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jugendamt, kinderbuch-erwachsenenbuch, mara schindler, philosophie, 10 jahre

Krempe, Kottek und das Ding mit Misses Schulz

Mara Schindler , Dorothée Böhlke
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 20.01.2017
ISBN 9783499217708
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Man würde sich wünschen, Rezensenten nähmen sich den Bruchteil jener Zeit, die Autoren mit der Arbeit an einer Geschichte verbracht haben, wenn sie ebendiese Geschichte rezensieren. Dies zu tun, setzt Lektüre voraus. Lektüre setzt Zeit voraus. Zeit aber scheint Helga Buss nicht gehabt zu haben, als sie Mara Schindlers neues Kinderbuch "Krempe, Kottek und das Ding mit Misses Schulz" besprach, eine Geschichte, die dem Leser bei kritischer Betrachtung das genaue Gegenteil offenbart. Die hier dargestellte Welt ist keine Idylle, liebe Frau Buss, sie ist harte Arbeit.

Karl-Johann Tennek, genannt Kottek, bewohnt den alten Bahnhof, dem er einmal als Bahnhofswärter vorstand, und er tut dies in einer Präsenz, die ihn zum Mittelpunkt der Dorfgemeinschaft macht. Sein unerschütterlicher Pragmatismus, mit dem er den Stürmen des Lebens begegnet, ist umso eindringlicher, wenn man bedenkt, welche Schicksalsschläge der Mann schon hat verkraften müssen. Der Unfalltod von Krempes Eltern, der viel zu frühe Verlust seiner Ehefrau Elisa haben ihn weder bitter noch zynisch gemacht, sondern ihn zu einer Lebensphilosophie gebracht, die er selbst so formuliert:

"Und was tut man bei Unwettern, die einen hinterrücks überraschen? Man klappt den Kragen hoch und lässt es über sich ergehen mit Rückgrat und mit Gottvertrauen. Und wenn grad kein Gott in der Nähe ist, sucht man sich das Nächstliegende, und das ist auch nicht wenig, weil, das ist man selbst."

Diese Philosophie lebt und verkörpert Kottek, Laubraschler, der er ist. So kennen und schätzen ihn die Freunde: Tom und Nana, die Bauwagen-Hippies, die patente Waschkücheninhaberin Melli, der alleinstehende Jäger Jakob, die resolute Polizistin Lydia, der wortkarge Bauer Lothar. Kottek weiß immer, was zu tun ist, mag die Situation auch noch so verfahren sein. Und auch für die zehnjährige Karoline, von allen nur zärtlich Krempe genannt, erfährt ihren Opa als unerschütterliche Eiche, die so schnell nichts umhauen kann. Höchstens das Alter.

Und das schlägt gnadenlos zu. Es macht sich in Anfällen bemerkbar, die auf Demenz schließen lassen, und jeder, der schon mal mit Demenz zu tun hatte, weiß, was das bedeutet. Es hat sich ausgefeiert. Endstation Pflegeheim. Was sonst?

Schon schleicht Misses Schulz um den alten Bahnhof, die Dame vom Jugendamt, überzeugte Laubsammlerin und selbsternannte Expertin in Sachen Kindeswohl. "Kinder brauchen Grenzen. Kinder brauchen geregelte Mahlzeiten. Kinder brauchen Sauberkeit." Liebe? Ach, was! "Liebe bringt nur durcheinander."

Krempe wird als hochgradig gefährdet eingestuft, ihre Situation als unzumutbar. Zwei Welten stehen nun einander gegenüber, und sie sind zu allem entschlossen. Die Laubraschler geben ihr Bestes, sie bluffen und tricksen und mogeln sich durch so manchen Zusammenbruch, nur um Krempe und Kottek noch ein bisschen Zeit miteinander zu ermöglichen. Dabei geraten die Freunde selbst an ihre Grenzen, ganz wie im richtigen Leben, und der Leser bekommt einen Eindruck, was es bedeutet, füreinander da zu sein, und wie schwer es ist, sich dabei selbst nicht abhanden zu kommen. Interessant ist, was diese Extremsituation mit jedem einzelnen der Charaktere anstellt. Es gibt welche, die ziehen sich zurück. Und es gibt welche, die wachsen über sich hinaus.

Und am Ende? Am Ende ist es Kottek, der Misses Schulz die Hand reicht und ihr zeigt, worauf es ankommt: auf Verständnis nämlich und Verstehen-Wollen. Und als der Termin beim Jugendamt nicht länger aufzuschieben ist, entfaltet sich dem Leser ein Bild, das man getrost als idealistisch bezeichnen kann (Warum denn nicht?), als gelebte Humanität (Was ist so schlimm daran?), als Beweis dafür, dass bei den Laubraschlern im Herzen noch alles in Ordnung ist, trotz Staub auf den Möbeln und chaotischem Lebenslauf.

Zu anspruchslos, Frau Buss? Vielleicht. Man könnte aber auch sagen, dass gerade die großen Dinge oft im einfachen Gewand daherkommen und nur sichtbar sind für den, der sehen will.

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Tags: das ding mit misses schulz, demenz, helga buss, kinderbuch-erwachsenenbuch, kottek, krempe, mara schindler, philosophie, rezension   (9)
 
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