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40 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 21 Rezensionen

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Verborgen

Anna Simons
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Penguin, 08.10.2018
ISBN 9783328102892
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

„Verborgen“ bietet eigentlich ein durchaus interessantes Setting. Ein Gefängnis, eine Ärztin und ein undurchsichtiger Fall. Das hat der schurken.blog schon erkannt und eigentlich stimme ich dem sogar zu. Nun kommt hinzu, dass das Buch unter dem Pseudonym Anna Simons veröffentlicht wurde, hinter der sich laut der Biografie eine Autorin verbirgt, die schon viele verschiedene Genres bedient und schon einige Auszeichnungen erhalten hat. Die Frage, die sich mir während des Lesens gestellt hat, war: Trägt sich das Setting für eine ganze Serie, dessen zweiter Teil im Herbst 2019 erscheinen soll? Das wird im Verlauf dieser Rezension hinreichend beantwortet.

Dr. Eva Korell ist Ärztin, welche und ob sie eine Fachrichtung hat, weiß man nicht, sie dürfte aber Allgemeinmedizinerin sein, was für ein Gefängnis wohl ohnehin das idealste ist. Korell ist buchstäblich von Berlin nach München geflohen – vor der Arbeit im hiesigen Spital, vor ihrem Ex. Eva Korell hat Empathie und einen Gerechtigkeitssinn, so viel davon, dass man kotzen möchte. Denn ich habe schon zig (wirklich zig, fünfzig, sechzig, siebzig oder mehr) Ärzte kennengelernt, aber Empathie habe ich da selten entdeckt. Aber vielleicht gehört Korell zur Ausnahme, die die Regel bestätigt. Nun fällt ihr noch vor Arbeitsbeginn mit Nicole Arendt eine Frau in die Arme, bei der schon aus drei Kilometer Entfernung erkennbar ist, dass sie nicht das beste Leben hat – ein gefundenes Fressen für Korell.

Denn früher oder später erfährt Korell, dass Arendts Mann Robert in genau dem Gefängnis sitzt, in dem sie nun arbeitet. Zufall? Jep. Zu allem Überfluss fährt immer wieder ein mysteriöser blauer Mercedes in Korells Umfeld herum, der ihr deshalb auffällt, weil ihre Eltern genau so einen hatten und mit dem sie – und dafür muss man wahrlich kein Meisterdetektiv sein, obwohl man es erst spät erfährt – einen Unfall hatten. Zufall? Jep. Nun fängt Korell also einen neuen Job in einer neuen Stadt an und hat prompt auch noch einen unbezahlten Zweitjob als Detektivin, denn sie muss ja herausfinden, warum Arendt so durch den Wind ist und was das mit ihrem Mann zu tun hat. Und da frage ich mich schon: Entweder hat die Gute den falschen Job oder die Autorin das falsche Setting gewählt, denn ihre Tätigkeit als Ärztin spielt maximal eine untergeordnete Rolle. Vor allem wenn man eine neue Arbeitsstelle antritt, lässt man sich nicht gleich komplett von einem Fall ablenken, sondern würde sich erst einmal einarbeiten, sich den ungewöhnlichen Arbeitsalltag ansehen und sich daran gewöhnen, aber genau das fehlt dem Buch oder wird zumindest nicht hinreichend erzählt. Ich hätte mir vor allem mehr vom Gefängnisalltag erwartet, mehr Intrigen, mehr Unruhen. Solche Sachen. Aber der Großteil der Geschichte spielt nicht mal im Gefängnis.

Es ist aber nicht alles schlecht an dem Buch. Die Stimmung im Erzählstrang von Arendt, der sich mit dem von Korell abwechselt, ist zum Beispiel gut aufgefangen und wiedergegeben. Arendt findet diesen herrenlosen Schmuck in ihrer Wohnung und weiß nicht, was sie davon halten soll. Ist er ein Geschenk von ihrem Mann an sie oder gehört er Nadja, dem letzten Opfer des Serienvergewaltigers, der die Stadt seit einiger Zeit beunruhigt. Ist ihr Mann gar der Serienvergewaltiger? Arendt ist bei der Frage hin- und hergerissen und zerbricht fast daran. Das hat die Autorin sehr gut umgesetzt.

Man kommt auch flott durchs Buch. Es ist zwar nicht allzu spannend, aber die Handlung packt einen irgendwann doch ziemlich. Auch dass die Sicht des Antagonisten wiedergegeben wird, ist nicht uninteressant und generell, dass sich die Handlung - zumindest im Ansatz - nach wahren Begebenheiten richtet, verleiht dem Ganzen einen authentischen Anstrich – dennoch wirkt die Handlung wenig realistisch und fast minderwertig. So als wollte die Autorin alle Elemente, die ein guter Thriller ausmacht, hernehmen, zusammenstöpseln und dann schauen, wie es ankommt. In meinem Fall nicht allzu gut, sorry.

Tl;dr: „Verborgen“ von Anna Simons ist ein Thriller mit einem interessanten Setting – das aber eine untergeordnete Rolle spielt und maximal Mittel zum Zweck ist, denn der Großteil der Geschichte spielt nicht im Gefängnis, sondern außerhalb dessen. Dazu kommt, dass es der Geschichte an Realitätsnähe fehlt und insgesamt minderwertig wirkt. Ob sich das Setting für eine ganze Serie trägt wage ich deshalb stark zu bezweifeln.

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

Der schottische Bankier von Surabaya

Ian Hamilton , Andrea Krug
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Verlag Krug & Schadenberg, 05.10.2018
ISBN 9783959170130
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Mitte Oktober erreichte mich eine Rezensionsanfrage des Verlages Krug & Schadenberg. Der Verlag Krug & Schadenberg besteht seit 25 Jahren und publiziert ausschließlich lesbische Literatur. Das kann alles sein, Sachbuch, Ratgeber oder Krimi; da ich mit den ersten zwei Kategorien nicht viel anfangen kann, handelte es sich bei der Anfrage natürlich um einen Krimi. Das ist der fünfte Teil einer Serie, bei der man – so wurde mir gesagt – auch mittendrin einsteigen kann. Wobei ich bei mir recht schnell erkannte, dass mich die vorherigen Teile ebenfalls interessieren würden, denn Ava Lee ist eine mehr als beeindruckende Heldin.

Ava Lee ist ausgebildete Wirtschaftsprüferin und leitet mit ihrem Geschäftspartner ein Unternehmen. Der Geschäftspartner wird durchgehend nur Onkel genannt, dürfte tatsächlich aber Avas Großvater sein. Die Bezeichnung „Onkel“ ist im Asiatischen  eine respektvolle Anrede, wie mir die Übersetzerin des Buches auf Nachfrage erklärte. Die Familienverhältnisse von Ava sind aber ohnehin nicht die einfachsten. Ihre Freundin ist Kolumbianerin und die Hälfte ihrer Familie lebt in China, während sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in Kanada lebt. Ihr Vater hat nämlich gleich drei Familien auf drei Kontinenten – eine davon eben in Nordamerika. Ava ist zwar lesbisch, das Thema steht aber nicht im Zentrum, ja eigentlich spielt es generell nur eine untergeordnete Rolle, und das ist auch gut so – was interessiert mich, wer mit wem ins Bett geht.

Aber genau das spielt dann doch eine Hauptrolle in dem Buch, wenngleich komplett anders, als man anfangs erwartet. Es dauert nämlich tatsächlich eine Zeit lang, bis etwas Fahrt in die Handlung kommt; lange erkennt man auch keinen Krimi. Es ist zwar interessant, aber weit weg von spannend. Spätestens als Ava zu einer Sightseeing-Tour in Surabaya eingeladen wird, schlief die Handlung für mich komplett ein – das hat schon mehr von Reiseführer als Krimi. Und dann passiert die eine, die entscheidende Sache, und schlagartig haben wir nicht nur Spannung, sondern auch jede Menge Emotionalität – das ist definitiv der turning point im Buch. Aber auch bei Ava, denn diese agiert danach komplett anders als davor – wesentlich motivierter und brutaler. Ich habe selten solch eine (gerechtfertigte!) Brutalität erlebt. Der Showdown findet für mich deshalb bereits im zweiten Drittel des Buches statt.

Ian Hamilton baut auch immer wieder asiatische Kultur und Kulinarik ein – und obwohl Hamilton Kanadier ist, man nimmt ihm jede asia-spezifische Beschreibung unhinterfragt ab und merkt, dass er sich nicht nur mit der Kultur auseinandergesetzt hat, sondern sie liebt. Dass Ava Kanadierin ist und das Buch zu einem (sehr kleinen) Teil in Kanada stattfindet, ist eine Randnotiz.

Positiv hervorheben will ich noch das Genre. Ich hege normalerweise kein gesondertes Interesse für Wirtschaft – damit verbundene Zahlen sind ohnehin ein rotes Tuch für mich. Aber ich habe mich gut zurechtgefunden und hatte auch noch Spaß daran. Und auch wenn „Der schottische Bankier von Surabaya" nicht gerade ein flammendes Plädoyer gegen den Kapitalismus ist, dann doch eines für mehr Gerechtigkeit auf dieser Welt. Was will man mehr?

Der nächste Teil der Reihe, „Die zwei Schwestern von Borneo", kommt im Herbst 2019, möglicherweise früher.

Tl;dr: „Der schottische Bankier von Surabaya“ von Ian Hamilton ist ein Wirtschaftskrimi, der sich Zeit nimmt, um die Handlung aufzubauen und bei der man lange den Krimi sucht – bis sie dann  explodiert und einen nicht mehr loslässt. Ava Lee ist eine beeindruckende Person, die lesbisch ist, deren sexuelle Präferenz aber eine untergeordnete Rolle spielt.

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193 Bibliotheken, 12 Leser, 0 Gruppen, 53 Rezensionen

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Die Suche

Charlotte Link
Fester Einband: 656 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 01.10.2018
ISBN 9783764504427
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Als ich den Klappentext von „Die Suche“ zum ersten Mal gelesen habe, bin ich nicht gerade vor Euphorie in die Luft gegangen, denn Charlotte Link zeichnet sich für mich eher durch subtile Spannung aus, Spannung, die sich langsam aufbaut, psychische Spannung. Das alles passte für mich auf den ersten Blick nicht unbedingt zu einem Krimi, in dem primär ermittelt wird. Erst als ich die ersten Seiten las, stieß ich auf den Namen Kate Linville und da machte es dann klick. Denn ihre unnachahmliche Art und ihr Wesen sind mir im Kopf geblieben – Kate Linville war nämlich bereits die Protagonistin in „Die Betrogene“, was vor drei Jahren erschien und „Die Betrogene" war jenes Buch, das das Erste war, das ich fürs Krimisofa rezensierte. Und ab da war ich Feuer und Flamme für „Die Suche".

Kate Linville hat sich in den drei Jahren kaum geändert, eigentlich gar nicht. Ihr Selbstbewusstsein ist immer noch im suizidalem Bereich und die Selbstzweifel nehmen Sphären an, in denen man sich fragt, wie sie eigentlich eine Stelle bei Scotland Yard bekommen konnte (vermutlich durch Vitamin B) bzw. sich so lange dort halten konnte – vor allem, weil sie alles andere als glücklich damit ist und ohnehin von all ihren Kollegen geschnitten und ausgegrenzt wird. Kurz: Kate ist eigentlich ein Fall für einen Psychologen. Stattdessen sucht sie regelmäßig den Eskapismus und pfuscht in den Fällen des trockenen Alkoholikers Caleb Hale herum, der den Fall der verschwundenen Amelie untersucht. Schon in „Die Betrogene“ hat er sie gefragt, ob sie sich nicht bei der Polizei in Scarborough bewerben will, aber sie lehnte ab. Keiner weiß, wieso – am wenigsten sie selbst.

Es gibt tatsächlich noch eine Fülle an Charakteren und Erzählsträngen, die ich euch näherbringen könnte; Charlotte Link hat sich offenbar einiges vorgenommen. Neben Amelie und ihrer Familie nimmt noch Mandy und deren Familie und deren Sozialarbeiterin, der Täter, Hannah, deren Vater, das aktuelle Opfer, diverse Zeugen und Caleb Hale samt seinem Team jeweils breiten Raum in die Geschichte ein. Unübersichtlich wird es überraschenderweise dennoch nie, aber irgendwann habe ich mich dann schon gefragt, warum es ein solches Konvolut braucht – zumal es irgendwann doch auch der Geschichte schadet, die stellenweise wie ein Erstlingswerk wirkt. Vielleicht gerade deshalb, weil es normalerweise eben nicht Links Art ist, solche verworrenen Geschichten zu schreiben.

Auch der Fokus geht dadurch irgendwann verloren – wenn er überhaupt jemals da war –, man weiß nicht, was wichtig ist, weiß nicht, wer wichtig ist. Irgendwann kommt dann natürlich unweigerlich der Plot-Twist, der auch gut inszeniert und umgesetzt ist, aber das ist den Preis, den man als Leser bis dahin zahlt – nämlich primär Zeit – nur bedingt wert. Auch der Showdown, vor allem dessen Beginn, ließ mich ratlos zurück; so wirklich nachvollziehbar ist das Handeln mancher Personen da nicht.

Charlotte Link legt dennoch ein gewisses Maß an Niveau an den Tag, das wir von ihr gewohnt sind, und auch Kate tritt facettenreicher auf als in „Die Betrogene“, sie ist nicht mehr nur voller Selbstzweifel, sondern hat auch ihre schlagfertigen Momente. Dennoch hat sie primär Selbstzweifel, was dann doch irgendwann nervt. Genau wie bei Deborah, der Mutter von Amelie, die einfach von Anfang bis Ende durchheult. Da will man als Leser manchmal in die Geschichte greifen und beide mal kräftig schütteln. Link lässt sich auch einiges für einen etwaigen dritten Teil offen, den ich aller Voraussicht nach auch lesen werde – aber vermutlich weit weniger euphorisch. Insgesamt wollte Link diesmal zu viel.

Tl;dr: „Die Suche“ von Charlotte Link erzählt uns eine weitere Geschichte über Kate Linville, die sich abermals in einen Fall von Caleb Hale mischt. Diesmal will Link aber etwas zu viel. Zwar verliert man nie den Überblick, aber teilweise fragt man sich schon, ob das die Zeit wert war, die man als Leser investiert. In Teilen wirkt das Buch wie ein Erstlingswerk, weil diese Erzählweise normalerweise nicht Links präferierter Stil ist.

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61 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 42 Rezensionen

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Stern des Nordens

D.B. John , Sabine Längsfeld , Karen Witthuhn
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Wunderlich, 25.09.2018
ISBN 9783805200325
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nordkorea strahlt etwas Düsteres, etwas Surreales aus. Ein Land, das in seiner eigenen Welt lebt, ein Land, in dem den Menschen erzählt wird, dass sie in Wohlstand leben und der Rest der Welt in Armut. Ein Land, das schon einige Hungersnöte durchstehen musste, ein Land, in dem Lügen auf der Tagesordnung stehen. Auf „Stern des Nordens“ habe ich mich lange gefreut, weil ich noch nie einen Thriller gelesen habe, der in Nordkorea spielt – und er hat mich schwer beeindruckt.

Es gibt anfangs drei Erzählstränge – den von Jenna, den von Cho und den von Frau Moon. Jenna ist die Zwillingsschwester von Soo-min, die vor zwölf Jahren – 1998, das Buch spielt größtenteils 2010 – entführt wurde. Dass sie entführt und nicht ertrunken ist, dessen ist sich Jenna recht schnell sicher. D.B. John beschreibt uns eindrucksvoll die Beziehung zwischen Jenna, die eigentliche Jee-min heißt, und Soo-min. Zwei Schwestern, die über tausende Kilometer ohne Telefon und Internet kommunizieren können – so eine Beziehung gibt es nur zwischen Zwillingen. Seit dem Verschwinden ihrer Schwester ist Jenna allerdings psychisch labil und hat immer wiederkehrende Albträume, gegen die sie zwar Medikamente nimmt, die ihr ihr Psychiater aber eigentlich nicht mehr geben will.

Cho gehört zu Nordkoreas Elite. Er ist Anfang dreißig und damit nur minimal älter als Jenna, die dreißig ist. Cho ist verheiratet und hat einen Sohn, der durchgehend Puzzle genannt wird. Sein Bruder und er wurden adoptiert, was gleich zu Beginn eine Rolle spielt, denn sein Bruder soll in naher Zukunft zu einem hochrangigen Posten befördert werden – vorher müssen aber die Ahnen der beiden ausgeforscht werden. Sollten diese der unteren von insgesamt drei Nordkoreanischen Kasten angehört haben, könnte es statt der Beförderung auch die Todesstrafe bedeuten.

Frau Moons Erzählstrang konnte ich anfangs nicht wirklich einen Sinn abgewinnen, vielmehr scheint er den Alltag einer normalen Nordkoreanerin zu beschreiben; permanente Schikanen inklusive. Frau Moon arbeitet eigentlich in einer Fabrik – nachdem sie bei einem Überwachungsballon allerdings westliche Schokokekse findet, verhökert sie diese um viel Geld und eröffnet damit ein kleines Gewerbe am örtlichen Markt. Frau Moon ist ein grundsympathischer Charakter, der sich durchzusetzen weiß und sich von niemanden etwas sagen lässt.

„Stern des Nordens“ ist ein sehr faktenorientierter Thriller, der aber zu keiner Zeit auf die Geschichte vergisst und von Anfang an eine umfassende Atmosphäre schafft. Das Buch packt einen von Anfang an und zieht einen durch eine Welt, in der keiner richtig glücklich ist – obendrein ist es hochinteressant, wenn man sich für das Thema interessiert. Man merkt nicht nur am üppigen Anhang, dass sich D.B. John umfassend mit Nordkorea beschäftigt hat. Nicht zuletzt, weil er „Schwarze Magnolie: Wie ich aus Nordkorea entkam" geschrieben hat, verleiht er „Stern des Nordens“ auch  eine irrsinnige Authentizität.

Das Buch beinhaltet alle Farben, die ein Thriller haben kann: Schwarz, Weiß und alle Grautöne dazwischen. Wem welche Farbe zukommt, muss allerdings jeder selbst entscheiden. Gegen Ende setzt John auch ein mutiges Statement betreffend des Umgangs mit Nordkorea, über den man durchaus nachdenken könnte, der aber auch Risiken beherbergt. Ich kann jedenfalls nur sagen, dass mich „Stern des Nordens“ schwer beeindruckt hat und ich hoffe, dass es nicht der letzte Thriller von D.B. John bleibt.

Negativ sei noch angemerkt, dass nicht ganz ersichtlich ist, warum das CIA an Jenna herantritt und sie anwirbt. Dass sie den höchsten IQ Virginias hat, ist mir zu wenig – zumal Jennas psychische Instabilität erschwerend hinzukommt, die irgendwann allerdings gar keine Rolle mehr zu spielen scheint.

Auch die Action am Ende passt nicht wirklich zum sonst eher ruhigen Plot. Außerdem fand ich die teilweise Verherrlichung von Crystal Meth nicht so gut.

Tl;dr: „Stern des Nordens" ist ein sehr faktenorientierter und atmosphärischer Thriller, der großteils im düsteren Nordkorea spielt und einen von Anfang bis Ende packt. Der großteils ruhigen Thriller wartet mit einem sehr actionreichen Showdown auf, was nicht ganz zur restlichen Geschichte passt. Auch, dass teilweise härteste Drogen verherrlicht werden, fand ich nicht gut.

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301 Bibliotheken, 11 Leser, 0 Gruppen, 152 Rezensionen

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Die Party

Jonas Winner
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Heyne, 10.09.2018
ISBN 9783453439184
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Jonas Winner habe ich seit einiger Zeit auf meinem to-read-Zettel. Mit „Die Zelle“, in dem ein Junge im Keller des Hauses seiner Eltern eine sonderbare Entdeckung macht, hat mich Winner überzeugt. Danach kam „Murder Park“, das auf einer fiktiven Insel in den USA spielt, auf der ein Serienmörder-Vergnügungspark entstehen soll. Vom Konzept ist „Die Party“ „Murder Park“ recht ähnlich – nur doch etwas anders.

In „Die Party“ sucht man lange nach einem Protagonisten, dem Charakter, der im Mittelpunkt steht – und findet ihn doch nicht. Lange dachte ich: „Wird wohl wie in ‚Glorreiche Ketzereien‘ sein, irgendwann wird er sich schon herauskristallisieren“ - nope. Und irgendwie dann doch, denn vor allem Brandon drückt der Geschichte durchaus seinen Stempel auf. Er lässt es zu Beginn gleich ordentlich krachen und begrüßt seine Gäste mit einem herzhaften Suizid. Kurze Zeit später will eine der Charaktere dann herausgefunden haben, dass Brandon an so etwas wie Rinderwahn bzw. Creutzfeldt-Jakob gelitten haben soll und ohnehin schon etwas gaga im Hirn war – egal, getrauert wird später. Wenn man dafür Zeit hat. Denn länger als vierundzwanzig Stunden soll der tödliche Spaß ohnehin nicht dauern. Danach hat man es hinter sich – tot oder lebendig.

Misstrauen wird hier jedenfalls groß geschrieben. Und irgendwann stößt man unweigerlich auf folgendes Zitat: „Was wissen wir denn über Kim? Über Donna, Nick?“ - ja, das habe ich mich allerdings auch die ganze Zeit über gefragt. Viel ist es jedenfalls nicht, was wir erfahren. Denn die Charaktere sind alle dermaßen blass, dass man genau so gut sagen könnte, dass Kim Donna ist und Nick Kim ist. Winner gibt einigen Charakter en zwar den Hauch einer Geschichte – Nick ist zum Beispiel Autor, Donna hat schwarze Eltern, ist aber selber weiß und Henry wurde früher gemobbt –, aber kein klares Profil. Ich habe zum Beispiel keine Ahnung, wer Kim ist oder was sie macht; das selbe bei Terry. So wirken die Charaktere einfach nur generisch.

Das Konzept ist ebenfalls alles andere als innovativ, denn so etwas hatten wir bereits bei Agatha Christie, David Morrell, Leonora Christina Skov, und wie gesagt, bei Winners „Murder Park" Und so ist „Die Party“ leider just another Abzählreim. So sehr ich solche Bücher auch mag, aber zwei mal innerhalb eines Jahres, noch dazu vom selben Autor, brauche ich so etwas eigentlich nicht. Auch wenn sich Winner in der zweiten Hälfte einige Kniffe und Twists ausgedacht hat, die mir durchaus gefallen haben, bleibt es am Ende ein Abzählreim. Apropos Ende, welches jener Teil von Winners Bücher sind, die immer eine besondere Überraschung bereithalten und die mich schon öfter zum grübeln gebracht haben: da ist diesmal leider gar nichts zum grübeln dabei.

Obwohl das Buch am 31. Oktober 2018 – also gewissermaßen in der Zukunft – spielt, atmet das Buch die 1980er, jene Zeit, in der sämtliche Charaktere junge Erwachsene waren – genau wie Winner sind sie heute der 50 näher als der 40, was ihr Alter betrifft. Das hat dann doch etwas, denn normalerweise tritt in solchen Horror-Geschichten (das „Thriller“ am Cover kann man getrost streichen) doch eher die jüngere Generation an. Doch hier haben wir Menschen, die mitten im Leben stehen – was ihr Verhalten und ihr Denken angeht, unterscheiden sie sich aber nicht von den Jungen.

Dennoch: Das war "Die Party" im Vergleich zu seinen Vorgängern eher ein Satz mit X. Schade.

Tl;dr: "Die Party" von Jonas Winner spielt zwar 2018, atmet aber durchgehend die 1980er. Sonst hat der neueste Thriller - der eigentlich mehr Horror ist - von Winner aber nicht allzu viel zu bieten. Blasse Charaktere, ein Schema, das uns schon öfter begegnet ist und eine Geschichte, die trotz aller Kniffe und Twists nicht allzu viel hergibt. Am enttäuschendsten ist aber das Ende, das normalerweise Winners Paradedisziplin ist - das ist diesmal einfach nur schwach. Schade.

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76 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 27 Rezensionen

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Believe Me - Spiel Dein Spiel. Ich spiel es besser.

JP Delaney , Sibylle Schmidt
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Penguin, 10.09.2018
ISBN 9783328103264
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Dieses Buch erscheint nicht zum ersten Mal – die Geschichte als solche hat JP Delaney schon einmal herausgebracht. Unter anderem Namen. Es wurde in verschiedene Sprachen übersetzt und war doch ein Misserfolg. Grund genug, die Geschichte umzuschreiben und zu relaunchen, denn JP Delaney hat sich mit „The Girl Before“ einen Namen gemacht – der Erfolg ist also vorprogrammiert. Mich hat „The Girl Before“ beeindruckt, also hab ich mich auf den Nachfolger gefreut – und wurde nicht enttäuscht. Oder doch?

Claire Wright ist 25 und Vollwaise. Ihre Eltern kamen bei einem Autounfall ums Leben. Sie saß mit im Auto, überlebte, hat aber kaum eine Erinnerung daran. Danach wurde sie von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht und landete schließlich bei einer, bei der sie vom Vater sexuell belästigt wurde. Das alles klingt, als wäre es vom Reißbrett konstruiert, denn solchen Szenarien begegnet man in Büchern oft genug. Als Claire in die Schule kam, wurde sie gemobbt; und da begann Claires Schauspielerkarriere. Sie benahm sich fortan wie alle anderen und imitierte deren Dialekt. Damals war sie in England – heute ist sie in New York und nimmt Schauspielunterricht. Ihre Karriere in England hat sie sich bereits verbaut, weil sie eine Affäre mit einem Schauspielkollegen hatte; doch in New York läuft es nicht besser, weil ihr ihr Ruf nachhängt – die Chance auf ein Engagement sind gelinde gesagt miserabel. Nachdem sie auch noch den Job bei der Anwaltskanzlei verliert, für die sie Ehebrecher entlarvt hat, steht sie vor dem Aus. Also bietet sie sich der Polizei an, um eines ihrer Opfer des Mordes zu überführen.

„Believe Me“ ist etwas komplett anderes als „The Girl Before“, das merkt man sofort. In „The Girl Before“ stand ein hypermodernes Haus im Mittelpunkt – bei „Believe Me“ ist es der französische Schriftsteller und Lyriker Charles Baudelaire, der über allem schwebt. Seine Gedichte aus dem Sammelband „Les Fleurs du Mal“ werden immer wieder zitiert und dienen unter anderem als Handlungsanleitung für diverse Morde – vor allem für den an Stella, Patrick Foglers Frau. Fogler ist Baudelaire-Experte und Hauptverdächtiger in diesem Fall – Claire soll ihn mit ihren Schauspielkünsten einlullen und überführen. Das klingt anfangs ziemlich unglaubwürdig, weil Claire einerseits keine Ahnung von Polizeiarbeit, geschweige denn von Undercover-Einsätzen hat – andererseits ist die Idee dann doch nicht die schlechteste. Und wie sonst soll Claire ihre Mietschulden bezahlen? Also wirft man die Bedenken recht schnell über Board, weil der Plot dann doch einiges hergibt und sowohl Claire mit ihrem schauspielerischen Können – sie ist eine der besten in der Schauspielschule –, als auch Patrick mit seiner intellektuell Art zu gefallen wissen.

Zwischendurch begegnen uns immer wieder Passagen im Drehbuchstil – das ist einerseits eine gute Idee, weil es Claires Geschichte authentischer macht; andererseits habe ich nicht ganz durchblickt, was uns der Autor damit sagen will, denn so richtig konsequent wird der Stil nicht eingesetzt. Apropos Stil: Das Buch ist durchgehend im Ich-Erzählstil gehalten, also stets aus der Sicht Claires und die Geschichte ist in drei Teile unterteilt, die alle kurze bis sehr kurze Kapitel haben. Wobei der dritte Teil für mich dann leider doch einiges an Füllmaterial beinhaltet um die Geschichte zu strecken. Da benötigt man teilweise einen langen Atem.

Das Ende ließ mich etwas ratlos zurück. Nicht dass die Geschichte nicht abgeschlossen wäre, aber mir hat dann doch etwas Hintergrund bei der Auflösung gefehlt. Delaney hat es sich durch die Ich-Erzählung etwas einfach gemacht und entscheidende Dinge dem Leser einfach vorenthalten um die Spannung hochzuhalten.

Und um noch kurz über die Charaktere zu sprechen, mit denen Claire zusammenarbeitet – der Ermittler Frank Durban und die Psychologin Kathryn Latham: völlig farblos. Latham ist von dem Fall besessen und davon überzeugt, dass Patrick der Mörder ist, das war's aber. Und wozu Frank in der Geschichte ist? No idea.

Tl;dr: „Believe Me“ von JP Delaney ist ein komplett anderes Buch als „The Girl Before“, besticht aber durch einen rasanten und klugen – ja fast intellektuellen – Plot. Das Buch beschreibt die Geschichte einer talentierten Schauspielschülerin, die nun einen Undercover-Einsatz für die Polizei absolvieren soll. Das wirkt mangels Erfahrung etwas unglaubwürdig. Dazu kommt, dass das Ende etwas seltsam wirkt und die meisten Charaktere blass sind.

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203 Bibliotheken, 11 Leser, 0 Gruppen, 81 Rezensionen

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NSA - Nationales Sicherheits-Amt

Andreas Eschbach
Fester Einband: 800 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 28.09.2018
ISBN 9783785726259
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Ich bin kein Freund von übermäßig dicken Büchern, allem was über fünfhundert Seiten hat, trete ich skeptisch gegenüber – vor allem, wenn ich den Autor nicht kenne. Bei Andreas Eschbach kommt erschwerend dazu, dass ich das eine Buch, das ich von ihm gelesen habe - „Eine Billion Dollar“ - knallhart abgebrochen habe. Nur wusste ich das nicht mehr, als ich über „NSA“ stieß, auch von der Seitenanzahl erfuhr ich erst, nachdem ich um ein Rezensionsexemplar (Lübbe hat das Buch in einem Newsletter vorgestellt) gebeten habe. Aber das Cover hat etwas ausgestrahlt, das mich angezogen hat. Ursprünglich hatte ich zwei Wochen zum Lesen des Buches eingeplant – nach etwas mehr als einer war ich fertig.

Helene ist die Protagonistin, Eugen, den wir ebenfalls im Buch begleiten, ist eher Antagonist. Der Fokus liegt aber eher bei Helene, die seit ihrer Kindheit eine Faszination für Komputer (ja, Computer mit K) hegt, weswegen sie Programmiererin – oder Programmstrickerin, wie der Beruf im Buch auch genannt wird – wird. Sie wird eine der besten im deutschen Reich, weshalb sie nach dem Schulabschluss direkt einen Elektrobrief (vulgo: E-Mail) vom Nationalen Sicherheits-Amt bekommt, einem Geheimdienst, der so geheim ist, dass ihn nahezu keiner kennt. Irgendwann lernt sie einen Mann kennen, obwohl sie nicht mehr damit gerechnet hätte, dass so etwas jemals passiert – Helene ist nicht sonderlich schön und wirkt eher wie eine graue Maus. Der Mann ist allerdings Deserteur, was die Sache ziemlich kompliziert macht.

Eugen Lettke ist der Sohn eines Kriegshelden, was ihm einen UK-Status beschehrt. Das hat nichts mit dem Vereinigten Königreich zu tun, sondern ist die Abkürzung für „unabkömmlich“ - Lettke muss also nicht an die Front und für das deutsche Reich in den Krieg ziehen. Hinzu kommt, dass er einen Arier-Status von AAA hat, er ist also ein Vorzeige-Arier – groß, blond, blauäugig. Aber der Krieg interessiert ihn ohnehin nicht; bei der NSDAP ist er vermutlich auch nur, um einen sicheren Job zu haben – und das hat er, denn er arbeitet ebenfalls beim NSA. Und da kann er alle Frauen ausfindig machen, die bei seiner Schmach damals dabei waren und kann sie denunzieren, wenn sie sich ihm nicht hingeben – die Frauen sind also im doppelten Sinne gefi**t.

Es ist schon ein verdammt interessantes Setting, das uns Eschbach hier bietet. Die Nazis aus dem Jahr 1942 mit Hitler, Himmler und Mengele, verbunden mit der Technologie des 21. Jahrhundert. Handy, Internet und Computer. Es ist zwar ein rudimentäres Internet, wo es im deutschen Raum nur ein deutsches Forum gibt und in den USA nur ein amerikanisches Forum, und das Internet heißt auch nicht Internet, sondern Weltnetz – natürlich, Nazis lassen nur deutsche Begriffe zu. Aber überwachen kann man alle, denn jeder hat eine Bürgernummer und das Bargeld wird bald nachdem die Nazis an die Macht kommen abgeschafft. Diese Aspekte – das dritte Reich und der Überwachungsstaat – haben mir das Buch schmackhaft gemacht. Dass das Buch achthundert Seiten hat, war mir innerhalb kürzester Zeit völlig egal, es hätten auch gerne mehr sein können, stellenweise habe ich mich komplett in der Geschichte verloren.

Auch dass Eschbach den zwei Hauptcharakteren fast gleich viel Raum in der Geschichte gibt – Helene bekommt dann doch etwas mehr –, ist gut so, auch wenn sich Lettke recht bald als Psycho erweist, der nur einen hochkriegt, wenn sein Erpressungsopfer vor Angst mit den Knien schlottert. Bei Helene bekommt man dazu ihre ganze Biographie geliefert; ihre Verbundenheit mit ihrem Onkel, ihre Freundschaft mit Ruth, die irgendwann weg ist, weil sie jüdische Vorfahren hat; die Beziehung zu ihren Eltern, die – im Gegensatz zu ihr und ihrem Onkel – klare Befürworter von Hitler sind und etliches mehr. Bei Lettke bekommt man vergleichsweise wenig mit – einzig sein aufkeimendes Interesse für das Ausspionieren in der Jugend bzw. die Beziehung zu seiner Mutter hat hier Relevanz.

Wenn ich das Buch an einem Genre festmachen müsste, würde ich allerdings daran scheitern. Es ist weder Krimi noch Thriller und streng genommen ist das Krimisofa der falsche Platz für dieses Buch – aber man muss auch mal über den Tellerrand blicken. Ich habe bei „NSA“ eine Dystopie, Science Fiction, eine historische Geschichte, einen Liebesroman und dann doch auch ein paar Elemente, die man in jedem Thriller findet, vorgefunden. Insgesamt ist es aber einfach ein verdammt gutes Buch mit einer verdammt guten Idee.

Nicht so gut fand ich allerdings, dass Eschbach Eugen Lettke quasi nur auf männliche Stereotypen reduziert, der offenbar keine Gefühle hat, während Helene ein facettenreicher Charakter mit so einigen Gefühlen ist. Außerdem hat es mich jedes mal geschüttelt, als vom Ersten Weltkrieg die Rede ist, der im Buch von 1914 bis 1917 ging. Eschbach würde vermutlich argumentieren, dass das seine Version der Geschichte ist – faktisch ist es aber einfach falsch. Zwischendurch hat das Buch auch gerne mal ein paar Längen, vor allem wenn es technisch wird. Die Stellen habe ich gerne überflogen.

Tl;dr: „NSA“ von Andreas Eschbach ist ein facettenreicher Roman mit vielen verschiedenen Genres und einer irre guten Geschichte mit zwei Hauptcharakteren, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Bei Eugen Lettke bedient sich Eschbach aber etwas zu sehr bei männlichen Stereotypen und zwischendurch hat die Geschichte auch ihre Längen.

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244 Bibliotheken, 10 Leser, 0 Gruppen, 114 Rezensionen

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Rachewinter

Andreas Gruber
Flexibler Einband: 592 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 17.09.2018
ISBN 9783442486557
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die Rache-Reihe von Andreas Gruber hat tatsächlich erst drei Teile, obwohl mit „Rachesommer“ der erste Teil bereits 2011 herauskam, und ursprünglich auch als Standallone geplant war – es sollte also gar keine Fortsetzung geben. Danach konzentrierte sich Gruber auf sein kiffendes Genie Maarten S. Sneijder, über den in wesentlich weniger Zeit wesentlich mehr Bücher erschienen. Ich merkte auch bei mir, dass ich mich auf einen neuen Sneijder mehr freute, als auf einen neuen Pulaski. Dabei war das im Fall von „Rachewinter“ völlig unbegründet – denn der hat es in sich.

Evelyn Meyers ist Strafverteidigerin in Wien und muss sich mit dem Fall von Michael Kotten auseinandersetzen, der seinen Liebhaber getötet haben soll und nun verhaftet wurde. Kotten ist Transgender, ein Mann, der gerade dabei ist, sich zur Frau umoperieren zu lassen. Gleichzeitig stammt er aus einer reichen und mächtigen Familie – sein Vater betreibt ein Glücksspiel-Imperium. Seinen Vater hasst Michael, weil er nie damit zurechtkam, dass sein Sohn schwul oder sonst was ist – so ganz versteht er nicht, was sein Sohn ist oder nicht ist.

In Leipzig hingegen lebt und arbeitet Walter Pulaski im Kriminaldauerdienst. Er trifft auf den Fall des Mannes, der in einem Motel eine Schere im Ohr stecken hat. Ein Unfall sagen alle inklusive der Gerichtsmedizin – er bezweifelt das. Die fehlenden Leichenflecken, die viel zu blasse Haut und Blutspuren in der Unterhose sprechen deutlich gegen einen Unfall. Aber in seiner Position kann er nichts ausrichten – zumindest nicht offiziell.

Es gäbe noch wesentlich mehr Charaktere die wichtig sind. Zum Beispiel Pulaskis Tochter Jasmin, oder deren Freundin Nina, oder Flo, der neue Assistent von Evelyn, der ausgebildeter Polizist ist und nun Rechtswissenschaft studiert, aber davor auch schon Sanitäter war – ein Tausendsassa eben; oder für die Österreicher unter euch: ein Wunderwuzzi. Aber das alles würde zu weit führen, die Basics müssen reichen.

Ich sage es ganz ehrlich: ich habe null, also wirklich gar keine Erinnerung an die zwei Teile vor „Rachewinter“, und das, obwohl die Täter im Epilog sogar namentlich erwähnt werden – aber das ist auch nicht nötig, denn das Buch kann man auch guten Gewissens lesen, ohne „Rachesommer“ oder „Racheherbst“ gelesen zu haben. Und das Pendant zum Epilog, nämlich der Prolog, macht gleich direkt Bock aufs Buch. Wir haben Sex, Gewalt und Voyeurismus. Ich bin, wie schon oft geschrieben, kein großer Freund von Prologen, aber wenn man direkt danach einen Spannungsbogen hat, dann hat der Autor auch mich – und Gruber macht das wirklich mit einer Bravour.

Danach begegnen wir einem interessanten und in diesen Zeiten wirklich wichtigem Thema, nämlich Transsexualität. Andreas Gruber hat dem Krimisofa in einem Interview verraten, dass es in „Rachewinter“ ein neues „Thema (gibt), dass ich noch nicht bearbeitet habe“. Er hat dabei wirklich akribisch recherchiert, was man auch in der Danksagung merkt, und er bringt dem Leser dieses Thema gut, und auf eine Weise nahe, dass es jeder versteht, .

Was man merkt, ist, dass im Wiener Erzählstrang Lokalkolorit wesentlich präsenter ist, als im Leipziger Strang. Beim Sprachgebrauch herrscht allerdings Parität zwischen den zwei Städten – in Wien herrscht tendenziell österreichischer und in Leipzig deutscher Sprachgebrauch.

Insgesamt begegnet uns jene hohe Qualität, die wir von Gruber gewohnt sind. Wir haben Spannung von Anfang bis Ende, kantige, sympathische und weniger sympathische Charaktere – und am Ende haben wir einen ausführlichen und nicht unblutigen Showdown. Einzig etwas zu zufällig finde ich, dass Pulaski und Meyers so oft durch denselben Fall aufeinandertreffen – aber alles in allem ist „Rachewinter“ wesentlich besser als ich erwartet hätte. Einmal angefangen zu lesen kann man kaum aufhören zu lesen – das hört man oft und erlebt man selten, aber hier trifft es definitiv zu. Gruber legt mit jedem seiner Bücher die Messlatte noch höher.

Tl;dr: „Rachewinter“ von Andreas Gruber ist ein rasanter und packender Thriller mit einer überaus interessanten Thematik und kantigen Charakteren. Gruber schafft es schon innerhalb der ersten Seiten, einen Spannungsbogen aufzubauen, an dem sich der Leser von Anfang bis Ende festhält. Die Thematik der Transsexualität ist ausgezeichnet recherchiert und wird dem Leser verständlich nähergebracht. Der Showdown ist ausführlich und kommt nicht ohne Blut aus.

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Glorreiche Ketzereien

Lisa McInerney , Werner Löcher-Lawrence
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Liebeskind, 25.06.2018
ISBN 9783954380916
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein Leben kann sehr schnell zu Ende sein. Zack, eins über den Schädel gezogen und schon wird es dunkel für den Rezipient. Andererseits kann ein Leben verdammt lange sein, Menschen kämpfen mit den übelsten Krankheiten gegen den Tod und widersetzen sich Jahr für Jahr. Doch am Ende bekommt der Sensenmann uns doch alle – jeden von uns. Und dann kommen wir in den Himmel, oder die Hölle; oder verrotten einfach nur in einer Holzkiste unter der Erde. Was auch immer passiert, Lisa McInerney hat ein Buch geschrieben, in dem es um Mord, Moral und etliche andere Dinge geht.

Ryan ist der Sohn von Tony Cusack und Bruder von fünf Geschwistern. Sein Vater war fleißig – nicht nur, was die Kinderzeugung betrifft. Er trinkt auch gerne und kennt Jimmy Phelan, der jetzt seine Hilfe benötigt, denn in der Wohnung dessen Mutter Maureen liegt eine Leiche, die wegmuss. Na, habt ihr noch den Überblick? Moment, es geht noch weiter, denn da ist noch Georgie: Prostituierte, Drogensüchtige und auf der Suche nach Robbie, bei dem sie wohnt und der plötzlich wie vom Erdboden verschluckt ist. Die Drogen besorgt ihr Ryan, der gerade mal fünfzehn ist und seine erste Freundin – Karine – hat. In der ersten von vielen Szenen hat er einen ziemlich verfrühten Samenerguss – vom Drogendealen hat er zu der Zeit mehr Ahnung.

Es war zu Beginn eine on/off-Beziehung, die mich mit dem Buch verband, eigentlich sollte es bei [Vorschau #11] dabei sein, ist aber kurz vor deren Erscheinen rausgeflogen. Das Cover ist nicht gerade ansprechend – mehr shabby als shiny;–, und repräsentiert so gewissermaßen den Inhalt. Nicht das dieser nicht ansprechend wäre, aber doch speziell; ohne richtigen Hauptcharakter, ganz zu schweigen von Protagonisten – ein Buch voller Antihelden trifft es eher. Ich war anfangs wirklich geneigt, dieses Buch abzubrechen, doch andererseits war es doch interessant. Verlage sind immer auf der Suche nach Autoren mit einem außergewöhnlichen Schreibstil, mit einem Schreibstil, der sich vom Einheitsbrei abhebt – der Liebeskind Verlag hat mit „Glorreiche Ketzereien“ den Jackpot geknackt, denn ein solches Buch, so weit vom Mainstream weg, wie es nur geht, habe ich tatsächlich noch nie gelesen. Voller Innovationen, voller Überraschungen. Aber eines sei auch gesagt: schön ist das Kind zwar einigermaßen, aber lieb sicher nicht, denn alle, wirklich jeder Charakter, der in dem Buch auftritt, hat Dreck am Stecken.

Lange sucht man in diesem Pulk an Charakteren den einen, den Hauptcharakter – Tony? Nein. Maureen? Jaaaa, nein, nicht wirklich. Also schon irgendwie, aber, hm, eher nein. Gut, weiter – Jimmy? Nope. Georgie? Auch irgendwie, aber dann doch nicht so ganz. Tatsächlich ist Ryan, der Schnellspritzer, der Charakter, der die Geschichte irgendwann an sich reißt. Und auch im Bett macht er sich irgendwann, klar, er hat ja auch genug Zeit, der Plot geht über mehrere Jahre in denen man beobachten kann, wie Ryan heranwächst, um schließlich erwachsen zu werden. Zwischendurch gibt es immer wieder kursive Kapitel, die zumeist sehr emotional sind und aus der ersten Person Ryans erzählen.

Die Geschichte bietet einiges; Fellatio und Cunnilingus, Sakrileg und Skapulier – und einen Nachbarschaftsstreit, der irgendwann eskaliert. Neben Sex und Drogen spielt auch die Kirche eine große Rolle, vor allem Maureens Zerrissenheit zwischen Schuld und Glaube. Sie sieht den Geist ihres unabsichtlichen Mordopfer immer in ihrer Wohnung herumgeistern, was ihr nicht ganz geheuer ist – aber sie findet einen Weg, damit umzugehen. Damit, und mit ihrer inneren Zerrissenheit.

McInerney hat einen guten und düsteren und äußerst maskulinen Schreibstil, was man vor allem am Vokabular merkt, das teilweise sehr vulgär ist. Das Buch ist allerdings weit weniger lustig als ich erwartet hätte – das Buch wurde mir als „bitterböse (Krimi)Komödie“ beschrieben –, oder es trifft nicht mein Humorzentrum.

Teilweise verliert man  sowohl beim Plot als auch bei den Charakteren die Übersicht. McInerney springt teilweise in den Zeiten hin und her, was zwar selten vorkommt, aber umso verwirrender ist. Charaktere tauchen zwei, drei mal auf und beim dritten Mal weiß man gar nicht mehr, wer das jetzt nochmal war. Dadurch, dass sich die Geschichte über mehrere Jahre zieht, wirkt sie teilweise inkohärent. Und der Schreibstil ist stellenweise sehr zäh, von der Spannung gar nicht zu sprechen; was ich aber nicht der Autorin anlasten will, das kann auch an der Übersetzung liegen. Alles in allem ist „Glorreiche Ketzereien“ aber wirklich sehr außergewöhnlich und ich bin froh, es doch beendet zu haben, auch wenn es nicht zu hundert Prozent meinen Geschmack trifft. So richtig will McInerneys Debüt auch nicht ins Krimigenre passen, dafür aber in viele andere. Das Feuilleton feiert – ich halte mich eher zurück.

Bewertung für den Showdown entfällt, weil es so etwas in der bewährten Form nicht gibt.

Rl;dr: „Glorreiche Ketzereien" von Lisa McInerney ist ein zwar kein wirklicher Krimi, dafür aber weit weg vom Mainstream. Ein Buch, so vielschichtig und mit so vielen interessanten Charakteren, dass man sich erst eingrooven muss. Ein Buch ohne Protagonisten und voller Antihelden; und dennoch schließt man sie irgendwann ins Herz - was ist da schon Mord, Drogenhandel oder Prostitution? Dennoch hat das Buch auch einige Schattenseiten; man fliegt nicht gerade durch die Geschichte und verliert auch öfter mal den Überblick

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Der Kreis des Bösen

Rhena Weiss
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 20.08.2018
ISBN 9783442485796
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Rhena Weiss gehört mittlerweile zu den Autoren, die ich wirklich gerne lese. Die Charaktere sind sympathisch und liebevoll gezeichnet, und die Fälle sind wohl überlegt und gut konstruiert. Über ihr zweites Buch in der Baltzer-Reihe - „Gottes rechte Hand“ - bin ich völlig zufällig gestolpert, und auf den Nachvolger habe ich mich lange gefreut. Es sei noch dazu gesagt, dass dies der dritte Teil einer Serie ist. Man muss die Vorhergehenden nicht zwingend gelesen haben, schlecht wäre es aber trotzdem nicht. Ich hab den ersten Teil bis heute nicht gelesen und weiß auch, dass ich ihn nicht mehr nachholen werde – es kommen einfach zu viele Bücher heraus. Dennoch bin ich mit „Der Kreis des Bösen" gut zurecht gekommen.

Michaela Baltzer steht vor einer – nein, mehreren – Herausforderungen. Denn was zunächst wie ein einfacher Mord aussieht, entwickelt sich zu ihrem bisher größten Fall,. Dazu kommt, dass Matthias, der neue Kollege, nicht nur ein Grünschnabel ist, sondern ein unsympathischer Grünschnabel, der irgendwann ins Team des sexistischen Gernots wechselt, weil er für Prostituierte – ob tot oder lebendig – nichts übrig hat. Na gut, denkt sich Michaela, zu Gernot passt er ohnehin besser. Blöd nur, dass die Teams im späteren Verlauf zusammengelegt werden, weil der Fall Ausmaße annimmt, mit denen keiner gerechnet hat.

Denn im Internet findet ein Wettkampf zwischen Prometheus und Mephisto statt – den zwei Tätern im Buch. Das erfährt man als Leser schon früh und versteht, warum der Fall so verzwickt ist. Die zwei Antagonisten versorgen sich dabei mit den Fotos „ihrer“ Leichen und rühmen sich damit. Die zwei kennen sich aus dem Soziopathen-Forum „Der_Kreis_des_Bösen“ und sind im ständigen Austausch. Prometheus nimmt dabei die Rolle des Schülers ein und Mephisto die des erfahrenen Lehrmeister. Immer wieder bekommt man mit, wie sich die zwei immer weiter hochstacheln und sich neuen, größeren Herausforderungen stellen – die Morde selbst bekommt man als Leser allerdings nicht mit.

Anfangs wirft Rhena Weiss alles über den Haufen - „Herr Ober, einmal tabula rasa mit Schuss bitte“ -, Valerie ist (mehr oder weniger) weg, Doris ist weg, Bernd ist weg, Matthias, der Neue, ist da – als hätte sie den Reset-Button gedrückt. „Warum??!!“ will man als Leser da einfach nur schreien. Es hat doch alles gepasst im letzten Teil: das Verhältnis zwischen Michaela und Valerie war erfrischend, die toughe Doris war sympathisch, und Bernd – naja – war halt auch da. Aber Geduld, später fügt sich wieder alles. Und dennoch fragt man sich, warum das Ganze? Das hinterlässt dann doch einen seltsamen Eindruck.

Das Gute daran ist, dass wir dadurch neue Charaktere kennenlernen – unter anderem Gernot Königberg, jener Kollege Baltzers, den aufgrund seiner – nun – „einfachen" Art, keiner mag, ja wahrscheinlich nicht mal er selbst. Es muss eine gröbere Herausforderung für Rhena Weiss gewesen sein, sich in so einen Charakter zu versetzen, zumal Baltzer das exakte Gegenteil von ihm ist – manchmal ist sie sogar politisch zu korrekt.

Die Idee für den Fall ist aber grandios – ein Mordwettstreit zwischen zwei Soziopathen – wow. Und ebenso die Konstruktion, die ständig wechselnden Perspektiven zwischen Polizei und Mörder, zwischen gut und böse – das hat schon was und erzeugt eine stimmige Atmosphäre; auch wenn manch technische Feinheiten, die uns begegnen, nicht immer korrekt sind (zwei Firewalls auf einem PC, wie sie einer der Mörder hat, sind eher kontraproduktiv). Aber das verbuche ich mal unter künstlerischer Freiheit.

Leider ist die Auflösung aber schon relativ früh zu erahnen, was ich dann doch etwas schade fand. Auch habe ich nicht ganz verstanden, welches Kommunikationsmedium die zwei Täter, die ja ständig in Kontakt sind, nun benutzen – großteils ist von E-Mail die Rede, gegen Ende dann von persönlichen Nachrichten, was bei einem Forum wesentlich logischer wäre.

Am Ende gibt es allerdings noch einen besonderen Knaller, der mich jetzt schon auf den nächsten Teil neugierig macht – falls einer kommt.

Tl;dr: „Der Kreis des Bösen“ von Rhena Weiss ist ein Psychothriller mit einer grandiosen Idee und einer sehr guten Konstruktion. Dass die Autorin anfangs einiges über den Haufen wirft, ist zwar schade, tut der Spannung aber keinen Abbruch – zumal sich später alles wieder fügt. Schade ist nur, dass der ganze Fall relativ früh zu durchschauen ist.

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Ein Teil von ihr

Karin Slaughter , Fred Kinzel
Fester Einband: 544 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 01.08.2018
ISBN 9783959672146
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Andreas einunddreißigster Geburtstag verändert ihr Leben. Als sie mit ihrer Mutter in einem Diner sitzt, kommt ein Mann, läuft Amok und tötet zwei Menschen. Dann will er Andrea töten, doch ihre Mutter stellt sich in den Weg und sagt „Erschieß mich“ - am Ende ist der Mann tot. Laura, Andreas Mutter, hat ihm die Kehle durchgeschnitten. Auf einem Handyvideo, das einer der anderen Diner-Besucher gemacht hat, sieht Andrea Entschlossenheit in Lauras Blick. Nachdem die Polizei sie vernommen hat, sagt Laura zu Andrea, dass sie sofort weggehen soll. In einen anderen Bundesstaat. Sie darf erst wieder kommen, wenn Gras über die Sache gewachsen ist. Andrea gehorcht und fragt sich, wer ihre Mutter eigentlich ist. Auf ihrer Reise lernt sie die andere Seite ihrer Mutter kennen und kann es nicht fassen …

Die Welt ist eine Bühne, wir sind die Schauspieler und schlüpfen in verschiedente Rollen. Wir spielen Ärzte, Verkäufer, Vater, Mutter oder Blogger – doch wer sind wir wirklich? Unseren Eltern treten wir anders gegenüber als unseren Chefs. Privat versus Professionell. Verschiedene Rollen. Karin Slaughter spielt in „Ein Teil von ihr“ mit diesem Thema und bedient sich dabei einer extremen Welt.

Andrea ist wie oben geschrieben einunddreißig. Sie hat Theaterwissenschaft in New York studiert, hatte eine Affäre mit einem ihrer Professoren, der ihr eine Stelle in der Nähe des Broadways besorgt hat; den Brettern, die ihre Welt bedeuten – bedeutet haben. Nach sechs Jahren New York ging sie nach Belle Island, was am anderen Ende der USA liegt. Ihre Mutter hatte Krebs, was der Grund für ihren Umzug war. Den Krebs hat Laura überlebt, doch Andrea blieb und arbeitet heute in der Notrufzentrale der örtlichen Polizei. Das was ihr bis jetzt über Andrea gelesen habt, könnt ihr sofort wieder vergessen, weil es in der restlichen Geschichte überhaupt keine Rolle spielt. Was wichtig ist, ist, wie Andrea den Rauswurf ihrer Mutter verarbeitet, wie sie damit umgeht und was sie daraus macht. Andrea ist ziemlich nah am Wasser gebaut und bekommt kaum den Mund auf, wenn sie Informationen bekommen will – was allerdings auch eine traumatische Reaktion vom Amoklauf sein könnte, wir wissen es nicht. Andrea ist vielleicht die Protagonistin, die Hauptcharakterin ist aber zweifelsohne ihre Mutter, obwohl diese nur zu Beginn und am Ende der Geschichte auftritt.

Zwischendurch schickt uns die Geschichte immer wieder zurück ins Jahr 1986, wo eine anarchistische Zelle die Welt verändern will. Wie das in die restliche Geschichte passt, kann man zu Beginn nicht ahnen, später wird dieser Erzählstrang aber wesentlich besser als der über Andrea.

Karin Slaughter steht schon länger auf der Liste jener Autoren, die ich lesen wollte. Bei „Die gute Tochter“ war ich kurz davor, es mir zu besorgen, doch dann kam ein anderes Buch dazwischen – jetzt war es aber soweit. Und schon der Einstieg ist irre rasant, bereits im ersten von gar nicht mal so vielen, dafür unverschämt langen Kapiteln, fließt das Blut in Strömen – aber was erwartet man anderes als ein Gemetzel beim Namen Slaughter? Eben. Was mir auch gut gefallen hat, war die Perspektive. Wir nehmen nämlich nicht die Rolle der Mutter, sondern die der Tochter ein – denn Andrea ist bezüglich ihrer Mutter ja komplett ahnungslos. Und so deckt sie nach und nach ihre Geschichte auf und macht dabei selber einen Wandel von der verschüchterten Andrea zur selbstbewussten durch. Andrea wird übrigens durchgehend Andy genannt. Den Grund dafür kann man nach und nach erahnen

Nach den ersten Kapiteln, die, wie geschrieben, irre rasant sind, gestattet uns Slaughter eine Verschnaufpause, denn wir reisen zweiunddreißig Jahre zurück. Dort ist es zunächst emotional und später nimmt die Zeitreise auch noch politische Züge an. Später nimmt die Handlung aber wieder an Fahrt auf. Insgesamt finde ich Slaughters Schreibstil sehr gut, zwischendurch bringt sie uns sogar zum lachen.

Das Einzige, was mich wirklich gestört hat, war die Kapitellänge. Teilweise gehen sie wirklich über vierzig, fünfzig Seiten, noch dazu ohne Absätze – eine halbe Stunde hinsetzen und ein paar Kapitel lesen ist nicht drin. Aber das ist wohl Slaughters Stil. Man muss sich wirklich Zeit nehmen oder sehr schnell lesen. Gegen Ende könnten ein paar Logikfehler drin sein, aber da bin ich mir nicht hundertprozentig sicher. Andrea bekommt am Ende einiges erzählt, von dem ich mir nicht sicher bin, ob sie – aufgrund fehlendem Vorwissen – alles nachvollziehen kann. Es wirkt eher wie ein Service für die Leser.

Alles in allem ist „Ein Teil von ihr“ ein sehr gutes Buch und es wird nicht mein letzter Slaughter gewesen sein – ich habe im wahrsten Sinne des Wortes Blut geleckt.

Tl;dr: „Ein Teil von ihr" von Karin Slaughter ist ein rasanter und mitunter ziemlich brutaler und blutiger Thriller, dessen Hauptcharakter von der ersten bis zur letzten Seite zwar ständig über allem schwebt, aber nur selten in der Geschichte auftritt. Die Protagonistin hingegen ist eine verschüchterte – möglicherweise traumatisierte – Frau, die nach und nach die Vergangenheit ihrer Mutter aufdeckt und dabei selber einen Wandel durchlebt.

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43 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 17 Rezensionen

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Perfect Girlfriend - Du weißt, du liebst mich.: Roman

Karen Hamilton
E-Buch Text
Erschienen bei Blanvalet Verlag, 01.06.2018
ISBN 9783641211677
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Wäre es nicht schön, in die Köpfe von anderen zu sehen? Vermutlich nicht. Wir würden Abgründe sehen, die wir nicht sehen wollten; Perversionen, die wir nicht für möglich gehalten hätten. Und schon gar nicht wollen wir, dass andere Leute in unseren Kopf sehen können – denn vielleicht haben wir ja selber Abgründe, die wir selber gar nicht für so schlimm halten. Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung. Karen Hamilton lässt uns in „Perfect Girlfriend“ in den Kopf ihrer Pro- oder Antagonistin – was, das muss jeder selbst entscheiden – blicken und lässt uns an deren Leben teilhaben.

Juliette heißt mit erstem Namen Elizabeth, doch damit ihr Plan funktioniert, benutzt sie als Flugbegleiterin ihren Zweitnamen. Und ihr Plan, der ganz präzise und minutiös geplant ist, besagt, dass sie ein Jahr nach der Trennung von Nate, wieder mit ihm zusammen sein wird. Nicht früher, nicht später. Dann hatte er ja wohl genug Freiraum und dann ist sie wieder an der Reihe. Juliette – oder Elizabeth – checkt immer den Facebook-Status von Nate – oder den von Bella. Mit Bella ist sie in die Schule gegangen und hat stets zu ihr aufgeschaut. Zu der Schönen, die immer die Hauptrollen im Schultheater bekommen hat. Juliette wollte immer mit ihr befreundet sein und ein Stückchen ihres Fames abhaben. Doch Bella hat sie nie be-, sondern immer verachtet – sobald sie wieder mit Nate zusammen ist, hat Bella gar keine andere Wahl mehr.

Wir tauchen also in die Psyche eines wirklich, wirklich kranken Menschen ein. Nicht nur, dass Juliette in Nate vernarrt ist und nicht mal ansatzweise daran denkt, sich einen anderen zu suchen. Sie  überprüft ihn auch permanent auf Facebook und verbringt auch noch regelmäßig unerlaubt Zeit in seiner Wohnung  , wenn er seiner Arbeit als Pilot nachgeht. Dann kommt noch dazu, dass sie seit ihrer Schulzeit Bella nacheifert, einer Philanthropin, die ständig auf wohltätigen Events herumhängt oder sie selber organisiert – was sie ebenfalls von Facebook weiß. Schnell fragt man sich, ob es tatsächlich Nate ist, den sie will, oder ob er nicht nur Mittel zum Zweck ist, um in eine gesellschaftlich höhere Schicht aufzusteigen.

Denn Juliette kommt aus einer unteren Schicht, ihre Mutter – die relativ früh im Buch stirbt – hat sich regelmäßig die Kante gegeben. Und ihr jüngerer Bruder, William, ist tragisch ertrunken, woran sich Juliette die Schuld gibt, weil sie auf ihn aufpassen sollte. Das erfahren wir bereits im Prolog und der Unfall liegt mehr als ihr halbes Leben zurück. Damals war sie zehn, heute ist sie Ende zwanzig. Da bekommt man ein Gefühl für die Psyche von Juliette, denn das, und die ständige Zurückweisung von Bella an der Schule – so etwas prägt einen Menschen und da ist so eine Entwicklung zumindest vage nachvollziehbar. Juliette will die Anerkennung, die sie von ihrer Mutter nie bekommen hat, und die Sicherheit, die sie ihrem Bruder damals nicht geben konnte – beides sucht sie bei Nate und Bella.

Aber natürlich agiert sie reichlich verrückt, um ihr Ziel zu erreichen, da muss man nichts beschönigen, und Karen Hamilton treibt es auch auf die Spitze und das ist das Salz in der Suppe – wenn ein Plan nicht funktioniert, drückt sie Juliette den nächsten, noch extremeren Plan in die Hand, und das macht das Buch auch so bemerkenswert, so gut. Dass sie uns ihre Geschichte auch noch aus erster Hand erzählt, der Leser also die Rolle von Juliette einnimmt, macht das Ganze noch extremer und zeitweise rollt man nur mehr mit den Augen und denkt sich „weist mal bitte wer diesen Trampel ein?!“.

Dadurch, dass Hamilton selber Flugbegleiterin war, erfährt man natürlich einiges an Hintergrundwissen zum Beruf und teilweise auch einige Funfacts.

Aber das mit Abstand schwächste an dem Buch sind ausgerechnet die Flug-Passagen, die ich großteils nur langweilig fand. Dazu kommt, dass ich doch so hundert bis hundertfünfzig Seiten benötigt habe, bis ich in der Story drin war. Das Ende ist ebenfalls etwas seltsam – als hätte Hamilton all ihre Ideen abgearbeitet und dann gesagt „so, fertig". Man kann es aber sicher auch anders interpretieren. Alles in allem ist „Perfect Girlfriend" aber ein ziemlich anständiges Debüt.

Tl;dr „Perfect Girlfriend“ von Karen Hamilton führt uns in eine Welt, die man nicht sehen will. Aber trotzdem will man wissen, wie dieses Buch endet. Mit einem Hauptcharakter, bei dem man von Anfang an merkt, dass er ein größeres psychisches Problem hat, welches ich zumindest ansatzweise nachvollziehen konnte, was die Autorin aber auch maßlos und geschickt auf die Spitze treibt. Das Ende und einiges davor fand ich aber schwach.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Gnädig ist der Tod

Gerhard Langer
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 16.07.2018
ISBN 9783442487196
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Oberstleutnant ist in Österreich der zweithöchster Dienstgrad bei der Verwendungsgruppe E 1 „Leitende Beamte“ in der Exekutive. Höher ist nur der Oberst, der nonchalant mit „Obst“ abgekürzt wird. Oberleutnant wird mit „Obstlt“ abgekürzt, was hingegen so klingt, als hätte man zu viel gegärtes Obst konsumiert und wäre an der Aussprache des Wortes „Oberstleutnant“ gescheitert. Was uns zu unserem Protagonisten führt, der früher mal ein schwerwiegenderes Alkoholproblem hatte, bevor er von einem Fall buchstäblich gerettet wurde, der ihn bis heute verfolgt. Michael Winter ist Oberstleutnant bei der Wiener Polizei. Im Prolog vernimmt er gerade eine zweifache Mörderin – der Fall findet jedoch nur am Rande der Handlung statt. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Mord eines ehemaligen Politikers, der wortwörtlich ausgeblutet wurde; neben der Leiche wurde eine Tasse mit Blut abgestellt.

Der erste Satz des Buches klingt wie ein Statement, macht direkt Lust auf mehr – erst nach đem Prolog kommt die Ernüchterung, dass Winter den Fall abgibt und es um einen ganz anderen Fall geht. Das ist zwar schade, aber der neue Fall ist nicht minder brisant. Es wird sehr politisch, mehr als ich erwartet hätte – als ehemaligen Politikwissenschaft-Studenten holte mich das aber ab. Dazu kommt, dass Langer einen schnörkellosen Schreibstil hat und nicht mit Kraftausdrücken geizt, was ich erfrischend finde, weil es eher der Wiener Mentalität entspricht als wenn man solche Wörter ausspart. Die Sprache ist allerdings komplett hochdeutsch, da handhabt er es wie sein Autorenkollege Andreas Gruber, dessen Bücher teilweise auch in Wien spielen. Die Lokalkolorit entspricht eher der von Beate Maxian, allerdings hält im Gegensatz zu Maxian etwas zurück – als Wiener erkennt man Straßen und Orte, wenn man nicht aus Wien kommt, macht es aber auch nichts.

In der Danksagung findet sich der bekannte Satz „Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden“ - der hat meistens auch seine Berechtigung, nur Langer nehme ich ihn nicht ganz ab. Denn bei den Personen – allen voran dem Opfer – habe ich einige Parallelen zu einer realen Person aus dem öffentlichen Leben entdeckt; er ist übrigens nicht der einzige Charakter bei dem es so ist. Auch die Tageszeitungen haben nur einen geringfügig anderen Namen als ihre realen Pendants. In einem Interview habe ich diesbezüglich nachgehakt.

Beim Plot ist Langer allerdings wesentlich kreativer und er lässt seinem Protagonisten genügend Freiraum, um über den Tellerrand zu blicken, was vermutlich auch Langers Naturell als Akademiker entspricht – zwischendurch merkt man auch immer wieder theologische Einflüsse. Es ist jedoch bei weitem nicht so, dass man mit Religion erschlagen wird. Genau so wie beim Showdown niemand erschlagen wird. Dieser kommt völlig ohne Peng, Klatsch und anderem Brimborium aus und geht sehr sachlich und zivilisiert über die Bühne, was mich an „In deinem Namen“ von Harlan Coben erinnern ließ. Alles in allem ein solides Krimi-Debüt, das Lust auf mehr macht.

Langer erfindet das Rad allerdings nicht neu. Klar, manches hat man in dieser Ausprägung von den bekannteren Österreichern oder anderen Autoren noch nicht gesehen, zum Beispiel die vielen Kraftausdrücke – aber Langer wird damit keine Revolution anstoßen. Dennoch liest sich das Buch sehr gut.

Tl;dr: „Gnädig ist der Tod“ von Gerhard Langer ist ein äußerst politischer Krimi, der durch einen guten und schnörkellosen Schreibstil besticht und nicht mit Kraftausdrücken geizt. Der Hauptcharakter ist, wie der ganze Krimi, ziemlich solide und macht Lust auf mehr. Der Satz „Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden“ im Nachwort klingt aber eher wie eine Phrase, den nehme ich ihm nicht ganz ab.

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88 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 21 Rezensionen

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Final Girls

Riley Sager , Christine Blum , Todd Ritter
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 31.05.2018
ISBN 9783423217309
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

„Final Girls“ wurde mir vom dtv-Verlag zugeschickt – einfach so. Brechstangen-Marketing? Keine Ahnung. Jedenfalls war es mit keinem Gewinnspiel verbunden, was die Sache doch ziemlich sympathisch machte. Den Autor kannte ich nicht, natürlich, Riley Sager ist ein Pseudonym und „Final Girls“ ist sein Debüt. Bei einer kurzen Recherche stieß ich auf einen Artikel, in dem er mit JP Delaney verglichen wurde – beide schrieben über starke Frauen. Offensichtlich ist es der neue Shit wenn Männer solche Bücher schreiben – Riley Sager wollte es gegen Ende aber etwas zu sehr.

Quincy Carpenter ist Backbloggerin – das ist wie ein Buchblog, nur leckerer. Sie bäckt seit ihrer Kindheit, heute verdient sie ihr Geld damit, obwohl sie eigentlich genug davon hat. Für ein Interview bekam sie hunderttausend Dollar und kaufte sich eine Wohnung in einem reicheren Viertel in Manhattan. Quincy ist ein Final Girl, Final Girls werden Frauen in Horrorstreifen genannt, die ein Massaker überlebt haben – und das hat sie, nur war ihr Horrorstreifen die Realität. Vor zehn Jahren war sie mit Freunden in einer Hütte, die Pine Cottage genannt wurde – immer noch wird –, wo die Jugendlichen den Geburtstag von Quincys Freundin feierten. Dort wurden alle erstochen. Doch sie hat das Massaker überlebt und überwunden. Glaubt sie. Bis Samantha auftaucht, ebenfalls ein Final Girl. Sie will die Erinnerungen, die Quincy verdrängt hat, wiederbeleben. Das macht sie mit diversen Tests wie einem Spaziergang im Central Park um ein Uhr morgens. Oder sie füllt Quincy mit Alkohol ab und zwingt sie, Seinen Namen zu sagen – doch Quincy nennt ihn nur Er, wie eine gott-artige Figur, die über allem schwebt.

Man ist eigentlich direkt in der Geschichte, die Stimmung ist gut und passt zum Setting. Schon recht früh lenkt Sager den Leser in eine bestimmte Richtung um dann wieder davon abzukehren – doch die Stelle bleibt im Kopf und wird später relevant. Danach plätschert die Handlung lange dahin, ohne jedoch langweilig zu werden – das macht Sager geschickt. Noch nie war ein Kennenlernen – eben jenes zwischen Quincy und Samantha – interessanter. Sager baut immer wieder Elemente ein, die den Leser am Buch halten. Dennoch weiß man nie, wo er mit der Geschichte hinwill, es gibt anfangs kein direktes Ziel. Man wird zwar dazu gebracht, Samantha mit ihrer geheimnisvollen und schmallippigen Art zu misstrauen, aber das kann es nicht gewesen sein?!

Gerade bei Samantha tobt sich Sager aus, sie ist vermutlich der maskulinste Charakter in diesem Buch. Sie ist hart und tough, schlichtet Streits und riskiert selbst eine Anklage. Solche Sachen eben. Quincy hingegen ist sehr feminin mit ihrem Backblog; die, die sich nicht traut, ihrem Freund Jeff – der übrigens mehr Statist als Charakter ist – zu sagen, dass er beim Sex mal härter rangehen soll, und somit nie ein Happy End hat.

Immer wieder gibt es Rückblenden zu eben jenem Massaker in Pine Cottage vor zehn Jahren, wo sie ihre beste Freundin Janelle dazu nötigt, endlich mal Sex zu haben und ihr ein Zimmer mit Craig zuteilt – oh ja, da bekommt man direkt Bock auf Sex. Das Setting im Pine Cottage erinnert schwer an den Film bzw. (mich eher, weil ich den Film nie gesehen habe) an das PC-Spiel „Friday the 13th", das vor ein paar Jahren erschien, was die Sache sehr atmosphärisch macht.

Nun zum nicht so Guten: zu Beginn dachte ich, dass Quincy, Samantha und Lisa (ebenfalls ein Final Girl) das selbe Massaker überlebt haben, denn es ist nicht ganz ersichtlich, dass es nicht so ist (oder ich hab nicht aufgepasst, das kommt vor). Bei der Auflösung – die nebenbei bemerkt auch einem Toten Hosen Song aus den 90ern entsprungen sein könnte – macht es sich Sager aber viel zu einfach was die Charaktere betrifft. Das wirkt an den Haaren herbeigezogen und – wie oben geschrieben – etwas zu gewollt. Das hat die Stimmung dann doch etwas getrübt.

Tl;dr: In „Final Girls“ von Riley Sager herrscht eine gute Stimmung, sowohl in der Hauptstory als auch in den Rückblenden, die Sager einflechtet. Die Charaktere sind stimmig und konträr. Alles in allem macht das Buch Bock – bis auf das Ende, das ziemlich an den Haaren herbeigezogen wirkt und bei dem es sich Sager hinsichtlich der Charaktere zu einfach macht.

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75 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 15 Rezensionen

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Girl Unknown - Schwester? Tochter? Freundin? Feindin?

Karen Perry , Ulrike Wasel , Klaus Timmermann
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei FISCHER Scherz, 23.05.2018
ISBN 9783651025516
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Wer denkt, dass Karen Perry eine Autorin ist, der denkt wie ich – und liegt ebenfalls falsch. Es ist ein Autorenduo und besteht aus Karen Gillece und Paul Perry. „Girl Unknown“ ist ihr drittes gemeinsames Buch, auf das ich mich schon lange gefreut habe, weil ich in den letzten Monaten ein Faible für solche Settings entwickelt habe – weg von den hard boiled Krimis, hin zu den Thrillern, deren Spannung eher psychologischer Natur sind. Ich kannte Gillece und Perry davor nicht, aber mit „Girl Unknown“ haben sie mich überzeugt.

David ist Dozent für Geschichte an der UCD, der University College Dublin, und spätestens jetzt wissen wir auch, wo die Geschichte spielt. David ist Mitte vierzig und mit Caroline verheiratet, mit der er zwei Kinder hat, Holly und Robbie, sie elf, er fünfzehn. David ist mit Leidenschaft Akademiker und hofft, dass er bald einen eigenen Lehrstuhl bekommt. Als er von seiner späten Vaterschaft erfährt, ist er kurz verwirrt, später aber glücklich. Die Mutter kannte er vor einem halben Leben von der Uni in Nordirland, wo er einige Zeit war. Er lässt zwar einen Vaterschaftstest machen, aber eigentlich ist ihm das Ergebnis egal – er hat Zoë sofort ins Herz geschlossen.

Caroline hat das mitnichten – nicht nur weil sie nicht ihre leibliche Mutter ist, sondern weil sie ihr nicht traut. Als sie Zoë auf der Uni konfrontiert, ist das junge Mädchen flapsig und keineswegs unsicher, noch weniger schüchtern. Aber sie kann David gegenüber nichts sagen, weil ihre Ehe nach einer Affäre, die sie vor einem Jahr hatte, noch immer auf tönernen Füßen steht.

Es beginnt mit dem Prolog, in dem man einer Möwe begegnet und der auf den ersten Blick unbedeutend ist. Später kann man ihm jedoch den „Foreshadowing“-Stempel aufdrücken. Dann kommt Kapitel eins und schon werden wir vom Flügel der Möwe in die Geschichte gestoßen – die Möwe fliegt weiter, weil das Fliegen ihre Natur ist. Und der Leser liest weiter, weil – ihr ahnt es – das Lesen eben seine Natur ist. Und so lesen wir und lesen und können nicht mehr aufhören, ergötzen uns an dieser feingliedrigen Konstruktion dieser grandiosen Geschichte. Immer wieder wechseln mit jedem Kapitel die zwei Ich-Erzähler David und Caroline und erzählen uns im Nachhinein, wie sie das Leben mit der plötzlich aufgetauchten Tochter Zoë erlebt haben. Alles dreht sich in der Geschichte um Zoë, diese optisch engelhafte Erscheinung mit ihren blonden Locken und der zarten Figur – eine Harfe in die Hand und sie kann zur Geburt Jesu erscheinen.

Aber sie ist alles andere als engelhaft, oh, ist sie gerissen wie sie alle gegeneinander aufhetzt, Vater, Mutter, Tochter, Sohn. Und genau das ist das Salz in dieser Buchstabensuppe von der man noch und noch einen Nachschlag will. In Zoë steckt Schwarz und Weiß, Yin und Yang, Dr. Jekyll und Mrs. Hyde; und als Leser will man nur noch wissen, wie es endet, also blättert man Seite um Seite weiter, wühlt sich durch diese knisternde Spannung, versucht Zoës Intrigen zu durchschauen und scheitert doch daran.

Das klingt alles sehr einseitig, sehr undifferenziert, aber ich bin noch nicht fertig. Denn eines hat das Lesen anfangs doch etwas verlangsamt: nämlich die von Karen Gillece verfassten Kapitel über Caroline, in der sie uns von ihrem Familienleben und ihrer Affäre erzählt – so zäh diese anfangs im Gegensatz zu Davids Kapitel sind, so wichtig sind sie für den weiteren Verlauf der Geschichte. Und was mir auch gefehlt hat, war eine Erklärung zu Zoës Verhalten - man kann als Leser zwar mutmaßen, aber die Wenigsten von uns werden eine psychologische Ausbildung haben, um die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Was soll ich sagen? Das Buch ist einfach verdammt gut. Kudos an Gillece und Perry, die meine Erwartungen mehr als erfüllt haben.

Tl;dr: „Girl Unknown“ von Karen Perry ist ein irrsinnig packender Psychothriller, den man, einmal angefangen, nicht mehr aus der Hand legen will. Mit einer irrsinnig gut konstruierten Geschichte und einem Mädchen, das es faustdick hinter den Ohren hat, die das Salz in der Suppe ist.

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22 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 9 Rezensionen

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Die Saat des Killers

Paul Cleave , Anke Kreutzer
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Heyne, 11.06.2018
ISBN 9783453439245
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Stell dir vor, du bekommst ein Herz transplantiert, und hast danach ständig Lust auf ein Bier, obwohl du vor der Transplantation keinen Alkohol getrunken hast. Oder du bekommst eine neue Niere und willst danach Autorennen fahren, obwohl du nie den Führerschein gemacht hast. Es gibt die Theorie, dass in Körperzellen Erinnerungen gespeichert werden können. Die Theorie ist umstritten – aber nicht in der Welt der Literatur, denn Paul Cleave hat die Theorie zur Grundlage seines neuestem Buch gemacht.

Joshua ist 16 und geht auf eine Blindenschule. Sein Leben ist schwarz und das ist auch methaphorisch gemeint – denn er glaubt, dass seine Familie unter einen Fluch leidet. Seine Eltern sind beide tot, deshalb wohnt er bei seiner Tante und seinem Onkel. Da seine Eltern schon sehr lange tot sind, nennt er sie Mom und Dad. Doch jetzt schlägt der Familienfluch wieder zu und macht ihn abermals zum Halbwaisen – doch diesmal hinterlässt ihm sein zweiter etwas; nämlich seine Augen. Und so erfährt Joshua endlich, wie seine Mutter aussieht, wie Farben aussehen, er lernt lesen und will bald Autofahren lernen – doch er hat merkwürdige Träume und weiß nicht, was er davon halten, wie er damit umgehen soll.

Zum zweiten Mal nach „Zerschnitten“ wählt Paul Cleave ein medizinisches Thema. Im Mittelpunkt des Buches steht das zelluläre Gedächtnis, das medizinisch umstritten ist. Das bestätigt auch der Wikipedia-Eintrag darüber, der sehr kurz ist. Dass in dem Buch Augen transplantiert werden und blinde Menschen sehend machen, führt uns dann vollends in die Welt der Fabelwesen, denn zum Thema Augentransplantation gibt Google nichts her. Aber die Idee an sich und die Umsetzung ist grandios. Alleine wie Cleave den Protagonisten Joshua beschreibt, wenn er vom Blinden zum Sehenden wird, wirkt grandios recherchiert. Wenn er beschreibt, wie Joshua plötzlich nicht mehr nur von Formen und Gerüchen träumt, sondern von Menschen, Farben, Gegenständen – oder wie er das Fernsehen entdeckt und die Hörbücher links liegen lässt; da kann einem schon die Gänsehaut kommen, weil allein die Vorstellung, dass es so etwas geben könnte, wunderschön ist.

Zunächst lässt sich Cleave etwas Zeit mit dem Aufbau, führt neben Joshua unter anderem noch den Antagonisten Vincent ein, der der beste Freund von Simon Bower war, der nun tot ist – getötet von Joshuas Onkel-Vater Ben. Vincent heckt nun einen Plan aus, wie er nach dessen Leben trachten könnte. Das ist anfangs etwas zäh, weil Vincent davor das Leben von Simon aufarbeiten muss und dabei merkt, dass dieser ein ziemlich böser Bube war, was Vincent nicht klar war – aber nach ein paar Kapitel liest sich das Buch ziemlich flüssig und es macht ziemlich Spaß. Später stößt dann noch Olilia zum restlichen Ensemble hinzu, die sich wirklich sehr rührend Joshua – oder wie sie ihn nennt: „Junge, der früher mal blind war“ – annimmt.

Gegen Ende gibt es dann eine Sequenz, bei der ich fünf Minuten Abstand vom Buch brauchte, weil sie einerseits so schrecklich ist, und andererseits, weil es das, was darin passiert, wirklich geben könnte. Da kann man schon mal anfangen, an der Menschheit zu zweifeln. Und eigentlich wäre das für mich das perfekte Ende gewesen, denn das hätte – vermutlich nicht nur bei mir – einen enormen Nachhall hinterlassen.

Aber es geht weiter und damit verschlimmbessert Cleave das Ende leider etwas. Beim Showdown tritt der Protagonist für meine Begriffe für einen 16-jährigen viel zu souverän auf und auch generell übertreibt es Cleave etwas. Dazu kommt, dass man von ein paar Figuren nach dem Showdown überhaupt nicht mehr erfährt, was aus ihnen wurde – das macht die sonst wirklich großartige Geschichte leider etwas madig.

Tl;dr: „Die Saat des Killers“ von Paul Cleave ist ein mitreißender Thriller über ein strittiges medizinisches Thema und der Frage, ob in menschlichen Zellen Erinnerungen gespeichert werden können. Der Autor beantwortet diese sehr deutlich anhand eines grundsympathischen Protagonisten, der nach einer Augentransplantation zum ersten Mal sehen kann. Hintenraus übertreibt es Cleave allerdings etwas und macht die sonst großartige Geschichte leider etwas kaputt.

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223 Bibliotheken, 7 Leser, 2 Gruppen, 110 Rezensionen

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The Wife Between Us

Greer Hendricks , Sarah Pekkanen , Alice Jakubeit
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 15.05.2018
ISBN 9783499291173
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nellie ist 27 und Erzieherin bzw. Kellnerin. Bald tritt sie vor den Altar um den erfolgreichen – mit Betonung auf „reich“ - Hedgefond- Manager Richard zu heiraten und mit ihm in die Vorstadt zu ziehen. Das ist so unspektakulär wie langweilig – wenn da nicht Vanessa wäre, die die Hochzeit mit aller Gewalt verhindern will. Sie terrorisiert Nellie mit dubiosen Anrufen, säuft wie ein Loch und hofft, dass es ihre Tante, bei der sie seit der Scheidung von Richard wohnt, nicht bemerkt. Ihre Mutter starb vor ein paar Jahren und der Tod ihres Vaters ist noch länger her. Nellie kommt von den beiden wesentlich besser weg, denn ganz ehrlich – keiner mag alkoholsüchtige Trullas, die die jüngere und hübschere Nachfolgers ihres Ex' nachstellt. Da nützt es auch nichts, wenn sie noch so viele Psychologie-Podcasts hört, denn offenbar verhindern diese ihr frustriertes Handeln nicht.

Richard hingegen ist Vollwaise nachdem seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen. Die Erziehung übernahm danach seine Schwester Maureen. Doch das nützt nichts, denn man merkt von Anfang an, dass mit dem Hedgefond-Manager ebenfalls etwas nicht stimmt.

Man ist eigentlich sofort in der Geschichte drin. Ich bin – wie ich schon öfter geschrieben habe – kein großer Freund von Prologen, aber der in „The Wife Between Us“ gibt gleich das Tempo vor – und das ist enorm. Wenn nicht gerade Fußball WM gewesen wäre, während ich das Buch las, wäre ich in Windeseile durch gewesen – aber manchmal muss man eben Prioritäten setzen. Aber selbst dann macht es nichts, wenn man ein paar Tage nicht gelesen hat. Man ist sofort wieder drin in dieser schaurig-schönen Stimmung, die das Autorenduo hier aufbaut.

Das Buch ist in zwei Teile untergliedert, und gerade am Ende des ersten saß ich erstmal fünf Minuten da und musste mich wieder ordnen, denn am Ende stellen Hendricks und Pekkanen einfach mal alles auf den Kopf, und ich so: „Wie? Was? W.. aber d… was ist jetzt passiert?“ - kurz: ich war sprach-, fassungslos und überwältigt. Wie die Autorinnen den Leser an der Nase herumführen ist im positivsten Sinne bemerkenswert. Der zweite Teil ist ein Mix aus Retrospektive und Gegenwartsgeschichte und ein Psychothriller par excellence – wirklich herausragend konstruiert. Der Epilog hält eine ähnlich große Überraschung wie das Ende des ersten Teils bereit – hier wird die Geschichte dann komplett rund. Aber…

… aber viel Neues findet man im Plot nicht, das muss auch festgehalten werden. Nicht alles was glänzt ist Gold. Man erkennt dann doch einige Parallelen zu anderen Büchern dieses Genres. Zum Beispiel zu JP Delaneys „The Girl Before“, oder zu – ja, ich weiß, das wird bei mir in jeder dritten Rezension genannt, und nein, der btb-Verlag zahlt mir nichts dafür (warum eigentlich nicht?) ;) - Anna Georges „Was ich getan habe“, oder zu Chevy Stevenses „Ich beobachte dich“. Dennoch haben die zwei das toll gemacht – chapeau!

Tl;dr: Greer Hendricks und Sarah Pekkanen haben mit „The Wife Between Us“ einen herausragenden Psychothriller konstruiert, bei dem man sich vor allem nach dem ersten von zwei Teilen einmal neu sammeln muss, weil man kurzfristig die Welt nicht mehr versteht. Allerdings findet man einige Elemente, die man aus anderen Büchern dieses Genres schon kennt.

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48 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 28 Rezensionen

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Der Bote

Ingar Johnsrud , Daniela Stilzebach
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 14.05.2018
ISBN 9783764505882
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Manche Bücher bleiben einem nachhaltig im Gedächtnis, manchmal sogar, wenn man sie gar nicht so gut fand. Und das ist ein besonderes Qualitätsmerkmal. Mir erging es so mit „Der Hirte“, dem ersten von drei Teilen der Fredrik-Beier-Reihe. Ich fand ihn nicht sonderlich gut und habe ihn dementsprechend bewertet. Aber doch blieb etwas Positives im Gedächtnis – die Charaktere, die Stimmung und dieser außergewöhnliche Schreibstil mit dem ich zeitweise ziemlich überfordert war. Das waren die Gründe, warum ich mir den zweiten Teil - „Der Bote“ - jetzt dann doch vornahm.

Fredrik Beier kommt gerade aus dem Krankenhaus. Er wollte sich umbringen, warum, weiß er nicht, er hat die Erinnerung daran verloren. Er nahm eine Überdosis Schmerzmittel und spülte sie mit Alkohol hinunter, danach legte er sich vors Haus seiner Ex-Frau Alice. Er hat überlebt – sein Privatleben nicht. So ziemlich alle sind sauer auf ihn, vor allem seine Lebensgefährtin Bettina, die überhaupt nicht verstehen kann, warum er das getan hat, aber noch weniger, warum er sich ausgerechnet vor das Haus seiner Ex gelegt hat. Sein Sohn Jacob verkriecht sich indes in seinem Zimmer und spielt Brahms auf seiner Bratsche. Aber Life goes on, die Kriminellen nehmen keine Rücksicht auf ihn und so verkriecht sich Beier in seinen Beruf als Mordermittler. Kafa Iqbal, seiner Kollegin, geht er seit der Explosion auf Solro allerdings aus dem Weg. Doch nun müssen sie wieder an einem Strang ziehen, denn die Leiche aus der Kanalisation, die er und sein Kollege Andreas Figueras gefunden haben, hängt unmittelbar mit jener Leiche, die Kafa gefunden hat, zusammen.

Ich habe mich tatsächlich auf „Der Bote“ gefreut, das hätte ich nach „Der Hirte“ nicht gedacht. Aber man ist direkt wieder drin, der Schreibstil ist – zumindest zunächst – flott und packend – es war für mich wie heimkommen. Alles ist am richtigen Platz, oder auf einem vier besseren, und diese angenehme Schwere fand ich auch wieder vor. Mit einem schwerst depressiven Fredrik Beier, bei dem man sich fragen kann, warum er in seinem Job überhaupt eine Waffe tragen darf. Und Kafa, die orientalische Schönheit, die mit ihrer toughen Art den ein oder anderen männlichen Kollegen alt aussehen lässt. Sowie Andreas, der diesmal als besonderer Kotzbrocken auftritt – aber diese Meinung teile ich mit einigen anderen.

„Der Bote“ spielt anderthalb Jahre nach „Der Hirte“ und ist wesentlich politischer als sein Vorgänger, vor allem militärpolitischer. Was den Aufbau betrifft sieht die Geschichte genau so aus wie der erste Teil der Trilogie. Wir haben kurze, knackige Kapitel und zwischendurch immer wieder Rückblenden – die Rückblenden führen uns diesmal aber nicht so weit in die Vergangenheit. Auch diesmal haben mich die Rückblenden eher überfordert, weil man anfangs so gar nicht einschätzen kann, wie diese zum Rest der Geschichte passen – aber natürlich wird am Ende alles immer klarer. Johnsrud macht auch diesmal wieder einige Fässer auf, behandelt einige Themen – Religion, Militär, Politik, Geschichte und etliche andere –, aber diesmal werden sie wesentlich stimmiger behandelt als im „Hirten“ – zumindest wirkt es so. Und die Atmosphäre gefällt mir noch besser als bei Teil eins, die hat mich sehr an die US-Serie „The Americans“ erinnert, die in der Zeit des Kalten Krieges spielt – und genau dieses Thema spielt in „Der Bote“ eine Hauptrolle. Sonst habe ich diesmal aber keinerlei Anleihen an diversen Serien entdeckt. Vor allem das Ende ließ mich mit offenem Mund zurück – das wird definitiv noch eine Rolle spielen und ist für mich ein Grund, den dritten Teil auch zu lesen. Ich freue mich.

Was mir dennoch abermals Kopfzerbrechen bereitet hat, war diese verworrene Konstruktion der Geschichte, die es mir nicht immer einfach gemacht hat, alles nachzuvollziehen. Aber das gehört offenbar zu Johnsruds Schreibstil und macht ihn vermutlich so erfolgreich – zumindest in seiner Heimat Norwegen. Bei den Figuren hätte er allerdings etwas präziser sein können was deren Profil betrifft – vor allem bei den Rückblenden habe ich ein paar Charaktere verwechselt bzw. bin ich erst gegen Ende  darauf gekommen, dass das zwei unterschiedliche sind.

Tl;dr: „Der Bote“ von Ingar Johnsrud ist ein facetten- und themenreicher Thriller, der diesmal für meine Begriffe wesentlich stimmiger ist als dessen Vorgänger. Die Charaktere entwickeln sich weiter und Johnsrud sorgt mit der schweren Stimmung und einer Kalter-Krieg-Atmospäre dafür, dass man sich in dem Buch wohlfühlt – wenn man es gerne so hat.

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138 Bibliotheken, 6 Leser, 0 Gruppen, 48 Rezensionen

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Missing - Niemand sagt die ganze Wahrheit

Claire Douglas , Ivana Marinovic
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Penguin, 11.06.2018
ISBN 9783328101697
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die Buchblogger unter uns, die regelmäßig oder nur zeitweise Rezensionsexemplare anfordern, werden es kennen: Immer wieder landet irgendein Buch, das man nie angefordert hat, von irgendeinem Verlag im Briefkasten, oder eine Rundmail preist ein Buch an, das man schon vor dem Release als Rezensionsexemplar anfordern kann. Zu neunzig Prozent lassen mich solche Bücher oder Mails kalt. Mit „Missing“, von dem ich via Mail erfahren habe, war ein Gewinnspiel verbunden, bei dem man eine Penguin-Kaffeebechern gewinnen konnte, wenn man die Rezension am Releasetag (11. Mai 2018) auf möglichst vielen Seiten (Amazon, Lovelybooks, etc.) veröffentlichte. Auch das ließ mich kalt. Dennoch habe ich das Buch angefordert, die Rezension dazu aber weit nach dem Release veröffentlicht. Und das Buch ließ mich alles andere als kalt.

Frankie, die eigentlich Francesca heißt, ist eine von zwei Ich-Erzählerinnen. Sie kommt aus einem gut situierten Hause, denn ihre Familie besitzt mehrere Hotels und sie arbeitet selber als Hotelmanagerin in einem davon in London. Sie ist um die vierzig und mit Mike zusammen. Mike hat ihre Küche eingebaut und lebt ein völlig normales Leben. Frankie war mir von Anfang an unsympathisch – sie benutzt häufig Notlügen, hat ein veritables Alkoholproblem und weiß nicht, was sie will. Als sie in ihre alte Heimat Oldcliffe-on-sea zurückkehrt, nimmt sie eine Ration Wein mit und trinkt täglich eine Flasche davon – nach drei Tagen ist die Ration aufgebraucht. Sie mag Mike wegen seiner bodenständigen Art und dennoch trennt sie sich im Suff von ihm via SMS. Sie wünscht sich, dass er um sie kämpft und als er es tut, passt es ihr doch nicht – als Leser mag man mit ihr verzweifeln, das hat zeitweise schon borderlinesche Züge.

Und dann ist da noch Sophie, deren Erzählstrang achtzehn Jahre zuvor spielt. Sophie ist eigentlich grundsympathisch, sie kommt aus einfachen Verhältnissen und hat eine ziemlich heftige Vergangenheit. Frankie hat sie eher zufällig kennengelernt, als ihre Lehrerin sie einfach neben sie gesetzt hat. Frankie und Sophie kannten sich, seit sie sieben waren – und ihr zwei Jahre älterer Bruder Daniel steht mindestens seitdem auf Frankie. Aber Frankie wollte ihn einige Jahre später, als Jungs interessant wurden, nicht. Heute, einige Jahre später will sie ihn, oder auch nicht – wie gesagt, man mag mit ihr verzweifeln.

Erste Sätze sind bei einem Buch immens wichtig, sie sollen die Stimmung im Buch vermitteln. Manchen Autoren gelingt das gut, manchen weniger gut. Claire Douglas ist der erste Satz verdammt gut gelungen, ich war sofort in der Story drin. Ich gebe euch mal den ersten Satz: „An einem tristen Nachmittag, kurz nach dem Mittagessen, erfuhr ich endlich, dass du tot bist“ - und Stimmung. Das „du“ in dem Satz ist wichtig, denn damit ist nicht der Leser gemeint (Leser sind selten tot), sondern Sophie. Der Leser nimmt also quasi die Rolle von der Toten Sophie ein. Zumindest in Frankies Strang. Sophie erzählt in ihrem Strang über ihr Liebesleben, ihre Liebe zu Büchern und was sie sonst noch erlebt. Sophies Erzählstrang ist zunächst ziemlich unspektakulär, wird aber hintenraus immer spannender.

In der Geschichte geht es zunächst gar nicht um die Eruierung von Sophies Tod, vielmehr nimmt der geheimnisvolle Jason eine prominente Rolle ein, und der Leser weiß lange nicht, was es mit ihm auf sich hat – irgendwann erfährt man es, aber am Ende spielt das dann doch nur eine periphere Rolle. Am Ende spielt nämlich doch Sophies Tod die größte Rolle, und der weitgehend blasse Daniel – Sophies Bruder – nimmt eine immer größere Rolle ein und avanciert am Ende zum heimlichen Star der Geschichte.

Ich würde das Buch Genre-technisch nicht wie am Cover beschrieben als Thriller bezeichnen, eher als Liebesroman mit Thriller-Elementen, denn Liebe ist dann doch das vorherrschende Thema – allerdings ohne kitschig zu sein.

Etwas theatralisch fand ich das Apartment von Frankie, dessen Fenster ausgerechnet auf das Grand Pier, jenes Pier, an dem Sophie gestorben ist, gerichtet ist. Und auch die Spuk-Einlagen, wie Babygeschrei in der Nacht oder ein Gesicht am Fenster, das aussieht wie Sophies, fand ich etwas drüber, selbst wenn am Ende alles aufgeklärt wird. Alles in allem ist „Missing“ aber ein ziemlich gutes Buch mit einer guten Stimmung und mit einem Ende, bei dem man sich denkt: „Mind = blown“. Zwar kein Kaffeebecher für mich, dafür aber ein paar gute Stunden.

Tl;dr: „Missing" von Claire Douglas ist ein irrsinnig interessantes und intensives Leseerlebnis, ein Buch, bei dem man mit dem ersten Satz in der Story ist und nicht mehr raus will, weil sie so packend ist. Eine Geschichte über zwei beste Freundinnen, über Liebe, Verlust und Drohungen. Gespickt mit Grusel, der zunächst redundant wirkt, nach der Auflösung aber doch zur Geschichte passt.

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48 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 26 Rezensionen

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Die rote Frau

Alex Beer
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Limes, 21.05.2018
ISBN 9783809026761
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Alex Beer hat mit „Der zweite Reiter“ den Erfolg bekommen, den sie unter ihrem bürgerlichen Namen und einer zeitgenössischeren Serie vergeblich gesucht hat. Das Feuilleton hat das erste Buch um August Emmerich gefeiert, Beer hat einen der wichtigsten Literaturpreise Österreichs gewonnen und auch mich hat sie begeistert. Nicht nur, weil es in meiner Heimatstadt spielt, sondern auch zu einer absolut interessanten Zeit – einer völlig vernachlässigten Zeit, wie Beer dem Krimisofa in einem Interview verriet. Jetzt kam der Zweite Teil heraus, der mich allerdings nicht mehr so euphorisch zurückließ.

August Emmerich und sein Assistent Ferdinand Winter haben es in die „Leib und Leben“-Abteilung geschafft – jene Abteilung, in die Emmerich schon vor seinem letzten Fall wollte. Winter ist noch von seinen schweren Verletzungen gezeichnet, die er im „zweiten Reiter“ erlitten hatte und kann nur einen Arm nutzen. Aber mehr als Protokolle abzutippen, haben die zwei, die vom Rest der Abteilung geschnitten und hinter ihren Rücken „Krüppelbrigade“ genannt werden, ohnehin nicht zu tun. Emmerich hingegen ist vom Heroin, das er im ersten Teil gegen seine Knieschmerzen genommen hat, losgekommen. Da er von seiner Luise ausziehen musste, weil ihr Mann es wider Erwarten aus der russischen Kriegsgefangenschaft heim geschafft hat, wohnt Emmerich jetzt in einem der neuen und von der Presse gefeierten Männerlogierhäusern. Anstatt einen Mordfall zu untersuchen, müssen die zwei sich den Fall der angeblich verfluchten Schauspielerin Rita Haidrich ansehen – eine weitere Schikane ihrer Vorgesetzten. Doch über diesen Fall stoßen die zwei auf den Fall des ermordeten Wiener Stadtrats Fürst, den die restliche Abteilung bearbeitet und die auch schnell einen Täter verhaftet. Aber Emmerich ist sicher, das es der falsche ist.

Manchmal frage ich mich, ob man ein Buch nicht so gut findet, weil man in der falschen Stimmung ist, einen harten Tag hatte und deshalb nicht richtig in die Geschichte reinkommt – genau so erging es mir bei „Die rote Frau“, das ich erst gegen Ende richtig gut fand. Auch fragte ich mich, was die Sache mit dem Fluch am Anfang sollte, die so gar nicht in die Geschichte passen will – am Ende war ich dann aber schlauer, denn beim hervorragenden und historisch interessanten Showdown löst sich alles auf. Die Charaktere von Emmerich und Winter haben sich weiterentwickelt und die zwei sind sich gegenseitig wesentlich loyaler als zu Beginn von „Der zweite Reiter“, obwohl „Die rote Frau“ nicht mal ein halbes Jahr danach spielt.

Obwohl es ein völlig anderes und wesentlich politischeres Buch ist als „Der zweite Reiter“, gibt es einige ähnliche Abläufe. Zum Beispiel hat Emmerich im ersten Teil der Serie sein lädiertes Knie verheimlicht – diesmal verheimlicht er, dass er in einem Männerlogierhaus in einer drei Quadratmeter Kabine haust. Oder dass die zwei Protagonisten über einen Fall zu einen Mordfall kommen – das gab es im ersten Teil schon. Dort war es der Schleichhändler, den sie dingfest machen solltest und über den sie dann zu einem Mordfall kamen. Aber das ist wohl der Preis, den man zahlt, wenn man eine Serie schreibt.

Teilweise macht Beer es sich beim Plot zu einfach: da findet Emmerich, der kein Latein kann, ein Heft, das in  reinstem Latein geschrieben ist – „Na kloa, do kenn i wen, der mir des übersetzt" (überspitzt zitiert). Oder Emmerich wird schwer verletzt, kann sich aber keine ärztlich Behandlung leisten – Winter schickt ihn zum Hausarzt seiner Oma, der macht's gratis. Und was mir leider sauer aufstößt, ist die Vermischung von Deutschem und Wiener Dialekt. Da findet ein regelrechtes Meet & Greet zwischen „die Faxen dicke“ und „Heast Oida“ statt und das geht leider auf Kosten der sonst so hohen und abermals herausragend recherchierten Authentizität. Denn ich glaube nicht, dass es in Wien 1920 gängig war, „die Faxen dicke" oder „klauen" zu sagen. Und falls doch – mea culpa.

Tl;dr: „Die rote Frau“ von Alex Beer kann nicht ganz mit dem Auftakt der Serie mithalten, besticht aber abermals mit historisch interessanten Fakten und einem trickreichen und loyalen August Emmerich. Vor allem der Showdown wird einige überraschen, sodass man am Ende aufstehen und applaudieren möchte.

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102 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 49 Rezensionen

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In deinem Namen

Harlan Coben , Gunnar Kwisinski
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 18.06.2018
ISBN 9783442205448
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Harlan Coben nimmt in der Liste meiner Lieblingsautoren mittlerweile eine besondere Rolle ein. Früher habe ich ihn jahrelang ignoriert, wenn ich ein Buch von ihm nicht prickelnd fand. Heute warte ich sehnsüchtig auf sein neuestes., auch wenn ich sein letztes nicht so gut fand. Coben hat seinen eigenen Stil und immer ein ähnliches Thema, das das Fundament seiner Bücher bilden. Er hat eine ruhige Erzählweise und die Bücher haben nie martialische Titel, weil in seinen Büchern selten Blut fließt. Für sein aktuelles Werk müsste man eigentlich zwei verschiedene Bewertungen für zwei verschiedene Lesegruppen abgeben – aber dazu weiter unten mehr. Sehen wir uns zunächst die Geschichte näher an.

Napoleon Dumas hat, wie man am Vornamen erkennen kann, französische Wurzeln. Sein Vater starb an Lungenkrebs, was ihn einerseits zum Raucher werden ließ und andererseits zum Missionar, denn er sagt jedem, den er rauchend sieht, dass er damit aufhören soll. Das ist nicht konsequent, aber selbstlos. Nap, wie er von allen genannt wird, ist vor fünfzehn Jahren der Boden unter den Füßen weggezogen worden – einerseits starb sein Zwillingsbruder und bester Freund Leo und andererseits verschwand seine Freundin Maura. Als einzige Menschen, die ihm was bedeuten, blieben seine beste Freundin Ellie und sein Mentor Augie. Naps Charakter wirkt deprimiert, so als hätte er keinen Spaß im Leben, aber dadurch, dass wir im Buch nur ein paar Tage mit ihm verbringen, wissen wir nicht, ob dem wirklich so ist. Jedenfalls ist er Gerechtigkeitsfanatiker, der auch vor Selbstjustiz nicht zurückschreckt, wie man bereits im ersten Kapitel sieht, wo er einen Typen mit einem Baseballschläger traktiert. Das ist auch so ziemlich das einzige Mal in dem Buch, wo Nap Emotionen zeigt.

Wie oben geschrieben, müssten in dieser Rezension zwei verschiedene Bewertungen her – eine für jene Leute, die „In ewiger Schuld“ – Cobens Buch, das 2017 erschien – gelesen, und jene, die es nicht gelesen haben. Ich fand „In ewiger Schuld“ großartig, aber „In deinem Namen“ weist leider einige Parallelen mit dem Vorgänger auf. Wenn man „In ewiger Schuld" gelesen hat – und das habe ich –, fällt die Bewertung deshalb, auch wenn es schwer fällt, eher mittelprächtig aus,. Denn es wirkt, als hätte Coben „In ewiger Schuld“ genommen, ein paar Namen ausgetauscht, die Handlung etwas abgeändert und ein anderes Ende genommen. Der Hauptcharakter ist meiner Meinung nach nahezu exakt der selbe wie in „In ewiger Schuld", nur dass er ein Mann ist und Napoleon statt Maya heißt. Okay, und er ist Cop statt Pilotin, aber das ist völlig sekundär, weil er der Spur von Maura ohnehin inoffiziell nachgeht.

Eines ist noch anders: es gibt den Conspiracy Club, dem sein Bruder, Maura, der oben in der Einleitung erwähnte Rex und noch ein paar andere damals in der High School angehörten. Dieser ging dem Geheimnis der Nike-Raketenbasis nach, die hinter der Schule im Wald steht und nichts mit Turnschuhen zu tun hat. Aber auch „In ewiger Schuld“ hatte eine sehr ausgeprägte militärpolitische Komponente, nur dass ihr Coben diesmal einen persönlichen Anstrich verpasst hat, wie man es dem Vorwort entnehmen kann..

Die Geschichte ist an Naps toten Zwillingsbruder gerichtet, der Leser nimmt also gewissermaßen Leos Rolle ein, was ich dann doch ziemlich genial finde. Auch den trockenen Humor, den Napoleon hat und der immer wieder aufblitzt, finde ich großartig. Es gibt weit weniger Dialoge wie in manch anderen Coben-Büchern, was die Handlung zeitweise etwas langatmig macht. Aber ab zirka der Hälfte zieht die Geschichte an Tempo an und am Ende erwartet uns ein ruhiger und sachlicher Showdown, wobei ich mich am Ende gefragt habe, ob es nun ein Happy End ist oder nicht. Ich konnte diese Frage bis heute nicht beantworten, was dann doch wieder etwas Positives ist, weil man länger über das Buch nachdenkt. Alles in allem lässt mich das Buch dennoch mit gemischten Gefühlen zurück. Vielleicht habe ich auch irgendetwas übersehen und „In ewiger Schuld" und „In deinem Namen" hängen sogar über fünf Ecken zusammen, aber irgendwie glaube ich das nicht. Für sich betrachtet hat das Buch eine kohärente, gut konstruierte Geschichte mit einer düsteren bis depressiven Stimmung. Die offensichtlichen Parallelen mit „In ewiger Schuld" hinterlassen aber einen faden Beigeschmack. Werde ich deshalb jetzt aufhören, Coben zu lesen? Nope. Werde ich dem nächsten Coben wieder entgegenfiebern? Aber hallo!

Tl;dr: „In deinem Namen“ von Harlan Coben hinterlässt mich mit gemischten Gefühlen und müsste eigentlich mit zwei verschiedenen Bewertungen rezensiert werden. Das Buch hat einiges von seinem Vorgänger „In ewiger Schuld“, aber in abgewandelter Form und mit anderem Ausgang.

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141 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 34 Rezensionen

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DNA

Yrsa Sigurdardottir , Anika Wolff
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei btb, 09.10.2017
ISBN 9783442715756
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Island ist ein faszinierendes Land. Hoch oben im Norden Europas mit etwas mehr als 300.000 Einwohnern wurde das Land vor Hunderten von Jahren von Wikingern besiedelt. Heute sind die Wikinger ausgestorben und Island übt sich etwa in Sportarten wie Fußball – 2016 hat das Nationalteam die Europameisterschaft gerockt. Das ist, als ob der Karlsruher SC Erfolge bei der Champions League feiern würde (also eigentlich unmöglich). Etwas heikel ist das Daten in Island, denn nahezu alle Menschen sind miteinander verwandt und aufgrund der komplizierten Nachnamen-Struktur (die Nachnamen leiten sich vom Vornamen einer der Eltern ab), ist es nicht ganz so einfach, etwaige Verwandte zu eruieren. Um inzestuöse Zustände zu verhindern, gibt es eine eigene App, mit der man die Verwandtschaftsverhältnisse des jeweiligen Dating-Partners  prüfen kann – womit wir auch schon bei „DNA“ von Yrsa Sigurdadóttir wären, wo die Familie eine geradezu namensgebende Rolle spielt.

Huldar ist eigentlich normaler Ermittler in der Mordkommission von Reykjavik; dass er plötzlich Ermittlungsleiter wird, ist wie eine unbefleckte Empfängnis. Nicht nur einmal bereut der Neo-Chef, der Beförderung zugestimmt zu haben – dann kommt noch dazu, dass er Freyja bei den Ermittlungen begegnet, mit der er einen One-Night-Stand hatte und ihr dabei erzählt hat, dass er eigentlich Tischler sei und Jónas hieß. Deshalb, aber auch, weil er auch noch Sex mit der Frau seines Kollegen Rikarður hatte, nagt das schlechte Gewisse ziemlich an ihm. Denn sein Sexleben ist alles andere als gezügelt, weshalb er sich Hoffnungen darauf macht, ob ihm Freyja nicht doch noch eine Chance geben könnte. Jetzt weiß sie ja, wer er wirklich ist. Vorher muss er aber den Fall mit dem grausamen Mord lösen. Er hätte nie gedacht, dass man mit einem einfachen Haushaltsgerät wie einem Staubsauger morden könnte.

Skandinavische Autoren sind bekannt für ihre grausamen und kreativen Morde in ihren Büchern, dafür muss man nur einen Mankell oder Nesbø gelesen haben. Yrsa Sigurdadóttir, ihres Zeichens die erfolgreichste Thriller-Autorin Islands, schlägt in die selbe Kerbe. „DNA“ kommt zwar völlig ohne Blut aus, ist bei den Morden aber umso abartiger. Neben Huldar gibt es noch einige andere Charaktere, die in der Geschichte vorkommen – wenn ich jeden einzelnen hier ausführen würde, wäre die Rezension aber dreimal so lange. Einige davon bekommen von Sigurdadóttir viel Platz eingeräumt, weshalb man immer den Überblick behält. Vor allem bekommt man mit, was die Charaktere denken – und sie denken viel. Generell lässt sich die Autorin viel Zeit mit der Einführung der Charaktere, Freyja wird zum Beispiel erst nach der Hälfte näher vorgestellt. Dass einiges davon überflüssig ist, was Sigurdadóttir uns über die Charaktere erzählt, muss ich nicht extra erwähnen. In der Tat habe ich mich erst an den ausschweifenden Erzählstil gewöhnen müssen, obwohl ich Sigurdadóttir davor schon kannte, es aber ungefähr zwei Ewigkeiten her ist, dass ich etwas von ihr gelesen habe. Aber man gewöhnt sich daran und irgendwann macht diese Erzählweise sogar Spaß.

Das „Kommissar Huldar und Psychologin Freyja“ im Titel deutet darauf hin, dass die zwei gemeinsam ermitteln – dem ist aber mitnichten so, Freyja ist nicht mal in der Ermittlung involviert und arbeitet auch bei einer anderen Institution – ob das beim Nachfolger „SOG“ auch so ist, kann ich nicht sagen, vermute es aber. Was ich sagen kann, ist, dass die Befragung der kleinen Margrét, die Tochter des ersten Opfers, den Kern der Geschichte bildet. Um diesen baut Sigurdadóttir die Handlung auf.

Und das ist vermutlich auch der größte Schwachpunkt des Buches. Dadurch, dass die Befragung von Margrét lange Zeit das spannendste im Buch ist, kommt einem – oder zumindest mir – alles andere weitgehend als redundant vor. Auch ist im Buch lange Zeit die Rede von diversen IDs, auf die oben erwähnter Karl stößt und von denen nie genau erklärt ist, was das eigentlich ist. Selbst eine Google-Suche hat mir da nicht weitergeholfen. Dennoch hat dieses Buch etwas, das es mich weiterlesen ließ und ich war am Ende froh, wieder einmal etwas von Sigurdadóttir gelesen zu haben.

Tl;dr: „DNA“ von Yrsa Sigurdadóttir schlägt in die Kerbe von Mankell und anderen skandinavischen Autoren und inszeniert in „DNA" besonders grausame, gleichwohl unblutige Morde. Die Autorin hat eine sehr ausschweifende Erzählweise und lässt sich mit der Einführung der Charaktere teilweise sehr viel Zeit. Nach und nach wird es aber immer spannender.

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16 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

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Finale

Steen Langstrup , Wolfgang Thon
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Heyne, 14.05.2018
ISBN 9783453438941
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Kennt ihr Steen Langstrup? Vermutlich nicht, vermutlich kennen ihn im deutschsprachigen Raum nur Dänemark-Experten. Steen Langstrup ist Horror-Autor, und „Finale“ kam in Dänemark bereits 2011 heraus, sieben Jahre später sollen dem Buch mit einer Verfilmung Bilder verliehen werden. Aber nach lesen des Buches will ich nicht wissen, wie das Ganze bebildert aussieht, die Bilder in meinem Kopf haben mir genügt. Eines steht nämlich fest: „Finale“ ist nichts für schwache Nerven.

Agnes ist Studentin der Anthropologie, ihre Magisterarbeit widmet sie den Buschmännern in Botswana. Ihr Freund Benjamin ist Arzt und hofft auf eine Stelle im Staatskrankenhaus. Man merkt, dass Agnes gebildet ist und vermutlich aus einer höheren Gesellschaftsschicht kommt, oder zumindest vor hat, mit Benjamin dort anzukommen. Wenn er den Job bekommt, müsste sie nicht mehr in der Tankstelle arbeiten und sich nicht mehr mit Leuten wie der Tussi Belinda abgeben. Am Ende des Tages wird sie jedoch andere Sorgen haben.

Belinda ist eine andere Kategorie, sie ist Anfang 20 und steht auf Jackass-Humor, dem Agnes gar nichts abgewinnen kann, weshalb Belinda Agnes langweilig findet. Das sagt sie ihr nicht, denkt es aber. Ihre Mutter macht Belinda gerade die Hölle heiß, weil sie ihr droht, sie hinauszuwerfen, wenn sie ihren Freund Christoffer nicht in den Wind schießt. Sie versteht die Welt nicht mehr, so schlimm ist Christoffer doch gar nicht – okay, er ist vorbestraft, aber er hat bei dem Verbrechen gar nichts getan, außer seine Clique dabei gefilmt.

Das sind die zwei Hauptcharaktere in „Finale“, recht viel mehr Charaktere gibt es in dem Buch auch nicht – und selbst die zwei sind jetzt nicht das Allerwichtigste. Im Vordergrund steht die Atmosphäre, die Spannung, der Grusel. Denn davon gibt es massenhaft. Es ist nicht schwer, in die Geschichte hineinzukommen; man wird hineingeworfen und kommt dann nicht mehr raus, will auch gar nicht, man liest sich durch die sehr kurzen Kapitel und plötzlich hat man das Buch ausgelesen. Gleich zu Beginn findet extremes Foreshadowing statt – wenn man es dem Klappentext nicht entnommen hätte, man wüsste innerhalb weniger Seiten, dass etwas passieren wird.

Aber es dauert seine Zeit, Langstrup baut die Geschichte geschickt auf, setzt zunächst auf Grusel mit Luftpumpen, um dem Leser danach aber mal so richtig die Fresse zu polieren. Denn es wird brutal, verdammt brutal und blutig. So blutig, dass die Seiten fast nach Metall riechen. Auch wenn am Cover „Thriller" steht, ist es viel zu brutal für dieses Genre. Aber es gibt auch abgesehen von der Brutalität einiges zum Nachdenken, Langstrup setzt nicht nur auf Snuff, vor allem das Ende wird einige ratlos zurücklassen.  So wie der Originaltitel, der übersetzt „Alles, was sie wollte, verstand sie nicht" - darüber lässt sich schon nachdenken.

Neben dem Haupterzählstrang gibt es noch einen zweiten, beide Münden später in einen, ohne dass man es merkt – auch hier erkennt man das Genie von Langstrup, denn so nahtlos habe ich das noch nicht erlebt. Bei dem Finale, das im offiziellen Klappentext erwähnt wird und am Rande der Handlung stattfindet, erfährt man übrigens nie, um welches Finale es sich handelt – Fußball liegt zwar nahe, in dem Buch kommt aber kein einziges Mal das Wort „Fußball“ vor; genau so verhält es sich beim Wort „Weltmeisterschaft“.  Zugegeben, der Plot ist nicht der anspruchsvollste und die Charaktere nicht die tiefgründigsten, aber beides ist auch eher sekundär. „Finale" macht definitiv Spaß, wenn man das nötige Rüstzeug mitbringt.

Tl;dr: „Finale" von Steen Langstrup ist gruselig und entwickelt sich später zum Snuff in Textform. Es ist brutal, gnadenlos und nichts für schwache Nerven, macht aber dennoch Spaß wenn man auf Bücher solcher Art steht. Langstrup jagt den Leser mit seinem Schreibstil durchs ohnehin dünne Buch, dessen Ende etwas abrupt kommt.

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221 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 75 Rezensionen

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Ich beobachte dich

Chevy Stevens , Maria Poets
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei FISCHER Scherz, 25.04.2018
ISBN 9783651025523
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

In Chevy Stevens‘ Bücher stehen immer starke Frauen im Mittelpunkt. Frauen, die flüchten – vor Männern oder ihrer Vergangenheit. Manchmal beides. In ihren letzten zwei Büchern - „That Night“ und „Those Girls“ - hat sie ins Coming of Age Genre gewechselt. Es waren Geschichten, die mich zum Fan von ihr werden ließ, weil es Geschichten waren, die unter die Haut gingen, bei denen man als Leser mitgelitten hat und die anders waren, als andere Thriller. Deshalb habe ich ihr neues Buch, „Ich beobachte dich“ sehnlichst erwartet – um dann zu erleben, dass es doch nur more of the same ist.

Lindsey ist Ende dreißig und lebt in der kanadischen Kleinstadt Dogwood Bay mit ihrer Tochter Sophie zusammen. Lindsey hat eine Geschichte, die man nicht unbedingt selbst erlebt haben will. Ein Leben wie in einem Gefängnis, mit einem manipulativen, alkoholsüchtigen Kontrollfreak als Gefängniswärter – nur dass dieser ihr Mann ist, den sie aus freien Stücken geheiratet hat. Heute sitzt ihr – mittlerweile Ex – Mann im Gefängnis, nachdem er eine Frau bei einem Autounfall getötet hat – oder besser gesagt bis heute. Denn er wurde nach zehn Jahre gerade freigelassen, und Lindsey hat Angst, dass es wieder genau so werden könnte wie damals.

Sophie spielt mindestens eine genau so große Rolle wie Lindsey. Sie kennt Andrew als ihren liebenswerten Vater und hat ihn nie böse erlebt. Also beschließt die heute siebzehnjährige im Zuge eines Schulprojektes, Kontakt zu ihm aufzunehmen und schickt ihm neben Briefen auch eine Zeichnung, denn Sophie ist künstlerisch veranlagt. Nebenbei lernt sie Jared kennen, dem in der Schule alle Mädchen hinterherrennen – bis auf sie, denn er rennt vielmehr ihr nach.

Es ist dann doch irgendwie Coming of Age, was Stevens hier geschrieben hat, denn die Kapitel um Sophie sind ähnlich wichtig wie die um Lindsey, die sich immer abwechseln und uns die Geschichte jeweils aus der ersten Person näherbringen. Es sind zumeist flotte und spannende Kapitel, manchmal lässt uns die Kanadierin aber auch mal durchschnaufen und das verarbeiten, was wir gerade gelesen haben. Das Buch besteht aus drei Teilen, die alle bis auf einen im Präsens gehalten sind. Vor allem im ersten gibt es häufige Zeitsprünge zwischen Lindseys Vergangenheit und Gegenwart; in der Vergangenheit wird uns das ganze Martyrium, das Lindsey durchstehen musste, nähergebracht – in der Gegenwart erleben wir eine Lindsey, die in ihrer Selbsthilfegruppe ist oder Selbstverteidigung trainiert. Sie hat zwar einen Freund – Greg –, aber der wirkt in der gesamten Geschichte wie ein Fremdkörper.

Wie geschrieben ist die Idee für das Buch alles andere als neu – wenngleich wichtig. Häusliche Gewalt haben wir zuletzt unter anderem bei „Was ich getan habe“ von Anna George erlebt, es wird nur um den stalking-Aspekt erweitert. Dazu kommt, dass die Geschichte so durchschaubar wie ein Glas Wasser ist und selbst die Hälfte aller Plot-Twists erwartbar sind. Ich hatte nach „That Night“ und „Those Girls“, die beide ihr eigenes Thema und ihren eigenen Stil hatten, sehr große Erwartungen an „Ich beobachte dich“ – aber die wurden nicht mal im Ansatz erfüllt. Leider kam dann doch ein völlig uninspiriertes Buch heraus. Am Ende lässt Stevens auch etliche Fragen offen, die den Eindruck vermitteln, als hätte sie sich in ihrer eigenen Idee verrannt. Schade. Da wurde einiges Potential verbrannt.

Tl;dr: „Ich beobachte dich“ von Chevy Stevens bringt ein wichtiges feministisches Thema mit einer starken Message aufs Tapet, das als Unterhaltungsmedium zwar ein Stück weit zu unterhalten weiß, aber letztendlich doch nur more of the same mitbringt. Dazu ist die Geschichte durchschaubar und die Plot-Twists erwartbar.

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100 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 49 Rezensionen

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ESCAPE - Wenn die Angst dich einholt

Nina Laurin , Alice Jakubeit
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Knaur, 03.04.2018
ISBN 9783426654101
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

In den hiesigen Gefilden war Nina Laurin bis jetzt unbekannt – klar, „Escape“ ist hierzulande auch ihr erster Roman. Im nordamerikanischen Raum und in Kanada, ihrem Heimatland, kommt bereits ihr zweites Buch heraus. Wenn Laurin gerade keine Bücher schreibt, dann schreibt sie auf ihrem Blog – über ihre Bücher, oder generell übers Schreiben. Dass sie (endlich) einen Vertrag bei einem Buchverlag hat, betitelte sie darin etwa nicht in manischer Manier mit einem „Yaay, I did it!!“, sondern nüchtern mit „The 'I Have A Book Deal!' Post“. Und genau so liest sich auch „Escape“ - und trotzdem geht das Buch unter die Haut.

Lainey Moreno hat einiges durchgemacht, und das merkt man ihr an. Lainey ist 23 und vor zehn Jahren hat sie es nach dreijähriger Gefangenschaft zurück in die Freiheit geschafft. Seitdem ist sie nicht nur in psychiatrischer Behandlung, sondern auch medikamentenabhängig, denn sie nimmt wesentlich mehr als die verschriebenen Dosen – und trinkt auch mal gerne einen über den Durst. Mit Menschen kann sie nicht viel anfangen und tritt ihnen oft ungeschickt und schmallippig gegenüber. Aber wer mag es ihr verdenken, nachdem sie drei Jahre lang nur einen gesehen hat und von dem nur seinen Schwanz in Erinnerung hat, der sie penetrierte.Jetzt ist eben jenes Mädchen verschwunden, das wie ihr zehnjähriges Ich aussieht – natürlich ihre Tochter, ein Abschiedsgeschenk des Entführers, das sie nach der Geburt zur Adoption freigegeben hat. Jetzt setzt sie alles daran, sie zu finden; wegen ihrer Tochter, aber vor allem, um Licht ins Dunkel ihrer eigenen Entführung zu bringen, denn der Täter von damals wurde nie gefasst.

Die Protagonistin von Nina Laurins Debüt ist nicht sympathisch, keineswegs. Sie nimmt Drogen, ist launenhaft und weiß nicht so wirklich mit ihren Gefühlen umzugehen, verwechselt Liebe mit Dankbarkeit. Obwohl man als Leser in ihrem Kopf ist, bleibt sie unnahbar, obwohl man ihr Handeln mitbekommt, versteht man es nicht immer – fast ist es so, als lebe sie in ihrer eigenen Welt. Aber man ist als Leser zu keinem Zeitpunkt böse auf sie, und wenn doch, dann hat man doch auch Verständnis. Für ihr Denken und Handeln. Das liegt nicht nur an der Geschichte, die uns Laurin erzählt, sondern vor allem an der Atmosphäre, die darin herrscht. Denn die ist von Anfang an so dicht, dass man manchmal nicht weiterlesen kann, weil sie einen sonst erdrückt. Das spricht vor allem für die Authentizität, aber auch für die kreative Leistung von Nina Laurin. Dass die Geschichte in der ersten Person im Präsens erzählt wird, tut ihr übriges dazu.

Es gibt nur einen Erzählstrang, vom Opfer bekommt man nichts mit, und irgendwie doch. Denn Lainey wird erneut zum Opfer, wird dem ganzen Martyrium in ihrem Kopf erneut ausgesetzt – diesmal entscheidet sie sich aber proaktiv dafür, weil sie sich damals erhofft hat, dass man sich für sie genau so einsetzt. Dass ein anderer Mensch, obendrein ihre Tochter, das durchmachen muss, was sie durchgemacht hat, will sie nicht zulassen – da steckt natürlich auch eine Menge Justizkritik von Laurin drin.

Obwohl man als Leser in Laineys Kopf steckt, weiß man nicht sicher, ob man auch wirklich alles mitbekommt. In einer Szene leert sie ihr Konto, um sich von dem Geld Drogen zu kaufen, in einer anderen, späteren, Szene, hat sie plötzlich Geld für ein Motel. Ganz nachvollziehbar ist die Geschichte also nicht immer. Die Liebesgeschichte, die zwischendurch immer wieder aufblitzt wirkt ebenfalls etwas deplatziert und passt weder in den Kontext, noch zur düsteren Stimmung der Geschichte; andererseits aber sehr wohl zu dem Gefühlsdurcheinander von Lainey.

Der Showdown ist spektakulär, auch wenn der Täter, der am Ende demaskiert wird, genau die Person ist, die man von Anfang an verdächtigt. Dennoch hält das Ende ein paar kleine Plot-Twists bereit, mit denen man nicht unbedingt rechnet.

Tl;dr: „Escape“ von Nina Laurin ist ein Psychothriller mit einer dichten Atmosphäre und einer so hohen Authentizität, dass man nicht immer weiterlesen kann, obwohl man will. Die Protagonistin ist aufgrund ihrer Geschichte nicht die sympathischste, aber man kann ihre Macken und ihr teilweise ungeschicktes soziales Agieren stets nachvollziehen. Alles in allem ist „Escape“ ein mehr als solides Debüt und Nina Laurin wird einen Platz auf meiner Watchlist einnehmen.

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