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chat, liebe, jennifer wolf, fernbeziehung, freundschaft

Häkelenten tanzen nicht

Alexandra Fuchs
E-Buch Text: 353 Seiten
Erschienen bei Impress, 08.01.2015
ISBN 9783646600896
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Eigentlich ist Frank an der ganzen Miesere schuld. Hätte er es geschafft rechtzeitig bei Sams Oma mit dem versprochenen Geschenk, für besagte ältere Dame, aufzutauchen, wären sich Alice und Sam wahrscheinlich niemals begegnet. Also eigentlich müssten die beiden ein großes fettes Dankeschön an Frank richten. Denn nur dieser eine verzweifelte Weihnachtsabend, an dem Sam, Durchfall vortäuschend und sich mit den Häckelenten auf dem Klopapier seiner Oma beschäftigend, versehentlich Alice anschrieb, mit der Absicht seinen Freund Frank zu erreichen, ermöglichte es den beiden festzustellen, dass sie für einander bestimmt sind. Zu Beginn etwas zögerlich schreiben die beiden nach diesem Abend auch weiterhin miteinander, lernen sich kennen und fürchten mit der Zeit gleichzeitig die unausweichliche persönliche Begegnung, die wie ein Damoklesschwert über der virtuellen Freundschaft hängt. Denn Sam ist hat ein Geheimnis, von dem er glaubt Alice könnte ihn deswegen abstoßend finden, wenn sie es erführe. Genauso hat Alice Angst, weil sie nicht weiß, was aus dieser Freundschaft werden soll und wie man mit einem Freund, den man noch nie im Leben gesehen hat, umzugehen hat. Aber beide wissen eins ganz genau, sie schrieben unheimlich gerne miteinander und auch, wenn ihre Unsicherheiten und die gesamte Bundesrepublik sie voneinander trennt (Alice wohnt am Bodensee und Sam kommt aus Hamburg), können und wollen sie nicht aufhören miteinander in Kontakt zu bleiben.

 

Chat-Romane sind ein Mysterium für sich. Ich muss gestehen, dass ich diesem Stil immer etwas skeptisch gegenüber gestanden habe, jedoch durch Daniel Glattauers „Gut gegen Nordwind“ bekehrt wurde. Und schließlich auch durch „Häckelenten tanzen nicht“.

Oft fehlen einem Romanleser die „Hintergrundgeräusche“ eines normalen Schreibstils; Beschreibung der Umgebung, das Gefühl mitten im Geschehen zu sein und alles hautnah mit den Protagonisten zu fühlen. Während einer Unterhaltung wird immer viel ausgelassen, sei es aus Schüchternheit oder der Angst auf Unverständnis zu stoßen. Genau diese Problematiken erschweren es Autoren in diesem Genre überzeugende Bücher abzuliefern.

Das Buch von Jennifer Wolf und Alexandra Fuchs reiht sich aber absolut nicht in diese Reihe der Hall of Shame ein. Ganz im Gegenteil. Die Distanz zwischen Alice (Konstanz am Bodensee) und Sam (in Hamburg) schuf die nötige Offenheit, damit sich beide auf dieses Abenteuer einlassen konnten. Es war wirklich brillant, wie der Zeitgeist unserer, der heutigen, Generation in einem Buch perfekt eingefangen und wiedergespiegelt wurde. Die beiden lassen alle Hemmungen hinter sich und gestehen sich ihre Ängste, Geheimnisse, Sehnsüchte und Träume gegenseitig ein. Einem praktisch völlig Fremden. Und ich bin der Meinung, dass genau diese Tatsache das wirklich Wichtige im Buch war. Es zeigte mir, dass trotz aller Hasstriaden auf die „Google-und-Handysüchtigen-Generation“ auch etwas Positives in Sozialen Netzwerken und Chat-Apps steckt. Wir handeln ohne Vorbehalte im Internet. Keine Oberflächlichkeit oder Eitelkeiten behindern unsere Sicht auf einen anderen Menschen. Es gibt nur unseren Verstand und den des anderen. Diese Art auf moderne Kommunikationsmedien zu schauen hat mir sehr gut gefallen, viel besser als die ständig pessimistische Herangehensweise so vieler Kritiker. Was nicht heißen soll, dass Whats App und solche Sachen einen großen tollen Kinderspielplatz darstellen, der nur Gutes für die Menschheit bereithält. Alles muss man mit Maß genießen, aber eben wie in alle Aspekte des Lebens gibt es eine gute und einen schlechte Seite.

Die Protagonisten fand ich in diesem Zusammenhang sehr überzeugend. Wie Licht und Schatten, hatten sie auf den ersten Blick gar nichts gemeinsam. Alice ist zielstrebig, träumerisch, ambitioniert, temperamentvoll, launisch und offen. Sam hingegen ist der Ruhepol, bodenständig, freundlich, gütig und genügsam. Sie spiegeln ihr absolutes Gegenstück wieder und passen genau deswegen so gut zusammen. Ich war schon immer ein Vertreter der Gegensätze-ziehen-sich-an-Theorie und fand diesen Blickwinkel des Buches deshalb überzeugend. Eben angesichts dieses Missverständnisses am Weihnachtsabend bei Sma‘s Oma wurde eine Freundschaft und schließlich eine Liebe in Gang gebracht, die sonst nie so stattgefunden hätte. Vielleicht weil Alice gar keine Zeit gehabt hätte Sam kennenzulernen, aufgrund ihres zeitintensiven Tanztrainings oder weil Sam sich nicht getraut hätte Alice anzusprechen. Im Unterschied dazu gab die Geschichte zwei Menschen einen Raum sich über alle Vorbehalte und Umstände des Lebens hinwegzusetzen und einander lieben zu lernen. Es ist eine Art moderne und strak abgewandelte Romeo und Julia Konstellation, die aber an ihrer Überzeugung und der romantischen Ader nichts eingebüßt hat.

Zudem behandelt die Geschichte auch auf den ersten Blick weniger ersichtliche Aspekte. Sam und Alice besprechen Dinge wie: Was will ich nach dem Abschluss machen? Wie soll ich herausfinden, was zu mir passt? Was hält die Welt für mich bereit und was erwartet sie von mir?

Das sind alles Fragen, die sich jeder Mensch im Leben mindestens einmal stellt. Wir hinterfragen unsere Entscheidungen, blicken zurück und bereuen oder merken, dass wir den falschen Weg eingeschlagen haben. Es geht um verpasste Chance und den beschwerlichen Weg zu unserer wahren Berufung. Ich persönlich glaube nicht an Schicksal, aber ich glaube daran, dass jeder irgendetwas sehr gut kann. Das herauszufinden ist leichter gesagt als getan, aber auch ein Prozess den jeder Mensch durchlaufen muss. Schlicht sind es die normalen Schwierigkeiten der Jungend, die langsam erwachsen wird. Wie man das tut hängt allein von jedem individuell ab und in dieser Hinsicht schlugen Alice und Sam zwei verschiedene Wege ein, die diese Herausforderungen und alles was sie mit sich bringen sehr gut aufgegriffen haben.

Zum Schreibstil bleibt mir nicht mehr zu sagen als das, ich finde, dass die beiden Autorinnen angenehm miteinander harmonierten und ihre Arten zu Schreiben sich gut ergänzt haben, jedoch zerstörte die Dialog-Form teilweise die Situationen und ließ mich frustriert aufschnauben, weil ich die Geschehnisse nur „hinterher“ durch Gespräche zwischen den beiden mitbekam.

Die Nebencharaktere waren mir ehrlich gesagt meistens egal, muss ich gestehen. Durch die teils intensiven, teils lustigen Gespräche zwischen Alice und Sam erschufen die Autorinnen eine Welt in der man durch nichts und niemanden gestört werden wollte. Für mich gab es nur zwei sehr markante Nebencharaktere und die kamen aus dem Freundeskreis von Sam. Das sind Nora, seine Ex-Freundin, die eine engelsgleiche Person darstellt und somit schon fast irreal wirkte - also unheimlich polarisierte - und Frank, der das Highlight in Sachen witziger Unterhaltung war. Ich hätte ewig seinen dummen Kommentaren lauschen können. Einfach grandios.

Was das Ende anging war ich gelinde gesagt enttäuscht. Ich fühlte mich nicht anständig aus der Geschichte entlassen und Wünsche mir deswegen UNBEDINGT einen zweiten Band, der die Angelegenheiten zu meiner Zufriedenheit (gaaaar nicht anspruchsvoll ;P) regelt.

Fazit: Ich würde „Häckelenten tanzen nicht“ jederzeit meiner besten Freundin empfehlen und jedem offenen Geist, der versucht die Grautöne zwischen den offensichtlichen Extremen zu sehen. Das Leben ist nicht immer leicht und die Liebe schon gar nicht. Wer das begriffen hat ist mit diesem Buch an der richtigen Adresse. Absolut lesenswert! Abschließend bedeutet das für mich 4 von 5 Punkten für einen Roman der mich zum Schmunzeln und zum Nachdenken bringen konnte, allerdings ein leider schlechtes Ende hinlegte. Doch es besteht ja Hoffnung auf einen nächsten Teil.

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