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22 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

roadtrip, jenniferbrown, perfectescape, freundschaft, zwangsneurosen

Perfect Escape

Jennifer Brown
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Little Brown & Co, 16.04.2013
ISBN 9780316185585
Genre: Jugendbuch

Rezension:

">>Glimmer hat glatte Bruchkanten. Wenn man so einen Stein zerbricht und die beiden Teile aneinanderhält, dann passen sie perfekt zusammen.<<>>So ähnlich wie wir<<, flüsterte ich, ohne richtig zu merken, dass ich den Gedanken laut aussprach. Meine Schulter berührte die von meinem Bruder.>>Zerbrochen und ziemlich kaputt, aber nicht zerstört.<<"
["Perfect Escape" | Jennifer Brown | S. 359]********


Spätestens als ich damals die letzte Seite von "Bitter Love"  zuschlug und sowohl atem- als auch fassungslos und mit einem Gefühlswirrwarr im Herzen da saß, war klar: Auch der nächste Jennifer Brown würde wieder in meinem Buchregal landen müssen! Denn was Jennifer Brown mit Sprache, Bildern und Charakteren anstellte, wühlt auf, beeindruckt zutiefst und bleibt lange Zeit im Gedächtnis hängen, so viel stand damals bereits fest. Insofern war es nicht weiter verwunderlich und lediglich eine Frage der Zeit, bis ich mich mit der wohl schönsten Freude überhaupt - der Vorfreude - an ihr neustes Werk "Perfect Escape" wagen würde.

Das Erste, was auffällt: Jennifer Browns Schreibstil ist so geblieben, wie er mir von "Bitter Love" in Erinnerung gewesen ist. Schlicht, ungekünstelt, natürlich. Einfache Sätze, die zur jugendlichen Protagonistin und Ich-Erzählerin Kendra passen und dennoch ab und zu den Vorschlaghammer herausholen und einmal kräftig und mitten auf das Leserherz schlagen. Ohnehin durfte ich wieder einmal feststellen, dass in Jennifer Browns Werken stets eine Brise Melancholie in der Luft liegt - eine, die zwar nicht auf die Tränendrüse drückt, mich jedoch schwer aufseufzen lässt. Diese beschwerliche Grundstimmung, zu der sicherlich auch die Zwangsneurose von Kendras Bruder Grayson seinen Teil beiträgt, ist gespickt von unheimlich vielen aufbrausenden, hellen Momenten der Freude, die Kendra und Grayson auf ihrem Roadtrip erleben und die Gefühlswelt des Lesers in eine chaosgleiche Achterbahnfahrt versetzen. 

Es scheint ganz so, als würde sich Jennifer Browns Stimme über die Seiten hinweg an ihre Leser richten und sagen: "Das ist ein kleiner Splitter und Bruchteil dessen, wie sich die Probleme auf unserer Welt auf jeden Einzelnen von uns auswirken können. Das ist das Leben - voller Ungerechtigkeit, Sorgen und Ängste, vor denen zu fliehen kein Roadtrip der Welt - und wenn er noch so lange sein mag - möglich machen kann. Flucht ist kein Ventil für Angst und das Leben wird ungerecht und schwierig bleiben, auch wenn du es durch die Frontscheibe deines Autos erlebst und in den entferntesten Bundeststaat reist. Aber, hey - es ist okay! Auch in schwierigen Situationen, unter schwierigen Umständen und Verhältnissen finden sich kostbare Lichtmomente."

Was ich an der Art und Weise, wie Jennifer Brown eben genannte Botschaft transportiert, in besonderem Maße interessant fand, war, dass über die Seiten von "Perfect Escape" hinweg klar wird, dass nicht nur Kendras Bruder Grayson derjenige mit den Problemen ist. Auch Kendras Charakter birgt seine Schattenseiten, auch sie hat Makel, die sich zwar nicht physisch dank einer Zwangsneurose wie bei ihrem Bruder äußern, sondern anderweitig zu Tage treten. Zwar verspürt sie nicht bei dem leisesten Anflug von Angstzuständen oder unangenehmen Situationen das Bedürfnis, bis in die Unendlichkeit vor sich hin zu zählen, loszuschreien oder Steine in Steinbrüchen zu studieren (wie das bei Grayson der Fall ist), jedoch muss auch sie mit ihren ganz eigenen, persönlichen Ängsten und Schwächen kämpfen. Und wahrscheinlich war und ist es ganu das, was Kendra zu dem machte, was ihr Bruder Grayson von Anfang an in meinen Augen war: Authentisch, menschlich und - ja! - manches Mal armselig, beschämend und vielleicht mitleiderregend, aber dadurch umso glaubhafter und ebenso fehlerhaft wie auch wir es sind. 

Dabei rückt die gesamte Zeit über entgegen meiner Erwartung - und trotz der Tatsache, dass dies im Klappentext angedeutet wird - weder das Thema Liebe noch Freundschaft in den Vordergrund. Im Gegenteil, Kendras ehemals beste Freundin, die vor Jahren in den entfernten Bundesstaat Kalifornien wegzog, spielt eine sehr geringfügige Rolle. Im Nachhinein erscheint es mir fast so, als wäre es Jennifer Brown gekonnt gelungen, mich bis zum letzten Drittel des Buches gekonnt an der Nase herumzuführen, denn ich hatte eine völlig andere Richtung erwartet, als diejenige, die das Buch letztendlich einschlägt. Zugegeben, mit spannungsgeladenen Ereignissen, die sich geradezu überschlagen und einem den Atem rauben, kann "Perfect Escape" nicht punkten. Vielmehr schlägt es ruhige, zarte Töne an, beherbergt einige Längen und hat nichts Spektakuläres zu bieten - aber erwärmt ab und an das Herz, bedrückt, lässt auflächeln und schenkt den Glauben daran, dass jene Bande zwischen Geschwistern zu den wertvollsten und stärksten überhaupt zählen können.
*
********"Manchmal muss man gar nicht laut aussprechen, dass man jemanden lieb hat.Manchmal genügt es, im Schatten dieses Menschen zu stehen und nichts dabei zu finden."
["Perfect Escape | Jennifer Brown | S. 360]
FAZIT:

Eine ruhige Geschichte, die in leisen Tönen von einer Reise erzählt, bei der nicht das Ziel entscheidend ist, sondern der Weg selbst sich als wertvoll und lehrreich erweist. Wer sich die Schilderung eines spektakulären und spannenden Roadtrips erhofft, ist hier wohl an der falschen Adresse. Alle anderen können sich auf eine zarte Geschichte mit einigen wenigen Längen freuen, die von Identität, Ängsten und Zweifeln erzählt, vor allem aber eine Hommage an die kostbaren Banden zwischen Geschwistern zu sein scheint. 

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1.600 Bibliotheken, 22 Leser, 4 Gruppen, 198 Rezensionen

märchen, cyborg, cinderella, cinder, dystopie

Die Luna-Chroniken - Wie Monde so silbern

Marissa Meyer , Astrid Becker
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Carlsen, 20.12.2013
ISBN 9783551582867
Genre: Jugendbuch

Rezension:

">>Aber es gibt ungefähr zweihunderttausend Mädchen in dieser Stadt, die sich ein Bein ausreißen würden, dich zu begleiten.<<[...] Sie sah ihn an. Als sie die Verletzlichkeit in seinen braunen Augen bemerkte, brach ihre Verteidigungsmauer zusammen.[...]>>Zweihunderttausend Mädchen<<, sagte er. >>Und was ist mit dir?<< "
["Wie Monde so silbern | Marissa Meyer | Seite 221f.]


Mein Märchenherz schlug höher, als ich "Wie Monde so silbern" endlich in Händen halten konnte. Auch wenn es nichts gänzlich Ungewöhnliches ist, wenn Autoren zu den Stoffen alter Sagen und Märchen greifen, um eine eigene Geschichte zu erzählen, hatte ich dennoch die - zwar von leichter Skepsis durchtränkte - Hoffnung und Ahnung, es hier mit viel mehr als einer bloßen Rezeption des Cinderella-Märchens zu tun zu bekommen. Glücklicherweise behielt ich damit recht.




Ohne Rücksicht auf mögliche Verständnis- oder Eingewöhnungsschwierigkeiten schmeißt Marissa Meyer ihre Leser regelrecht in Ort und Zeit des Geschehens hinein. Obwohl es nicht lange dauerte, bis ich mitbekam, dass diese in unbekannter Zukunft spielende Welt, in der im Übrigen sogar von einem vergangenem vierten Weltkrieg gesprochen wird, sich wohl maßgeblich von der unserer entscheidet, hingen zugegebenermaßen dennoch zu Anfang kleine, imaginäre Fragezeichen über meinem Kopf. Begriffe wie  "Cyborg", "Netscreen", "Portscreen", "Androiden" und viele mehr sind Standardbegriffe, mit denen der Leser von der ersten Seite an konfrontiert wird. Doch wider Erwartens wurde ich nicht gezwungen, die ersten und darauffolgenden Seiten mit einem verständnislosen Stirnrunzeln lesen zu müssen: Raffiniert und äußerst geschickt fühlt man sich dieser Welt, die einem zu Beginn noch völlig fremd erschien, in Windeseile vertraut. Die Bedeutung hinter Begriffe, die noch zu Anfang den Lesefluss störten, werden bald immer klarer und schließlich gewöhnlich. 


Begleiter in dieses neue Zeitalter ist ein durchweg angenehmer, einem Jugendbuch gerechten Schreibstil, der sowohl emotionalere, als auch sachliche Töne anschlägt. Dennoch ist Marissa Meyers Schreibstil eher als "schlicht" zu bewerten - nicht ihre Wortwahl, sondern der Inhalt, die kleinen, meist erschreckenden Schlusspointen eines jeden Kapitels veranlassten mich, mitzufiebern.Wo wir auch schon das richtige Stichwort hätten: "Mitfiebern". 

Obwohl die Grundzüge der Geschichte - vor allem zu Anfang - leicht bekannt sind und immer wieder offensichtliche, gewollte Parallelen zum Aschenputtel-Märchen auftauchen, verpasst Marissa Meyer mit ihrer neuzeitlichen, Cinderella-ähnlichen Geschichte diesem uralten Märchen die Tiefe, die vielen Märchen oftmals fehlt. Zwar entlockten Stiefschwester Pearl und Stiefmutter Adri mir ab und an dieselben Hassgefühle, die auch Cinder ihnen die meiste Zeit entgegenbringt, jedoch steckt hinter den Rollen dieser beiden viel mehr, als nur die üblichen Märchen-Bösewichte. Pearl und Adri sind und bleiben zwar hauptsächlich die bösen Gegenspieler, jedoch lässt Marissa Meyer versteckt und andeutungsweise Charakterzüge in ihnen aufblitzen, die von gewisser Menschlichkeit zeugen und Stiefschwester und -mutter somit ebenfalls realistische Konturen verleihen, die sich nicht nur auf die übliche Schwarzweißmalerei beschränken.


Die zu erwartende Liebesgeschichte ist überraschend zurückhaltend, keinesfalls märchenhaft-kitschig oder übereilt. Im Mittelpunkt stehen vielmehr Cinder und Kais Ängste und Hoffnungen, die dem Leser mithilfe abwechselnder personaler Erzähler näher gebracht werden. Dennoch überwiegen die Kapitel, in denen man als imaginärer Begleiter Cinder als Hauptprotagonistin auf ihren Erlebnissen begleitet.Cinder, die im einen Moment unheimlich feinfühlig, im anderen bereits wieder mutig, stark und standhaft erscheint, die sich nicht in die Reihe der liebestrunkenen, eitlen Mädchen, die auf einen kurzen Blick des Prinzes hoffen, einreiht, ist eine durchweg sympathische Protagonistin, deren Handlungen und Gefühlsregungen für mich stets nachvollziehbar waren. Auch mit ihr hat Marissa Meyer bewiesen, dass hinter den meist flachen, eintönigen Märchenprinzessinnen mehr stecken kann: Cinder ist nicht nur das fleißige, von der Stiefmutter verschmähte Aschenputtel, das von einem Tanz mit dem Prinzen träumt, sondern eine willensstarke, mutige und bewundernswerte Protagonisten, die ihre Macken aufweist und dennoch das Herz am richtigen Fleck trägt.


Während "Wie Monde so silbern" demnach bereits mit seinen Charakteren das allseits bekannte Märchen übertrifft, ist es die Handlung, mit der es sich ähnlich verhält: Vor allem gegen Ende hin überschlagen sich die Ereignisse, die mich teilweise unvorbereitet, teilweise meine Ahnung bestätigend trafen und die diese Geschichte zu mehr als einer bloßen Rezeption werden lassen. "Wie Monde so silbern" schlägt gegen Ende hin eine völlig fremde Richtung ein und ließ mich mit gespanntem Fingerkribbeln, das sofort nach dem nächsten Band lechzte, nach einem Ende zurück, das sich maßgeblich vom üblichen Aschenputtel-Friede-Freude-Eierkuchen-Ende unterscheidet.


FAZIT:"Wie Monde so silbern" ist so viel mehr als eine bloße Rezeption eines aus Kindertagen bekannten, uralten Märchens: Charaktere, die mehr Tiefe und Menschlichkeit aufweisen, ein Setting, das Realitätsnähe erzeugt, eine Handlung, die das Märchen an Spannungsgeladenheit übertrifft und eine Liebesgeschichte, die glaubwürdiger erscheint und - zumindest im ersten Band - nicht mit einem langweiligen "Und wenn sie nicht gestorben sind..." endet - all das macht dieses Buch zu einem mitreißenden, emotional strapazierenden Erlebnis, das ich unbedingt auf der Stelle mit dem zweiten Band "Wie Blut so rot" wiederholen möchte!

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536 Bibliotheken, 7 Leser, 0 Gruppen, 46 Rezensionen

liebe, freundschaft, sommer, krebs, familie

Vergiss den Sommer nicht

Morgan Matson , Franka Reinhart
Flexibler Einband: 350 Seiten
Erschienen bei cbj, 13.05.2013
ISBN 9783570401811
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Aber im Grunde meines Herzens wusste ich, dass es gut so war - dass ich nach so vielen Jahren, in denen ich vor allem weggelaufen war, jetzt endlich auf etwas zuging."
["Vergiss den Sommer nicht"|Morgan Matson|S.469]

***

"Amy on the summer road" zu lesen war ein phänomenales Erlebnis, das ich auf keinen Fall missen möchte. Schließlich gehört Amy und Rogers Geschichte rund um ihren Roadtrip quer durch die USA zu meinen ganz persönlichen Herzensbüchern und mit ihr wurde unwillkürlich vor einiger Zeit auch Morgan Matson kurzerhand zu meiner unangefochtenen Lieblingsautorin gekürt. Sie schaffte etwas, was mir nicht oft passiert: Um Worte ringend, stammelnd, aber mit leuchtenden Augen von einer Geschichte zu erzählen, die mich umhauen konnte, bei der mich tragischerweise jedoch das Gefühl nicht loswird, dass ich keine Worte finden werde, um meinem wunderbaren Leseerlebnis gerecht zu werden. Wieder einmal sitze ich nun sprachlos hier und starte den mühevollen Versuch, passende Worte zu Morgan Matsons unzähligen Worten zu finden, die mich berührt zurücklassen konnten.

Morgan Matsons Schreibstil bewirkte sofort, dass ich mich pudelwohl und in die wundervolle Lesezeit von "Amy on the summer road" zurückversetzt fühlte. Da war sie wieder, diese ungezwungene Leichtigkeit, diese spezielle Morgan-Matson-Note, die während des Lesens "in der Luft liegt" und die einem zu sagen scheint, nun wirklich aufmerksam lauschen zu müssen, da wir es hier mit jemandem zu tun haben, der eine Geschichte zu erzählen hat, die interessant werden könnte. Miss Matson scheint dabei immer die richtigen Worte zu treffen, die - wie zuvor auch schon in "Amy on the summer road" - perfekt zum Alter und Typ der Ich-Erzählerin und Protagonistin Taylor passen. Leicht umgangssprachliche Elemente stören hier kein bisschen, sondern verleihen der gesamten Erzählweise noch mehr Authentizität, die einem von jeder Seite ohnehin schon entgegen springt.

An dieser Stelle sollte ich wohl Folgendes festhalten: Wer wirklich auf der Suche nach einer authentischen Geschichte ist, deren Charaktere so lebensecht dargestellt werden, dass man schon beinahe befürchtet, bei einer Reise nach Amerika ihnen auf der Straße begegnen zu können, wer von Schicksalen lesen möchten, wie sie schon morgen dich, mich oder den Nachbarn betreffen könnten, wer von Liebe lesen möchten, die sich nicht nur in einer Partnerschaft abspielt, sondern endlich gerechterweise in all ihren wunderbar vielseitigen Facetten dargestellt wird und wer nicht davor zurückschreckt, Tränen um imaginäre Personen namens Charaktere zu vergießen - der sollte schleunigst zu Morgan Matson greifen. All die genannten Punkte, die ich auch schon bei Morgan Matsons Erstlingswerk abhaken konnte, kann ich nun auch bei "Vergiss den Sommer nicht" getrost und ohne schlechtes Gewissen unterschreiben.

Vor allem was die Charaktere betrifft, stehen die unzähligen Figuren aus "Vergiss den Sommer nicht" denen aus "Amy on the summer road" in nichts nach. Auch hier habe ich das Gefühl, mich wiederholen zu müssen, aber ich hatte ebenso wie zuvor bei Amy und Rogers Geschichte den Eindruck, dass hinter jeder noch so unbedeutenden Nebenfigur eine eigene, persönliche, noch unerzählte Geschichte steckt und sich Miss Matson spontan Taylors ausgesucht hat - die spezielle, unheimlich sympathische Taylor, die allen unangenehmen Situationen sofort aus dem Weg geht. Die Taylor, die ebenso wie alle anderen Charaktere ihre Fehler aufweisen kann, uns auch ihre egoistische Seite zeigt, ihre Schwächen zunächst verleugnet, jedoch ähnlich wie bereits Amy in Morgan Matsons besagtem anderen Werk während des Buches einen berührenden Charakter-Wandel durchläuft, ihre Schwächen erkennt und versucht diese zu besiegen.

Überraschenderweise war es nicht die Liebesgeschichte - welche man allein des Covers wegen erahnt und erwartet - , die mich so sehr für sich gewinnen konnte. Wie bereits erwähnt, stellt Morgan Matson das so große, undefinierbare Wort Liebe, dem sich bereits unendlich viele Autoren in ihren Werken verschrieben haben, in unterschiedlichsten Facetten dar und scheint als eine der wenigen Schriftstellern diesem auch gerecht zu werden. In "Vergiss dein Sommer nicht" greift Morgan Matson nicht nur zu dem schwierigen Thema Trauer, sondern ermöglicht es ihren Lesern dabei auch noch, eine Familie während der wohl schwersten Zeit ihres Lebens durch den Alltag zu begleiten.

Dabei lernte ich so viele Macken, Ecken und Kanten der Mitglieder aus Taylors Familie kennen, dass es einfach unmöglich war, sie nicht ins Herz zu schließen, ihre Trauer nicht zu teilen und mich ebenfalls so zu fühlen, als wäre ich gerade drauf und dran, viel zu frühen Abschied von einem geliebten Menschen nehmen zu müssen. Auch wenn dieser Alltag, der in dem Ferienort Lake Phoenix abspielt und durch der Leser Taylor und ihre Familie begleitet, seine Längen besitzt und die Handlung als ruhig und dahingleitend bezeichnet werden kann, ist es genau das, was das Adjektiv "authentisch" auf diese Geschichte wieder einmal wie maßgeschneidert wirken lässt: Wer Action, weit hergeholte schicksalhaften Liebe-auf-den-ersten-Blick-Begegnungen oder Friede-Freude-Eierkuchen-Trauerbewältigung in "Vergiss den Sommer nicht" erwartet, liegt falsch. Auch im echten Leben widerfährt uns doch selten Actionreiches oder Spannungsgeladenes, weshalb die Geschichte in "Vergiss den Sommer nicht" mit seinem berührenden Ende, das harmonisch den Rahmen schließt, wie aus dem Leben gegriffen scheint. - Und wahrscheinlich ist es genau das, was dieses Buch so schön und traurig zugleich macht.

FAZIT:
Morgan Matson vollbrachte, was sie bereits mit "Amy on the summer road" vollbracht hatte: Es ist mir unmöglich, ein einzelnes Kapitel zu nennen, das besonders toll, gelungen oder berührend war, eine Stelle zu benennen, die mich besonders umgehauen hat oder ein Zitat anzuführen, das den Nagel auf den Kopf getroffen hat - vielmehr fügen sich diese unzähligen kleinen Szenen, diese vielen Alltagsmomente, die man mit Taylor und ihrer Familie während ihres Sommers in Lake Phoenix verbringt, zu einem harmonischen Ganzem, das mich dann letztendlich begeistert und berührt. In "Vergiss den Sommer nicht" ist mit anderen Worten der Weg das Ziel: Nämlich die Zeit, die man mit diesen wunderbaren Charakteren verbringen darf, ihre Macken, die sie dem Leser immer mal wieder offenbaren und die Erkenntnis, sie immer mehr ins Herz zu schließen. Morgan Matson gibt einem das Gefühl, dass es dort draußen viele Taylors geben könnte, deren Geschichten uns Mut, Hoffnung und ein Lächeln abringen kann.

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2.196 Bibliotheken, 25 Leser, 3 Gruppen, 166 Rezensionen

liebe, abby, travis, college, freundschaft

Beautiful Disaster

Jamie McGuire , Henriette Zeltner
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Piper, 16.04.2013
ISBN 9783492303347
Genre: Liebesromane

Rezension:

 "Seit wir uns begegnet waren, hatte sich in jedem von uns etwas verändert. Und was immer das sein mochte, es bewirkte, dass wir einander brauchten. Aus mir unbekannten Gründen war ich seine Ausnahme, und sosehr ich auch gegen meine Gefühle angekämpft hatte, er war meine."
["Beautiful Disaster"|Jamie McGuire|S.230]

***

Wie sehr ich mich doch davor gefürchtet hatte, meine schlimmsten Befürchtungen bezüglich dieses Romans könnten sich bewahrheiten: Auch wenn ich es nicht direkt erwartete, als ich die erste Seite aufschlug, fürchtete ich mich doch vor über 400 Seiten Oberflächlichkeiten und nichtssagendes Liebesgeplänkel.

Jamie McGuires Schreibstil war für diese unheilvollen Befürchtungen geradezu ein gefundenes Fressen. Tatsächlich trug ihr für meinen Geschmack etwas abgehackter, liebloser und geradezu spartanischer Schreibstil nicht gerade dazu bei, diese Erwartungen über Bord zu werfen. An so manchen Stellen hätte ich mir detailliertere Be- und Umschreibungen der Situationen, Mimiken, Gestiken und Reaktionen der Charaktere gewünscht, die ihren Sätzen ein wenig Leben einhauchen hätten können. Leider führten die stellenweise lückenhaften und mangelnden Beschreibungen dazu, dass kein reibungsloser Film vor meinem inneren Auge ablaufen konnte. Vor allem zu Anfang hatte ich große Mühe, mich mit diesem eher schmucklosem Schreibstil anzufreunden. Glücklicherweise gewöhnte ich mich nach den ersten 100 Seiten an diese spartanische Erzählweise und von da an war es um mich geschehen und die Seiten flogen nur so dahin.

Denn Eines kann man "Beautiful Disaster" garantiert nicht nachsagen: Kein Pageturner-Dasein zu genießen. Denn ein Pageturner ist dieser Roman definitiv. Kein Wunder, schließlich kann man auf der Liste der Pageturner-Voraussetzungen einen entscheidenden Punkt zu Gunsten von "Beautiful Disaster" abhaken - Unvorhersehbarkeit.
Ich wurde geradezu durch die Handlung geschmissen, geschubst und gerüttelt. Eine wahre Berg- und Talfahrt, die einer Achterbahnfahrt ähnelt, durchlebt der Leser mit den dahinfliegenden Seiten, denn auf keiner darauffolgenden Seite trifft man auf das, was man erwartet. Im Gegenteil: An jeder Ecke lauert eine neue Überraschung, die den Leser in ein wahres Gefühls-Desaster zu stürzen vermag, denn Ich-Erzählerin und Protagonistin Abby Abernathy versteht es, ihre Gefühle und Stimmungen ins Herz und die Magengegend des Leser zu implantieren. Raffiniert schaffte sie es, dass ich auch mein Herz an diesen mysteriösen und dunklen Travis Maddox verlor, ihn ebenso aus seinem bisherigen Vergangenheitschaos und seinem bisherigen Lebenswandel retten wollte, ihn hätte schütteln und ohrfeigen können - nur, um ihm auf der darauffolgenden Seite erneut um den Hals fallen zu wollen. Fest steht jedenfalls: Travis Maddox becircte nicht nur Protagonistin Abby, sondern wickelte irgendwann zwischen Seite 100 und 200 auch mich um den Finger.

Zugegebenermaßen konnte ich mich auf den ersten 100 Seiten mit Mr. Maddox nicht wirklich anfreunden. Die ganze Zeit über erschien er mir wie eine blasse, sehr viel schlechter umgesetzte Version des alleseits geliebten Elyas Schwarz aus Carina Bartschs "Kirschroter Sommer", mit dem Unterschied, es hier mit einer oberflächlichen Variante zu tun zu haben. Doch glücklicherweise gewährt uns Jamie McGuire auf den anderen über 300 Seiten nicht nur tiefere Blicke in sein Inneres, sondern zeigt uns noch andere Seiten des klischeehaften Bad Boys, die einfach zum Schmachten zwingen.
Andere Charaktere hingegen erschienen mir vom ersten Moment an wie aus dem Leben gegriffen, denn jede noch so nebenbei auftauchende Nebenfigur wirkt authentisch und lebensnah. Besonders Abbys Freundin America erwies sich als eine herzallerliebste Figur, die ich sofort in mein Herz schloss. Merke: Die Welt braucht eindeutig mehr beste Freundinnen der America-Sorte.

Auch "Beautiful Disaster" stellte mal wieder unter Beweis, dass es keiner Fantasy- oder Dystopiewelten bedarf, um den Leser mit Spannungsgeladenheit durchgehend zu fesseln, denn Langeweile kam bei mir zu keinem Zeitpunkt auf. Rasant schubst Ich-Erzählerin Abby den Leser von einer Gefühlskatastrophe in die nächste, bis man schließlich erschöpft, atemlos und aufgewühlt am Ende ankommt und nach noch mehr Adrenalin und Gefühlsachterbahn giert.

FAZIT:
Mit "Beautiful Disaster" verhält es sich ein wenig wie mit Achterbahnen: Sie verschütteln, rütteln und stoßen dich durch die Gegend, entlocken dir Schreie und Lachen, Hochgefühl, Kribbeln in der Magengegend und Angst vor dem nächsten Absturz - Kurzum: Sie machen einen unheimlichen Spaß, auch wenn man nicht wirklich festmachen kann, warum eigentlich genau.
Auch "Beautiful Disaster" stürzt den Leser in ein wahres Gefühls-Desaster und hält über 400 Seiten bereit, die man entweder gierig umblättern möchte oder aber einen zum Zögern veranlassen, weil sie eine nächste zerstörerische Katastrophe für die bis dahin friedliche Situation bereithalten könnten. Amüsante Dialoge, Herschmerz und -klopfen garantiert, eines jedoch sicher nicht: Langeweile! Versprochen.

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306 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 45 Rezensionen

fantasy, dystopie, gefängnis, science fiction, schlüssel

Incarceron - Fliehen heißt sterben

Catherine Fisher , Marianne Schmidt
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Penhaligon, 18.03.2013
ISBN 9783764530808
Genre: Fantasy

Rezension:

">>Incarceron hat mit en Schultern gezuckt<<, hatte Gildas grimmig bemerkt. Das war das erste Mal, dass Finn das Gefängnis hatte lachen hören. [...] Die Haare auf Finns Haut hatten sich vor Entsetzen aufgestellt. Das Gefängnis war am Leben.

Es war grausam und gleichgültig, und er selbst war in seinem Innern."

("Incarceron- Fliehen heißt sterben"| Catherine Fisher | S. 36)


*****

Unheimlich neugierig, relativ unvoreingenommen und dennoch mit großen Hoffnungen auf eine überwältigende und spannende Geschichte à la James Dashners Labyrinth-/Maze Runner- Reihe schlug ich die erste Seite von "Incarceron- Fliehen heißt sterben" auf. Nachdem ich relativ schnell registriert hatte, dass der Leser bei "Incarceron" mit einem personalen Erzähler zu tun hat, der hauptsächlich aus der Gedankenwelt der beiden Protagonisten Finn und Claudia erzählt, folgte ziemlich schnell die große Verwirrung: Sowohl im Gefängnis Incarceron, in welchem der Leser Seite an Seite mit Finn den Grausamkeiten dieses besonderen Gefängnisses ins Auge blickt, als auch im Außerhalb, wo es mit Claudia Bekanntschaft zu schließen gilt, wird mit Begriffen um sich geworfen, die bei mir immer wieder große Fragezeichen aufriefen: Comitatus? Sapient? Maestra? Käfer, Das Protokoll, Havaarna? Bitte?

Das sind nur ein paar wenige Beispiele der zahlreichen Begriffe, die von den Charakteren mit leichtfertiger Selbstverständlichkeit benutzt werden. Doch wer nun glaubt, dass der große mit Fragezeichen bestickte Schleier der Unverständlichkeit, der über diesen Begriffen hängt, im Laufe der Geschichte gelüftet wurde, liegt leider falsch - Erklärungen darf man bei "Incarceron" in der Tat nicht erwarten. Stattdessen war ich mit wachsender Seitenzahl dazu gezwungen, mir einen Reim auf die mysteriösen und suspekten Dinge, die anscheinend von relativ großer Bedeutung waren, zu machen. Während mir das bei den meisten von ihnen gelang, blieben bis zur letzten Seite so manche erwähnten Dinge nach wie vor ein rätselhaftes Mysterium in einer wohl dystopischen Welt, die ich leider nicht ganz durchblicken konnte.

Dementsprechend groß war meine Frustration. Zu gerne hätte ich die zukünftige Welt, in der Claudia und auch Finn leben, mit etwas klarerer Sicht betrachtet. Geheimnisvolles und Ungewisses mag ja schön und gut, ja manchmal sogar spannend sein, aber dermaßen viele Fragezeichen, die sich zu beinahe keinem Zeitpunkt auf den knapp 470 Seiten zu Aha-Effekten auflösen, waren nach einer gewissen Zeit einfach nur nervig.

Mit dadurch gedämpfter Lesestimmung wurde ich leider auch mit den Charakteren nicht richtig warm. Vor allem Finn erschien mir einfach zu flach, zumal man als Leser aus seinen Gedanken und Handlungen wenig auf seinen Charakter schließen kann. So kam es, dass ich mich die meiste Zeit eher auf die Textpassagen freute, die sich in Claudias Welt abspielen. Im Gegensatz zu Finn besitzt sie ihre Ecken und Kanten, die sie mir sympathisch und in meinen Augen greifbarer werden ließen.
Eine Einschätzung der anderen Charaktere stellte sich als ziemlich schwierig heraus - bei manchen habe ich noch immer das Gefühl, dass sie sich in Band 2 als Bösewichte herausstellen könnten- Und ich bin mir noch immer nicht ganz sicher, ob dieser Punkt bezüglich der Undurchschaubarkeit für oder gegen diese Geschichte spricht...

Was mich in dieser Einöde der Enttäuschung ein wenig aufmunterte, war Catherine Fishers Schreibstil, welcher es versteht, Atmosphären, Gedanken- und Gefühlsregungen treffend und malerisch zu beschreiben. Doch das konnte über den größten Punkt der Enttäuschung nicht hinwegtrösten: Incarceron, das Gefängnis. Dabei war es doch eigentlich genau das, was mich am meisten zum Lesen dieses Buches veranlasste. Ein lebendes Gefängnis, das im Laufe der Jahre eigene Intelligenz entwickelt hatte, seine Insassen beobachtet und ein grausames Spiel mit ihnen treibt? Perfekt, unheimlich spannend und nervenaufreibed - dachte ich. Aber leider waren Finns Erfahrungen im Gefängnis alles andere als spannend, was - wie bereits erwähnt - dazu führte, dass ich mir des Öfteren die Passagen herbeiwünschte, die von Außerhalb und Claudias Erfahrungen berichten. Außerdem gab es leider für meinen Geschmack viel zu wenig über dieses Gefängnis, was man in Erfahrung bringen durfte. Erst im letzten Drittel des Buches wurden kleine Details gelüftet, die mich allerdings allesamt nicht "vom Hocker reißen" konnten, zumal leider auch was Incarceron selbst betrifft, so einige Fragezeichen bei mir offen blieben.

FAZIT:
Hatte ich bei "Incarceron" eine große Portion Schaudern, Nervenaufreiben und von Spannung bedingtes, polterndes Herzklopfen erwartet, wurde ich leider enttäuscht. Weder die teilweise flachen, teilweise undurchschaubaren Charaktere noch der Komplex um Incarceron, das mysteriöse lebende Gefängnis selbst, konnten mich in ihren Bann ziehen. Schuld daran waren höchstwahrscheinlich vor allem mangelnde Erklärungen und nicht vorhandene Aha-Effekte - oder aber ich bin, auch wenn mir bisher zu diesem Roman nicht viel zu Ohren gekommen ist, mit schlicht und einfach zu hohen Erwartungen an diese Geschichte herangegangen.

Wie auch immer: Auch das zufriedenstellende Ende, das zugegebenermaßen ein wenig neugierig auf Band 2 macht, schafft es wohl eher nicht, mich zum Lesen besagten Nachfolgers zu bewegen.

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122 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 13 Rezensionen

liebe, kelsey, ren, fluch, indien

Fluch des Tigers - Eine unsterbliche Liebe

Colleen Houck , Beate Brammertz
Fester Einband
Erschienen bei Heyne HC, 04.03.2013
ISBN 9783453267756
Genre: Jugendbuch

Rezension:

! ACHTUNG - Band 3 einer Reihe, Spoiler enthalten !

" Dann nahm er meine Hand und verschränkte seine Finger mit meinen. >>Du vergisst etwas, Iadala. Liebe ist keine Entscheidung. Liebe kann man sich nicht aussuchen. Liebe ist ein unstillbarer Durst - ein Verlangen, so lebensnotwendig für die Seele wie Wasser für den Körper. [...]

Beraube mich dieses Schlucks Liebe, und ich werde zu Staub zerfallen."


("Fluch des Tigers"| Colleen Houck | Seite 440f.)

*********

Ich kann gar nicht ausdrücken, mit welcher Sehnsucht ich diesen Band erwartet und mit welcher Freude ich mich, als endlich Zeit dazu war, auf ihn gestürzt habe. Sowohl Band 1 als auch Band 2 konnten mich vollends überzeugen und auf eine herzergreifende Reise in den Orient mitnehmen, was unweigerlich dazu führte, dass ich mit enorm hohen Erwartungen meine dritte "Reise" begann.

Das Schöne an dieser Reihe: Man findet sich in das Geschehen sofort wieder ein, zumindest ergeht es mir jedes Mal (Nun gut, nun das 2. Mal) aufs Neue so. Kleine Gedächtnislücken bezüglich bestimmter Geschehnisse aus den vorherigen Bänden sind nicht weiter tragisch, da jeder Band eine neue Herausforderung bzw. Prüfung beinhaltet, die Kelsey und ihre zwei Tiger auf ihrem Weg, den Bann zu brechen, bestehen müssen. Lediglich die Namen und der Nutzen der in den vorherigen Bänden erstandenen Gaben, wie die Chakram oder die Gada beispielsweise, musste ich mir erneut erschließen und zurück ins Gedächtnis rufen.

Was den Schreibstil anbelangt, konnte ich nur erneut feststellen, was bereits in den Vorgängerbänden der Fall war - schlicht, einfach und dennoch ab und an bildhaft genug, um mein kleines Metaphern-Herz höher schlagen lassen zu können. Mrs. Houck versteht es auch in diesem Band, fabelhaft mit ihrer klaren und einfachen Erzählweise zu spielen und mir die - zugegebenermaßen ab und an nervige - Ich-Erzählerin Kelsey dennoch sympathisch und authentisch erscheinen zu lassen.
Ich fühlte mich daher ein drittes Mal an Kelseys Seite pudelwohl und schloss die altbekannten, geliebten Gesichter sofort in meine imaginären Arme... Das heißt: Das hatte ich zumindest vor.

Bei fast allen von ihnen gelang mir dies, doch bei einer ganz bestimmten Person zu meinem absoluten Leidwesen nicht: Ren. Der Ren, der ja bereits am Ende von Band 2 sein Gedächtnis verloren zu haben schien und den ich dennoch gerne weiterhin gemocht hätte. Aber Fehlanzeige, denn stattdessen blieb mir der "vergessliche" Ren durchweg unsympathisch und völlig fremd.
Die meiste Zeit über empfand ich ihn sogar als ein wenig kindisch, naiv und egoistisch - Kurzum könnte man sagen, er hatte überhaupt nichts mit dem Ren gemein, an den ich zusammen mit Kelsey in den beiden Bänden zuvor mein Herz verschenkt hatte. Gott sei Dank konnte er sich - nach einem ganz bestimmten Ereignis, das aus Spoilergründen wohl eher nicht genannt werden sollte - auf meiner persönlichen Sympathie-Leiter schon bald wieder weit nach oben angeln und sich vielleicht sogar bis zur obersten Sprosse durchkämpfen. Die Betonung liegt jedoch auf "vielleicht", denn wie bereits in Band zwei schaffte es die wohlbekannte Dreiecksbeziehung dieser Saga erneut, nicht nur Kelseys, sondern auch meine Sympathien und Lesergefühle in Verwirrung zu bringen - was ich als absoluten Pluspunkt anerkennen muss.

Auch wenn Kishan in diesem Band leider ein klein wenig seinen beschwingten Humor und seine amüsante Arroganz aus dem vorangegangenem Band verloren zu haben scheint, muss ich erfreulicherweise erneut eingestehen, dass er Gott sei Dank kein billiger Abklatsch des eigentlichen männlichen Gegenparts zu Kelsey (Ren) darstellt, sondern vielmehr durch seine ruhige, unschuldige und bescheidenere Art Pluspunkte sammelt. Obwohl ich, wie bereits erwähnt, diese Dreiecksbeziehung in dieser Serie sehr gelungen und alles andere als nervend empfinde, störte es mich doch ein klein wenig, dass wohl ständig unter Beweis gestellt werden muss, wie stark Kelsey von allen Seiten begehrt zu werden scheint. Ich meine - Reicht es nicht, dass bereits zwei absolut tolle Tigerbrüder ihr zu Füßen liegen? Musste nach den ganzen Kerlen aus Band 2 jetzt noch ein dritter folgen? Dennoch war ich froh, dass genannter Dritter wie bereits in Band 2 wenig Bedeutung fand und lediglich am Rande auftauchte. So trübte dieses Minuspünktchen nur minimal mein ansonsten durchweg positives Bild dieses Bandes.

Schließlich gibt es an der Handlung für mich wirklich ein gar nichts auszusetzen. Mal wieder war es aufregend und schön zugleich, als stiller Begleiter die Drei bei ihren Prüfungen zu beobachten, in dieser Welt voller indischer Mythologie und orientalischer Schönheit abzutauchen und dabei niemals von Langweile erfasst zu werden. Colleen Houck trifft auch in diesem Band die perfekte Mischung aus ruhiger Romantik, emotionalem Chaos und nervenaufreibenden Spannungswellen, die am Ende in einem aufregendem Strudel enden und den Leser - wie wir das ja bereits aus den beiden anderen Bänden kennen - mit schockiertem Herzpochen und unbändiger Neugierde zurücklassen.

FAZIT:
Auch Band 3 dieser wunderbaren Saga entführt in eine märchenhafte Welt voller indischer Mythologie, Herzensverwirrungen und fabelhafter Unterhaltung dank toller Charaktere. Auch wenn mir zugegebenermaßen die Vorgängerbände einen kleinen Tick besser gefallen haben, war es auch für den dritten Band der Tiger-Sage lediglich ein Katzensprung - oder eher "Tigersprung" - zu meinem Herzen.

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liebe, selbstmord, überleben, flugzeugabsturz, schnee

Survive - Wenn der Schnee mein Herz berührt

Alex Morel , Michaela Link
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei INK, 10.01.2013
ISBN 9783863960476
Genre: Jugendbuch

Rezension:

" >>Meinst du, sie halten uns für tot?<<>>Keine Ahnung. Aber ich glaube, meine Mutter würde sich darüber freuen, dass ich endlich einen Jungen kennengelernt habe.<>Du hast einen Jungen für dich gefunden, Solis? Schön zu wissen.<<"("Survive"|Alex Morel|Seite 150)
Nichts. Das ist es, woran ich denke, während ich verzweifelt versuche, nach den passenden Worten und Beschreibungen für dieses Buch zu suchen - Einfach nichts. Mir möchte nichts einfallen, was ich zu dieser Geschichte zu sagen hätte, denn fest steht: Mir fehlen die Worte für eine Geschichte, die an Langatmigkeit, Unglaubwürdigkeit und lächerlichen Handlungsbeschreibungen kaum zu überbieten ist. Mit abgehackten Sätzen beginnt die Ich-Erzählerin Jane, welche - wie bereits im Klappentext angepriesen - ihren Suizid geplant hat, ihre nichtssagende Geschichte zu erzählen. Während ich anfangs noch relativ unvoreingenommen und neugierig ihren Worten "lauschte", begann sie mich nach wenigen Seiten bereits zu nerven: Mit scheinbarer Coolness plant sie ihren baldigen Selbstmord und wirft dem Leser dabei immer wieder Bröckchen ihrer Vergangenheit vor die Füße, welche eine Rechtfertigung für ihre Pläne darstellen sollen. Eben diese Coolness, die Jane dabei an den Tag zu legen scheint, trifft es im Wortursprung bereits auf den exakten Punkt: Kalt. Janes Geschichte und Emotionen (Wobei: Welche Emotionen?) ließen mich von Anfang bis Ende kalt. Nichts von dem, was durch ihre Familiengeschichte und Vergangenheit in ihr anscheinend angerichtet wurde, konnte mich berühren oder geschweige denn überzeugen. Stattdessen folgten immer wieder lahme Aussagen über ihren Vater, der sich bereits ebenfalls das Leben genommen habe, und dem sie nun nachfolgen müsste.  Doch ich schien nicht die Einzige zu sein, die das Ganze kein bisschen mitnahm - Auch Jane legte die genannte Coolness an den Tag, welche fern von Emotionen, Verzweiflung und Hilflosigkeit war. Selbst ohne diese Gefühle, die ich bei einer solchen Art von Protagonistin erwartet hätte, kam diese Coolness auch nicht einer logischen inneren Leere gleich - Einer Leere, die davon zeugen würde, dass sie innerlich bereits mit sich und ihrem Leben abgeschlossen hatte, quasi innerlich bereits einen Tod hinter sich gehabt hätte. Nein, vielmehr schien sie mir die ganze Zeit über nichts anderes als emotionslos, konstruiert und schlicht und einfach unecht.  Nicht nur ihre Beweggründe und gesamte Person konnte ich ihr abkaufen - Auch ihre Therapiestunden erschienen einfach nur unglaubwürdig, die Therapeuten und Betreuer geradezu dümmlich und Paul, dessen Bekanntschaft sie nach ihrem gescheiterten Selbstmordversuch macht, einfach nur flach. Ebenso wie Jane konnte ich diesem Typen nichts abgewinnen. Gemeinsame Dialoge wirkten auf mich stets gezwungen amüsant oder einfach nur nichtssagend. In dieses Muster reihte sich auch die vorhersehbare heranwachsende Beziehung zwischen Jane und Paul ein, die bei mir überhaupt keine Emotionen auslöste oder gar nachvollziehbar war.  Zugegeben: der bereits zu Anfang erwähnte abgehackte, emotionslose Schreibstil im Berichterstattungs-Stil passte recht gut zur eigentlichen Handlung... Denn die gab es meiner Meinung nach überhaupt nicht. Stattdessen bekam ich eine bloße Abfolge von langatmigen Tätigkeiten vorgesetzt. Beschreibungen wie die, wann, wo und wie viel eines Schokoriegels die beiden unter sich aufteilten, welchen Fußmarsch sie sich vornahmen, welche Gegenstände sie im Schnee an der Stelle des abgestürzten Flugzeuges fanden usw. machten die gesamte Geschichte zu einer Zerreißprobe für mich, die ich ohnehin langatmige Stellen nur sehr selten etwas abgewinnen kann. Doch hier hatte ich es nicht nur mit "Stellen" zu tun, denn das gesamte Buch über langweilte ich mich und versank immer tiefer in meiner Enttäuschung darüber, dass ich so sehr auf einen - eigentlich verlockenden - Klappentext hereingefallen war und mich von einem schönen Cover habe blenden lassen. 
FAZIT:Die bittere Wahrheit über "Survive" und mich ist, dass wir nichts miteinander anfangen können. Weder die Protagonistin noch andere Charaktere konnten mich überzeugen, die Handlung langweilte mich ungemein und ein emotionsloser Schreibstil rundete dieses enttäuschende Bild geradezu perfekt ab. Was ich mir als eine nahegehende und eher tiefgründige Geschichte, die vom Verlust und Wiedererlernen der Lebensfreude erzählen würde, erhofft hatte, stellte sich als ein - in meinen Augen - Reinfall heraus. Schade, denn dabei hätte diese Idee so viel Potenzial in sich bürgen können...

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preßwitz, stausee, hohenwarte

Ein kleines Stück vom Leben nur

Birgit Rieger
Flexibler Einband
Erschienen bei Wagner Verlag, 08.01.2013
ISBN 9783862796861
Genre: Romane

Rezension:

"Schöner kann es auch kein Drehbuchautor schreiben, wie es manchmal im wahren Leben zugeht."

("Ein kleines Stück vom Leben nur"| Birgit Rieger | Seite 296f.)

***

Es kommt wahrlich nicht oft vor, dass ich mit einer gehörigen Portion Skepsis und einer solch großen Unvoreingenommenheit an ein Buch herangehe, wie es bei diesem Titel der Fall war. Als mir Birgit Riegers Erstlingswerk jedoch angeboten wurde, entschied ich mich kurzerhand, dieser Geschichte - worüber auch immer sie auf welche Weise auch immer erzählen mochte - eine Chance zu geben. So kam es, dass ich völlig erwartungslos und ohne jegliche Vorstellung davon, wohin mich diese Geschichte entführen würde, "Ein kleines Stück vom Leben nur" aufschlug.

Der erste Eindruck ist ja bekanntlich der gewichtigste. Das, was diesen ersten Eindruck meiner Meinung nach bei einem Roman am maßgeblichsten beeinflusst, kann nur eines sein: Der Schreibstil. Charaktere, in deren Umgebung oder Gedankenwelt man urplötzlich geworfen wird, sind für den Leser zu Anfang fremd, unberechenbar und ein kleines Mysterium, das es während den kommenden Seiten zu erkunden gibt. Von der Handlung ganz zu schweigen, die ohnehin zumeist erst nach einigen gelesenen Seiten beurteilt werden kann. Aus diesem Grund lässt sich mein erster, subjektiver Eindruck auf Birgit Riegers Schreibstil zurückführen, welcher als ziemlich schlicht, einfach, schmucklos und - zu meinem Leidwesen - an einigen Stellen auch als etwas zu umgangssprachlich und salopp beschrieben werden könnte.

Ich bin kein Feind von lockeren Erzählweisen, vor allem nicht, sofern diese zum Alter und Charakter des Ich-Erzählers passen. Doch nicht nur die Tatsache, dass man es in diesem Werk hingegen mit einem personalen Erzähler zutun hat, sondern auch mein Empfinden, dass Worte wie "tut" vor dem eigentlichen Verb oder "total" in einem Roman eher unpassend sind, führten dazu, dass mich der Schreibstil gleich zu Beginn nicht wirklich gefangen nehmen konnte. Glücklicherweise handelt es sich bei genannten Beispielen jedoch nur um Ausnahmen, die mich demnach nicht allzu oft das Gesicht verziehen ließen.

Überraschenderweise hatte ich sogar das Gefühl, dass ich mich mit dem Schreibstil von Seite zu Seite besser anfreunden konnte, was meiner Meinung nach nicht nur daran lag, dass ich mich an ihn gewöhnte - Ich hatte tatsächlich das Gefühl, dass sich dieser gegen Ende des Buches hin verbesserte, mich mit schöneren Umschreibungen in die Situation hineinversetzte oder greifbarere Bilder vor mein inneres Leserauge malen konnte.
Hanna, die 45-jährige Protagonistin dieses Romans, war mir nicht von Anfang an sympathisch. Es dauerte, bis ich mich einigermaßen in sie einfühlen, ihre Beweggründe verstehen und mich mit ihrer Art anfreunden konnte. Leider blieb sie bis zum Schluss ein wenig unnahbar für mich - sie und auch die anderen Charaktere schienen mir oftmals etwas flach und ohne die menschlichen Ecken und Kanten, die nötig sind, um Charaktere als authentisch zu empfinden. Egal, ob Hannas Mann, ihr Sohn, ihre Freundin Claudia oder sämtliche andere Charaktere - Irgendetwas hinderte mich daran, sie als authentisch zu empfinden und ins Herz zu schließen.

Je mehr ich jedoch über Hanna und ihre Vergangenheit in Erfahrung bringen konnte, desto greifbarer wurde sie. Ich hätte zwar gerne mehr über ihre Lebensgeschichte, die wohl auch sehr viele Schattenseiten und Zeiten der Unruhe aufweist, erfahren, jedoch eignete sich ihre persönliche schwierige Vergangenheit gut, um sie mir ein wenig menschlicher und fehlerhaft erscheinen zu lassen. Mit den zwei wichtigen älteren Damen, Alice und Louisa, deren vergangenen Geheimnisse Hanna während des gesamten Buches über versucht, zu lüften, konnte ich schon mehr anfangen. Sowohl die altersdemente Louisa als auch die unberechenbare, vor menschlichen Schwächen geradezu strotzende Alice wurden mir immer sympathischer. Umso erfreulicher war es, bald schon herauszufinden, dass es sich bei den beiden um wichtige Schlüsselfiguren der Geschichte handelt.

Insgesamt lässt sich die Handlung als sehr ruhig einstufen. Es gibt keine großen Spannungsmomente, die ich allerdings bei dieser Art von Geschichte auch nicht erwartet hätte. Vielmehr begleitet der Leser Hanna auf ihrem Weg, der mit ihrem harmlosen Wunsch, eine Hütte am Stausee, die sie schon jahrelang bewundert, zu besitzen, beginnt und in der vergangenen Geschichte eines vergessenen Örtchens namens Preßwitz, welches Wassermassen zum Wohle der Allgemeinheit weichen musste, mündet. Inmitten dieses Vergangenheitsrätsels, das Hanna durch Recherchen immer weiter zu lüften versucht, wird sie auch mit zwischenmenschlichen Geschichten konfrontiert und ihr Herz von der Geschichte der beiden Freundinnen Louisa und Alice mitgenommen. Mithilfe von Internetartikeln, die Hanna zur Geschichte des Stausees recherchiert, Tagebucheinträgen oder Aussagen von Zeitgenossen erfährt der Leser immer mehr über die wahre Geschichte des einstigen Preßwitz und seiner Bewohner. Im Mittelpunkt, welcher auch im Ende des Buches erfreulicherweise herausgestellt wird, steht jedoch die Lebensgeschichte der Preßwitzer und die Lehre, die Hanna aus ihr zieht und mitnimmt.

FAZIT:
In ruhigen Tönen erzählt "Ein kleines Stück vom Leben nur" nicht nur die wahre Geschichte eines verschwundenen Ortes, sondern parallel auch die Lebensgeschichten einiger Betroffenen, die zeigen, welche Auswirkungen frühere Handlungsweise und Fehler auf die Gegenwart haben können. Zwischen all diesen Themen eingeflochten findet der Leser eine Geschichte, die von Träumen, Freundschaft, Überwindung und - vor allem - Verzeihung erzählt. Was sehr vielversprechend klingt, hätte meiner Meinung nach noch Potenzial gehabt, denn teilweise ungreifbare Charaktere und einige Längen in der Handlung ließen diese Geschichte für mich zu einem durchschnittlichen Leseerlebnis werden.

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liebe, berlin, elyas, freundschaft, emely

Türkisgrüner Winter

Carina Bartsch , ,
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 25.01.2013
ISBN 9783499227912
Genre: Liebesromane

Rezension:

"Was war das nur zwischen uns? Und weshalb war es immer mit so viel Leid verbunden, obwohl wir uns doch eigentlich gern hatten?

Wenn zwei Menschen Liebe gleichermaßen erwiderten, müssten sie sich doch im Paradies befinden.

Doch wenn ich mich umblickte, fand ich mich von der Hölle umgeben."

("Türkisgrüner Winter" | Carina Bartsch | S. 368)


************

Es ist doch immer wieder verblüffend: Kaum sonst im Leben verspürt man diese ganz besondere, exotische Mischung aus euphorischer, benebelnder Vorfreude und beklemmender Bedrückung, die die Euphorie einerseits dämpft und gleichzeitig zu etwas Bittersüßem werden lässt. Kaum sonst verspüre ich dieses vorfreudige und dennoch unangenehme Gefühl in der Magengegend als zu dem Zeitpunkt, an dem ich den Abschluss einer geliebten Reihe aufschlage. Und selten zuvor war dieses bittersüße Gefühl so intensiv wie dies beim zweiten Teil der Dilogie von Carina Bartsch rund um Emely und Elays der Fall war - schließlich stand ich nicht nur vor dem Anfang eines vielversprechenden und herzerheiternden zweiten Bandes, sondern auch gleichzeitig vor dem Ende einer liebgewonnenen Geschichte...

Das Erste, das mich positiv überraschte: "Türkisgrüner Winter" beginnt beinahe unmittelbar da, wo "Kirschroter Sommer" endete, sprich: Neugierige Fragezeichen seitens des Lesers bezüglich der verpassten Zeit oder eine Einführungsphase, in welcher der Leser zunächst zusehen muss, wie er an nützliche Informationen gelangt, um der vorangeschrittenen Geschichte folgen zu können, sind alles andere als nötig.
Vielmehr fühlt man sich ebenso pudelwohl wie das am Ende von "Kirschroter Sommer" der Fall war, ja beinahe erscheint es so, als hätte man nie aufgehört zu lesen. Carina Bartsch meint es in diesem Punkt sehr human mit ihren Lesern, die freudig sowohl die dickköpfige Emely als auch den anziehenden Elyas sowie die anderen Charaktere in altbekannten und geliebten Zügen begrüßen dürfen. Dabei scheint Carina Bartsch zum perfekten Maß zwischen grundlegenden Charaktereigenschaften, welche die Charaktere einfach nicht abschütteln können, und neue Züge, die durch einen Wandel bedingt oder gar aufgedeckt wurden, gegriffen zu haben. Kurzum: Ich war den Personen aus "Türkisgrüner Winter" sofort verfallen und verliebte mich ein zweites Mal in Emely und Elyas wunderbare Geschichte.

Hierbei beeindruckte mich besonders, wie ihre Geschichte zwar zunehmend ernstere Züge annimmt und ich einige Male öfter schlucken musste, sie jedoch dennoch ihre beschwingte Leichtigkeit und humorvolle Brise nicht verliert. Emely und Elyas sind zwar dieselben Sturköpfe wie bereits im Vorgängerband, dagegen aber zunehmend bereit, Eingeständnisse zu machen und ihre verletzliche Seite mehr nach Außen zu kehren. Langsam aber sicher kann man als Leser Seiten an Emely und Elyas entdecken, die man während des ersten Bandes ohnehin bereits erahnte.

Man lernt vor allem immer besser den Mensch hinter Elyas Maske kennen, ohne dass dies unrealistisch und nach dem Motto "weicher Kern hinter einer harten - oder in diesem Falle einer arroganten - Schale" abläuft. Nein, Elyas bleibt Gott sei Dank trotz einer wachsenden Demaskierung und dem Bröckeln seiner coolen Fassade der Alte, welcher ebenso wie alle anderen Charaktere auch seine dunklen Schattengründe im Charakter und Abgründe in der Seele trägt. Perfektion wird hier niemandem vorgegaukelt - weder dem Leser noch Emely, die dies trotz ihrer rosaroten Brille immer mehr zu begreifen scheint.

Ein starker Bezug zu Geschehnissen aus dem ersten Band werden aufgegriffen, rücken immer mehr in klareres Licht und bestätigen mögliche Vorahnungen, die während des ersten Bandes aufgekommen waren. Trotz dieser partiellen Vorhersehbarkeit hält auch Band zwei einige Überraschungen bereit, die nicht nur Emelys und Elyas Geschichte betreffen - denn auch in "Türkisgrüner Winter" schafft es Carina Bartsch wieder einmal, dem Leser Begegnungen und ein näheres Kennenlernen mit unzählig vielen Charakteren zu bescheren, was die Geschichte noch - sofern dies überhaupt möglich ist - um einen Grad authentischer macht.

Tatsächlich ist es genau das, was mich an diesen beiden Bänden wohl so fesselt: Diese Authentizität und damit verbundene Vielschichtigkeit. Carina Bartsch verpackt in einem einfachen Schreibstil und auf simple Weise so viele Facetten des Menschendaseins in eine Geschichte, die ganz ohne seit jeher so beliebte Fantasyelemente oder dystopische Seiten auskommt. Vielmehr schafft sie es, eine Geschichte auf zusammen rund 900 Seiten zu zaubern, in denen weder Weltuntergangssezenen, noch Vampirzähne oder Engelsflügel vorkommen, sondern schlicht und einfach von der Chemie zwischen Menschen handelt, die manchmal so viel komplizierter sein kann, als man das wohl vorstellen kann oder gar eigentlich beabsichtigt.

Die Handlung besitzt ihre Höhen und Tiefen; mal plätschert sie vor sich hin, mal poltert und erschüttert sie. Letztendlich bescherte sie mir dieselbe Achterbahnfahrt der Gefühle, die mir bereits "Kirschroter Sommer" beschert hatte und endet auf eine Weise, die mich mit mehr als nur positiven Erinnerungen auf diese wunderbare Dilogie zurückblicken lässt.

FAZIT:
"Türkisgrüner Winter" beendet, was "Kirschroter Sommer" bereits begonnen hat: Eine Geschichte, die ein Wechselbad der Gefühle garantiert, die zum Schmunzeln, Auflachen, Schmachten, Fingernägelkauen und erleichtert Aufatmen veranlasst. Wer sein Herz an die authentischen Charaktere und den Humor aus Band 1 bereits verlieren konnte, wird sich auch bei Band 2 ein zweites Mal in diese Geschichte verlieben.

Und wer beiden Büchern bisher noch keine Aufmerksamkeit geschenkt hat, dem kann ich nur raten dies schleunigst zu tun.

Denn diese Dilogie erzählt nicht nur eine einfache Liebesgeschichte, wie wir sie zu genüge in allen Buchhandlungen der Welt finden können - Sie erzählt vom Facettenreichtum des Menschen, von Gegenspielern der Liebe sowie Stolz und innere Zweifel, die eigentlich als Abwehrmechanismus und Beschützer des Herzens dienen sollten, jedoch leider oftmals eben dieses mehr schädigen als es das gefürchtete Risiko hätte tun können.

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seuche, dystopie, araby, liebe, tod

Die Stadt des roten Todes - Das Mädchen mit der Maske

Bethany Griffin , Andrea Brandl
Flexibler Einband: 380 Seiten
Erschienen bei Goldmann Verlag, 19.11.2012
ISBN 9783442478194
Genre: Fantasy

Rezension:

"Ich werde nicht weinen. Wenn die Last der Schuld so gewaltig ist, kann man nicht weinen. Sie legt sich kalt über einen. Für immer.Trauer fühlt sich warm an, Schuld hingegen ist von eisiger Kälte."("Die Stadt des roten Todes"| Bethany Griffin | Seite 223)
Erster Eindruck: Ein weniger innovatives, aber wirklich schönes Cover. Zweite Überlegung: Interessanter Titel, jedoch ein viel zu nichtssagender Untertitel. Dritter Gedanke: Thematisch nichts vollkommen Unbekanntes, klingt jedoch nach einer trotz allem vielversprechenden Dystopie im Zeitalter-Setting der Kutschen und Maskenbälle. Abschließender Gedankengang: Das könnte etwas werden mit uns beiden!Könnte, hätte - Der Konjunktiv hat an hierbei eine berechtigte Stellung, dennoch leider konnten Bethany Griffins erster Teil der "Red Death"-Serie und ich keine Sympathie füreinander aufbauen.
Und dies leider von Anfang an nicht. Mit  abgehackten, schmucklosen und kurz angebunden Sätzen wirft Bethany Griffin die Besucher ihrer Phantasie lieblos ins Geschehen hinein: In eine von dem "Roten Tod" verseuchte Stadt, die kein Leben in sich tragen würde, könnten sich nicht zumindest die Oberschicht der Stadt das Tragen von sauerstoffreinigenden und lebensrettenden Masken leisten. An diese grobe Informationen, die teilweise bereits im Klappentext angedeutet werden, gelangt der Leser ziemlich schnell durch die ziemlich spartanisch erklärende Gedankengänge der Ich-Erzählerin und Protagonistin Araby, die mich mit ihren eintönigen, sich meist immer wieder um dasselbe drehenden Gedanken in Windeseile zu langweilen begann.Nicht einmal ihr Erzählstil konnte den Inhalt ihrer platten Gedanken wett machen, denn dieser war ebenso platt und lieblos - Wobei von einem Erzählstil eigentlich überhaupt nicht die Rede sein kann. Anders ausgedrückt: Eine Ansammlung an Worten ohne jegliche erkennbare individuelle Note. Dabei muss man jedoch zugute halten, dass wohl genau diese Erzählweise Arabys Charakter auf den Punkt trifft: Langweilig. Flach. Oberflächlich.
Schließlich waren mir auch ihre Handlungen die meiste Zeit über suspekt. Mit einer geradezu dümmlichen Naivität, Leichtgläubigkeit und Gedankenlosigkeit läuft sie durch die Gegend, erfüllt - natürlich risikohafte und lebensgefährliche - Aufträge eines Mannes, den sie eben erst als Eindringling in ihrem Garten kennengelernt hat, obwohl dieser ihr nicht einmal seine genauen Pläne erläutert. Vielmehr scheint es ihr zu reichen, wenn sich jemand als selbsternannter Held und Retter der Stadt oder heimtückischer Revolutionär zu sehen und zu betiteln scheint. Auch die Sorgen, die sie sich um ihre angeblich beste Freundin zu macht, scheinen in den Hintergrund zu rücken, sobald einer der beiden bereits im Klappentext genannten männlichen Hauptpersonen im Umkreis von zehn Metern ist.

Selbst was die Schuldgefühle betrifft, die bereits in der Kurzbeschreibung erwähnt werden, kamen bei mir wohl nicht die gewollten Emotionen an, denn auch diese konnte ich Araby nicht abkaufen. Sie wirkte viel zu eindimensional, während sie die meiste Zeit, sobald etwas Verwunderliches, Fragwürdiges auftauchte oder passierte, ihr Wundern und ihre fragenden Gedanken, die die Geschichte womöglich hätten vorantreiben können, sofort wieder beiseiteschob und sich Belangloserem widmete. 
Sie blieb für mich einfach unantastbar, denn ich konnte mich zu keinem Zeitpunkt wirklich in sie hineinfühlen. Würde ich ihr Verhalten, ihre Gedanken und ihren Charakter der ersten Seiten mit denen der letzten vergleichen, würde ich keine erwähnenswerten Entwicklungsmerkmale finden.So oder so ähnlich verhält es sich auch mit den anderen Charakteren, die im Übrigen nicht gerade reich an Zahl sind. Einzig und allein Elliott ließ ab und an Anzeichen von Etwas aufblitzen, das man vielleicht eine Stufe höher als "flach" und "langweilig" einstufen könnte.
Insgesamt erfährt man jedoch durch die Augen von Araby sehr, sehr wenig über diese Stadt, der sogar ein Teil des Titels gewidmet wurde, oder über die Seuche, um die es zwar irgendwie die meiste Zeit zu gehen scheint, von der der Leser jedoch außer ihrem Titel und ihrer todbringenden Wirkung nicht sehr viel erfährt.Handlungsstränge ziehen sich, drehen sich im Kreis oder verharren auf der Stelle, sodass von Spannung oder Geschwindigkeit überhaupt nicht die Rede sein kann. Und auch, was vermutlich als Neugierde provozierender Cliffhanger dienen sollte, rief bei mir letztendlich nichts als Erleichterung, dieses Buch beendet zu haben, hervor. FAZIT:"Die Stadt des roten Todes" ist traurigerweise ein Beispiel dafür, dass ein schönes Cover leider nicht über einen enttäuschenden Inhalt hinwegtrösten kann. Was im Klappentext noch nach "könnte interessant werden" klang, wurde im Laufe der Seiten mangels tiefgründiger Charaktere oder einer ausgearbeiteten Handlung von nichts als Langeweile ernüchtert. Vor dem Einschlafen vielleicht ganz nett, aber wer Spannung oder ein wenig Tiefgang zu finden hofft, ist hier wohl eher an der falschen Adresse.

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pferde, insel, wasserpferde, liebe, fantasy

Rot wie das Meer

Maggie Stiefvater , Sandra Knuffinke , Jessika Komina
Fester Einband: 430 Seiten
Erschienen bei script5, 12.11.2012
ISBN 9783839001479
Genre: Fantasy

Rezension:

"Das Rennen ist eine Schlacht. Ein Gewirr aus Pferden und Männern und Blut. [...] Gischt in deinem Gesicht, die tödliche Magie des Novembers auf deiner Haut, Skorpio-Trommeln anstelle deines Herzschlags [...] Es ist das Leben und der Tod oder beides auf einmal und nichts ist damit vergleichbar."

["Rot wie das Meer"|Maggie Stiefvater|Seite 381]


**
... und nichts ist damit vergleichbar. Das triff es wohl exakt auf den Punkt. "Rot wie das Meer" entführte mich an einen Ort, der so skurril wie besonders, schaurig wie schön zugleich ist. Ein Ort, der sich mit rein gar nichts zu vergleichen lassen scheint.

An eben diesen Ort, Thisby genannt, lockt Maggie Stiefvater vom Beginn des ersten Satzes an ihren Leser mit geradezu betörend schönen Worten: Als wahre Künstlerin und Meisterin spielt sie mit Worten mit einer so scheinbar großen Leichtigkeit, als wäre es ein Kinderspiel, lebendige und sprühende Bilder vor das innere Auge des Lesers zu zaubern. Ihr Schreibstil strotzt in einem Moment regelrecht vor ungehaltener, sprudelnder Lebendigkeit, nur um im nächsten in eine stille, ruhevolle Melancholie zu verfallen. Es scheint fast so, als hätte Maggie Stiefvater ihren Schreibstil der Unberechenbarkeit des Meeres angepasst: Aufbrausende, brechende Wellen folgen auf gleitende, ruhegrtränkte Wogen.

Doch nicht nur das - Die von ihr geschaffene Geschichte wirkte mit einem ebenso meeresähnlichem Sog auf mich ein. So vieles trifft in "Rot wie das Meer" zusammen und kreiert ein wundervolles, farbenfrohes Meer voller verschiedenfarbiger Nuancen: Bestialische, tödliche Wasserpferde, eine kleine, bescheidene und altertümliche Insel, Leben in Tradition, Leben mit Konventionen, Heimatliebe, Abschied, jegliche Art von Verlust, Trauer, Eifersucht, Loyalität, Misstrauen und Hass und Liebe in all ihren nur erdenklichen Schattierungen.

Auf knapp 430 Seiten lässt Maggie Stiefvater einen absolut unbekannten Mythos aufleben, packt sämtliche zwischenmenschliche Beziehungen hinein und erzählt hingebungsvoll vom Leben und (Nicht-) Leben -lassen auf der beschaulichen kleinen Insel Thisby. Beim ersten "Betreten" dieser Insel erscheint Thisby mit all seinen seltsamen Bewohnern noch ziemlich befremdlich. Eigenartig erscheinen diese ungewöhnlichen Kreaturen, die Capaill Uisce (ausgesprochen: Kappl Ischke) genannt werden, und jedem außer dem Leser selbst ein Begriff zu sein scheinen.

Auch nach dem zweiten Schritt auf Thisbys Boden ist man nicht sicher, was man von dieser durch und durch absonderlichen Insel halten soll, bis... Es um einen geschieht. Bis Maggie Stiefvater dem Leser ihre literarische Hand reicht, in die Ställe des Malvern Hofes, an Thisbys Strand und in das kleine Café von Dory Maud entführt. Bis man den ersten Ritt auf einem Capaill Uisce erlebt, die Abenteuerlust einen gefangen hat und man mit Bangen, Hoffen und Zagen zugleich dem bevorstehendem Skorpio-Rennen entgegenblickt. Bis man dieser Geschichte und seinem Sog mit Haut und Haaren verfallen ist.

Mich holte an keiner - wirklich an überhaupt keiner - Stelle die Langeweile oder eine Vorstufe der Langeweile ein. Trotzdem werden auch ruhigere Töne angeschlagen, wobei sich Situationen oder Beziehungen niemals überstürzt oder unnachvollziehbar schnell entwickeln. Noch dazu zagt Stiefvater nicht mit ausführlichen, bildhaften Umschreibungen, die mich dazu veranlassten, ununterbrochen das Gefühl zu haben, ebenfalls eine Besucherin auf Thisby zu sein und aufmerksam mit gespitzten Ohren Pucks und Seans Geschichte zu lauschen, in deren Rollen Maggie Stiefvater mittels der Ich-Perspektive abwechselnd schlüpft.

Dabei werden nicht nur erwähnte beiden Protagonisten authentisch dargestellt - auch die nervigsten, boshaftesten, unnahbarsten und eigenartigsten Bewohner dieser Insel erscheinen allesamt so lebensecht, als gäbe es alle der Thisby Bewohner tatsächlich, sodass es mich schon beinahe schmerzte, von diesen am Ende des Buches Abschied nehmen zu müssen. Glücklicherweise geschieht dies jedoch nicht mit einer schlagenden Wucht, der Leser wird nicht unsaft aus dem Geschehen dieses abgeschlossenen Einzelbandes herauskatapultiert - Vielmehr endete "Rot wie das Meer" relativ offengehalten mit einem sanftem Wellenschlag, bevor ich Thisby lächelnd und weinend und bedauernd zugleich verließ.

**************

FAZIT:
Von knapp 430 Seiten brauchte es höchstens 150, um mich in diese Geschichte mit all seinen Schrecklichkeiten und vor Schönheit strotzenden Abenteuern zugleich verliebt zu machen. Jeder, der mit pochendem Herzen den Strand Thisbys erkunden, Novemberkuchen essen und das Schlagen der Hufen eines Capaill Uisce hören möchte, sollte sich schleunigst auf den Weg nach Thisby machen, eine unvergleichliche Insel voller lebensechter Charaktere und sowohl schaurigen als auch ungeheuer schönen Absonderlichkeiten zugleich.

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unsterblichkeit, liebe, dschungel, jessica khoury, wissenschaft

Die Einzige

Jessica Khoury , Ursula Höfker
Fester Einband: 440 Seiten
Erschienen bei Arena, 01.01.2013
ISBN 9783401068695
Genre: Jugendbuch

Rezension:

"Liebe ist doch nichts anderes als ein chemischer Vorgang mit erhöhten Dopamin- und Noradrenalinwerten. Aber so wie Onkel Antonios Gesicht beim Tazen strahlt... Ich frage mich, wie sich das wohl anfühlt.
Sich für kurze Zeit von den Romantik-Chemikalien leiten zu lassen."
("Die Einzige- In deinen Augen die Unendlichkeit | Jessica Khoury | Seite 66)
***
Mit einem überaus interessantem, aus der Masse stechendem Cover und einem neugierig machendem Klappentext, der zwar nicht sofort den Blitzgedanken "Das-muss-ich-lesen!" hervorruft, jedoch einen kleinen Hoffnungsschimmer auf einen guten Plot samt toller Idee wachweckt, hatte mich "Die Einzige- In deinen Augen die Unsterblichkeit" becirct. Eben genannter Hoffnungsschimmer blieb auch während des Lesens. Blieb, und blieb... und nicht erfüllt. Leider.

Zunächst wäre da Jessica Khourys Schreibstil, der sich wunderbar in die Kategorien "knapp", "schlicht" und "angenehm" einstufen lässt - An sich nichts Besonderes oder vom Hocker Reißendes, jedoch angnehm zu lesen und alles andere als für den Lesefluss störend. Ab und an wird man sogar von schönen, malerischen Umschreibungen überrascht, die die Gefühle der Protagonistin und Ich-Erzählerin Pia perfekt und treffend auf den Punkt bringen. Wären da nicht diese ständigen Wiederholungen und langatmigen Ausführungen von Pias Gedankengängen: Ständig wird ihr Gefühlschaos, ihre Hin- und Hergerissenheit zwischen Vernunft und Herz, Wissenschaft und Gefühle beschrieben. Ständig wechselt ihr Gemütszustand zwischen abgrundtiefen Zweifel und wilder Entschlossenheit- was ja okay wäre, wenn dies nicht so oft und immer und immer wieder der Fall sein würde.

Dies ließ die Seiten für mich nicht nur zäh wie ein Kaugummi erscheinen, sondern auch Hauptfigur Pia in meinen Augen nicht unbedingt in ein besseres Licht rücken. Von Anfang an erschien sie mir ein wenig flach und konturlos, aber "was noch nicht ist, kann ja noch werden", dachte ich und wurde beinahe bis zum Ende enttäuscht. Nicht nur Protagonistin Pia, sondern auch ihr Angeschmachteter Eio oder sonstige Nebencharaktere erschienen mir bis zum Ende hin nichts als blass. Blass und uninteressant, denn schon bald war ich an einem Punkt, an dem mich der Werdegang der Charaktere überhaupt nicht mehr interessierte oder reizte.

Selbst die bereits im Klappentext angekündigte Liebesgeschichte konnte mich alles andere als überzeugen, ich würde sie sogar als wohl das größte Manko an Jessica Khourys Debüt bezeichnen: Unrealistisch, voreilig und überhaupt nicht nachvollziehbar entwickelt sich diese aus heiterem Himmel und mag zwar mit ab und an romantischen Dialogen verlocken, wirkte aber bis zum Ende hin für mich einfach nicht echt oder gar nahegehend.
Abgesehen davon, dass sich dem Leser ziemlich schnell Vermutungen aufdrängen, wer denn nun hier der wahre Bösewicht ist und der Rest sich nur darum dreht, dass auch Pia dies endlich herausfindet und versteht, sind selbst diese Bösewichte in meinen Augen nicht gut ausgearbeitet, ohne nachvollziehbare Motive und schwarz-weiß gemalt.
Einzig und allein wenige, eher unbedeutendere Nebencharaktere schafften es, mich von sich und ihren Handlungen zu überzeugen.
*
Auch wenn ich mich oft aufraffen musste, um Seite um Seite weiterzublättern, einige Passagen als zu uninteressant oder langatmig empfand, um wirklich gebannt an den Seiten zu kleben und ich die Handlung - oder vielmehr die Idee an sich - als recht einfach gestrickt bezeichnen würde, weiß es Jessica Khoury dennoch, ihre Geschichte und Grundidee gut in Szene zu setzen, das muss man ihr lassen. Denn das Mysterium um Pias Unsterblichkeit und um Elysia weiß sehr wohl den Leser zu fesseln und - im Gegensatz zu den Charakteren - neugierig zu machen. Da es sich um einen Einzelband handelt, werden alle Geheimnisse nach und nach gelüftet und auch wenn mich diese nicht wirklich schockieren oder atemlos zurücklassen konnten, war ich überaus überrascht von dem gut gelöstem, alles andere als vorhersehbarem Ende, das Jessica Khoury eingefädelt hatte und mit dem sie mich in der Tat wirklich überzeugen konnte. Zu Ende hin schlägt die Geschichte ganz andere Töne und und vor allem den Epilog empfand ich als gelungen und überraschend glaubhaft und schlüssig.

***
FAZIT:

Eine einfach gestrickte Grundidee, die Jessica Khoury weiß, in Szene zu setzen und bis auf Langatmigkeiten weitgehend überzeugt. Flache und blasse Charaktere und eine weniger überzeugende Liebesgeschichte sorgen jedoch dafür, dass ich ungerne zurück in Pias Dschungel und das Wissenschaftler Camp Little Cam reisen würde. Ein gelunges, schlüssiges und abgerundetes Ende dieses Einzelbandes kann mich dennoch über die vielen Schwächen nicht hinwegtrösten, verhilft diesem Werk jedoch zu knappen 3 Sternen. 

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dystopie, liebe, fraktionen, tris, krieg

Die Bestimmung - Tödliche Wahrheit

Veronica Roth , Petra Koob-Pawis
Fester Einband: 450 Seiten
Erschienen bei cbt, 10.12.2012
ISBN 9783570161562
Genre: Jugendbuch

Rezension:

"Ich beschließe, das T-Shirt zu behalten, damit es mich daran erinnert, wieso ich mich für die Ferox entschieden habe.
Nicht, weil sie perfekt sind, sondern weil sie so voller Leben sind. Weil sie frei sind."
("Die Bestimmung-Tödliche Wahrheit"|Veronica Roth|Seite 274)

***

Es lässt sich kaum in Worte fassen, mit welch unfassbar großen Freude ich dem Erscheinen dieses zweiten Bandes entgegengeblickt habe: So sehr habe ich mich auf ein Wiedersehen mit der unwahrscheinlich authentischen, fehlerbehafteten Tris, ihrem Bruder Caleb, dem undurchschaubarem Four und mit allen anderen möglicherweise noch so unwichtigen Nebencharakteren gefreut, habe über weitere Handlungsläufe spekuliert und jenem Erscheinungstag im Dezember entgegengefiebert. Schließlich konnte die Fortsetzung eines solch gelungenen, atemberaubenden ersten Bandes doch nur auf ebenbürtige Weise überzeugen, oder? ... Eigentlich.
*
Denn, um es vorweg zu nehmen: Ich war während und bin nun nach dem Lesen zugegebenermaßen ein wenig enttäuscht. Viele Dinge führten dazu, dass "Die Bestimmung 02" im starken Gegensatz zu seinem Vorgänger für mich zu keinem Pageturner wurde. Alles andere als das, nicht selten musste ich mich im übertragenen Sinne selbst anstupsen und dazu aufraffen, die Seiten zu umblättern.

Dabei fing alles noch so vielversprechend an und zumindest in einem Punkt konnte mich diese Fortsetzung ebenfalls auf voller Linie überzeugen: Die Charaktere. Egal ob Tris, Tobias, Marcus, Peter oder sonstige aus Band 1 bekannte Gesichter - Sie scheinen allesamt noch dieselben geblieben zu sein, überzeugen durch ihre Ecken und Kanten, durch Fehler und Egoismus, durch Handlungen, für die man sie ohrfeigen und Worte, für die man ihnen um den Hals fallen könnte. Einzige Ausnahme bildet Tobias, der für mich jedoch bereits in Band 1 ein wenig unnahbar und undurchschaubar blieb. Dies hat sich auch nach Beenden dieses zweiten Bandes nicht geändert, er ist mir noch immer ein wenig suspekt, sodass ich stets mit einem etwas skeptischen Blick auf ihn schaue - was natürlich zwingend nichts Schlechtes bedeuten muss, denn undurchschaubare Charaktere sind gleichzusetzen mit interessanten Charakteren, doch in diesem Falle ist und bleibt Tobias nicht gerade die Person mit den meisten Sympathiepunkten meinerseits.
Tatsächlich scheint Veronica Roth es meiner Meinung nach im Großen und Ganzen jedoch erneut bewiesen zu haben, dass sie ihre Charaktere bis ins kleinste Detail kennt, ausgestattet und geschliffen hat. Das Produkt ihrer - höchstwahrscheinlich - langen Ausfeilarbeit kann ihre Leserschaft nun auch in Band 2 bestaunen: Vor Authentizität strotzende, greifbare Charaktere, die den Lesern Sympathie, Mitleid, Wut, Herzklopfen bis hin zu Hassgefühlen entlocken. Folglich führte zumindest dieser riesengroße Pluspunkt, den ich bereits an Band 1 hochgelobt habe, zu einem emotional mitreißendem Leseerlebnis.

Auch Veronica Roth' Schreibstil scheint ganz der Alte geblieben zu sein: Einfach, beinahe spartanisch, aber dennoch treffend und zur Ich-Erzählerin, Tris, durchaus passend. Ein Schreibstil, bei dem sich der Leser pudelwohl fühlt, gleichzeitig jedoch nicht von bildmalerischen Ausdrücken umgehauen wird.
Doch bei dem negativer Aspekt, welcher dazu fürht, dass Band 2 in meinen Augen auf der Wettstrecke mit Band 1 stark zurückgeworfen wird, handelt es sich um die Handlung an sich, die in meinen Augen ein wenig in dramatischen Kampfszenen verpackt in Wirklichkeit einfach nur vor sich hinplätschert. Von dem geradezu furiosem Spannungsreichtum, den ich von "Die Bestimmung 01" gewohnt war, war keine Spur. Stattdessen erschien mir alles einfach nur ein andauerndes Hin- und Her, welches vor allem von Tris' Unentschlossenheit, wem oder was sie sich nun anschließen sollte, herrührte. Auch wenn ich nicht die Erste bin, die bei Büchern stets nach Spannung und Action schreit und mich auch gerne von einer ruhigeren Handlung überzeugen lasse, empfand ich den Handlungsverlauf als vergleichsweise lasch, wobei ich zugeben muss, dass es mir wiederum sehr gut gefiel, wie Veronica Roth in diesem Band mehr Wert auf Tris Innenleben, insbesondere ihre innere Zerrissenheit, die vor allem von einer Unmenge von Schuldgefühlen herrührt, Wert legt.

Allerdings darf dies auf keinen Fall falsch verstanden werden: Auch Band 2 hält seine spannenden, mitreißenden Szenen bereit, die auch mich atemlos zurückließen. Doch mit dem geradezu phänomenalem Vorgänger im Hinterkopf erreicht diese Fortsetzung in meinen Augen lediglich einen Daumen hoch ohne überschwänglichen Applaus. - Darüber kann ein zugegebenermaßen noch so packendes Ende leider nicht hinwegtrösten.
*
*
FAZIT:

Band 2 der "Bestimmung"-Reihe konnte für mich leider keinen Nachbarplatz auf dem Podest neben seinem Vorgänger ergattern. Während die Fortsetzung mit nach wie vor authentischen Charakteren, die es schaffen, sowohl Liebe als auch Wut beim Leser zu provozieren, überzeugt, enttäuscht sie durch eine eher schwächere Handlung und gesunkenen Spannungsgehalt.
Wer seine Erwartungen nach dem phänomenalem Auftakt der Reihe jedoch ein klein wenig zurückschraubt, kann sich dennoch auf ein lohnenswertes Leseerlebnis freuen, das Lust auf Band 3 macht.

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dystopie, verrat, zukunft, ursula poznanski, jugendbuch

Die Verratenen

Ursula Poznanski
Fester Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Loewe, 09.10.2012
ISBN 9783785575468
Genre: Jugendbuch

Rezension:

"Er hat mich nicht aufgegeben. Er bittet mich zu kämpfen, mit den Waffen, die er für mich geschärft hat: meinen Worten."
["Die Verratenen"|Ursula Poznanski|Seite 129]

***


"Die Verratenen" sollte mein erster Roman aus der Feder von Ursula Poznanski werden. Der Klappentext versprach eine spannende Dystopie, obgleich er nicht viele Einzelheiten verriet und auf den ersten Blick von einer zwar interessanten, jedoch nicht völlig neuartigen Idee sprach. So kam es, dass ich mich zwar neugierig und hoffnungsvoll, jedoch ein wenig erwartungslos an die ersten Seite dieses Romans machte und schon bald mein blaues Wunder erleben sollte.
*
Ursula Poznanski wirft ihren Leser schonungslos und ohne Umschweife ab der ersten Seite mitten ins Geschehen, mitten in eine dem Leser völlig unbekannte, futuristische Welt, durch welche er mit der Protagonistin und Ich-Erzählerin Ria schreitet. Eine Welt, in der es künstlich erzeugtes Leben, Technik und allerlei Regeln en masse gibt. Ein Leben unter einer Kuppel, die sogenannten Sphären bilden, nach deren Regierung und Vorschriften alle Studenten der Akademie und so auch Ria ihr Leben, ihre Aufgabe und Bestimmung in der Hoffnung richten, später einmal eine Veränderung herbeiführen zu können, denn diese zukünftige Welt birgt ihre Schattenseiten: Nicht alle Menschen genießen den Schutz der Sphären, es gibt auch sogenannte Außenbewohner, die um ihr Leben zu kämpfen haben.

Mit ausschweifenden Erklärungen, die es dem Leser einfach machen würden, einen besseren Einstieg in diese ihm unbekannte zukünftige Welt und das ihm alles andere als vertraute System zu finden, wird mehr als nur gespart. Stattdessen scheint Frau Poznanski vielmehr darauf bedacht, den Leser ihr aufgestelltes Zukunftsszenario eigenständig entdecken, erkunden und ohne Vorkauerei verstehen zu lassen, indem Ich-Erzählerin Ria nur ab und zu bruchstückhafte Erklärungen fallen lässt und für so manche Aha-Effekte sorgt.

Was schwierig und anstrengend klingen mag, entpuppte sich für mich schon bald als erstaunlich gelungen und wirkungsvoll - Denn tatsächlich schafft es die Autorin, den Leser gekonnt in eine Welt zu schmeißen, aus der dieser durch Verhaltensweisen oder Bemerkungen mancher Charaktere und durch Beobachtungen von Seite zu Seite etwas schlauer wird, wobei bis zur letzten Seite Fragen über vergangene Gründe für das Entstehen dieses Systems offen oder Bedeutungen bestimmter für die Charaktere scheinbar selbstverständliche Begriffe unklar bleiben.
*
Diese leichte Rätselhaftigkeit schlägt sich nach und nach auch auf die Charaktere nieder. Gekonnt werden Rias Vermutungen und Gedankengänge oder bestimmte Ereignisse so in Szene gerückt, dass man sich als Leser nie sicher ist, wer denn nun hier der fiese Bösewicht ist. Handelt sich alles nur um eine Intrige? Führt dieser Charakter in Wirklichkeit womöglich etwas ganz anderes im Schilde? Oder wir diese Intrige von denjenigen nur gesponnen, weil die Intrige möglicherweise gleichzeitig ebenfalls eine Intrige ist...? Nicht lange und ich war völlig ahnungslos, hatte tatsächlich keinen blassen Schimmer mehr, wer denn nun hier die Fäden in der Hand hält.
Ständig wirft der Leser zuvor gebildete Meinungen über bestimmte Charakter über Bord und wird zu einer pausenlosen Neueinschätzung gezwungen, doch natürlich ist dies von der Autorin alles beabsichtigt: Ebenso wie Ria findet man sich als Leser schon bald in einer völlig orientierungslosen Ahnungslosigkeit vor, die einen dazu bringt, alles und jedes Lächeln eines Charakters anzuzweifeln oder anders zu deuten.
*
Dies hinderte mich jedoch nicht daran, Sympathien für bestimmte Charaktere zu entwickeln. Allen voran für Protagonistin Ria, die sehr authentisch wirkt und anders als viele anderen Protagonisten anderer Bücher ab und an auch weniger tugendhafte, jedoch menschliche Seiten ihres Charakters durchscheinen lässt. Auch die anderen Charaktere werden durch ihre individuellen Fähigkeiten und Ausbildungen, die sie an ihrer Akademie erhalten oder ihre bereits erwähnte Undurchschaubarkeit, die das Ganze nur noch spannender machte, sehr interessant.

Auch wenn dieses von der Autorin konstruierte zukünftige System, welches hier und da vage an andere Bruchstücke aus anderen Dystopien erinnern mag - jedoch so manche bisher ungelesene, unbekanntere Ideen bereithält -, nichts Neues sein mag, wurde von ihr hier eine Geschichte geschaffen, die an Spannungsgehalt wohl kaum zu übertreffen ist.
Eine solch packende, mitreißende und bis zur letzten Seite spannungsgeladene Handlung kenne ich eigentlich bisher nur von - in meinen Augen - dem Meister der Spannung, James Dashner. Schon bald war es bei dieser Geschichte um mich genauso geschehen: Ein regelrechter Drang, der einen zwingt, Seite um Seite zu umblättern und die Leseraugen förmlich auf dem Papier kleben lassen, befiel mich schon bald und ehe ich mich's versah war dieses wunderbare, atemlos machende Werk bereits mit vielen offengelassenen Rätseln beendet, die hoffentlich schon bald in den beiden Folgebänder der geplanten Trilogie gelöst werden können.
*
***

FAZIT:
Auch wenn "Die Verratenen" in einigen Punkten keine völlig neuen, unbekannten Töne anschlägt, überrascht es in vielen Details mit Ideenreichtum und überzeugt durch eine enorm mitreißende Spannungsgeladenheiten, die ich nur selten zu lesen bekommen habe und diesen Roman zu einem fabelhaften Pageturner voller undurchschaubaren Charaktere und Rätsel machen. Definitiv ein Roman mit Jahreshighlight-Potenzial! Lesen, lesen, lesen! Unbedingt.

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alaska, märchen, schnee, liebe, faina

Das Schneemädchen

Eowyn Ivey , Margarete Längsfeld , Claudia Arlinghaus , Martina Tichy
Fester Einband: 464 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Kindler, 21.09.2012
ISBN 9783463406213
Genre: Romane

Rezension:

"Dieses Mal wollte sie in ihrer Liebe nicht nachlassen, nicht einen Moment lang.

Sie wollte wachsam bleiben und wünschen und glauben. Bitte, Kind. Bitte, Kind.

Bitte, verlass uns nicht."

["Das Schneemädchen"|Eowyn Ivey|Seite 188]

**
Allein der Titel lässt Wundervolles vermuten und sämtliche märchenhafte Vorstellungen vor dem inneren Leseauge aufkeimen: Eine märchengleiche, jedoch modernisierte und in den Kälten Alaskas angesiedelte Erzählung, die früheres Märchenmaterial in neuem Kontext in frostig schöner Winteratmosphäre verpackt. Kurz gesagt, versprach ich mir ein herzerwärmendes und dennoch glaubhaftes Märchenabenteuer, das es zustande bringt, die geheimnisvolle Stimmung des Winters ein wenig einzufangen.

Einmal in "Das Schneemädchen" versunken, wird schnell klar, dass Eowyn Ivey kein regenbogen-malerisches Märchen erschaffen hat, in dem jedem Tag die Sonne scheint und für jedes Problem ein Wunder herbeigezaubert wird: Nein, Eowyn Ivey, in der Rolle des personalen Erzählers, stellt den Leser an die Seite von Jack und Mabel, ein Ehepaar mittleren Alters, das sich in die schneeverhangenen, kräfteaufreibenden Tiefen Alaskas zurückgezogen hat und aufgrund ihres unerfüllten Kinderwunsches von aufzehrender Einsamkeit heimgesucht werden und jeden Tag mehr oder minder in den Kälten ums nackte Überleben zu kämpfen haben.

Nach und nach ist es einem erlaubt, in Mabels und Jacks Eigenheiten, Wünsche, Träume und Ängste nähere Einblicke zu erhaschen. Mit steigender Seitenanzahl lernt man nicht nur die verträumte, ruhige und fleißige Mabel kennen, die jedoch innerlich von dem alleseinnehmendem Wunsch nach einem Kind brennt, sondern beginnt auch Gründe für Jacks manchmal auftretende scheinbare Verschwiegenheit oder Unsensibilität zu verstehen.

Während der Leser die beiden auf ihrem Alltag auf dem einsamen Hof mitten in Alaska begleitet, sie bei ihren täglichen Arbeiten und bei ihrem verstecktem Kampf ums Überleben beobachtet, lernt man beide dieses grundverschiedenen Ehepaars nicht nur besser kennen, sondern auch allmählich lieben: Ob Mabels Ehrlichkeit, Jacks versteckte Gutmütigkeit oder ihr alleseinnehmbender Wunsch nach einem Kind, das ihrer Einsamkeit ein Ende bereitet - Beide Charaktere werden über die Seiten hinweg zunehmend greifbarer, zeigen nicht selten Makel oder Fehler, die von ihrer unvollkommenen Menschlichkeit zeugen und sie einfach unheimlich sympathisch werden lassen.

Auch als das geheimnisvolle Schneemädchen, das bereits im Klappentext erwähnt wird, erstmals auftaucht, zeigen die beiden immer mehr beeindruckend menschliche und vielfältige Facetten, die es ermöglichen, dass die beiden dem Leser in Windeseile ans Herz wachsen und dieser gemeinsam mit Mabel und Jack versucht, hinter das Geheimnis des mysteriösen Schneemädchens zu gleangen, das in den Wäldern um Jack und Mabels Hof plötzlich in Begleitung eines Fuchses umherwandert.

Schon bald mischen sich neben Mabel und Jack andere Charaktere ins Gesamtbild, die zwar nicht reich an Zahl, jedoch dafür an Charakterstärke sind. Zweifelsohne beweist Eowyn Ivey auf jeder einzelnen Seite von "Das Schneemädchen", dass ihre herausragende und besondere Stärke eindeutig in der Charakterzeichnung liegt. Tatsächlich schaffen es Mabel, Jack und die anderen Charaktere - , welche zu bedeutsam sind ich zu lieb gewonnen habe, um sie als "Nebencharaktere" bezeichnen zu können- die meisten Figuren anderer Bücher schamlos in den Schatten zu stellen.
Ich hege den leisen Verdacht, dass meine Kritik an anderen Charakteren zukünftiger Bücher nach Jack, Mabel und Co. härter ausfallen wird, denn eins steht mit ziemlich großer Sicherheit fest: Wer "Das Schneemädchen" liest, wird sich ziemlich schnell Hals über Kopf in seine Charaktere verlieben.

Hinzu kommt Eowyn Iveys wunderbarer, tatsächlich märchengleicher Schreibstil, der es mir ermöglichte, jedes Wort, jeden umschriebenen Gedanken oder jedes Gefühl sofort abzuverkaufen und aufnehmen zu können. Dabei schafft sie es, Situationen so treffend und dennoch mit wenigen, jedoch wirkungsvollen Worten einzufangen, dass ich mir am liebsten mindestens alle 5 Seiten ein Notizbuch geschnappt und ein wunderschön treffendes Zitat herausgeschrieben hätte.

Diese Tatsache vermischt mit der bereits erwähnten unübertrefflichen Charakterzeichnung sollte in der Gleichung eigentlich die volle Punktzahl inklusive vieler imaginärer Herzchen ergeben. Jedoch gab es für mich vor allem zu Anfang und vordere Mitte des Buches einen kleinen Kritikpunkt: Besonders zu erwähnten Zeitpunkten zog sich die Handlung für meinen Geschmack etwas zu sehr in die Länge. Viele unwichtigere Handlungsstränge wurden detailreich beschrieben, das Mysterium um das Schneemädchen blieb lange Zeit ein undurschaubares, schwarzes Rätsel.
Erst zur Mitte hin gewann die Hanldung schlagartig an Fahrt, behielt jedoch ihren märchengleichen - ein Pluspunkt- Charakter bei. Auch wenn mir die Idee des Endes nicht ganz zusagen konnte, empfand ich die Gestaltung und das, was Eowyn Ivey daraus zauberte, dafür umso gelungener, sodass es Mrs. Ivey letztendlich in meinen Augen und für mich schaffte, ihre wundersame Geschichte in einem emotionalem, bittersüßen Ende mit herzschmerzbereitendem, melancholischem Ende ausklingen zu lassen.
***
"Doch man musste Wunder nicht verstehen, um an sie glauben zu können, und mittlerweile hegte Mabel den Verdacht, dass es sich damit gerade umgekehrt verhielt.

Wer glauben wollte, musste vielleicht aufhören, nach Erklärungen zu suchen, und stattdessen das kleine Etwas in Händen halten, solange es ging, bis es zwische den Fingern zu Wasser zerrann."

["Das Schneemädchen"|Eowyn Ivey|Seite 247]
*******
FAZIT:
"Das Schneemädchen" von Eowyn Ivey ist eine Geschichte, die ihre Stärken in einer wunderbaren Charakterzeichnung und einem atmosphärischem Schreibstil findet - Eine Geschichte, welche es trotz kleiner Schwächen schafft, den Leser in die Kälten Alaskas zu entführen, ihn frösteln zu lassen und gleichzeitig sein Herz zu erwärmen. Ein bittersüßes Märchen, das man nur empfehlen kann.

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iran, liebe, zwangsehe, teheran, gefühle

Halva, meine Süße

Ellen Alpsten , Tina Kraus
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Coppenrath, F, 01.08.2012
ISBN 9783649605980
Genre: Jugendbuch

Rezension:

" >>Weißt du, was, Mudi? Wir haben verdammtes Glück<<, sagte sie plötzlich.
>>Warum?<<
Mudi kramte in seinem Geldbeutel nach seiner Monatskarte.
>>Weil wir zwei Welten angehören dürfen. Ich konnte mir lange nicht vorstellen, dass das geht.<< "
("Halva, meine Süße"/Ellen Alpsten/Seite77)

**
Ein heftiger Aufprall zweier weltverschiedenen Kulturen, die Frage nach der eigenen Identität und mittendrin eine Liebe, die vergeblich versucht, die steinige, jahrhundertealte Kluft von Tradition, Glauben und Ehrgefühl zu überwinden. Genau das waren meine zugegebenermaßen hohen Erwartungen an "Halva, meine Süße", dessen Titel schon auf zweideutige Weise Wunderbares erahnen und aufgrund des Klappentext eine indirekte Reise in die familiären Weltanschauungen und Verhältnisse des Irans vermuten lässt.

Ellen Alpsten führt ihre Leser mit einem schleichten, ungeschmücktem und Jugendbuch-gerechtem Schreibstil in Halvas und Kais Alltagsleben ein. Komplizierte Satzgefüge oder aufwendig gestaltete, mit Stilmitteln behaftete Verzierungen werden hier vergeblich gesucht, was für mich kein Störfaktor darstellte, sondern vielmehr auf angebrachte Weise das Alter der beiden Protagonisten untermalte. Während mir dieser eigentlich ungezwungen und natürlich wirkende Schreibstil zunächst noch zusagte, machte er auf den ersten 20 Seiten zunehmend einen etwas abgehackten, staccato ähnlichen Eindruck auf mich. So mancher Satz schien etwas lieblos und unbedacht gesetzt, die Erzählstruktur etwas zu schlicht und ungeschmückt, was mir den Anstieg in die Geschichte um einiges erschwerte.

Jedoch änderte sich dies mit der wachsenden Anzahl der umgeblätterten Seiten und nach und nach konnte mich Ellen Alpsten mit dieser ungezwungenen und natürlichen Erzählweise, die sehr gut zu den Protagonisten Kai und Halva, aus deren Perspektiven in der Gestalt eines personalen Erzählers abwechselnd berichtet wird, passte, nicht nur überzeugen, sondern überraschte mich hin und wieder sogar mit wunderschön gewählten, teilweise malerischen Be- und Umschreibungen, die Kais oder Halvas Gedanken- und Gefühlsregungen bis in mein Leserherz transportieren konnten. Dieser realistische und schlichte Schreibstil gepaart mit gefühlvollen Ausführungen lässt einen ungehinderten Lesefluss entstehen, der sich nach einem holprigen Anfang durch das gesamte Buch hinweg durchzieht.

Gleich zu Beginn wird der Leser in eine Art Zeitrückblende geworfen und bekommt nicht nur einen erstmaligen, eindrucksvollen Einblick in die Atmosphäre des Irans, sondern bringt als stiller Beobachter auch Dinge in Erfahrung, die den Protagonisten zunächst selbst während des Handlungsverlaufes lange verborgen bleiben. Die Tatsache, dass der Leser zunächst sowohl Halva als auch Kai in dieser Hinsicht um einiges voraus ist, ist für den Spannungsbogen - wie man möglicherweise vermuten würde - nicht von Nachteil. Im Gegenteil, mit dieser schrecklichen Vorahnung, von der man von den ersten Seiten an geplagt ist, ist man als Leser dazu gezwungen, zu beobachten, wie die zunächst noch ahnungslosen Protagonisten aus zwei völlig andersartigen, abweichenden Kulturen mit einem Lächeln auf dem Gesicht und Schmetterlingen im Bauch geradewegs auf ihr hoffnungsloses und zwiegespaltenes Unglück zusteuern.

Dennoch bleibt auch dem Leser im Laufe der Handlung so einiges verborgen, sodass dieser erst nach und nach Geheimnisse der Familie Mansouri lüftet, Spekulationen und Vermutungen verwerfen muss, Intrigen aufdeckt und schließlich die Fassade eines so manchen Nebencharakters durchblickt, um somit sein Bild von "Gut" und "Böse" völlig neu zu ordnen- Wobei das nicht ganz stimmt, denn Ellen Alpsten vollbringt in "Halva, meine Süße" etwas, was nur sehr wenige Autoren von sich behaupten können, von denen ich jedoch wünschte, sie wären reicher an Zahl: Denn "gute" und "böse" Charaktere gibt es in "Halva, meine Süße" schlicht und einfach nicht.

Ellen Alpsten hat keine Charaktere geschaffen, in die in Schwarz-Weiß-Konturen gehalten sind, konstruiert und gesteuert wirken. Ganz im Gegenteil, vielmehr trifft man als Leser dieses Werkes auf Charaktere, die aufgrund ihres bisherigen Lebensweges, der sich dem Lesenden nach und nach ein klein wenig offenbaren mag, und ihren Erfahrungen in ihrer Lebenseinstellung, ihren Anschauungen und Gefühlen geprägt und teilweise sogar gebrandmarkt wurden. Charaktere, die ihre Handlungen nicht aufgrund eines von dem Schrifsteller angehefteten Titels "Bösewicht" oder sonstigen Typisierungen vollziehen, sondern ebenso menschlich, nachvollziehbar, fehlerhaft, naiv und böse handeln wie wir selbst. Kurzum: Charaktere mit vielen, vielen Schattierungen und Facetten, die Dinge tun, für die man sich als mitleidenden Leser kurzerhand verwünschen und doch ein wenig verstehen könnte, gleichgültig ob Halvas Tante Miryam, Raya, Cyrus, Mudi, Kais Vater oder wer auch immer. Allesamt konnten sie mich in ihrer Ausarbeitung, Darstellung und Handlungsweise vollends überzeugen.

Einzig und allein eine Tatsachte verursachte meinem durchweg positiven Bild der Charaktere gleich zu Anfang einen Bruch. Noch dazu dies in einem für mich bei einem liebesgetränktem Jugendbuch elementaren Punkt: Die Liebesgeschichte zwischen Kai und Halva, oder vielmehr: Ihr Beginn. Halvas und Kais Gefühle entwickelten sich für meinen Geschmack einfach in einem rasendem, viel zu eiligem Tempo. Nicht nur, dass es sich bei ihrem Kennenlernen auf eine sofortige gegenseitige Faszination beschränkte, nein, denn der Aspekt "Liebe auf den ersten Blick" wird hier definitiv zu stark für mich verfolgt. Ein wenig Zurückhaltung und Zügelung hätte es meiner Ansicht nach bedurft, um damit meine ansonsten rein positive Meinung zu der Liebesgeschichte zwischen den beiden zu perfektionieren, denn ansonsten lässt sich Halvas und Kais Beziehung nur so beschreiben: Mitreißend, herzschmerz-quälend, sehnsuchtsvoll, intensiv und hoffnungslos.

Eben diese Gefühlsregungen, die beim Leser im Laufe der knapp 350 Seiten ausgelöst werden und ständig zwischen Hoffnungslosigkeit, Sehnsucht, Schmetterlingsflattern und Herzklopfen schwanken, setzen sich bis zum Ende hin zu einer Art atmosphärisch begleitenden Grundstimmung durch. Während man als Leser Kai und Halvas innerlichen Kämpfe, ihrer Gefühlsunterdrückung in dem zerreißendem Zwiespalt, in dem sich vor allem Halva befindet, beobachtet, entwischt einem als Leser immer wieder ein mitfühlendes Seufzen.

Trotz dessen aber schafft es Ellen Alpsten durch die zuvor bereits erwähnte Charakterzeichnung, dass man als Leser zwar über jedes Hindernis, das Halvas und Kais Liebe in den Weg gelegt wird, gequält seufzt, jedoch weder Kais voruteilenden Vater, Halvas Eltern, ihren Bruder Mudi, noch die fest in Halvas Familie haftenden, grundverschiedenen Traditionen oder das Ehrgefühl der Familie gegenüber iherer Heimat, dem Iran, in dem noch immer ihre Herzen zu wohnen scheinen, zu verurteilt. In einem Strudel aus Verantwortungsgefühl, Ehre und Liebe verstricken sich die Protagonisten in einem Gewirr, das ebenso hoffnungslos erscheint, wie es die Grundstimmung des Buches von vornherein ausdrück, sodass man als stiller, hilfloser Beobachter die Charaktere auf eine innere Achterbahnfahrt der Gefühle begleitet, die ihn zwar emotional mitnimmt, aber dennoch dazu drängt, Seite um Seite umzublättern und sich erneut der schwindelerregenden Achterbahnfahrt zu stellen.

Mit mitfühlendem, bedauerndem Gesichtsausdruck beobachtet man schließlich als Leser die ganze Zeit hindurch Halvas und Kais Kampf um eine Liebe, die unaufhörlich eine noch größere Distanz als die zwischen Halvas und Kais Heimatländern zu überwinden versucht, und von der man bis zur letzten Seite hofft, dass sie als Sieger das Feld verlassen wird.
***

"Unwillkürlich musste Halva an ihre Großmutter denken, die bei ihrem Abschied all ihre Gefühle in die Halva gelegt hatte.
Lakritz: So schwart wie meine Stimmung, wenn ich daran denke, dass ihr geht, aber so glänzend wie deine Zukunft in dem fremden Land. So bitter wie meine Tränen bei unserem Abschied, aber süß wie meine Hoffnung für dich."

("Halva, meine Süße"/Ellen Alpsten/Seite107)
***************
FAZIT:
"Halva, meine Süße" konnte meine hoch angesetzten Erwartungen bis in den letzten Winkel erfüllen und mich trotz kleiner Anfangsschwierigkeiten auf eine intensive, wechselhafte Gefühlsreise mitnehmen, die von Verantwortungsgefühl, Ehre, Familie, Freundschaft, Liebe und Tradition erzählt, und mich nach der letzten Seite mit einem sehnsuchtsvollem Seufzen, der Hoffnung auf das baldige Erscheinen einer (hoffentlich geplanten) Fortsetzung und dem Appetit darauf, das iranische Süßgebäck namens Halva unbedingt einmal auszuprobieren, zurücklassen.
(Wertung: 4.5/5 Sternen)

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liebe, gewalt, familie, freundschaft, trauer

Bitter Love

Jennifer Brown , Beate Schäfer
Fester Einband: 408 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 01.09.2012
ISBN 9783423760485
Genre: Jugendbuch

Rezension:

"Und da spürte ich den Schmerz mit voller Wucht.
Mein Handgelenk.
Meine Hüfte.
Mein Kopf.
Mein Nacken.
Doch nichts von alledem schmerzte so sehr wie mein Herz.
Wie konnte das der Junge sein, dessen Hand beim Gitarrespielen so sanft auf meiner gelegen hatte? Der Junge, der aus meinem Gedicht einen Song gemacht hatte?"

("Bitter Love", Jennifer Brown, Seite 221)
**
Die Kurzbeschreibung von "Bitter Love" klang alles andere als nach einer leichten Kost. Im Gegenteil, "Bitter Love" schien ein Buch zu sein, das Themen oder vielmehr an ganz bestimmtes Thema anspricht, das den meisten völlig fremd sein mag, fern genug ist, dass man sich noch nie wirklich gedanklich mit diesem Thema auseinandergesetzt hat und ein Thema, über das nur im seltensten Falle gesprochen wird. Kurzum: Es schien sich um eine durch und durch schwierige Lektüre zu handeln, die sich nicht einfach mal eben weglesen lässt und nicht schlicht und einfach als ein harmloses Mittel dient, in eine andere Welt abzutauchen und sich für kurze Zeit aus dem Alltag und Leben auszuklinken. Das dachte ich mir bereits, als ich neugierig anfing zu lesen und in eine Geschichte abtauchte, die vielmehr mitten im unbeschönigtem, harten Leben zu spielen schien.

Obwohl ich Jennifer Browns bereits erschienenes Debüt "Die Hassliste" nicht gelesen und somit auch noch nicht mit ihrem Schreibstil vertraut war, fühlte ich mich von der ersten Seite an wohl und empfand ihren Erzählstil als sehr angenehm. Alex, die Protagonistin und Ich-Erzählerin in "Bitter Love", schildert ihre Empfindungen, Gedanken und Erfahrungen in einem überaus natürlichem, simplen und schlichtem Erzählton, der zu ihrem Alter und ihrem Wesen passt und ihr somit zunehmend noch eine gehörige Portion Authentizität verleiht. Schnell wird dabei klar, dass sie anders ist als andere typische Protagonistinnen in üblichen Jugendbüchern. Obwohl die Tatsache, dass sie bereits als Kind einen schweren Schicksalsschlag - das geheimnisvolle Verschwinden und der Tod ihrer Mutter - erleiden musste, nichts Neues in diesem Genre darstellt, scheint Alex anders zu sein und ihre unausgesprochenen Gefühle in Gedichten niederzuschreiben.

Immer wieder erwähnt sie daher, welche Worte sie nun in einem Gedicht zur Beschreibung eines bestimmten Menschen oder einer Situation benutzen würde und wurde dadurch für mich noch greifbarer, als sie mir ohnehin schon erschien. Tatsächlich hatte ich von der ersten Seite an den Eindruck, als leise Zuhörerin der Geschichte eines Mädchens zu lauschen, das aus ihrem tiefsten, zerschundensten und zerrissenen Innersten ihre Geschichte erzählt. Alex wirkte dabei das gesamte Buch hinweg so unglaublich authentisch und erschreckend real. Auch ihre beiden besten Freunde, Beth und Zack, erschienen mir von Beginn an wie aus dem Leben gegriffen. Jeder von ihnen besitzt seine ganz eigenen Macken, sein persönliches Markenzeichen und erscheint einfach von der ersten bis zur letzten Faser individuell und ungeheuer realistisch und sympathisch.
*

"Aber es war, als würde ich mich selbst vom Ende eines langen, dunklen Tunnels aus sehen. Dieses bedauernswerte Mädchen am anderen Ende war geschlagen worden, sie war verwirrt, verwundet und tat mir furchtbar leid.
Wer auch immer sie sein mochte."

("Bitter Love", Jennifer Brown, Seite 273)
***

Sogar - und ganz besonders - Cole wird von Jennifer Brown von der ersten bis zur letzten Seite unheimlich lebensecht dargestellt. An Alex Seite lernte ich als stiller Zuschauer seine unglaublich charmanten, zärtlichen und liebevollen Seiten kennen, verlor zusammen mit Alex mein Herz Stück für Stück mehr an ihn und fragte mich bereits, ob das auf dem Klappentext vorausgesagte überhaupt noch eintreten konnte. Nach und nach entdeckt man an Alex Seite seine Coles Geschichte, Vergangenheit und die Abgründe hinter seiner scheinbar so perfekten, unbekümmerten Fassade, die irgendwann auf erschreckende Art und Weise zu bröckeln beginnt und seine andere, tosende und ungestüme Seite ans Tageslicht bringt.


Zutiefst ergriffen und mit einer beunruhigenden Hilflosigkeit in der Brust muss der Leser zusehen, wie die Liebe zu Cole nicht nur Alex' Freundschaft zu Zack und Beth gefährdet, sondern auch Alex innerlich nach und nach zerstört. Dabei tat jedoch Eines, was ich und höchstwahrscheinlich jeder andere auch erwartet hätte, nicht ein: Ich hatte zu keiner Zeit das Gefühl, Alex wachschütteln zu müssen, ihr ins Gesicht schreien zu müssen, sie solle endlich diese Bindung beenden, bevor sie an ihr zugrunde ging. Jennifer Brown hat tatsächlich etwas geschafft, was ich anfangs beim Beginnen dieses Buches nicht für möglich gehalten hätte: Ich verstand Alex. Ich verstand ihr Handeln bis aufs Tiefste, verstand ihre Liebe zu Cole, verstand, dass sie an dieser Liebe festhielt, auch wenn es ganz danach aussah, als würde sie nie zu einem guten Ende führen. Aller Vernunft zu trotz fühlte ich mit Alex mit und konnte ihre durch und durch unvernünftigen, lediglich emotionsgelenkten Handlungen nachvollziehen. In einem Moment war ich mir sicher, an Alex' Stelle Cole definitv abgeschreiben zu würden, auf der anderen Buchseite war ich mir da schonwieder nicht mehr so sicher.

Als Leser von "Bitter Love" erlebt man von der ersten bis zur letzten Seite einen Sturm an Emotionen, der nur schwer zu bewältigen ist und bei mir dazu führte, dass ich das Buch immer wieder beiseite legen und das gerade eben Gelesene verarbeiten musste. Als Leser dieses erschreckend realistischen Buches erkennt man nach wunderschönem und traurigem Ende zugleich, dass niemand, der nicht selbst in einer annährend ähnlichen Situation wie Alex und viele andere Frauen und Mädchen heute auch gesteckt hat, über diese Menschen zu urteilen vermag und niemals sagen kann, er hätte an der Stelle dieser Menschen anders gehandelt und es im Gegensatz zu ihnen nie so weit kommen lassen.
Mein anfangs aufgestellter Verdacht bestätigte sich demnach in vielerlei Hinsicht: Dieses Buch ist keine leichte Kost und zwingt regelrecht zum Nachdenken. Noch jetzt, nach Beenden dieses Buches, muss ich immer wieder erstaunt den Kopf schütteln und mich fragen: Wie konnte Jennifer Brown nur eine solch zutiefst erschütternde und dennoch wundervolle Geschichte zugleich zu Papier bringen?

**
"Ansonsten ging das Leben einfach weiter.
Jedenfalls für alle, die nicht vollgepumpt mit Schmerzmitteln im Bett lagen und bei jedem Versuch, sich umzudrehen, zusammenzuckten. Und die nicht verzweifelt zu vergessen suchten, was sie gemocht hatten an dem Jungen, der ihnen gerade noch die Hand gehalten hatte. Für sie ging das Leben einfach weiter."

("Bitter Love", Jennifer Brown, Seite 390)
************

FAZIT:
Ein zutiefst ehrliches und aufrichtiges Buch, das seinen Lesern auf erschreckende und erschütternde Art und Weise dazu bringt, über ein Thema nachzudenken, das nicht nur aufwühlt, sondern auch bewegt. Ein Leseerlebnis, das sich nur schwer in Worte fassen lässt und daher am besten selbst gelesen werden muss. Eine wichtige und bitterschöne Geschichte, die im Innersten des Lesers einen Sturm an Emotionen auslöst, direkt ins Herz greift und bis unter die Haut geht.

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dystopie, zombies, tom, alex, ashes

Ashes - Tödliche Schatten

Ilsa J. Bick , Robert A. Weiß , Gerlinde Schermer-Rauwolf , Sonja Schuhmacher
Fester Einband: 571 Seiten
Erschienen bei INK, 09.08.2012
ISBN 9783863960063
Genre: Jugendbuch

Rezension:

"Alex wollte etwas sagen, irgendetwas. In einem Film oder einem Buch wäre das der Moment, in dem die Heldin auftritt. Sie wäre vorgetrete und hätte das Richtige getan. Und das wäre ihre Rolle.
Sie wollte nicht sterben, aber das Monster hatte sich in ihrem Kopf eingenistet. Es hatte gelbe Augen und nadelartige Zähne. Und es bekamm allmählich ein Gesicht.
Es bestand aus Krebszellen, und sie würde sowieso bald sterben."

("Ashes 02- Tödliche Schatten", Ilsa J. Bick, Seite 230)

****

Kribbelnde Finger, hundert vorfreudige Hummeln in der Magengegend, verschmitztes Lächeln auf dem Gesicht und begierige Augen - Mit diesen Gefühlsregungen hielt ich erstmals nach gefühlten Jahrhunderten endlich die Fortsetzung des wunderbaren, unvergleichlich spannendem ersten Teils der Ashes Triologie in den Händen. Doch schon nach der ersten Seite durfte ich ernüchternd feststellen, dass mein Gedächtnis mich mal wieder gnadenlos in der Luft hängen ließ. Verständlich, wenn man bedenkt, dass es bereits fast ein komplettes Jahr her ist, dass ich den ersten Teil atemlos beendete. Aber Ilsa J. Bick sei Dank, wurde dieses kleine Gedächtnislücken-Problem in Windeseile aus dem Weg geräumt, denn die liebe Frau Autorin hat aufmerksamerweise mit einer exklusiven Zusammenfassung des ersten Bandes in Kurzformat bereits für vergessliche Leser wie mich vorgesorgt. Demnach wurden schnell die wenigen Gedächtnislücken mit altbekannten Informationen gefüllt und bereits Gelesenes ins Gedächtnis zurückgerufen, bevor ich mich mit nicht verminderter Lesefreude auf die Fortsetzung stürzte.
*

Ilsa J. Bick schaffte es vom ersten Wort an, mich in ihre wunderbar schlichten, jedoch schrecklich treffenden Wortverzweigungen zu hüllen. Sie hat einfach ihren ganz persönlichen, individuellen Stil, der sehr dezent und bescheiden gehalten ist, sodass er auf den ersten Blick etwas schmucklos und gewöhnlich erscheinen mag, jedoch trifft Ilsa J. Bick mit wortmalerischen Umschreibungen, die metaphorisch Bilder vor das innere Leserauge zeichnen, direkt ins Herz.
Dabei nimmt sie kein Blatt vor den Mund und beschreibt in der Rolle des personalen Erzählers nach wie vor die Geschehnisse schonungslos, direkt und unverblümt: Die glücklicherweise spärlichen Kampf- und Actionszenen werden wie man das bereits in Band eins feststellen müsste sehr detailgetreu und erbarmungslos geschildert. Erfreulicherweise kamen genannte Actionszenen jedoch nicht allzu oft vor, sodass mir der ein oder andere aus Ekel verzogene Gesichtsausdruck erspart blieb.
Nichtsdestotrotz wird man als Leser jedoch von Anfang an mit einer Veränderung im Vergle
ich zum ersten Band überrascht, denn Ilsa J. Bick nutzt die Tatsache, dass dem Leser nach dem ersten Band nun einige Charaktere neben Alex, der Protagonisten, vertraut sind und wechselt über die gesamten Kapitel hinweg zwischen den Perspektiven von fünf bis sechs Figuren. Auch wenn ich eine absolute Befürworterin der personalen Erzählweise bin und es in der Regel sehr gerne habe, wenn sich Autoren den Perspektivwechsel auf raffinierte Art und Weise zunutze machen, empfand ich dieses Switchen zwischen den Charakteren, verschiedenen Standorten und Situationen so manches Mal etwas anstrengend. Nicht selten musste ich nämlich ein paar Seiten zurückblättern, um mir nochmals ins Gedächtnis zu rufen, an welcher Stelle denn nun die letzte, vorangeganene Szene mit dieser Figur aufgehört hatte, um erneut den Faden finden zu können.
Trotz dieses klitzekleinen Kritikpunktes muss ich jedoch einräumen, dass Ilsa J. Bick durch diese Perspektivwechsel nach und nach ein wunderbar passendes, sich ergänzendes Geflecht aus Informationen entstehen lässt, sodass der Leser stets ein wenig klüger und allwissender als die einzelnen Charaktere zu sein scheint und mit wissendem Schrecken zusehen muss, wie der ein oder andere geradewegs in sein Unglück rennt.


In einem weiteren Punkt steht diese Fortsetzung Band in nichts nach: Die Charaktere sind nach wie vor einfach phanta
stisch. Mit ihrer ungeheuren Menschlichkeit, ihrem unglaublichen Realitätsgehalt und ihrer Vielseitigkeit bugsieren sie sich unwillkürlich in das Leserherz und nisten sich dort fest für immer ein. Sie begehen nachvollziehbare Fehler, für die man sie schütteln könnte, überraschenen einen im nächsten Moment mit bewundernswertem Heldentum und müssen sich auf der nächsten Seite wiederum die tiefen Abgründe ihrer inneren Ängste eingestehen.
Vor allem über Toms Vergangenheit wird in diesem Teil etwas mehr Licht geworfen, nachdem er mir nach Band eins noch ein wenig wie ein unbeschriebenes Blatt erschien. Während Chris' Auftritte hingegen in Band eins hoch an Zahl waren, sind diese in diesem Band etwas geringer. Trotzdem überzeugen beide mit ihrem ganz eigenem Charme, auch wenn es sehr, sehr wenige bis überhaupt keine Szenen zwischen ihnen in Verbindung mit Alex gibt, was ich als etwas schade jedoch im Hinblick auf die Handlungsverstrickungen als nachvollziehbar empfand. Auch Alex ist und bleibt ein wunderbar realiätsnaher Charakter und eine besonders sympathische, einzigartige Protagonistin, wie sie mit dieser Entschlossenheit, Willensstärke und dennoch Fehlerhaftigkeit nur selten in Jugendbüchern anzutreffen ist.

Die Handlung ist auch in diesem Band mehr als nur unvorhersehbar - Ich tappte stets im Dunkeln, war meistens im Ungewissen und hatte nicht den blassesten Schimmer, was mich auf der nächsten Seite erwarten würde. Infolgedessen war der Spannungsgehalt alles andere als gering und Ilsa J. Bick zwingt ihren Leser gekonnt durch Cliffhanger selbst am Ende eines Kapitels zum entsetzem Luftschnappen. Nichtsdestotrotz muss ich zugeben, dass diese Fortsetzung, was den Spannungsbogen betrifft, nicht ganz mit dem Erstling mithalten kann. Die Hanldung an sich schritt zwar mit stetigem Tempo voran, jedoch kommt es in meinen Augen zu deutlich weniger spannenden Ereignissen, als das in Band eins der Fall war - Was nicht heißen soll, dass ich mich ab und an langweilte, denn so erging es mir dennoch keine Sekunde.
Dazu kam, dass einige Handlungsverstrickungen bei mir für etwas Verwirrung sorgten. So manch ein Charakter blieb bis zur letzten Seite einfach undurchschaubar für mich und ich wusste noch immer nicht so recht, was derjnige im Schilde führte oder welche Beweggründe der ein oder andere nun für seine Handlungen hatte. Ob das ein Kritikpunkt oder eher ein gutes Zeichen ist, wage ich noch nicht zu beurteilen, sondern hoffe einfach im Stillen, dass sich all meine ungeklärten Fragen im letzten Band dieser Trilogie klären werden.
Wie bereits zu vermuten war, blieb sich Ilsa J. Bick auch das Ende betreffend treu und beendet diesen mitreißenden zweiten Teil mit einem erbarmungslosen Cliffhanger, der zugegebenermaßen und absurderweise dennoch einen grandiosen, tollen Abschluss bildet und in mir nur einen Wunsch hervorruft: Mehr!

*******

" Mein Gott, was passiert mit mir? Alex zitterte, und sie fühlte sich schwach. An die Tür gelehnt drückte sie ihr verschwitztes Gesicht gegen das kalte Holz. Ich bin nicht Spinne. Ich bin Alex, und ich bin hier, ich bin hier, genau hier.
Aber dann glaubte sie, das allerleiseste Wispern zu hören, das seufzend aus einer tiefen, dunklen Gehirnwindung empordrang. Vielleicht hörte sie in Wirklichkeit aber auch gar nichts, und es war eine Halluzination, heraufbeschworen von ihrem konfusen, kranken Hirn. Wie auch immer. Es war da, leise und sarkastisch.
Vielleicht, sagte das Monster. Aber ich auch. Ich auch. "

("Ashes 02- Tödliche Schatten", Ilsa J. Bick, Seite 259)
***
FAZIT:
Auch der mitreißende zweite Teil der Ashes-Trilogie verstand es gekonnt durch unheimlich tolle Charaktere und einen angenehmen Stil mich um den Schlaf zu bringen und mir den ein oder anderen erschrockenen, mitgerissenen Atemzug zu entlocken. Eine Fortsetzung, die dem ersten Band meiner Meinung nach in punkto Spannung ein klein wenig nachsteht, jedoch durch ein geniales Ende und vielen ungeklärten Ereignissen einen überwältigenden, furiosen dritten Band verheißt, der hoffentlich bald erscheinen und mich ebenso atemlos zurücklassen wird.

(Wertung: 4.5/5)

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dystopie, liebe, mutter, elysium, gavin

Renegade - Tiefenrausch

J. A. Souders , Charlotte Lungstraß
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Piper, 20.08.2012
ISBN 9783492702812
Genre: Jugendbuch

Rezension:

" "Die Gier hat die Seele der Menschen vergiftet. Die Oberflächenbewohner haben zerstört, was einst wunderschön war, und es in eine schaurige Version dessen verwandelt, was sie Frieden nennen.
Aber hier unten haben wir wahrhaftigen Frieden.
Es wird weder Angst geben noch Krankheit, Hunger, Hass oder Habgier. Wir haben uns eine Utopia geschaffen.
Und es ist wundervoll."
- Mutter, Auszug aus ihrer Gründungsansprache"

("Renegade- Tiefenrausch", J.A. Souders, Seite 222)

***

Eine verwirklichte Utopie unter Wasser, in völliger Abgeschiedenheit zur Oberfläche und als eine anders organiesierte Gesellschaft - kurzum: Eine Unterwasserstadt à la Atlantis, die von Menschen unter Glas geschaffen wurde, um sich der Oberflächengesellschaft zu entziehen und eine neue Welt mit neuen Grundsätzen, Maßstäben und Regeln zu schaffen: Das ist Elysium.
Als Aufsteller und Begründerin dieser Utpie gilt in Elyisum eine Frau, die von allen nur "Mutter" genannt wird und als oberste Instanz im gesamnten Unterwasserreich betrachtetn wird.
Ihr zu gehorchen stellt demnach das oberste Gebot für die Bewohner Elysiums dar und wer sich ihr widersetzt mus mit den Konsequenzen lebe oder notfalls mit eben diesem Leben bezahlen.


J.A. Souders führt den Leser geschickt in diese ihm unbekannte Gesellschaft ein, indem dieser einfach im wahrsten Sinne des Wortes ins kalte Wasser geworfen wird und als stiller Beobachter in die Gedankenwelt der 16-jährigen Evelyn Winters schlüpft, die von der Mutter Elysiums zur "Tochter des Volkes" ernannt wurde und somit ihre zukünftige Nachfolgerin darstellt. Evelyn wurde zu dieser "Berufung" - wie die Bewohner Elysiums ihre Aufgabe in der Gesellschaft nennen - auserkoren, da sie die perfekteste Genausstattung besitzt.
Trotz der subjektiven Erzählperspektive, aus der der Leser durch Evelyn als Ich-Erzählerin das Reich Elysium betrachtet, lenkt J.A. Souders ihre Leser gekonnt schnell auf den richtigen Pfad und sorgt dafür, dass dieser zusammen mit Evie den Geheimnissen und Intrigen, die in Elysium herrschen, auf den Grund kommt.

So beispielsweise werden in Elyisum Maßnahmen angewandt, die den scheinbaren Frieden erhalten und zu einer perfekten Gesellschaft beitragen sollen. Ich empfan es vor allem anfangs als ziemlich interessant und spannend, Evelyn während ihrem Alltag zu begleiten und die Grundsätze ihrer Gesellschaft kennzulernen. Folglich werden mit der Zeit für den Leser Dinge entschlüsselt, die in der Welt von Elyisum an der Tagesordnung liegen: Konditionierungen, Überprüfungen der Genausstattungen, Ausbildungen zu sog. Vollstreckerinnen und sogar Genmanipulationen, um alle Unterschiede in der Gesellschaft auszumerzen, die zu möglichen Unruhen oder gar Kireg in Elysium führen könnten.
Alles in allem hat J.A. Souders nun also wirklich eine höchst spannende und erkundungswürdige Welt erschaffen, der ich die ersten Seiten mit großer Neugierde, Wissensdurst und Faszination entgegenblickte.
*

Mit einem überaus schlichtem, ruhigem und beinahe schon spartanischem Schreibstil wird Elysium und Evelyns Innenleben beschrieben. Obwohl ich hinsichtlich der Tatsache, dass es sich hier um ein Jugendbuch handelt und auch die Protagonistin, Evie, angemessen ihres jungen Alters einen schlichten Erzählton an den Tag legen darf, machte es mir dieser etwas zu knapp gehaltene Schreibstil und die kurzen Beschreibungen ziemlich schwer, mir ein detailgetreues und nicht nur schemenhaftes Bild von der
anscheinend ach so prachtvollen und- nach Gavins Reaktion zu schließen- atemberaubenden Unterwasserstadt Elysium zu machen. Ausgeführtere Beschreibungen hätten also meiner anfänglichen Faszination dieser Grundidee einer Unterwasserutopie keineswegs geschadet. Nichtsdestotrozt muss man Mrs. Souders zugute halten, dass man als Leser sehr wohl bemerkt, dass sie sich sehr genau mit der von ihr geschaffenen Utopie auseinandergesetzt haben muss, sehr viel Zeit, Mühe und Gedankenarbeit investiert sowie eine gesunde Portion schöpferisches Talent besitzen muss, um diese Unterwasserstadt in solchem Ausmaße zu gestalten. Besonders passend und als sehr wirkungsvoll empfand ich die kurzen Einführungstexte oder - auszüge zu Anfang jedes Kapitels, die mich im ersten Moment sehr an das Konzept bzw. die Aufmachung von "Delirium" von Lauren Oliver erinnerten. Raffiniert machte es die Autorin mit diesen Auszügen aus Reden der "Mutter", aus Gesetzesbüchern, dem Verhaltenskodes von Elysium oder aus Volks- bzw. Kinderliedern möglich, aus einem ganz anderen Blickwinkel Einddrücke von der in Elysium herrschenden Gesellschaftsordnung mit ihren andersartigen Wert- und Normvorstellungen zu gewinnen, wodurch Elyisum zunehmend greifbarer und authentischer für mich wurde.

*
So authentisch jedoch das System geschildert wird, desto weniger trifft diese Eigenschaft auf die Charaktere zu: Allesamt machten sie einen ziemlich flachen, blassen und farblosen Eindruck auf mich. Selbst Evie, zu der der Leser aufgrund ihrer Protagonistenstellung eigentlich eine besondere Bindung hätte aufbauen sollen, wirkte auf mich einfach etwas konturlos und nicht wirklich individuell. Ich hatte das Gefühl, als wären sich alle Charaktere ziemlich ähnlich, ja zu ähnlich, um individuell oder geschweige denn menschlich und facettenreich zu wirken.
Auch die Tatsache, dass über Gavin nur anfangs Bruchstückhaftes über sein Leben an der Oberfläche in Erfahrung gebracht wird, fand ich ziemlich schade. In Anbetracht dessen schlug die Entwicklung der kleinen Liebesgeschichte zwischen Evie und Gavin auch ein etwas zu rasantes Tempo für meinen Geschmack an. Die kleinen Liebesszenen und -dialoge zwischen ihnen wirkten auf mich zumeist etwas aufgesetzt und gezwungen gefühlvoll. Leider aber kamen dabei keine wirklichen Emotionen bei mir an.
Einzig und allein am Ende konnte ich den beiden ein wenig Menschlichkeit und Facettenreichtum anmerken und zumindest schienen sie in den letzten Kapiteln für mich ein wenig an Blässe verloren zu haben. Das Ende an sich fand ich überaus gelungen und einfallsreich. Obwohl es kein Cliffhanger darstellt, macht es zugegebenermaßen Lust auf mehr. Ob ich jedoch beim Erscheinen des zweiten Bandes dieser geplanten Trilogie genug Vertrauen in die Autorin und ihre Fähigkeit lege, ihren Charakteren mehr Individualität in den Folgebänden zu verpassen, steht noch in den Sternen.

***

">>Du hast recht. Es tut mir leid>Ich vertraue dir. Es wird nicht wieder vorkommen.<<
Misstrauisch sieht er mich an. >>Bist du sicher?<<
>>Ja. Du und ich, gemeinsam. Bis zum bitteren Ende, was auch immer geschieht.<<
>>Bis zum bitteren Ende<<, wiederholt er mit einem schiefen Lächeln."#

("Renegade-Tiefenrausch", J.A. Souders, Seite 249)

******
FAZIT:
Eine überaus interessante Idee und ein spannendes Grundgerüst, das es für mich aufregend werden ließ, in die Unterwasserstadt Elysium "abzutauchen" und deren Eigenschaften zu erkunden. Leider aber lässt die Umsetzung und vor allem die Ausarbeitung der Charaktere etwas zu wünschen übrig, sodass ich dem Folgeband dieser Unterwasser-Trilogie noch mit gemischten Gefühlen entgegenblicke.
Eines ist jedoch sicher: In dieser von J.A. Souders geschaffenen Idee einer Utopie steckt noch viel Potenzial, das in den Folgebänden hoffentlich noch etwas besser ausgebaut wird.

(Wertung: 3.5/5)

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liebe, freundschaft, carina bartsch, berlin, gefühle

Kirschroter Sommer

Carina Bartsch
Buch: 458 Seiten
Erschienen bei Schandtaten Verlag, 20.10.2011
ISBN 9783000358210
Genre: Romane

Rezension:

"Sollte ich mich allerdings irren und es gab doch noch eine Steigerung meiner damaligen Empfindungen, dann konnte ich nur beten, das niemals erleben zu müssen. Ein Spaziergang durch die Hölle reichte mir aus, um sicher zu gehen, dass ich diesen Ort nie wieder betreten wollte. Am eigenen Leib die abgründigen Schattenseiten der Liebe erfahren zu haben, ließ mich sogar infrage stellen, ob die leider oft nur knapp bemessenen Hochgefühle es wert waren, sich dieser Gefahr überhaupt auszusetzen."

("Kirschroter Sommer", Carina Bartsch, Seite 122)

***

Eine unterhaltsame, nicht nur an der Oberfläche kratzende, sondern ein wenig tiefgehendere Liebesgeschichte, die ganz ohne phantastische oder dystopische Elemente zurecht kommen würde. Eine süße Sommerlektüre (Wie allein der Titel ja bereits vermuten lässt), die laue Sonnenabende versüßt, aber nicht allzu sehr beschwert oder mit zum Nachdenken aufforderndem Gedankengut belastet. - Mit diesen vagen Vermutungen und erhofften Erwartungen schlug ich die erste Seite von "Kirschroter Sommer" auf. Was mir auf den folgenden, knapp 450 Seiten dann entgegenblickte, konnte mich nicht nur in vielerlei Hinsicht überraschen, sondern überstieg meine ohnehin bereits positiv gestimmten Erwartungen bei Weitem.

Zunächst wird der Leser bereits auf der ersten Seite von einem locker leichtem und keineswegs zu umgangssprachlichem Erzählstil begrüßt, der angenehm zu lesen ist und zu einem reibungslosen Lesefluss beiträgt. Emely legt als 23-jährige Ich-Erzählerin und Protagonistin einen ziemlich natürlichen und nachvollziehbaren Erzählton an den Tag, der dennoch so manches Mal schöne Be- und Umschreibungen in Kombination mit bestimmten verbildlichenden Stilmitteln bereithält. Vor allem aber überzeugt sie auf der Reise durch ihren Alltag, auf der sie der Leser die gesamte Zeit über begleitet, durch einen ungeheuren Humor, gepaart mit ab und an selbstironischen oder gar vor Sarkasmus triefenden Bemerkungen, Aussagen oder Gedanken, die mich aufgrund ihrer passenden Treffsicherheit oftmals schmunzeln ließen. So war es also nicht weiter verwunderlich, dass Emely für mich in Windeseile zu einer durchweg sympathischen Protagonistin heranwuchs.
Erst allmählich und nach und nach erfährt der Leser mehr über Emelys Innenleben und Facetten, die von ihrer Vergangenheit geprägt und erheblich beeinflusst wurden. Während man als Leser also eine Weile lang noch im Dunkeln tappt, was ihre frühreren, vorausgegangenen Erfahrungen in Bezug auf Elyas angeht, wird mittels Rückblenden, Erinnerungsfetzen und in Gesprächen enthaltenen Informationen nach und nach Licht auf dieses Mysterium geworfen, sodass es dem Leser mit der Zeit umso besser gelingt, Emelys Beweggründe nachzuvollziehen.

Mit ihrer bereits angesprochenen humorvollen, schlagfertigen und spitzzüngigen Ader unterscheidet sich Emely des Weiteren erheblich von anderen, besonders oft in weiteren mit einer Liebesgeschichte bestückten Jugendbüchern anzutreffenden Protagonistinnen, die ganz im Gegensatz zu Emely plötzlich zu meist hirnlosen, dümmlich grinsenden Charakteren mutieren, deren Denkfähigkeit mit dem Auftauchen des Angehimmelten verpufft und von Gedankengängen über das - natürlich - umwerfende Äußere und die ansonsten ebenso überirdischen Eigenschaften ersetzt werden. Ganz im Gegensatz hierzu glücklicherweise Emely, die nicht nur Durchsetzungsvermögen und Willensstärke beweist, sondern auch mit ihrer bleibenden Schlagfertigkeit in Gesprächen mit Elyas Kontra gibt und somit mehr als nur überzeugen kann.

*

Wo wir auch schon beim Punkt wären: Dialoge. Meine Güte, es lässt sich kaum sagen, wie viele verschiedenste Gefühlsregungen wohl während des Seitenumblätterns dieses Buches über meine Gesichtszüge gewandert sind. Ich jedenfalls kann mir nur zu gut vorstellen, dass ich ein äußerst amüsantes Bild abgegeben haben muss, während sich meine Stimmungsschwankungen in Form von leichtem Schmunzeln, plötzlichem Auflachen, das in lauthalsem Kichern mündete, wütendem Augenbrauenverziehen, seligem Seufzen und glasigen, taschentuchbedürftigen Augen sowie vielen weiteren erdenklichen Gefühlsausdrücken kenntlich machten.
Es war einfach nur wunderbar, Elyas und Emely bei ihren Gesprächen zu belauschen. Beide gestalten die Dialoge durch ihre Scharfzüngigkeit zu etwas Einmaligem, wie ich selten in Büchern angetroffen und vor allem mit diesem Effekt, der Gefühlsachterbahn, bei mir beobachetet haben konnte. Dies lag natürlich zu einem beachtlichen Teil an Elyas. Dem wundervollem, absolut genialem, zwar nervenzerreißendem, jedoch vollkommen anhimmlungswürdigem Elyas, der mit seiner imponierender Arroganz und mit gleichzeitigem sanften Feingefühl nicht nur Emelys Herz, sondern auch mein Leserherz mit der Zeit höher schlagen ließ.

Obwohl oder gerade weil er beinahe über das gesamte Buch hinweg ein wahres Rätsel für Emely und den Leser bleibt, übt er einen dunklen Reiz aus, den sich Emely aus gegebenen Gründen zunächst nicht eingestehen will. Nichtdestotrotz entwickelt sich über die Seiten hinweg eine sanfte, verlockende und bezaubernde Liebesgeschichte, die anders als gedacht eher langsam, jedoch überaus nachvollziehbar und in realitätsnahem Tempo voranschreitet - Ein Punkt, bei dem ich bei anderen Liebesgeschichten, in denen der erste Blick in einem rasendem Tempo zum ersten Kuss über bedingungslose Liebe und anschließenden Heiratsgedanken voranschreitet, oftmals verärgt den Kopf schütteln musste.
Auch Luca, der mit Emely bald regen E-Mail-Kontakt pflegt, gestalte die ganze Sache noch um einiges interessante, als sie ohnehin bereits wäre. Auch wenn sich dem Leser bereits nach kurzer Zeit ein leiser Verdacht aufdrängt, was dessen Identität anbelangt, löst Carina Bartsch dies geschickt mit Emelys Unwissenheit und Äußerungen seitens Luca, die mich wilde Vermutungen wieder über Bord werfen ließen.

Aber nicht nur die Protagonisten überzeugen mit ihrer ungemeinen Menschlichkeit: Auch sämtliche Nebencharaktere wirken mit ihrer Fehlerhaftigkeit und ihrem Facettenreichtum wie aus dem Leben geschnitten. Ob Emelys beste Freundin Alex, Elyas Freunde oder Emelys Mitbewohnerin Eva - allesamt machten einen überaus feinfühlig und detailgetreu ausgearbeiteten Eindruck auf mich.
Ebenso verhält es sich mit der Handlung selbst: In einem ruhigen, nachvollziehbaren Tempo fließt diese voran. Kein Ereignis, keine eintretende Situation wirkt zu überspitzt oder erinnert durch unrealistische Züge daran, dass es sich bei der Geschichte um das Produkt der Phantasie einer Schriftstellerin handelt. Ganz im Gegenteil, denn diese Geschichte scheint gänzlich ohne überdrehte, zwanghaft Spannung erzwingen wollende Action oder Dramatik zurechtzukommen und wirkt dabei auf schlichte, jedoch umso lebensnähere Art wie eine Geschichte, die das Leben selbst nicht hätte schöner schreiben können.

***

" >>Buh<<, machte es plötzlich neben mir. Ich schrie auf, sprang zur Seite und fasste mir ans Herz.

>>Das ist nicht witzig, Elyas!<<

Er lehnte an der Wand zum Badezimmer, seine Lippen formten ein einseitiges Lächeln.

>>Tut mir leid>Ich wollte nur einmal erleben, dass dein Herz höher schlägt,

wenn du mich siehst.<< "

("Kirschroter Sommer", Carina Bartsch, Seite 335)

**
FAZIT:

Eine wundervolle Liebesgeschichte, die in höchstem Maße durch zum Schmunzeln zwingende Dialoge und schlagfertige Charaktere unterhaltet und in mir eine Bandbreite an Emotionen auslösen konnte. Carina Bartsch hat mit "Kirschroter Sommer" eine in meinen Augen perfekte Sommerlektüre geschaffen, die das Herz an so manchen Stellen erwärmt oder gar beflügelt und nicht zuletzt durch ein raffiniertes Ende eine unbändige Neugierde zurücklässt. Ich kann es demnach kaum abwarten, endlich, endlich, endlich die Fortsetzung dieser zweiteiligen Geschichte in Händen zu halten, um erneut in Emelys und Elyas Welt abzutauchen.

Eine von Herzen kommende Empfehlung an jeden, der nach einer unterhaltsamen, mitreißenden Liebesgeschichte mit tollen Charakteren Ausschau hält!

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meer, liebe, sommer, strand, sommerhaus

Der Sommer der silbernen Wellen

Amanda Howells , Stefanie Schäfer
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei FISCHER FJB, 25.07.2012
ISBN 9783841421388
Genre: Jugendbuch

Rezension:

" >>Kannst du dir vorstellen, wie dieser Strand früher einmal war?<<
Er schüttelte den Kopf, ganz versunken in seine Phantasie von dem idyllischen, unbefleckten
Paradies, das Southhampton vor langer Zeit gewesen sein musste.
>>Ich kann es mir nur schwer vorstellen.<<
Das war gelogen. Schon oft hatte ich mir die Küste ohne Häuser ausgemalt.
>>Versuch's doch noch mal.<<, erwiderte Simon fröhlich.
>>Nein, ich bin Realistin<<, entgegnete ich dickköpfig.
>>Keine Romantikerin. Romantische Menschen werden immer nur enttäuscht.<<
>>Vielleicht deswegen, weil sie immer nur von Realisten umgeben sind.<<, konterte Simon. "
("Der Sommer der silbernen Wellen", Seite 135)

**
Eine sonnengleiche, süße Sommergeschichte mit einem Hauch Tiefgang und großem Unterhaltungswert.- Das waren meine Erwartungen, nachdem ich den Klappentext von "Der Sommer der silbernen Wellen" neugierig gelesen hatte. Kurz gesagt etwas locker Leichtes, das nicht zu sehr beschwert, aber dennoch mit keinesfalls oberfächlichen Gedanken einen Sommerabend oder mehrere versüßen könnte.
Nun, nachdem auch die letzte Seite dieses Schmökers zugeschlagen ist, sitze ich dieser Geschichte mit durch und durch gemischten Gefühlen gegenüber, denn "Der Sommer der silbernen Wellen" ist eindeutig nicht das, was es zu sein scheint.

Zunächst einmal wurde ich von der Erzählstruktur überrascht. Der Klappentext setzte in mir irgendwie die Vorstellung fest, dass wir es hier mit einer bereits erwachsenen Frau zu tun hätten, die sich nun an ihre Jugend oder genauer einen Lebensabschnitt während ihres sechzehnten Lebensjahres zurückerinnern würde. Pustekuchen. Der Leser wird sofort im ersten Kapitel mit auf die Reise einer sechzehnjährigen Mia genommen, was beinahe das gesamte Buch hinweg unverändert so bleibt. Lediglich am Ende des Buches stellt sich heraus, dass der Leser den Erzählungen einer noch immer jungen Mia gelauscht hat.


Dementsprechend gestaltet sich auch Mias Erzählstil, denn die Protagonistin legt als Ich-Erzählerin einen recht umgangssprachlichen, natürlichen Erzählton an den Tag, den ich nicht nur als angemessen, sondern auch als angenehm empfand. Nichtsdestotrotz überrascht Amanda Howells immer wieder mit schönen Be- oder Umschreibungen, die trotz der Schlichtheils ihres Schreibstils sehr gelungen und manches Mal sogar berührend sind.

Mia selbst erschien mir besonders zu Anfang ziemlich kindlich, etwas unreif und vor allem ein wenig nervig. Ungefähr die ersten 80 Seiten sind gekennzeichnet von Mias Jammertriaden darüber, mit welch wunderschönen und zaubergleichem Aussehen doch ihre beiden Cousinen Corinne und Beth, bei denen sie zusammen mit ihrer Familie den Urlaub verbringen würde, im Gegensatz zu ihr beglückt worden waren. Nicht zu vergessen ihre nervende kleine Schwester Eva, die ebenfalls wie Mutter und Tante eine Schönheit darstellte.
Immer und immer wieder wird betont, wie sehr sich doch ihre Cousine Corinne, mit der sie in ihrer Kindheit "ein Herz und eine Seele" - eine Bezeichnung, die sich auch des Öfteren wiederholt - gewesen war, verändert hatte. Mia zerbricht sich förmlich den Kopf darüber, was diese Veränderung an ihrer Cousine vorbei geführt hätte. Noch dazu stellt Mia die ganze Zeit über die "Reichen", zu denen wohl die Familie ihrer Tante zählten, der "ärmeren Bevölkerung" oder den "Neureichen" gegenüber. Hatte ich dies zu Beginn noch als nicht weiter störend empfunden, wurden Mias Gedanken, die sich immer wieder um diese Themen drehten, nach einer Weile etwas anstrengend.
*
Gerade als ich glaubte, dieses Buch dermaßen falsch eingeschätzt zu haben, schlich sich unbemerkt und leise eine Veränderung herbei. Nach den ersten hundert Seiten machten Mias wiederholenden Gedankengänge zunehmd Tiefsinnigeren Platz und ich hatte endlich das Gefühl, die Geschichte und Handlung würde nun ins Rollen kommen.
Corinne, die mir anfangs noch sehr flach und matt erschien, nahm allmählich realistische Charakterzüge an. Auch Mias Mutter Maxine oder ihre Tante, die ebenfalls eine nicht unbedeutende Rolle spielt, werden zu Mitte des Buches greifbarer, sodass es mir schließlich doch gelingen konnte, vollkommen in die Handlung einzusinken, die teilweise eine Familiengeschichte, teilweise eine Sommerlektüre, aber vor allem Eines darstellt: Eine Liebesgeschichte.

***
" Ich schloss die Augen und atmete tief ein, um den Moment zu verlängern, als sei die Zeit
tatsächlich ein elastisches Band, an dem man ziehen konnte, um es auszudehnen. Ein Stich fuhr mir durchs Herz, weil sogar in solchen Augenblicken ein Teil von mir bereits traurig ist - der
Teil, der weiß, dass der Moment sich bereits seinem Ende zuneigt,
weil nichts wahrhaft Perfektes von Dauer sein kann."
("Der Sommer der silbernen Wellen", Seite 237)

***

Und zwar eine Liebesgeschichte, die es in sich hat.
Handlung zwar weiter, wird aber von wundervollen Dialogen und Szenen zwischen Mia und Simon untermauert. Als stiller Beobachter spaziert man als Leser neben Mia und Simon am Indigo Beach entlang, beobachtet zusammen mit ihnen den Sternenhimmel und lauscht Mias Gedanken über astronomische oder geographische Fakten und den Aussagen von Simon, der im Gegenzug zu Mia ein weniger auf Tatsachen ausgerichteter und eher verträumter Mensch ist.
Tatsächlich waren es vor allem ihre Wortwechsel, die mir beinahe am besten gefallen haben. Sie diskutieren tiefsinnige Gedanken und vertrauen sich noch nie ausgesprochene Vermutungen und Träume im Stillen an. In einem nachvollziehbaren Tempo reift schließlich nach und nach eine zarte Liebe zwischen den beiden heran, während man als Leser selbst ein Stück seines Herzens an Simon verschenkt.
Das Ende tritt schließlich unerwartet, überraschend, gnadenlos und schockierend ein. Rein rational betrachtet ein Pluspunkt, für mein Leserherz aber ziemlich erschütternd. Nichtsdestotrotz muss ich wohl zugeben, dass es sich um ein sehr gelungenes, zwar hartes aber realistisches Ende handelt, bei dem vor allem Mias Veränderung, Weiterentwicklung und ihre herangereiften Gedanken über das Leben selbst wunderschön zu lesen sind. Ein Ende, das einen bitteren, meeressalzigen aber dennoch süßen Nachgeschmack hinterlässt.
**
"Ein Risiko eingehen... das war der einzige Weg zu etwas Bedeutsamem.
Das größte Risiko bestand darin, keinerlei Risiko einzugehen.
Das erkannte ich allmählich in vielerlei Hinsicht: Wenn man sein Licht zu lange in sich verbarg,
bestand die Gefahr, dass es ganz ausging."
("Der Sommer der silbernen Wellen", Seite 303)
*
*
FAZIT:

"Der Sommer der silbernen Wellen" ist eine bittersüße Sommergeschichte der etwas anderen Art. Trotz anfänglicher Mängel entwickelt sich eine leichte, aber dennoch tiefgründige und wunderbare Liebesgeschichte, die es dem Leser ermöglicht, Mia und Simon bei nächtlichen Bade- und Spaziergängen am Indigo Beach zu begleiten und nachdenklichen, verträumten Gesprächen unter dem Sternenhimmel zu lauschen.
Eine Empfehlung für alle, die nach einer tiefsinnigeren Sommerlektüre Ausschau halten, die nicht nur unterhaltet, sondern auch berührt.

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tiger, liebe, indien, fluch, fantasy

Pfad des Tigers - Eine unsterbliche Liebe

Colleen Houck , Beate Brammertz
Fester Einband: 600 Seiten
Erschienen bei Heyne, 18.06.2012
ISBN 9783453267749
Genre: Jugendbuch

Rezension:

"Trotz aller Aufmerksamkeit, die mir entgegengebracht wurde, fühlte ich mich einsam. Es war nicht die Art von Einsamkeit, über die man sich mit anderen Menschen hinwegtrösten kann. Meine Seele fühlte sich einsam. Die Nächte waren am schlimmsten, weil ich ihn dann spürte, selbst über Ozeane hinweg.
Ein unsichtbares Seil umschloss mein Herz, versuchte unablässig, mich zu ihm zurückzuziehen. Vielleicht, mit etwas Glück,
wäre es eines Tages durchwgewetzt
und würde schließlich reißen."
("Pfad des Tigers", Seite 64-65)

***

Mit wahnsinniger Neugierde habe ich den Tag erwartet, an dem dieses Buch endlich seinen Weg zu mir finden würde. Unzählige Spekulationen wurden in der Zwischenzeit von mir angestellt, in alten Leseerinnerungen geschwelgt und schließlich erneut mit einem Seufzen sehnsuchtsvoll einen Blick auf den Kalender geworfen. Schließlich - nach gefühlten 100 000 Jahren später - war es dann endlich, endlich soweit: Ich hielt es endlich in Händen und wurde nun doch urplötzlich mit den schlimmsten Befürchtungen gestraft - Würde diese Fortsetzung überhaupt mit dem ersten Band mithalten können? Wäre es möglich, dieselbe Faszination für diese magische Geschichte erneut aufleben lassen zu können? Oder würden durch eine schlechte, miserable Fortsetzung schließlich meine wundervollen Erinnerungen an den ersten Teil der Geschichte zunichte gemacht werden?
Puh, Gott sei Dank alles völlig unbegründete, viel zu dramatische Gedanken.

*
Das Erste, was nach wenigen Seiten von "Pfad des Tigers" auffällt: Colleen Houck scheint ihren überaus gefühlsbetonten, ausdrucksstarken Schreibstil nicht verloren zu haben. Nach wie vor strotzen ihre Beschreibungen nur so vor bildlichen und verbildlichenden Sprachgebäuden wie Metaphern und anderen Stilmitteln, die glücklicherweise nicht zu überladen oder theatrlisch wirken. Im Gegenteil, die Vergleiche und Versinnbildlichungen, die Kelsey in ihren Gedankengängen anstellt, konnten mich auf starke Weise von sich überzeugen, vor allem im Hinblick auf die Tatsache, dass Colleen Houck einige bereits im ersten Band beschriebene Vergleiche erneut aufgreift und somit einen leichten, eleganten Faden zwischen den beiden Bänden auf sprachlicher Ebene spannt.
Kelseys Schilderungen aus der Ich-Perspektive empfand ich daher als sehr angenehm, da diese bildliche Sprache in Kombination mit annehmlichen, nicht zu umgangssprachlichen Elementen eine Jugendbuch-gerechte und niveauvolle Erzählweise ergeben.

*
Obgleich Kelsey bei mir bereits im ersten Band, "Der Kuss des Tigers", einige Sympathiepunkte sammeln konnte, ging sie mir dennoch zugegebenermaßen stellenweise ein klein wenig auf die Nerven. Von ihrer naiven, meist übertrieben impulsiven, ungestümen Art scheint sie glücklicherweise irgendwo zwischen Band 1 und Band 2 einen Teil abgelegt zu haben, denn während des gesamten Handlungsverlaufes hinweg erschien sie mir weniger anstrengend, als das noch in Teil 1 der Fall war. Tatsächlich schien sie geradezu etwas lebenserfahrener geworden zu sein und an Reife gewonnen zu haben.
Einige, bereits aus dem ersten Band bekannten Charakterzüge ließen sich dennoch erfreulicherweise wiedererkennen. Beispielsweise machten und machen sie noch immer ihre Treuherzigkeit, die auf sympathische Art und Weise manchmal blauäugig auf einen wirken mag, nicht nur sehr umgänglich, sondern auch zu einer durchweg lebensechten Protagonistin.
Überhaupt würde ich die Charaktere als eine der vielen Stärken dieser Reihe bezeichnen, wenn nicht sogar die ausgereifteste Stärke. Nilima und Mr. Kadam bleiben nach wie vor überzeugende Nebencharaktere, die in meinen Augen keinesfalls zu matt gezeichnet sind, sondern eine passende, nicht zu geringe Bedeutung zur Geschichte beitragen.


Ganz zu schweigen von den beiden Tigerbrüdern natürlich. Nicht zuletzt sind es schließlich sie, die auch diese Fortsetzung zu einer wahren, achterbahngleichen Berg- und Talfahrt der Gefühle für mich werden ließen. Ihre charmante, unheimlich glaubwürdige und bezaubernde Art sowie der in ihren Dialogen enthaltene Wortwitz, Sarkasmus und Zynismus konnten haben mich ebenso zum Lachen wie zum Schluchzen bringen können. Natürlich aber spielt dieses Mal besonders Rens jüngerer Bruder Kishan eine bedeutende
Rolle in diesem Teil der Geschichte, wie ja bereits im Klappentext haushoch angepriesen wird. Auch wenn ich prinzipiell keine Abneigung gegen Dreiecksbeziehungen hege, hatte ich doch so meine Bedenken. Reichte die wunderbare Verbindung zwischen Ren und Kelsey nicht? Gab es nicht genug Stoff, über den es zu schreiben wert war, ohne jetzt auch noch Kelseys und noch dazu meine Gefühle verwirren zu müssen? Das geschah nämlich tatsächlich, wie es meistens bei Dreiecksbeziehungen bei mir der Fall ist. Kishan übt nämlich zugegebenermaßen tatsächlich seine ganz eigene Faszination und Anziehung aus. Ein klarer Pluspunkt auf der "Warum-diese-Reihe-geliebt-werden-sollte"-Liste, denn selten stellt der Dritte im Bunde keinen bloßen Ablklatsch vom eigentlichen Liebhaber dar oder - das krasse Gegenbeispiel - wird überspitzt als das Gegenstück dargestellt, ganz getreu nach dem schwarz-weiß Muster oder dem "good boy, bad boy" Klischee. Welch ein Glück, dass Colleen Houck diese Herausforderung erfolgreich gemeistert hat und ich nun zusammen mit Kelsey in einem Gefühlswirrwarr stecke.

Was die Handlung betrifft bleibt es ebenso spannend wie im vorherigen Teil. Zwar sagt mir diese Missions-Idee, die auf die Rettung der Tiger bzw. das Auflösen des Bannes zusteuert und bei der in jedem Band scheinbar eine Herausforderung gemeistert wird, noch immer nicht ganz zu, jedoch kann ich über diesen auf meinen persönlichen Geschmack basierenden Kritikpunkt getrost hinwegsehen, da es Colleen Houck zu meiner Überraschung dennoch schafft, mit einer gesunden Portion phantastischer Elementen eine spannenden Reise durch Indien zu schaffen. Demnach begleitete ich Kelsey und Kishan mit Freuden auf ihren Abenteuern und langweilte mich auf keiner Seite.
Einzig und allein von Lokesh bedeutenderen Rolle in diesem zweiten Band hätte ich mir ein Fünkchen mehr erhofft. Für meinen Geschmack blieb er noch zu undurchsichtigt und ob von Colleen Houck beabsichtigt oder nicht, scheint er mir doch diese typischen Bösewicht-Charakterzüge zu tragen, dessen Beweggründe einzig und allein mit einer ungeheuren Machtgier begründet werden. Daher hoffe ich sehr auf einen Charakterwandel in den nächsten Bänden oder aber auf eine sehr gut durchdachte Strategie von Colleen Houck, die hoffentlich noch weitere Facetten von diesem berühmt berüchtigten Bösewicht dieser Reihe aufzeigen wird.

*
Das Ende war - wie ich es leider schon erwartet hatte - nicht minder herzzerschmetternd als das des Vorgängers. Frau Houck lässt ihre Leser im wahrsten Sinne des Wortes an einem Grauen verheißendem Abgrund hängen, um den Folgeband vermutlicherweise noch schmackhafter zu machen, was in meinem Falle überhaupt nicht nötig gewesen wäre. Ich für meinen Teil befinde mich nämlich nun erneut in derselben Situationen wie vor einigen Wochen zuvor auch schon - nämlich in einer ungeduldigen Wartehaltung, die es mir schier unmöglich macht, auf den nächsten Band, der den Titel "Fluch des Tigers" tragen wird, zu warten!

***

" Sein Lächeln wurde noch bereiter. Er presste mich fest an sich und flüsterte meinen Namen.
>>Und ich liebe dich, meine Kamana. Hätte ich gewusst, dass du der Lohn
für meine Gefangenschaft bist, hätte ich die Jahrhunderte
voller Dankbarkeit erduldet.<<
>>Was bedeutet "Kamana"?<<
>>Es bedeutet "der Wunsch, dessen Erfüllung ich über alles begehre".<< "
("Pfad des Tigers", Seite 145)
*
FAZIT:
Eine würdige Fortsetzung, die ebenso wie Teil 1 in die ferne Tiefe des indischen Orients entführt und die in jedem Falle ihre Stärke in der Charakterzeichnung besitzt. Wer sich bereits den wunderbaren ersten Teil der "Tiger's Curse"- Reihe zu Gemüte geführt hat, sollte schleunigst seine Reise durch Inden an der Seite zweier charmanter, verlockender Tiger fortsetzen und auf eine gute Portion Herzschmerz gefasst sein, denn es scheint mir beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, irgendwo zwischen diesen knappen 600 Seiten nicht erneut sein Herz an die Charaktere zu verlieren.

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dystopie, liebe, adam, juliette, gabe

Ich fürchte mich nicht

Tahereh H. Mafi , Mara Henke
Fester Einband: 317 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 23.07.2012
ISBN 9783442313013
Genre: Jugendbuch

Rezension:

"Ich denke immer wieder über Regentropfen nach.
Sie fallen vom Himmel, stolpern über ihre Füße, brechen sich die Beine, vergessen ihre Fallschirme, wenn sie heruntertaumeln, einem ungewissen Ende entgegen.
Als entleere jemand seine Taschen über der Erde. Dem es egal ist, dass sie zerspringen, wenn sie den Boden erreichen, dass Menschen die Tage verwünschen, an denen die Tropfen so dreist sind, an ihre Tür zu klopfen.
Ich bin ein Regentropfen."
("Ich fürchte mich nicht", Seite 13)

***

Mit einem sehr außergewöhnlichen Schreibstil führt Tahereh Mafi ihre Leser in eine Geschichte ein, der sie durch eine ebenso einzigartige Ausdrucksweise Leben einhaucht. Ihr Schreibstil ist gekennzeichnet von vielen aneinandergereihten, kurzen und teilweise abgehackten Hauptsätzen, die gelegentlich- jedoch selten-, ohne Satzzeichen beendet werden. Dabei wird zu bestimmten Hilfsmitteln gegriffen, um Beschreibungen noch mehr Aussagekraft zu verleihen: Sätze werden ungewöhnlich formatiert, um wichtige Worte hervorzuheben, indem sie alleine in einer Zeile stehen, anstelle eines "und" bzw. "oders" treten oft Querstriche auf und viele Aussagen werden durchgestrichen, was jedoch noch dazu eine ganz bestimmte andere
Ursache hat, der man als Leser schnell auf den Grund kommt. Ebenso treten häufig unvollständige Sätze auf, in denen das Subjekt gezielt ausgelassen wurde. Dieser kurzangebunde Stil verbindet Tahereh Mafi noch dazu mit überraschenden Elementen, indem sie dem Leser mit treffenden, beinahe schon metaphorischen Beschreibungen und einer sehr bildlichen, expressiven und daraus resultierenden gefühlvollen Sprache, die von Vergleichen und anderen Stilmitteln geprägt ist, ein Lächeln auf das Gesicht zaubert. Folglich benötigt man Zeit, sich an diese ungewöhnliche Mischung der Erzählweise zu gewöhnen und anzupassen, was zu meiner Überraschung im Handumdrehen bei mir der Fall war. Aber nicht nur das, denn dieser einzigartige, ausgefallene Stil gewann von Seite zu Seite eine zunehmend effektvollere Wirkung, indem er es schaffte, mit wenigen Worten eindrucksvolle Bilder vor dem inneren Leseauge enstehen zu lassen und die Gefühle der Protagonistin und Ich-Erzählerin, Juliette, wirkungsvoll und glaubwürdig zu transportieren.


Ganz besonders beeindruckend empfand ich die Art und Weise, wie Frau Mafi geschickt und raffiniert Juliettes Entwicklung im Laufe der Geschichte noch dazu sprachlich unbemerkt untermauert und somit verstärkt: Während die ersten Kapiteln nur so vor abgehackten, teilweise zusammenhangslossen Gedankengängen strotzen, scheinen sich zusammen mit Juliettes innerlicher charakterlichen Veränderung auch ihre Erzählweise gegen Ende hin drastisch zu verändern, indem an deren Stelle zunehmend fließendere, zusammenhängendere Sätze treten.
Die geradezu einschneidende Bilder, welche meist durch Metaphern in der Vorstellungskraft des Lesers erzeugt werden, führen außerdem dazu, dass es außerordentlich leicht fällt, sich in Juliettes Innenleben hineinzufühlen und ihre Gedanken, Erfahrungen und Beweggründe nachzuvollziehen. Schnell gelingt es, hinter ihre anfangs noch unnahbare Fassade zu blicken und bald schon war sie mir durchweg sympathisch. Ihr Selbstzweifel, Fehlerhaftigkeit und Wortwitz lassen sie zu einer angenehmen Protagonistin heranwachsen, deren Erzählungen ich äußerst gerne und meist auch begierig "lauschte".

Durch die Ich-Erzählperspektive sieht der Leser alle Geschehnisse, Situationen mit Juliettes Augen, was unweigerlich und verständlicherweise dazu führt, dass andere Charaktere auf subjetkive Weise durch ihre Sichtweise vernebelt werden. Nichtsdestotrotz konnte ich sogar Sympathie zu der ein oder anderen Figur aufbauen, gegenüber welcher Juliette ganz gegenteilige Gefühle hegt. Ein positives Zeichen, denn dies zeigt, dass sich die Charaktere für mich trotz eher subjektiver Erzählweise objektiv beurteilen ließen.
Ganz besonders hohe Sympathiepunkte konnte bei mir Adam sammeln, der ebenso wie Juliette durch seine Menschlichkeit und ausgefeilten Charakter punkten konnte. Obgleich er mir zu anfangs noch recht unnahbar und schlecht einschätzbar erschien, legte sich das gegen Mitte des Buches schnell und war zu Ende hin schließlich völlig verflogen.
Dennoch ist die Zahl besagter Nebencharaktere, die namentlich genannt werden und kleine Rollen im Laufe der Geschichte übernehmen, eher gering und vielleicht sogar an zwei Händen abzählbar. Viele davon bleiben eher blass und flach, da spärliche Informationen oder Auftritte verhindern, dass sie in den Vordergrund rücken. Dies empfand ich aber nicht als störend, da die Handlung selbst meist so schnell voranschreitet, dass Juliette kaum auf andere Nebencharaktere trifft, die weiter für den Handlungsverlauf hätten ausgebaut werden müssen.

*
Eben diese Handlung an sich, bei der ein Ereignis meist das nächste jagt und kaum Zeit für eine Verschnaufpause bleibt, konnte mich trotz unspektakulärer Idee völlig in einen Lesesog ziehen. Tatsächlich
ist dieses Buch meiner Meinung nach ein wahrer Pageturner, der dem Leser keine andere Wahl lässt, als gierig jede Seite, jeden Satz und jedes Wort zu verschlingen. Überraschenderweise jedoch überzeugen weder die Handlungsvorgänge an sich, noch die Grundidee wirklich durch Originalität, denn bekannte Ansätze treten vor allem die letzten Kapitel auf. Eine Mischung aus Dystopie und leichten, wenn man so will, Fantasyelementen bietet sich einem dar, die nicht wirklich neue oder einzigartige Züge zu bieten hat. Auch die von Tahereh Mafis geschaffene dystopische Zukunftsgesellschaft wird nur in geringen Ansätzen beschrieben. Wenige Informationen werden dem Leser über die Lage der Welt und Gesellschaft geliefert, lediglich wenige Brocken und Namen wie "Reestablishment" zugeworfen. Nur nach und nach erhascht man immer mehr Einblicke in das Leben der Menschen und den Hauch einer Ahnung davon, was sich in der Vergangenheit dieser zukünftigen Welt zugetragen haben muss. Besonders gestört hat mich diese Tatsache allerdings nicht, denn in Anbetracht dessen, dass Juliette eine lange Zeit selbst isoliert von ihrer Außenwelt war und somit beinahe ebenso umwissend, was die Lage der Umwelt betrifft, wie der Leser zu sein scheint, empfand ich diese spärliche Informationslage sogar als ziemlich passend.
Einzig und allein das Ende und die letzten Kapitel stellten in meinen Augen eine kleine Enttäuschung dar. Ich hatte mit einer etwas, wie gesagt, originelleren "Auflösung" bzw. Überleitung für den nächsten Band gerechnet, denn unweigerlich schleicht sich am Ende der Gedanke "... das kenne ich doch irgendwoher?" ein. In der Tat scheint "Ich fürchte mich nicht" weniger eine Dystopie, sondern vielmehr eine mit Fantasyelementen gepaarte, aber zugegebenermaßen wundervolle und überzeugende Liebesgeschichte zu sein.

***

"Ich weiß jetzt nur, dass die Wissenschaftler sich irren.
Die Erde ist eine Scheibe.
Das weiß ich, weil ich vom Rand gestoßen wurde, und seit 17 Jahren versuche mich daran festzuhalten.
Seit 17 Jahren versuche ich wieder auf die Scheibe zu klettern, aber man kann die Schwerkraft nicht bezwingen, wenn niemand einem die Hand reicht.
Wenn niemand es wagt, einen zu berühren."
("Ich fürchte mich nicht", Seite 31)

*
FAZIT:

Eine kleine Brise Dystopie, (die in den Folgebänden hoffentlich noch etwas weiter ausgebaut wird) eine Portion weniger aber dennoch vage bekannter Fantasyelemente, gepaart mit einer berührenden, mitreißenden Liebesgeschichte, eingebettet in einem außergewöhnlichem, untypischen aber sehr passendem Schreibstil ergeben einen wahren Pageturner, dessen Fortsetzungen sehnlichst erwartet werden. Eine klare Leseempfehlung!

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dystopie, wüste, jugendbuch, tod, virus

Die Auserwählten - In der Brandwüste

James Dashner , Anke Caroline Burger
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Carlsen, 26.06.2012
ISBN 9783551520357
Genre: Jugendbuch

Rezension:

„Er sah etwas aus dem Augenwinkel und drehte sich in Richtung der Wand. Was er dort sah, machte augenblicklich jedes Gefühl der Sicherheit zunichte, das er in der vergangenen Nacht beim Gespräch mit Teresa empfunden hatte. Es ließ ihn daran zweifeln, dass solche Gefühlsregungen überhaupt in derselben Welt, in der er sich jetzt befand, existieren konnten.“

( „Die Auserwählten- in der Brandwüste“, Seite 15)

****************

Nach James Dashner grandiosem ersten Teil dieser Reihe, „Die Auserwählten- im Labyrinth“, welcher mich atem- und fassungslos wegen einer solch großen Menge Genialität, Einfallsreichtum und geladener Spannung zurückgelassen hat, stellte das Warten auf den zweiten Teil eine reine Qual dar. Ein Buch mit einem derartigen nervenzerwühlendem Ende zu beenden grenzt ja beinahe schon an eine gerissene Gnadenlosigkeit, die mir das ohnehin zermürbende Warten nur noch erschwerte.


Umso gespannter und vorfreudiger durfte ich demnach die erste Seite des zweiten Teils aufschlagen, um erneut direkt in eine dystopische Welt der ganz anderen Art hineingerissen zu werden – im wahrsten Sinne des Wortes! Denn James Dashner ist kein Mann der großen Worte, der unnötige Einführungen oder Aussweifungen benötigt, um an sein Ziel zu gelangen, sondern manövriert den Leser gekonnt und äußerst geschickt mit Vollgas ins Geschehen hinein, welches direkt an die letzten Ereignisse aus Band 1 anknüpft.

Dabei überrascht – oder vielmehr erfreut – Herr Dashner mit seinem prägnantem, kurzangebundenem, aber immer sehr treffendem Erzählstil, mit dem der Leser bereits in Band 1 Bekanntschaft schließen durfte. Diesen Schreibstil habe ich abermals als sehr, sehr angenehm und vor allem passend zum Inhalt und Handlungsverlauf des Buches empfunden. In einer gnadenlos nervenaufreibenden, hochgradig spannungsgeladenen Handlung, wie es bei diesem Buch der Fall ist, wäre ein detailliert umschreibender, emotionsgeladener Schreibstil absolut fehl am Platz. Was gleichgesetzt nicht bedeutet, dass es James Dashners Erzählkunst an Emotionalität mangelt. Ganz im Gegenteil, denn erneut musste ich positiv überrascht feststellen, wie scheinbar leichtfertig es ihm zu gelingen scheint, als personaler Erzähler in die Gedanken- und Gefühlswelt von Thomas, dem Hauptprotagonisten aus dessen Perspektive die gesamte Geschichte hinweg das Geschehen geschildert wird, hineinzuschlüpfen und dessen Gefühlsregungen auf schlichte, aber nicht weniger nachvollziehbare, mitreißende und expressive Weise auszudrücken.

*

Auch die altbekannten Charaktere, von denen ich aufgrund ihrer enormen Authentizität, Menschlich- und Fehlerhaftigkeit bereits nach Vollendung von Band 1 schwärmen musste, durfte ich mit Freuden erneut auf ihrer noch nicht beendeten Reise begleiten, um am Ende festzustellen, dass sie in der Zwischenzeit nicht im Geringsten an Sympathie oder Facettenreichtum verloren hatten. Tatsächlich nämlich zeichnet sich jeder einzelne der Lichter durch seine ganz eigenen Macken, Schwächen und Stärken in ihrer Einzigartigkeit auf ohne dabei konstruiert zu wirken. James Dashner schafft es erneut, jeden Einzelnen während des Buches so agieren zu lassen, dass ihre Handlungen vollkommen eigenständig auf den Leser wirken, der bereits nach den ersten zehn Seiten vollkommen zu vergessen droht, dass eben diese Figuren schlicht und einfach einer Autorenfeder entsprungen sind.

Besonders Minho und Newt durfte ich erneut in mein Herz schließen oder vielmehr daran erinnert werden, warum ich dies bereits nach Band eins getan hatte, denn ihre wortgewandten und humorvollen Dialoge sind einfach unübertrefflich. Aber nicht nur die Lichter konnten mich von ihrer menschlichen und authentischen Art überzeugen, sondern selbst die frisch dazukommenden Cranks oder gar die Mitspieler von ANGST machten auf mich einen durchweg sehr gut durchdachten und ausgefeilten Eindruck.

Einzig und allein Teresa, welche mir ja bereits im vorherigen Band etwas suspekt oder sagen wir besser unnahbar erschien, da ich persönlich die Szenenanzahl ihrer Auftritte als zu gering empfand, um mir wirklich ein Bild von ihr zu machen oder ihr gegenüber gar Sympathie zu entwickeln, stehe noch immer etwas zweigespalten gegenüber. Auch wenn das nach dem Ende dieses Buches zu urteilen sicherlich von James Dashner beabsichtigt war, bin ich mit ihr noch immer nicht genug warm geworden, was keinesfalls ein Kritikpunkt darstellt, da ich mit Erleichterung erneut feststellen musste, dass es sich bei dieser, wenn man so will, Dystopie Gott sei Dank viel weniger um eine Liebesgeschichte als um ein unheimlich spannendes Abenteuer dreht. Teresas schleierhafter, undurchsaubarer Charakter steigert dabei vielmehr meine Erwartungen an den nächsten Teil, in dem ich hoffentlich einen etwas besseren Einblick in Teresas Charakter erhaschen werde, um mir ein klares Bild von ihr verschaffen zu können.
*
Thomas hingegen gab wie bereits in Teil 1 einen wunderbaren, äußerst sympathischen Protagonisten ab, in dessen Innenleben es sich als Leser sehr gemütlich machte, auch wenn der Handlungsverlauf an sich alles andere als mit „gemütlich“ zu beschreiben ist.

*

Diese nämlich steuert mit Vollgas und einer aufwühlenden Höchstgeschwindigkeit auf ein Ende zu, das mindestens ebenso verwirrend wie der gesamte Handlungsverlauf während des Buches an sich ist. James Dashner nimmt seine Leser nämlich erneut auf eine Reise an einen Ort mit, der für sie ebenso unbekannt wie für die Lichter selbst ist. Beinahe die ganze Zeit über hatte ich nicht den entferntesten Hauch einer Ahnung, was mich auf der darauffolgenden Seite erwarten würde. Eine Überraschung jagt auch in der Brandwüste die nächste, ein Ereignis überrollt das nächste und aus jeder Ecke entspringt ein ganz neues, unerwartetes Problem oder Geheimnis, das sich auf schockierende Art und Weise lüftet.

Während sich die Lichter den neuen Herausforderungen in der Brandwüste stellten, fühlte ich mich als Leser direkt unter ihnen- mit einer ebenso großen Angst und Hoffnung auf ein rettendes Ende im Herzen.

Da wäre auch schon das Stichwort: Ende. Ich hatte es ja beinahe die ganze Zeit über geahnt und befürchtet, gebangt und gehofft. Gehofft, dass James Dashner dieses eine Mal doch Gnade walten lassen würde, nur dieses eine Mal den zweiten Teil dieser nervenzerffressenden, mitreißenden und überwältigenden Reihe nicht mit einem Verwirrung stiftenden, Fragen aufwerfenden und noch dazu vor grausamer Genialität strotzendem Ende beenden würde… Vergeblich. Er hat es wieder getan! Erneut endete dieses Buch so fürchterlich gnadenlos, dass neben unzähligen Fragen in meinem Kopf nun erneut eine unruhige Neugierde und Vorfreude in der Magengegend herrscht, die darauf warten, bis zum Erscheinen des zweiten Bandes gestillt zu werden.

*************

„ ‚Ihr glaub vielleicht, dass wir nur testen, ob ihr in der Lage seid zu überleben. Oberflächlich betrachtet sehen die Experimente, die wir im Labyrinth mit euch durchgeführt haben, vielleicht so aus. Aber ich versichere euch, dass es nicht nur um das reine Überleben oder euren Überlebenswillen geht. Das ist nur ein Teil dieses genialen Experiments. Es geht um etwas sehr viel Größeres, das ihr erst ganz am Ende verstehen werdet.' “

(„Die Auserwählten- in der Brandwüste“, Seite 85-86)

*
FAZIT

Genialität, grenzenloser Ideenreichtum, hochgeladene Spannung und eine geballte Ladung an einem Emotionschaos- Das alles steckt zwischen den beiden unscheinbaren Buchdeckeln des zweiten Band der „Auserwählten“-Reihe. Unglaublich.

Wer daher bereits vom ersten Band begeistert zurückgelassen wurde, sollte sie auch für „Die Auserwählten-in der Brandwüste“ viele Nerven bereithalten, denn eine gnadenlos spannende Handlung entführt in die Brandwüste, einen nicht minder gefährlichen Ort als das Labyrinth, welcher genauso viele Gefahren und schockierende Überraschungen bereithält. Wer sich nach dem ersten grandiosen Band demnach nicht den zweiten zu Gemüte führt ist dann wohl – um es in der Sprache der Lichter auszudrücken – ein echter Neppdepp.

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liebe, italien, rom, erste liebe, gewalt

Drei Meter über dem Himmel

Federico Moccia
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 14.06.2006
ISBN 9783548264356
Genre: Jugendbuch

Rezension:

"Etwas Schlimmes hat sich bei ihm eingenistet.
Eine Bestie, ein Monster hat sich eine Höhle hinter seinem Herzen gebaut, stets bereit aufzuspringen und zuzuschlagen, voll blinder Wut, ein Kind des Leids und einer enttäuschten Sohnesliebe."
("Drei Meter über dem Himmel", Seite 253)

***
Beim Aufschlagen der ersten Seiten von "Drei Meter über dem Himmel" wird man sofort von einem außergewöhnlichem und zugegebenermaßen eigenartigem Stil begrüßt, der einem zunächst etwas skurril erscheinen und aufgrund seiner Besonderheit etwas abschrecken mag. So beispielsweise bezeichnet Federico Moccia auf den ersten Seiten seine Charaktere ganz untypisch und zunächst noch etwas distanziert als "das Mädchen" oder aber "ein Junge", sodass man sich als Leser unweigerlich als eine Art abgesonderter Zuschauer fühlt, der als Beobachter einen zufälligen Einblick in die Gassen Roms erhascht von diesem Zeitpunkt an jene Charaktere weiterhin mit einem beobachtendem Auge auf ihrer Reise durch einen Abschnitt ihres Lebens begleitet.

Diese genannten Bezeichnungen für die Charaktere treten jedoch glücklicherweise lediglich zu Beginn auf, da Moccia allmählich und nachdem sich der Leser in die Geschichte eingefunden und die Hauptprotagonisten erkannt hat diese wieder ablegt und in die Rolle eines beinahe normalen, gewöhnlichen personalen Erzählers schlüpft. Die Betonung liegt auf "beinahe", denn Federico Moccia überrascht dennoch durch seinen Schreibstil und seine Erzählart mit einigen ungewohnten Absonderlichkeiten, die vor allem zu Anfang zu meiner Verwirrung sorgten. Nicht nur die leichten, unangekündigten Perspektivwechsel, die aufgrund der durchweg vorherrschenden personalen Erzählweise ganz überraschend auftreten, sondern auch die plötzlich und unvorbereitet ab und an eingefügten Zeitsprünge bzw. Rückblicke ließen mich immer wieder verwirrt, stutzend und stirnrunzelnd die vorherigen Sätze erneut lesen oder ein paar Seiten zurückblättern. Oft benötigte es daher seine Zeit, bis ich als Leserin überhaupt bemerkte, dass es sich bei einer Stelle mal wieder um einen Rückblick, eine Erinnerung oder einer Szene aus der Vorgeschichte eines Charakters handelte, was unwillkürlich den Lesefluss ungemein behinderte. Erst nach und nach schlichen sich aus diesem Grund kleine Aha-Effekte in meinem Bewusstsein ein, nachdem verschiedenste, zunächst verwirrende Szenen für ein Chaos gesorgt hatten, doch sich schließlich und letztendlich am Ende eines Kapitels zu einem logischen Gesamtbild verbanden. Nach einer gewissen Zeit und gelesenen Seitenanzahl jedoch hatte ich mich glücklicherweise an diesen außergewöhnlichen und ziemlich untypischen Stil gewöhnt, sodass es das weitere Lesevergnügen (fast) nicht mehr beeinträchtigte.

Auch die Charaktere oder vielmehr dessen ebenso ausgefallene Namen wie Moccias Stil selbst legen einem zu Beginn kleine Stolpersteinchen in den Weg. Denn eigentümliche, kuriose und zumeinst italienische Namen wie Babi, Pollo, Pallina, Lucone und viele mehr werden dem Leser entgegengeworfen. Noch dazu schein Federico Moccia seinen Lesern ein verlässliches Gedächtnis zuzutrauen, denn bereits die ersten zehn Seiten tauchen diese Namen zusammen mit den Charakteren als Namensträger in großer Anzahl auf, sodass ich anfangs tatsächlich ab und an gezwungen war, mein Gedächtnis angestrengt auszuwringen, um mir

in Erinnerung zurückzurufen, welche Person mit welcher Geschichte sich doch gleich hinter diesem Namen verbirgt. Dieses Problem war jedoch ebenso schnell wie es aufgetaucht war, wieder verschwunden und schon bald fand ich meine absoluten Lieblinge unter dieser Vielzahl an vielfältigen Charakteren. Neben den Hauptprotagonisten gönnt Federico Moccia beinahe jedem einzelnen auftretenden Charakter seine ganz eigene Geschichte und interne, wichtige Rolle im gesamten Geschehen, was vor allem durch die geschickt gelösten Perspektivwechsel erreicht wird. Dadurch werden auch die kleinsten Nebencharaktere sehr greifbar und glaubwürdig, sodass selbst zunächst durch die Augen der Protagonisten betrachtete scheinbar unsympathische Nebencharaktere bei einem späteren Perspektivwechsel in ein ganz anderes Licht gerückt und ihre Beweggründe für den Leser zunehmend nachvollziehbar werden.

Aus diesem Grund war es mir kinderleicht möglich, ebenso unwichtige Personen lieb zu gewinnen, vor allem Pallina oder Dani, die sich mit ihren ganz einzigartigen und charakteristischen Macken in mein Sympathiespektrum einschlichen. Aber allen voran stehen natürlich Babi und Step, aus deren Augen der Leser die meiste Zeit das Geschehen miterlebt. Zusammen mit ihnen verfolgt man unter abwechselnden Perspektiven einen Teil ihrer Lebensgeschichte, beobachtet spannend ihr erstes Aufeinandertreffen und fiebert spätestens von diesem Zeitpunkt an unaufhörlich einem gemeinsamen Happy-End für die beiden entgegen. Beide, sowohl Babi als auch Step, zeichnen sich durch ihre wundersame Einzigartigkeit und Grundverschiedenheit auf, die nicht zu überspitzt sondern natürlich und glaubhaft wirkt. Mitgerissen erlebt man als Leser ihre Annäherungen, Meinungsverschiedenheiten und Gespräche, die oft nur so vor Wortwitz und Humor strotzen, jedoch an anderen Stellen von Szenen voller reiner Ernsthaftigkeit und Tiefgründigkeit abgelöst werden, die einem das Herz erwärmen und es schließlich schmelzen lassen. Spätestens nach der Hälfte dieser Geschichte und dutzenden Vespafahrten durch die Nacht Roms, Verfolgungsjagden und Strandspaziergängen war es um mich geschehen - Sowohl Babi, die mir mit ihrer treuen Trotzigkeit unheimlich sympathisch wurde, als auch (natürlich) Step, den ich zugegebenermaßen zusammen mit Babi aufgrund seiner Handlungen so manches Mal verfluchen hätte können, dafür aber nicht nur Babis, sondern auch mein Herz ebenso in Sturmeseile wiedergewann.
Ein authentisches, gelungenes Ende lässt einen immer noch mit den Gedanken irgendwo in Rom bei Step und Babi verbleibend zurück und weckt den dringenden Wunsch, den zweiten Band schnellstmöglich in die Finger zu bekommen.
*****
"Dann macht sie die Augen auf. Tränen schimmern darin, Tränen der Liebe, wunderschön. Er schaut sie an.
'Was hast du?'
'Ich habe Angst.'
'Wovor?'
'Dass ich nie mehr so glücklich sein werde wie gerade eben.' "
("Drei Meter über dem Himmel", Seite 361)

*
FAZIT

Zusammen mit Babi und Step begibt man sich an die unterschiedlichsten Schauplätze Italiens und Roms, fährt auf Vespas und Motorrädern durch nächtliche Gassen, durchlebt die nervenaufreibendsten Verfolgungsjagden, spaziert an mondbeschienen Stränden entlang und lauscht ihren wortwitzigen und dennoch ab und an tiefsinnigen Gesprächen.
Trotz eines ungewöhnlichen Erzählstils hat Federico Moccia eine zutiefst romantische und gefühlvolle Geschichte geschaffen, die einen als Leser mit klopfendem Herzen zurücklässt.

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