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80 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 45 Rezensionen

wien, krimi, nachkriegszeit, mord, historischer krimi

Der zweite Reiter

Alex Beer
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Limes, 27.03.2017
ISBN 9783809026754
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Um gleich mal über den Elefanten im Raum zu sprechen, der so unscheinbar ist, dass man ihn leicht übersehen kann: hinter Alex Beer verbirgt sich eine Frau, und zwar Daniela Larcher. Larcher ist Krimiautorin beim Fischer Verlag: Dort schreibt sie zeitgenössische Krimis, die in Wien spielen. Mit einem von diesen war sie 2015 für den Leo-Perutz-Preis nominiert, einer der wichtigsten österreichischen Literaturpreisen. Beim Limes Verlag probierte sie nun etwas anderes – sie lässt ihre neue Krimireihe rund um August Emmerich ebenfalls in Wien spielen, aber nicht in der Gegenwart, sondern unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg. Und prompt war sie nicht nur für den Leo-Perutz-Preis nominiert, sondern gewann ihn 2017 auch – und das völlig zurecht.

Der Protagonist des ersten – und allen weiteren – Teilen der neuen Serie heißt August Emmerich. Emmerich ist Mitte 30 und Rayonsinspektor erster Klasse im Polizeiagentenkorps. Seit er im Krieg war, hat er einen Granatsplitter im Bein stecken, der ausgerechnet jetzt beginnt, ihm Beschwerden zu bereiten. Er hofft natürlich inständig, dass die Verletzung niemandem auffällt, sonst würde er zum Innendienst verdonnert – doch damit würde er auch die Zulage verlieren, die er so dringend für seine Lebensgefährtin und deren drei Kinder benötigt. Ansonsten ist Emmerich ein gerissener, schlagfertiger und überaus sympathischer Protagonist, der bei seiner Arbeit nicht immer den legalsten Weg wählt.

Ihm zur Seite steht Ferdinand Winter, der aus großbürgerlichem Haus stammt und bis vor kurzem im Dienste des Kaisers war. Doch da es keinen Kaiser mehr in Österreich gibt und das Land auf einen Bruchteil des Kaiserreichs zusammengeschrumpft ist, musste er sich neue Arbeit suchen. Winter wohnt mit seiner Großmutter, die noch immer dem Kaiser und dem k.u.k.-Reich nachtrauert, zusammen und ist ein nervöser Bursche, den Emmerich anfangs so gar nicht leiden kann. Doch nach und nach wachsen die zwei zusammen und ergänzen sich immer mehr.

Ich bin eigentlich kein großer Freund von historischen Krimis, aber dieses Setting hat es mir angetan. Der Erste Weltkrieg ist ohnehin ein außerordentlich interessantes Thema, aber die Nachwehen dessen, noch dazu so akkurat nachgezeichnet – das ist schon ein Alleinstellungsmerkmal für sich, das dieses Buch anbietet. Aber es sind nicht nur die Nachwehen, es ist auch das Stadtbild mit teilweise veralteten Straßen- und Brückennamen, das Gesellschaftsbild mit der extremen Kluft zwischen arm und reich, die Architektur mit den Gründerzeithäusern und den neuen, vom Kaiser verhassten, Bauten – im Endeffekt wirkt das, was Beer hier vorlegt, wie eine Liebeserklärung an Wien (es ist wesentlich mehr, siehe Interview morgen).

Dazu kommt, dass „Der zweite Reiter“ sich so schnell liest, dass man innerhalb weniger Stunden durch ist; es gibt keinerlei Leerläufe oder Atempausen – es passiert einfach immer etwas. Egal, ob wieder eine Leiche auftaucht oder Beer das Privatleben von Emmerich um hundertachzig Grad auf den Kopf stellt. Abgerundet wird das ganze mit kantigen Charakteren, die allesamt ein klares Profil haben. Gegen Ende setzt Beer auch das Stilmittel des Cliffhangers ein, was endgültig dazu führt, dass man nicht mehr zu lesen aufhören will.

Ich habe lange nach etwas gesucht, das ich dem Buch als negativ anlasten kann, aber meine Notizen geben diesbezüglich nichts her. Eventuell könnte man ankreiden, dass Emmerich bei seinen teils sehr riskanten Manövern etwas zu viel Glück hat – aber das muss letztlich jeder selbst beurteilen. Von mir gibt es jedenfalls eine mehr als klare Leseempfehlung, auch an Leute, die nichts mit Wien am Hut haben – das war eines der besten Bücher, das ich in diesem Jahr gelesen habe und ich bin jetzt schon ein Riesenfan dieser Serie, dessen zweiter Teil am 21. Mai erscheint.

Tl;dr: „Der zweite Reiter" von Alex Beer ist ein sehr akkurat recherchierter Krimi, der im Wien von 1919 spielt. Der Auftakt zur August-Emmerich-Reihe ist so gut und so flüssig geschrieben, dass man innerhalb weniger Stunden durch ist. Die Charaktere haben alle ein sehr klares Profil und keiner davon ist langweilig. Klare Leseempfehlung.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Tod in der Kaisergruft

Beate Maxian
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 19.03.2018
ISBN 9783442484720
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Beate Maxian hat im letzten Dreivierteljahr gleich drei Bücher herausgebracht, wesentlich mehr als sonst. Normalerweise war man es gewohnt, dass einmal im Jahr ein neuer Sarah-Pauli-Teil herauskommt, seit Juli letzten Jahres sind gleich zwei erschienen – und mit „Die Frau im hellblauen Kleid“, das im November erschien, auch noch ihr erster Roman abseits des Krimi-Genres. Beate Maxian hat definitiv Spaß am schreiben, das merkt man auch bei „Tod in der Kaisergruft“, welches man kaum aus der Hand legen will.

Sarah Pauli ist mittlerweile im Chronik-Ressort des Wiener Boten angekommen und fühlt sich wohl. Auch mit ihrer Kollegin Patricia kommt sie mittlerweile gut zurecht, auch wenn diese von einer Stelle im Lifestyle-Ressort träumt. Als Sarah zur Kaisergruft fährt, wo gerade eine Geiselnahme oder ein Amoklauf stattfindet, stößt sie auf allerhand Journalisten. Am nächsten Tag stehen die üblichen reißerischen Geschichten in den Konkurrenzblättern des Wiener Boten. Doch Sarah gräbt tiefer, will Hintergründe zum Fall herausfinden, so wie sie es immer will. Also recherchiert sie, interviewt sie, bis sie tatsächlich mehr herausfindet als alle anderen.

In weiteren Erzählsträngen lernen wir Isabella Schönegg-Bach und Maria Baldauf kennen. Erstere ist die Chefin des Familienunternehmens Modewelt Schönegg und eine ziemlich konservative Frau. So konservativ, dass sie am liebsten Schönegg von Bach genannt werden würde, denn so hieße sie tatsächlich, wenn das adelige „von“ in Österreich nicht seit 1919 verboten wäre. Generell lässt sich Schönegg-Bach recht wenig sagen und scheint auch ziemlich humorbefreit zu sein.
Maria Baldauf ist die Mutter des Amokläufers und hat ihren Sohn scheinbar in Watte gepackt. Über ihn lässt sie nichts kommen, denn er ist laut ihrer Aussage ein guter Junge, der nichts böses tut und zum Tatzeitpunkt bei einem Vorstellungsgespräch im Unternehmen, in dem auch ihr Freund Otto arbeitet, ist. Deshalb backt sie ja auch gerade einen Kuchen für ihn.

Tatsächlich weiß man bei „Tod in der Kaisergruft“ ziemlich schnell, wer der Täter ist. Das ist bei Maxian genau so neu wie der Tathergang, nämlich sowohl Amoklauf als auch Geiselnahme gab es in der Pauli-Reihe noch nicht. Wobei bis zuletzt nicht klar ist, ob es nun ein Amoklauf oder eine Geiselnahme ist, denn im Grunde könnte es beides sein. Was allerdings von Anfang an klar ist, ist, dass das Buch irrsinnig rasant geschrieben ist und alle drei Erzählstränge gleichermaßen interessant sind – der von Frau Baldauf sowieso, aber der von Schönegg-Bach ebenfalls, obwohl Mode jetzt nicht unbedingt mein größtes Hobby ist – aber diese spielt ohnehin nur eine untergeordnete Rolle. Im Vordergrund stehen eher familieninterne Machtspiele, die allerdings sehr subtil ausgetragen werden.

Maxian wirft immer wieder mal einen Blick zurück auf die Geschichten der einzelnen Charaktere der Stammbesetzung. Das hilft Leuten, die noch keinen der mittlerweile acht Teile der Serie gelesen haben – verrät aber auch nicht alles, sodass diese ermutigt werden, auch die anderen Teile zu lesen (es lohnt sich). Im Gegensatz zu „Die Prater-Morde“ wartet der aktuelle Teil wieder mit dem Herzstück der Serie auf: einer Fülle von Aberglaube, Bräuche und Symbolik.

Negativ ankreiden kann man der Geschichte eigentlich nur, dass sie relativ leicht zu durchschauen ist, auch wenn Maxian immer wieder ein paar Ablenkungsmanöver startet – zünden wollen diese aber nicht wirklich.

Tl;dr: „Tod in der Kaisergruft" von Beate Maxian ist ein kurzweiliger und spannender Pageturner, den man kaum aus der Hand legen kann. Mit vielen interessanten Charakteren und einem Szenario, das es in der Sarah-Pauli-Reihe noch nicht gab. Außerdem versorgt uns Maxian diesmal wieder mit massenhaft Aberglaube, Symbolik  und Brauchtümern.

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18 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

journalist, katz-und-mausspiel, killer, miami, polizei

Der Reporter

John Katzenbach , Anke Kreutzer , Eberhard Kreutzer
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.02.2018
ISBN 9783426518847
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Einzelbewertung:

Plot: 3/5
Atmosphäre: 4/5
Charaktere: 3/5
Spannung: 3/5
Showdown: 2/5

John Katzenbach ist schon lange im Geschäft. Bevor er komplett auf die Schriftstellerei umsattelte, war er Gerichtsreporter in Miami. Sein Vater war unter Lyndon B. Johnson ein Jahr lange US-Justizminister und seine Mutter Psychoanalytikerin. Für das Buch sind diese Eckdaten durchaus relevant. Katzenbach findet bei mir eher einen Platz in der zweiten Reihe der Lieblingsautoren – ich habe einige seiner Bücher gelesen, aber nicht alle haben mich überzeugt. So auch die Neuauflage von „Der Reporter“, das eigentlich Katzenbachs Debüt ist, aber auf Deutsch erst nach „Das Auge“ („The Traveler“) 1988 unter dem Titel „Das mörderische Paradies“ erschien.

Wir schlüpfen im Buch in die Rolle von Malcolm Anderson, einem Mitzwanziger, der beim hiesigen „Journal“ als Reporter arbeitet. Der Fall des sogenannten „Nummermörder“ sollte sein bis dato größter Coup werden, denn er steht in regelmäßigen Kontakt mit dem Mörder, der Andersons journalistische Arbeit schätzt und ihn deshalb auserkoren hat. Ab Seite siebzig beginnt das Buch eigentlich erst so richtig, denn da ruft der Mörder zum ersten Mal an und reißt die Geschichte an sich. Er ernennt Anderson zu seinem Pressesprecher – doch Anderson ist wesentlich mehr für den Mörder; er ist Sprachrohr, Therapeut und Komplize für ihn. Der Mörder will die Aufmerksamkeit, er genießt sie geradezu. Und Anderson freut sich, dass er der Auserwählte ist, bei jedem Anruf hofft er, dass es der Mörder ist, er entwickelt nahezu einen pawlowschen Reflex, wenn das Telefon läutet.

Katzenbach zeigt uns in diesem Buch die Welt des Journalismus in den 1970er Jahre. Wie hart umkämpft der Markt war, wie empathielos teilweise agiert wurde, um ja die beste Story, die größte Schlagzeile zu bekommen. Und wenn ich 1970er Jahre schriebe, meinte ich die 1980er, die 1990er, die 2000er – die Gegenwart. Denn die journalistische Welt sieht heute nicht viel anders, was das Buch in diesem Bereich zeitlos macht.

Weniger zeitlos sind die zahllosen Ergüsse über den Vietnamkrieg, denn davon finden sich massenhaft im „Reporter“, und hier wurde, gepaart mit ewig-, ja teilweise seitenlangen Monologen, es dann irgendwann auch langatmig und mühsam. Aber hier erkennt man vermutlich auch Katzenbachs Handschrift als Gerichtsreporter, denn der ohnehin introvertiert und kaum fassbare Charakter des Malcolm Anderson lässt bei der Recherche die Leute einfach reden und nimmt alles hin, ohne irgendetwas zu hinterfragen. Anderson zeigt bis auf eine Situation auch null Emotionen – wenn ich den schlechtesten Aspekt in dem Buch benennen müsste, wäre es ganz klar der Charakter Malcolm Anderson; so kalt wie dieser kann kein normaler Mensch sein. Vielleicht war diese Charakterzeichnung aber auch genau so von Katzenbach gewollt.

Aber man muss das immer dahingehend betrachten, dass „Der Reporter“ Katzenbachs Debüt war, und die Idee ist einfach grandios. Man kann auch ganz genau erahnen, wie er bei seinen Eltern in psychoanalytischen und juristischen Dingen recherchiert hat, und das finde ich eigentlich wunderschön. Und es ist ja nicht so, dass sich Katzenbach nicht weiterentwickelt hätte. „Der Patient“ ist genau so ein grandioses Buch wie „Das Tribunal“ oder zahlreiche andere seiner Bücher.

Tl;dr: „Der Reporter“ von John Katzenbach hat eine grandiose Idee, die in großen Teilen auch sehr gut umgesetzt ist. Nach siebzig Seiten reißt der Mörder die Story an sich und führt uns durch eine atemberaubende Geschichte, die allerdings auch ihre Schwächen hat – unter anderem seitenlange Monologe und der Protagonist ist völlig farblos. Dennoch war „Der Reporter" ein solides  Debüt vom mittlerweiligen Bestsellerautor John Katzenbach.

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34 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

thriller, lisa jackson, rezension, you will pay

You will pay - Tödliche Botschaft

Lisa Jackson , Kristina Lake-Zapp
Flexibler Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Knaur, 12.01.2018
ISBN 9783426654286
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Einzelbewertung:

Plot: 3/5
Atmosphäre: 5/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 2/5
Showdown: 2/5

Wir alle können uns an das Gefühl erinnern, als man zum ersten Mal ohne Eltern wegfuhr. Ob mit der Schulklasse eine Woche auf den Bauernhof oder mit Freunden nach Mallorca oder sonst wohin – zum ersten Mal bekam man eine Vorstellung vom Begriff „Freiheit“. Lisa Jackson gibt uns dieses Gefühl in „You will pay“ zumindest ansatzweise zurück – bis zu dem Punkt, an dem es dann unschön wird.

Averille ist eine verschlafene und vor allem fiktive Stadt im US-Küstenstaat Oregon. In ihr hat Reverend Dalton das Sagen – zumindest glaubt er das. Er veranstaltet jedes Jahr ein mehrmonatiges Sommercamp, an dem neun- bis elfjährige Kinder teilnehmen, die von Teenagern zwischen fünfzehn und neunzehn betreut werden. Vor zwanzig Jahren war „betreuen“ aber lediglich ein relativer Begriff, denn die Betreuer haben sich primär selbst betreut, vor allem mit Drogen und Sex. Gleich zu Beginn bekommt man nicht nur mit, wie sich eine der Betreuerinnen umbringen will, und eine andere eine Fehlgeburt erleidet – beide verschwinden danach auch noch spurlos.

Bis zu dem Zeitpunkt, als ein Wilderer von Averille menschliche Knochen in eben jener Höhle findet, in der sich die Teenager jede Nacht trafen – nur sind seither zwanzig Jahre vergangen und der Sohn von Reverend Dalton, Lucas Dalton, der damals ebenfalls im Camp war, ist mittlerweile Detective in der hiesigen Mordkommission und untersucht den Fall jetzt mit seiner Partnerin Maggie.

Währenddessen machen sich die insgesamt sieben Betreuerinnen jetzt auf nach Averille, um eine Aussage zu machen – aber vor allem, um ihre Gemeinschaftslüge von damals aufzufrischen und damit dann zur Polizei zu gehen. Die Anführerin von damals ist Jo-Beth, eine karrieregeile und selbstverliebte Anwältin. Sie hat die Verschwörung damals geschmiedet und will sichergehen, dass sich alle anderen auch noch daran erinnern.

Mit dem Verschwinden von Elle und Monica innerhalb der ersten vierzig Seiten, hat Lisa Jackson – die mir nebenbei bemerkt davor völlig fremd war – nicht nur einen ziemlich guten Einstieg gemeistert, sondern auch direkt einen Spannungsbogen gezogen. Man ist direkt in der Geschichte drin und will am liebsten gleich bis zum Ende durchlesen. Doch bis dahin sind nicht nur fast fünfhundert Seiten zu gehen, sondern auch einige Stolpersteine zu bewältigen, die später näher beleuchtet werden. Nachdem wir zu Beginn zwanzig Jahre in die Vergangenheit reisen, kommt man nach besagten vierzig Seiten in die Gegenwart – ab dann wechselt man immer zwischen damals und heute. Vor allem der damals-Strang hat diese dichte Klassenfahrt-Atmosphäre, wobei der Strang rund um Lucas Dalton ebenfalls interessant ist. Denn dadurch, dass er damals ebenfalls bei besagtem Camp war, ist es nicht nur eine Ermittlung, sondern eine Ermittlung plus.

Vor allem Religion nimmt eine Zeit lang breiten Raum in der Geschichte ein. Ob die nächtlichen Exzesse der Jugendlichen eine Message aussenden oder nur als Kontrast dienen sollen, muss jeder selbst herausfinden. Meine Interpretation geht dahin, dass Jackson damit christliche Doppelmoral anprangern will. Romantik nimmt mindestens genau so viel Raum ein, was mich aber überhaupt nicht gestört hat, weil es nun mal Jacksons Stil ist. Abgesehen davon passt es perfekt in den Kontext, und Jackson übertreibt es auch nicht, sondern stellt die Hauptstory immer in den Vordergrund.

Jackson gibt der Handlung Zeit, sich zu entfalten, denn sie räumt ihr mehr als die Hälfte der fünfhundert Seiten dafür ein, alle Personen – allen voran den sieben Betreuerinnen – in die Geschichte einzuführen, wobei allerdings leider einige Unnötigkeiten entstehen, die völlig bedeutungslos sind. Manche der sieben Betreuerinnen spielen keine große Rolle, werden aber genau so breit eingeführt wie alle anderen. Natürlich verstehe ich den Sinn, das zu tun, weil es zur Spannung beiträgt, aber durch diese ausschweifende Erzählweise entstehen leider auch gerne Längen. Erst im letzten Viertel nimmt die Geschichte an Fahrt auf, wobei ein Teil der Auflösung leider völlig random und an den Haaren herbeigezogen ist – ein anderer Teil davon ist ziemlich leicht durchschaubar; und der Showdown ist leider völlig uninspieriert. Dennoch habe ich nie daran gedacht, das Buch abzubrechen, auch wenn ich mich oft zum weiterlesen zwingen musste. Und obwohl einiges dagegen spricht, vergebe ich vier von fünf Punkte – die Atmosphäre ist einfach grandios.

Tl;dr: „You will pay“ von Lisa Jackson ist ein facettenreicher Thriller mit einer großteils wirklich großartigen Atmosphäre, die an Klassenfahrten erinnert. Es gibt etliche Erzählstränge, da es auch einige Charaktere gibt, die Jackson breit in die Geschichte einführt, was einige Längen entstehen lässt, da vieles unnötig und redundant ist. Die Auflösung ist teilweise an den Haaren herbeigezogen und leicht durchschaubar.

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57 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 33 Rezensionen

selbstmord, usa, anfang, aufklären, anstieg

Suizid

Dean Koontz , Wulf Bergner
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 20.12.2017
ISBN 9783959671781
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Einzelbewertung:

Plot: 4/5
Atmosphäre: 5/5
Charaktere: 3/5
Spannung: 5/5
Showdown: 4/5

Dean Koontz‘ Bücher sind einzigartig. Kaum fängt man an, sie zu lesen, will man nicht mehr aufhören. Mein erster Koontz war „Irrsinn“ und ab dann habe ich diesen rasanten Schreibstil geliebt; es folgten etliche andere, die meisten davon mit einem Insekt am Cover. Mein letztes war „Frankenstein – Das Gesicht“, welches mich gar nicht begeistert hat, weshalb ich danach eine Koontz-Pause eingelegt habe, die nach sechs Jahren nun mit „Suizid“ sein Ende gefunden hat - und ich bereue nichts.

Jane Hawk ist Ende 20, bildhübsch, und toughe FBI-Agentin. Sie liebt ihren Sohn Trevor über alles; bevor er stirbt, würde lieber sie sterben wollen. Während sie quer durch die USA tingelt, passen gute Freunde von ihr auf Trevor auf, denn sie kann ihn nicht auf ihre Mission mitnehmen, auch wenn sie das am liebsten tun würde. Jane schläft in Motels, am besten alle zwei Tage in einem anderen, weil die Gefahr besteht, dass ihre Widersacher sie ausfindig machen könnten. Wobei schlafen bei ihr ohnehin ein relativer Begriff ist, denn sie schläft nicht viel, auch wenn sie das zu Fehlern verleitet, weshalb sie sich zeitweise mit Alkohol zum schlafen zwingen muss. Der Charakter von Jane ist unnahbar, nicht wirklich greifbar und weder sympathisch, noch unsympathisch. Fast wirkt Jane wie ein seelen- und gefühlloser Android, was perfekt zur Atmosphäre passt.

„Suizid“ ist der erste Teil der Jane-Hawk-Reihe und ab der ersten Seite ist man in der Geschichte drin. Den Selbstmord von Nick bekommt man als Leser nicht mit, da die Geschichte einige Monate danach beginnt; man bekommt ihn aber nacherzählt. Ab der ersten Seite umgibt einem eine Atmosphäre, an die man sich erst gewöhnen muss, denn sie ist nicht nur dicht, sondern auch verdammt düster, sodass sie einen bedrückt. Die Atmosphäre würde eher zu einem männlichen Protagonisten passen, aber Jane steht sie mindestens genau so gut, denn sie agiert nicht wirklich weiblich – fast hat man das Gefühl, Koontz hatte beim Schreiben einen Mann vor den Augen gehabt, dem er einen Frauennamen gegeben hat. Trotz der düsteren Atmosphäre wird nicht nur Jane durch die USA gejagt, sondern auch der Leser durchs Buch.

Am Rande der Geschichte bekommt man mit, dass in Philadelphia ein Terroranschlag verübt wurde, bei dem - analog zu 9/11 - ein Flugzeug auf einem Highway zum Absturz gebracht wurde und etliche Menschenleben gekostet hat. Obwohl er nichts mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat, nimmt der Terroranschlag zumindest am Anfang eine relativ große Rolle ein. Später schlägt die Handlung eine Richtung ein, die an Marc Elsbergs „HELIX“ erinnern, was überaus interessant ist.

Im Prinzip hat „Suizid“ nur einen Erzählstrang, nämlich der um Jane Hawk. Aber zwischendurch nimmt der Leser immer wieder andere Perspektiven ein, etwa die des mutmaßlichen Antagonisten. Erst recht spät gesellt sich dann doch ein zweiter Strang dazu. Etwaige Liebes- oder gar Sexszenen erspart uns Koontz zum Glück - sie würden auch weder zur Atmosphäre, noch in den Kontext passen.

Den einzigen Kritikpunkt ist kein wirklicher, weil es Koontz‘ Stil ist, dass abgesehen vom Hauptcharakter nahezu alle Charaktere in seinen Büchern blass sind. Das trifft auch auf „Suizid“ zu. Das kann allerdings problematisch werden, wenn sie später doch noch eine größere Rolle einnehmen.

Tl;dr: „Suizid“ von Dean Koontz ist ein rasanter Thriller, der eine äußerst düstere Atmosphäre hat, an die man sich erst gewöhnen muss. Der erste Teil der Jane-Hawk-Reihe hat eine irrsinnig toughe Protagonistin, die ihre Rolle voll und ganz auszufüllen weiß, und die weder sympathisch noch unsympathisch ist. Später schlägt „Suizid“ eine Richtung ein, die an „HELIX“ von Marc Elsberg erinnern.

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299 Bibliotheken, 12 Leser, 2 Gruppen, 58 Rezensionen

thriller, todesreigen, sabine nemez, andreas gruber, maarten s. sneijder

Todesreigen

Andreas Gruber
Flexibler Einband: 540 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 21.08.2017
ISBN 9783442483136
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Einzelbewertung:

Plot: 5/5
Atmosphäre: 4/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 5/5
Showdown: 5/5

---

Wenn Andreas Gruber nicht gerade Bücher schreibt, unterhält er seine Fans auf Facebook mit Erdnussaufstrich-Tests oder mit Fotos, auf denen er mit Beate Maxian auf einer Veranstaltung Lambada tanzt. Gruber ist vermutlich einer der greifbarsten Bestseller-Autoren, die es im deutschsprachigen Raum gibt. Aber wenn er Bücher schreibt, dann sind sie gut, nein, ausgezeichnet. So wie sein aktueller Thriller „Todesreigen“, der viel zu lange darauf warten musste, von mir gelesen zu werden. Das ist offiziell der Auftakt zur zweiten Maarten-Sneijder-Trilogie, aber die Handlung schließt eigentlich nahtlos ans „Todesmärchen" an. Es wäre empfehlenswert, die drei Vorgänger auch zu lesen – schon alleine, um die Figur Maarten S. Sneijder umfassend zu begreifen.

Maarten Sneijder ist vom BKA suspendiert worden und dank Sabine Nemez nur knapp einer Haftstrafe entgangen. Statt Verbrecher zu jagen, unterrichtet er jetzt an der Uni und verlangt dafür horrende Summen. Aber das kann er sich leisten, denn er ist ein Genie sondergleichen, das immer ein süßlicher Duft umgibt, von dem man nicht weiß, ob es Vanilletee oder Marihuana ist. In der Rezension zum „Todesmärchen“ schrieb ich, dass Sneijder fast schon altersmilde sei; das ist in „Todesreigen“ – zum Glück! – wieder anders. Er ist nicht nur wesentlich präsenter, sondern auch wieder genau so bissig wie in alten Zeiten.

Bei Sabine Nemez, die von Maarten Sneijder ausgebildet wurde, merkt man hingegen immer mehr, dass sie die ein oder andere Eigenschaft von Sneijder übernommen hat – nur ein misanthroper Kotzbrocken ist sie noch nicht. Das ist irrsinnig interessant, denn sie hat sich seit dem ersten Teil immens weiterentwickelt. Sie darf in diesem Teil Sneijders Unterricht an der BKA-Akademie übernehmen. Als sie vom Präsidenten des BKA zu einem Selbstmordfall beordert wird, merkt sie sofort, dass da wesentlich mehr dahintersteckt.

„Todesreigen“ besteht aus insgesamt sechs Teilen und mehreren Strängen. Einer dieser Stränge begleitet Hardy, der gerade nach 20 Jahren aus der Haft entlassen wurde. Sein Erzählstrang spielt wenige Tage vor der Hauptstory. Hardy ist um die 50 und hat eine gehörlose Bekannte, die er schon aus Kindestagen kennt und von der er weiß, dass sie ihn mindestens genau so lange liebt. Der Ex-Häftling ist belesen und macht einen alles andere als unsympathischen Eindruck – allerdings hat er eine Agenda, und die zieht eine blutige Spur nach sich. Jeder dieser Erzählstränge ist gleichermaßen spannend – anders als beim „Todesmärchen“, wo ich lieber mehr von Sneijder als von der Gefängnisinsel gelesen hätte.

Das Grundgerüst hat man bei „Todesreigen" schnell durchschaut, denn man bekommt ziemlich viele Puzzleteile präsentiert – wie diese zu den Feinarbeiten passen, wie die kleinen Zahnräder ineinander greifen, ist dann aber weniger leicht herauszubekommen. Und so hab ich bei der Auflösung des riesigen Geflechts nicht nur ein WTF mit den Lippen geformt. Was sich Gruber hier ausgedacht, und es um sieben Ecken gesponnen hat ist schlichtweg genial. Solche Tüfteleien liebe ich und ich bewundere jeden, der den Aufwand auf sich nimmt, um so etwas zu konstruieren und zu Papier zu bringen.

Auch ist „Todesreigen" zwischendurch immer wieder emotional, das fängt bei Sabine Nemez an, die sich Sorgen um den suspendierten Sneijder und andere Menschen macht – aber auch Sneijder selbst, der latente Emotionen zeigt, auch wenn sie sich nicht anmerken lässt. Möglicherweise ist es sogar Grubers emotionalstes Buch, was nicht nur daran liegt, dass Sabine wesentlich mehr durchmachen muss, als in jedem anderen Teil – was auch zu meinem einzigen Kritikpunkt führt: Dass Sabine tough ist, ist nichts neues, aber was sie in „Todesreigen“ durchmachen muss, ist unmenschlich und vielleicht etwas zu sehr an diverse Actionfilme orientiert. Auch wenn das Buch von vorne bis hinten packend ist und mehr als zu gefallen weiß.

Tl;dr: „Todesreigen“ von Andreas Gruber ist ein verdammt gut konstruierter Thriller, dessen Auflösung einen ziemlich erstaunt zurück lässt und in dem die Überfigur der Serie, Maarten S. Sneijder, wieder präsenter und bissiger als im „Todesmärchen“ ist. Weiters ist es vielleicht Grubers emotionalstes Werk und als Leser leidet man mit dem ein oder anderen Charakter ziemlich mit.

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46 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 17 Rezensionen

thriller, todesstrafe, japan, kazuaki takano, 2001

13 Stufen

Kazuaki Takano , Sabine Mangold
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Penguin, 13.11.2017
ISBN 9783328101536
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Einzelbewertung:

Plot: 3/5
Atmosphäre: 5/5
Charaktere: 3/5
Spannung: 4/5
Showdown: 3/5
---
Aus Japan kennt man in unseren Breitengraden für gewöhnlich nur verrückte Gameshows, Manga-Comics oder Sushi. Über Dinge wie Strafrecht, Haftbedingungen oder die Todesstrafe bekommt man recht wenig mit. Kazuaki Takano ist mir nicht unbekannt, sein deutsches Debüt „Extinction" habe ich gelesen und es hat Eindruck hinterlassen – auch wenn ich den Originaltitel „Genocide of One" wesentlich epischer finde als den deutschen. „Extinction" war ein Wissenschaftsthriller und mir teilweise zu abstrakt, „13 Stufen" bewegt sich zumindest im wissenschaftsnahen Bereich, ist aber für meine Begriffe mit der oben beschriebenen Themenlage wesentlich näher an der Realität als „Extinction".

Im Prolog lesen wir über Ryō Kihara, der in Tokyo in der Todeszelle sitzt und sich plötzlich an eine Treppe erinnert, als er aus dem Fenster schaut, denn eigentlich hat er vor zehn Jahren nach einem schweren Unfall einen Gedächtnisverlust erlitten. Nach dem Prolog existiert Kihara nur mehr auf der Meta-Ebene, denn die beiden Protagonisten sind der frisch entlassene Ju‘nichi und sein ehemaliger Gefängniswärter Nangō. Nangō ist für einen Gefängniswärter überraschend freundlich, was vielleicht an seiner Vergangenheit liegt, die dem Leser später erzählt wird. Und Ju‘nichi wirkt verschüchtert und vor allem zu Beginn unsicher – da sich seine Eltern wegen seiner Verurteilung hoch verschuldet haben, muss er den Job, den Nangō ihm anbietet, annehmen. Immerhin winken mehrere Millionen Yen, wenn sie die Unschuld von Kihara beweisen können. Viel Zeit bleibt ihnen dafür allerdings nicht.

Man merkt von Anfang an, dass „13 Stufen" nur dem Zweck dient, das japanische Strafrecht, die Todesstrafe und die Haftbedingungen anzuprangern – und die Doppelmoral der japanischen Gesellschaft zu Zweiterem. In weiten Teilen dient der Plot nur als Mittel zum Zweck und wird zwischendurch auch gerne zum Statisten degradiert. Wie Takano die teils unmenschlichen Haftbedingungen und die Hinrichtungsstätte beschreibt, geht einem nicht nur nahe, sondern lässt einen erschauern – obwohl Takano es völlig nüchtern und ohne Emotionen tut. In diesen Passagen, die der Autor immer wieder zwischen der Geschichte einstreut, bewegt er sich in Richtung des besagten wissenschaftsnahen Bereiches. Wobei es genau so gut exzellent recherchierte Zeitungsartikel sein könnten – man merkt jedenfalls, dass sich Takano in das Thema hineingefuchst hat und es dem Leser verständlich näherbringt.

Die Beziehung zwischen Ju‘nichi und Nangō ist freundschaftlich, wobei man doch eine gewisse Hierarchie erkennt, die den Gefängniswärter etwas über den ehemaligen Häftling stellt. Nicht nur das stellt dar, dass ehemalige Häftlinge immer stigmatisiert sein werden, sondern auch der Umstand, dass sich frisch entlassene Häftlinge in Japan nach verbüßter Strafe bei den Hinterbliebenen etwaiger Opfer entschuldigen und stets Reue zeigen müssen. Bei der Geschichte sollte man auf jedes Detail achten, denn bei der Auflösung am Ende ist wirklich alles wichtig; die Konstruktion des Plots hat mir sehr gut gefallen.

Dadurch dass nicht der Plot, sondern die Message im Vordergrund steht, wirkt die Geschichte teilweise hölzern, was man am ehesten in den Dialogen merkt. Auch ist der Showdown etwas unübersichtlich. Das Ende ist dafür ein einziger Gänsehautmoment und entschädigt für einiges.

Tl;dr: Kazuaki Takano legt mit „13 Stufen" ein grandioses Buch vor, bei dem die Aussage weit mehr wiegt als die Geschichte. Er erklärt uns nicht nur sehr plastisch die japanische Justiz, er berührt uns auch noch zutiefst damit. Die Geschichte wirkt teilweise zwar hölzern, aber das nimmt man gerne in Kauf.

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85 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 46 Rezensionen

berlin, thriller, folter, mord, grand guignol

Der Todesmeister

Thomas Elbel
Flexibler Einband
Erschienen bei Blanvalet, 20.11.2017
ISBN 9783734104145
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Einzelbewertung:

Plot: 4/5
Atmosphäre: 3/5
Charaktere: 2/5
Spannung: 3/5
Showdown: 3/5
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Thomas Elbel ist Dichterjurist, der gelernter Jurist ist und sich später als Schriftsteller versuchte. Bei der Schriftstellerei versuchte er sich anfangs im Fantasy- und Science-Fiction-Genre, wo er durchaus erfolgreich war – später riet ihm sein Agent dazu, sich im Krimi-Genre zu probieren, was er mit „Der Todesmeister“ dann auch tat. Thomas Elbel hat übrigens weitläufig Verwandte mit Nachnamen Puppe. Georg Puppe hat im 19. Jahrhundert gelebt und war Mediziner - der Nachname seines Protagonisten kommt also nicht von ungefähr.

Viktor Puppe ließ sich, wie oben erwähnt ins LKA Berlin versetzen – vordergründig um dem Fall seiner vermissten Freundin nachzugehen, doch das soll möglichst keiner mitbekommen, weshalb er es im Geheimen versucht. Puppe hat nicht nur einen eigenwilligen Namen, sein Charakter ist ebenfalls gewöhnungsbedürftig und wurde mir zu keiner Zeit sympathisch. Einerseits trauert er seiner Freundin nach, andererseits steigt er mit der nächstbesten Frau direkt an seinem ersten Tag im LKA ins Bett und ist dabei eigentlich an seiner anatolischen Kollegin Begüm Duran interessiert – er dürfte also einen sehr ausgeprägten Testosteronhaushalt haben. Bei seinem Bewerbungsgespräch legt er einen Sherlock-Holmes-Move hin, mit dem er seinen zukünftigen Chef überzeugt – Sherlock Holmes verschwindet danach aber wieder und kommt nie wieder.

Neben Begüm, die ihn von Anfang an abweisend behandelt, arbeitet Viktor mit Ken zusammen – Ken heißt eigentlich Kenji und hat japanische Wurzeln. Er dürfte einen ähnlich hohen Testosteronspiegel wie Viktor haben, nur dass er ihn im Gegensatz zu seinem neuen Kollegen offen auslebt und als Macho sondergleichen auftritt, dem gerne mal ein sexistische Spruch herausrutscht. Genau genommen waren mir aus der Multikulti-Truppe keiner sympathisch. Wer hingegen sympathisch ist, ist Jenny; sie ist  das Opfer und avanciert im Verlauf der Geschichte immer mehr zum Hauptcharakter.

Die Geschichte ist durchaus spannend und flüssig zu lesen – Leerläufe gibt es kaum. Die Erzählstränge wechseln sich immer wieder ab; neben dem um Viktor Puppe gibt es noch den um Jenny, dem Täter und ein paar andere – dabei wird die Geschichte aber nie unübersichtlich, sondern verläuft ziemlich linear. Immer wieder streut Elbel unnützes Wissen ein, was zwar nicht uninteressant ist, aber teilweise fehlplatziert wirkt. Hier hatte ich teilweise das Gefühl, dass Elbel es unbedingt unterbringen wollte, um smart rüberzukommen. Was auffällt, sind die – selbst für ein Rezensionsexemplar – vielen Schreibfehler; zig das/dass-Fehler, Apostroph-Fehler, fehlende Wörter, überflüssige Wörter. Ich bin beileibe kein Deutschprofessor und habe selbst meine Defizite, aber ich hoffe, dass bei den käuflich erwerbbaren Exemplaren alle Fehler ausgebessert wurden, sonst kann das Lesen frustrierend werden.

Auf dem Buchrücken steht, dass das Buch für Fans von Sebastian Fitzek und Andreas Gruber sei – ersteres kann ich ausschließen, da Fitzek in der Regel weder Ermittlungskrimis, noch Serien schreibt. Andreas Gruber macht das zwar, seine Charaktere – allen voran Marten S. Sneijder mit seiner verschrobenen Art – sind aber überaus sympathisch. Man hat sie einfach gerne. Viktor Puppe ist hingegen nicht nur verdammt spießig, sondern auch mindestens genau so langweilig – seine Verbindung zu Josef Mengele ist noch das interessanteste, aber die wird nur kurz behandelt.

Das klingt alles relativ hart, aber die Figuren prägen in einem Buch die Geschichte; da kann der Plot noch so ausgetüftelt sein; wenn der Großteil des Ensembles entweder spießig, sexistisch, sexsüchtig oder nicht teamfähig ist - und jede dieser Eigenschaften wird durch mindestens eine Figur in „Der Todesmeister" repräsentiert -, dann macht es nur halb so viel Spaß, das Buch zu lesen.

Tl;dr: „Der Todesmeister“ von Thomas Elbel kann zwar eine gute Geschichte vorweisen, scheitert aber an seinen Charakteren, die zwar kantig, aber alles andere als sympathisch sind. Weiters glänzt Elbel mit unnützem Wissen, das aber zeitweise fehlplatziert und hineingequetscht wirkt.

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6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

wien, österreich

Die Rückkehr des Lemming

Stefan Slupetzky
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 22.09.2017
ISBN 9783499290978
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Einzelbewertung:

Plot: 3/5
Atmosphäre: 3/5
Charaktere: 3/5
Spannung: 3/5
Showdown: 3/5
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Es gibt so einige österreichische Krimi-Autoren. Da wäre zum Beispiel Wolf Haas mit seinen Brenner-Romanen, oder Rainer Nikowitz mit den Suchanek-Krimis – oder Stefan Slupetzky mit der Lemming-Serie. Alle Bücher diese drei haben eines gemeinsam: sie sind von Humor geprägt und haben etwas Kurioses an sich – die einen mehr, die anderen weniger. Bei Stefan Slupetzky mussten Fans des Lemming ganze acht Jahre auf seinen nächsten Fall warten, acht Jahre, in denen sich der ehemalige Polizist und Privatdetektiv als Nachtwächter im Tiergarten Schönbrunn verdingte und mit dem Detektiv-spielen scheinbar abgeschlossen hatte – doch jetzt muss er wieder ran. Das ist der fünfte Teil der Lemming-Serie und mein erster; man muss die vorhergehenden nicht unbedingt gelesen haben, so mein Eindruck.

Wie oben beschrieben geht es zunächst um den Straßenbahnfahrer Theo Ptak, der sich offensichtlich in einer seiner Passagierinnen verliebt hat und für sie auch gerne mal unerlaubterweise das Mikrofon für die Lautsprecher der Straßenbahn in die Hand nimmt, um ihr einen guten Morgen zu wünschen. Als die scheinbar Unscheinbare, wie die junge Dame durchgängig genannt wird, vor seinen Augen entführt wird, muss er natürlich handeln und den Ritter spielen, der seine Prinzessin rettet – nur dass dem Ritter ganz schnell das Licht ausgeknipst wird (kein Spoiler, das passiert recht bald).

Ab dann ermittelt der Lemming, mit dem Theo bis dahin nach der scheinbar Unscheinbaren gesucht hat, mit seinem alten Bekannten, dem Chefinspektor Polivka. Der Lemming wird Lemming genannt, weil er früher ein schlechter Polizist gewesen sein soll – dabei düpiert er Polivka im Roman nicht nur einmal und kehrt seinen Scharfsinn hervor. Die beiden – Lemming und Polivka – liefern sich bei ihren Ermittlungen gerne schlagfertige Wortduelle, die für Außenstehende – vulgo: dem Leser – nicht selten amüsant und kurios sind. Man merkt, dass sich die zwei schon länger kennen und schätzen – auch wenn sie zweiteres nicht offen zeigen können.

Zwischendurch gibt es immer wieder Kapitel, die uns ins 17. Jahrhundert führen und auf den ersten Blick nichts mit der Hauptgeschichte zu tun haben – und auch auf den Zweiten nicht. Dort segelt der Bauernknecht Max Horvat mit einer ganzen Armee und einem Vogelpärchen quer durch die Weltmeere, um in Graz vom Kaiser Ferdinand zum Kundschafter ernannt zu werden. Diese Kapitel sind wesentlich ernsthafter als die restliche Geschichte und ich habe hier auch eine gewisse Zeit gebraucht, um den Sinn darin zu verstehen.

Slupetzky hat definitiv einen eigenen Schreibstil, der zwar nicht ganz so krass ist wie der von Wolf Haas, mit dessen ich so gar nichts anfangen kann, aber auch nicht so mainstream wie der von Nikowitz oder Rhena Weiss, um auch eine österreichische Autorin zu nennen. Slupetzky schreibt humorvoll, seine Pointen platziert er treffsicher; zwischendurch gleitet er immer wieder ins Poetische ab und zeitweise wird die Schreibe auch gerne mal prätentiös. Die Geografie Wiens ist genau so akkurat recherchiert wie die historischen Details in Max' Kapiteln. Lokalkolorit ist  vorhanden, sie trieft geradezu aus den einzelnen Seiten heraus. Der neueste Lemming ist relativ gut zu lesen, wobei ich mich dann und wann – vor allem bei den historischen Kapiteln – doch durchgequält habe, da das Erzähltempo zwischen Schnecke und Gepard schwankt, weshalb ich mich beim Lesen nie so wirklich wohlgefühlt habe.

Tl;dr: „Die Rückkehr des Lemming" von Stefan Slupetzky reiht sich in die Riege österreichs erfolgreicher Krimiautoren ein und glänzt mit pointierten Dialogen – legt aber auch Ernsthaftigkeit an den Tag und akkurat recherchiertes Geschichtswissen. Die teilweise lähmende und prätentiöse Schreibweise macht es einem aber schwer, sich rundum wohlzufühlen.

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18 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 7 Rezensionen

psychothrille, psychothriller, rhena weiss, gottesurtei, frauenhaus

Gottes rechte Hand

Rhena Weiss
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 21.08.2017
ISBN 9783442485789
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Einzelbewertung:

Plot: 3/5
Atmosphäre: 3/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 4/5
Showdown: 3/5
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Rhena Weiss ist für mich eine neue Autorin. Auf ihr aktuelles Buch „Gottes rechte Hand“ bin ich zufällig im Bloggerportal gestoßen, einer Website, auf der man Rezensionsexemplare anfordern kann – und das habe ich sofort getan, ohne den Klappentext richtig zu lesen. Ich habe nur „Wien“ gelesen und das hat mir genügt. Weniger sofort hab ich es dann gelesen, weil noch etliche andere ungelesene Bücher herumstanden, aber auch, weil ich erst später gemerkt habe, dass es der zweite Teil einer Serie ist und ich mich nie wohl fühle, wenn ich mitten in einer Serie einsteige. In „Gottes rechte Hand“ wird zwar immer wieder kurz auf die Geschehnisse des ersten Teils eingegangen, sodass man das Grundsätzliche erfährt, dennoch wäre es meiner Meinung nach besser, wenn man zuerst „Das Böse in euch“ liest, um nicht mit fehlendem Vorwissen in „Gottes rechte Hand" zu gehen.

Michaela Baltzer ist Kriminalbeamtin des Landeskriminalamt Wien und arbeitet dort gemeinsam mit der resoluten Doris und dem stillen Vincent, der allerdings gerade im Urlaub ist. Immer wieder zieht sie den Kriminalpsychologen und ihren Nachbarn Bernd, mit dem sie eine enge Freundschaft verbindet, zum Fall hinzu. Bernd hat erst kürzlich die Stelle von Kilian Weilmann übernommen, der mittlerweile in U-Haft sitzt. Der Psychologe kommt ursprünglich aus Graz, wo er offensichtlich verbrannte Erde hinterlassen hat und nach Wien geflüchtet ist – zumindest ist das meine zusammengereimte Version der Geschichte.

Nach wie vor bei Michaela wohnt ihre Nichte und leidenschaftliche Pianistin Valerie. Ihre Eltern sind immer noch bei „Ärzte ohne Grenzen" in Lesotho. Sie ist ein quicklebendiger und überaus sympathischer Teenager, der unbedingt später auch mal Kriminalbeamte werden will. Ihr großes Vorbild ist ihre Tante Mika – die wiederum hat keine wirkliche Freude mit Valeries Ambitionen und würde es lieber sehen, wenn sie eine musikalische Karriere einschlägt. Doch schon jetzt hilft Valerie ihrer Tante und rätselt beim Fall mit – und stellt sich dabei nicht ungeschickt an.

Gleich auf der ersten Seite des Buches steht, dass das Buch den Opfern häuslicher Gewalt gewidmet sei. Das Thema häusliche Gewalt zieht sich danach auch wie ein roter Faden durch die Geschichte; unter anderem ist ein Frauenhaus ein Schauplatz. Die Geschichte liest sich sehr flüssig und gerne auch mal rasant, zwischendurch gibt uns die Autorin aber auch immer wieder Zeit zum Runterkommen; etwa, wenn man Details aus der Vergangenheit der Charaktere erfährt. Neben dem Erzählstrang rund um Michaela bekommt man auch immer wieder das Agieren und die Gedanken von Bernd und Valerie mit – und die Sicht der Täterin. Alle Perspektiven sind interessant und gleichermaßen individuell, wobei es auch vorkommt, dass die Stränge nicht parallel verlaufen. Anfangs erfährt man davon, dass ein Mann von Wespen geradezu erstochen wurde, wesentlich später erfährt man dann aus der Täterperspektive, wie die Täterin es angestellt hat, was ich sehr interessant finde.

Übrigens steht der Titel „Gottes rechte Hand“ unter dem Motto What you see is what you got, man bekommt ziemlich genau das serviert, was angekündigt wird – das kommt leider viel zu selten vor. Meistens hat man das Gefühl, dass im Titel von Krimis und Thrillern mit aller Gewalt martialische Wörter wie „Tod", „Mord" oder ähnliches hineingequetscht werden, um dem Buch gleich im Titel ein Branding zu verpassen. Nicht selten kommt es dabei vor, dass der Titel nur entfernt oder auch gar nichts mit dem Inhalt zu tun hat.

Mir persönlich herrscht etwas zu viel Gefühlsduselei in der Geschichte, aber als Mann bin ich auch nicht gerade die Hauptzielgruppe, wie ich irgendwann in einem Interview  von Andreas Gruber gelernt habe – apropos: Ich habe „Gottes rechte Hand“ innerlich immer wieder mit den Büchern von Beate Maxian verglichen, bis ich zur Erkenntnis gekommen bin, dass der Vergleich in keinster Weise standhält; beide Autorinnen agieren völlig individuell – aber zumindest ähnlich gut und mit einer ähnlich starken Protagonistin. Dass Weiss' Krimis in Wien spielen, spielt eine untergeordnete Rolle; die Geschichte beinhaltet zwar einen Hauch Lokalkolorit, aber im Prinzip könnte sie auch in jeder anderen Stadt dieser Welt spielen.

Was ich seltsam fand, war, dass relativ am Anfang die Rede davon ist, dass Michaela eine spezielle Methode hat, mit der sie unter anderem ermittelt – diese wendet sie aber im späteren Verlauf nie an; oder so, dass es der Leser nicht merkt. Das finde ich schade, denn das hätte der Geschichte einen weiteren interessanten Aspekt verliehen.

Der Showdown ist okay, ein bisschen Spektakel, aber mit erwartbarem Ausgang; auch die Täterin entlarvt man als Leser recht bald. Was mich allerdings beeindruckt hat, war alles nach dem Showdown; da ist bei mir so richtig Gänsehaut aufgekommen. Normalerweise vergesse ich die letzten Seiten eines Buches recht schnell, diese werden mir jedoch länger im Gedächtnis bleiben.

Der dritte Teil der Serie erscheint übrigens am 20. August – vielleicht schaffe ich es bis dahin, „Das Böse in euch“ zu lesen.

Tl;dr: „Gottes rechte Hand“ von Rhena Weiss ist nicht nur Opfern häuslicher Gewalt gewidmet, das Thema häusliche Gewalt zieht sich auch wie ein roter Faden durch das Buch und Weiss hat es geschickt in die Geschichte, die sowohl rasante, als auch ruhige Parts hat, implementiert. Die Geschichte ist gut zu lesen und ist gerne rasant, aber auch gerne mal ruhig. Vor diesem zweiten Teil der Baltzer-Reihe wäre es aber empfehlenswert, den ersten zu lesen, da sonst Vorwissen fehlt.

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313 Bibliotheken, 4 Leser, 2 Gruppen, 95 Rezensionen

entführung, new york, frankreich, brooklyn, paris

Das Mädchen aus Brooklyn

Guillaume Musso , Eliane Hagedorn , Bettina Runge
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Pendo Verlag, 02.06.2017
ISBN 9783866124219
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Einzelbewertung:

Plot: 4/5
Atmosphäre: 3/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 4/5
Showdown: 2/5

Guillaume Musso ist kein ausgewiesener Thriller-Autor, generell dürfte ihm das Thriller-Genre eher fremd sein, wenn man den Klappentexten seiner anderen Bücher Glauben schenkt. Es wirkt eher so, als wäre er ein klassischer Storyteller. „Das Mädchen aus Brooklyn“ ist auch kein klassischer Thriller, auch wenn es sehr lange so aussieht und die Protagonisten in der Geschichte auch so agieren. Es war mein erster Musso und ich bin auf dieses Buch gestoßen, weil ich in diversen Blogs immer wieder darüber gestolpert bin, obwohl ich weder ein großer Blogleser, noch großartig in der Bloggerszene vernetzt bin. Irgendwann habe ich mir das Buch dann besorgt – und wurde nicht enttäuscht.

Einer der oben genannten Protagonisten ist Raphaël, mit einem Trema über dem E. Raphaël ist 48 und erfolgreicher Krimi-Autor. Er hat einen Sohn aus erster Ehe, der noch sehr jung ist und kaum noch sprechen kann. Er hat Anna in einem Krankenhaus kennengelernt, in dem die 25-Jährige als Assistenzärztin arbeitet. Raphaël liebt sie scheinbar abgöttisch, obwohl sie sich noch gar nicht lange kennen – oder vielleicht gerade deshalb. Für sie würde er die Welt auf den Kopf stellen, was er auch tut, als sie verschwindet. Hilfe bekommt er dabei von Marc. Marc ist 60 und war Polizist, bis ihn ein Querschläger außer Gefecht gesetzt hat und er seinen Beruf quittieren musste. Abgesehen davon holt ihn die Vergangenheit über seine Frau und seine Tochter immer wieder ein, weshalb er Medikamente nimmt. Er ist froh, Marc unterstützen zu können und freut sich, wiedermal ermitteln zu dürfen.

Man wird ohne viel Vorgeplänkel in die Geschichte geworfen, auch wenn die Geschichte so richtig erst nach etwa 150 Seiten beginnt – das klingt komisch, aber man wird es verstehen, wenn man das Buch liest. Das bedeutet nicht, dass es bis dahin langweilig ist – eher das Gegenteil ist der Fall. Anfangs ist es ziemlich rasant, es passiert viel. Dann wird es ruhiger und die Geschichte entfaltet sich richtig und wird immer größer – und sie wird verdammt groß; größer als man anfangs denkt. Am Rande der Handlung bekommt man die Nominierung des republikanischen Präsidentschaftskandidaten für die US-Wahl 2016 statt, was hochaktuell ist, wo man aber auch künstlerische Freiheiten bemerkt, die sich Musso genommen hat. Neben Raphaël und Marc, deren Stränge sich abwechseln, bekommt man immer wieder die Geschichten anderer, in der Geschichte wichtiger, Charaktere erzählt – das ist nicht nur interessant, sondern verleiht der Geschichte eine zusätzliche Spannung.

So gut die Geschichte ist, so schlecht ist allerdings deren Ende. Hier merkt man am besten, dass Musso das Thriller-Genre eher fremd ist, denn der Showdown ist quasi nicht vorhanden und generell kann man den Eindruck gewinnen, dass die Geschichte nicht ganz zu Ende erzählt wird – für eine Fortsetzung lässt Musso aber zu wenig offen. Die Wendung am Ende ist mir auch etwas zu overplayed, die wirkt etwas gezwungen.

Tl;dr: „Das Mädchen aus Brooklyn“ ist ein Thriller, der größer ist als man anfangs glaubt, der den Leser stets bei Stange hält und der irrsinnig spannend zu lesen ist. Mit interessanten Charakteren und einem Schuss Politik. Das Ende ist allerdings sehr schwach und wirkt in Teilen gezwungen.

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157 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 119 Rezensionen

thriller, berlin, alanna, henry frei, kreuzigung

Böses Kind

Martin Krist
Flexibler Einband: 324 Seiten
Erschienen bei epubli, 26.10.2017
ISBN 9783745035292
Genre: Romane

Rezension:

Einzelbewertung:

Plot: 3/5
Atmosphäre: 2/5
Charaktere: 4/5
Spannung: 4/5
Showdown: 5/5
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Martin Krist schreibt so einiges. In verschiedensten Genres und unter mehreren Pseudonymem – Martin Krist ist eines davon, denn eigentlich heißt der Autor Marcel Feige; als Feige Thriller zu schreiben kommt aber vermutlich nicht so gut. Mein erstes Buch von ihm war „Drecksspiel“, in dem der Ex-Polizist David Gross den Protagonisten mimt. „Böses Kind“ ist der Auftakt zu einer Serie rund um Henry Frei und schlägt in eine ähnliche Kerbe.

Henry Frei ist Neurotiker. Bei ihm muss immer alles am rechten Ort sein, Chaos kann er nicht ausstehen. Frei lebt in einer intakten Familie, was in diesem Genre meiner Meinung nach viel zu selten vorkommt. Meistens sind Ermittler geschieden, haben den Kontakt zu ihren Kindern verloren oder sind depressiv – nicht bei Frei. Er liebt seine Frau wie am ersten Tag und kümmert sich rührend um seine Kinder. Vor allem um seinen Sohn, der das Asperger-Syndrom hat; mit ihm spielt er gerne über lange Distanzen Schach – jeden Tag nur einen Zug! – und verliert regelmäßig.
Seine Kollegin Louisa Albers hat hingegen ein Faible für Karotten und ist in letzter Zeit alles andere als ausgeschlafen, denn sie ist gerade Mutter geworden und das Neugeborene hält sie vor allem nachts auf Trab.

Es ist ein schönes Gespann, das Krist hier geschaffen hat. Die zwei Ermittler Frei und Albers ergänzen sich prima – Frei, der systematisch denkende und Albers, die Intuitive. Dann ist da noch der Halbvietnamese Phan Cha Lee, der von allen nur Charlie genannt wird und der seine Sätze gerne mit „Chê – verdammt“ beginnt – er ist erst vor wenigen Wochen zur Truppe gestoßen und daher noch etwas grün hinter den Ohren, spielt in dem Roman aber auch eine untergeordnete Rolle.

Der Strang rund um die Ermittler wechselt sich mit dem um Suse ab. Suse vermisst ihre Tochter Jacqueline und deren Hund. Sie arbeitet Teilzeit in einem Supermarkt, weil sie das Geld dringend benötigt – ihr Ex-Mann weigert sich, Unterhalt zu zahlen. Zwischendurch gibt es immer wieder Kapitel mit dem Titel „Intermezzo“; hier erlebt man ein Opfer, das festgehalten wird und man beginnt bald zu ahnen, um wen es sich dabei handelt.

Es ist ein flotter Thriller, den Krist hier geschrieben hat, ich bin selten so schnell durch ein Buch geflogen, was auch daran liegt, dass die Geschichte am Anfang fast nur aus Dialogen besteht, die nur durch kurze Absätze unterbrochen werden – fast erinnert es an ein Theaterstück in Buchform. Dadurch, dass der Leser so durch die Geschichte gejagt wird und diese zu einem Gutteil fast nur aus Dialogen besteht, fällt es der Atmosphäre schwer, sich zu entfalten. Erst im letzten Drittel bekommt man etwas Atmosphäre, hier wird die Geschichte ruhiger, aber auch spannender. Teilweise wird die Spannung aber auch etwas zu künstlich hochgehalten. Übrigens spielt das Wort „Allana", das am Cover steht, eine größere Rolle als man anfangs denkt; so richtig manifest wird es vermutlich aber erst im zweiten Teil der Serie, der am 21. Mai erscheint.

Tl;dr: „Böses Kind“ von Martin Krist ist ein rasanter Thriller mit einem gut gezeichneten Ermittlerteam, durch den der Leser aufgrund der Dialoglastigkeit geradezu durchgejagt wird, was vor allem in der ersten Hälfte zulasten der Atmosphäre geht. Teilweise wird die Spannung auch etwas zu künstlich hochgehalten.

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115 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 27 Rezensionen

entführung, thriller, england, neid, emotionen

Die Rivalin

Michael Robotham , Kristian Lutze
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 27.12.2017
ISBN 9783442314096
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Michael Robotham zählt zu meinen Lieblingsautoren. „Dein Wille geschehe“ war sein erstes Buch, das ich gelesen habe, und obwohl ich anfangs dachte, dass der Titel auf christlichen Fundamentalismus schließen lässt (tut er nicht), war ich danach Feuer und Flamme für Robotham; weil sein Schreibstil schnörkellos und seine Bildsprache unübertroffen ist – ganz zu schweigen von seinem Humor, der der britischen Schule folgt. Aber ich finde auch nicht alles von ihm unumwunden gut; ich mag die Romane rund um Victor Ruiz weit weniger als die, in denen Joe O‘Laughlin im Mittelpunkt steht. „Der Informant“ fand ich großteils einfach nur langweilig, obwohl er angeblich auf wahre Begebenheiten fundiert – Fanboy bin ich also eher keiner. Erst in den letzten Jahren hat sich Robotham aus seinem Ruiz-/O‘Laughlin-Universum heraus getraut, und das war auch für den Leser eine ganz neue Erfahrung; „Um Leben und Tod“ hat mich mehr ergriffen, als seine anderen Bücher – und sein aktuelles Werk ließ mich zeitweise fassungslos zurück.

Agatha ist Regalauffüllerin in einem Supermarkt, ihr Chef mag sie nicht, aber das beruht auf Gegenseitigkeit. Die Kasse darf sie nicht bedienen und den Job wird sie in absehbarer Zeit verlieren, denn sie ist Schwanger und ihr Chef hat ihr bereits gesagt, dass das der Fall sein wird. In ihrer Freizeit beobachtet sie gerne andere Menschen, zum Beispiel Meghan, die ebenfalls Schwanger ist. Agatha weiß einiges über sie; was sie gerne isst, was ihr Mann arbeitet, wie ihre Kinder heißen, wo sie wohnt, wie der Grundriss des Hauses aussieht. Das klingt, als wäre sie eine Stalkerin und genau genommen ist sie das auch – aber das ist nur die Spitze des Eisberges.
Meghans Erzählstrang, der sich mit dem Agathas abwechselt, erzählt die Geschichte der zweiten Schwangeren in „Die Rivalin". Meghan wird bald entbinden, und auch, wenn ihr Mann, der Sportjournalist Jack, sich anfangs nicht auf das „Uups-Kind“ gefreut hat, weil die beiden schon zwei Kinder haben und kein Drittes mehr wollten, freut er sich jetzt kurz vor der Niederkunft doch. Meghan betreibt einen Mama-Blog über ihr Leben, ihre zwei Kinder und ihre Schwangerschaft.

Beide Stränge, sowohl der von Agatha, als auch der von Meghan, berichten aus der ersten Person in der Gegenwart, wobei man als Leser schnell merkt, dass Agathas wesentlich wichtiger und – aus meiner subjektiven Wahrnehmung – auch interessanter ist. Meghans wirkt eher als Mittel zum Zweck und man findet darin Vorkommnisse, die man – überspitzt formuliert – in jedem dritten Buch findet. Agatha hat hingegen eine bewegende Geschichte, die nach und nach erzählt wird und man bekommt als Leser Mitgefühl mit ihr und kann ihr Handeln bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen – irgendwann beginnt man sie allerdings zu hassen.

Die Geschichte besteht aus zwei Teilen, wobei der erste, der westlichen flotter und spannender erzählt wird, nur als Einleitung zur eigentlichen Geschichte dient, aber enorm wichtig ist, damit man das Buch in seiner Gesamtheit versteht. Immer wieder streut Robotham, vor allem im ersten Teil der Geschichte, One-Liner ein, die mich mitten in einem ernsten Kontext laut auflachen ließen. Der zweite Teil der Geschichte ist wesentlich ernsthafter gehalten und lebt von der Spannung und der Atmosphäre. Beide Teile sind von Verzweiflung geprägt. Das einzige, was man der Geschichte vorwerfen kann, ist, dass sie grob vorhersehbar ist – meiner Meinung nach ist das bei dieser Art von Geschichte aber sekundär, denn sie ist so gut konstruiert und recherchiert, dass man dieses Buch nicht nur gerne liest, sondern auch gar nicht mehr aus der Hand legen will – das kling abgedroschen und ist es auch, war bei mir aber tatsächlich so.

Tl;dr: „Die Rivalin“ von Michael Robotham ist ein irrsinnig packender und spannungsgeladener Thriller, der zwei Geschichten von zwei schwangeren Frauen erzählt, gut recherchiert und noch besser konstruiert ist. Dass das Buch grob vorhersehbar ist, macht den Lesespaß nicht ärmer.

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11 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

ist fat bob schon tot?, kein katzenkrimi, killer, geld, bettler

Ist Fat Bob schon tot?

Stephen Dobyns , Rainer Schmidt
Fester Einband
Erschienen bei C. Bertelsmann, 17.04.2017
ISBN 9783570102305
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Stephen Dobyns hat schon so einiges geschrieben, denn er ist schon lange auf dieser Welt. Früher hat er studiert, bis er mit dem Master of Fine Arts abgeschlossen hat. Er hat also einen Uniabschluss für schöne Künste. Damit hat er unter anderem Lyrik und auch Sachbücher publiziert. Aber auch etliche Krimis – so wie sein aktuelles Buch „Ist Fat Bob schon tot?“. Die Schönheit kann man diesem Buch objektiv nicht absprechen – subjektiv aber sehr wohl.

Wie oben beschrieben wohnt Connor Raposo einem Unfall bei. Connor war früher Lehrer, dann im Casino als Automatenbeaufsichtiger tätig und heute ist er Mitte 20 und „auf der Schattenseite der Legalität“, wie es im Buch schön beschrieben wird, beschäftigt – denn er treibt gemeinsam mit seinem Onkel Didi, dem sonderbaren Vaughn und Eartha, die ständig oben ohne herumrennt, Spenden für diverse Hilfsorganisationen ein. Diese Hilfsorganisationen nennen sich „Waisenkinder im Weltall“ oder „Rettet Beagles vor der Nikotinsucht“ – und ja, diese Organisationen existieren natürlich nicht wirklich, wie man an den Namen erahnen kann. Allerdings gefällt mir dieser Aspekt tatsächlich ziemlich gut, denn das Geschäftsmodell könnte bei Leuten, die an Chemtrails, die Lügenpresse und Reptiloiden glauben, tatsächlich funktionieren – reich wird man damit allerdings vermutlich nicht ... naja, vielleicht doch.

Dann gibt es noch die zwei Detektives Benny Vikström und Manny Streeter. Der eine ist vom Leben, aber insbesondere von Vikström, enttäuscht, und Vikström wird ständig gefragt, ob er einer dieser skandinavischen Ermittler sei. Doch eines haben beide gemeinsam – sie hassen sich und gönnen sich nichts. Streeter weiß, dass Vikström Höhenangst hat und gängelt ihn damit – und Vikström isst gerne mal ein Eis vor Streeters Augen, weil er weiß, dass Streeter mit seiner Figur keines Essen sollte, es aber doch gerne würde. Beide fahren also eher die subtile Schiene. Das ist eine Zeit lang witzig, irgendwann nervt es aber. Genau wie die Tatsache, dass sich Streeter den Namen eines Zeugen nicht merken kann und ihn ständig Poppaloppa statt Papalardo nennt. Der Humor ist irrsinnig repetitiv, obwohl wir alle wissen, dass ein Scherz höchstens zwei mal funktioniert.

Apropos „Wir“, denn die Erzählweise ist tatsächlich interessant: Der Autor nimmt den Leser an die Hand und schreibt Dinge wie „Wenn wir X sehen, dann erkennen wir, dass Y zu der Zeit gar nicht an Ort A war, aber das weiß X natürlich nicht“. Das ist auch subjektiv gesehen schön geschrieben, wenn die Schreibweise nicht so langatmig und das Erzähltempo nicht das einer sterbenden Katz wäre. Ich habe irgendwann angefangen, Absätze zu überspringen, weil ich sie aufgrund diverser ausschweifender Beschreibungen einfach nicht relevant fand; Dobyns verliert sich viel zu sehr in unwichtige Details. Ich verstehe, dass das durchaus einen literarischen Mehrwert hat und ich habe auch Dobyns' Weltgewandtheit erkannt, die zwischendurch aufblitzt, aber – ach, es ist einfach nicht meine Vorstellung eines guten Buches. Und jetzt werde ich mich einem anderen, hoffentlich unterhaltsameren, Buch widmen.

Tl;dr: „Ist Fat Bob schon tot?“ hat eine kuriose Story mit teilweise spannenden Charakteren, brilliert aber großteils mit einer langweiligen und zu ausufernden Erzählweise. Humor ist zwar vorhanden, wiederholt sich aber immer wieder, so dass die Scherze irgendwann zu nerven beginnen.

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68 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 19 Rezensionen

das apartment, thriller, horror, slgrey, südafrika

Das Apartment

S.L. Grey , Jan Schönherr
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Heyne, 09.10.2017
ISBN 9783453438880
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Einzelbewertung

Plot: 3/5
Atmosphäre: 5/5
Charaktere: 2/5
Spannung: 3/5
Showdown: 2/5

Ich habe in diesem Jahr schon ein paar Bücher gelesen, in denen sonderbare Häuser eine zentrale Rolle einnehmen. Zum Beispiel „The Girl Before“, was besser war, als ich erwartet habe; genau so erging es mir beim „Scherbenhaus“ mit all seinem technischen Schnickschnack – „Grandhotel Angst“ hingegen verbreitete bei mir eher Langeweile als Angst. Ganz anders geht es „Das Apartment“ von S.L. Grey an. S.L. Grey besteht aus zwei Autoren, das S steht für Sarah (Lotz), das L für Louis (Greenberg), Grey ist ein hinzugedichteter Allerweltsname. Beide kommen aus Südafrika, aber ihre Bücher spielen oft woanders - „Under Ground“ spielt in den USA, ihr aktueller Thriller, „Das Apartment“, spielt zum Großteil in Paris. Im Klappentext zu den Zweien steht, dass sich ihre Bücher mit den menschlichen Abgründen befassen – das klingt interessant, und dennoch hege ich ambivalente Gefühle gegenüber „Das Apartment“.

Mark und Steph sind seit ein paar Jahren verheiratet, und obwohl der Altersunterschied zwischen den beiden satte 24 Jahre beträgt, war es Liebe auf den ersten Blick, denn sie haben innerhalb kürzester Zeit geheiratet und Steph war auch recht schnell schwanger – wobei Hayden, die Tochter, eher ein Unfall war, der aus einem Missverständnis entstand; Mark dachte, Steph würde die Pille nehmen und Steph dachte, Mark sei sterilisiert – Kommunikation wird manchmal einfach überbewertet; damit das nicht nochmal passiert, haben die zwei sicherheitshalber in der ganzen Geschichte keinen Sex (Vorsicht, Ironie). Dabei sind beide durchaus gebildet; Mark ist Spezialist für viktorianische Literatur und lehrt an der Uni – und Steph hat immerhin mal studiert, zumindest bis sie schwanger wurde. Heute ist sie arbeitslos und hat auch nicht wirklich Lust, daran etwas zu ändern, stattdessen wartet sie darauf, Bestseller-Autorin zu werden. Mark hat hingegen immer noch nicht den Tod seiner Tochter Zoë verkraftet, obwohl der schon sieben Jahre her ist – mit Hayden, quasi die Nachfolgerin von Zoë, kann er nicht wirklich viel anfangen, das wird recht schnell in der Geschichte klar. Und dann kommt auch noch dieser Einbruch, der das Ganze nicht gerade besser macht.

„Das Apartment“ besteht aus zwei Erzählsträngen, die quasi parallel verlaufen; einer erzählt Stephs, der andere Marks Geschichte, beide werden in der ersten Person erzählt, wobei Marks in der Gegenwart, und Stephs im Präteritum gehalten ist. Warum das so ist, also warum nicht beide in der Gegenwart spielen, müsste man die Autoren fragen, denn ich bin bis zuletzt nicht dahinter gekommen. Generell sind die Charaktere ziemlich blass, das dürfte aber beim Vorgänger, "Under Ground", den ich zwar nicht gelesen, dafür aber ein paar Rezensionen dazu, ebenfalls so sein. Wobei Marks Charakter zumindest ansatzweise Tiefgang erahnen lässt, Stephs dafür gar nicht – weder erfährt man, warum sie keine Arbeit sucht, noch, warum sie auch daheim nichts macht. Teilweise erinnert sie an einen rebellischen Teenager. Aber auch wenn sie mit 23 noch nicht so weit vom Teenie-Alter weg ist, entwickelt man mit der Zeit doch etwas Verantwortungsgefühl, vor allem, wenn man ein Kind hat – und alles auf den traumatischen Überfall zu schieben, ist mir etwas zu billig. Die Geschichte lebt vielmehr von einer sehr dichten Atmosphäre, die die Handlung beherrscht und mir wiederum ausnehmend gut gefallen hat.

Das Ende hat mich allerdings etwas ratlos zurückgelassen, denn was dieses mit der restlichen Geschichte zu tun hat, habe ich nicht wirklich verstanden – abgesehen davon, dass die Autoren etliche Fragen offen lassen. Okay, man kann beobachten, wie ein Mensch immer verrückter wird – was ja unter anderem das Stilmittel der zwei Autoren ist –, aber dazu hätte man nicht den Großteil der Geschichte in Paris spielen lassen müssen. Abgesehen davon wirkt das Buch ohne großen Plan und in Teilen ziemlich spontan konstruiert worden zu sein. Da nimmt der Nachbar plötzlich eine größere Rolle ein, und weil es gerade in den Plot passt, ist er eben Psychologie-Student – das wirkt nicht wirklich überzeugend.

Tl;dr: „Das Apartment“ von S.L. Grey hat eine interessante Geschichte mit einer dichten Atmosphäre, die sich wie ein roter Faden durch die Handlung zieht – allerdings lässt das Ende einige Fragen offen und Teile der Geschichte wirken etwas zufällig.

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124 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 47 Rezensionen

thriller, lorenz stassen, anwalt, köln, angstmörder

Angstmörder

Lorenz Stassen
Flexibler Einband: 349 Seiten
Erschienen bei Heyne, 09.10.2017
ISBN 9783453438798
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Einzelbewertung

Plot: 4/5
Atmosphäre: 4/5
Charaktere: 3/5
Spannung: 4/5
Showdown: 4/5
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Behinderten Menschen kommt oft der Charme eines Autounfalls zu – sie werden mit Mitleid angestarrt. Dabei wollen Menschen mit Behinderung nur eines sein: Menschen. Gleichberechtigt und barrierefrei behandelt, ohne mit schräg gehaltenen Kopf angesehen zu werden. Nur so kann Inklusion langfristig gewährleistet werden. In Lorenz Stassens Thrillerdebüt nimmt das Thema Behinderung einen breiten Raum ein – aber davon abgesehen ist „Angstmörder“ auch ein verdammt gutes Buch.

Nicholas Meller ist ein mäßig erfolgreicher Strafverteidiger, der mehr schlecht als recht über die Runden kommt. In erster Linie vertritt er vor Gericht osteuropäische Autoschieber, die er auch nur vertreten darf, weil sie von anderen – erfolgreicheren – Anwaltskanzleien zu ihm geschickt werden. Dabei ist Meller ein Vorzeigerusse. Als Kind kam er von Sibirien nach Deutschland und hat sich dann perfekt in die deutsche Gesellschaft integriert. Andere Russen, dessen Kontakt der klaustrophobe Meller bis auf wenige Ausnahmen vermeidet, werden in der Geschichte als schlecht integriert, mit einem Hang zur Kriminalität, dargestellt. Neben der bildhübschen Referendarin Nina bekommt er auch seinen ersten Mordfall und betritt damit völliges Neuland – auch bei Nina. Denn mit deren angeborener Behinderung kommt er anfangs so gar nicht, aber immerhin besser als andere Russen in der Geschichte, klar. Doch Nina ist selbstbewusst und tough und weist Meller darauf hin, wenn er sich ihr gegenüber tollpatschig verhält – etwa wenn sie Umzugskartons zusammenbasteln soll. Sie macht es eben auf ihre Weise und behält dabei ihren Stolz.

In einem anderen Strang lernt man Christine kennen. Sie ist vor kurzem von Nordhorn nach Köln gezogen, weil sie von ihrem Freund im Internet bloßgestellt wurde und sie dringend einen Tapetenwechsel benötigte. Christine ist Krankenschwester in der Ausbildung zur Intensivpflegerin. Außerdem bekommen wir, anfangs vage, später intensiver, Einsichten in das Handeln des Täters. Besonders Letzteres fand ich irrsinnig interessant. Aber auch wie Stassen das Behindertenthema behandelt, finde ich sehr spannend; vor allem, weil man Menschen mit einer so speziellen Behinderung nur selten in Thrillern begegnet, überhaupt mit der Detailverliebtheit, mit der sich der Autor am Thema abarbeitet. Generell ist die Geschichte ausgezeichnet recherchiert, das merkt man vor allem bei den zahlreichen und sehr speziellen Themen, die in der Geschichte vorkommen. Ich kann sagen, dass sie ausgezeichnet recherchiert sind, weil ich mich mit einem der Themen zufällig auskenne und davon ausgehe, dass die anderen Themen ähnlich gut recherchiert sind.

Insgesamt macht „Angstmörder“ von der ersten bis zur letzten Seite Spaß, auch wenn Stassen mir beim Täter ein paar Stereotypen zu viel eingebaut hat, aber das kann man angesichts der restlichen Geschichte verschmerzen. „Angstmörder“ ist ein Justizthriller, ohne trocken zu sein; ein Thriller, der das Rad zwar nicht neu erfindet, aber die besten bekannten Elemente des Genres her nimmt, sie zusammensetzt und daraus einen überdurchschnittlich guten Thriller bildet.

Tl;dr: „Angstmörder“ ist ein exzellent recherchierter und packender Thriller, der zwar das Rad nicht neu erfindet, aber durch die Aufbringung des Behindertenthemas, das breiten Raum einnimmt, doch ein Stück weit outstanding ist.

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1.018 Bibliotheken, 52 Leser, 0 Gruppen, 162 Rezensionen

thriller, flugangst, sebastian fitzek, flugzeug, psychothriller

Flugangst 7A

Sebastian Fitzek
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Droemer, 25.10.2017
ISBN 9783426199213
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Einzelbewertung:

Plot: 3/5
Atmosphäre: 5/5
Charaktere: 2/5
Spannung: 5/5
Showdown: 3/5

Rezension:

Was ist schlimmer als Flugangst? Eine Flugzeugentführung. Aber wenn man diese auch noch selbst initieren muss und dafür einen ehemaligen Patienten wieder „umdrehen“, also zum Ursprung seines Traumas bringen muss, ist der Gipfel der Grausamkeit erreicht, oder? Mitnichten, denn wenn man das nicht macht, wird die schwangere Tochter getötet. Damit ist das Dilemma perfekt. Mats widerfährt genau das. Mats ist Psychiater mit Flugangst. Er hat nicht nur einen, sondern gleich vier Sitze gebucht, weil er vor seinem Flug akribisch zum Thema Flugrisiken recherchiert hat und genau weiß, welcher Sitz in einem Flugzeug zu welcher Flugphase am sichersten ist. Mit ihm an Bord ist seine ehemalige Patientin Kaja, die einst ein traumatisches Erlebnis hatte und kurz vor dem Suizid stand; heute ist sie Purserin, also die ranghöchste Flugbegleiterin. Sie war einer von Mats‘ größten Erfolgen, denn er hat sie erfolgreich geheilt – was er jetzt wieder rückgängig machen soll. Wie es der Zufall will ist sie mit an Bord des Fluges.

Mit der Idee zu „Flugangst 7a“ hat sich Fitzek wiedermal selbst übertroffen, denn dieses Gedankenspiel, das Fitzek zu Papier gebracht hat und über fünf Ecken geht, ist brillant. Es hat mich sehr stark an Cody McFadyens „Todeskünstler“ erinnert, welches mindestens genau so sadistisch ist, nur dass Fitzek es wesentlich perfider anlegt – und ja, „Flugangst 7a“ ist für meine Begriffe noch härter als „AchtNacht“ und „Die Blutschule“, was für einige Fitzek-Fans ein Problem sein könnte. Ich hingegen finde die Entwicklung, die Fitzek genommen hat, enorm, und spätestens seit „AchtNacht“ kann ich mich sehr für Fitzek begeistern.

Die Fakten, die man im Buch findet, sollen übrigens alle wahr sein. Anfangs jene zu den Flugrisiken, die Flugangst de facto lächerlich machen und später jene Fakten zur Rinderhaltung, die mich kurz mal schlucken ließen, weil sie ziemlich heftig sind.

Trotzdem ist nicht alles an „Flugangst 7a“ gut, auch wenn die Geschichte durch und durch unterhaltsam ist. Denn leider lassen die Charaktere jegliche Tiefe vermissen. Bei Nele weiß man zwar, dass sie sehr jung ist, Aids hat, ihrem Vater einiges vorwirft und von ihrem Ex gestalkt wird – das war es dann aber auch schon. Und bei den restlichen Charakteren ist es nicht viel besser. Dazu kommt, dass die Auflösung am Ende eine geradezu wissenschaftliche Komplexität an den Tag legt, so dass ich sie nicht zweifelsfrei wiedergeben könnte; abgesehen davon, dass mir in der Geschichte viel zu viele Zufälle passieren und am Ende nicht erklärt wird, wie sich Dieses und Jenes in die Geschichte fügt.

Tl;dr: „Flugangst 7a“ ist ein durch und durch unterhaltsamer Psychothriller, der vermutlich eines von Sebastian Fitzeks härtesten Büchern ist; mit einer brillanten Idee, aber einigen Defiziten bei den Charakteren, der Auflösung und der Plausibilität.

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131 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 46 Rezensionen

thriller, wulf dorn, die kinder, kinder, mystery

Die Kinder

Wulf Dorn
Flexibler Einband
Erschienen bei Heyne, 04.09.2017
ISBN 9783453270947
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Einzelbewertung

Plot: 4/5
Atmosphäre: 5/5
Charaktere: 3/5
Spannung: 4/5
Showdown: 3/5

Manche Menschen glauben, ihnen gehe es schlecht, dabei bedenken sie nur selten, dass es Menschen gibt, denen es bedeutend schlechter geht. Menschen, die täglich vor dem Krieg flüchten oder nichts zu essen haben – oder beides. Menschen, die ihre Kinder arbeiten schicken müssen oder viel schlimmeres mit ihnen tun, um mit dem Geld, das sie dafür bekommen, überleben zu können. Aber das ist nur eines von vielen Themen, die Wulf Dorn in „Die Kinder“ anspricht.

Es hat eine Zeit gedauert, bis ich mich in dem neuesten Thriller von Wulf Dorn zurechtgefunden habe, denn man begegnet anfangs einigen Charakteren. So wie den oben beschriebenen Patrick, oder dem Psychiater Robert Winter, oder Kommissar Bennell. Sie alle haben eines gemein: Sie alle sind nur Nebendarsteller. Hauptfigur ist Laura Schrader, die sich in der Psychiatrie nach und nach dem Kern ihrer und damit Dorns Geschichte nähert. Laura begegnet man zwar schon recht früh, als Hauptfigur kristallisiert sie sich aber erst später heraus. In der Geschichte, die sie erzählt, gibt es wiederum eine ganz andere Hauptfigur, nämlich ihre Nichte Mia, die eigentlich ein aufgewecktes Mädchen ist, seit einem Vorfall aber nicht mehr spricht und damit ihre Mutter Su und Laura in immer größere Sorgen stürzt. Zwischen der Hauptgeschichte findet man immer wieder Kapitel mit Kurzgeschichten, die mit der Hauptgeschichte scheinbar nichts zu tun haben, außer, dass in jeder dieser Geschichten Kinder im Mittelpunkt stehen. Jede dieser Geschichten hat einen wahren Hintergrund, wie Dorn in einem Vorwort schreibt und sich damit wesentlich geschickter anstellt als andere Autoren, die ich in letzter Zeit rezensiert habe.

Man könnte in den Plot so viel hineininterpretieren, weil Dorn einige Themen behandelt. Unter anderem übt er Kritik an der Werbeindustrie und zeigt auf, in welch Überfluss die westliche Welt lebt. Aber auch die tägliche Reizüberflutung, derer wir ausgesetzt werden oder der wir uns bewusst aussetzen, weil wir nichts verpassen wollen, kritisiert er. Wulf will damit auf ein bestimmtes Thema hinweisen, überspitzt es aber bewusst. Welches Thema das ist, wird an dieser Stelle allerdings nicht verraten. Insgesamt ist „Die Kinder“ ein wunderbares, aber auch ziemlich gruseliges Buch. Man kommt nie wirklich dahinter, wie die Geschichte enden wird, weshalb der Spannungsbogen ständig vorhanden ist und man endlich wissen will, was hier vor sich geht. Psychothriller trifft es gut, wenn man „Die Kinder“ einem Genre zuordnen müsste, aber ich würde das Buch auch ein Stück weit im Horror-Genre verorten.

Das Buch ist mit 320 Seiten recht schlank ausgefallen, die Kapitel der Hauptgeschichte haben plusminus 20 Seiten und beginnen durchgehend auf den Seiten mit ungeraden Seitenzahlen, weshalb es öfter passiert, dass die Seite davor unbeschrieben ist. Wenn man dann noch bedenkt, dass die Geschichte aufgrund von Widmungen, Zitaten und dem Vorwort erst auf Seite dreizehn beginnt, hat die Geschichte keine 300 Seiten, was schon sehr dürftig ist. Dennoch wird man ziemlich gut unterhalten und kann das Buch nur schwer aus der Hand legen; Leerläufe sucht man nämlich vergebens.

Tl;dr: „Die Kinder“ von Wulf Dorn ist ein packender, atmosphärischer und gruseliger Psychothriller mit einem Schuss Horror, der Gesellschaftskritik übt und uns darüber nachdenken lässt, wie wir eigentlich leben. Zwar ist er mit unter dreihundert Seiten recht schlank, dafür wird er aber auch nicht langweilig.

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5 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

schottland, krimi, roman

Der Sinn des Todes

Val McDermid , Doris Styron
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Droemer, 02.10.2017
ISBN 9783426281826
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Eigentlich wollte ich es mir abgewöhnen, Bücher nur wegen des Covers oder des Titels zu ordern, weil ich davon schon viel zu oft enttäuscht wurde. Aber der Titel „Der Sinn des Todes“ hatte etwas, das mich ansprach – und das Cover sieht obendrein atemberaubend gut aus. Die Marketingabteilung des Verlags hatte also wieder herausragende Arbeit geleistet, um das aktuelle Buch von Val McDermid – eine mir, trotz über 30 publizierter Bücher, davor völlig unbekannte Autorin – zu bewerben. Und es klappte, denn der Inhalt riss mich anfangs so gar nicht vom Hocker. Es sei noch dazugesagt, dass dies der vierte Teil der Karen-Pirie-Reihe ist; es ist aber völlig unerheblich, ob man die drei davor gelesen hat.

Karen Pirie ist Detective Chief Inspector in der Historic Cases Unit der Schottland Polizei. Sie bearbeitet, ähnlich ihrem dänischen Kollegen Carl Mørck aus der Reihe von Jussi Adler-Olsen, Fälle, die nie aufgeklärt wurden, aber durch neue Erkenntnisse wieder tagesaktuell werden. Karen Pirie ist ein ziemlich tougher Charakter, der sich vor allem von ihrem Chef nicht unterkriegen lässt und ihm stets in eindrucksvoller Manier Paroli bietet. Seit dem Tod ihres Lebensgefährten und Kollegen Phil leidet sie an Schlafstörungen, weshalb sie gerne mitten in der Nacht spazieren geht bis sie müde wird und ins Bett fällt. Durch den Tod von Phil ist nur noch Jason in der Historic Cases Unit übrig, mit dem Karen die Fälle bearbeitet. Jason ist zwar nicht die hellste Kerze auf der Torte, aber dafür sehr liebenswürdig. Er ist Anfang 20 und damit weit über zehn Jahre jünger als Karen – und er ist verdammt unsicher, was sein Auftreten betrifft.

Wie oben geschrieben, hat mich „Der Sinn des Todes“ anfangs nicht vom Hocker gerissen, weil der Aufbau der Geschichte ziemlich träge ist und der Erzählstil ähnlich langsam – für Leute, die auf rasante Pageturner stehen, ist das hier vermutlich das Falsche. Für Leute, die auf Tiefgang stehen, ist „Der Sinn des Todes“ dafür umso mehr etwas, denn Karens Stimmung, die immer noch vom Tod ihres Lebensgefährten geprägt ist, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte und verleiht ihr eine düstere, ja fast schwermütige Atmosphäre, die etwas hat, was den Leser mitnimmt. Ich muss sagen, dass ich innerhalb der ersten hundert Seiten auch an einen Abbruch des Buches gedacht habe, weil ich ebenfalls lieber rasantere Bücher lese. Aber dann habe ich mir gesagt „Du kennst diese Autorin nicht, lass dich darauf ein“ - und danach wurde es tatsächlich besser, spannender und vielschichtiger; und ich bereute nicht, weitergelesen zu haben, denn später untersucht Pirie nicht nur einen Fall, sondern gleich drei; und handelt bei zwei von dreien oft nicht ganz legal, sondern eher mit dem Motto „Der Zweck heiligt die Mittel“ - was auch den Originaltitel „Out of Bounds" erklärt.

Außerdem wird McDermid auch politisch und damit sogar tagesaktuell, denn sie behandelt die Flüchtlingskrise und das Asylthema ziemlich realitätsnah mit praktischen Beispielen, was mir in diesem Kontext außerordentlich gut gefallen hat. Gerade bei diesen Szenen hatte ich oft Gänsehaut, weil sie sehr rührend und menschlich erzählt werden – eine Menschlichkeit, die man in der Realität im Alltag oft vermisst.

„Der Sinn des Todes“ ist sicher nicht mein Buchhighlight des Jahres, weil es vom Plot her einfach nur more of the same ist, aber der Erzählstil, diese ruhige Erzählweise hat etwas außergewöhnliches.. Etwas, das auch zum Nachdenken anregt. Übers Leben, über Nächstenliebe und über ein gutes Miteinander. Und letzten Endes bin ich wirklich heilfroh, es (zu Ende) gelesen zu haben.

Bewertung für den Showdown entfällt mangels Showdown.

Tl;dr: „Der Sinn des Todes“ ist ein Krimi, dessen Handlung sich langsam aufbaut und ein gemächliches Tempo hat, gleichzeitig aber nie langweilig wird und wichtige gesellschaftliche und politische Themen anspricht. Ein Buch mit dem gewissen Etwas.

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93 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 48 Rezensionen

psychothriller, berlin, mord, spannung, stade

Das Scherbenhaus

Susanne Kliem
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei carl's books, 20.03.2017
ISBN 9783570585665
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Mir war Susanne Kliem bis vor wenige Monate kein Begriff, und selbst der Verlag, in dem ihr aktuelles Werk erschien, ist vermutlich nicht gerade ein Triple-A-Verlag. Auf „Das Scherbenhaus“ bin ich durch eine Rezension auf einem Blog gestoßen, den ich sehr gerne lese. Etwa ab der Hälfte der Rezension habe ich aufgehört, weiterzulesen, weil ich gemerkt habe, dass das ein Buch sein könnte, das mir gefallen könnte – und weil ich meine Meinung über „Das Scherbenhaus“ nicht allzu sehr von der Rezension beeinflussen lassen wollte, hörte ich auf, die Rezension weiterzulesen (das handhabe ich grundsätzlich so bei Büchern, die ich selber lesen und rezensieren will). Nun habe ich das Buch gelesen und WOW, wie beeindruckend – wäre da nicht ein nicht zu unterschätzender Wermutstropfen.

Carla hat eigentlich ein beschauliches Leben in Stade im Norden Deutschlands. Sie hat eine Arbeit, die sie erfüllt und ein Reethaus, in dem sie gerne lebt. Und auch wenn er sich schon wochenlang nicht bei ihr gemeldet hat, hat sie immer noch Angst vor ihrem Stalker, den sie bei Facebook kennengelernt und dem sie leichtfertig ihre Adresse gegeben hat. Carla merkt man ihre Angst als Leser an, sie agiert zurückhaltend und eher zögernd. Sie verlässt nicht gerne ihre Komfortzone und bleibt lieber dort wo sie meint sicher zu sein, selbst wenn sie Angst hat – das klingt irrational und ist es vermutlich auch. Aber zu einem gewissen Grad kann man ihr Handeln auch nachvollziehen, denn immerhin hat sie in ihrem Umfeld einen sicheren Job und ihre Freunde. Das alles gibt ihr Halt und sie fühlt sich beschützt. Selbst als sie ihre Halbschwester Ellen verängstigt anruft, zögert sie, zu ihr zu fahren, sieht dann aber – zum Glück, will man fast sagen – die Kehrseite der Medaille; denn Berlin ist natürlich um einiges anonymer als Stade, wo jeder jeden kennt. Obendrein darf sie in Berlin im Safe Haven wohnen, einem Glashaus, das Ellen, die Architektin ist, erschaffen hat. Das Safe Haven ist komplett computergesteuert, Schlüssel gibt es genau so wenig wie einen Heizungsregelungsknopf; alles wird übers Smartphone gesteuert. Ist dessen Akku mal leer, hat man Pech gehabt; aber sowas passiert in der Geschichte natürlich nicht.

Insgesamt strahlt dieses computergesteuerte Haus samt seinen Einwohnern aber etwas ziemlich gruseliges aus – und genau das macht die Geschichte so besonders. Anfangs passiert ziemlich viel, was die Geschichte spannend macht, danach ist die Atmosphäre so dicht, dass sie den Leser durch die Handlung trägt. Das was Emma Garnier mit dem „Grandhotel Angst“ bei mir nicht geschafft hat, gelingt Susanne Kliem mit einer vermeintlichen Leichtigkeit und irgendwann habe ich mich gefragt, warum Kliem bis jetzt unter meinem Radar geblieben ist, denn ihr Schreibstil spricht mich zu hundert Prozent an, weshalb ich sie definitiv weiterverfolgen werde. Auch ihre Charakterzeichnungen sind phänomenal und sie verleiht jedem Charakter sein eigenes Profil.

Die größte Schwäche ist allerdings, dass „Das Scherbenhaus“ sehr vorhersehbar ist, was auch der Größe des Ensembles geschuldet ist, denn in der Geschichte haben vielleicht vier bis sechs Charaktere Relevanz. Da muss man kein Sherlock Holmes sein, um die Geschichte zu durchschauen – und ich bin einer, der in den seltensten Fällen das Ende errät. Hier gelang es mir – zumindest in groben Zügen – innerhalb des ersten Drittels. Weil es in der Einzelbewertung keine Vorhersehbarkeit-Kategorie gibt, habe ich bei der Kategorie „Spannung" insgesamt drei Punkte abgezogen. Ich mache das ungern, weil mich der Plot zu hundert Prozent überzeugt hat, aber Vorhersehbarkeit, oder eben nicht-Vorhersehbarkeit ist in einem Thriller, der so packend wie dieser ist, eben die halbe Miete.

Tl;dr: „Das Scherbenhaus“ ist ein hervorragender Thriller mit einer irrsinnig packenden Geschichte und sehr gut herausgearbeiteten Charakteren. Die Atmosphäre ist so dicht, dass sie einem nach dem rasanten Beginn durch die Handlung trägt. Einziges Manko ist die Vorhersehbarkeit. Mehr Rezensionen gibt's Krimisofa.com!

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52 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 17 Rezensionen

usa, erotik, harrison donner, horror, das auge

Das Auge

Richard Laymon , Sven-Eric Wehmeyer
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Heyne, 11.09.2017
ISBN 9783453677036
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Hätten wir nicht alle gerne übersinnliche Kräfte? Durch die Zeit reisen zum Beispiel, oder fliegen wie Superman, oder allwissend sein. Oder lediglich sehen können was irgendwo auf der Welt gerade passiert – das ist durch das Internet und Webcams heute natürlich schon möglich, aber dazu müssen sowohl Sender als auch Empfänger aktiv sein. Aber darum ging es Richard Laymon bei „Das Auge“ nicht, denn als dieser lebte, war das Internet für den Alltagsgebrauch höchstens in Kinderschuhen, denn die Originalausgabe von "Das Auge" erschien erstmals 1992; Laymon beschritt damals die Pfade Stephen Kings, denn in dem Buch geht es um Telepathie.

Die Hauptperson in dieser Geschichte ist Melanie. Melanie studiert, was genau, erfährt man nicht, aber da sie in einem Orchester Violine spielt, liegt der Schluss nahe, dass sie etwas künstlerisches studiert, vielleicht sogar Musik. Auch weiß man nicht, wie alt Melanie ist, nur, dass sie wesentlich jünger als ihr Freund Bodie ist – aber selbst der dürfte maximal Ende 20 sein, denn er steht kurz vor dem Abschluss seines Studiums. Was wir allerdings detailliert über die Violinistin erfahren, ist, wie ihre Brüste aussehen. Und spätestens, wenn wir das erfahren, wissen wir, dass es sich bei „Das Auge“ um einen Laymon handelt, denn solche Beschreibungen waren Laymon Steckenpferd. Was wir noch erfahren – und hier kommen wir zum Kern der Geschichte – ist, dass Melanie immer wieder mal Visionen hat. Und die aktuelle, die sich während eines Konzertes ihres Orchesters ereignete, macht ihr klar, dass irgendetwas schlimmes mit ihrem Vater passiert sein muss.

Der Clou am Stil der Geschichte ist, dass Melanie zwar die Hauptperson ist, man ihre Sicht aber weder in der ersten, noch in der dritten Person erzählt bekommt, sondern über Bodie eher aus zweiter Hand. Dadurch ahnt man zwar, dass Melanie ein ziemlich bescheidenes Selbstvertrauen hat, weil sie ihrer Schwester Pen das Aussehen neidet und deshalb eine latente Fehde gegen sie führt, aber fix ist es nicht. Pen dürfte tatsächlich unfassbar gut aussehen, hat aber ihre ganz eigene Geschichte, die man nach und nach erfährt. Generell ist „Das Auge“ vermutlich eines von Laymons tiefgründigsten Geschichten, bei denen es ausnahmsweise nicht um random Teenagers geht, die irgendetwas gemeinsam unternehmen. Auch der sexuelle Aspekt ist eher zurückhaltend. Ich würde „Das Auge“ auch nicht als Horror bezeichnen, sondern eher als unterhaltsame Geschichte, in der mehrere Genres aufeinander treffen; unter anderem Drama, Mystik und Krimi, garniert mit einer Prise Erotik – jedenfalls aber ein Buch, das ich nur schwer weglegen konnte. Was wirklich gut und zeitweise witzig geschrieben ist, sind die inneren Dialoge der Charaktere. Wenn sie mit sich selbst diskutieren, als würde auf der linken Schulter ein Engelchen und auf der rechten ein Teufelchen sitzen. Das kenne ich so und in dieser Häufigkeit nur von Laymon und macht die Geschichte auch lebensnah, denn vermutlich haben wir alle schon solche Diskussionen in unserem Kopf geführt. Der Showdown ist ziemlich actionreich und hier blitzen dann auch Horror-Elemente durch – zumindest wäre es für mich der blanke Horror, wenn ich diese Szenen verfilmt sehen würde.

Was mich verwirrt hat – und das ist tatsächlich der einzige Kritikpunkt – ist ein abrupter Szenenwechsel von Bodie zu Pen auf Seite 32. Wobei das vielleicht ein Fehler ist, der nur in den Rezensionsexemplaren ist. Viel verloren gegangen ist dabei jedenfalls nicht.

Tl,dr: „Das Auge“ ist eines der tiefgründigsten Bücher von Richard Laymon, das ich bis jetzt gelesen habe und eines, das ich nur schwer weglegen konnte. Es ist kein reiner Horror, sondern ein Mix aus mehreren Genres, wobei die Erotik, für die Laymon bekannt war, hier eher im Hintergrund rückt, aber immer wieder aufblitzt.

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(53)

85 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 37 Rezensionen

italien, hotel, 19. jahrhundert, emma garnier, flitterwochen

Grandhotel Angst

Emma Garnier
Flexibler Einband: 392 Seiten
Erschienen bei Penguin, 14.08.2017
ISBN 9783328100881
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Auf der Seite von Random House steht über Emma Garnier folgendes: „Emma Garnier ist das Pseudonym einer Autorin, deren atmosphärische Krimis regelmäßig in den Top 10 der Bestsellerliste stehen“. Das klingt gut, das lädt ein, „Grandhotel Angst“ zu lesen – zumindest auf den ersten Blick. Denn irgendwann fragt man sich „Moment. Warum dann ein Pseudonym?“ Okay, vielleicht passt das Genre nicht ganz zu ihren anderen Werken, das war bei Fitzeks „Blutschule“ ähnlich. Die angekündigte Atmosphäre ist dann bei Garnier wohl eher bei den Krimis zu finden – aber alles der Reihe nach.

Eleonore ist 21, äußerst sensibel und sie liebt Schauergeschichten und okkultes Zeug. Sie liebt ihren Mann so sehr, dass sie ihn nach nur einer kurzen Zeit heiratet. Wobei auch dazukommt, dass es Daheim bei ihren Eltern nur schwer auszuhalten ist. Dass Oliver so gut wie nichts über sich erzählt, war ihr vor der Hochzeit offenbar völlig egal, genau wie der Umstand, dass er 15 Jahre älter ist als sie. Kurzum kann man Nell, wie die frisch Vermählte im Buch genannt wird, als reichlich naiv bezeichnen, was nicht mal unsympathisch ist, sondern der Geschichte einen gewissen Pepp verleiht. Das war es dann aber auch, denn die Geschichte ist von vorne bis hinten leblos, langweilig, vorhersehbar und an den Haaren herbeigezogen. Ausgestattet mit einem hübschen Umschlag, der als Eyecatcher herhalten soll, um das hässliche Entlein als stattlichen Schwan zu verkleiden – so wie es leider viel zu oft von Verlagen gemacht wird.

Ich verstehe ja durchaus die Intention der Autorin und finde die Idee, einem alten leerstehenden Hotel, das ja tatsächlich existiert hat, auf diese Art Leben einzuhauchen, wirklich gut, denn alte leerstehende Gebäude haben tatsächlich oft etwas gruseliges. Aber wie es von der Autorin, die mit ihren „atmosphärischen Krimis regelmäßig in den Top 10 der Bestsellerliste“ steht umgesetzt wurde, ist ziemlich ernüchternd. Da hätte ich wesentlich mehr erwartet, als das, was hier geliefert wurde. Wenn es wenigstens gruselig wäre, aber nicht mal das ist die Geschichte. Vielmehr kommt es mir vor, als konnte sich Garnier nicht entscheiden, ob sie einen Krimi, einen Thriller, eine Horrorgeschichte oder ein Drama schreiben wollte – von allem findet man etwas, aber  nur so halbgar und keines dieser Genres hat Hand oder Fuß. Sorry, dass ich das Buch hier so runter mache, aber ich hab mich zu keiner Zeit von diesem Buch in den Bann gezogen gefühlt. Und ich bin mir sicher, dass die Autorin auch mit solcher Art von Kritik etwas anfangen kann, denn immerhin ist sie ehrlich und konstruktiv.

Aber um die Rezension doch noch etwas versöhnlich ausklingen zu lassen, möchte ich mit etwas Positiven schließen: Mir hat der feministische Aspekt, den Eleonore im Lauf der Geschichte immer mehr ausstrahlt, sehr gut gefallen

Tl;dr: „Grandhotel Angst“ verspricht mit dem Cover und der Ansage, dass das Buch von einer Autorin sei, deren atmosphärische Krimis regelmäßig in den Top-10 der Bestsellerlisten stünden, mehr, als die Geschichte hält. Sie ist nämlich leblos und alles andere als atmosphärisch – leider, denn die Idee der Geschichte ist nicht schlecht.

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60 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 54 Rezensionen

thriller, fbi, scifi, nikolas stoltz, virtuelle realtiät

DREAM ON – Tödliche Träume

Nikolas Stoltz
E-Buch Text: 419 Seiten
Erschienen bei FeuerWerke Verlag, 31.10.2017
ISBN 9783945362303
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

DREAM ON hat seinen Sitz mitten in der Mojavewüste bei Las Vegas. Es ist ein Milliardenunternehmen, das in unmittelbarer Zukunft die Welt revolutionieren will, indem sie den Menschen Träume real erscheinen lassen will. Dazu benötigt man lediglich einen Communicator und einen speziellen Spray. Der Comunicator ist einer Virtual-Reality-Brille ähnlich, den man sich über den Kopf zieht - Augen und Ohren werden verschlossen, so dass man nichts mehr von der Außenwelt mitbekommt und nur mehr den Traum erlebt. Der Spray versetzt einen in eine Art Hypnosezustand und produziert verstärkt Träume. Das klingt alles ziemlich komplex und ist es auch. Nick Quentin ist bei DREAM ON, um als Traumdesigner zu arbeiten und die Traumwelt, also jene Welt, in die man mit dem Communicator eintaucht, zu gestalten. Was genau er dabei macht, bekommt man als Leser nicht mit, auch erfährt man nicht das genaue Alter von Nick, aber er ist noch relativ jung. Generell ist mir Nick die ganze Zeit über ziemlich fremd gewesen, denn man erfährt nur Bruchstücke seiner Vergangenheit.

Wesentlich mehr konnte ich mit Lena Delago, der FBI-Agentin, die später in die Geschichte einsteigt, anfangen. Man erfährt ihr Alter, man bekommt etwas von ihrer (jüngeren) Vergangenheit mit und man spürt fast, wie sie tickt, denn sie hat im Gegensatz zu Nick eine klare Agenda und weiß, was sie will. Man merkt generell sehr schnell, dass die Geschichte im Vordergrund steht und die Charaktere mehr oder weniger nur Mittel zum Zweck sind, denn über die anderen Charaktere erfährt man noch weniger als über Nick. Lena Delago stellt bei der Charakterzeichnung eine absolute Ausnahme dar. Die Geschichte hingegen ist rasant und es passiert sehr viel - zu viel für meinen Geschmack. Kaum passiert etwas, passiert im nächsten Kapitel noch etwas Größeres, das im nächsten Kapitel von etwas noch Größerem getoppt wird; es wirkt wie eine Schlacht der Superlative. Zwischendurch hätte der Geschichte etwas Entschleunigung gut getan, damit man die Eindrücke, die man von der ohnehin recht abstrakten Traumwelt bekommt, verarbeiten kann. Wobei es auch eine normale Welt gibt und sich die zwei Welten prima ergänzen, die Aufteilung der zwei Welten ist etwa Fifty-fifty, also fünfzig Prozent der Geschichte spielen in der realen Welt, wie wir sie kennen und fünfzig in der Traumwelt. In der realen Welt passiert aber eben auch sehr viel. Mir ist es dadurch öfter passiert, dass ich manche Ereignisse, die später nochmal zur Sprache kamen, gar nicht mehr wusste und mir gedacht habe "Was? Wann ist das passiert?"

Insgesamt ist die Geschichte aber alles andere als schlecht; sie ist spannend, gut durchdacht, hat Hand und Fuß und weiß von Anfang an, wo sie hinwill. Wenn ich sie mit anderen vergleichen müsste, dann am ehesten mit „ZERO“ von Marc Elsberg, wobei ich in manchen Sequenzen auch etwas von Dan Browns „Inferno" und der Serie „Black Mirror" entdeckt habe. Ob das der Wahrheit entspricht, weiß natürlich nur der Autor.

Tl;dr: „DREAM ON“ ist ein gut durchdachter Thriller, der von Anfang an weiß, wo er hinwill, der aber für meine Begriffe etwas zu überladen ist und in dem mir zu viel passiert – etwas Entschleunigung hätte der Geschichte durchaus gut getan. Insgesamt ist es aber ein guter Auftakt zu einer Serie.

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thriller, narzissmus, psychologie, mord, lügen

Kalte Seele, dunkles Herz

Wendy Walker , Maria Poets
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei FISCHER Scherz, 07.09.2017
ISBN 9783651025578
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Narzissmus ist eine schlimme Krankheit. Vielleicht nicht so sehr für den Betroffenen, aber umso mehr für die engsten Verwandten und Bekannten dieser. „Kalte Seele, dunkles Herz“ wird nicht nur durch einen Auszug rund um die Geschichte des Narziss aus der griechischen Mythologie, der von der Göttin der Rache, Nemesis, dazu verdammt wird, solange in das spiegelnde Wasser zu schauen, bis er stirbt, eingeleitet, sondern auch das glitzernde Cover des Buches, das wohl einen Spiegel symbolisiert, deutet darauf hin, worum es in der Geschichte geht – nämlich um eben jenen Narzissmus.

Wir begleiten Cass Tanner, die nach drei Jahren nach Hause zurückkehrt. Sie war fort, weil sie mit ihrer Schwester Emma ausgerissen ist und jetzt erzählt sie ihre Geschichte – eine Geschichte von einer Insel an der Küste des US-Bundesstaates Maine, auf der sie mit ihrer Schwester von einem Ehepaar festgehalten wurde. Diese Geschichte erzählt sie dem FBI rund um die dortige Psychologin Abigail Winter und dem Agenten Leo Strauß. Eine Andere erzählt sie dem Leser, nämlich ihre Familiengeschichte. Diese Geschichte reicht bis weit vor dem Ausriss der Schwestern zurück. Sie erzählt hier vor allem von ihrer Mutter Judy, der die zwei Töchter immer sagen mussten, wie klug und wie hübsch und was für eine gute Mutter sie sei – bis Judy Cass schließlich verstoßen hat. Nicht aus dem Haus, aber aus ihren Gedanken – so sehr, dass Cass sie ab dann nur mehr Mrs Martin nennen durfte.

In einem zweiten Erzählstrang erleben wir eben jene Abigail Winter. Eine blonde, Anfang 30-jährige, die Schlafstörungen hat und diese mit Scotch versucht zu lindern. Das klingt auf den ersten Blick nicht gerade sympathisch, beeinflusst die Geschichte aber eigentlich nur wenig. Abby ist sehr scharfsinnig und feinfühlig – vor allem Zweiteres hat mit ihrer eigenen Kindheitsgeschichte zu tun, denn sie wuchs bei einer narzisstische Mutter auf. Und genau diesen Narzissmus erkennt sie auch in Judy; in ihrer Dissertation hat sie ebenfalls das Thema Narzissmus erforscht und behandelt – das Thema verfolgt sie also schon ihr Leben lang.

Beide Stränge sind gleichermaßen interessant, vor allem zu Beginn ist aber Cass‘ wesentlich packender, weil sie hier ihre Version der Geschichte von der Insel erzählt. Später verkommt die Handlung dann ein bisschen zu einer Psychologie-Vorlesung an der Uni, nämlich dann, wenn Wendy Walker dem Leser erklärt, was es mit Narzissmus auf sich hat und wie er sich äußert. Das ist zwar interessant, weil das Thema einiges hergibt, aber hier dachte ich schon, dass die Geschichte ab da einschläft – ist sie aber nicht, denn der Exkurs geht nur über ein paar Seiten. Danach wird die Geschichte noch packender als davor, weil auch Abbys Strang, der im Gegensatz zu Cass‘, der in der ersten Person geschrieben ist, aus der dritten erzählt, Fahrt aufnimmt. Nach und nach entwickelt die Handlung dann eine Sogwirkung, sodass man das Buch nur mehr ungern weglegen will.

Die Geschichten, die Cass erzählt, sind allesamt interessant, vor allem die Geschichte des Ausreissens, die mich stark an „Those Girls“ von Chevy Stevens erinnert hat, aber auch die Geschichte über ihre Familie, wo ständig Konfliktpotential anwesend war. Hier greift Walker zu martialischer Sprache und Cass benutzt Kriegsanalogien mit entsprechendem Vokabular. Aber auch, wie Cass ihr Verhältnis zu Emma beschreibt, ist interessant – einerseits hasst sie sie, weil sie von ihrer Mutter als das gute Kind behandelt wird, andererseits kann sie nicht ohne sie leben. Am Ende überschlagen sich die Ereignisse und es kommt ein WTF- und Aha-Moment nach dem anderen. Und speziell das letzte Kapitel war das beste, was ich seit langem gelesen habe, hier packt Walker nochmal alle Gefühle rein, die es auf dem Erdball gibt. Kritik gibt es nur beim deutschen Titel, der mehr als holprig ist und den ich mir bis zuletzt nicht merken konnte.

Tl,dr: „Kalte Seele, dunkles Herz“ ist ein unfassbar packender Thriller, der nach und nach eine Sogwirkung entwickelt und den man irgendwann nicht mehr weglegen will. Gut durchdacht, brillant recherchiert und behandelt ein verdammt interessantes und oft unterschätztes Thema. Mehr Rezensionen gibt's auf Krimisofa.com!

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anwalt, ehepaar, melbourne, mord, tod

Was ich getan habe

Anna George , Henriette Zeltner
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei btb, 10.07.2017
ISBN 9783442715121
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Für „blind vor Liebe“ gibt es einen Fachbegriff, der sich Limerenz nennt. Wenn man von einer Person so besessen ist, dass man alles Negative – Zurückweisung, Schläge, innerpartnerschaftliche Vergewaltigung – ausblendet. Wikipedia übersetzt Limerenz mit Verliebtheit, was aber auf den ersten Blick viel zu kurz greift. Anna George hat der Limerenz ein ganzes Buch gewidmet, das zeigt, welche Ausmaße diese nehmen kann.

David Forrester ist erfolgreicher Anwalt. Er vertritt vor Gericht Banker und hat damit selber einiges an Reibach gemacht. So viel, dass er sich ein stattliches, wenn auch gerade in der Renovierung befindliches, Haus in einen der reicheren Vierteln Melbournes leisten kann. Zu Beginn des Buches fährt er gerade durch die Stadt und nimmt sein Geständnis auf ein Diktafon auf. Bei einer Raststätte kotzt er, man nimmt an, dass es davon kommt, was er gerade getan hat – er hat nämlich eben erst Elle umgebracht. Mit Elle hat er einst in der selben Anwaltskanzlei gearbeitet, bis diese den Job satt hatte, in dem sie so gut war. Heute ist – oder war – sie Filmemacherin, die sich auf romantische Komödien spezialisiert hat. Sie vergleicht sich selbst mit Katharine Hepburn, und David mit Spencer Tray. Elle ist Idealistin und kann Davids Luxus so gar nichts abgewinnen. David sollte ursprünglich eigentlich nur ein One-Night-Stand sein, aber es sollte mehr werden – wesentlich mehr.

Eines der ersten Themen in „Was ich getan habe“ ist wohl eines der größten Tabuthemen der Menschheit, ein Thema, das viele abstoßend finden, viele erregend finden, einige aber vermutlich gar nicht kennen. Die Rede ist von weiblicher Ejakulation, welche Elle regelmäßig und insbesondere beim ersten Sex mit David hat. Es war für mich ein Zeichen, dass sie sich mit David wohlfühlt und bei ihm so richtig entspannen kann. Für mich sagt Anna George damit, dass weibliche Ejakulation nichts abstoßendes sein muss, schon gar nicht so, dass man sich dafür schämen muss. Ich fand den Einstieg mit diesem Thema nicht nur interessant, sondern auch mutig.

In der Geschichte wechselt sich alle paar Seiten die Perspektive. Von der Gegenwart in die Vergangenheit, von David zu Elle. Am interessantesten ist definitiv die Sicht von Elle in der Gegenwart. Denn während sie Tod ist, schaut sie von oben auf ihren leblosen Körper herab und blickt gleichzeitig, wie David auch, in die Vergangenheit zurück. Die Vergangenheit besteht in erster Linie aus der Beziehung zwischen den Zweien und im Prinzip ist „Was ich getan habe“ ein Liebesroman, bei dem der Thriller-Aspekt nur Mittel zum Zweck ist – zumindest wenn man es verkürzt betrachtet. Ich habe in der Tat eine Zeit gebraucht, um in die Geschichte hineinzukommen, denn die Spannung ist sehr subtil, und entwickelt sich, etwa wie bei Charlotte Link, eher gemächlich. Als ich mal eine ruhige Minute hatte, habe ich mich auf die Geschichte eingelassen – und fand sie richtig, richtig gut. Für ein Debüt ist es ein verdammt starker Roman, dem die Autorin mit der außergewöhnlichen Themenwahl ihren ganz eigenen Stempel aufdrückt, so dass das Buch definitiv aus der Reihe tanzt. Wobei man betonen muss, dass das Buch klar an Frauen gerichtet ist, an solche, die in Beziehungen die selben Tendenzen wie Elle haben. Denen zeigt George, welche Auswirkungen ein blindes Festhalten an einem Mann, der einen nicht allzu gut behandelt, haben kann. Wobei David nicht nur schlecht ist; er teilt die Filmleidenschaft mit Elle und unterstützt sie bei ihrer Tätigkeit als Filmschaffende; dazu ist er leidenschaftlich und ist vermutlich der erste, der Verständnis für ihre Ejakulation hat.

Mein einziger Kritikpunkt geht an den deutschen Verlag btb, der im Buchtitel suggeriert, dass die Geschichte in der ersten Person erzählt wird. Das ist aber mitnichten so, zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte wird diese in der ersten, sondern stets und ausschließlich in der dritten Person erzählt. Im ersten Moment, als ich den Titel las, dachte ich, die Geschichte sei eine Art Protokoll, die die Geschichte des Täters aus erster Hand erzählt. In gewisser Weise ist es auch ein Protokoll, aber eben nicht aus erster Hand.

Tl,dr: „Was ich getan habe“ ist ein Thriller, der aus der Reihe tanzt und auf den man sich einlassen muss, um ihn gut zu finden. Ein Thriller, der ein irrsinnig brisantes Thema behandelt, aber auch tabuisierte Themen aufs Tapet bringt und der klar an Frauen gerichtet ist. Die Spannung ist sehr subtil, aber wenn man sich auf die Geschichte einlässt, ist sie außerordentlich packend. Mehr Rezensionen gibt es auf Krimisofa.com!

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