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artur becker, sozialismus, liebe, lippenstift, roman

Der Lippenstift meiner Mutter

Artur Becker
Fester Einband: 313 Seiten
Erschienen bei Weissbooks, 23.08.2010
ISBN 9783940888570
Genre: Biografien

Rezension:

http://www.lovelybooks.de/autor/Artur-Becker/Der-Lippenstift-meiner-Mutter-489966532-w/

„Wenn Artur Becker eines kann, dann ist es dies: erzählen!“, lobte Tim Schleider in der Stuttgarter Zeitung vom 5. Oktober Beckers jüngsten Roman. „Der Lippenstift meiner Mutter“, der im Herbst diesen Jahres erschienen war, hat seitdem durchweg begeisterte Kritiken erhalten. Als geradezu euphorisch kann man die Porträts von Radio Bremen, dem HR2 und Matthias Balzners Kritik in der Berliner Zeitung bezeichnen, ohne dabei zu übertreiben. Klaus Hübner zeigte sich in der WELT am 9. Oktober darüber verwundert, weshalb Beckers jüngstes Werk nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises zu finden sei. Der Lippenstift sei der „beste Roman“ Beckers.

“Artur Becker ist schon lange kein Unbekannter mehr in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.”

Seinen Verfasser, den 1968 in Polen geborenen Dichter, Poeten und Übersetzer, bezeichnete er als „einen wortgewaltigen Chronisten“ des menschlichen Lebens in all seinen bunten Facetten. Nach 13 Büchern, zahlreichen Essays zur deutschen und polnischen Literatur, Geschichte und Kultur, diversen Aufenthaltsstipendien und Preisen (darunter 2009 der Adelbert-von-Chamissopreis) und über 400 Lesereisen ist Artur Becker kein Unbekannter in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur mehr. Ein solch einstimmiges Kritikerlob wie für den Roman „Der Lippenstift meiner Mutter“ hat Becker aber bisher noch für keines seiner anderen Bücher erhalten – und in der Polarisierung der Kritikermeinungen hat er bisher auch noch nichts Schlechtes gesehen, wie der Autor auf einer Lesung während der Frankfurter Buchmesse verkündete. So zeigte er sich ein wenig misstrauisch angesichts der einstimmigen Lobeshymnen, die ihm, der als 17jähriger nach Deutschland gekommen war, im Lande Thilo Sarrazins plötzlich entgegenschlagen.

Was macht den Reiz dieses Buches aus?

Dolina Roz – von den deutschen Bewohnern einst Rosenthal genannt, ist der Schauplatz des temporeich erzählten Romans. Ein masurisches Nest in den späten 70er Jahren, im Würgegriff der grauen Realität des Sozialismus – könnte man meinen. Aber bereits mit den ersten Sätzen wird klar, dass hier, genau hier, im „Wilden Osten“ Polens, die Zeit reif ist für einen sensationellen Widerstand, ja, eine Revolution im Kleinen. Das finden zumindest der 15jährige Bartek und seine Freunde, und es soll nicht lange dauern, bis eine Serie von Brandanschlägen den eisigen Winternächten Dolina Rozs mächtig Leben einhaucht.

“Das Herzstück des Romans bildet aber gar nicht seine Handlung, sondern der reiche Kosmos seiner Figuren.”

Das Herzstück des Romans bildet aber gar nicht seine Handlung, sondern der reiche Kosmos seiner Figuren. Das wird auch durch den Schutzumschlag verdeutlicht, auf dem sie alle versammelt sind: die stalinistische Dichterin Natalia, der verschlagene Schtschurrek, der Mörder und Wunderheiler Baruch, die verführerische Dorfschönheit Maria, der weibstolle Verführer Opa Franzose und natürlich die Schuster des Städtchens, deren Schusterwerkstatt zum Nabel der Welt, zu einem kleinen Europa wird: der preußische Soldat Opa Monte Cassino und sein patriotischer Widersacher Kronek ebenso wie der chassidische Jude Lupicki, der aus der Ukraine stammt. Alle diese und noch einige weitere Figuren lernt der Leser während der Lektüre kennen und lieben, kann über sie lachen, wenn sie nackt vor dem Spiegel tanzen und mit ihnen fühlen, wenn sie unglücklich verliebt sind und in ihrem pubertären Zorn vor allem eins wollen: von zu Hause abhauen. Unter der Oberfläche verhandelt der Roman die Themen Sexualität und pubertäre Selbstfindung auf verblüffend neuartige Weise. So kommt bspw. dem titelgebenden Lippenstift ein symbolischer Wert zu. Außerdem greift Becker das problematische Verhältnis vieler Polen (und Deutscher) zur Homosexualität auf.

Daneben brilliert der Roman auch mit seinem reichen Fundus von literarischen Anspielungen auf vor allem polnische Autoren wie Bruno Schulze, Witold Gombrowicz, Wislawa Szymborska, Adam Mickiewicz und Czeslaw Milosz. Letzterer hatte seine polnischen Leser 1982 mit der „Hymne von der Perle“ bekannt gemacht, jenem gnostischen Text aus den Thomasapokryphen, der in poetischen Versen und Bildern vom Fall und Aufstieg der Seele kündet. Becker lässt den gealterten Eisenbahner und Abenteurer „Opa Franzosen“ seinem Enkel Bartek eben diese Geschichte erzählen, kurz vor dem Einschlafen in abgetragener Unterwäsche auf Rand eines Bettes sitzend. Aber auch Fryderyk Nietzsche, der sich selbst als einen Abkömmling eines polnischen Adelsgeschlecht stilisierte, geistert durch den Roman.

Das Buch ist sehr dicht, dabei flott und mit viel Freude am Fabulieren erzählt – ein Hauch von Phantastik und ein Schuss mit eingeflossener Biographie des Autors geben dem brillianten Roman Beckers den letzten Schliff. Die Stimmung ist wesentlich heiterer als in den letzten Bücher Beckers – da bereitet die Lektüre gleich doppeltes Vergnügen.

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Tags: 70er jahre, artur becker, czeslaw milosz, dolina roz, jugend, liebe, lippenstift, masuren, pink floyd, polen, pubertät, rebellion, roman, sozialismus   (14)
 

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monolog, melancholie, polen, alkohol, leben

Bombel

Miroslaw Nahacz , Renate Schmidgall , Andrzej Stasiuk
Buch: 175 Seiten
Erschienen bei Weissbooks, 15.09.2008
ISBN 9783940888303
Genre: Romane

Rezension:

Da sitzt er, unser Erzähler, Bombel, vor Sonnenaufgang an seiner Bushaltestelle in der tiefsten polnischen Provinz und redet mit sich selbst, denn da ist niemand, mit dem er sprechen könnte. Seine halsbrecherischen Anekdoten und Abschweifungen berühren alle denkbaren - und alle abwegigen Themen: Da philosophiert er über die Möglichkeit junge Touristinnen zu verführen, die sich in seinem Bauernhof einmieten könnten, da werden seltsame Träume interpretiert, da geht es darum, was Gott und seinem Personal für Pannen unterlaufen sind, da wird berichtet, aus welchen Gründen er das Angeln hasst, wir lernen etwas über fiese Zigeuner und deren verführerischen Frauen, über behäbige Polizisten und seltsame Sonnenanbeterinnen und immer wieder geht es um die Gier nach Wodka, Zigaretten und Sex. Denn genau das ist, was Bombel am meisten fehlt. Und während er darauf wartet, dass ihm etwas davon in den Schoß fällt, plappert er munter drauf los, „weil es dann nicht so saugt.“ Die Bedeutung von Freundschaft, das pralle, verrückte Leben und eine skurrile Hauptfigur zeichnen dieses einzigartige Buch aus.
Bombel ist der zweite Roman von Mirosław Nahacz, dem hier bislang unbekannten Shootingstar der polnischen Literaturszene, der sich mit nur 23 Jahren 2007, betrunken und im Drogenrausch, in Warschau das Leben nahm.
2008 erschien Renate Schmigdalls sprachgewaltige Übersetzung bei weissbooks.w in Frankfurt.

Meiner Meinung nach ein genauso großer Coup wie Jerofejews Reise nach Petuschki. Eine riesige Entdeckung dieses Wahnsinns-Buch, das ich jedem ans Herz lege!

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Tags: alkohol, anekdote, bombel, bushaltestelle, leben, melancholie, monolog, nahacz, polen, selbstgespräch, unterhaltung, zigaretten   (12)
 
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