LibriHollys Bibliothek

1.132 Bücher, 210 Rezensionen

Zu LibriHollys Profil
Filtern nach
1132 Ergebnisse
Wähle einen Buchstaben, um nur die Titel anzuzeigen, die mit diesem beginnen.



LOVELYBOOKS-Statistik

(85)

163 Bibliotheken, 11 Leser, 0 Gruppen, 74 Rezensionen

essex, liebe, aberglaube, london, pfarrer

Die Schlange von Essex

Sarah Perry , Eva Bonné
Fester Einband: 520 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 29.09.2017
ISBN 9783847900306
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(44)

106 Bibliotheken, 6 Leser, 0 Gruppen, 12 Rezensionen

roman, nell leyshon, familie, felder bewirtschaften, empfehlung

Die Farbe von Milch

Nell Leyshon , Wibke Kuhn
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Eisele Verlag, 22.09.2017
ISBN 9783961610006
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(53)

65 Bibliotheken, 2 Leser, 3 Gruppen, 49 Rezensionen

münchen, krimi, trauer, ex-kommissar, jakob franck

Ermordung des Glücks

Friedrich Ani
Fester Einband: 317 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 11.09.2017
ISBN 9783518427552
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Tod des eigenen Kindes ist sicherlich das Schlimmste, was Eltern wiederfahren kann.

Wenn das Kind dazu noch ermordet wurde ist der Alptraum perfekt. Die Zeit scheint stillzustehen, unendlicher Schmerz, „absolute Abwesenheit“, das Glück auf immer verloren. Die Welt wird nie wieder dieselbe sein.

Lennard Grabbe ist gerade einmal 11 Jahre alt, als er an einem regnerischen Abend nach der Schule spurlos verschwindet. 34 Tage später wird jede Hoffnung durch die Wirklichkeit zerschlagen, Lennard wird tot aufgefunden. Vom Täter fehlt jede Spur. Ein Alptraum für die Eltern, aber auch für die Ermittler. Wenn Kinder die Opfer sind, lässt das selbst die härtesten, erfahrensten Ermittler nicht unberührt, noch dazu, wenn vom Täter jede Spur fehlt und ein Motiv nicht ersichtlich ist.

Mit „Ermordung des Glücks“ schickt Erfolgsautor Friedrich Ani den pensionierten Kommissar Jakob Franck erneut ins Rennen. Wie auch bereits bei Anis andere Figuren, handelt es sich bei Franck um einen eher untypischen Ermittler, schweigsam, in sich gekehrt, gilt er bei seinen Ex-Kollegen als absoluter Spezialist für die Überbringung von Todesnachrichten an die Hinterbliebenen.

„Todesworte, geschöpft aus jahrelanger Erfahrung als Verteiler von Sätzen in den Nächten allumfassender Sprachlosigkeit.“ S. 35

Ja, hier und da kann Ani den Lyriker in sich nicht verleugnen. Merkt man dem Autor den Spaß am Spiel mit Sprache und Worten an. Doch gerade dieser besondere, ganz eigene Ton, ebenso wie die nicht gerade alltägliche Methode der sog. „Gedankenfühligkeit“ (eine Wortschöpfung Anis) als Ermittlungsansatz Jakob Francks machen Anis Bücher, nicht nur im Rahmen dieses Falls, zu einem sehr speziellen Krimierlebnis. Die Genregrenzen scheinen durchlässig, ja, werden von Ani gar aufgebrochen. Und so macht nicht nur Jakob Franck die Gefühle der Täter, sondern auch Ani mit ihm und durch ihn die Gedanken seiner Figuren fühlbar, greifbar für den Leser. Lässt uns tief hineinblicken in das Innenleben seiner Protagonisten und genau dieser psychologische Moment macht seine Bücher zu etwas ganz besonderem und seine Krimis zu einem unglaublich intensiven Leseerlebnis.

Nicht jedem gelingt es in solch ruhigem Ton und geradezu langsamer Erzählweise, eine solch unglaubliche Spannung zu erzeugen.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(158)

288 Bibliotheken, 10 Leser, 1 Gruppe, 126 Rezensionen

sklaverei, amerika, flucht, underground railroad, usa

Underground Railroad

Colson Whitehead , Nikolaus Stingl
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 21.08.2017
ISBN 9783446256552
Genre: Romane

Rezension:

Von Barack Obama 2016 auf seine offizielle Sommer-Leseliste gesetzt, Besprochen in Oprah’s Book Club, u.a. von der New York Times zum beste Buch des Jahres gekürt, seit nunmehr 33 Wochen unangefochtene Nr.1 der amerikanischen Bestenliste, ausgezeichnet mit dem National Book Award 2016, zusätzlich jüngst mit dem Pulitzer Preis 2017 und nun endlich auch auf Deutsch erhältlich: Colson Whitehead hat mit „Underground Railroad“ ein Buch über den weißen Rassismus in den USA geschrieben. Gestern, heute und morgen. Ein zeitloser Kosmos des Schreckens und der himmelschreienden Ungerechtigkeit und ein gelungenes Spiel mit der Geschichte.


Die wahre Underground Railroad war ein im Verborgenen agierendes Netzwerk bestehend aus Gegnern der Sklaverei (auch Weißen), das Sklaven zur Flucht aus den Südstaaten der USA in den Norden, z. B. in das sicherere Kanada, verhalf. Mit geheimen Routen, Schutzhäusern, Fluchthelfern und codierter Kommunikation gelang es, zwischen 1810 und 1850 etwa 100.000 Sklaven zu befreien. Das 1780 gegründete Fluchthilfenetzwerk bestand bis 1862.


Seinen Namen verdankte die Organisation der Tatsache, dass sie sich eines Geheimcodes bedienten, der sich aus Begrifflichkeiten des Eisenbahnerjargons zusammensetzte.


In seinem neuen, vielgepriesenen Roman erweckt Colson Whitehead diese Untergrundbahn erneut zum Leben und dies wörtlich, mit echten Waggons, Stationen, Schaffnern und Zugführern. Mit allem eben was zu einer richtigen Bahn dazugehört.


Die Route beginnt in diesem Fall  in Georgia, auf einer typischen Baumwollplantage. Cora, Whiteheads Heldin, lebt dort gefangen als Sklavin. Absolut glaubhaft fängt Whitehead die dort vorherrschende beklemmende Stimmung tief geprägt durch Angst, Hass, Qualen und Schmerzen ein. Manchmal für den Leser nur mehr schwer zu ertragen lässt er diesen düsteren Ort längst vergangener Tage zu neuem Leben erwachen. Ängstliche Augen, knallende Peitschen, Schreie. Geraubte Körper bearbeiten ein von den Indianer geraubtes Land. So wunderte es auch nicht, dass Cora sich mit ihrer Lage nicht so einfach zufrieden geben, sich dem ihr vorbestimmten Schicksal nicht fügen will. Als sich die Gelegenheit ergibt gemeinsam mit einem anderen Sklaven namens Caesar und der Hilfe der „Underground Railroad“ zu fliehen, ergreift sie diese Chance, von der sie jedoch auch genau weiß, dass sollte die Flucht misslingen, ihr der sichere Tod droht. Doch alles scheint Cora besser, als ein Leben in Gefangenschaft. Es ist eine Flucht vor der eigenen Angst und die verzweifelte Suche nach Freiheit,  nach einer Endstation, einem Zuhause oder etwas, das diesen Namen verdient.


Ihre mutige Reise führt Cora quer durch Nordamerika, durch ein in sich zerrissenes Land. Dabei beherzigt sie den Rat des Stationsvorstehers Lumby, der ihr zu Beginn der ersten Etappe folgenden Rat mit auf den Weg gibt:


„Wenn man sehen will, was es mit diesem Land auf sich hat, sage ich immer, dann muss man auf die Schiene. Schaut hinaus, während ihr hindurchrast, und ihr werdet das wahre Gesicht Amerikas sehen.“ S. 85


Jeder Bundesstaat, jeder Bahnhof den sie passiert steht für eine andere Möglichkeit des gesellschaftlichen Miteinanders, der gesellschaftlichen Ordnung. Doch was sie sieht ist ein Land der Weißen, das die Worte der Unabhängigkeitserklärung Lügen straft. Ist das wirklich das wahre Gesicht Amerikas? Und wie Gulliver auf seinen Reisen (, der Vergleich liegt nahe, da das Buch im Roman Erwähnung findet), gerät auch Cora immer wieder in prekäre Situationen, in Zwangslagen, aus denen sie sich befreien muss, wenn sie überleben will. Wen wundert es da, dass sie an ihrer Reise zu zweifeln beginnt? Gibt es auf dieser Welt überhaupt einen Platz an dem sie frei Leben kann? Eine Endstation?


Whitehead erzählt seine Geschichte komplett losgelöst aus dem Kontext des wahren historischen Hintergrunds, verwischt die Grenzen von Zeit und Raum, spielt mit Fakten, Illusionen und Fantasien. Nach eigener Aussage wollte Whitehead „..nicht bei den Fakten, sondern bei der Wahrheit bleiben.“ Denn nur allzu oft wird die Wahrheit in der Geschichtsschreibung verfälscht und wurde nicht gerade die US-amerikanische Geschichte mehrheitlich von Weißen geschrieben? Wie neutral kann eine solche Geschichtsschreibung sein. Und so heißt es auch an einer Stelle im Buch so treffend:


„Die Wahrheit war eine wechselnde Auslage in einem Schaufenster, von menschlicher Hand verfälscht, wenn man gerade nicht hinsah, verlockend und stets außer Reichweite.“ S. 137


Funktioniert das? Meiner Ansicht nach ja. Mit „Underground Railroad“ hat Colson Whitehead nicht nur eine Geschichte über den damaligen Rassismus zu Zeiten der Sklaverei geschrieben, sondern auch über den von heute und morgen. Denn, wie die aktuellen Entwicklungen zeigen, es gibt ihn leider immer noch, diesen Kampf der ewig Gestrigen, gegen den Fortschritt und die Freiheit von morgen, diese Trumps, Erdoğans, Gaulands, Petrys und wie sie alle heißen. Solange es solche Strömungen gibt, wird Whiteheads Cora immer eines sein, eine schwarze Frau in einer rassistischen, von Weißen dominierten Gesellschaft. Obama war ein Schritt nach vorn, Trump leider zwei zurück.


Und während ich diese Rezension schreibe läuft im Fernsehen die Bundestagswahl, legt die AfD wieder einmal an Stimmen zu und die Geschichte überholt sich wieder einmal mehr selbst. Ist der Mensch denn überhaupt nicht fähig aus der Vergangenheit zu lernen! In einer solchen Zeit sind Bücher wie „Underground Railroad“ besonders wichtig.


Ein Buch gegen die Regierung Trump und ein Buch für alle, die eben gerade keine Alternative in der AfD sehen.

  (9)
Tags: flucht, freiheit, rassismus, rechtsradikalsimus, sklaverei   (5)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(139)

263 Bibliotheken, 13 Leser, 1 Gruppe, 109 Rezensionen

lize spit, belgien, roman, und es schmilzt, kindheit

Und es schmilzt

Lize Spit , Helga van Beuningen
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 24.08.2017
ISBN 9783103972825
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(66)

90 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 58 Rezensionen

adel, graf, wahrsagerin, schloss, belgien

Töte mich

Amélie Nothomb , Brigitte Große
Fester Einband: 112 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 23.08.2017
ISBN 9783257069891
Genre: Romane

Rezension:

In „Töte mich“ erzählt uns Amélie Nothomb die Geschichte der Adelsfamilie Neville, die auf ihrem Schloss Le Pulvier in den entlegenen belgischen Ardennen lebt. Graf Henri Neville ist glücklich verheiratet mit der Liebe seines Lebens, Gräfin Alexandra. Aus der Ehe sind drei Kinder hervorgegangen, Oreste (22), Électre (20) und Sérieuse (17). Wie viele Adelsfamilien heutzutage plagen die Nevilles finanzielle Sorgen und sie stehen kurz vor dem Verkauf ihres Schlosses. Dies trifft besonders Graf Henri sehr hart, sonnt er sich doch nur allzu gerne in der Rolle des großzügigen und perfekten Gastgebers. Zu den finanziellen Sorgen kommen die um die jüngst Tochter Sérieuse hinzu, scheint das Mädchen doch seit seinem vollendeten 12-ten Lebensjahr zunehmend depressiver und teilnahmsloser. So läuft sie denn auch eines Nachts fort und wird im Wald halberfroren von einer Wahrsagerin aufgefunden. Als Henri das Mädchen bei ihr abholen kommt, prophezeit diese ihm, er werde in nächster Zukunft einen Menschen töten. Und dies alles wo doch die letzte große Gartenparty auf Schloss Le Pulvier bevorsteht. Fortan ist Neville von nur einem einzigen Gedanken beseelt: Wie kann er verhindern, dass die Worte der Wahrsagerin in Erfüllung gehen?


In „Töte mich“ greift Nothomb ganz offen und ungeniert das Thema von Oscar Wildes Kunstmärchen „Lord Arthur Saviles Verbrechen“ auf. Nicht zu viel soll an dieser Stelle verraten werden, für alle, die Wildes Geschichte noch lesen wollen; nur so viel, der Grundtenor ist derselbe, auch bei Wilde steht die Prophezeiung eines künftigen Mordes und der verzweifelte Versuch des Mörders, dieses drohende Unheil von sich und seiner Familie fernzuhalten scheinbar zunächst im Mittelpunkt des Geschehens. Doch wenn es sich auch vordergründig bei beiden Geschichten um Kriminalgeschichten handelt, so handelt es sich doch in Wahrheit um die Porträts zweier Besessener. Zwei Männer, Lord Saviles, wie auch Graf Neville, die beide nicht aus ihrer Haut können, denen ihr gesellschaftlicher Stand, ihre Stellung und ihre damit einhergehenden Pflichten über alles gehen. Und so dürft es auch die offene Gesellschaftskritik gewesen sein, die Nothomb an diesem Thema reizte. Selbst in gehobenen Kreisen aufgewachsen, als Kind von Diplomaten, zieht  sich das Thema Gesellschaftskritik wie ein roter Faden durch Nothombs  gesamtes Werk.


Es ist nicht das erst mal, dass sich Amélie Nothomb an Motiven altbekannter Geschichten orientiert, man denke nur an ihren absolut kongenialen Roman  „Blaubart“. Immer wieder greift sie Grundthemen alter Klassiker auf, spielt mit ihnen, lässt sie in neuem, modernem Gewand erscheinen. Eine literarische Variation, wenn man so will, virtuos vorgetragen von einer Meisterin ihres Fachs. Denn wenn Amélie Nothomb eines kann, dann schreiben. Gebannt folgt man ihr von der ersten bis zur letzten Seite dieser bitterbösen Gesellschaftssatire, ungläubig ob ihres nahezu unerschöpflichen Ideenreichtums. Lässt sich entführen von ihren Figuren, die mehr durch ihr Handeln, denn durch ausführliche Beschreibungen charakterisiert werden. Genießt in vollen Zügen die feinen, ausgefeilten, absolut pointierten Dialoge und lässt sich von ihrem visuellen Stil, ihrer absoluten Wortmagie begeistern.
Ob das Handeln ihrer Figuren moralisch richtig oder falsch ist, nun diese ist eine Frage, deren Beantwortung Nothomb ihren geneigten Lesern überlässt.


Wieder einmal gelingt es Nothomb mit „Töte mich“ mir einen alten Klassiker wieder näher zu bringen, seine Botschaft in die Worte unserer Neuzeit umzusetzen, eigene Erfahrungen, Erlebnisse miteinfließen zulassen und spart dabei nicht mit ihrer gewohnten Spitzfindigkeit und Hinterlist, für die ich ihre Bücher so liebe. Ein wundervolles schmales Büchlein, das mir wieder einmal mehr gezeigt hat, dass Amélie Nothomb zu den ganz großen ihres Faches gehört. Genial übersetzt, mit dem richtigen Gefühl für die Stimme, das Tempre der Autorin von Brigitte Große.


Laut Proust liegt die Kunst des Schreibens darin, sich seinen Erinnerungen hinzugeben. Dies tut Nothomb und das schon seit Jahren in ihrem Werk  und das sehr gelungen.


Und um noch einmal Proust zu Wort kommen zu lassen:


„Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern mit anderen Augen zu sehen.“

  (14)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(35)

64 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 30 Rezensionen

schuld, häusliche gewalt, berlin, erinnerungen, museum

Museum der Erinnerung

Anna Stothard , Kathrin Bielfeldt
Flexibler Einband
Erschienen bei Diogenes, 26.04.2017
ISBN 9783257300482
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(28)

91 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

paris, schriftsteller, buchladen, james joyce, buchhandlung

Shakespeare and Company

Sylvia Beach , Lilly von Sauter
Flexibler Einband: 248 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 04.07.1982
ISBN 9783518373231
Genre: Biografien

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(77)

144 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 71 Rezensionen

new york, drogen, restaurant, alkohol, essen

Sweetbitter

Stephanie Danler , Sabine Kray
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 11.04.2017
ISBN 9783351036720
Genre: Romane

Rezension:

„Sagen wir, dass ich Ende Juni 2006, beim Überqueren der Georg-Washington-Brücke, geboren wurde. Es war sieben Uhr morgens, die Sonne begann gerade ihre Wanderung, der Himmel war voll scharfkantiger Lichtstrahlen, noch unberührt von den aufsteigenden Abgasen. Die Luft war beweglich, erst später würde die Hitze sie erstarren lassen. Die Fenster hatte ich heruntergelassen, und aus dem Radio kam ein absurd hoffnungsvoller Popsong. Alles offen, offen, offen.“ (S. 11)


Dies lässt uns gleich zu Beginn die Protagonistin in Stephanie Danlers jüngst erschienen Debütroman „Sweetbitter“ wissen. Ein Buch, das im vergangenen Herbst gefühlt halb Hollywood verrücktmachte. Von Rosie Huntington-Whiteley über Eva Longoria bis hin zu Emma Roberts. Jeder schien dieses Buch gelesen zu haben, ja, geradezu verschlungen. Derart gehypte Bücher stimmen mich ja zunächst immer kritisch. Was steckt also hinter dem so in den Himmel gelobten Buch? Ist es tatsächlich so faszinierend, so spannend, so über alle Maßen lesenswert?


Zunächst einmal, vergessen sie den Klappentext! Am besten lesen sie ihn einfach gar nicht und wenn sie es schon getan haben, verdrängen sie ihn einfach ganz schnell wieder. Zum einen verrät er zu viel (z.B. den Namen der Protagonistin, den erfährt der Leser nämlich erst viel, viel später im Verlauf der Handlung) und zum anderen suggeriert er ein völlig falsches Bild des Buches. Es ist kein Genussbuch, zumindest nicht vordergründig und schon gar kein Buch, das Hunger macht.


Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die noch auf der Suche nach ihrem Platz im Leben ist. Die mit ihren gerade einmal zweiundzwanzig Jahren mutig alles hinter sich lässt – Freunde, Vater, Probleme, den provinziellen Kleinstadtmief – kurz, ihr ganzes bisheriges Leben. Und wo könnte sie in den USA anders ihr Glück suchen als in der Stadt der Städte – New York City. Die Stadt der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten. Und so scheint auch schnell ein Platz gefunden: Ausgerechnet in einem der angesagtesten Restaurants der Stadt heuert die junge Frau als Kellnerin an. Ein Kosmos im Kosmos. Eine wilde, faszinierende, ganz eigene Welt. Doch wo Licht ist, ist bekanntlich immer auch Schatten. Der Job ist stressig, anstrengend, schnelllebig und äußerst fordernd. Er verlangt den Menschen die ihn ausüben alles ab. Die Arbeitszeiten sind lang, unregelmäßig und der Druck, die Anforderungen hoch. Ein Umstand der nur allzu gerne und bereitwillig mit Alkohol, Kokain und wilden, ausschweifenden nächtlichen Partys nach Ladenschluss kompensiert wird.


Nach und nach muss die junge Frau erkennen, dass das Leben nicht nur schwarz oder weiß ist und dass es schon gar nicht auf einen wartet, sondern passiert während sie selbst wie ein Hamster im selbstgebauten Käfig unermüdlich ihre Runden dreht.
„Sweetbitter“ ist in meinen Augen ein absolut bemerkenswertes Buch, einer noch am Anfang ihrer Karriere stehenden Autorin. Geschrieben in der Form eines Tagebuches mutet es beinahe schon wie eine kleine Biographie an. Sicherlich sind auch eigene Erfahrungen der Autorin, die selbst jahrelang ihr Geld neben dem Studium her als Kellnerin im edlen Union Square Café verdiente, miteingeflossen und dieses Wissen merkt man dem Buch auch an. Dennoch darf man bei all dieser Authentizität nicht vergessen: Es handelt sich hier dennoch um Fiktion.


Mutig spielt Danler dabei auf der gesamten Klaviatur der ihr zur Verfügung stehenden Stilmittel, das ist einerseits interessant zu beobachten, macht den Roman aber andererseits zu keiner ganz einfachen Lektüre und manches Mal ist es vielleicht auch ein wenig zu viel des Guten, blitzt die kreative Schreibschule etwas zu sehr durch. Weniger ist doch manchmal mehr. Nichtsdestotrotz habe ich dieses Buch sehr gerne gelesen.


Wer Anthony Bourdains „Geständnisse eines Küchenchefs“ liebte, wird dieses Buch mögen.

  (13)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

9 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Sowjetistan

Erika Fatland , Ulrich Sonnenberg
Flexibler Einband: 511 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 06.03.2017
ISBN 9783518467626
Genre: Sachbücher

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(253)

415 Bibliotheken, 14 Leser, 1 Gruppe, 137 Rezensionen

bienen, bienensterben, roman, natur, zukunft

Die Geschichte der Bienen

Maja Lunde , Ursel Allenstein
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei btb, 20.03.2017
ISBN 9783442756841
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(29)

45 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

liebe, bojangles, glück, debüt, selbstmord

Warten auf Bojangles

Olivier Bourdeaut , Norma Cassau
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.03.2017
ISBN 9783492057820
Genre: Romane

Rezension:

Dieses Buch hat mich glücklich gemacht, denn es ist ein Glück von einer solch großen Liebe lesen zu dürfen.

Dieses Buch hat mich nachdenklich gestimmt, darüber was in unserer heutigen Gesellschaft schon die Worte "normal" und "verrückt" bedeuten.

Dieses Buch hat mir etwas beigebracht, nämlich, dass es im Leben auf die Leichtigkeit ankommt. Die Leichtigkeit, das Leben in all seinen Facetten und in vollen Zügen zu genießen.

Dieses Buch hat mich wieder an etwas erinnert, nämlich daran, wie es war, mit Kinderaugen diese Welt zu betrachten.

Dieses Buch hat mich traurig gemacht, denn manche Geschichten können einfach nicht gut enden.

Dieses Buch hat mich zufrieden gemacht, zufrieden als Leser diesen kleinen Schatz für mich entdecken zu dürfen.

Und dieses Buch hat mich auf etwas aufmerksam gemacht, manchmal braucht es einfach nur etwas "Bojangles" im Leben. (Natürlich nur in der Version von Nina Simone und mit dem richtigen Partner an der Seite.)

  (20)
Tags: bojangles, glück, liebe, ninasimone, tanzen, verrücktheit   (6)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(279)

450 Bibliotheken, 14 Leser, 2 Gruppen, 206 Rezensionen

thriller, london, ragdoll, serienmörder, mord

Ragdoll - Dein letzter Tag

Daniel Cole , Conny Lösch
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 27.03.2017
ISBN 9783548289199
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(13)

25 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 10 Rezensionen

thriller, ddr, spionage, debüt, rosenholz-dateien

Nach dem Schmerz

Lucas Grimm
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Piper, 20.03.2017
ISBN 9783492057783
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Es ist eine Neuauflage der klassischen deutsch-deutschen Agentengeschichte, mit der Lucas Grimm alias Uwe Wilhelm hier als Buchautor debütiert.


Da ist auf der einen Seite Hannah Gold, gefeierte Cellistin, begnadet talentierte Musikerin, die sich plötzlich, in Gestalt ihres längst totgeglaubter Vaters, den Dämonen ihrer Vergangenheit gegenüber sieht. Walter Gold, einst hochdekorierter Staatssekretär im Wirtschaftsministerium der DDR. Ein Mann, der zu viel wusste und noch immer weiß. Ein Mann, der tatenlos zusah, als vor 27 Jahren seine gerade einmal 7-jährige Tochter vor ihm brutal und erbarmungslos gefoltert wurde. Konnte oder wollte er seiner Tochter damals nicht helfen? Ein Mann, der schwieg und es noch immer tut und eine Tochter, die nur noch eines will, die Wahrheit.


Ebenfalls auf der Suche nach der Wahrheit befindet sich der investigative Journalist David Berkhoff. Nach jahrelangem Drogen- und Alkoholmissbrauch, tief traumatisiert von seinen Erlebnissen  als Kriegsberichterstatter im Nahen Osten, körperlich und beruflich am Ende angelangt, wähnt er sich nun auf der Spur eines riesen Skandals. Seine Spur führt direkt zu Hannah und ihrem Vater, es geht um nichts Geringeres als die spurlos verschwundenen berühmt-berüchtigten Rosenholz-Dateien. Brisantes Material, sollen sich doch darauf die Namen unzähliger westdeutscher Politiker, Journalisten und Unternehmer befinden, die auf der Gehaltsliste der Stasi standen.


Zwei Menschen offenkundig jeweils am entgegengesetzten Ende des Seils, doch schnell merken sie, dass ihre Ziele gar nicht so weit auseinanderliegen und geraten tief hinein in einen mörderischen Strudel aus alten Stasi-Seilschaften, Intrigen und übergeordneten Interessen des BND.


Zwei vielversprechende, außergewöhnliche Charaktere und ein spannendes Grundthema. Ersteres hat Grimm absolut für sich zu nutzen verstanden. Perfekt arbeitet er die innere Zerrissenheit der Figuren heraus, die beide auf die eine oder andere Weise tief gezeichnet sind von ihrer jeweiligen Vergangenheit. Doch mit der Spannung hapert es leider hier und da, immer wieder reist der Faden ab, zu häufig und zu ausführlich sind die Ausflüge in die Welt der Musik, die sich zu Beginn noch sehr interessant ausnehmen, doch mit der Zeit scheinen sie mehr und mehr eine Variation ein und desselben Themas zu sein. Was in der Musik Ausdruck höchster Kunstfertigkeit ist, stört literarisch eher, zumal, wenn man sich im Bereich der Spannungsliteratur bewegt. Auch das Grundthema wird nur mehr oder weniger angekratzt. Von den Rosenholz-Dateien hat man ja schon in dem ein oder anderen Bericht oder auch Buch gelesen, auch dass der ein oder andere einflussreiche Westdeutsche auf der Gehaltsliste der Stasi stand ist keine wirkliche Neuigkeit und so bietet mir das Buch kein Mehr an Wissen, nichts was ich daraus für mich mitnehmen könnte, sieht man einmal von den unzähligen Film- und Musikzitaten ab (etwas, das mir als alte Zitatensammlerin durchaus gut gefällt).


Und so kann man das Buch nicht besser beschreiben als mit dem auf S. 290 aufgeführten Campbell-Zitat:


„Am Ende kehrt alles zu seinem Anfang zurück, sagt Campbell. Dazwischen liegt die Hölle.“


Denn auch wenn einen die grausamen Kindheitserinnerungen von Hannah, die Kriegserlebnisse von David und die Seelenqualen der beiden immer wieder bis ins Mark treffen, die Actionszenen immer wieder Schwung in die Handlung bringen, so ist man doch am Ende des Buches angelangt so schlau wie zuvor.


Insgesamt eine kurzweilige Unterhaltung und ein vielversprechendes Debüt, das mich am Ende leider nicht ganz überzeugen konnte.
Und um ein weiteres Filmzitat aus dem Buch zu bemühen:


„Aber am Ende ist alles gut. Und ist es nicht gut, dann ist es nicht das Ende.“ (S. 122)


Frei nach diesem Motto lässt auch Grimms vielversprechender Einstieg in die Buchwelt auf mehr hoffen, denn der Thriller rund um die Figur des David Berkhoff ist als Reihe angelegt, habe ich mir sagen lassen.

  (17)
Tags: bnd, ddr, rosenholz-dateien, stasi   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

7 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

tod abschied, bookporn, autoren, biografie, iris radisch

Die letzten Dinge

Iris Radisch
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 21.10.2016
ISBN 9783499631115
Genre: Sachbücher

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

5 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Ein Leben in Worten

Paul Auster , Inge Birgitte Siegumfeldt , Werner Schmitz , Silvia Morawetz
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 31.01.2017
ISBN 9783499272615
Genre: Biografien

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(200)

401 Bibliotheken, 26 Leser, 0 Gruppen, 123 Rezensionen

experiment, wissenschaft, roman, terranauten, usa

Die Terranauten

T. C. Boyle , Dirk van Gunsteren
Fester Einband: 608 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 09.01.2017
ISBN 9783446253865
Genre: Romane

Rezension:

Jeder Geist baut sich selbst ein Haus; und jenseits dieses Hauses eine Welt.
                                                                                                    Emerson

Es gibt Dinge, die Suchen und die finden sich. Ganz ähnlich dürfte es sich mit dem Thema „Biosphäre 2“ und T.C. Boyle verhalten haben.

Ein Millionär, mit visionären Ideen und eine Gruppe ausgewählter Mitarbeiter, die gemeinsam versuchen in einem nahezu wahnwitzigen Experiment zu beweisen, dass es möglich ist, eine künstliche Alternative zu unserer Erde, zu der einmaligen Biosphäre in der wir leben, zu erschaffen.
Klingt abenteuerlich, war es sicherlich auch, als sich vor nun mehr als  zwanzig Jahren vier Frauen und vier Männer dazu bereiterklärten sich für zwei Jahre in die sog. „Biosphäre 2“ einschließen zu lassen, einer Art riesigen Gewächshauses in der Wüste von Arizona. Ein künstlich erschaffenes Ökosystem mit allem was dazugehört: Ozean, insgesamt 4 Klimazonen (Wüste, Savanne, Regenwald, Mangrovensumpf), einer Fläche für Ackerbau- und Viehzucht und sogar einer Art kleinen Stadt als Unterkunft für die Bewohner, die sog, Bionauten. Ziel des Experimentes war es eine Alternative zum Leben auf der Erde zu schaffen, ein künstlicher Lebensraum, ein sich selbst erhaltendes ökologisches System, falls der Super Gau eintreten sollte und unsere Welt einmal nicht mehr bewohnbar sein, eine Möglichkeit, die das Leben auf einem Planeten wie dem Mars wieder in den Bereich des Machbaren rücken ließ. Nichts rein, nicht raus – so das oberste Mantra der Versuchsanordnung. Damals scheiterte die Crew schon nach wenigen Tagen, als die Bionautin Jane Poynter sich bei der Arbeit die Fingerkuppe abschnitt und ärztlich behandelt werden musste. Sie verließ nur für fünf Stunden die Biosphäre, doch die oberste Regel war gebrochen und auch wenn die Crew schlussendlich die vollen zwei Jahre in ihrer künstlichen Umgebung verbrachte so kann man das eigentliche Experiment doch als gescheitert ansehen.


Ein Stoff wie geschaffen für den amerikanischen Kultautor T.C. Boyle: Eine abgeschottete Gruppe, eine nahezu schon sektenähnliche Struktur, ein gottgleicher Leiter, Überwachung wie bei Big Brother und ein faszinierendes ökologisches Experiment, das sich allein schon ausnimmt wie ein Science Fiction.


Mit „Die Terranauten“ hat sich Boyle seine eigene „Biosphäre 2“ (im Buch heißt sie „Ecosphere 2“) geschaffen,  sein eigenes Experiment und seine Crew scheitert nicht so schnell. Mit eisernem Willen kämpfen sie mit Hunger, Ungeziefer, Sauerstoffmangel, menschlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten, dem Mangel an Privatsphäre und dem sich nicht ausweichen können. Hinzu kommt der Druck von außen durch die permanente Überwachung durch die „Mission Control“, Vorgaben die sie zu erfüllen haben, permanente Bevormundung und Konkurrenzdruck durch alternative Kandidaten, die nur auf ihre Chance warten, die Biosphäre zu betreten. Die Folgen: Neid, Missgunst und Mobbing. Schnell ist klar dieser Kampf geht viel tiefer als nur um Nahrungsmittel, ein bisschen Freiraum und Selbstbestimmtheit. Hier kämpft Mensch gegen Mensch, Crewmitglied gegen Crewmitglied und vor allem anderen kämpft man gegen und mit sich selbst.


Erzählt wir uns das Ganze aus drei unterschiedlichen Blickwinkeln: Dem der zwei Crewmitgliedern, Dawn Chapman und Ramsey Roothoorp, die uns so eine innere Sicht auf die Dinge vermitteln und dem der Dauerersatzkandidatin Linda Ryu, durch die wir einen Blick von außen auf die Biosphäre werfen können. Zugegeben, keiner der Blickwinkel ist neutral, doch Boyle schafft es eben durch die Realitäten der einzelnen Figuren, den Leser direkt in das Geschehen miteinzubeziehen. Automatisch bezieht man hier und da Partei, empfindet Antipathie und Sympathie. Das macht das Geschehen lebendig, für den Leser greifbar, ja, manchmal fühlt man sich als wäre man selbst gefangen unter dieser Glasglocke.


Mit „Die Terranauten“ zeigt uns T.C. Boyle einmal mehr auf, dass der Mensch sich eben so wenig kontrollieren lässt wie die Umwelt. Die Biosphäre ist eben nicht Star Trek. Captain Kirk und seine Crew mussten  keine Schweine füttern, Ziegen melken, mit Hunger kämpfen, sie konnten immer einmal wieder die Enterprise verlassen und sei es auch nur für kurze Zeit und an Bord fehlte es an rein gar nichts. Sie mussten nicht mit sich selbst kämpfen, sondern nur mit den Ungeheuern aus dem Weltall. Der Traum von eine neuen Welt scheint weiter weg denn je. Können wir wirklich darauf hoffen auf dem Mars ein kontrollierbares, sich selbst erneuerndes, ökologisches System zu errichten, wenn wir es nicht einmal auf der Erde schaffen achtsam mit unserer Umwelt umzugehen und ihr Gleichgewicht zu bewahren?


Einmal mehr hat uns T.C. Boyle den Spiegel der Wahrheit vorgehalten.

  (7)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(91)

151 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 30 Rezensionen

cambridge, boxen, pitt club, gesellschaftskritik, der club

Der Club

Takis Würger
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 22.02.2017
ISBN 9783036957531
Genre: Romane

Rezension:

Für mich ist Takis Würger eine der absoluten Überraschungen am Bücherhimmel dieses Frühjahres. Mit seinem schmalen Büchlein über geheimnisvolle und verbrecherische Machenschaften hinter den altehrwürdigen Mauern des Pitt Club, einer der berühmt berüchtigten Drinking Societys an der Universität in Cambridge, hat er mich absolut überzeugt. Nicht nur gewährt er uns hier einen unglaublich spannend zu lesenden und unverstellten Einblick in die Riten, Gebräuche, Sitten und Unsitten britischer Elite-Studenten, nein, hier schreibt zudem noch ein Insider. 2014 unterbrach der gelernte Journalist für ein Jahr seine Tätigkeit beim Nachrichtenmagazin der Spiegel, um Ideengeschichte am renommierten St. John´s College in Cambridge zu studieren.


Ein Umstand, der das Buch zu einem ganz besonderen Leseerlebnis macht. Fragt man sich doch unweigerlich die ganze Zeit, was ist hier wahr und was der Phantasie des Autors entsprungen. Ein Buch, dessen Reiz nicht nur in der erzählten Geschichte begründet liegt, sondern auch in der Geschichte seines Autors selbst.


Und so schickt Takis Würger in seinem Romanerstling seinen Protagonisten Hans in den Ring. Getarnt als Stipendiat soll er einen kritischen Blick hinter die perfekte Fassade der britischen Oberschicht werfen, einen Kampf um Rache, Gerechtigkeit und Liebe ausfechten. Ein Kampf, bei dem er immer wieder ins Straucheln gerät, geblendet von der Fülle an Macht, unermesslichen Reichtums, jahrhundertealter Tradition, die auf ihn als einfachen Jungen aus der Mittelschicht einstürmen. Doch Hans fällt immer wieder auf die Beine, bekommt immer wieder rechtzeitig den Blick frei, steht auf und kämpft weiter und der Leser als Zuschauer folgt gebannt, folgt dieser Geschichte, die in kurzen Kapiteln, Runde für Runde ihren Lauf nimmt, erzählt aus sieben unterschiedlichen Perspektiven, die uns, als stillem Beobachter, nicht nur einen interessanten Wissensvorsprung vor den Protagonisten ermöglichen, sondern nach und nach auch sämtliche Handelnden demaskieren und in ihrer ganzen höchsteigenen Wahrheit vor uns stehen lassen.


Am Ende, soviel sei schon einmal verraten geht Takis Würgers Geschichte auf. Stück für Stück fügt sich alles nahtlos ineinander, nur eins bleibt er uns schuldig, die Antwort auf die Frage nach der Wahrheit. Vielleicht auch besser so, schließlich sollte kein Künstler und erst recht kein Autor jemals alle Hüllen fallen lassen, die Illusion zerstören, der eigenen Phantasie des Lesers nicht vollkommen den Raum nehmen. Oder, um es mit einer von Takis Würgers Figuren zu sagen:


„Die Wahrheit, …. sind die Geschichten, die wir uns so lange erzählen, bis wir glauben, sie wären Wirklichkeit.“ S. 229


Eine geheime Studentenverbindung, dramatische Boxkämpfe und ein Verbrechen, mehr braucht es nicht für dieses gelungene Debüt. Erst kürzlich mit dem Debütpreis der lit.Cologne ausgezeichnet weiß dieses gerade einmal 240 Seiten starke Büchlein von innen wie von außen zu überzeugen. Enthält es doch nicht nur eine schnörkellos und absolut fesselnd erzählte Geschichte, sondern ist zugleich selbst auch ein kleines Kunstwerk. Bezogen mit Krawattenseide in den Farben des legendären Pitt Club fasst es sich nicht nur grandios an, sondern macht sich nach dem Lesen auch ganz hervorragend im Regal.

  (7)
Tags: boxen, cambridge, campusroman, drinking society, entwicklungsroman, geheimclub, kampf, krimi, pitt club, spannung   (10)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(35)

136 Bibliotheken, 19 Leser, 0 Gruppen, 14 Rezensionen

paul auster, amerika, new york, vietnamkrieg, bürgerrechtsbewegung

4 3 2 1

Paul Auster , Thomas Gunkel , Werner Schmitz , Karsten Singelmann
Fester Einband: 1.264 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 31.01.2017
ISBN 9783498000974
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(9)

13 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

dialogstark, buch, thriller, usa, online

Auf die sanfte Tour

Castle Freeman
E-Buch Text: 192 Seiten
Erschienen bei Verlag Nagel & Kimche AG, 30.01.2017
ISBN 9783312010240
Genre: Romane

Rezension:

Konnte mich der Autor bereits mit „Männer mit Erfahrung“ im vergangenen Jahr überzeugen (siehe meine Rezension dazu), so wurden meine Erwartungen auch mit „Auf die sanfte Tour“, seinem zweiten bei Nagel & Kimche erschienen Buch nicht enttäuscht.


Gewohnt dialogstark, mit viel Witz und lässiger Situationskomik entführt uns Castle Freeman auch dieses Mal wieder in die raue und wild-romantische Welt der Berge von Vermont/Neuengland. Dorthin, wo sich Fuchs und Hase sprichwörtlich gute Nacht sagen. Mittenhinein ins Herz von Amerika. Wo Männer noch richtige Männer sind, die Menschen keine Freunde großer Worte – Adjektive wie eigensinnig, kauzig, starrsinnig und stur, erst wieder zu ihrer wahren Bedeutung finden. Aber auch eine Gegend, in der man noch zusammenhält, man seinen Nachbarn (und möge er auch noch so weit entfernt wohnen) noch kennt, sich gegenseitig noch hilft.
Und genau hier, an diesem gottverlassenen Ort befindet sich das Revier von Sheriff Wing. Ein Mann vom alten Schlag, dem Übereifer fern liegt, der erst einmal alles in Ruhe überdenkt, bevor er handelt, eben ein Mann, der alles „Auf die sanfte Tour“ erledigt. Doch als sich dann ausgerechnet in seinem Verantwortungsbereich die Russenmafia häuslich einrichtet und ein junger, einheimischer Kleinganove nichts Besseres zu tun weiß, als in  deren Villa einzubrechen und den Tresor zu stehlen, (mit heiklem Inhalt, was hier wohl nicht extra noch betont werden muss) stößt auch Wing an seine Grenzen und steht der wohl größten Herausforderung seiner Dienstzeit gegenüber.


Gewohnt scharfzüngig, mit viel hintergründigem Humor, Augenzwinkern und der nötigen Coolness, erzählt uns Castle Freeman hier wieder eine Geschichte in bester Westernmanier, wie sie sich nur in der amerikanischen Provinz abspielen kann.


Eine Liebeserklärung an Land und Leute.


War ich bereits von „Männern mit Erfahrung“ begeistert, so macht mich „Auf die sanfte Tour“ zum Fan. Zwei unglaubliche Lesevergnügen, die mich immer wieder an die harten Männer auf ARTE denken lassen: Die Abenteurer in den Rocky Mountains, die Goldsucher, die Trucker in Alaska –wenn ihr wisst was ich meine. Dank meinem Mann weiß ich es.

  (17)
Tags: dialogstark   (1)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(12)

17 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

leben, freundschaft, trauma, hipsters, leid

Ein wenig Leben

Hanya Yanagihara , Stephan Kleiner , Torben Kessler
Audio CD
Erschienen bei Hörbuch Hamburg, 01.02.2017
ISBN 9783957130778
Genre: Romane

Rezension:

Ein Buch, das mich absolut begeistert hat und das ich in fast schon kindlich anmutender Faszination in nur wenigen Tagen regelrecht verschlungen habe, trotz seines doch recht beachtlichen Umfangs. Eine nicht ganz einfache Lektüre, aber es lohnt sich.


Die Rede ist von „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara. Ein unglaubliches Buch. Unfassbar. Lange hat mich kein Buch mehr so berührt, ging mir so unter die Haut.


„Ich glaube, der Trick bei Freundschaften besteht darin, Menschen zu finden, die besser sind als man selbst – nicht klüger, nicht cooler, sondern liebenswürdiger und großzügiger und nachsichtiger - , und sie dann für das wertzuschätzen, was sie dir beibringen können, und ihnen zuzuhören, wenn sie dir etwas über dich sagen, ganz egal wie schlecht – oder gut – es ist, und ihnen zu vertrauen, was der schwierigste Teil ist. Aber auch der beste.“ (aus „Ein wenig Leben)


 „Ein wenig Leben“ handelt denn auch von der lebenslangen Freundschaft von Jude, JB, Malcom und Willem. Vier Leben, vier Freunde, vier Geschichten. Vier Biografien, eine jede auf ihre Weise interessant zu lesen. Vier komplett gegenläufige Lebensentwürfe und dennoch verlieren sich die Freunde aus Collegetagen über die drei Jahrzehnte, die wir sie auf ihrem Weg begleiten dürfen, nie ganz aus den Augen. Und so erfahren wir, Seite für Seite, immer mehr über ihre Kindheit, Jugend, Familien. Geschichten von Trauer, Identitäts- und Sinnsuche. Erleben mit, wie die vier Freunde allesamt, nach und nach, ihren Platz im Leben finden, erfolgreich sind in ihren jeweiligen Berufen, als Architekt, Maler, Schauspieler und Rechtsanwalt. Und so springt die Handlung scheinbar willkürlich vor und zurück im Leben der vier – bis, ja, bis JB, Malcom und Willem in ihrer ganzen nackten Wahrheit vor uns stehen, gänzlich ihrer Geheimnisse beraubt. Nur über Jude St. Francis wissen wir nach wie vor so gut wie nichts. Wir sehen nur den ruhigen, besonnenen, sympathischen und intelligenten jungen Mann, der, körperlich versehrt, immer wieder von Schmerzattacken gepeinigt, mehr und mehr in seiner Handlungsfreiheit eingeschränkt wird und können doch nur vermuten, aber in keinster Weise erahnen, was ihm schreckliches in seiner Kindheit wiederfahren sein muss. Ein Mann, gefangen im eigenen Körper.


Mehr und mehr rückt Jude in den Mittelpunkt des Geschehens, dreht sich der Roman um diesen einen dunklen Punkt in seinem Leben und auch wenn sich die Handlung so manches Mal auf der Stelle zu bewegen scheint, so wir es doch nie langweilig, denn nun will man es wissen, Judes Geheimnis, will sie kennenlernen, seine Dämonen. Und ganz langsam bewegt man sich mit seinen Freunden auf den Abgrund zu, blickt hinab und da ist sie Judes Geschichte in ihrer ganzen unerbittlichen Härte.


„Es ist eine gute Geschichte“ sagte er. Er grinste mich sogar an. „Ich erzähle sie dir.“ „Bitte“, sagte ich. Und dann tat er es. (aus „Ein wenig Leben“)


Zugegeben „Ein wenig Leben“ ist trotz wunderschöner Sprache keine schöne, aufgeräumte, höfliche Lektüre. Es ist ein Buch das wehtut und dies auch will. Nicht sittsam, noch geduldig. Hart und unnachgiebig. Hier wird niemand geschont, am allerwenigsten der Leser. Die Handlung folgt keinem bestimmten Plan, keiner Ordnung. Scheinbar losgelöst von Zeit und Raum springt die Handlung hin und her, kein Weltgeschehen trübt den Blick. Ein literarischer Drahtseilakt. Prophetische Weitsicht steht im Kontrast zu unheilvollen Gewissheiten und längst vergangenen Tatsachen. Ein Strudel aus Gefühlen, dem man sich als Leser nicht verschließen kann. Eine Literatur, die in keine Schablone passen will. Nahezu besitzergreifend. Es ist ein Buch, das den Leser herausfordert, für die Dauer seiner Lektüre komplett in Anspruch nimmt. Man ist hin- und hergerissen zwischen absoluter Faszination über die Art, wie Yanagihara uns ihre Geschichte erzählt und absoluter Erschütterung über Judes Seelenqualen. Eines ist sicher, nach der Lektüre dieses Buches sieht man die Welt mit etwas anderen Augen.
Ein Buch wie ein Schrei.


Selten passen Cover und Buch so gut zusammen wie in diesem Fall, greift das Cover so stimmig das im Buch vorherrschende Gefühl auf. Man könnt fast meinen, das Bild sei extra für dieses Buch aufgenommen worden. Doch weit gefehlt. „Orgasmic Man“ entstand bereits 1969, lange bevor die Autorin geboren wurde. Aufgenommen wurde es vom Fotografen Peter Hujar, dem unter anderem auch Susan Sontag und Andy Warhol Modell saßen.


Und so stellt denn auch Hanya Yanagihara nach dem Cover befragt fest:


„Kunst ist immer im Dialog mit anderer Kunst, ob bewusst oder unbewusst, und wann immer ein Künstler diesem Dialog eine Zeile hinzufügt, ist das eine wunderbare Erfahrung.“


Hanya Yanagihara, 1974 in Los Angeles als Tochter hawaiianisch-asiatischer Eltern geboren, lebt und arbeitet sie heute als Schriftstellerin, Journalistin und Redakteurin beim Magazin T der New York Times in New York. Ihre großen Themen sind das Leben in all seiner Härte, Missbrauch, Abstammung, Identität. "Ein wenig Leben" ist ihr bereits zweiter Roman. Er stand auf der Shortlist des Man Booker Prize und des National Book Award und gehört zu den meist diskutiertesten literarischen Werken der vergangenen Jahre in den USA. Die Verfilmung des Romans durch den Oscar- und Emmy-Preisträger Scott Rudin ist in Vorbereitung.

  (8)
Tags: freundschaf, missbrauc, trauma   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(7)

13 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

flanieren, spaziergänge, paris, verlag: braumüller, adressen für lokale und einkaufsmöglichkeiten

Paris abseits der Pfade

Georg Renöckl
Flexibler Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Braumüller Verlag, 04.11.2016
ISBN 9783991001867
Genre: Sonstiges

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(131)

185 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 100 Rezensionen

mata hari, paulo coelho, spionage, spionin, roman

Die Spionin

Paulo Coelho , Maralde Meyer-Minnemann
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 23.11.2016
ISBN 9783257069778
Genre: Romane

Rezension:

Ihre Intelligenz wurde ihr zum Verhängnis, ihre Beziehungen zu Männern zur Gefahr, ihre Amoralität und ihr Wissen um die weibliche Verführungskunst zur Waffe gegen sie, dabei bestand ihr einziges Verbrechen darin frei und unabhängig zu sein.


Die Rede ist von Mata Hari, was so viel bedeutet wie „Auge des Tages“. Sie war eine exotische Nackttänzerin, exzentrische Künstlerin, Geliebte zahlreicher einflussreicher Männer und mutmaßliche Doppelagentin. Am 25. Juli 1917 wurde sie wegen Hochverrats von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt.


Mata Haris abenteuerliches Leben und ihr tragisches Ende stehen bis heute im Mittelpunkt zahlreicher Romane und Filme. 2017 jährt sich ihr Todestag zum 100-sten Male.


Mit „Die Spionin“ hat Paolo Coelho dieser geheimnisumwobenen Frau ein weiteres literarisches Denkmal gesetzt.


Coelhos Geschichte beginnt mit ihrem Ende: Am 15. Oktober 1917 wurde Mata Hari in den frühen Morgenstunden in Vincennes Paris hingerichtet. „Mata Hari wurden weder die Auge verbunden, noch wurde sie gefesselt.“ (S. 15) Mutig sah sie ihrem Tod entgegen. Auf eigenen Wunsch wohlgemerkt. Doch wer war diese Frau, die hier in den  frühen Morgenstunden den Tod fand? Wer war die Frau hinter der Fassade der Weltberühmten Schleiertänzerin, Edeldirne und mutmaßlichen Doppelagentin H21? Nur wenig ist über sie tatsächlich bekannt.


Die unklare Quellenlage ist zum einen sicherlich auf sie selbst zurückzuführen, auf die von ihr zahlreich erfundenen Geschichten, mit denen sie Fakten ihres Lebens zu verändern suchte, zu beschönigen und ihre Person interessanter zu machen und zum anderen auf ihre zahlreichen Biographen, die umstrittene Anekdoten, Geschichten, Legenden als Tatsachen verkauften und so sicherlich zur Verschleierung ihrer wahren Geschichte wesentlich mit beitrugen. Ergebnis: Der Mythos Mata Hari. Ihre wahre Geschichte wird wohl für alle Zeiten im Dunkeln bleiben.


Sicherlich eine schwierige Sache über eine solch berühmte Frau zu schreiben, über die dennoch so wenig bekannt ist, andererseits dürfte dies für einen Schriftsteller auch gerade den Reiz darstellen, eröffnet doch gerade der Mangel an Fakten Raum für Interpretationen. Und so nähert sich denn auch Coelho seiner Version der Mata Hari unmittelbar, lässt sie selbst in einem einzigen langen Brief an ihren Verteidiger ihre Geschichte erzählen. Noch hofft seine Mata Hari in ihrer Zelle auf Begnadigung, nur wir die Leser wissen, dass diese Hoffnung vergebens sein wird und so schreibt sie, offen, ehrlich, direkt, immer noch in der Annahme, dass der Brief der nur im Falle ihres Todes den Adressaten erreichen wird nie ausgehändigt werden muss und lässt dabei die selbstgewählte Maske fallen, Hülle für Hülle, Schleier für Schleier, bis sie schließlich vor uns steht Coelhos Mata Hari.


Selbstbewusst ist sie. Zielstrebig. Eigensinnig. Sie liebte die Abwechslung, das Drama, den großen Auftritt und das Abenteuer.
Schnell wird einem klar, was Coelho so an dieser Frauengestalt fasziniert: Sind doch auch seine fiktiven Protagonistinnen stets mutig und kämpferisch. Und auch Mata Hari führt einen lebenslangen Kampf, um einen Platz in einer von Männern dominierten Welt. Einen Kampf, den sie am Ende verlieren wird. Eine Frau, auf der Suche nach der wahren Lebensfreude, dem Sinn des Lebens - „La vraie vie“.Eine Frau, gefangen in den engen Maschen gesellschaftlicher Normen, Konventionen, Regeln. Eine Frau, die sich mit ihren ganzen Lügen selbst das Netz baute, in dem sie am Ende hängen bleibt. Eine Frau, die sich weigert sich zu verlieben und am Ende dennoch für die Liebe stirbt. Ähnlich wie Oscar Wildes Salomé.


„Aber die Liebe gehorcht niemanden und verrät jene, die ihr Geheimnis aufdecken wollen.“ (S. 165)


Mit „Die Spionin“ ging es Coelho sicherlich nicht darum, eine weitere Biographie Mata Haris zu schreiben. Ihm ging es um die Frau an sich, die Person hinter dem Mythos. Und so rafft er an so mancher Stelle ihre Geschichte, legt gezielt sein Augenmerk auf wenige entscheidende Momente ihres Lebens. Natürlich hält er sich an die wenigen bekannten Fakten und füllt die Lücken mit Fiktion, dennoch möchte und kann der Roman eines nicht sein, ein Lebensbericht. Zu wenig weiß man über die wahre Mata Hari, zu wenig verlässliche Quellen existieren und mit der Wahl der Briefformen setzt sich der Autor selbst enge Grenzen. Grenzen, die er jedoch gekonnt zu öffnen weiß, indem er den Verteidiger seinerseits im Anschluss einen Brief an Mata Hari schreiben lässt, datiert einen Tag vor ihrem Tod. Geschickt verpackt er darin die wenigen Tatsachen, die aus den Akten bekannt sind und ermöglicht uns so die Person Mata Hari aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.


Entstanden ist ein intimes „Porträt einer klugen, verführerischen Frau, die den männlichen Moralvorstellungen zum Trotz ihr selbstbestimmtes Lebe führte – bis zuletzt.“ Wie es auf der Umschlaginnenseite so treffend heißt.


Ein fesselndes Buch, absolut süffig zu lesen. Seit längerem wieder ein Coelho, der mich so richtig zu überzeugen vermochte.

  (16)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(56)

118 Bibliotheken, 8 Leser, 1 Gruppe, 14 Rezensionen

china, uhrmacher, zeit, verbotene stadt, ewigkeit

Cox

Christoph Ransmayr
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 27.10.2016
ISBN 9783100829511
Genre: Romane

Rezension:

Mal fließt sie langsam und gemächlich dahin, mal vergeht sie rasend schnell. Mal scheint sie sich unendlich auszudehnen, dann zieht sie sich wieder aufs äußerste zusammen. Mit fortschreitendem Lebensalter scheint sie immer schneller zu vergehen. Die Rede ist von der Zeit. Niemand vermag sie anzuhalten, keiner zu beeinflussen, keiner zu stoppen. Sie fließt dahin, vergeht unbarmherzig. Zeit – ein Phänomen, das die Menschen schon seit jeher bewegt.


Wer hat ihn nicht schon einmal geträumt, diesen unsäglichen Traum von der Ewigkeit. Doch unaufhaltsam rinnt sie dahin, unsere Lebenszeit. Und wenn es eine Gewissheit gibt im Leben und auf Erden, so ist es unsere eigene Endlichkeit. Eine unumstößliche Tatsache, für manchen schwer zu akzeptieren, erst recht, wenn man der Kaiser von China, der vermeintlich mächtigste Mann der Welt ist, dem Titel nach alleiniger Herr über die Zeit.
Und so lädt Qiánlóng, der vierte Kaiser der Qīng-Dynastie, „Herr der zehntausend Jahre“, den englischen Automatenbauer und Uhrmacher Alister Cox an seinen Hof ein.


„Der Kaiser wollte, daß Cox ihm für die fliegenden, kriechenden oder erstarrten Zeiten eines menschlichen Lebens Uhren baute, Maschinen, die gemäß dem Zeitempfinden eines Liebenden, eines Kindes, eines Verurteilten und anderer, an den Abgründen oder in den Käfigen ihrer Existenz gefangenen oder über den Wolken ihres Glücks schwebenden Menschen den Stunden- oder Tageskreis anzeigen sollten – das wechselnde Tempo der Zeit.“ (S. 83)


Was zunächst für Cox und seine Gefährten kein größeres Problem darzustellen scheint, lediglich eine neuerliche Herausforderung, entwickelt sich schnell zu einem riskanten Unterfangen. Denn der Kaiser wird immer maßloser in seinen Wünschen und so fordert er eines Tages den Bau eines ganz besonderen Zeitmessers:


„Eine Uhr für die Ewigkeit. Die Uhr aller Uhren. Perpetuum mobile…“ (S. 217)


Und auch wenn Cox um die Unmöglichkeit eines solchen Wunsches weiß, macht er sich ans Werk, denn einem Kaiser widerspricht man nicht.


Mit „Cox oder Der Lauf der Zeit“ führt uns Christoph Ransmayr tief hinein in die Welt des alten Chinas, hinein in die verbotene Stadt und an den Hof eines allmächtigen Despoten. Ein Ort, an dem man nur allzu schnell seinen Kopf verliert, an dem man niemanden trauen kann. Ein Ort, absoluter Schönheit und zur Schau getragenen Reichtums, aber auch unsäglicher Ängste, Schmerzen und Qualen. Ein Ort strenger Regeln, Riten, Sitten und Bräuche, über die sich nicht einmal ein Kaiser so einfach hinwegsetzen kann, ohne dabei Misstrauen und Unmut zu erzeugen.


Ein meisterliches Spiel mit der Zeit, der Geschichte, historischen Fakten und Figuren, über das wir bei aller Begeisterung nicht vergessen dürfen, dass es sich nur um einen Roman handelt, um reine Fiktion. So hat der wahre, der historische Uhrenbauer James Cox, der für die Figur des Alister Cox als Vorbild diente, chinesischen Boden nie betreten. Der Kaiser und er sind sich nie begegnet, auch wenn zahlreiche seiner Werke noch heute in den Pavillons der Verbotenen Stadt zu sehen sind. Allein die Liebe und Leidenschaft zur Kunst der Zeitmessung verband die beiden über Kontinente hinweg.


Mit „Cox oder Der Lauf der Zeit“ hat einmal mehr einer der großen Fabulierer unserer Tage sein Können unter Beweis gestellt. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt, über uns, das Leben, den Gang der Dinge und den Lauf der Zeit. Denn unerbittlich schlägt er, der Takt der Zeit, gibt uns täglich unseren Rhythmus vor. Mal schneller und mal langsamer. Und wer weiß, vielleicht sind es am Ende nur unsere Worte und Taten, die die Zeit zu überdauern wissen, wenn überhaupt.

 
„…selbst wenn ein Mensch sich im Glauben wiegt, Herr über die Zeit zu sein, beginnt sie doch mit jedem verstrichenen Jahr seines Lebens, während so vieles an ihm träger und langsamer wird, rascher zu fließen. Kaum hat er seine Liebsten um sich versammelt, um mit ihnen einen Festtag zu begehen, ist ein weiteres Jahr verflogen, und er beginnt allmählich, dem Verurteilten ähnlicher zu werden, der den Tag seiner Hinrichtung erwartet.“ (S. 80 f)


Und wenn wir das nächste Mal einer Schnecke begegnen, dann sollten wir immer daran denken, dass sie in China als Zeichen für Reichtum und Glück steht.

 „Denn nur wer den Luxus der Langsamkeit genießen konnte, durfte sich in dem Traum wiegen, das kostbarste aller menschenmöglichen Güter zu besitzen. Zeit.“ (S. 270)


(Bei diesen Worten fühlte ich mich an meine Kindheitstage und an die Geschichte von „Momo“ von Michael Ende erinnert, nur waren es hier die Schildkröten.)

  (26)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(80)

204 Bibliotheken, 7 Leser, 2 Gruppen, 48 Rezensionen

usa, mutter, familie, geister, amerika

Geister

Nathan Hill , Werner Löcher-Lawrence , Katrin Behringer
Fester Einband: 864 Seiten
Erschienen bei Piper, 04.10.2016
ISBN 9783492057370
Genre: Romane

Rezension:

952 Gramm ist er schwer, 864 Seiten umfasst er, über 10 Jahre hat sein Autor daran geschrieben. Ein literarisches Schwergewicht in mehr als nur einer Hinsicht.
Die Rede ist von „Geister“, dem druckfrischen Roman des amerikanischen Literaturprofessors und Autors Nathan Hill. Sprachlich ausgefeilt (was auch der hervorragenden Übersetzung durch Werner Löcher-Lawrence und Katrin Behringer geschuldet sein dürfte), stilistisch ein Feuerwerk an Ideen und inhaltlich direkt am Puls der Zeit. Dieser Roman weiß zu überzeugen.


Samuel Anderson ist 11 Jahre alt, als seine Mutter von einem Tag auf den anderen die Familie verlässt. 20 Jahre später, Samuel ist mittlerweile Literaturprofessor an einem kleinen College in Chicago, erhält er einen Anruf der Anwaltskanzlei Rogers & Rogers, der sein Leben mit einem Schlag verändert. Er soll für seine jahrelang verschwundene Mutter bürgen: Diese befindet sich, nach einem tätlichen Angriff auf einen republikanischen Präsidentschaftskandidaten in Haft. Samuel soll nun ihre Integrität bezeugen. Ein Gedanke, der ihm zunächst völlig abwegig erscheint. Doch Samuel will auch endlich begreifen, was damals wirklich geschehen ist.


„Die Dinge, die du am meisten liebst…werden dich eines Tages am schlimmsten verletzten.“ (S. 143)


Der 1976 geborene Nathan Hill versteht es geschickt, einen beinahe ein halbes Jahrhundert amerikanische Gegenwartgeschichte umfassenden Gesellschaftsroman mit einer spannungsgeladenen Mutter-Sohn-Geschichte, voller Zweifel, Missverständnisse und verpasster Chancen zu verbinden. Ein Buch, welches einmal mehr sehr anschaulich macht, wie wichtig es ist, dass die Menschen miteinander reden. Jetzt, heute, hier und in Zukunft. Sprache war schon immer das verbindende Element.


„Manchmal sind wir so sehr in unserer eigenen Geschichte verfangen, dass wir unsere Rolle in der Geschichte eines anderen nicht sehen.“ (S. 856)


Mit „Geister“ hält Hill der Gesellschaft den Spiegel vor und ganz besonders der amerikanischen, mit ihrer tiefen inneren Zerrissenheit und dem nach außen hin künstlich Aufrecht erhaltenen Bild einer scheinbar ach so perfekten Gesellschaftsordnung. Amerika, ein Land in dem es schon sehr lange kriselt, mit seinen ganzen falschen Idealen. Ein Land, indem der Starke gewinnt und der Schwächere gnadenlos untergeht. Vom Tellerwäscher zum Millionär, dieser Traum scheint lange schon ausgeträumt. Es ist nicht mehr der Traum selbst der zählt, es geht nur noch um seine Präsentation.


„…Es ist das Einzige, worin Amerika noch gut ist. Es sind nicht die Snacks selbst, unsere Spezialität ist das Erfinden neuer Möglichkeiten, wie wir die Snacks sehen können.“ (S. 822)


Ja, er übt ganz schön Kritik dieser Nathan Hill, er tut dies aber mit einer ganz ordentlichen Portion Humor und Zynismus, was der Lektüre, trotz der schwere ihrer Themen eine gewisse Leichtigkeit verleiht. Eine Leichtigkeit, die diesen Roman, im Gegensatz zu anderen Büchern dieser Gattung, dennoch zu einem wahren Pageturner macht. Nathan Hill versteht es, mit Sinn für feine, raffinierte Pointen Bilanz zu ziehen und ein absolut treffendes Bild der Zeit in der wir leben zu zeichnen, das durch  den Ausgang der us-amerikanischen Wahl noch mehr an Brisanz gewonnen hat.


„Manchmal glaubt ein Land, es hat verdient, dass man ihm den Hintern versohlt, manchmal will es umarmt werden“, lässt Hill eine seiner Personen im Buch so trefflich feststellen. „Wenn es umarmt werden will, wählt es demokratisch. Ich setze im Moment darauf, dass die Leute bestraft werden wollen.“ (S. 687)


Wenn man bedenkt, dass das Buch noch vor Ende der Wahl erschienen ist, muten diese Sätze beinahe schon prophetisch an.


„Geister“ von Nathan Hill, erschienen im Piper-Verlag 2016.

  (19)
Tags: familienroman, gesellschaftskritisch, gesellschaftsroman, mutter-sohn-konflikt   (4)
 
1132 Ergebnisse

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist! Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach!

Hol dir mehr von LovelyBooks