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336 Bibliotheken, 4 Leser, 3 Gruppen, 127 Rezensionen

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Der Zopf

Laetitia Colombani , Claudia Marquardt
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 21.03.2018
ISBN 9783103973518
Genre: Romane

Rezension:

Der rote Faden, der sich durch den Roman zieht, ist hier schwarzes Haar, besser gesagt, möglicherweise das Haar von Smita, das auch durch die Hände von Giulia und schliesslich durch die von Sarah geht. Drei Frauen mit sehr unterschiedlichem Hintergrund, auf drei verschiedenen Kontinenten, die mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Und sie kämpfen tapfer, trotz äusserst schwieriger Lebensumstände. Es geht um Eigenständigkeit, um Selbstbehauptung, um die Überwindung existenzieller Not. Wenn auch das Leben von zweien vielleicht nur allzu kurz sein wird, haben doch alle drei am Ende des Buches einen persönlichen Sieg errungen, für sich und die Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung.

Die Frauen sind mir alle drei sympathisch, wie sie trotz entmutigenden Situationen nicht aufgeben und sich gleichsam freischwimmen, entgegen den Konventionen und der Realität am Arbeitsplatz. Mir gefällt auch, dass man bald ahnt, wie das Haar von Smita ihr Schicksal mit dem von Giulia und Sarah verknüpfen wird. Kapitel für Kapitel wird ein Zopf aus Texten geflochten, deren Inhalt (leider) immer noch höchst aktuell ist. Der Spannungsbogen reisst das ganze Buch hinweg nie ab, und ähnlich wie Sheherazade im orientalischen Märchen wechselt Laetitia Colombani jeweils an brisanten Stellen zur nächsten Protagonistin über. Sehr raffiniert!

Ich konnte den Roman als Hörbuch geniessen, wo Smita, Giulia und Sarah von verschiedenen Frauen gesprochen wurden, was die Konturen deutlicher setzte. Colombanis Sprache bzw. ihre Übersetzung kommt leichtfüssig und farbig daher, ich war richtig mit dabei. Die eindrücklichen Bilder und Situationen werden mich noch lange an den Roman denken lassen. "Der Zopf" ist ein Werk, das zu einem meiner Lieblingsbücher geworden ist. Ich empfehle es allen, die sich mitfühlend dafür interessieren, wie andere Menschen ihr Schicksal meistern.

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Barbarentage

William Finnegan , Tanja Handels
Flexibler Einband: 566 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 07.05.2018
ISBN 9783518468739
Genre: Biografien

Rezension:

Die Liebe zum Meer wurde wohl schon im zarten Alter von vier Jahren in William Finnegan geweckt. Er beschreibt in seiner Autobiografie "Barbarentage" seine gelebte Leidenschaft zum Surfsport bis herauf in die Gegenwart. Freilich fällt es schwer, die 560 Seiten durchzuhalten, wenn man selbst keinen Schimmer von der Materie hat. Doch da der Text mit einer Vielzahl von persönlichen Fotos und erklärten Fachausdrücken angereichert ist, erfährt der Leser sehr viel über die ausgelebte Liebe des Autors zur wildesten Seite des Meeres.

Ausser rund um Europa hat er die grössten Wellen der Weltmeere geritten, hat sein Letztes gegeben, um etwa einem Slab standzuhalten oder bei einem allzu langen Waschgang nicht in Panik zu geraten, nur um zwei Beispiele dieser doch sehr gefährlichen Leidenschaft zu nennen. Finnegan gewährt tiefe Einblicke sowohl in den Wellenrausch als auch in das Frieren im tiefsten Winter. Im Wort "Leidenschaft" steckt schliesslich auch "leiden".

William Finnegan gelingt es, trotz Familie und Job einem Sport zu frönen, der an Besessenheit grenzt und unter Umständen gewaltig an die Substanz geht, sowohl physisch als auch finanziell. Mir gefielen die Passagen, wo Finnegan erzählt, wie er diverse historische Geschehnisse miterlebt hat. Es ist ein vielschichtiges Buch über den Werdegang eines Menschen, Verantwortung, Zwischenmenschlichkeit, über Suchen und Finden, Freundschaften und Kriegsjournalismus, und im Zentrum seines Kosmos befindet sich immer das Surfen.

Schön, dass Träume noch verwirklicht werden dürfen, und schön, dass jemand so spannend und klug davon zu erzählen imstande ist. Der Pulitzer Preis ist gewiss berechtigt.

Tanja Handels' Übersetzung kommt in leichtfüssiger, lebendiger Sprache daher, was aber nicht verhindern kann, dass man als Leser schnell mal genug hat und nach 30, 40 Seiten gern etwas anderes zur Hand nimmt. Es ist kein Buch, das man verschlingen kann, da es schliesslich kein Roman, sondern ein Sachbuch ist. Und so empfehle ich, es wie ein solches zu geniessen, in individuell verträglichen Happen oder Häppchen.  

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Die Schönheit der Nacht

Nina George
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Knaur, 02.05.2018
ISBN 9783426654064
Genre: Romane

Rezension:

In die kleine Familie von Claire und Gilles tritt eine neue Person: die Freundin ihres Sohnes Nicolas. Die beiden Frauen kennen sich bereits von einer kurzen Begegnung, doch halten sie es sorgfältig unter Verschluss. Nun soll es für mehrere Urlaubswochen gemeinsam an die bretonische Atlantikküste gehen. Das wird nicht ohne Konflikte bleiben.

Gleich zu Beginn des Romans werden etliche Fragilitäten deutlich: Claires Ehe steht auf tönernen, weil ausgeleierten Füssen; Gilles ist von ihr wirtschaftlich abhängig und beruflich keineswegs gefestigt; Nicolas weiss nicht so recht, wie er mit der 19-jährigen, aber dennoch erfahreneren Julie umgehen soll; und Julie selbst befindet sich in einer existenziellen Unsicherheit, soll längere Zeit am Atlantik verbringen und kann nicht schwimmen.

Nach der Reihe tauchen sie auf, die Fragen: Wer hätte ich sein können? Wie soll ich als junge Erwachsene mit der neuen Eigenverantwortung umgehen? Wie erlange ich den Mut, mein Talent der Öffentlichkeit zu zeigen? Was bedeutet Freiheit für mich? Welches ist mein wahres Gesicht? Die beiden Frauen werden von diesen Gedanken umgetrieben, die Männer spielen eher Nebenrollen.

Immer wieder fällt auch der Hinweis auf Fossiles, auf reelle Versteinerungen, (in meinen Augen unnötig) deutlich wird auf inneres Hartwerden hingewiesen. Doch bevor nicht jede sich selbst erkannt und zugelassen hat, kann kein belebendes Feuer in ihnen entstehen und die Schale allzu grosser Vorsicht aufbrechen. Das ganze Werk schreit: Nutze deine Möglichkeiten und dein Leben!

Mir gefallen beide Frauenfiguren, weil sie suchen und streben, Ängste haben, im Gewohnten gefangen sind und doch den Schritt aus dem Kreis herauswagen wollen.

Nina George führt bei aller Spannung eine sehr poetische Sprache, die in Metaphern nur so schwelgt. Einzelne Sätze fallen fast aus dem Erzählfluss, und an manchen Stellen kommt es mir vor, als sei der Schreibtischvorrat nach markanten Aussagen durchforstet und danach im Übermass genutzt worden.

"Die Schönheit der Nacht" ist eins von den Büchern, die man schwer empfehlen kann, denn es wird die Leserschaft teilen: Die einen können sich seinem Sog nicht entziehen, andere wiederum werden z.B. einen gewissen Überschwang an Bildern und Gefühlen nicht so goutieren. Aber: so viele Leser – so viele Geschmäcker, und das ist gut so.

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215 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 114 Rezensionen

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Kleine Feuer überall

Celeste Ng , Brigitte Jakobeit
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 20.04.2018
ISBN 9783423281560
Genre: Romane

Rezension:

Das Buch führt eine perfekte, voll durchgeplante, makellose Welt vor, in der sich die Zukunft stabil, geregelt und gesichert in Aussicht stellt. Eigentlich kann gar nichts mehr schiefgehen, wenn ihre Bewohner in den vorgezeichneten Bahnen bleiben, dem Ideal weiterhin entsprechen und nur ja nicht an Veränderungen und Durchmischung denken. Doch genau das trifft ein, als die Anwaltsfamilie Richardson aus der oberen Mittelschicht einen Teil ihres Hauses an eine alleinerziehende, nomadenhafte Künstlerin vermietet. Auch der Ortsteil selbst, in dem die Richardsons leben, ist durch einen Streit aus dem Gleichgewicht geraten, eine beginnende Unordnung droht die herrschende Idylle zu kippen. Überhaupt scheint Shaker Heights hinter der Zeit herzuhinken.

Da können kleine, noch metaphorische, Feuerchen nicht ausbleiben, die sicher bald hätten gelöscht werden können. Doch nach und wachsen sie zu grösseren Flammen und werden zu einem realen Brand, der brüllend um sich greift.

Beim Lesen habe ich mich manchmal gefragt, wieviel vom Geschehen Traum und wieviel Wirklichkeit ist. Was steckt eigentlich hinter allem? Wo hat dieses Feuer denn seine erste Nahrung finden können? Der Roman beginnt in der Gegenwart, als die Familie fassungslos vor ihrem brennenden Haus steht. In Rückblicken lernt der Leser das fortlaufende Geschehen immer wieder aus einer anderen Sicht kennen und verstehen. Celeste Ng greift dabei weit in die Tiefe und wirft wichtige und grundsätzliche Fragen auf.

Der Erzählfluss ist ein stetes Auf und Ab, was oftmals auf Kosten der Spannung geht. Ich hätte mir vor allem für den Anfang mehr Drive gewünscht, weniger zäh und langatmig, denn am liebsten hätte ich das Buch wieder aus der Hand gelegt. Die Personen wirken zu Beginn noch etwas grau und schal, sie entwickeln ihre Farbe und Konsistenz erst relativ spät, was die Spannung dann jedoch stark steigen lässt. Ein wahrer Blumenstrauss an Charakteren breitet sich vor dem Leser aus.

Ich war schon begeistert von Celeste Ngs erstem Buch, "Was ich euch nicht erzählte" und empfehle die "Kleinen Feuer" allen, die noch mit Genuss und Geduld zu lesen verstehen. Hoffentlich gibt es bald ein weiteres Werk der Autorin in deutscher Übersetzung!

Ich habe ein Roh-Manuskript direkt aus der Werkstatt erhalten und bedanke mich beim dtv-Verlag dafür.

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111 Bibliotheken, 1 Leser, 3 Gruppen, 82 Rezensionen

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Eine Liebe, in Gedanken

Kristine Bilkau
Fester Einband: 280 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 12.03.2018
ISBN 9783630875187
Genre: Romane

Rezension:

Toni und Edgar waren einst ein Paar, das voller glücklicher Erwartungen und Sehnsüchte in die Zukunft geblickt hat. Als Nachkriegskinder wollten sie anders als ihre Eltern leben, frei und mit neuen Zielen, offen für alles, was die weite Welt zu bieten hatte. Für Edgar gab es diese Gelegenheit in Hongkong, und Toni sollte bald folgen. Doch das dauerte und dauerte, sodass sie die Verlobung löste und das Glück somit nur kurz gewährt hat.

Aber obwohl es Antonias freier Entschluss war, schmerzte er sie ein Leben lang. Eigentlich wollte sie die neue Unabhängigkeit geniessen, andrerseits Edgar endlich vergessen, indem sie eine neue Bindung einging. Doch nun ist sie tot, und ihre Tochter möchte von Edgar wissen, was für ein Mensch ihre Mutter war, aber vor allem: wer ihr leiblicher Vater eigentlich ist. Wenigstens einmal im Leben möchte sie ihm begegnen und die kostbare Zeit des gemeinsamen Glückes aufspüren, das ihr wie ein ererbtes, aber verloren gegangenes Schmuckstück vorkommt. Bisher hat es in der Schatulle gefehlt, doch nun scheint es in Reichweite zu liegen.

Der Roman bewegt sich in zwei Handlungssträngen, denn nach den gegenwärtigen Situationen wird immer wieder erklärend in die Vergangenheit zurückgeblickt. Bilkau greift Themen auf, die wohl nie an Aktualität einbüssen: Selbsttäuschungen, Lebenslügen, persönliche Erwartungen und die Suche nach dem, was uns selbst (durch genetische Vererbung) ausmacht. Es geht auch darum, wie weit man seine Kinder vor den Härten des Lebens beschützen kann und soll.

Das Buch hat einen handlichen Umfang von 250 Seiten und ist in einem so leichtfüssigen Stil geschrieben, dass die Schwere und Tragik des Inhalts voll zum Tragen kommt und noch an Tiefe gewinnt. Bilkaus Sprache ist süffig, teils poetisch-stilvoll, farbig und lebendig. Ich mag ihre Figuren, die sich realistisch gezeichnet präsentieren.

Nach ihrem preisgekrönten Debutroman "Die Glücklichen" ist Kristine Bilkau, zumindest nach meiner Meinung, ein zweiter grosser Wurf gelungen. Wer hinter die Fassaden von Familien blicken und nebenbei auch seiner eigenen Selbsterkenntnis auf die Sprünge helfen will, dem möchte ich diesen schönen Roman empfehlen.

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142 Bibliotheken, 4 Leser, 2 Gruppen, 74 Rezensionen

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Der Reisende

Ulrich Alexander Boschwitz , Peter Graf
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 18.03.2018
ISBN 9783608981230
Genre: Historische Romane

Rezension:

«Ich reise vor mich hin, bis ein SA-Mann mich zum Stehen bringt.»

Kurz nach der sogenannten Reichskristallnacht verliert der jüdische Kaufmann Otto Silberstein praktisch alles: Betrieb, Wohnung, und von seiner Frau kann er sich nicht einmal mehr verabschieden. Wenigstens rettet er einen Teil seines Vermögens, denn ohne Geld ist Flucht aussichtslos, doch sind die Notenbündel in der Folge eher hinderlich.

Es ist eine Flucht ohne Ende, beschwert mit der Sorge um die Ehefrau und der Enttäuschung über die Abkehr seiner Freunde und Partner. Ein Ausweg nach dem anderen und fast jede Schlafmöglichkeit verschliessen sich für ihn. Silbermann bleiben die Fahrten mit den Zügen, der Aufenthalt in Restaurants und Wartehallen. Immer in Angst vor Entdeckung, vor Prügeln und Inhaftierung ist er ein Gejagter, der sich im Kreis dreht, immer wieder in Sackgassen gerät, dem jede Sicherheit abhandengekommen ist. Er begegnet allen Arten von Menschen, und da er ein arisches Aussehen hat, kann er als Jude unentdeckt bleiben. Auch als er sich als solcher offenbart, zeigen sich manche Deutsche noch freundlich. Niederschmetternd offenbart sich jedoch deren Unverständnis: «Sie müssen die humoristische Seite betrachten.» Als sich ihm ein Rettungsanker bietet, schlägt er ihn resigniert aus. In die Enge getrieben und völlig übermüdet wehrt er sich schliesslich nicht mehr gegen die Verhaftung.

Dem inneren Monolog Silbersteins folgend, sieht der Leser die Judenverfolgungen aus einem neuen, unmittelbaren Blickwinkel. Der Schreibstil ist bei aller Tragik flott und leichtfüssig erzählend, anfangs ruhig überlegend, verdeutlicht aber mit fortschreitender Handlung die Atemlosigkeit und tiefe Unruhe des Gejagten. Zutiefst erschütternd, jedoch weder anklagend noch larmoyant beschreibt der Autor die Situation von Menschen in den späten Dreissigerjahren: Polarisierende, Mitfühlende, Gleichgültige.  

Wir sind durch Berichte über die Judenhatz in Deutschland von den Nachkommen der Überlebenden informiert worden, da die wenigen Menschen, die den Lagern entkommen sind, meist nicht über das Erlittene sprechen konnten. Doch Boschwitz war selber Jude, hat alles hautnah erlebt, und so ist es kein blosses Nacherzählen, sondern allerauthentischste Zeitgeschichte. Umso kostbarer und wichtiger für Menschen von heute, auch deshalb, damit wir nicht vergessen und nicht zulassen, dass der Rassenhass wieder solche Ausmasse annimmt. Empfehlenswert für alle, die an authentischen, ungeschönten Zeitberichten interessiert sind.

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48 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 35 Rezensionen

107 jahre, alter, betreuung von angehörigen, erlebnisse, familienzusammenhalt, geboren 1909, glück, leben, leben mit altersdemenz, maria fritzsche

Oma, die Nachtcreme ist für 30-Jährige!

Anja Flieda Fritzsche
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 01.12.2017
ISBN 9783548377759
Genre: Humor

Rezension:

In den letzten 107 Jahren hat sich die ganze Welt grundlegend geändert. Oma Maria hat mit wachen Sinnen diesen Wandel miterlebt, so wie andere auch darunter gelitten, doch ist sie immer wieder aus den Trümmern ihres Schicksals aufs neue erstanden, hat weitergemacht und dabei ihren Humor nie verloren. Ja, sie hatte die Kraft, ihre Familie damit anzustecken und ein aussergewöhnlich gutes Familienleben zu schaffen.

Ihre Enkelin betreut Omas soziale Netzwerke und hat nun zusammen mit der geistig überaus fitten Seniorin dieses Buch geschrieben. Es ist sehr unterhaltsam zu lesen, kommt lebendig und farbig daher. Wie kann man anders, als die Figuren dieser Familie sympathisch und liebenswert zu finden!

Eine Dokumentation, die von Freude, Liebe und Lebenskraft genährt wird, und von der jeder für sich selbst viel lernen kann. Niemals stehen bleiben, das ist wohl das Hauptrezept für ein gutes, langes Leben.

Was man bei all dem Lesespass aber auch bedenken sollte: Nur sehr wenige alte Menschen haben eine so beglückende Familie und Angehörige, die ihnen das Greisenleben erleichtern können. Das geschilderte hochbetagte Leben in geistiger Wachheit ist die absolute Ausnahme und eine Anregung, besser auf unsere eigene Familie und uns selbst zu achten.

Insgesamt liesse sich am Schreibstil sicher manches verbessern, das Werk wirkt auf mich ziemlich amateurhaft. Auch hätte ich gern mehr veranschaulichende Passagen von Schilderungen gehabt, um das Erzähltempo auszugleichen, denn die allzu häufigen Dialoge jagen den Leser durch den Text und ermüden, wenn man längere Zeit in diesem Buch liest.

 

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199 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 125 Rezensionen

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Lied der Weite

Kent Haruf , Rudolf Hermstein
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 12.01.2018
ISBN 9783257070170
Genre: Romane

Rezension:

Eine schwangere Minderjährige, die wegen ihres Fehltritts kein Zuhause mehr hat; eine warmherzige Lehrerin, die dafür sorgt, dass zwei alte Junggesellen sich auf die eigentliche Aufgabe der Menschen besinnen; Kinder, welche mit der Krankheit ihrer Mutter fertig werden müssen: Ja, stimmt, überall auf der Welt gibt es solche Vorkommnisse. Und doch wird von ihnen im «Lied der Weite» ein weiteres Mal erzählt, auf neue Art, mit Empathie und Mitgefühl. Selbst Tiere erfahren eine grosse Aufmerksamkeit, und man glaubt, die Weichheit der Abendluft zu spüren.

Der zuvor erschienene Band «Unsere Seelen bei Nacht» hat nicht so geendet, wie es sich wohl die meisten Leser erhofft haben. Doch im vorliegenden Werk hat man bis zur letzten Seite das Gefühl, «es wird gut, es kann nur positiv ausgehen».

Selten habe ich ein Buch gelesen, das den Leser derart nahe an die Personen heranlässt, dass man ein Teil von ihnen sein darf. Es ist, als stünde man neben ihnen, als trete man an ihre Stelle.

Souverän gestaltet Kent Haruf die Umstände im Leben des engen Kosmos einer Kleinstadt in Colorado, beschreibt anschaulich die Charaktere und ihr Innenleben. Dabei öffnet er dem Leser die Perspektiven mehrerer Personen individuell und bringt sie damit so nahe als irgend möglich.

In ruhiger, unspektakulärer Sprache führt Haruf durch das Geschehen, geht authentisch auf die handelnden Personen ein. Den sehr schönen, farbig-lebendigen Ausdruck, welcher natürlich auch am Übersetzer liegt, sind wir vom Autor gewohnt und geniessen ihn. Die äusserliche Form des Schriftbildes ist angenehm fürs Auge und macht eine flüssige Lektüre auch für solche Menschen einfach, die das Lesen nicht gewohnt sind.

Wer bis jetzt noch kein Fan von Ken Haruf war, wird es wahrscheinlich mit dem vorliegenden Roman. Schade, dass der preisgekrönte Autor bereits verstorben ist, aber vielleicht gibt es eine Neuauflage bzw. Übersetzung seiner anderen Bücher.

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71 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 52 Rezensionen

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Der Tiger in der guten Stube

Abigail Tucker , Martina Wiese , Monika Niehaus , Jorunn Wissmann
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG), 01.09.2017
ISBN 9783806236477
Genre: Sachbücher

Rezension:

Keine andere Tierfamilie fasziniert uns so sehr wie die der Katzen, gleich welcher Grösse und Farbe. Etwas Unberechenbares, Geheimnisvolles umgibt sie, und ihre besonderen Fähigkeiten, das lautlose Anschleichen und die Sehkraft bei Dunkelheit, nicht zuletzt ihre Unabhängigkeit, Eigenständigkeit und ihr Stolz tun ein Übriges, dass wir sie seit jeher bewundern.

Abigail Tucker ist wohl eine grosse Kennerin dieser Spezies, denn sie bringt uns die Hauskatzen mit grosser Sachkenntnis, Effizienz und Liebe näher. So verstehen wir nach der Lektüre besser, warum sich diese geliebten Tiere einen so grossen Platz in unserm Herzen erschmeicheln konnten.

Wir möchten sie doch nie mehr missen, auch wenn sie lieber Vögel als Mäuse jagen und auch sonst keine Nutztiere sind. Wobei – nützlich für unsere Psyche sind sie allemal. Nicht umsonst gibt es in vielen Alters- und Pflegeheimen ausser anderen Kleintieren auch und gerade Katzen.

Doch wer nun glaubt, es handle sich um trockene Fachliteratur, der irrt sich gewaltig. Es ist ein sehr unterhaltsames, stellenweise lustiges Buch. Die Entwicklungsgeschichte der Katzen, Untersuchungen über wilde und domestizierte Exemplare, Analysen ihres Charakters, ihr Verhalten unter anderen Voraussetzungen, überraschende wissenschaftliche Erkenntnisse sowie eigene Erlebnisse der Autorin sind auf über 300 Seiten höchst interessant dargelegt. Ein paar ansprechende Illustrationen und ein süffiger, lebendiger Schreibstil machen das Leseerlebnis vollkommen.

Ein bisschen hat der Buchinhalt mich an die Katzenkrimis von Akif Pirincci erinnert, der ebenfalls viele ihrer Eigenheiten und Naturgegebenheiten näher erklärt. Was ja nur zeigt, dass Katzen ein immer wieder neues und unerschöpfliches Thema sind. Und, ganz recht: Auf dem Sofa gehört der ganze Platz ihr allein!

 

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767 Bibliotheken, 20 Leser, 3 Gruppen, 177 Rezensionen

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Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken

John Green , Sophie Zeitz
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 10.11.2017
ISBN 9783446259034
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Drei Teenies kämpfen sich durch Lebensjahre, die noch nie leicht waren. Aza kann sich nicht aus dem Gespinst ihrer beängstigenden Gedanken befreien, sie leidet unter ihrer psychischen Krankheit und den Ängsten, die von ihr ausgehen. Ihre Freundin wiederum steckt voller Tatendrang, und Davis, der Dritte im Bunde, ist ein äusserst sensibler Junge, der um seinen verschwundenen Vater trauert und darüber verstört ist. Er gäbe allen Reichtum, wenn stattdessen seine Familie wieder vollständig wäre.

Die drei wachsen einem schnell ans Herz, und die geschilderten Schwierigkeiten bringen sie dem Leser nahe. Aza und Davis erhalten unser Mitgefühl, während Daisy einen ausgleichenden Gegenpol darstellt und zur wertvollen Hilfe für ihre Freundin wird. Dank ihr kann Aza ihre Distanz zur Umwelt verringern und aus ihren Ängsten finden.

Obwohl ein krimineller Rahmen (der verschwundene Milliardär und die Suche nach ihm) die Geschichte umgibt, finde ich sie nicht besonders spannend, manchmal auch schlecht nachvollziehbar. Denken und reden Jugendliche wirklich so? Diese Erfahrung habe ich im beruflichen und privaten Umgang mit zahlreichen Teenagern nicht gemacht.

Doch soll es ja kein Krimi im eigentlichen Sinn sein. Vielmehr hat sich John Green sehr intensiv mit den Problemen, Zwängen und Gedanken Jugendlicher befasst und wird von ihnen sicher als einen für sie wichtigen Autor betrachtet. Vielleicht liegt das auch daran, dass Green, einem Interview gemäss, selbst an OCD leidet und sein Text offenbar direkt von der Quelle gespeist wird. Auch hat er nicht vergessen, wie es ist, jung und auf der Suche nach Orientierung zu sein.

Das Buch ist Jugendlichen und Erziehern zu empfehlen, denn es hilft mit, psychische Krankheiten bei jungen Leuten zu erkennen sowie ihnen Verständnis und Hilfe entgegenzubringen.

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249 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 150 Rezensionen

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Das Glück an Regentagen

Marissa Stapley , Katharina Naumann
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 07.11.2017
ISBN 9783499291708
Genre: Liebesromane

Rezension:

Erst verschwindet Maes Jugendfreund Gabe, und als sie in New York ihrem Leben eine neue Richtung gibt, ist kurz vor der Hochzeit auch ihr Verlobter Peter unauffindbar. Zurück in Alexandra Bay, sind ihr die geliebten Grosseltern fremd geworden. Maes Leben, ohnehin durch Schicksalsschläge seit langem recht bewölkt, wird dadurch nicht gerade sonniger.

Doch es muss weitergehen, und dabei helfen sinnigerweise die praktischen Tipps für Regentage am Beginn jedes neuen Abschnitts, sodass ich grad froh bin, wenn das Wetter momentan nicht sonnig ist und ich sie teils ausprobieren kann. Aus den negativen Erlebnissen im Inhalt des Werkes wiederum ist der Leser eingeladen, seine eigene Lehre daraus zu ziehen.

Viele Emotionen ziehen sich durch den ganzen Text, und man fühlt besonders mit Mae Summers. Die Figuren gehen allesamt nahe, vermutlich weil jeder Leser sich in einem der Protagonisten wiederfindet oder in ähnlichen Situationen war, die gleichen Fehler gemacht hat, sich ebenso hat täuschen lassen. Lang gehütete Familiengeheimnisse, Verwicklungen lassen einen Blick auf diese Familie zu, der man es wünscht, dass die Tage endlich wieder heiterer werden.

Was das Buch auch lebendig macht, ist, dass nicht nur aus der Perspektive einer Person erzählt wird, sondern auch aus der von anderen «Mitspielern», sodass Mae zwar im Mittelpunkt bleibt, aber nicht die Hauptprotagonistin bildet.

Gleichzeitig stattfindende Geschehnisse türmen sich aufeinander, sodass die Handlung manchmal überfrachtet wirkt, was teils auf Kosten der Tiefe geht. Munter erzählt, liest sich das Buch jedoch sehr leicht und spritzig, hat aber auch seine Längen, besonders gegen den Schluss hin. Da hätte ich mir mehr Tempo gewünscht.

Insgesamt eine ablenkende Lektüre, wenn man sich gerade nichts Schweres wünscht. Was kann sich die Autorin Marissa Stapley besseres wünschen, als dass ihr Debutroman im eigenen Land zum Bestseller wird?

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74 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 49 Rezensionen

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Der Serienkiller, der keiner war

Dan Josefsson , Stefan Pluschkat
Flexibler Einband: 560 Seiten
Erschienen bei btb, 13.11.2017
ISBN 9783442715664
Genre: Biografien

Rezension:

Sture Bergwall, ein Patient der Psychiatrie mit leichtkriminellem und Drogenhintergrund, erzählt unter massivem Medikamenteneinfluss, dass er vor Jahren unter dem Namen Thomas Quick ein Massenvergewaltiger und Serienmörder gewesen sei. Bei den Nachforschungen, die dem Geständnis folgen, ist Bergwalls Rede wirr, er torkelt zum Tatort und wirkt insgesamt nicht sehr glaubwürdig. Man denkt trotz bestehender Zweifel, den Ausführenden der Morde dingfest gemacht zu haben. Die Justiz schiesst sich auf die offensichtliche Spur ein, froh, ein Ergebnis ihrer Ermittlungen vorweisen zu können, und macht ihm den Prozess.

Doch ist es wirklich so, wie sich die bestehenden Fakten darstellen? Wieviel davon ist Geltungsdrang, Narzissmus, Wahn, Medikamentensucht? Existiert die Person Thomas Quick vielleicht doch nicht nur in Bergwalls Phantasie? Wie kann man einem Menschen glauben, der unter Medikamenteneinfluss so diffus daherredet?

Der Leser beginnt, an den Fähigkeiten von Polizei, Justiz und Psychologie zu zweifeln. Warum lassen sie sich derart täuschen? Wie weit dürfen wir Ärzten und Polizei denn noch vertrauen? Die Psychologen dürfen sich die scheinbar erfolgreiche Täteranalyse an ihre Fahnen heften und Ruhm einheimsen – war das ihr eigentliches Ziel? Da werden Erinnerungen manipuliert, und begeistert stürzt sich die Polizei auf ein Geständnis, nur um gute Ermittlungszahlen zu generieren, auf der Karriereleiter emporzusteigen und vor der Gesellschaft glänzend dazustehen.

Ein Rätsel um das andere tut sich auf, schürt neue Zweifel und führt zu wieder anderen Erkenntnissen. Bergwalls bisheriges Leben wird aufgerollt, bis weit in die Kindheit zurück. Nacheinander erzählen verschiedene Leute von ihren Eindrücken und Erfahrungen mit ihm.

Im Mittelteil des Buches sind Fotos von Personen eingefügt, die eng mit Sture Bergwalls Leben und seinem Fall zu tun haben; Bilder von Psychologen, von Ortsbegehungen, Auszüge aus Polizeiberichten und Patientenakten.

Zu Beginn jedes Kapitels steht ein Zitat von Bergwall oder einer Fachkraft, eines Therapeuten oder Betreuers, passend zum Inhalt des Abschnitts. Schritt für Schritt dargelegte und detailreich recherchierte Einzelheiten, leicht verständlich geschrieben und packend geschildert, führt das Buch fast wie ein journalistischer Bericht durch den Fall. Das ganze Werk könnte mühsam zu lesen sein, immerhin ist es samt Anmerkungen 590 Seiten stark, doch die grosse Schrift hilft, sich leichter durchzuarbeiten.

Das Coverbild zeigt nächtliches Gestrüpp, im Vordergrund grell beleuchtet. Das passt gut zum Inneren eines psychisch kranken Menschen, aber nichts von dem, wonach man sucht, wird wirklich erhellt. Der Hintergrund bleibt erst recht in schwärzester Nacht verborgen.

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276 Bibliotheken, 7 Leser, 1 Gruppe, 101 Rezensionen

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Leere Herzen

Juli Zeh
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 13.11.2017
ISBN 9783630875231
Genre: Romane

Rezension:

Der erste Eindruck des Buches ist durch den geriffelten Einband haptisch angenehm. Die Covergestaltung veranschaulicht den Titel durch die Grundierung Weiss. Sparsame dunkelblaue Kleckse wie Tintenflecke verweisen auf einen späteren Teil des Geschehens, nämlich das Tattoo mit dem Schriftzug «Leere Herzen», welches die Mitglieder der geheimen Parallelarmee auf ihrer Haut tragen.

Zum Inhalt: Das Deutschland einer nahen Zukunft, Angela Merkel muss abtreten, die politischen Strukturen verschieben sich in eine gänzlich andere Richtung. Auch das Geschäft mit dem Tod nimmt neue Ausmasse an, und nicht nur das Unternehmen von Britta Söldner und Babak Hamwi, «Brücke», gut verborgen unter dem Deckmantel der Psychotherapie, verdient daran.

Ich habe mich beim Lesen gefragt, ob die geschilderte Vorgangsweise, im Netz nach Suizidwilligen zu fischen, nicht auch bei der Suche nach Selbstmordattentätern bereits praktiziert wird. Fürs erste steht die typische Kleinbürgeridylle im Vordergrund, doch bald schon öffnen sich Abgründe, die mit fortlaufender Handlung immer tiefer werden.

Juli Zeh scheut sich nicht, gerade solche Themen aufzugreifen, die in der heutigen Wohlstandsgesellschaft und in der Komfortzone der Demokratie mehr oder weniger zu den Tabus gehören. Das war in jedem ihrer bisherigen Bücher so, macht sie einzigartig und begründet ihren grossen Erfolg.

Bei ihr haben die Namen der Protagonisten stets etwas zu bedeuten und weisen auf die innere Person und Bedeutung ihrer Träger hin. In welchen Diensten steht Britta Söldner? Babak wiederum bedeutet «kleiner Vater». Nach meiner Meinung gibt es dazu mehr als nur eine Lösung, und der Leser ist aufgefordert, auch ein Denker zu sein.

Zehs Protagonisten sind aber keine Helden, und sie versucht nicht, ihnen eine sympathische Seite zu verleihen. Ja es scheint so, als sei die Autorin selbst ihr bester Feind. Es entsteht gar keine Nähe zum Leser, und dieser ist wohl in den meisten Fällen froh, aussen vor bleiben zu dürfen.

Juli Zehs Sprache ist klar, provozierend, manchmal lakonisch und kalt. Elegant zerpflückt sie die Selbsttäuschungen der Gesellschaft, der unteren wie der oberen. Zu Beginn der Kapitel hingegen strotzt der Text nur so von übersättigenden Adjektiven. Die geschilderten Fakten wiederum verstören und schockieren, doch der Leser weiss: So weit hergeholt sind sie nicht.

Die beschriebene Welt ist nicht nur eine fiktive, sondern möglicherweise bald schon existierende. Denn wenn sie sich erst in den Gedanken der Leser festgesetzt hat, ist die Realität nicht mehr weit.

Dabei begibt sich die Autorin in die illustre Nähe von internationalen Grössen wie Orwell, Houellebecq und Eggers. Gewagt? Ich finde, Zeh kann sich neben ihnen behaupten, denn man muss über ein reiches Innenleben verfügen, um über leere Herzen schreiben zu können.     

Bei den letzten Seiten des Werks angekommen, atme ich erstmal kräftig und befreit durch. Die Figuren lasse ich gern im Buch zurück.

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

geheimdienst, kalter krieg, spionage thriller, tod, unterlagen, untersuchung, verhör

Das Vermächtnis der Spione

John le Carré , Peter Torberg , Walter Kreye
Audio CD
Erschienen bei Hörbuch Hamburg, 13.10.2017
ISBN 9783957131041
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die Berliner Mauer ist vor Jahren gefallen, hat aber mit ihren Steinen nicht alle Toten unter sich begraben. George Smileys früherer Assistent Peter Guillam wird nach London beordert und soll Aufklärung in 50 Jahre alte Todesfälle der Operation Windfall bringen. Er hat sich schon lange zur Ruhe gesetzt, geniesst das Leben auf einem Bauernhof in der Bretagne und möchte lieber nichts mehr mit den alten Sachen zu tun haben. Könnte sein ehemaliger Chef denn nicht viel mehr wissen? Nur: Wo ist er? Mit Hilfe von schriftlichen Dokumenten aller Art soll verschiedenen Fragen nachgegangen werden: Hatten die ermordeten Agenten Leamas und Gold bei ihrer Tätigkeit damals genügend Rückhalt und Hilfe vom britischen Geheimdienst erhalten? Können in der Welt von heute die Beweggründe von damals überhaupt noch mit denselben Massstäben gemessen werden? Muss das Geschehen nicht vielmehr neu beurteilt werden? Oder – nicht auszudenken – heisst der wahre Schuldige am Ende gar Smiley? Doch erscheint dieser doch noch zur rechten Zeit und bringt Klarheit in den Fall.

Panik, Verzweiflung, Liebe, seelische Not: Viel Menschliches ist im «Vermächtnis» zu finden, und der Autor beweist einmal mehr seine überragende Erzählkunst. Nicht umsonst wird er international hoch gelobt, ja er gehört heute schon zu den Klassikern seines Genres. Der Grossmeister des Spionageromans bereitet sein Werk wie ein erlesenes Menü zu, und beinahe deckt man den Lesetisch vorher mit Damast und Kristall. Zwischendurch klingen die alten Klischees an, etwa was die traditionellen Feindbilder betrifft, doch in der damaligen Zeit hatten sie durchaus ihre Berechtigung.

Wohl so mancher Leser fragt sich, ob nicht das eine oder andere Körnchen an Selbsterlebtem unter die Handlung gemischt wurde. Eine Zeitlang war le Carré ja für den Britischen Geheimdienst tätig, und der Roman ist zudem in der Ich-Form (Guillam) verfasst.

Die Zeitsprünge sind notwendig und gut mitvollziehbar. Zudem lockern sie den stellenweise etwas zähen Erzählstrom auf. Toll umgesetzt fand ich den Namen der Agentin Tulip im Coverbild.

Nach den beiden vorgängigen Werken "Der Spion, der aus der Kälte kam" 1963, und "Dame, König, As, Spion" 1974, bildet dieser dritte Roman von John le Carré den Abschluss. Als Trilogie im gängigen Sinn können diese Drei aber trotzdem nicht betrachtet werden, liegen die beiden ersten doch 54 bzw. 43 Jahre zurück, wobei «Der Spion…» bereits der 3. George-Smiley Roman war. Doch inhaltlich trifft es zu, dass das neueste Werk das genannte Dreieck vervollständigt. Es ist anzunehmen, dass auch dieser Roman verfilmt wird. Er ist ein Leckerbissen für alle Spionageroman-Gourmets.

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108 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 63 Rezensionen

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Verschieben Sie die Deutscharbeit - mein Sohn hat Geburtstag!

Lena Greiner , Carola Padtberg
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 13.10.2017
ISBN 9783548377490
Genre: Humor

Rezension:

Bereits vor der Geburt planen manche Eltern für ihren künftigen Nachwuchs die optimale Biografie. Vom ersten Tag an behüten sie es vor dem kleinsten Ungemach – und das am liebsten ihr ganzes Leben lang. Dass sie damit in beinah sträflicher Weise ihr Kind um all die notwendigen Lernvorgänge, Widerstandskräfte und Entwicklungen bringen, will ihnen nicht eingehen. Zu gern spielen sie Gott, möchten in jeder Hinsicht Einfluss nehmen, möchten sich unentbehrlich machen. Eigentlich tun sie nichts anderes, als für den eigenen Lebensabend vorzusorgen, denn dann wird der unselbständige Burli noch immer an ihrer Seite sein.

Dabei scheinen sie sich nicht mehr an die eigene Kindheit und Jugend zu erinnern, erst recht nicht an das damalige Streben nach Selbständigkeit. Die geschilderten Fallbeispiele stellen eine einzige Tour de Blamage für die Sprösslinge dar. Gut meinen ist halt doch etwas ganz anderes als gut machen.

Helikopter-, Schneepflug- und Curlingeltern ziehen weichliche Schlaffis heran, keineswegs für den Lebenskampf gerüstet, eigentlich das genaue Gegenteil dessen, was die Aufgabe von Pädagogen ist. Tiereltern könnten als Beispiel gute Dienste leisten: sie sind liebevoll, fürsorglich, aber stets darum besorgt, dass ihr Junges kein Nesthocker bleiben muss, sondern lebenstüchtig wird.

Selbst Mutter und Grossmutter, viele Jahre lang als Lehrerin tätig und immer noch zu Pädagogen in Kontakt stehend, kann ich bezeugen, dass es bereits vor 50 Jahren solch überbesorgte Eltern gab, dass es aber viel schlimmer geworden ist. Das grösste Problem im täglichen Schulalltag sind nicht die Kinder, auch nicht der anspruchsvolle Lehrstoff oder das Schulamt.

Das Buch schwächelt zwischendurch, es gibt zu viel Analoges bei den Fallbeispielen. Ich habe begonnen, ganze Absätze zu überspringen und nur mehr bei den Textpassagen in anderer Schrift haltzumachen.

Beim abendlichen Lesen im Lampenschein habe ich einen weiteren Nachteil entdeckt: Die Schrift ist beim grössten Textanteil recht blass, vielleicht um das Fettgedruckte mehr hervorzuheben, aber das Lesen wird mühsam.

Zum Abschluss sei den Helikoptereltern ein Gedichtteil von Erich Kästner ins Stammbuch geschrieben:

«Seien wir ehrlich:

Leben ist immer

lebensgefährlich.»

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145 Bibliotheken, 2 Leser, 3 Gruppen, 80 Rezensionen

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Niemals

Andreas Pflüger
Fester Einband: 475 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 09.10.2017
ISBN 9783518427569
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Eines gleich vorweg: Dass eine Blinde die Welt so farbig schildert, hängt wohl damit zusammen, dass sie noch vor wenigen Jahren sehen konnte, anders wäre der Text nicht glaubhaft. Ausserdem: Die Tatsache, dass beim Einbüssen der Sehkraft andere Sinne geschärft werden, kommt der Polizistin Jenny Aaron bei ihren Ermittlungen zweifellos zugute. Auch dass man sie wegen ihres Gebrechens für schwächer hält, als sie ist, lässt ihre Stärken umso mehr hervortreten. Und die Ermittlungen werden auf eine ganz andere Art angepackt, als man das von anderen Krimis kennt – sehr originell und einfallsreich!

Wir haben jetzt also einen zweiten Jenny Aaron- Band, und ihr jetziger Auftrag für das BKA führt sie zuerst nach Rom und danach durch mehrere Erdteile. Bereits vor zehn Jahren begann die Geschichte um diesen Fall, und nun darf der Leser erneut in die Story einsteigen. Die blinde Polizistin ist als Mitglied einer Sondereinheit undercover tätig, in direktem Kontakt mit dem Mann, den sie dingfest machen soll. Farbig und temporeich wie eine Fahrt mit dem TGV präsentiert sich die Sprache, zum Bersten straff wurde der Handlungsbogen gestaltet.

Eins der Zugpferde beim Lesen eines Buches, egal welchen Genres, ist das Wiedererkennen von Personen und Umfeld. Es erweckt zusätzliches Interesse, wenn man bereits beim ersten Band so recht mitgefiebert, mitgelitten und sich mitgefreut hat.

Pflüger ist einer der wenigen deutschen Krimiautoren von internationalem Format. Mir gefiel, wie er das Tempo allmählich steigen lässt, Farbe und Plastizität dazumischt, Jennys Zweifel einerseits und das aufkommende Ermittlungsfieber andrerseits immer wieder Kämpfe mit ihrer Blindheit ausfechten lässt.

«Endgültig» heisst der Vorgänger der Jenny-Reihe, «Niemals» sein Nachfolger. Ein Widerspruch? Keineswegs! Lesen Sie selbst…

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83 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 53 Rezensionen

alkohol, alkoholsucht, biografie, entzug, erfahrungen, heilung, insel, london, meer, nachtlichter, natur, orkney, orkney-inseln, schottland, sucht

Nachtlichter

Amy Liptrot , Bettina Münch
Fester Einband
Erschienen bei btb, 09.10.2017
ISBN 9783442757336
Genre: Biografien

Rezension:

Die gebürtige Orkanierin und Journalistin Amy Liptrot hat in London nicht nur die grosse Welt gekostet, sondern sich mit dem Highlife auch die Alkoholsucht eingehandelt. Nach schweren Abstürzen und Verlusten erkennt sie den dringenden Handlungsbedarf und unterzieht sich an ihren persönlichen Wurzeln, nämlich auf einer kalten, einsamen Orkneyinsel, einem kalten, harten Entzug. Durch Rückblenden wird Amys Werdegang verständlich, vom Hoch übers Tief bis zur Hölle.

Es ist nicht leicht, die eigene Geschichte auf so offene Art zu erzählen. Der gewaltige Gegensatz zwischen dem bisher urbanen Leben in einer Weltstadt und der Einöde im schottischen Norden weist auf den gewaltigen Schritt hin, der ihr zur Heilung verhelfen soll.  

In der Einsamkeit ist sie auf sich selbst reduziert, was nicht jeder Mensch erträgt, doch ist es für Amy notwendig und wirksam. Letztendlich kommt die Kraft zum erfolgreichen Neuanfang aus diesem einfachen, mühsamen Leben, das ihr manchmal das Letzte abverlangt. Gerade durch die geschilderten Schwächen kommt Amy dem Leser nahe, die Sympathien fliegen ihr zu, man will sie anfeuern und ihr Mut machen. 

In schonungsloser Selbsterkenntnis schildert die Autorin diesen harten Kampf, ständig bedroht nicht nur vom Rückfall in die Sucht, sondern auch von der Gefährlichkeit der rauen Natur. Dabei wird gerade diese so herrlich und plastisch geschildert, Land, Pflanzen, Tiere, das nächtliche Farbenspiel am Himmel, in einer neuen, sehr ansprechenden Art. Liptrot geht auch darin ins Detail, und der Leser wähnt sich mitten zwischen Wind, Meer und schroffen Klippen. Dabei gibt die Autorin auch Einblicke in das ländliche Leben, und ich habe mich gefreut, wieder etwas dazugelernt zu haben.

Der Stil erweist sich teils als etwas ungewöhnlich, die Geschichte ist flüssig geschrieben und mitreissend erzählt. Die Übersetzung durch Bettina Münch jedoch weist manchmal Schwachstellen auf, die ich mir geschmeidiger gewünscht hätte. Doch werde ich künftig nach weiteren Büchern von Amy Liptrot Ausschau halten, um sie ebenfalls zu lesen.

Ich habe das Buch durch das Einlösen meiner Punkte bei vorablosen.de erhalten und danke dafür.

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148 Bibliotheken, 0 Leser, 4 Gruppen, 90 Rezensionen

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Crimson Lake

Candice Fox , Thomas Wörtche , Andrea O’Brien
Flexibler Einband: 380 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 09.10.2017
ISBN 9783518468104
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Zwei einschlägig vorbelastete Menschen (Mord, Entführung, Kinderschändung) gründen gemeinsam eine Privatdetektei, da sind erschwerende Vorurteile geradezu vorprogrammiert. Nicht nur Ted, auch Amanda wird ständig von ihrer Vergangenheit eingeholt, die sie doch gern endlich abgestreift hätte. Während der Zusammenarbeit um einen verschwundenen Schriftsteller (mehr will ich hier nicht verraten) graben diese beiden völlig unterschiedlichen Schicksalsgenossen natürlich gegenseitig im Morast ihrer Vorleben, was zwei zusätzliche Handlungsstränge ergibt.

Persönlich finde ich das etwas überfrachtet, denn der Fall, um den es ja in erster Linie geht, wird teilweise zum Stiefkind. Doch es herrscht ein flottes Tempo, ein starker Sog in der Handlung, und die Spannung hält von der ersten bis zur letzten Seite, keine Frage. Fox schreibt einen angenehm zu lesenden Stil, was sicher auch an der Übersetzerin liegt, mit einer rasch fliessenden, leichten Sprache, trotz des düsteren Handlungshintergrunds.

Besonders gut gefiel mir die genaue, authentisch wirkende Zeichnung dieser beiden speziellen Charaktere, das Näherbringen ihrer Belastungen, ihre Bemühungen, sich wieder aufzurappeln und der Tataufklärung zum Sieg zu verhelfen. Dass die Autorin die beiden Ermittler auch von der privaten Seite zeigt, tut gerade einem eiskalten Thriller gut und macht die geschilderten Verbrechen besser verdaulich - irgendwie lebt man ja doch immer mit. Speziell die Gänsegeschichte gleich zu Beginn fand ich sympathisch und richtungsweisend für den weiteren Verlauf, was das Umgehen mit den entgegengebrachten Vorurteilen betrifft.

Der Youtube-Trailer zum Buch jagt den Puls hoch, wirkt auf mich jedoch etwas reisserisch. Aber vielleicht muss das so sein.

Ich habe das Buch für meine gesammelten Punkte bei vorablesen.de zugesendet bekommen und bin damit in eine mir nicht allzu gewohnte Welt getaucht. Skandinavien, England und die USA als Schauplätze für Thriller sind mir bekannt, nicht aber Australien. Das finde ich eine erfreuliche Variante, wenngleich die äusserst beklemmende Atmosphäre so gar nicht ins sonnige Australien passen will. Die Autorin kannte ich bisher noch nicht, schliesse aber nicht aus, dass ich weitere Bücher von ihr lesen werde.

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104 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 66 Rezensionen

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Herrn Haiduks Laden der Wünsche

Florian Beckerhoff , Steffi Korda
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 09.10.2017
ISBN 9783959671347
Genre: Romane

Rezension:

Herrn Haiduks Kiosk ist so etwas wie ein bescheidener Umschlagplatz für das kleine Glück, das manche Kunden im kurzen Nebel der Zigaretten, dem Klatsch der Zeitungen oder im möglichen Reichtum des Lotteriespiels suchen.  Eines Tages verliert einer von Herrn Haiduks Kunden genau das Los, auf welches der Hauptgewinn, der 13 Millionen umfasst, fällt. Nur: Wer ist die oder der Glückliche? Alma, ein stummes Mädchen und Finderin des Lottoscheins, will das Geld nicht für sich behalten und beginnt die Suche nach dem Eigentümer. Natürlich melden sich viele Leute und geben an, dass sie Anspruch auf den Gewinn haben.

Mir gefielen die beschriebenen Charaktere der Hauptpersonen ebenso wie die Schilderungen der Reaktionen der angeblichen Losbesitzer. Klar wirkt alles sehr unwahrscheinlich, ein gefundenes Glückslos liegt ja auch im Bereich der Fabel, doch kann das Lesen eines Märchens für Erwachsene den Leser aus dem Alltag heben und ihn durchaus glücklich machen. Schön zu lesen war, wie Alma sich um den unbekannten Gewinner sorgt und wie Herr Haiduk wiederum sie zu schützen versucht.

Doch etwas mehr Pep im Text, mehr Drive im fortschreitenden Handlungsverlauf wünsche ich mir schon. Manche Passagen ziehen sich ziemlich in die Länge, sodass ich angefangen habe, quer zu lesen. Bei Alma hätte mir etwas weniger Blauäugigkeit besser gefallen. Dass sie ebenso wie Herr Haiduk sich um die besten Lösungen bemüht, aber auf völlig andere Weise, fand ich wiederum einfallsreich. Etwas im Dunkeln bleibt der Erzähler, ein erfolgloser Autor, der einerseits die Geschichte häppchenweise vom Kioskbesitzer erzählt bekommt und andrerseits zum Sprecher der Figuren wird. Alles in allem ein recht unterhaltsames Werk mit Tiefgang.

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49 Bibliotheken, 1 Leser, 3 Gruppen, 46 Rezensionen

betrug, eltern-kind-diskussionen, emotio, enttäuschung, erzählungen, hanser verlag, italien, italienische literatur, kurzgeschichten, lieb, liebe, liebewirdüberschätzt, liebe wird überschätzt, nonne, rezension

Liebe wird überschätzt

Valeria Parrella , Annette Kopetzki
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 24.07.2017
ISBN 9783446256507
Genre: Romane

Rezension:

Was ist Liebe? Kann man sie denn überschätzen? Oder eher unterschätzen? Der Titel des vorliegenden Werkes bringt mich zum Nachdenken. Ist denn wirklich Liebe, was wir für Liebe halten?

Die acht Kurzgeschichten befassen sich mit verschiedenen Arten: die zwischen Eltern und Kindern, zu Gott, die der unmoralischen Beziehung, ungewöhnliche Arten und Situationen rund um dieses grosse Wort, das so oft gedankenlos angewendet wird. Liebe wird hier zu etwas Universellem, das unser Leben täglich durchdringt, ob wir wollen oder nicht.

Da glaubt man als Vielleserin, dass es nicht mehr viel Neues gibt, und wird doch überrascht von der einen oder anderen Geschichte der italienischen Autorin, die auch schon in ihren früheren Werken ungewöhnliche Themen bearbeitet hat.

Die Autorin muss sich intensiv mit der Liebe befasst haben, manchmal wird sie gar philosophisch. Dann wieder überwiegt eine poetische, zarte Sprache. Anschaulich und plastisch sind die Schilderungen der Personen, rasch fliesst der Erzählfluss durch die Seiten. Ich konnte mich gut einfühlen und war sehr schnell im Text zu Hause, schon weil die eine oder andere Geschichte grosse Ähnlichkeit mit meiner Umwelt aufweist. Das eine oder andere Mal war es mir, als halte jemand mir den Spiegel vor.

 Parella scheut nicht davor zurück, den Finger auf eher heikle Situationen zu legen und setzt auch mal einen etwas spitzen Humor ein. Ab und zu jedoch musste ich zurückblättern, weil mir der Sinn noch nicht ganz aufgegangen war. Es geht ziemlich querbeet durchs Buch, und ich finde, dass das Coverbild darauf hinweist in all seinen unbestimmbaren Formen und Farben. Eine unterhaltsame Sammlung von Kurzgeschichten, sympathischen und weniger sympathischen Personen, ein Kaleidoskop des gleichwohl wichtigsten Gefühls der Welt.

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44 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 42 Rezensionen

david sedlaczek, klinik, krimi, mord, nadys-bücherwelt, psychiatrie, rezension, roman, runaway, thriller, unmenschlic, unschuldig, verfolgung

Runaway

David Sedlaczek , David Sedlaczek
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Nova MD, 21.08.2017
ISBN 9783961115006
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Frederick Hagel soll seine Frau umgebracht haben. Dafür kommt er nicht ins Gefängnis, sondern in eine psychiatrische Anstalt. Doch dann sieht er sie bei einer TV-Übertragung – lebend!

Es gelingt ihm, aus der Klinik zu fliehen und forscht dieser verblüffenden Momentaufnahme nach. Er hat erkannt, dass sie war, die ihn in die Anstalt gebracht hat, weil er sie von ihrem verbrecherischen Treiben abbringen wollte. Er jagt seiner Frau hinterher, deren illegale Tätigkeiten er nun endlich aufdecken will, und fordert seine Rache ein.

Was mich erstaunt hat, gleich zu Beginn des Textes, sind die wie selbstverständlichen Übergriffe auf Frauen. Man kann nicht einfach nach dem Arm der Kellnerin greifen, seine Hand beiläufig auf die einer Unbekannten legen, ohne dass zumindest eine abwehrende Reaktion beschrieben wird. Auch kommen sehr viele unwahrscheinliche Abläufe in der Handlung vor, richtig unglaubhaft wirkt dieser Frederick manchmal. Er hat bei seinen Aktionen allzu viel Glück. Auch seine Geldreserven scheinen unerschöpflich zu sein, denn er hat laufend grosse Ausgaben. Zudem: Die in einer psychiatrischen Klinik verabreichten Medikamente, durch die laut Klappentext Fredrick gefügig gemacht wurde, lassen wohl kaum eine solche Entschlossenheit zur Flucht zu.

An diversen Stellen missfallen mir die häufigen Wortwiederholungen im selben Absatz. Bei allem Wohlwollen, auch die Dialoge wirken weitgehend gekünstelt. Sprachlich also ist das Buch nicht gerade der Hit, und bei über 400 Seiten muss man sich teils regelrecht durchkämpfen. Aber es ist ein Debüt, der Autor steht ja erst am Anfang und hat noch viel Luft nach oben.

Der Spannungsbogen ist bei alldem straff gespannt. Zwar bin ich nicht unbedingt eine Thrillerleserin, kann mich der Gänsehaut, dem Sog der Handlung jedoch nicht entziehen: Insgesamt ist das wohl ein spannendes Buch.

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62 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 54 Rezensionen

berlin, dorf, dorftratsch, eigen, famielendrama, familienroman, fliegenplage, frassek, freundschaft, gefangenschaft, krimi, kriminalroman, martin schult, österreich, steiermark

Dem Kroisleitner sein Vater

Martin Schult
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 14.07.2017
ISBN 9783550081743
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Dativ ist dem Genetiv sein Tod, an diese Kolumne von Bastian Sick erinnert der Titel des Werkes mit dem beschaulich dargestellten Bergidyll, welches das Cover dieses Buches ziert. Beschaulichkeit aber hat wenig zu tun mit dem vorliegenden Krimi, und schon gar nicht mit dem brummigen Polizeiobermeister Frassek im grünen Herz Österreichs. Eigentlich will er sich nur erholen, denn sein Beruf hat ihm in letzter Zeit ein Bein gestellt, dazu familiäre Belastungen, und auch der Umgang mit der Tochter im schwierigen Alter, welche ihn «sowas von alt» findet, hat ihn recht gestresst. Endlich Ruhe finden in der Bergwelt der Steiermark!

Doch ein Todesfall ereignet sich, und der «Piefke» wird sogar zum ersten Tatverdächtigen. Zudem zieht er in Unkenntnis der Berggeher-Tradition auch noch die falschen Klamotten an. Da er jedoch nun mal da ist, muss er letztendlich auch ermitteln. Alt aber will Frassek dabei nicht aussehen, will er sich doch auch vor den örtlichen Kollegen nicht blamieren.

Hinzu kommt noch, dass es kluge Einheimische mit viel Menschenkenntnis gibt, welche die Ohren aufsperren, ihre Beobachtungen machen und sich einen Reim auf die Geschehnisse bilden können.

Sprünge in der Handlung und im Ortswechsel gibt es jede Menge in der Story, nicht nur gesellschaftlich und hoch oben auf den Hügeln der Steiermark, beim Toten Mann, sondern auch unversehens vom Verdächtigten zum Verdachtschöpfenden. Da wird gestorben und fröhlich wieder auferstanden, getratscht und intrigiert.

Einige Male war ich versucht, mir Notizen zu machen, denn an etlichen Stellen geht es ziemlich wirr durcheinander, und ich musste teils ein paar Seiten zurückblättern. Es gibt so viele Geheimnisse, dass man auf jeder neuen Seite und hinter jedem Stein eine neue Überraschung erwartet.

Mir gefiel die humorige Note, welche durch den Dialekt noch zusätzlich Nahrung erhält. Hier ist eine geniale Verbindung zum Werktitel gelungen. Wahrscheinlich hat dem Kroisleitner sein 104-jähriger Vater, dessen Tod der unmittelbare Anlass für diesen Krimi bot, vom Himmel herab heimlich mitgeschmunzelt. Unwahrscheinlich? Mag sein, aber die ganze Geschichte ist es doch – oder?

Wer die Bayern-Krimis liebt, ob als Serie im Fernsehen oder als Buch, wird auch den "Kroisleitner" lieben. Meinen Geschmack trifft das Buch nicht so.

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613 Bibliotheken, 23 Leser, 1 Gruppe, 176 Rezensionen

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Liebe findet uns

J. P. Monninger , Andrea Fischer
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 14.07.2017
ISBN 9783548289557
Genre: Liebesromane

Rezension:

Heather lernt auf ihrer Europareise im Zug Jack kennen und verliebt sich in ihn. Jack scheint auch von ihr angetan. Er geht den Erinnerungen seines Grossvaters nach, und Heather begleitet ihn einige Zeit. Die beiden kommen sich nahe, es wird sogar eine gemeinsame Zukunft thematisiert. Doch plötzlich verschwindet er ohne jede Erklärung. Da Heather ungeplante Situationen nicht allzu sehr schätzt, ist sie vor den Kopf gestossen. Jack hingegen ist mehr der Zigeunertyp, der gern in den Tag hinein lebt. Und weil der Titel es anspricht, finden die beiden sich wieder, und alles Wichtige klärt sich.

Die handelnden Personen sind recht sympathisch geschildert, natürlich besonders Heather und Jack, es entsteht aber auch ein farbiges Bild von Heathers Freundinnen und der anderen Nebenfiguren. Insgesamt sind es sehr gegensätzliche Charaktere, welche für Anziehung und die für eine Geschichte nötigen Verwicklungen sorgen. Doch finde ich Heather manchmal gar zu angepasst, und dass Jack mit ihr zu spielen scheint, hat mich über weite Strecken gegen ihn eingenommen.

Auch wenn man selbst oft in Europa reist, findet man im Text doch immer wieder Orte, die man bisher mit anderen Augen gesehen hat. Das macht neugierig und reiselustig.

Doch scheint mir, als hätte der Autor in den Anfang zu viel Handlung hineingepackt, zu viel Tempo vorgelegt, sodass der Lesefluss etwas darunter leidet und der Erzählstrom manchmal holprig wirkt. Was das Lesen dennoch erleichtert, ist die grosse Schrift. So kommt man trotz des Buchumfangs rasch vorwärts. Ansprechend finde ich die je nach Land unterschiedlichen Illustrationen zu Beginn der eher kurzen Kapitel. Originell ist, dass Zitate aus dem Buch an den Umschlagklappen zu finden sind, denn sie machen zusätzlich neugierig auf den Inhalt.

Ich frage mich aber, ob eine Frau das Thema nicht besser hätte behandeln können, denn eigentlich sind es eher Autorinnen, die solche Stories schreiben. Vielleicht wäre es Monninger leichter gefallen, den Text aus Jacks Sicht zu verfassen.

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Herzmuscheln

Elaine Winter
E-Buch Text: 268 Seiten
Erschienen bei beHEARTBEAT by Bastei Entertainment, 01.09.2017
ISBN 9783732542208
Genre: Liebesromane

Rezension:

Ein ansprechendes Cover, in fröhlichen, sommerlichen Farben gehalten, dekorative Jakobsmuscheln und Blüten; ebenfalls gelbe Blätter, die bereits den Herbst, das Ende anklingen lassen, aber in keiner Weise auf Irland deuten.

Kyla hat ohne näheren Augenschein ein Guesthouse an der nördlichen irischen Küste nahe den Orkneys gekauft und will sich damit den Traum von Selbständigkeit erfüllen. Doch die Renovationen verlaufen nicht so, wie sie es nicht vorgestellt hat, und bereits der erste Gast erweist sich als schwer zu knackende Nuss. Natürlich kommen Situationen, in denen Kyle und Ryan sich näherkommen, und ein ständiges Auf und Ab muss für einen unterhaltsamen Plot vorhanden sein.

Gleich zu Beginn gibt es eine etwas heftige Begegnung, samt strömendem Regen und Auffahrunfall. Auch das unerwartete Licht im vermeintlich leeren Haus sorgt für Herzklopfen. Bald darauf erfolgt ein erneutes feindliches Aufeinandertreffen inklusive Schürhaken und Kerzenständer als Waffen.

Eigentlich tönt hier ein Traum an, den bestimmt viele von uns heimlich hegen: weggehen und neu beginnen, etwas Neues schaffen und kreativ sein, am liebsten in der jeweiligen Lieblingslandschaft. Dass es nicht beim blossen Traum bleiben muss, dass sich dieser aber keineswegs als bequem erweist, zeigt «Herzmuscheln». Die Autorin führt uns mitten in eine raue Landschaft und in laufende Auseinandersetzungen zwischen den beiden Protagonisten Kyla und Ryan, dazu schwierige Arbeiten am Haus und knifflige Situationen im Umgang mit anderen Leuten.

Zwar entsteht von Beginn an ein gewisser Sog, von dem man sich gern mitreissen lässt, und die Übersetzung erfreut mit einer flüssigen Sprache. Dazu kommen sympathische Personen wie Rupert und hineingestreuter Humor, welche die Sprachtextur luftig und locker gestalten.

Trotzdem lässt das Erzählniveau etwas nach, durch manche Seiten muss man sich regelrecht durchkämpfen. Manchmal kam mir der Handlungsablauf vor, als sei er durch Legoklötzchen vorgebaut worden, wenn ihr versteht, was ich meine. Der aufmerksame Leser ahnt, was ihn im nächsten Kapitel erwartet, und meist liegt er nicht weit daneben. Am liebsten hätte ich den einen oder anderen Textbaustein gelockert, wenn nicht gar herausgebrochen und die anspruchslose Story mit einem Stups in eine andere, unerwartete Richtung gelenkt. Eine leichte Sommerlektüre fürs Gemüt, viel mehr ist es in meinen Augen leider nicht.

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112 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 69 Rezensionen

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Der Sandmaler

Henning Mankell , Verena Reichel
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 21.08.2017
ISBN 9783552058545
Genre: Romane

Rezension:

Elisabeth und Stefan waren für kurze Zeit ein Paar und treffen sich auf der Reise nach Afrika wieder. Sie kommen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und wollen mit jeweils ganz anderen Absichten ihren Aufenthalt gestalten. Stefan möchte nur einen Badeurlaub geniessen, Elisabeth jedoch mehr über die Menschen erfahren. In der Folge wird sie mit weniger schönen Seiten des Landes konfrontiert, welche grösstenteils auf das Konto von Weissen gehen.

So entstehen zwei völlig verschiedene, sehr gegensätzliche Bilder von Afrika, aber auch von den Menschentypen, welche dorthin reisen. Beim Lesen habe ich mich teils fremdgeschämt für die Gedankenlosigkeit und Menschenverachtung in der Begegnung mit der einheimischen Bevölkerung und ihrem Land. So bricht Elisabeth bei ihrer Ankunft auch erschüttert in Tränen aus, obwohl sie vom ganzen Elend noch gar nicht viel gesehen hat. Während sie später die Kraft findet, sich in diese neue Welt hineinführen zu lassen, schaukelt Stefan in seiner genusssüchtigen Art weiterhin nur an der Oberfläche und hat bei der Abreise nichts dazu gelernt.

«Der Sandmaler ist das Remake eines früheren Erfolgs von 1974. Es ist Mankells erster Afrikaroman, der den Beginn setzt zu einigen weiteren Werken über den Kontinent. Der Blick des Autors ist hinter die Kulissen einer Welt gerichtet, die sich dem Tourismus nur von der bequemen Seite zeigt, und er ist kritisch, schonungslos und liebevoll zugleich.

Obwohl dieser Roman nur wenige Seiten schmal, Mankell noch nicht zu voller Schriftstellergrösse gewachsen ist und erst wenige Afrika-Themen angeschnitten worden sind, hat «Der Sandmaler» damals wahrscheinlich mitgeholfen, Mankells Bekanntheit und Beliebtheit als Autor zu gründen. Selbst habe ich seine Werke erst vor 15 Jahren kennen gelernt, freue mich aber gerade bei den Afrika-Romanen über die plastischen, ehrlichen Schilderungen der afrikanischen Gebiete, über die einfühlsame Beschreibung der Menschentypen und ihrer Überlebensstrategien, über die warmherzige, süffige Sprache. Mankell informiert über die örtlichen Gegebenheiten ebenso wie über Politik, Bräuche, Korruption und Machtansprüche. Schön, dass es solche Remakes gibt!

Seltsam nur, dass im biografischen Text nichts über Mankells Tod im Jahr 2015 steht. Man muss doch annehmen, dass es junge Leser gibt, die bisher noch nichts von ihm wissen. Hier wäre etwas mehr Vollständigkeit wünschenswert.

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