, Quantenphysik, Genetik, Epigenetik, Astrophysik, Computertechnik, Robotik Zeitmaschinen, Parallelwelten, Zeitinterferenzen etc. interessierten Leser kann es aber interessante, vielleicht gar neue Denkanstöße versetzen. Es ist schon faszinierend, was der Mensch und seine Computertechnik alles zu erschaffen im Stande ist, aber diese Technologien bergen immer ein gewisses Risiko und können in den falschen Händen natürlich auch missbräuchlich eingesetzt werden. Wird uns unsere Technologie in Zukunft nun also das Leben erleichtern oder den wahren Horror auf Erden bescheren? 

„Die Tyrannei des Schmetterlings“ ist ein intelligentes, aber zum Teil auch nicht immer ganz leicht zu verstehendes Buch. Ich für meinen Teil mag ja diese Sparten der Wissenschaft. Von daher kann ich die vielen negativen Meinungen zu "Die Tyrannei des Schmetterlings" nicht so ganz nachvollziehen. Mit Sicherheit geht vielen Lesern aber auch die Empathie ab, mit denen Schätzing auf einmalige Weise seine Protagonisten in "Der Schwarm" gezeichnet hat. Das ist ihm seit diesem großen Wurf leider weder mit "Limit", noch mit "Breaking News" und leider auch nicht mit „Die Tyrannei des Schmetterlings“ gelungen. Aber ich muss schon zugeben, dass das gesamte Thema im letzten Drittel des SciFi Thrillers leider zu sehr ins Theoretische abrutscht und dadurch schon etwas langatmig und trocken wird. Für die potentielle Leserschaft wird es schwerer und schwerer, sich in Schätzings Gedankenwelt zurechtzufinden. Von Seite zu Seite wird es immer schwieriger in die wirren Beschreibungen des Lokalkolorits, der Begebenheiten, sowie der Handelnden abzutauchen, was den Lesefluss an mancher Stelle doch arg ins Stocken bringt. Es fällt einem unheimlich schwer, das Geschriebene in geistige Bilder zu fassen. Schätzing verlangt seinen Lesern in der zweiten Hälfte des Romans schon eine ganze Menge ab. Das hat die brillante erste Hälfte der Story in der Form eigentlich nicht verdient. Aber die Idee ist und bleibt schier genial und eröffnet dem Erzähler eine ganze Menge Möglichkeiten. Schade nur, dass die Umsetzung so manches Mal an ihren eigenen erzählerischen Kunstgriffen scheitert.


Meine Wertung: 83/100

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Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05084-4
736 Seiten, gebunden mit SU
Erscheinungsdatum: 24.04.2018

Preis
Deutschland: 26,00 €
Österreich: 26,80 €

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Ein Bulle im Zug

Franz Dobler
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Heyne, 08.03.2016
ISBN 9783453676961
Genre: Romane

Rezension:

Ein Bulle im Zug von Franz Dobler 
(Heyne Hardcore)

- Milieustudie und Psychogramm über einen irren und völlig kaputten Polizisten -

Franz Doblers' Milieustudie und Psychogramm über den irren und völlig kaputten 43-jährigen Polizisten Robert Fallner wurde von der Presse hoch gelobt und hat sogar den deutschen Krimi Preis 2015 gewonnen. Das birgt gleich zwei Fehler in sich. Zum einen stellt sich die Frage: „Wie kann ein Roman, der alles andere als ein Krimi ist, den deutschen Krimi Preis gewinnen?“. Das ist eigentlich bereits Aussage genug. Zum anderen: „Wie konnte es überhaupt zu dieser ungerechtfertigten Lobhudelei kommen?". Der, 1959 in Schongau geboren und heute in Augsburg lebende Autor Franz Dobler besitzt einen ungelenken, zum Teil auch unangenehmen Schreibstil, der sich gerne in den Wirren des modernen Zeitgeistes verirrt. Seine unterschwellige Gesellschaftskritik, mit all ihren neurotischen Abstufungen ist teilweise amüsant, andererseits nerven die ständigen Wiederholungen über den Geisteszustand seines Protagonisten ungemein. Man kann sie als geistig hochtrabenden bezeichnen oder als blanken Unsinn abtun. Das bleibt letzen Endes jedem selbst überlassen.

Der Polizist Robert Fallner ist vom Dienst freigestellt. Seine Beurlaubung wurde erst kürzlich ausgesprochen, nachdem er in Ausübung seines Dienstes den jungen, polizeibekannten Heranwachsenden Maarouf R. in der gemeinsamen elterlichen Wohnung erschossen hat. Maarouf soll angeblich eine Pistole gehabt und selbige auch gezogen haben. Doch eine solche Waffe ist nicht auffindbar. Fallners' Kollege Eric Maier hat während des Einsatzes nichts dergleichen gesehen und sagt dementsprechend auch zu Roberts' Nachteil aus. Der Polizist Robert Fallner ist kaputt und am Boden. Noch funktioniert seine Beziehung zu Jacqueline und auch sein Spürsinn scheint ungetrübt, aber die Gesellschaft hat aus ihm ein missmutiges und armseliges Wrack gemacht. Der junge Mann, den Fallner erschossen hatte, scheint ihn mit in den Abgrund nehmen zu wollen. Überall, zu allen Tages- und Nachtzeiten taucht der tote Maarouf in seinen Gedanken auf, zieht ihn immer weiter runter und wird sein ständiger geistiger Begleiter. Über seine Tat oder die Konsequenzen, die daraus folgen und somit das eigentliche Schicksal des Jungen oder das seiner Familie schert sich der Unsympath Robert Fallner einen Dreck. Immerhin hat Fallner den jungen Mann in Ausübung seines Dienstes augenscheinlich zu Unrecht niedergeschossen und dabei tödlich verletzt. Empathie scheint dem Polizisten ohnehin völlig abzugehen. Und so macht sich Robert Fallner in wirren Selbstgesprächen gedanklich kaputt und nervt mit seinen Marotten, sowie einer kaputten und völlig verqueren Weltsicht nicht nur sein Umfeld, sondern letzten Endes auch den kaum zu beneidenden Leser. 

Um sich von seiner Frau, der kaum fruchtenden Therapie und seinen frischen Neurosen abzulenken, fährt Fallner mit dem Zug quer durch Deutschland. Für 4.900 Euro hat er sich eine Jahres-Bahncard100 gekauft. Er will auf diesen Fahrten wieder zu sich selbst finden, sich in gewisser Weise selbst therapieren und seiner lang gehegten Obsession frönen. Ein klares Ziel hat er ansonsten nicht vor Augen. Sein Chef, der von der ganzen Sache weniger begeistert ist und ihn darum bittet schnellstmöglich wieder dienstfähig zu werden, betraut ihn jedoch noch mit einer Sache: Ein Killer fährt offensichtlich mit dem Zug durch Deutschland um mordet Frauen. Bislang sind sechs Opfer zu beklagen. Der Bulle im Zug soll lediglich die Augen offen halten, wenn er schon seine bescheuerte Idee, sich mit einer Zugfahrt selbst heilen zu wollen, auch gegenüber seiner Therapeutin durchzusetzen vermochte. Am Startpunkt, dem Münchner Hauptbahnhof Bahnhof, bleibt Robert Fallner vorerst stiller Beobachter. Er sinniert über sein bisheriges Leben und das der anderen. Seine Ansichten nehmen sich bisweilen seltsam grotesk aus. Doblers' Schreibstil ist durchgehend anstrengend und verhält sich gegenüber dem Lesefluss eher kontraproduktiv. Wie im Wahn erzählt sein Protagonist ständig das Gleiche, hadert mit sich und seinem kaputten Leben oder textet seine Mitmenschen mit mehr oder minder belanglosem Zeugs zu. Fallner versinkt mehr und mehr in Selbstmitleid. Er führt Selbstgespräche mit seinem alten ich, das längst im Abyss seiner Seele verschwunden ist. Robert ermittelt unter anderem im kranken Frankfurter Milieu, setzt sich am nächsten Tag aber ohne Ergebnisse schon wieder in einen Zug und fährt von dannen. Ohnehin verläuft die Ermittlung, die sich irgendwann selbst verzehrt und wahrscheinlich aus Desinteresse aus dem Plot herauskatapultiert wird, im Sande. Fallner trifft sich auch in Berlin mit seinem guten, alten Polizei Kumpel Telling, den er schon lange mal wieder sehen wollte. Die Freundschaft scheint aber auch keine wirkliche zu sein und so nimmt sich das Treffen äußerst seltsam aus. 

"Ein Bulle im Zug" ist eine Geschichte ohne wirklichen Anfang oder wirkliches Ende. Doblers' Pseudo Pop Art, mit all ihrem verschrobenen Humor, kann ich persönlich wenig bis gar nichts abgewinnen. Es ist ein zäher, anstrengender Plot geworden, der die Konsistenz eines frisch verdauten Kaugummis aufweist. Es fällt auch nicht immer leicht, Doblers sprunghafter Gedankenwelt zu folgen. Oftmals stellt man sich beim Lesen die Frage: "Äh, was labert der da eigentlich?". Der Autor springt nämlich munter von einem Punkt zum anderen, zieht keine klare Linie und schreibt wirres, unstrukturiertes Zeug. Wenn Sprache und Story dermaßen verschroben sind, dann ist das natürlich ein Fall für den deutschen Krimi Preis, den dieser Nonsens-Non-Krimi 2015 eingeheimst hat. Fallner sabbelt und brabbelt einen geistigen Sermon, der in keiner Silbe auch nur ansatzweise nachvollziehbar erscheint. Es gibt durchaus ein paar lustige Szenen, diese können den Plot jedoch nicht aus dem tiefen Loch holen, in das er sich verkrochen hat. Franz Dobler bemächtigt sich zum Teil einer vulgären Sprache, die jeden Witz und jedwede Moral mit Abstand missen lässt. Dass dies beabsichtigt ist, ist mir durchaus bewusst, ändert aber nichts an der plumpen Effekthascherei, die der Schriftsteller dadurch betreibt. Der anscheinende Wortwitz ist an der einen oder anderen Stelle schon mal ganz nett, aber in den meisten Fällen doch eher ihre größere Schwester. Die Witze zünden kaum und kommen einem vor, wie das "um Kopf und Kragen reden" eines verwirrten, alkoholhaltigen Geistes auf dem Abstellgleis. Eine Differenzierung der Charaktere oder Denkweisen der Personen, auf die Fallner trifft, findet nicht wirklich statt. Alles verläuft grau in grau. Nichts hebt oder setzt sich ab. Hier von einem Meisterwerk zu sprechen, wie durch einen Gutteil der Presse geschehen, ist an Absurdität kaum zu überbieten. Das Ganze ist mindestens so interessant, wie das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen rückwärts zu lesen. Franz Dobler und ich werden literarisch ganz sicher keine Freunde werden. Für mich war das Buch eine reine Tour de Force. Den, am 13.02.2017 als gebundenes Buch im Tropen Verlag und am 14.05.2018 bei Heyne Hardcore als Taschenbuch erschienenen zweiten Teil "Ein Schlag ins Gesicht" werde ich mir daraufhin eher nicht zu Gemüte führen.

Meine Wertung: 18/100


Originaltitel: Ein Bulle im Zug
Originalverlag: Tropen
Taschenbuch, Broschur, 352 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-453-67696-1
€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 14,50* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Heyne Hardcore
Erschienen: 08.03.2016

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1 Bibliothek, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

WERNER - WAT NU !?

Rötger Feldmann , Brösel
Flexibler Einband: 128 Seiten
Erschienen bei Bröseline, 01.06.2018
ISBN 9783947626007
Genre: Comics

Rezension:

BRÖSEL – Werner–Wat nu!?
(Bröseline Verlag)

Seit 1981 erscheinen in unregelmäßigen Abständen anarchische Kult-Comics aus dem hohen Norden, die sich rund um den Teilzeitrocker und Bölkstofffanatiker Werner drehen. Der wohl bekannteste deutsche Comic Held oder eben Antiheld betritt nun, nach 14-jähriger Abstinenz abermals die Bühne. Pünktlich zum 30. Jahrestag des legendären Werner-Rennen am 30.08. bis 02.09.2018 auf dem Flugplatz Hartenholm, haut Rötger Werner Friedrich Wilhelm Feldmann alias Brösel nämlich den 13. Werner Band "Werner-Wat nu!?" raus. 128 Seiten professionell gezeichnet und voll in Farbe. Extra hierfür wurde der Bröseline Verlag ins Leben gerufen. Seit jeher sind es die stark übertriebenen Geschichten, inspiriert vom Leben und dem Umfeld Rötgers, die Millionen von Lesern an den Seiten pappen oder in die Kinos strömen ließen. Wer erinnert sich nicht an das legendäre „Fußballspiel“ auf dem Kieler Wochenmarkt, den Krankenhausaufenthalt („...un mach das Licht aus oder ich beiß die Lampe ab!“), an „Präsi“ („Wenn hier einer Anna nass macht, dann bin ich das!") oder an den Rohrbruch mit Gas/Wasser/Scheiße-Röhrich („Wenn einer noch muss, aber denn is Schluss“)? Aber wo sind die herrlich bekloppten Charaktere nur abgeblieben? Im neuen Band finden sie jedenfalls keinerlei Erwähnung.

Werner, wie er leibt und lebt, ist mal wieder auf der Suche nach Bölkstoff. Doch der ist aus! Die Bölkstoff Station wurde gefrackt. Den Sündenbock findet man schnell im Bergamt. Kurzerhand nimmt man die hohlgebohrte Bürokratenassel mit. Es wird aber nicht nur geblödelt, gebölkt und gedengelt, in Band 13 kommen auch sozialkritische und vor allem umweltpolitische Aspekte zum Tragen. So werden unter anderem das Fracking, das Umweltgift Glypho-satt, das Biene-Maya-Sterben, sowie die Saatgut-Mafia zwischen Kimme und Korn genommen, denn wie schon auf Seite 16 von einem Schwein propagiert wird: "Die schlimmste Umweltsau ist der Mensch!!!" Werner umtreibt dabei natürlich auch die Angst um die gebotene Reinheit seines Lebenselixiers, dem Bölkstoff. Da kann er richtig garstig werden, der Werner. Und wie ich es mir bereits in meiner eigenen Phantasie zurechtgelegt habe, kommt dann auch der Spruch, den ich wohl niemals vergessen werde und der mir in Sachen Werner immer im Gedächtnis bleiben wird: "Wohin des Weges, Bursch? ..." nur eben als neue, aber nur mit einem einzigen Buchstaben veränderten Version :-). Absolut naheliegend das!

Erstmals vollführt Werner einen ungewollten Ausflug auf dem Skateboard, wobei die Gewichtung hierbei ganz klar auf „Flug“ liegt. Natürlich geht es dabei auch immer wieder um Maurerbrause, Aggregate, Mokicks, Reisschüsseln und echte Feuerstühle. Es wird auch auf die bevorstehende (dritte) Revanche zwischen Brösel auf dem Red Porsche Killer von Horex und dem fett getunten 911er Porsche von Schankwirt Holgi eingegangen. Die Sprechblasen sinn hierbei offmols voll mem friesischen Sleng! Allerdings fand ich Werner früher deutlich witziger. Entweder war er das tatsächlich oder ich bin langsam zu alt für diesen Scheiß. Vielleicht hätte ich vorher auch mehr Bölkstoff tanken sollen. Auch Werner ist älter geworden, reifer, vielleicht gar nachdenklicher un längs nich mäh so loggäää wie früääähhh. Es passiert auch einfach zu wenig in Band 13. Wo ist Geselle Eckat (Eckhard), wo die vertrottelten Bullen Helmut und Bruno, die quäkende Krankenschwester, die überquellende Scheiße, die Bikerfreunde Hörni und Kalle, Ölfuß, der MC Klappstuhl, die unsäglichen Unfälle mit all ihrer rasanten Konsequenz, der Radau und die pure Leichtigkeit des Seins? Die Zeichnungen sind zwar allererste Sahne, aber die Konversationen und das Storyboard im Allgemeinen hätten durchaus mehr Biss vertragen können. 

Für Hardcorefans ist „Werner–Wat nu!?“ sicherlich ein Muss. Für die, die es eventuell werden möchten, mag die Anschaffung eine Überlegung wert sein, aber mit 19,80 Euro wird für den Werner Band 13 ein wirklich stolzer Preis aufgerufen. Man hat das 128 Seiten Büchlein dafür auch leider viel zu schnell durch.


Meine Wertung: 77/100

Link zur Buchseite des Verlags: https://www.werner.de/index.php/werner-13-kommt/

Brösel: WERNER — WAT NU!?, Bröseline Verlag 
Erscheinungstermin: 01. Juni 2018
ISBN 978-3-947626-00-7
128 Seiten
Euro: 19,80

Der offizielle Trailer zu “Werner-Wat nu!?:

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So weit die Füße tragen

Josef M. Bauer
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 11.12.2001
ISBN 9783404146666
Genre: Romane

Rezension:

So weit die Füße tragen von Josef Martin Bauer
(Bastei Lübbe)

„So weit die Füße tragen“ ist die Erzählung des jungen, deutschen Wehrmachtangehörigen und Kriegsgefangenen Clemens Forell [(eigentlich Cornelius Rost (1919–1983)], der Ende des zweiten Weltkriegs zu 25 Jahren Zwangsarbeit in einem russischen Bleibergwerk am Ostkap (Kap Deschnjow) verurteilt wird und von dort zu fliehen versucht. Er schuftet Tag ein Tag aus, wird krank oder gibt hin und wieder an krank zu sein, damit er nur einmal kurz ausbrechen kann, aus der ewigen Dunkelheit und der beklemmenden Bedrängnis des todbringenden Bleibergwerks. Dabei schmiegt er erste Pläne für eine irrwitzige Flucht. 

Der 1955 erschienene und in 15 Sprachen übersetzte Erfolgsroman von Josef Martin Bauer beruht angeblich auf Tatsachen, deren niedergeschriebene Erlebnisse so zermürbend sind wie ein Todesmarsch. Ein verzweifelter Todesmarsch durch die eiskalte Hölle Sibiriens. Ständig auf der Flucht, von nichts weiter umgeben als Eis, Kälte und ewiger Weite. Weit über 14.000 Kilometer legt Clemens Forell  hierbei zurück. Die Entfernungen im Buch werden jedoch stets in „Werst“ angegeben, was etwa einem Kilometer (1066,78 Metern) entspricht.

Die Geschichte beginnt, als im Dezember 1945 ein Zug mit deutschen Kriegsgefangenen durch das karge, schneebedeckte Russland fährt. Monatelang durch halb Sibirien bis zum Baikalsee. Ab und an, wenn der Zug in arktischer Kälte für Stunden steht, wird eine Wanne lauwarmer Kartoffeln hineingeschüttet. Dann darf auch ein Arm voll Feuerholz hineingeholt werden, aber erst nachdem die Toten hinausgelegt wurden. Viel zu wenig Feuerholz um die kalten Wagons in ausreichendem Maße zu heizen. Am ersten Etappenziel Tschita angekommen, sattelt man für den nächsten, qualvollen Abschnitt auf Pferdeschlitten um. Weitere 40 strapaziöse Reisetage ziehen ins Land, in denen elendiglich weitergestorben wird. Das darauffolgende Teilstück zieht sich auf Hundeschlitten fort. Anschließend geht man noch wochenlang zu Fuß. Eine Flucht erscheint aufgrund der Bewachung, der kargen Landschaft und des ewigen Eises mehr als aussichtslos. Es ist eine nie enden wollende Totenwanderung, bei der so mancher auf der Strecke bleibt. Und als man endlich an der Station am Ostkap ankommt, sind von ursprünglich 1.950 Mann gerade noch 1.236 übrig. Josef Martin Bauer erzählt Clemens Forells‘ Geschichte recht nüchtern und sinniert im Allgemeinen wenig über die Strapazen dieser Odyssee. Der Leser muss also seiner Phantasie zusätzlich Antrieb geben, um auch nur annähernd die Qualen und das Elend nachvollziehen zu können, das auf die Totgeweihten mit ihrer Verurteilung hereinbricht. Der intellektuell gehaltene Schreibstil Bauers ist an die vierziger Jahre des letzten Jahrtausends angelehnt, hat etwas Patina angesetzt und verhält sich gegenüber dem Lesefluss daher etwas kontraproduktiv. Die verwendete Sprache ist also gerne mal ein wenig sperrig, passt deswegen aber auch besonders gut zum Zeitgeist, den Gegebenheiten und den Gefahren, denen Clemens Forell im Laufe der Zeit ausgesetzt ist.

In der Kaserne am Ende eines Bergwerksstollens, ohne Einrichtung oder Stroh zum Hinlegen, werden die Männer nach ihrem kräftezehrenden Marsch untergebracht. Quasi arbeitsnah im Bleibergwerk. Es gibt generell wenig zu essen. Nur so viel, dass möglichst keiner stirbt. Der Hunger ist also ein ständiger Begleiter und auch die Dunkelheit. Als viele der Männer an Typhus erkranken und auf eine provisorische Krankenstation gebracht werden, schmieden Forell und sein Kumpan Dechant die ersten Fluchtpläne. Doch dazu kommt es nicht mehr, denn Clemens Forell wird gemeinsam mit dem Strafgefangenen Lothar Eisemann dazu auserkoren, eine bewachte Versorgungsfahrt auf Hundeschlitten zu begleiten. Mit Aufseher Wassilij machen sie sich zu dritt auf den dreiwöchigen Weg zu einer Hafenstadt am Meer. Bei dieser Gelegenheit beschließt Clemens zu fliehen. Es ist eine nahezu aussichtslose Flucht abertausende Kilometer durch die eisige Wüste Sibiriens, des Kaukasus und über das Uralgebirge. Mit Proviant für vielleicht zehn Tage. Als Wassilij tief und fest schläft, nutzt Clemens seine Chance. Er muss den eigentlich sehr netten Russen Wassilij glücklicherweise nicht töten und ihm gelingt die Flucht.

Forell muss aufpassen, dass er nicht schneeblind wird. Er will ein Pensum von mindestens 30 Kilometer am Tag schaffen, was kaum zu schaffen ist. Am elften Tag, als er schon fast nicht mehr klar denken kann, gerät er in eine Kontrolle. Forell wird festgenommen und letztlich wieder seiner Kommandantur am Ostkap überstellt, wo das langsame Sterben von neuem beginnt. Auf Anordnung der Russen wird der Flüchtige von seinen Kameraden im Spießrutenlauf bestraft. Mit allerlei erdenklichem Einfallsreichtum wird auf Clemens eingedroschen. Bis er bewusstlos zu Boden geht. Dann hören die Männer auf, die bereits geschlagen haben. Doch diejenigen, die noch nicht zum Zuge gekommen sind, prügeln weiter ohne jede Rücksicht auf den reglos am Boden liegenden Kameraden Clemens Forell ein. Wieder zurück im Berg überkommen ihn Angstzustände. Er redet nicht mehr so gerne mit den anderen. Vom unförmigen Stiel seiner Spitzhacke bekommt er offene Blutblasen an den Händen. Die Arbeit im Bleibergwerk ist hart. Die Gefangenen kommen nur selten ans Licht. Und so vergeht Jahr um Jahr mit der Arbeit im dunklen Bleibergwerk. Die mühselige Arbeit, ohne auch nur ein Quäntchen Hoffnung, macht die Kriegsgefangenen mürbe. Keiner traut sich gegen die Russen mobil zu machen. Und so verrinnt jeder neuerliche Tag in Schweiß, Demut, Krankheit und hirnzermarternder Sinnlosigkeit. Gequält und angetrieben von der Liebe zu seiner Katrin macht sich Forell zwei Jahre nach seinem ersten Fluchtversuch dann doch auf zu einer erneuten Flucht und auf den äußerst beschwerlichen, wie auch gefährlichen Weg nach Hause. Die jeweils aufgenommenen Strapazen kommen jedoch nicht richtig zur Geltung und bleiben eher hintergründig, was doch arg befremdlich ist, sollte dies doch eines der Hauptaugenmerke eines solchen Tatsachenromans sein.

Im Laufe der Zeit werden von verschiedenen Insassen Fluchtversuche unternommen, von denen einer über Alaska sogar bei den Amerikanern endet, die den Flüchtigen allerdings prompt wieder an die Russen ausliefern. So heißt es also: Es bleibt nur die Möglichkeit über die Weiten Sibiriens nach Hause zu gelangen. Zwei weitere Flüchtige werden keine zehn Kilometer vom Lager erfroren gefunden. Dechant, ein Mitgefangener Forells will es dann dennoch wagen und erhält dabei Unterstützung von dem deutschen Kasernenarzt Dr. Stauffer. Dechant gibt sein Vorhaben jedoch vorzeitig auf. Die Überbleibsel der Fluchtvorbereitungen Dechants sind jedoch noch vorhanden und befinden sich in Dr. Stauffers' Obhut. Als Forell wegen einer Lungenentzündung ins Lazarett kommt, übernimmt er kurzerhand die aufgegebene Planung Dechants. Vor Angst vor Entdeckung, aber auch seiner Liebe zu Katrin wegen, macht sich Clemens Forell abermals auf den beschwerlichen, unvorstellbar strapaziösen Weg. Die klirrende Kälte Sibiriens, die schier endlosen Weiten, die Gefahren des Entdecktwerdens, den Tod als ständigen Begleiter an seiner Seite wissend, marschiert und marschiert und irrt Forell fast ganze drei Jahre lang durch die Einöde des weltgrößten Kontinents. Der Ausbrecher läuft und läuft und läuft und der Horizont, der aus lauter glitzernden Glasscherben zu bestehen scheint, macht den Anschein, als ob er vor ihm fliehen würde. Mit einem sehr kleinen Kompass ausgerüstet, der ihm nur grob die Richtung vorgibt, irrt Clemens Forell durch Sibirien und gerät dabei immer wieder an seine Grenzen oder auch weit darüber hinaus. Er trifft auf einheimische Rentierhirten, die ihn verköstigen, aber nicht verraten, sondern erst einmal mitnehmen. Wochenlang zieht er mit ihnen umher, kehrt sogar in ihr Dorf ein. Irgendwann als die Zeit gekommen ist, überhäuft man ihn mit Geschenken, führt ihn fort und wünscht ihm voller Herzlichkeit alles Gute für seinen weiteren Weg.

Forell trifft mehrfach auf Dörfer, wird in der Regel herzlich aufgenommen und zuvorkommend behandelt. Aber eigentlich will er doch nur nach Hause. Bedrückend wird es, als sich Clemens eingestehen muss, dass er kurz davor steht aufzugeben und sich allmählich Gewahr wird, dass er niemals heimkehren wird. Er gerät an drei russische Strafgefangene, die vor einiger Zeit aus einem Goldbergwerk im Kolymagebirge geflohen sind. Raue Genossen, die als Gesetzlose auf das Leben in der Wildnis bestens eingestellt sind. Sie nehmen Forell mit auf ihre Reise, die in der kargen Landschaft Sibiriens nicht viel mehr als Jagen und Goldwaschen bereithält. Eine tiefe Freundschaft wird sich unter den Männern nicht herauskristallisieren. Eher das Gegenteil ist der Fall. Folgendes Zitat von Seite 343 macht es mehr als deutlich: „Clemens muss ständig auf der Hut sein, denn es ist eine abscheuliche Gegend, in der einem Menschen so schnell etwas zustoßen kann, so laut er auch um Hilfe schreit. Leichen bedeuten in diesem Land keine große Aufregung, wenn überhaupt jemand die findet.“ Forell trifft immer wieder auf Menschengruppen, wobei er von einem Jakutenstamm der Hunde züchtet einen Hund, der wohl Ausschussware ist, zur Seite gestellt bekommt. Niemand auf den er trifft fragt Forell ernsthaft nach seinem Ausweis. Ansonsten redet er sich raus, erfindet Geschichten und baut auf die Barmherzigkeit des einfachen sibirischen Volkes. Er stielt, wenn ihm nichts anderes übrig bleibt und schlägt sich durch. Krank sieht er aus und keiner glaubt, dass er jemals nach Hause zurückkehren wird. Viele meinen es gut mit ihm, andere wiederum trachten ihm nach dem Leben. Aber nicht nur Menschen können hier draußen in der endlosen Wildnis Gefahr bedeuten, denn Forell macht auch mit Bären und Wölfen Bekanntschaft.

„So weit die Füße tragen“ wurde bereits mehrfach verfilmt (u.a. in einem sechsteiligen Fernsehfilm von 1959 und einer Kinoverfilmung von 2001). Wohingegen sich der Sechsteiler noch sehr nahe am Buch orientiert, nimmt sich die 2001er Neuverfilmung schon wesentlich mehr Freiraum für eigene Interpretationen. Auch eine Hörspieladaption wurde erfolgreich produziert. Die Erzählungen, die Cornelius Rost alias Clemens Forell für Josef Martin Bauer auf Tonband gesprochen hatte, wurden jedoch vom Rundfunk-Journalisten Arthur Dittlmann in einer dreiteiligen Doku-Reihe im Bayerischen Rundfunk angezweifelt. Es gibt sehr viele Ungereimtheiten, die auf eine rege Phantasie Cornelius Rosts schließen lassen. Das Buch über die Flucht, die Strapazen und den elend langen Heimweg bis nach München ist dennoch sehr lesenswert. Lediglich die ersten 150 Seiten nehmen sich ein wenig zäh aus.

Meine Wertung: 84/100

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10,00 €
Inkl. MwSt.
BASTEI LÜBBE
TASCHENBUCH
SONSTIGE BELLETRISTIK
478 SEITEN
ISBN: 978-3-404-14666-6
ERSTERSCHEINUNG: 11.12.2001

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Eiskalter Hund

Oliver Kern
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.03.2018
ISBN 9783453438699
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Eiskalter Hund von Oliver Kern
(Heyne)

Kunst macht er, der Herr Kern und zwar eine ganze Menge. Da schreibt er mit "Das Gewicht der Seele" mal eben einen schwarzhumorigen Hammer-Thriller der Sonderklasse, wo er bereits zuvor schon zwei Thriller unter seinem eigenen Namen veröffentlichte. Danach folgten drei Lissabon Thriller unter dem Pseudonym Luis Sellano. Der dritte Lissabon Thriller "Portugiesische Tränen" erscheint übrigens heute, am 10.04.2018 im Heyne Verlag. Davor und dazwischen verfasste Oliver Kern zwei Kristina-Reitmeier-Thriller, die wiederum unter seinem eigenem Namen verlegt wurden und nun eröffnet er mit Kommissar Fellinger schon wieder eine neue Krimi-Reihe. Ach ja und dann waren da ja noch unzählige Beiträge zu Anthologien und seine Comics und Grafiken und Illustrationen und und und...Ein wahrer Allrounder vor dem Herrn, der 1968 in Esslingen am Neckar geborene und heute mit seiner Familie in der Region Stuttgart lebende Herr Kern. Seine Kindheit und Jugend über wuchs er in der niederbayerischen Region um Passau auf. Genauer gesagt in Hauzenberg. Hier ist auch sein neuer Kriminalroman ansässig.

Lebensmittelkontrolleur Berthold Fellinger ist eigentlich so ein richtiger Korinthenkacker, wenn es um seine Kontrollen geht und er nach Paragraph drei bis acht LMHV (Lebensmittelhygiene-Verordnung) Existenzen - die es allerdings zumeist auch geradezu herausfordern - aufs Spiel setzt. Wenn er denn, neben seinen privaten Ermittlungen, überhaupt mal zum Arbeiten kommt, der liebe Herr Beamte von der Hygiene. Auf einen Tipp hin kontrolliert Fellinger mal wieder den Chinesen. Also besser gesagt das Restaurant des Chinesen. Peking heißt es. Er hat nix gegen Chinesen, der Herr Lebensmittelkontrolleur. Nur gegen den abgezogenen Hund, der tiefgefroren im Kühlhaus des Chinesen hängt. Sei überfahren worden. Von des Chinesen Bruder Tian, sagt Herr Luang. Keine zweihundert Meter vom Restaurant entfernt. Der rumänische Koch hält sich dahingehend bedeckt. Nur die sächsische Restaurantangestellte Mai Ling gibt sich redselig und Fellinger einen Tipp auf die Hundebesitzerin "de Frau Boschinga" (die Frau Poschinger), der Fellinger gleich darauf einen Besuch abstattet. Aber nicht nur der Hund ist tot, Frau Poschinger ist auch nicht mehr aufzufinden. Ob da der Chinese nicht vielleicht wichtige Informationen zurückgehalten oder gar Spuren verwischt hat, um sich und seinen Bruder einen gewissen Vorteil zu verschaffen? 

Der Frau Helga Poschinger ihre Tochter Veronika sagt jedenfalls, sie sei in Indien im Urlaub, also die Helga. Aber das glaubt der Herr Fellinger nicht und beginnt zu ermitteln. Und da findet er doch glatt heraus, dass sie gar nicht ausgereist ist, die Frau Poschinger. Zumindest nicht über den Flughafen. Es entspinnt sich nun also eine lustige, wie im Laufschritt erzählte und spannende Story. Seine Recherche führt den Berthold Fellinger sogar ins benachbarte Tschechien, wo ihm nicht weniger Gefahr droht. In der Ich-Form verfasst, sinniert Fellinger immer mal wieder in kurzen, prägnanten Sätzen und aufs Geratewohl über sein eigenes Leben, seine Mitmenschen und die Missstände des Lebens im Allgemeinen. Mit intelligentem Wortwitz, schlagfertigen Argumenten, einem gewissen Unverständnis und einer belustigten Apathie gegenüber seinen Mitmenschen, ermittelt Fellinger hartnäckig im Passauer Umland, vergisst darüber beinahe seine eigene Arbeit und begibt sich auch nicht minder hartnäckig in Gefahr. Das macht er mit der darüberstehenden Lässigkeit eines Mittvierzigers, dem das Leben nicht wirklich etwas anhaben konnte. Noch nicht. Obwohl Fellinger schon gerne Polizist geworden wäre. Da hat aber das Knie nicht mitgemacht. Also sein Knie. Sein Rechtes. Knorpelschaden. Jetzt observiert und ermittelt er halt als Lebensmittelkontrolleur und nebenbei noch ganz privat. Hat doch auch was, wenn man nicht so genau drüber nachdenkt. 

Die Fortschritte seiner Ermittlungen sind dem Leser jedoch nicht immer gleich auf Anhieb klar, da der Plot doch hier und da mal zu unabsichtlichen Verwirrungen neigt. Es werden Finten gelegt und Haken geschlagen, sodass sich zum Schluss hin doch alles ganz anders darstellt, als ursprünglich gedacht. Es drängt sich dem Leser jedoch immer wieder die Frage auf, warum der Fellinger so hartnäckig weiter ermittelt, obwohl ihn die ganze Sache zum einen nichts angeht und er darüber zum anderen seine Arbeit vollkommen vernachlässigt. Der Fellinger ist durchaus sympathisch gezeichnet, der Kriminalroman ist es im Allgemeinen auch. Die übrigen Antagonisten werden nicht minder unterhaltsam dargestellt. Lässig, humorig und schwungvoll bayerisch erzählt...aber eben auch nicht mehr und auch nicht weniger. Schon bei „Das Gewicht der Seele“ habe ich mich bezüglich Kerns Schreibe immer mal wieder an Jörg Juretzka und seine „Kristof Kryszinski“ erinnert gefühlt. Jedoch in etwas abgeschwächter Form. Lustig, kurzweilig und unterhaltsam ist er jedoch allemal, der Kriminalroman „Eiskalter Hund“.

Meine Wertung: 83/100

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OLIVER KERN
Eiskalter Hund
Fellingers erster Fall
Kriminalroman

ORIGINALAUSGABE
Taschenbuch, Klappenbroschur, 304 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-453-43869-9
€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 13,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Heyne
Erschienen: 12.03.2018

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Das Ende

Richard Laymon , Marcel Häußler
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.03.2018
ISBN 9783453677142
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Das Ende von Richard Laymon

- pervers..., perverser..., Laymon!!! -

Keiner stellt den Tod kälter und kränker dar, als der, ihm 2001 bereits selbst anheimgefallene, US-amerikanische Schriftsteller Richard Laymon. Die Plots des, 1947 in Chicago geborenen Autors sind blanker Thrill und blanker Horror. Dafür schreibt der ehemalige Lehrer, Bibliothekar und Zeitschriftenredakteur aber derart cineastisch, dass sich das Kopfkino fast wie auf Knopfdruck einstellt. Es ist selbstredend Ansichtssache, ob dies aufgrund der expliziten Darstellung von Brutalität und Abartigkeit immer so gut ist. Dass sich Laymons Plots stets um eine Kombi aus Sex und Gewalt drehen, dürfte für die Wenigsten etwas Neues sein. Man nehme ein junges sexhungriges Pärchen, ein paar blutgeile Hillbillys und fertig ist der Laymon-Plot. Aber nein, weit gefehlt, so leicht ist es denn nun auch wieder nicht...

Eine blonde Frau, lediglich in ein seidiges Negligee gehüllt, fährt mit ihrem Jaguar durch die Nacht. Sie nimmt einen, offensichtlich bereits auf sie wartenden Mann in einem Waldstück auf. Die beiden überlegen kurz, wo sie ein wenig Ruhe für ihr Schäferstündchen finden könnten und steuern kurzerhand eine Flussbiegung an, die bei den Ortsansässigen unter dem Begriff „Die Schleife“ bekannt ist. Am Fluss angekommen, wollen Sie ein wenig die innere, wie äußere Feuchtigkeit zu spüren. Als die beiden schlussendlich ins Wasser eintauchen, passiert es. Ein augenscheinlich grundloser Gewaltausbruch, der ihr beider Leben verändert. Seines hat er bereichert, ihres hat er beendet. Als sie anschließend auch noch den Kopf verliert und er sich ganz ungezwungen zu ihr legt, schläft er ein. 

Am nächsten Morgen machen Bass Paxton und Faye Everett - ein weiteres Pärchen, das sich am Fluss etwas erfrischen will - eine schreckliche Entdeckung. Zuerst glauben sie an ein schlafendes Paar am Strand. Sie augenscheinlich komplett nackt und er nur mit einer Jeans bekleidet. Er liegt halb auf ihr und alles sieht ganz natürlich und friedlich aus, bis der Mann plötzlich aufwacht und erschrocken mit dem Kopf der Frau, wie mit einer Trophäe oder einem Football unter dem Arm durch den Fluss flüchtet. Bass und Faye haben den Mörder gesehen. Er sie aber auch. Von nun an sind sie in akuter Gefahr, denn der Mörder macht gnadenlos Jagd auf seine Zeugen.

Immer wieder beschreibt Laymon die anziehende, wie auch abstoßende Erotik von diversen Körperteilen, solange sie noch fest mit dem jeweiligen Körper verbunden sind. Im Falle der etwas kopflosen jungen Frau namens Alison Parkington verhält sich die Sache natürlich ein wenig anders. Die Schock- und Aha-Momente sind mal wieder genial. Der Plot kommt mir dieses Mal irgendwie reifer, erwachsener und abgeklärter vor, als alles was ich bisher von Laymon gelesen habe. Die cineastische Vortragskunst des Verfassers ist legendär, erschreckend lebensnah und voller beißend tragischer Komik. Geschickt hält Laymon die Spannung hoch, die Tiefgründigkeit hingegen absichtlich flach. 

Bass und Faye informieren das Büro des Sheriffs Rusty Hodges. Seine investigative Arbeit nimmt sich zwar nicht übermäßig actionreich, dafür aber umso spannender aus. Unterstützung erhält er von seiner Schwiegertochter Deputy Mary "Pac" Hodges. Sie beide machen sich auf die Suche nach Bill und Trinket, einem weiteren jungen Pärchen, das den Mörder der kopflosen Frau gesehen haben könnte. Auch sie scheinen in höchster Gefahr zu sein. Dem Mörder scheint es unter anderem um Machtgefühle, sowie das hemmungslose Ausleben hetero- wie auch homoerotischer Spielereien zu gehen. Ein Katz und Maus Spiel beginnt, indem auch der Mörder kräftig mitmischt. Parallel dazu erzählt Laymon die Geschichte von Merton und Walter, die offensichtlich eine homosexuelle Abhängigkeitsbeziehung führen. Merton scheint etwas Schlimmes getan zu haben, will es Walter aber nicht en Detail erzählen. Walter greift in seiner Verzweiflung zum Hörer und tätigt einen Anruf.

Ein Dritter Erzählstrang berichtet von Faye Everetts' Mitbewohnerin Ina Jones. Als Bass Ina mit seinem Anruf weckt, um sich nach Faye und ihren Befinden zu informieren, ist selbige nicht zu Hause, obschon Bass sie direkt nach der Befragung durch die Polizei zu Hause abgesetzt hatte. Ina bemerkt, dass Faye offensichtlich ihre Koffer gepackt hat und mir ihrem Wagen weggefahren ist. Laymon beschreibt immer wieder Nichtigkeiten, die dem Plot Leben einhauchen und ihn gewissermaßen greifbar machen. Es sind diese kurzen, prägnanten Kapitel, die von einem Erzählstrang zum Nächsten springen, die den Leser an seinen Seiten kleben lassen. Eine lange Zeit passiert fast nichts, doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Über die Motive des Täters oder worum es letzten Endes überhaupt geht wird der Leser sehr lange im Unklaren gelassen, doch dann ist es zu spät, denn nichts ist, wie es scheint.

Richard Laymon charakterisiert seine Protagonisten zumeist absichtlich recht oberflächlich, so muss man auch nicht allzu viel Mitleid aufbringen, wenn der eine oder die andere von ihnen frühzeitig das Zeitliche segnet. Laymon hat seinen Plot hier und da mit ein wenig Humor gewürzt, was mir beim Lesen zuweilen ein tiefenentspannendes Schmunzeln ins Gesicht zauberte. Laymons' Plots weisen keinerlei Tiefgründigkeit auf, aber das brauchen sie auch nicht. Es sind durchgeknallte Thriller, die im Allgemeinen solche Leser ansprechen und unterhalten sollen, die eben auf solch kranken Thrill stehen. Mit einem, zugegebenermaßen  etwas wirren Showdown verabschiedet sich Laymon nach insgesamt 320 Seiten. Was das Ganze alles allerdings mit dem Klappentext zu tun haben soll, weiß nur der Geier... und der hat das Buch sicherlich genauso wenig gelesen, wie der Verfasser des Klappentexts.

Meine Wertung: 84/100

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Aus dem Amerikanischen von Marcel Häußler 
Originaltitel: Among the Missing
Originalverlag: Leisure
Taschenbuch, Broschur, 320 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-453-67714-2
€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 13,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Heyne Hardcore
Erschienen:  12.03.2018

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Fest der Finsternis

Ulf Torreck
E-Buch Text: 672 Seiten
Erschienen bei Heyne Verlag, 13.02.2017
ISBN 9783641190545
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Fest der Finsternis von Ulf Torreck (Heyne Verlag)

- Die Stadt der Liebe spuckt ihren Abschaum aus -

„Fest der Finsternis“ ist ein historischer Kriminalroman, der auf einem einstmals real existierenden Personenkreis aufgebaut und in den Anklängen des 19. Jahrhunderts in Paris angesiedelt ist. Die Geschichte spielt zu der Zeit, als die Pest grassiert und ganz Europa fest in ihrem Würgegriff hält. Der, 1973 in Leipzig geborene Autor Ulf Torreck, nimmt es mit den Zeitepochen, Vitae und persönlichen Beziehungen seiner Protagonisten allerdings nicht ganz so genau. So ward ein allerletztes Aufflammen der Pest in Frankreich 1786 in Marseille dokumentiert und Hauptprotagonist Inspecteur de Police Louis Marais 1805 bereits ein Vierteljahrhundert tot. Wobei hier die Meinungen stark differieren. Aber sei es drum, schließlich handelt es sich bei „Fest der Finsternis“ um Trivialliteratur mit bemerkenswertem Unterhaltungswert, einem köstlich umschriebenen Personenkreis und einer verkommenen, faulig-modrigen Grundstimmung.

Der überaus hartnäckige Inspekteur de Police Louis Marais ist von Polizeiminister Joseph Fouché höchstpersönlich nach Brest strafversetzt worden. Als Marais‘ Frau Nadine und sein Sohn Paul der Pest zum Opfer fallen, versucht sich Marais das Leben zu nehmen. Kurz nachdem er sein Vorhaben noch einmal überdenkt und selbiges vorerst auf die lange Bank schiebt, wird er von Fouché nach Paris zurückbeordert. Zum Commissaire du Police Judiciaire degradiert, soll er Ermittlungen zu den jüngsten Vorfällen in der französischen Hauptstadt aufnehmen. Denn mitten hinein in diesen unsäglichen Zustand des allseitigen Leids, sticht ein brutaler Mörder, der es auf junge Frauen abgesehen zu haben scheint. Als der Clochard Nounous die kopflose Leiche eines toten Mädchens aus der Seine angelt, hat Marais die Antwort auf die Frage nach seiner Rekrutierung durch Polizeiminister Fouché und gleichzeitig seinen nächsten Fall. Der Pathologe Doktor Mounasse stellt fest, dass das Mädchen kurz vor ihrer Ermordung ein Kind entbunden haben muss. Außerdem hat man ein silbernes Kreuz in ihrer Vagina platziert. Das dies nicht die einzige weibliche Leiche in der Form darstellt, wird Inspektor Marais schnell klar, als eine Reihe weiterer grässlicher Morde verübt wird und Marais dabei stets im Dunkeln tappt. Die Leichname sind auf grausamste Art und Weise verstümmelt. Angst und Schrecken, Revolten und eine infame Unsicherheit prägen das Bild dieser verruchten Stadt, in der sich schwarze Messen mit absolut widerwärtigem Hintergrund zutragen sollen. Das Beschriebene und die mörderischen Taten sind zum Teil echt harter Tobak und nichts für zarte Gemüter.

Marais‘ Ermittlungen führen ihn in das weitverzweigte Netz des französischen Hochadels und er erhält hierbei direkte Unterstützung eines weltberühmten Insassen der Irrenanstalt Charenton, welche sich weit im Süden von Paris befindet. Niemand geringerer als der adelige Libertin (Freigeist) und Verfasser einiger pornographischer, kirchenfeindlicher und philosophischer Romane Namens Donatien Alphonse François de Sade (besser bekannt als Marquis de Sade), einem der führenden Connaisseure, wenn es um die Verknüpfung der Themen Sex und Gewalt geht, steht Louis Marais zur Seite. „Es braucht ein Monster, um ein Monster zu jagen“, um es mit Marais‘ Worten zu erklären. Dass, sich die beiden tatsächlich kannten und de Sade den Inspecteur de Police, der ihn des Öfteren wegen seiner unzüchtigen Ausschweifungen festnahm, tatsächlich als seinen Lieblingspolizisten bezeichnete, lag laut Aussage des Marquis an der bemerkenswerten Intelligenz und Redegewandtheit Marais. Man schickte nun also nach de Sade und unterstellte den, in die Jahre gekommenen und fett gefressenen, Gicht und Rheuma geplagten Mittsechziger der Aufsicht des frisch gebackenen Commissaire du Police Judiciaire. Da die beiden Streithähne unterschiedlicher kaum sein könnten, entbrennt auf kurz oder lang eine Art Hassliebe, die sich allerdings nicht zu sehr in den Vordergrund drängt oder gar von den Geschehnissen abzulenken droht und sich immer wieder in kleinen Spitzen zwischen den beiden äußert. Die Geschichte erfährt durch die Investigationen der beiden ungleichen Protagonisten, ein leichtes Flair von Sherlock Holmes und Dr. Watson. Marais hat natürlich auch so seine Schwierigkeiten mit der respektlosen und vulgären Art de Sades. Sehr zum Leidwesen Marais gibt der Marquis nämlich stets seine unpassenden Expertisen ab, mit denen selbiger aber gar nicht mal so unrecht zu haben scheint oder beantwortet Fragen schon mal mit einer nachgeahmten oder geruchsechten Flatulenz.

Der historische Roman ist an die damalige Ausdrucksweise angelehnt, jedoch dahingehend recht verständlich und unkompliziert geschrieben. Es wird unter anderem über den jungen Marquis de Sade berichtet, wie er neben seinen Pflichten als Ehemann Unzucht mit dem Comte (Graf) trieb, wie er im Gefängnis saß, der Guillotine entging und im geheimen seine Bücher schrieb. Leider sind diese erzählerischen Ausschweifungen zum Auftakt des Plots etwas langatmig geraten, was den Lesefluss auf den ersten siebzig Seiten immer wieder stark auszubremsen droht. Das Buch besitzt jedoch einen ganz besonderen Charakter und baut in dieser Stimmung vergangener Epochen, trotz der teils vulgären Sprache und expliziten Gewaltdarstellungen, eine ganz spezielle Gefühlsregung beim Leser auf. Man atmet förmlich den Gestank, die Feuchtigkeit und den Moder aus Paris Gossen, den Dreck und die Fäkalien aus den Abwasserkanälen und die kalte, erniedrigende Hierarchie der Pariser Gesellschaft. Die Geschichte eröffnet von der Grundstimmung her so einige Parallelen zu dem modernen Klassiker "Drood" von Dan Simmons. Dem Plot fehlt es jedoch an einer konsequenten Konstante, denn er wirkt eher ein wenig wirr, grotesk und durcheinander. Der ehemalige Rausschmeißer und Barmann Ulf Torreck lässt es außerdem, sehr zum Leidwesen des Lesers, ein wenig an Lokalkolorit mangeln.

Die Ermittlungen führen den Commissaire du Police Judiciaire unter anderem nach Bicêtre, einem weiteren Irrenhaus vor den Toren von Paris, wo er mit dem ehemaligen Polizeiarzt sprechen will, der nach den ersten Morden dieser Art in einen katatonischen Zustand vollkommener Leere, einhergehend mit Stupor (Starre des gesamten Körpers) und akinetischem Mutismus (antriebsgestörtes Schweigen), gefallen zu sein scheint. Aber auch hier kommt Commissaire Louis Marais trotz enormer Gewaltausbrüche und Folterung seinerseits, was ihn um ein Haar selbst zum Mörder werden lässt, keinen Schritt weiter. Trotz Marais großspuriger, ja teils gar großkotziger Art, zieht er in der kranken Pariser Unterwelt anno 1805 die Sympathien auf sich. Wie ein Besessener ackert Marais an seinem Fall. Allmählich scheint er daran zu zerbrechen und zugrunde zu gehen. Der große Inspektor Marais nur noch Schatten seiner selbst? Mitnichten! Eine  Kriminalgeschichte nimmt ihren Lauf, in der Marais mit seinem neu rekrutieren Assistenten Aristide und dem Asylum Insassen Marquis de Sade ermittelt. Von allen möglichen Seiten werden ihnen Fallen gestellt oder Steine in den Weg gelegt. Auf ihrem gemeinsamen Weg und ihren Ermittlungen begegnet das ungleiche Paar allerlei illustren Gestalten, die ihnen mal mehr mal weniger hilfreich bei ihren Investigationen zur Seite stehen. Dabei kommen sie einem grausamen Motiv auf die Schliche, das sich für meinen Geschmack allerdings etwas zu grotesk ausnimmt. Der historische Thriller/Kriminalroman hat sein ganz eigenes Flair und ist durchaus lesenswert, wenn auch nicht immer ganz glaubwürdig. Die Leichen und deren zum Teil amputieren Körperteile werden hierbei recht explizit beschrieben, was vielleicht nicht jemand Sache sein dürfte. Der 672 Seiten starke Plot liest sich ansonsten ganz gut, weist aber durchaus verzichtbare Längen auf. Auch flacht die Geschichte zu ihrer Aufklärung hin leider ein wenig ab. Ulf Torreck schreibt übrigens auch unter dem Pseudonym David Gray.

https://www.facebook.com/UlfTorreck

Meine Wertung: 82/100

Link zur Buchseite des Verlags:https://www.randomhouse.de/Paperback/Fest-der-Finsternis/Ulf-Torreck/Heyne-Hardcore/e498831.rhd

DEUTSCHE ERSTAUSGABEPaperback, Klappenbroschur, 672 Seiten, 13,5 x 20,6 cmISBN: 978-3-453-67713-5€ 14,99 [D] | € 15,50 [A] | CHF 20,50* (* empfohlener Verkaufspreis)Verlag: Heyne HardcoreErschienen: 13.02.2017

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Die letzten vier Tage des Paddy Buckley

Jeremy Massey , Herbert Fell
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei carl's books, 19.09.2016
ISBN 9783570585559
Genre: Romane

Rezension:

JEREMY MASSEY - Die letzten vier Tage des Paddy Buckley 
(carl’s books)

- der Tod und sein Hirte -

Paddy Buckley, seines Zeichens Bestatter und Angestellter des Bestattungsinstituts Gallagher, hat es geschafft. Endgültig. Eingeäschert und bestattet befindet er sich an einem Ort des wunderbaren Friedens und Verstehens. Von diesem Ort der Stille aus erhält der Leser Einblick in „Die letzten vier Tage des Paddy Buckley“. Paddy höchst selbst berichtet von der Zeit, als seine ganz persönliche Apokalypse über ihn hineinbrach und wie es zu all dem Unheil kam. Er sinniert über seine Arbeit als Bestatter, seinen verständnisvollen Chef Frank Gallagher und seine weiteren Arbeitskollegen. Darunter auch Eamonn Gallagher, den Sohn des Chefs, dem er einst aus einer misslichen Lage half und der ihm auf ewig zu Dank verpflichtet ist. So wie auch Christy, mit dem er sich ebenfalls sehr gut versteht. Zwei Jahre zuvor, als Paddys schwangere Frau Eva an einem Aneurysma stirbt, bricht für Paddy eine Welt zusammen. Völlig verzweifelt und desillusioniert arbeitet er von nun an sieben Tage die Woche und kann nach zwei Jahren der unentwegten Selbstkasteiung letztendlich gar nicht mehr schlafen. Das Schicksal nimmt seinen Lauf, als er die Bestattung für Miss Lucy Wrights verstorbenen Ehemann Michael organisieren soll. Das Vorbereitungsgespräch, sowie die Trauerbewältigung der frisch gebackenen Witwe laufen nämlich etwas anders ab, als es für gewöhnlich üblich wäre und so hat Paddy alsbald einen weiteren Leichnam zu bestatten. Als er sich dann zu allem Unglück auch noch in Brigid, die Tochter von Michael und Lucy Wright verliebt, stolpert Paddy von einer misslichen Lage in die nächste. Mitten hinein in sein eigenes, nicht ganz unverschuldetes Verderben.

Die Ereignisse überschlagen sich endgültig, als Paddy in seinem Toyota Camry eines Abends völlig gedankenverloren und ohne Licht von der Arbeit nach Hause fährt. Er nimmt den Bruder des gefährlichsten Verbrechers ganz Irlands auf die Haube und tötet ihn. Als ihm das schreckensbleich bewusst wird, verlässt Paddy von Panik ergriffen fluchtartig den Unfallort. Von hier an rutscht der eigentlich doch grundehrliche und sympathische Paddy immer weiter hinab in seinen ganz persönlichen, dunkelschwarzen Abgrund und beginnt einen riesengroßen Haufen Scheiße anzurühren. Er verstrickt sich immer mehr in Lügen und kommt aus seinem eigens erschaffenen Dilemma nicht mehr heraus. Paddy hat aber auch außerkörperliche Erfahrungen, die ihn den Dingen recht entspannt entgegenschauen lässt. So gelingt es ihm, das jeweilige Geschehen aus einer gewissen Distanz zu beobachten und in gewisser Weise für diesen Moment unangreifbar zu sein. Mit einer unfassbaren Ruhe und Arglosigkeit zieht Paddy weiter durchs Leben und harrt der Dinge die da kommen. Als er letztlich jedoch nicht mehr Herr der Lage wird, ist er auf die Hilfe seiner Arbeitskollegen angewiesen, die er eigentlich aus dem ganzen Schlamassel raushalten wollte. Er lädt große Schuld auf seine Schultern und führt den Tod aus dem er selbst Profit schlägt quasi immer an der Hand. Und dann kommt es im Bestattungsinstitut zu einem mächtigen Showdown mit weiteren Toten und Verletzten.

Der, in der Ich-Form verfasste Plot „Die letzten vier Tage des Paddy Buckley“ spielt im Oktober des Jahres 2014 in Dublin. Es ist der erste Roman des irischen Roman- und Drehbuchautors Jeremy Massey, der mit seiner Frau und seinen drei Kindern mittlerweile in Australien lebt. Er selbst hat jahrelang im familieneigenen Bestattungsunternehmen gearbeitet und ist somit vom Fach. Massey hat für sein Debüt einen eher zeitlosen Erzählstil gewählt. Das herbstliche Wetter, seine Tristesse und Melancholie spiegeln sich in dessen Texten wieder, werden vom Autor aber durch gekonnt eingeschobene besondere Momente und hoffnungsschwangere Lichtblicke erhellt. So trist und skurril sich die Erzählung auch aufnimmt, so warmherzig, lebendig und humorvoll wird sie auch vorgetragen. Trotz dem, dass der Plot immer bizarrere Formen annimmt, bleibt er stets realistisch. Er nimmt sich dabei aber schon fast ein wenig zu makaber aus, als dass er noch als lustig durchgehen könnte. Jeremys‘ Humor ist definitiv von rabenschwarzer Natur. Der Plot hat jedoch auch etwas poetisches, etwas nachdenkliches, dass einen innehalten und seinen Gedanken nachhängen lässt. Massey bringt mit „Die letzten vier Tage des Paddy Buckley“ ein sehr empathisches und intelligentes Werk zum Ausdruck, das von einem schaurigen, leicht psychotischen, bisweilen gar ekelerregenden Unterton, unterschwelliger Spannung, einer bedrohlichen Dramaturgie und den sympathisch gezeichneten, lebensnahen Charakteren geleitet wird. „Die letzten vier Tage des Paddy Buckley“ ist erfrischend anders und doch wohlbekannt und hier und da mit makabren bis morbiden Nuancen gewürzt, die den Leser das eine Mal schmunzeln, das andere Mal erschaudern lässt.

Meine Wertung: 86/100

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DEUTSCHE ERSTAUSGABEAus dem Englischen von Herbert Fell Originaltitel: The Last Four Days of Paddy BuckleyOriginalverlag: Riverhead, New York 2015Paperback, Klappenbroschur, 272 Seiten, 13,5 x 21,5 cmISBN: 978-3-570-58555-9€ 14,99 [D] | € 15,50 [A] | CHF 20,50* (* empfohlener Verkaufspreis)Verlag: carl's booksErschienen:  19.09.2016

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Old School

John Niven , Stephan Glietsch
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Heyne, 10.07.2017
ISBN 9783453677210
Genre: Romane

Rezension:

JOHN NIVEN - Old School (Heyne Hardcore)

- die Alten lassen es so richtig krachen -

Susan Forbisher ist eine rundum abgesicherte Frau in den Ausklängen ihrer Fünfziger und mit dem Langweiler und beeideten Wirtschaftsprüfer Barry verheiratet. Sie bereitet gerade Kunstblut für ihre Laienspielgruppe „Die Wroxham Players“ vor und er sich Frühstück für einen großartigen Tag. Dass ihr heute noch gründlich das Lachen vergehen wird, ahnt Susan zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ihre Freundin Julie Wickham hingegen geht einer frustrierenden, von Pisse und Bleichmittel dominierten Putztätigkeit im Altersheim nach und bewohnt eine kleine (A-)Sozialwohnung. Einst war sie jung, sexy und gut betucht. Nun ist sie keines mehr davon, denn heute ist ihr 60. Geburtstag. Das verspricht ihr Frustration pur. Ethel Merriman, noch keine Neunzig, Altersheimbewohnerin, Gelegenheitsdiebin und Hobbyrollstuhlfahrerin hat es faustdick hinter den Ohren. Nicht nur ihr vulgäres Gebärden, sondern auch ihre freche, urkomische Art machen sie einfach sympathisch und zum Knuddeln liebenswert. Jill Worth wiederum ist 67. Sie gehört ebenfalls Susans' Laienspielgruppe an. Linda ist ihre 35-jährige Tochter, die mittlerweile aussieht wie 50. Lindas Sohn Jamie ist schwer krank und nimmt sie nahezu 24/7 in Beschlag. Jamie leidet am De-Havilland-Syndrom, einer seltenen Autoimmunerkrankung die das eigene Lungengewebe angreift. Eine OP, die weltweit nur ein Team in Chicago durchführen kann, würde 60.000 Pfund verschlingen. Geld das sie beide nicht haben. Das sind natürlich alles Probleme, die nicht einfach zu handeln sind.

Die beinahe schon enthusiastisch erzählte Story des gebürtigen Schotten John Niven spielt zu Beginn in Wroxham einer kleinen Ortschaft in Norfolk, UK. Später geht es dann einmal quer durch Frankreich. Die Charaktere sind bunt ausgeschmückt, nur allzu lebhaft und des Scheiterns endgültig überdrüssig. Als sich dann auch noch ein, den Damen nur allzu bekannter Freier, einen sechzig Zentimeter langen und sechs Zentimeter im Durchmesser fassenden schwarzen Dildo von einer Domina tief in den Darm stoßen lässt, kann das nicht gut gehen...und das tut es auch nicht! (Zitat Seite 44 : "Er hatte praktisch die Größe von fünf aufeinandergestapelen Cola-Dosen). Voll schwarzen Humor erzählt Niven seine Geschichte der gescheiterten Existenzen, geläuterten Irrwege und unerreichten Ziele. Die coole Story ist zwar durchaus vorhersehbar, dennoch absolut lohnenswert und größtenteils „cozy“ geschrieben. 
Das Konglomerat aus Altersheim und frustrierten, gescheiterten Existenzen an der Schwelle zum Altwerden ist sympathisch gezeichnet, was es dem Leser ein leichtes macht, empathische Gedanken für die Protagonistinnen zu hegen. Nachdem ihnen ihre allgemeine Geldnot und die damit verbundene ausweglose Situation mehr und mehr vor Augen gehalten wird, fassen die Damen einen irrwitzigen Plan. In ihrer Verzweiflung wenden sie sich an den 89-jährigen Nails, ein ehemaliger Liebhaber von Julie und landesweit bekannten Verbrecher a.D. Man trifft sich, findet sich sympathisch, schmiedet gemeinsame Pläne  und  schon kann die Sache steigen. In seinem hohen Alter ist Nails allerdings nicht immer so ganz bei der Sache, was er allerdings im denkbar ungünstigsten Moment durchblicken lässt. Und damit treten sie alle das pure Chaos los.

Eine bunt ausstaffierte Flucht vor der Polizei und ihrer eigenen Vergangenheit beginnt. Eine Flucht voller Erlebnisse und Abenteuer. Die Alten lassen sich dabei auf die falschen Leute ein und obschon sie es tunlichst vermeiden sollten, streuen sie Spuren wie ein Straßenköter mit starkem Durchfall. Den beißend scharfen Geruch der Polizei stetig im Nacken, sind die Damen ihr doch immer einen entscheidenden Schritt voraus. Die Polizisten Boscombe und Wesley sind lebensecht, vielleicht ein bisschen trottelig, aber nicht wirklich überzeichnet. Das ein solcher, natürlich nicht ganz ernst gemeinter Thriller-Plot geradezu für Übertreibungen prädestiniert ist, dürfte nicht nur dem geübten Leser nur allzu klar sein. Die äußerst humorvolle und warmherzige Story ist ansonsten herrlich schön bekloppt und gehört in jedem Fall auf die Leinwand.

Der, 1966 in Irvine, North Ayrshire im Südwesten Schottlands geborene und indes nach England übergesiedelte Autor John Niven wohnt mittlerweile in Buckinghamshire, welches nur knapp drei Auto-Stunden vom ersten Handlungsort Wroxham entfernt liegt. Er studierte bis 1991 Englische Literatur in Glasgow und war später im Marketing und als A&R Manager bei diversen Plattenfirmen (u.a. bei PolyGram) tätig. Als Manager bei London Records lehnte er im Jahre 1997 die Band COLDPLAY mit der Begründung ab, sie seien „Radiohead für Trottel“. Anfang 2002 widmete sich John Niven dem Schreiben und avancierte binnen kürzester Zeit zu einem weltbekannten Thriller- und Drehbuchautor. Sein überaus erfolgreiches Werk „Kill Your Friends“ wurde im November 2015 von Regisseur Owen Harris verfilmt. Nicholas Hoult (u.a. X-Men; Mad Max: Fury Road) spielt darin die Hauptrolle des A&R-Managers Steven Stelfox.

Meine Wertung: 85/100

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Aus dem Englischen von Stephan Glietsch Originaltitel: Sunshine Cruise CompanyOriginalverlag: HeinemanGebundenes Buch mit Schutzumschlag, 400 Seiten, 13,5 x 21,5 cmISBN: 978-3-453-26945-3€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 26,90* (* empfohlener Verkaufspreis)Verlag: Heyne HardcoreErschienen:  09.11.2015

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Old School

John Niven ,
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Heyne, 09.11.2015
ISBN 9783453269453
Genre: Romane

Rezension:

JOHN NIVEN - Old School (Heyne Hardcore)

- die Alten lassen es so richtig krachen -

Susan Forbisher ist eine rundum abgesicherte Frau in den Ausklängen ihrer Fünfziger und mit dem Langweiler und beeideten Wirtschaftsprüfer Barry verheiratet. Sie bereitet gerade Kunstblut für ihre Laienspielgruppe „Die Wroxham Players“ vor und er sich Frühstück für einen großartigen Tag. Dass ihr heute noch gründlich das Lachen vergehen wird, ahnt Susan zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ihre Freundin Julie Wickham hingegen geht einer frustrierenden, von Pisse und Bleichmittel dominierten Putztätigkeit im Altersheim nach und bewohnt eine kleine (A-)Sozialwohnung. Einst war sie jung, sexy und gut betucht. Nun ist sie keines mehr davon, denn heute ist ihr 60. Geburtstag. Das verspricht ihr Frustration pur. Ethel Merriman, noch keine Neunzig, Altersheimbewohnerin, Gelegenheitsdiebin und Hobbyrollstuhlfahrerin hat es faustdick hinter den Ohren. Nicht nur ihr vulgäres Gebärden, sondern auch ihre freche, urkomische Art machen sie einfach sympathisch und zum Knuddeln liebenswert. Jill Worth wiederum ist 67. Sie gehört ebenfalls Susans' Laienspielgruppe an. Linda ist ihre 35-jährige Tochter, die mittlerweile aussieht wie 50. Lindas Sohn Jamie ist schwer krank und nimmt sie nahezu 24/7 in Beschlag. Jamie leidet am De-Havilland-Syndrom, einer seltenen Autoimmunerkrankung die das eigene Lungengewebe angreift. Eine OP, die weltweit nur ein Team in Chicago durchführen kann, würde 60.000 Pfund verschlingen. Geld das sie beide nicht haben. Das sind natürlich alles Probleme, die nicht einfach zu handeln sind.

Die beinahe schon enthusiastisch erzählte Story des gebürtigen Schotten John Niven spielt zu Beginn in Wroxham einer kleinen Ortschaft in Norfolk, UK. Später geht es dann einmal quer durch Frankreich. Die Charaktere sind bunt ausgeschmückt, nur allzu lebhaft und des Scheiterns endgültig überdrüssig. Als sich dann auch noch ein, den Damen nur allzu bekannter Freier, einen sechzig Zentimeter langen und sechs Zentimeter im Durchmesser fassenden schwarzen Dildo von einer Domina tief in den Darm stoßen lässt, kann das nicht gut gehen...und das tut es auch nicht! (Zitat Seite 44 : "Er hatte praktisch die Größe von fünf aufeinandergestapelen Cola-Dosen). Voll schwarzen Humor erzählt Niven seine Geschichte der gescheiterten Existenzen, geläuterten Irrwege und unerreichten Ziele. Die coole Story ist zwar durchaus vorhersehbar, dennoch absolut lohnenswert und größtenteils „cozy“ geschrieben. 
Das Konglomerat aus Altersheim und frustrierten, gescheiterten Existenzen an der Schwelle zum Altwerden ist sympathisch gezeichnet, was es dem Leser ein leichtes macht, empathische Gedanken für die Protagonistinnen zu hegen. Nachdem ihnen ihre allgemeine Geldnot und die damit verbundene ausweglose Situation mehr und mehr vor Augen gehalten wird, fassen die Damen einen irrwitzigen Plan. In ihrer Verzweiflung wenden sie sich an den 89-jährigen Nails, ein ehemaliger Liebhaber von Julie und landesweit bekannten Verbrecher a.D. Man trifft sich, findet sich sympathisch, schmiedet gemeinsame Pläne  und  schon kann die Sache steigen. In seinem hohen Alter ist Nails allerdings nicht immer so ganz bei der Sache, was er allerdings im denkbar ungünstigsten Moment durchblicken lässt. Und damit treten sie alle das pure Chaos los.

Eine bunt ausstaffierte Flucht vor der Polizei und ihrer eigenen Vergangenheit beginnt. Eine Flucht voller Erlebnisse und Abenteuer. Die Alten lassen sich dabei auf die falschen Leute ein und obschon sie es tunlichst vermeiden sollten, streuen sie Spuren wie ein Straßenköter mit starkem Durchfall. Den beißend scharfen Geruch der Polizei stetig im Nacken, sind die Damen ihr doch immer einen entscheidenden Schritt voraus. Die Polizisten Boscombe und Wesley sind lebensecht, vielleicht ein bisschen trottelig, aber nicht wirklich überzeichnet. Das ein solcher, natürlich nicht ganz ernst gemeinter Thriller-Plot geradezu für Übertreibungen prädestiniert ist, dürfte nicht nur dem geübten Leser nur allzu klar sein. Die äußerst humorvolle und warmherzige Story ist ansonsten herrlich schön bekloppt und gehört in jedem Fall auf die Leinwand.

Der, 1966 in Irvine, North Ayrshire im Südwesten Schottlands geborene und indes nach England übergesiedelte Autor John Niven wohnt mittlerweile in Buckinghamshire, welches nur knapp drei Auto-Stunden vom ersten Handlungsort Wroxham entfernt liegt. Er studierte bis 1991 Englische Literatur in Glasgow und war später im Marketing und als A&R Manager bei diversen Plattenfirmen (u.a. bei PolyGram) tätig. Als Manager bei London Records lehnte er im Jahre 1997 die Band COLDPLAY mit der Begründung ab, sie seien „Radiohead für Trottel“. Anfang 2002 widmete sich John Niven dem Schreiben und avancierte binnen kürzester Zeit zu einem weltbekannten Thriller- und Drehbuchautor. Sein überaus erfolgreiches Werk „Kill Your Friends“ wurde im November 2015 von Regisseur Owen Harris verfilmt. Nicholas Hoult (u.a. X-Men; Mad Max: Fury Road) spielt darin die Hauptrolle des A&R-Managers Steven Stelfox.

Meine Wertung: 85/100

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Aus dem Englischen von Stephan Glietsch Originaltitel: Sunshine Cruise CompanyOriginalverlag: HeinemanGebundenes Buch mit Schutzumschlag, 400 Seiten, 13,5 x 21,5 cmISBN: 978-3-453-26945-3€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 26,90* (* empfohlener Verkaufspreis)Verlag: Heyne HardcoreErschienen:  09.11.2015

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1.274 Bibliotheken, 49 Leser, 1 Gruppe, 195 Rezensionen

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Flugangst 7A

Sebastian Fitzek
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Droemer, 25.10.2017
ISBN 9783426199213
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

SEBASTIAN FITZEK - Flugangst 7A
(Droemer Knaur)


Der 46-jährige, äußerst sympathische und stets auf dem Teppich gebliebene Schriftsteller Sebastian Fitzek wird als der deutsche Thriller Autor gehandelt und dies wohl zu Recht, wurden seine Romane doch mittlerweile in 24 Sprachen übersetzt. In gewohnter Regelmäßigkeit liefert der Berliner Autor zumeist qualitativ hochwertige Psychothriller ab, die zwar häufig zu Übertreibungen neigen oder deren Plots oftmals weit hergeholt erscheinen, dafür aber zumeist gut bis perfide durchdacht sind. Da macht auch sein neuestes Werk "Flugangst 7A", welches am 25.10.2017 bei Droemer/Knaur erschienen ist, in beiderlei Hinsicht keine Ausnahme. Seine Sprache ist aus dem Leben gegriffen, zum Teil recht einfach, leicht unkonventionell, dafür aber stets nah am Geschehen und unter Spannung gehalten. Genau dafür lieben ihn die zahlreichen "Fitzekianer". Ich muss jedoch gleich zu Anfang vorwegschicken, dass der erfolgreiche Berliner Autor mit „Flugangst 7A“ den Realitätsbogen mal wieder arg überspannt hat.

 Eine junge Frau namens Nele ist schwanger. Sie ist mit dem HI-Virus infiziert, der in ihrem Blut aufgrund von Medikamenteneinnahme allerdings kaum noch nachweisbar ist. Sie zieht in ihren Beziehungen immer wieder gewalttätige Kerle an, die sie mies behandeln. So auch ihr Exfreund und Vater des ungeborenen Kindes David Kupfer. Der Geburtstermin steht vor der Tür und Neles Vater Mats Krüger steigt in Buenos Aires in einen Flieger nach Berlin, um sich mit seiner Tochter zu versöhnen und ihr bei der Geburt seelischen Beistand zu leisten. Der, am 13.10.1971 in Berlin geborene Autor Sebastian Fitzek plaudert mit seinem zugänglichen Schreibstil, der den meisten Bibliophilen runtergehen dürfte wie Öl, gleich munter drauf los. Eine mysteriöse und unterschwellige Spannung aufbauend, lässt er seine Leserschaft an seinen Seiten kleben. Nicht zuletzt der Haupt-Protagonistin Nele widerfahren merkwürdige, gar ungehörige Dinge, die das Potential dazu haben, dem leidenschaftlichen Thriller-Konsument das ein oder andere Mal den Atem stocken zu lassen. Ihr Vater hingegen gibt sich ganz paranoid seiner Flugangst hin und schon nimmt die Story mächtig Fahrt auf. Fitzek spielt auf geschickte Weise mit den Urängsten seiner Leserschaft. Seine Protagonisten erfahren körperlich, wie seelisch grenzwertige Grausamkeiten. 


Mats, an Bord eines, mit über 600 Passagieren nahezu vollbesetzten Airbus A 380, erhält einen Anruf. Seine hochschwangere Tochter Nele ist entführt worden. Wenn er sich nicht an die Anweisungen des Anrufers hält, wird Nele sterben und mit ihr ihr ungeborenes Kind. Psychologe Mats Krüger soll für eine Katastrophe an Bord sorgen. Er soll eine ihm bekannte Person an Bord dazu bringen, das Flugzeug zum Absturz zu bringen. Nur so könne er seine Tochter und das ungeborene Leben in ihr retten. Was hat es mit diesem doch weit hergeholten Erpressungsversuch auf sich? Was und wer steckt dahinter? Spätestens hier beginnt es arg unrealistisch und konstruiert zu werden, denn das gegeneinander Aufwiegen von Menschenleben ist wohl extrem schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Ich will an dieser Stelle nicht zu viel verraten, nur ist die Antwort auf diese Frage in Fitzeks Plot aus moralischer Sicht wohl vergleichsweise einfach zu beantworten, was das gesamte Storyboard im Prinzip ad absurdum stellt. Der Spannung tut dies jedoch kaum einen Abbruch, wenn man gewillt ist darüber hinwegzusehen. Es entbrennt ein Psychoverwirrspiel, wie man es vom Berliner Autor nicht anderes erwartet hätte. Seine Plots sind nicht übermäßig brutal, aber doch von der etwas härteren Seite und definitiv nichts für zartbesaitete Seelchen. Man sollte sich auch stets bewusst sein, das es sich bei Fitzeks Thrillern stets um Trivialliteratur, ohne jeglichen Tiefgang handelt, die dafür allerdings umso spannender gestaltet sind da er sehr gerne mit sehr deutlich akzentuierten Cliffhangern arbeitet. 


Es entbrennt eine Art Hetzjagd. Ein Wettlauf mit der Zeit. Viele Protagonisten werden eingebunden. Mats erhält dabei Hilfe auf deutschem Boden von nicht immer zu erwartender Seite. Merkwürdige Begebenheiten und seltsame Zufälle mehren sich. Man fragt sich immer wieder wie das alles zusammenhängt? Fitzek macht es natürlich auch dieses Mal wieder enorm spannend und obschon seine Plots nicht immer ganz schlüssig, schon mal mit etwas plumpen Ideen ausstaffiert und zumeist recht realitätsfern gestaltet sind, scheint das seine zahlreiche Leserschaft nicht großartig zu stören. Ich für meinen Teil, kann mir jedenfalls beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Mensch und schon gar kein promovierter, erfahrener Psychologe wie Dr. Mats Krüger in einer Situation wie dieser auch nur annähernd so reagieren würde. Hier stimmt für mich die Verhältnismäßigkeit nicht mehr. Aber Sebastian Fitzek möchte schocken und dafür muss er den Plot ein bisschen in die eine und die andere Richtung biegen. Ich will aber auch hier nicht zu viel verraten. Mats Geschichte hingegen ist bedrückend. Die psychologischen Qualen und deren Folgen werden von Fitzek zumeist in den Vordergrund gestellt. Seine Protagonisten agieren allerdings des Öfteren etwas weltfremd. Wer darüber jedoch geflissentlich hinwegsehen kann (was mir von Seite zu Seite schwerer gelingen will), wird durchaus mit Hochspannung belohnt. Die Geschichte flacht aber meiner Meinung nach, gerade aufgrund ihrer unrealistischen Grundhaltung mehr und mehr ab, bis sie letztlich daran zu zerbrechen droht. Schade eigentlich, aber da sollte Sebastian dringend wieder von ablassen. Seine Plots waren ja schon immer etwas unrealistisch aufgebaut, aber mit "Flugangst 7A" schießt er im wahrsten Sinne des Wortes den Vogel ab. Für den Showdown hält der Autor noch mal richtig harten Tobak bereit. Seien wir nur froh, das Sebastian Fitzek seine psychopathischen Neigungen lediglich in Wort, Ton und Bild auslebt. 


Meine Wertung: 78/100 


http://www.sebastianfitzek.de/ 
http://www.facebook.com/sebastianfitzek.de 


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Hardcover, Droemer HC
25.10.2017, 400 S.
ISBN: 978-3-426-19921-3
Diese Ausgabe ist lieferbar
gebundene Ausgabe: € 22,99E-BOOK: (€16,99) 


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buch, cannabis, drogen, hamburg, humor, joint, kiffen, kiffer, literaturverfilmung, true crime, tüte, weiche drogen

Die Cannabis GmbH

Rainer Schmidt
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Heyne, 08.03.2016
ISBN 9783453676978
Genre: Romane

Rezension:

Die Cannabis GmbH von Rainer Schmidt

(Heyne Hardcore)


- Detailgetreue Anleitung zum Cannabis-Anbau oder Thriller zum Gähnen -


Der Dude und seine Madame. Allein aufgrund dieser törichten, störenden bis nervigen „Namensgebung“ der Hauptprotagonisten hätte man das 352-seitige Buch gleich nach dem Aufschlagen auch schon wieder zuschlagen sollen. 2016 im Heyne Hardcore Verlag erschienen, erzählt Autor und Journalist Rainer Schmidt in "Die Cannabis GmbH" die Geschichte vom „namenlosen“ Dude, eines Hamburger Cannabis Züchters erster Güte. Sein ganzer Stolz: "Strongdude". Eine Eigenzüchtung, ein Kassenschlager. Als der Dude eines Abends seines harzigen Engagements entledigt wird, dass er in einer Scheune hinterm Haus zu züchten pflegte und einen der Täter der Konkurrenz dabei erwischt, diesen daraufhin grün und blau prügelt, übergibt er die Sache kurzerhand seinen Jungs Steely und Mike. Danach passiert jedoch eine gaaanz lange Zeit erst einmal gaaar nichts. Und dieser erste, noch recht interessante Teil des Plots wird auch im Laufe der weiteren Geschichte nicht mehr wirklich aufgegriffen. "Die Cannabis GmbH" lebt zwar Hamburgs Lifestyle und Autor Schmidt versteht es durchaus mit Sprache zu spielen, aber eigentlich entbrennt hier lediglich eine furchtbar langweilige, weil langwierige Lobhudelei auf den Cannabis Anbau. Die etwas wirre „Geschichte“ kommt einem zum Teil so vor, wie im (Cannabis-)Rausch verfasst, ist eigentlich auch nicht wirklich eine Geschichte im herkömmlichen Sinne und für das Etikett Heyne Hardcore leider eine richtiggehende Enttäuschung.

 

Der ehemalige Chefredakteur des Rolling Stone Rainer Schmidt beschreibt die Anbaugepflogenheiten des Dudes bis ins kleinste Detail, was die Sache für einen anbauinteressierten Leser vielleicht spannend, für den Rest der Gesellschaft vollkommen überflüssig gestaltet und den Aufbau eines wahrhaftigen Storyboards dem Anbau THC-haltiger Genussmittel hintanstellt. Es wird einfach viel zu viel über das Leben, sowie das illegale Unternehmen des Dudes philosophiert. Somit zeichnet der gebürtige Düsseldorfer Schriftsteller, welcher derzeit in Berlin lebt, in gewisser Weise eher eine Hommage an ein uraltes Rausch-, Genuss- und Heilmittel. Aufgrund dessen bin ich mir nicht ganz sicher, ob es sich bei "Die Cannabis GmbH" um einen schwer verdaulichen „Thriller“ handeln soll oder rein um eine gut verpackte und sehr detaillierte Anleitung zur Hanfgewinnung. Der Verfasser hält für einen Thriller definitiv zu wenig Story parat, dafür sinniert er über den Markt, unternehmerische Fähigkeiten, die Abnehmer und vor allem über den Marihuana Anbau selbst. PH-Wert, EC-Wert, 400er Metallhalogen-Hochdrucklampen, 600er Natriumdampf-Lampen, Nährsalze, Nährstoffe und Bewässerung, seziert bis ins kleinste Atom. Ein fesselnder Thriller geht hingegen eindeutig anders. Und so zieht sich Seite für Seite zäh wie erkaltende Lava. Es gehört schon eine gehörige Portion Unbedarftheit dazu, solch eine uninteressante, belanglos Geschichte zu Papier zu bringen und derart zu schwafeln, dass es einem den Schmalz aus den Tränendrüsen drückt. Selbst dem enthusiastischsten Bongraucher dürfte "Die Cannabis GmbH" nicht mehr als ein müdes Gähnen entlocken. Für mich ist das absoluter Hamburg-Humbug. Schade eigentlich. Da hätte man sicherlich mehr draus machen können. Vor allem frage ich mich: Wo ist der, Kiffern in die Wiege gelegte Wortwitz, wo der rauchverhangene rußschwarze Humor, wo der kreative Geisteserguss, wo die lockerflockigen Ideen? Komplette Fehlanzeige! Charakterzeichnung, Lokalkolorit ebenfalls Fehlanzeige! Dass sich Nico Hofmann die Filmrechte für UFA Fiction gesichert hat, ist mir ebenso ein Rätsel...aber vielleicht macht er ja was daraus!?!

 

Der Dude ist ein spätpubertärer Althippie, seine Olle (kurzum "Madame" genannt), eine nervige Zicke und seine Mitarbeiter in welcher Hinsicht auch immer tickende Zeitbomben. Die angedeuteten Charakterisierungen bleiben ansonsten eher schemenhaft, was ein Mitfühlen mit den Protagonisten quasi ad absurdum stellt. Das Ganze wird zu allem Überfluss auch noch pseudointelligent und ebenso pseudowitzig vorgetragen. Oder ich kann eben einfach nicht auf den Hamburger Humor...wer weiß das schon?!? Lediglich die, immer mal wieder eingeflochtenen Diskussionen oder das Für und Wider zur hiesigen, meist doch als absolut verfehlt zu bezeichnenden Drogen- und Genussmittelpolitik, birgt in gewisser Hinsicht interessantes. Der Rest ist jedoch ebenso spannungsvoll vorgetragen, wie das Feuilleton der hiesigen Tageszeitung und liest sich zum Teil wie ein wissenschaftliches Essay. Wer sich ein bisschen mit Cannabis auskennt und da meine ich nicht (nur) mit dem Konsum, sondern mit den literarisch nur allzu oft aufgegossenen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Hintergründen, wird sich hier wohl eher langweilen, als irgendetwas Neues zu entdecken. Die Geschichte zieht sich wie ein frisch verdauter Kaugummi und brodelt quasi über vor Langeweile. Die Konversation, wenn sie denn mal stattfindet, ist unnatürlich, steif und bockig, in eine fast schon nervende, mehr oder minder zusammenhangslose Schreibe gepackt. Das Ganze wird zu allem Überfluss auch noch trocken und humorlos runtergenudelt. Action gleich Null! Auf den letzten Seiten wird es dann sogar tatsächlich noch mal spannend, aber das kommt leider reichlich spät. Zu spät, wie ich meine. Denn dann ist das Buch auch schon fertig, der letzte Drops gelutscht und der letzte Joint geraucht. Puh, Erntedank!

 

Meine Wertung: 44/100

 

http://www.rainer-schmidt.org

 

Link zur Buchseite des Verlags: https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Die-Cannabis-GmbH/Rainer-Schmidt/Heyne-Hardcore/e485971.rhd

 

Originaltitel: Die Cannabis GmbH

Originalverlag: Rogner & Bernhard

Taschenbuch, Broschur, 352 Seiten, 11,8 x 18,7 cm

ISBN: 978-3-453-67697-8

€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 13,90* (* empfohlener Verkaufspreis)

Verlag: Heyne Hardcore

Erschienen: 08.03.2016

 

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158 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 40 Rezensionen

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Under Ground

S.L. Grey , Jan Schönherr
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Heyne, 14.11.2016
ISBN 9783453438101
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

S.L. Grey - Under Ground
(Heyne)

- Spannungsarmer Thriller ohne jeglichen Tiefgang -

Ein tödliches Grippevirus breitet sich langsam über die ganze Welt aus. AOBA lässt die gewohnte Weltordnung zusammenbrechen. Als das Virus allmählich auch die USA bedroht, werden alle ankommenden und abgehenden Flüge gestrichen. Keiner kommt mehr weg. So ergeht es auch Cait, die als Au-Pair-Mädchen in New Hampshire arbeitet. Sie will über den JFK Airport zurück nach Johannesburg, der Hauptstadt Südafrikas und ihrer Heimat. Doch die Botschaft an den Anzeigetafeln ist unmissverständlich: Alle Flüge bis auf weiteres gecancelt. Also ist die gezwungen vorerst bei der kleinen Sarita und ihrem Dad Tyson zu bleiben. Als diesem die ausweglose Situation am Flughafen bewusst wird, entschließt er sich kurzerhand dazu Cait einfach mitzunehmen. Mit der Vorgabe zu Saritas Großmutter zu fahren, begeben sich die drei auf den Weg. Jedoch ist nicht die Großmutter das Ziel, sondern ein hermetisch abgeschirmter, in die Erde gebauter Silo Bunker mit mehreren Wohnungen, einer Krankenstation, Fitnessraum, Poolbereich, Kühlhaus und Kontrollraum. Es handelt sich um Survival-Luxuswohnungen im sogenannten Sanctum. Im Internet wurden diese Wohnungen extra für solche Fälle und viele weitere Katastrophen angepriesen. Für sogenannte Prepper (von englisch: to be prepared = bereit sein; also jemand der für alle Eventualitäten einer Katastrophe vorbereitet ist oder sein möchte), die das nötige Kleingeld für solch eine Investition haben. Tyson war einer davon. Mehrere Familien, die unterschiedlicher kaum sein könnten, ziehen aufgrund der nahenden Bedrohung durch das Virus in das Sanctum, dass sich im US-Bundesstaat Maine, mitten im nirgendwo befindet. Das Leben außerhalb des Bunkers gerät allmählich aus den Fugen. Plünderungen, Aufstände, Zerstörung sind an der Tagesordnung. Als es kurz nach dem Einzug ins Sanctum zu mehreren Zwischenfällen kommt, gerät das Leben auch innerhalb des Bunkers nunmehr aus den Fugen. Ein Mörder treibt sein Unwesen und jeder einzelne der Protagonisten könnte es sein...

"Under Ground" ist ein unkonventioneller und moderner Thriller auf 383 Seiten, der den schnellen Verfall von Moral und Werten innerhalb einer Gemeinschaft behandelt, die abgeschnitten von der Außenwelt in eine Extremsituation gerät. Die Geschichte ist über weite Strecken in der Ich-, sowie der Gegenwartsform geschrieben, was ich persönlich für etwas verunglückt, weil irritierend bis nervig empfinde. Mir ist das Ganze auf der einen Seite zu aufgesetzt, auf der anderen Seite viel zu emotionslos und spannungsarm runtergerasselt. Die Charaktere sind recht gleichförmig beschrieben und bleiben daher den gesamten Plot über recht blass. Die Story kommt nur schleppend in Gang und nimmt sich über weite Strecken doch recht belanglos aus. Lokalkolorit ist beinahe gänzlich Fehlanzeige und Spannung will auch nicht so recht aufkommen. Alles wird sehr vage gehalten und nur angedeutet. Der Spannung verleiht dies jedoch kaum Auftrieb.
 
Die Insassen des Schutzbunkers gehen bei der kleinsten Kleinigkeit sofort an die Decke, trauen einander nicht mehr als fünf Meter Feldweg und gehen sich alsbald gegenseitig an die Gurgel. Dann geschieht etwas Unvorhergesehenes und die Schutzsuchenden können ihrem unterirdischen Bunker und sogleich zum potentiellen Massengrab avancierten Sanctum nicht mehr entfliehen. Sie sind von der Außenwelt abgeschnitten. Durch Unachtsamkeit und Dummheit gehen nach und nach immer mehr Sachen kaputt und es kommt im Laufe der Zeit zu Versorgungsengpässen. Allmählich werden die Insassen krank. Nicht nur körperlich sondern auch geistig. Recht schnell fallen die einzelnen Protagonisten in eine Art Neandertaler Verhalten zurück. Als sich die Vorräte allmählich dem Ende neigen, sind Misstrauen, wie auch Missgunst an der Tagesordnung und die Verzweiflung der Eingeschlossenen wird immer greifbarer. 

Nach dem relativ langweiligen ersten Drittel nimmt der Plot nur ganz gemächlich Fahrt auf. Das Storyboard wirkt leider arg konstruiert, die Erzählung ist flach und die zahlreichen Charaktere wurden recht dürftig ausstaffiert. Schade eigentlich, denn die Idee ist eigentlich richtig gut und hat ein megamäßiges Potential. Leider vermögen es die beiden, in Südafrika lebenden Bestsellerautoren Sarah Lotz und Louis Greenberg, die sich hinter dem Pseudonym S. L. Grey verbergen nicht, dieses auch nur annähernd umzusetzen. Der Leser muss sich schon gute 300 Seiten gedulden, bis die Geschichte eine gewisse Erwartungshaltung zu erfüllen im Stande ist. Denn dann wird der Plot geradezu hastig und die Geschehnisse beginnen sich regelrecht zu überschlagen. Spannung ist nun geboten, doch die kommt reichlich spät, denn nach 383 Seiten ist der „Spuk“ auch schon wieder vorbei.

Meine Wertung: 71/100

www.sarahlotz.com
www.louisgreenberg.com
 
Link zur Buchseite des Verlags:
https://www.randomhouse.de/Paperback/Under-Ground/S-L-Grey/Heyne/e462895.rhd
  
DEUTSCHE ERSTAUSGABE
Aus dem Englischen von Jan Schönherr
Originaltitel: Under Ground
Originalverlag: Macmillan
Paperback, Klappenbroschur, 384 Seiten, 13,5 x 20,6 cm
ISBN: 978-3-453-43810-1
€ 12,99 [D] | € 13,40 [A] | CHF 17,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Heyne
Erschienen: 14.11.2016

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443 Bibliotheken, 12 Leser, 1 Gruppe, 141 Rezensionen

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HELIX - Sie werden uns ersetzen

Marc Elsberg
Fester Einband: 648 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 31.10.2016
ISBN 9783764505646
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

ELSBERG, MARC - Helix. Sie werden uns ersetzen 
(Blanvalet)

- aktueller und spannender, aber nüchtern erzählter Wissenschaftsthriller über Genetik und Genmanipulation -

Der US-amerikanische Außenminister bricht auf der Münchner Sicherheitskonferenz zusammen. Er erleidet einen Herzanfall und stirbt im Krankenhaus. Während der anschließenden Obduktion bildet sich ein grinsender Totenkopf auf seinem entnommen Herzen. In Tansania befällt der Armyworm die Maisfelder und zerstört ganze Ernten. Nur ein kleines Gebiet bleibt verschont. Hier sind die Maiskörner viel größer als andernorts. Summende Luftgeister seien dafür verantwortlich, wie eine Bäuerin zu berichten weiß. In dieser Art Super-Mais werden Gene für unterschiedliche Resistenzen gefunden, die andere Sorten in der Gegend nicht aufweisen. Die Konzerne wollen dessen Ausbreitung verhindern, würde es doch Milliarden an Investitionen zunichtemachen und fest einkalkulierte Gewinne schmälern. Dann verschwindet eine hochbegabte 15-jährige. Zuvor hatte sie auf falschen Namen ein Konto mit Millionenbewegungen angelegt. Weltweit kommt es zu immer weiteren, unerklärlichen Resistenzen bei Flora und Fauna. Dass sie genetische Veränderungen erfuhren, hat der Gentechnikkonzern Santira bereits in Erfahrung bringen können. Doch wer steckt hinter dem geschäftsschädigenden Eingriffen in Mutter Natur? „Helix. Sie werden uns ersetzen“ ist ein Wissenschaftsthriller über die Gefahren der Gentechnik, Genetik und Biotechnologie. Er gibt tiefe und erschreckende Einsichten in die Mikrobiologie deren Technologisierung, sowie deren Vermarktung. 

In einer Spezialklinik wird mehreren Paaren die Möglichkeit einer künstlichen Befruchtung offeriert und damit auch die Gelegenheit dem ungeborenen Leben durch gezielte Genmanipulation ganz besondere Fähigkeiten mitzugeben, es zu modifizieren, komplexer zu gestalten und es zu "verbessern". Die Apotheose der Wissenschaft. In den Anlagen einer Gated Community forschen etliche Akademiker, die Versuche am genetisch optimierten Menschen durchführen. Hier können sich die Paare bereits ein Bild der verschiedenartigen Fähigkeiten der Wunderkinder machen. Als die genetisch modifizieren, hochbegabten Wunderkinder jedoch anfingen, während eines Baseballspiels die physikalischen Gesetzte der Schwerkraft außer Kraft zu setzen und durch die Lüfte zu wirbeln wie in chinesischen Martial Arts Filmen, wurde mir der bis dahin interessante und wissenschaftlich fundierte Roman dann leider doch kurzzeitig eine Spur zu albern. Dann flüchtet eines dieser angepriesen Superkinder. Es hatte irrwitzige Vorbereitungen getroffen und plötzlich befindet sich die Menschheit am Beginn einer neuen Zeitrechnung.

Marc Elsberg (eigentlich Marcus Rafelsberger) ist ein, am 03.01.1967 in Wien geborener und dort mittlerweile auch wieder ansässiger Science-Thriller Autor. Er arbeitete jahrelang in Hamburg und Wien in der Werbebranche und schrieb als Kolumnist für die österreichische Tageszeitung „Der Standard“. Mit Vorgängerromanen wie „Blackout“ und „Zero“ erlangte Marc Elsberg internationale Bekanntheit und Anerkennung. Das 646 Seiten umfassende Werk „Helix-Sie werden uns ersetzen“ ist sein mittlerweile siebter Roman. Es ist ein Buch über Moral und Ethik geworden, das die richtigen Fragen zur richtigen Zeit stellt, aber auch eine erschreckende Zukunftsvision, wie sie uns früher ins Haus stehen könnte, als uns allen lieb sein kann. Elsberg arbeitet gerne mit Effekthascherei und Cliffhangern am Ende der kurzen, prägnanten Kapitel, von denen es insgesamt 134(!!!) hat. Kurze Kapitel mit viel Leerlauf in Form weißer, unbedruckter Passagen oder ganzer Seiten bauschen den Roman künstlich auf 646 Seiten auf. Der Autor schiebt aber auch immer wieder interessante Fakten über Wirtschaft und Technologie in den Plot, überfordert den Leser damit nicht und macht die Geschichte dadurch interessanter. Zum Beispiel das "Land Grabbing" in Afrika, welches eine makabere Begrifflichkeit bezüglich des Massenaufkaufs ganzer Ländereien durch große arabische, indische, chinesische, südkoreanische, US-amerikanische, britische oder deutsche Konzerne oder halbstaatliche Organisationen darstellt, um die eigene Landbevölkerung ernähren zu können, während die einheimische Bevölkerung weiter und immer schlimmer Hunger leiden muss. Der Fortschritt auf dem Gebiet der Gentechnik ist erschreckend. Zitat S. 140: "Vor allem, wenn man bedenkt", mischte sich Gordon ein, der ihrer Unterhaltung gefolgt war, "dass sich inzwischen jeder einigermaßen versierte Hobbygenetiker in seinem Küchen- oder Garagenlabor daran versuchen kann."  

„Helix. Sie werden uns ersetzen“ ist eine recht nüchterne, faktenbasierte und unemotionale Erzählung mit durchaus interessanten Denkansätzen. Marc Elsbergs Schreibstil ist rund, verlangt dem Leser aber durchaus ein klein wenig Hintergrundwissen ab. Trotz des umfangreichen Personals, welches den gesamten Plot über leider ein wenig blass bleibt, kommt man aufgrund der jeweiligen Gegebenheiten und Beschreibungen recht gut mit der Namensvielfalt zurecht. Der Autor rasselt sein interessantes Thema allerdings recht trocken herunter, lässt seinen Mitarbeiterstab zu viel recherchieren und baut irgendwann kaum mehr Spannung auf, was für ein kleines Spannungstief zur Mitte des Plots hin verantwortlich ist. Die subtile Spannung reicht meiner Meinung nach allerdings aus, die vergleichsweise trockene Erzählung nahezu den gesamten Plot über zu tragen. Marc Elsberg wirft aber auch einige wahrlich erschreckende Denkanstöße über Moral, Ethik, Wirtschaft, Wissenschaft und Menschenrechte in den Raum. Es geht ihm um die wichtigen moralischen Fragen an die Gesellschaft und die Verantwortung des ureigenen Ichs. 

Meine Wertung: 82/100

www.marcelsberg.com

Link zur Buchseite des Verlags: https://www.randomhouse.de/Buch/HELIX-Sie-werden-uns-ersetzen/Marc-Elsberg/Blanvalet-Hardcover/e487809.rhd

ORIGINALAUSGABE
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 648 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-7645-0564-6
€ 22,99 [D] | € 23,70 [A] | CHF 30,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Blanvalet
Erschienen: 31.10.2016

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2. teil, band 2, einwanderer, ermittlungen, ermordung, flüchtlinge, freundschaft, hörbuch, mord, psychopath, texas, tod, usa, vergangenheit

Glut und Asche

James Lee Burke , Daniel Müller , Dietmar Wunder
Sonstiges Audio-Format
Erschienen bei Random House Audio, 14.09.2015
ISBN 9783837131918
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

James Lee Burke – Glut und Asche
(Random House Audio)

- Ein komplexes und brutales Tex-Mex Thriller Hörbuch -

Danny Boy Lorca, Indianer und Trunkenbold wird Zeuge eines grausamen Mordes in der texanischen Wüste im Grenzgebiet zu Mexiko. Von einem Versteck aus muss er mit ansehen, wie ein Mann von einer Gruppe Mexikaner auf grausame Weise verstümmelt, skalpiert und anschließend getötet wird. Die Szenerie und die Schreie, die sich in den schlimmsten 15 Minuten seines irdischen Daseins tief in seine Gedankenwelt einbrennen, werden sein Leben unwiederbringlich verändern. Danny Boy bleibt unentdeckt und kann einen zweiten Mann vor der Gruppe fliehen sehen. Wieder zu Hause angekommen und voller Vorwürfe, dass er weder dem einen, noch dem anderen Man helfen konnte, verfällt er in sein altbekanntes Schema und gibt sich dem Vergessen durch Alkohol hin. Als er am nächsten Tag schwer angetrunken und eingenässt zum Polizeirevier kommt, um dort wie gewohnt seinen Rausch auszuschlafen und zu duschen, erzählt er von den nächtlichen Vorkommnissen weit draußen in den Mesas. Sheriff Hackberry Holland und sein Chief Deputy Pam Tibbs verfrachten den frisch geduschten Danny Boy in ihr Auto und fahren gemeinsam mit ihm zum Tatort, an dem sich ein Bild des Schreckens offenbart. Sheriff Holland ist sofort klar, dass der Geflohene in allerhöchster Lebensgefahr steckt. Es entbrennt eine gewalttätige und blutige Suche nach dem Geflohenen in der flirrenden Hitze des Tex-Mex Grenzgebietes, in dem sich so allerlei zwielichtige Gestalten, psychopathische Individuen und der allgemeine Bodensatz der Gesellschaft herumtreiben. Plötzlich sieht sich Hackberry Holland mit einem ganzen Pulk an Leuten konfrontiert, die er eigentlich gar nicht in seinem County haben will.

Der hierzulande als zweiter Teil der Hackberry Holland Reihe erschienene Roman „Glut und Asche“ kann als Standalone gehört werden, da er nicht zwangsläufig auf dem ersten Teil „Regengötter“ aufbaut. Selbstverständlich tauchen jedoch altbekannte Protagonisten aus dem ersten Teil auf. Die Charaktere in James Lee Burkes Romanen sind zumeist recht intensiv, persönlich und empathisch gezeichnet. Das macht sie allerdings nicht zwangsläufig sympathisch. Klarer Sympathieträger ist jedoch der bärbeißige aber besonnene, in die Jahre gekommene Sheriff und Hauptprotagonist, mit dem gewöhnungsbedürftigen Namen Hackberry Holland. Ein fast zwei Meter großer, verwitweter Nordkorea Veteran der, wenn er nicht gerade an seinen diversen Traumata leidet, von seinem Rückenleiden gequält wird. Und wie man es vom 1936 in Houston, Texas geborenen Schriftstelle Burke nicht anders gewohnt ist, geht es gleich von Anfang an deftig zur Sache. Das komplexe Storyboard lebt nicht allein von Effekthascherei, sondern vielmehr von der tiefgründigen Zeichnung seiner Protagonisten, der exzellenten Beschreibung des Lokalkolorits, des Einwebens von scheinbaren Nichtigkeiten und des Einbringens der entsprechenden Spannungsbögen immer genau da, wo es richtig weh tut.

Gelesen wird dieser derbe, kranke und zermürbende Thriller von Schauspieler und Synchronsprechwunderkind Dietmar Wunder, der bereits Hollywoodstars wie Daniel Craig, Cuba Gooding Jr. und Adam Sandler seine Stimme geliehen hat. Im Hörbuchbereich kennt man ihn als Sprecher der Thriller Autoren Jean-Christophe Grangé, Stieg Larsson, James Patterson und Jeffrey Deaver. Er wurde bereits mit mehreren deutschen Hörbuchpreisen ausgezeichnet. Dietmar Wunder liest den Plot akzentuiert aber besonnen. Innerhalb der Kommunikation wird er je nach Charakter mal etwas schneller, mal etwas langsamer, spricht je nach Geschlecht dunkler oder heller, ruhiger oder aufgeregter, mal betonter oder mit deutlichem Akzent, so dass sich die einzelnen Protagonisten gut voneinander abgrenzen und die Charaktergebung intensiviert wird. Das Hörbuch kommt im Hochglanz Digi-Pak mit zwei MP3 CDs, einer Gesamtlaufzeit von ca. zehn Stunden und keinem weiteren Zubehör. Das braucht es aber auch nicht, denn die gelungene, wenn auch gekürzte Lesung von Dietmar Wunder, die sogleich ein monströses und grobschlächtiges Kopfkino lostritt, lässt den Hörer an dessen Lippen kleben. Erschienen ist das Hörbuch zu „Glut und Asche“ am 14.09.2015. 

Meine Wertung: 84/100

Link zur Hörbuchseite des Verlags: https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Glut-und-Asche/James-Lee-Burke/Random-House-Audio/e487670.rhd#biblios

Mein Blog: www.lackoflies.com

Aus dem Amerikanischen von Daniel Müller 
Originaltitel: Feast Day of Fools (Simon & Schuster)
Originalverlag: Heyne
Hörbuch MP3-CD (gekürzt), 2 CDs, Laufzeit: ca. 600 Minuten
ISBN: 978-3-8371-3191-8
€ 19,99 [D]* | € 22,50 [A]* | CHF 28,50* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Random House Audio
Erschienen: 14.09.2015

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Glut und Asche

James Lee Burke ,
Flexibler Einband: 704 Seiten
Erschienen bei Heyne, 14.09.2015
ISBN 9783453676800
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


James Lee Burke – Glut und Asche
(Heyne Hardcore)

- Nepper, Schlepper, Bauernfänger auf Texanisch -

Erneut lässt der, 1936 in Houston, Texas geborene Autor James Lee Burke, seinen fast zwei Meter großen Protagonisten, Witwer und Nordkorea Veteran Sheriff Hackberry Holland durch die texikanische Hölle gehen. „Glut und Asche“, der hierzulande am 14.09.2015, als zweiter Teil der Hackberry Holland Reihe erschienene Thriller Roman des internationalen Bestsellerautors, kann als Standalone betrachtet werden, da er nicht direkt auf dem ersten Teil „Regengötter“ aufbaut. Allerdings tauchen neben dem bärbeißigen aber zumeist besonnenen, indes in die Jahre gekommene Sheriff mit dem gewöhnungsbedürftigen Namen Hackberry Holland auch weitere altbekannte Protagonisten wieder auf. Da wären zum Beispiel Chief Deputy Pam Tibbs, Disponentin Maydeen Stoltz, Ethan Riser vom FBI, der russische Waffenhändler Sholokoff oder der ständig betrunkene Indianer Danny Boy Lorca. 

Als letzterer des Nachts in die Wüste geht, um auf der Mesa nahe der Tex-Mex Grenze versteinerte Dinosauriereier auszugraben, wird er Augen- und Ohrenzeuge eines grausamen und brutalen Mordes, verübt von der skrupellosen Schlepperbande eines mexikanischen Drogenkartells, augenscheinlich an einem Bundesbeamten der Drogenbehörde. Noie Barnum, ein weiterer Gefangener der Schlepperbande kann aus der Gewalt seiner Entführer fliehen, wobei der ansonsten einzige Zeuge Danny Boy Lorca glücklicherweise gänzlich unentdeckt bleibt. Barnum hingegen befindet sich in allerhöchster Lebensgefahr, jedoch fehlt von ihm jede Spur. Krill, der Anführer der Schlepper ist ein krankes, barbarisches Individuum, das keine Ruhe findet ehe es sein Opfer gefunden hat. Der geflohene Gefangene ist im Besitz brisanter Regierungsgeheimnisse über den Bau einer Drohne, die die Mexikaner gerne an Al-Quaida verkaufen würden. Das wiederum würden die Amerikaner gerne verhindern und so entfacht ein Flächenbrand ungeahnten Ausmaßes, in einem ausgedorrten Landstrich ohne Moral, voller herzlich kranker und gestörter Individuen, bei dem sich keiner mehr so recht sicher sein kann, wer hier gerade Freund oder wer hier gerade Feind ist. Der Flüchtige Barnum wird von allen Seiten gejagt und hat sich mächtige Feinde, nicht zuletzt auf Seiten beider Regierungen gemacht. Und so geraten der Geflohene Noie Barnum, Reverend Cody Daniels, der auf Wetbacks (umgangssprachlich für illegale, mexikanische Einwanderer) schießt, der ehemalige Kojote (Schlepper) Krill und sein Gefolge, Sheriff Hackberry Holland und sein Deputy Pam Tibbs, Rüstungsunternehmer Temple Dowling, Waffenhändler Sholokoff, sowie die Asiatin Anton Ling, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Illegalen kurz hinter der Grenze Obdach zu gewähren und sie mit dem Nötigsten zu versorgen, in eine nicht mehr aufzuhaltende Lawine geradezu herausgeforderter Interaktionen und somit in eine hässliche und blutige Spirale der Gewalt. Mit einem Mal hat es Hackberry Holland mit einem ganzen Pulk an Leuten zu tun, die er eigentlich gar nicht in seinem County haben will.

Sheriff Holland und Deputy Tibbs ermitteln unter anderem in mexikanischen Bordellen. Ständig begleitet von Hitze, Schweiß und dem betäubenden Geruch nach Tod. Sie sprechen dort mit begriffsstutzigen Kleinkriminellen, nicht sonderlich hilfsbereiten Polizisten und ekelerregenden Zuhältern, was Hackberry das eine oder andere Mal seine Kompetenzen gnadenlos überschreiten lässt. Die beiden Ermittler haben es aber auch immer wieder mit völlig kaputten Gestalten zu tun, die ihnen das Leben schwer machen. Wie bei James Lee Burke nun mal üblich, bewegen sich die Ermittlungen abermals in einem Milieu voller Gleichgültigkeit, Gewalt und der Sehnsucht nach Tod. Zu einer, bereits aus dem ersten Teil "Regengötter" bekannten Person, baut Schriftsteller Burke dann noch eine arge Kontroverse ein, mit der er dem Leser etwas zum Hadern und Zähneausbeißen gibt. 

Wie man es vom Autor nicht anders gewohnt ist, geht es gleich von Anfang an deftig zur Sache. Burke baut seine feinen Spannungsbögen immer genau da auf, wo es richtig weh tut und webt ein, für das belletristische Genre doch recht komplexes Storyboard drum herum. Diverse Parallelen zu den Gangstern aus dem ersten Hackberry Holland Fall drängen sich auf, die Sprache ist explizit und hart wo sie es sein soll, aber im Gegenzug auch nachdenklich und sentimental wo es von Nöten ist. Burkes‘ Schreibstil gleicht stets dem eines actionreichen und interessant aufgebauten Kinofilms. Es herrscht generell viel Kommunikation und die Beschreibung des Lokalkolorits macht die Versinnbildlichung der jeweiligen Szenerien zu einer Leichtigkeit. Jedoch werden hier immer wieder Szenen der Gewalt beschrieben, die zwar nicht in allen Einzelheiten, aber doch recht drastisch aufgeführt werden. Hin und wieder lässt sich Burke dann aber dazu hinreißen zu sehr aus dem Nähkästchen zu plaudern, was den Lesefluss ein wenig ins Stocken geraten lässt und am Anfang des letzten Drittels einen etwa 100-seitigen Durchhänger kreiert. Einen solch komplexen, 696 Seiten starken Thriller bekommt man allerdings auch nicht alle Tage zu lesen. Inhaltlich ist "Glut und Asche" auch etwas wirrer und flacher als noch der erste Hackberry Holland Fall. Zu viele Gruppen, zu viele Gangster und jeder hat irgendwelchen Dreck am Stecken. Auch die Sentimentalität der Auftragskiller in Burkes' Hackberry Holland Reihe ist durchaus etwas befremdlich. Man wird zum Teil regelrecht nachsichtig mit diesen bemitleidenswerten Kreaturen...und dann bekommt Holland bei einem fulminanten Showdown auch noch Hilfe von gänzlich unerwarteter Seite.

Meine Wertung: 82/100

Link zur Buchseite des Verlags: https://www.randomhouse.de/Paperback/Glut-und-Asche/James-Lee-Burke/Heyne-Hardcore/e457859.rhd

Mein Blog: www.lackoflies.com

Aus dem Amerikanischen von Daniel Müller 
Originaltitel: Feast Day of Fools
Originalverlag: Simon & Schuster
Paperback, Klappenbroschur, 704 Seiten, 13,5 x 20,6 cm
ISBN: 978-3-453-67680-0
€ 17,99 [D] | € 18,50 [A] | CHF 24,50* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Heyne Hardcore
Erschienen: 14.09.2015

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Das Äquinoktium der Wahnsinnigen

Anatol E. Baconsky , Max Demeter Peyfuss
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Blitz
ISBN 9783898402774
Genre: Fantasy

Rezension:


Das Äquinoktium der Wahnsinnigen - Anatol E. Baconsky
(Blitz Verlag)

- Der Mensch, die Stadt und das Meer, säen Einsamkeit, Zwietracht und Tod -

„Das Äquinoktium der Wahnsinnigen" ist eine Sammlung von insgesamt elf mythischen und nebulösen Kurzgeschichten auf 208 Seiten, die 1967 im Original unter dem Titel „Echinoxul nebunilor si alte povestiri“ erschienen sind. Die Erzählungen des rumänischen Schriftstellers Anatol E. Baconsky (1925-1977), die sich rund um Tod und Verderben ranken, sind durch ihren prosaischen Schreibstil nicht immer ganz leicht zu lesen oder auf Anhieb zu verstehen. Das Äquinoktium bezeichnet dabei die Tag-und-Nacht-Gleiche, also die beiden Tage eines Jahres, in der Tag und Nacht gleich lang sind. Sie bestimmen den kalendarischen Frühlings-, bzw. Herbstanfang. Die kurzen Stories haben über die Jahre leicht Patina angesetzt und dürften gerne ein wenig spannender gestaltet sein. Sie handeln von einsamen Menschen, ihrem tristen Umfeld und ihren ausweglos erscheinenden Situationen. Sie leben zumeist in kleineren Städten voller Verschwiegenheit und Missmut, sinnieren über ihr Leben und hängen ihren kranken Gedanken, sowie ihren merkwürdigen Phantasien nach.

Sämtliche, aus der Ich-Perspektive geschriebene Geschichten drehen sich um das Meer als Bringer und Nehmer, den Wind als Gedankenträger, den Strand als Sehnsuchtsort und die Stadt als einsamste aller Gegenden. Diese wiederkehrenden Metaphern, Gegenstände, Beschreibungen und Örtlichkeiten sind stets veranschaulichte Trugbilder der vergeistigten Leere der ureigenen Nonexistenz. Es geht um das Unbekannte, Geheimnisvolle, Unaufgelöste, in all seiner grau-schwarzen Farbenpracht. Alles bleibt unter einem Schleier im Verborgenen. Wie hypnotisiert lassen die Protagonisten das selten greifbare Unheil über sich hereinbrechen. Fühlen sich gar in dessen Bann gezogen. Es sind einsame Menschen in trostlosen Gegenden. Der Autor erzeugt eine gewisse Grundstimmung voller Hoffnungslosigkeit. Finstere Gestalten wuseln zu nachtschlafenden Zeiten umher, säen die Saat von Hass und Qual. Existenz und Nonexistenz der Protagonisten verschwimmen ineinander. Selbstzerstörerische Gedanken nisten sich in ihre Gehirne. Die Geschichten bleiben stets offen und bieten Möglichkeiten für unterschiedliche Interpretationen. Ein metaphorischer Quell der Inspiration. 

Ich für meinen Teil kann mit den Kurzgeschichten allerdings nicht allzu viel anfangen, sind sie mir letztlich doch etwas zu trocken, zu spannungsentladen und nicht zuletzt daher doch auch schwer verdaulich. Es sind phantastische Geschichten, die kaum echte Spannung aufkommen lassen und Edgar Allan Poe ganz klar den Vortritt einräumen. Hinzu kommt noch der, bereits angesprochene, nicht immer ganz leicht zu lesende oder eher schon als gewöhnungsbedürftig zu bezeichnende, lyrische Erzählstil, der kaum Dynamik besitzt. Auch dürften die kurzen Geschichten gerne tiefgründiger und leidenschaftlicher ausgeschmückt sein. „Das Äquinoktium der Wahnsinnigen" verlangt einiges an Konzentration und eignet sich kaum zum nebenbei lesen.

Anatol Emilian Baconsky starb am 04.03.1977 bei einem Erdbeben in Bukarest, als er gemeinsam mit seiner Frau und ein paar Freunden die Drucklegung seines Buches „Remember“ (o.g. „Wie ein zweites Vaterland“) feiern wollte. Die Feier fand in einem Hochhaus statt, das bei besagtem Erdbeben komplett in sich zusammenstürzte. 

Meine Wertung: 64/100

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Link zur Buchseite des Verlags: https://www.blitz-verlag.de/index.php?action=buch&id=1760

Januar 2009
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Blitz; Auflage: 1. Auflage (1. Januar 2009)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3898402770
ISBN-13: 978-3898402774

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Regengötter

James Lee Burke , Daniel Müller
Flexibler Einband: 672 Seiten
Erschienen bei Heyne, 20.10.2014
ISBN 9783453676817
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

James Lee Burke - Regengötter

(Heyne Hardcore)

- Eine Hetzjagd durch das geschundene Herz Amerikas -

Dass man James Lee Burke, einen der besten US-amerikanischen Schriftsteller hierzulande neu oder zum Teil erstmalig aufgelegt hat, ist ein wahrer Glücksgriff, sind seine Krimi/Thriller doch stets komplexe, authentische und spannungsgeladene Geschichten mit stark gezeichneten Charakteren, viel Lokalkolorit und einem ganz speziellen, lebendigen Flair. Burke lebt seine intelligent aufgebauten, sowie eingängig geschriebenen Geschichten und tritt beim Leser ein unmittelbar einsetzendes und fesselndes Kopfkino los. Der Autor ergeht sich nicht erst hunderte von Seiten in orgiastischem Geschwafel, legt gleich von Anfang an deftig los und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Das mag auch der Grund dafür sein, dass seine Romane in der Regel bei Heyne Hardcore erschienen sind.

Der, gerade soeben dem Jugendalter entwachsene Trinker und Irakveteran Pete Flores und seine Freundin Vikki Gaddis geraten in Schwierigkeiten als sich Pete auf einen Auftrag mit dem Sadisten Hugo Cistranos und seinen Psychopathen-Freunden einlässt. Cistranos, von dem Nachtclubbetreiber Nick Dolan beauftragt, seinem Konkurrenten Arthur Rooney ein wenig Kopfzerbrechen zu bereiten, übertreibt bei seinem Auftrag, aufgrund eines telefonischen Missverständnisses allerdings komplett. In einem brutalen Gewaltexzess jagen die kranken Bastarde den neun jungen, teilweise noch jugendlichen, asiatischen Prostituierten des Konkurrenten das komplette Magazin einer Thompson Maschinenpistole in den Körper und verscharren selbige anschließend hinter einer Kirche in Chapala Crossing, nahe der Tex-Mex Grenze. Pete, der einen der Wagen fahren sollte, macht sich währenddessen aus dem Staub, tätigt einen anonymen Anruf bei der Polizei und fällt nicht zuletzt dadurch in des Soziopathen Jack Collins‘ Ungnade. Mit dem Profi-Killer und religiösen Spinner Jack "Preacher" Collins, der sich seine Moral hinbiegt wie es ihm gerade in den Kram passt, halst er sich und Vikki ein noch viel größeres Problem auf. Schnell kommt den gesamten Beteiligten das ICE, das FBI und nicht zuletzt Sheriff Hackberry Holland auf die Spur. Eine Hetzjagd durch das geschundene Herz Amerikas ist die Folge und für Vikki und Pete tut sich die Hölle auf.

Der abgeklärte Kriegsveteran und Sheriff mit dem etwas sonderbaren Namen Hackberry Holland wird zum Tatort berufen und entdeckt die neun Leichen notdürftig unter ein bisschen Erde verscharrt und mit einer Planierraupe platt gewalzt. Holland ist ein straighter, hartnäckiger Typ, mit festen Prinzipien, der jedoch ständig mit sich und seiner Vergangenheit im Clinch liegt. Immer wieder holen ihn seine Nordkorea Kriegstraumata, sowie der Rest seiner nicht so rühmlichen Vergangenheit ein und er lebt ein Leben voller Vorwürfe. Der raubeinige Witwer, der bereits weit über den Zenit des Lebens hinaus blickt, ist vielleicht ab und an etwas roh und hart zu sich selbst, hat aber eine durchaus liebenswerte Ader und ist sympathisch gezeichnet. Sheriff Hackberry Holland und seine Kollegin Deputy Pam Tibbs begeben sich bei der Suche nach Vikki und Pete und den psychopathischen Killern immer wieder in höchste Gefahr.

Bei dem, 1936 in Louisiana geborenen James Lee Burke geht es normalerweise um brutale, ungeschönte Gewalt. Man spürt die drohende Gefahr, die brütende Hitze und die zermürbende Verzweiflung. Trotz der 662 Seiten starken Story, die im Jahre 2009 unter dem Titel "Rain Gods" erschien, handelt es sich bei „Regengötter“ um einen komplexen, in sich stimmigen Plot, der gerade aufgrund seiner Beschreibungen des Banalen so echt und lebendig wirkt. Allein die etwas unpassenden Aktionen des Profi-Killers und religiösen Wirrkopfs Jack "Preacher" Collins sind etwas grotesk. Burke neigt in der Beschreibung der Handlungen und Aussagen seiner Protagonisten zu leichten Übertreibungen, die zwar auf-, aber nicht weiter ins Gewicht fallen. Ansonsten auf durchgehend hohem Niveau angesiedelt, ist es ein, für das belletristische Genre vergleichsweise tiefgründiges Buch voller Sadismus, Gewalt und Tod. Mit seinen kaputten Charakteren zeugt das, hierzulande am 20.10.2014 erschienene "Regengötter" vom kranken, kalten Individualismus eines durch und durch verkommenen Landes. Burkes Beschreibungen der örtlichen Gegebenheiten, der Gefühle, Eindrücke und Gedankenwelten seiner Protagonisten, der jeweiligen Situationen in denen sie stecken, schaffen eine eindrückliche Atmosphäre, eine bildhafte Kulisse, sowie diese ganz spezielle, von Hitze und Gefahr geschwängerte Grundstimmung.

Meine Wertung: 84/100

More hard stuff @ www.lackoflies.com


Link zur Buchseite des Verlags: 

https://www.randomhouse.de/Autor/James-Lee-Burke/p3691.rhd


Aus dem Amerikanischen von Daniel Müller

Originaltitel: Rain Gods

Originalverlag: Simon & Schuster

Paperback, Klappenbroschur, 672 Seiten, 13,5 x 20,6 cm, 1 s/w Abbildung

ISBN: 978-3-453-67681-7

€ 16,99 [D] | € 17,50 [A] | CHF 22,90* (* empfohlener Verkaufspreis)

Verlag: Heyne Hardcore

Erschienen: 20.10.2014

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drogen, drogenbanden, drogenfunde, drogenkartelle, franchising, freigabe, gefängnisse, heroin, infrastruktur, koks, legal highs, management, menschenhandel, mitarbeitersuche, narco

Narconomics

Tom Wainwright , Henning Dedekind
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Blessing, 19.09.2016
ISBN 9783896675538
Genre: Sachbücher

Rezension:


Tom Wainwright  – Narconomics-Ein Drogenkartell erfolgreich führen 
(Blessing)

Supermarktkette vs. Drogenkartell

Der ehemalige Philosophie, Politik- und Wirtschaftswissenschaften Student Tom Wainwright, der im Jahre 1982 in London geboren wurde, lebte seit 2010 in Mexico City um als Korrespondent für den Economist aus Mittelamerika, der Karibik, Mexiko und dem Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA zu berichten. Wainwright, indes wieder gesund und munter in den Schoß der Heimat zurückgekehrt, lebt mittlerweile wieder in seiner Geburtsstadt und veröffentlicht mit „Narconomics-Ein Drogenkartell erfolgreich führen“ sein Debüt Sachbuch. 

Mittlerweile zum Wirtschaftsjournalist avanciert, recherchierte Wainwright im, offiziell als mörderischsten Stadt der Welt bezeichneten Juaréz. Den Auftrag in der Tasche, über die exotischste und brutalste Branche der Welt zu berichten. Auftragsmorde, Hinrichtungen, Zerstückelungen, das Ganze auf offener Straße sind hier an der Tagesordnung. Der Kreativität sind hier keinerlei Grenzen gesetzt. Wainwright begibt sich mitten hinein, in die anarchische Kloake aus Drogen, Geld, Luxus, Sex, Blut und Tod. Das Leben ist hier keinen Pfifferling wert. Mit dem nötigen Respekt und einer Portion unverzichtbarem Galgenhumor im Gepäck landet er am Flughafen von Ciudad Juaréz. Auf 352 Seiten erörtert der Wirtschaftsjournalist die direkten Parallelen zwischen den Kartellen und der modernen Marktwirtschaft und stellt die Gewinnmargen gegenüber. Nicht zuletzt aufgrund einer Mordrate, die etwa fünfmal so hoch, wie im gesamten Westeuropa (mit knapp 400 Mio. Einwohnern) lag, hatte die Regierung des Landes Mexiko (mit gerade mal knapp 120 Mio. Einwohnern) den Drogen und ihren Kartellen den Kampf angesagt. Doch nun eskalierte die Gewalt erst recht. El narcotráfico war ein straff durchorganisiertes globales Verteiler- und Geschäftsnetz, dass deren Kollaborateure um jeden Preis verteidigen wollten. Die Bestechungsparole „plata o plomo“ (Silber oder Blei) galt auch hier. Korruption und Gewalt durchzog das Land allmählich bis in die letzten Winkel. Ein Ende war und ist bis heute nicht in Sicht. Alle Maßnahmen der Regierung zum Schutz seiner Bürger scheiterten. Solange die Nachfrage in Nordamerika, Europa und Asien immer weiter ansteigt, ist der „War on drugs“ nicht zu gewinnen. 

Zitat:
- Drogen zu verbieten, was zunächst vernünftig erscheint, hat die Exklusivrechte einer Multimilliarden-Dollar-Industrie den rücksichtslosesten Verbrechernetzwerken der Welt übertragen. -

Auch die Verknappung des Rohstoffs stellt keine vernünftige Alternative dar, wie der Autor anhand verschiedener Modelle aufzeigt. Geht etwas schief (Missernte, Vernichtung des Anbaus durch die Regierung etc.) geht dies voll zu Lasten der armen Bauern und nicht der reichen Kartelle. Die straffe Organisation, die verbesserte Produktion der cocineros (der Kokainköche) und das immer ausgeklügeltere Verteilernetz tun dabei ihr Übriges. Der Polizeiapparat wird von den Kartellmitgliedern ausgehebelt oder gegeneinander aufgehetzt, die jeweilige Bezirks- oder Landesregierung komplett unterwandert, Schutzgelder werden erpresst und wer nicht hören will, wird erschossen, verbrannt, zerstückelt oder fällt einem sonstigen Attentat zum Opfer. Es gibt Markt- und Preisabsprachen. Vertragliche Angelegenheiten müssen mit Gewalt durchgesetzt werden. Die Strukturen innerhalb der Banden oder Kartelle gleicht jedoch in vielerlei Hinsicht denen von Aufsichtsräten moderner Wirtschaftsunternehmen. Aber auch die diametral konträren Handlungsweisen, aufgrund der unterschiedlichen Geschäftsmodelle wird in Augenschein genommen. Wainwright macht vernünftig klingende Vorschläge zur Eindämmung der vorherrschenden Gewalt, der Korruption, der Umstrukturierung des Polizeiapparates, dem Umgang mit der Droge an sich und letztendlich auch dem Umgang mit und der Aufklärung der Endverbraucher. 

Zitat:
- Es sind jedoch gerade die Bemühungen der Behörden und Gesetzeshüter, die bewirken, dass ein simples landwirtschaftliches Produkt, das in seinem Herkunftsland nicht mehr kostete als Kaffee, bei seinem Eintreffen in Europa oder den Vereinigten Staaten mehr Wert ist als sein eigenes Gewicht in Gold. -

Die Drogenkartelle diktieren ihre Preise, wie die übrigen Monopolisten in der freien Marktwirtschaft auch. Die Zeitschrift Forbes führte beispielsweise den Boss des Sinaloa Kartells Joaquin "El Chapo" Guzmán auf Platz 60 der einflussreichsten Männer der Welt. Auf dieser Liste war noch nicht einmal der damalige mexikanische Präsident Calderón vertreten. Guzmán ist Multimilliardär (!!!), sitzt allerdings seit Januar 2016 wieder in Haft und wurde genau ein Jahr nach seiner Verhaftung, nämlich am 19. Januar 2017 an die Amerikaner ausgeliefert.

Wainwright spricht unterdessen mit Drogenbossen, bolivianischen Bauern, trifft sich mit Drogenbeauftragten der Vereinten Nationen in Bolivien, dem damaligen mexikanischen Präsidenten Caldéron, dem Bürgermeister von Juaréz Héctor Murguia, des Weiteren mit Carlos Mojica Lechuga, dem Anführer der Barrio 18 (dem Gegenpart der bekannteren Bande Mara Salvatrucha (MS13)), in einem Gefängnis in Cojutepeque/El Salvador, mit Soldaten der Antidrogeneinheit der Dominikanischen Republik und dem honduranischen Minister für Innere Sicherheit Pompeyo Bonilla Reyes. Er spricht mit einer Haushaltshilfe, die ein Mordkomplott inkl. Auftragsmord gegen zwei Unterdrücker plant und mit einem sogenannten Killerkid, das mit acht Jahren seinen ersten Mord beging. 

Der Autor spricht aber auch über Umschlagplätze, sowie Verkehrswege und führt immer wieder interessante Fakten, Beispiele und Anekdoten ins Feld. Er analysiert und differenziert aus Gesichtspunkten betriebswirtschaftlicher Natur und zieht interessante Studien und Vergleiche heran. Häufig bekräftigt er seine Thesen auch mit Quellenangaben. Die Unternehmensführung, die Lieferketten, die Personalführung, das Verteilernetz, die Konkurrenz, die Umgehung staatlicher Auflagen, die Ertragssteigerung und letztendlich die Befriedigung der (Sehn-)Süchte des Endkonsumenten...all das läuft auf den Vergleich mit dem Geschäftsgebaren einer großen Firma oder Handelskette hinaus. Wainwright vollzieht das Geschäft mit dem Drogenhandel anhand ökonomischer Tatsachen nach. Er vergleicht etablierte Firmenstrategien mit den Strategien der Kartelle und erhält überall direkte Parallelen zu den legalen Geschäftsfeldern von Walmart, McDonalds und Co. Der Autor zeigt anhand von Franchiseunternehmensvergaben Aktionsradien der Kartelle und Banden auf, die sich auch gegen sich selbst, beziehungsweise ihre eigene Führungsriege richten können. Der Internethandel floriert auf der einen Seite, wie auf der anderen Seite. Mit legalen, wie illegalen Waren. Ihre Tentakel reichen (beider Maßen) in die letzten Winkel von Politik, Wirtschaft und Privatleben. Von den Zetas, einer kriminellen Vereinigung aus Mexiko, die indes in weiten Teilen Mittel- und Südamerikas Fuß gefasst hat, gibt es ganze Markenproduktreihen, wie Rucksäcke, Bekleidung, Basecaps, Whiskey oder DVD Raubkopien, die mit den Zeta-Logos versehen sind, aber eben auch aufs brutalste zerstückelte Leichen.

Zitat:
- Lange vor dem Offshoring-Zeitalter war der Drogenhandel ein Vorreiter der Globalisierung. Franchise wie bei McDonald's klappt auch bei Kartellen und kriminellen Banden, wie bei den, in gesamten Südamerika verbreiteten Zetas. -

Es geht auch um den Umgang mit den Inhaftierten, der zum Teil einem positiven Wandel unterzogen ist. Zumindest da, wo man gewillt ist für Rehabilitation, Integration und Bildung setzt, zeigen sich die ersten Erfolge. Brutal und schonungslos geht der Autor aber auch auf den Journalismus vor Ort und seine Gefahren ein. Er beschreibt neben seinem Besuch einer Kokaplantage in den bolivianischen Anden auch die Droge Kokain an sich, wie sie gewonnen wird und vor allem wo. Tom Wainwright geht auch auf die Verlagerung des Marktes in Richtung Legal Highs ein und die ständigen Verbote, die immer bizarrere und gefährlichere Substanzen in den Drogenküchen entstehen lassen. Ebenfalls betrachtet er die Auswirkungen der Freigabe des Marihuana in Teilen Amerikas auf den legalen, wie auch den illegalen Markt. Er geht spricht auch die Marihuanalebensmittel, wie Cannabisdrinks, Cannabisschokolade, Space Cakes, Tautropfen (eine hochkonzentrierte THC Flüssigform, die unter der Zunge aufgenommen wird), Lutscher, etc. an und zeigt die Überlegenheit des legalen gegenüber dem illegalen Cannabismarkt auf. Wainwright durchforstet das Darknet (hier als Deep Web bezeichnet), wo es Marketplaces für Drogen, Waffen, Auftragsmorde etc., in ähnlichem Aufbau wie e-bay oder Amazon gibt. Letztlich geht er auch auf die Wachstumsbestrebungen und die weiteren Betätigungsfelder, wie beispielsweise Menschenschmuggel oder Verlagerung auf andere Märkte ein, weg vom Kokain und Marihuana hin zum Chrystal Meth und erneut zum Heroin als reine zweckmäßige Diversifikation des Geschäfts. Wainwright zeigt auch die Fehler auf, die die Regierungen bei ihrem War On Drugs machen und bietet Lösungsvorschläge oder zumindest Ansatzpunkte für Verbesserungen der Lage. Es sind auch oft verschreibungspflichtige Medikamente, die Menschen in die Abhängigkeit und in die Drogensucht führen.

Zitat:
- Von verständnisvollen Ärzten verschrieben und versehen mit dem beruhigenden Markenzeichen eines bekannten Pharma-Unternehmens, bekommen harte Drogen ein achtbares Gesicht...Landesweit haben zwei Drittel aller Heroinsüchtigen in den USA mit dem Missbrauch verschreibungspflichtiger Schmerzmittel angefangen.- 

Es geht dem Autor natürlich nicht darum irgendetwas bezüglich des Drogengeschäfts zu beschönigen oder gar zu verherrlichen, sondern lediglich die Gemeinsamkeiten und Parallelen innerhalb der Strukturen von Wirtschaftsunternehmen und Drogenkartellen zu verdeutlichen. Dies tut Wainwright ziemlich neutral und nüchtern. Die Gliederung ist gut und der Schreibstil flüssig. Der Autor verliert sich allerdings irgendwann ziemlich zum Schluss in Studien und Vergleichen, die etwas langatmig geraten sind. Er bezieht selten Stellung, außer für den Standpunkt, dass sich die bisherigen Maßnahmen als untauglich, teilweise gar kontraproduktiv ausnehmen, womit er sicherlich auch nicht ganz unrecht hat.

Meine Wertung: 83/100

Zur Autorenseite des Verlags: https://www.randomhouse.de/Autor/Tom-Wainwright/p573260.rhd

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Die Geschichte der Baltimores

Joël Dicker , Andrea Alvermann , Brigitte Große
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.09.2017
ISBN 9783492310796
Genre: Romane

Rezension:


JOËL DICKER - Die Geschichte der Baltimores 
(Piper Verlag) 


Das fragile Glück zerstört der Autor...


Nach dem weltweit gefeierten, in über 30 Sprachen übersetzten, zweiten Roman „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“, des am 16.06.1985 in Genf geborenen Autors Joël Dicker, legte der Piper Verlag im Mai 2016 die gebundene Fassung des Nachfolgewerks „Die Geschichte der Baltimores“ vor. Der, studierte Jurist landete auch mit seinem neuesten Roman wieder einen Weltbestseller. Und wen wundert das auch, bei diesem jungen, talentierten und sympathischen Autor, der mit seinem empathischen Schreibstil bereits Millionen von Menschen in den Bann zog.
 
Joël Dicker zeichnet in seinem nunmehr dritten Roman die Geschichte der mittelständigen Goldmans aus Montclair und ihrer gut betuchten Verwandtschaft, der Goldmans aus Baltimore nach. Eine humorvolle, einfühlsame, teils aber auch traurige Story über Freundschaft, Zuneigung, Geborgenheit, Zusammengehörigkeit, Erfolg, Liebe, Verrat, Lügen, Neid, Eifersucht Schmerz, Verlust, Trauer und Gewalt. Es ist aber auch eine Geschichte über das fragile Glück des Lebens und seine zerstörerische Auswirkung auf sicher geglaubte Existenzen. In gewisser Weise ist dies die Chronik der Familie Goldman. Warum man diese lesen sollte ist ganz einfach erklärt, nämlich weil sie absolut lesenswert ist. Es ist die Vorgeschichte des erfolgreichen Buchautors Marcus Goldman, dem Protagonisten aus "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert". Die Story ist unabhängig von Dickers vorangegangenen Werken zu betrachten und hauptsächlich aus der Sicht von Marcus geschrieben. Dieser erzählt die Geschichte seiner Eltern, seiner wunderbaren, behüteten Kindheit und Jugend, seiner beiden Cousins, dem smarten Hillel und dem Football Ass Woody, seiner zwei Jahre älteren Freundin und späteren Pop Ikone Alexandra Neville, von Onkel Saul und Tante Anita, sowie den gemeinsamen Großeltern. Das Ganze ist ebenso mit einer Portion Humor, wie auch Feingefühl und Einfühlungsvermögen feinstens abgeschmeckt. Joël Dickers genialer Erzählstil ist dabei stets sehr lebensnah und echt. Das Kopfkino kommt somit recht schnell in Gang und lässt den Leser an seinen Seiten kleben.
 
Marcus Goldman verbrachte die Zeit am liebsten mit seinen Cousins. Zusammen waren sie die „Die Goldman-Gang“. Der intelligente und smarte Hillel eckt, durch seine eigentümliche Art, immer öfter an und hält seine Eltern gerne mal auf Trab. Dem sportlichen Woody stehen alle Türen in die NFL (die National Football League) offen und Marcus wäre gerne öfter bei seinen Cousins, sowie bei Tante Anita und Onkel Saul, für die er allesamt große Bewunderung empfindet. Seine Gedankenwelt ist sehr emotional gestaltet und verlangt dem Leser ein gewisses Mitgefühl ab. Es geht zu einem großen Teil über die gemeinsamen Erlebnisse in der Kindheit der drei Freunde, über deren Jugendzeit bis hin zum Erwachsenwerden in ihrer Studienzeit. Es geht aber auch um Anerkennung und Neid unter den Erwachsenen, wie auch den Kindern, um Ruhm und Ehre, sowie dem tiefen Fall, nachdem man so hoch auf der Leiter war.
 
Der Schweizer Autor springt dabei zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her und spricht dabei immer wieder die "große Katastrophe" an, auf die letzten Endes alles hinaus läuft. Mit vagen Andeutungen sät er die alsbald sprießende Saat der Spannung aus. Wer hier allerdings Action pur erwartet, hält mit „Die Geschichte der Baltimores“ definitiv das falsche Buch in den Händen. Alleine die sympathische Erzählweise und der subtile Spannungsbogen machen den Reiz dieser grandiosen Geschichte aus.
 
Der intelligente Hillel, der sportliche und gutaussehende Woody, sowei Marcus, der von all dem ein bisschen was hat, sind die besten Freunde. Sie sehen sich, aufgrund der örtlichen Distanz, allerdings zumeist nur in den Ferien oder an Feiertagen, bei denen die Familien in aller Regelmäßigkeit zusammenkommt. Als die drei Jugendlichen Alexandra Neville kennen lernen, verlieben sie sich heil- und ausnahmslos in das hübsche und kecke Mädchen. Dass diese Freundschaft auf Dauer nicht gut gehen kann, steht außer Frage. Die Jungs schließen also einen Pakt der besagt, dass keiner der drei etwas mit ihr anfangen darf. Als sich Alexandra allerdings dazu entscheidet eine Art On/Off-Beziehung mit Marcus einzugehen, wird dieser halbherzige Entschluss seinerseits schnell wieder verdrängt.
 
Als Marcus seine damalige Ex-Freundin Alexandra ein paar Jahre später wieder trifft, gerät ihr beider Leben völlig aus den Fugen. Ein einziger Vorfall und alles bricht auseinander. Vieles ist ganz anders als es für das jeweilige Gegenüber erscheint. Die Heimlichtuerei einiger Familienmitglieder gräbt tiefe Furchen in die jeweiligen Beziehungen zueinander und lässt Träume platzen. Dazwischen gibt es immer wieder Einblendungen in die Gegenwart. Marcus Goldman hat eigentlich vor in dem recht ruhigen Örtchen Boca Raton sein neues Buch zu schreiben. Dort trifft er allerdings durch einen flauschigen Zufall auf Alexandra Neville und wieder ändert sich alles. Alexandra ist seit längerem mit dem Basketball Star Kevin Legendre zusammen und nicht unbedingt gewillt, ihr Leben ein weiteres Mal für Marcus über den Haufen zu werfen. Doch auch sie hegt noch sehr starke Gefühle für ihn.
 
Man ist stets gespannt darauf, welche Ungerechtigkeiten diesen sympathischen und glücklichen Menschen denn nur wiederfahren konnten. Es ist kein Thriller und auch etwas vollkommen anderes, als "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert". Herzlich und voller Emotionen entlädt sich Glück, Zuneigung, Liebe, aber auch Haas und Gewalt, was die Goldman-Gang zwangsläufig auf die große Katastrophe zusteuern lässt. Man kann die kindliche Freude, die jugendliche Naivität, aber später auch die Beklemmung, die Ratlosigkeit richtiggehend spüren. Es gibt eine Menge tragischer Ereignisse im Laufe des Plots, bei denen man davon ausgeht, dass damit die große Katastrophe gemeint sei, aber es kommt immer dicker, je weiter man in das Leben der Goldmans vordringt, die zum Teil ein arges Geltungsbedürfnis an den Tag legen. Sämtliche Existenzen stürzen in sich zusammen wie Kartenhäuser. Die Charaktere sind innerhalb der 512 Seiten ausführlich gezeichnet und man kann sich recht gut in sie hineinversetzen. Die gesamte Erzählung baut sich langsam auf und endet in einem absoluten, nicht vorherzusehenden Desaster. Man stellt den gesamten Plot über Vermutungen über das Was, Wie und Warum der großen Katastrophe an, wobei im Endeffekt doch alles ganz anders kommt, als man denkt. All das entwickelt sich zu einem absoluten Albtraum und alles was Dicker während des Aufbaus seine Plots auslässt, holt er nun doppelt und dreifach ins Boot. Da wird nicht mehr gekleckert, da wird geklotzt und der Leser bleibt mit offenem Mund sprachlos zurück. Alles, was der Autor über den gesamten Plot so mühsam und filigran aufgebaut hat, die Freundschaften, die Beziehungen, die Sympathien, das ungetrübte Glück, schlägt selbiger auf den letzten Seiten acht- und arglos zu einem kläglichen Scherbenhaufen. Allerdings kommt „Die Geschichte der Baltimores“, die sicherlich ebenfalls mit Inbrunst und Herzblut geschrieben wurde, leider nicht ganz an „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ heran.


Meine Wertung: 86/100


Link zur Buchseite des Verlags: https://www.piper.de/buecher/die-geschichte-der-baltimores-isbn-978-3-492-05764-6


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kristof kryszinski, serienkrimi

TrailerPark

Jörg Juretzka
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei BEBUG, 03.09.2015
ISBN 9783867892025
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


JÖRG JURETZKA - Trailerpark
(Rotbuch Verlag)


„TrailerPark“, der zwölfte Teil von Jörg Juretzkas „Kristof Kryszinski Reihe“, knüpft nahtlos an, wo „TaxiBar“ aufgehört hat. Trotzdem kann der, am 07.07.2015 erschienene, bislang heftigste und brutalste Kryszinski Thriller, wie bereits die vorherigen elf Bände, als Standalone betrachtet und gelesen werden. Es ist allerdings, wie bei jeder anderen Reihe auch, natürlich nicht verkehrt, gewisse Vorkenntnisse mitzubringen. Juretzkas „Kristof Kryszinski Krimi/Thriller“ sind die erste Reihe, die ich komplett gelesen habe und es bleibt zu hoffen, dass sich alsbald ein Regisseur finden möge, der den Mut zur audiovisuellen Umsetzung dieser genialen, schwarzhumorigen Privatdetektiv Serie aufbringt. 


Nachdem sich Kristof mit südfranzösischen Drogenhändlern und korrupten Bullen angelegt hat, steht er nun zwischen beiden Parteien in einer Patt- nein eher Mattsituation, in der er verzweifelt nach einem Ausweg sucht. Juretzka nutzt Kristofs Gedankenwelt wie eh und je für seine scharfzüngigen, auch schon mal politisch unkorrekten, schwarzhumorigen Metaphern. Die, bis ins Detail ausgeklügelten Sätze, spiegeln in ihrer Gesamtheit die Charakterzüge des, ehemals Drogen konsumierenden Privatdetektivs, Hausmeisters, Rockers, Sexgottes, Barkeepers oder was sich ihm auch immer aufdrängt wieder. Indes in einer Werft im fiktiven, portugiesischen Fischerörtchen und Surferparadies Jerusalé, in Tarnung eines lettischen Illegalen, mit dem wunderschönen Namen Nepomuk Blaumanis beschäftigt, ist Kristof untergetaucht, erzählt abwechselnd von seinem jetzigen Leben und auf welch perfide Weise er sich dem Zugriff der Mafia und der korrupten Polizeieinheit entzogen hat. Mit einer nicht unerheblichen, der Verfügungsgewalt der Mafia entzogenen Menge (Drogen-)Geld im Gepäck, hat sich Kristof - alias Nepomuk - in einer deprimierend heruntergekommenen Behausung im ortsansässigen TrailerPark "häuslich" niedergelassen. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, um sich nicht unnötig verdächtig zu machen, sich gleichwohl aber auch nicht der Asozialität der Favelas hingeben zu müssen. Aber auch in dieser trügerischen „Idylle“ bahnt sich bald schon wieder Ärger an. Kristof Kryszinski, von Freunden liebevoll Krüschel genannt, hat nämliche diese besondere Gabe Probleme anzuziehen, wie die Scheiße Fliegen. 


Jörg Juretzka hetzt seinen Protagonisten, der nichts, aber auch rein gar nichts auslässt oder je ausgelassen hat, dieses Mal nicht ganz so atemlos durch den Plot. Viel Zeit zum Verschnaufen lässt er Kri..., äh Nepomuk aber nicht. Auf gerade mal 223 Seiten entspinnt der Autor eine kleines, komplexes literarisches Kleinod, baut immer wieder klasse Ideen, sowie interessante und geschickte Wendungen in seine Geschichten ein, reizt in diesem speziellen Falle die Zufallsthematiken aber auch gerne aus. Da es sich aber fast immer um Kleinigkeiten handelt, kann man da getrost drüber hinwegsehen. Sein Erzählstil ist rasant, spannend und schonungslos, seine Schreibe in einem wahrlich kunstvollen, aber auch deftigen Stil. Die Juretzka Plots sind zwar mit, zumeist um die 250 Seiten eher kurz geraten, dafür schwafelt der, in Mühlheim an der Ruhr geborene Schriftsteller nicht lange um den heißen Brei herum, kommt immer direkt auf den Punkt und kreiert regelrecht komplexe Storyboards, nimmt dabei kaum mal ein Blatt vor den Mund und ist mit seinen Handlungssträngen zumeist recht nah am jeweiligen Zeitgeist.


Man trachtet Kri..., äh Nepomuk offensichtlich einmal mehr nach dem Leben, aber der gesellige Lebenskünstler hat Freunde auf dem TraileraPark. Freunde, die teils fragwürdigen Beschäftigungen nachgehen und zwielichtige Vergangenheiten aufzuweisen haben. Auch sein herzallerliebster Lieblingsfreund Scuzzi ist wieder mit von der Partie. Die Kryszinski Reihe ist vielleicht nicht jedermanns Sache, da hier recht offensiv mit Sprache umgegangen wird, dennoch halte ich gerade diese harte Tour de Force für äußerst durchdacht, bildgewaltig und sehr humorvoll arrangiert. Krüschel ist schon eine coole Socke. Entweder man liebt ihn oder man hasst ihn. Ich habe mich vor langer Zeit für ersteres entschieden!


Meine Wertung: 87/100


Link zur Buchseite des Verlags: https://www.rotbuch.de/buch/sku/36078/trailerpark.html


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billy idol

Dancing With Myself

Billy Idol , Jan Schönherr , Harriet Fricke
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Heyne, 09.05.2016
ISBN 9783453677128
Genre: Biografien

Rezension:

Mit „White Wedding“, sowie „Dancing With Myself“ drang ein (für mich) neuer Künstler Namens BILLY IDOL erstmalig an mein Ohr. Mit seiner einmaligen, mitreißenden Stimme, dem groovenden, gute Laune verbreitenden Punk Rock’n’Roll, sowie diesem ultimativen Swing in seiner Musik, hatte Billy einen Nerv getroffen und den ersten, nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Seit dem Anfang der 80er, spätestens als das „Rebel Yell“ Album 1983 erschien, hatte mich das BILLY IDOL Fieber endgültig gepackt. Damals war ich selbst noch nicht einmal in einem zweistelligen Alter, aber der Titeltrack, sowie die Tracks „Eyes Without A Face“, „Blue Highway“, „Flesh For Fantasy“ oder „Catch My Fall“ haben mich schon damals begeistert und tun es noch bis heute. Auch den selbstbetitelten Vorgänger, das großartige Nachfolgealbum „Whiplash Smile“, welches ich persönlich für sein ultimatives Meisterwerk halte, das „Charmed Life Album“, sowie „Cyberpunk“, Devil’s Playground“ und noch so einige Compilations, DVDs, Maxis und Singles aus frühester Zeit, bis hin zum siebten und letzten Werk „Kings & Queens Of The Underground“, welches europaweit am 17. Oktober 2014 veröffentlicht wurde, nenne ich mein Eigen. Zehn Tage zuvor erschien auch seine Autobiographie „Dancing With Myself“ im englischen Original. Hierzulande wurde das Taschenbuch der gebundenen Ausgabe im Juni 2016 vom Heyne Hardcore Verlag nachgeschoben. 


Sex, Drugs, Punk und Rock'n' Roll. Das war und ist sein Leben. BILLY IDOL, am 30. November 1955 unter dem bürgerlichen Namen William Michael Albert Broad in Stanmore, England geboren, setzt bei seiner Autobiographie mittig an. Los geht es in den ersten Zuckungen der 90er. Im Prolog erzählt er über sein wohl einschlägigstes Erlebnis. Billy hatte gerade die Aufnahmen zu "Charmed Life" beendet und das fertige Material abgegeben, als ihn dieser schreckliche Motorradunfall für einige Zeit aushebelte. Der Unfall war aber nicht das einzige, was BILLY IDOL immer wieder ausbremste. Dies war wohl eher seinem exzessiven Drogenmissbrauch, der sich von Alkohol über Haschisch, Kokain, Ecstasy, GBH, LSD, Quaaludes (Methylchinazolinon ist ein euphorisierendes und aphrodisierendes Hypnotikum), Heroin, Opium, Mandrax, Speed, Tuinal und Secobarbital erstreckte. Es wäre wohl schneller gegangen, ich hätte aufgeschrieben, was er nicht einnahm. BILLY IDOLs Leben bestand aus Drogen und Musik. Zu seinem Künstlernamen kam William Broad in Zeiten seiner Punk Rock Band GENERATION X. Aus dem allgemein gültigen Kosenamen für William, nämlich Billy und dem Wort „idle“ (engl. für träge), wie ihm ein unzufriedener Chemielehrer in seinem Zeugnis in Großbuchstaben vermerkte: „WILLIAM IS IDLE“. Auf die Frage in einem Interview hin, buchstabierte er diesen Namen kurzerhand I-D-O-L und der Künstlername BILLY IDOL war geboren. 


Seine Autobiographie, die sich hauptsächlich um die 70er, 80er und den Anfang der 90er dreht, hat William Broad sehr ausführlich, emotional, schonungslos und verteufelt ehrlich geschrieben. An mancher Stelle wird er gar philosophisch, ist aber auch nicht zimperlich, wenn er über seine Drogen- und Sex Erfahrungen und die wilden Parties in den Hotels oder den Musikstudios spricht. Richtiggehende Orgien haben sich dort abgespielt, mit Mädels aus den örtlichen Stripclups, Drogen aller Art und totaler Unordnung, bis hin zu purem Chaos, inklusive vollgekotztem Fußboden im Klo. Mitten in diesem physischen, wie psychischen Durcheinander entstanden seine Songs. Der Erwartungsdruck, den er sich selbst auferlegte, lastete immer schwer auf seinen Schultern. Die Trennung von seiner Freundin Perri, mit der er den gemeinsamen Sohn Willem zeugte, machte ihm ebenfalls lange und schwer zu schaffen, aber die Arbeit an seiner Musik hatte für ihn immer Vorrang. BILLY IDOL hatte sich stets selbst unter Dampf gehalten, um das Beste aus sich herauszuholen. Nach dem das Album „Charmed Life“ fertiggestellt war, fühlte er sich leer und wollte diese Leere mit einer Fahrt auf seiner 1984er Harley Davidson Wide Glide ausfüllen. Doch dann passierte es. Es tat einen Schlag, Billy verlor das Bewusstsein und wachte blutüberströmt wieder auf. Er hatte einen schweren Unfall. Ziemlich direkt und schonungslos spricht er über seinen schweren, teils offenen Trümmerbruch, der ihn beinahe den rechten Unterschenkel gekostet hätte. Bildlich vorgestellt schon ziemlich eklig und erschreckend, wie William das erzählt...dann ein Cut...


Im ersten Kapitel beginnt das Leben des William Broad. Er erzählt von seinen Eltern und seinen sonstigen Verwandten. Im Alter von drei Jahren zog William mit seiner Familie nach Amerika. Er berichtet von einer unbeschwerten Kindheit und über das Amerika der 50er und 60er Jahre. Drei Jahre später (nämlich 1962) ging es allerdings schon wieder zurück nach England. Für Billy begann alles mit Musik. Sie bedeutete ihm Freiheit, Seele, Emotion und Werhaftigkeit. William Broad beschrieb Musik, die ihm viel bedeutete wie folgt: "Tief in der Magengrube fängt es an, breitet sich von dort aus und überflutet den Körper mit warmen, wohltuenden Endorphinen. Das Hirn knistert vor Wohlgefühl.“ Seine Sprache ist zum Teil in bildgewaltige Metaphern gehüllt. Er interessierte sich für Geschichte, Filme, liebte die BEATLES, ging auf Konzerte von HAWKWIND, BLACK SABBATH oder DEPP PURPLE und rauchte „Kräuterzigaretten“, wie jeder damals. 

 

William Broad gibt unglaublich tiefe und ehrliche Einblicke in sein Leben, seine Kindheit, seine Schul- und Teenagerzeit, die ersten Erkundungen des eigenen Körpers, sowie des anderen Geschlechts. Er sinniert über seine Punk Band GENERATION X, mit der er in den 70ern drei Alben rausbrachte, über DAVID BOWIE, LED ZEPPELIN, HAWKWIND, FRANK ZAPPA, ROXY MUSIC, LOU REED, die SPARKS, THE WHO, KING CRIMSON und seine Freunde von den SEX PISTOLS, sowie die damals häufig auftretenden Probleme mit den Skinheads. Billy musste sich, durch die ständigen Umzüge der Familie immer wieder neu ausrichten, sich anpassen und neue Freunde finden. Die Anfänge seiner Musik, die ersten Gehversuche, die ersten Gitarren und Verstärker, seine Liebe zum Punk Rock, für die er sein Studium, sehr zum Leidwesen seiner Eltern schmiss und die musikalische Revolution, die er und seine Freunde im Prinzip im Louise's, einer Lesben Bar lostraten, ebneten den Weg für seine spätere Solokarriere. Es wird die Frage beantwortet, warum sich BILLY IDOL plötzlich die Haare blond färbte und wie aus der Band CHELSEA letztendlich GENERATION X wurde. Wie der Punk Rock als Generationenkonflikt bei den Jugendlichen immer beliebter wurde und wie Billy und seine Freunde das ROXY, ihren eigenen Club aufmachten. Hier war der Punk zu Hause und alles erlaubt. Hier fühlten sich die Ausgestoßenen und Missverstandenen wohl und zugehörig. Als Subgenre geboren, wurde der Punk Rock alsbald zu einer mächtigen Kulturbewegung der entmündigten Jugend und GENERATION X zur Hausband des ROXY. Billy und sein Bandkollege Anthony Eric „Tony“ James hatten Glück, denn sie kannten Bernard Rhodes, den Manager von THE CLASH, Malcolm McLaren, den Mentor der SEX PISTOLS, sowie Neil Aspinall, der das BEATLES-eigene Label Apple Records leitete. Das wiederum versprach ihnen vernünftige Deals und eine Menge Lehrstoff in Sachen Verträge. Der aufkommende Krieg zwischen den Rockfans verschiedener Subgenres und den Zeitgeist der 70er hat er perfekt eingefangen und das großartige Gefühl als Punk Rocker Teil einer großen Gemeinschaft zu sein. Dann folgte der Einstieg beim Label Chrysalis, dem Billy über lange Jahre treu bleiben sollte, sowie die ersten Erfolge und Fernsehauftritte. Wenn man Billy gut genug kennt, bemerkt man immer wieder diesen typischen Swing oder Singsang, der in seinem Erzählstil mitschwingt. 


Munter geht es weiter über seinen Wandel vom Punk zum Rock'n'Roll, die verärgerten Fans, die neu hinzugewonnenen, die Lossagung von GENERATION X und Bandmate Tony, seinen Neustart in Amerika, bei dem ihn sein Label Chrysalis unterstützte, die „Grabesruhe und der Rückzug in den Mutterleib“ verursacht durch das Rauchen von Heroin und seine langjährige Beziehung zu Perri, die ihm später nach Amerika folgen sollte. Es geht immer wieder drunter und drüber, um harte Drogen und BILLY IDOLs, nicht ganz alltäglichen Alltag. Er erzählt unglaublich sympathisch und empathisch. Billy hatte in Bill Aucoin einen guten Manager, der auch die Überband KISS produzierte und ihm die Zusammenarbeit mit Steve Stevens ans Herz legte. Allerdings bleibt die Frage offen, was aus GENERATION X’s Tony geworden ist, der später als Gitarrist die Band SIGUE SIGUE SPUTNIK ins Leben rief. Mit Keith Forsey bastelte Idol an einem völlig neuen Sound aus R&B, Disco, Techno und Rock, wurde von Gene Simmons zum Essen eingeladen, sah sich PRINCE im Ritz an und war fasziniert von dessem groovigen, maschinenhaften Sound. William erzählt vom Start seiner Solokarriere im Jahre 1981, seinem ersten Solo Album und der Entstehung der Songs dazu. Er berichtet von Begegnungen und Verfolgungsjagden mit den Cops, Rauswürfen aus Hotels, seiner Drogensucht und seiner musikalischen Evolution bin zum Powerpop-Rock-Dance. Es ist schon ziemlich teuflisch, welche Energie und welche Lebensfreude, trotz seiner Sucht in seinen genialen Songs steckt. Er spricht über Videodrehs, die Ausstrahlungen auf MTV und wie sich dadurch die Probleme mit Radiosendern in Luft auflösten. Darüber, wie er zum Star wurde, sein Interview für den Rolling Stone verpatzte, weil er high und besoffen war und wie er beinahe dem Heroin erlegen war, die weltweiten Tourneen, Gold- und Platin Alben und die unzähligen weiblichen Fans, die er gerne mal vernaschte. Zwischendrin gibt es auch ein paar ausgewählte Photographien, unter anderem aus dem Idol-Familienarchiv. Er erzählt von seinem Filmprojekt und dem 11 Millionen Dollar Deal mit Universal. Das Filmprojekt fraß neben einer Menge Zeit Billy fast die Nasenscheidewand weg. Völlig auf Kokain und Heroin kehrte er anschließend ohne Manager nach New York zurück. Seine Langzeit-Freundin Perri verließ ihn, weil er so gleichgültig geworden war und sich immer wieder in sexuelle Abenteuer stürzte, anstatt sich um die Frau zu kümmern, die er liebte. Völlig am Boden zerstört und krank vor Sehnsucht machte er sich an das Songwriting für das "Rebell Yell" Nachfolge Album "Whiplash Smile". Seinen wahren Charakter hatte William unter einer Tonne Kokain begraben. Paranoia und Halluzinationen überkamen seinen Geist und er wusste, dass es Zeit war aufzuhören, doch das erwies sich als schwieriger als gedacht. Stattdessen rauchte er immer mehr Koks. Billy erzählt das so eindrucksvoll, dass man wahrlich Mitleid für ihn empfindet und als Fan sogar recht traurig wird, denn ein schönes Leben scheint dieser Abschnitt leider nicht gewesen zu sein. Der enorme Berühmtheitsgrad nahm ihm die Freiheit und die Drogen seine Seele. BILLY IDOL war am Ende und kaputt, mutierte zu einem launigen Arschloch und ergab sich der Leere. Zitat von William Broad: „Ein Junge aus Bromley in Kent, der allein und völlig zugedröhnt in New York saß, langsam verrückt wurde und durch den hirnzersetzenden Drogencocktail die Kontrolle über sich verloren hatte, ohne jemanden an seiner Seite, der ihn zur Vernunft bringen konnte.“


Billy hatte letzten Endes Glück und sprang dem Tod einmal mehr von der Schippe. Unglaublich offensiv berichtet William von seinen Drogeneskapaden und den Streitereien innerhalb der Band. Er zog mit Perri nach L.A. und einen Monat später war sie schwanger. Billy kaufte sich eine Harley Davidson Wide Glide und übte erst einmal auf einer Kawasaki 454, bevor er sich an die 380 kg schwere Maschine herantraute. Als Perri hochschwanger war, hatte er bereits wieder die ein oder andere Affäre am Laufen. Dann kam sein Sohn Willem Wolfe Broad auf die Welt. Durch und durch Gewohnheitstier, fiel Billy allerdings recht schnell in seine alten Verhaltensmuster zurück, was letzten Endes zum endgültigen Bruch mit Perri führte. Dann begannen die Aufnahmen zu "Charmed Life". Wenn man bedenkt, was Billy Idol in all den Jahren – wenn auch selbst aufgebürdet – durchgestanden hat, dann ist seine Geschichte eigentlich eine ziemlich traurige und einsame. William spricht über sein Angebot zum Mitwirken an Oliver Stones Film "The Doors" und das Angebot in „Terminator 2“ den T-1000 zu spielen. Dann erblickte seine Tochter Bonnie Blue das Licht der Welt, deren Mutter allerdings nicht Perri war. Billy verfiel im Laufe der Zeit erneut in eine ausgewachsene Depression, die ihn mit ein paar Freunden aus seinem Motorrad Club „Rude Dude“ nach Bangkok trieb und ihn abermals zu harten Drogen greifen ließ. Man mietete die Präsidenten Suite im Oriental Hotel und vögelte sich durch sämtliche Bordells. Seine Wutausbrüche und seine Unzurechnungsfähigkeit ließen ihn mehrere Hotelzimmer zerstören und zigtausende Dollars verprassen. BILLY IDOL trieb es dermaßen bunt, dass er letzten Endes in Begleitung der thailändischen Armee des Landes verwiesen wurde. 


Wenn man BILLY IDOLs Autobiographie liest, wird einem unweigerlich klar, dass er zwar viel erlebt, aber zu einem gewissen Teil kein wirklich schönes oder erstrebenswertes Leben hatte. William Michael Albert Broad kann im Endeffekt dankbar sein, dass er so gute und geduldige Freunde und eine loyale Familie an seiner Seite hatte und hat. Durch seinen Unfall verspielte er sich letztlich die ein oder andere angesprochene Filmrolle und musste einige OPs über sich ergehen lassen, ehe er wieder einigermaßen hergestellt war. Die anstrengende "Charmed Life" Tour ließ sich nur mit Krücken absolvieren. Als dann der Nachfolger „Cyberpunk“ floppte, nahm er zwölf Jahre lang kein weiteres Album auf. Billy traf in der Zwischenzeit auf Stephen „Evil McG“ McGrath, der auch ein großer Harley Fan war, später als Bassist bei BILLY IDOL einsteigen sollte und er schnupperte wieder am verlockenden Duft auf der Bühne zu stehen. Auf das „Devil’s Playground“ Album geht Billy nicht allzu sehr ein. Danach mussten die Fans erneut eine Ewigkeit, nämlich ganze neun Jahre auf ein neues Album des Rock’n’Roll Punk warten. Lediglich die Weihnachts-CD „Happy Holidays“ (2006), mit lauter Weihnachtsklassikern wurde von ihm eingesungen, aber mit nahezu keiner Silbe in seiner Autobiographie erwähnt. Im Oktober 2014 folgte mit „Kings & Queens Of The Underground“ sein bis dato letztes Album, welches einen kompletten Rundumschlag seiner langjährigen Karriere darstellt und das erfolgreichste Album seit „Charmed Life“ wurde. Zum Schluss spricht er noch mal von seinem Kindern Bonnie und Willem, seinen Eltern und vor allem seinem, an Krebs erkrankten und mittlerweile verstorbenen Vater. Billy fühlt tief in seinem Inneren eine Art gespaltenes Ich, dass es ihm oftmals schwer machte, die richtigen Entscheidungen im Leben zu treffen. Möge er noch lange Leben, viel Zeit und Spaß mit seinen Kindern haben und noch viele, viele großartige Alben aufnehmen!!!


Meine Wertung: 85/100

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Terror

Ferdinand Schirach
Flexibler Einband: 176 Seiten
Erschienen bei btb, 12.09.2016
ISBN 9783442714964
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:


Ferdinand von Schirach - Terror
(btb Verlag)

Wer bereits Bücher des Autors Ferdinand von Schirach gelesen hat, weiß in etwa um den spannenden, unterhaltsamen und stakkatohaften Schreibstil des ehemaligen Strafverteidigers. Seine prägnanten Erzählungen haben generell mit Recht und Unrecht zu tun, die zumeist auf wahren Begebenheiten beruhen. Bei seinem neuesten Werk „Terror“, welches am 12.09.2016 als Taschenbuch im btb Verlag erschien, verhält es sich allerdings etwas anders. Dieses Mal handelt es sich um eine rein fiktive Geschichte, etwas unkonventionell in Form eines Theaterstücks verfasst, in die wir als Leser aktiv eingebunden werden. Unverhofft befinden wir uns, als einer der Schöffen in einem Gerichtsverfahren und sollen am Ende der Hauptverhandlung unsere Einschätzung in Form eines Urteils abgeben. Das macht das Thema durchaus interessant, da der Leser am Ball bleiben, aufpassen und über das Geschriebene nachdenken muss. 

Die Ausgangssituation ist folgende: der Luftwaffenpilot der Bundeswehr Lars Koch schießt einen Airbus A320-100/200 während seines Fluges von Berlin nach München ab. An Bord befinden sich 164 Passagiere. Es ist der 26.05.2013. Die Maschine wurde entführt und soll in die, mit 70.000 Menschen vollbesetzte Münchner Allianz Arena gesteuert werden. An diesem Tag wird dort das Länderspiel Deutschland gegen England ausgetragen. Der Entführer ist Mitglied einer Splittergruppe der Al-Qaida und befindet sich, zusammen mit den beiden Piloten, im Cockpit der Maschine. Seitens des Ministers, dem das alleinige Recht zur Erteilung des Abschussbefehls obliegt, wurde ein solcher Befehl nicht erteilt. Lars Koch muss sich also der Anklage wegen Mordes in 164 Fällen stellen. Hier wird nun die ethisch, wie moralisch kaum zu beantwortende Frage gestellt, ob man „vieles“ unschuldiges Leben gegen „weniges“ unschuldiges Leben aufwiegen kann. Des Weiteren wird die Frage, ob der Angeklagte frei zu sprechen ist, im Prinzip bereits gleich zu Anfang mit „Nein“ beantwortet, denn das Bundesverfassungsgericht hatte im Jahr 2006 entschieden, es widerspreche der Verfassung, unschuldige Menschen zu Rettung anderer unschuldiger Menschen zu töten. Da es sich innerhalb dieser fiktiven Geschichte allerdings um ein rechtsstaatliches Gerichtsverfahren handelt, stellt sich die Frage nach Ethik und Moral eigentlich nicht. Der Angeklagte ist wegen Mordes nach § 211 Absatz 2, Gruppe 2, Variante 3 i.V.m. § 52 Absatz 1 StGB zu verurteilen. Rechtsstaatlich gesehen führt da kein Weg dran vorbei, was jegliche aufkommende Diskussion müssig und eigentlich auch überflüssig macht. Alle anderen Entscheidungen würden den Rechtsstaat in seiner Souveränität aushebeln. So bitter das auch klingt. So lange seitens der Regierung nichts anderes bestimmt wird, ist ein solch gelagerter Abschuss im deutschen Luftraum unrechtmäßig und bedarf der Strafverfolgung. Ob das Handeln moralisch richtig oder falsch gewesen ist, hat das Gericht nicht zu interessieren. Hierbei geht es auch nicht mehr länger um das Gewissen, nicht mehr um Gefühle, nicht mehr zum Moral und nicht mehr um Ethik. Hier geht es um Rechtsprechung und da ist unser Gesetz eindeutig. Will man anders entscheiden, bedarf es zuvor diverser Gesetzesänderungen. 

Nun ist es aber so, dass von Schirach ein gravierendes Versäumnis seitens der Behörden eingebaut hat, welches ein gänzlich anderes Bild auf die ganze Sache wirft und die Schwere der Tat, bzw. das Vorgehen und die Missachtung des Befehls in einem etwas anderen Licht erscheinen lässt. Ich halte diesen Einwurf des Autors allerdings für wenig glaubhaft, da es für derartige Fälle Verfahrensanweisungen gibt, die strikt einzuhalten und in Standards festgeschrieben sind. Zusätzlich müsste der Angeklagte von diesem Versäumnis zum Zeitpunkt des Abschusses der Maschine bereits Kenntnis gehabt haben, was meiner Meinung nach mit keiner Silbe erwähnt wird und einen riesigen Bock darstellt. Auch weitere, sich häufende Missstände und Fauxpas werden geflissentlich übersehen, was eine vernünftige Einschätzung der Situation bzgl. eines eventuellen Notstandes etc. nahezu unmöglich macht und den gesamten Sinn und die Essenz der Geschichte ad absurdum stellt. Es bleiben zu viele Fragen offen, zu viele Hintergründe unbeleuchtet, zu viele Ungereimtheiten bestehen, als dass man sich hier ein klares Bild der Situation verschaffen könnte. Von Schirach pusht das Ergebnis dadurch zusätzlich in eine gewisse Richtung, was ich nicht für neutral genug halte.

Dafür, dass der Angeklagte Lars Koch ein hochintelligenter Mensch und Elitesoldat ist, antwortet und argumentiert er teilweise arg naiv und unglaubwürdig. Im Hinblick auf die Brisanz dieser fiktiven Geschichte, wenn sie denn tatsächlich so stattgefunden hätte, würde der Angeklagte Luftwaffenpilot der Bundeswehr sicherlich keine eigenen Angaben machen, sondern sich lediglich über seinen Anwalt äußern, um sich nicht unnötig selbst zu belasten. Schon allein hier wird die Geschichte unglaubwürdig, da der Fall seitens der Bundeswehr, auch wenn es sich hierbei um ein zivilrechtliches Verfahren handelt, mit ganz anderen Mitteln angegangen worden wäre. Auch das Argument, dass die Passagiere eventuell ins Cockpit hätten gelangen können, ist weit hergeholt, da sich indes rumgesprochen haben dürfte, dass sich die Cockpit Türen im Prinzip nur von innen öffnen lassen. Da die Cockpit Türen, nach den Terror-Anschlägen vom 11. September 2001 besonders gesichert wurden, um ein unerlaubtes Eindringen zu verhindern, stellt sich auch diese Frage nicht. Die Türen halten selbst Schüsse ab und können nur von einzelnen, ausgewählten Crewmitgliedern mit einem bestimmten Code geöffnet werden, was durchaus mehrere Minuten in Anspruch nehmen kann. Des Weiteren kann dies mittels eines kleinen Hebelchens vom Cockpit aus ganz einfach unterbunden werden. Jede Airline hat dabei ihre speziellen Regelungen, zu denen sich der Autor ebenfalls gänzlich ausschweigt. Es gibt einfach zu viele Wenn und Aber, um die Frage nach einem angemessenen Handeln sorgfältig beantworten zu können. Hätte der Pilot die Maschine beispielsweise über unbewohntem Gebiet gezielt abstürzen lassen können? Sämtliche Leute an Bord wären ohnehin Gestorben. Man muss von Schirach aber auch insofern in Schutz nehmen, als das Was-wäre-wenn, das Theaterstück auch unnötig und zu sehr aufgebläht hätte. 

Zur anschließenden Rede von Schirachs auf Charlie Hebdo, die am Ende des Buches abgedruckt ist, über das, was Satire darf -nämlich alles-, habe ich mit Einschränkungen in etwa die gleichen Ansichten, bin aber der Meinung, dass Satire nur so lange alles darf, wie der gegenseitige Respekt (in diesem Falle der gegenseitige Respekt der Religionen und Kulturen als allgemein zu achtendes und hohes Gut) gewahrt wird. Wenn man Menschen mit seiner Satire verletzt, darf man sich über Konsequenzen, so hart, ungerecht und überzogen sie auch immer sein mögen, nicht wundern. Nicht erst, als die (meiner Meinung nach) beleidigenden, verletzenden und völlig sinnfreien Karikaturen von Charlie Hebdo veröffentlicht wurden, fragte ich mich, ob dies nun auf Mut oder Dummheit zurückzuführen sei. Musste man denn tatsächlich noch mehr Öl ins Feuer gießen? Ich dachte so bei mir, dass sich die Verfasser, wie auch die Herausgeber nicht wundern bräuchten, wenn sie Anschlägen zum Opfer fallen würden. Das konnte man sich, mit auch nur einem kleinen Funken Menschenverstand, eigentlich denken. Musste man so etwas veröffentlichen? Natürlich rechtfertigt das die anschließenden Taten nicht, aber so erklären sie sich. Ich halte nichts von diesen Karikaturen. Sie sind respektlos, dumm, entbehrlich und ignorant! Das dürfen und sollten Karikaturen vielleicht auch sein, aber wer, außer den Effekthaschern hat diese Karikaturen denn überhaupt gebraucht? Es geht meiner Meinung nach auch nicht so sehr um die Frage, was Satire darf, sondern vielmehr was Satire nötig hat.
 
Es kommt immer darauf an gegen wen sich Satire richtet und wie derjenige, gegen den sie sich richtet damit umzugehen weiß und ob man davon Kenntnis hat oder zumindest hätte haben müssen. Wenn man doch aber definitiv darum weiß, dass diese Satire eine extreme Respektlosigkeit für das Gegenüber bedeutet, sollte man das respektieren und sich eines Besseren besinnen. Ich bin der Meinung, dass uns solche Dummheiten in der muslimischen Welt sicherlich keine Freunde machen und wir nicht zuletzt durch solch überflüssige Handlungen äußerst unbeliebt machen. Wenn Jesus mit kleinem Penis, Kanzlerin Merkel mit Hitlerbärtchen oder Wolfgang Schäuble in Naziuniform dargestellt werden, ist das vielleicht nicht witzig und für die Betroffenen beschämend, aber deswegen bricht in der Regel keine Gewalt aus. Bei Mohammed Karikaturen sieht das nun mal anders aus. Auch wenn das 'Warum' hierzulande kaum jemandem einleuchten mag, ist das nun mal Fakt. Man sollte vielleicht mal darüber nachdenken, dass es Milliarden von Menschen auf dieser Welt gibt, die nicht die gleichen Denkweisen haben wie wir und das unser weltoffenes Denken und unsere freiheitlichen Werte sicherlich nicht für alle auf diesem Planeten das Non plus Ultra darstellen. Es gibt eben auch Andersdenkende und auch oder gerade das sollte man (vor allen Dingen wir als freiheitliche und tolerante Gesellschaft) respektieren. Das waren auch keine Angriffe auf die Meinungsfreiheit, denn die Karikaturen stellten ja keine Meinungen, sondern einfach nur provokante Beleidigungen und Respektlosigkeiten dar. Das soll die Anschläge weder beschönigen noch rechtfertigen, aber man hat sie bewusst in Kauf genommen und meiner Meinung nach sogar provoziert. Da fällt es mir schwer, eine Preisverleihung und eine Lobesrede an Charlie Hebdo gut zu heißen. Aber auch das muss letzten Endes jeder für sich selbst entscheiden.
 
Im Hinblick auf moralische und ethische Grundsätze und als reines Theaterstück halte ich die Handlung für durchaus reizvoll und interessant, für sich als reines Taschenbuch genommen, funktioniert sie in meinen Augen aber eher nicht. Schade eigentlich, denn unter diesen Umständen hätte ich das, gerade mal 176 Seiten umfassende Buch sicherlich nicht gebraucht. Es werden durchaus interessante Beispiele angeführt, bei denen wir uns tatsächlich unsicher werden, wie wir entscheiden würden, auch wenn die entsprechenden Vergleiche doch etwas arg hinken. Klären tut das Theaterstück letzten Endes allerdings nichts. Wer die Verfilmung dieses Theaterstücks bereits gesehen hat, braucht sich das Buch im Prinzip nicht mehr zuzulegen, da hier fast alles 1:1 übernommen wurde. Das Theaterstück „Terror“ wird in verschiedenen deutschen Großstädten aufgeführt und ist sicherlich eine interessante Erfahrung, wenn der Hinweis kommt, dass man auch die moralischen und ethischen Aspekte in seine Überlegung mit einbeziehen soll. Die Uraufführung fand am 3. Oktober 2015 im Deutschen Theater Berlin statt. 

Meine Wertung: 72/100

Link zur Buchseite des Verlags: Klick!

Mein Blog: www.lackoflies.jimdo.com

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