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Eine Nacht, Markowitz

Ayelet Gundar-Goshen
E-Buch Text: 317 Seiten
Erschienen bei Kein und Aber, 28.08.2013
ISBN 9783036992457
Genre: Romane

Rezension:

Jakob Markowitz ist weder schön noch hässlich; sein Allerweltsgesicht ist vollkommen mittelmäßig und nichtssagend, "[so] nichtssagend, dass das Auge kaum darauf verharren konnte, sondern zu anderen Dingen weiterglitt [...] Um Jakob Markowitz' langweilige Züge eingehender zu erforschen, waren ungeheure Anstrengungen erforderlich."

Für die Irgun, die sich zu diesem Zeitpunkt im Untergrund gegen die britische Mandatsmacht in Palästina organisiert, schmuggelt Markowitz Waffen; kein britischer Soldat sieht zweimal hin, wenn der Mann an ihm vorbeigeht. Ansonsten bestellt Markowitz ein kleines Feld in seiner Moschawa; abends füttert er die Tauben hinter seinem Haus. Bis sich - wie so oft in seinem Leben fremdbestimmt - etwas ändert: Um Seev Feinberg, seinem einzigen Freund, zu helfen, verlässt Markowitz mit Feinberg die Moschawa. Gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Irgun reisen sie ins nationalsozialistische Europa um dort jüdischen Frauen mit einer Heirat die Flucht nach Palästina zu ermöglichen. Eigentlich, so ist es vereinbart, soll bei Ankunft dann die Scheidung vollzogen werden um den Frauen in jeder Hinsicht Freiheit zu geben. Doch als Jakob Markowitz die für ihn bestimmte Frau sieht, trifft er zum ersten Mal in seinem Leben selbst eine Entscheidung: Dieser Frau wird er die Scheidung nicht gewähren. So sehr Bella auch tobt und fordert, so sehr Seev Feinberg auf den Freund einredet, Markowitz bleibt stur, bezieht das Sofa in seinem Wohnzimmer und ändert seine Meinung auch nicht, als Bellas Wut das Haus von innen völlig auskühlen lässt und sie ihm später ein Kuckuckskind präsentiert.

Die teils saloppe Sprache, die mit spitzfindigen Beobachtungen und ungewöhnlichen Einfällen gespickt ist, die Vermischung aus magischem Realismus und historischen Ereignissen, die sich im Hintergrund abspielen, erinnern stellenweise an Márquez' Hundert Jahre Einsamkeit. Gleichzeitig würzt Gundar-Goshen ihre Geschichte mit viel Ironie, was auch die teils ausgedehnten Sexszenen erträglich macht.

Trotz aller Ironie und der Poesie, die jeden Absatz trägt, wird klar, dass viele der Menschen versehrt sind durch die Schrecken und Traumata, die sie in der europäischen Heimat erlebt haben. Da ist Rachel Mandelbaum, die Frau des Schächters, die nach ihrer Ankunft kein Wort ihrer deutschen Muttersprache mehr über die Lippen bringt und es lieber auf sich nimmt, nur bruchstückhaft in der neuen Sprache zu kommunizieren und ihre Gefühle, denen sie keinen Ausdruck mehr verleihen kann, für sich zu behalten. Oder der Irgun-Vizechef, ein Freund von Seev Feinberg, der eigentlich aus Polen stammt und damals zunächst aus der polnischen Provinz in die nächste Stadt geflohen ist: "Die Welt stand so vor ihm, wie sie war, aller Engel entkleidet, zitternd vor Kälte ohne die Verheißung der künftigen Welt, mit der sie sich hätte bedecken können."

Die Welt, die Ayelet Gundar-Goshen geschaffen hat, ist anders - hier wandeln Engel (mit menschlichen Schwächen) unter den Menschen. Da ist Sonia, die stets vom Duft süßer Orangen umweht ist und die Kraft einer Löwin besitzt, oder Seev Feinberg, ein Bild von einem Mann, das so überzeichnet ist, dass Legende und Realität miteinander verschwimmen. Und dann ist da eben Jakob Markowitz, der zwar dank seiner "brillanten Mittelmäßigkeit" unter all diesen Engeln unterzugehen scheint, der jedoch gleichzetig zu Bellas übersinnlicher Schönheit beiträgt: "Sobald Jakob Markowitz die Augen von Bella Markowitz wandte, verwandelte sie sich von einer Lichtgestalt in eine Frau von Fleisch und Blut."

Doch trotz aller Engel und aller Magie gibt es ja "tatsächlich den Augenblick, in dem große Leidenschaften weniger groß werden, und danach klein, und dann sind sie weg." Und dann steht die Welt wieder zitternd vor einem, denn, das lernt Markowitz im Krieg, ohne Leidenschaft und den dahinterliegenden Wahnsinn sind wir alle nur ganz gewöhnliche Menschen.

Diese Rezension ist auch auf www.lesemanie.com erschienen.

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Kennen Sie diesen Mann?

Carl Frode Tiller ,
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei btb, 31.08.2015
ISBN 9783442756162
Genre: Romane

Rezension:

David hat sein Gedächtnis verloren; er weiß nicht mehr, wer er ist. Um ihm dabei zu helfen, sich selbst wieder kennen zu lernen und Erinnerungen wieder zu erlangen, schreiben ihm drei Menschen Briefe. Sein Jugendfreund Jon ist einer der drei; gefolgt von seinem Stiefvater Arvid und seiner Jugendliebe Silja.

Jeder der drei begreift den Anlass als Chance, über sich selbst zu schreiben. So lernt der Leser deutlich mehr über Jon, Arvid und Silja, als über David selbst, um den die drei Erzählstimmen ihre Kreise ziehen.
Das, was man über David erfährt, bezieht sich vor allem auf den Jugendlichen. Da es sich bei Kennen Sie diesen Mann? um den ersten Band einer Trilogie handelt, werden in den kommenden Bänden wohl Stimmen anderer Weggefährten zu Wort kommen, die David in späteren Jahren begleitet haben. Ganz genau werde ich das auch zukünftig nicht sagen können, denn nach der Qual dieses ersten Bandes werde ich mir die folgenden Bücher mit Sicherheit nicht antun.

Wie schreibt Kris Gage in „8 Things I Learned Reading 50 Books A Year for 7 Years„: Es gebe zwei Arten guter Bücher (beide schwer zu finden) – die mit gutem Inhalt („The writing only needs to be good enough to allow you to follow“) und die mit schöner Sprache („It doesn’t matter what the content is because the writing is so goddamn beautiful it all but sings off the page“).
Mit diesem Gedanken habe ich mich durch das erste Drittel von Kennen Sie diesen Mann? geschleppt, denn gleich zu Beginn war klar, dass es sich hier nicht um ein Buch mit schöner Sprache handelte. Aber mir gefiel die Idee die Hauptperson weder direkt zu beschreiben noch zu Wort kommen zu lassen, sondern sie vielmehr mit anderen Stimmen einzukreisen. Ich hoffte ehrlich gesagt, dass mich das Buch so begeistern würde wie Eva Menasses Quasikristalle, in dem die Hauptperson auch mit verschiedenen Mosaiksteinchen zusammengepuzzelt wird. In Menasses Fall stimmte alles – Sprache und Inhalt. In diesem Buch von Carl Frode Tiller stimmt leider nichts von beidem.

Tatsächlich fand ich die Sprache so schlecht, dass ich dem Plot zwar noch folgen konnte, es aber einfach nicht mehr wollte. Vielleicht liegt das daran, dass Tiller den Jugendfreund Jon als erstes zu Wort kommen lässt. Jon ist ein Mann mittleren Alters, der sich immer noch dem Traum der erfolgreichen Musikerkarriere hingibt und sich dafür in verschiedenen Bands verdingt, deren Mitglieder inzwischen meistens deutlich jünger sind als er. Jon scheint verzweifelt bemüht, nicht nur den Durchbruch zu erlangen, sondern auch bei den Bandkollegen, die einer völlig anderen Generation angehören als er selbst, cool zu wirken und akzeptiert zu werden. Dabei kommt er deutlich unreifer herüber als die Jungspunde um ihn herum.

Sowohl die Sprache, die Tiller für Jon gewählt hat, als auch die durch ihn angestellten Beobachtungen zeichnen das Bild eines weinerlichen 14-Jährigen, der orientierungslos durch die Pubertät schippert und sich dabei selbst unendlich leid tut. Verstärkt wird dieser Eindruck durch das meist fehlende Subjekt („ich“) in den Sätzen, sodass man tatsächlich das Gefühl hat, ein Teenager-Tagebuch zu durchblättern. Wenn so eine Erzählstimme mit schlechter Sprache und dem Fehlen eines roten Fadens kombiniert wird, kann man das als Leser nur schwer aushalten.

Größtenteils scheint Jon zu grinsen oder zu lächeln, wobei ihm weder das Grinsen noch das Lächeln immer ganz gelingen wollen. Außerdem erleben wir ihn meistens nickend oder kopfschüttelnd:

„Drehe mich zum ihm und grinse […] Schaue nach hinten und grinse ihn an […] Beuge mich ein wenig vor und schaue von einer Seite zur anderen, grinse und schüttele den Kopf […] warte einen Moment, schüttele wieder den Kopf […] dann schaue ich zu Lars hinüber und schüttele ungläubig den Kopf“ (Alles S. 8)

„…versuche zu grinsen, kriege es jedoch nicht so ganz hin, das Grinsen fällt böse und höhnisch aus“ (S.41)

„Grinse, versuche triumphierend zu grinsen, gelingt mir aber nicht ganz, das Grinsen fällt nur verbittert aus“ (S.66)

„…versuche es ganz unschuldig rüberzubringen und dabei weiter zu grinsen […] Ich sage nichts, sitze da und grinse […] versuche zu grinsen, gelingt mir aber nicht ganz, das Grinsen gerät nur gemein und nervös“ (Alles S. 80/81)

„…dann ringe ich mir wieder ein Grinsen ab […] merke, wie sich mein Grinsen verflüchtigt […] Ich sehe sie einen kurzen Moment an und ringe mir ein Grinsen ab, ein wütendes Grinsen“ (Alles S. 82/83)

„er lächelt freundlich […] ich nicke und lächele […] ‚Aha‘ murmele ich, blicke auf und lächele […] Ich sehe kurz zum ihm auf, nicke und lächele […] ich sehe auf und lächele ihm zu“ (Alles S. 134)

Kurz – mit Jon ist der Leser mehr als bedient; weder David noch Arvid noch Silja können die Qual des ersten Drittels dieses Buch wettmachen. Tatsächlich verging mir während des Lesens sowohl das Lächeln als auch jegliches Grinsen. Übrig blieb Kopfschütteln.

Diese Rezension ist auch lesemanie.com erschienen.

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Die Kinetik der Lügen

Olaf Trunschke
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei homunculus, 25.08.2016
ISBN 9783946120728
Genre: Romane

Rezension:

Im Sommer 1816 verbringt der berüchtigte Dichterfürst Lord Byron einige Wochen am Genfersee. Mit dabei: Mary Godwin (spätere Shelley) mit dem Dichter Percy Shelley und dem gemeinsamen Kind, Marys Stiefschwester Claire und der Arzt Dr. Polidori, den Byron eigens für die Reise engagiert hat. Byron selbst hat sich nach Genf aufgemacht um einer unschönen Scheidung, bösen Gerüchten über die Beziehung zu seiner Stiefschwester Augusta und einer Vielzahl an Gläubigern zu entkommen.

Es ist ein kalter, stürmischer Sommer. An gewittrigen Abenden sitzt die Gruppe in der von Byron angemieteten Villa am Kamin und diskutiert. Zu Beginn sind es hauptsächlich Byron und Shelley, die sich einen Schlagabtausch nach dem anderen leisten, während der Rest der Gruppe bewundernd lauscht. Dann kommt eines Abends die Idee auf, dass jeder Gruselgeschichten schreibt und diese den anderen vorstellt. Polidori wird eine Vampirgeschichte schaffen, die später das Genre des Vampirromans begründet (und die lange Zeit Byron zugeschrieben wird). Doch die Gruppe, insbesondere Byron, ist begeistert von Marys Idee: ein gewisser Dr. Frankenstein kreiert einen künstlichen Menschen… Mary Shelley hat später behauptet, die Idee zu der Geschichte sei ihr in einem Wachtraum gekommen. Trunschke deutet eine ganz andere Inspirationsquelle an: die Brüder Grimm, von denen ein Manuskript mit einer ähnlichen Geschichte Marys Stiefmutter vorliegt… Die Idee, Leben zu erschaffen ist gerade en vogue – 1780 hat Luigi Galvani nämlich demonstriert, dass Froschschenkel zum Zucken gebracht werden können, wenn man sie mit Drähten aus unterschiedlichen Metallen berührt (und so einen Stromkreis herstellt; allerdings wusste das der gute Mann nicht). Diese Erkenntnis begeisterte die Menschen im ausgehenden 18. Jahrhundert und bald wurden auch Menschenleichen mit dieser Methode zum Zucken gebracht…

200 Jahre später begibt sich ein Dokumentarfilmer auf Spurensuche. Dabei ist er eigentlich vor Ort um eine Dokumentation rund um das CERN und den Teilchenbeschleuniger zu drehen. Weil die Maschine defekt ist, wendet er sich der Geschichte rund um die Entstehung des Frankenstein zu. Seine Kontaktperson im CERN – die schöne und geheimnisvolle Maria – macht ihn mit einigen ihrer Freunde bekannt, die ihm von ihrem Verdacht berichten, dass Mary Shelley nicht wirklich die Mutter Frankensteins ist… In dieser Gruppe wird die selbe Frage aufgeworfen, die sich auch Byron und seine Freunde 200 Jahre früher gestellt haben: Wo sollten dem menschlichen Forschungsdrang Grenzen gesetzt werden?

Schleichend vermischt Trunschke beide Erzählstränge, verwischt zeitliche Grenzen und würfelt zum Schluss eine ganze Menge Zeitebenen und Charaktere bunt durcheinander. Und eigentlich ist das doch auch ganz schlüssig – wo sonst würde sich das Raumzeitkontinuum verschieben wenn nicht in unmittelbarer Nähe des Large Hadron Collider, des weltstärksten Teilchenbeschleunigers, von dem sich Forscher unter anderem Hinweise auf die Natur Dunkler Materie erhoffen?

Die Kinetik der Lügen ist eine sehr dicht gewebte Geschichte, die sich über Regeln von Raum und Zeit hinwegsetzt und gleichzeitig eine literarische Spurensuche und essentielle Ethik-Fragen der Menschheit ins Spiel bringt. Trotz seines fragmentarischen Erzählstils verliert Trunschke nie den Faden und bringt auch noch sprachliche Schönheiten hervor. Das können quasi unachtsam hingeworfene Sätze sein, die einen ansonsten ganz unauffälligen Absatz verzieren, oder komplette Passagen, die man vorlesen will um sie sich so auf der Zunge zergehen zu lassen:

"Welch ein Drama! – Byron stand auf dem Balkon, der Sturm zerrte an seinem Halstuch, fegte ihm wie ein grober Besen durch die Haare. Die Blitze kreuzten sich überm See, als bewürfen die Götter einander mit glühenden Speeren. Von den Felsen des Jura rollten die Donnerschläge heran, für Sekunden entrissen die Blitze dem Dunkel schroffe Felsen, riesige Kiefern: das Gerippe der Landschaft. Dann legte sich die Nacht wieder wie Ruß übers Land. Welche Finsternis: kein Mond. Die Sonne wohl für immer erloschen. Irgendwo, ziellos die Sterne. – Würde es jemals wieder Tag?"

Diese gelungene Kombination macht den Roman zu einem unterhaltsamen und beeindruckenden Erlebnis, dem man sich gerne auch ein zweites oder drittes Mal hingibt. Ich bin sicher, bei jedem erneuten Lesen lassen sich neue Dinge entdecken.

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Maria Sibylla Merian

Barbara Beuys
Flexibler Einband: 285 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 14.11.2016
ISBN 9783458361800
Genre: Biografien

Rezension:

Maria Sibylla Merian wird 1648 als Tochter des bekannten Verlegers und Kupferstechers Matthäus Merian in Frankfurt geboren. Als sie 1717 fast siebzigjhährig stirbt, hat sie sich einen eigenen Namen gemacht als herausragende Malerin und Kupferstecherin, vor allem aber als Naturforscherin.

Nach dem Tod des leiblichen Vaters wächst Maria Sibylla bei ihrer Mutter und deren zweitem Ehemann auf, dem Blumenmaler und Kunsthändler Jacob Marrel. Wie für die Zeit üblich, wird das junge Mädchen in einem Handwerk unterrichtet: Der Stiefvater erkennt früh ihr künstlerische Talent und nimmt sie in die Lehre.

In einem kurzen Exkurs erläutert die Historikerin Barbara Beuys, dass dies keine Seltenheit ist: „Die mittelalterlichen Zünfte, in denen sich die Handwerker organisierten, kannten kein generelles Frauenverbot. Ein Blick in die Statistik der Frankfurter Zünfte zwischen 1300 und 1500 genügt: 65 Berufe waren reine Frauensache, bei 17 hatten Frauen die Mehrheit […] Ihre Paradezunft aber war die Seidenweberei. Allein zwischen 1513 und 1580 wurden am Rhein 222 Meisterinnen und über 700 Lehrmädchen in die Zunftrolle eingetragen. Nicht wenige der Meisterinnen waren berufstätige Ehefrauen.“ Das ändert sich erst schrittweise zu Lebzeiten von Maria Sibylla Merian und in den danach folgenden Jahrzehnten. Durch den Wandel zu absolutistischen Staatssystemen bildet sich ein umfangreicher Verwaltungsapparat, der ausschließlich Männern vorbehalten ist.

Solche Exkurse und Erläuterungen finden sich immer wieder in dem Buch von Barbara Beuys. So bettet sie die Merian gekonnt in ihre Zeit ein, ohne je nennenswert abzuschweifen oder langatmig zu sein. Sie nimmt sich immer genau genug Zeit um beispielsweise Personen, die großen Einfluss auf Maria Sibylla haben, genauer zu betrachten. Auch die Religiosität der Familie Merian – überzeugte Calvinisten in lutherisch geprägten Teilen Europas kurz nach dem dreißigjährigen Krieg – beleuchtet sie umfassend unter Verweis auf verschiedene religiöse Strömungen und Konflikte der Zeit.

Während ihre Halbbrüder nach dem Tod des berühmten Matthäus Merian den bekannten Verlag übernehmen und die Geschäfte fortführen, lernt Maria Sibylla also das Zeichnen, Malen und Kupferstechen. Mit 13 entdeckt sie eine weitere Leidenschaft: Raupen und ihre Verwandlung zu Schmetterlingen. Sie beginnt, Raupen aller Art zu sammeln, zu Hause zu füttern und zu beobachten. Sie macht sich umfassende Notizen zu ihrer Metamorphose und protokolliert den Prozess auch in detaillierten Zeichnungen. So gehen Forschung und Kunst eine ausgewogene Partnerschaft ein.

Die Merian gibt diesen Zeitvertreib auch nicht auf, nachdem sie heiratet und erstmalig Mutter wird. Und während ihr Mann einen passablen, aber nicht herausragenden, Ruf als Künstler genießt, werden auf Maria Sibylla Merian mit Veröffentlichung ihres ersten eigenen Buches mit Blumenbildern, Zeitgenossen schnell aufmerksam. Die umtriebige junge Frau gründet außerdem eine sogenannte „Jungfern-Compagnie“, in der sie Töchter aus gutbürgerlichen Familien in Nürnberg im Malen, Zeichnen, Sticken und Nähen unterrichtet.

Als sie 1679 ihr „Erstes Raupenbuch“ veröffentlicht, wird sie rundum zur Berühmtheit, denn dieses Buch macht klar, dass es sich bei Maria Sibylla Merian nicht „nur“ um eine Malerin handelt, sondern um eine ernstzunehmende Forscherin, die ihre Objekte gewissenhaft erforscht und ihre Beobachtungen gut zu Papier bringen kann.

Barbara Beuys achtet sehr darauf, Mutmaßungen über Maria Sibylla Merians als solche zu kennzeichnen und beruft sich konstant auf Quellen. Offen gibt sie zu, wenn sich Lücken oder Fragen auftun rund um den Charakter oder die Motivation hinter Merians Entscheidungen. Aber trotz aller Vorsicht ist man als Leser schnell fasziniert von dieser Frau, die sich später mit zwei Töchtern von ihrem Mann trennen wird und nach einigen Jahren in einer radikalen christlichen Glaubensgemeinschaft ihr Hab und Gut verkauft um mit 51 Jahren zu einer bis dahin beispiellosen Forschungsreise nach Surinam aufzubrechen. Dort schlägt sie sich durch den Urwald und veröffentlicht anschließend, von Malaria schwer gebeutelt, ihr umfassendes Werk zur „Verwandlung der surinamischen Insekten“.

Die packende und kompakte Aufbereitung eines derart schillernden Lebens, die Barbara Beuys hier gelungen ist, ist an sich schon ein kleines Kunstwerk.

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Meine Eltern

Aharon Appelfeld , Mirjam Pressler
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Berlin, 17.11.2017
ISBN 9783737100311
Genre: Romane

Rezension:

Ihre Sommer verbringen die Eltern des zehnjährigen Erwin gerne mit ihrem Sohn auf dem Land, am Ufer des Flusses Prut. Hier versammeln sich während der Ferien eine Reihe anderer Sommerfrischler; die meisten von ihnen säkularisierte Juden. Erwin verbringt viel Zeit damit, die unterschiedlichen Charaktere zu beobachten. Da ist der einbeinige Alte, der meistens miesepetrig vor sich hinsieht und den anderen ihre Unbekümmertheit und Oberflächlichkeit vorwirft. Oder die kapriziöse P., die zu viel trinkt und auf Männerschau ist. Der Arzt, Dr. Zajger, der sich unermüdlich um die Armen kümmert und für seine Patienten nicht nur viel Schlaf opfert. Oder der Schriftsteller Karl König, der verzweifelt versucht, weitere Kapitel seines Buches zu seiner Zufriedenheit fertigzustellen. Sie alle beobachtet der junge Erwin in diesem Sommer des Jahres 1938 ganz genau. Das gilt auch für seine Eltern, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die sanfte Mutter hat sich aus ihrer Kindheit in einem streng religiösen Elternhaus einen einfachen Glauben und unerschütterliches Gottvertrauen bewahrt. Der Vater wiederum ist Realist, Zyniker und erklärt täglich, dass die nächste Sommerfrische woanders verbracht werden soll, wo der Sohn auf kultiviertere Menschen trifft.

Wie unterschiedlich die Eltern sind, wird immer wieder daran deutlich, wie verschieden sie auf Menschen in ihrer Umgebung und auf Erlebnisse während dieses Sommers reagieren. Die Mutter blickt mitleidig auf P., der Vater verachtet sie. Sie will P. und anderen Menschen wie ihr die Hand reichen, der Vater ist überzeugt, dass sie durch ihre Süchte ihre Menschlichkeit eingebüßt hätten.

Auch wenn seine Eltern so derart verschieden sind, beeinflussen sie beide die schriftstellerische Arbeit des Sohnes Jahrzehnte später: „Wenn ich eine Geschichte oder einen Roman schreibe, begleitet mich der Rhythmus der Stimmer meiner Mutter zu den Toren der Phantasie. […] An meinen Vater erinnere ich mich immer, wenn ich einen Essay schreibe. Für einen Essay braucht man klare Gedanken, die richtige Mischung von Tatsachen und Argumenten.“

Doch beide Eltern können sich nicht vor der aufziehenden Panik verschließen, die sich unter den Gästen ausbreitet. Es ist noch kein Krieg und die christlichen Bauern, die den Sommerfrischlern ihre Hütten vermieten, beäugen die jüdische Kundschaft misstrauisch, treten ihnen jedoch noch nicht in offener Feindseligkeit entgegen. Aber die Angst ist allgegenwärtig. Sie äußert sich in besorgten Unterhaltungen, die die Erwachsenen abends nach dem Essen führen wenn sie denken, Erwin schlafe schon. Sie äußert sich auch in einer Art Zügellosigkeit, die die Feriengäste zu übermannen scheint. Sie trinken und essen mehr als sonst, sie lachen lauter und sie sonnen sich fauler als in vorigen Sommern. Den Vater verleitet das zu abschätzigen Kommentaren; die Mutter nimmt es stumm zur Kenntnis.

Meine Eltern ist ein berührendes und aufwühlendes Buch. Meisterhaft fängt Appelfeld die Zerrissenheit zwischen tiefer Verunsicherung und der Hoffnung auf bessere Zeiten ein. Er beobachtet genau, seziert seine Charaktere und benutzt eine Sprache, die trotz aller Schönheit ungewöhnlich präzise und klar ist. Kein Satz ist zu lang, kein Wort zu viel und trozdem erscheinem dem Leser die Figuren, der Fluss, dieser letzte Sommer vor Kriegsausbruch so, als handele es sich um eigene Erinnerungen. Was für ein eindrucksvolles Familienbild.

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Die Komödie von Charleroi

Pierre Drieu la Rochelle , Andrea Spingler , Eva Moldenhauer , Thomas Laux
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Manesse, 25.04.2016
ISBN 9783717523963
Genre: Romane

Rezension:

Sechs Novellen sind in diesem Buch vereint. Sie alle drehen sich um die Erfahrungen der „Verlorenen Generation“, um Erlebnisse in den Schützengräben während des Ersten Weltkriegs oder in den Straßen von Paris in den Jahren danach, in denen die überlebenden Heimkehrer ratlos durch diese friedliche Zeit taumeln. charleroi

Die erste der Novellen, die dem Band ihren Namen leiht, folgt einem dieser Überlebenden Jahre nach Kriegsende zurück auf die Schlachtfelder. Im Schlepptau seiner Arbeitgeberin, der reichen Madame Pragen, bereist er die Gegend in der ihr Sohn, sein Kamerad, gefallen ist. Madame Pragen macht aus dieser persönlichen, fast intimen, Erfahrung, ein öfffentliches Ereignis. Sie spendet sein Jahren großzügig an die Dörfer in dieser Gegend damit die Erinnerung an ihren Jungen erhalten bleibt und will nun nicht nur sehen wo ihr einziges Kind gestorben ist, sondern auch die Überreste des Leichnams begutachten, bei dem man davon ausgeht, dass es ihr Sohn sein könnte. Einer Mutter dabei zuzusehen, wie sie sich krampfhaft und mit allen Mitteln bemüht, sich selbst davon zu überzeugen, dass ihr Sohn für eine große Sache und nicht umsonst gestorben ist, ist erschütternd.

Ebenso eindringlich sind die darauf folgenden Erzählungen. In „Der Hund der heiligen Schrift“ erinnert sich ein Rückkehrer an die Tage bevor seine Infanterieeinheit nach Verdun versetzt wird. Eine Verkettung unglücklicher Zufälle, vielleicht auch organisatorische Fehler, führen einen anderen Mann zu der Einheit. Dieser Mann stammt aus einer Familie die „alt, groß und im Allgemeinen sehr reich“ ist und er lässt seine Kontakte spielen um nicht mit den Männern an die Front zu müssen. Kurz vor dem Abmarsch nach Verdun verlässt er die Truppe und schließt sich einem Regiment an, das weniger direkten Feindkontakt hat.

In diesen sechs Novellen bringt Drieu La Rochelle die Gefühle einer ganzen Generation, vielleicht die eines ganzen Kontinents, auf den Punkt. Denn er beschreibt nicht nur die Irrsinnigkeit des Krieges, sondern eben auch die Naivität, mit der junge Männer auf beiden Seiten in die Schlacht gepeitscht werden, oder auch die Fassungslosigkeit, mit der altgediente Generäle verstehen lernen, dass eine Kavallerie in einem Krieg des 20. Jahrhunderts ausgedient hat:

„Es ist eher ein Krieg der Fabriken als ein Krieg der Menschen. In den Fabriken wird massenhaft Stahl hergestellt, und den wirft man sich dann von Weitem, ohne sich anzusehen, stöhnend an den Kopf […] Meine Vorfahren haben doch nicht auf eine Zivilisation hingearbeit, damit wir plötzlich nichts mehr ausrichten können und sich jede Bewegung im Mechanischen, Blinden, Absurden verliert? Eine Maschine, eine Kanone, die ohne Zutun ununterbrochen schießt – was ist das? Das ist weder ein Mensch noch ein Tier und auch kein Gott […] Es war eine unerwartete, grauenvolle Entfesselung. Als der Mensch die ersten Maschinen erfand, hat er seine Seele dem Teufel verkauft, und jetzt präsentierte der Teufel die Rechnung.“

Er klagt die dekadenten Entscheidungsträger an, die aus der Sicherheit ihrer Kabinettsräume heraus Krieg erklären und führen lassen und mit der Möglichkeit von Ruhm und Ehre locken. Dabei spricht er wieder und wieder darauf an, dass sich dieser Krieg von allen vorangegangenen Kriegen unterscheidet:

„Krieg ist nicht mehr Krieg. Ihr werdet es eines Tages sehen, Faschisten aller Länder, wenn ihr euch flach auf den Boden drückt mit eurer vollgeschissenen Hose. Dann wird es keine Federbüsche, Goldtressen, Sporen, Pferde, Trompeten, Worte geben, sondern bloß eine industrielle Ausdünstung, die euch die Lunge zerfrisst.“

Die kritische Anspielung auf „Faschisten aller Länder“ verdient zusätzliche Aufmerksamkeit. Pierre Drieu La Rochelle ist, so schrieb die Welt im Mai 2016, „mehr berüchtigt als berühmt“ (Krause). Der Titel des Artikels lautet „Für diesen Dichter was der Faschismus sexy“. Rochelle war nämlich, das muss man wissen, Kollaborateur unter der deutschen Besatzung Frankreichs zwischen 1940 und 1944. Dass der Faschismus ggf. nicht dauerhaft „sexy“ für La Rochelle war, wird in dem obigen Zitat deutlich. Sowohl der Artikel als auch das Nachwort zu dieser Novellen-Sammlung gehen darauf ein, dass La Rochelle weniger von einer politischen Ideologie seiner Zeit überzeugt war, sondern vielmehr von einer totalitären Ideologie zur anderen taumelte – „und wieder zurück“ (Krause). Konstant blieb da nur seine Verachtung für die Dritte Republik Frankreichs, die in seinen Erzählungen überall hervorscheint und die Krause wie folgt auf den Punkt bringt:

„Die alten Eliten hatten nicht nur im sinnlosen Gemetzel von 1914 bis 1918 kläglich versagt. Sie fuhren vielmehr in den Augen des smarten jungen Mannes aus gutem Hause fort, die Zeichen der Zeit zu verkennen und sich in ihren Korruptionsskandalen zu verheddern.“

Während des Ersten Weltkriegs und in den Jahren danach ist La Rochelle Pazifist – einige der oben angebrachten Zitate aus dem Erzählband sowie viele weitere Stellen in seinen Novellen weisen darauf hin. Sein Pazifismus weicht dem Faschismus um schließlich doch einer Begeisterung für den Kommunismus Platz zu machen. Über dieses Nicht-Festlegen wenn es um politische Positionen geht, schreibt auch Thomas Laux im Nachwort der Novellensammlung:

„Ab 1934 bezeichnete er sich in aller Öffentlichkeit als Faschisten – um sich gegen Ende seines Lebens, kurz vor seinem Selbstmord im März 1945 mit zweiundfünfzig Jahren, erneut für die kommunistische Idee zu begeistern […] Drieu ist also im Grunde zu keinem Zeitpunkt ein leicht einzuschätzender Mensch gewesen, seinen politischen Festlegungen war offenkundig ein Verfallsdatum eingeschrieben.“

Doch was in den Erzählungen konstant bleibt ist das Verdammen nationalistischen Gedankenguts: so bezeichnet er den Nationalismus als den „schändlichsten Aspekt des modernen Geistes“ und spricht von der nationalistischen „Raserei“ diesem „grotesken Wahnsinn“ seiner Zeit. Zugleich finden sich vereinzelt rassistische und antisemitische Aussprüche einiger Charaktere, die beim Lesen durchaus irritieren mögen (auch dies wieder Teil von La Rochelles Ambivalenz; seine erste Frau war Jüdin).Und doch fügen sie sich in die Geschichte mit ein und komplettieren das Portrait dieser Verlorenen Generation, die man kennen lernen (und zu einem gewissen Grad verstehen lernen) muss, damit Geschichte sich nicht einmal ansatzweise wiederholt.

La Rochelle selbst ist ein mir zutiefst suspekter und unsympathischer Mann, der, so scheint es mir, sein Fähnchen jeweils nach dem Wind gehangen hat und dem der Mumm gefehlt hat, für die richtige Sache (und somit gegen die Nationalsozialisten) einzustehen. Doch die Novellen die in Die Komödie von Charleroi vereint sind, sind beeindruckend dicht geschriebene Erzählungen, die Nationalismus und Krieg aufs schärfste verdammen. Und das macht sie lesenswert.

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Buchmendel & Die unsichtbare Sammlung

Stefan Zweig , Joachim Brandenberg , Florian Arnold
Fester Einband: 152 Seiten
Erschienen bei Topalian & Milani Verlag, 20.09.2016
ISBN 9783946423058
Genre: Klassiker

Rezension:

Buchmendel

Der Erzähler flieht vor einem Regenguss in ein Café. Nach einer Weile fällt ihm auf, dass er es kennt. Vor Jahren ist er als junger Student mit einem Kommilitonen hier gewesen weil er auf der Suche nach einem schwer zu beschaffenden Buch war. Für diese Suche hat er Unterstützung von „dem Buchmendel“ erhalten. Dabei handelte es sich um Jakob Mendel, einen „Magier und Makler der Bücher“, der jahrelang an einem chaotischen Marmortischchen in einer Ecke dieses Cafés saß und bei der Suche nach den absurdesten Büchern helfen konnte. Kein Buch, dessen antiquarische Eckdaten er nicht im Kopf hatte und besorgen konnte. Als der Erzähler sich Jahre später dessen entsinnt, sucht er Buchmendels Tisch, doch der Mann ist nicht da.

Sowohl der Besitzer als auch der Oberkellner im Café haben gewechselt, doch die Toilettenfrau war auch vor Jahren schon da und sie erzählt, wie es dem Buchmendel in den letzten Jahren ergangen ist. Der war nämlich derart vertieft in seine Bücher, dass er den Kriegsausbruch nicht mitbekommen hat und das soll ihm später zum Verhängnis werden.

Buchmendel ist eine tieftraurige Erzählung, die auf wenigen Seiten nicht nur ein tragisches Einzelschicksal seziert, sondern auch auf den unaufhaltsamen Lauf der Dinge anspielt und darlegt, wie auf vielfältige und unerwartete Art und Weise selbst ein weit weg scheinender Konflikt ein ganzes Leben zur Tragödie umwandelt.

Illustriert wird die Erzählung durch Bilder des Offenbacher Buchkünstlers Joachim Brandenberg, die Zweigs Worten noch mehr Wucht verleihen. Wunderschön tragisch.

Die unsichtbare Sammlung

In den 1920er Jahren, während die Inflation grassiert und sich Neureiche an ihrem neuen Wohlstand berauschen, ist der Erzähler – ein Kunstantiquar – händeringend auf der Suche nach Kunst um die Nachfrage zu befriedigen. Eine Durchsicht der Kundenkartei bringt ihn auf die Spur eines alten Kunden, der schon bei seinem Vater eingekauft hat, nun aber seit Jahren nicht mehr im Laden war. Der Erzähler selbst kennt den Kunden nicht persönlich, doch die Stücke, die dieser über Jahre hinweg angesammelt hat, ergeben eine bedeutende Sammlung. In der Hoffnung, einige der Kunstwerke für den anschließenden Wiederverkauf günstig zurückkaufen zu können, macht sich der Antiquar auf den Weg.

Als er dem Kunden gegenüber steht wird ihm klar, warum er seit Jahren keine neuen Kunstwerke mehr erstanden hat – der Mann ist blind. Das tut seiner Begeisterung für die Kunst jedoch keinen Abbruch. Glühend schwärmt er von seiner Sammlung, er drängt darauf, sie dem Kenner zu zeigen. Als die Mappen vor den beiden Männern liegen und der Blinde voller Stolz beginnt, Blatt um Blatt herauszuheben und vorzustellen, macht der Antiquar eine erschütternde Entdeckung.

Die unsichtbare Sammlung ist eine leichtfüßige Farce, die dem Leser mühelos Tränen in die Augen treibt. Eine unvergessliche Novelle, die unter Beweis stellt, dass Stefan Zweig tatsächlich ein Meister seines Fachs war. Die Illustrationen für diese Erzählung hat der Illustrator Florian L. Arnold mit Tuschfeder, Radierplatte und Glaszeichnung hergestellt. In ihnen lässt sich mindestens genau so viel entdecken wie in der Erzählung Zweigs.

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kulturgeschichte, popkultur, zirkus

The Circus, 1870-1950

Noel Daniel , Dominique Jando , Linda Granfield
Fester Einband: 544 Seiten
Erschienen bei TASCHEN, 08.10.2010
ISBN 9783836520256
Genre: Sachbücher

Rezension:

Zwischen den 1870er und 1950er Jahren erlebte der Zirkus in den USA seine absolute Blütezeit. Wenn der Zirkus in die Stadt kam, bedeutete das Riesen-Spektakel für die gesamte Bevölkerung.Bis zu 14.000 Menschen besuchten eine Aufführung, rund 1.600 Menschen arbeiteten in einem Zirkus.

In dem massiven Buch The Circus lässt der Taschenverlag Leser in diese Glanzzeit des Zirkus eintauchen. Fotos von berühmten Zirkusartisten ihrer Zeit finden sich ebenso wie bunte, oft doppelseitige, Abdrucke der Zirkusplakate, die die jeweiligen Hauptattraktionen anpreisen: wilde Tiere, schöne Frauen, exotische Völker. Besonders letztere erfreuten sich noch deutlich bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein großer Beliebtheit. Oft wurden ihre Vetreter auf den Plakaten als „Educational Attraction“ angepriesen, als eine Chance, die Welt zu entdecken, ohne seine Heimat dafür verlassen zu müssen. Dies wirkt auf den heutigen Betrachter befremdlich – wenn ein Plakat beispielsweise mit dem „Tribe of Genuine Ubangi Savages […] from Africa’s Darkest Depths“ wirbt, halten einen auch die brillianten Farben nicht davon ab, leise den Kopf zu schütteln. Und über die Lebensbedingungen der Zirkustiere kann man sich aus heutiger Sicht ebenso aufregen, wie über die sogenannten „Freak Shows“ in denen „menschliche Kuriositäten“ zur Schau gestellt wurden.

Daher ist es wichtig und richtig, dass Plakate und Fotos durch erklärende Texte einen Kontext erhalten. Das Buch lässt den Betrachter so nicht nur in verschiedene Manegen eintauchen; als Leser erhält man außerdem hochinteressante Einblicke in die amerikanische Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Was Menschen ihrer Zeit unterhaltsam oder spannend und interessant finden, sagt schließlich eine Menge über sie und ihre Zeitgenossen aus. Je nach Stimmung kann man aber auch einfach einmal das Buch durchblättern und sich an dieser unglaublichen Bildsammlung erfreuen. Sich daran sattzusehen ist kaum möglich.

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familie, gewalt, loteria;, lotería, mädchen, mexiko, roman, spanisch, spielkarten, tagebuch, tarotkarte, traumatische erlebnisse

Sonne, Mond und Sterne

Mario Alberto Zambrano , Birgitt Kollmann , Jarrod Taylor
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 21.03.2016
ISBN 9783630874418
Genre: Romane

Rezension:

Die elfjährige Luz wünscht sich, eine Meerjungfrau zu sein. Denn Meerjungfrauen können schwimmen wohin sie wollen, und niemand kommt ihnen zu nah. Doch Luz kann nicht schwimmen wohin sie will und sie muss es sich gefallen lassen, dass die Menschen ihr nahe kommen. Dass sie sie dazu drängen, zu erzählen was wirklich passiert ist. Aber Luz will nicht reden – nicht von ihrer Mutter, die die Familie vor einem Jahr verlassen hat, oder vom Vater, der im Gefängnis sitzt, und auch nicht von der Schwester, die auf der Intensivstation um ihr Leben kämpft.

Anstatt zu reden, verkriecht Luz sich in einem Stapel Spielkarten und in ihrem Tagebuch. Diese Karten sind sogenannte Loteria-Karten, ein mexikanisches Spiel, das Bingo gleicht. Jede Karte ist mit einem anderem bunten Motiv bedruckt und während Luz sich diese Motive ansieht, steigen in ihr Erinnerungen an ihre Kindheit hoch und sie schreibt sie in ihr Tagebuch. So erinnert sie „Das Kanu“ an Besuche auf dem Flohmarkt mit ihrer Familie, denn auf dem Flohmarkt saß eine Frau in einem alten Kanu und verkaufte ihre Waren.

Die Meerjungfrau weckt Erinnerungen an den Pool der befreundeten Nachbarin, bei der sich die Familie oft mit Freunden und Bekannten traf und dort bis spät in die Nacht spielte und lachte und trank. An diesen Abenden wickelte sich Luz unbeobachtet Handtücher um die Beine, sodass sie an die Flosse einer Meerjungfrau erinnerten, und rollte sich ins Wasser: "Ich schlängelte mich mit weit offenen Augen von einem Ende des Pools zum anderen und summte dabei ein Lied. Weil ich ja unter Wasser war, wusste ich nicht, ob ich weinte. Als Mutprobe versucht ich, so lange unter Wasser zu bleiben, wie ich konnte."

Und dann ist da der Mond, La Luna. Als Luz diese Karte aus dem Stapel zieht, denkt sie an ihre Schwester Estrella, mit der sie an manchen Abenden vor dem elterlichen Haus gesessen hat und zu Mond und Sternen hinauf geblickt hat. Und sie denkt daran, wie Tencha, die gute Seele, alte Freundin der Familie, sie einmal fest an sich gezogen hat:

„Te quiero, Luz. Lo sabes, verdad?“ [Ich habe dich lieb, Luz. Das weißt du, nicht wahr?] „Ja, ich weiß“, sagte ich. Und dann haben wir zum Mond hochgeschaut.

Eine vergleichbare Szene mit ihrer Mutter fällt der jungen Luz nicht ein.

Zambrano führt den Lese ganz behutsam an das Schreckliche heran, das schuld daran ist, dass Luz so ganz allein in diesem Heim sitzt. In den kurzen Episoden, die durch die Motive der Spielkarten inspiriert werden, erhascht der Leser kurze Einblick in ein Kinderleben, in Szenen einer Ehe, in die enge Beziehung zweier ungleicher Schwestern. Ohne politisch zu sein, zeichnet Zambrano außerdem das Porträt einer Familie, die im heimischen Mexiko fremd ist und in den USA nicht ankommt.

Die Einblicke, die Zambrano in die Geschichte gewährt sind detailliert genug, sodass diese Geschichte nicht oberflächlich daher kommt. Gleichzeitig sind sie so kurz gehalten, dass er seine Leser vor einem ganz großen Schmerz bewahrt. So ergeht es dem Leser wie Luz: die schlimmsten Ereignisse werden nach Kräften verdrängt.

Sonne, Mond und Sterne ist ein schönes Leseerlebnis, das wehmütig stimmt. Nicht nur aufgrund der Sprache, die kindlich aber nicht plump ist, und nicht nur aufgrund der kunstvollen Narrrativ-Konstruktion schleicht sich dieses Buch behutsam ins Leserherz; auch die liebevolle Gestaltung mit den bunten Loteria-Karten, die den Beginn jeden Sinn-Abschnitts markieren , trägt ihren Teil dazu bei.

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Cat Among the Pigeons

Agatha Christie
E-Buch Text: 355 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 14.10.2010
ISBN 9780007422210
Genre: Sachbücher

Rezension:

Meadowbank ist ein angesehenes Mädcheninternat irgendwo in England. Vor vielen Jahren von Miss Bulstrode gegründet, ist die Schule inzwischen derart etabliert, dass die Schülerinnen zu einem großen Teil aus namhaften englischen Familien stammen, die entweder über viel Geld oder viel Macht und Einfluss, oder beides verfügen. Miss Bulstrode ist stolz auf den Erfolg ihrer Schule, doch viel mehr noch ist sie gelangweilt vom Alltag. Mehr und mehr spielt sie mit dem Gedanken, sich zur Ruhe zu setzen. Doch wem soll sie die Geschicke der Institution in die Hand geben? Diese Entscheidung fällt ihr nicht leicht, aber dennoch ist sie sicher, dass dieses Jahr ihr letztes Jahr in Meadowbank sein soll und dass sie sich danach neuen Herausforderungen stellen möchte.

Doch zuallererst muss sie sich mit ungeahnten Schwierigkeiten auseinandersetzen. Ein Mörder treibt nämlich sein Unwesen in Meadowbank und es bleibt nicht bei einem Opfer. Miss Bulstrode kann nicht ahnen, was der Auslöser für diese Geschehnisse sein mag. Einige Wochen vor Beginn des Schuljahres ist im (fiktiven) Königreich Ramat im Nahen Osten eine Revolution ausgebrochen. Der König, Ali Yusuf, hat vor seinem Fluchtversuch einem engen Vertrauten – einem Engländer, den er noch aus Schultagen kennt – ein Beutelchen mit kostbaren Edelsteinen anvertraut. Der Vertraute versteckt die Steine im Reisegepäck seiner Schwester, die derzeit in Ramat weilt. Ihre Tochter ist Schülerin in Meadowbank und wie der Zufall so spielt, bringt sie die Steine nichtsahnend mit ins Land und in ihre neue Schule. Doch obwohl Yusufs Vertrauter Bob Rawlinson absolutes Stillschweigen bewahrt hat, wissen doch verschiedene Parteien von der Existenz der Edelsteine und sie vermuten außerdem, dass sie sich im Besitz von Bob Rawlinsons Schwester oder Nichte befinden müssen.

Die Mehrheit der Schülerinnen ist einfältig und kreist um sich selbst. Auf den ersten Blick scheint dies auch auf viele der Lehrerinnen zutreffen, doch schon bald wird klar, dass Miss Bulstrode, sollte sie Meadowbank denn nach Ende des Jahres tatsächlich den Rücken zukehren, ein Machtvakuum entstehen lässt, das mehr als eine ihrer geschätzten Kolleginnen nur zu gerne füllen würde.

Christie lässt sich in diesem Buch ausgesprochen viel Zeit damit, den belgischen Privatdetektiv Hercule Poirot auftreten zu lassen. Erst im letzten Drittel wird er zu Hilfe gerufen. Bis dahin mutet der Roman zeitweise eher wie eine Spionagegeschichte an, in die stellenweise Seitenhiebe auf diplomatische Winkelzüge eingeflossen sind.

Sprachlich plätschert die Geschichte angenehm vor sich hin, manche der Dialoge sind derart British in ihrer Korrektheit, dass bereits einige wenige Zeilen großen Unterhaltungswert bieten und Christie hält sich nicht mit unnötigen Details und Ausschmückungen auf. Bewundernswert, wie viele Verdächtige sich mit unterschiedlichen Motiven, Alibis und möglichen Tatwaffen auf nicht einmal 200 Seiten tummeln können. Wie gut, dass Hercule Poirot zur Stelle ist, um die Fäden zu entwirren. So entsteht nette Sommerunterhaltung.

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Eine strahlende Zukunft

Richard Yates
E-Buch Text: 497 Seiten
Erschienen bei Deutsche Verlags-Anstalt, 10.03.2014
ISBN 9783641126308
Genre: Romane

Rezension:

Michael Davenport ist ein aufstrebender junger Dichter. Davon ist er überzeugt. Deshalb ist er auch wenig begeistert, als seine hübsche Frau Lucy ihm am Morgen nach der Hochzeitsnacht eröffnet, dass sie eine wohlhabende Frau ist. Mehrere Millionen Dollar liegen auf ihrem Konto. Michael fürchtet, dass ihn ein solcher Wohlstand in seiner Arbeit als Künstler kompromittiert und er überzeugt seine Frau, das Geld liegen zu lassen. Stattdessen nimmt er einen anspruchslosen Job an, der seine Frau und sich über Wasser hält. In seiner Freizeit sitzt er an seinen Theaterstücken und Gedichten und versucht, Schwieriges leicht aussehen zu lassen.
Lucy, so glaubt er, bringt ihm nichts als Bewunderung entgegen. Seine Prinzipientreue, seine Gedichte, seine Art, sich auf Parties zu geben, beeindrucken sie und sie bemüht sich nach Kräften, eine vorbildliche Frau (später auch Mutter) zu sein. Michael Davenport nimmt seine Frau nicht wirklich ernst und umso schockierter ist er, als erste kleine Anzeichen in der gemeinsamen Wohnung auftauchen, dass Lucy sich für andere Dinge als Hausarbeit und ihre Ehe interessiert und dass sie ihn vielleicht nicht so vorbehaltlos anhimmelt wie er denkt.
Michael Davenport ist in seinem Bestreben, sich als Schriftsteller durchzusetzen, nicht alleine in seinem Freundes- und Bekanntenkreis (und auch die kaum perfekte Beziehung der Davenports ist kein Einzelfall). Die Davenports umgeben sich in diesen späten 50er / frühen 60er Jahren mit anderen aufstrebenden Künstlern. Durch Zufall lernt Michael schließlich Tom Nelson kennen, einen Künstler, der mit Frau und Kindern in der Nähe der Davenports wohnt und der kommerziell erfolgreicher ist als Michael oder seine alten Freunde aus Harvard je sein werden. Auf Nelsons regelmäßig stattfindenden Feiern stoßen die Davenports auf andere erfolgreiche Künstler, auf Professoren und Kritiker von der Newsweek oder The Nation und beide Davenports versuchen nach Kräften, sich in diese Gruppe einzufügen. Michael beneidet Nelson und versucht, ihn vor Lucy und sich selbst kleinzureden – schließlich mache Nelson keine ernstzunehmende Kunst sondern lediglich solche, die kommerziell erfolgreich sei. Sehr viel später wird er sich in einem ruhigen Moment eingestehen, dass Tom Nelson genau das perfektioniert hat, was Michael Davenport jahrzehntelang versucht: etwas Schwieriges leicht wirken zu lassen.
Richard Yates bedient sich – wie immer – einer ausgesucht schönen Sprache und er seziert die Motivation hinter den Aktionen seiner Charaktere gewohnt genau. Michael Davenport ist aufgeblasen und ichbezogen; oft fühlt er sich anderen überlegen und berauscht sich an seinem eigenen vermeintlichen Intellekt. Und doch kann man ihn bemitleiden, denn Yates vermag es, ohne zu dick aufzutragen, leicht Seitenhiebe auf seinen Protagonisten einzubauen, die ihn teils ein wenig lächerlich wirken lassen.

Zwei der drei Teile, aus denen dieser Roman besteht, konzentrieren sich auf Michael. Der mittlere Teil wiederum befasst sich ausführlich mit Lucy. Wie schon in The Easter Parade beweist Richard Yates in diesem Segment, dass er glaubwürdige und vielschichtige weibliche Charaktere schaffen kann, die sich emanzipieren und ihren eigenen Weg gehen ohne sie dabei völlig überzeichnet wirken zu lassen.

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Vienna

Eva Menasse
Flexibler Einband: 608 Seiten
Erschienen bei btb, 21.09.2009
ISBN 9783442740406
Genre: Romane

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The Moor's Account

Laila Lalami
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei VINTAGE BOOKS, 18.08.2015
ISBN 9780804170628
Genre: Romane

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Das Buch der Schurken

Martin Thomas Pesl , Kristof Kepler
Fester Einband: 244 Seiten
Erschienen bei Edition Atelier, 04.03.2016
ISBN 9783903005150
Genre: Sachbücher

Rezension:

Was wäre eine Geschichte ohne einen Gegenspieler zu ihrem Helden? Sie würde wohl recht öde anmuten und den Leser kaum wirklich packen. Schurken sind das Salz in der Suppe - wohltemperiert geben sie der Erzählung den Kick um im Gedächtnis zu bleiben. Zu schwach dosiert verfehlen sie diese Wirkung und sollten sie zu dominant sein, können sie die Suppe auch versalzen. Kurz: mit dem Schurken steht und fällt eine Geschichte.

In seinem Buch der Schurken setzt Martin Thomas Pesl diesen Figuren nun ein Denkmal - in Form von 100 Lexikoneinträgen zu nicht so netten Figuren aus Romanen aus aller Welt. In der Einleitung zu seinem Werk definiert er den Begriff der seiner Arbeit zugrunde liegt:

"Die Definition von Schurke umfasst natürlich Schurken und Schurkinnen, Bösewichte, Unsympathen, Antagonistinnen, Fieslinge, Gauner, Egomanen, üble Hunde und sonstige widrige Mächte. Sie wollen jemandem Böses oder sich selbst - und nur sich selbst - Gutes."

Einen derart riesigen Fundus auf eine "Top 100" einzudampfen ist eine beachtliche Leistung. Und Pesl hat sich dafür eine Reihe Regeln auferlegt, die das Resultat umso interessanter machen: dazu gehört an erster Stelle der Versuch, eine gewissen Balance zu wahren zwischen bekannten und unbekannten Charakteren, männlichen und weiblichen Personen, sowie zwischen den verschiedenen Sprachen und Regionen der Welt. So ist diese Hitparade nicht zu einem reinen Schaulaufen von Fieslingen geworden, die wir alle kennen (obwohl sich auch Personen wie Harry Potters Dolores Umbridge und die Grauen Herren aus Momo wiederfinden), sondern bietet dem Leser auch ganz neue Leseinspirationen: so hat es Roman mit Kokain von dem russischen Schriftsteller Mark Lasarewitsch Levi dank Pesl ebenso auf meine Bücherliste geschafft wie Das rote Kornfeld von dem Chinesen Yu Zhan'ao oder aber Herr der Krähen von dem kenianischen Romancier und Kulturwissenschaftler Ngugi wa Thiong'o. Im Anhang stolpert der Leser übrigens über ein detailliertes Literaturverzeichnis - wer also durch die Lektüre Lust auf neue Bücher bekommen hat, findet dort alle wichtigen Informationen.

Pesl hat bei der Auswahl seiner Schurken nicht nur darauf geachtet, sich nicht auf die westliche Literatur zu beschränken und Schurken von allen Kontinenten anzuführen, sondern hat zusätzlich zu menschlichen Schurken auch tierische inkludiert: beispielsweise Schir Khan aus dem Dschungelbuch, Moby Dick oder Edgar Allen Poes Rabe. Außerdem eine Reihe mythischer Figuren aus epischen Sagen wie Beowulf, Gilgamesch, der Odysee und den Nibelungen. Der Leser blickt also auf mehr als dreitausend Jahre Schurkengeschichte!

Der Ton ist locker und stellenweise blitzt eine entspannte Ironie durch, die verrät wie viel Spaß Pesl mit Büchern hat und wie viel Spaß es ihm gemacht haben muss, diese Liste zu kuratieren. Hie und da streut er hochinteressante Hinweise auf Literturadaptionen und -akionen mit ein: so unter anderem auf das Café Rottenmeier, das im Rahmen des Tokyo-Festivals 2010 als Persiflage auf den japanischen Jugendwahn eröffnet wurde. Die Kellnerinnen des Rottenmeier, benannt nach der strengen Gouvernante in Heidis Lehr- und Wanderjahre, wurden als alte Jungfern geschminkt und angewiesen, ihren Service barsch und streng zu verrichten.

Last but not least verdienen die Illustrationen, die Kristof Kepler beigesteuert hat, an dieser Stelle Erwähnung. Sie greifen Pesls leichte Ironie auf und vermögen es außerdem, Helden, von denen man in vielen Fällen bereits seit Jahren ein bestimmtes Bild im Kopf hat oder die durch Filmadaptionen Kultstatus erlangt haben, so darzustellen, dass sie vertraute Züge aufweisen und dennoch Neuheiten beinhalten.

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111 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 23 Rezensionen

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Die Schönheitskönigin von Jerusalem

Sarit Yishai-Levi , Ruth Achlama
Fester Einband: 618 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 14.03.2016
ISBN 9783351036317
Genre: Romane

Rezension:

Luna Ermoza ist die schönste Frau Jerusalems. Ihre roten Locken und grünen Augen verdrehen den Männern den Kopf und sie genießt ihr Leben in vollen Zügen. Jerusalem ist noch von den Briten besetzt; es sind die frühen 1940er Jahre. In der Stadt formiert sich zunehmend Widerstand gegen die verhassten Besatzer; Sprengsätze explodieren und Lunas Schwester Rachelika meldet sich freiwillig als Ersthelferin.

Sarit Yishai-Levis israelisches Familienepos setzt Jahre später ein und verfolgt die Familiengeschichte noch eine ganze Generation weiter zurück. Lunas Tochter Gabriela möchte nämlich mehr erfahren über ihre Mutter, ihre Familie und den angeblich existierenden Fluch, aufgrund dessen die Frauen ihrer Familie nie glücklich verheiratet sind, weil ihre Männder sie nicht lieben. Ihre Großmutter Rosa zumindest ist überzeugt davon, dass dieser Fluch ihr und ihren weiblichen Nachkommen das Leben schwer macht.

Begonnen hat das Elend mit Gabrielas Urgroßmutter, der klugen Merkada und ihrem Urgroßvater, Rafael. Der verfällt nämlich den blauen Augen einer Aschkenasin und es ist keine Frage, dass er diese Frau nicht ehelichen darf. Rafael entstammt schließlich einer sephardischen Familie, den Ermozas, die seit der Vertreibung der Juden aus Spanien im 15. Jahrhundert in Jerusalem ansässig sind. Rafael entscheidet sich also gegen die Liebe und für die Ehe, die seinte Eltern für ihn arrangiert haben. Seinem Sohn Gabriel wird es Jahre später ähnlich ergehen und dessen Frau Rosa lebt über Jahrzehnte in einer lieblosen Ehe und hat mit ihrer wunderschönen und starrsinnigen Tochter Luna ebenso zu kämpfen, wie Luna wiederum mit ihrer Tochter Gabriela.

Dies mag verwirrend klingen, aber Sarit Yishai-Levi verknüpft die Generationen gekonnt miteinander und nachdem sie zu Beginn des Romans ein wenig zwischen verschiedenen Zeitpunkten hin und her springt um möglichst schnell möglichst viele Informationen zu bieten, spinnt sie schon nach kurzer Zeit einen stringenten Erzählfaden. So hat sie ein Buch geschaffen, das ich nicht zur Seite legen wollte; zu lebendig erscheinen Luna und ihre Schwestern, zu traurig ist die Geschichte ihrer Mutter Rosa und zu faszinierend erschien mir diese Erzählung über Jerusalem in den ersten zwei Dritteln des zwanzigsten Jahrhunderts.Besonders spannend ist dabei der Wandel des gemeinsamen Lebens von Juden und Arabern in der Stadt – während es unter englischer Besatzung durch ein gemeinsames Feindbild (Engländer) stabilisiert wird, bricht kurz nach Abzug der Engländer und Gründung des unabhängigen israelischen Staates Krieg aus. Ebenso packend ist die geschilderte Vielseitigkeit dieser jüdischen Bevölkerung, die sich nicht als eins begreift – die Vorurteile der Ermozas gegen ihre aschkenasischen Glaubensgenossen bestätigen das ebenso wie die Familiengespräche über “die Kurden”, die versuchen, die Famillie Ermoza übers Ohr zu hauen.

Die spanischen Wurzeln der Ermozas und ihrer sephardischen Nachbarn und Freunde werden auch dank der sehr guten Übersetzung deutlich – immer wieder finden sich Redewendungen, die spanischen Ursprunges sind (oft mit jiddischen Ausdrücken verbunden) und die im Text kursiv dargestellt sind. Längere Aussprüche werden umgehend ins Deutsche übersetzt. So bleibt der Lesefluss erhalten während den Dialogen gleichzeitig ein schöner Flair verliehen wird – Gott bezeichnen sie beispielsweise als den senyor des mundo und Böses wird über den Ausspruch pishkado i limon verscheucht. Gabriela, die Erzählerin, erklärt: “Wie die übrigen Spaniolen glaubte auch sie [Merkada], dass die Wortverbingung von Fisch und Zitrone die Dämonen verscheuchte”.

Diese sprachlichen Feinheiten, die spannende und wechselhafte Historie der Stadt Jerusalem im zwanzigsten Jahrhundert und die liebevoll kreierten Charaktere, die mit glaubwürdigen Schwächen und gewinnenden Stärken ausgestattet sind, bereiten ein kurzweiliges Lesevergnügen, dessen Ende ich während der Lektüre gerne noch hinausgezögert hätte.

Diese Rezension wurde auch auf lesemanie.com veröffentlicht.

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93 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 25 Rezensionen

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Mr Gwyn

Alessandro Baricco , Annette Kopetzki
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 27.02.2016
ISBN 9783455405613
Genre: Romane

Rezension:

Jasper Gwyn ist Anfang 40 und ein berühmter Londoner Schriftsteller. Doch dann überkommt ihn eines Tages auf einmal ein Gedanke: er will gar kein Schriftsteller mehr sein. Vor allem will er nicht mehr an dem Rummel des Literaturbetriebes teilnehmen. Tom Bruce Shepperd, sein Agent und enger Freund, hält die Idee zunächst für einen Scherz; die Tatsache, dass Jasper Gwyn seinen Entschluss nichts mehr zu schreiben bereits öffentlich gemacht hat, erscheint ihm wie ein cleverer Werbecoup. Mit der Zeit muss er allerdings einsehen, dass es sich keinesfalls um einen Scherz handelt: Jasper Gwyn schreibt keine Bücher mehr. Da er das Schreiben jedoch nicht komplett aufgeben kann, sucht er nach einer neuen Beschäftigung und findet sie: als Kopist will er zukünftig geschriebene Portraits von Leuten anfertigen.

Schrittweise richtet sich Mr. Gwyn in seinem neuen Leben ein; er sucht ein Atelier, verwendet viel Zeit (und Geld) darauf, die passende Geräuschkulisse für seine neue Arbeit zu schaffen und setzt sich auch sehr sorgfältig mit der Frage nach der perfekten Beleuchtung auseinander.

Die Einfälle, mit denen Alessandro Baricco aufwartet, seine Ironie und die merkwürdigen Schrullen von Jasper Gwyn machen Spaß und sie erinnern an die Schrullen der Charaktere in älteren Baricco-Büchern wie Oceano Mare oder Land aus Glas. Und doch reicht dieser Roman an die beiden anderen nicht heran. Zu sehr ist Jasper Gwyn mit sich selbst beschäftigt, zu oberflächlich erscheinen die anderen Figuren und zu sehr fehlt der Ironie stellenweise die wunderschöne Leichtigkeit, die andere Baricco-Bücher so auszeichnet. Das gilt insbesondere für die zweite Hälfte dieses Buches, das sich nicht mit Mr. Gwyn befasst, sondern ein von ihm verfasster Roman ist. Und Mr. Gwyn ist kein Baricco. So kurz diese Novelle auch ist, sie ist doch zu lang. Schade

Der Abend mit Alessandro Baricco und Joachim Krol im Rahmen der diesjährigen Lit.Cologne hat dennoch großen Spaß gemacht – nachzulesen hier.

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4 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman

Laurence Sterne , Michael Walter , Stefan Merki , Peter Fricke
Audio CD
Erschienen bei Der Hörverlag, 09.11.2015
ISBN 9783844519433
Genre: Klassiker

Rezension:

Als der anglikanische Pfarrer Laurence Sterne 1759 den ersten von insgesamt neun Bänden seines Romans rund um den Gentleman Tristram Shandy veröffentlichte, sorgte seine Kritik am Puritanismus der anglikanischen Kirche sowie generellen Missständen seiner Zeit für Kritik. Allerdings brachte ihm das ungewöhnliche Format seines Buches auch Bewunderung ein - unter Zeitgenossen ebenso wie unter bekannten Literaten späterer Jahre wie Goethe, Heine, Hesse oder Thomas Mann.

Was macht diesen Roman so ungewöhnlich? Da wäre vor allem die völlige Abwesenheit einer stringenten Handlung. Der Roman setzt mit der Zeugung Tristram Shandys ein - die unter höchst widrigen Umständen zustande kommt - und der letzte Band endet vier Jahre vor Geburt des Protagonisten. Hin und wieder erlaubt der Autor dem Leser kurze Eindrücke vom Leben des Tristram Shandy - so erfahren wir, wie es dazu kam, dass der Junge einen Namen bekam, den weder seine Mutter noch sein Vater tatsächlich für ihn ausgewählt haben, oder wie ein herabschnellendes Fenster den Jungen an einer höchst sensiblen Stelle verletzt - aber eigentlich liegt der Fokus viel mehr auf der Familie Shandy und ihrem direkten Umfeld. Besonders detailliert geht der Erzähler dabei auf des Protagonisten Vater - Walter Shandy -sowie dessen Onkel - Toby - ein. Der erste ist ein völlig verkopfter Mann, der beispielsweise davon überzeugt ist, dass aus seinem Sohn schon alleine aufgrund seines Namens nichts werden kann: "von allen Namen im Universum war ihm keiner so unbezwingbar widerwärtig wie Tristram"...
Onkel Toby hingegen ist seit seiner Zeit als Hauptmann bei der Belagerung von Namur geschädigt. Nachdem er sich dort eine Unterleibsverletzung zugezogen hat, nutzt er die mehrjährige Zeit seiner Rekonvaleszenz dafür, sich eingehend mit verschiedenen Belagerungstheorien zu befassen. Kaum gesundet beginnt er damit, an der Seite seines treuen Dieners Korporal Trim Miniaturen von Städten und Belagerungsmaschinen nachzubauen und tatsächlich stattfindende Belagerungen "in Klein" nachzuspielen. Auch dies eröffnet Sterne dem Leser nur nach und nach; der Roman besteht aus aneinandergereihten Episoden und Gesprächen, die sich erst schrittweise - wenn überhaupt - zusammenfügen. Gespickt wird das ganze durch unterschiedliche Beobachtungen und Abhandlungen philosophischer, naturwissenschaftlicher und anderer Art.

Nicht nur durch die fehlende Handlung, auch durch die vielen Ab- und Ausschweifungen hat sich Sterne mit diesem Buch der Norm widersetzt. Teilweise spricht er den Leser persönlich an; behandelt ihn jedoch weder wie einen ebenbürtigen Zeitgenossen noch ehrerbietig, sondern spielt mit ihm.

Im Buch spielt Sterne auch viel mit Satzzeichen und leeren oder eingefärbten Seiten - stirbt eine Person, so findet sich im Text daneben ein Kreuz; manche Seite sind als Zeichen der Trauer schwarz eingefärbt; andere Seiten hat Sterne weiß gelassen, damit der Leser sich selbst ein Bild dazu zeichnen kann.

Wie lässt sich so etwas vertonen? Ausgesprochen gut - solange man sich derart furchtlos an den Text heranwagt wie Regisseur und Bearbeiter Karl Bruckmaier. Der hat zum einen eine beeindruckende Sprecher-Gruppe um sich geschart, von denen jeder seinem Charakter eine Stimme leiht, die mühelos die vielen Anspielungen mit anklingen lässt, die Sterne in so vielen seiner Formulierungen versteckt hat.

Auch hat Bruckmaier tief in die Toneffekt-Kiste gegriffen: mal untermalt lautes Kutschengepolter eine Unterhaltung, ein andermal unterstreicht ein Ploppen, Pfeifen oder Eselsgeschrei die Komik einer Situation.

Für die leeren Seiten hat Bruckmaier eigens Musik komponieren lassen, und um einige der vielen Zitate und Anspielungen zu erläutern, die Sterne in seinen Roman hat einfließen lassen, lässt Bruckmaier Experten zu Wort kommen - so zum Beispiel den Übersetzer Michael Walter, der eine bestimmte Wortwahl näher erläutert. Oder auch einen Mediziner, der genau erklärt, was es mit der Verletzung auf sich hat, die sich der junge Tristram am herabsausenden Fenster zuzieht.

Auch zwei Leserfiguren, die in Sternes Romanvorlage nicht zu Wort kommen, hat er eingebaut - durch regelmäßige Zwischenrufe halten sie die Erzählung zusammen und sprechen oft das aus, was dem ein oder anderen Leser von Tristram Shandy tatsächlich durch den Kopf gegangen sein mag. Manche Szenen, in denen sich der Erzähler direkt an den Leser wendet (bzw. den Zuhörer) sind so inszeniert, dass es scheint, als spräche der Erzähler auf einer Bühne vor Zuschauern in ein Mikrofon...

Zuguterletzt liegt ja in der Kürze die Würze, und deshalb hat Bruckmaier sich auch nicht gescheut, manche Stellen - vor allem die langen, langen Predigten, die der Pfarrer Laurence Sterne in sein Buch eingebettet hat - zu streichen: so ist das Herausreißen einer Seite zu hören, während der Erzähler in knappen Sätzen einen Überblick über das verschafft, was dem Hörer nun entgeht.

Insgesamt hat Karl Bruckmaier so ein Hörspiel von mehr als siebeneinhalb Stunden Länge geschaffen, das dem Hörer nach einer kleinen Eingewöhnungsphase viel Komik bietet, und dessen unkonventionelle Adaption der Textvorlage und kreativer Gebrauch von Tönen und Musik mit Sicherheit auch Sterne selbst angesprochen haben könnte.

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6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

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Die Glücksfabrik

Saskia Goldschmidt ,
Flexibler Einband: 328 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 22.01.2016
ISBN 9783423144728
Genre: Liebesromane

Rezension:

1923: Während im Nachbarland der Nationalsozialismus sein Haupt erhebt, träumt Mordechai de Paauw davon, den familiengeführten Fleischereibetrieb in einem kleinen Ort nahe Amsterdam zu einem Weltunternehmen zu machen. Dabei helfen sollen ihm die wenigen Teile der Tierkadaver, die noch nicht zu Geld gemacht werden; während das Fleisch zu Nahrungsmitteln verarbeitet wird, das Knochenmehl zu Dünger wird, Borstenhaare zu Bürsten und so weiter und so weiter, fällt dem jungen Mordechai auf, dass einige Organe nicht verwendet werden können. Hierfür, so scheint es ihm, muss es eine Verwendung geben. Zur selben Zeit gelingt zwei Kanadiern ein pharmazeutischer Durchbruch: aus der Bauchspeicheldrüse extrahieren sie Insulin.

So hat Mordechai seine Antwort - er will einen Wissenschaftler mit ins Boot holen und der Schlachterei einen Pharmaziebetrieb zur Seite stellen. In dem Exildeutschen Rafael Levine, einem brillianten Wissenschaftler, findet er diesen Partner und gemeinsam gründen sie Farmacon. Beim Insulin bleibt es nicht - später gelingt es Levine, aus Stierhoden Testosteron zu gewinnen. Dieses "Seelensekret", so hoffen beide Männer, wird sie berühmt machen. Doch während Levine in seinem Amsterdamer Labor in vorsichtigen Schritten die Wirkung eines "Brunfthormons" testet, bei dem er davon ausgeht, es könnte Unfruchtbarkeit bei Frauen heilen und Wechseljahresbeschwerden lindern, will Mordechai seine eigenen Versuche durchführen. So verteilt er an die jungen Mitarbeiterinnen seiner Fabrik Tabletten und trägt ihnen auf, zu beobachten, wie ihre Körper darauf reagieren. Das ist allerdings nicht das einzige, das sie für ihn tun sollen. Tatsächlich kann de Paauw seine Triebe derart schlecht beherrschen, dass er täglich eine junge Frau aus der Werkshalle in sein Büro bestellt.

Seine Frau Rivka heiratet er nur, weil es sich bei ihr um die Tochter eines einflussreichen Kollegen und Freundes von Rafael Levine handelt, der Mordechai mit Konsequenzen droht, nachdem er entdeckt, dass seine Tochter von ihm schwanger ist. Während Rivka die fünf gemeinsamen Kinder mit Mordechai großzieht, während sie Theaterabende und andere Veranstaltungen für die Fabrikarbeiterinnen organisiert und Künstler im Haus ein und ausgehen, expandiert Farmacon. Es beherrscht den deutschen Insulinmarkt und streckt die Finger auch nach dem britischen und amerikanischen Markt aus. Doch nicht nur der Weltkrieg macht das Leben für Mordechai de Paauw bald schwieriger...

Erzählt wird die Geschichte rückblickend von einem siebenundneunzigjährigen Mordechai de Paauw, der zahn- und stimmlos an sein Krankenbett gefesselt ist, der überall Schmerzen hat und dem ein würdevolles Sterben nicht vergönnt ist. Mitleid für diesen Menschen will sich dennoch nicht einstellen - die Art und Weise, in der er seine Macht- und Sexgier rechtfertigt, in der er sich an seinen Eroberungen aufgeilt und sich in den Erinnerungen daran, wie er Freunde und Rivalen gleichermaßen ausgestochen hat suhlt, ist verstörend. Noch nie ist mir ein Roman untergekommen, bei dem ich dem Protagonisten und Erzähler nicht ein Fünkchen Verständnis entgegenbringen konnte.

Man muss es Saskia Goldschmidt als schriftstellerische Leistung anrechnen, dass sich dieses Buch tatsächlich so liest wie die Lebenserinnerungen eines geilen alten Bocks, den selbst Tod, Exil und Verzweiflungstaten derjenigen, die ihm am nächsten standen, nicht zu der Einsicht bewegen, dass sein Verhalten, das er lebenslang an den Tag gelegt hat, verabscheuungswürdig ist (Wie sollte er auch? Sein kapitalistischer Erfolg gibt ihm recht). Schade, dass es aufgrund der gewählten Erzählperspektive nicht möglich ist, die Fiesheit des Protagonisten durch raffinierte Sprache aufzuwiegen: de Paauw erzählt geradlinig und in einfachen Worten von seinem Leben. Vielleicht hätte hier eine neutral gewählt Erzählstimme besser gewirkt...

Goldschmidt hat einen Roman rund um eine spannende Zeit und ein interessantes Thema (die Entwicklung der Pharmaindustrie) geschrieben, der sich auch wie eine Kapitalismuskritik liest und der auf tatsächlichen Begebenheiten fußt. Die Geschichte von Farmacon basiert auf der real existierenden Firma Organon, die 1923 von Saal van Zwanenberg, einem Direktor von Schlachtbetrieben, gegründet wurde.Sein Partner war der Wissenschaftler Ernst Laqueur, der im Buch als Rafael Levine auftritt.

Diese und weitere Rezensionen gibt es auf www.lesemanie.com

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duft, essay, geruch, geruchssinn, literarischer essay, nase, zitate

Der Geruch der Welt

Paul Divjak
Fester Einband: 80 Seiten
Erschienen bei Edition Atelier, 12.01.2016
ISBN 9783903005167
Genre: Sonstiges

Rezension:

Der Autor, Philosoph und Künstler Paul Divjak, der als Duftpoet schon internationale Museen in stinkende mittelalterliche Kloaken verwandelt hat, oder auch den zarten Duft eines Orangenhains durch die New Yorker Neue Galerie wehen ließ, legt mit seinem Buch Der Geruch der Welt ein Plädoyer zum bewussten Riechen vor.

Seine Thesen rund um bewusstes Riechen untermauert er mit passenden Textpassagen von anderen Philosophen und Kulturtheoretikern, von Dichtern, Schriftstellern und Sängern.
Als Problem, das uns daran hindert, unser Riechorgan bewusster einzusetzen, identifiziert er unser Unvermögen, die Vielzahl an Gerüchen, die tagtäglich auf uns einprasselt, zu benennen:

“Wir können eine Unzahl an Gerüchen unterscheiden, verstehen allerdings kaum, sie zu benennen.”

Ich musste an dieser Stelle an eine Szene aus Harry Potter and the Half-Blood Prince denken, in der Harry zum ersten Mal Amortentia kennenlernt, “the most powerful love potion in the world”. Der Geruch dieses Liebestranks variiert und nimmt die Düfte auf, welche die jeweilige Person als anziehend empfindet. Harry kann zwei der Gerüche identifizieren, die eine solche Wirkung auf ihn ausüben; doch den dritten Geruch vermag er nicht zu fassen: “somehow it reminded him simultaneously of treacle tart, the woody smell of a broomstick handle and something flowery he thought he might have smelled at The Burrow.”

Divjak geht es in seinem Plädoyer gerade darum, uns allen Gerüchen, die uns umgeben, bewusst zu stellen. Nur so können wir bestimmte Gerüche wiedererkennen, zuordnen und benennen:

“Die Lebewesen, die Pflanzen, die Dinge können unterschiedliche Formen besitzen, ein Geruchsfeld markiert sie / umgibt sie. Gerüche müssen spezifisch sein, sie müssen eine Charakteristik besitzen, um wiedererkennbar zu sein […] Jedes Atmen ist mögliches Riechen, alles Riechen mögliches Erkennen. Erkennen ermöglicht das Benennen.”
Und tatsächlich riecht man bewusster beim und nach dem Lesen dieses Buches (was insbesondere beim Pendeln mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht immer gut sein muss), und das liegt nicht nur an den hochinteressanten Thesen und Beobachtungen die Divjak und, in eingestreuten Zitaten, unter anderem Hundertwasser, Agamben, Walter Benjamin und Morgenstern aufstellen und darlegen.Vielmehr liegt das vor allem auch an den Listen, die er in regelmäßigen Abständen in den Text einschiebt:

"Die Abgase eines Trabant. Sommerregen auf heissem Asphalt. Angeröstete Zwiebeln. Ein Hallenbad. Ein Slip. Limonade. Klebstoff. 8×4. Wunderkerzen. Rosmarin."
Ich muss gestehen, bei den Abgasen eines Trabants musste ich passen, aber bei der Vorstellung des Geruchs von Sommerregen auf heißem Asphalt habe ich gerne etwas länger verweilt und so den nassen Märztag für einen Augenblick aus meinem Bewusstsein verbannt. Als ich das Haus kurz darauf verlassen habe, mit neu erwachten Fokus auf meinen Geruchssinn, musste ich mir dann eingestehen, dass das Wetter an sich zwar bescheiden war, mich der hoffnungsfrohe Geruch des kalten Märzregens auf der noch winterträgen Erde dann aber doch ein wenig dafür entschädigte, dass ich durchnässt am Ziel ankam.
Mit diesen Listen von Divjak habe ich mich beim Lesen des Buches lange beschäftigt – zu groß war die Versuchung, die angesprochenen Gerüche tatsächlich im Bewusstsein entstehen zu lassen. Bei manchen, quasi alltäglichen, Gerüchen fällt es einem noch recht leicht: Feuchte Erde, Tomaten, ein Computer… Bei anderen Gerüchen wiederum bedurfte es einiger Anstrengung: Ein Kinosaal, eine Kirche, das Klassenzimmer…Und manche Gerüche erweckten beinahe unmittelbar Erinnerungen an Kindheitstage oder andere vergangene Erfahrungen: Ein Lagerfeuer, ein Tannenbaum, die Schwimmflügel…
Aufgrund dieser Listen, deren Schlagworte bei jedem Leser unterschiedliche Assoziationen und Erinnerungen wecken dürften, liest sich Divjaks Buch nicht “nur” wie ein Aufruf zum bewussteren Riechen. Vielmehr stößt er eine olfaktorische Reise durch die persönliche Vergangenheit an. Schließlich, so singen schon The Sparks in ihrem Lied “Perfume”, das Divjak zitiert:

“The olfactoy sense is the sense
That most strongly evokes memories of the past” (The Sparks, “Perfume”, 2006)


In diesem Sinne: Stop and smell the roses.

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dante, ec, gra

Die Geschichte der legendären Länder und Städte

Umberto Eco , Barbara Schaden , Martin Pfeiffer
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 21.08.2015
ISBN 9783423348560
Genre: Sachbücher

Rezension:

Wer in diesem Buch des kürzlich verstorbenen Umberto Eco blättert, der fühlt sich ein wenig, als würde er in einem Reiseprospekt blättern – auf bunt bebilderten, glänzenden Seiten erkundet Eco gemeinsam mit dem Leser die unterschiedlichsten Orte: Atlantis, das Schlaraffenland, das irdische Paradies oder auch Mittelerde und Alices Wunderland.

In jedem Kapitel verschafft der Autor dem Leser einen Überblick über Darstellungen und Erzählungen eines bestimmten Ortes oder einer Region (zum Beispiel folgt er den “Wanderungen des Grals” und spricht dabei eine Vielzahl an Orten an: fiktive Stätten wie Camelot und Avalon, und reale Orte an denen diverse Theorien den Gral vermuten: die Normandie, Apulien, Kanada, der Kaukasus…). Im Laufe eines Kapitels beschreibt Eco nicht nur, wie bestimmte Orte dargestellt wurden; er erkundet vielmehr auch, wie sich die Vorstellungen zu solchen Orten über die Jahrhunderte gewandelt haben.

So erläutert er beispielsweise, wie Atlantis von Platon einige Jahrhunderte v. Chr. beschrieben wurde, wie Plinius die Idee im ersten Jahrhundert nach Christus weiterentwickelt hat, und wie Francis Bacon im 17. Jahrhundert über ein neues Atlantis in Südamerika schreibt, oder Edgar Allen Poe 1845 ein Gedicht über “Die Stadt im Meer” verfasst. Nicht nur künstlerische Adaptionen in Malerei, Schriftstellerei und Filmkunst stellt Eco vor. Er nimmt auch kritisch politische Ideen auseinander, die sich diese Mythen zunutze machen (und verweist zum Beispiel darauf, dass zahlreiche Okkultisten im nationalsozialistischen Umfeld der Überzeugung anhingen, bei Atlantis handele es sich um die Urheimat der Arier).
Kaum eine Seite kommt ohne Bilder aus – Eco spickt seine Kapitel mit bunten Abbildungen in allen Größen, die in den unterschiedlichsten Epochen entstanden sind und so eindrucksvoll illustrieren, wie sich die Darstellung eines Ortes wie Atlantis oder des irdischen Paradieses über Jahrtausende hinweg gewandelt hat. 

Zum Abschluss jeden Kapitels präsentiert er Auszüge aus den Texten, auf die er auf den vorangegangenen Seiten verwiesen hat. Das erlaubt jedem Leser, sich selbst einen Eindruck davon zu verschaffen, ob man Ecos Interpretation der Quellen zustimmen möchte, oder vielleicht hie und da einen anderen Eindruck hat. 

Ein aufregendes Buch, das einer hochinteressanten Rundreise gleichkommt.

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dschinn, dshinn, gesellschaftskritik, hörbuch, märchen, new york, parallelwelt, rushdie, salman rushdie, tausendundeine nacht, zwei jahre - acht monate und achtundzwanzig nächte

Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte

Salman Rushdie , Sigrid Ruschmeier , Simon Jäger
Sonstiges Audio-Format
Erschienen bei Der Hörverlag, 21.09.2015
ISBN 9783844519051
Genre: Romane

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Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong

Jia Mai ,
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei DVA, 31.08.2015
ISBN 9783421046710
Genre: Romane

Rezension:

Die Familie Rong bringt seit Generationen erfolgreiche Salzhändler hervor. Doch dann mach Großmutter Rong im ausgehenden 19. Jahrhundert einen Fehler: Sie sendet ihren Enkel Rong Zilai ins Ausland, damit er dort die Kunst der Traumdeutung erlernen kann. Stattdessen studiert der junge Mann allerdings Mathematik und nach seiner Rückkehr in die Heimat eröffnet er eine Universität.

Die kommenden Generationen der Rongs widmen sich vermehrt dem Studium, und sie bringen dabei einige geniale Köpfe hervor. Einer von ihnen ist Rong Jinzhen, der mit seinem übergroßen Kopf in der Schule Getuschel hervorruft, sich allerdings bereits als Junge auf dem Feld der Mathematik behauptet und bereits kurze Zeit später an der Uni seines Vorfahren Mathematik studiert.

Zu Zeiten des Kalten Krieges werden Regierungsorgane schnell auf den brillianten Mathematiker aufmerksam und Rong Jinzhen wird Kryptoanalytiker, der eine kometenhafte Karriere hinlegt. Doch sein Talent wird ihm zum Verhängnis – glücklich wird er nicht.

Mai Jia gilt als Begründer der chinesischen Spionageliteratur, aber mit einem chinesischen James Bond wartet er nicht auf. Dafür ist dieses Buch viel zu leise und langsam. Alleine die Tatsache, dass der Erzähler zunächst genüssslich die Familiengeschichte der Rongs ausbreitet und dem Leser so Gelegenheit gibt, nicht nur Rong Jinzhen sondern auch die vorangegangenen drei Generationen kennenzulernen, ist ungewöhnlich für ein Buch aus diesem Genre.

Verfolgungsjagden, Schusswechsel und Männer in Trenchcoats haben keinen Platz in diesem Roman. Ob Rong Jinzhen den wichtigen Code knackt, der als nicht zu knacken gilt, spielt eine weniger wichtige Rolle als die geistigen Anstrenungen, die ihn dies kosten. Anders als bei James Bond ist dieses Spionage-Leben nicht glamourös; es ist einsam und anstrengend und es macht Rong Jinzhen fertig.

Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong wird aus Sicht eines Journalisten erzählt, der sich daran macht, der Geschichte des Spionagegenies Jinzhen auf den Grund zu gehen. So unterbricht er seinen Erzählfluss in regelmäßigen Abständen für Auszüge aus Interviews, die er mit Zeitgenossen und Weggefährten Jinzhens geführt hat. In einem “Anhang” bietet ein Exzerpt aus Jinzhens Notizbuch dem Leser Einblicke in das Innenleben dieses Charakters, der bis dahin verschlossen und unnahbar wirkt. Gekonnt rundet Mai Jia so seine Hauptfigur und vermeidet es so, sich Jinzhen nur oberflächlich zu nähern.

Dieser Roman braucht geduldige Leser, die willens sind, bis zum Schluss die Figur und Geschichte des Rong Jinzhen puzzlegleich zusammenzusetzen. Belohnt werden sie mit einem Leseerlebnis, das subtil Spannung aufbaut und ein kleines bisschen Schwermut schafft.

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The Orenda


Flexibler Einband
Erschienen bei Penguin Canada
ISBN 9780143174165
Genre: Sonstiges

Rezension:

In den kanadischen Wäldern, in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts, stößt eine Gruppe von Huron Indianern auf eine Gruppe von Irokesen. Bird, der Anführer der Huron Gruppe trauert noch um seine Frau und seine Tochter, die vor einiger Zeit von Irokesen getötet worden sind. So beschließt er, das Mädchen, das Teil der Irokesen-Gruppe ist, an Tochter statt anzunehmen. Die anderen - Vater, Mutter und Bruder seiner neuen Tochter - töten er und seine Männer.

Das Buch setzt auf dem Heimweg der Gruppe ein, und der erste von insgesamt drei Erzählern ist ein weiterer Gefangener der Huron: Christophe, ein junger Jesuitenpater, der "den Wilden" die Lehre Gottes näherbringen möchte. Sowohl die Franzosen als auch die Engländer sind präsent in der Gegend; allerdings kommen sie in der Besiedelung des Landes nur langsam voran. Während ihre Krankheiten sich bereits in den Dörfern der verschiedenen Stämme einschleichen und dort Unheil anrichten, sind sie militärisch noch oft unterlegen und menschlich von der sie umgebenden Wildnis überfordert. Und doch verändern sie das Leben der Stämme bereits merklich, wie im weiteren Verlauf des Buches deutlich wird. Während die Engländer an ihre Verbündeten, die Irokesen, freigiebig Waffen verteilen damit sie mit deren Hilfe den Fortschritt der Franzosen aufhalten können, bemühen sich die Franzosen in erster Linie darum, die sie umgebenden Stämme - darunter die Huron - mit Hilfe von Christianisierung langfristig auf ihre Seite zu ziehen und zu Verbündeten gegen die Engländer und Irokesen zu machen.

Christophe ist zu Beginn der Geschichte zwar Birds Gefangener, doch die Dorfälteren beschließen nach seiner Ankunft, ihn eher als Gast zu behandeln, um die Franzosen nicht zu verärgern und den Handel mit ihnen zu intensivieren. Er darf frei herumlaufen und er bemüht sich redlich, dem Stamm seinen Glauben zu erklären und seine besonders auch aufgrund seiner begrenzten sprachlichen Fähigkeiten simplifizierten Modelle des Christentums verdeutlichen gekonnt, wie merkwürdig dieser Glauben auf einen Außenstehenden wirken muss. Zugleich nutzt Boyden, der neben Iren und Schotten auch Ojibwe zu seinen Vorfahren zählt, Christophe um den Glauben der Huron zu erläutern:

"In matters of the spirit, these sauvages believe that we all have within us a life force that is similar, if you will, to our own Catholic belief in the soul. They call this life force the orenda [...] What appals me is that these poor misguided beings believe not just humans have an orenda but also animals, trees, bodies of water, even rocks strewn on the ground. In fact, every last thing in their world contains its own spirit."

Bird, der zweite Erzähler im Roman, beobachtet Christophes Bekehrungsversuche mit Argwohn. Er traut weder dem Mann noch dessen Weltanschauung. Allerdings ist er besonders zu Beginn des Buches oft abgelenkt - das Mädchen, das er als Tochterersatz entführt hat, macht Probleme und zeigt sich widerspenstig. Einen Großteil seiner Gedanken und seiner Energie verwendet er deshalb darauf, ihre Wut zu bändigen. Und doch ahnt er, dass von Christophe und den seinen Gefahr ausgeht. Dass diese Männer nicht nur in seine Welt gekommen sind um Handel zu treiben. Und dass diese Tatsache das Leben der Seinen von Grund auf verändern wird. "We are the people birthed from this land", erläutert er einmal, "We are this place. This place is us." Unausgesprochen bleibt die Frage, was mit diesem Volk passieren wird, wenn ihr Land nicht mehr ihr Land ist, wenn die Orenda ausgelöscht werden.

Die dritte Erzählstimme gehört Snow Falls, dem Mädchen, das Bird als Tochterersatz mitgenommen hat. Im Verlauf des Romans wächst sie zu einer jungen Frau heran und dadurch bietet sie dem Leser Einblicke in Aspekte der Huron Kultur, die in Birds und Christophes Erzählungen verborgen bleiben - die Rechte und Rollen der Frauen, die Christophe Kopfzerbrechen bereiten, und die Riten und Traditionen, die das Erwachsenwerden der jungen Huron begleiten.

Weil jeder der abwechselnd zu Wort kommenden Erzähler mit ganz unterschiedlichem Blick die Welt um sich herum kommentiert, ergeben die drei Stimmen zusammengenommen ein spannendes Panorama. Boyden verwebt die einzelnen Episoden gekonnt und lückenlos miteinander und er hat so ein Buch geschaffen, das man immer weiter aber nicht zu Ende lesen möchte. Das liegt zu einem großen Teil daran, dass die drei Hauptcharaktere so gekonnt konstruiert sind. Man erreicht als Leser einen Punkt, an dem eine bestimmte Situation geschildert wird und man sich bereits vorstellen kann, wie Bird/Christophe/Snow Falls darauf reagieren wird, weil Boyden einem hier Menschen vorgesetzt hat deren Motiven man nicht immer gut heißen muss, die man aber nachvollziehen kann. Einen großen Beitrag zur Spannung leistet auch der Zeitpunkt zu dem die Geschichte spielt. The Orenda beleuchtet eine Epoche, in der die Neue Welt der Europäer noch ganz am Anfang steht, und die Alte Welt der nordamerikanischen Stämme kurz vor ihrem Ende.

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familie, geschichte, hexen, slowakei, tschechien, weiße karpaten

Das Vermächtnis der Göttinnen: Eine merkwürdige Geschichte aus den Weißen Karpaten - Roman

Kateřina Tučková
E-Buch Text: 380 Seiten
Erschienen bei Deutsche Verlags-Anstalt, 21.09.2015
ISBN 9783641136529
Genre: Sonstiges

Rezension:

Seit Generationen leben in Hütten in den Weißen Karpaten die sogenannten Göttinnen. Von weit her pilgern die Leute in die einsame Bergregion, um diese Frauen um Hilfe zu bitten. Geldsorgen, Krankheiten, erfolglose Söhne und unverheiratete Töchter – die Menschen glauben, dass die Göttinnen ihnen bei der Lösung solcher Probleme helfen können. Dora ist die Letzte eines dieser alten Heilerinnengeschlechter, doch sie hat sich schon vor Jahren der Wissenschaft verschrieben. Ein Auslöser dafür war der Wunsch, den Ruf ihrer Vorfahren reinzuwaschen. In Zeiten der Sowjetunion wurden die Göttinnen als systemfeindliche Elemente vom Staat kontrolliert und inhaftiert. Und nicht nur das – im Rahmen ihrer Nachforschungen für ihre Diplomarbeit ist Dora damals über Hinweise gestolpert, dass die Göttinnen zu Zeiten deutscher Besatzung mit den Besatzern paktiert haben könnten.

Doras Diplomarbeit entsteht noch zu Zeiten der Sowjetunion und ihr Zugriff auf Quellen ist eingeschränkt. Doch nach dem Ende der Union öffnen sich die Archive der Staatssicherheit und Dora macht sich ein weitere Mal daran, die Geschichte der Göttinnen aufzurollen. Tučková tänzelt in ihrer Erzählung zwischen verschiedenen Zeiten, zwischen historischen Dokumenten, Träumen und Wirklichkeit hin und her. So präsentiert sie nicht nur einen spannenden Prozess der Geschichtsaufarbeitung in einem Land, das von verschiedenen Mächten okkupiert worden ist und nun mit diesem Erbe zu hadern hat. Sie erzählt auch eine interessante (und merkwürdige) Familiengeschichte: es geht um Mord und Totschlag, um enttäuschte Hoffnungen und starke Frauen, die sich gegenseitig sozusagen nicht einmal den Dreck unter den Fingernägeln gönnen. Es geht um Aberglauben, Religion und alte Magie und selbst Dora, die sich mit aller Kraft dagegen wehrt, sich übernatürlichen Kräften zu fügen, hadert mit der Tatsache, dass auf ihrer Familie ein Fluch zu lasten scheint.

Kateřina Tučková gelingt etwas, das nicht vielen Schriftstellerin gelingt: sie verknüpft sehr gekonnt Fiktion und Historie. Gleichzeitig schafft sie mit zwei Morden einen Spannungsbogen, der stellenweise beinahe Krimi-Züge annimmt. Sie beschreibt den fortwährenden Aberglauben der Landbevölkerung ebenso einfühlsam wie Doras dringendes Bedürfnis nach Aufklärung. Ab und an scheint Tučková in ihrem Bemühen, der akribischen historischen Aufarbeitung dramatische Belletristik gegenüberzustellen, zu eifrig. Dann rutscht die Geschichte in kitschige Gefilde ab und die Sprache spiegelt das wider. Davon abgesehen, hat sie mit Das Vermächtnis der Göttinnen einen unterhaltsamen Dokumentationsroman vorgelegt.

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War einmal ein Bumerang

Hilmar Klute
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch, 09.02.2015
ISBN 9783869711096
Genre: Biografien

Rezension:

Wer war eigentlich Joachim Ringelnatz?
Hilmar Klute, Streiflicht-Chef der Süddeutschen Zeitung versucht in seinem Buch, dieser Frage auf den Grund zu gehen. 1883 wird Hans Bötticher als Bildungsbürgersohn geboren. Die Kindheit ist behütet bis zu dem Moment, in dem er vom Gymnasium fliegt, weil er sich auf einer Völkerschau auf samoanische Weise hat tätowieren lassen. Den jungen Hans zieht es hinaus in die Welt, er will sie entdecken und seinen Abdruck in ihr hinterlassen. Er geht zur Marine, umsegelt die Welt und schreibt, schreibt, schreibt.

In München entdeckt er die erwachende Boheme, doch es dauert noch, bis aus Hans Bötticher schließlich Joachim Ringelnatz wird. Der erste Weltkrieg kommt und geht und auf den Bühnen der Weimarer Republik schließlich verwandelt Bötticher sich in Ringelnatz. Der kleine Mann mit der großen Nase tritt oft in Matrosenkleidung auf. Er trinkt, singt und brüllt auf der Bühne; seine derbe Sprache kann schockierend sein, ungeschönt schreibt er über Armut und Verzweiflung zu Zeiten der Wirtschaftskrise und um so überraschender kommt er besonders in den letzten Jahren seines Lebens mit teilweise bildschönen Liebesgedichten daher.
Dieser Kabarett-Star, eigentlich ein Produkt des wilhelminischen Zeitalters, der es als junger Mann kaum abwarten konnte, den Krieg kennenzulernen, ist entsetzt über den wiedererstarkenden Militarismus in seinem Heimatland. Nach dem Machtwechsel verweigert er es, sich dem neuen Regime anzubiedern, auch dann, als seine Bücher brennen und er Arbeitsverbot erteilt bekommt.

Durchaus kritisch bespricht Klute die ersten literarischen Gehversuche von Ringelnatz und er beschreibt seine Weiterentwicklung als Dichter, erläutert, wie die Gedichte sprachlich und inhaltlich reifen und illustriert seine Argumente mit Auszügen aus vielen verschiedenen Werken - darunter auch das titelgebende Gedicht "War einmal ein Bumerang". Diese Geschichte "wollen die Leute immer wieder hören, und sie wollen sehen, wie Ringelnatz da vorne mit unendlich blödem Gesichtsausdruck dem imaginären Gegenstand hinterherblickt, auf dessen Rückkehr alle warten und der aufgrund eines Konstruktionsfehlers wohl für immer verschwunden bleibt. Er kann tatsächlich so blöd ins Leere glotzen, dass alle den Eindruck haben, hier schaut einer [...] stellvertretend für das dumme Volk stundenlang dem Bumerang hinterher."

War einmal ein Bumerang
War ein weniges zu lang
Bumerang flog ein Stück
Kam nicht mehr zurück.
Publikum noch stundenlang
Wartete auf Bumerang.


Welten liegen zwischen diesem Kalauer, mit dem Ringelnatz sich die Lacher des Publikums sichert, und der in seinen Turngedichten 1920 veröffentlicht wird, und seinem leisen Liebesgedicht "An M.", veröffentlicht in Allerdings 1928:

Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern
Meine Liebe wird mich überdauern
Und in fremden Kleidern dir begegnen
Und dich segnen.


Und wer war er nun, dieser Ringelnatz?
Die Person des Ringelnatz ist eine gelungene Kunstfigur; er selbst bezeichnet sich nicht nur als Dichter sondern vielmehr als "Artisten". Er liest seine Gedichte nicht vor, er performt sie auf den Bühnen Deutschlands. Hilmar Klute bemerkt auf der letzten Seite beinahe resigniert: "Der Welt ist er manchmal abhanden gekommen, oft genug hat er sie auch umarmt und sie ihn. Aber fremd ist er ihr immer ein bisschen geblieben."

Vielleicht ist es auch falsch zu sagen, dass Klute in diesem Buch der Figur des Joachim Ringelnatz auf den Grund gehen will. Das ist wahrscheinlich sowieso ein Ding der Unmöglichkeit - zu gekonnt hat Hans Bötticher seine Kunstfigur ersonnen. Und so bleibt Ringelnatz auch nach der Lektüre dieses Buches, nachdem man seinem Lebensweg mit Hilmar Klute gefolgt ist, ein bisschen fremd. Aber eben weniger fremd als zuvor.

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