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Kaltenburg

Marcel Beyer
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 20.07.2009
ISBN 9783518461037
Genre: Romane

Rezension:

Bälge, Standpräparate, Schreckmauser, Sämereien – in Marcel Beyers 2008 bei Suhrkamp erschienenem Roman Kaltenburg stehen Tiere, genauer: Vögel, vielleicht noch genauer: Ornithologen ganz im Mittelpunkt des Geschehens. Aus Anlass der Verleihung des Georg-Büchner-Preises an Marcel Beyer in diesem Jahr habe ich mir das Buch mal vorgenommen.

Kaltenburg beginnt raffiniert: Der weltbekannte Zoologe Ludwig Kaltenburg wird am Ende seines Lebens als einsamer, trauriger alter Mann beschrieben, der beim Besuch von Gästen auf sein Leben zurückblickt. Der Erzähler schweift dabei ein wenig ab, um das große Ganze besser in den Blick zu nehmen. Bei einer eigenartigen Episode aus Kaltenburgs umstrittenem Hauptwerk Urformen der Angst gibt der Erzähler sich dann plötzlich, im letzten Wort des ersten Kapitels, als Ich-Erzähler zu erkennen, dessen Lebensweg eng mit dem Kaltenburgs verflochten ist.

Hermann Funk, so der Name des Erzählers, wächst in Posen auf, zur Zeit der deutschen Besatzung Polens durch die Nationalsozialisten. Zum ersten Mal begegnet er hier dem zu dieser Zeit in Königsberg lehrenden Professor Kaltenburg, der ein Freund der Familie wird. Später zieht Familie Funk nach Dresden um, wo Hermann in den Luftangriffen vom Februar 1945 seine Eltern verliert.

Einige Jahre später nimmt er wieder Kontakt zu Kaltenburg auf, der derweil ein zoologisches Institut in Dresden leitet. Funk wird Kaltenburgs Schüler, lernt von ihm alle Handgriffe und Theoreme der Zoologie, vor allem der Ornithologie. Am Institut treiben sich neben unzähligen Tieren auch die unterschiedlichsten Gestalten herum. Tierfilme werden gedreht, Experimente durchgeführt, Tiere aufgezogen, beobachtet und versorgt. Auch die Stasi ist mit offenen Ohren auf dem Gelände unterwegs.

Doch Hermann Funk kann nie die Erwartungen Kaltenburgs ganz erfüllen, wendet sich innerlich von der Zoologie mehr und mehr ab, um schließlich auch dem Professor in Anbetracht von dessen im Laufe des Romans immer mehr zutage tretender NS-Vergangenheit den Rücken zuzukehren. Kaltenburg selbst wird zunehmend von seiner Vergangenheit eingeholt und verlässt schließlich Hals über Kopf Dresden, um in seine österreichische Heimat nach Wien zurückzukehren, wo er einsam sterben wird.

Marcel Beyer gestaltet den Roman als Erinnerungsbuch, in dem sich der Erzähler frei in die Vergangenheit zurückversetzt, Ereignisse erinnert und in diesem Erinnern neue Zusammenhänge erkennt. Als Rahmenhandlung dient der Austausch mit einer Dolmetscherin, die immer wieder überraschend auftaucht und durch eingestreute Fragen den Erinnerungen Richtung gibt. Wo diese Dolmetscherin herkommt und was sie dazu antreibt, den alten Funk wiederholt aufzusuchen, bleibt jedoch im Dunkeln.

In erster Linie konzentrieren sich die Erinnerungen auf Funks Verhältnis zu Kaltenburg. Doch auch Funks Leben abseits des Instituts wird erinnert. Vor allem Klara Hagemann, seine erste große Liebe und spätere Ehefrau, bildet einen zweiten Schwerpunkt, dazu kommen noch einige Freunde, vor allem der Tierfilmer Knut Sieverding und der Bildende Künstler Martin Spengler. Letztere stehen ebenfalls in engem Kontakt mit Kaltenburg – irgendwie dreht sich am Ende also doch alles um den verschrobenen Professor.

Kaltenburg zeichnet sich vor allem durch eine wunderbare Sprache aus. Die frei treibenden, gelegentlich auch etwas dahindümpelnden Erinnerungen erhalten einen edlen Klang. So edel, dass auch trotz teilweise anhaltender Ereignislosigkeit der Lesefluss nicht abreißt. Nicht ganz zufällig ist Funks Frau Klara eine faszinierte Leserin von Prousts Recherche.

Immer wieder tauchen dabei Eckdaten deutscher Geschichte auf, werden zeittypische Stimmungen eingefangen, mit wenigen Strichen skizziert. Daran arbeiten sich andere Autor_innen ganze Romane lang ab.

Freitag, der sechste März. Am Morgen ist die Nachricht von Stalins Tod gemeldet worden. […] Während ich die halbe Treppe zu den Brut- und Sammelbecken hinuntersteige, die in den Räumlichkeiten zur Hangseite untergebracht sind, spüre ich eine Verlorenheit, die ich in diesem Haus noch nie empfunden habe. Das Gemäuer wirkt feucht, meine Schritte hallen auf den Steinstufen wider, nirgendwo eine Menschliche Stimme, nirgendwo ein Tier. Das kalte Licht im Vorraum, das Tonnengewölbe mit den dicht an dicht stehenden Aquarien, das leise Summer zahlloser Umwälzpumpen.

Auch der Protagonist Kaltenburg ist in der Geschichte verankert. Seine Figur ist eng an den Zoologen Konrad Lorenz angelehnt, der allerdings nach 1945 nicht in Dresden – der Heimat Beyers –, sondern im westfälischen Buldern ein Institut leitete. Bleibt Kaltenburgs Haltung zur NS-Ideologie jedoch durchweg unklar, ist in Lorenz’ Sympathie für biologistische Argumentationen eine klare Nähe zu den Nationalsozialisten erkennbar, die nach wie vor aufgearbeitet wird.

Was Beyers Roman für mich aber neben der Sprache zu einem besonderen Buch macht, sind die Tiere. Das mag in Anbetracht von mächtigen historischen Flaggschiffen wie NS-Ideologie, der Bombardierung Dresdens, dem Mauerbau, der Stasi und dem Prager Frühling etwas lapidar klingen. Aber dies alles wäre für sich in seiner ja nicht gerade neuen Abfolge allzu statisch, allzu absehbar, ja vielleicht sogar gewollt, wären da nicht die vielen Tiere. Überall begleiten sie Kaltenburg, umgeben ihn wie ein Hofstaat, dem er als liebender Fürst vorsteht. Erst sie beleben den grauen, ja oft – nomen est omen – kalten Kaltenburg, lassen ihn Emotionen zeigen. Eine besondere Liebe drückt sich im Umgang mit seinen Tieren aus, die er Menschen gegenüber kaum zeigen kann. So erlangt der Roman eine Wärme, eine Beflügelung, die ihm ansonsten verwehrt geblieben wäre. Die Tiere zeichnen ihn aus, machen ihn besonders.

Ein Herbstnachmittag – Kaltenburgs erster Herbst in Dresden – mit scheußlichem Wind und Regen, es ist still um die Villa, still auch, als ich die Halle betrete, alle Lebewesen haben sich vor dem Wetter zurückgezogen. Alles im Haus ist nach einem genau austarierten System auf die Tiere ausgerichtet, bald vierzig Jahre Erfahrung stecken im Erscheinungsbild der Räume, die auf den Unkundigen zunächst wie das blanke Chaos wirken mögen. In einem Zimmer etwa stehen die Möbel ein Stück von der Wand abgerückt – dahinter die Höhle eines Tieres, das außer Kaltenburg vielleicht noch niemand zu Gesicht bekommen hat. In einem anderen Raum unglaubliches Gerümpel, Stühle und Tische durcheinander, leere Buchrücken – dies war das Lieblingszimmer eines Kapuzineraffen, der längst in den Zoo abgewandert ist, heute aber scheinen sich dort die Hamster besonders wohl zu fühlen. […] Nirgendwo Deckenleuchten, die Vorhangstangen jedoch sind – anders als die Vorhänge – in jedem Raum geblieben: Alle Finken müssen geeignete Schlafzimmer vorfinden.

Auch wenn Kaltenburg ein wenig Straffung an einigen Stellen nicht geschadet hätte, halte ich den Roman für ein famoses Werk. In erster Linie ist dies der Sprache geschuldet, der Beschreibungskunst, mit der Beyer feinfühlig Stimmungen zu erzeugen und seine Figuren zu charakterisieren versteht. Der Kunstgriff, mit Hilfe von Tieren dem Roman ein ganz eigenes Leben einzuhauchen, setzt dem Ganzen dabei die Krone auf. Ein würdiger Büchner-Preisträger, dem Sprache alles ist und der sie in einzigartiger Weise einzusetzen vermag.

Nicht ganz unpassend vergleicht sich Marcel Beyer in seiner schlicht Hund betitelten Büchner-Preisrede mit einem ebensolchen. Dem Preisträger gebühren hier die Schlussworte:

Die Reizdeutschen steigen von ihren Feldherrenhügeln herab und sprechen längst ein anderes, ein Schlüpferjägerdeutsch, ich aber merke, wie ich mürbe werde, mürbe. Ein in den Putz gezeichneter, von der Rückseite der Welt her über den Horizont schauender, auf immer in der Sprache halbversunkener Hund. […]
Ich bin der Hund, dem Woyzeck auf den Hut geholfen hat.

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türkei, unterdrückung, buecherseele, debütroman, mut

Blauschmuck

Katharina Winkler
Fester Einband: 196 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 08.02.2016
ISBN 9783518425107
Genre: Romane

Rezension:

Gewalt. Gewalt. Gewalt. Als Blauschmuck (Suhrkamp), Debütroman der Autorin Katharina Winkler, im vergangenen Februar erschien, habe ich mich zunächst nicht weiter dafür interessiert. Die Rezensionen im Feuilleton und auf den anderen Literaturblogs habe ich am Rande mitbekommen. Es gehe wohl um Gewalt, diese sei auf brutalste Weise dargestellt. Manchen Leser*innen fiel es sogar schwer, dieses Buch überhaupt bis zum Ende zu lesen, die Gewalt zu ertragen. Ich wurde neugierig. „Wird schon nicht so schlimm sein“, dachte ich mir nun und fing an zu lesen. Und doch, es ist schlimm: Die Beschreibungen sind einfach nur krass und kaum auszuhalten. Und trotzdem sage ich euch: Lest dieses Buch!

Der Roman beginnt mit einer harmonischen Szene. Das kurdische Mädchen Filiz liegt mit ihren sechs Geschwistern im Heu, ihre Mutter verbrennt Kuhdung, um die Fliegen zu vertreiben, es gibt Kindergekicher. Filiz ist ungefähr zehn Jahre alt. Sie weiß es nicht genau. Ihr Vater ist nur bei jedem zweiten Neugeborenen in die weit entfernte Stadt gelaufen, um die Kinder registrieren zu lassen. Es scheint, als lebe Filiz ein friedliches Leben auf dem türkischen Land mit ihrer Familie. Durch ihre Kinderaugen sehen wir einer hoffnungsvollen Zukunft entgegen:

Hinter dem Rauch funkeln die Sterne. Der hellste gehört mir.

Doch schon auf der nächsten Seite zeichnet sich ab, dass Filiz’ Zuversicht bald gebrochen werden wird. Durch Filiz’ Augen sehen wir uns die Frauen des türkischen Dorfes an. Sie alle tragen den Titel gebenden „Blauschmuck“. Zunächst assoziiere ich beim Lesen noch wirkliche Schmuckstücke mit Filiz’ Beschreibungen, doch als klar wird, welchen Ursprung der Blauschmuck hat, stockt mir der Atem und ich muss die Seite noch einmal lesen:

Der Blauschmuck der Frauen trägt die Handschrift der Männer. Das Werkzeug, Holz oder Eisen, und die Anzahl der Schläge bestimmen den Blauton.

Auch Filiz’ Vater ist einer dieser Männer, auch Filiz’ Mutter trägt Blauschmuck, auch vor seinen Kindern macht der Vater nicht Halt. Für ihn ist die Ehre das allerhöchste Gut in der Welt. Verhalten sich die Kinder unehrenhaft oder erledigen ihre Aufgaben in Haus und Hof nicht zu seiner Zufriedenheit, bekommen sie Schläge. Bis zur Ohnmacht verprügelt er Frau und Kinder. Das alles beschreibt die kleine Filiz mit einem sehr nüchternen, rein beobachtenden Ton. Es sind Kinderaugen, durch die wir diese Geschichte miterleben. Kinderaugen, die unglaublich erwachsen wirken, weil sie dazu gedrängt werden. Doch noch ist Filiz voller Hoffnung, auch wenn sie jeden Tag anhand der Frauen um sie herum sieht, wo ihr Leben hinführen könnte.

Sie sieht zwei Möglichkeiten, dem Unheil zu entkommen. Die erste ist ihr Lehrer. Filiz ist eine sehr gute Schülerin, sie hat Spaß am Lernen. Ihr Lehrer empfiehlt dem Vater, sie auf eine Schule in die Stadt zu schicken. Der Vater hat für diesen Vorschlag nur ein Wort übrig: Nein. Die zweite Chance sieht Filiz in Yunus. Yunus ist drei Jahre älter als sie. Filiz verliebt sich in Yunus, erst Recht, als er nach einigen Jahren in Deutschland mit Jeans in das kurdische Dorf zurückkehrt und um Filiz’ Hand anhält. Aber auch hier kennt der Vater nur eine Antwort: Nein. Doch dieses Mal will Filiz für ihren Traum einstehen. Den Traum von Yunus an ihrer Seite, den Traum eines besseren Lebens, den Traum von Jeans an ihren Beinen.

Man muss den Knopf einer Jeans öffnen, den kupferfarbenen oder silbernen, man muss den Reißverschluss nach unten ziehen […] den schmal gewordenen Fuß durch den zweiten blauen Tunnel stecken und auf den Boden stellen, der erste Schritt in ein neues Leben.

Während Filiz bei der Beschreibung der Gewalterfahrungen lediglich in einfachen Hauptsätzen spricht, verarbeitet sie ihre Träume und Vorstellungen einer rosigen Zukunft zwar auch parataktisch, aber eher in einer Art Bewusstseinsstrom. Sie gerät ins Schwärmen. Die Jeans steht für Freiheit, eine bessere Welt. Zum ersten Mal in ihrem Leben widersetzt sie sich ihrem Vater und haut mit Yunus ab, das bessere Leben immer vor Augen.

Doch schnell merkt Filiz, dass dies ein Trugschluss war. Yunus und Filiz heiraten, ziehen bei seiner Mutter im Nachbardorf ein und Filiz wird zur Dienerin. Von Liebe keine Spur, stattdessen dominieren Vergewaltigungen und Schläge. Zu ihrer eigenen Familie kann Filiz nicht zurückkehren, sie wurde durch ihre Flucht entehrt. Immer wieder sagt sie, dass ihr Vater jetzt keine Tochter mehr habe und dass Yunus’ Mutter jetzt auch ihre sei. Doch egal, wie oft sie sich „Yunus’ Mutter, die nun meine Mutter ist“ vorbetet, kann sie nicht verleugnen, dass die Schwiegermutter nichts anderes als eine „Spinne“ ist. Filiz muss putzen, kochen, dem Mann sexuell zur Verfügung stehen, Kinder gebären und stumm sein, wenn man es von ihr verlangt. Wenn sie mit anderen Männern spricht oder sie nur anschaut, wird sie von Yunus verprügelt. Auch sie trägt jetzt Blauschmuck.

Eine Auswanderung nach Österreich scheint die Rettung für Filiz und ihre mittlerweile drei Kinder zu sein. Zumindest entkommt sie der Schwiegermutter. Doch auch hier beherrschen häusliche Gewalt, Vergewaltigungen und Eingesperrtsein Filiz’ Leben. Wie schon die Gewalt ihres Vaters beschreibt sie nun die Attacken ihres Ehemannes mit „Schlag. Um Schlag.“ bis sie schließlich den Lebensmut verliert.

Auch im späteren Verlauf scheint die bloße Beschreibung der Geschehnisse ein Schutz- und Überlebensmechanismus für Filiz zu sein. Hauptsatz reiht sich an Hauptsatz. Obwohl Filiz ihre Gefühle nie kommentiert, habe ich beim Lesen große Schmerzen empfunden. Ja, die Lektüre wurde teilweise unerträglich. So viel Gewalt, so viel Hass und diese schrecklichen Vergewaltigungen. Aber das ist die große Stärke des Buches. Jeder einfache Satz in dieser Geschichte trägt so viel Bedeutung, wie sie manche Autor*innen nicht auf zehn Seiten erzeugen können.

Katharina Winklers Sprache ist hochpoetisch und entfaltet sich auf erstaunliche Weise in diesem reduzierten Satzbau. Dabei arbeitet sie mit Metaphern, die gezielt eingesetzt sind und ihren Dienst erfüllen, beispielsweise wenn es darum geht, dass Filiz’ Schwester bald das Reiten verboten wird, sie zur Frau wird und nur noch hinterm Herd zu stehen hat: „Dort wird sie Mutter helfen, und der Wind wird ihr aus den Kleidern fallen.“ Solche Metaphern, aber vor allem der Vorsatz des Buches: „Nach einer wahren Lebensgeschichte“, schüren die Traurigkeit in mir darüber, dass es solch eine Behandlung von Frauen auf der Welt immer noch gibt.

Die Autorin scheint mit ihrem Roman auf den ersten Blick ein gefundenes Fressen für Islamkritikerinnen bereitzustellen. Bevor nun aber die Zeigefinger der besorgten Wutbürgerinnen hochschnellen, sei hier gesagt: Für mich steht Blauschmuck vor allem beispielhaft für häusliche Gewalt und Vergewaltigungen in Ehen weltweit.

Mit ihrem Debüt Blauschmuck ist Katharina Winkler ein großer erster Wurf gelungen. Ihr gelingt das, was ich mir von Literatur erhoffe: Sie schockiert, rüttelt wach und holt die Leserschaft aus dem Becken der seichten Themen. Dabei arbeitet die Autorin ihren ganz eigenen Stil heraus und verbindet ein grausames Thema mit hochpoetischer Sprache. Ich bin begeistert und schon gespannt auf das nächste Werk dieser neuen, markanten Stimme im Literaturbetrieb.

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erwachsenwerden, familienroman, mutterbeziehung, matriarchiat

Das Unglück anderer Leute

Nele Pollatschek
Fester Einband
Erschienen bei Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch, 11.08.2016
ISBN 9783869711379
Genre: Romane

Rezension:

Die Literaturkritik lenkt ihren Blick oft auf Romananfänge, insbesondere auf den ersten Satz einer Handlung. Nicht umsonst kennt der Großteil unter uns Leseratten wohl den berühmtesten ersten Satz der Literaturgeschichte, jenen aus Tolstois Anna Karenina. Auch Nele Pollatschek beginnt ihren Debütroman Das Unglück anderer Leute (Galiani Berlin) mit einem starken Satz: „Ich hasse, ich hasse, ich hasse sie.“ Das Gefühl, welches mit diesem Ausruf transportiert wird, ist maßgeblich für die Ich-Erzählerin Thene und deren Geschichte.

Thene ist 25 Jahre alt, studiert in Heidelberg und Oxford, hat einen festen Freund und führt eigentlich ein ruhiges, fast schon spießiges Leben. Eigentlich. Wäre da nicht ihre verrückte Familie.

Da sind zum einen Thenes Eltern, die schon lange getrennt sind. Ihr Vater Georg hat sich, nachdem er fünf Jahre lang aus Thenes Leben verschwunden war, als homosexuell geoutet und lebt jetzt mit seinem Partner zusammen in Berlin. Beide ergänzen sich hervorragend. Wenn Georg sich mal wieder in eine seiner halbwahren Geschichten hineinsteigert oder hektisch wird, ist es Christoff, der ihn auf den Boden der Tatsachen zurückholt.

Neben diesem leicht verschrobenen Vater hat Thene auch noch eine Mutter, Astrid, mit der die Ich-Erzählerin so gar nicht klar kommt. Beide haben sehr unterschiedliche Vorstellungen vom Leben und geraten regelmäßig aneinander. Zudem hat Astrid ein enorm hohes Geltungs- und Aufmerksamkeitsbedürfnis sowie die Gabe, „Problem-Männer“ anzuziehen. Nachdem sich Thenes Eltern getrennt hatten, bekam Astrid noch zwei weitere Kinder von zwei verschiedenen Männern. Thene liebt ihren pubertierenden Halbbruder Elijah, der gern Zaubertricks vorführt. Mit der Halbschwester Trixie, die noch ein Kleinkind ist, kann die Ich-Erzählerin dagegen gar nichts anfangen. Eine Patchwork-Familie par excellence, die darüber hinaus von genauso komplizierten Großeltern ergänzt wird.

So bezieht sich der im Teaser zitierte erste Satz aus Thenes Mund – leicht zu erraten – natürlich auf ihre Mutter. Dieses Hassgefühl nimmt die Ich-Erzählerin im weiteren Verlauf der Handlung genauer unter die Lupe:

Es gibt Menschen, die liebt man, aber man kann sie nicht leiden. […] Im Laufe der Jahre hatte sich diese Feststellung zur Standarderklärung meiner Beziehung zu meiner Mutter gemausert. Aber im stillen Kämmerchen meines Herzens war ich mir nicht einmal mehr sicher, ob das noch stimmte. Oder ob ich nur behauptete, dass ich sie liebte, ohne sie leiden zu können, weil man seine Mutter nun mal zu lieben hat. Weil „Du musst deine Mutter lieben“ mir wie das zweitgrößte emotionale Gebot der Neuzeit erschien. Nur überschattet von „Du musst deine Kinder lieben“, was bestimmt auch nicht immer leicht ist.

Nele Pollatschek beleuchtet eine Mutter-Tochter-Beziehung, wie sie wohl in vielen Familien vorzufinden ist. Obwohl hier der Fokus auf den weiblichen Part der Familie gelegt wird, ist dies keinesfalls „weibliche Literatur“. Die Mutter-Tochter-Beziehung als spezielle Verwandtschaftskonstellation kann durchaus auch als allgemeine gelesen werden. Die Autorin erläutert auf charmante Weise die Unausweichlichkeit der familiären Bindung, die für manche Menschen das große Glück, für andere aber einfach nur eine Qual darstellt. Doch warum gibt sich die volljährige Thene überhaupt mit ihrer Mutter ab? Nun ja, sie bezahlt ihr nun mal das teure Studium.

All das wäre eigentlich schon chaotisch genug, aber es kommt noch härter. Ausgerechnet am Tag der Masterverleihung in Oxford wird Thenes Mutter auf der Autobahn überfahren. Wie schon so oft in Thenes Leben, stiehlt ihr Astrid auch dieses Mal die Show. Die ganze Familie ist in Aufruhr. Für die Ich-Erzählerin beginnt eine stressige Zeit, in der sie ihre familiäre Vergangenheit Revue passieren lässt.

Nun möchte man meinen, dass dies vielleicht ein sehr trauriges Buch sei. Weit gefehlt. Bei aller Trauer um die tote Mutter lebt Das Unglück anderer Leute vor allem von Thenes trockenem Humor und ihrem abgeklärten Blick auf die Geschehnisse. Dabei behält sie stets einen kühlen Kopf und lässt sich selten von ihren Emotionen lenken. Thenes Gedankengänge sind sehr komplex. Gern setzt sie ihre Überlegungen in Beziehung zu Schriften von Marx, Shakespeare und Freud bis hin zu Vonnegut. Diese Intertextualitäten, die nie überheblich oder fehl am Platz wirken, sehe ich als große Stärke des Romans.

Hinzu kommt, dass Nele Pollatschek in ihrem Debüt nicht nur Anleihen aus der Philosophie, sondern auch aus anderen Wissenschaftsbereichen einfließen lässt. Dazu gehören Überlegungen zum Bereich der Statistik: Wie wahrscheinlich ist es, dass mehrere Mitglieder einer Familie kurz hintereinander sterben? Wieso ist der Zufallsmodus beim iPod nicht wirklich zufällig? Thene versucht immer wieder, sich die offensichtliche „Beklopptheit“ ihrer Familie rational herzuleiten:

Denn meine Mutter und mein Vater waren ursprünglich der gleiche Mensch. Sie hatten sich auch nur deshalb kennengelernt, weil sie Dipol-Dipol-Kräfte entwickelten und sich wie zwei identische Wassermoleküle angezogen hatten.

Das Unglück anderer Leute ist durchzogen von solchen lockeren, aber doch durchdachten Schlussfolgerungen der Ich-Erzählerin. Gepaart mit einer großen Portion Situationskomik wird dieses Debüt zu einem der besten, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Der Roman überrascht (vor allem gegen Ende), er spielt mit den Erwartungen der Lesenden und behandelt das große Überthema „Familie“ auf eine freche Art und Weise. Darüber hinaus fand ich den Umgang der Autorin mit ihren Figuren besonders markant. Indem Pollatschek ihre Protagonistin Thene nach und nach neuen, plötzlichen und vor allem höchst unwahrscheinlichen Katastrophen aussetzt, spielt sie eine Art Göttin, die über der Ich-Erzählerin wütet. Vor allem literaturtheoretisch könnte Das Unglück anderer Leute in Hinblick auf die Sichtbarkeit der Autor_innen durch auffällige Eingriffe in den Plot von Interesse sein.

Bei diesem Debüt ist zu bemerken, dass die Hauptfigur Thene und die Autorin Nele Pollatschek sehr viele Überschneidungspunkte in ihren Leben aufweisen. Die Debütantin hat sehr eng an ihrem eigenen Erfahrungshorizont entlang geschrieben. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber umso gespannter bin ich nun auf ihr zweites Werk, wenn es denn eins geben wird.
Das Unglück anderer Leute jedenfalls ist ein fulminantes Debüt mit viel Witz und einer außergewöhnlichen Autorin-Figur-Beziehung, die mir noch lange im Gedächtnis herumgeistern wird.

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Wir Flüchtlinge

Hannah Arendt , Eike Geisel , Thomas Meyer
Flexibler Einband
Erschienen bei Reclam, Philipp, 13.07.2016
ISBN 9783150193983
Genre: Sachbücher

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Tram 83

Fiston Mwanza Mujila , Katharina Meyer , Lena Müller
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 25.07.2016
ISBN 9783552057975
Genre: Romane

Rezension:

Dunkler Kern in bunter Hülle: Fiston Mwanza Mujila zeichnet in seinem 2014er Debütroman Tram 83 das düstere Bild eines fiktiven mittelafrikanischen Landes in den Wirren eines endlosen Bürgerkriegs. Im Juli 2016 erschien die Übersetzung aus dem Französischen bei Zsolnay.

Ein kurzer Schwenk durch die Handlung: Lucien, Historiker und Schriftsteller, kommt aus der Provinz in die Stadt zu seinem Kindergartenfreund Requiem. Der stadtbekannte Kriminelle nimmt ihn zähneknirschend bei sich auf. Lucien schnorrt sich durch und lernt schließlich bei einem Trinkgelage den Verleger Malingeau kennen, der sein ebenso verworrenes wie hochpolitisches Historienstück nach großem Hin und Her gegen den anfänglichen Widerstand Requiems veröffentlicht. Dass dieses am Ende einen Aufstand der Stadtbevölkerung gegen die Militärjunta auslöst, ist zu Anfang kaum vorstellbar.

Klingt wenig? Ist es auch. Natürlich passiert noch mehr als in diesem kurzen Abriss dargestellt, doch kann die Handlung getrost als Vehikel bezeichnet werden, das die Lesenden durch das fiktive mittelafrikanische Land führt. Nicht mehr, nicht weniger. Und dieses Land hat es in sich.

Mujila zeichnet mit groben Strichen die Dystopie eines zerfetzten Staates, der sich in das Hinterland und die Hauptstadt, einfach Stadtland genannt, teilt. Stadtland ist der Moloch, dessen nächtliches Herz das Tram 83 ist, eine Spelunke, in der alles zusammenkommt, was die Gesellschaft auszeichnet: verrohte Grubenarbeiter, streikende Studenten, Kriminelle und „gewinnorientierte“ Touristen, Ausländer, die nicht allein zum Spaß im Land sind.

Dass ich bei den Bezeichnungen nicht gegendert habe, hat seine Richtigkeit: Frauen werden bis auf wenige Ausnahmen nur in drei (Alters-)Klassen unterteilt: Küken (<16), Single-Mamis (>16) und Frauen-ohne-Alter (=41). Wie auch bei den männlichen Berufsgruppen heiligt bei den Frauen der Zweck die Mittel. Der Zweck, das ist das Überleben. Das Mittel dazu ist Geld, welches nur die Männer mal mehr, mal weniger legal verdienen können – was liegt da näher, als den eigenen Körper zu verkaufen? Westliche Konzepte von Gleichberechtigung, Kindheit, Unschuld oder gar Liebe haben dabei keine Relevanz.

Überhaupt zeichnet eine allgemeine Verrohung die Gesellschaft aus: entfesselte neoliberale Konkurrenz, postkoloniale wirtschaftliche Desorganisation und offene Korruption sowie ungehemmte, allgegenwärtige Sexualisierung sind die Pfeiler, auf denen Mujilas Konstrukt fußt. Raub ist das Hauptmotiv: Die Grubenarbeiter entreißen der Erde die knapp gewordenen Rohstoffe unter immer höheren Risiken, um sie für stetig schrumpfende Beträge an „Touristen“ mit Gewinnorientierung, ausländische Investoren und Händler, zu verkaufen. Die Kriminellen rauben wiederum die bettelarme Bevölkerung aus, auch wenn Touristen bevorzugte Ziele sind. Die Frauen betreiben zu guter – eher schlechter – Letzt Raubbau an ihren eigenen Körpern. Die Todesspirale eines zerrütteten Landes.

Geschildert wird all dies in einem betont derben, übersexualisierten Ton, dem Sound von Stadtland. Der Erzähler steigert sich dabei von einem eher zurückhaltenden, in vielen Wiederholungen leicht rhythmischen Tonfall am Anfang des Romans bis hin zu einem pathetischen Ton am Ende, der ihn immer wieder in das Wir wechseln lässt und sich damit als so etwas wie eine kollektive Stimme von Stadtland zu erkennen gibt (und nein, er ist nicht das Volk).

Alle Küken aus dem Tram 83 träumten von ihm. Sie liebten ihn, wollten mit ihm flirten, verehrten ihn, himmelten ihn an … Sie behaupteten, dass er der netteste Mann auf Erden sei. Sie lagen ihm zu Füßen, bettelten: »Nimm uns mit ins Bett, wir haben noch nie mit einem Intellektuellen gebumst, schon gar nicht mit einem Schriftsteller!« Aber Lucien, der keinerlei Schamgefühl besaß, flüchtete sich in seine Zettelsammlung, verschanzte sich in seiner Literatur, verließ das Tram schon vor 22 Uhr, weigerte sich, mit der Aushilfskellnerin mit den dicken Lippen zu tanzen, die ihn nicht mehr aus den Augen ließ, während wir anderen von derartiger Beliebtheit beim weiblichen Geschlecht nur träumen konnten. All diese Unschicklichkeiten verärgerten Requiem, für den Lucien, wir zitieren, »eine Beleidigung für die Männlichkeit« war.

Die vielbeschworene Musikalität der Sprache, die an den Sound von John Coltrane erinnern soll, wie kein Werbetext müde wird zu betonen, habe ich dabei aber nicht so ganz erkennen können. Rau ist die Sprache, ja, derb vor allem, und durch viele, immer wieder in den Erzählfluss eingesprengte Wiederholungen wird auch eine Rhythmik erzeugt, ja. Auch die meist kurzen Sätze tragen dazu bei. Aber ist das Jazz? Vielleicht kann der lesende Autor ihn aus dem Text kitzeln, mir ging die Musikalität beim Lesen ab. Die ständigen Aufzählungen und Wiederholungen wirken auf mich mit zunehmender Dauer vielmehr unmotiviert, manchmal nervtötend. Das folgende Zitat ist das erste Drittel einer der Aufzählungen, die aber in dieser Länge nur ein paar Mal vorkommen:

Schrottkarren im Straßengraben, Tiefkühlkost von den Galapagosinseln, Plunder, Ventilatoren, Ölwechsel, Schafe, Sarkasmen, Leichenwagen auf der Suche nach Frischfleisch, melaninverseuchte Eier, Reliquien, Minarette, so weit das Auge reicht, Kneipen, Bäckerei-Miederwaren-Fleischerei-Sägewerk-Fischläden, Telefonkabinen, Internetcafés, Vorstrafenregister, stehende Pfützen, hart umkämpfte Abfalleimer, herrenlose Hunde, Straßensperren, Müllberge, Schwarzmarkt für Ware und ihre Derivate […]

Entscheidender aber ist für mich am Ende die Frage, was der Roman sagen will. Konkret: Wozu das alles? Wozu die Darstellung des verrohten Mikrokosmos rund um das Tram 83, der vollkommenen Verdinglichung der Frauen, der postkolonialen Verwahrlosung?

Wichtig ist das Ende (SPOILERALARM!), der Aufstand der Bürger gegen die Herrschaft des Militärs in Person des „abtrünnigen Generals“, der schließlich zu Fall gebracht wird. Licht am Ende des Tunnels, wenn auch durch den dumpfen Boden einer leeren Bierflasche gebrochen. Die Emanzipation der Verlorenen, trotz allem.  

Zu betonen bleibt aber genauso, dass gerade die Darstellung des krassen Sexismus im Roman meiner Meinung nach problematisch ist. Sie ist zwar durch das gesellschaftliche Setting der Dystopie durchaus motiviert; das emanzipatorische Moment des Romanendes gibt es für die Frauen aber so nicht, auch eine wie subtil auch immer geartete Kritik an den Verhältnissen ist nicht zu finden. Dies verleiht dem Buch einen faden Beigeschmack, der durch seine Allgegenwart vielen Lesenden wohl sauer aufstoßen dürfte.

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81 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

erzählungen, erzählunge, kurzgeschichten, tricksen, heitere melancholie

Fallensteller

Sasa Stanisic
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 09.05.2016
ISBN 9783630874715
Genre: Romane

Rezension:

Mit Fallensteller legt Saša Stanišić seinen ersten Erzählungsband vor. Nur zwei Jahre nach dem hochdekorierten Vor dem Fest (Luchterhand, 2014) und ganze zehn Jahre nach seinem Debüt Wie der Soldat das Grammofon repariert (Luchterhand, 2006) ist dies sein drittes Buch. Wird es aus dem Schatten des überlebensgroßen Vorgängers treten können?

Der Band versammelt zwölf Erzählungen, von denen einige für sich stehen und einige direkt zusammenhängen. Der Beginn ist eindrucksvoll: »Die große Illusion am Säge-, Holz- und Hobelwerk Klingenreiter Import Export«, eine der selbständigen Erzählungen, schildert mit feinem Humor und großer Sensibilität die Zaubervorführung Ferdinand Klingenreiters. Er ist lebenslanger Angestellter und Untergebener seines Bruders beim titelgebenden Familienbetrieb, und das weithin belächelte, nicht eben schwarze, aber doch zumindest dunkelgraue Schaf der Familie. In Rückblenden erfahren die Lesenden von seinem Leben im Schatten seines Bruders, seiner Zuneigung zu seinem pubertierenden Großneffen Felix und seiner Verehrung für die Zauberkünstlerin Halima, der er auf der Bühne nacheifert. Geschickt verbindet Stanišić Vergangenheit und Gegenwart zu einer stimmigen Charakterstudie voller Melancholie:

Klingenreiter lächelte und hasste es, dass er lächelte. Dass er immer aus den Ecken lächeln musste, in die er gedrängt wurde. An der gefliesten Wand hing ein Wandteppich, der Tresen war aus Glas und Metall. Klingenreiter suchte Holz und fand keines. Der Junge wirkte entspannt, wie es Sieger sind. Als wäre er froh, dass ihnen die einfachste Unterhaltung nicht gelang.

Die ebenso stimmig wie gefühlvoll, melancholisch wie heiter gezeichneten Personen, denen die Leser_innen in Fallensteller begegnen, sind die große Stärke des Autors. Großartig sind die drei Geschichten über Georg Horvath, dem mit seinem Leben unzufriedenen Contract Manager eines großen Brauereikonzerns. Er reist zu Vertragsverhandlungen nach Brasilien und entdeckt in der Ferne seine Lust am Abenteuer, am Kontrollverlust wieder. Toll auch die Schilderung der kosovarischen Hirten in »Die Fabrik«, deren Sprache deutlich an den lyrischen Ton von Vor dem Fest erinnert. Fast meint man die Eigenbrötler nicht nur vor sich zu sehen, sondern sie geradezu riechen zu können:

Der Hirten Lebenslinien voller Erde und Schmutz. […]
Der Hirten Bärte aus Tannennadeln. […]
Der Hirten Augenbrauen aus Eiskristallen. […]
Der Hirten Grinsen aus Karies.

Drei Geschichten handeln von Mo und seiner obsessiven Suche nach dem Glück. Zumeist sucht er es bei Frauen unterschiedlichster Couleur – ob die Ich-Erzählerin auch zu diesem Kreis gehört, bleibt in lustvollem Dunkel verborgen.

Gerade bei diesen Erzählungen zeigt sich aber auch immer wieder etwas unfertiges, sie erwecken oft den Eindruck, als hätten sie noch Zeit gebraucht. Auffällig oft holpern die Sätze dahin, gerade zu Beginn der Erzählungen wirkt vieles unausgereift.

Verschwörungstheoretisch sind unsere Pizzen mit Albanerspucke gewürzt, munden dennoch auserlesen, was zentral an den Herzen liegt, die man den Artischocken entrissen hat, so Mo, der sofort nach der Diagnose schwört, nie wieder während der Nahrungsaufnahme Unterhaltungen über Nahrung zu forcieren.

Der zumeist so charmante Stanišić-Sound, der die Dinge immer nur beim fast richtigen Namen nennt und ihnen damit oft näher rückt als die verfestigten, althergebrachten Redeweisen es noch vermögen, überschlägt sich hier und da und rutscht ins Kompliziert-Verklausolierte ab. Von jeglicher Kritik auszunehmen ist aber die titelgebende Erzählung, »Fallensteller«, die in einer kürzeren Fassung schon im ZEIT-Magazin veröffentlicht wurde. Sie wendet sich dem literarischen Uckermark-Tourismus zu, den Saša Stanišić mit dem großen Vorgänger, Vor dem Fest, ausgelöst hat. Im unnachahmlichen Sound des Romans schildert die Erzählung das Auftauchen eines liebenswerten Waldschrats, eben jenes Fallenstellers, in Fürstenwalde. Geschickt verflechtet Stanišić die Geschichte des Fallenstellers mit einer kleinen Revue der Nachwirkungen des Erfolgsromans auf die uckermärkischen Dörfer und den Autor. Fast alle der vielen so liebgewonnenen Charaktere treten noch einmal auf, vor allem steht der zum Literaten avancierte Lada im Mittelpunkt.

Wir sind überrascht und froh: Das, was Lada die ganze Zeit aufgeschrieben hat, hat einen Preis bekommen. Einen Literaturpreis. Wir wussten nicht mal, dass man für Literatur noch andere Preise gewinnen kann als den Nobelpreis und den einen, den der Jugo gewonnen hat.

»Der Jugo«, das ist Saša Stanišić, der für seine Recherchen lange Zeit in der Uckermark verbrachte. Immer wieder wird in den Reden und Gedanken der Figuren ein heiteres Bild seiner Zeit auf den Dörfern gezeichnet. Auch Bezüge auf neuere Ereignisse sind zahlreich vorhanden. Vor allem ist dies die Flüchtlingskrise, der ein komplettes Teilkapitel gewidmet ist. In einer klassischen Allegorie über die Rückkehr des Wolfs in die brandenburgischen Wälder zeigt Stanišić pointiert den Irrsinn von Rechtspopulismus bis -extremismus und dessen Entstehung im Kleinen.

Das ist ja übrigens unser aller Problem, wenn wir uns an dieser Stelle einen kleinen Einwurf erlauben dürfen: dass wir unsere Schlüsse oft aus einer Überzeugung ziehen, statt aus Tatsachen. Was für eine gute Welt wäre unsere Welt, um jetzt mal etwas Idealistisches zu sagen, wenn wir auch bei sonstigen Zweifelsfällen immer erst einen Rissbegutachter bestellen würden, statt gleich Flinte und los, Wolfsjagd? Oder noch schlimmer, Wolfseisen? Oder gleich mehr als nur Wolf.

Knapp einhundert Seiten umfasst die Erzählung und nimmt damit etwa ein Drittel des Bands ein. In der Erinnerung wird es bei den meisten Leserinnen wohl gerade sie sein, die heraussticht. Vollkommen zu Recht, wie ich finde, denn sie ist ein toller Nachklang zum Vorgänger. Sie ist ein Muss für ich alle begeisterten Leserinnen des Romans.

Doch liegt hier auch die Crux an dem Band als ganzem: Er wirkt unrund, nicht durchkomponiert, vielleicht sogar opportunistisch. Es scheint, als ob die Titelgeschichte raus musste, um nicht zu lange nach dem Roman zu erscheinen. Allein war sie aber zu kurz für ein eigenes Buch, weshalb mit anderen, schon fertigen Erzählungen aufgefüllt wurde, und fertig war der Erzählungsband! Das steht dem durchkomponierten Vor dem Fest komplett entgegen und enttäuscht. Dies soll nicht die Qualität der meisten Erzählungen antasten; aber von einem Erzählungsband erwarte ich mehr.

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13 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Oh Schimmi

Teresa Präauer
Fester Einband: 190 Seiten
Erschienen bei Wallstein, 22.08.2016
ISBN 9783835318731
Genre: Romane

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19 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Romy Schneider, Mythos und Leben

Alice Schwarzer
Fester Einband: 219 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 9783462027402
Genre: Biografien

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Willkommen und Abschied

Carlos Peter Reinelt
Flexibler Einband: 24 Seiten
Erschienen bei Wallstein, 01.08.2016
ISBN 9783835319745
Genre: Romane

Rezension:

Die Geflüchtetenthematik ist aktueller denn je und bei all den politischen Entscheidungen wird viel zu oft die menschliche Komponente vergessen. Der 1994 geborene, österreichische Autor Carlos Peter Reinelt versucht in seinem Erstlingswerk Willkommen und Abschied (Wallstein) eben jenes menschliche Schicksal zu beleuchten und geht damit ein Wagnis ein.

Dieses Wagnis liegt bei Reinelts Kurzgeschichte in der Erzählperspektive. In Willkommen und Abschied berichtet ein syrischer Geflüchteter, der sich in einem Schlepper-Lkw mit ca. sechzig anderen Menschen auf der Flucht nach Österreich befindet, aus der Ich-Perspektive. Mir hat sich nun folgende Frage gestellt: Darf ein junger, österreichischer Schriftsteller sich das Recht herausnehmen, durch die Augen eines Geflüchteten zu sehen? Kann ein privilegierter Mensch aus der westlichen Welt überhaupt ansatzweise verstehen, wie ein syrischer Geflüchteter sich auf einer oft tagelangen Fahrt in einem stickigen Lkw fühlt? Ist das nicht pure Anmaßung? Einerseits schon. Immerhin leben mittlerweile genug Geflüchtete in deutschsprachigen Ländern, sodass eine literarische Zusammenarbeit mit ihnen wohl auch denkbar und sinnvoll wäre.

Andererseits war Literatur schon immer ein Mittel, um andere Perspektiven einzunehmen, sich zum Beispiel vom privilegierten Leben zu lösen und so den eigenen Horizont zu erweitern. Was dann dabei herauskommt, ist oft ein Mehrwert für andere Menschen und kann das Verständnis unvorstellbarer Geschehnisse in Ansätzen fördern. Reinelts Text Willkommen und Abschied schafft genau das, nicht zuletzt aufgrund seiner Gestaltung und Stilistik.

Reinelts Debüt trägt den gleichen Titel wie ein Gedicht von Johann Wolfgang Goethe, und tatsächlich lassen sich Parallelen zwischen beiden Texten finden. In Goethes Gedicht ist es die Vorfreude auf die Geliebte, die das lyrische Ich zur Reise antreibt. Das Treffen mit der Angebeteten verläuft euphorisch, der Abschied schmerzhaft. Freude und Schmerz, auch dieses Gegensatzpaar treibt den Ich-Erzähler inWillkommen und Abschied um. Freude, weil er dem Krieg entkommen ist und sich ein besseres Leben ausmalt, Schmerz, weil er seine Familie zurücklassen musste. Im Gegensatz zu Goethes lyrischem Ich tritt die Hauptfigur keine Reise, sondern seine Flucht an, aus einem weitaus traurigeren Grund als der Liebe: Krieg. Sein innerer Monolog während der Fahrt im Schlepper-Lkw ist so ergreifend wie schockierend.

"Verdammt, das Kind schreit sicher schon seit 2 Stunden. ich halt’s nicht mehr aus. Aber noch viel schlimmer wie das Kind ist die Alte. Ihren Klagegesang erträgt doch kein Mensch. […] Diese elenden Klagelieder. Wo soll dein scheiß Allah denn sein?"

Die Nähe des Geschriebenen zur gesprochen Sprache lässt die Fahrt des Syrers so authentisch erscheinen, dass ich zeitweise das Gefühl hatte, selbst in diesem Lkw voller Menschen, Urin und Kot zu sitzen. Besonders auffällig ist die Typografie des Textes.
Der Satzspiegel wird von der Fraktur „Willkommen und Abschied“ umflossen, was ein Gefühl von Enge erzeugt und so die Situation im Lkw untermalt. Beginnt die Hauptfigur langsam einzuschlafen, wird die Schrift kleiner, wie vor einem sich schließenden Auge. Regt der Protagonist sich auf und wird panisch, ist die Schrift besonders groß, wie die vor Angst geweiteten Pupillen. Außerdem wird der Hintergrund des Textes immer dunkler. Sind die Seiten anfangs noch weiß, geht ihre Farbe zunehmend in ein Grau über und verdunkelt sich zum Ende hin beständig. Für mich war diese Gestaltungskomponente ein Hinweis auf den physischen und psychischen Zustand des Geflüchteten, der sich im Laufe der Handlung schrittweise verschlechtert.

Vor allem durch diese bewusste Gestaltung kann der auf nur 24 Seiten erzählte Schrecken dieser Schlepper-Fahrt wirken. Trotz der Kürze des Büchleins ließ mich die Lektüre im Nachhinein nachdenklich und erschüttert zurück. Aber genau das soll Literatur in mir auslösen und genau deshalb hat dieser Text seine volle Berechtigung, obwohl hier ein westlicher Autor aus Sicht eines syrischen Geflüchteten schreibt.

Manchmal ist es eben nötig, ein Wagnis einzugehen, vor allem in der Literatur.Willkommen und Abschied ist ein mutiger Text, der erzählerische Grenzen überschreitet und dabei einen neuen Zugang legt zum derzeit wichtigsten Thema in Politik und Gesellschaft.

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brandenburg, dorf, wende, ddr, gesellschaftsroman

Unterleuten

Juli Zeh
Fester Einband: 640 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 08.03.2016
ISBN 9783630874876
Genre: Romane

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41 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

testament, fresko, monat, landleben, für zwischendurch

Ein Monat auf dem Land

J.L. Carr , Monika Köpfer
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 18.10.2016
ISBN 9783832198350
Genre: Romane

Rezension:

Manchmal brauchen nicht-deutschsprachige Romane eine gewisse Zeit, um auf dem deutschen Buchmarkt anzukommen. Im Falle von Ein Monat auf dem Land (DuMont) von J. L. Carr sogar ganze 36 Jahre. Obwohl Carrs A Month in the Country bereits nach seinem Erscheinen in Großbritannien 1980 zum Booker-Preis nominiert wurde, gibt es erst seit Kurzem auch eine deutsche Übersetzung des Romans. Eine Wiederentdeckung, auf die ich sehr gespannt war.

In Ein Monat auf dem Land begleiten wir den jungen Tom Birkin, der im Sommer 1920 für vier Wochen von London in das nordenglische Oxgodby zieht. Er hat einen Auftrag: Als Restaurator wird er engagiert, um das mittelalterliche Wandgemälde in der örtlichen Kirche freizulegen. Dabei ist er nicht allein. Die Bewohner des kleinen Oxgodby interessieren sich sehr für den Neuankömmling aus der großen Stadt, mal mehr, mal weniger skeptisch. Birkin wohnt fortan im Glockenturm der Kirche, weil er sich kein Zimmer zur Miete leisten kann. Er ist dabei in guter Gesellschaft. Direkt nebenan haust der geschäftige Charles Moon, welcher ebenfalls auf Zeit engagiert wurde. Er soll nach alten Gräbern suchen. Die beiden Männer freunden sich schnell an und bemerken, dass sie etwas verbindet: Beide haben im Ersten Weltkrieg gedient und leiden unter den Folgen ihrer Erlebnisse dort. So dient Birkins Monat auf dem Land nicht nur der Geldbeschaffung, sondern wird nach und nach auch zur Therapie für den Engländer. Das Leben in der Provinz baut ihn auf. Er genießt das Gefühl, gebraucht zu werden, und beginnt, nachdem ihn seine Frau kurz nach dem Krieg verlassen hat, sich endlich wieder der Liebe zu öffnen.

Ein Monat auf dem Land lebt vor allem von der ruhigen und doch fesselnden Atmosphäre, die in diesem 144 Seiten langen Büchlein erzeugt wird. Beim Lesen hatte ich immer wieder das Gefühl, selbst in diesem Oxgodby der 1920er Jahre anwesend zu sein. Nicht zuletzt wird dieses Gefühl durch die liebevollen Beschreibungen im Buch hervorgerufen. Diese sind zwar detailliert, dabei aber keineswegs ausufernd.

Auch die Kirchhofmauer war in gutem Zustand, allerdings war die Klinke des schmalen Tors abgebrochen, und es wurde von einer Schnurschlaufe zugehalten.

Oftmals finde ich Texte mit großem Beschreibungs- und geringem Dialoganteil langatmig, bis teilweise gar dröge. Ein Monat auf dem Land allerdings findet genau das richtige Maß zwischen bloßer Beschreibung und zwischenmenschlichen Handlungen. Genau diese Ausgewogenheit hat mich so begeistert an J. L. Carrs Roman.

Hinzu kommt, dass die Hauptfigur Tom Birkin sehr glaubwürdig und vielseitig gestaltet ist. Ich mochte es, seinen Gedankengängen zu folgen, die vor allem von Ehrlichkeit und Interesse für neue Dinge geprägt sind. Dabei werden durch die Figur Birkins fast wie nebenbei Fragen eines Menschenlebens behandelt. Dieses Subtile hat mir gefallen, weil hier niemand mit der offensichtlichen Pathoskeule schwingt.

Ich sollte nie ein einziges Wort mit dem Colonel wechseln. […] Was mich anging, hätte er ebenso gut um die nächste Ecke biegen und tot umfallen können. Aber das trifft auf die meisten unserer Mitmenschen zu, nicht wahr?

Darüber hinaus brachte mich Birkins erbarmungslose Ehrlichkeit immer wieder zum Schmunzeln. Obwohl die Geschichte um den Londoner Restaurator vor fast einhundert Jahren spielt, kommen mir die Figuren dieses Romans wie alte Bekannte vor und sind mir sehr nah.

Auch Kunstinteressierten bietet der Roman von J. L. Carr einen Mehrwert. Das zu restaurierende Wandgemälde wird in seiner Gänze beschrieben und erläutert. Ich konnte hier vieles über historische Malerei lernen, sowohl über Symbolik als auch über Maltechniken. Birkins Gedanken drehen sich auch immer wieder um das Verhältnis von Kunstwerk und KünstlerIn. Diese Ausführungen sind sehr bereichernd und eröffneten mir eine ganz neue Perspektive auf die Bildende Kunst.

Ein Monat auf dem Land hat mich durchweg überzeugt. Dieser Roman bietet eine kurzweilige sowie bereichernde Lektüre, die von einem ruhigen Erzählton geprägt ist. An dieser Stelle sei auch die Übersetzerin Monika Köpfer erwähnt, die mit großer Wahrscheinlichkeit maßgeblich zu der sprachlichen Stimmigkeit dieses Romans beigetragen hat. Ein Monat auf dem Land von J. L. Carr ist ein richtiger Schatz, den der DuMont Verlag hier wiederentdeckt hat.

Noch ein kleiner Tipp von mir: Am besten lässt sich dieses Büchlein im Sonnenschein lesen, auch sehr gut im Hochsommer. Da passen dann erzähltes und reales Wetter so richtig schön zusammen. Zur Zeit sieht es ja eher etwas grau aus am Himmel, aber ich bin mir sicher, dass der „Goldene Herbst“ noch kommt. Wenn es dann soweit ist, wisst ihr, welches Buch ihr auf jeden Fall lesen könnt.

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154 Bibliotheken, 7 Leser, 1 Gruppe, 73 Rezensionen

frankreich, fiktion, literatur, wahrheit, identität

Nach einer wahren Geschichte

Delphine de Vigan , Doris Heinemann
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 24.08.2016
ISBN 9783832198305
Genre: Romane

Rezension:

Mit Nach einer wahren Geschichte (DuMont) erscheint nun der vierte Roman der französischen Bestsellerautorin Delphine de Vigan auf Deutsch. Das autobiographische Thema des 2013 erschienen Vorgängers Das Lächeln meiner Mutter (Droemer Knaur) wird wieder aufgegriffen. Diesmal steht jedoch eine andere Person im Mittelpunkt.

"Einige Monate nach dem Erscheinen meines jüngsten Romans hörte ich auf zu schreiben. Fast drei Jahre lang schrieb ich keine Zeile."

Der erste Satz des Buchs führt die Ich-Erzählerin als Person ein, die im Einsetzen des Textes ihre Schreibblockade überwunden hat. Zu Anfang des ersten Kapitels wird dann schnell klar, um wen es sich bei der Ich-Erzählerin handelt: Delphine de Vigan, die Autorin selbst. Diese Gleichsetzung ist ein geschickter Schachzug, der gleich an Felicitas Hoppes autofiktionalen Roman Hoppe denken lässt. Schreibt diese jedoch in ihrem Roman eine Traumbiografie, erdichtet sich selbst als andere Person neu, so zielt Vigans Ansatz zunächst auf einen gänzlich anderen Effekt ab: ein Spiel mit den Erwartungen der LeserInnen, mit dem Konstrukt von Identität und Autorschaft.

Der Plot rankt sich um die Beziehung der Ich-Erzählerin zu einer nie mit vollem Namen, sondern nur verkürzt „L.“ genannten Frau. Diese taucht wie zufällig im Leben der Erzählerin auf und wird Stück für Stück zu einem unverzichtbaren Bezugspunkt in deren Leben. Hat dies zunächst eine beflügelnde Wirkung auf Delphine, so mehren sich mit der Zeit Momente des Zweifels an der Zufälligkeit der Begegnung, an der Integrität der Person „L.“ und an der Natur der Freundschaft zwischen den beiden. Doch die Erzählerin hat andere Probleme: in erster Linie die Schreibblockade, die ihre Lebensgrundlage als Autorin bedroht, sich aber auf immer mehr Aspekte ihres Alltags ausbreitet. Auch ihr letztes Buch, der eingangs erwähnte Bericht Das Lächeln meiner Mutter, setzt ihr immer mehr zu. In diesem beschreibt sie auf sehr persönliche Weise das Leben ihrer Mutter und ihrer Familie. In anonymen Briefen, deren Drohungen immer konkreter werden, wird ihr dies nun zum Vorwurf gemacht. L. steht Delphine bei, ist die einzig Eingeweihte, während Delphine ihre Kinder, Ihren Geliebten und ihre langjährigen Freunde mit diesen Dingen nicht belasten will. Die beiden werden zu einer Schicksalsgemeinschaft und L.s Hilfe immer unentbehrlicher für Delphine. Schon bald beantwortet L. Delphines Emails, schreibt Briefe in ihrem Namen und beantwortet sogar das Telefon der mittlerweile gemeinsamen Wohnung. Beginnt dies alles als Spiel, als mitfühlende Hilfe und augenzwinkerndes Verstellen, so kippt es mit zunehmender Dauer immer mehr in ein Machtgefälle, aus dem Delphine nicht mehr zu entkommen weiß und das sich in einen nicht zufällig an Stephen King erinnernden Psychohorror steigert. Dazu später mehr.

Nun ist es eigenartig: Das Buch offenbart etwa zwei Drittel seiner Handlung auf den ersten drei Seiten. Liest man noch den Klappentext, ist der Inhalt dieser zwei Drittel schon recht gut skizziert, rein handlungstechnisch fügt der Text nur noch wenig hinzu. Wie kommt es nun, dass das Buch eine derartige Spannung aufbauen kann? Hier lassen sich vor allem zwei Komponenten nennen, die wie Zahnräder ineinander greifen und die Spannung beständig befördern: die Erzählperspektive und die Gleichsetzung der Erzählerin mit der Autorin. Die Ich-Perspektive rückt die LeserInnen sehr nah an die Erzählerin, lässt sie Teil haben an ihren innersten Regungen, Zweifeln und Selbstbetrügen. Die Gleichsetzung von Erzählerin und Autorin lädt diese Nähe dazu noch mit einer Authentizität auf, für die Werke der „reinen“ Fiktion deutlich mehr aufbieten müssten. Derart aufgeladen verzeiht man dem Buch gern einige Längen in der ersten Hälfte und lässt sich vom sprachlich geradlinigen, bisweilen geradezu reißenden Erzählfluss willig tragen. Die Frage, was als nächstes passieren wird, bleibt durch das langsame Aufblättern der Beziehung zwischen Delphine und L. und der gleichzeitigen Verwischung der Grenzen von Einbildung und Realität, von der dieses Aufblättern begleitet wird, beständig spannend.

Viel Handlung bietet der Roman dabei nicht, und neu ist das alles auch nicht – denken wir nur an Stephen King, aus dessen Werken Sie und Stark die Mottos der einzelnen Teile im Buch entnommen sind und an dessen Roman Misery vor allem das Ende stark erinnert. Doch der Roman verlässt sich nicht nur auf seine beiden Triebräder Identifikation und Authentizität, die durchaus einer mäßigen Geschichte Spannung verleihen können. Ganz im Gegenteil: Der Roman nutzt seine Triebräder für ein Spiel mit den Erwartungen der LeserInnen und erweitert die bloße Handlung um eine zweite Ebene. Immer wieder mischen sich im Verlauf des Romans die Zweifel der Erzählerin an den Motiven L.s mit denen der LeserInnen an der Identität der Erzählerin: Wer schreibt hier? Und: Wer schreibt hier was? Was halten wir hier mit diesem Buch in unseren Händen?

Gerade diese zweite Ebene macht das Buch zu einer ebenso spannenden wie bereichernden Lektüre, die nicht nur ein Schicksal erzählt, sondern den LeserInnen als Rätsel gegenübertritt, das seine literarischen Grenzen durchbricht und die etablierten Lesegewohnheiten und -konventionen auf untergründige, leise Art zu hinterfragen versteht.

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

trauma, roman, spannung

Irrgast

Mireille Zindel
Buch: 132 Seiten
Erschienen bei Salis Verlag, 01.03.2008
ISBN 9783905801071
Genre: Romane

Rezension:

Ein Vogel wird in der Ornithologie als Irrgast bezeichnet, wenn er während des Vogelzugs gewissermaßen vom Weg abkommt. Die gestrandeten Vögel tauchen dann in Gegenden auf, welche weit entfernt sind von ihren eigentlichen Brutplätzen oder Überwinterungsquartieren. Meist finden die verirrten Vögel nicht in ihre angestammten Gebiete zurück und finden an dem neuen Ort einen früheren Tod.

Die Schweizer Schriftstellerin Mireille Zindel hat dieses Motiv in ihrem 2008 erschienenen Debütroman Irrgast (Salis Verlag) literarisch verarbeitet und auf ihre Hauptfigur Eli angewendet. Eli ist 35 Jahre alt, Ärztin und lebt in Zürich. Ihrem Beruf geht sie momentan, zumindest in der erzählten Zeitspanne, nicht nach. Eli steht unter Schock, denn sie musste mit ansehen, wie ihr Freund Elias vor ihrer Haustür erstochen wurde. Der Fall erweckt großes Aufsehen. Ein Detektiv wird eingeschaltet. Er und sein Assistent ermitteln fortan im Fall Elias. Doch aus Eli bekommen sie nicht viel heraus. Sie kann sich nicht an das Aussehen des Mörders erinnern und schweigt deshalb vehement. Die nächsten Tage fühlt sich Eli vollkommen deplatziert in der Welt. Sie versinkt in Depressionen und verlässt nur für Spaziergänge am See das Haus. Ziellos irrt sie in einer Welt umher, die nicht mehr die ihre zu sein scheint. Aber da ist noch Anna, die ihr eines Tages plötzlich folgt, ihr zuhört, mit ihr redet und Elis einziger sozialer Kontakt wird. Anna scheint die Verirrte aufzufangen, sie in einem bildlichen Sinne als Gast aufzunehmen. So wird Eli zum Irrgast. Bei einem ihrer Spaziergänge untermauert sie diese Parallele zwischen ihrer Person und den Vögeln:

"Wenn eine Ente oder eine Möwe oder ein Schwan auftaucht, schaue ich auf. Ich beobachte das Tier. Ich werde zum Tier. Ich kann nicht anders."

Die Autorin schafft es so, die Verbindung Mensch – Tier in ihrem Roman zu thematisieren. Immer wieder wird indirekt auf das Motiv des Irrgastes rekurriert.
Eli wird diagnostiziert, dass sie unter einer Amnesie leide, die nach traumatischen Erlebnissen normal sei. Hier eröffnet sich ein Teil des Irrgast-Motives, welches den Vögeln und Eli gleich ist: das Nicht-Erinnern.
Eine weitere Komponente des Hauptmotives ist die Beobachtung. Die verirrten Vögel werden gern von OrnithologInnen beobachtet und in der Vogelkunde als aufsehenerregendes Phänomen gehandelt. Auch Eli wird beobachtet, von Anna, aber auch von sich selbst. Eli filmt sich in ihrer eigenen Wohnung und schaut sich die Kassetten danach gelegentlich an.
Auch wenn Eli sich erinnert, dass sie Elias vor seinem Tod besuchen musste, wie von einem unsichtbaren Magneten angezogen, erinnert dies an den Magnetsinn der Vögel. Dieser natürliche Magnetsinn scheint im Falle der Irrgäste allerdings nicht einwandfrei zu funktionieren, bei Eli wiederum fällt dieser Magnet mit Elias’ Tod weg.

Weiterhin wird das Hauptmotiv des Buches sehr direkt in die Handlung eingeflochten, wenn die Biologin Anna der Vogelkunde nachgeht:

"Wir müssen an den Thunersee! Ein Irrgast ist aufgetaucht!"

Für mich hätte der Plot diesen direkten Verweis auf den ornithologischen Irrgast nicht gebraucht. Ich hätte es angenehmer gefunden, wenn das Motiv ganz ohne direkte Nennung in das Buch eingeflossen wäre.

Abseits des Hauptmotivs liest sich Zindels Roman fast wie ein Krimi. Die Frage, wer denn nun Elias umgebracht hat, wird erst am Ende aufgelöst. Auch das Verhalten Elis wirft nach und nach immer mehr Rätsel auf. Als sie beginnt, das Haus nicht mehr zu verlassen, um Anna im Haus gegenüber zu observieren, offenbart sich schrittweise der psychische Zustand der Hauptfigur.
Allerdings nimmt die Spannung kurz vor der Klärung des Mordfalls ein wenig ab, da dessen Bedeutung angesichts Elis Verhaltensweisen immer weiter in den Hintergrund rückt. Ab der Mitte des Buches wird deutlich, dass Irrgast kein reiner Krimi ist, sondern eher ein vielschichtiger Roman mit spannenden Elementen.

Mireille Zindel hat sich in ihrem klugen Debüt intensiv mit dem ornithologischen Irrgast-Phänomen beschäftigt. Die Autorin setzt dieses aus der Natur entnommene Motiv gekonnt in einen literarischen Kontext. Diese Themensetzung ist das Besondere an Irrgast und bezeugt die literarische Handfertigkeit der Autorin.

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Bodentiefe Fenster

Anke Stelling
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 31.10.2016
ISBN 9783548288512
Genre: Romane

Rezension:

Im letzten Jahr stand Anke Stelling mit ihrem Roman Bodentiefe Fenster (Verbrecher Verlag) auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Schon damals fiel mir der Roman vor allem wegen des reduzierten, „Verbrecher-typischen“ Covers ins Auge. Jetzt habe ich es endlich geschafft, Stellings Roman über die Töchter einer 68er-Mütter-Generation und das Leben in einem Wohnprojekt, zu lesen.

In Bodentiefe Fenster begleiten wir die Hauptfigur Sandra durch ihren Alltag und werden Zeugen ihrer Gedanken und Gefühle. Einen wirklichen Plot gibt es nicht, vielmehr werden ein Lebenszustand und dessen Ursache beschrieben. Schon der erste Satz aus Sandras Sicht wirkt verheißungsvoll: „Ich bin wie meine Mutter.“ Eine erfüllte Wunschvorstellung? Oder eine Klage? Ein gelungener erster Satz, der bereits zu Beginn das Thema des Romans umreißt, aber nicht zu viel verrät.

Sandra ist vierzig Jahre alt, Mutter zweier Kinder und verheiratet mit Hendrik. Alle zusammen leben sie (wie übrigens auch die Autorin selbst) in einem Berliner Wohnprojekt. Ausgang dieser Art des Zusammenlebens ist die Idee, der Anonymität beim Wohnen in einer Großstadt zu entkommen. Die Hausgemeinschaft soll sich im besten Fall auf einer demokratischen Basis gegenseitig positiv beeinflussen und bereichern. Solch ein Zusammenwohnen kann sehr schön sein. Man fühlt sich nie allein, selbst in der anonymsten Großstadt. Außerdem versammeln sich in einem solchen Wohnprojekt zumeist Menschen mit ähnlichen politischen Ansichten. Sandra führt uns jedoch auch immer wieder die Kehrseite eines solchen Zusammenlebens vor Augen:

"Es ist nämlich so, dass wir im Wohnprojekt darum konkurrieren, wer die lustigsten Bekannten, die besten Argumente, die begabtesten Kinder und die schönste Balkonbegrünung hat […]"

Die BewohnerInnen sind sich so nah, dass das Zusammenleben Fluch und Segen zugleich sein kann. Fast alle Familien in Sandras Wohnprojekt haben Kinder. Deren Erziehung und die damit einhergehenden Schwierigkeiten sind ständige Themen im Buch. Mit dem Gefühl, sich inmitten von „Richtig-Mach-Müttern“ zu befinden, wirkt Sandra oft überfordert und unsicher. Im Wohnprojekt wird von den meisten Eltern eine eher anti-autoritäre Erziehungsweise bevorzugt. Im Grunde hat Sandra dagegen nichts einzuwenden, steht diesem Konzept der Kindererziehung aber auch kritisch gegenüber. Im Roman wird dies deutlich, als Sandra mit ihrer Tochter Lina bei einem Gartenfest der Hausgemeinschaft beginnt, Federball zu spielen. Immer wieder werden die beiden von Judiths Tochter unterbrochen, ohne dass deren Mutter sie zurechtweist. Also schreitet Sandra reflexartig ein: „Wenn du nicht weggehst, kriegst du gleich den Schläger an den Kopf“. Bereits im nächsten Moment bereut sie ihre Aussage, entschuldigt sich besonders laut, sodass auch die HausbewohnerInnen es mitbekommen und beendet reuevoll das Spielen mit ihrer Tochter. Dies ist nur ein Beispiel für den Zwiespalt, in dem sich Sandra ständig befindet.
Ihr fällt es schwer, ihre eigenen Ideale und die gesellschaftlichen Erwartungen mit konkreten Konfliktsituationen unter einen Hut zu bekommen. Dabei trägt sie nicht nur ihre eigenen Vorstellungen mit sich herum, sondern auch die ihrer verstorbenen Mutter. Dass Autoritäten nichts Gutes sind, hat sie schon von ihr in die Wiege gelegt bekommen. Sandra ist ein Kind der 68er Bewegung und hat von ihrer Mutter den Auftrag bekommen, die Welt zu verändern. Doch mit Anfang Vierzig muss Sandra sich eingestehen: „Ich bin wie meine Mutter.“ Sandra sieht, wie die Mutter damals, die eigenen Ideale klar vor ihrem innerem Auge, kann sie aber nicht erfüllen – eine Tragik, die beide Figuren verbindet.
Die linksliberale Einstellung, mit der Sandra erzogen wurde, spiegelt sich im Roman in Slogans wieder, die die Hauptfigur nicht mehr vergessen kann: „Einer ist keiner, zwei sind mehr als einer“, „Gemeinsam sind wir stark“ und „Diese Welt ist veränderbar“. Neben diesen Mottos kommen Sandra immer wieder Kinderlieder in den Sinn, die ebenfalls für die Möglichkeit einer besseren Welt plädieren, wenn nur alle zusammenhalten. Diese Wiederholungen ziehen sich durch den gesamten Roman und sind bewusst gesetzt. Sie erscheinen keinesfalls redundant, obwohl sich bestimmte Sätze in exakt gleicher Wortreihenfolge wiederholen. Vielmehr verstärken sie Sandras inneren Drang, etwas verändern zu wollen, die Ideale ihrer Mutter zu erfüllen.

Beim Lesen konnte ich Sandras Hilflosigkeit und Stillstand sehr intensiv nachfühlen. Dies liegt vor allem an der unprätentiösen Sprache, die Stelling in ihrem Roman verwendet. Die Sätze sind klar strukturiert und unterstützen den Fokus auf den Gang, nicht den Ausgang, der Geschichte. Stelling schafft es zudem, inneren Monolog und äußere Handlung geschickt zu verweben, sodass ich wirklich das Gefühl hatte, mit Sandra durch ihren Berliner Alltag zu streifen. Ja, vielmehr noch hatte ich den Eindruck, Sandras Komplizin zu werden, was den Lesegenuss ungemein erhöht.
Der klare Stil des Romans wird von einem trockenen Humor durchzogen, sodass ich beim Lesen immer wieder schmunzeln musste, zum Beispiel, wenn Sandra versucht, ihrem Mann nach dem Zu-Bett-Gehen noch ein paar Zärtlichkeiten abzuluchsen:

"Ich nehme seine Hand und lege sie mir selbst auf den Kopf. Er knurrt und dreht sich um, stößt mich dabei mit dem Ellbogen. Das habe ich davon, Erschleichung von Dienstleistung."

Bodentiefe Fenster kommt ganz ohne metaphorisch aufgeladene Bilder aus, weil das Thema des Romans stark genug ist. Sandras Zweifeln und Hadern mit sich und ihrer Umgebung umgibt den Inhalt des Romans mit einem nachdenklichen Schleier. Durchbrochen wird dieser durch wiederkehrende schwarzhumorige Passagen. Für mich waren es gerade Sandras Selbstzweifel, die sie zu einer Sympathieträgerin machen. Sich an Idealen abarbeiten und dabei erkennen, dass die Welt vielleicht zu komplex ist, um die eigenen Wertvorstellungen zu erreichen – das kenne ich auch.
Bodentiefe Fenster ist ein Roman unserer Zeit, der ohne stilistische Großspurigkeit von den Problemen mit den eigenen Vorstellungen erzählt.

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Stil und Moral

Lukas Bärfuss
Fester Einband: 200 Seiten
Erschienen bei Wallstein, 02.03.2015
ISBN 9783835316799
Genre: Sonstiges

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einsamkeit, liebe, verlust, tod, familie

Vom Ende der Einsamkeit

Benedict Wells
Fester Einband: 355 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 24.02.2016
ISBN 9783257069587
Genre: Romane

Rezension:

Mit gerade einmal 23 Jahren legte Benedict Wells 2008 seinen Debütroman Becks letzter Sommer vor. Wells wurde damals als Ausnahmetalent gefeiert, das Debüt ein Erfolg und mittlerweile auch verfilmt. Zwei weitere Romane folgten. Nun erschien sein viertes Werk mit dem klangvollen Titel Vom Ende der Einsamkeit (Diogenes). Nach eigenen Aussagen schrieb Wells sieben Jahre an diesem Roman. Solch eine Zeitspanne lässt Großes und vor allem ausgereifte Gedankengänge erwarten. Letzteres trifft auf Vom Ende der Einsamkeit zu. Das Gefühl, beim Lesen etwas Einzigartiges in den Händen zu halten, blieb jedoch aus.

Schade eigentlich, denn der Roman beginnt doch sehr vielversprechend. In der Anfangsszene liegt der Protagonist Jules nach einem Motorradunfall im Krankenhaus und blickt auf sein bisheriges Leben zurück. Aus der Perspektive des Ich-Erzählers erfahren wir in chronologischer Reihenfolge, wie es zu diesem Motorradunfall kommen konnte, welche Hürden er in seinem Leben meistern musste. Jules und seine zwei älteren Geschwister Liz und Marty wuchsen behütet in München auf. Das Leben der drei nimmt eine plötzliche Wendung, als ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen. Jules, seine Schwester und sein Bruder kommen auf ein Internat und gehen für einige Jahre getrennte Wege. Auch Jules Wesen verändert sich. War er vorher ein aufgeweckter, mutiger Junge, fristet er im Internat ein Dasein als schüchterner, in sich versunkener Außenseiter. Nur die rothaarige Alva, ein geheimnisvolles Mädchen, freundet sich mit ihm an und macht ihm die Zeit des Gefangenseins im Internat erträglicher. Jules verliebt sich schließlich in Alva. Doch wieder passiert etwas Unvorhergesehenes, wieder entfernt sich eine Bezugsperson aus Jules’ Leben – dieses Mal allerdings nicht für immer. Jules’ Geschwister packen ihr Leben währenddessen auf ganz unterschiedliche Weise an. Marty ist strebsam, verfolgt strikt seine Karriere und leidet unter einigen Zwangsneurosen. Liz dagegen lebt den Moment, feiert das Vergessen, gibt sich Alkohol und Drogen hin. Erst als sie am Boden liegt, finden die Geschwister wieder zueinander. Auch Jules und Alva kommen sich wieder näher, als der Protagonist einige Zeit mit ihr und ihrem Mann, dem alternden Schriftsteller Alexander Nikolaj Romanow, in der Schweiz verbringt. Hier setzt die Liebesgeschichte der beiden ein, die doch schon so viel früher hätte beginnen können. Zusammen schaffen es Alva und Jules, sich selbst zu finden, aber auch die Vergangenheit zu deuten und ein Stück weit zu bewältigen.

Die Geschichte von Jules und seinen Geschwistern wird in der Rückblende sehr stringent erzählt, wobei immer wieder Leerstellen in der Handlung auftreten, die später im Plot ausgefüllt werden. Vage Andeutungen verweisen häufig auf verborgene Geschehnisse, die im weiteren Verlauf erklärt werden. Dies erzeugt bis zur Hälfte des Buches durchaus Spannung. Aber zum Ende hin wirkt diese Technik sehr ermüdend und einfallslos. Es ist ein Spiel mit dem Lesepublikum, das nach der fünften Runde, vorzugsweise am Ende eines Kapitelabschnitts, irgendwann langweilig wird. Zudem sind diese Cliffhanger so emotional aufgeladen, dass sie fast schon affektiert wirken:

"Es war ein monotoner, fast bizarrer Alltag, und bald wurde mir bewusst, dass wir hier gestrandet waren und alle auf etwas warteten. Und als ich erkannte, was das war, erschrak ich."

Muss dieser thrillerartige Nachsatz denn wirklich sein? Allgemein lässt die Leselust zum Ende des Buches immer mehr nach. Wells widmet sich großen Themen wie Verlust, Einsamkeit und Selbstentfremdung. Diesen Sujets geht er mithilfe kluger Fragestellungen nach:

"Was wäre das Unveränderliche in dir? Das, was in jedem Leben gleich geblieben wäre, egal, welchen Verlauf es genommen hätte. Gibt es Dinge in einem, die alles überstehen?"

Durch diese Sätze schimmert eine philosophische Anmutung. Wells spielt die Beantwortung dieser Frage an seinen Figuren durch und eröffnet einen philosophischen Diskurs, der großes Anknüpfungspotential hat. Leider verliert er sich insgesamt in Beschreibungen, die gut sind, aber keine spezielle Autorenstimme durchklingen lassen. Wells beweist, dass er durchaus gut schreiben kann, wenn er das Zusammentreffen der Geschwister nach vielen Jahren in ein sprachliches Bild verpackt:

"Und nun saßen wir am Tisch wie drei Schauspieler, die nach langer Zeit wieder zusammentrafen und sich nicht mehr an den Text ihres berühmtesten Stücks erinnerten."

Solche stilistischen Feinheiten kommen allerdings viel zu selten vor. Ebenso scheint die Figurenzeichnung an einigen Stellen unstimmig. Sollte ein alternder, gebildeter Schriftsteller wirklich so sehr die Fassung verlieren, dass er die Wörter bumsen und ficken verwendet? Das erscheint unglaubwürdig und passt nicht zur restlichen, eher gewählten Sprechweise Romanows. Auch ergeht sich Vom Ende der Einsamkeit nach und nach in Wiederholungen. Immer wieder blickt Jules zurück auf dieselben Ereignisse, mit demselben sentimentalen Blick. Nun ist Sentimentalität nicht unbedingt ein Merkmal schlechter Literatur. Schaukelt sich diese allerdings hoch zu einem vehementen Pathos, dann wird das Lesen zunehmend unerträglich. Während der erste Teil des Romans einem klugen Plot folgt und gesellschaftlich bedeutende Fragen aufwirft, fühle ich mich im hinteren nur noch gelangweilt von so viel Gefühlsduselei.

Der Autor hat viel vorgehabt, viel gewollt mit seinem Roman. Sieben Jahre sind eine lange Zeit, um einen guten Plot zu konstruieren. Das ist Wells gelungen: Die Handlung ist stimmig, der Stil leider nicht. So bleibt Vom Ende der Einsamkeit ein rührseliger Roman, dem es jedoch an literarischer Tiefe und Einzigartigkeit fehlt.

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drogen, udo lindenberg, musik, drogensucht, familie

Panikherz

Benjamin von Stuckrad-Barre
Fester Einband: 576 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 10.03.2016
ISBN 9783462048858
Genre: Biografien

Rezension:

Wenn man mich fragt, welche Autoren ich in meiner frühen Jugend geliebt habe, würde auf jeden Fall der Name Benjamin von Stuckrad-Barre fallen. Ich habe Soloalbum verschlungen und geliebt, den Roman als auch die Verfilmung. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mir in der Schule mit einer Freundin stets Zitate aus dem Film zugerufen habe. Uuuuh, ist das nostalgisch-schön! Umso aufgeregter war ich, als ich nun, mehr als zehn Jahre später, Stuckrad-Barres Autobiographie Panikherz (Kiepenheuer & Witsch) in die Hand nahm.

Ich hatte im Vorhinein bereits viel gehört und gelesen über das neue Buch des einstigen Medienstars Benjamin von Stuckrad-Barre. Vor allem die Besprechung im Literarischen Quartett hat mich umso neugieriger auf das Buch gemacht. Allerdings hatte ich auch einige Bedenken: Stuckrad-Barre war mein Autoren-Held der Jugend. Trotz aller Arroganz, die er ausstrahlt, ich fand ihn toll. Vielleicht gerade deswegen. Sollte mir diese schonungslose Biographie vielleicht meine Jugendillusionen nehmen? Oder noch viel schlimmer: Schreibt Stuckrad-Barre jetzt anders als früher? Ich erinnere mich, dass vor allem sein ironischer und lapidarer Schreibstil mich in seinen frühen Werken so beeindruckt hat. Das war eben Popliteratur, frech und hingerotzt, oberflächlich und blasiert. Ich fand das genial.

Na gut, ich traute mich also heran an diesen 576 Seiten dicken Wälzer und war vor allem gespannt auf die angekündigten Eskapaden und Drogensuchtszenarien des Autors. Doch zunächst beginnt das Buch ganz brav chronologisch mit der Kindheit von Stuckrad-Barre. Der Autor kommt aus einer gut situierten „Öko-Familie“, Vater Pastor, Stuckrad-Barre das jüngste von vier Geschwistern. Seine Kindheit verbringt er zwischen Hamburg und Bremen, seine Jugend dann in Göttingen. Sein Antrieb war schon immer die Popmusik und irgendwie schaffte er es, genau in diesem Bereich ordentlich mitzumischen. Schon während der Schulzeit in Göttingen wie auch im späteren Verlauf seines Berufslebens ist Stuckrad-Barre zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Nach dem Abitur verlässt Stuckrad-Barre Göttingen. Sein Weg führt ihn hinaus in die große Welt der Medien. Er arbeitet beim Rolling Stone, für die Harald Schmidt Show, in einer Plattenfirma und schreibt seine ersten Romane. Die Erfolgskurve geht steil nach oben und ich bin wirklich erstaunt, wie dieser Mensch das alles vor allem mit einer gigantischen Portion Frechheit und Dreistigkeit erreicht hat. Er lernt so ziemlich jedes seiner Jugendidole kennen und lebt in Hamburg, Berlin und Zürich.

Doch dann kommt der große Absturz. Als Autor und Entertainer, der ständig im Rampenlicht steht, fängt Stuckrad-Barre an, sich für diese Branche zu fett zu fühlen. Er wird bulimisch. Als der Autor bemerkt, dass Kokain den Hunger ganz wunderbar unterdrückt, kommt eine weitere Sucht hinzu: die Kokainabhängigkeit. Vier Jahre lang geht das so. Drei Entzüge macht der Autor und wird jedes Mal kurz darauf rückfällig. Nach dem vierten, da ist er mittlerweile schon 31 Jahre alt, schafft er es schließlich und ist bis heute clean. Bei allem steht ihm, sei es physisch anwesend oder durch seine Songtexte, sein großes Idol seit Kindheitstagen zur Seite: Udo Lindenberg.

Ausführlich beschreibt der Autor, wie es ihm in den Jahren der Sucht erging. Diese Beschreibungen sind unglaublich detailliert und erschütternd, aber kommen ganz ohne bereuenden Pathos aus. Hier kommt dem Schriftsteller sein wohl größtes Talent zu Gute, das ich schon in seinen früheren Romanen so bewunderte: Er beherrscht Ironie sowie Sarkasmus und webt beides ganz leicht in die Handlung ein. Stuckrad-Barre nimmt sich selbst nicht zu ernst und kann mir als Leserin selbst in der erbärmlichsten Szene noch ein Schmunzeln abgewinnen:

Ich wusste gar nicht, wie das geht: wohnen. Das merkte man zum Beispiel daran, dass ich noch immer keine Lampen hatte. […] Das war nun schlecht, weil ich ja im Kokain-Jetlag lebte, tagsüber vor mich hindämmernd, nachts aber immer wach. Also nahm ich die Stehlampe mit von Zimmer zu Zimmer, ich besaß nur diese eine, die Wohnung aber hatte drei Zimmer, und die Hauptbeschäftigung eines Drogenabhängigen ist es nun mal, beständig im Kreis zu gehen […].

Neben diesen sehr ehrlichen Ausführungen ist Panikherz übersät von Udo-Song-Zitaten. Für Stuckrad-Barre sehr wichtig, für Udo-Fans sicherlich interessant, für mich als Nicht-Udo-Fan (Jetzt ist es raus!) oft nervig und leseflusshemmend. Aber gut, das sei ihm verziehen, schließlich ist dies Stuckrad-Barres persönliche Geschichte und kein fiktiver Roman.

Was ich ihm allerdings nicht verzeihen kann, ist die sprachliche Umsetzung seiner Lebensgeschichte. Beim Lesen der ersten Kapitel stellte sich bei mir ein Wohlfühlmoment ein: Sprachlich ist Panikherz immer noch sehr nah an Soloalbum dran. Doch nach der Hälfte des Buches verfliegen die verklärenden Nostalgieanwandlungen und bestimmte Stilelemente fangen an, mich zu langweilen. Über die extrem hohe Verwendung von Ellipsen, langen Schachtelsätzen und scheinbar wahllos in Versalien gedruckten Wörtern (Gibt es da ein System?!) sehe ich einmal hinweg.

Die Angewohnheit des Autors, witzige Komposita zu bilden, wird spätestens nach der Hälfte des Buches zu einer einfallslosen Masche. Die Wörter bestehen dann aus mindestens drei Komponenten: Handlungsreisendentistesse, Staatsbürgertrivialitäten, Glamoursimulationsverrenkungen. Diese Komposita sind an sich schon schwer zu erfassen, aber so richtig kompliziert wird es erst, wenn diese Mammutwörter an ungünstigen Stellen getrennt werden: Minibarerd-nussfatalismus oder Bühnenener-giezauberer musste ich dreimal lesen, bevor sich mir eine Bedeutung erschloss.

Auch der Satzbau des Autors ist oft nur schwer zu begreifen:

Als ich verzweifelt in meinem Kulturbeutel rumrührte auf der Suche nach irgendwas, das wirkt, egal wie und was, Hauptsache stark, da fiel mir auf, dass ich mein Antidepressivum zu Hause vergessen hatte, weil natürlich meine Abreise wie immer nicht anders als überstürzt hatte genannt werden können.

Nicht, dass der Satz sowieso schon ziemlich verworren ist durch die zahllosen Teilsätze, nein, am Ende benutzt Stuckrad-Barre auch noch vier (!) Verbformen hintereinander. Komplizierter und steifer ging es wohl nicht. Versucht der Autor hier seine Sprache künstlich aufzublasen oder schafft er es einfach nicht, den Gedanken in einen verständlichen Satz zu packen? Erstere Vermutung scheint bestätigt, wenn ich mir die teilweise sinnlosen Wortwiederholungen im Buch anschaue:

Es ist die schönste Zeit, hier entlangzufahren, Abendsonne, die Palmen am Straßenrand, wirklich Palmen!, man vergisst das immer, Palmen also, die so besonders gut aussehen […].

Zweimal Palmen hätte hier wirklich ausgereicht. So wirkt der Satz zwar voller, vielleicht auch näher an der Alltagssprache, aber eben auch redundant. Mich hat diese Technik aufgeregt beim Lesen, weil sie die Handlung künstlich aufhält.

Ein ähnlicher Effekt entsteht, wenn Stuckrad-Barre eine von Harald Schmidt erzählte Geschichte nacherzählt – eine Story aus zweiter Hand sozusagen. Das ist genauso, als würde meine Mutter mir ein Erlebnis ihrer Nachbarin erzählen. Da ist die Distanz zum Erlebten so groß, dass mich solche Beschreibungen anöden. Der einzige Unterschied zwischen der Nachbarin und Harald Schmidt ist der allgemeine Bekanntheitsgrad, welcher wohl die einzige Berechtigung für eine solche Nacherzählung darstellt.

Sprachlich erinnert Panikherz immer noch an Stuckrad-Barres erste Romane, die ich als Jugendliche so verehrte. Doch anscheinend bin ich wohl älter geworden. Stilistisch überzeugt mich Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiographie nämlich nur gering. Davon abgesehen ist Panikherz ein wilder und ironisch-komischer Ritt durch das Leben des Autors und Entertainers, aber auch durch die deutsche Musik- und Medienlandschaft der letzten dreißig Jahre. Wer also auf Namedropping und ungehemmten Sarkasmus steht, sollte dieses Buch unbedingt lesen.

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Alle Eulen

Filip Florian
Fester Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Matthes & Seitz Berlin, 29.02.2016
ISBN 9783957572219
Genre: Romane

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fliegen, großvater, für den herrscher aus übersee, japanerin, vergangenheit

Für den Herrscher aus Übersee

Teresa Präauer
Flexibler Einband: 144 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 24.04.2014
ISBN 9783596197217
Genre: Romane

Rezension:

Vogelflöten, Ornithologielexika, Naturkundemuseum – all das durfte ich in den letzten Wochen in einem ganz besonderen Seminar an der Freien Universität Berlin kennenlernen. Die österreichische Autorin und Künstlerin Teresa Präauer hat dort in diesem Semester die Samuel-Fischer-Gastprofessur für Literatur inne und gibt ein Seminar mit dem Titel „Poetische Ornithologie“. In der kommenden Sitzung sprechen wir über ihren Debütroman Für den Herrscher aus Übersee (Wallstein).

Teresa Präauer ist nicht nur eine begnadete Vogelflötenspielerin. Sie hat vor allem die Gabe, ihre Begeisterung für ein Thema mit anderen zu teilen, andere Menschen mit dieser Begeisterung anzustecken. Dabei betont sie immer wieder, dass sie keine besonders große Tierfreundin sei, es aber äußerst interessant finde, wie der Mensch versucht, Tiere zu klassifizieren und anthropomorphisieren. Dieses Interesse spricht auch aus ihrem 2012 erschienenen Debütroman. Natürlich geht es in Für den Herrscher aus Übersee um Vögel und um das Fliegen. Aber auch stilistisch hat das 137 dünne Buch viel zu bieten.

Die Erzählstruktur des Romans besteht aus drei Teilen. Drei Geschichten werden aus drei unterschiedlichen Perspektiven erzählt und geschickt ineinander verwoben. Der Urlaub zweier Brüder auf dem großelterlichen Bauernhof ist eine der drei Ebenen. Wir erleben diese Ferien aus der Sicht des jüngeren Bruders. Die Eltern der beiden Kinder sind gerade auf Reisen, schicken ihnen aber Tag für Tag eine Postkarte aus den fernen Ländern. Die beiden Jungs stört die Abwesenheit der Eltern nicht sonderlich, haben sie doch allerhand auf dem Bauernhof der Großeltern zu tun. Die Eier müssen jeden Morgen aus dem Hühnerstall geholt werden, Fluggeräte werden gebaut und getestet, ein gefundenes Ei muss ausgebrütet werden und der Großvater erzählt tolle Geschichten über das Fliegen. Der war nämlich selbst einmal ein Pilot. Durch seine Berichte wird die zweite Erzählebene fassbar. Auf einem seiner Flüge, damals, als er noch ein junger Pilot war, verliebt er sich in eine Japanerin. Die junge Frau ist ebenfalls mit dem Flugzeug unterwegs, jedoch abgestürzt und gestrandet. Der Großvater findet sie und versucht nun, ihr Fluggerät zu reparieren. Dabei malt er sich eine Zukunft mit der hübschen Japanerin aus. Beide verbringen augenscheinlich eine romantische und unbeschwerte Zeit miteinander:

"Da kommt ihm die Japanerin dazwischen und küsst ihn auf den Mund. Sie schmiegen sich aneinander und rollen so durchs Gras, an den Köpfen etwas stärker als an den Füßen unten[…]. Ein schöner Tanz ist das, sagt der Großvater, und die Wiese hat nichts dagegen."

An Stellen wie diesen zeigt sich Präauers genaue Beobachtungsgabe. Mit einfachen Sätzen schafft sie es, die erzählten Szenen vor den lesenden Augen lebendig werden zu lassen. Dabei hilft vor allem der Wechsel zwischen parataktischen und syntaktischen Sätzen. So bekommt das Erzählte eine ganz eigene Melodie, einen Rhythmus. Sowohl beim Lesen des Buches als auch jetzt noch sehe ich klare Bilder und Handlungsabläufe vor meinem inneren Auge. Präauer benennt Geschehnisse mit konkreten Begrifflichkeiten und erzeugt so eine authentische Erzählweise.

Bei aller Zuneigung, die aus dem vorherigen Zitat spricht, muss der Großvater leider irgendwann einsehen, dass die junge Japanerin nicht so fühlt wie er. Doch das ist gar nicht schlimm. Sonst gäbe es die Großmutter und die beiden Enkelsöhne schließlich nicht, die er doch sehr liebt. Sein Umgang mit ihnen und vor allem seinen Tieren ist aber auch von einer gewissen Brutalität gekennzeichnet:

"Der Großvater stöhnt, ja!, er entreißt der Großmutter die Flinte und richtet ihren Lauf auf die Voliere. Peng-peng-peng! Er schießt das Magazin leer – und trifft jedesmal daneben."

Zunächst scheint diese Stelle etwas schockierend, schließlich schauen doch die beiden Kinder dabei zu. Aber gleich danach reflektiert der ältere Bruder die Situation:

"Einfach aus Lust, sagt der Bruder später, einfach weil er sich messen wollte und dabei kurz vergessen hat, wie sehr er die Vögel, und besonders die Ziervögel, liebt."

Hier zeigt sich die Besonderheit der kindlichen Erzählperspektive, die die Autorin gewählt hat. Oft gelingt es AutorInnen nur schlecht aus der Sicht eines Kindes zu erzählen. Präauer schafft es in ihrem Debütroman, durch Kinderaugen zu sehen, ohne dabei etwas zu beschönigen oder zu verklären. Die Autorin zeigt, wie Kinder über das Verhalten des Menschen nachdenken und dabei Dinge teilweise konkreter benennen können als jegliche Erwachsene. Nebenbei beleuchtet der Text hier auch die Ambivalenz zwischen Tierliebe und Macht über die Tierwelt. Eine weitere Szene, die diesen Kontrast noch einmal verstärkt, ist die Schlachtung des Lieblingshuhns der beiden Brüder. Obwohl sie den Großvater darum bitten, ein anderes Huhn auszuwählen, köpft dieser bewusst genau jenes, welches die Brüder am liebsten haben:

"Man muss sich trennen können von dem, was man liebt, sagt er, nimmt den noch flatternden Körper des Tieres, zieht einen kleinen, farbigen Ring von seinen Krallen, kickt uns das Ding entgegen […]."

Der Mensch will das Tier oft nachahmen. Vor allem Vögel sind Vorbilder für das Fliegen. Doch so sehr die Tiere vom Menschen bewundert werden, genauso intensiv ist die Macht, die der Mensch über das Tier haben will. In Für den Herrscher aus Überseewerden beide Komponenten beleuchtet: Tierliebe und Tiernutzung.

Dass beides ganz ohne Brutalität möglich ist, zeigt die dritte Erzählebene. Aus der Perspektive einer Flugpionierin erfahren wir, wie es sich anfühlt, mit einem Vogelschwarm über verschiedenste Landschaften und Gewässer zu fliegen.

"In einem bohnenförmigen Fluggerät, unten drei Räder, hinten ein Propeller, oben ein weißer Schirm, der geschnitten ist wie ein Lindenblütenblatt, sitzt, den Helm über den Kopf gezogen, die Handschuhe über die Finger, ein Tuch um den Mund, die Fliegerin."

Die Figur der Fliegerin geht wahrscheinlich zurück auf die historische Flugpionierin Amelia Earhart, die in den 1930er Jahren großes Aufsehen als erste weibliche Pilotin der Geschichte erregte. Präauers Flugpionierin fliegt mit einem Schwarm von Vögeln. Von ihnen lernt sie. Die Vögel sind ihre Begleiter und Freunde und die Flugpionierin gleicht sich ihnen an, nicht umgekehrt. So durchstreift die junge Fliegern ganz unabhängig von den anderen beiden Erzählsträngen das Buch. Diese Ebene gibt dem Gesamtplot einen historischen Bezugspunkt, den Präauer höchst literarisch verpackt. Zwar berichtet die Flugpionierin nicht aus der Ich-Perspektive, doch hatte ich beim Lesen das Gefühl, ich säße hinter ihr im Cockpit.

Für den Herrscher aus Übersee ist ein Gesamtkunstwerk. Wie auch bei Johnny und Jean, dem zweiten Buch der Autorin, scheint Präauer auch hier einen Pinsel in der Hand zu halten, mit dem sie den Plot ihres Debüts viel mehr malt als schreibt. Mit einfachen Mitteln lässt sie fantastische Bilderfolgen im Kopf der LeserInnen entstehen. Ihr federleichter Schreibstil schmiegt sich dabei wie von selbst an das Geschriebene und scheint damit zu verschmelzen. Selten habe ich ein Buch gelesen, in dem Form und Inhalt so gut zusammenpassen.

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Das Nirvana Baby

Juri Sternburg
Flexibler Einband
Erschienen bei Korbinian, 15.10.2015
ISBN 9783981758306
Genre: Romane

Rezension:

Kleines, hübsches Buch – große Wirkung. So würde ich Juri Sternburgs Debütwerk Das Nirvana Baby (Korbinian Verlag) beschreiben. Es gibt viel Besonderes an diesem Büchlein. Die Entstehungsgeschichte zählt dazu, aber auch der Stil und vor allem die Gestaltung. Meine Klebezetteldichte (ein Klebezettel = ein spezielles Zitat) in diesem 75-seitigen Büchlein ist enorm und spricht für sich.

Das Nirvana Baby erschien Mitte letzten Jahres und mit ihm auch der Korbinian Verlag. Ein Verlag mit nur einem Titel im Programm, das klingt zunächst unüberlegt, wenn nicht sogar irrsinnig. Dem Verlag ist bewusst, dass es eine Anmaßung und auch ein Wagnis ist, einen Verlag auf eine Publikation zu gründen. Kein Programm, keine langfristigen Pläne. Aber: ein toller Text, für den es sich lohnt, ein Risiko einzugehen und einfach mal einen eigenen Verlag zu gründen. Alles andere wird sich schon fügen. Ich mag diese Zuversicht und den Enthusiasmus, der hinter diesem ersten Titel steht. Viel zu selten setzen Menschen sich zusammen und realisieren ihre Traumprojekte. Allein das war Grund genug für mich, mir Das Nirvana Baby mal genauer anzuschauen.

In Sternburgs erstem Buch geht es um Paul, der genervt ist von den superreflektierten und doch total angepassten Mitte-Zwanzig-Jährigen unserer Zeit. Kritik findet im Theater statt, Performances wollen die Welt verändern, am Ende bewegt sich aber doch nichts. Deshalb würde Paul gern Amok laufen, ein wirkliches Zeichen setzen. Doch irgendwie scheitert er schon daran, überhaupt ein Bekennerschreiben zu verfassen. Also läuft er weiter genervt durch Berlin und übt sich im Kritisieren. Konsumkritik, Kritik an der Doppelmoral seiner Generation, Kritik an den Medien – alles da. Und tatsächlich schafft Paul es, im Endeffekt das alles selbst zu bedienen:

"Manchmal versuchte er tiefgründige Gedanken zu formulieren, aber seine einzige Erkenntnis blieb, dass er seine neuen AirMax-Sneakers schön fand. Er liebte sie beinah. […] Und obwohl er wusste, wie falsch, oberflächlich und egoistisch das war, wollte er dennoch daran nichts ändern."

Zwischen Tinder, schlimmen Fernsehsendungen und ab und an einem Fußballspiel von Eisern Union bewegt sich Pauls Leben. Bei letzterem kann er dann mal wieder so richtig gepflegt ausrasten, sich im Rausch prügeln oder auch nur eine Fantasie davon entwickeln. Über die gesamte Länge des Buches wurde mir nämlich nie ganz klar, welche Perspektiven hier eigentlich aufgezeigt werden. Figuren scheinen miteinander zu verschwimmen. Spricht hier ein vielleicht schizophrener Protagonist oder gibt es tatsächlich mehrere Figuren? Am Ende bin ich mir nicht mehr sicher und umso mehr interessiert am Re-Reading.

Das Nirvana Baby provoziert, und genau das soll es laut Verlag auch. Nicht nur der Plot, auch die Gestaltung ist auffällig. Verschiedene Schriftarten und -größen, türkisfarbene Überschriften und eine sehr schöne Illustration zu Beginn des Buches. Das Cover, ebenfalls in Türkis, ist sehr schlicht und modern gehalten. Ich halte da also ein sehr kleines Büchlein in den Händen, das allerdings so liebevoll und durchdacht gestaltet wurde, dass ich mich wieder bestätigt fühle, in der Annahme, das E-Book könne das gebundene Buch auf keinen Fall verdrängen.

Das Nirvana Baby erinnert mich an vielen Stellen an Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz. Allein der kleine Prolog, der auf den folgenden Inhalt verweist, gleicht für mich den Kapiteleinleitungen in Döblins Roman. Aber auch die beiden Hauptcharaktere, Paul Bakunin in Das Nirvana Baby und Franz Biberkopf aus Berlin Alexanderplatz weisen für mich gewisse Parallelen auf. Beide irren durch ein lautes, schnelllebiges Berlin. Beide würden so gern etwas bewirken und erreichen. Beiden bleibt dies am Ende verwehrt.

Dieses Büchlein ist eine harsche Kritik an unsere konsumorientierte, neoliberale Gesellschaft. Aus dieser könnte sich eine Ansage an dieses System herauskristallisieren. Aber das Bekennerschreiben lässt auf sich warten und das Subjekt verschwindet dorthin, wo es herkam: in den neoliberalen Einheitsbrei.

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menschen, ronja von rönne, trennung, depression, aufbau

Wir kommen

Ronja von Rönne
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 04.03.2016
ISBN 9783351036324
Genre: Romane

Rezension:


Ich spare mir an dieser Stelle das Vorgeplänkel zur Person Ronja von Rönne. Ich denke, zur Autorin von Wir kommen ist in den letzten Wochen und Monaten genug gesagt worden. Viel mehr möchte ich lediglich ihren Roman betrachten, losgelöst von jeglicher Feminismusdebatte. Der Schutzumschlag ihres Buches verspricht ein „radikales Buch, rasend komisch in seiner Verzweiflung und poetisch in seiner Grausamkeit“. Aber manchmal werden Versprechen eben auch gebrochen.

Der Plot ist schnell erzählt. Nora ist die Hauptfigur in Wir kommen. Sie befindet sich in einer polyamorösen Beziehung mit Karl, Jonas und Leonie. Letztere hat zudem eine kleine Tochter, Vater un-bekannt. Alle zusammen sind gelangweilt vom Stadtleben und haben ihr jeweils eigenes Päckchen zu tragen. Nora hat Panikattacken, Jonas ist depressiv, Leonie essgestört und Karl sehr unsicher. Nora ist zudem ein wenig besorgt, denn ihre Freundin Maja soll gestorben sein. Die vier Endzwanziger beschließen, ans Meer zu fahren. Mit an Bord ist ebenfalls eine Schildkröte. Tiere kommen ja in Romanen immer gut. Auch im Urlaub kommt die Tristesse wieder und die Einsicht, dass diese Vierer-Konstellation nicht mehr lange hält. Ein letzter Versuch wird unternommen, um die Polyamorie der zwei Paare zu retten: eine Party. Zwischendurch schweift Ich-Erzählerin Nora immer wieder in die Vergangenheit ab und berichtet von ihrer Jugend mit Maja.

Da kommt vieles zusammen auf knapp 200 Seiten. Die Story wirkt überladen und das ist für mich schon der erste Schwachpunkt der Geschichte. Auch die vier ProtagonistInnen sind mir nicht sympathisch, viel schlimmer noch: Sie sind mir egal. Einzig Maja stellt sich nach und nach als eine interessante Figur heraus, die wirklich etwas vermittelt und sich nicht nur in leere Worthülsen ergießt. Doch leider bekommen wir sie als LeserInnen nur in der Rückschau zu Gesicht. So summieren sich diese Rückblenden zum spannendsten Erzählstrang der gesamten Geschichte, während die Haupterzählung leise und bedeutungslos vor sich hin plätschert. Dabei verliert sich die unendlich passive Ich-Erzählerin Nora in blasse Pointen, die bei mir nur ein irritiertes Stirnrunzeln hervorrufen:

„Karl schrie, wir seien Freunde zum Pferdestehlen, dabei ist das natürlich Quatsch, wozu sollen wir denn Pferde stehlen, ich kann nicht einmal reiten, solche Freunde brauch ich nicht, auf irgendeiner niedersächsischen Weide, mit zwei Shetlandponys am Halfter […]“

Der Versuch, lässig und unangestrengt witzig zu sein verkehrt sich leider ins Gegenteil und scheitert somit. Wir kommen prangert Phrasendrescherei an und ergeht sich letztendlich in eben solcher. Die ständigen Wiederholungen, vor allem Anaphern, sind da auch keine Lösung und eher ermüdend:

„Über dem Eingang war ein breites Schild angebracht: „Brötchen aus Leidenschaft!“ Ich hätte lieber Brötchen aus Teig gehabt, Brötchen, die Brötchen waren, in einer Papiertüte und außen knusprig und innen weich.“

Vielleicht steckt ja wirklich viel Wahres über die Endzwanziger-Generation in Ronja von Rönnes Buch. Ich konnte es nur leider nicht entdecken. Der ganze Plot ist unglaublich klischeebeladen. Das wäre erst einmal nicht so schlimm. Nur leider wurden diese Generationenklischees (Orientierungslosigkeit, Überforderung durch Überangebot, sexuelles Austoben, Hinterfragen des Konzepts „Liebe“, Depressivität etc.) bereits in so vielen Büchern der Popliteratur verarbeitet, dass von Rönnes Buch wenig innovativ wirkt. Es sticht einfach nicht heraus und hat mich teilweise sehr gelangweilt. Wahrscheinlich war die Autorin beim Schreiben selbst ein wenig gelangweilt, so fühlt sich dieses Buch nämlich an. Schade eigentlich, da wurde wohl viel Lärm um nichts gemacht bei der Ankündigung dieses Romans. Völlig grottig ist Wir kommen nicht. Dennoch steht für mich fest: Dieses Buch kann man lesen, muss man aber wirklich nicht.

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Tags: aufbau, depression, feminismusdebatte, klischee, polyamorie, popliteratur, ronja von rönne   (7)
 

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Umsäuselt von sumsenden Bienen

Wilhelm Busch , Christiane Freudenstein
Flexibler Einband: 64 Seiten
Erschienen bei Wallstein, 29.02.2016
ISBN 9783835318687
Genre: Sonstiges

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Lange Fluchten

Daniela Danz
Fester Einband: 152 Seiten
Erschienen bei Wallstein, 15.02.2016
ISBN 9783835318410
Genre: Romane

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koala, suizid, schweiz, lukas bärfus, australien

Koala

Lukas Bärfuss
Fester Einband: 220 Seiten
Erschienen bei Wallstein, 03.03.2014
ISBN 9783835306530
Genre: Romane

Rezension:

Sagen Literaturpreise etwas über die Qualität der prämierten Werke aus? Im Fall von Koala (Wallstein Verlag) kann ich diese Frage klar mit „Ja“ beantworten. 2014 erhielt Lukas Bärfuss für seinen zweiten Roman den Schweizer Literaturpreis. Meiner Ansicht nach vollkommen zu Recht. Koala ist ein ganz besonderes Buch: mit scharfem Geist durchdacht und sprachlich wunderbar umgesetzt.

Lukas Bärfuss’ autobiografischer Roman spielt – wie sollte es anders sein – in der Schweiz. Der Ich-Erzähler kehrt widerwillig für einen Vortrag über Kleist in seine Heimatstadt zurück. Dort trifft er auf seinen Halbbruder, den er nur selten sieht. Beide sind sehr verschieden und haben sich nicht sonderlich viel zu sagen:

"Wenn es eine Vertrautheit zwischen uns gab, dann beschränkte sie sich auf ein komplizenhaftes Schweigen, ein Reden in Andeutungen, das niemals auf den Grund der Dinge stieß."

Der Ich-Erzähler erinnert sich an seine Kindheit. Er ist nur indirekt mit seinem Bruder aufgewachsen, welcher das Heimatstädtchen nie verließ. Ganz anders der Ich-Erzähler. Er ist froh, als er nach seinem Vortrag den bedrohlich kleinen und engen Ort wieder verlassen kann:

"[…] als ich mich endlich in einem Abteil niederließ und sich der Zug in Bewegung setzte, sagte ich mir, dass alles schlimmer hätte enden können und das Wiedersehen mit meiner alten Heimat glimpflich verlaufen sei. Meinen Bruder aber habe ich nie wieder gesehen."

Der Bruder begeht kurz darauf einen sehr gut geplanten Selbstmord. Der Ich-Erzähler ist erschüttert, doch weiß er nicht so recht, wie er sich nun verhalten soll. Zu oberflächlich war die Beziehung zu seinem Bruder in den letzten Jahren. Schließlich erinnert er sich an den Spitznamen des Verstorbenen: „Koala“. Er fängt an, darüber nachzudenken, was dieses Tier mit seinem Bruder zu tun hat. An dieser Stelle geht die Erzählung in eine Kolonialgeschichte über. Die Besiedelung Australiens durch die Briten wird ausführlich beschrieben. Der Koala dient dabei als strukturierendes Erzählelement. Nur durch die einsetzende Kolonialisierung des Landes wurde dieses Tier vor seiner Ausrottung bewahrt. Die Erzählstimme erläutert, dass der Koala von der Natur nicht unbedingt mit nützlichen Eigenschaften gesegnet wurde und es deshalb ein wahres Wunder ist, dass er heute noch existiert:

"George Perry, der englische Schneckenforscher, schrieb, unter allen seltsamen Tieren, die aus der Neuen Welt bekannt seien, gebühre dem Koala bestimmt ein besonderer Platz, und wenn man seinen ungeschickten und unbeholfenen Körper betrachte, ganz abgesehen von seiner seltsamen Physiognomie und seinem bizarren Lebenswandel, dann fehle einem jede Erklärung, zu welchem Zwecke der große Autor der Natur ein solches Wesen erschaffen haben mochte."

Zum Ende kehrt der Plot dann zurück in die Gegenwart. Der Ich-Erzähler besucht die Beerdigung seines Bruders und beschäftigt sich, zurück am heimischen Schreibtisch, auf philosophische Weise mit der Beziehung des Menschen zur Arbeit.

Koala ist ein durchweg kluges Buch, das zudem auch noch sehr schön gestaltet wurde. Bärfuss gelingt es, das sensible Thema Suizid und Gesellschaft neu zu beleuchten:

"Es war eine Lüge, zu behaupten, dass man die Selbstmörder nicht verstand. Im Gegenteil. Jeder verstand sie nur zu gut. Denn die Frage lautete nicht, warum hat er sich umgebracht? Die Frage lautete: Warum seid ihr noch am Leben?"

Koala nähert sich der Selbstmordthematik auf behutsame und philosophische Weise. Jeder Mensch verarbeitet den Suizid eines Angehörigen/einer Angehörigen anders. Für den Ich-Erzähler ist die Erkundung der Geschichte des Tieres, das dem Bruder seinen Spitznamen verlieh, die passende Form, mit dem Selbstmord umzugehen.

Die schwere Kost einer historischen Kolonialthematik verpackt Bärfuss mit einer Leichtigkeit, dass es mir eine Freude war, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. So schafft es der Autor, durch die kunstvolle Verknüpfung von Fiktion und Faktualität ein Stück Geschichte zu erzählen, ohne dabei belehrend zu wirken. Ich muss natürlich zugeben, dass meine Erwartungshaltung an das Buch nach den ersten Seiten eine völlig andere war. Eine Geschichte über die Besiedelung Australiens, die sich über die Hälfte des Buches erstreckt, hatte ich keinesfalls kommen sehen. Zunächst irritierten mich die ersten Seiten dieser Erzählebene und ich fragte mich, wann das Ich-Erzähler-Bruder-Verhältnis wieder in den Mittelpunkt rückt. Doch gerade dieses Spiel mit Leseerwartungen ist für mich das Spannende und auch Kreative an diesem Buch.

Das Offensichtliche spart Bärfuss immer wieder bewusst aus und schafft Leerstellen, die die Lesenden selbst ausfüllen können. Auch sprachlich ist Koala ein Glanzstück. Klare Formulierungen, die ästhetisch anmuten, schaffen ein angenehmes Leseerlebnis. Dieses innovative Erzählkonzept gepaart mit einem ganz eigenen Sprachstil macht Koala zu einem bereichernden Stück Literatur.

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Der Spieler

Fjodor M. Dostojewskij , Swetlana Geier , Horst-Jürgen Gerigk
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 23.08.2012
ISBN 9783596904464
Genre: Klassiker

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