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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

zirkus, kulturgeschichte, popkultur

The Circus, 1870-1950

Noel Daniel , Dominique Jando , Linda Granfield
Fester Einband: 544 Seiten
Erschienen bei TASCHEN, 08.10.2010
ISBN 9783836520256
Genre: Sachbücher

Rezension:

Zwischen den 1870er und 1950er Jahren erlebte der Zirkus in den USA seine absolute Blütezeit. Wenn der Zirkus in die Stadt kam, bedeutete das Riesen-Spektakel für die gesamte Bevölkerung.Bis zu 14.000 Menschen besuchten eine Aufführung, rund 1.600 Menschen arbeiteten in einem Zirkus.

In dem massiven Buch The Circus lässt der Taschenverlag Leser in diese Glanzzeit des Zirkus eintauchen. Fotos von berühmten Zirkusartisten ihrer Zeit finden sich ebenso wie bunte, oft doppelseitige, Abdrucke der Zirkusplakate, die die jeweiligen Hauptattraktionen anpreisen: wilde Tiere, schöne Frauen, exotische Völker. Besonders letztere erfreuten sich noch deutlich bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein großer Beliebtheit. Oft wurden ihre Vetreter auf den Plakaten als „Educational Attraction“ angepriesen, als eine Chance, die Welt zu entdecken, ohne seine Heimat dafür verlassen zu müssen. Dies wirkt auf den heutigen Betrachter befremdlich – wenn ein Plakat beispielsweise mit dem „Tribe of Genuine Ubangi Savages […] from Africa’s Darkest Depths“ wirbt, halten einen auch die brillianten Farben nicht davon ab, leise den Kopf zu schütteln. Und über die Lebensbedingungen der Zirkustiere kann man sich aus heutiger Sicht ebenso aufregen, wie über die sogenannten „Freak Shows“ in denen „menschliche Kuriositäten“ zur Schau gestellt wurden.

Daher ist es wichtig und richtig, dass Plakate und Fotos durch erklärende Texte einen Kontext erhalten. Das Buch lässt den Betrachter so nicht nur in verschiedene Manegen eintauchen; als Leser erhält man außerdem hochinteressante Einblicke in die amerikanische Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Was Menschen ihrer Zeit unterhaltsam oder spannend und interessant finden, sagt schließlich eine Menge über sie und ihre Zeitgenossen aus. Je nach Stimmung kann man aber auch einfach einmal das Buch durchblättern und sich an dieser unglaublichen Bildsammlung erfreuen. Sich daran sattzusehen ist kaum möglich.

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28 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

mädchen, spanisch, spielkarten, loteria;, roman

Sonne, Mond und Sterne

Mario Alberto Zambrano , Birgitt Kollmann , Jarrod Taylor
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 21.03.2016
ISBN 9783630874418
Genre: Romane

Rezension:

Die elfjährige Luz wünscht sich, eine Meerjungfrau zu sein. Denn Meerjungfrauen können schwimmen wohin sie wollen, und niemand kommt ihnen zu nah. Doch Luz kann nicht schwimmen wohin sie will und sie muss es sich gefallen lassen, dass die Menschen ihr nahe kommen. Dass sie sie dazu drängen, zu erzählen was wirklich passiert ist. Aber Luz will nicht reden – nicht von ihrer Mutter, die die Familie vor einem Jahr verlassen hat, oder vom Vater, der im Gefängnis sitzt, und auch nicht von der Schwester, die auf der Intensivstation um ihr Leben kämpft.

Anstatt zu reden, verkriecht Luz sich in einem Stapel Spielkarten und in ihrem Tagebuch. Diese Karten sind sogenannte Loteria-Karten, ein mexikanisches Spiel, das Bingo gleicht. Jede Karte ist mit einem anderem bunten Motiv bedruckt und während Luz sich diese Motive ansieht, steigen in ihr Erinnerungen an ihre Kindheit hoch und sie schreibt sie in ihr Tagebuch. So erinnert sie „Das Kanu“ an Besuche auf dem Flohmarkt mit ihrer Familie, denn auf dem Flohmarkt saß eine Frau in einem alten Kanu und verkaufte ihre Waren.

Die Meerjungfrau weckt Erinnerungen an den Pool der befreundeten Nachbarin, bei der sich die Familie oft mit Freunden und Bekannten traf und dort bis spät in die Nacht spielte und lachte und trank. An diesen Abenden wickelte sich Luz unbeobachtet Handtücher um die Beine, sodass sie an die Flosse einer Meerjungfrau erinnerten, und rollte sich ins Wasser: "Ich schlängelte mich mit weit offenen Augen von einem Ende des Pools zum anderen und summte dabei ein Lied. Weil ich ja unter Wasser war, wusste ich nicht, ob ich weinte. Als Mutprobe versucht ich, so lange unter Wasser zu bleiben, wie ich konnte."

Und dann ist da der Mond, La Luna. Als Luz diese Karte aus dem Stapel zieht, denkt sie an ihre Schwester Estrella, mit der sie an manchen Abenden vor dem elterlichen Haus gesessen hat und zu Mond und Sternen hinauf geblickt hat. Und sie denkt daran, wie Tencha, die gute Seele, alte Freundin der Familie, sie einmal fest an sich gezogen hat:

„Te quiero, Luz. Lo sabes, verdad?“ [Ich habe dich lieb, Luz. Das weißt du, nicht wahr?] „Ja, ich weiß“, sagte ich. Und dann haben wir zum Mond hochgeschaut.

Eine vergleichbare Szene mit ihrer Mutter fällt der jungen Luz nicht ein.

Zambrano führt den Lese ganz behutsam an das Schreckliche heran, das schuld daran ist, dass Luz so ganz allein in diesem Heim sitzt. In den kurzen Episoden, die durch die Motive der Spielkarten inspiriert werden, erhascht der Leser kurze Einblick in ein Kinderleben, in Szenen einer Ehe, in die enge Beziehung zweier ungleicher Schwestern. Ohne politisch zu sein, zeichnet Zambrano außerdem das Porträt einer Familie, die im heimischen Mexiko fremd ist und in den USA nicht ankommt.

Die Einblicke, die Zambrano in die Geschichte gewährt sind detailliert genug, sodass diese Geschichte nicht oberflächlich daher kommt. Gleichzeitig sind sie so kurz gehalten, dass er seine Leser vor einem ganz großen Schmerz bewahrt. So ergeht es dem Leser wie Luz: die schlimmsten Ereignisse werden nach Kräften verdrängt.

Sonne, Mond und Sterne ist ein schönes Leseerlebnis, das wehmütig stimmt. Nicht nur aufgrund der Sprache, die kindlich aber nicht plump ist, und nicht nur aufgrund der kunstvollen Narrrativ-Konstruktion schleicht sich dieses Buch behutsam ins Leserherz; auch die liebevolle Gestaltung mit den bunten Loteria-Karten, die den Beginn jeden Sinn-Abschnitts markieren , trägt ihren Teil dazu bei.

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Cat Among the Pigeons

Agatha Christie
E-Buch Text: 355 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 14.10.2010
ISBN 9780007422210
Genre: Sonstiges

Rezension:

Meadowbank ist ein angesehenes Mädcheninternat irgendwo in England. Vor vielen Jahren von Miss Bulstrode gegründet, ist die Schule inzwischen derart etabliert, dass die Schülerinnen zu einem großen Teil aus namhaften englischen Familien stammen, die entweder über viel Geld oder viel Macht und Einfluss, oder beides verfügen. Miss Bulstrode ist stolz auf den Erfolg ihrer Schule, doch viel mehr noch ist sie gelangweilt vom Alltag. Mehr und mehr spielt sie mit dem Gedanken, sich zur Ruhe zu setzen. Doch wem soll sie die Geschicke der Institution in die Hand geben? Diese Entscheidung fällt ihr nicht leicht, aber dennoch ist sie sicher, dass dieses Jahr ihr letztes Jahr in Meadowbank sein soll und dass sie sich danach neuen Herausforderungen stellen möchte.

Doch zuallererst muss sie sich mit ungeahnten Schwierigkeiten auseinandersetzen. Ein Mörder treibt nämlich sein Unwesen in Meadowbank und es bleibt nicht bei einem Opfer. Miss Bulstrode kann nicht ahnen, was der Auslöser für diese Geschehnisse sein mag. Einige Wochen vor Beginn des Schuljahres ist im (fiktiven) Königreich Ramat im Nahen Osten eine Revolution ausgebrochen. Der König, Ali Yusuf, hat vor seinem Fluchtversuch einem engen Vertrauten – einem Engländer, den er noch aus Schultagen kennt – ein Beutelchen mit kostbaren Edelsteinen anvertraut. Der Vertraute versteckt die Steine im Reisegepäck seiner Schwester, die derzeit in Ramat weilt. Ihre Tochter ist Schülerin in Meadowbank und wie der Zufall so spielt, bringt sie die Steine nichtsahnend mit ins Land und in ihre neue Schule. Doch obwohl Yusufs Vertrauter Bob Rawlinson absolutes Stillschweigen bewahrt hat, wissen doch verschiedene Parteien von der Existenz der Edelsteine und sie vermuten außerdem, dass sie sich im Besitz von Bob Rawlinsons Schwester oder Nichte befinden müssen.

Die Mehrheit der Schülerinnen ist einfältig und kreist um sich selbst. Auf den ersten Blick scheint dies auch auf viele der Lehrerinnen zutreffen, doch schon bald wird klar, dass Miss Bulstrode, sollte sie Meadowbank denn nach Ende des Jahres tatsächlich den Rücken zukehren, ein Machtvakuum entstehen lässt, das mehr als eine ihrer geschätzten Kolleginnen nur zu gerne füllen würde.

Christie lässt sich in diesem Buch ausgesprochen viel Zeit damit, den belgischen Privatdetektiv Hercule Poirot auftreten zu lassen. Erst im letzten Drittel wird er zu Hilfe gerufen. Bis dahin mutet der Roman zeitweise eher wie eine Spionagegeschichte an, in die stellenweise Seitenhiebe auf diplomatische Winkelzüge eingeflossen sind.

Sprachlich plätschert die Geschichte angenehm vor sich hin, manche der Dialoge sind derart British in ihrer Korrektheit, dass bereits einige wenige Zeilen großen Unterhaltungswert bieten und Christie hält sich nicht mit unnötigen Details und Ausschmückungen auf. Bewundernswert, wie viele Verdächtige sich mit unterschiedlichen Motiven, Alibis und möglichen Tatwaffen auf nicht einmal 200 Seiten tummeln können. Wie gut, dass Hercule Poirot zur Stelle ist, um die Fäden zu entwirren. So entsteht nette Sommerunterhaltung.

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künstler

Eine strahlende Zukunft

Richard Yates
E-Buch Text: 497 Seiten
Erschienen bei Deutsche Verlags-Anstalt, 10.03.2014
ISBN 9783641126308
Genre: Sonstiges

Rezension:

Michael Davenport ist ein aufstrebender junger Dichter. Davon ist er überzeugt. Deshalb ist er auch wenig begeistert, als seine hübsche Frau Lucy ihm am Morgen nach der Hochzeitsnacht eröffnet, dass sie eine wohlhabende Frau ist. Mehrere Millionen Dollar liegen auf ihrem Konto. Michael fürchtet, dass ihn ein solcher Wohlstand in seiner Arbeit als Künstler kompromittiert und er überzeugt seine Frau, das Geld liegen zu lassen. Stattdessen nimmt er einen anspruchslosen Job an, der seine Frau und sich über Wasser hält. In seiner Freizeit sitzt er an seinen Theaterstücken und Gedichten und versucht, Schwieriges leicht aussehen zu lassen.
Lucy, so glaubt er, bringt ihm nichts als Bewunderung entgegen. Seine Prinzipientreue, seine Gedichte, seine Art, sich auf Parties zu geben, beeindrucken sie und sie bemüht sich nach Kräften, eine vorbildliche Frau (später auch Mutter) zu sein. Michael Davenport nimmt seine Frau nicht wirklich ernst und umso schockierter ist er, als erste kleine Anzeichen in der gemeinsamen Wohnung auftauchen, dass Lucy sich für andere Dinge als Hausarbeit und ihre Ehe interessiert und dass sie ihn vielleicht nicht so vorbehaltlos anhimmelt wie er denkt.
Michael Davenport ist in seinem Bestreben, sich als Schriftsteller durchzusetzen, nicht alleine in seinem Freundes- und Bekanntenkreis (und auch die kaum perfekte Beziehung der Davenports ist kein Einzelfall). Die Davenports umgeben sich in diesen späten 50er / frühen 60er Jahren mit anderen aufstrebenden Künstlern. Durch Zufall lernt Michael schließlich Tom Nelson kennen, einen Künstler, der mit Frau und Kindern in der Nähe der Davenports wohnt und der kommerziell erfolgreicher ist als Michael oder seine alten Freunde aus Harvard je sein werden. Auf Nelsons regelmäßig stattfindenden Feiern stoßen die Davenports auf andere erfolgreiche Künstler, auf Professoren und Kritiker von der Newsweek oder The Nation und beide Davenports versuchen nach Kräften, sich in diese Gruppe einzufügen. Michael beneidet Nelson und versucht, ihn vor Lucy und sich selbst kleinzureden – schließlich mache Nelson keine ernstzunehmende Kunst sondern lediglich solche, die kommerziell erfolgreich sei. Sehr viel später wird er sich in einem ruhigen Moment eingestehen, dass Tom Nelson genau das perfektioniert hat, was Michael Davenport jahrzehntelang versucht: etwas Schwieriges leicht wirken zu lassen.
Richard Yates bedient sich – wie immer – einer ausgesucht schönen Sprache und er seziert die Motivation hinter den Aktionen seiner Charaktere gewohnt genau. Michael Davenport ist aufgeblasen und ichbezogen; oft fühlt er sich anderen überlegen und berauscht sich an seinem eigenen vermeintlichen Intellekt. Und doch kann man ihn bemitleiden, denn Yates vermag es, ohne zu dick aufzutragen, leicht Seitenhiebe auf seinen Protagonisten einzubauen, die ihn teils ein wenig lächerlich wirken lassen.

Zwei der drei Teile, aus denen dieser Roman besteht, konzentrieren sich auf Michael. Der mittlere Teil wiederum befasst sich ausführlich mit Lucy. Wie schon in The Easter Parade beweist Richard Yates in diesem Segment, dass er glaubwürdige und vielschichtige weibliche Charaktere schaffen kann, die sich emanzipieren und ihren eigenen Weg gehen ohne sie dabei völlig überzeichnet wirken zu lassen.

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wien, familie, juden, österreichische literatur, familiengeschichte

Vienna

Eva Menasse
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei btb, 21.09.2009
ISBN 9783442740406
Genre: Romane

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The Moor's Account

Laila Lalami
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei VINTAGE BOOKS, 18.08.2015
ISBN 9780804170628
Genre: Romane

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schurken, bösewichte, antagonisten, mr. hyde, frankenstein

Das Buch der Schurken

Martin Thomas Pesl , Kristof Kepler
Fester Einband: 244 Seiten
Erschienen bei Edition Atelier, 04.03.2016
ISBN 9783903005150
Genre: Sachbücher

Rezension:

Was wäre eine Geschichte ohne einen Gegenspieler zu ihrem Helden? Sie würde wohl recht öde anmuten und den Leser kaum wirklich packen. Schurken sind das Salz in der Suppe - wohltemperiert geben sie der Erzählung den Kick um im Gedächtnis zu bleiben. Zu schwach dosiert verfehlen sie diese Wirkung und sollten sie zu dominant sein, können sie die Suppe auch versalzen. Kurz: mit dem Schurken steht und fällt eine Geschichte.

In seinem Buch der Schurken setzt Martin Thomas Pesl diesen Figuren nun ein Denkmal - in Form von 100 Lexikoneinträgen zu nicht so netten Figuren aus Romanen aus aller Welt. In der Einleitung zu seinem Werk definiert er den Begriff der seiner Arbeit zugrunde liegt:

"Die Definition von Schurke umfasst natürlich Schurken und Schurkinnen, Bösewichte, Unsympathen, Antagonistinnen, Fieslinge, Gauner, Egomanen, üble Hunde und sonstige widrige Mächte. Sie wollen jemandem Böses oder sich selbst - und nur sich selbst - Gutes."

Einen derart riesigen Fundus auf eine "Top 100" einzudampfen ist eine beachtliche Leistung. Und Pesl hat sich dafür eine Reihe Regeln auferlegt, die das Resultat umso interessanter machen: dazu gehört an erster Stelle der Versuch, eine gewissen Balance zu wahren zwischen bekannten und unbekannten Charakteren, männlichen und weiblichen Personen, sowie zwischen den verschiedenen Sprachen und Regionen der Welt. So ist diese Hitparade nicht zu einem reinen Schaulaufen von Fieslingen geworden, die wir alle kennen (obwohl sich auch Personen wie Harry Potters Dolores Umbridge und die Grauen Herren aus Momo wiederfinden), sondern bietet dem Leser auch ganz neue Leseinspirationen: so hat es Roman mit Kokain von dem russischen Schriftsteller Mark Lasarewitsch Levi dank Pesl ebenso auf meine Bücherliste geschafft wie Das rote Kornfeld von dem Chinesen Yu Zhan'ao oder aber Herr der Krähen von dem kenianischen Romancier und Kulturwissenschaftler Ngugi wa Thiong'o. Im Anhang stolpert der Leser übrigens über ein detailliertes Literaturverzeichnis - wer also durch die Lektüre Lust auf neue Bücher bekommen hat, findet dort alle wichtigen Informationen.

Pesl hat bei der Auswahl seiner Schurken nicht nur darauf geachtet, sich nicht auf die westliche Literatur zu beschränken und Schurken von allen Kontinenten anzuführen, sondern hat zusätzlich zu menschlichen Schurken auch tierische inkludiert: beispielsweise Schir Khan aus dem Dschungelbuch, Moby Dick oder Edgar Allen Poes Rabe. Außerdem eine Reihe mythischer Figuren aus epischen Sagen wie Beowulf, Gilgamesch, der Odysee und den Nibelungen. Der Leser blickt also auf mehr als dreitausend Jahre Schurkengeschichte!

Der Ton ist locker und stellenweise blitzt eine entspannte Ironie durch, die verrät wie viel Spaß Pesl mit Büchern hat und wie viel Spaß es ihm gemacht haben muss, diese Liste zu kuratieren. Hie und da streut er hochinteressante Hinweise auf Literturadaptionen und -akionen mit ein: so unter anderem auf das Café Rottenmeier, das im Rahmen des Tokyo-Festivals 2010 als Persiflage auf den japanischen Jugendwahn eröffnet wurde. Die Kellnerinnen des Rottenmeier, benannt nach der strengen Gouvernante in Heidis Lehr- und Wanderjahre, wurden als alte Jungfern geschminkt und angewiesen, ihren Service barsch und streng zu verrichten.

Last but not least verdienen die Illustrationen, die Kristof Kepler beigesteuert hat, an dieser Stelle Erwähnung. Sie greifen Pesls leichte Ironie auf und vermögen es außerdem, Helden, von denen man in vielen Fällen bereits seit Jahren ein bestimmtes Bild im Kopf hat oder die durch Filmadaptionen Kultstatus erlangt haben, so darzustellen, dass sie vertraute Züge aufweisen und dennoch Neuheiten beinhalten.

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65 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 22 Rezensionen

israel, jerusalem, frauen, familie, liebe

Die Schönheitskönigin von Jerusalem

Sarit Yishai-Levi , Ruth Achlama
Fester Einband: 618 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 14.03.2016
ISBN 9783351036317
Genre: Romane

Rezension:

Luna Ermoza ist die schönste Frau Jerusalems. Ihre roten Locken und grünen Augen verdrehen den Männern den Kopf und sie genießt ihr Leben in vollen Zügen. Jerusalem ist noch von den Briten besetzt; es sind die frühen 1940er Jahre. In der Stadt formiert sich zunehmend Widerstand gegen die verhassten Besatzer; Sprengsätze explodieren und Lunas Schwester Rachelika meldet sich freiwillig als Ersthelferin.

Sarit Yishai-Levis israelisches Familienepos setzt Jahre später ein und verfolgt die Familiengeschichte noch eine ganze Generation weiter zurück. Lunas Tochter Gabriela möchte nämlich mehr erfahren über ihre Mutter, ihre Familie und den angeblich existierenden Fluch, aufgrund dessen die Frauen ihrer Familie nie glücklich verheiratet sind, weil ihre Männder sie nicht lieben. Ihre Großmutter Rosa zumindest ist überzeugt davon, dass dieser Fluch ihr und ihren weiblichen Nachkommen das Leben schwer macht.

Begonnen hat das Elend mit Gabrielas Urgroßmutter, der klugen Merkada und ihrem Urgroßvater, Rafael. Der verfällt nämlich den blauen Augen einer Aschkenasin und es ist keine Frage, dass er diese Frau nicht ehelichen darf. Rafael entstammt schließlich einer sephardischen Familie, den Ermozas, die seit der Vertreibung der Juden aus Spanien im 15. Jahrhundert in Jerusalem ansässig sind. Rafael entscheidet sich also gegen die Liebe und für die Ehe, die seinte Eltern für ihn arrangiert haben. Seinem Sohn Gabriel wird es Jahre später ähnlich ergehen und dessen Frau Rosa lebt über Jahrzehnte in einer lieblosen Ehe und hat mit ihrer wunderschönen und starrsinnigen Tochter Luna ebenso zu kämpfen, wie Luna wiederum mit ihrer Tochter Gabriela.

Dies mag verwirrend klingen, aber Sarit Yishai-Levi verknüpft die Generationen gekonnt miteinander und nachdem sie zu Beginn des Romans ein wenig zwischen verschiedenen Zeitpunkten hin und her springt um möglichst schnell möglichst viele Informationen zu bieten, spinnt sie schon nach kurzer Zeit einen stringenten Erzählfaden. So hat sie ein Buch geschaffen, das ich nicht zur Seite legen wollte; zu lebendig erscheinen Luna und ihre Schwestern, zu traurig ist die Geschichte ihrer Mutter Rosa und zu faszinierend erschien mir diese Erzählung über Jerusalem in den ersten zwei Dritteln des zwanzigsten Jahrhunderts.Besonders spannend ist dabei der Wandel des gemeinsamen Lebens von Juden und Arabern in der Stadt – während es unter englischer Besatzung durch ein gemeinsames Feindbild (Engländer) stabilisiert wird, bricht kurz nach Abzug der Engländer und Gründung des unabhängigen israelischen Staates Krieg aus. Ebenso packend ist die geschilderte Vielseitigkeit dieser jüdischen Bevölkerung, die sich nicht als eins begreift – die Vorurteile der Ermozas gegen ihre aschkenasischen Glaubensgenossen bestätigen das ebenso wie die Familiengespräche über “die Kurden”, die versuchen, die Famillie Ermoza übers Ohr zu hauen.

Die spanischen Wurzeln der Ermozas und ihrer sephardischen Nachbarn und Freunde werden auch dank der sehr guten Übersetzung deutlich – immer wieder finden sich Redewendungen, die spanischen Ursprunges sind (oft mit jiddischen Ausdrücken verbunden) und die im Text kursiv dargestellt sind. Längere Aussprüche werden umgehend ins Deutsche übersetzt. So bleibt der Lesefluss erhalten während den Dialogen gleichzeitig ein schöner Flair verliehen wird – Gott bezeichnen sie beispielsweise als den senyor des mundo und Böses wird über den Ausspruch pishkado i limon verscheucht. Gabriela, die Erzählerin, erklärt: “Wie die übrigen Spaniolen glaubte auch sie [Merkada], dass die Wortverbingung von Fisch und Zitrone die Dämonen verscheuchte”.

Diese sprachlichen Feinheiten, die spannende und wechselhafte Historie der Stadt Jerusalem im zwanzigsten Jahrhundert und die liebevoll kreierten Charaktere, die mit glaubwürdigen Schwächen und gewinnenden Stärken ausgestattet sind, bereiten ein kurzweiliges Lesevergnügen, dessen Ende ich während der Lektüre gerne noch hinausgezögert hätte.

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81 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 23 Rezensionen

geheimnis, schriftsteller, identität, portrait, london

Mr Gwyn

Alessandro Baricco , Annette Kopetzki
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 27.02.2016
ISBN 9783455405613
Genre: Romane

Rezension:

Jasper Gwyn ist Anfang 40 und ein berühmter Londoner Schriftsteller. Doch dann überkommt ihn eines Tages auf einmal ein Gedanke: er will gar kein Schriftsteller mehr sein. Vor allem will er nicht mehr an dem Rummel des Literaturbetriebes teilnehmen. Tom Bruce Shepperd, sein Agent und enger Freund, hält die Idee zunächst für einen Scherz; die Tatsache, dass Jasper Gwyn seinen Entschluss nichts mehr zu schreiben bereits öffentlich gemacht hat, erscheint ihm wie ein cleverer Werbecoup. Mit der Zeit muss er allerdings einsehen, dass es sich keinesfalls um einen Scherz handelt: Jasper Gwyn schreibt keine Bücher mehr. Da er das Schreiben jedoch nicht komplett aufgeben kann, sucht er nach einer neuen Beschäftigung und findet sie: als Kopist will er zukünftig geschriebene Portraits von Leuten anfertigen.

Schrittweise richtet sich Mr. Gwyn in seinem neuen Leben ein; er sucht ein Atelier, verwendet viel Zeit (und Geld) darauf, die passende Geräuschkulisse für seine neue Arbeit zu schaffen und setzt sich auch sehr sorgfältig mit der Frage nach der perfekten Beleuchtung auseinander.

Die Einfälle, mit denen Alessandro Baricco aufwartet, seine Ironie und die merkwürdigen Schrullen von Jasper Gwyn machen Spaß und sie erinnern an die Schrullen der Charaktere in älteren Baricco-Büchern wie Oceano Mare oder Land aus Glas. Und doch reicht dieser Roman an die beiden anderen nicht heran. Zu sehr ist Jasper Gwyn mit sich selbst beschäftigt, zu oberflächlich erscheinen die anderen Figuren und zu sehr fehlt der Ironie stellenweise die wunderschöne Leichtigkeit, die andere Baricco-Bücher so auszeichnet. Das gilt insbesondere für die zweite Hälfte dieses Buches, das sich nicht mit Mr. Gwyn befasst, sondern ein von ihm verfasster Roman ist. Und Mr. Gwyn ist kein Baricco. So kurz diese Novelle auch ist, sie ist doch zu lang. Schade

Der Abend mit Alessandro Baricco und Joachim Krol im Rahmen der diesjährigen Lit.Cologne hat dennoch großen Spaß gemacht – nachzulesen hier.

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3 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman

Laurence Sterne , Michael Walter , Stefan Merki , Peter Fricke
Audio CD
Erschienen bei Der Hörverlag, 09.11.2015
ISBN 9783844519433
Genre: Klassiker

Rezension:

Als der anglikanische Pfarrer Laurence Sterne 1759 den ersten von insgesamt neun Bänden seines Romans rund um den Gentleman Tristram Shandy veröffentlichte, sorgte seine Kritik am Puritanismus der anglikanischen Kirche sowie generellen Missständen seiner Zeit für Kritik. Allerdings brachte ihm das ungewöhnliche Format seines Buches auch Bewunderung ein - unter Zeitgenossen ebenso wie unter bekannten Literaten späterer Jahre wie Goethe, Heine, Hesse oder Thomas Mann.

Was macht diesen Roman so ungewöhnlich? Da wäre vor allem die völlige Abwesenheit einer stringenten Handlung. Der Roman setzt mit der Zeugung Tristram Shandys ein - die unter höchst widrigen Umständen zustande kommt - und der letzte Band endet vier Jahre vor Geburt des Protagonisten. Hin und wieder erlaubt der Autor dem Leser kurze Eindrücke vom Leben des Tristram Shandy - so erfahren wir, wie es dazu kam, dass der Junge einen Namen bekam, den weder seine Mutter noch sein Vater tatsächlich für ihn ausgewählt haben, oder wie ein herabschnellendes Fenster den Jungen an einer höchst sensiblen Stelle verletzt - aber eigentlich liegt der Fokus viel mehr auf der Familie Shandy und ihrem direkten Umfeld. Besonders detailliert geht der Erzähler dabei auf des Protagonisten Vater - Walter Shandy -sowie dessen Onkel - Toby - ein. Der erste ist ein völlig verkopfter Mann, der beispielsweise davon überzeugt ist, dass aus seinem Sohn schon alleine aufgrund seines Namens nichts werden kann: "von allen Namen im Universum war ihm keiner so unbezwingbar widerwärtig wie Tristram"...
Onkel Toby hingegen ist seit seiner Zeit als Hauptmann bei der Belagerung von Namur geschädigt. Nachdem er sich dort eine Unterleibsverletzung zugezogen hat, nutzt er die mehrjährige Zeit seiner Rekonvaleszenz dafür, sich eingehend mit verschiedenen Belagerungstheorien zu befassen. Kaum gesundet beginnt er damit, an der Seite seines treuen Dieners Korporal Trim Miniaturen von Städten und Belagerungsmaschinen nachzubauen und tatsächlich stattfindende Belagerungen "in Klein" nachzuspielen. Auch dies eröffnet Sterne dem Leser nur nach und nach; der Roman besteht aus aneinandergereihten Episoden und Gesprächen, die sich erst schrittweise - wenn überhaupt - zusammenfügen. Gespickt wird das ganze durch unterschiedliche Beobachtungen und Abhandlungen philosophischer, naturwissenschaftlicher und anderer Art.

Nicht nur durch die fehlende Handlung, auch durch die vielen Ab- und Ausschweifungen hat sich Sterne mit diesem Buch der Norm widersetzt. Teilweise spricht er den Leser persönlich an; behandelt ihn jedoch weder wie einen ebenbürtigen Zeitgenossen noch ehrerbietig, sondern spielt mit ihm.

Im Buch spielt Sterne auch viel mit Satzzeichen und leeren oder eingefärbten Seiten - stirbt eine Person, so findet sich im Text daneben ein Kreuz; manche Seite sind als Zeichen der Trauer schwarz eingefärbt; andere Seiten hat Sterne weiß gelassen, damit der Leser sich selbst ein Bild dazu zeichnen kann.

Wie lässt sich so etwas vertonen? Ausgesprochen gut - solange man sich derart furchtlos an den Text heranwagt wie Regisseur und Bearbeiter Karl Bruckmaier. Der hat zum einen eine beeindruckende Sprecher-Gruppe um sich geschart, von denen jeder seinem Charakter eine Stimme leiht, die mühelos die vielen Anspielungen mit anklingen lässt, die Sterne in so vielen seiner Formulierungen versteckt hat.

Auch hat Bruckmaier tief in die Toneffekt-Kiste gegriffen: mal untermalt lautes Kutschengepolter eine Unterhaltung, ein andermal unterstreicht ein Ploppen, Pfeifen oder Eselsgeschrei die Komik einer Situation.

Für die leeren Seiten hat Bruckmaier eigens Musik komponieren lassen, und um einige der vielen Zitate und Anspielungen zu erläutern, die Sterne in seinen Roman hat einfließen lassen, lässt Bruckmaier Experten zu Wort kommen - so zum Beispiel den Übersetzer Michael Walter, der eine bestimmte Wortwahl näher erläutert. Oder auch einen Mediziner, der genau erklärt, was es mit der Verletzung auf sich hat, die sich der junge Tristram am herabsausenden Fenster zuzieht.

Auch zwei Leserfiguren, die in Sternes Romanvorlage nicht zu Wort kommen, hat er eingebaut - durch regelmäßige Zwischenrufe halten sie die Erzählung zusammen und sprechen oft das aus, was dem ein oder anderen Leser von Tristram Shandy tatsächlich durch den Kopf gegangen sein mag. Manche Szenen, in denen sich der Erzähler direkt an den Leser wendet (bzw. den Zuhörer) sind so inszeniert, dass es scheint, als spräche der Erzähler auf einer Bühne vor Zuschauern in ein Mikrofon...

Zuguterletzt liegt ja in der Kürze die Würze, und deshalb hat Bruckmaier sich auch nicht gescheut, manche Stellen - vor allem die langen, langen Predigten, die der Pfarrer Laurence Sterne in sein Buch eingebettet hat - zu streichen: so ist das Herausreißen einer Seite zu hören, während der Erzähler in knappen Sätzen einen Überblick über das verschafft, was dem Hörer nun entgeht.

Insgesamt hat Karl Bruckmaier so ein Hörspiel von mehr als siebeneinhalb Stunden Länge geschaffen, das dem Hörer nach einer kleinen Eingewöhnungsphase viel Komik bietet, und dessen unkonventionelle Adaption der Textvorlage und kreativer Gebrauch von Tönen und Musik mit Sicherheit auch Sterne selbst angesprochen haben könnte.

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Die Glücksfabrik

Saskia Goldschmidt ,
Flexibler Einband: 328 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 22.01.2016
ISBN 9783423144728
Genre: Romane

Rezension:

1923: Während im Nachbarland der Nationalsozialismus sein Haupt erhebt, träumt Mordechai de Paauw davon, den familiengeführten Fleischereibetrieb in einem kleinen Ort nahe Amsterdam zu einem Weltunternehmen zu machen. Dabei helfen sollen ihm die wenigen Teile der Tierkadaver, die noch nicht zu Geld gemacht werden; während das Fleisch zu Nahrungsmitteln verarbeitet wird, das Knochenmehl zu Dünger wird, Borstenhaare zu Bürsten und so weiter und so weiter, fällt dem jungen Mordechai auf, dass einige Organe nicht verwendet werden können. Hierfür, so scheint es ihm, muss es eine Verwendung geben. Zur selben Zeit gelingt zwei Kanadiern ein pharmazeutischer Durchbruch: aus der Bauchspeicheldrüse extrahieren sie Insulin.

So hat Mordechai seine Antwort - er will einen Wissenschaftler mit ins Boot holen und der Schlachterei einen Pharmaziebetrieb zur Seite stellen. In dem Exildeutschen Rafael Levine, einem brillianten Wissenschaftler, findet er diesen Partner und gemeinsam gründen sie Farmacon. Beim Insulin bleibt es nicht - später gelingt es Levine, aus Stierhoden Testosteron zu gewinnen. Dieses "Seelensekret", so hoffen beide Männer, wird sie berühmt machen. Doch während Levine in seinem Amsterdamer Labor in vorsichtigen Schritten die Wirkung eines "Brunfthormons" testet, bei dem er davon ausgeht, es könnte Unfruchtbarkeit bei Frauen heilen und Wechseljahresbeschwerden lindern, will Mordechai seine eigenen Versuche durchführen. So verteilt er an die jungen Mitarbeiterinnen seiner Fabrik Tabletten und trägt ihnen auf, zu beobachten, wie ihre Körper darauf reagieren. Das ist allerdings nicht das einzige, das sie für ihn tun sollen. Tatsächlich kann de Paauw seine Triebe derart schlecht beherrschen, dass er täglich eine junge Frau aus der Werkshalle in sein Büro bestellt.

Seine Frau Rivka heiratet er nur, weil es sich bei ihr um die Tochter eines einflussreichen Kollegen und Freundes von Rafael Levine handelt, der Mordechai mit Konsequenzen droht, nachdem er entdeckt, dass seine Tochter von ihm schwanger ist. Während Rivka die fünf gemeinsamen Kinder mit Mordechai großzieht, während sie Theaterabende und andere Veranstaltungen für die Fabrikarbeiterinnen organisiert und Künstler im Haus ein und ausgehen, expandiert Farmacon. Es beherrscht den deutschen Insulinmarkt und streckt die Finger auch nach dem britischen und amerikanischen Markt aus. Doch nicht nur der Weltkrieg macht das Leben für Mordechai de Paauw bald schwieriger...

Erzählt wird die Geschichte rückblickend von einem siebenundneunzigjährigen Mordechai de Paauw, der zahn- und stimmlos an sein Krankenbett gefesselt ist, der überall Schmerzen hat und dem ein würdevolles Sterben nicht vergönnt ist. Mitleid für diesen Menschen will sich dennoch nicht einstellen - die Art und Weise, in der er seine Macht- und Sexgier rechtfertigt, in der er sich an seinen Eroberungen aufgeilt und sich in den Erinnerungen daran, wie er Freunde und Rivalen gleichermaßen ausgestochen hat suhlt, ist verstörend. Noch nie ist mir ein Roman untergekommen, bei dem ich dem Protagonisten und Erzähler nicht ein Fünkchen Verständnis entgegenbringen konnte.

Man muss es Saskia Goldschmidt als schriftstellerische Leistung anrechnen, dass sich dieses Buch tatsächlich so liest wie die Lebenserinnerungen eines geilen alten Bocks, den selbst Tod, Exil und Verzweiflungstaten derjenigen, die ihm am nächsten standen, nicht zu der Einsicht bewegen, dass sein Verhalten, das er lebenslang an den Tag gelegt hat, verabscheuungswürdig ist (Wie sollte er auch? Sein kapitalistischer Erfolg gibt ihm recht). Schade, dass es aufgrund der gewählten Erzählperspektive nicht möglich ist, die Fiesheit des Protagonisten durch raffinierte Sprache aufzuwiegen: de Paauw erzählt geradlinig und in einfachen Worten von seinem Leben. Vielleicht hätte hier eine neutral gewählt Erzählstimme besser gewirkt...

Goldschmidt hat einen Roman rund um eine spannende Zeit und ein interessantes Thema (die Entwicklung der Pharmaindustrie) geschrieben, der sich auch wie eine Kapitalismuskritik liest und der auf tatsächlichen Begebenheiten fußt. Die Geschichte von Farmacon basiert auf der real existierenden Firma Organon, die 1923 von Saal van Zwanenberg, einem Direktor von Schlachtbetrieben, gegründet wurde.Sein Partner war der Wissenschaftler Ernst Laqueur, der im Buch als Rafael Levine auftritt.

Diese und weitere Rezensionen gibt es auf www.lesemanie.com

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duft, zitate, geruch, nase, geruchssinn

Der Geruch der Welt

Paul Divjak
Fester Einband: 80 Seiten
Erschienen bei Edition Atelier, 12.01.2016
ISBN 9783903005167
Genre: Sonstiges

Rezension:

Der Autor, Philosoph und Künstler Paul Divjak, der als Duftpoet schon internationale Museen in stinkende mittelalterliche Kloaken verwandelt hat, oder auch den zarten Duft eines Orangenhains durch die New Yorker Neue Galerie wehen ließ, legt mit seinem Buch Der Geruch der Welt ein Plädoyer zum bewussten Riechen vor.

Seine Thesen rund um bewusstes Riechen untermauert er mit passenden Textpassagen von anderen Philosophen und Kulturtheoretikern, von Dichtern, Schriftstellern und Sängern.
Als Problem, das uns daran hindert, unser Riechorgan bewusster einzusetzen, identifiziert er unser Unvermögen, die Vielzahl an Gerüchen, die tagtäglich auf uns einprasselt, zu benennen:

“Wir können eine Unzahl an Gerüchen unterscheiden, verstehen allerdings kaum, sie zu benennen.”

Ich musste an dieser Stelle an eine Szene aus Harry Potter and the Half-Blood Prince denken, in der Harry zum ersten Mal Amortentia kennenlernt, “the most powerful love potion in the world”. Der Geruch dieses Liebestranks variiert und nimmt die Düfte auf, welche die jeweilige Person als anziehend empfindet. Harry kann zwei der Gerüche identifizieren, die eine solche Wirkung auf ihn ausüben; doch den dritten Geruch vermag er nicht zu fassen: “somehow it reminded him simultaneously of treacle tart, the woody smell of a broomstick handle and something flowery he thought he might have smelled at The Burrow.”

Divjak geht es in seinem Plädoyer gerade darum, uns allen Gerüchen, die uns umgeben, bewusst zu stellen. Nur so können wir bestimmte Gerüche wiedererkennen, zuordnen und benennen:

“Die Lebewesen, die Pflanzen, die Dinge können unterschiedliche Formen besitzen, ein Geruchsfeld markiert sie / umgibt sie. Gerüche müssen spezifisch sein, sie müssen eine Charakteristik besitzen, um wiedererkennbar zu sein […] Jedes Atmen ist mögliches Riechen, alles Riechen mögliches Erkennen. Erkennen ermöglicht das Benennen.”
Und tatsächlich riecht man bewusster beim und nach dem Lesen dieses Buches (was insbesondere beim Pendeln mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht immer gut sein muss), und das liegt nicht nur an den hochinteressanten Thesen und Beobachtungen die Divjak und, in eingestreuten Zitaten, unter anderem Hundertwasser, Agamben, Walter Benjamin und Morgenstern aufstellen und darlegen.Vielmehr liegt das vor allem auch an den Listen, die er in regelmäßigen Abständen in den Text einschiebt:

"Die Abgase eines Trabant. Sommerregen auf heissem Asphalt. Angeröstete Zwiebeln. Ein Hallenbad. Ein Slip. Limonade. Klebstoff. 8×4. Wunderkerzen. Rosmarin."
Ich muss gestehen, bei den Abgasen eines Trabants musste ich passen, aber bei der Vorstellung des Geruchs von Sommerregen auf heißem Asphalt habe ich gerne etwas länger verweilt und so den nassen Märztag für einen Augenblick aus meinem Bewusstsein verbannt. Als ich das Haus kurz darauf verlassen habe, mit neu erwachten Fokus auf meinen Geruchssinn, musste ich mir dann eingestehen, dass das Wetter an sich zwar bescheiden war, mich der hoffnungsfrohe Geruch des kalten Märzregens auf der noch winterträgen Erde dann aber doch ein wenig dafür entschädigte, dass ich durchnässt am Ziel ankam.
Mit diesen Listen von Divjak habe ich mich beim Lesen des Buches lange beschäftigt – zu groß war die Versuchung, die angesprochenen Gerüche tatsächlich im Bewusstsein entstehen zu lassen. Bei manchen, quasi alltäglichen, Gerüchen fällt es einem noch recht leicht: Feuchte Erde, Tomaten, ein Computer… Bei anderen Gerüchen wiederum bedurfte es einiger Anstrengung: Ein Kinosaal, eine Kirche, das Klassenzimmer…Und manche Gerüche erweckten beinahe unmittelbar Erinnerungen an Kindheitstage oder andere vergangene Erfahrungen: Ein Lagerfeuer, ein Tannenbaum, die Schwimmflügel…
Aufgrund dieser Listen, deren Schlagworte bei jedem Leser unterschiedliche Assoziationen und Erinnerungen wecken dürften, liest sich Divjaks Buch nicht “nur” wie ein Aufruf zum bewussteren Riechen. Vielmehr stößt er eine olfaktorische Reise durch die persönliche Vergangenheit an. Schließlich, so singen schon The Sparks in ihrem Lied “Perfume”, das Divjak zitiert:

“The olfactoy sense is the sense
That most strongly evokes memories of the past” (The Sparks, “Perfume”, 2006)


In diesem Sinne: Stop and smell the roses.

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dante, gra, ec

Die Geschichte der legendären Länder und Städte

Umberto Eco , Barbara Schaden , Martin Pfeiffer
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 21.08.2015
ISBN 9783423348560
Genre: Sachbücher

Rezension:

Wer in diesem Buch des kürzlich verstorbenen Umberto Eco blättert, der fühlt sich ein wenig, als würde er in einem Reiseprospekt blättern – auf bunt bebilderten, glänzenden Seiten erkundet Eco gemeinsam mit dem Leser die unterschiedlichsten Orte: Atlantis, das Schlaraffenland, das irdische Paradies oder auch Mittelerde und Alices Wunderland.

In jedem Kapitel verschafft der Autor dem Leser einen Überblick über Darstellungen und Erzählungen eines bestimmten Ortes oder einer Region (zum Beispiel folgt er den “Wanderungen des Grals” und spricht dabei eine Vielzahl an Orten an: fiktive Stätten wie Camelot und Avalon, und reale Orte an denen diverse Theorien den Gral vermuten: die Normandie, Apulien, Kanada, der Kaukasus…). Im Laufe eines Kapitels beschreibt Eco nicht nur, wie bestimmte Orte dargestellt wurden; er erkundet vielmehr auch, wie sich die Vorstellungen zu solchen Orten über die Jahrhunderte gewandelt haben.

So erläutert er beispielsweise, wie Atlantis von Platon einige Jahrhunderte v. Chr. beschrieben wurde, wie Plinius die Idee im ersten Jahrhundert nach Christus weiterentwickelt hat, und wie Francis Bacon im 17. Jahrhundert über ein neues Atlantis in Südamerika schreibt, oder Edgar Allen Poe 1845 ein Gedicht über “Die Stadt im Meer” verfasst. Nicht nur künstlerische Adaptionen in Malerei, Schriftstellerei und Filmkunst stellt Eco vor. Er nimmt auch kritisch politische Ideen auseinander, die sich diese Mythen zunutze machen (und verweist zum Beispiel darauf, dass zahlreiche Okkultisten im nationalsozialistischen Umfeld der Überzeugung anhingen, bei Atlantis handele es sich um die Urheimat der Arier).
Kaum eine Seite kommt ohne Bilder aus – Eco spickt seine Kapitel mit bunten Abbildungen in allen Größen, die in den unterschiedlichsten Epochen entstanden sind und so eindrucksvoll illustrieren, wie sich die Darstellung eines Ortes wie Atlantis oder des irdischen Paradieses über Jahrtausende hinweg gewandelt hat. 

Zum Abschluss jeden Kapitels präsentiert er Auszüge aus den Texten, auf die er auf den vorangegangenen Seiten verwiesen hat. Das erlaubt jedem Leser, sich selbst einen Eindruck davon zu verschaffen, ob man Ecos Interpretation der Quellen zustimmen möchte, oder vielleicht hie und da einen anderen Eindruck hat. 

Ein aufregendes Buch, das einer hochinteressanten Rundreise gleichkommt.

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dshinn, hörbuch, gesellschaftskritik, parallelwelt, salman rushdie

Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte

Salman Rushdie , Sigrid Ruschmeier , Simon Jäger
Sonstiges Audio-Format
Erschienen bei Der Hörverlag, 21.09.2015
ISBN 9783844519051
Genre: Romane

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karin betz, das verhängnisvolle talent des herrn rong, dva, mai jia, claudia peppenhorst

Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong

Jia Mai ,
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei DVA, 31.08.2015
ISBN 9783421046710
Genre: Romane

Rezension:

Die Familie Rong bringt seit Generationen erfolgreiche Salzhändler hervor. Doch dann mach Großmutter Rong im ausgehenden 19. Jahrhundert einen Fehler: Sie sendet ihren Enkel Rong Zilai ins Ausland, damit er dort die Kunst der Traumdeutung erlernen kann. Stattdessen studiert der junge Mann allerdings Mathematik und nach seiner Rückkehr in die Heimat eröffnet er eine Universität.

Die kommenden Generationen der Rongs widmen sich vermehrt dem Studium, und sie bringen dabei einige geniale Köpfe hervor. Einer von ihnen ist Rong Jinzhen, der mit seinem übergroßen Kopf in der Schule Getuschel hervorruft, sich allerdings bereits als Junge auf dem Feld der Mathematik behauptet und bereits kurze Zeit später an der Uni seines Vorfahren Mathematik studiert.

Zu Zeiten des Kalten Krieges werden Regierungsorgane schnell auf den brillianten Mathematiker aufmerksam und Rong Jinzhen wird Kryptoanalytiker, der eine kometenhafte Karriere hinlegt. Doch sein Talent wird ihm zum Verhängnis – glücklich wird er nicht.

Mai Jia gilt als Begründer der chinesischen Spionageliteratur, aber mit einem chinesischen James Bond wartet er nicht auf. Dafür ist dieses Buch viel zu leise und langsam. Alleine die Tatsache, dass der Erzähler zunächst genüssslich die Familiengeschichte der Rongs ausbreitet und dem Leser so Gelegenheit gibt, nicht nur Rong Jinzhen sondern auch die vorangegangenen drei Generationen kennenzulernen, ist ungewöhnlich für ein Buch aus diesem Genre.

Verfolgungsjagden, Schusswechsel und Männer in Trenchcoats haben keinen Platz in diesem Roman. Ob Rong Jinzhen den wichtigen Code knackt, der als nicht zu knacken gilt, spielt eine weniger wichtige Rolle als die geistigen Anstrenungen, die ihn dies kosten. Anders als bei James Bond ist dieses Spionage-Leben nicht glamourös; es ist einsam und anstrengend und es macht Rong Jinzhen fertig.

Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong wird aus Sicht eines Journalisten erzählt, der sich daran macht, der Geschichte des Spionagegenies Jinzhen auf den Grund zu gehen. So unterbricht er seinen Erzählfluss in regelmäßigen Abständen für Auszüge aus Interviews, die er mit Zeitgenossen und Weggefährten Jinzhens geführt hat. In einem “Anhang” bietet ein Exzerpt aus Jinzhens Notizbuch dem Leser Einblicke in das Innenleben dieses Charakters, der bis dahin verschlossen und unnahbar wirkt. Gekonnt rundet Mai Jia so seine Hauptfigur und vermeidet es so, sich Jinzhen nur oberflächlich zu nähern.

Dieser Roman braucht geduldige Leser, die willens sind, bis zum Schluss die Figur und Geschichte des Rong Jinzhen puzzlegleich zusammenzusetzen. Belohnt werden sie mit einem Leseerlebnis, das subtil Spannung aufbaut und ein kleines bisschen Schwermut schafft.

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The Orenda


Flexibler Einband
Erschienen bei Penguin Canada
ISBN 9780143174165
Genre: Sonstiges

Rezension:

In den kanadischen Wäldern, in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts, stößt eine Gruppe von Huron Indianern auf eine Gruppe von Irokesen. Bird, der Anführer der Huron Gruppe trauert noch um seine Frau und seine Tochter, die vor einiger Zeit von Irokesen getötet worden sind. So beschließt er, das Mädchen, das Teil der Irokesen-Gruppe ist, an Tochter statt anzunehmen. Die anderen - Vater, Mutter und Bruder seiner neuen Tochter - töten er und seine Männer.

Das Buch setzt auf dem Heimweg der Gruppe ein, und der erste von insgesamt drei Erzählern ist ein weiterer Gefangener der Huron: Christophe, ein junger Jesuitenpater, der "den Wilden" die Lehre Gottes näherbringen möchte. Sowohl die Franzosen als auch die Engländer sind präsent in der Gegend; allerdings kommen sie in der Besiedelung des Landes nur langsam voran. Während ihre Krankheiten sich bereits in den Dörfern der verschiedenen Stämme einschleichen und dort Unheil anrichten, sind sie militärisch noch oft unterlegen und menschlich von der sie umgebenden Wildnis überfordert. Und doch verändern sie das Leben der Stämme bereits merklich, wie im weiteren Verlauf des Buches deutlich wird. Während die Engländer an ihre Verbündeten, die Irokesen, freigiebig Waffen verteilen damit sie mit deren Hilfe den Fortschritt der Franzosen aufhalten können, bemühen sich die Franzosen in erster Linie darum, die sie umgebenden Stämme - darunter die Huron - mit Hilfe von Christianisierung langfristig auf ihre Seite zu ziehen und zu Verbündeten gegen die Engländer und Irokesen zu machen.

Christophe ist zu Beginn der Geschichte zwar Birds Gefangener, doch die Dorfälteren beschließen nach seiner Ankunft, ihn eher als Gast zu behandeln, um die Franzosen nicht zu verärgern und den Handel mit ihnen zu intensivieren. Er darf frei herumlaufen und er bemüht sich redlich, dem Stamm seinen Glauben zu erklären und seine besonders auch aufgrund seiner begrenzten sprachlichen Fähigkeiten simplifizierten Modelle des Christentums verdeutlichen gekonnt, wie merkwürdig dieser Glauben auf einen Außenstehenden wirken muss. Zugleich nutzt Boyden, der neben Iren und Schotten auch Ojibwe zu seinen Vorfahren zählt, Christophe um den Glauben der Huron zu erläutern:

"In matters of the spirit, these sauvages believe that we all have within us a life force that is similar, if you will, to our own Catholic belief in the soul. They call this life force the orenda [...] What appals me is that these poor misguided beings believe not just humans have an orenda but also animals, trees, bodies of water, even rocks strewn on the ground. In fact, every last thing in their world contains its own spirit."

Bird, der zweite Erzähler im Roman, beobachtet Christophes Bekehrungsversuche mit Argwohn. Er traut weder dem Mann noch dessen Weltanschauung. Allerdings ist er besonders zu Beginn des Buches oft abgelenkt - das Mädchen, das er als Tochterersatz entführt hat, macht Probleme und zeigt sich widerspenstig. Einen Großteil seiner Gedanken und seiner Energie verwendet er deshalb darauf, ihre Wut zu bändigen. Und doch ahnt er, dass von Christophe und den seinen Gefahr ausgeht. Dass diese Männer nicht nur in seine Welt gekommen sind um Handel zu treiben. Und dass diese Tatsache das Leben der Seinen von Grund auf verändern wird. "We are the people birthed from this land", erläutert er einmal, "We are this place. This place is us." Unausgesprochen bleibt die Frage, was mit diesem Volk passieren wird, wenn ihr Land nicht mehr ihr Land ist, wenn die Orenda ausgelöscht werden.

Die dritte Erzählstimme gehört Snow Falls, dem Mädchen, das Bird als Tochterersatz mitgenommen hat. Im Verlauf des Romans wächst sie zu einer jungen Frau heran und dadurch bietet sie dem Leser Einblicke in Aspekte der Huron Kultur, die in Birds und Christophes Erzählungen verborgen bleiben - die Rechte und Rollen der Frauen, die Christophe Kopfzerbrechen bereiten, und die Riten und Traditionen, die das Erwachsenwerden der jungen Huron begleiten.

Weil jeder der abwechselnd zu Wort kommenden Erzähler mit ganz unterschiedlichem Blick die Welt um sich herum kommentiert, ergeben die drei Stimmen zusammengenommen ein spannendes Panorama. Boyden verwebt die einzelnen Episoden gekonnt und lückenlos miteinander und er hat so ein Buch geschaffen, das man immer weiter aber nicht zu Ende lesen möchte. Das liegt zu einem großen Teil daran, dass die drei Hauptcharaktere so gekonnt konstruiert sind. Man erreicht als Leser einen Punkt, an dem eine bestimmte Situation geschildert wird und man sich bereits vorstellen kann, wie Bird/Christophe/Snow Falls darauf reagieren wird, weil Boyden einem hier Menschen vorgesetzt hat deren Motiven man nicht immer gut heißen muss, die man aber nachvollziehen kann. Einen großen Beitrag zur Spannung leistet auch der Zeitpunkt zu dem die Geschichte spielt. The Orenda beleuchtet eine Epoche, in der die Neue Welt der Europäer noch ganz am Anfang steht, und die Alte Welt der nordamerikanischen Stämme kurz vor ihrem Ende.

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tschechien, geschichte, familie, weiße karpaten, slowakei

Das Vermächtnis der Göttinnen: Eine merkwürdige Geschichte aus den Weißen Karpaten - Roman

Kateřina Tučková
E-Buch Text: 380 Seiten
Erschienen bei Deutsche Verlags-Anstalt, 21.09.2015
ISBN 9783641136529
Genre: Sonstiges

Rezension:

Seit Generationen leben in Hütten in den Weißen Karpaten die sogenannten Göttinnen. Von weit her pilgern die Leute in die einsame Bergregion, um diese Frauen um Hilfe zu bitten. Geldsorgen, Krankheiten, erfolglose Söhne und unverheiratete Töchter – die Menschen glauben, dass die Göttinnen ihnen bei der Lösung solcher Probleme helfen können. Dora ist die Letzte eines dieser alten Heilerinnengeschlechter, doch sie hat sich schon vor Jahren der Wissenschaft verschrieben. Ein Auslöser dafür war der Wunsch, den Ruf ihrer Vorfahren reinzuwaschen. In Zeiten der Sowjetunion wurden die Göttinnen als systemfeindliche Elemente vom Staat kontrolliert und inhaftiert. Und nicht nur das – im Rahmen ihrer Nachforschungen für ihre Diplomarbeit ist Dora damals über Hinweise gestolpert, dass die Göttinnen zu Zeiten deutscher Besatzung mit den Besatzern paktiert haben könnten.

Doras Diplomarbeit entsteht noch zu Zeiten der Sowjetunion und ihr Zugriff auf Quellen ist eingeschränkt. Doch nach dem Ende der Union öffnen sich die Archive der Staatssicherheit und Dora macht sich ein weitere Mal daran, die Geschichte der Göttinnen aufzurollen. Tučková tänzelt in ihrer Erzählung zwischen verschiedenen Zeiten, zwischen historischen Dokumenten, Träumen und Wirklichkeit hin und her. So präsentiert sie nicht nur einen spannenden Prozess der Geschichtsaufarbeitung in einem Land, das von verschiedenen Mächten okkupiert worden ist und nun mit diesem Erbe zu hadern hat. Sie erzählt auch eine interessante (und merkwürdige) Familiengeschichte: es geht um Mord und Totschlag, um enttäuschte Hoffnungen und starke Frauen, die sich gegenseitig sozusagen nicht einmal den Dreck unter den Fingernägeln gönnen. Es geht um Aberglauben, Religion und alte Magie und selbst Dora, die sich mit aller Kraft dagegen wehrt, sich übernatürlichen Kräften zu fügen, hadert mit der Tatsache, dass auf ihrer Familie ein Fluch zu lasten scheint.

Kateřina Tučková gelingt etwas, das nicht vielen Schriftstellerin gelingt: sie verknüpft sehr gekonnt Fiktion und Historie. Gleichzeitig schafft sie mit zwei Morden einen Spannungsbogen, der stellenweise beinahe Krimi-Züge annimmt. Sie beschreibt den fortwährenden Aberglauben der Landbevölkerung ebenso einfühlsam wie Doras dringendes Bedürfnis nach Aufklärung. Ab und an scheint Tučková in ihrem Bemühen, der akribischen historischen Aufarbeitung dramatische Belletristik gegenüberzustellen, zu eifrig. Dann rutscht die Geschichte in kitschige Gefilde ab und die Sprache spiegelt das wider. Davon abgesehen, hat sie mit Das Vermächtnis der Göttinnen einen unterhaltsamen Dokumentationsroman vorgelegt.

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War einmal ein Bumerang

Hilmar Klute
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch, 09.02.2015
ISBN 9783869711096
Genre: Biografien

Rezension:

Wer war eigentlich Joachim Ringelnatz?
Hilmar Klute, Streiflicht-Chef der Süddeutschen Zeitung versucht in seinem Buch, dieser Frage auf den Grund zu gehen. 1883 wird Hans Bötticher als Bildungsbürgersohn geboren. Die Kindheit ist behütet bis zu dem Moment, in dem er vom Gymnasium fliegt, weil er sich auf einer Völkerschau auf samoanische Weise hat tätowieren lassen. Den jungen Hans zieht es hinaus in die Welt, er will sie entdecken und seinen Abdruck in ihr hinterlassen. Er geht zur Marine, umsegelt die Welt und schreibt, schreibt, schreibt.

In München entdeckt er die erwachende Boheme, doch es dauert noch, bis aus Hans Bötticher schließlich Joachim Ringelnatz wird. Der erste Weltkrieg kommt und geht und auf den Bühnen der Weimarer Republik schließlich verwandelt Bötticher sich in Ringelnatz. Der kleine Mann mit der großen Nase tritt oft in Matrosenkleidung auf. Er trinkt, singt und brüllt auf der Bühne; seine derbe Sprache kann schockierend sein, ungeschönt schreibt er über Armut und Verzweiflung zu Zeiten der Wirtschaftskrise und um so überraschender kommt er besonders in den letzten Jahren seines Lebens mit teilweise bildschönen Liebesgedichten daher.
Dieser Kabarett-Star, eigentlich ein Produkt des wilhelminischen Zeitalters, der es als junger Mann kaum abwarten konnte, den Krieg kennenzulernen, ist entsetzt über den wiedererstarkenden Militarismus in seinem Heimatland. Nach dem Machtwechsel verweigert er es, sich dem neuen Regime anzubiedern, auch dann, als seine Bücher brennen und er Arbeitsverbot erteilt bekommt.

Durchaus kritisch bespricht Klute die ersten literarischen Gehversuche von Ringelnatz und er beschreibt seine Weiterentwicklung als Dichter, erläutert, wie die Gedichte sprachlich und inhaltlich reifen und illustriert seine Argumente mit Auszügen aus vielen verschiedenen Werken - darunter auch das titelgebende Gedicht "War einmal ein Bumerang". Diese Geschichte "wollen die Leute immer wieder hören, und sie wollen sehen, wie Ringelnatz da vorne mit unendlich blödem Gesichtsausdruck dem imaginären Gegenstand hinterherblickt, auf dessen Rückkehr alle warten und der aufgrund eines Konstruktionsfehlers wohl für immer verschwunden bleibt. Er kann tatsächlich so blöd ins Leere glotzen, dass alle den Eindruck haben, hier schaut einer [...] stellvertretend für das dumme Volk stundenlang dem Bumerang hinterher."

War einmal ein Bumerang
War ein weniges zu lang
Bumerang flog ein Stück
Kam nicht mehr zurück.
Publikum noch stundenlang
Wartete auf Bumerang.


Welten liegen zwischen diesem Kalauer, mit dem Ringelnatz sich die Lacher des Publikums sichert, und der in seinen Turngedichten 1920 veröffentlicht wird, und seinem leisen Liebesgedicht "An M.", veröffentlicht in Allerdings 1928:

Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern
Meine Liebe wird mich überdauern
Und in fremden Kleidern dir begegnen
Und dich segnen.


Und wer war er nun, dieser Ringelnatz?
Die Person des Ringelnatz ist eine gelungene Kunstfigur; er selbst bezeichnet sich nicht nur als Dichter sondern vielmehr als "Artisten". Er liest seine Gedichte nicht vor, er performt sie auf den Bühnen Deutschlands. Hilmar Klute bemerkt auf der letzten Seite beinahe resigniert: "Der Welt ist er manchmal abhanden gekommen, oft genug hat er sie auch umarmt und sie ihn. Aber fremd ist er ihr immer ein bisschen geblieben."

Vielleicht ist es auch falsch zu sagen, dass Klute in diesem Buch der Figur des Joachim Ringelnatz auf den Grund gehen will. Das ist wahrscheinlich sowieso ein Ding der Unmöglichkeit - zu gekonnt hat Hans Bötticher seine Kunstfigur ersonnen. Und so bleibt Ringelnatz auch nach der Lektüre dieses Buches, nachdem man seinem Lebensweg mit Hilmar Klute gefolgt ist, ein bisschen fremd. Aber eben weniger fremd als zuvor.

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The Story of Pop

Karl Bruckmaier
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Heyne Verlag, 12.10.2015
ISBN 9783453418820
Genre: Sachbücher

Rezension:

Einem Wirbelwind gleich bewegt sich Karl Bruckmaier durch eine Geschichte der Popmusik, sprengt Landesgrenzen und Zeitrahmen und hält beinahe bis zuletzt Tempo und Niveau. Das ist ganz besonders der Geräuschkulisse zu verdanken, die er meisterhaft schwarz auf weiß auf 316 Seiten vor dem Leser ausbreitet. Schließlich, so erklärt schon der Klappentext, ist die Geschichte der Popmusik ein Geräusch: "Ein Schaben und Kratzen. Ein Jaulen und Heulen und Zähneknirschen. Ein Trommelruf..."

Bruckmaiers Zeitreise beginnt vor mehr als tausend Jahren, im Jahr 822 in Cordoba. Hier ist Ziryab, Herr über zehntausend Lieder, ein Superstar. Die arabische Laute ergänzt er um eine fünfte Saite und der neuartige Klang, den er aus Bagdad an den Hof des Kalifen bringt ist eine Mischung aus persischer und indischer Musik. Fast achthundert Jahre nach Ziryabs Tod schreibt ein arabischer Historiker: "Nicht vor seiner Zeit und nicht nach seiner Zeit [...] hat es in seiner Zunft einen gegeben, der mehr geliebt, der mehr bewundert worden wäre."

Von diesem Punkt an geht es weiter - im elften Jahrhundert hält die Trommel in Europa Einzug, als Muslime aus dem Maghreb nach Spanien gerufen werden um ihren Glaubensbrüdern im Kampf gegen das südwärts ziehende Christentum beizustehen. In den kommenden Jahrhunderten fasst sie in Europa Fuß; 1540 lässt sich das Wort "drum" im Englischen nachweisen und der sich rasch entwickelnde Sklavenhandel bringt afrikanische Rhythmen über den Atlantik, wo sie sich in Nord- und Südamerika zu Jazz und Latin Music entwickeln. 

Schnell wird klar: Bruckmaier ist davon überzeugt, dass man die Geschichte des Pop nicht besser versteht, wenn man nur möglichst viele Namen und Lebensdaten von Musikern, Produzenten und Managern kennt. Und so schildert er zwar besonders in der zweiten Buchhälfte einige interessante Einzelschicksale von Menschen, die mir vorher kaum bis gar kein Begriff waren, und von denen jeder auf seine Art Popmusik (und das beinhaltet Jazz, Folk, Country und Rock ebenso wie "Pop") geprägt und entwickelt hat - wie zum Beispiel John Hammond, Ahmed Ertegun, oder John Fahey . Doch speziell die erste Hälfte des Buches wird von ganz anderen Dingen dominiert. Einen Großteil dieser ersten Hälfte widmet Bruckmaier nämlich den kulturellen und gesellschaftlichen Umständen unter denen sich in den USA Popmusik entwickelt. So beschreibt er im Detail die Zustände auf den Sklavenschiffen, die den Atlantik überqueren, das Leben auf den Plantagen, die Entwicklung der U.S.-amerikanischen Gesellschaft. Es geht um die Erfindung des Plattenspielers und die Art und Weise in der religiöse und rassistische Weltanschauungen die Produktion von Musik auf Schellacks beeinflussten. Das fand ich persönlich hochinteressant und sehr spannend; wer auf eine Musikgeschichte im engsten Sinne aus ist, wird da vielleicht anderer Meinung sein.

Alleine schon wegen der Vielfalt an Themen, die angeschnitten werden, ist das Buch abwechslungsreich und unterhaltsam. Bruckmaier schreibt locker, streut Liedzeilen und Anglizismen ein und offenbart trotz aller Lässigkeit fundiertes historisches Wissen. Und doch - kurz vor Schluss verlor ich die Lust ein wenig, was wohl vor allem dem Eindruck geschuldet war, dass Bruckmaier das Selbe passiert ist. Angekommen in den 1970er/80er Jahren wird die Erzählung oberflächlicher und Bruckmaier hechtet auf der Zielgeraden dem Ende entgegen - wenn auch mit der ein oder anderen eingestreuten Verschnaufpause, die den Lesefluss auf den letzten Seiten entscheidend stört. Schade, aber zu verkraften. 

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Titan

Robert Harris , Hannes Jaenicke
Audio CD
Erschienen bei Random House Audio, 21.10.2009
ISBN 9783866048867
Genre: Historische Romane

Rezension:

Im zweiten Teil seiner Cicero-Trilogie scheint gleich zu Beginn eigentlich alles geschafft: Cicero ist Konsul und hat sich damit einen großen Traum erfüllt. Doch kurz bevor er sein Amt offiziell antritt, zeichnen sich bereits Probleme ab. Im Vertrauen wird er zum Hafen gerufen. Hier ist die Leiche eines Jungen angespült worden und alles deutet darauf hin, dass es sich um ein Menschenopfer handelt. Manche der abergläubischen Hafenarbeiter raunen, dies sei ein böses Omen und Rom sei in Gefahr. Cicero bemüht sich, sie zu beruhigen und stellt es so dar, als handele es sich bei der Leiche lediglich um das Opfer eines tragischen Unfalls.

Tatsächlich scheint etwas im Busch zu sein. Cicero hat sich mit seinem Talent, Menschen vorzuführen und seiner Unbeirrbarkeit auf dem Weg zum Konsul-Posten nur wenige Freunde und dafür umso mehr Feinde gemacht. Die Aristokraten beäugen ihn weiterhin argwöhnisch und einige scharen sich um Catilina, unter ihnen auch ein junger, umtriebiger, extrem ehrgeiziger und notorisch geldloser Gaius Julius Caesar. Durch geschickte Propaganda und gezieltes Aufkaufen von Stimmen durch reiche Unterstützer, schwingen sich die Verschwörer zu Fürsprechern von enttäuschten Veteranen und Kriminellen auf, kurz: sie behaupten, für das Volk zu sprechen und im Namen des Volkes zielen sie darauf, dem Senat große Teile seiner Machtbefugnisse zu entziehen.

Auch vor Mord schreckt die Gruppe nicht zurück. Mit viel Glück deckt Cicero ein gegen ihn geplantes Mordkomplott auf. Sein treuer Sekretär Tiro sammelt unter Einsatz seines Lebens Indizien, mit deren Hilfe sich Cicero gegen seine Feinde im Senat wehren soll. Zeitgleich schreckt auch Cicero selbst, obwohl sonst so integer, nicht davor zurück, illegale Methoden anzuwenden um die akut bedrohte Republik zu retten.
Dabei stellt er unter Beweis, was für ein gerissener Staatsmann in ihm steckt. Oft setzt er alles auf eine Karte, er verzichtet auf einträgliche Ämter, die ihm nach dem Ende der einjährigen Konsulatszeit zustehen, um Verbündete zu gewinnen. Er lässt Gnade walten bei einigen seiner Feinde - der junge Caesar kommt so mit dem Leben davon, während andere große Männer Roms hingerichtet werden. Cicero ruft den Notstand aus, was seine Amtszeit verlängert - bis wieder Frieden eingekehrt ist, soll er sein Amt ausüben dürfen. Sogar zum "Vater des Vaterlandes" wird er ausgerufen. Cicero, der Titan, auf dem Gipfel der Macht.

Mit der Auszeichnung als "Vater des Vaterlandes" schmückt er sich gerne und Tiro beobachtet scharfsinnig, dass sich etwas in seinen Wesenszügen geändert hat und dass er sich keinen Gefallen damit tut, nach Ende seiner Amtszeit als Konsul in Rom verblieben zu sein anstatt die Statthalterschaft einer Provinz zu übernehmen. Wie schrieb Thomas Willmann in Das finstere Tal? "Erlöser, die sich nicht aufheben und entschwinden, werden zur Peinlichkeit".

Cicero sonnt sich in seinem Ruhm und doch droht weiterhin Gefahr. Die Erde dreht sich schließlich weiter und Caesar treibt eisern die eigene Karriere voran. Berauscht von seinem Erfolg verkennt Cicero die Lage und wird schlussendlich gezwungen sein, ins Exil zu gehen.

Dies und noch viel mehr passiert in diesem Abschnitt von Ciceros Lebensgeschichte, der sich zwischen 63 und 58 v. Chr. abspielt. Es spricht für Harris, dass er eine solche Dichte an Ereignissen spannend aufbereiten kann. Und es spricht für diese Inszenierung, dass sämtliche Handlungsstränge trotz Textkürzungen nachvollziehbar bleiben. In insgesamt 7 Stunden präsentiert Hannes Jaenicke einen spannenden Polit-Thriller. Zuerst war ich enttäuscht, dass Christian Berkel, der den ersten Teil eingelesen hat, diesem Teil nicht auch seine Stimme geliehen hat. An Jaenickes teils schnodderige Redeart musste ich mich erst gewöhnen und dachte, dass man sich hier vielleicht im Sprecher vergriffen hat.
Doch je weiter sich die Geschichte entspann, desto passender schien mir die Sprecherwahl. Cicero steht schließlich an einem völlig anderen Punkt in seinem Leben als noch im ersten Teil der Trilogie. Der anfängliche Erfolg gegen seinen Widersacher Catilina steigt ihm zu Kopf und der abgebrühte Tonfall, den Jaenicke für ihn wählt, scheint für den Cicero in dieser Zeit seines Lebens der richtige zu sein. 

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hörbuch, cicero, rom, römisches reich, thriller

Imperium

Robert Harris
Audio CD
Erschienen bei Random House Audio, 26.11.2007
ISBN 9783866043275
Genre: Historische Romane

Rezension:

Im ersten Teil seiner Romantrilogie über den berühmten Politiker und Redner Cicero setzt Robert Harris zu Beginn der Karriere des großen Staatsmannes ein. Der junge Cicero will sich als Anwalt einen Namen machen, um Aussicht auf ein einflussreiches Amt in der römischen Republik zu haben, doch er kommt in seinen Reden nicht zum Ende und leidet unter seinem Stottern. Gemeinsam mit Tiro, einem Sklaven seines Vaters, der in den kommenden Jahrzehnten als Ciceros Sekretär arbeiten wird, macht er sich auf den Weg nach Griechenland. Dort leben die wichtigsten Lehrer der Redekunst und dort feilt der junge Mann an sich und seiner Sprache.

Doch auch mit frisch erlernter Redegewandtheit lässt sich die Karriere zunächst schleppend an: Cicero ist schließlich ein Homo Novus, ein neuer Mann. Er entstammt nämlich nicht einer der alteingesessenen Aristokratenfamilien Roms und so kann er bei seiner Karriere nicht auf deren Unterstützung hoffen; diese Männer sind schließlich sehr darauf bedacht, die Macht in ihren Händen zu behalten. Einer von ihnen ist Hortensius, der nicht nur Senator ist sondern sich auch, wie Cicero, als Anwalt betätigt. Hortensius gilt als bester Anwalt Roms; Cicero wird bald als Zweitbester gehandelt.

Die Rivalität zwischen den beiden Männern gipfelt in dem Gerichtsverfahren, mit dem Cicero sich einen Namen machen wird und das ihn endlich für ein höheres Amt ins Rennen bringt: er vertritt eine Gruppe von sizilianischen Kaufleuten, die unter dem korrupten Statthalter Siziliens, Verres, zu leiden haben, von ihm drangsaliert und enteignet werden. Verres wird von Hortensius verteidigt. Fieberhaft arbeitet Cicero an diesem Fall, er leiht Geld von seiner Frau um eine Reise nach Sizilien zu finanzieren und nötiges Beweismaterial zu beschaffen. Immer dabei: der treue Tiro, der nebenbei die erste Kurzschrift entwickelt um mit dem schnellen Redefluss seines Herren Schritt halten zu können.

Tiro ist es auch, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird und das ist eine sehr gute Idee von Robert Harris. Würde Cicero als Erzähler fungieren, so wäre der Ton schlicht zu ernsthaft und besonders in den kommenden Teilen, zu denen die Rezensionen im Lauf des Wochenendes folgen, auch zu salbungsvoll und einseitig. Denn Cicero hat seinen Stolz und ist überzeugt von seinen Talenten. Tiro bewundert seinen Herren zwar, aber er erzählt eben hier und da mit leichter Ironie von peinlichen Szenen, denen sich Cicero zu stellen hat - von Aristokraten die ihn bei öffentlichen Ereignissen ignorieren zum Beispiel, aber auch von Situationen in denen Cicero sich schlicht verrechnet hat und in denen Ereignisse völlig anders eintreten als von ihm erwartet, erhofft und geplant.

Ciceros Leben ist den meisten - zumindest in Grundzügen - wohl bekannt, und so verrate ich kein Geheimnis wenn ich sage, dass Cicero zum Schluss dieses ersten Buches seinen Traum erfüllt: er erreicht das Imperium, was im Lateinischen (politische, offizielle) Macht bedeutet. Er wird im zweiten Buch das höchste Amt der römischen Republik bekleiden: das des Konsuls. Spannend bleibt es trotzdem, zeichnet sich doch Gefahr ab: selbst als Konsul ist Cicero schließlich nicht unantastbar und vielen Aristokraten ist er weiterhin ein Dorn im Auge...

Sprecher des Hörbuchs ist Christian Berkel, dem man gerne zuhört. Gekonnt setzt er Pausen und bedient sich in den Tonlagen teils leichter Ironie, teils genau der Prise Wehmut, die man erwarten sollte von Tiro, der sich nun, zu Ende seines Lebens, daran macht, seine Jahre an Ciceros Seite Revue passieren zu lassen.
Es handelt sich bei diesem Hörbuch um eine gekürzte Version der Romanvorlage, doch in den sechseinhalb Stunden wird trotzdem nicht nur Ciceros Aufstieg zum Konsul erläutert, sondern nebenbei auch das politische System der römischen Republik erklärt - wie funktionieren die Wahlen, welches Amt ist mit welchen Rechten und Vollmachten versehen, welche Rolle spielen die Frauen der wichtigen Männer im Staat? Das wird nie langweilig oder zu trocken, denn Harris wahrt die Balance und erklärt stets nur so viel wie für ein Verständnis des Geschehens nötig ist.

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9 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

hippies, englisch, sex, roman, liebe

Drop City

T. C. Boyle
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Bloomsbury Publishing Plc, 01.03.2004
ISBN 9780747571568
Genre: Romane

Rezension:

Star (eigentlich Paulette Regina Starr) hat sich befreit. Sie hat das enge Leben ihrer Eltern im Staat New York hinter sich gelassen, hat ihre Stelle als Lehrerin aufgegeben, hat den amerikanischen Kontinent einmal von Ost nach West durchquert und hat sich mit ihrem Jugendfreund Ronnie / Pan in Drop City niedergelassen. Diese Kommune in Kalifornien besteht auf einigen Hektar Farmland, das Norm, der das Land von seinen Eltern geerbt hat, allen zur Verfügung stellt. Norm selbst wird von den anderen als erleuchtete Führungsfigur wahrgenommen - eine Rolle, der er sich zumeist erfolglos zu entziehen sucht. Die Bewohner der Kommune wollen hier ein harmonisches Leben als erleuchtete Selbstversorger führen.

Doch die Harmonie wird durch zwischenmenschliche Konflikte gestört und Star ist nicht die einzige der jungen Frauen, die den Eindruck hat, ihren Körper allen Männern auch gegen ihren Wunsch zur Verfügung stellen zu müssen, und der auffällt, dass es immer die Frauen sind die, wie ihre Mütter und Großmütter vor ihnen, das Essen kochen, den Abwasch machen und das Putzen übernehmen.
"Erleuchtung" lässt sich dank diverser chemischer und pflanzlicher Substanzen erlangen, doch spätestens als Ronnie im Drogenrausch körperlich nicht mehr in der Lage ist, der Vergewaltigung einer Minderjährigen Einhalt zu gebieten wird zumindest dem Leser klar, dass die Kommunenmitglieder im Kollektiv ihre Handlungsfähigkeit aufgeben um sich in andere geistige Sphären zu begeben.
Auch mit der Selbstversorgung ist es nicht weit her. Zwar gibt es zwei Ziegen in der Kommune, die von Starr täglich versorgt und gemolken werden, doch richtigen Ackerbau möchte keiner betreiben; stattdessen nutzen sie die vom Staat bereitgestellten Essensmarken; mancher kratzt ein wenig Erspartes zusammen, andere bedienen sich im Laden heimlich an der Käsetheke.

Im Gegensatz dazu versorgen sich Pamela und Sess Harder tatsächlich zum größten Teil selbst. Mehrere tausend Kilometer nördlich von Drop City, leben die beiden in einer Blockhütte in Alaska drei Stunden entfernt von der nächsten Siedlung. Genau wie Star hat Pamela sich befreit; hat ihren Bürojob in der Stadt an den Nagel gehängt und sich mit Sess gezielt einen Partner gesucht, mit dem sie in der Wildnis überleben kann. Nicht nur erinnert Pamela sich an glückliche Sommer mit ihren Eltern in der freien Natur; sie ist auch davon überzeugt, dass die Gesellschaft vor die Hunde gehen wird: je mehr Hippies sich dem Drogenkonsum und freier Liebe hingeben, so ihre Logik, desto weniger Leute werden das Land bestellen, kluge politische Entscheidungen treffen oder die Interessen der USA im Ausland vertreten. Die gesellschaftliche Ordnung wird zusammenbrechen, davon ist Pamela überzeugt. Sie will also vorsorgen - will sich so weit wie möglich von Hippies fernhalten und bereits jetzt lernen, wie sie ohne Recht und Ordnung für sich sorgen kann.
Sess Harder ist in dieser Hinsicht der richtige Mann. Er jagt, fischt und verkauft im Herbst Felle um mit den Erlösen Reis und Nudeln kaufen zu können. Er lebt im Einklang mit der Natur, hat seine Blockhütte mit eigenen Händen erbaut und begegnet der jungen Frau mit sanfter Schüchternheit. Pamela und er heiraten, sie zieht zu ihm und bereitet sich mit ihm auf ihren ersten Winter in der Wildnis vor. Wenn da nicht der Buschpilot Joe Bosky wäre, den mit Sess eine tödliche Feindschaft verbindet, müsste Pamela sich um wenig mehr sorgen als um die Notwendigkeit, vor Wintereinbruch genügend Proviant zu erwirtschaften.

Es kommt wie es immer kommt bei T.C. Boyle: zum Zusammenstoß. Als Recht und Gesetz Norms Kommune ein Ende bereiten und die Hütten und Zelte abreißen, in denen die Bewohner Drop Citys wohnen, schwingt sich Norm zum ersten Mal mit voller Begeisterung zum Anführer der Gruppe auf und präsentiert den verdutzten Kommunen-Mitgliedern die Lösung: die leerstehende Hütte seines Onkels in Alaska soll als Mittelpunkt eines neuen Drop City dienen. "Drop City North" nennt er das, und viele seiner Anhänger - darunter auch Star und Ronnie - folgen ihm in den Norden. Während die Gruppe dort in direkter Nachbarschaft zu Pamela und Sess Harder darum kämpft, Fuß zu fassen, eskaliert die Feindschaft zwischen Sess und Joe Bosky.

Wie es für ihn so typisch ist, lässt Boyle in Drop City seine Charaktere unerbittlich durch Selbstzweifel und Schicksalsschläge hindurch in Richtung (Selbst-) Zerstörung wandern. Sie müssen feststellen, dass sie in und mit der Natur leben können, dass sie sich jedoch durch den Menschen nicht bezwingen lässt. Und dass der schlimmste Feind des friedlichen Miteinander immer der Mensch selbst ist. Seinem Rezept in der Erstellung und Mischung von Charakteren bleibt Boyle treu - wer viel von ihm liest, wird die Konstellation also wiedererkennen. Und doch vermag Boyle es, überraschende Wendungen einzubauen und sprachlich schafft er, wie in jedem Buch, das ich bis jetzt von ihm verschlungen habe, wieder eine Vielzahl von Bildern, dank derer das Lesen so Spaß macht ("The morning was a fish in a net, glistening and wriggling at the dead black border of her consciousness...").

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Meister und Margarita

Michail Bulgakow , Alexander Nitzberg , Michael Rotschopf , Klaus Buhlert
Sonstiges Audio-Format
Erschienen bei Der Hörverlag, 28.03.2016
ISBN 9783844521153
Genre: Romane

Rezension:

Zwölf Jahre lang (1928-1940) arbeitete Michail Bulgakow an seinem Roman Meister und Margarita. Einige Teile diktierte er kurz vor seinem Tod 1940 noch vom Krankenbett aus seiner Frau. Seine Witwe war es auch, die das vollendete Werk schließlich abtippte und redigierte, und die darauf beharrte, das Buch zu veröffentlichen. Stark zensiert und gekürzt wurde der Roman postum 1966 und 19767 in zwei Teilen in der russischen Literaturzeitschrift Moskwa abgedruckt. Innerhalb kürzester Zeit war der Roman vergriffen und der "russische Faust" schlug auch im Ausland Wellen. Selbst die Rolling Stones ließen sich von Bulgakow inspirieren: die Idee zum Text ihres Klassikers Sympathy for the devil kam ihnen dank Meister und Margarita.

Es gibt in diesem Roman zwei Erzählstränge: der eine spielt im Moskau der 1930er Jahre. Der Teufel erscheint in der Stadt in Begleitung seines Gefolges, das neben einem Todesdämon und einer Hexe unter anderem auch den schießwütigen, blutrünstigen und gesprächigen Kater Behemoth beinhaltet, der riesig ist, auf zwei Beinen geht und sich elegant kleidet.

Der zweite Erzählstrang ist in Jerusalem angesiedelt und zwar zu Zeiten des Pontius Pilatus, der das Verfahren gegen Jeschua leitet und ihn schlussendlich zum Tode durch Kreuzigung verurteilen wird.

Der Roman setzt in Moskau ein. Satan gibt sich als ein Professor Woland aus, der die Moskauer mit Tricks aus dem Bereich der schwarzen Magie in Erstaunen (und Begeisterung) versetzt. Wiederum andere treibt er in den Wahnsinn. Den jungen Schriftsteller Ivan Ponyrev zum Beispiel. Der wird Zeuge, wie der "Professor" einem Mann seinen Tod prophezeit, und wie das Gefolge des Professors den Tod herbeiführt. Ponyrevs Bemühungen, die Öffentlichkeit über die wahre Identität des Professors zu informieren, führen dazu, dass der junge Mann in eine Anstalt eingeliefert wird. Hier trifft er auf den Meister, einen verbitterten Schriftsteller, der im Schaffensprozess seines historischen Romans über Pontius Pilatus (Zweiter Erzählstrang) an seiner Aufgabe verzweifelt ist.

Und dann ist da Margarita. Die verheiratete Frau ist Muse und Geliebte des Meisters. Um diesen aus der Anstalt zu befreien, geht sie einen Pakt mit dem Teufel ein und wird zur Hexe (anders als bei Goethe findet sich hier also ein weiblicher Faust, dessen Name unweigerlich an Fausts Gretchen denken lässt). Im zweiten Teil der Geschichte folgen wir Margaritas Abenteuern und den Umständen ihrer Wiedervereinigung mit dem Meister. Schlussendlich verwebt Bulgakow beide Erzählstränge miteinander; Sprünge durch Raum und Zeit sind dem Teufel und seinem Gefolge schließlich problemlos möglich.

Die Inszenierung:
Das Hörspiel basiert auf einer neuen Übersetzung des Romans von Alexander Nitzberg, der beiden Erzählsträngen im Deutschen jeweils ihre eigene Sprache und ihren eigenen Rhythmus gegeben hat. Alle acht Fassungen des Romans, an denen Bulgakow in zwölf Jahren Arbeit geschrieben hat, ist Nitzberg durchgegangen; fünf Jahre lang hat er an der Übersetzung des Romans gesessen.
Insgesamt treten rund 50 Personen in diesem Stück auf und die 50 Sprecher, die sich hierfür eingefunden haben, verstehen es meisterhaft, die Fülle dieses Romans über Lautsprecher wirken zu lassen.
Regie und Musik wurden von Klaus Buhlert übernommen und die Musik dieser Inszenierung verdient ein wenig Aufmerksamkeit. Buhlert hat mit einem Bandoneon gearbeitet und damit eine Musik geschaffen, die zwischen Blues, Tango und russischer Volksmusik changiert. So fügt sie sich perfekt ein in diese Collage aus Liebesgeschichte, Systemkritik, Parabel und Groteske.

Sprachlich und klanglich greift dieses Hörspiel also alle Facetten von Bulgakows Roman auf und kaum ein Wort scheint mir passender, es zu beschreiben als "bombastisch". Das Hörerlebnis ist anstrengend, doch mit äußerster Konzentration lassen sich Geschichte und Inszenierung in ihrer Fülle erfassen und tatsächlich auch genießen. Manche Szenen habe ich drei- oder viermal gehört und was mir beim ersten Hören verwirrend erschien, erhielt beim dritten Mal eine gewisse Komik; im vierten Durchlauf erschloss sich mir der sarkastische Unterton. Die Gesamtlaufzeit der 12 CDs beträgt zehn Stunden, doch sollte man sich die Zeit nehmen, sich deutlich länger damit zu befassen. Es lohnt sich!

Weitere Rezensionen unter lesemanie.blogspot.de

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roman, geschichten, kurzgeschichten, liebe, venedig

Der Wörterschmuggler

Natalio Grueso ,
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Atlantik Verlag, 15.08.2015
ISBN 9783455600193
Genre: Romane

Rezension:  
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4 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Durch die Nacht - Eine Geschichte der Gegenzeit

Ernst Peter Fischer
Fester Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Siedler, 21.09.2015
ISBN 9783886808380
Genre: Sachbücher

Rezension:

Mit einem Verweis auf Rainer Maria Rilke setzt das Vorwort zu diesem Buch ein: "Du Dunkelheit, aus der ich stamme" zitiert Ernst Peter Fischer die erste Zeile und verweist auch auf die zweite Strophe: "Aber die Dunkelheit hält alles an sich". Dem gibt Fischer noch im Vorwort recht:

"Schließlich zeigt sich den Menschen jedes Licht, ob von Sternen oder Lampen, nur mit und vor dem Schwarz eines Hintergrunds, und jede Einsicht benötigt die Dunkelheit eines Anfangs, um aus ihr zu entspringen, so wie ein Laut erst durch die Stille der Welt hörbar wird. Wo anders als in meiner inneren Nacht stecken denn die Gedanken, bevor sie sich melden, und wo sonst lassen sich die Worte finden, mit denen man sie ausdrückt und weitergibt?"

Mit einem Rilke-Zitat und derlei philosophischen Überlegungen zu beginnen, macht direkt auf den ersten Seiten klar: dieses Buch ist viel mehr als die im Untertitel angepriesene "Naturgeschichte der Dunkelheit." Fischer bietet nämlich nicht "nur" Naturgeschichte, sondern auch Exkurse in die Literatur, die Philosophie, Religion, moderne Neurowissenschaften...kurz: hier liegt eine Natur-, Kultur- und Wissenschaftsgeschichte vor. Zugleich fasst Fischer den Begriff "Dunkelheit" sehr weit und spricht eben nicht nur von Dunkelheit im wörtlichen Sinne, sondern auch von den "dunklen Seiten" der menschlichen Psyche. Es ist ein ambitioniertes Werk, das dem Leser viel Konzentration abverlangt damit er den Faden nicht verliert und das leider nicht konstant so fulminant geschrieben ist, wie es mir nach dem Vorwort schien.

Teilweise fehlt Fischer die Distanz zu den zitierten Werken, manche Mythen und Bibelpassagen werden so beschrieben und besprochen, als wären sie wörtlich zu nehmen. Erst kurz vor Schluss baut Fischer eine gewisse Distanz auf, macht deutlich, dass es sich bei diesen Quellen selbst schon um Interpretationen von und Assoziationen mit Dunkelheit handelt.

Auch geht Fischer bei einigen Sachverhalten in meinen Augen von falschen Prämissen aus, was es schwer bis unmöglich macht, der daraus resultierenden Argumentationskette zuzustimmen. So stellt Fischer mit leiser Wehmut fest, dass die Wissenschaft im 20. Jahrhundert "ihr altes Ziel, das Leben der Menschen zu erleichtern und die Bedingungen ihrer Existenz zu verbessern aus den Augen verloren" hat, und stellt außerdem die Behauptung in den Raum, die moderne Wissenschaft, deren Beginn er vor 400 Jahren sieht, sei bis Beginn des 20. Jahrhunderts gleichbedeutend mit humanem Fortschritt gewesen. Dabei scheint er zu vergessen, dass militärische Interessen immer schon eine große Rolle in der Wissenschaft gespielt haben - Kanonen und Gewehre mögen nicht das gleiche Schadenspotential wie eine Atombombe haben, doch es sind Kriegsmaschinen, an deren Verbesserung die moderne Wissenschaft auch vor Beginn des 20. Jahrhunderts gearbeitet hat.
Generell wurde unter dem Deckmantel der "Humanisierung" Vieles erfunden und weiterentwickelt, was schlussendlich nicht nur Gutes hervorbrachte. Mancher mag argumentieren, dass die Verfeinerung von Hinrichtungsinstrumenten wie der Guillotine das Leiden der zum Tode Verurteilten mindert. Zugleich jedoch bietet eine solche "Humanisierung" von Tötungsmechanismen auch eine Entschuldigung, dass selbst eine aufgeklärte Gesellschaft Hinrichtungen rechtfertigen - und weiterhin ausführen - kann.

Es mag einfach der unglaublichen Fülle an Themen, Fachbereichen und Ethik-Argumenten geschuldet sein, dass nicht jede Argumentationskette den nötigen Raum erhält, um zu überzeugen. Es bleibt außerdem wohl auch nicht aus, dass, sobald es um Definitionen von Gut und Böse, Recht und Unrecht geht, verschiedene Meinungen im Raum stehen. Und es ist ja auch nicht schlecht, mit Gedanken oder Ideen konfrontiert zu werden, die die eigenen Überlegungen nicht widerspiegeln. Ab und zu die eigenen Überzeugungen mal zu durchleuchten, vorsichtig zu hinterfragen und dann entweder beizubehalten oder gegebenenfalls anzupassen, kann schließlich nicht schaden.
Ein bisschen mehr Puste, und ein etwas deutlicherer roter Faden wären dennoch schön gewesen und ich muss zugeben, dass es mir ab und zu wirklich schwer fiel, mit voller Konzentration dabeizubleiben.

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