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119 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 19 Rezensionen

liebe, roma, zigeuner, rabe, vergangenheit

Der Kuss des Raben

Antje Babendererde
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Arena, 01.03.2016
ISBN 9783401600093
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Als die slowakische Gastschülerin Mila in das kleine Städtchen Moorstein kommt, ist ihr vieles fremd. Die Umgebung, ihre Mitschüler, die Sprache, die sie noch nicht perfekt beherrscht. Zum Glück findet sie in der unkomplizierten und lebenslustigen Jassi eine gute Freundin. Und sogar Tristan, der geheimnisvolle, schöne Junge aus ihrer Klasse, der sie so sehr fasziniert, scheint sich für sie zu interessieren. Als sie endlich mit ihm zusammenkommt, kann Mila es kaum fassen. Doch dann taucht Lucas plötzlich in der Stadt auf, ein alter Bekannter von Tristan. Eine lange schwärende Feindschaft zwischen den beiden bricht wieder auf. Und Mila steht zwischen ihnen.

Meine Meinung:

Ich habe ausnahmslos alles von Antje Babendererde gelesen und hatte bis zum Erscheinen von „Der Kuss des Raben“ schon beinahe Entzugserscheinungen. Zweieinhalb Jahre hat es gedauert, nun ist er da, der neue Roman, und was es für einer geworden ist! 496 Seiten, und ich habe jede einzelne davon inhaliert.

Die Geschichte ist ein vor Spannung knisternder Thriller und eine mitreißende Liebesgeschichte, durchmischt mit einer Prise fremder Kultur und Mythologie. Immer wieder schlägt die Handlung überraschende Haken und niemals weiß man genau, in welche Richtung man geführt wird. Das (fiktive) Städtchen Moorstein im Thüringer Schiefergebirge mit den alten Schieferbrüchen und verfallenen Fabrikgebäuden in der Umgebung sind ein wunderbar stimmungsvoller Handlungsort. Die Bilder, die beim Lesen vor meinem inneren Auge entstanden sind, haben sich perfekt mit der geheimnisvollen Geschichte, den düsteren Geschehnissen in der Vergangenheit und den alten Legenden verwoben.

Vor allem sind es aber die Figuren, die mich gefangengenommen haben. Mila ist eine starke, komplexe Protagonistin, mit der man von Anfang an mitfiebert. Tristan und Lucas sind so unterschiedlich wie Öl und Wasser. Einer der Jungen, ich will nicht verraten, welcher, war meine absolute Lieblingsfigur, eine der stärksten von Antje Babendererde bisher, wie ich finde. Und die ganze Zeit war ich mir nicht ganz sicher: Wem kann man trauen? Wer spielt ein falsches Spiel?

Fazit: Ein saustarkes Buch, auf das sich das Warten gelohnt hat. Hier steckt wirklich alles drin: ein hochspannender, elektrisierender Thriller, eine ungewöhnliche, wunderbare Liebesgeschichte, ein ganzer Haufen düsterer Geheimnisse, Mythologie, Legenden und vieles mehr. Dazu noch herausragend und auf Augenhöhe mit den jugendlichen Protagonisten erzählt, ganz Babendererde eben.
"Der Kuss des Raben" bekommt ohne Weiteres einen Platz in der Riege meiner absoluten Lieblingsbücher von Antje Babendererde. Ganz große Empfehlung!

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957 Bibliotheken, 66 Leser, 4 Gruppen, 73 Rezensionen

schottland, zeitreise, liebe, outlander, diana gabaldon

Outlander - Feuer und Stein

Diana Gabaldon , Barbara Schnell
Flexibler Einband: 1.136 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 04.05.2015
ISBN 9783426518021
Genre: Historische Romane

Rezension:

Die TV-Verfilmung von "Outlander" hatte mich absolut positiv überrascht, weshalb ich neugierig auf die Buchvorlage von Diana Gabaldon war, seit Jahrzehnten ein Klassiker.
Weil ich Serie und Buch zeitnah gesehen bzw. gelesen habe, drängen sich mir natürlich die Vergleiche der beiden Werke auf. In dieser Rezension werde ich also auf Original und Adaption eingehen.

Nachdem ich das Buch gelesen habe, habe ich erkannt, wie perfekt Sam Heughan und Caitriona Balfe (die ich beide grandios finde), in den Hauptrollen besetzt sind. Die beiden Figuren sind komplex gezeichnet und es macht Spaß, ihr gemeinsames Abenteuer - und natürlich ihre große Liebesgeschichte - zu verfolgen.
Anders sieht es für mich bei der dritten Hauptfigur und Antagonisten des Buches aus, "Black Jack" Randall. Tobias Menzies gibt den Bösewicht in der Serie phänomenal, wenn es nach mir gegangen wäre, hätte er den Emmy bekommen sollen (leider gab es nicht mal eine Nominierung, was für eine Schande!). Sein Randall ist auf eine äußerst charismatische Art sadistisch, man liebt es, ihn zu hassen. Gabaldons Randall ist da deutlich eindimensionaler und lange nicht so faszinierend wie seine Film-Verkörperung. Hier war ich echt enttäuscht, denn Randall ist eine der wichtigsten Triebfedern der Geschichte.
Auch Frank Randall, Claires Ehemann (in der Serie ebenfalls gespielt von Tobias Menzies) enttäuscht im Buch, er bleibt absolut flach und ist nach seiner Einführung zu Beginn recht schnell wieder vergessen. Während man in der Serie mit ihm bangt und Claires Liebe zu ihm absolut nachvollziehen kann, gibt es im Buch keine Sekunde einen Zweifel daran, dass er das Match in der Gunst um Claire verlieren muss.
Andere Nebenfiguren (Geilis, Murtagh, Ned Gowan u.a.) sind im Buch aber ebenfalls überzeugend dargestellt.

Die Liebesgeschichte von Claire und Jamie entwickelt sich meiner Meinung nach im Buch etwas unkomplizierter als in der Serie. Gabaldon gibt den beiden zwar Zeit, zueinander zu finden, die Ereignisse überstürzen sich nicht, aber in der Serie schienen mir mehr Hindernisse zwischen den beiden zu stehen und allgemein empfand ich es hier viel spannender, wie sich alles entwickelt, weil nicht alles so offensichtilich schien.
Hinzu kommt noch, dass die Buch-Claire erschreckend selten an ihren Ehemann Frank denkt oder überhaupt daran, in ihre eigene Zeit zurückzukehren. Sie findet sich äußerst schnell in der Welt vor 200 Jahren zurecht und die harten und barbarischen Zustände (oder die Aussicht, vermutlich für den Rest ihre Lebens im 18. Jahrhundert gefangen zu sein) scheinen ihr keinerlei Angst einzujagend.
In der Serie sieht das anders aus. Hier reagiert Claire viel natürlicher auf ihre neue, unberechenbare Umgebung. Und vor allem: ihre Liebe und Sehnsucht zu Frank treiben sie an. Während ich über Buch-Claire immer wieder den Kopf geschüttelt habe, habe ich mit Serien-Claire gelitten. Was für ein Unterschied!

Was auch erwähnt werden muss: Irgendwo in der Mitte des Buches nimmt der sexuelle Teil der Handlung für mich Überhand. Ich meine, ich kenne die Serie, ich weiß, dass Jamie und Claire keine Kinder von Traurigkeit sind. Und in der Serie haben mir die Szenen gefallen. Aber im Buch wurde es mir aber einem gewissen Punkt einfach zu viel. Nicht etwa zu explizit (Gabaldon beschreibt die Liebesszenen weitestgehend harmlos und auch nicht besonders einfallsreich), aber einfach zu oft. Ständig und überall überkommt es die beiden, das zieht sich durch die Kapitel, ohne dass der Rest der Handlung namhaft vorangetrieben würde. Irgendwann wird selbst sowas nervenaufreibend. Außerdem: ein paar Mal wird die Grenze zum Kitsch doch etwas stark ausgereizt. Das habe ich in der Serie zum Glück nicht so empfunden.

Was bleibt zur Handlung im Allgemeinen zu sagen? Gabaldon weiß es, spannend zu erzählen, und das immerhin über 1120 Seiten hinweg. Ja, es schleichen sich Längen ein, bei denen ich mir gedacht habe, dass hier das Lektorat mit einigen Straffungen eine rundere Sache draus hätte machen können. Die einzelnen Handlungsstränge aus politischen Intrigen, Kämpfen, Geheimnissen, Gefahr und Flucht und natürlich der zentralen Liebesgeschichte von Jamie und Claire wissen zu überzeugen, auch wenn gerade zum Ende hin einiges zu einfach gelöst wird und ich manches als unlogisch oder unwahrscheinlich empfand.
Was ich außerdem vermisst habe, wäre eine lebhaftere, atmosphärischere Beschreibung von Land und Leuten gewesen. Während sich die Geschichte flüssig und hauptsächlich spannend für mich las und die meinsten Figuren vor meinem inneren Auge lebendig waren, blieben die Landschaft und das "schottische Flair" für mich etwas auf der Strecke. Bei einem Werk dieser epischen Länge hatte ich mich doch eine üppigere Ausgestaltung des Hintergrundes und mehr historische Details gewünscht.

Die Sprache erschien mir recht einfach und eher unauffällig, auch wenn einige Mitleser in meiner Leserunde, die die alte (gekürzte) Übersetzung noch kannten, meinten, die neue wäre im Vergleich deutlich holpriger.

Fazit: Ein Buch von epischer Länge, das ich trotz seiner über 1100 Seiten gerne und mit Spannung gelesen habe. Jamie und Claire sind starke und komplexe Protagonisten, deren Liebesgeschichte man gerne verfolgt. Beim Lesen blieben für mich allerdings einige Wünsche offen, vor allem, was den Charakter Jack Randalls angeht, Claires Motivationen und die atmosphärischen Beschreibungen.
Jetzt, da ich beides kenne, muss ich sagen, dass mir die filmische Umsetzung deutlich besser gefällt. Fans der Serie können, finde ich, mit guten Gewissen bei der Serie bleiben, ohne die literarische Vorlage gelesen zu haben.

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244 Bibliotheken, 8 Leser, 0 Gruppen, 65 Rezensionen

frankreich, zweiter weltkrieg, saint-malo, 2. weltkrieg, deutschland

Alles Licht, das wir nicht sehen

Anthony Doerr , Werner Löcher-Lawrence
Fester Einband: 519 Seiten
Erschienen bei Beck, C H, 27.04.2016
ISBN 9783406680632
Genre: Romane

Rezension:

Werner und seine jüngere Schwester wachsen in einem Waisenhaus im Ruhrgebiet auf. Seine Leidenschaft ist das Auseinanderbauen von Radios und schon bald wird er aufgrund seiner herausragenden technischen Begabungen in die NAPOLA Schulpforta geschickt, wo er mit vielen anderen Jungmännern für die Front ausgebildet wird.

 

Marie-Laure ist seit ihrem siebten Lebensjahr blind und lebt allein mit ihrem Vater, der als Schlosser im Museum arbeitet, in Paris. Als die deutschen Besatzer anrücken, fliehen die beiden in die Hafenstadt Saint-Malo. Bei sich tragen sie einen Schatz von unermesslichem Wert, den ein Obersturmbannführer um jeden Preis an sich bringen will.

 

Werner ist derweil in einer Spezialeinheit der Wehrmacht unterwegs, um feindliche Sender der Widerstandskämpfer aufzuspüren. Und einer dieser Sender steht auf dem Dachboden von Marie-Laures Onkel und ihrem Versteck in Saint-Malo ...

 

Meine Meinung:

 

Ich hatte unheimlich hohe Erwartungen an diese Lektüre; bereits vor der deutschen Übersetzung habe ich von dem Hype um Doerrs Roman mitbekommen und die Kritiken überschlugen sich vor Lob. Das Buch wird als Entdeckung des Jahres, einer der schönsten und wichtigsten Romane der letzten Zeit gefeiert.

Dementsprechend hatte ich auch ganz schön hohe Maßstäbe angesetzt und war bereit, mich von diesem Wunderwerk mitreißen zu lassen. Um es kurz zu machen: „Alles Licht, das wir nicht sehen“ ist für mich eine spannende, atmosphärische Leseerfahrung gewesen, eine Offenbarung ist es in meinen Augen allerdings nicht.

 

Doerr schafft es ganz wunderbar, die Welt der blinden Marie-Laure heraufzubeschwören, Bilder für den Leser zu erschaffen, die nichts mit dem sehenden Auge zu tun haben. Auch ihre enge Beziehung zu ihrem Vater und ihre wachsende Zuneigung zu dem kauzigen Onkel Etienne hat mich berührt.

 

Nicht minder mitreißend und für mich persönlich um einiges spannender erzählt er parallel die Geschichte von Werner, dessen außergewöhnliche Begabung ihn zu etwas Besonderem macht und sein Leben von Grund auf ändert. Seine Ausbildung in der NAPOLA las sich für mich am intensivsten und vor allem auch erschreckend realistisch. Ich habe jede Sekunde mit ihm gebangt.

 

Im Nachhinein muss ich jedoch sagen, dass sich die ersten beiden Drittel des Buches ziemlich gezogen haben. Selten bin ich so langsam durch die (wirklich kurzen) Kapitel geschlichen, ein richtiger Sog hat sich bei mir erst relativ spät eingestellt. Gut erzählen kann Doerr auf jeden Fall und seine Charaktere sind vielfältig und interessant, aber aus irgendeinem Grund steckte ich nie „ganz drin“.

Als sich das Schicksal von Marie-Laure und Werner immer klarer abzeichnet, die unausweichliche Begegnung der beiden Helden kurz bevorsteht und man mehr und mehr um beider Leben bangen muss, packte mich schließlich doch die Spannung und ließ mich die letzten hundert Seiten dann richtig zügig verschlingen.

 

Fazit:

 

Eine schöne, traurige, wahrhaftige und atmosphärische Geschichte, die mich persönlich nicht ganz so gefangen genommen hat wie erhofft. Eine empfehlenswerte Lektüre von meinerseits, aber nicht die Offenbarung, die ich erwartet hatte.

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zweiter weltkrieg, orient express, flucht, orientexpress, istanbul

Welt in Flammen

Benjamin Monferat ,
Fester Einband: 784 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Wunderlich, 29.08.2014
ISBN 9783805250696
Genre: Historische Romane

Rezension:

Mai 1940: Während Europa in den Krieg zieht, bricht in Paris ein letztes Mal der legendäre Orient-Express zu seiner Fahrt nach Istanbul auf.  An Bord befindet sich eine äußerst illustre – und undurchsichtige – Gesellschaft. Jeder der Reisenden hat einen ganz bestimmten Grund, diese letzte Fahrt anzutreten. Eine inzwischen glanzlose Stummfilmdiva fürchtet das Vergessen und hofft, in Istanbul einen reichen Gönner zu finden. Ein im Exil lebender Balkanfürst will die Macht über sein Land zurückgewinnen. Seine jüdische Geliebte ist auf der Flucht vor den Deutschen. Eine russische Großfürstenfamilie ist gezwungen, unterzutauchen. Ein Spion der Bolschewiki geht über Leichen, um einen Gegenstand von allergrößtem Wert an sich zu bringen. Agenten aller kriegführenden Mächte befinden sich Wagon an Wagon, Abteil an Abteil. Ein Pulverfass, das jeden Moment in die Luft zu gehen droht.

Der Ausgang der Reise ist unabsehbar. Jeden Moment kann die politische Situation in den zu durchfahrenden Staaten kippen, jeder Grenzübertritt, jeder neue Tag kann das Ende bedeuten. Und schließlich bricht Chaos und Zerstörung an Bord aus …

Meine Meinung:

Was für ein Klopper, habe ich mir gedacht, als ich das Buch das erste Mal in der Hand gehalten habe. Und was für ein reißerischer Klappentext. Da scheint ja wirklich alles drin zu stecken. Das wird entweder richtig toll, oder es geht gewaltig in die Hose.

Es wurde richtig toll. Und es steckt wirklich alles drin: Große Geheimnisse. Große Gefahren. Große Gefühle. Große Action. Ein Schmöker, ein großer Abenteuerroman. Eins der Bücher, in die man eingekuschelt am Kamin versinken könnte, wenn man einen Kamin hätte. Oder mit denen man sich die Nacht um die Ohren schlägt, während draußen ein kolossaler Sturm tobt. Mit denen man seine Haltestelle verpasst. Oder die man im Laufen vor sich her trägt, weil man die elenden Minuten bis zur Haustür nicht vergeuden will.

Ich habe “Welt in Flammen” wirklich gefressen. Ich habe nicht auf die Seitenzahlen geachtet, bin beim Lesen nie mit den Gedanken abgeschweift, ich habe keine einzige langweilige Passage gefunden, ich bin nicht mal mit den vielen Figuren durcheinandergekommen. Und das bei einem Umfang von 784 Seiten und einem Aufgebot von über dreißig wichtigen Figuren. 784 Seiten, deren Handlung eine Zeitraum von gerade einmal drei Tagen umfasst und beinahe ausschließlich an Bord des Express spielt. Die Erzählperspektive springt dabei immer wieder zwischen den einzelnen Reisenden hin und her, was sich äußerst abwechslungsreich liest und die Spannung zusätzlich anfacht. Die Figuren sind allesamt sehr charakteristisch und vielschichtig gezeichnet. Beinahe habe ich mich manchmal in einen alten Film hineinversetzt gefühlt, so bildhaft erschienen mir die Figuren, die Szenen, die Dialoge.

Fazit:

Wer mal wieder Lust hat auf einen echten Schmöker, auf einen Roman, der bis an den Rand gefüllt ist mit all dem, was man sich in eine richtig gute Geschichte hineinwünscht, der sollte zu “Welt in Flammen” greifen.

Und jetzt hätte ich gerne eine Verfilmung davon. Am liebsten einen süffigen, toll ausgestatteten  TV-Mehrteiler. Kommt schon, der Stoff bietet sich doch geradezu dafür an. Was die Briten können, können wir doch auch, oder? ;)

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Tags: abenteuer, action, spionage, zweiter weltkrieg   (4)
 

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91 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 30 Rezensionen

tschetschenien, krieg, folter, verrat, familie

Die niedrigen Himmel

Anthony Marra , Ulrich Blumenbach , Stefanie Jacobs
Fester Einband: 489 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 17.02.2014
ISBN 9783518424278
Genre: Romane

Rezension:

Inhalt:

Als im tschetschenischen Krieg 2004 der Vater der achtjährigen Hawah von den Förderalen verschleppt wird, beschließt ihr Nachbar und Freund der Familie, Ahmed, sie in Sicherheit zu bringen – denn auch hinter dem Mädchen sind sie her. Die junge Ärztin Sonja, die mit wenigen Helfern die Stellung im halb zerstörten Krankenhaus hält, nimmt Hawah widerwillig auf. In einem zerbomten Land voller Tod, Verrat und Verschleppungen suchen diese drei Menschen nach einem letzten Funken Hoffnung.

Meine Meinung:

Anthony Marras (geb. 1984) Debüt begeisterte die Kritiker, schoss kurz nach Erscheinen auf die Bestsellerliste der New York Times und brachte ihm mehrere renommierte Preise ein, inklusive glühender Lobworte von Autoren wie T.C. Boyle und Adam Johnson (“Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“), bei dem er u.a. an der Universität Stanford studierte.

Marras Schreibe hat mich begeistert, das von ihm gezeichnete Bild eines zerrütteten Landes in Kriegszeiten und der Menschen, die inmitten von Hoffnungslosigkeit verzweifelt ums Überleben kämpfen, hat mich tief berührt und erschüttert. Sein Wissen um die jüngere tschetschenische Geschichte ist herausragend, seine Recherche muss enorm gewesen sein (er bereiste u.a. selbst das Land und war einer der ersten Touristen nach Ende des Krieges). Es sind Marras ungewöhnliche, klingende Wortbilder, die einen zwischen Schrecken und Hoffnung tief in die Geschichte ziehen und das Leseerlebnis zu etwas Außergewöhnlichem machen. Das Ganze ist zudem unheimlich raffiniert geplottet, die feinen Handlungsfäden verlaufen kreuz und quer durch die Zeiten und Biographien der einzelnen Protagonisten und bilden am Ende ein beinahe geometrisches Netz, Nebensächliches gewinnt plötzlich an Bedeutung, alles scheint letztlich eine Art Gleichgewicht zu finden. Dieser Roman ist wirklich meisterhaft komponiert von einem Autor, dessen zukünftigen Werken man mit Spannung entgegensehen kann. Unglaublich, dass der Junge zur Zeit der Veröffentlichung erst 28 Jahre alt war.

Trotzdem habe ich ungewöhnlich lange an “Die niedrigen Himmel” geknabbert, teilweise ging das Lesen sehr schleppend voran, und ich kann nicht einmal genau festmachen, woran das lag. Vielleicht, weil ich vor Beginn der Lektüre – schändlicher Weise – überhaupt nichts über Tschetschenien wusste. Weil ich mich an all den kleinen Schnipselchen, die Marra über sowjetische/tschetschenische Politik und den Verlauf der beiden letzten Kriege in die Handlung streut, entlang hangeln und mir nebenbei mühsam ein Bild des Ganzen zusammenpuzzeln musste. Dass die Handlung aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird und kontinuierlich innerhalb eines Handlungszeitraums von zehn Jahren hin und her springt, hat mir das Ganze sicher nicht gerade erleichtert.

Fazit:

Ein herausragendes Debüt, das mich mit seiner Sprache begeisert, mich tief in die Handlung hat eintauchen und mit den Protagonisten hat mitleiden und -hoffen lassen. Ein Buch über die Sinnlosigkeit und das Grauen des Krieges, das sich zu lesen lohnt. Ich selbst habe sehr lange an diesem Buch gelesen und musste mich zwischendurch immer wieder durchbeißen. Belohnt wurde ich mit einem Stück wahrlich großer Literatur.

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Tags: krieg, tschetschenien   (2)
 

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59 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 23 Rezensionen

mystery, thriller, jugendbuch, freundschaft, wagner antje

Unland

Antje Wagner
Flexibler Einband: 379 Seiten
Erschienen bei bloomsbury taschenbuch, 02.09.2010
ISBN 9783833350528
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Inhalt:

Die 14-jährige Franka kommt von einer Berliner Pflegefamilie in das verschlafene Dorf Waldburgen, wo sie fortan im “Haus Eulenruh”, einer alternativen Erziehungsstelle, leben wird.

Von Anfang an hat Franka Schwierigkeiten, als “Heimkind” Anschluss in ihrer neuen Klasse zu finden. Zum Glück freundet sie sich nach und nach mit den sechs anderen Pflegekindern in Haus Eulenruh an. Gemeinsam trotzen sie den Anfeindungen der Klassenkameraden und der engstirnigen Dorfbewohner – bis es immer häufiger zu beunruhigenden Vorfällen kommt, deren Spuren zu Franka und den anderen Jugendlichen aus Eulenruh führen. Als sich die Lage dramatisch zuspitzt, entschließt sich die Gruppe, gemeinsam gegen ihren Feind vorzugehen, denn die Jugendlichen haben längst erkannt, dass man es gezielt auf sie abgesehen hat – und dass die nahe gelegene Dorfruine “Unland” mit der ganzen Sache in irgendeinem Zusammenhang stehen muss …

Meine Meinung:

Mit “Unland” habe ich meinen ersten Roman der Autorin Antje Wagner gelesen. Gleich zu Beginn überrascht sie mit Franka als einer besonders für Jugendbücher sehr ungewöhnlichen Protagonistin, was sofort einen ganz eigenen Reiz entfaltet. Abenso erschafft sie mit den Bewohnern von “Haus Eulenruh” eine äußerst dynamische Gruppe eigenwilliger Charaktere voller Ecken und Kanten, von denen jeder eine düstere Vergangenheit und das ein oder andere Geheimnis mit sich herumzuschleppen hat.

Mit Spannung wird man sofort in die Handlung hineingezogen. Obwohl es relativ ruhig losgeht, entfaltet sich eine Geschichte, die so dicht und lebensecht erzählt wird, dass man sich ihrem Sog kaum entziehen kann. Als das Geschehen allmählich immer rätselhafter wird und die mysteriösen Vorkommnissen immer bedrohlicher werden, ist der Leser endgültig an die Seiten gefesselt. Kapitel für Kapitel rätselt man mit Franka und den anderen, entwirft Theorien, verdächtigt eine Person, nur um wenig später wieder in eine völlig andere Richtung gelenkt zu werden. Mit zunehmender Seitenzahl wird es immer schwieriger, das Buch aus der Hand zu legen, man steckt so sehr in Frankas Haut und fühlt sich ihren Freunden so vertraut, dass man mit ihnen bangt und leidet und händeringend hofft, dass die Geschichte für alle gut ausgeht.

Eine Geschichte um Ausgrenzung, um Zusammenhalt, darum, sich selbst zu finden und bestimmte Entscheidungen zu treffen. Jeder Jugendliche wird sich, auf die ein oder andere Weise, in Franka oder einem ihrer Freunde wiederfinden – und gezwungen sein, sich mit den sehr realen Schicksalen der Heimkinder auseinanderzusetzen. Das ist teilweise sehr harter Tobak, um so wichtiger, dass Antje Wagner dieses Thema in einer Geschichte um Heimkinder zur Sprache bringt und dabei geschickt und schlüssig in einem atmosphärisch dichten Thriller verpackt.

Antje Wagner erzählt glaubhaft und mitreißend. Besonders mochte ich ihre vielschichtigen Charaktere und die flotten, authentischen Dialoge. Die Geschichte ist durchweg spannend, beginnt leise und flirrend, um allmählich zu einem tosenden Orkan anzuschwellen und unerwartet in einem infernalen Gewitter zu münden.

Das Ende der Geschichte ist unverhofft, genial überlegt, mit einem Twist, der einem die Ohren schlackern lässt. Aber es spaltet auch die Gemüter. Ohne etwas zu verraten, will ich an dieser Stelle sagen, dass ich überrascht, aber am Ende im Großen und Ganzen zufrieden mit der Auflösung war – aber der ein oder andere sorgsam aufgebaute Handlungsstrang und manche Hintergrundgeschichte hätte für mich noch ein wenig vertieft und zu einem besseren Abschluss gebracht werden können. Das Finale war stimmig, aber ein paar lose Enden waren nur scheinbar oder einfach nicht zu meiner Zufriedenheit verknüpft. Das gibt von mir eine halbe Kaffeetasse Abzug.

Fazit:

“Unland” ist ein Jugendthriller der Extraklasse – tiefgründig, voller Spannung und gleichzeitig zum Nachdenken anregend. Eine große Empfehlung!

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Tags: gewalt, kinderheim, mystery, thriller   (4)
 

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62 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 8 Rezensionen

rache, alpen, dorf, thomas willmann, western

Das finstere Tal

Thomas Willmann
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 10.10.2011
ISBN 9783548283685
Genre: Romane

Rezension:

Inhalt:

Irgendwo in den Alpen, Ende des 19. Jahrhunderts: Ein fremder Reiter erreicht ein abgeschiedenes Hochtal. Das hier gelegene Dorf und seine Bewohner, weitgehend abgeschottet von der übrigen Welt, bilden eine verschlossene Welt mit eigenen Regeln und dunklen Geheimnissen.

Greider, der junge Fremde, wird nur mit Argwohn in die Gemeinschaft aufgenommen, darf dank guter Bezahlung aber über den Winter im Dorf bleiben, um Bilder zu malen, wie er sagt. Tatsächlich aber gibt es einen ganz anderen Grund, der ihn an diesen Ort führt, und die Geschehnisse dieses Winters werden seine wahren Absichten und die dunklen Geheimnisse des Tals offenbaren.

Meine Meinung:

Zunächst ist es Thomas Willmanns leicht antiquierte, beinahe urtümlich anmutende Sprache, die mich in diesem Roman fasziniert haben. Zusammen mit der spärlichen, von Mundart gefärbten wörtlichen Rede ergibt sich ein ganz eigener, unverwechselbarer Ton, der dem besonderen Charakter der Geschichte nicht besser hätte entsprechen können und der mich durchweg begeistert hat.

Nach einem gemächlichen Einstieg, der den den Leser glauben macht, über das raue Leben der Menschen in den abgeschiedenen Alpendörfern vor etwa hundert Jahren zu lesen, streut Willmann nach und nach merkwürdige Andeutungen, die das Geschehen bald zu einem Kriminalroman und schließlich zu einem atemlosen Thriller wachsen lassen. Der Showdown ist gnadenlos und voller Wucht; spätestens hier fühlt man sich in das unausweichliche Finale eines geschickt konstruierten Westerns versetzt. Und das Beste: die Rechnung geht auf, Alpenroman und Western lassen sich vereinen: “Das finstere Tal” ist eine ungeheuer spannende Mischung aus Heimatroman und Italo-Western, aus Ludwig Ganghofer und Sergio Leone – zwei Helden Willmanns, die für diese Geschichte inoffiziell Pate gestanden haben.

Fazit:

Eine Geschichte um Schuld und Vergeltung, ein dunkler Alpenroman mit Western-Thrill, hervorragend erzählt.

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Tags: alpen, thrille, western   (3)
 

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161 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 24 Rezensionen

film, thriller, new york, cordova, selbstmord

Die amerikanische Nacht

Marisha Pessl , Tobias Schnettler
Fester Einband: 800 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 12.09.2013
ISBN 9783100608048
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Inhalt:

Der Filmemacher Stanislas Cordova ist eine Ausnahmeerscheinung, seine kunstvollen Horrorfilme genießen Kultstatus und sind so verstörend, dass sie zum Teil auf dem Index gelandet sind und von den Fans bei geheimen Screenings im Untergrund gezeigt werden. Der große Meister selbst ist seit Jahrzehnten untergetaucht, seit Mitte der Siebziger existieren keine Fotos mehr von ihm, keine Interviews, die Verschwörungstheorien über ihn und seine Werke sind unzählig.

Der investigative Journalist Scott McGrath hat bereits vor fünf Jahren um Cordovas umstrittene Person recherchiert und sich mit wilden Spekulationen und fehlenden Beweisen die Karriere ruiniert. Sein unermüdlicher Spürsinn wird erneut geweckt, als die Leiche von Cordovas 24-jähriger Tochter Ashley nach einem vermeindlichen Suizid in einer verlassenen Lagerhalle gefunden wird.

Gemeinsam mit der angehenden Schauspielerin Nora und dem geheimnisvollen Drogendealer Hopper beginnt er, nach dem Grund für Ashleys Tod zu suchen und taucht dabei tief ein in die düstere Welt Cordovas, die mehr und mehr zu einem gefährlichen und äußerst realen Albtraum zu werden scheint.

Meine Meinung:

Marisha Pessl machte 2007 mit ihrem außergewöhnlichen Debüt “Die alltägliche Physik des Unglücks” auf sich aufmerksam. Nun folgt mit “Die amerikanische Nacht” ihr zweiter, gänzlich anders gearteter Roman, mit dem ich die junge und talentierte Autorin jetzt erstmals kennengelernt habe.

“Die amerikanische Nacht” ist ein Roman über das faszinierende Medium Film, ein Krimi, ein atemloser Thriller, ein psychologischer Roman und eine ausufernde, die Grenzen der Phantasie sprengende Mystery-Geschichte in einem. Selten habe ich einen Roman mit solch vibrierender Spannung gelesen. Ich habe an den Seiten geklebt, die Geschichte hat mich auch zwischendurch nie losgelassen, ich habe mich stellenweise so sehr gegruselt, dass ich Einschlafprobleme hatte. Ich habe das Buch wirklich verschlungen, und das bei einer Stärke von knapp 800 Seiten, auf denen wirklich nichts aufgebläht oder in die Länge gezogen ist, sondern jede Szene, jeder Dialog die Handlung vorantreibt. Chapeau, Ms Pessl!

Diese ungeheure Spannung wird vor allem durch die gekonnte Mischung aus mysteriösen Verquickungen und ganz real erscheinenden Personen und Ereignissen erzeugt. Pessl streut immer wieder Faksimile wie Zeitungsausschnitte, Screenshots von News-Seiten, Fotos, handschriftliche Notizen und Beiträge aus Cordova-Fanforen ein. Das Ganze verstärkt beim Lesen das Gefühl von Realität und schon bald glaubt man selbst so viel über den Mythos Cordova und seine Kultfilme zu wissen, als wäre er ein selbstverständlicher Teil der tatsächlichen Popkultur.

Auch Pessls Protagonisten sind außerordentlich greifbar und wunderbar eckig und kantig. Scott als Ich-Erzähler weckt Sympathien beim Leser, obwohl er durch seine forsche, teilweise manische Art durchaus auch negative Eigenschaften besitzt. Trotz allem entwickelt er im Laufe der Handlung eine ebenso unwahrscheinliche wie unverzichtbare Symbiose mit der etwas durchgeknallten Nora und dem verschlossenen Hopper. Dieses ungleiche Trio hat es wirklich in sich und es ist eine Freude, die Gruppe durch den umfangreichen Roman zu begleiten.

Vielleicht ist “Die amerikanische Nacht” nicht frei von kleinen Makeln – von vielen Seiten wurde Pessls großzügige Verwendung von Kursivschrift kritisiert – Pessl neigt in ihrer überbordenden Sprache hin und wieder zu Dopplungen, ich persönlich konnte zudem nicht immer etwas mit allen Metaphern anfangen. Doch das sind Peanuts für mich bei all dem Spaß, den ich mit diesem Gänsehaut erzeugenden, absolut mitreißenden Roman hatte. Zum Schluss überzeugen Pessls überbordende Phantasie, der knifflige und undurchschaubare Plot, die bis in die Nebenrollen großartig erdachten Charaktere, die fiebrige Spannung und die außergewöhnliche, ambitionierte Idee für die Geschichte. Es ist die unheimliche Düsternis der Handlung, die psychologische Dichte, das Unerklärliche, das sich immer mehr in die Geschichte einschleicht und Scott und auch den Leser zweifeln lässt, was Realität und was Wahnsinn, was Fantasie oder geniale Manipulation ist.

Fazit:

“Die amerikanische Nacht” ist für mich ein genial konzipierter und brillant umgesetzter Spannungsroman, ein außergewöhnlicher Mystery-Thriller erster Güte. Wer sich in eine düstere, nervenaufreibende Welt zwischen Realität und Fiktion begeben möchte und bereit ist, die Phantasie spielen zu lassen und eigene Antworten zu finden, sollte zu Marisha Pessls neuem Meisterwerk greifen.

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Tags: film, mystery, thriller   (3)
 

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580 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 70 Rezensionen

liebe, kathrin lange, fluch, herz aus glas, selbstmord

Herz aus Glas

Kathrin Lange
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Arena, 01.01.2014
ISBN 9783401069784
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Inhalt:

Die 16-jähirge Juli lebt seit ein paar Jahren mit ihrem Vater, einem gefeierten Bestsellerautor von Romantik Thrill Romanen, in Boston, obwohl sie ursprünglich aus Deutschland kommen. Dort hat sich Juli einen festen Freundeskreis aufgebaut, doch dieses Silvester wird sie ohne ihre beste Freundin Miley und die anderen feiern, denn für die Ferien geht es auf die Insel Martha’s Vineyard, wo Jason, der Freund und Verleger von Julis Vater, eine Villa besitzt.

Zunächst reagiert Juli auf diese Idee äußerst widerwillig, bis sie erfährt, weshalb ihr Vater mit ihr nach Vineyard will: Jasons Sohn David, dem sie früher einmal flüchtig auf einer Party begegnet ist, hat vor sechs Wochen bei einem tragischen Unfall seine Freundin Charlie verloren, mit der er sich kurz zuvor verlobt hatte. Sein Vater befürchtet, dass David selbstmordgefährdet ist und Juli soll während ihres Aufenthaltes in der Villa “Sorrow” versuchen, ihn auf andere Gedanken zu bringen.

Bereits bei ihrem ersten Aufeinandertreffen begegnet David ihr kühl und in einen undurchdringlichen Mantel aus Trauer und unerklärlichen Schuldgefühlen. Dennoch geschieht das Unausweichliche: Juli verliebt sich auf den ersten Blick in ihn. Ihre Liebe scheint jedoch nicht nur unter einem schlechten Stern zu stehen, weil Davids geliebte Charlie für immer zwischen ihnen zu stehen scheint – es soll einen Fluch auf “Sorrow” geben, der großes Unglück über diejenige bringt, die sich an diesem schicksalhaften Ort verliebt …

Meine Meinung:

Ich habe “Herz aus Glas”, mein erstes Buch von Kathrin Lange, im Grunde gern gelesen – es ist flüssig und eingängig geschrieben, stimmige Beschreibungen der Umgebung wechseln sich mit spannenden Szenen ab – und dennoch gibt es wirklich einiges, was ich an diesem Buch zu bekriteln habe.

Zum Einen ist es das stellenweise überhastete Tempo, in dem der Roman erzählt wird. Am Anfang überstürzen sich alle Ereignisse, Juli verliebt sich zu schnell, der “Mystery”-Part der Handlung wird dem Leser offenbart, kaum dass er in der Handlung angekommen ist und nach einem relativ ausgeglichenen Mittelteil schließt das Ganze mit einem überhasteten, um nicht zu sagen arg konstruierten Finale, auf das ich noch zu sprechen komme.

Dann die Figuren. Im Grunde mochte ich die Charaktere, allen voran Davids hippen Künstlerfreund Henry und Jasons spritzige Assistentin Taylor. Für meinen Geschmack neigen die anderen jedoch zu Überzeichnung, gerade Juli, ein Bündel an Impulsivität, das im einen Moment himmelhoch jauchzend und eine Seite weiter schon wieder zu Tode betrübt ist. Anstrengend und nicht immer nachvollziehbar, die Geschichte aus ihrem Blickwinkel zu erleben. Auch David fand ich in all seiner tiefen Melancholie, seinen ruppigen Ausbrüchen und seinem geradezu borderlinigen Selbstzerstörungstrieb als überraschend einseitig, vielleicht, weil man diesen Typus aus Büchern mittlerweile sehr gut kennt – in einer Szene bezeichnet ihn ein Mädel sehr treffend als “Vampir”. (Kleines Augenzwinkern am Rande: Auch zum heimlichen Beobachten und unangekündigten Auftauchen neigt er.)

Wie auch immer: Julis Stimmungsschwankungen waren gerade am Anfang für mich schwer nachvollziehbar, gleich am ersten Tag auf “Sorrow” löst David einen wahren Gefühlscocktail in ihr aus; das reicht von ersten Verliebtheitsgefühlen bis zu Zornesausbrüchen auf seine reserviert-unfreundliche Art, (schon am Morgen des zweiten Tages überlegt sie ernsthaft, wieder nach Hause zu fahren), und das, obwohl sie ihn gerade erst kennengelernt hat und um seinen äußerst labilen psychischen und seelischen Zustand weiß.  David hat also seine Verlobte verloren und Juli begegnet ihm schon an Tag eins mit der Sensibilität einer Abrissbirne, um kurz darauf wieder mit flatterndem Herzen auf eine Geste der Zuneigung seinerseits zu hoffen. Das war mir nicht nur ziemlich unsympatisch, ich konnte es einfach nicht nachvollziehen … Und die dadurch geschaffene Distanz zur Erzählerin zog sich für mich durch das ganze Buch.

Weiter geht es mit der Geschichte an sich, die in das Genre “Mystery Thrill” einzuordnen ist. “Herz aus Glas” ist durchaus spannend erzählt und der kriminalistische Teil überzeugt – einer der größten Pluspunkte für mich. Was für mich jedoch nicht funktioniert hat, ist der Mystery-Part. Kathrin Lange schafft es in meinen Augen einfach nicht, eine geheimnisvolle, düstere Stimmung aufzubauen. Gerade der übernatürliche Teil der Geschichte sollte für mich dieses unerklärliche Gänsehaut-Gefühl hervorrufen, eine gewisse schaurige Stimmung. Das war für mich hier nicht der Fall. Gleich zu Beginn, noch bevor Juli selbst über Eigenartiges oder Unerklärliches stolpern kann, wird ihr der angebliche Fluch von “Sorrow” klipp und klar vom Hausmädchen erzählt – verknüpft mit einer unmissverständlichen Warnung und dem Tipp, am besten sofort wieder die Insel zu verlassen. Für mich kam das viel zu früh, zu schlecht verpackt, zu unmysteriös. Als würde dem Leser ein blinkendes Neon-Schild entgegen gehalten: “Hallo, du bist hier in einer Mystery-Geschichte, ab hier wird es übernatürlich!” Das ganze Buch über wollte sich für mich kein Mystery-Feeling einstellen, vor allem nicht, da Juli anfangs überhaupt nichts hinterfragt und überdeutliche Hinweise geflissentlich übersieht oder gleich wieder vergisst, nur um etwa ab der zweiten Hälfte der Handlung plötzlich alles Mögliche und Unmögliche in Betracht zu ziehen.

Ein bisschen mag daran auch das “Timing” beim Erzähltempo Schuld sein, denn immer wieder schienen mir Szenen etwas überhastet oder Aktionen und Reaktionen der Protagonisten etwas aus dem Rahmen fallend. Die gesamte Liebesgeschichte zwischen Juli und David ging mir zu schnell vonstatten, vor allem, wenn man bedenkt, dass ein Großteil der Handlung innerhalb einer einzigen Woche stattfindet. Desweiteren gibt es einen für den Mystery-Part der Geschichte entscheidenden Ort, an dem sich die Protagonisten unwahrscheinlich oft und aus selten nachvollziehbaren Gründen wiederfinden. Auch bedient sich Frau Lange für meinen Geschmack etwas zu häufig der Deus ex Machina: Mehrere brenzlige Situationen werden durch beinahe indentisch auftretende Ereignisse entschärft, die nicht ganz logisch sind. Das betrifft vor allem das Ende des Buches. Eine gefährliche, actionreiche Szene, in der große Geheimnisse gelüftet werden. Hier häufen sich die Logiklöcher, der Zufall wird zu sehr bemüht und einiges ist einfach nicht stimmig. Zu allem Überfluss entpuppt sich der/die Bösewicht/in der Geschichte als hoffnungsloser Schwarz-weiß-Abriss, was mich persönlich sehr enttäuscht hat.

Zum Schluss möchte ich noch einmal auf den Titel des Buches zu sprechen kommen. “Herz aus Glas” ist ein schöner, klangvoller Titel, der vielversprechend ist und die Phantasie beflügelt. Ich möchte aber fast behaupten, dass der Titel zuerst da war und irgendwann die Handlung dazu gefunden hat. Die Worte “Herz” und “Glas” fallen sehr oft in diesem Buch, und zwar bereits auf den ersten 50 Seiten, was für meinen Geschmack zu früh und zu melodramatisch war und bis zum Schluss im Kontext der Handlung kein wirklich passendes Bild abgegeben hat. Schade …

Fazit:

“Herz aus Glas” ist ein Mystery-Thriller, den ich als locker wegzulesenden Krimi empfunden habe. Das erzählerische Timing fand ich nicht immer stimmig und die Protagonisten teilweise zu überzeichnet, weshalb die Liebesgeschichte für mich nicht wirklich funktioniert hat. Auch ist bei mir kein richtiges Mystery-Feeling aufgekommen. Dennoch hat die Geschichte ihre Qualitäten und ich bin mir sicher, dass das Buch viele wohlwollendere Leser finden wird, auch wenn ich die beiden folgenden Teile der Trilogie leider nicht mehr lesen werde.

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dystopie, liebe, veronica roth, englisch, chicago

Allegiant

Veronica Roth
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei Katherine Tegen Books, 22.10.2013
ISBN B00BD99JMW
Genre: Jugendbuch

Rezension:

!Keine Spoiler in dieser Rezension!

Die frühere, in Fraktionen gespaltene Gesellschaft existiert nicht mehr. Die alte Ardnung, die Tris ihr Leben lang kannte, ist einer neuen Machtverteilung gewichen: Die Fraktionslosen, unter der Führung Evelyn Johnsons, haben die Oberhand über die Stadt gewonnen, bereit, sich für ihre seit Generationen anhaltende Unterdrückung zu rächen. Doch eine kleine Gruppe Widerständler, die das alte System zurückbringen wollen, machen sich zum Gegenschlag bereit: die Allegiant, denen sich auch Tris und Tobias anschließen – wenn auch aus anderen Motiven, als den Anführern der Gruppe bewusst ist. Mit ihrer Hilfe gelingt es den beiden in Begleitung von Christina, Uriah, Caleb, Peter und einigen anderen, die abgeschottete Stadt zu verlassen auf der Suche nach den Menschen, die sie zu ihrem “Experiment” gemacht haben.

Die Welt außerhalb der nunmehr im Krieg befindlichen Stadt ist anders, als Tris erwartet hat – und sie muss feststellen, dass diese neue Realität Erschreckendes bereithält. Antworten, die sie glaubte, endlich gefunden zu haben, stellen sich als bedeutungslos heraus, gerade entdeckte Wahrheiten entpuppen sich als Lügen – und bald stehen nicht nur sie und Tobias vor unmöglichen Entscheidungen, die alles von ihnen fordern werden.

Meine Meinung:

Hier ist er also, nach Divergent und Isurgent endlich der finale Teil von Veronica Roth’s neue Maßstäbe setzenden dystopischen Trilogie. Gerade einmal einunzwanzig war sie, als sie das erste Buch schrieb, mit vierundzwanzig beendete sie “Allegiant”. Eine unglaubliche Leistung, vor allem, was ihre reife, ausgefeilte Sprache angeht, die außerordentlich komplexen und durch und durch menschlichen Figuren und den intelligenten und bis ins Detail ausgetüftelten Plot, der sich breitgefächert, unvorhersehbar und dabei beeindruckend souverän durch alle drei Bände zieht. Ganz abgesehen von der philosophische Tiefe, die diese Bücher erreichen. Wenn diese Trilogie gerade erst den Beginn der Karriere der soeben 25 gewordenen Autorin ist, kann man mehr als gespannt sein, was da noch folgen mag. Chapeau, Ms. Roth!

Aber zurück zu “Allegiant”, über dessen Inhalt ich an dieser Stelle nichts, aber auch gar nichts weiter verraten werde, weil im Internet schon genug gespoilert wurde und es leider Gottes wohl kaum noch einen Leser (der englischen Titel) gibt, der sich die Vorfreude noch nicht verderben lassen hat von Leuten, die es einfach nicht lassen können zu verraten, wie die Serie endet. Weil wir offenbar in einer Zeit leben, wo es keinen Respekt mehr unter den Lesern gibt und man den anderen das “selber Entdecken” nicht mehr gönnen will. Wie auch immer; die Meinungen zu “Allegiant” sind zutiefst gespalten, was offenbar eher weniger mit der Qualität des Romans, als mit der Entwicklung der Geschichte zu tun hat. Viele Leser hätten sich einen anderen Handlungsverlauf gewünscht, also strafen sie das Buch mit einer miesen Bewertung ab, was natürlich unreif und uncool und absolut überflüssig ist.

Wenigstens habe ich hier die Möglichkeit, dieser Meinung voll und ganz zu widersprechen: “Allegiant” hat all meine Erwartungen an den Abschlussband dieser großartigen Reihe übertroffen, ich war erstaunt, wie geschickt Veronica Roth Geheimnisse enthüllt und alle losen Enden verknüpft. Vor allem war es die unglaubliche Emotionalität des Buches, die mich gepackt und mehr denn je in die Gefühlswelt der Figuren hat eintauchen lassen. Leser der ersten beiden Bände können erahnen, mit welch hartem Tobak sich die Charaktere in diesem finalen Teil auseinandersetzen müssen, und “Allegiant” toppt alles Vorangegangene um ein Vielfaches.

Neben jeder Menge actiongeladener Szenen sind es die politischen Überlegungen, Intrigen und Verhandlungen, die es besonders in sich haben. Die Probleme, denen sich die Menschen in “Allegiant” stellen müssen, sind hässlich und beinahe unmöglich auf “moralisch richtigem” Weg zu lösen, weil sich die Welt inzwischen in einen Ort verwandelt hat, der sich weit jenseits von Schwarz und Weiß befindet. Selbstlosigkeit und egoistisch getroffene Entscheidungen, Mut und Schwäche aus Feigheit liegen dicht beieiander. Eine Wahl, die getroffen wird, geht nicht selten ohne Opfer einher. Ebenso wie die Figuren fühlt sich der Leser gefangen in einem Labyrinth aus Anworten, von denen keine die richtige zu sein scheint. Wie trifft man die richtigen Entscheidungen? Wofür ist es wert, zu kämpfen? Wann muss man Opfer bringen? Roth’s Figuren müssen zum Erkennen dieser Wahrheiten – und ihrer eigenen Bestimmung – bis zum Äußersten gehen.

Fazit:

Das alles macht “Allegiant” für mich zu einem mitreißenden, zutiefst berührenden, zum erwachsensten Teil der Reihe. Ein phänomenaler Abschluss einer der besten Trilogien der letzten Jahre.

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Tags: dystopie   (1)
 

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frauen, lesen, bücher, geschichte, literaturgeschichte

Frauen und Bücher

Stefan Bollmann
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei DVA, 08.10.2013
ISBN 9783421045614
Genre: Biografien

Rezension:

Stefan Bollmann ist Autor der äußerst erfolgreichen und in 16 Sprachen übersetzten Bücher “Frauen, die lesen, sind gefährlich“ und „Frauen, die schreiben, leben gefährlich“. Mit “Frauen und Bücher” ist nun ein umfangreiches Werk erschienen, das sich ganz den Literatur verschlingenden und literaturschaffenden Frauen der letzten 300 Jahre widmet.

So lernen wir zu Beginn Klopstock kennen, der mit seiner leidenschaftlich vorgetragenen Lyrik die Frauenherzen schmelzen lies und damit die Dichterlesung begründete. Wir erfahren von unermüdlichen Briefeschreiberinnen und ersten Briefromanen wie “Pamela” von Samuel Richardson, der ein überragender Bestseller wurde und nicht zuletzt den Grundstein für Goethes “Werther” legte, der Jahrzehnte lang und bis in die heutige Zeit das empfindsame Herz von Lersinnen und Lesern berührt. Wir lernen die außerordentlich belesene und ihrer Zeit vorauseilende Caroline Schlegel-Schelling kennen und in England Mary Wollstonecraft, die zur ersten professionellen (und sehr scharfzüngigen) Rezensentin wurde.

Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts ist es die junge Jane Austen, die sich wie keine andere Autorin zuvor für die Unabhängigkeit von Autorin und Leserin stark macht. Mary Shelley, die Tochter Mary Wollstonecrafts, erfindet in einem völlig verregneten Sommer am Genfer See “Frankensteins Monster” und begründet damit eine neue Art von Literatur. Gustave Flaubert erschafft mit seiner Romanfigur Emma Bovary eine unvergleichliche und für Generationen von Frauen vorbildliche Heldin, die sich durch das Lesen der von ihr gewählten Bücher emanzipiert und die Literatur zum Ausbruch aus einer von Männern dominierten Gesellschaft nutzt.

In den Zwanzigerjahren gründen Virginia und Leonard Woolf in ihrem kleinen Pariser Apartment die “Hogarth Press”, indem sie nachmittags in liebevoller Handarbeit mit ihrer eigens erstandenen Druckerpresse avantgardistische Bücher herstellen. James Joyce, der nach siebzehnjähriger Arbeit mit seinem “Ulysses” fertig geworden ist, hat es zwei außergewöhnlichen und leidenschaftlichen Buchhändlerinnen zu verdanken, dass sein unerhörtes und als obszön verschrienes Skandalwerk nach allerlei Gerichtsprozessen endlich in Buchform erscheinen kann. Im Hollywood der Fünfzigerjahre verschlingt Marilyn Monroe heimlich – und ganz widersprüchlich zu dem ihr auferlegten Image – alles, was ihr an Büchern in die Finger gerät, eines ihrer Lieblingsbücher ist der “Ulysses”.

Und schließlich ist es das World Wide Web und das stetig wachsende Medium der Fanfiction, über das sich vor allem Leserinnen der heutigen Zeit neu erfinden. Die Figuren gehören nun nicht länger nur ihren Schöpfern, die Phantasie der Leser gibt sich nicht länger mit einem “Ende” unter den Geschichten zufrieden.

Meine Meinung:

Stefan Bollmann hat mit “Frauen und Bücher” eine ebenso interessante wie unterhaltsame Geschichte der lesenden und schreibenden Frauen der letzen drei Jahrhunderte geschrieben. Die ausgewählten Portraits von literarisch bewanderten Frauen und auch Männern, die über und für Frauen schrieben, lesen sich spannend und kenntnisreich. Man erfährt Bewegendes bis Unglaubliches aus dem Leben höchst interessanter, für den Leser bisher unbekannter Personen – und selbst über bekannte Größen wie Goethe oder Jane Austen gibt es Aspekte zu entdecken, die man vorher nicht gewusst hat.

Bollman schreibt flüssig und in einer schönen, äußerst wortgewandten Sprache. Es macht einfach Spaß, sich von ihm in die Welt der Frauen und ihrer Bücher entführen zu lassen, vor allem, weil man sich als weibliche Leserin von ihm verstanden fühlt, weil er sich überraschend gut in die Köpfe der lesenden Frauen hineinversetzen kann – und weil man ihm die Begeisterung für dieses Thema auf jeder Seite anmerkt.

Fazit:

Eine interessante und äußerst kurzweilige Reise durch die Jahrhunderte zu Frauen, die leidenschaftlich lasen und schrieben; zu Büchern, die von Frauen verschlungen und von Frauen verfasst wurden oder von außergewöhnlichen Frauenfiguren erzählten, die das Denken ihrer Leserinnen und nicht zuletzt das Frauenbild ihrer Zeit nachhaltig veränderten.

Ein Schmankerl für BuchliebaberInnen – und bestimmt auch ein ganz tolles Geschenk.

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23 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 14 Rezensionen

jules verne, schottland, liebe, meer, liebesroman

Der grüne Blitz

Jules Verne , Cornelia Hasting , James Hamilton-Paterson
Fester Einband: 284 Seiten
Erschienen bei Mare Verlag, 24.09.2013
ISBN 9783866481800
Genre: Klassiker

Rezension:

Nichts liegt den betagten Brüdern Sam und Sib Melvill mehr am Herzen als das Wohl ihrer Nichte Helena, die bei ihnen aufgewachsen und wie eine Tochter für sie beide ist. Zu einer jungen und schönen Frau erblüht, scheint es den Brüdern an der Zeit, einen passenden Ehemann für sie zu finden. Mit dem jungen Gelehrten Aristobulus Ursiclos scheint ihnen der perfekte Kandidat gefunden. Doch Helena, die just einen Artikel in der Morning Post gefunden hat über ein bei Sonnenuntergängen auftretendes Phänomen namens “grüner Blitz”, will nichts von einer Heirat wissen, ehe sie nicht mit eigenen Augen dieses seltene Wunder der Natur gesehen hat.

Ergeben machen sich die Brüder gemeinsam mit ihrer Nichte und ihren zwei Dienern auf an die Küste ihrer schottischen Heimat, wo sie unter den dort günstigen atmosphärischen Bedingungen den “grünen Blitz” zu erspähen hoffen. Nicht von ungefähr wird dafür der Kurort Oban ausgewählt, an dem sich, wie Sam und Sib wissen, zur selben Zeit Aristobulus Ursiclos aufhalten soll. Zwei Fliegen mit einer Klappe, so denken sie sich, denn so kann Helena ihren gewünschten “grünen Blitz” sehen und gleichzeitig ganz nebenbei ihren zukünftigen Gatten kennenlernen. Doch bereits auf der Überfahrt lernen sie den charmanten Reisenden Olivier Sinclair kennen und von da an scheinen alle Pläne durcheinander zu geraten. Wird Helena den “grünen Blitz” zu Gesicht bekommen? Und wem wird sie am Ende ihr Herz schenken?

Meine Meinung:

Le Reyon-vert” (ursprünglich “Der grüne Strahl” oder “Das grüne Leuchten”) erschien erstmals 1882 und gilt als Jules Vernes einziger Liebesroman. Diese im Mareverlag erschienene Neuübersetzung von Cornelia Hasting kommt im (passenden) grünen Leinen und einem wunderschönen Schmuckschuber daher, inklusive sämtlicher Kupferstiche von Léon Benett aus der Originalausgabe.

Mit wunderbarer Leichtigkeit und vor allem sehr humorvoll zeichnet Verne seine Protagonisten, allen voran die Brüder Sam und Sib, die über die Jahre zu einer Person verschmolzen zu sein scheinen, die Sätze des jeweils anderen vollenden und sich eine riesige Schnupftabakdose zu teilen pflegen, ein “tragbares Möbel”, das unentwegt von der Tasche des einen die Tasche des anderen wandert und aus der jeder abwechselnd eine große Prise nimmt. Meine liebste Figur ist aber die des Aristobulus Ursiclos, ein pedantischer, verkopfter und unglaublich eitler Wissenschaftler (“es fehlte nicht viel, und er wäre ein Dummkopf gewesen”), der es nicht lassen kann, jede noch so unwahrscheinliche Gelegenheit zu ergreifen, seine Mitmenschen mit naturwissenschaftlichen Vorträgen zu langweilen. Meine liebste Beschreibung über seine unvorteilhafte Erscheinung ist diese:

“Von den hundertdreißigtausend Haaren, die, den letzten Statistiken zufolge, jeder menschliche Kopf tragen soll, blieben ihm kaum noch sechzigtausend. Ein Bartkranz umrahmte seine Wangen und sein Kinn, was ihm ein affenähnliches Antlitz verlieh. Wäre er ein Affe gewesen, wäre es ein schöner Affe gewesen – vielleicht der, welcher der Stufenleiter der Darwinisten fehlt, um den Anschluss der Tierwelt an die Menschenwelt zu schaffen.”

Der unsägliche Aristobulus ist es auch, der die Suche nach dem “grünen Blitz” zur Farce macht – an den wenigen Tagen, an denen das Wetter den Reisenden zur Beobachtung des Sonnenuntergangs wohlgesonnen ist, kommt er dazwischen. Desweiteren gelingt es ihm immer wieder – mehr oder weniger unbeabsichtigt – mit seiner nervtötenden Art jede Romantik, die sich zwischen Helena und Olivier anbahnt, zunichte zu machen. Ein unglaublich komischer und köstlich überzeichneter Charakter, der mich sehr zum Schmunzeln gebracht hat.

Bleibt noch die Jagd nach dem “grünen Blitz”, die vor allem in der zweiten Hälfte des Buches, da sich Olivier Sinclair der Unternehmung der Melvill-Brüder und Helenas angeschlossen hat, immer spannender wird. Die führt die Reisenden auf die schottischen Inseln Iona und Staffa, die Verne mit spürbarer Faszination und detailreichen Beschreibungen vor den Augen des Lesers erscheinen lässt. Besonders Staffa hat es ihm angetan, eine Insel vulkanischen Ursprungs, die größtenteils aus riesigen Basaltsäulen besteht und durch ihre atemberaubende Höhle “Fingal’s Cave” berühmt wurde. Hier trägt sich auch der große Showdown der Geschichte zu, in der Olivier Sinclair seine Qualitäten als unerschrockener Held beweisen muss.

Fazit:

Eine humorvolle Geschichte voller lustiger Charaktere, die anfangs etwas gemächlich daher kommt, zum Ende hin aber immer spannender und schließlich zu einem klassischen Abenteuer wird, so, wie man es eben von einem Jules Verne erwartet.

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453 Bibliotheken, 8 Leser, 1 Gruppe, 80 Rezensionen

dystopie, liebe, tahereh mafi, rette mich vor dir, juliette

Rette mich vor dir

Tahereh H. Mafi ,
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 30.09.2013
ISBN 9783442313044
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Juliette und Adam haben Zuflucht in Omega Point gefunden. Hier versammelt Castle, der Anführer der Untergrundbewegung, Leute wie sie beide: Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten, die im Verborgenen trainiert und zu einer starken Waffe gegen das Reestablishment eingesetzt werden sollen.

Während Juliette verzweifelt versucht, Herr über ihre zerstörerischen Kräfte zu werden, entdecken die Wissenschaftler in Omega Point eine ebenso überraschende wie beängstigende Eigenschaft an Adam – und plötzlich stehen er und Juliette von der Scherben ihrer gerade erst begonnene Beziehung. Gleichzeitig wird Juliette heimgesucht von verbotenen Erinnerungen an den einen Menschen, den sie hassen müsste wie keinen anderen auf der Welt und der ihr verbissener denn je auf den Fernsen zu sein scheint: Warner.

Meine Meinung:

Schon Tahereh Mafis Erstling und Auftakt der Trilogie, “Ich fürchte mich nicht”, hat mich zutiefst gespalten zurückgelassen. Ich war unheilmlich fasziniert von ihrer Sprache und vor allem der Spannung, die sie zwischen Juliette und meinem heimlichen Helden Warner heraufbeschwören konnte, gleichzeitig fand ich den Handlungsaufbau und auch ihre stilistischen Mittel nicht immer gelungen.

In den zweiten Band überträgt sich alles, was ich am ersten gemocht und kritisiert habe, beinahe nahtlos. Im Großen und Ganzen fällt er in meinen Augen aber hinter dem ersten Teil zurück. Mafi bedient sich auch hier unglaublicher Metaphern und sprachlicher Bilder, die man so noch nie gelesen hat und die das Innenleben der Charaktere sehr intensiv spiegeln. Juliettes beinahe psychotische innere Pein, die jahrelange Gefangenschaft und Isolation in ihr hinterlassen haben, ist hier nicht weniger stark präsent als im ersten Band. Das ist eindringlich und schlüssig, aber nach den ersten fünfzig bis hundert Seiten hatte ich doch ein gewisses “too much”-Gefühl. Genauso ging es mir mit ihren intimeren Szenen mit Adam. Dem Leser ist klar, wie verzehrend ihre Liebe zu ihm nach dieser jahrelangen, bodenlosen Einsamkeit sein muss, aber Mafi wälzt die Romantik hier etwas zu sehr aus und driftet, wie ich finde, zu sehr in Richtung Kitsch ab. Ein wenig daraus gerettet hat mich Kenji, der einige etwas arg blumige Szenen sehr trocken und direkt entschärft und der die meiste Zeit über unglaublich cool und lustig ist.

Ein weiterer Kritikpunkt bleibt für mich auch das Setting. Man kann es drehen, wie man will, Mafis Bücher sind keine Dystopien, egal, wie gut dieser Genre-Stempel aussieht. Ja, das Ganze spielt in einer post-apocalyptischen Zukunft mit totalitärem Regime, aber nichts davon wird je näher ausgeführt oder spielt eine größere Rolle, als für die Interaktion der Protagonisten notwendig ist. Die Vorbereitungen und Hintergründe für den großen Krieg, der kurz vor dem Ausbruch steht, werden nur grob skizziert. Warum die inzwischen aufrührerischen Zivilisten, die nicht organisiert sind und keinerlei Waffen haben, dem Reestablishment zur Bedrohung werden sollen, bleibt mir ein Rätsel. Auch die Widerstandsbewegung in “Omega Point” weist die ein oder andere Logiklücke auf. Es gibt keine erkennbare Rangordnung, die Trainingseinheiten der Bewohner von Omega Point kommen kaum zur Sprache und wirken nicht konzentriert, jeder kann mehr oder weniger tun und lassen, was er will und Castles Autorität weicht deutlich vor seiner übergroßen Nächstenliebe für Außenseiter zurück. Diese Widerstandsbewegung würde eher wie ein zusammengewürfelter, sich versteckender Haufen wirken, wäre das Versteck nicht mit modernster Technik und hochtechnologisierten Laboren ausgestattet, einem Luxus, dessen Ursprung man sich in dieser kriegszerfressenen und von Armut geprägten Welt nicht wirklich erklären kann. Nichts von all dem ist gut durchdacht und dient eher, wenn man nicht zu genau drüber nachdenkt, als guter Hintergrund für die Beziehungen der Protagonisten. Mafi ist definitiv keine Weltenbauerin, ihr Metier ist das Zwischenmenschliche.

Erneut ist Warner der Lichtblick in der Geschichte, mein heimlicher Held aus dem ersten Buch. Eine spannende, komplexe Figur, die den nach wie vor sehr blässlichen Adam sofort vergessen lässt. Ein Antagonist, dem die Heldin trotz besserem Wissen im tiefsten Inneren nicht widerstehen kann – Leserinnen, die immer wieder den “Bad Boys” erliegen, müssen hier die Herzen höher schlagen. Mafi schafft es erneut, die Luft zwischen Juliette und Warner zum Knistern zu bringen und ja, die beiden kommen sich nah, gefährlich nah – aber ich habe auch hier Angst, dass sich die Autorin dem Kitsch zu sehr annähert. Es ist kein Geheimnis, dass Warner auch im letzten Teil der Trilogie eine entscheidende Rolle spielen wird – und ich hoffe, hoffe sehr, dass sie ihn zum Ende hin nicht zu sehr aufweicht und seinen “Baddie”-Charakter zu stark verändert, denn das ist es ja, was ihn zu Beginn so faszinierend gemacht hat.

Fazit:

Der zweite Teil von Tahereh Mafis Trilogie führt Stärken und Schwächen des ersten Bandes fort, obwohl hier ein paar kritische Punkte stärker ins Gewicht fallen – sei es der wenig stringente dystopische Hintergrund oder die ausufernde Sprache, die sich zu lange an Juliettes innerem Schmerz aufhält und in den romantischen Szenen ab und an in den Kitsch abdriftet.

Andererseits haben mich Mafis Metapher-geladene, poetische Sprache und ihre Figur Warner erneut derart in den Bann gezogen, dass ich das Buch in einem Rutsch gelesen habe. Ich habe es mit einem lachendem und einem weinenden Auge geschlossen und denke, dass wohlgesonnene Leser des ersten Buches auch Gefallen am zweiten haben werden.

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abenteuer, piraten, freundschaft, rodkey, jugendbuch

Die Legenden der Blauen Meere - Dreckswetter und Morgenröte

Geoff Rodkey ,
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Carlsen, 02.10.2013
ISBN 9783551556417
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Egbert hat es nicht leicht: mit seinen Geschwistern Venus und Adonis, die ihn von früh bis spät tyrannisieren, und seinem bärbeißigen Vater lebt er auf der Insel Dreckswetter. Hier gibt es nichts als Hitze, Staub, einen Vulkan und die Stinkfruchtplantage, die sein Vater betreibt und auf der ein Haufen Piraten arbeitet, die für die Arbeit auf See das ein oder andere Gliedmaß zu viel verloren haben.

Als sein Vater ihn und seine Geschwister völlig unverhofft auf die schöne und reiche Nachbarinsel Morgenröte mitnimmt, ahnt Egbert, dass er auf irgendein Geheimnis von großer Bedeutung gestoßen ist. Kaum auf Morgenröte gelandet, laufen sie dem charmanten Geschäftsmann Roger Pembroke in die Arme, der sie großzügig als Gäste in seinem Anwesen aufnimmt. Als dieser jedoch eine eigens für sie arrangierte Ballonfahrt sabotiert, bei der sein Vater und seine Geschwister verschwinden, ist Egbert klar, dass er seines Lebens nicht mehr sicher ist.

Auf der Flucht vor Pembroke und als blinder Passagier eines Schiffes gerät er auch noch mitten in einen Piratenüberfall. Der Schiffsjunge Guts, der sich einen Kampf auf Leben und Tod mit ihm liefern soll, wird dabei überraschend zu seinem engsten Verbündeten. Die beiden beschließen, Pembroke, der auf Dreckswetter den uralten Schatz des Feuerkönigs Hutmatozal vermutet, zuvor zu kommen. Unverhofft stößt plötzlich die eigensinnige Millicent zu ihnen, Pembrokes Tochter, in die Egg heimlich verliebt ist. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt …

Meine Meinung:

“Dreckswetter und Morgenröte” hat mich schon wegen seines außergewöhnlichen Covers neugierig gemacht, bei dem mir sofort die Assoziationen “Piraten! Schatz! Abenteuer!” durch den Kopf schossen – was auch voll und ganz zutrifft.

Debütautor Geoff Rodkey erzählt in diesem Auftakt seiner dreibändigen Serie ein zunächst klassisch anmutendes Abenteuer, das aber mit dem ein oder anderen Twist und ganz eigenen Elementen aufwarten kann. So gibt es alles, was man von einem Piratenabenteuer erwartet (Schiffe, Schlachten, Holzbeine, Augenklappen, einsame Inseln, stürmische See, Flauten, eine verschlüsselte Karte, einen sagenhaften Schatz), aber auch sehr viel neues (Piraten, die als Haushälter und Obstpflücker arbeiten; ein Passagierschiff mit reichen “Touristen”, die als Inselhopper nach Morgenröte kommen; eine Insel, auf der ausschließlich Schweine gezüchtet werden und noch vieles mehr).

Rodkey hat auch deswegen viel Spielraum, weil er seine ganz persönliche Welt erschafft. Vieles erinnert mit seiner nautischen Sprache und Worten wie Kolonie, Gouverneur, Eingeborene und “Neue Länder” an eine Zeit vor etwa zweihundert, dreihundert Jahren, wie wir sie kennen, doch Rodkey erfindet seine eigenen Völker, Länder und Sprachen. Die Welt der “Blauen Meere” wirkt gleichzeitig alt und modern, was perfekt zur Geschichte zum Erzählton passt.

Bleiben noch die Charaktere. Egg ist eine durch und durch sympathische Hauptfigur mit Herz und Verstand und unheimlich großem Identifikationspotenzial. Er bildet ein gutes Gegenstück zur eigensinnigen und manchmal etwas blauäugigen Millicent und dem stets furchtlosen Guts, der lieber draufhaut und dann nachfragt. Ein vielfältiges Dreiergespann, dem man gern in jedes Abenteuer folgt. Die Figuren sind es, mit denen Rodkey vor allem auftrumpft: Er lässt sie Fehler machen, herumalbern und naiv sein, sich entwickeln und an ihren Aufgaben wachsen, Dinge tun, die sie von sich selbst nie erwartet hätten. Kurzum, Rokey nimmt seine Figuren ernst. Das ist es, was die spannende Abenteuergeschichte im Kern zusammenhält und einen auf das nächste Buch hinfiebern lässt, in dem Eggs Reise fortgesetzt wird.

Mein einziger Kritikpunkt an diesem ansonsten herausragenden Jugendbuch ist, dass ich am Anfang etwas brauchte, um mich in der Geschichte zurechtzufinden, ein paar Beschreibungen hätten außerdem etwas bildlicher sein können. Das sind aber kleine Anmerkungen, die meinem Spaß beim Lesen keinen Abbruch getan haben.

Fazit:

Der aufregende Beginn einer dreiteiligen Abenteuerserie alter Schule, aber mit neuem Twist. Den Leser erwarten eine verzwickte Schatzsuche, eine gefahrenvolle Reise zu Land und auf dem Meer, eine unverwüstliche Freundschaft, Piraten, Schiffe, Kämpfe, Verrat, Loyalität, Rache – und das alles nicht nur erfindungsreich und spannend, sondern auch noch mit einer scharfen Prise frischem Humor gewürzt. Ein uneingeschränkter Tipp von mir! Empfohlen ab 12.

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288 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 39 Rezensionen

wald, wölfe, wolf, liebe, natur

Isegrim

Antje Babendererde
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Arena, 01.08.2013
ISBN 9783401067537
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Die sechzehnjährige Jola lebt im kleinen Dorf Altenwinkel im Thüringer Wald. Nirgendwo fühlt sie sich freier als draußen in der Natur, unter den Bäumen, wo sie stundenlang umherstreift und Tiere beobachtet. Hier findet sie Ruhe vor ihrer überängstlichen Mutter und ihrem besitzergreifenden Freund Kai.

Doch neuerdings fühlt sich Jola im Wald beobachtet. Als sie mit ein paar Klassenkameraden für ihre Seminarfacharbeit auf einen ungelösten Kriminalfall aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs stößt, der sich mitten in Altenwinkel zugetragen hat, sieht sie sich plötzlich den Anfeindungen einiger Dorfbewohner ausgesetzt.

Und dann taucht plötzlich Olek mitten im Wald auf, ein Junge voller Geheimnisse. Das Unglaubliche: Gefolgt ist ihm eine Wölfin, die sich unbemerkt im militärischen Sperrgebiet angesiedelt hat. Noch während Jola versucht, mehr über Oleks Indentität herauszufinden und zur gleichen Zeit den zugezogenen Wolf vor den Dörflern geheim zu halten, fühlt sie sich mehr und mehr vefolgt. Fast zu spät erkennt sie, dass sich ein gewisses Muster zu wiederholen scheint, das vor fünf Jahren zum Verschwinden ihrer besten Freundin geführt hat.

Meine Meinung:

Da ist es endlich – Antje Babendererdes heißersehntes neues Buch, und diesmal ganz ohne Indianer. Statt in die USA nimmt sie uns diesmal mit in den Thüringer Wald, in das fiktive Dörfchen Altenwinkel, nicht mehr als eine Ansammlung von sechzig Häusern, in denen jeder jeden kennt und sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Eine “Scheißidylle”, wie Jolas Freundin Sassy sagt.

Sehr lebendig beschreibt Antje Babendererde die Einwohner des Dorfes. Ich mochte es, wie sie die unterschiedlichen Charaktere mit Macken, Liebenswürdigkeiten und auch unangenehmen und dunklen Seiten ausstattet. Besonders die schwierige Beziehung zwischen Jola und Kai kommt zum Tragen, ebenso Jolas Probleme mit ihrer angstgestörten Mutter und die Zuflucht, die sie bei ihrer im Gegensatz zu ihr viel lockeren Tante findet. Auch der Wald, in dem Jola umherstromert, steigt mit einer Vielzahl von Farben und Gerüchen aus den Seiten des Buches auf. Und trotz der Schönheit, die Jola in der Wildnis findet, braut sich etwas Dunkles zusammen, das nicht zuletzt mit Oleks Ankunft und dem Auftauchen des Wolfes angestoßen wird. Dunkle Erinnerungen holen Jola ein und lange gehütete Geheimnisse, die sie bei ihren Nachforschungen aufdeckt, ziehen den Zorn einiger Leute auf sie und spalten die Dorfgemeinschaft. Schon bald weiß Jola nicht mehr, wem sie trauen kann. Was ist damals wirklich mit ihrer Freundin Alina geschehen, die vor fünf Jahren spurlos verschwand? Was verschweigt Olek, für den sie immer stärkere Gefühle entwickelt? Wie fügt sich das rästelhafte Verbrechen aus der Nachkriegszeit in all das ein? Und nicht zuletzt: Hat die Wölfin eine Chance gegen das Misstrauen, das Unwissen und die Angst der Dorfgemeinschaft?

Die Spannung, die mich beim Lesen an die Seiten geklebt und bis zum Ende nicht losgelassen hat, ensteht anfänglich nicht einmal durch die kriminalistische Handlung, denn die baut sich erst langsam auf. Es sind die komplexen Charaktere, ihre Hoffnungen, Ängste und Geheimnisse und ihre Beziehungen zueinander, die “Isegrim” so bildhaft und realistisch machen. Wahrhaft meisterlich ist es, wie Antje Babendererde ihre verschiedenen Erzählstränge kunstvoll ineinander verflicht und alles zu einer absolut schlüssigen, komplexen Geschichte vereint. Spätestens, als Jola immer tiefer in die dunkle Geschichte Altenwinkels zu Kriegsende eintaucht, die Stimmung im Dorf plötzlich umschlägt und Jola sich zunehmend verfolgt fühlt, entwickelt sich die Geschichte mehr und mehr zu einem angsteinflößenden Thriller. Der Leser wird nach Strich und Faden an der Nase herumgeführt, ebenso wie Jola weiß man nicht mehr, wem zu trauen ist, alles scheint verdächtig, die Beklemmung nimmt stetig zu. Antje Babendererde ist mit “Isegrim” das Kunststück gelungen, ein dunkles Waldmärchen, eine geheimnisvolle Liebesgeschichte und einen psychologisch dichten Thriller zu vereinen.

Fazit:

Ein Wald aus Geheimnissen, ein Dorf voller Lügen und ein Mädchen, dass nicht wegsehen will. Eine wunderbare Liebesgeschichte, ein schleichender, Gänsehaut erzeugender Thriller und nicht zuletzt eine Geschichte von der Rückkehr der Wölfe nach Deutschland.

Ich war absolut gebannt und hätte zum Schluss am liebsten weitergelesen. Wann kommt das nächste Buch aus Antje Babendererdes Feder? Bitte, bitte mehr davon!

  (7)
Tags: natur, thriller, thüringer wald, wald, wölf   (5)
 

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Stromschnellen

Bonnie Jo Campbell
E-Buch Text: 399 Seiten
Erschienen bei Piper (com), 16.04.2013
ISBN 9783492961868
Genre: Romane

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676 Bibliotheken, 5 Leser, 2 Gruppen, 93 Rezensionen

dystopie, liebe, jennifer benkau, joy, percents

Dark Destiny

Jennifer Benkau
Fester Einband: 464 Seiten
Erschienen bei script5, 18.03.2013
ISBN 9783839001455
Genre: Science-Fiction

Rezension:  
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1.310 Bibliotheken, 17 Leser, 6 Gruppen, 126 Rezensionen

flucht, thriller, liebe, jugendbuch, escape

Escape

Jennifer Rush , Ulrike Brauns
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Loewe, 16.01.2013
ISBN 9783785575161
Genre: Jugendbuch

Rezension:  
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73 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 13 Rezensionen

kunst, freundschaft, missbrauch, elsa, liebe

Elsa ungeheuer

Astrid Rosenfeld
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 26.02.2013
ISBN 9783257068504
Genre: Romane

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144 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 43 Rezensionen

willie sutton, bankräuber, new york, gefängnis, usa

Knapp am Herz vorbei

J.R. Moehringer , Brigitte Jakobeit
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 18.02.2013
ISBN 9783100496034
Genre: Romane

Rezension:

New York, Winter 1969: Willie Sutton, einst berühmtester Bankräuber Amerikas, wird aus dem Gefängnis entlassen. Ein Reporter und ein Fotograf begleiten ihn an seinem ersten Tag in der Freiheit und fahren mit ihm gemeinsam die Stationen seines Lebens ab. Nach und nach erfahren sie Stück für Stück, wer Willie Sutton eigentlich war und was ihn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum meistgesuchten Mann Amerikas machte.

Der Roman zeichnet das außergewöhnliche Lebensbild Willie “The Actor” Suttons nach, beginnend mit einer Jugend im irischen Armenviertel Brooklyns und einer unglücklichen Großen Liebe, später dann erster erfolgreicher Raubzüge in Banken und Juweliergeschäften, die der meist verkleidete Sutton derart raffiniert durchführte, dass nie jemand verletzt oder auch nur ein einziger Schuss abgefeuert wurde. Während der großen Bankenkrise anvancierte Sutton zu einer Art “modernem Robin Hood” unter der Bevölkerung und festigte seinen Kultstatus durch spektakuläre Ausbrüche aus zwei Gefängnissen. Polizeiberichte und Zeitungsartikel zeichneten ein Bild eines kultivierten Gentleman-Gangsters, der über die Maßen belesen war, regelmäßig ins Kino ging und Theater besuchte und zudem Bücher schrieb, darunter zwei verschiedene Autobiographien.

Meine Meinung:

J.R. Moehringer ist mit den Geschichten und Legenden rund um den großen Willie Sutton aufgewachsen und hat für diesen Roman recherchiert, so viel er über ihn herausfinden konnte. Nur wenige Details sind erwiesen, vieles basiert auf Zeitungsberichten, Erzählungen von Beobachtern oder Nachfahren Suttons. Was aber im Vagen bleibt, vor allem über Suttons privates Leben, zeichnet Moehringer behutsam und glaubhaft nach, trifft dabei genau den richtigen Ton für das New York Anfang des 20. Jahrunderts, einer Ära des schnellen Geldes und großer Hungersnöte, der Börsencrashs und des zerbröckelnden American Dreams.

“Knapp am Herz vorbei” ist Moehringers Versuch, sich einem Helden seiner Kindheit anzunähern und ihn in seinem Roman zu würdigen, wie es der große Bankräuber sicher selbst gern gelesen hätte. Dabei bleibt er die gesamte Zeit über glaubhaft und man zweifelt keine Sekunde, dass sich alles genau so zugetragen haben könnte.

Fazit:

Großartig erzählte und hervorrangend recherchierte Lebensgeschichte; eine Hommage an einen außergewöhnlichen Mann.

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Tags: banken, bankräuber, börsencrash, brooklyn, gefängnis, new york, willie sutton   (7)
 

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65 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

steampunk, fantasy, phantastic history, münchen, liebe

Das Obsidianherz

Ju Honisch
Buch: 809 Seiten
Erschienen bei Feder & Schwert, 01.02.2008
ISBN 9783867620284
Genre: Fantasy

Rezension:

München 1865: Eigentlich ist die junge Corrisande Jarrencourt in Begleitung ihrer Anstandsdame in die bayerische Landeshauptstadt gekommen, um einen wohlsituierten Ehemann zu finden. Zur gleichen Zeit wie die Damen halten sich im Nymphenburger Hotel mehrere konspirative Interessengruppen auf, die alle dasselbe Ziel haben: in den Besitz eines geheimen Manuskripts zu gelangen, dessen zerstörerische Macht das gesamte Weltengefüge verändern könnte.

An der Spitze eines im Hotel operierenden bayerischen Geheimkommandos steht der britische Agent Colonel Delacroix. Im Wettstreit mit einem dunklen Mönchsorden und einem verräterischen Magier erhält er Hilfe von Seiten der ausgefuchsten Operndiva Cérise Denglot und ihrem ominösen Geliebten, der alles andere als ein Mensch zu sein scheint. Doch bald fällt eine finstere Macht über das Hotel, die das Manuskript um jeden Preis in ihre Gewalt bringen will und Corrisande sieht sich mitten hineingezogen in einen mörderischen Strudel aus Intrigen, Schein und Sein und der ultimativen Herrschaft über die Welt.

Meine Meinung:

“Das Obsidianherz” stand auf meiner Leseliste, seit Ju Honisch dafür 2009 mit dem Deutschen Phantastikpreis ausgezeichnet wurde. Umfang und Preis (der für die Publikation eines Independentverlags wie Feder und Schwert durchaus gerechtfertigt ist), mögen mich ein zeitlang abgehalten haben, doch die Lektüre hat sich durchaus gelohnt.

Ju Honisch erschafft eine überzeugende Melange aus Abenteuerroman, Thriller und Historiendrama und würzt alles mit einem kräftigen Schuss Dark Fantasy und einer Prise schwarzhumoriger Scharfzüngigkeit. Hier wird quer durch die Genres geschwelgt was das Schriftstellerherz hergibt und eine Reihe von außergewöhnlichen Charakteren geschaffen, die man noch lange danach im Gedächtnis behält. Die Handung wird rasant und spannend erzählt und lässt kaum Wünsche offen. Auch, was Originalität und Überraschungsmomente angeht, macht Ju Honisch so schnell keiner etwas vor.

Warum ich dennoch eine Kaffeetasse abziehe? Zum einen störe ich mich ein klein wenig an der Hintergrundgeschichte Corrisande Jarrencourts (die ansonsten übrigens eine meiner Lieblingscharaktere im Roman ist). Die mutige, aber durch und durch keusche, charmant naive und im Kern höchst sensible junge Frau soll sich in ihrer Jugend als fassadenkletternde und messerwerfende Diebin verdingt haben, nur um jetzt, zurück auf dem Pfad der Tugend, ein ehrbares Leben an der Spitze der Gesellschaft anzustreben. Die ganzen 800 Seiten über habe ich versucht, diese beiden Seiten Corrisandes in Einklang zu bringen, doch es mochte mir einfach nicht gelingen. Alles an ihr empfand ich als absolut überzeugend, inklusive ihrerer Willensstärke und ihrem (sie selbst überraschenden) Mut in den gefährlichsten Situationen, in denen sie plötzlich über sich selbst hinauszuwachsen scheint. Doch diese Gauner-Vergangenheit mag sich einfach nicht ins Gesamtbild fügen und wäre auch nicht unbedingt nötig gewesen. Und wenn Corrisande zum wiederholten Mal aus einer tiefen Ohmacht erwacht, fragt man sich, warum die Autorin sie nicht einfach jende zarte, mutige junge Frau hat bleiben lassen, denn diese Momente sind einfach am glaubhaftesten.

Womit ich auch gleich zu Kritikpunkt Nummer zwei komme: Wiederholungen. Ich erwähnte eingangs das hohe Erzähltempo, in dem Honisch die Geschichte vorantreibt. Ein paar Mal jedoch war ich versucht, ein wenig genervt an den Seiten zu zupfen, weil die ein oder andere Jagd nach dem Phantom doch zu sehr der vorangegangenen ähnelte und auch einige ausschweifende Dialoge dazu neigten, bereits Gesagtes erneut anzuführen. Einer der Gründe, weshalb mir das “Obsidianherz” so gut gefallen hat, ist der die ausufernde und ungebändigte Erzählfreude Ju Honischs. Ich bin aber überzeugt, dass es dem Buch gut getan hätte, an der einen oder anderen Stelle behutsame Kürzungen vorzunehmen. Hundert Seiten weniger hätten dem Roman sicher nichts an Charme und Esprit genommen, aber vielleicht ein etwas strafferes Gesamtbild ergeben.

Abgesehen davon kann ich “Das Obsidianherz” jedoch sehr empfehlen als die etwas andere Lektüre unter all dem immer gleichen Mainstream im Fantasybereich.

Fazit:

Wenn Edgar Allen Poe einen Roman über Sissi geschrieben hätte und dieser von Guy Ritchie verfilmt würde, könnte vielleicht “Das Obsidianherz” dabei herauskommen. Ein ungewöhnliches und spannendes Lesevergnügen trotz kleiner Längen.

  (7)
Tags: phantastic history, steampunk   (2)
 

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31 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

afghanistan, mittelasien, andere welten, wüste, pakistan

Der Weg des Falken

Jamil Ahmad , Giovanni Bandini , Ditte Bandini
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 19.02.2013
ISBN 9783455403947
Genre: Romane

Rezension:

Der Weg des jungen Tor Baz ist von seiner Geburt an steinig – die Liebe seiner Eltern darf nicht sein und nur der Zufall will es, dass er die blutige Rache ihrer Stammesväter überlebt. Heimatlos reist er von Ort zu Ort, tritt am Rand fremder Geschichten als kurzer Gast auf und verschwindet ebenso schnell wieder, streift am Weg verstreute Schicksale beinahe unbemerkt und lenkt den Lebensweg anderer plötzlich in eine ungeahnte Richtung. Durch ihn erfährt man Geschichten über Liebe, Tod, Hinterlist, Mut und Weisheit aus den entlegendsten Winkeln einer Welt, die wir so noch nie gesehen haben – der Grenzregion zwischen Pakistan, Afghanistan und dem Iran.

Meine Meinung:

“Der Weg des Falken” ist eine kostbare kleine Sammlung von Geschichten aus einem Teil der Welt, der uns heutzutage meist als Kriegsschauplatz in den Medien präsent ist; Ländern, in denen scheinbar Angst und Terror geboren werden. Jamil Ahmad nimmt uns jedoch mit auf eine Zeitreise in die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, zu Menschen, die zwischen Mittelalter und Moderne leben, Nomaden, die ihre Traditionen im Widerstand gegen die neuen politischen Bestimmungen bewahren wollen. Wir erfahren von Stammesfehden und uralten Traditionen, Hochzeiten und Ehrenmorden, Karawanenzügen und Sklavenmärkten, weisen Männern und mutigen Frauen, Mullahs, Händlern, Spitzeln, Gauklern, Häuptlingen, Soldaten und Hirten. Alle Geschichten sind in sich abgeschlossen, manche spinnen einen dünnen Faden zur nächsten weiter und immer wieder taucht Tor Baz auf, der in dieser weiten, bedrückenenden, schönen und beängstigenden Welt seinen Platz finden muss.

Fazit:

Ein einmaliger Einblick in einen fremden und durch und druch vielfältigen Teil der Welt, über den wir bisher noch viel zu wenig wissen.

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Tags: afghanistan, iran, mittelasien, pakistan   (4)
 

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42 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

9/11, architektur, 11. september, usa, new york

Der amerikanische Architekt

Amy Waldman , Brigitte Walitzek
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Schöffling, 04.02.2013
ISBN 9783895614910
Genre: Romane

Rezension:

New York, 2004: Eine Jury ist zusammengekommen, um über den besten Entwurf für eine Gedenkstätte für die Opfer der Anschläge vom 11. September abzustimmen. Nach langen Diskussionen einigt man sich endlich auf den Gewinner. Der Umschlag mit dem bisher anonymen Namen wird geöffnet – und die Jury-Mitglieder müssen schockiert feststellen, dass es sich bei ihrem Gewinner um einen Muslim handelt.

Es entflammt ein heftiger Disput um die Person des Architekten und die Bedeutung seines Entwurfs und weitet sich, kaum dass das streng vertrauliche Ergebnis zur Presse durchgesickert ist, über die gesamte Stadt und schließlich bis über die Landesgrenzen aus. Clarie Burwell, innerhalb der Jury Vertreterin der Hinterbliebenen der Opfer, ist eine der wenigen, die sich voller Überzeugung für den begabten wie auch komplizierten Architekten einsetzt. Doch als der Druck von aufgebrachten Familienmitgliedern, skruppellosen Journalisten, machthungrigen Politikern und radikalen Aktivisten immer größer wird, beginnt auch sie, zu wanken.

Meine Meinung:

Das Jahr hat gerade erst begonnen und schon habe ich einen meiner absoluten Lieblingstitel 2013 entdeckt: “Der amerikanische Architekt” hat mich in jeder Hinsicht überzeugt, ein Buch wie ein Paukenschlag, ein Blick in die Seele einer zerrütteten Nation, ein politisch-kulturelles Panorama über die Vorurteile und Ressentiments der heutigen Zeit und das alles erzählt mit einer Ehrlichkeit, die einem Schwall kalten Wassers gleichkommt.

Waldman, die vor der Veröffentlichung ihres Romans “Der amerikanische Architekt” als Journalistin für die New York Times gearbeitet und selbst aus Afghanistan und New York in den Wochen nach den Anschlägen von 9/11 berichtet hat, erweist sich als brillante Erzählerin. Jedes Wort sitzt, die verschiedenen Personen, durch die Waldman die Geschichte aus unterschiedlichsten Blickwinkeln erzählt, sind vielschichtig und glaubhaft gezeichnet. Die Entwicklungen, die im Laufe der Handlung immer drastischere Ausmaße annehmen, sind absolut überzeugend geschildert und es fällt schwer, sich daran zu erinnern, dass es sich trotz authentischer Einzelheiten um eine fiktive Geschichte handelt. Tatsächlich gibt es Parallelen zu wahren Ereignissen, zum Beispiel erinnert die Debatte um die Gedenkstätte an jene um das islamische Kulturzentrum Park51 in Lower Manhattan, die nicht lange, nachdem Waldman ihren ersten Manuskriptentwurf fertig hatte, in der Öffentlichkeit entbrannte. Ein weiterer Beweis für die Aktualität und Relevanz dieses Romans.

Das Kunststück, das Amy Waldman mit ihrem Roman gelingt, ist, den Leser trotz aller Sympathien, die er für den Architekten Mohammad Khan, die junge Hinterbliebene Claire oder einen der anderen Protagonisten entwickelt, nie ganz auf eine Seite zu ziehen und das Kalaidoskop immer ein Stück weiterzudrehen, um ihn zu einer neuen Sichtweise der Dinge zu zwingen, seine eigene zuvor gefasste Meinung zu hinterfragen und auch in die Köpfe der anderen Parteien hineinzuschauen. Das ist provokativ, nicht immer angenehm, ungemein spannend und bringt einen zum überdenken eigener Moralvorstellungen. Amerikanische Leser werden sich beim Lesen besonders herausgefordert fühlen, vorgefasste Meinungen und eingeschränkte Sichtweisen zu überdenken. Nach der Lektüre des Buches ist mir aber klargeworden, dass uns der Grundgedanke alle angeht und gerade in der heutigen Zeit des Terrors, der Konflikte zwischen West und Nahost, aber auch dem Zusammenleben verschiedener Kulturen und Glaubensrichtungen auf engstem Raum Akzeptanz ein Wort ist, dass wir uns ganz groß auf die Fahnen schreiben sollten.

Zusammenfassend (und ohne vom Inhalt zu viel vorwegzunehmen) möchte ich sagen, dass ich “Der amerikanische Architekt” inhaliert habe und kaum aus der Hand legen konnte. Dieses Buch ist eine absolute Empfehlung quer durch die Geschmäcker und Lesegewohnheiten, denn das Thema ist ein globales und rüttelt Fragen und Vorstellungen wach, die sich spätestens im Laufe der letzten zehn Jahre in unseren Köpfen festgesetzt haben – und bietet die Chance, Altes zu überdenken und neue Ansätze zu finden. Waldman greift niemals offen Partei und regt ihre Leser an, im Verlauf der Geschichte ihre persönlichen Wahrheiten und Überzeugungen zu finden, denn von der großen Erleuchtung ist unsere Gesellschaft noch weit entfernt.

Fazit:

Lesen! Lesen! Lesen!

  (9)
Tags: 11. september, 9/11, architektur, ground zero, islam, new york, religion   (7)
 

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372 Bibliotheken, 8 Leser, 3 Gruppen, 60 Rezensionen

unsterblichkeit, liebe, dschungel, jessica khoury, wissenschaft

Die Einzige

Jessica Khoury , Ursula Höfker
Fester Einband: 440 Seiten
Erschienen bei Arena, 01.01.2013
ISBN 9783401068695
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Als erste ihrer Spezies ist die siebzehnjährige Pia die Essenz dessen, wonach die Menschheit seit Jahrtausenden gestrebt hat: Unsterblichkeit. Perfektion. Doch bevor die Welt für diesen großen Schritt bereit ist, muss Pia versteckt gehalten werden.

Aus diesem Grund lebt sie in einer streng geheimen Kolonie von Wissenschaftlern, verborgen im brasilianischen Regenwald. Seit ihrer Geburt wird sie auf die ihr angedachte große Aufgabe vorbereitet: eines Tages das Team von Wissenschaftlern anzuführen, die Unsterbliche wie sie erschaffen sollen. Doch Pias Welt gerät aus den Fugen, als sie Eio trifft, der aus dem Dorf der Eingeborenen unweit von “Little Cam” kommt und sie zum ersten Mal an ihrer Bestimmung zweifeln lässt.

Meine Meinung:

In den USA wurde “Die Einzige” schon vor Erscheinen unglaublich gehypt, und zwar aus folgenden Gründen: Erstens, die Autorin Jessica Khoury ist erst 22 Jahre alt. Zweitens versprach “Die Einzige”, endlich einmal eine völlig neue und unverbrauchte Richtung unter all den romantischen Dystopie- und SciFi-Geschichten für junge Leser einzuschlagen. Drittens überschlagen sich die Stimmen verschiedener Autorenkollegen vor Begeisterung (allen voran “Godspeed”-Autorin Beth Revis, die Khoury während des Schreibens Pate stand).

Dschungel? Geheime Wissenschaftlerkolonie? Unmögliche Liebe? Unsterblichkeit? Das kann mich nur begeistern, dachte ich, doch während des Lesens legte sich meine Begeisterung recht schnell und am Ende ließ mich das Buch doch mit einigen Bauchschmerzen zurück.

Warum? Khourys Schreibe ist solide und das von ihr gezeichnete Bild einer wissenschaftlichen Organisation im Dschungel durchaus überzeugend. Ich mochte auch, wie selbstverständlich Pia anfangs ihre abgeschottete Welt sieht, ihre ungewöhnlich neutrale Beziehung zu ihren biologischen Eltern und ihre unterschiedlich freundschaftlichen Bindungen zu all den “Onkels” und “Tanten”, wie sie die Wissenschaftler nennt, mit denen sie tagtäglich arbeitet und bei denen sie Unterrichtsstunden hat.

Doch dann taucht Eio auf und mit ihm diese absolut platte, vorhersehbare und direkt langweilige Liebesgeschichte, wie ich selten eine gelesen habe. Hier funkt einfach nichts, alles geht zu schnell, man denkt sich: Hm, er ist der erste und einzige männliche Mensch in Pias Leben, der nicht über dreißig ist. Kann man da ihre Schwärmerei vom ersten Augenblick ihrer Begegnung an wirklich ernst nehmen? Leider nicht. Und der Grund dafür ist auch recht simpel: Khourys Charaktere sind (angefangen bei fast allen Nebencharakteren) zu farblos. Ja, Pia weckt Sympathien beim Leser, sie wandelt sich vom gleichmütig-ehrgeizigen Mädchen zu einer erst neugierigen und dann rebellischen jungen Frau – aber dennoch bleibt sie immer recht naiv, schwankt stets zwischen gegensätzlichen Gefühlen, ohne die feineren Abstufungen dazwischen auszuloten. Und Eio ist einfach nur ein mutiger, gutherziger, fröhlicher Junge aus dem Dschungel, der Pia die Welt zu Füßen legt – was auf die Länge des Buches verteilt leider ziemlich öde ist. Angemerkt sei noch (kleiner Spoiler), dass das junge Liebespaar (sie siebzehn, er achtzehn Jahre) über ein aufregendes Händchenhalten bis kurz vor Schluss nicht hinauskommt – nicht mal in Gedanken. Was dem Ganzen auch nicht mehr Glaubhaftigkeit verleiht.

Die ansonsten recht interessante Geschichte um Trug, Verrat, Mord und die Auseinandersetzung mit Unsterblichkeit als einem der ältesten Träume der Menschheit hätte das Buch für mich noch besser abschneiden lassen können. Aber das elendig langsame Tempo, in dem das alles erzählt wird, hat schon sehr an meinen Nerven gezerrt. Immer wird der Leser dem eigentlichen Geheimnis hinter “Little Cam” ein winziges Stückchen näher gebracht, nur um dann wieder eine Reihe eher belangloser Szenen folgen zu lassen, angeführt von Pias verbotenen Abstechern in den Dschungel, wo sie Eio trifft, der ihr dann die Sterne zeigt oder einen Wasserfall oder eine Höhle zwischen den Wurzeln eines Baumes. Ich kam nicht umhin, mich in einer Art Trott wiederzufinden. Auch nicht besser die immer wieder stattfindenden Gespräche mit Pias Lehrer Paolo, der ein ums andere Mal erklärt, wie einzigartig sie ist und wie wichtig sie ihre Bestimmung nehmen muss. Passagenweise war das echt ermüdend und ich denke, ein Drittel Seiten weniger hätte dem Buch sicher gut getan.

Ein paar sachliche Ungenauigkeiten, wie zum Beispiel die Verwendung des tödlichen Pfeilgiftes Curare, um jemanden zu paralysieren, sind mir nebenbei auch aufgefallen. Außerdem erscheint mir das Schicksal von Tante Harriet, eine der wenigen Figuren, zu denen ich wirklich Zugang finden konnte, etwas zu stark an jenes von Juliet aus “Lost” angelehnt. Ein Luxus-Kritikpunkt, aber es ist mir aufgefallen.

Zusammenfassend kann ich zwar sagen, dass mich “Die Einzige” unterhalten hat, ich mochte die Grundidee und die Storyentwicklung im Großen und Ganzen, aber die Liebesgeschichte konnte mich überhaupt nicht überzeugen, die Charaktere ließen (bis auf wenige Ausnahmen) schmerzlich an Tiefe vermissen und zu guter Letzt ging mir das alles deutlich zu langsam voran. Khoury beweist mit ihrem Debüt, dass sie Mut zu neuen Ideen hat und ihr Handwerk beherrscht, aber an der Ausführung noch ordentlich zu feilen hat.

Fazit:

Ein SciFi-Roman mit deutlichen Einflüssen aus “Lost” und “Avatar”, der in seinen Grundzügen unterhaltsam und vielversprechend ist, aber leider nachvollziehbare Romantik, Tiefe der Charaktere und ein packendes Erzähltempo vermissen lässt. Deshalb (und weil es das Debüt dieser jungen Autorin ist), drei großzügige Kaffeetassen von mir.

Hinweis: Zur Abwechslung handelt es sich hier um einen Einteiler statt einem genretypischen Serienauftakt, was doch mal recht erfrischend ist.

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Tags: brasilien, dschungel, liebesgeschichte, science fiction, unsterblichkeit   (5)
 

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(92)

138 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 50 Rezensionen

liebe, berlin, österreich, lyrik, alpen

Liebe unter Fischen

René Freund
Fester Einband: 205 Seiten
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 28.01.2013
ISBN 9783552062092
Genre: Romane

Rezension:

Alfred Firneis, Lyriker mit Sensationsauflagen, hat ein Burnout. Nicht genug, dass er depressiv in seiner verwahrlosten Wohnung hockt und keine einzige Zeile zu Papier bringt, rückt ihm auch noch seine Verlegerin Susanne Beckmann auf die Pelle, denn die Bank sitzt ihr wegen Steuerzahlungen im Nacken. Wenn sie nicht bald einen neuen Bestseller von ihm bekommt, sieht es ganz, ganz schwarz für sie aus.

Kurzerhand schickt sie Fred an den Kleinen Elbsee in den österreichischen Alpen, wo er sich in der Holzhütte ihres Vaters einquartiert. Inmitten von Stille und unberührter Natur und weitab vom Berliner Alltagsstress blüht Fred auf – nicht zuletzt durch den erfrischend unangepassten Revierförster August und die junge Biologin Mara, die am See über das Verhalten der Elritze forscht. Doch ist in der neugefunden Idylle tatsächlich alles so, wie es scheint?

Meine Meinung:

Besonders gefallen hat mir der Beginn von “Liebe unter Fischen”: Verlegerin Susanne, die in der völlig verwahrlosten Wohnung von Fred Firneis auftaucht; er mit einem fiesen Burnout geplagt und sie, die so schnell wie möglich ein paar Gedichte von ihm braucht, für ein Buch, das die Buchhändler schon längst vorbestellt haben. Doch mit Fred ist überhaupt nichts anzufangen und als sie ihn auch noch dazu bringen will, eine Art Zwangs-Erholungsurlaub in den Alpen zu machen, rastet er völlig aus. Herrliche Slapstick-Komik, die mich mehrmals laut zum Lachen gebracht hat.

Sehr idyllisch und ein wenig gemäßigter im humoristischen Sinn geht es dann am Kleinen Elbsee zu. Fast schon zu schwärmerisch breitet hier der Autor eine ideale Landschaft der Sinnlichkeit und Ruhe vor uns aus. Angenehm, aber leider mit weniger Biss geht es weiter, bis der herrlich bodenständige Revierförster August auftaucht und mit seiner einfachen Sicht auf die Dinge für viele Lacher und Schmunzelmomente sorgt. Er ist mit Abstand meine Lieblingsfigur im ganzen Roman. Die Liebesgeschichte zwischen Fred und der jungen Biologin Mara wiederum ist nett und erfrischend zu lesen, aber für mich nicht herausragend innovativ oder großartig romantisch. Einfach schön und entspannend, aber nicht “vom Hocker reißend”. Entschädigt wird man dafür mit einem überraschenden Twist im letzten Drittel, der die ganze Handlung noch einmal ordentlich durcheinanderbringt und für Spannung sorgt.

Alles in Allem habe ich “Liebe unter Fischen” als eine sehr angenehme und erfrischende kleine Liebesgeschichte mit wirklich idyllischen Landschaftsbeschreibungen der österreichischen Bergwelt empfunden. Fred als ausgebrannter Autor, der seine Kreativität und die Freude am Leben wiederentdeckt und der schwer sympatische August werden mir dabei vor allem in Erinnerung bleiben. Hier wird das Rad sicherlich nicht neu erfunden, aber Spaß hatte ich beim Lesen allemal.

Ach ja, anmerken wollte ich noch, dass ich immer wieder über für mich ungewöhnliche österreichische Wörter oder Redewendungen gestolpert bin (zum Beispiel wird an der “Kassa” bezahlt oder ein Computer “aufgedreht”). Das störte mich nicht weiter, Verlag und Autor sind ja immerhin österreichisch, nur frage ich mich, ob es für deutsche Protagonisten immer passend gewählt ist.

Fazit:

Locker luftige Alpenromanze, die stellenweise echt komisch ist und einfach das Gemüt erfreut.

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Tags: alpen, autor, komödie, liebesgeschichte, lyrik, österreich   (6)
 
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