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Mein Name ist Marytė

Alvydas Šlepikas , Markus Roduner , Helmut Stabe
Buch
Erschienen bei Mitteldeutscher Verlag, 01.09.2015
ISBN 9783954625352
Genre: Romane

Rezension:

Das Thema dieses recht kurzen, aber dafür umso eindringlicheren Romans ist ein deutsch-litauisches. Tja, Litauen, was weiß man schon über dieses kleine baltische Land? Ich weiß jetzt eine Sache mehr, eine Thematik, die sowohl in Deutschland als auch in Litauen in aller Aufklärung, die nach dem Zweiten Weltkrieg betrieben worden ist, wenig bis gar nicht beachtet wurde und doch das Schicksal einiger Tausend (genaue Zahlen liegen nicht vor)  Kinder betraf:

Das damalige Ostpreußen, heute Polen, trennt der Fluss Memel von Litauen. 1945 mit dem Vormarsch der Roten Armee wurde ein ohnehin schon armseliges Ostpreußen, das unter Schnee begraben lag, zu einer offensichtlichen Hölle für die dort lebenden Deutschen. Es herrschte Hunger, ganz abgesehen von der Besatzung. Viele Kinder blieben elternlos zurück, die meisten anderen konnten ihre Eltern nicht ernähren. Also schickte man sie in das benachbarte Litauen, einmal über die vereiste Memel, um dort bei den Bauern um Essen zu bitten, eventuell gegen Arbeitskraft, und es zu ihren Familien zurückzubringen. Oder gar auf dass sie in Litauen blieben und dort womöglich ein neues Zuhause fänden.

Der Roman „Mein Name ist Maryte“ erzählt die Geschichte(n) dieser Kinder exemplarisch an seinen Protagonisten, die von ihrer verzweifelten Mutter über die Memel geschickt werden oder sich auf eigene Faust dorthin aufmachen – so die kleine Renate. Ihr Bruder durfte – musste – gehen, sie geht, obgleich sie noch nicht einmal zehn Jahre alt ist, den gleichen Weg. Renate hat Glück – ein litauisches Ehepaar nimmt sie auf, und das, ohne von ihr zu verlangen, harte Arbeit zu verrichten. Sie versorgen sie gut. Renate ist für sie ein lang ersehntes Kind. Doch Renate kann nicht Renate bleiben – das Ehepaar gibt ihr den Namen Maryte. Ein typischer Mädchenname in Litauen. Ein Name, mit dem sie nicht auffällt. Ein Name, der beispielhaft steht, für all die Wolfskinder, die ähnliche oder andere Geschichten erlebt haben.

Doch ein deutsches Kind bei sich aufzunehmen, ist gefährlich – die sowjetischen Soldaten bestrafen jeden schwer, den sie dabei erwischen. Und nicht mal die eigene Schwester ist Renates neuer Ersatzmutter wohlgesinnt…

Der Autor Alvydas Šlepikas wagt sich mit diesem Buch nicht nur an ein in der Literatur noch nicht verarbeitetes Thema heran. Dieses Thema gilt es schließlich auch, auf eine ganz besondere Art und Weise zu vermitteln, denn es ist grausam und viele Szenen enthüllen die Kälte und den Hass, der den Menschen innewohnt. Auf langen Wegen durch Eis und Schnee haben Renate und ihresgleichen viel Zeit zum Nachdenken, zum Nachdenken über Dinge, die für Kinder eigentlich noch gar nicht existieren sollten.

Und Šlepikas gelingt es, diese Gedanken, diese einschneidenden und oft furchtbaren Erlebnisse auf authentisch und sehr behutsame Weise aus der Sicht der Wolfskinder zu schildern.

Noch heute gibt es Wolfskinder – solche, die sich heute (wieder) als Deutsche bezeichnen und vielleicht die verbliebenen Familienmitglieder wieder gefunden haben. Und solche, die ihr Leben lang in Litauen geblieben sind, die mit einer zerrissenen Identität leben. Für seinen Titel hat der Autor mit einigen von ihnen lange Gespräche geführt.

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91 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 26 Rezensionen

unsterblichkeit, teufel, molekularbiologie, biologie, ewiges leben

Die Unglückseligen

Thea Dorn
Fester Einband: 540 Seiten
Erschienen bei Knaus, 26.02.2016
ISBN 9783813505986
Genre: Romane

Rezension:

Unsterbliche treffen Leser vor allem in Science-Fiction- und Fantasy-Romanen. Dass sie dort öfters mal auftauchen, hängt wohl mit unserer allgemeinen Faszination mit der Idee eines ewigen Lebens und unserer Abneigung gegenüber dem Tod zusammen. Dass sie in Gesellschafts- oder Liebesromanen eher selten einen Auftritt hinlegen, könnte damit zusammenhängen, dass es der Wissenschaft eben (noch) nicht gelungen ist, den Menschen (oder sonst irgendein Lebewesen) unsterblich zu machen oder zumindest den Alterungsprozess signifikant zu verlangsamen.

Was hat also ein verrückter Physiker, der laut Wikipedia zu Beginn des 19. Jahrhunderts verstorben ist, in einem Roman zu suchen, der in der aktuellen Zeit spielt?

Die Antwort ist einfach: Autorin und Philosophin Thea Dorn beschäftigt sich in ihrem aktuellen Werk eben mit der Frage nach der Unsterblichkeit und lässt dafür kurzerhand eine historische Persönlichkeit, Johann Wilhelm Ritter, der unter anderem mit Goethe und Alexander von Humboldt verkehrte, auferstehen bzw. einfach weiterleben.

„Die Unglückseligen“ beleuchtet in Romanform sowohl die philosophischen als auch die rein wissenschaftlichen Aspekte des Alterns und der (Un-)Sterblichkeit. Das Setting: Eine erfolgreiche und kühne Molekularbiologin mit Namen Johanna reist zu einem Forschungsaufenthalt in die USA, wo sie ihre genmanipulierten Mäuse weiter züchten und immer älter werden lassen kann – um so hoffentlich auch auf das Geheimnis des menschlichen Verfalls zu stoßen und ihn zu stoppen.

Doch etwas, besser gesagt jemand, kreuzt Johannas Weg und Pläne: Johann Wilhelm Ritter, ein Mann von unschätzbarem Alter mit schwarzer Wallemähne und weißen Brusthaaren gibt der klar denkenden und pragmatischen Johanna Rätsel auf. Erst recht, als er ihr eröffnet im 18. Jahrhundert geboren worden zu sein und ein damals berühmt-berüchtigter Physiker zu sein, der vor allem mit Galvanisierungsexperimenten am eigenen Leib von sich reden machte.

Statt sich mit ihrem eigentlichen Projekt zu beschäftigen, streitet Johanna sich mit dem eigensinnigen Überbleibsel aus vergangenen Jahrhunderten herum und beginnt, sich seiner DNA statt der ihrer Mäuse zu widmen. Die Ergebnisse und all ihre Erlebnisse mit Ritter schockieren und faszinieren sie gleichermaßen.

Thea Dorns „Die Unglückseligen“ ist ein spannender Wissenschaftsroman, der auf fiktiver Ebene den aktuellen Forschungsstand in der Molekularbiologie und damit die Versuche der Forscher, das Leben des Menschen zu verlängern, darstellt.

Damit stellt der Roman ein umstrittenes Thema in den Mittelpunkt, das uns, so auch Thea Dorns Beweggrund, viel mehr beschäftigen sollte, weil es die gesamte Gesellschaft betrifft und viel schneller Realität werden könnte als wir meinen. Vor diesem Hintergrund präsentieren „Die Unglückseligen“ auch gleich zwei entgegengesetzte Meinungen zum Thema Genmanipulation und Unsterblichkeit: Johanna will die letzten drei Feinde des Menschen, Alter, Krankheit und Tod, abschaffen und hat überhaupt keine ethischen Skrupel. Ritter weiß, was Unsterblichkeit bedeutet – und findet in seinem ewig langen Leben keinen Sinn mehr. Doch die Entwicklungen im Laufe des Romans – sowohl auf der wissenschaftlichen als auch auf der emotionalen Ebene – lassen die erhärteten Positionen beider aufweichen und immer neue Fragestellungen auftauchen.

Ich habe den Roman verschlungen, auch wenn ich sonst niemand bin, den Gentechnik großartig interessiert. Eine wirklich klare Meinung habe ich dazu auch nicht – auch (noch) nicht nach der Lektüre dieses Buches. Aber es war überaus interessant, auf diese Art und Weise einen Einblick zu bekommen, auf welcher Stufe sich die Forschung dieses Fachgebiets gerade befindet und was tatsächlich schon möglich ist. Den twist, einen Unsterblichen auftauchen zu lassen, finde ich grandios und dabei eigentlich auch die logische Lösung – wer könnte die Kontraposition besser verteidigen als Ritter?

Hinzu kommt hinsichtlich Ritter natürlich noch, dass dieser auch so redet – und sich auch so benimmt – wie eben jemand der zu Goethes Zeiten gelebt hat. Die Ausdrucksweisen, die Thea Dorn meisterhaft auch in jedem wortgewandten Schlagabtausch zwischen Johanna und Ritter wechseln lässt, spiegeln das sehr genau wieder. Sie geben dem Roman neben Authentizität an einigen Stellen eine gewisse Komik, die sich auch aus den gegensätzlichen Charakteren der beiden Protagonisten und ihrer Wortgefechte speist.

Ganz nebenbei sei auch noch der Faust-Stoff erwähnt, dem in „Die Unglückseligen“ ebenfalls neues Leben eingehaucht wird: Ritter selbst ist sich ohnehin nicht so sicher, ob seine Unsterblichkeit nicht etwas mit dem Teufel zu tun haben könnte – und selbst die zu Beginn so rationale Johanna ist schließlich fest davon überzeugt, ein Pakt mit Luzifer könne die einzige Erklärung für Ritters beeindruckendes Alter sein, bis hin zu einer faustischen Teufelsanrufung…

Einzig und allein das Ende des Romans hat mich nicht ganz überzeugen können. Es ist mir zu offen – die Fragen nach den Gründen für Ritters langes Leben werden nicht beantwortet, genauso wenig gibt es ein genaueres Statement dazu, was denn nun von den Versuchen der Molekularbiologie zu halten ist. In der letzten Szene hauen Johanna und Ritter einfach vor ihrem Schicksal ab – und lassen den Leser mit seinem Kopf voll Denkkonstrukten und Überlegungen zurück. Auch wenn ich zugeben muss, dass gerade das so auch ein Denkanstoß ist, auf dass wir uns alle endlich mit dem Thema auseinandersetzen. Außerdem hätte die Glaubwürdigkeit des ganzen Buches wohl auch darunter gelitten, hätte die Erzählerstimme uns weismachen wollen, Ritter hätte sich tatsächlich selbst unsterblich gemacht – sei es durch radikale Galvanisierungsexperimente oder einen Bund mit dem Teufel.

Also: Absolut lesenswert – unterhaltsam, aufklärend und mit einem Ende, dessen Hintergründe man zumindest nachvollziehen kann.

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Warum ein Leben ohne Goethe sinnlos ist

Stefan Bollmann
Fester Einband: 250 Seiten
Erschienen bei DVA, 09.05.2016
ISBN 9783421046802
Genre: Sonstiges

Rezension:

Dieses Buch ist auch etwas für Nicht-Literaturwissenschaftler – bzw. eigentlich gerade für diese (wobei auch ich als „Fachkundige“ es mit viel Vergnügen gelesen habe): „Warum ein Leben ohne Goethe sinnlos ist“ ist eine populärwissenschaftliche Beschäftigung mit unserem Dichterfürsten, die sich aber tatsächlich mehr mit der Person Goethes und seiner Vorstellung vom Leben auseinandersetzt als mit seinen Werken an sich.

Stephan Bollmann stellt all seine Überlegungen und Ausführungen unter die Prämisse eines eigenständigen Lebens, nach dem Goethe zeitlebens gestrebt habe. Ein eigenständiges Leben also unabhängig von der Familie, zumindest nicht zu abhängig von seinem langjährigen Arbeitgeber, dem Herzog von Weimar, und immer unabhängig und frei genug, um seine Kreativität frei zu entfalten.

Die Hochzeit dafür ist, das kann sich wahrscheinlich jeder, der sich ein bisschen mit Goethe beschäftigt hat, denken, die Italienreise, die, so Stephan Bollmann, Goethe den Anstoß gibt, auch zurück in der Heimat ein Leben einzufordern, in dem er sich neben der Arbeit auch der Literatur angemessen widmen und seine Persönlichkeit frei entfalten kann.

Auch wenn dieser Leitsatz des eigenständigen Lebens über allem steht, ist das Buch eine gesamtheitliche Beschäftigung mit dem Leben Goethes, die wohl auch als eine Art Denkanstoß zu sehen ist für unsere heutige Gesellschaft: Führen wir heutzutage ein eigenständiges Leben? Und wenn nein, können wir uns Goethe zum Vorbild nehmen, selbst heute noch? Es geht dabei, wie gesagt, nicht um sein literarisches Talent und das Buch richtet sich somit auch nicht nur an (angehende) Autoren.

Stephan Bollmann stellt uns Johann Wolfgang von Goethe als ein Individuum vor, dessen Lebensweise uns noch heute Vorbild sein kann.

Selbst wenn man „Warum ein Leben ohne Goethe sinnlos ist“ nicht als eine Art Lebensratgeber versteht oder verstehen möchte, kann man, ist man an Goethes Leben und Schaffen interessiert, jede Menge Fun Facts und faszinierende Einzelheiten aus der Lektüre mitnehmen: So liefert der Autor eine genaue Beschreibung von Goethes Haus in Weimar (das man übrigens heute noch besichtigen kann) und davon wie es aufgebaut war,beschreibt Goethes Zeit in seiner „Künstler-WG“ in Rom und einschlagende Erlebnisse wie der Einmarsch von Napoleons Armee in Weimar.

Stephan Bollmann begleitet Goethe durch sein ganzes Leben und nimmt seine Leser mit in, so sein Bild, in den Goethe-Park: Er wandelt von dem ungestümen Stürmer und Dränger und seinem Werther weiter zum Weimarer Hofrat und seinen Dramen über die Römischen Elegien und die Wahlverwandtschaften. Immer wieder kommt natürlich auch die Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“ zur Sprache, die, neben Tagebüchern und Briefen, wertvolles Material zu Goethes Leben und dem, was in seinem Kopf vorging, liefern.

Überzeugend wirkt Bollmanns These, dass wir noch heute von Goethe lernen können, ein glückliches, erfülltes, bestimmt nicht 08/15 Leben zu führen, auch dadurch, dass er es versteht, den Dichterfürsten des 18. Jahrhunderts von seinem übermenschlich hohen Podest herunterzuholen – auf positive Art und Weise: Den Wanderer Goethe mit Mick Jaggers „Wandering Spirit“ zusammenzubringen, bringt ihn uns vielleicht nicht wirklich näher. Es schafft aber eine etwas strange und deswegen so faszinierende Verbindung. Beschreibungen, die Goethes Leben in unserer heutigen – nicht wissenschaftlichen – Sprache beschreiben, auch seine Zweifel nicht außen vor lassen und zum Beispiel aus einer so völlig nachvollziehbaren Perspektive darstellen, wie er sich gefühlt haben muss, nachdem er aus Italien zurückkehrte und sich wieder in sein altes Leben einfand, machen ihn einfach zu einem Menschen.

Einem bewundernswerten Menschen mit einem herausragenden Talent. Aber eben auch „nur“ jemand, der Höhen und Tiefen erlebte und mit seiner Lebensphilosophie das Beste daraus zu machen verstand.

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wandel, familie, heirat, boza, liebe

Diese Fremdheit in mir

Orhan Pamuk , Gerhard Meier
Flexibler Einband: 592 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 24.05.2017
ISBN 9783596034031
Genre: Romane

Rezension:

Wusstet ihr, dass man mit einem Interrail-Ticket bis nach Istanbul reisen kann? Irgendwo in unseren Köpfen hatten meine Schwester und ich diese fixe Idee, es bis dorthin zu schaffen, als wir vor ein paar Jahren quer durch Europa unterwegs waren. Die Zeit war letztlich doch zu knapp und Osteuropa zu vielseitig, sodass wir „nur“ bis Bulgarien gekommen sind.

Trotzdem habe ich seit diesem Sommer (fast) das Gefühl schon mal da gewesen zu sein und der Stadt außerdem ein paar Jahrzehnte beim Wachsen und sich Verändern zugesehen habe – dank Orhan Pamuks Roman Diese Fremdheit in mir.

Der Literaturpreisträger erzählt eine fesselnde Familiensaga, in der wir nicht nur in die Verhältnisse, Intrigen und Glücksmomente zweier Familien eintauchen, sondern auch Istanbul, die als Stadt-Charakter erscheint, in ihrem Werdegang von den späten 60er Jahren bis in die 2000er hinein beobachten.

Der Protagonist Mevlut, der seinem Vater im Alter von elf Jahren vom Dorf nach Istanbul folgt, ist Straßenverkäufer – und bleibt dies auch mit Herz und Seele, als die Hochzeiten für diejenigen, die mit Joghurt oder Boza durch die Straßen ziehen, längst vorbei sind. Um ihn herum wächst und wandelt sich Istanbul, erlebt die Türkei konservative und progressive Phasen, man heiratet, Kinder geboren – und Mevlut zieht weiterhin durch die Straßen, als sei nichts geschehen.

Dabei heiratet auch er – angeblich genau das Mädchen, in das er sich auf der Hochzeit seines Cousins verliebt hat und dem er drei Jahre lang herzzereißende Briefe geschrieben hat. Mit Rayiha, die er aus ihrem Dorf entführt, die aber „nur“ die Schwester seiner Angebeteten ist, entdeckt Mevlut dennoch die große Liebe, während Samiha, die ursprüngliche Frau seiner Träume, seinen besten Freund heiratet….

Es sind diese Verwicklungen zwischen den Familien, zwischen den Schwestern, zwischen Mevlut und seinen Cousins sowie Mevlut und seinem besten Freund Ferhat, die Streits, die Geburten der nächsten Generation, die Höhen und Tiefen von Mevluts beruflichem Werdegang, die die Handlung des Romans ausmachen. Im Nachhinein scheint er nur mehr oder minder dahinzuplätschern, ab und an gibt es eine größere Stromschwelle, aber die Geschehnisse an sich sind nichts Besonderes.

Trotzdem habe ich dieses Buch verschlungen – und die „Schuld“ daran kann ich nur der Kunst des Autors, seine Leser in die Geschichte hineinzuholen, geben: Ich war gefesselt von der Atmosphäre, die Orhan Pamuk erschafft, von seinen Beschreibungen der Stadt, der Stimmungen in ihr und des alltäglichen Lebens ihrer Bewohner im Wandel innerhalb von 40 Jahren.

Die Geschehnisse, die erst einmal nichts Besonderes sind, sind eben Spiegel der Veränderungen und davon, wie sie die Menschen betreffen: Während Mevlut nicht einmal die Schule abgeschlossen hat – und damit unter den Jungen in seiner Klasse bei weitem nicht der einzige war – geht eine seiner Töchter studieren, lernt dort ihren zukünftigen Ehemann kennen und lebt ein völlig eigenständiges, modernes Leben. Das eigentliche Paradoxon aber ist, dass ihre Schwester, ebenso wie ihre Mutter, mit einem Mann davon läuft und heimlich heiratet – und die beiden sich dann reuevoll bei Mevlut entschuldigen wie Mevlut das bei seinem Schwiegervater nach der Entführung getan hat, woraufhin alle wieder glücklich sind…

Solcherlei Episoden gibt es viele, erzählt aus den Perspektiven zahlreicher Charaktere und aus ihnen wird schließlich dieses fesselnde Bild gesponnen, das einen auf 500 Seiten nicht mehr loslässt.

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Die neue Odyssee

Patrick Kingsley , Hans Freundl , Werner Roller
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 11.05.2016
ISBN 9783406692277
Genre: Sachbücher

Rezension:

Patrick Kingsley ist seit Anfang des Jahres 2015 der Migrationskorrespondent der britischen Tageszeitung The Guardian, und damit gewissermaßen der erste seiner Art: Der Journalist, schon vorher in Ägypten stationierter Auslandskorrespondent, konzentriert sich seitdem auf alle Ereignisse rund um das Thema Migration. Wie wir alle wissen, spitzte sich dann im Sommer 2015 die Flüchtlingskrise erheblich zu und es erwies sich, dass der Chefredakteur des Guardian in sehr weiser Voraussicht gehandelt hatte…

In Die neue Odyssee. Eine Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise fasst Patrick Kingsley nun die Ereignisse, seine Erlebnisse und Erfahrungen des Jahres 2015 zusammen, um uns Glücklichen, die wir mit einem Dach über dem Kopf im sicheren Europa sitzen, möglichst begreifbar zu machen, warum so viele Menschen sich auf einen unglaublich gefährlichen und beschwerlichen Weg machen, wer sie sind, was sie antreibt und welchen Gefahren sie sich aussetzen.

Denn er sagt – garantiert zu Recht – dass wir noch so oft Fotos von überfüllten Schlauchbooten und drängenden Rettungsaktionen in den Medien sehen können. Wir können uns dennoch nicht vorstellen, was der direkte Anblick eines solchen Flüchtlingsbootes auslöst, geschweige denn, wie es denjenigen geht, die sich auf ihrem Kontinent so unsicher gefühlt haben, dass sie sich mit diesem wackeligen Gefährt auf das offene Meer begeben haben.

Sowohl für seinen Arbeitgeber als auch für dieses Buch ist Patrick Kingsley also den Routen der Flüchtlinge gefolgt:

Er hat Zeit auf einem Rettungsboot der Organisation Ärzte ohne Grenzen e. V. verbracht, die in Seenot geratenen Flüchtlinge aus dem Mittelmeer rettet. Er hat es geschafft, mit Schleusern in Libyen und Ägypten zu sprechen. Er ist, wie Flüchtlinge aus Somalia oder Eritrea, quer durch die Sahara gereist – einer Strecke, die für viele als gefährlicher gilt als die Fahrt über das Mittelmeer. Er hat Flüchtlingsboote von der Türkei aus auf den griechischen Inseln ankommen sehen und hat Flüchtlingsgruppen an der serbischen und mazedonischen Grenze begleitet, als die Balkanroute der zweite Massenweg nach Europa wurde.

Der Autor und Journalist beschreibt in seinem Buch nicht nur die Zustände in den Herkunftsländern der Flüchtlinge und erklärt damit, warum sie keinen anderen Ausweg sehen als die Flucht. Er hat außerdem mit zahllosen Flüchtlingen, ehrenamtlichen Helfern, Grenzern und vielen anderen Menschen, denen die Fliehenden auf ihrem Weg begegnen, gesprochen. Er hat sich ihr Vertrauen erarbeitet und ist mit ihnen über schwierige Pfade gegangen.

So gibt er dem Leser Namen und Geschichten zu all den Gesichtern, die wir aus der Ferne in den Medien sehen.

Er vermittelt all denen, die es noch nicht kapiert haben, dass dies alles verzweifelte und, aus dieser Verzweiflung heraus, mutige und unermüdliche Menschen sind, die auch nach mehreren Fehlversuchen immer wieder versuchen, weiter Richtung Nordeuropa vorzudringen. Egal welche Steine ihnen – von uns, von unseren Regierungen – in den Weg gelegt werden, sie sind nicht zu stoppen und das aus gutem Grund.

Einen besonderen Platz in Kingsleys Buch nimmt Haschem Al-Souki ein. Den Syrer und Vater von drei Kindern lernte der Journalist bereits in Ägypten kennen, wohin Haschem mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg geflohen war. Gemeinsam mit seiner Familie hatte er dann versucht, Ägypten Richtung Italien per Boot zu verlassen, sie wurden jedoch von der Polizei aufgehalten. Ein knappes Jahr später wagt Haschem die Überfahrt erneut, dieses Mal alleine. Er will es bis nach Schweden schaffen, wo zu dem Zeitpunkt die Chance, als Syrer eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten und die Familie relativ schnell nachziehen zu lassen, am größten war.

Patrick Kingsley begleitet ihn ab Italien auf diesem Weg, als sein Schatten, der Haschems Erfahrungen aufzeichnet und in diesem Buch mit all den anderen Geschichten verwebt, als beispielhafte Darstellung der zig Zuflucht suchenden Syrer.

Ich glaube, dass letztlich auch ein ganzes Buch voller Geschichten über Flüchtlinge und ihre Reisen uns nicht vollends vermitteln kann, was in ihnen vorgeht und wie verzweifelt und mutig sie sein müssen. Aber es ist die beste Möglichkeit, die wir haben, es ansatzweise zu verstehen – gerade für die, die immer noch daran zweifeln, dass alle diese Menschen vor wahrer Not fliehen und ihr Leben nur riskieren, weil sie es in ihrer Heimat noch viel größeren Gefahren ausgesetzt sehen.

Auch wenn diese Zweifel noch nie mein Problem waren, hat mir Die neue Odyssee sehr viel gegeben:

Zahlreiche Hintergrundinformationen, die wir in dieser Detailliertheit und aus solcher Nähe in den Nachrichten (natürlich) nie geboten bekommen, nicht nur bezüglich des Nahen Ostens und Nordafrikas, sondern auch zu Ländern wie Somalia oder Eritrea. Einen genauen Einblick in die Entwicklung der verschiedenen Routen gen Europa – insbesondere der Balkanroute sowie die gefährliche Reise durch die Sahara, die für uns schon viel zu weit weg zu sein scheint, als dass Europa Zeit und Lust hätte, sich damit zu beschäftigen. Und nicht zuletzt natürlich die persönlichen Geschichten derjenigen, mit denen Kingsley sich unterwegs unterhält und die er wiedergibt.

Die neue Odyssee ist dabei unglaublich bewegend und eben auch sehr persönlich, aber genauso sachlich und ehrlich:

Kingsley, den man wohl als einen der Europäer bezeichnen kann, die einen besonders großen Einblick in die Entwicklungen haben, gibt seinem Leser auch klare Statements mit auf den Weg, wie sich die Situation seiner Meinung nach weiter entwickeln wird, welche Maßnahmen tatsächlich helfen würden und dass er, leider Gottes, überhaupt keine Bereitschaft und Entwicklung in Richtung einer fruchtbaren Zusammenarbeit der Staatengemeinschaft sieht.

Auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin, wo Patrick Kingsley am 10. September über sein Buch gesprochen hat, sagte er, dass er auch nicht glaube, dass bei dem ersten UN-Gipfel zu Flucht und Migration mehr als viel Geschwafel herauskommen würde. Dieser hat gestern stattgefunden und – überraschenderweise – ist nurmehr eine unverbindliche Erklärung dabei herausgekommen, die mehr Schutz für Flüchtlinge, mehr Koordination und Zusammenarbeit fordert (dazu auch der Bericht der Tagesschau und die Pressemitteilung von Ärzte ohne Grenzen).

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L'amica geniale (Italian Edition)

Elena Ferrante
E-Buch Text: 400 Seiten
Erschienen bei Edizioni e/o, 19.10.2011
ISBN 9788866320951
Genre: Sonstiges

Rezension:

Kaum ein Titel der Unterhaltungsliteratur wurde schon vor und seit seinem Erscheinen dieses Jahr so gehypt wie Elena Ferrantes Meine geniale Freundin, der erste Band einer Tetralogie, die im Neapel der 50er Jahre bis heute spielt.

Nun ist Ferrantes Serie sowohl in Italien, als auch in der englischsprachigen Welt bereits ein Bestseller, wir Deutschen hängen dem ganzen Zirkus ein bisschen hinterher – was auch der Grund ist, dass ich das Buch zwar auf Italienisch gelesen habe, allerdings eben auch erst jetzt (Italienisch im Nebenfach zu studieren heißt nämlich noch lange nicht, dass man irgendeine Ahnung von der dortigen Gegenwartsliteratur hätte).

Angesichts dieses bisherigen Erfolgs jedoch wurde der Titel auch hierzulande mit Hochspannung erwartet und hat sogar seinen eigenen Hashtag: #ferrantefever. Die nächsten Bände sollen nun in kurzer Abfolge ebenfalls erscheinen (der nächste bereits Anfang 2017).

Auch wenn ich mir diese Wartezeit ja sparen und einfach auf Italienisch weiterlesen könnte – ich bin mir noch nicht sicher, ob es dazukommen wird. Sicherlich habe ich nicht mit dem Lesen des letzten Satzes die Fortsetzung bestellt. Das liegt wohl auch an dem noch vorhandenen und stetig größer werdenden Stapel ungelesener Bücher in meinem Regal. Aber auch wenn ich Meine geniale Freundin bzw. L’amica geniale wirklich gern gelesen habe, hat es mich nicht mit dem Verlangen zurückgelassen, sofort weiterlesen zu müssen.

Doch zu der Geschichte selbst: 

Elena Ferrante erzählt an erster Stelle von einer Freundschaft zwischen zwei Mädchen bzw. später Frauen, die zum Ende des Zweiten Weltkrieges in einem Vorort von Neapel geboren wurden und dort aufwachsen. Meine geniale Freundin setzt ein kurz bevor beide die Grundschule beginnen und spinnt sich durch die 50er Jahre, bis sie 16 sind.

Erzählt wird die Geschichte von Elena, ihre beste Freundin heißt Raffaella, wird von allen Lina, von Elena aber Lila genannt. Die beiden Mädchen beweisen, dass Gegensätze sich anziehen: Elena gilt in der „Rione“, eben dem Vorort oder Stadtteil, als nettes und liebes Mädchen, während Lila von Anfang an, auch von ihrer Freundin selbst, als gemein oder böse beschrieben wird. Doch Elena scheint fasziniert zu sein von Lilas Mut und folgt ihr nach in allem, was sie tut, sei es den düsteren Don Achille zu konfrontieren oder in der Grundschule mit den besten Noten zu glänzen.

Es sind diese schulischen Leistungen, die sie beide auszeichnen und die sie doch voneinander trennen werden: Nach der Grundschule erlauben Elenas Eltern es ihr, auf die weiterführende Schule und später sogar auf das Gymnasium in der Stadt zu wechseln – für ein junges Mädchen aus einer armen Familie zu der Zeit sicher keine Selbstverständlichkeit. Lilas Eltern hingegen erklären ihre Schulkarriere früh für beendet, sie muss nun im Haushalt und in der Schusterei des Vaters helfen. Doch Lila hat ihre eigenen Wege: Aus der lokalen Bücherei leiht sie sich Latein- und Griechisch-Bücher aus und lernt auf eigene Faust, sodass Elena sich weiter von ihr vorwärts gezogen und angespornt fühlt.

Während die Jahre vergehen, wachsen die Leben der beiden Freundinnen dennoch immer weiter auseinander: Elena verlässt tagtäglich die „Rione“, um zum Gymnasium zu fahren, sie darf die Ferien am Meer verbringen und lernt, bis ihr die Vokabeln wieder aus den kommen. Lila hingegen interessiert sich nicht mehr für das Lernen – stattdessen für Schuhe, die sie gestaltet und mit ihrem Bruder zusammen von Hand hergestellt hat. Diese zu verkaufen ist ihr größtes Ziel, auch wenn sie sich dafür mit den lokalen Camorra-Brüdern einlassen oder den Sohn des reichsten Ausbeuters im Ort heiraten muss.

Auch Elena macht ihre ersten Erfahrungen mit der Liebe, stellt aber spätestens am Ende des ersten Bandes fest, dass sie sich weder mit ihrem Freund noch mit ihren früheren Schulkameraden aus ihrem Viertel viel zu sagen hat, ihre Welt ist größer geworden. Und während Lila früher immer diejenige war, mit der Elena brennende Diskussionen führen und sich in einem wortgewandten Schlagabtausch austoben konnte, so ist Lila nun nur noch an ihrer neuen Wohnung, Schmuck und Schuhen interessiert.

Nun, wenn ich mir das, was ich aufgeschrieben habe, so vor Augen führe, werde ich die nächsten Bände wohl doch auf jeden Fall lesen. Ich bin schon gespannt, wie es mit Elena und Lila und ihrer Freundschaft weitergeht und wo das Leben sie hinführen wird. Es fiel mir zu Beginn des Romans zwar schwer, mich in die sechsjährigen Protagonistinnen hineinzufühlen, wurde jedoch immer einfacher und die Lektüre immer spannender.

Elena Ferrante beschreibt eben nicht „nur“ die Freundschaft zwischen diesen beiden Heranwachsenden – und das ist ja schon ein komplexes Thema, wie alle weiblichen (Ex-)Teenager wohl bestätigen können. Ein besonderer Charme des Buches liegt für mich auch in der subtilen Beschreibung der Lebensverhältnisse, in denen Elena und Lila aufwachsen: Es ist von Anfang an klar, dass die beiden sowie die meisten anderen Kinder aus eher armen Familien stammen und das Leben nicht ganz einfach ist. Genauso klar ist, dass die Solaras und die Caraccis aus einem anderen Holz geschnitzt sind – und auch wenn es erst frühestens in der Mitte des Romans erwähnt wird, ist dennoch schnell klar, dass die Camorra eine Rolle spielt, dass gerade während des Krieges und in der Nachkriegszeit nicht nur reine Geschäfte gemacht wurden etc. So entsteht ein scharfes Bild der Verhältnisse in einem Neapler Vorort, das sich der Leser aber dennoch selbst zusammensetzen muss.

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Weltschatten

Nir Baram , Markus Lemke
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 25.07.2016
ISBN 9783446252646
Genre: Romane

Rezension:

Der neue Roman des israelischen Autors Nir Baram ist so ein Buch, das man eigentlich gleich ein zweites Mal lesen müsste, um wirklich alle Zusammenhänge zu verstehen. Sich, so wie meine Mutter das öfters macht, direkt von Anfang eine Liste – oder am besten gleich eine Art Stammbaum – mit allen Figuren zu machen, könnte auch eine Lösung sein. Habe ich natürlich nicht gemacht, sodass, auch wenn im Laufe des Romans viele Stränge wieder zusammenlaufen, ein, wie ich finde, angenehmes Gefühl der Rest-Spannung übrig geblieben ist.

Diese Komplexität erreicht der Autor durch drei Handlungsstränge, die – wie nicht anders zu erwarten – letztlich natürlich alle miteinander verbunden sind, sich aber immer wieder abwechseln und so wechselseitige Einblicke in verschiedene Zeitpunkte und Ereignisse entlang der Handlung bieten.

So treffen wir einerseits auf den Israeli Gavriel Manzur, der in jungen Jahren den Hedgefonds-Erben Michael Brookman, US-amerikanischer Jude, kennen lernt und unter dessen Fittiche genommen wird: Gavriel wird Teil einer Gruppe Israeli, die mit Brookman zusammenarbeiten und erhält den Vorsitz der neu gegründeten „Jüdischen Stiftung für Demokratie“. Nur langsam wächst Gavriel in diese privilegierte Rolle hinein, gründet mit den weiteren Akteuren Horowitz, Wolfsohn und Misrutzky in den 90er Jahren eine Art Unternehmensberatung, die vor allem ausländische Investoren ins Land holen will.

Michael Brookman wiederum ist ein alter Bekannter der Eigentümer der erfolgreichen Politikberatungsagentur MSV. Die Gründer Torsten Vanderslice, Alison Mayo und Jordan Steinbeck sind für spektakuläre Erfolge in politischen (Wahl-)Kampagnen auf der ganzen Welt bekannt – aktuell, im 21. Jahrhundert, straucheln sie etwas: Die Kampagne für einen Präsidentschaftskandidaten in Bolivien läuft nicht gerade gut und die Demokratische Republik Kongo will die Zusammenarbeit beenden. Noch dazu hat einer ihrer Zöglinge und Angestellten die Nase voll von dem angeblichen Gutmenschentum der Agentur, die von sich behauptet, mehr Demokratie und Gerechtigkeit in die Welt zu bringen und einzig und allein für Kandidaten zu arbeiten, deren Ziele sie als ehrbar und aufrichtig empfindet. Daniel Kaye verlässt das Unternehmen von einem Tag auf den anderen und droht kurz darauf mit der Veröffentlichung sensibler Informationen zu MSV…

Wiederum in einem anderen Land, in Großbritannien, hat sich eine Gruppe junger Menschen zusammengefunden, die vor allem eins verbindet: Die modernen Gesellschaftsstrukturen und ihre sozialen Hintergründe haben sie zu Außenseitern und Verlierern des Lebens gemacht. Sie gründen aus dem Nichts eine Initiative: 11.11., weltweiter Streik, eine Milliarde Streikende. Mithilfe der sozialen Netzwerke verbreiten sie die Idee ohne große Strategie und finden dennoch erstaunlich viele Anhänger rund um den Globus. Doch es soll nicht bei einem reinen Mobilisieren bis zu dem Streik bleiben – die verschiedenen Gruppen beginnen sich durch „Aktionen“ bemerkbar zu machen, die darauf zielen, Kultureinrichtungen anzugreifen, zu zerstören, zu besetzen etc und beispielsweise Bücher zu verbrennen. Diese jungen Menschen haben eigentlich erst mal die Sympathien aller der Leser, die der Globalisierung und der (auch) dadurch sich immer weiter öffnenden Schere zwischen Arm und Reich kritisch gegenüber stehen.

Aber Bücher verbrennen? Das hinterlässt bei jedem normaldenkenden Deutschen (und eigentlich jedem) erst einmal ein schales Gefühl ihm Mund, oder? Die Initiative erklärt das (indirekt) so:

„Keines der Scheißideale, die der Gesellschaft heilig sind, interessiert uns, also sollen sie nicht wagen, von uns zu erwarten, Teil von irgendwas zu sein […] Mit der Aktion im Museum würden wir ihnen im Grunde zeigen: Ihr Fucker, wir sind raus, wir spielen nicht mehr mit.“

Ein Manifest an sich bzw. eine detaillierter Erklärung ihrer Zielsetzungen und deren Hintergründe veröffentlicht die Gruppe nicht. Sie haben keine politische Richtung, keine einzuordnende Weltsicht. Eigentlich erfährt man nur so viel, dass sie gegen das System an sich sind, eben auch mit seinen kulturellen Ausformungen.

Insbesondere der britischen Regierung sind die so schwer einzuschätzenden Rebellen natürlich ein Dorn im Auge. Was tun? Es wird die erfolgreichste Politikagentur der Welt engagiert. Wer war das noch mal – ach ja, natürlich MSV. Doch auch die Initiative „11.11., weltweiter Streik, 1 Milliarde Streikende“ erhält Unterstützung von einem nebulösen Campaigner (wer könnte das wohl sein? Wer aufmerksam gelesen hat, kann diese Stränge jetzt verknüpfen – etwas, womit man im Laufe des Romans konstant beschäftigt ist.)

Wie passt nun der im 21. Jahrhundert schon in der späten Mitte des Lebens angekommene Gavriel Manzur in die Geschichte? Was haben seine (wie sich herausstellt dubiosen) Geschäfte mit den Streikenden zu tun? Hier soll natürlich nicht zu viel verraten werden, aber Nir Baram gibt mit seinem mehrere Jahrzehnte umfassenden Roman eben nicht nur ein Bild der aktuellen globalisierten Welt wieder, sondern auch von dahin führenden Entwicklungen und einigen, beispielhaften Gruppen, die faszinierend miteinander verwoben sind.

Dabei ist Weltschatten auch insoweit global, als dass sich die Handlungen rund um den Globus abspielen: Wir finden uns in den USA, in Kenia, in Israel, in Bolivien, in Großbritannien, in Prag…. Die verschiedenen Handlungsstränge, Charaktere und Zeiten zeichnen sich auch in der Sprache und Darstellungsform aus: Aus der Wir-Perspektive berichten die Streikenden – nach Ende ihrer Aktion – von ihren Erlebnissen in einer etwas raueren Sprache. Gavriel Manzurs Geschichte wird von einem personalen Erzähler erzählt, während der Leser über die Ereignisse bei MSV nur über E-Mail-Nachrichten und Zeitungsartikel informiert wird. Diesen Teil zu lesen, war ab und an nicht ganz einfach, weil Zusammenhänge so erst recht erst nach und nach klar werden und man immer genau darauf schauen muss, wer gerade an wen eine E-Mail schreibt. Aber dabei war es auch besonders unterhaltsam zu lesen.

Ich kann nicht wirklich beurteilen, inwieweit ich es geschafft habe, den Plot verständlich zu vermitteln – oder ihn, mindestens genauso wichtig, spannend erscheinen zu lassen – deshalb soll es noch einmal ausdrücklich gesagt werden:

Nir Barams „Weltschatten“ ist ein spannender, komplexer Roman voller etwas seltsamer Charaktere, der den Leser von Anfang an in die verschiedenen Handlungsstränge wirft und von da an kaum an Geschwindigkeit verliert. Er ist ein (fiktiver) Blick hinter die Kulissen einer Welt, über die wir uns wohl klar sein sollten, dass der Autor sie durchaus nach einem realen Vorbild erschaffen hat.

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nigeria, liebe, familie, rassismus, afrika

Americanah

Chimamanda Ngozi Adichie
E-Buch Text: 497 Seiten
Erschienen bei Fourth Estate, 06.04.2013
ISBN 9780007356492
Genre: Sonstiges

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spanien, garten, katalonien, liebe, gärtner

Der Garten über dem Meer

Mercè Rodoreda , Roger Willemsen , Kirsten Brandt , Roger Willemsen
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei mareverlag, 07.10.2014
ISBN 9783866480339
Genre: Romane

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Lincoln in the Bardo

George Saunders
Fester Einband: 367 Seiten
Erschienen bei RANDOM HOUSE, 14.02.2017
ISBN B06WGR1SD6
Genre: Romane

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briefwechsel, roman, midlife-crisis, e-mail-roman, freundschaft

Schlafen werden wir später

Zsuzsa Bánk
Fester Einband: 688 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 23.02.2017
ISBN 9783100052247
Genre: Romane

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2.911 Bibliotheken, 18 Leser, 8 Gruppen, 81 Rezensionen

liebe, zeitreise, zeitreisen, fantasy, schicksal

Die Frau des Zeitreisenden

Audrey Niffenegger , Brigitte Jakobeit
Fester Einband: 543 Seiten
Erschienen bei Fischer (S.), Frankfurt, 01.08.2004
ISBN 9783100524034
Genre: Fantasy

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3.106 Bibliotheken, 20 Leser, 11 Gruppen, 106 Rezensionen

liebe, frankreich, paris, freundschaft, wohngemeinschaft

Zusammen ist man weniger allein

Anna Gavalda , Ina Kronenberger
Flexibler Einband: 560 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 01.10.2006
ISBN 9783596173037
Genre: Romane

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8.306 Bibliotheken, 69 Leser, 13 Gruppen, 146 Rezensionen

fantasy, bücher, jugendbuch, cornelia funke, tintenwelt

Tintenherz

Cornelia Funke ,
Buch: 567 Seiten
Erschienen bei Oetinger Taschenbuch, 01.11.2010
ISBN 9783841500120
Genre: Jugendbuch

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fantasy, michael ende, klassiker, kinderbuch, die unendliche geschichte

Die unendliche Geschichte

Michael Ende
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Thienemann-Esslinger, 17.09.2014
ISBN 9783522202039
Genre: Klassiker

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liebe, tod, trauer, briefe, irland

P.S. Ich liebe Dich

Cecelia Ahern ,
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 01.04.2005
ISBN 9783596161331
Genre: Liebesromane

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reise, liebe, klassiker, inzest, schullektüre

Homo faber

Max Frisch , Walter Schmitz , Walter Schmitz
Flexibler Einband: 301 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 18.11.2011
ISBN 9783518188033
Genre: Klassiker

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gauß, humboldt, mathematik, wissenschaft, deutschland

Die Vermessung der Welt

Daniel Kehlmann , any.way , Cathrin Günther , Walter Hellmann
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 29.02.2008
ISBN 9783499241000
Genre: Romane

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klassiker, familie, thomas mann, deutschland, verfall

Buddenbrooks

Thomas Mann
Flexibler Einband: 848 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 05.04.2012
ISBN 9783596904006
Genre: Klassiker

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liebe, analphabetismus, nationalsozialismus, schuld, kz

Der Vorleser

Bernhard Schlink
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 01.01.2009
ISBN 9783257060652
Genre: Klassiker

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dystopie, liebe, panem, hungerspiele, jugendbuch

Die Tribute von Panem - Tödliche Spiele

Suzanne Collins , Sylke Hachmeister , Peter Klöss , Werbeagentur Hauptmann & Kompanie
Buch: 416 Seiten
Erschienen bei Oetinger Taschenbuch, 01.10.2012
ISBN 9783841501349
Genre: Jugendbuch

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fantasy, harry potter, magie, hogwarts, zauberei

Harry Potter und der Stein der Weisen

Joanne K. Rowling , Klaus Fritz
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Carlsen, 21.07.1998
ISBN 9783551551672
Genre: Jugendbuch

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4.482 Bibliotheken, 17 Leser, 16 Gruppen, 161 Rezensionen

schweden, krimi, thriller, mord, journalismus

Verblendung

Stieg Larsson , Wibke Kuhn ,
Flexibler Einband: 688 Seiten
Erschienen bei Heyne, W, 02.05.2007
ISBN 9783453432451
Genre: Krimi und Thriller

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3.246 Bibliotheken, 32 Leser, 17 Gruppen, 142 Rezensionen

liebe, freundschaft, england, leben, london

Zwei an einem Tag

David Nicholls ,
Fester Einband: 560 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 29.07.2009
ISBN 9783036955421
Genre: Romane

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3.484 Bibliotheken, 41 Leser, 6 Gruppen, 77 Rezensionen

barcelona, bücher, spanien, liebe, roman

Der Schatten des Windes

Carlos Ruiz Zafón , Peter Schwaar
Flexibler Einband: 576 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 07.03.2013
ISBN 9783596196159
Genre: Romane

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