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7 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

tod abschied, bookporn, autoren, biografie, iris radisch

Die letzten Dinge

Iris Radisch
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 21.10.2016
ISBN 9783499631115
Genre: Sachbücher

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4 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Ein Leben in Worten

Paul Auster , Inge Birgitte Siegumfeldt , Werner Schmitz , Silvia Morawetz
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 31.01.2017
ISBN 9783499272615
Genre: Biografien

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291 Bibliotheken, 31 Leser, 0 Gruppen, 80 Rezensionen

experiment, wissenschaft, roman, terranauten, usa

Die Terranauten

T. C. Boyle , Dirk van Gunsteren
Fester Einband: 608 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 09.01.2017
ISBN 9783446253865
Genre: Romane

Rezension:

Jeder Geist baut sich selbst ein Haus; und jenseits dieses Hauses eine Welt.
                                                                                                    Emerson

Es gibt Dinge, die Suchen und die finden sich. Ganz ähnlich dürfte es sich mit dem Thema „Biosphäre 2“ und T.C. Boyle verhalten haben.

Ein Millionär, mit visionären Ideen und eine Gruppe ausgewählter Mitarbeiter, die gemeinsam versuchen in einem nahezu wahnwitzigen Experiment zu beweisen, dass es möglich ist, eine künstliche Alternative zu unserer Erde, zu der einmaligen Biosphäre in der wir leben, zu erschaffen.
Klingt abenteuerlich, war es sicherlich auch, als sich vor nun mehr als  zwanzig Jahren vier Frauen und vier Männer dazu bereiterklärten sich für zwei Jahre in die sog. „Biosphäre 2“ einschließen zu lassen, einer Art riesigen Gewächshauses in der Wüste von Arizona. Ein künstlich erschaffenes Ökosystem mit allem was dazugehört: Ozean, insgesamt 4 Klimazonen (Wüste, Savanne, Regenwald, Mangrovensumpf), einer Fläche für Ackerbau- und Viehzucht und sogar einer Art kleinen Stadt als Unterkunft für die Bewohner, die sog, Bionauten. Ziel des Experimentes war es eine Alternative zum Leben auf der Erde zu schaffen, ein künstlicher Lebensraum, ein sich selbst erhaltendes ökologisches System, falls der Super Gau eintreten sollte und unsere Welt einmal nicht mehr bewohnbar sein, eine Möglichkeit, die das Leben auf einem Planeten wie dem Mars wieder in den Bereich des Machbaren rücken ließ. Nichts rein, nicht raus – so das oberste Mantra der Versuchsanordnung. Damals scheiterte die Crew schon nach wenigen Tagen, als die Bionautin Jane Poynter sich bei der Arbeit die Fingerkuppe abschnitt und ärztlich behandelt werden musste. Sie verließ nur für fünf Stunden die Biosphäre, doch die oberste Regel war gebrochen und auch wenn die Crew schlussendlich die vollen zwei Jahre in ihrer künstlichen Umgebung verbrachte so kann man das eigentliche Experiment doch als gescheitert ansehen.


Ein Stoff wie geschaffen für den amerikanischen Kultautor T.C. Boyle: Eine abgeschottete Gruppe, eine nahezu schon sektenähnliche Struktur, ein gottgleicher Leiter, Überwachung wie bei Big Brother und ein faszinierendes ökologisches Experiment, das sich allein schon ausnimmt wie ein Science Fiction.


Mit „Die Terranauten“ hat sich Boyle seine eigene „Biosphäre 2“ (im Buch heißt sie „Ecosphere 2“) geschaffen,  sein eigenes Experiment und seine Crew scheitert nicht so schnell. Mit eisernem Willen kämpfen sie mit Hunger, Ungeziefer, Sauerstoffmangel, menschlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten, dem Mangel an Privatsphäre und dem sich nicht ausweichen können. Hinzu kommt der Druck von außen durch die permanente Überwachung durch die „Mission Control“, Vorgaben die sie zu erfüllen haben, permanente Bevormundung und Konkurrenzdruck durch alternative Kandidaten, die nur auf ihre Chance warten, die Biosphäre zu betreten. Die Folgen: Neid, Missgunst und Mobbing. Schnell ist klar dieser Kampf geht viel tiefer als nur um Nahrungsmittel, ein bisschen Freiraum und Selbstbestimmtheit. Hier kämpft Mensch gegen Mensch, Crewmitglied gegen Crewmitglied und vor allem anderen kämpft man gegen und mit sich selbst.


Erzählt wir uns das Ganze aus drei unterschiedlichen Blickwinkeln: Dem der zwei Crewmitgliedern, Dawn Chapman und Ramsey Roothoorp, die uns so eine innere Sicht auf die Dinge vermitteln und dem der Dauerersatzkandidatin Linda Ryu, durch die wir einen Blick von außen auf die Biosphäre werfen können. Zugegeben, keiner der Blickwinkel ist neutral, doch Boyle schafft es eben durch die Realitäten der einzelnen Figuren, den Leser direkt in das Geschehen miteinzubeziehen. Automatisch bezieht man hier und da Partei, empfindet Antipathie und Sympathie. Das macht das Geschehen lebendig, für den Leser greifbar, ja, manchmal fühlt man sich als wäre man selbst gefangen unter dieser Glasglocke.


Mit „Die Terranauten“ zeigt uns T.C. Boyle einmal mehr auf, dass der Mensch sich eben so wenig kontrollieren lässt wie die Umwelt. Die Biosphäre ist eben nicht Star Trek. Captain Kirk und seine Crew mussten  keine Schweine füttern, Ziegen melken, mit Hunger kämpfen, sie konnten immer einmal wieder die Enterprise verlassen und sei es auch nur für kurze Zeit und an Bord fehlte es an rein gar nichts. Sie mussten nicht mit sich selbst kämpfen, sondern nur mit den Ungeheuern aus dem Weltall. Der Traum von eine neuen Welt scheint weiter weg denn je. Können wir wirklich darauf hoffen auf dem Mars ein kontrollierbares, sich selbst erneuerndes, ökologisches System zu errichten, wenn wir es nicht einmal auf der Erde schaffen achtsam mit unserer Umwelt umzugehen und ihr Gleichgewicht zu bewahren?


Einmal mehr hat uns T.C. Boyle den Spiegel der Wahrheit vorgehalten.

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41 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

cambridge, boxen, high-society, krimi, pitt club

Der Club

Takis Würger
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 22.02.2017
ISBN 9783036957531
Genre: Romane

Rezension:

Für mich ist Takis Würger eine der absoluten Überraschungen am Bücherhimmel dieses Frühjahres. Mit seinem schmalen Büchlein über geheimnisvolle und verbrecherische Machenschaften hinter den altehrwürdigen Mauern des Pitt Club, einer der berühmt berüchtigten Drinking Societys an der Universität in Cambridge, hat er mich absolut überzeugt. Nicht nur gewährt er uns hier einen unglaublich spannend zu lesenden und unverstellten Einblick in die Riten, Gebräuche, Sitten und Unsitten britischer Elite-Studenten, nein, hier schreibt zudem noch ein Insider. 2014 unterbrach der gelernte Journalist für ein Jahr seine Tätigkeit beim Nachrichtenmagazin der Spiegel, um Ideengeschichte am renommierten St. John´s College in Cambridge zu studieren.


Ein Umstand, der das Buch zu einem ganz besonderen Leseerlebnis macht. Fragt man sich doch unweigerlich die ganze Zeit, was ist hier wahr und was der Phantasie des Autors entsprungen. Ein Buch, dessen Reiz nicht nur in der erzählten Geschichte begründet liegt, sondern auch in der Geschichte seines Autors selbst.


Und so schickt Takis Würger in seinem Romanerstling seinen Protagonisten Hans in den Ring. Getarnt als Stipendiat soll er einen kritischen Blick hinter die perfekte Fassade der britischen Oberschicht werfen, einen Kampf um Rache, Gerechtigkeit und Liebe ausfechten. Ein Kampf, bei dem er immer wieder ins Straucheln gerät, geblendet von der Fülle an Macht, unermesslichen Reichtums, jahrhundertealter Tradition, die auf ihn als einfachen Jungen aus der Mittelschicht einstürmen. Doch Hans fällt immer wieder auf die Beine, bekommt immer wieder rechtzeitig den Blick frei, steht auf und kämpft weiter und der Leser als Zuschauer folgt gebannt, folgt dieser Geschichte, die in kurzen Kapiteln, Runde für Runde ihren Lauf nimmt, erzählt aus sieben unterschiedlichen Perspektiven, die uns, als stillem Beobachter, nicht nur einen interessanten Wissensvorsprung vor den Protagonisten ermöglichen, sondern nach und nach auch sämtliche Handelnden demaskieren und in ihrer ganzen höchsteigenen Wahrheit vor uns stehen lassen.


Am Ende, soviel sei schon einmal verraten geht Takis Würgers Geschichte auf. Stück für Stück fügt sich alles nahtlos ineinander, nur eins bleibt er uns schuldig, die Antwort auf die Frage nach der Wahrheit. Vielleicht auch besser so, schließlich sollte kein Künstler und erst recht kein Autor jemals alle Hüllen fallen lassen, die Illusion zerstören, der eigenen Phantasie des Lesers nicht vollkommen den Raum nehmen. Oder, um es mit einer von Takis Würgers Figuren zu sagen:


„Die Wahrheit, …. sind die Geschichten, die wir uns so lange erzählen, bis wir glauben, sie wären Wirklichkeit.“ S. 229


Eine geheime Studentenverbindung, dramatische Boxkämpfe und ein Verbrechen, mehr braucht es nicht für dieses gelungene Debüt. Erst kürzlich mit dem Debütpreis der lit.Cologne ausgezeichnet weiß dieses gerade einmal 240 Seiten starke Büchlein von innen wie von außen zu überzeugen. Enthält es doch nicht nur eine schnörkellos und absolut fesselnd erzählte Geschichte, sondern ist zugleich selbst auch ein kleines Kunstwerk. Bezogen mit Krawattenseide in den Farben des legendären Pitt Club fasst es sich nicht nur grandios an, sondern macht sich nach dem Lesen auch ganz hervorragend im Regal.

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Tags: boxen, cambridge, campusroman, drinking society, entwicklungsroman, geheimclub, kampf, krimi, pitt club, spannung   (10)
 

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67 Bibliotheken, 15 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

paul auster, 4 3 2 1, 2017, amerika, roman

4 3 2 1

Paul Auster , Thomas Gunkel , Werner Schmitz , Karsten Singelmann
Fester Einband: 1.264 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 31.01.2017
ISBN 9783498000974
Genre: Romane

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6 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

dialogstark

Auf die sanfte Tour

Castle Freeman
E-Buch Text: 192 Seiten
Erschienen bei Verlag Nagel & Kimche AG, 30.01.2017
ISBN 9783312010240
Genre: Romane

Rezension:

Konnte mich der Autor bereits mit „Männer mit Erfahrung“ im vergangenen Jahr überzeugen (siehe meine Rezension dazu), so wurden meine Erwartungen auch mit „Auf die sanfte Tour“, seinem zweiten bei Nagel & Kimche erschienen Buch nicht enttäuscht.


Gewohnt dialogstark, mit viel Witz und lässiger Situationskomik entführt uns Castle Freeman auch dieses Mal wieder in die raue und wild-romantische Welt der Berge von Vermont/Neuengland. Dorthin, wo sich Fuchs und Hase sprichwörtlich gute Nacht sagen. Mittenhinein ins Herz von Amerika. Wo Männer noch richtige Männer sind, die Menschen keine Freunde großer Worte – Adjektive wie eigensinnig, kauzig, starrsinnig und stur, erst wieder zu ihrer wahren Bedeutung finden. Aber auch eine Gegend, in der man noch zusammenhält, man seinen Nachbarn (und möge er auch noch so weit entfernt wohnen) noch kennt, sich gegenseitig noch hilft.
Und genau hier, an diesem gottverlassenen Ort befindet sich das Revier von Sheriff Wing. Ein Mann vom alten Schlag, dem Übereifer fern liegt, der erst einmal alles in Ruhe überdenkt, bevor er handelt, eben ein Mann, der alles „Auf die sanfte Tour“ erledigt. Doch als sich dann ausgerechnet in seinem Verantwortungsbereich die Russenmafia häuslich einrichtet und ein junger, einheimischer Kleinganove nichts Besseres zu tun weiß, als in  deren Villa einzubrechen und den Tresor zu stehlen, (mit heiklem Inhalt, was hier wohl nicht extra noch betont werden muss) stößt auch Wing an seine Grenzen und steht der wohl größten Herausforderung seiner Dienstzeit gegenüber.


Gewohnt scharfzüngig, mit viel hintergründigem Humor, Augenzwinkern und der nötigen Coolness, erzählt uns Castle Freeman hier wieder eine Geschichte in bester Westernmanier, wie sie sich nur in der amerikanischen Provinz abspielen kann.


Eine Liebeserklärung an Land und Leute.


War ich bereits von „Männern mit Erfahrung“ begeistert, so macht mich „Auf die sanfte Tour“ zum Fan. Zwei unglaubliche Lesevergnügen, die mich immer wieder an die harten Männer auf ARTE denken lassen: Die Abenteurer in den Rocky Mountains, die Goldsucher, die Trucker in Alaska –wenn ihr wisst was ich meine. Dank meinem Mann weiß ich es.

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Tags: dialogstark   (1)
 

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7 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

freundschaft, trauma, new york, liebe, hörbuch

Ein wenig Leben

Hanya Yanagihara , Stephan Kleiner , Torben Kessler
Audio CD
Erschienen bei Hörbuch Hamburg, 01.02.2017
ISBN 9783957130778
Genre: Romane

Rezension:

Ein Buch, das mich absolut begeistert hat und das ich in fast schon kindlich anmutender Faszination in nur wenigen Tagen regelrecht verschlungen habe, trotz seines doch recht beachtlichen Umfangs. Eine nicht ganz einfache Lektüre, aber es lohnt sich.


Die Rede ist von „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara. Ein unglaubliches Buch. Unfassbar. Lange hat mich kein Buch mehr so berührt, ging mir so unter die Haut.


„Ich glaube, der Trick bei Freundschaften besteht darin, Menschen zu finden, die besser sind als man selbst – nicht klüger, nicht cooler, sondern liebenswürdiger und großzügiger und nachsichtiger - , und sie dann für das wertzuschätzen, was sie dir beibringen können, und ihnen zuzuhören, wenn sie dir etwas über dich sagen, ganz egal wie schlecht – oder gut – es ist, und ihnen zu vertrauen, was der schwierigste Teil ist. Aber auch der beste.“ (aus „Ein wenig Leben)


 „Ein wenig Leben“ handelt denn auch von der lebenslangen Freundschaft von Jude, JB, Malcom und Willem. Vier Leben, vier Freunde, vier Geschichten. Vier Biografien, eine jede auf ihre Weise interessant zu lesen. Vier komplett gegenläufige Lebensentwürfe und dennoch verlieren sich die Freunde aus Collegetagen über die drei Jahrzehnte, die wir sie auf ihrem Weg begleiten dürfen, nie ganz aus den Augen. Und so erfahren wir, Seite für Seite, immer mehr über ihre Kindheit, Jugend, Familien. Geschichten von Trauer, Identitäts- und Sinnsuche. Erleben mit, wie die vier Freunde allesamt, nach und nach, ihren Platz im Leben finden, erfolgreich sind in ihren jeweiligen Berufen, als Architekt, Maler, Schauspieler und Rechtsanwalt. Und so springt die Handlung scheinbar willkürlich vor und zurück im Leben der vier – bis, ja, bis JB, Malcom und Willem in ihrer ganzen nackten Wahrheit vor uns stehen, gänzlich ihrer Geheimnisse beraubt. Nur über Jude St. Francis wissen wir nach wie vor so gut wie nichts. Wir sehen nur den ruhigen, besonnenen, sympathischen und intelligenten jungen Mann, der, körperlich versehrt, immer wieder von Schmerzattacken gepeinigt, mehr und mehr in seiner Handlungsfreiheit eingeschränkt wird und können doch nur vermuten, aber in keinster Weise erahnen, was ihm schreckliches in seiner Kindheit wiederfahren sein muss. Ein Mann, gefangen im eigenen Körper.


Mehr und mehr rückt Jude in den Mittelpunkt des Geschehens, dreht sich der Roman um diesen einen dunklen Punkt in seinem Leben und auch wenn sich die Handlung so manches Mal auf der Stelle zu bewegen scheint, so wir es doch nie langweilig, denn nun will man es wissen, Judes Geheimnis, will sie kennenlernen, seine Dämonen. Und ganz langsam bewegt man sich mit seinen Freunden auf den Abgrund zu, blickt hinab und da ist sie Judes Geschichte in ihrer ganzen unerbittlichen Härte.


„Es ist eine gute Geschichte“ sagte er. Er grinste mich sogar an. „Ich erzähle sie dir.“ „Bitte“, sagte ich. Und dann tat er es. (aus „Ein wenig Leben“)


Zugegeben „Ein wenig Leben“ ist trotz wunderschöner Sprache keine schöne, aufgeräumte, höfliche Lektüre. Es ist ein Buch das wehtut und dies auch will. Nicht sittsam, noch geduldig. Hart und unnachgiebig. Hier wird niemand geschont, am allerwenigsten der Leser. Die Handlung folgt keinem bestimmten Plan, keiner Ordnung. Scheinbar losgelöst von Zeit und Raum springt die Handlung hin und her, kein Weltgeschehen trübt den Blick. Ein literarischer Drahtseilakt. Prophetische Weitsicht steht im Kontrast zu unheilvollen Gewissheiten und längst vergangenen Tatsachen. Ein Strudel aus Gefühlen, dem man sich als Leser nicht verschließen kann. Eine Literatur, die in keine Schablone passen will. Nahezu besitzergreifend. Es ist ein Buch, das den Leser herausfordert, für die Dauer seiner Lektüre komplett in Anspruch nimmt. Man ist hin- und hergerissen zwischen absoluter Faszination über die Art, wie Yanagihara uns ihre Geschichte erzählt und absoluter Erschütterung über Judes Seelenqualen. Eines ist sicher, nach der Lektüre dieses Buches sieht man die Welt mit etwas anderen Augen.
Ein Buch wie ein Schrei.


Selten passen Cover und Buch so gut zusammen wie in diesem Fall, greift das Cover so stimmig das im Buch vorherrschende Gefühl auf. Man könnt fast meinen, das Bild sei extra für dieses Buch aufgenommen worden. Doch weit gefehlt. „Orgasmic Man“ entstand bereits 1969, lange bevor die Autorin geboren wurde. Aufgenommen wurde es vom Fotografen Peter Hujar, dem unter anderem auch Susan Sontag und Andy Warhol Modell saßen.


Und so stellt denn auch Hanya Yanagihara nach dem Cover befragt fest:


„Kunst ist immer im Dialog mit anderer Kunst, ob bewusst oder unbewusst, und wann immer ein Künstler diesem Dialog eine Zeile hinzufügt, ist das eine wunderbare Erfahrung.“


Hanya Yanagihara, 1974 in Los Angeles als Tochter hawaiianisch-asiatischer Eltern geboren, lebt und arbeitet sie heute als Schriftstellerin, Journalistin und Redakteurin beim Magazin T der New York Times in New York. Ihre großen Themen sind das Leben in all seiner Härte, Missbrauch, Abstammung, Identität. "Ein wenig Leben" ist ihr bereits zweiter Roman. Er stand auf der Shortlist des Man Booker Prize und des National Book Award und gehört zu den meist diskutiertesten literarischen Werken der vergangenen Jahre in den USA. Die Verfilmung des Romans durch den Oscar- und Emmy-Preisträger Scott Rudin ist in Vorbereitung.

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Tags: freundschaf, missbrauc, trauma   (3)
 

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10 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

spaziergänge, flanieren, stadtspaziergänge;, adressen für lokale und einkaufsmöglichkeiten, abseits der bekannten sehenswürdigkeiten

Paris abseits der Pfade

Georg Renöckl
Flexibler Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Braumüller Verlag, 04.11.2016
ISBN 9783991001867
Genre: Sonstiges

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151 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 95 Rezensionen

mata hari, roman, paulo coelho, tänzerin, spionin

Die Spionin

Paulo Coelho , Maralde Meyer-Minnemann
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 23.11.2016
ISBN 9783257069778
Genre: Romane

Rezension:

Ihre Intelligenz wurde ihr zum Verhängnis, ihre Beziehungen zu Männern zur Gefahr, ihre Amoralität und ihr Wissen um die weibliche Verführungskunst zur Waffe gegen sie, dabei bestand ihr einziges Verbrechen darin frei und unabhängig zu sein.


Die Rede ist von Mata Hari, was so viel bedeutet wie „Auge des Tages“. Sie war eine exotische Nackttänzerin, exzentrische Künstlerin, Geliebte zahlreicher einflussreicher Männer und mutmaßliche Doppelagentin. Am 25. Juli 1917 wurde sie wegen Hochverrats von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt.


Mata Haris abenteuerliches Leben und ihr tragisches Ende stehen bis heute im Mittelpunkt zahlreicher Romane und Filme. 2017 jährt sich ihr Todestag zum 100-sten Male.


Mit „Die Spionin“ hat Paolo Coelho dieser geheimnisumwobenen Frau ein weiteres literarisches Denkmal gesetzt.


Coelhos Geschichte beginnt mit ihrem Ende: Am 15. Oktober 1917 wurde Mata Hari in den frühen Morgenstunden in Vincennes Paris hingerichtet. „Mata Hari wurden weder die Auge verbunden, noch wurde sie gefesselt.“ (S. 15) Mutig sah sie ihrem Tod entgegen. Auf eigenen Wunsch wohlgemerkt. Doch wer war diese Frau, die hier in den  frühen Morgenstunden den Tod fand? Wer war die Frau hinter der Fassade der Weltberühmten Schleiertänzerin, Edeldirne und mutmaßlichen Doppelagentin H21? Nur wenig ist über sie tatsächlich bekannt.


Die unklare Quellenlage ist zum einen sicherlich auf sie selbst zurückzuführen, auf die von ihr zahlreich erfundenen Geschichten, mit denen sie Fakten ihres Lebens zu verändern suchte, zu beschönigen und ihre Person interessanter zu machen und zum anderen auf ihre zahlreichen Biographen, die umstrittene Anekdoten, Geschichten, Legenden als Tatsachen verkauften und so sicherlich zur Verschleierung ihrer wahren Geschichte wesentlich mit beitrugen. Ergebnis: Der Mythos Mata Hari. Ihre wahre Geschichte wird wohl für alle Zeiten im Dunkeln bleiben.


Sicherlich eine schwierige Sache über eine solch berühmte Frau zu schreiben, über die dennoch so wenig bekannt ist, andererseits dürfte dies für einen Schriftsteller auch gerade den Reiz darstellen, eröffnet doch gerade der Mangel an Fakten Raum für Interpretationen. Und so nähert sich denn auch Coelho seiner Version der Mata Hari unmittelbar, lässt sie selbst in einem einzigen langen Brief an ihren Verteidiger ihre Geschichte erzählen. Noch hofft seine Mata Hari in ihrer Zelle auf Begnadigung, nur wir die Leser wissen, dass diese Hoffnung vergebens sein wird und so schreibt sie, offen, ehrlich, direkt, immer noch in der Annahme, dass der Brief der nur im Falle ihres Todes den Adressaten erreichen wird nie ausgehändigt werden muss und lässt dabei die selbstgewählte Maske fallen, Hülle für Hülle, Schleier für Schleier, bis sie schließlich vor uns steht Coelhos Mata Hari.


Selbstbewusst ist sie. Zielstrebig. Eigensinnig. Sie liebte die Abwechslung, das Drama, den großen Auftritt und das Abenteuer.
Schnell wird einem klar, was Coelho so an dieser Frauengestalt fasziniert: Sind doch auch seine fiktiven Protagonistinnen stets mutig und kämpferisch. Und auch Mata Hari führt einen lebenslangen Kampf, um einen Platz in einer von Männern dominierten Welt. Einen Kampf, den sie am Ende verlieren wird. Eine Frau, auf der Suche nach der wahren Lebensfreude, dem Sinn des Lebens - „La vraie vie“.Eine Frau, gefangen in den engen Maschen gesellschaftlicher Normen, Konventionen, Regeln. Eine Frau, die sich mit ihren ganzen Lügen selbst das Netz baute, in dem sie am Ende hängen bleibt. Eine Frau, die sich weigert sich zu verlieben und am Ende dennoch für die Liebe stirbt. Ähnlich wie Oscar Wildes Salomé.


„Aber die Liebe gehorcht niemanden und verrät jene, die ihr Geheimnis aufdecken wollen.“ (S. 165)


Mit „Die Spionin“ ging es Coelho sicherlich nicht darum, eine weitere Biographie Mata Haris zu schreiben. Ihm ging es um die Frau an sich, die Person hinter dem Mythos. Und so rafft er an so mancher Stelle ihre Geschichte, legt gezielt sein Augenmerk auf wenige entscheidende Momente ihres Lebens. Natürlich hält er sich an die wenigen bekannten Fakten und füllt die Lücken mit Fiktion, dennoch möchte und kann der Roman eines nicht sein, ein Lebensbericht. Zu wenig weiß man über die wahre Mata Hari, zu wenig verlässliche Quellen existieren und mit der Wahl der Briefformen setzt sich der Autor selbst enge Grenzen. Grenzen, die er jedoch gekonnt zu öffnen weiß, indem er den Verteidiger seinerseits im Anschluss einen Brief an Mata Hari schreiben lässt, datiert einen Tag vor ihrem Tod. Geschickt verpackt er darin die wenigen Tatsachen, die aus den Akten bekannt sind und ermöglicht uns so die Person Mata Hari aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.


Entstanden ist ein intimes „Porträt einer klugen, verführerischen Frau, die den männlichen Moralvorstellungen zum Trotz ihr selbstbestimmtes Lebe führte – bis zuletzt.“ Wie es auf der Umschlaginnenseite so treffend heißt.


Ein fesselndes Buch, absolut süffig zu lesen. Seit längerem wieder ein Coelho, der mich so richtig zu überzeugen vermochte.

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84 Bibliotheken, 10 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

china, historisch, automatenbauer, kaiser, kaiserlicher hof

Cox

Christoph Ransmayr
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 27.10.2016
ISBN 9783100829511
Genre: Romane

Rezension:

Mal fließt sie langsam und gemächlich dahin, mal vergeht sie rasend schnell. Mal scheint sie sich unendlich auszudehnen, dann zieht sie sich wieder aufs äußerste zusammen. Mit fortschreitendem Lebensalter scheint sie immer schneller zu vergehen. Die Rede ist von der Zeit. Niemand vermag sie anzuhalten, keiner zu beeinflussen, keiner zu stoppen. Sie fließt dahin, vergeht unbarmherzig. Zeit – ein Phänomen, das die Menschen schon seit jeher bewegt.


Wer hat ihn nicht schon einmal geträumt, diesen unsäglichen Traum von der Ewigkeit. Doch unaufhaltsam rinnt sie dahin, unsere Lebenszeit. Und wenn es eine Gewissheit gibt im Leben und auf Erden, so ist es unsere eigene Endlichkeit. Eine unumstößliche Tatsache, für manchen schwer zu akzeptieren, erst recht, wenn man der Kaiser von China, der vermeintlich mächtigste Mann der Welt ist, dem Titel nach alleiniger Herr über die Zeit.
Und so lädt Qiánlóng, der vierte Kaiser der Qīng-Dynastie, „Herr der zehntausend Jahre“, den englischen Automatenbauer und Uhrmacher Alister Cox an seinen Hof ein.


„Der Kaiser wollte, daß Cox ihm für die fliegenden, kriechenden oder erstarrten Zeiten eines menschlichen Lebens Uhren baute, Maschinen, die gemäß dem Zeitempfinden eines Liebenden, eines Kindes, eines Verurteilten und anderer, an den Abgründen oder in den Käfigen ihrer Existenz gefangenen oder über den Wolken ihres Glücks schwebenden Menschen den Stunden- oder Tageskreis anzeigen sollten – das wechselnde Tempo der Zeit.“ (S. 83)


Was zunächst für Cox und seine Gefährten kein größeres Problem darzustellen scheint, lediglich eine neuerliche Herausforderung, entwickelt sich schnell zu einem riskanten Unterfangen. Denn der Kaiser wird immer maßloser in seinen Wünschen und so fordert er eines Tages den Bau eines ganz besonderen Zeitmessers:


„Eine Uhr für die Ewigkeit. Die Uhr aller Uhren. Perpetuum mobile…“ (S. 217)


Und auch wenn Cox um die Unmöglichkeit eines solchen Wunsches weiß, macht er sich ans Werk, denn einem Kaiser widerspricht man nicht.


Mit „Cox oder Der Lauf der Zeit“ führt uns Christoph Ransmayr tief hinein in die Welt des alten Chinas, hinein in die verbotene Stadt und an den Hof eines allmächtigen Despoten. Ein Ort, an dem man nur allzu schnell seinen Kopf verliert, an dem man niemanden trauen kann. Ein Ort, absoluter Schönheit und zur Schau getragenen Reichtums, aber auch unsäglicher Ängste, Schmerzen und Qualen. Ein Ort strenger Regeln, Riten, Sitten und Bräuche, über die sich nicht einmal ein Kaiser so einfach hinwegsetzen kann, ohne dabei Misstrauen und Unmut zu erzeugen.


Ein meisterliches Spiel mit der Zeit, der Geschichte, historischen Fakten und Figuren, über das wir bei aller Begeisterung nicht vergessen dürfen, dass es sich nur um einen Roman handelt, um reine Fiktion. So hat der wahre, der historische Uhrenbauer James Cox, der für die Figur des Alister Cox als Vorbild diente, chinesischen Boden nie betreten. Der Kaiser und er sind sich nie begegnet, auch wenn zahlreiche seiner Werke noch heute in den Pavillons der Verbotenen Stadt zu sehen sind. Allein die Liebe und Leidenschaft zur Kunst der Zeitmessung verband die beiden über Kontinente hinweg.


Mit „Cox oder Der Lauf der Zeit“ hat einmal mehr einer der großen Fabulierer unserer Tage sein Können unter Beweis gestellt. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt, über uns, das Leben, den Gang der Dinge und den Lauf der Zeit. Denn unerbittlich schlägt er, der Takt der Zeit, gibt uns täglich unseren Rhythmus vor. Mal schneller und mal langsamer. Und wer weiß, vielleicht sind es am Ende nur unsere Worte und Taten, die die Zeit zu überdauern wissen, wenn überhaupt.

 
„…selbst wenn ein Mensch sich im Glauben wiegt, Herr über die Zeit zu sein, beginnt sie doch mit jedem verstrichenen Jahr seines Lebens, während so vieles an ihm träger und langsamer wird, rascher zu fließen. Kaum hat er seine Liebsten um sich versammelt, um mit ihnen einen Festtag zu begehen, ist ein weiteres Jahr verflogen, und er beginnt allmählich, dem Verurteilten ähnlicher zu werden, der den Tag seiner Hinrichtung erwartet.“ (S. 80 f)


Und wenn wir das nächste Mal einer Schnecke begegnen, dann sollten wir immer daran denken, dass sie in China als Zeichen für Reichtum und Glück steht.

 „Denn nur wer den Luxus der Langsamkeit genießen konnte, durfte sich in dem Traum wiegen, das kostbarste aller menschenmöglichen Güter zu besitzen. Zeit.“ (S. 270)


(Bei diesen Worten fühlte ich mich an meine Kindheitstage und an die Geschichte von „Momo“ von Michael Ende erinnert, nur waren es hier die Schildkröten.)

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206 Bibliotheken, 12 Leser, 2 Gruppen, 46 Rezensionen

usa, geister, mutter, nathan hill, chicago

Geister

Nathan Hill , Werner Löcher-Lawrence , Katrin Behringer
Fester Einband: 864 Seiten
Erschienen bei Piper, 04.10.2016
ISBN 9783492057370
Genre: Romane

Rezension:

952 Gramm ist er schwer, 864 Seiten umfasst er, über 10 Jahre hat sein Autor daran geschrieben. Ein literarisches Schwergewicht in mehr als nur einer Hinsicht.
Die Rede ist von „Geister“, dem druckfrischen Roman des amerikanischen Literaturprofessors und Autors Nathan Hill. Sprachlich ausgefeilt (was auch der hervorragenden Übersetzung durch Werner Löcher-Lawrence und Katrin Behringer geschuldet sein dürfte), stilistisch ein Feuerwerk an Ideen und inhaltlich direkt am Puls der Zeit. Dieser Roman weiß zu überzeugen.


Samuel Anderson ist 11 Jahre alt, als seine Mutter von einem Tag auf den anderen die Familie verlässt. 20 Jahre später, Samuel ist mittlerweile Literaturprofessor an einem kleinen College in Chicago, erhält er einen Anruf der Anwaltskanzlei Rogers & Rogers, der sein Leben mit einem Schlag verändert. Er soll für seine jahrelang verschwundene Mutter bürgen: Diese befindet sich, nach einem tätlichen Angriff auf einen republikanischen Präsidentschaftskandidaten in Haft. Samuel soll nun ihre Integrität bezeugen. Ein Gedanke, der ihm zunächst völlig abwegig erscheint. Doch Samuel will auch endlich begreifen, was damals wirklich geschehen ist.


„Die Dinge, die du am meisten liebst…werden dich eines Tages am schlimmsten verletzten.“ (S. 143)


Der 1976 geborene Nathan Hill versteht es geschickt, einen beinahe ein halbes Jahrhundert amerikanische Gegenwartgeschichte umfassenden Gesellschaftsroman mit einer spannungsgeladenen Mutter-Sohn-Geschichte, voller Zweifel, Missverständnisse und verpasster Chancen zu verbinden. Ein Buch, welches einmal mehr sehr anschaulich macht, wie wichtig es ist, dass die Menschen miteinander reden. Jetzt, heute, hier und in Zukunft. Sprache war schon immer das verbindende Element.


„Manchmal sind wir so sehr in unserer eigenen Geschichte verfangen, dass wir unsere Rolle in der Geschichte eines anderen nicht sehen.“ (S. 856)


Mit „Geister“ hält Hill der Gesellschaft den Spiegel vor und ganz besonders der amerikanischen, mit ihrer tiefen inneren Zerrissenheit und dem nach außen hin künstlich Aufrecht erhaltenen Bild einer scheinbar ach so perfekten Gesellschaftsordnung. Amerika, ein Land in dem es schon sehr lange kriselt, mit seinen ganzen falschen Idealen. Ein Land, indem der Starke gewinnt und der Schwächere gnadenlos untergeht. Vom Tellerwäscher zum Millionär, dieser Traum scheint lange schon ausgeträumt. Es ist nicht mehr der Traum selbst der zählt, es geht nur noch um seine Präsentation.


„…Es ist das Einzige, worin Amerika noch gut ist. Es sind nicht die Snacks selbst, unsere Spezialität ist das Erfinden neuer Möglichkeiten, wie wir die Snacks sehen können.“ (S. 822)


Ja, er übt ganz schön Kritik dieser Nathan Hill, er tut dies aber mit einer ganz ordentlichen Portion Humor und Zynismus, was der Lektüre, trotz der schwere ihrer Themen eine gewisse Leichtigkeit verleiht. Eine Leichtigkeit, die diesen Roman, im Gegensatz zu anderen Büchern dieser Gattung, dennoch zu einem wahren Pageturner macht. Nathan Hill versteht es, mit Sinn für feine, raffinierte Pointen Bilanz zu ziehen und ein absolut treffendes Bild der Zeit in der wir leben zu zeichnen, das durch  den Ausgang der us-amerikanischen Wahl noch mehr an Brisanz gewonnen hat.


„Manchmal glaubt ein Land, es hat verdient, dass man ihm den Hintern versohlt, manchmal will es umarmt werden“, lässt Hill eine seiner Personen im Buch so trefflich feststellen. „Wenn es umarmt werden will, wählt es demokratisch. Ich setze im Moment darauf, dass die Leute bestraft werden wollen.“ (S. 687)


Wenn man bedenkt, dass das Buch noch vor Ende der Wahl erschienen ist, muten diese Sätze beinahe schon prophetisch an.


„Geister“ von Nathan Hill, erschienen im Piper-Verlag 2016.

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Tags: familienroman, gesellschaftskritisch, gesellschaftsroman, mutter-sohn-konflikt   (4)
 

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5 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

superstil, lustig über sexy bis spannend, affenartig

Im Zoo

Howard Jacobson , Friedhelm Rathjen
Fester Einband: 420 Seiten
Erschienen bei DVA, 29.09.2014
ISBN 9783421045645
Genre: Romane

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29 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

poetisch, 4 sterne, hinterfragen, überdenken;, wahrheiten

Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen

Tim Parks , Ulrike Becker , Ruth Keen
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 24.08.2016
ISBN 9783956141300
Genre: Sachbücher

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56 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

wien, buchhandlung, kindermädchen, arthur schnitzler, liebe

Ein Winter in Wien

Petra Hartlieb
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Kindler, 21.09.2016
ISBN 9783463400860
Genre: Romane

Rezension:

Liebe ist ja auch immer so ein Thema im Winter. Wenn man sich an dunklen Tagen schön in seine wohlige warme Decke auf dem Sofa kuschelt fehlt nur noch ein gutes Stück Literatur, am besten fürs Herz. Und da kommt "Ein Winter in Wien" von Petra Hartlieb gerade zur rechten Zeit. Konnte die Autorin mich bereits mit ihrem Buch "Meine wundervolle Buchhandlung", in dem es um ihre eigene Geschichte und die ihrer Buchhandlung in Wien geht, überzeugen, so bin ich von diesem schmalen, wunderschönen Büchlein absolut begeistert.


Eine Buchhandlung,
Ein berühmter Dichter
Und ein verschneiter Wiener Winter.


Mehr braucht es nicht für die Liebesgeschichte zwischen dem Kindermädchen Marie und dem Buchhändler Oskar. Für mich eine der schönsten romantischen Geschichten dieser Buchsaison. Gerade einmal 176 Seiten umfasst dieses liebevoll, nach allen Regeln der Buchkunst angefertigte kleine Büchlein.


Am besten zunächst sich selber schenken und dann anderen.


Und wenn es bei uns auch gerade mit der Winterstimmung schlecht aussieht im Buch schneit es garantiert und das vor der herrlichen Kulisse des alten Wien.

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13 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Die Muse

Jonathan Galassi , Uljana Wolf
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 25.08.2016
ISBN 9783100022943
Genre: Romane

Rezension:

Die Frankfurter Buchmesse steht vor der Tür. Zeit einmal einen Blick hinter die Kulissen des Literaturbetriebs zu werfen, auch literarisch. Und wie könnte man dies besser als an der Seite eines Mannes, der weiß von was er spricht.

Jonathan Galassi, selbst Verleger beim renommierten New Yorker Verlag Farrar, Straus and Giroux und als Lektor Entdecker von so namhaften Autoren und literarischen Schwergewichten wie Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides, hat  mit „Die Muse“ seinen ersten Roman vorgelegt.
Ein Mann, der weiß über was er schreibt, wenn er einen Roman über den Literaturbetrieb, Verlage, Lektoren, Autoren, Kritiker, den Buchhandel und die Liebe zu den Büchern schreibt. Ein Mann, der den ganzen Zirkus rund um die schönste Sache der Welt, das Lesen, kennt. Von innen und von außen. Als leidenschaftlicher Leser, Autor, Lektor und Verlegeger.
Kenntnisreich, mit spitzer Feder und feiner Lyrik durchwebt, nimmt er uns mit auf eine Zeitreise quer durch die Welt der Literatur und des Verlagswesens, vom Ende des 2. Weltkrieges bis in die heutige Zeit, und zeigt uns anhand der fiktiven Biographie der Lyrikerin Ida Perkins das ganze Spektrum, die Höhen und Tiefen dieser ganze eigenen Welt auf. Angefangen bei der endlosen Suche der Lektoren nach dem vielversprechenden Debüt, über den Kampf um Rechte und Autoren bis hin zum „quirligen“  alljährlichen „Mekka der Frankfurter Buchmesse.“


„Frankfurt war im Grunde alles außer gesellig, es war Raubtierkunst vom Feinsten, mit vornehm europäischem Gesicht. Die schicken Kleider, die Partys, die Zigarren, die übertriebenen Preise in Hotels und Restaurants, das enttäuschend schlechte Essen, alles gehörte dazu. Es war anstrengend, langweilig und deprimierend – aber niemand aus der Verlagswelt mit einem Funken Stil und Verstand hätte es verpassen wollen.“ (S. 138)


Ein Buch das mit einer Liebeserklärung an die Buchliebhaber dieser Welt von gestern und heute beginnt, denn:


„Dies ist eine Liebesgeschichte. Über die guten alten Zeiten, als Männer noch Männer, Frauen noch Frauen und Bücher noch Bücher waren, mit Klebebindung oder besser Fadenheftung, mit Leinen- oder Papiereinband, mit hübschen oder weniger hübschen Umschlägen und diesem modrig-staubigen Geruch: als Bücher unzählige Räume füllten und ihr Innenleben – magische Worte, Prosa und Poesie – ihren Liebhabern wie Wein war, wie Parfüm und Sex und Ruhm…..“ (S. 7)


Dies ist die Geschichte von einigen dieser Liebhaber und von einem ganz besonderes, Paul Dukach. Cheflektor bei P&S, immer auf der Suche nach dem nächsten Meisterwerk, dem absolut vollkommenen Stück Literatur auf der Spur …


„Paul hatte mit der Zeit verstanden, dass die meisten Verleger gerade von den Büchern heimgesucht wurden, die ihnen entwischt waren…“ (S. 69)


Dies sollte ihm nicht passieren. Er will das perfekte „Trüffelschwein“ sein. Privat ist er glühender Verehrer der Lichtgestalt und ebenso mondänen wie geheimnisvollen Diva und Dichterin Ida Perkins.


„Es war Liebe aufs erste Gedicht.“ (S.29)


Für ihn der Inbegriff von Perfektion. Und so verschlingt er über die Jahre hinweg Buch um Buch und wird so zu einem Kenner ihres Lebens und Gesamtwerkes wie kein Zweiter.
Als sich ihm nach vielen Jahren jedoch die Chance bietet, sein in Schönheit gealtertes Idol persönlich zu treffen, muss er erkennen, dass der Mensch hinter dem Mythos, hinter der berühmten Dichterin, ein ganz anderer ist und manches in Büchern manchmal anderes scheint, als es tatsächlich ist.


Ein Buch, das aufs meisterhafte Realität und Fiktion zu mischen versteht und bei dem man nicht den Lesespaß durch sinnlose Internetrecherchen unterbrechen oder gar sich verderben lassen sollte. Viele Personen, Verlage des Buches existieren in der Realität tatsächlich, andere nicht. Manche werden namentlich genannt, andere nicht. Aber im Grunde ist dies für die Handlung an sich irrelevant, denn um was es hier eigentlich geht, ist die ganz besondere Liebe zum geschriebenen Wort, diese ganz besondere Faszination, die Bücher auf ihre Leser ausüben….bis heute!!!!


Ein Buch, ideal zum Einstimmen auf die anstehende Buchmesse in Frankfurt.

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57 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

liebe, roman, alltag, freundschaft, gut

Das Leben ist gut

Alex Capus
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 22.08.2016
ISBN 9783446252677
Genre: Romane

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331 Bibliotheken, 9 Leser, 1 Gruppe, 93 Rezensionen

liebe, roman, charlotte lucas, tod, hamburg

Dein perfektes Jahr

Charlotte Lucas
Fester Einband: 575 Seiten
Erschienen bei Ehrenwirth, 09.09.2016
ISBN 9783431039610
Genre: Liebesromane

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74 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 16 Rezensionen

sylvia plath, ted hughes, roman, suizid, beziehungsdrama

Du sagst es

Connie Palmen , Hanni Ehlers
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 24.08.2016
ISBN 9783257069747
Genre: Romane

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1.775 Bibliotheken, 30 Leser, 7 Gruppen, 115 Rezensionen

freundschaft, roadtrip, abenteuer, jugend, tschick

Tschick

Wolfgang Herrndorf , , ,
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 01.03.2012
ISBN 9783499256356
Genre: Romane

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84 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 53 Rezensionen

england, glaube, andrew michael hurley, fanatismus, roman

Loney

Andrew Michael Hurley , Yasemin Dincer
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 09.09.2016
ISBN 9783550081378
Genre: Romane

Rezension:

Selten hat mich ein Buch so enttäuscht zurückgelassen wie „Loney“ von Andrew Michael Hurley. Dabei hat sich die Leseprobe so vielversprechend gelesen und auf ein spannendes und unheimliches Leseabenteuer hoffe lassen:
Ein Erdrutsch auf Coldbarrow und die Babyleiche, die dabei freigelegt wird. 30 Jahre zuvor: Eine tief gläubige Familie auf Wallfahrt, in der Hoffnung so ihrem kranken Sohn zu Heilung zu verhelfen, seltsame religiöse Rituale, dunkle Gestalten und ein Landstrich, der so unwirtlich erscheint, dass man am liebsten dort angekommen schreiend davon laufen will.

The Loney – „dieses seltsame Nirgendwo zwischen den Flüssen Wyre und Lune.“S. 10

„….die Grausamkeit von The Loney schien so unvermeidlich, dass diese Seelen sich meist unbeachtet zu zahlreichen anderen gesellten, die im Laufe der Jahrhunderte bei dem Versuch, den Ort zu zähmen, ums Leben gekommen waren.“ S. 10/11


Dies alles liest sich wie die perfekten Zutaten für einen Hitchock-Film und ließ mich an die Meister des literarischen Schauerromans alter Schule denken, wie z.B. Edgar Allen Poe, Daphne DuMaurier,…


Die Sunday Times versprach gar:
„Eine meisterhafte Exkursion ins Grauen.“


Doch die Ernüchterung folgt schnell beim Lesen. Dem Autor gelingt es zwar anfangs, eine unheimliche Stimmung aufkommen zu lassen, so ein leichtes Prickeln unheilvoller Erwartungen in einem hervorzurufen, doch dann geschieht einfach -NICHTS.


Und wenn ich nichts schreibe, dann meine ich auch nichts. In diesem Buch wird auf 384 Seiten unglaublich viel gebetet, wir dürfen Menschen erleben, die sich allein durch ihren Glauben definieren, Menschen, die teilweise an ihrem Gauben zweifeln, ihn gar verlieren und so auch ihren Halt im Leben. Aber dabei geschieht kaum etwas wirklich spannendes, ja, hier und da wird eine kleine unheimlich anmutende Begebenheit eingestreut, die Hoffnung im Leser auf mehr aufkommen lässt, doch diese wird leider immer wieder im Keim erstickt. Was es mit der Babyleiche auf sich hat erfährt man nie wirklich und der Autor versteht sich ganz hervorragend darauf, den Leser mit endlos wiederkehrenden Landschaftsbeschreibungen und Glaubensdiskussionen zu ermüden.


Was am Ende bleibt ist eine „meisterhafte Exkursion“ der Langeweile.

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165 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 78 Rezensionen

literatur, frankreich, fiktion, identität, schriftstellerin

Nach einer wahren Geschichte

Delphine de Vigan , Doris Heinemann
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 24.08.2016
ISBN 9783832198305
Genre: Romane

Rezension:

2013 erschien Delphine de Vigans Buch „Das Lächeln meiner Mutter“. Ein autofiktionaler Roman, indem sich die Autorin mit dem Freitod der eigenen, Zeit ihres Lebens an Depressionen leidenden, Mutter auseinandersetzte. Ein sehr persönliches Buch, welches in Frankreich und auch in Deutschland zu einem Riesenerfolg wurde. Und wie ja allgemein bekannt sein dürfte zieht ein solcher Erfolg natürlich ein enormes mediales Echo nach sich. Eine Pressekonferenz jagt die andere, Buchmessen, Lesungen, Signierstunden, Radio- und Fernseheinladungen. Doch was kommt nach dem Erfolg? Wenn sich so langsam alles wieder etwas beruhigt? Das nächste Buch, ist man versucht so ganz locker zu sagen. Nach dem Roman ist vor dem Roman, oder so ähnlich. Doch was, wenn man dem Erwartungsdruck nicht standhalten kann? Nicht dem eigenen und schon gar nicht dem der Leser? Wenn man sich selbst mit der Frage konfrontiert sieht, was nach einem solch intimen Buch, nach so viel Wahrheit, überhaupt noch folgen kann? Noch mehr Wahrheit, die reine Wahrheit oder kann man einfach so wieder zur reinen Fiktion übergehen?


Eine Frage, die Delphine in diesem Buch auch von der mysteriösen L. gestellt wird. L., die sie eines Tages auf einer Party kennenlernt. L., die scheinbar die „echten, die wichtigen Fragen“ stellt und mit diesen, bei der bereits an sich zweifelnden Delphine, auf fruchtbaren Boden stößt. L., die für Delphine und ihre Bücher ein „tiefes und immer neues Interesse“ zeigt. L., die so viel über sie zu wissen scheint und sie versteht wie keine andere. L., die sich so mir nichts dir nichts in ihr Leben schleicht, davon Besitz ergreift, sich darin einrichtet, ihr Schreiben beeinflusst, ihr die Energie raubt, bis hin zur absoluten Schreibblockade. Delphine bemerkt es zwar, doch lässt es geschehen, denn auf seltsame Weise ist ihr diese Frau nah, ja schon fast unheimlich vertraut.
Doch wer ist diese Frau, die sich scheinbar unaufhaltsam in Delphins Denken, Leben und Handeln festschweißt? Und was ist dieses Buch Wahrheit oder Fiktion? Frei erfunden oder „Nach einer wahren Geschichte?
Und schon wären wir bei einem der zentralen Themen angelangt:


Wieviel Wahrheit steckt in diesem Buch bzw. wieviel Wahrheit braucht ein Buch?


Wer kennt sie nicht diese Fragen von Lesern, Kritikern und Moderatoren: Wieviel Autor steckt in diesem Buch? Inwieweit wurde der Roman von persönlichen Erlebnissen des Autors und realen Begebenheiten beeinflusst? Und erwischt man sich nicht selber immer wieder dabei, wie man sich nach einer bestimmten Lektüre in Versuchung sieht zu googeln, nachzuforschen, bei einer Lesung, einem Interview nach dem Wahrheitsgehalt zu fragen…?
Genau mit dieser Grundneugier des Lesers spielt dieses Buch. Faszinierenderweise existieren bis auf L. alle im Roman vorkommenden Personen im wahren Leben tatsächlich (ja, ich gestehe, schuldig, ich habe gegoogelt). Zudem setzt die Handlung des Romans genau an der Stelle ein, an der wir Delphine bei ihrem letzten Buch verlassen haben, einige Monate nach dem Erscheinen ebendieses Buches.  Doch gleichfalls stellt das,  Eingangs des ersten Teils „Verführung“ aufgeführte, Stephen King Zitat unweigerlich klar, dass hier Wahrheit und Fiktion aufs meisterlichste vermischt werden, dass hier nicht alles so ist wie es zu Anfang scheint:

„ –als wäre er eine Person in einem Buch
oder einem Theaterstück,
eine Person, deren Erinnerung nicht wie
Geschichte wiedergegeben,
sondern wie Literatur erfunden wurde.“
Stephen King

Ein Zitat aus „Sie“ (manchen auch besser bekannt als „Misery“). Ein Zitat, das im Leser schon eine gewisse Vorahnung auf das Kommende aufkeimen lässt. Nicht zufällig scheint das Kürzel L. (im französischen „Elle“ ausgesprochen, wie das französische Wörtchen für „Sie“) gewählt. Und schon ist sie da, diese unglaubliche Spannung, die es braucht, um den Leser von Seite zu Seite zu ziehen. Diese aufkeimenden Fragen, auf die man unbedingt eine Antwort will. Wo führt uns dieses Buch am Ende hin? Wer ist diese L.? Wie weit wird L. gehen? Wie weit wird diese verhängnisvolle Freundschaft im Ungleichgewicht am Ende gehen? Gibt/gab es L. wirklich? Oder ist sie am Ende gar nur eine Projektion des eigenen Alter Ego der Autorin auf eine Romanfigur? Stellt sie am Ende ihrem eigenen „Ich“ eine fiktionale Person gegenüber, die all das ausspricht, sie mit all dem konfrontiert, was sie selbst in ihrem tiefsten Inneren beschäftigt? Spricht L. am Ende nur das aus, was Delphine de Vigan sich selbst nicht zu fragen traut? Und wer hat dieses Buch geschrieben L. (die am Ende eines jeden Buches das Wörtchen „Ende“ mit einem Sternchen versieht) oder Delphine? Handelt es sich bei den Frauen gar nur um zwei Seiten ein und derselben Person?


Fragen über Fragen….


….die dieses spannende Stück Gegenwartsliteratur aufwirft, welches so gekonnt mit Dichtung und Wahrheit und der feinen Grenze dazwischen zu spielen versteht. Fragen die am Ende immer wieder in der einen einzigen, häufig gestellten und die Gesetze des Literaturbetriebs bestimmenden allgegenwärtigen Frage enden:


Wie wichtig ist der Wahrheitsgehalt eines Romans für den Leser wirklich?


Eine Frage, deren Antwort sich jeder nur für sich selbst geben kann. Ich persönlich verfüge natürlich, wie jeder Mensch, über eine ganz gehörige Portion Neugier und dennoch: Möchte ich wirklich am Ende alles über ein Buch, seinen Autor und die Hintergründe seiner Existenz bis ins kleinste Detail wissen? Birgt nicht jede Fiktion auch ein gewisses Maß an Realität? Speist sich nicht gerade die Fantasie eines Autors von seinen ganz persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen? Und liest nicht jeder ein Buch anders, interpretiert es nach seiner höchsteigenen Lebens- und Leserealität? Liegt nicht gerade im Nichtwissen die Faszination, nicht nur dieses Buches im Besonderen, sondern jeglicher Literatur? Und zerstört nicht ein Zuviel an Wissen diesen ganz besonderen Zauber der einer jeden Geschichte innewohnt? Ich zumindest glaube fest an die Kraft der Fiktion.
Um es mit Goethes Theaterdichter aus „Faust“ zu sagen:


„Ich hatte nichts und doch genug: Den Drang nach Wahrheit und die Lust am Trug.“


Und so bleibt doch zum Schluss nur eine entscheidende Frage zu beantworten….


Würde ich dieses Buch weiterempfehlen?


Und da sage ich: UNBEDINGT! „Nach einer wahren Geschichte“ ist nicht nur ein gekonntes Verwirrspiel um Fiktion und Wahrheit, sondern allem voran, ein spannend zu lesendes, absolut klug konstruiertes, wundervolles Stück Literatur - irgendwo zwischen Roman, Krimi und Thriller - und schon jetzt eines meiner Lesehighlights 2016.
Und wer weiß, vielleicht ist ja gerade dieses Buch in seiner ganzen Unklarheit und Uneindeutigkeit besonders ehrlich…..;-)


                                          ENDE*

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89 Bibliotheken, 6 Leser, 0 Gruppen, 16 Rezensionen

italien, familie, gastarbeiter, deutschland, liebe

Bella Germania

Daniel Speck
Flexibler Einband: 624 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 28.07.2016
ISBN 9783596295968
Genre: Romane

Rezension:

Dass der gebürtige Münchner Daniel Speck Drehbücher schreiben kann, das wissen wir spätestens seit er 2007 den Grimme-Preis für sein Drehbuch zu „Meine verrückte türkische Hochzeit“ erhielt. Dass er sich aber auch literarisch auf durchaus sicherem Terrain bewegt, beweist er uns nun mit seinem Debüt-Roman „Bella Germania“ auf eindrucksvolle Art und Weise.
Ursprünglich als ZDF-Dreiteiler kon

zipiert, erzählt uns Speck hier eine deutsch-italienische Einwanderungsgeschichte über 3 Generationen hinweg.


Alles nimmt seinen Anfang im Jahre 2014 in Mailand auf einer Modenschau. Urplötzlich sieht sich die junge aufstrebende Münchner Modedesignerin Julia einem fremden Mann gegenüber, der behauptet ihr Großvater zu sein. Und nicht nur das, er behauptet auch, ihr längst tot geglaubter Vater würde noch leben. Sie beginnt nachzuforschen und findet sich plötzlich in einem Strudel von Ereignissen wieder, die alle ihren Ausgangspunkt 1954 nahmen, als der junge Vincent aus München über den Brenner nach Mailand fuhr, um dort nicht nur die Isetta für BMW zu finden, sondern auch die Liebe seines Lebens. Eine schicksalhafte Begegnung.


„Wenn wir einer großen Liebe begegnen, dann werden wir für einen kurzen Moment lang der Gefangenschaft durch Raum und Zeit enthoben. Wir begegnen nicht nur einem Menschen, sondern etwas, das durch ihn hindurchscheint, einer Ahnung, dass uns wider Erwarten das Glück zuteilwerden könnte, die ungebrochene Fülle unserer Kindheit wiederzufinden, als die Welt ein ewiger Sommer war.“ (S. 49)


Doch keine Angst, dieses Buch handelt nicht nur von der großen „Amore“, denn es ist angesiedelt vor dem Hintergrund der deutsch-italienischen Geschichte der letzten Jahrzehnte. Einer bewegten Geschichte, die ihren Ausgangspunkt nach dem Krieg nahm, zu Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders, „il miracolo economico“, als Deutschland händeringend nach billigen ausländischen Arbeitskräften suchte. Als „Gastarbeiter“ bezeichnet, doch nur selten als Gäste behandelt, strömten die Italiener zu Tausenden über die Grenze nach Deutschland.


„Jeder trug seinen Koffer in der Hand, seine Träume in Kopf, Angst im Herzen und eine Medaille in der Tasche.“ (S. 150)


Damals wie heute kamen Fremde zu uns und damals wie heute begegneten die Deutschen ihnen mit großer Skepsis. Einer Skepsis, die auf Unwissen gründet(e) und mit Vorurteilen ausgefüllt wurde/wird. Und so trifft dieses Buch absolut den Nerv der Zeit.


Gekonnt bedient Daniel Speck dabei mit Ironie Klischees, um dann im nächsten Moment wieder einen eher nachdenklich stimmenden, traurigen Ton anzuschlagen und es auch nicht zu versäumen uns gnadenlos hier und da den Spiegel der eigenen Geschichte vorzuhalten. Dass hierdurch entstehende Spannungsfeld der Emotionen, die wundervoll charakterisierten Personen und nicht zuletzt die bildliche Sprache, sind es, die die knapp 600 Seiten von „Bella Germania“ nur so dahinfliegen lassen.


Mit „Bella Germania“ hält man nicht nur eine packend geschriebenen deutsch-italienische Familiengeschichte in Händen, sondern ganz, ganz viel deutsche Geschichte.


„Ein Mensch ist so lange ein Fremder, bis du seine Geschichte gehört hast.“ (S. 453)

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Am Fenster

Julian Barnes , Gertraude Krueger , Thomas Bodmer , Alexander Brock
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 07.01.2016
ISBN 9783462048643
Genre: Romane

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156 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 107 Rezensionen

schweiz, freundschaft, homosexualität, liebe, juden

Und damit fing es an

Rose Tremain , Christel Dormagen
Fester Einband: 333 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 08.08.2016
ISBN 9783458176848
Genre: Romane

Rezension:

...,diesen Rat gab Rose Tremain einst einer Gruppe angehender Autoren. Eine mutige Vorgehensweise, doch für sie scheint dieser Rat aufzugehen.


Schickte sie ihre Leser mit „Zeit der Sinnlichkeit“, der unter dem Titel „Restoration“ mit Robert Downey Jr. Verfilmt wurde, und „Adieu, Sir Merivel“ an den Hof Charles II von England. Beschäftigte sie sich mit „Die Verwandlung der Mary Ward“ mit Transsexualität in den frühen 1950- er und 60-er. So versetzt sie ihre Leser mit ihrem neuesten Buch in die Schweiz vor dem Hintergrund der Geschehnisse des zweiten Weltkriegs.


Wir schreiben das Jahr 1947, als sich Gustav Perle und Anton Zwiebel das erste Mal begegnen. Gustav, ein Junge aus ärmlichen Verhältnissen, der Vater Tod, die Mutter Emilie verdient ihr kärgliches Brot in einer Käserei im Ort. Reichtum sieht anders aus. Anton hingegen entstammt aus gutem, kultiviertem Hause, der Vater Bankier, die Mutter Hausfrau. Durch ihn lernt Gustav erstmals die schönen Seiten des Lebens kennen. Klavierspielen, Schlittschuhlaufen, Reisen. Eine Begegnung aus der eine lebenslange Freundschaft erwachsen soll. Eine Freundschaft, an deren Ende die bittere Erkenntnis steht, dass manchmal das Gute so nahe liegt und das Glück nur einen Steinwurf weit entfernt ist. Ein Glück, das in dem einen Menschen begründet liegt, den man zum Leben braucht. Doch bis dahin liegt vor Gustav und Anton noch ein weiter Weg.


„Es gibt da diese Straße Gustav. Das weißt du doch. Und genau diese Straße müssen wir nehmen. Wir müssen die Menschen werden, die wir schon immer hätten sein sollen.“ (S. 327)


Eine Straße gegliedert in 3 Sätze, wie eine Sonate. Beginnend mit einer heiteren Grundstimmung und dem Kennenlernen der beiden, führt uns der zweite Satz tief hinein in die Vergangenheit der Eltern Gustavs um dann im dritten Satz nach kurzem Zwischenspiel in Largo (langsam) zu einem fulminanten „Allegro vivace“ zu führen. Und ebenso wie ein Komponist sein Publikum mit sicherer Hand, Note für Note, durch sein Musikstück führt, so führt uns Rose Tremain als versierte Erzählerin Seite für Seite durch diese Geschichte. Scheinbar leicht gleiten die Sätze dahin, doch die Themen sind schwer. Denn die ungleiche Freundschaft von Anton und Gustav bildet nur die Basis für diese zutiefst berührende Geschichte, in der es auch um unerfüllte Liebe, die Suche nach einem kleinen Stückchen Glückseligkeit in unruhigen Zeiten und um Menschen geht, die verzweifelt versuchen sich selbst treue zu bleiben, auch wenn es Zeiten gibt in denen dies sicherlich nicht ganz einfach ist. Denn über dem ganzen Buch schweben, wie Damoklesschwerter, stetig und andauernd der Schatten des zweiten Weltkrieges und die eine zentrale Frage:


Was macht es mit einer einzelnen Person, einem ganze Volk, ja, gar einem ganzen Land, wenn das Leid und die Not eines ganzen Kontinents an seine Türen und Tore klopft und über die Grenzen schwappt, während es nichts anderes versucht als verzweifelt seine selbstauferlegte Neutralität und seine Selbstbestimmtheit zu verteidigen.


Schwere Themen in leichte Worte verpackt, gelungene, nachdenklich stimmende Dialoge und absolut starke Charakterzeichnungen, dies sind eindeutig Tremains Stärken. Diese spielt sie hier auch wieder voll aus.


Mutet sie dem Leser mit dieser Geschichte zu viel auf einmal zu? Nein, ich denke nicht. Man muss sich einfach Zeit nehmen für diese wundervoll durchkomponierte Geschichte, deren Grundton zwar eine heller leichter zu sein scheint, doch in deren Hintergrund immer ein dunkler schwerer Ton mitschwingt.

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10 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

My Life on the Road

Gloria Steinem , Eva Bonné
Flexibler Einband
Erschienen bei btb, 11.07.2016
ISBN 9783442757039
Genre: Biografien

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