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66 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 40 Rezensionen

mata hari, 1. weltkrieg, hinrichtung, biografie, roman

Die Spionin

Paulo Coelho , Maralde Meyer-Minnemann
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 23.11.2016
ISBN 9783257069778
Genre: Romane

Rezension:

Mata Hari, welch ein Name, welch eine Geschichte, was heute selbstverständlich ist, die Selbstverwirklichung der Frau war vor dem 1. Weltkrieg nicht einmal ein frommer Wunsch, eher eine Schreckensvorstellung für die Herrschenden. Ein faszinierendes Leben. Ein fürchterliches Lebensende, als vermeintliche Spionin vor dem Erschießungskommando. Paulo Coelho ist das Wagnis eingegangen, die Zeit zurückzudrehen und in die Haut der frivol justierten Mata Hari zu schlüpfen, die mit ihrem wirklichen Namen Margarethe Zelle hieß. Doch diese junge Holländerin entschließt sich nach einem Aufenthalt auf Java sich neu zu erfinden. Dabei pflastern Männer ihren Weg. Sie treten als Förderer, Stolpersteine, Vergewaltiger, Gönner, Besserwisser und Halunken auf den Plan. Der aufziehende 1. Weltkrieg markiert eine tragische Wende in ihrem Leben, das halbseidene Leben hat sie mit Picasso und vielen anderen Berühmtheiten ihrer Zeit zusammengebracht, doch nun sinkt Mata Haris Stern, ein Picasso darf noch in hohem Alter den jungen Frauen hinterhersteigen und mag immer noch begehrt gewesen sein. Für Mata Hari besteht als Frau diese Möglichkeit nicht, die fühlt sich alt und welk, ist aber die begnadete Lügnerin ist immer noch tatendurstig und begeht einen Fehler aus dem es kein Entkommen gibt.

Paulo Coelho beginnt das Buch mit dem tödlichen Ende, ein kluge Entscheidung, nicht der Tod der Mata Hari stellt eine Überraschung für den Leser dar, sondern ihr Werdegang. Vieles in dem Buch ist natürlich Spekulation, aber die Fakten basierten Geschehnisse liefern auch reichlich Information. Paulo Coelho zeigt mit einigem Rechercheaufwand die facettenreiche Mata Hari in ihrer ganzen Tragik und einem unglaublichen Gestaltungswillen. Hier nimmt ein weibliches Nichts sein Leben in die eigenen Hände und wird vielleicht gerade deshalb zum Opfer eitler Herrenmenschen, die sich zwar an Mata Hari ergötzen, aber sie gleichzeitig voller Verachtung in den Tod stürzen. Mir hat das Buch insgesamt gut gefallen. Der Autor versteht einfach auf unnachahmliche Weise zu erzählen und er baut auch immer die eine oder andere Weisheit ein, was ja auch nicht schaden kann. Das Buch hat allerdings auch seine Schwächen, einfach weil der Autor einen Hang zur Oberflächlichkeit hat.

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

rappe, detektiv, morddrohungen, los angeles, musikszen

I.Q.: Thriller (suhrkamp taschenbuch)

Joe Ide
E-Buch Text: 388 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp Verlag, 14.11.2016
ISBN 9783518748442
Genre: Sonstiges

Rezension:

Der hochbegabte Querdenker Isaiah Quintabe hat sich einen Status, als Problemlöser und Detektiv in den Problemvierteln von Los Angeles erarbeitet. Wer zwischen den täglichen Scharmützeln der Drogenbanden überleben will braucht mindestens eine Waffe unter dem Bett und einen Überlebenswillen von Lake Powell Ausmaßen. Isaiah, den alle nur I.Q. nennen, weil das halt so gut auf seinen Denkapparat passt, hat neben seiner exorbitanten Intelligenz auch noch das nötige Durchsetzungsvermögen, obwohl es das Schicksal nicht immer gut mit ihm gemeint hat. Manchmal mutiert der Privatermittler gar selbst zum Täter. Eltern hat Isaih keine, nur die Sinnsprüche seines Bruders, sein Leben auf keinen Fall zu vergeuden und dann ist da noch eine offene Wunde. Die Geister der Vergangenheit geben keine Ruhe und diese Tatsache tritt in Form von Dodson zurück in sein Leben. Gangsta Dodson ist Drogenverticker, Dieb und personifiziertes Großmaul in einer Person. Er macht Isaiah mit einem berühmten Rapper bekannt, dessen Leben bedroht ist.

Zu meiner Schande muss ich zugeben noch niemals von Joe Ide gelesen zu haben. Mich hat der Buchumschlagstext neugierig gemacht und ich bin nicht enttäuscht worden. Der Stoff ist gut, der Protagonist ist geradezu einmalig, vielschichtig angelegt, wirklich jemand, den ich sicher lange Zeit nicht vergessen werde. Unter seiner coolen Fassade steckt ein empfindliches Kerlchen. In all der obszönen Gewalt seines Stadtviertels wirkt I.Q. wie ein Fels des Guten gegen den das die Bosheit und Dummheit der Bling Bling Musikwelt anbrandet. Und der prägnante Schreibstil lässt einen Leser in die Materie eintauchen. Ich habe da richtig mit gefiebert und gelernt Kampfhunden auch zukünftig aus dem Wege zu gehen. Sehr interessant finde ich den unkonventionellen Ablauf der Geschichte. Isaiahs Vergangenheit und der Rapper-Fall laufen am Ende zusammen. Für mich einer der besten Thriller des Jahres ! Das wirkt alles so ungemein echt und wahrhaftig, nicht wie eine zusammengebastelte Geschichte von der Stange. Eine echte Entdeckung ! 

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119 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 57 Rezensionen

new york, familie, geschwister, usa, upper class

Das Nest

Cynthia D'Aprix Sweeney , Nicolai Schweder-Schreiner
Fester Einband: 410 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 25.11.2016
ISBN 9783608980004
Genre: Romane

Rezension:

„Das Nest“ von Cynthia D'Aprix Sweeney ist zuallererst einmal ein New York Roman. Hier ist alles eine Nummer größer, die Häuser, der Erfolg, das eigene Ego, ein idealer Hintergrund für die Abgründe der menschlichen Seele und wann entzünden sich innerfamiliäre Konflikte am ehesten? Kaum zu glauben, wenn es eine Erbschaft zu verteilen gibt! Und diese vier Ostküstennarren, in zwei Männer und zwei Frauen aufgeteilt, sind typische Vertreter ihrer Stadt. Alle auf dem Weg nach unten, bemüht den Anschluss an die amerikanische Mittelschicht zu halten, aber finanziell, beruflich und gesundheitstechnisch unter Druck, was sich beim Testosteron geplagten Alphamännchen Leo, darin niederschlägt keiner Droge aus dem Wege fahren zu können, weder dem Kokain noch den zweibeinigen Versuchungen, die völlig talentfrei immer ins Musikbusiness wollen.

Es kommt zu einem schicksalhaften Autounfall, der eine Lawine in Gang setzt, die die ganze Familie mitzureißen scheint. Sein homosexueller Bruder Jack braucht dringend Bares, weil sein Kunsthandel auf der Kippe steht. Für die erfolglose schriftstellernde Schwester Beatrice ist die Erbschaft, die alle nur als Nest bezeichnen, die letzte Ausfahrt vor der totalen Bedeutungslosigkeit. Während bei der vierten im Bunde- Melody eher die Familiengemütlichkeit und der Dazugehörigkeitswahn der amerikanischen Mittelklasse im Vordergrund steht.

Erbschaftsromane sind ein dankbares Genre. Die Konfliktlinien ziehen sich quer durch die Familie und dennoch ringt die Autorin ein paar mal zu früh die Spannung nieder, indem sie die Fallhöhe ihres Quartetts auf ein Minimum reduziert, was ich persönlich schade fand. Dafür bewegt sich das Buch dann in ganz andere Bahnen oder noch unbekannten Pfaden, zumindest für mich, der noch nichts in der Richtung- wie verhalten und verändern sich Menschen, die immer gewusst haben eines Tages zu erben, nach der ersten Enttäuschung alles verloren zu haben?

Und das wiederum fand ich sehr spannend erzählt, von einer Frau, die sich mit zunehmender Romanlänge regelrecht frei schreibt. Hinten raus hat das Ding wahrlich Sogwirkung und manche Überraschung, die in einen Erkenntnisgewinn münden. Keine Frage. Bis dahin sind jedoch einige Längen zu überbrücken. Alles in allem ein empfehlenswerter Roman mit überraschendem Ende. 

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29 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

london, familie, gewalt, religion, zukunft

Zähne zeigen

Zadie Smith , Ulrike Wasel , Klaus Timmermann , Ulrike Wasel Klaus Timmermann
Flexibler Einband: 643 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 23.09.2010
ISBN 9783462042443
Genre: Romane

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173 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 83 Rezensionen

thriller, island, yrsa sigurdardóttir, mord, krimi

DNA

Yrsa Sigurdardóttir , Anika Wolff
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei btb, 26.09.2016
ISBN 9783442756568
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Mörder schlägt in dem isländischen Thriller „DNA“ unbarmherzig und voller Brutalität zu. Eine Frau wird sein erstes Opfer und deren Tochter ist die einzige heiße Spur für Kommissar Huldar, der vorne auf dem Buchumschlag, als Kommissar Haldur angekündigt wird. Das Mädchen hat entsetzlich mit ansehen und hören müssen. Auch ich musste bei den gewählten Todesarten wirklich schlucken. Was mir auch nicht mehr alle Tage passiert. Als dann noch ein weiteres Opfer ins Jenseits befördert wird ist die Verwirrung des Ermittlerteams und der Leser perfekt. Denn die Autorin ist eine Meisterin darin falsche Fährten zu legen und der Mörder hinterlässt kaum Spuren, die verwertbar scheinen. Soweit so gewöhnlich. Das ist es dann aber auch schon an Erwartbarem.

Schon das Ermittlerteam hat es in sich. Kommissar Huldar ist das, was man vor Jahrzehnten einen Schwerenöter nannte, also ein Mann, der den Dreh raus hat beim weiblichen Geschlecht. Wenn er auch manchmal mit unlauteren Waffen kämpft, wie die Polizeipsychologin Freyja meint, die eine ganze Nacht mit dem angeblichen Tischler verbrachte und ihm von nun an mit Rat und Tat und sexuell frustriert zur Seite steht. Großartig ist auch der typische Internet Nerd Karl, der eigentlich lieber als Amateurfunker unterwegs ist, weil dem Gewohnheitsloser da praktisch niemand in die Quere kommt. Als ihn dann sonderbare Botschaften erreichen beginnt die Geschichte zu brennen.

Obwohl die Story im Grunde klassisches Thriller Futter mit einem ebenfalls klassischen Psychopathen ist bin ich sehr angetan von dem Buch. Der Roman wirkt gut durchdacht, ist durchgehend spannend und der Schreibstil ist genau mein Ding. Diese Autorin mit dem unaussprechlichen Namen hat so Art sich in die Psyche eines Menschen einzufühlen, wie man es im Thriller Bereich nur selten zu lesen bekommt. Dafür ein Sonderlob! Die Charaktere kommen ungeheuer lebendig und wahrhaftig rüber, als ginge man selbst mit der Erzählerin die Tatorte ab. Extrem gut gelungen finde ich den Schluss, der mit einer faustdicken Überraschung aufwartet. Ein sehr lesenswerter Roman, voller Spannung und dramatischen Ereignissen. 

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55 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 35 Rezensionen

japan, tod, trauer, geister, nahtoderfahrung

Lebensgeister

Banana Yoshimoto , Thomas Eggenberg
Buch: 160 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 28.09.2016
ISBN 9783257300420
Genre: Romane

Rezension:

Wenn es noch niemals einen Roman der ganz leisen Töne geschrieben worden ist, dann hat ihn Banana Yoshimoto mit « Lebensgeister » geschrieben. Knapp 160 Seiten zählt das neue Werk der weltweit erfolgsverwöhnten Japanerin. Ausgerechnet der Tod steht im Mittelpunkt. Es gibt leichtere Themen.

Doch keine Bange, diesem schmalen Diogenes Band fehlt es gänzlich an deutscher Schwermut, um die Zeit danach zu beweinen. Die Autorin wählt einen anderen Weg, fast devot mit außergewöhnlicher Leichtigkeit nähert sich ihre Protagonistin Sayoko der unabänderlichen Wahrheit an, dass ihr Freund bei einem Autounfall, bei dem sie zugegen war tödliche Verletzungen erlitten hat und ins Reich der Toten übergetreten ist.

Ja, da durchweht durchaus ein Hauch Esoterik die aufgeschlagenen Seiten und dennoch dürfte es selbst geübten Zynikern schwerfallen sich diesem Text zu entziehen. Denn die Zeilen üben ohne Zweifel eine Sogwirkung aus, was nich zuletzt dem formidablen Schreibstil der Autorin geschuldet ist. Banana Yoshimoto hat eine Gabe mit wenig Worten sehr viel auszusagen. Sie ist zweifelsfrei eine Künstlerin der Reduktion.

Schon das Anfangsbild, wie Sayoko selbst von einer Metallstange durchbohrt im Auto verharrt ist so ungeheuer stark dargebracht, dass man den Roman in der Folgezeit praktisch nicht aus der Hand legen kann. Sayoko überlebt, aber sie ist nicht mehr die Alte. Noch ist es ihr unmöglich von ihrem Freund loszulassen und so wählt sie den Weg aller Introvertierten nach innen zu gehen, womit in Japan vielleicht jene von Geistern beseelte Zwischenwelt gemeint ist, die auf dem Buchumschlag angekündigt wird.

Ihr Freund war ein international anerkannter Künstler, den im fernen Osten kaum einer kannte. Sayoko kümmert sich von nun an um den Nachlass und nimmt Verbindung zu den Toten auf. Es entsteht tatsächlich eine geradezu magische Atmosphäre, die mich natürlich manchmal an Murakami erinnerte. Aber Banana Yoshimoto schreibt bei weitem zarter, extrem einfühlsam und voller kleiner und großer Lebensweisheiten, die hängen bleiben.

Überhaupt Japan. Der ganze Roman wird durchweht von diesem Land und atmet Achtsamkeit, Tradition und Hingabe. Danke für dieses wunderschöne Buch !

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(63)

86 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 53 Rezensionen

kochen, rezepte, roman, usa, familie

Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens

J. Ryan Stradal , Anna-Nina Kroll
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 24.08.2016
ISBN 9783257069754
Genre: Romane

Rezension:

Wer zum Teufel ist in diesem Roman eigentlich die Hauptfigur und worum geht es hier eigentlich? Das habe ich mich über weite Strecken der Geschichte gefragt. Gut, irgendwann hatte ich dann begriffen, dass es es Eva Thorwald ist, die im Mittelpunkt der Ereignisse steht. Sie, die ihren Vater früh verloren hat und überhaupt ziemlich alleine dasteht, hat den absoluten Geschmackssinn. Eine Eigenschaft, auf die amerikanische Landeier pfeifen, deren Verpflegungswünsche sich im Verzehr von T-Bone Steaks und Hot Dogs erschöpfen. Eva ist unter diesen Leute eindeutig im falschen Film, ein Schicksal das mich beim Lesen dieses Buches ebenfalls traf.

Denn der Autor vermeidet es aus mir unerfindlichen Gründen Eva eine Erzählperspektive zu zubilligen, in die ansonsten jeder Hinz und Kunz aus ihrer direkten Umgebung schlüpfen darf. So wird die eigentliche Protagonisten lediglich umkreist statt zur Sache zu kommen, was sich phasenweise mühselig liest. Über weite Strecken des Buches hat mich das Geschehen deshalb nicht packen können und die Protagonistin gerät, wie die Essensschiene zu reiner Staffage durch die eigenwillige Vorgehensweise des Autors. Mag sein, dass dieses Buch einen künstlerischen Meistergriff darstellt, den nur Kunstkritiker richtig zu schätzen wissen. Packend sieht jedenfalls anders aus.

Dabei beginnt der Roman ganz formidabel. Keine Frage, J. Ryan Stradal kann sehr gut schreiben und Stimmungen erzeugen. In seinen besten Momenten fühlte ich mich an T.C. Boyle erinnert, der die Amerikaner ebenfalls ungeheuer genau skizzieren kann und einen ähnlichen ironischen Unterton benutzt. In diesen Augenblicken ist das Buch angenehm krude, witzig und weise, vor allem, was Evas Mutter angeht, war ich über den Realitätsgehalt und die moderne Kraft dieser Frauenfigur sehr angetan. Sprachlich ist der Roman wirklich unterhaltsam und überdurchschnittlich gut gelungen, gegen Ende wird er sogar wieder klug, indem er die Geschichte auf die plausibelste und damit überraschendste Weise ausklingen lässt. Doch was bleibt von dem Buch bei mir hängen? Vielleicht der Leser eines experimentellen Textes gewesen zu sein, der sicherlich durchaus Freunde finden wird. Einfach weil das Teil definitiv gehaltvoll ist. Insgesamt bleibe ich allerdings besagten Gründen etwas enttäuscht zurück.

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299 Bibliotheken, 8 Leser, 1 Gruppe, 154 Rezensionen

thriller, psychothriller, hamburg, melanie raabe, entführung

Die Wahrheit

Melanie Raabe
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei btb, 29.08.2016
ISBN 9783442754922
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Melanie Rabe erzählt eine ungewöhnliche Geschichte. Es ist sieben Jahre her, dass Sarah ihren Mann das letzte Mal gesehen hat. Philipp ist auf einer Reise nach Kolumbien spurlos verschwunden und taucht nun plötzlich wieder in ihrem Leben auf, doch Sarah steht vor einem Fremden. Wer ist dieser Mann, der behauptet mit ihr verheiratet zu sein? Erzählt wird der Roman fast ausschließlich aus Sarahs Perspektive.

Der einfühlsam geschriebene Thriller schlägt Haken, wie ein davon laufender Hase. Er liest sich auch Sau- schnell und ist sehr einfühlsam geschrieben, was vor allem für die Anfangsphase gilt, welche eine ganz schöne Sogwirkung ausübt. Gerade das Innenleben Sarahs wird anschaulich erkundet und natürlich kommen da aus der Vergangenheit Dinge nach oben, die so nicht einmal annähernd zu erahnen sind. Dubios der angebliche Ehemann. Wenig hilfreich das persönliche Umfeld der verwunderten Sarah, die sich schon bald bedroht fühlt. Selbst ihre demente Schwiegermutter fällt ihr verbal in den Rücken, was durchaus eine gewisse Komik hat. Vor allem ein Umstand macht Sarah misstrauisch. Denn der Gemahl hat ihr eine Stange Geld hinterlassen, auf das es viele Leute abgesehen zu scheinen haben.

Nun, wie finde ich das Buch? Über weite Strecken des Romans habe ich das Buch als spannend empfunden, wenn es auch letztlich nur zwei Möglichkeiten gibt, auf die das Ganze hinausläuft. Ist das ihr Ehemann oder nicht? Schwächen sehe ich vor allem in der Logik, die manchmal arg zurechtgebogen wird. Und dennoch hat mir das Buch durchaus gefallen. Melanie Raabe hat einfach ein Händchen für vielschichtige Charaktere und unterhaltsame Geschichten, keine Frage. Vor allem ihr Schreibstil ist unschlagbar gut. Was allerdings die Schwächen nicht gänzlich auffangen kann. Alles in allem ein interessanter Roman mit einigen Mängeln. Aber durchaus zu empfehlen.

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(107)

223 Bibliotheken, 16 Leser, 1 Gruppe, 75 Rezensionen

neapel, freundschaft, italien, armut, bildung

Meine geniale Freundin

Elena Ferrante , Karin Krieger
Fester Einband: 422 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 29.08.2016
ISBN 9783518425534
Genre: Romane

Rezension:

Das Buch „Meine geniale Freundin“ beginnt mit dem Verschwinden einer alten Dame. Der Sohn sucht seine Mutter und bittet deren liebste Freundin seit Kindheitstagen, um Hilfe. Elena glaubt, dass Lila ein altes Versprechen wahr gemacht hat und erinnert sich an ihre gemeinsame Vergangenheit in Neapel. Und schon steht man mitten in einem fulminant erzählten Roman, der sich liest, als wäre er direkt im Vesuv entsprungen, um sich in das Herz des Lesers zu fressen. Denn zweifellos hat der Erzählstrom etwas von glühend heißer Lava, die sich in Richtung Meer bewegt. Raffaella Cerullo, genannt Lila ist ein äußerst begabtes Mädchen, dem Wissen nur so zuzufliegen scheint, während sich ihre Freundin Elena alles hart in der Schule erarbeiten muss. Was jedoch keineswegs zur Verstimmung zwischen den Beiden untereinander führt. Im Gegenteil! Hier haben sich zwei junge Mädchen gesucht und gefunden.

Die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg ist eine Zeit des Aufbruchs, der großen Maulhelden und Messerstechern, aus einem kleinbürgerlichen Milieu entsprungen. Ein Ort der Spieler, Engherzigen, Verlierer, Schläger und Fantasten, deren natürliche Grenze das Meer und windschiefe Klassenlehrerin ist, jedenfalls solange man noch zur Schule geht. Lila ist anders. Sie geht wie so viele überdurchschnittlich Begabte einen sehr eigenen Weg. Sie wirft die Möglichkeiten ihrer Intelligenz und Lernfähigkeit fort, weil sie kein blinder Denkapparat werden will, um es gegen Glück einzutauschen, was zu dieser Zeit dummerweise immer irgendwie mit Männern zu tun haben muss. Als könnten Frauen Glücklich sein nicht alleine! Aber das ist ein anderes Thema. Elena bleibt zunächst einmal auf der Einbahnstraße Schule, Hochzeit, Kinder. Sie übertrifft mit ihren schulischen Leistungen sogar ihre Freundin, einfach weil sie hart an sich arbeiten muss, um andere und sich selbst nicht zu enttäuschen.

Und die Überraschung passiert. Dieses im Grunde ja relativ simple Romankonstrukt wird zu Glühen gebracht. Allein dafür gehört der Autorin schon meine Bewunderung. Das ist alles so Lebensprall erzählt, dass ich nur ins Schwärmen geraten kann. Das Italien der damaligen Zeit erscheint dem Leser vor Augen, die Menschen bekommen ein Gesicht und das Geschehen berührt den Leser. Einziges Manko: ich hätte gerne ein bisschen mehr Drama gehabt. Womit wir wieder beim Vesuv wären! Man kann nur hoffen, das der zweite Teil ähnlich gut abgeht. Auf ein neues! 

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90 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 48 Rezensionen

leipzig, hotel, schatten, münchen, familiengeschichte

Die unsterbliche Familie Salz

Christopher Kloeble
Fester Einband: 440 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 26.08.2016
ISBN 9783423280921
Genre: Romane

Rezension:

Christopher Kloeble ist für mich ein neuer Name im Literaturkosmos. Ich war schon sehr gespannt auf seinen Roman „Die unsterbliche Familie Salz“ einfach weil ich generationsübergreifende Geschichten mag, die in einen geschichtlich interessanten Hintergrund eingebettet sind und es ordentlich im Getriebe des zwischenmenschlichen Miteinanders krachen lassen. Dreh und Angelpunkt ist das Hotel Fürstenhof in Leipzig, der Stadt der Bücher, in die die Familie Salz aus der Stadt des Bieres zieht, also München. Das Buch wird aus der Perspektive verschiedener Familienmitglieder erzählt.

Eine herausragende Rolle nimmt die fesche Lola ein, die einen gewissen Hang zur Tragik, Schauspielerei, Schattenlosen Männern und alkoholreichen Likörchen hat. Sie ist nach Weltkrieg 2 in München gestrandet und pendelt zwischen einer ungemein starken Frauenfigur und tiefer Verletzung, ja heute würde man sagen Trauma, hin und her, was dem Roman eine große Würde und Figurentiefe verleiht, die einen Leser süchtig werden lassen. Sie ist ein Jahrhundert Weib, die sich nichts sehnlicher wünscht, als zur Nachwendezeit den Fürstenhof zurück zu erlangen. Denn hier hat das Schicksal eine grausame Wendung genommen, hier soll alles ins Lot kommen und so macht sie sich auf den Weg, von der versammelten Familienmischpoke begleitet.

Chistopher Kloeble hat mit seiner Familie Salz mit einer Ausnahme alles richtig gemacht. Er baut gescheit Spannung auf, fängt geschickt Atmosphärisches ein, zeigt die Menschen wie sie sind und hält sein Erzähltempo bis zum Schluss, dass einem beim Lesen manchmal ganz schwindlig wird. Dazu serviert er gekonnt Lebensweisheiten wie auf Seite 197 „Die Stille ist so laut, dass du nicht schlafen kannst“ Das alles in einer eindringlichen Sprache, die den Leser durch eine kunstvolle Ausgestaltung gefangen nimmt. Kloeble schafft den Spagat zwischen Unterhaltung und hoher Literatur, indem er fortdauernd tief bohrt und die dramatischen Ereignisse, wie mit einem Sturmgewehr auf den Leser abfeuert.

Insgesamt ein sehr rundes Lesevergnügen mit einem kleinen Manko, denn für meinen Geschmack fällt der Schluss des Buches leicht ab. Sonst wären bei mit tatsächlich fünf Punkte möglich gewesen. Dehli fand ich einfach zu viel und die Emotionen im Finale ein bisschen zu wenig, was Geschmackssache sein mag. Trotzdem ein richtig guter Roman! 

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(88)

130 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 81 Rezensionen

adenauer, schwarzwald, israel, bühlerhöhe, nachkriegszeit

Bühlerhöhe

Brigitte Glaser
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 12.08.2016
ISBN 9783471351260
Genre: Romane

Rezension:

In „Bühlerhöhe“ von Brigitte Glaser entführt uns die Autorin in die Zeit des Nachkriegsdeutschlands. Es ist 1952. Rosa Silbermann reist im Auftrag des israelischen Geheimdienstes in das Nobelhotel Bühlerhöhe. Ein Ort, den Rosa mit ihrer Vergangenheit verbindet. Das geteilte Adenauer Deutschland ist noch zerfressen von alten Nazi-Seilschaften. Sie traut dort niemandem und niemand traut Rosa. Schon gar nicht die Hausdame Reisacher, eine Elsässerin, die ein ganz eigenes Spiel spielt. Der Kanzler des bundesrepublikanischen Deutschlands reist an und nicht alle sind ihm wohlgesonnen. Doch wo bleibt Ari? Rosa sollte mit mit diesem menschlichem Windhund, als Ehepartner anreisen, aber es gibt keine Spur von dem umtriebigen Mossad Agenten.

Es ist keine geringe Leistung, wie Brigitte Glaser die Menschen in ihrem Roman einführt und sie detailreich zeichnet. So kommt das Hotelleben sehr glaubhaft rüber und die sich entwickelnde Geschichte von unterschiedlichen Interessen im jungen Nachkriegsdeutschland schlägt Funken in höchste Kreise. Da begegnet man Geschäftsmännern, die eigentlich im Gefängnis hausen müssten und jungen weiblichen Angestellten, die gegen Ende des Krieges mehr durchgemacht haben, als es eine menschliche Seele verträgt. Überhaupt, die Frauen. Brigitte Glaser gibt ihnen Stimmen. Es ist ihr Erleben, dass diesen Roman prägt. Hausdame Reisacher wird mit großem Facettenreichtum, wie ein Gegenpol zur Fast-Idealistin Rosa, deren Familien- und Gefühlsleben außer Kontrolle geraten ist, seit sich die Deutschen über die Juden hermachten. Sprachlich bleibt die Autorin locker über bundesdeutschem Durchschnitt.

Manchmal habe ich etwas den Faden verloren einfach weil mir manche Vorgänge zu ausführlich beschrieben wurden. Aber auf die gesamte Länge gesehen ist das einfach ein sehr lesenswertes Buch. Das dunkle des Schwarzwaldes passt so schön zu den verlorenen Seelen, der biederen Dunkel-deutschen, die das letzte Jahrhundert be- und entvölkert haben. Die geschichtlichen Ereignisse werden stimmig eingeflochten. Man hat fast Lust einmal den Ort des Geschehens aufzusuchen, nur nicht die Zeit. Bloß nicht! Von meiner Seite gibt es eine klare Empfehlung für den Roman. Beste Unterhaltung, keine Frage!

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(146)

261 Bibliotheken, 7 Leser, 1 Gruppe, 108 Rezensionen

sekte, 1969, mord, kalifornien, roman

The Girls

Emma Cline , Nikolaus Stingl
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 25.07.2016
ISBN 9783446252684
Genre: Romane

Rezension:

„The Girls“ von Emma Cline spielt auf ein geschichtliches Ereignis an, dass Charles Manson bekannt machte und Sharon Tate das Leben kostete. Die Autorin führt uns zurück in die Vergangenheit und entwirft ein eigenes Szenario. 1969 ist Evie Boyd vierzehn Jahre alt und lebt in Kalifornien, der kältesten Gegend des Planeten seit sich ihre Eltern voneinander getrennt haben. Hier trägt die Spießer-verteufelnde „Alles ist möglich-Generation“ die Haare so lang, dass die Sicht auf die Realität etwas getrübt ist. Was auch der pausenlosen Zufuhr etlicher Drogen geschuldet sein kann. Evie lebt das typisch dazwischen Leben einer pubertierenden Heranwachsenden. Rein körperlich eine Frau, im Innern ein verunsichertes Kind, dass sich selbst kaum aushalten kann. In ihr sitzt die kindliche Wut einer Zu kurz gekommenen, einer nicht wahrgenommenen, im Tal der Puppen, zu der auch ihre schauspielernde Großmutter gehörte, der Wunsch dazuzugehören ist ungefähr so stark, wie der Wille sich von allen anderen abzusetzen, besonders zu sein. Und dieses Jahr scheint wie gemacht zum Aufbruch. Wenn nicht jetzt, wann dann? Der Sommer ist heiß, die Eltern sind blöd und leben getrennt voneinander. Ihre Mutter, eine langweilige Esoterikerin, deren stärkster Drang es es ist das Vermögen ihrer Mutter mit männlichen Dünnbrettbohrern zu verjubeln, ist ein Totalausfall an der Erziehungsfront. Der Vater gleicht einem Jackett, dass die Frauen im Hause irgendwann einmal in den Schrank gehängt haben, um es zu vergessen.

Als Evie von der Siff- und Sonderbarsekte in den Bergen hört zieht es die aufblühende Schönheit an diesen Rand der Zivilisation. Menschen, die anders sind. Genau ihr Ding. Vor allem, weil sie Suzanne begegnet, einer faszinierenden Frau, die dem herausragenden Führer Russell bedingungslos folgt. Für Guru-Russell sind die Menschen Knetmasse. Er drückt sie sich irgendwie passend, die Schönen kommen auf die Liege, die Hässlichen dürfen für ihn kochen und die Wäsche machen. Die Wohlhabenden sichern im Einkommen und mehren seinen Ruhm. Nur seiner Eitelkeit und dem ihm eigenen Größenwahn darf niemand in den Weg kommen. Niemand. Evie rutscht da in eine Geschichte, deren Folgen ihr Leben fortan bestimmen werden.

Die ersten fünfzig Seiten hatte ich etwas Mühe in die Geschichte zu kommen, was an der Detailverliebtheit der Autorin liegt, die alles richtig machen will und zu Beginn sprachlich leicht über die Stränge schlägt. Danach aber empfinde ich den Roman als absolutes Lesevergnügen. Der Schreibstil ist außergewöhnlich. Das Thema eine Wucht und Emma Cline fördert immer wieder verblüffend tiefschürfendes zutage. Die Menschen finde ungeheuer authentisch und nicht nur in ihrer menschlichen Grausamkeit interessant. Evie Boyd hat so etwas erfrischend normales, etwas bahnbrechend unspektakuläres. Sie hat das Identifikationspotential einer Kindfrau und wird wie viele ihrer Zeitgenossinnen niemals erwachsen. Das Buch bleibt auch in dieser Hinsicht immer hart an der Realität und geht auch mit Aussteigerträumen wenig zärtlich um. Helden gibt es keine. Dieses Buch atmet Amerika. Dieses Buch ist Amerika. Ein großes Versprechen, dass nur im Himmel oder in der Hölle enden kann.

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(109)

148 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 101 Rezensionen

schweiz, freundschaft, homosexualität, liebe, juden

Und damit fing es an

Rose Tremain , Christel Dormagen
Fester Einband: 333 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 08.08.2016
ISBN 9783458176848
Genre: Romane

Rezension:

In „Und damit fing es an“ von Rose Tremain entführt uns die Autorin in die Schweiz, nach Matzlingen, in die tiefste eidgenössische Provinz, wo sich, wie Gustav Perle von klein auf lernt, die Menschen zu beherrschen wissen. Der Junge wächst in der Nachkriegszeit auf. Seine Mutter Emelie arbeitet in der Käserei, seit ihr Ehemann verstorben ist. Es ist ärmliches Leben an ihrer Seite, dass erst durch das Auftauchen eines sonderbaren Jungen einen Sinn bekommt. Anton ist das Kind jüdischer Eltern, ein Wunderkind am Klavier, ein Sonnenschein in Gustavs Normalsterblichen-Leben, dessen Mutter den Juden an allem Schuld gibt, was ihr im Leben Schlimmes widerfahren ist. Aber Gustav lässt sich weder von seiner Freundschaft zu Anton, noch dem Aufbau eines eigenen Hotels abhalten, als er das Erwachsenenalter erreicht.

In dem Buch beleuchtet Rose Tremain die verschiedenen Lebensphasen von Anton, dem Prüfungsverängstigten Musiker und dem Familien intern stets ungeliebtem Gustav mit Hang zur Beherrschtheit, Fleiß und Ordnung. Die Geheimnisse der Vergangenheit werden gelüftet, großartige Charaktere, die extrem lebensnah rüber kommen werden entworfen. In letzter Zeit habe ich selten ein so emotional aufgeladenes Buch gelesen. Das was da mit den Menschen in der Geschichte passiert hat mich wirklich gepackt, was zweifellos auch an dem sehr amerikanischen Schreibstil liegt, der fast spielend den Leser einfängt und sich nicht in langweiligen Beschreibungen verliert. Erstaunlich mit welcher Leichtigkeit Rose Tremain Tiefgang erzeugt. Faszinierend, wie die Autorin eine relativ schlichte Geschichte derart stark aufladen kann, ohne in Kitsch oder Pathos zu verfallen. Dabei startet der Roman fast noch auf eine Huckleberry Finn Weise gemütlich, um dann einen satten Lesesog zu erzeugen, der bis zum ziemlich weisen Schluss anhält. Es ist Buch der leisen Töne, dass bisweilen etwas mehr Konflikt vertragen hätte. So bewerte ich das Buch mit fast fünf Sternen. Insgesamt ein vorzüglicher Lesespaß mit Nachhall. 

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(89)

140 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 78 Rezensionen

eis, dolomiten, italien, familie, familientradition

Die Eismacher

Ernest van der Kwast , Andreas Ecke
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei btb, 09.05.2016
ISBN 9783442756803
Genre: Romane

Rezension:

Der Sommer ist da und Ernest van der Kwast hat mit „Die Eismacher“ den passenden Roman für die wärmste Jahreszeit geschrieben. Mir lief jedenfalls schon beim Betrachten des Buchcovers das Wasser im Munde zusammen. Überhaupt brennt der Autor ein sinnenfrohes und emotional aufgeladenes Feuerwerk ab, dass bisweilen sehr witzig und im Abgang weise rüberkommt. Wie sich im ersten Abschnitt der Vater des „Ich“-Erzählers vor dem Fernseher in eine deutsche Hammerwerferin verliebt, die gerade an den Olympischen Spielen teilnimmt, das hat etwas von großer Komik. Und das alte Lied vom verlorenen Sohn und dem Daheimgebliebenen bringt bei mir was zum klingen.

Giovanni, der „Ich“Erzähler, bricht mit der Familientradition. Er ist das schwarze Schaf, der unverstandene Sohn, der sich statt etwas anständiges zu lernen, wie dem Eismachen, sonderbaren Lyrikern und der Literatur an sich widmet. Im Gegensatz dazu pendelt sein Bruder zwischen Rotterdam und Südtirol hin und her, um die Eisdielen zu betreiben. Luca ist kleinbürgerlich spießig auf der einen Seite, auf der anderen Seite kreativ und innovativ, was seine Eiskreationen angeht. Es ist schon bald klar, dass die Sprachlosigkeit zwischen den Brüdern einen Grund haben muss, der ausnahmsweise nichts mit der Eisdiele zu tun hat, die das eigentliche Familienzentrum ist. Es fällt nicht schwer zu erraten, woher die dezente Abneigung rührt. Natürlich ist eine Frau Schuld.

Ernest van der Kwast kennt ohne Frage die Rezeptur zum Bestseller schreiben. Er beherrscht sein Handwerk, erweckt Weltbürger und Menschen vom Lande glaubhaft zum Leben und breitet eine interessante Geschichte vor dem Leser aus. Schwierig fand ich allenfalls die nicht lineare Erzählweise. Der Autor springt gelegentlich quer durch die Familien-und Zeitgeschichte und seine Lyrikfixierung teilen sicherlich auch nicht alle Leser. Ich habe hier manches Gedicht einfach übersprungen, weil es mir schlicht zu viel wurde. Aber das sind Kleinigkeiten, die dem Lesevergnügen keinen Abbruch tun. Zu gut ist die erzählte Geschichte. Zu gut der sehr erwachsene Schreibstil, da ist so eine gesunde Distanz, eine moderne Sprödigkeit, des Weitgereisten, die den Leser in seinen Bann zieht. Insgesamt ein absolut lesenswerter Roman. Außerdem konnte ich noch keinem guten Eis widerstehen.

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251 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 61 Rezensionen

thriller, melanie raabe, mord, die falle, falle

Die Falle

Melanie Raabe
Flexibler Einband: 350 Seiten
Erschienen bei btb, 11.04.2016
ISBN 9783442714179
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:  
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(6)

12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

lebensträume, demenz, abschied, reise, freundschaft

Etta und Otto und Russell und James

Emma Hooper , Michaela Grabinger
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Droemer Taschenbuch, 02.11.2016
ISBN 9783426305461
Genre: Romane

Rezension:


Dreiundachtzig Jahre alt ist Etta, als sie mit etwas Schokolade, einem Gewehr und ihren Wanderschuhen in Richtung Meer wandert. Wenn nicht jetzt, wann sollte Ella jemals einen in der Sonne funkelnden Ozean sehen? Das ganze Leben hat sie auf einer kanadischen Farm zusammen mit ihrem Mann verbracht. Otto lässt sie zu ihrem Sehnsuchtsort ziehen. Widerstand zwecklos, dass weiß der ehemalige Frontsoldat des zweiten Weltkriegs. Der gemeinsame Freund Russel jedoch entschließt sich Etta zu folgen, um sie heimzuholen. Auf der gefährlichen Wanderung trifft Etta den Kojoten James, der bald ihr engster Vertrauter wird und alte Erinnerungen werden wach. An die Jugend und Arbeit. Aber auch an die Kriegszeiten und Entbehrungen, die damit verbunden waren. In Rückblenden und Briefen wird über die alten Zeiten berichtet und bald interessieren sich die Zeitungen für die wandernde sonderbare Frau.

Wie Otto mit den deutschen Soldaten habe ich etwas kämpfen müssen mit dem Buch. Auf den ersten hundert Seiten hat mich die Vielzahl von Namen und Begebenheiten ziemlich erschlagen. Emma Hooper will auf Teufel komm raus unterhalten, emotionale Bindung schaffen und eine Spur philosophischer Tiefe einfließen lassen. Letzteres gelingt nur in Ansätzen. Wofür vor allem der springlebendige Schreibstil verantwortlich ist, der inne Halten oder Nachdenkens wertes zeigen von vornherein ausschließt. Emma Hopper drückt auf jeder Seite auf das Gaspedal, was für ein gewisses Ungleichgewicht innerhalb des Romans verantwortlich ist. Auf der einen Seite finde ich die wunderliche Beziehung zwischen dem Kojoten James uns Etta sehr witzig und als Idee einfach Klasse. Auch diese Dreiecksbeziehung Beziehung zwischen dem verschrobenen Russell, Etta und dem zupackenden sowie bodenständigen Otto ist absolut lesenswert. Auf der anderen Seite werden viele gute Motive verschenkt. So bietet Ottos Leben im zweiten Weltkrieg eigentlich reichlich Potenzial, um den Leser emotional einzubinden. Bei mir zumindest hat das nicht besonders gut hingehauen. Auch Ettas großartige Wanderschaft fehlt es nicht nur an Glaubwürdigkeit, was mir persönlich bei diesem Genre nicht besonders wichtig ist, sondern auch an dramatischer Zuspitzung oder erzählerischer Durchschlagskraft. Das Ganze ist mir zu stark auf Unterhaltung gebürstet. Darin liegt natürlich auch eine große Stärke. Sicher wird es viele Leser finden. 

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Der Herr des Turmes

Anthony Ryan , Hannes Riffel , Birgit Maria Pfaffinger , Detlef Bierstedt
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei Random House Audio, 28.09.2015
ISBN 9783837132335
Genre: Fantasy

Rezension:

In „Der Herr des Turmes“ kehrt Vaelin Al Sourna aus dem Krieg zurück, um Frieden und Ruhe in heimatlichen Gefilden zu finden. Doch schon bald überschlagen sich die Ereignisse. Eine unbekannte Frau vrsucht ihn zu töten. Der charakterlich ziemlich schwache König schickt ihn in die Nordlande, wo Vaelin Al Sourna, der Herr des Turmes, einer gigantischen Streitmacht ins Auge blickt. Zum Glück ist unser Held kein sonderlich furchtsamer Mann, eher ein tapferer Recke, von ritterlicher Gestalt. Eine Kampfmaschine mit Herz und Verstand, was in der Zusammensetzung ja relativ selten vorkommen soll. Der Autor geizt nicht mit sonderbaren Begabungen und starken Helden. Neben Vaelin treten mehrere Frauenfiguren auf den Plan, die vor allem mutig und intelligent sind. Ich habe schon zweihundert Seiten Anlauf gebraucht, um mich mit dem Buch anfreunden zu können. Richtig Bindung habe ich erstaunlicherweise ausgerechnet in den Frentis Kapiteln erlebt. Dieser versklavte Einzelkämpfer, dem immer nur das Morden bleibt, weilhinter jeder Ecke der Wahnsinn lauert ist in seiner Brandgefährlichkeit und Vielschichtigkeit sehr interessant. Dagegen fand ich die Frauenkapitel zu Beginn etwas pomadig erzählt. Mag sein, dass ich als Mann da gewisse lesetechnische Defizite habe. Mag sein. Aber bisweilen hängt die Geschichte da für mich leicht durch. Mit zunehmender Dauer läuft das Buch aber immer hochtouriger, bis die Erzählfäden zusammenfinden. Auffallend sind auch die vielen kraftvoll gezeichneten Nebenfiguren, die Fiesen und Drangsalierten in ihrer Qual. Das Kampfgeschehen, die Schlachten, hier wird verraten und verkauft, geliebt und gemordet. Herz was Willst du mehr? Naja, die Liebe natürlich. Kommt auch vor. Über den Schreibstil muss man nicht lange diskutieren, der ist einfach grandios und die Fähigkeit des Autors eine solche komplexe Geschichte mit derart ausgefeilten Charakteren zu erfinden verdient ein Sonderlob. Das Ding ist spannend, formidabel ausgearbeitet und mitreißend geschrieben. Ein tolles Buch!

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79 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 56 Rezensionen

affäre, liebe, kreuzfahrt, ligurien, untreue

Kreuzfahrt

Mireille Zindel
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 30.03.2016
ISBN 9783036957371
Genre: Romane

Rezension:

Mireille Zindels Roman „Kreuzfahrt“ beginnt am Meer, wo alle guten Geschichten anfangen. Die vier menschlichen Inseln Meret, Dres, Jan und Romy treffen an der italienischen Küste aufeinander. Die „Ich“ Erzählerin Meret ist verheiratet mit dem schönen, aber etwas mundfaulen Dres. Die Esoterikerin Romy ist per Trauring mit Jan verbandelt. Es ist klar, was in diesem Buch einfach passieren muss. Meret nähert sich, dem beruflich erfolgreichen Jan an. Das Buch richtet sich an Jan, was das Buch manchmal etwas „Du“ lastig macht. Aber das macht Mireille Zindel locker durch ihren Schreibstil und eine interessante Frauenfigur wett, nämlich Meret.

Die Mutter zweier Kinder ist etwas spröde gezeichnet, fast glaubt man, sie nähme mein Erzählen eine gewisse Distanz zu sich selbst ein. Emotionen, gar echte Leidenschaft sind ihr prinzipiell fremd, die Pragmatikerin schätzt die Zuverlässigkeit ihres Gatten, die vielen zusammen verbrachten Jahre schweißen sie aneinander. Das andere Pärchen zieht bald zu ihnen ins Haus. Romy, von Beruf Alles-abrecherin und von Berufung „Medium“ treibt Marathonläufer Jan mit der ihr eigenen trantütigen Unabsichtlichkeit in Merets Arme. Oder ist das gar Absicht? Romy setzt Maßstäbe in ihrer Unberechenbarkeit und Schwäche. Und was geschieht zwischen Jan und Romy? Das Unvermeidliche, das von einem Unglück abgelöst wird. Das Besondere an „Kreuzfahrt“ ist die unspektakuläre, fast leichtfüßige Erzählweise und das üppige Ausloten ehelicher Untiefen. Das moderne Sittengemälde gelangweilter Großstadtbürger kommt dabei ungeheuer authentisch rüber. Bisweilen liest sich der Roman allerdings auch einfach nur nett und gefällig, zu harmlos im Aufbau und zu Nichtssagend im Abgang. Aber immer hart an der Realität von Wohlstandsbürgern, die zum Fremdgehen noch nach Paris fahren müssen. Im Großen und Ganzen hat mir „Kreuzfahrt“ gut gefallen. Sicher ist das Buch eher auf Frauen zugeschnitten. Es wird sicherlich viele Leserinnen finden.

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75 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 39 Rezensionen

gesellschaftskritik, realtiyshwos, debüt, mitbewohner, glück

A wie B und C

Alexandra Kleeman , Guntrud Argo , Michael Kellner
Fester Einband: 348 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 30.03.2016
ISBN 9783036957340
Genre: Romane

Rezension:


Literarische Überraschungen haben Seltenheitswert in einer Gewinnorientierten und normierten Verlagslandschaft und die amerikanische Literatur ist nicht gerade reich an innovativen Büchern, die jedes Genredenken sprengen.

„A wie B und C“ ist so eine rare Perle. Nein, der Roman ist nicht immer leicht zu lesen. Nein, ich habe bestimmt nicht immer alles verstanden. Vermutlich sogar viel weniger kapiert als ich glaube. Aber ich fand das Buch allemal unterhaltsam und ein Kunstwerk ist dieser Roman sowieso. Denn das Ding hier zeigt eine wahre menschliche Seele, blickt direkt in die Eingeweide eines Menschen und das wird rübergebracht in einer einzigartigen Sprache.

Obwohl im Grunde schon im Titel mit drei Personen jongliert wird, geht es letztlich nur um eine Frau. A, B und C sind eine Person. A braucht B und C, wie die Luft zum Atmen. Warum das müssen wir einen Psychiater fragen. Sie erfüllen vielleicht eine gewisse Ventilfunktion, für das was der heimische Fernseher und die Werbemaschinerie mit ihrer Gedankenwelt anstellt.

Die gesamte abstruse Handlung des Buches findet letztendlich unter "A"‘s Gehirnschale statt. Eine bizarre Welt, in die der Leser da eintaucht. Normalsein geht anders. Es ist eine unheimliche Reise auf die A geht. Eine Odyssee des Geistes, in der eine ganze Reihe von Neurosen moderner Menschen abgearbeitet werden. Selbst während „A“ Sex mit „C“ hat muss dieser noch zusätzlich einen Porno gucken, nicht um sich anzutörnen, sondern weil er in dem ständige Überangebot aller Möglichkeiten unmöglich auf das Wesentliche konzentrieren kann.

Vor allem zu Beginn des Textes fühlte ich mich als Leser ziemlich allein gelassen, in einem Irrgarten der Möglichkeiten. Was verdammt noch mal will die Autorin erzählen? Neben dem starken Medienkonsum und dem steten Bemühen schön auszusehen hat "A" ein drittes, nicht minder gesellschaftsfähiges Hobby. Ihr neurotisches Verhältnis zur Nahrungsaufnahme. Sie isst fortlaufend Kandy Kates und beginnt sich für die Kirche des vereinigten Essers zu interessieren. Sie will auf die helle Seite des Lebens gelangen. Rein werden. Perfekt sein. Eins sein mit sich selbst oder das was sie darunter versteht.

Mit zunehmender Seitenzahl wird der Roman immer verständlicher und gleichzeitig immer abgedrehter. Ja, das geht! Insgesamt ist dieses Literarische Wagnis gelungen. Alexandra Kleeman bringt dem Leser eine erstaunliche Frau nahe, die zwischen Perfektionsdrang, Konsumzwängen und grenzdebiler Werbung feststeckt, wie in einer selbst angezogenen Schraubzwinge und nach dem Ausgang aus diesem Alptraum schreit.

Es ist eigentlich schade, dass die Autorin nicht auch noch das Internet in ihre Geschichte mit eingebaut hat. Das hätte der Geschichte meiner Meinung nach noch mehr Nachhall verleihen können. Aber nichts desto trotz: Das Buch ist ein kleines Meisterwerk. Mein Dank gehört den Verlagen, die solche Bücher noch herausbringen!

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49 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 31 Rezensionen

fußball, schiedsrichter, weltmeisterschaft, europameisterschaft, uefa

Urs Meier

Urs Meier , Jürgen Pander
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Delius Klasing, 11.04.2016
ISBN 9783667104441
Genre: Biografien

Rezension:

Bei Urs Meier ist „Mein Leben auf Ballhöhe“ sicher nicht nur Titel seines neuen Buches. Es ist zweifellos die Quintessenz seines Denkens und Tuns und dieser Macher mit Herz findet sein Betätigungsfeld auf dem grünen Rasen. Er jagt nicht auf dieselbe profane Art dem runden Leder hinterher, wie so viele junge Männer. Nein, er verschreibt sich dem Schiedsrichterleben voll und ganz. Was er darunter versteht, davon handelt dieses sehr unterhaltsame Sachbuch. Es ist kein Wunder, dass der umtriebige Autor für die Einführung von Berufsschiedsrichtern plädiert. Hat er es auf dem Fußballplatz doch mit Ausgebufften Vollprofis zu tun, die in rasanter Schnelligkeit Millionen scheffeln und gelbe Karten einsammeln, die gefälligst ihre Berechtigung brauchen. Urs Meier weiß, dass die Schiedsrichterzunft auf Ball höhe sein muss, wenn sie auf Augenhöhe wahrgenommen werden soll. Die Zeit der Amateure ist vorbei.

Der Autor und Fernsehprominente weiß zahlreiche Anekdoten aus dieser Zeit zu berichten und er lässt eigentlich kein Feld unbeackert. Ob zu niedrige Tore, veränderte Elfmeterpunkte oder Bestechungsversuche Urs Meier hat alles erlebt. Bis auf Welt- und Europameisterschaften hat der erfrischend eitle Referee es gebracht. Eindrucksvoll beschreibt der Autor seinen Lebensweg, aus der Schweizer Provinz hinaus, bis Südkorea, als eine gelbe Karte ihn in Deutschland bekannt machte. Ballack sein Dank! Als Fußballfan, der jeden Samstagnachmittag Borussia Dortmund die Daumen drückt, habe ich dieses Sachbuch mit großem Interesse gelesen. Urs Meiers Schreibstil ist flüssig und ungemein Lässig. Er lässt auch nicht die Konkurrenzsituationen unter Schiedsrichtern aus, was mir persönlich nicht geläufig war. Mir haben auch die vielen kleinen Begegnungen mit bekannten Fußballern gefallen. Zidane war der Größte auf dem Platz und der tragische Verlierer von Berlin, weiß Meier. „Mein Leben auf Ballhöhe“ ist reich an Informationen und noch reicher an Emotionen. meinen Dank dafür! Insgesamt ein richtig gutes Sachbuch mit hohem Unterhaltungsfaktor!

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45 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 32 Rezensionen

türkei, deutschland, identitätssuche, istanbul, heimat

Wieso Heimat, ich wohne zur Miete

Selim Özdogan
Fester Einband
Erschienen bei Haymon Verlag, 27.06.2016
ISBN 9783709972380
Genre: Romane

Rezension:

Krishna Mustafa hat eine deutsche Hippie Mutter, einen türkischen Vater und aus diesem Grund ein Problem mit seiner Identität, zumindest meint das die Frau, die ihn verlassen hat. Ratlos zieht es ihn nach Istanbul. Er will, so vermittelt es mir das gelungene Buchcover, vom Halbmond aus in die Ferne blicken, um sich selbst nahe zu kommen. Krishna, dieser von Geburt an zwischen die Kulturen geratene Schelm streunt ziellos durch die Stadt seines Vaters und stößt die Heimat zu seiner inneren Heimat auf. In etwa so kann man Selim Özdogans neuen Roman beschreiben. Manchmal habe ich mich während des Lesens gefragt, wie viel von dem Autoren Özdogan in diesem immer und alles beobachtenden Krishna Mustafa steckt, der einfach nichts ernst nehmen kann. Schon gar nicht die Liebe. Wahrscheinlich weniger, wie der Leser glaubt, aber immer noch genug, um mit reichlich Tiefenschärfe das literarische Fallbeil auf deutsche Biojünger und einen türkischen Präsidenten niedersausen lässt, wie man(n) Machohafter kaum sein kann. Selim Özdogan schreibt voller bissiger Ironie, im Plauderton eines geborenen Leichtfußes, wunderbar lakonisch und stilsicher. Allerdings mit einem Hang zum Abschweifen. Fraglos ist in dem Buch nicht jede Pointe ein Treffer, bisweilen ist die Geschichte einfach inhaltlich belanglos, aber was trifft, dass haut einen aus den Socken und sorgt für Lachfalten im Gesicht des Lesers. Vor allem in der zweiten Hälfte des Romans ist das der Fall. Fein, die Geschichte mit dem angeblichen Terroristen, den Seitenhieben auf Spießertum und glücklose Sinnsuche. Und Überhaupt: Was ist schon eine Demonstration im Gezi Park gegen ein Flirt mit dem Schicksal? Alles in allem ein gelungenes Buch!

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73 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 33 Rezensionen

ölpest, louisiana, katrina, fischer, südstaaten

Das zerstörte Leben des Wes Trench

Tom Cooper , Peter Torberg
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 12.02.2016
ISBN 9783550080968
Genre: Romane

Rezension:

„Das zerstörte Leben des Wes Trench“ ist wahrlich kein Kuschelroman mit Wohlfühltitel. Dabei ist der Satz, der das Buchcover schmückt noch stark untertrieben. Denn in diesem Roman wimmelt es nur so von zerstörten Existenzen mit selbstzerstörenden Ansätzen. Tom Cooper entführt seine Leser nach Louisiana. Der Hurrikan Katrina hat die Region vor einiger Zeit heimgesucht. Im Bayou ist scheinbar Ruhe eingekehrt, die Gewässer stehen wie immer, alles könnte sein wie immer, doch die Menschen sind ein Schatten ihrer selbst, sie haben es den stehenden Gewässern gleich gemacht. Die Armut und Hoffnungslosigkeit hat sich durch sämtliche Bevölkerungsschichten gegraben. Jeder der sich bewegt wird nur noch tiefer in die Tiefe gezogen. Wer still steht wird von Drogen und Medikamenten dahin gerafft.

Ein solcher Roman hat keine Helden, nur Typen wie Lindquist, der einarmig und vereinsamt durch das brackige Wasser stapft, um mit einem Metall-Detektoren nach Gold zu suchen, wobei ihn die Toup Zwillinge misstrauisch beäugen. Die Brüder verdienen ihren Bourbon mit dem Hanfanbau und trauen ansonsten nur ihrer stattlichen Waffensammlung. Schließlich wimmelt es nur so von Alligatoren in den nahen Gewässern. Schlimmer ist nur noch der Mensch. Wes Trench, der titelgebende Held reiht sich in dieses skurrile Männerensemble ein, noch bevor er das Erwachsenenalter erreicht hat verliert er seine Mutter durch den Wirbelsturm. Oder am Ende gar durch den Vater? Die Schuld, die Erinnerungen kreisen über Vater und Sohn, wie ein Geierpärchen. Tom Cooper fährt ein ganzes Arsenal an Südstaaten Tristesse auf. Interessant, dass ein Roman, der fast völlig ohne Frauen auskommt heutzutage noch den Weg in den Buchhandel findet. Hut ab, den Versuch war es wert.

Die Männer in diesem Buch können nicht von der Vergangenheit lassen, der selbstständigen handwerklichen Arbeit, abseits der Normalowelt von Stadtmenschen, die von einem Heimgekommen in diesem Buch repräsentiert wird. Grimes stammt aus der Gegend. Für die BP ist er zurückgekehrt, vorgeblich, um Schadensersatz für die Ölverschmutzung zu leisten, eigentlich um die Einwohner abzuzocken. Wie ein Uhrwerk geht er seinem Schlips und Kragenhandwerk in einer börsenorientierten Welt nach, bis seine Mutter an die Reihe kommt. Es sind diese tiefschürfenden zwischenmenschlichen Momente, die den Roman zu einem Erlebnis machen.

Das Buch hat insgesamt einen etwas zwiespältigen Eindruck bei mir hinterlassen. Das beginnt mit der Sprache, die ganz auf einen Abenteuerroman zugeschnitten zu sein scheint. Auf Unterhaltung, also. Doch so funktioniert der Roman letztendlich nicht. Das ist ein Stück amerikanischer Literatur, keine große, aber auch keine kleine. Aber auf jeden Fall ein Stück Wahrheit. Leider wird einiges an ironischem Potential verschenkt. Wenn ich allein an Lindquist und seinen verlorenen Arm denke, den Alligatorenausflug oder die Hanf Gangster. Aber um Effekte ging es dem Autor offensichtlich beim Schreiben nicht. Er macht sich sehr viel Mühe sein Personal aufzubauen und bekommt seine Geschichte sauber in die Gänge und in der Tat entfaltet dann das Buch eine Kraft und Sogwirkung, die bis mich bis zum Ende bei der Stange gehalten hat. Überzeugend finde ich vor allem die Figurenzeichnung und die sehr interessante Geschichte. Man meint die Verzweiflung fast spüren zu können. Insgesamt ein gelungenes Buch! 

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181 Bibliotheken, 4 Leser, 2 Gruppen, 79 Rezensionen

zauberer, zauberei, magie, juden, prag

Der Trick

Emanuel Bergmann
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 24.02.2016
ISBN 9783257069556
Genre: Romane

Rezension:

Diogenes ist für mich immer ein Verlag der großen Autoren gewesen. Ein Garant für unterhaltsame Literatur. Nahrung für Geist und Seele. Ein Leuchtturm der Qualität im Meer der Belanglosigkeiten. Ich habe mich lange Zeit gefragt, warum das vorliegende Buch nicht „Der große Zabbatini“ heißt, denn mit diesem Namen ist der Protagonist über weite Strecken des Romans unterwegs. Der Schluss der Geschichte beantwortet diese Frage eindrucksvoll. Mosche Goldenhirsch, unverkennbar als Jude zur Welt gekommen. Zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Der 2. Weltkrieg wirft seine Schatten voraus und Mosche, den Zauberer zieht es ausgerechnet nach Berlin.

Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen. Der zehnjährige Max Cohn lebt in Amerika und will mit Hilfe einer Schallplatte die Ehe seiner Eltern retten. Der große Zabbatini ist fraglos ein Filou, nicht von Gottes, sondern von eigenen Gnaden. Er ist ein Frauenverkoster, nie um eine Antwort verlegen, immer einen Ausweg findend. Jemand der das gute Leben liebt und deswegen um Kinder immer einen großen Bogen gemacht hat. Er liebt alles Leichte.

Max Cohn dagegen sieht die Dinge des Lebens mit kindlicher Klarheit, die jeder Vernunft entbehrt. Es muss ein Zauber her, um die Ehe der Eltern zu kitten und da hört er auf einer dieser alten, vollkommen unpraktischen Schallplatten einen sonderbaren Kauz die erwünschten Worte sprechen.

Ich muss wirklich sagen seit Jahren nicht mehr etwas mit einer derart leicht geschriebener Hand mit so viel Tiefgang gelesen zu haben. Ein richtig toll erzählter Roman voller tragischer Ereignisse, dabei ungemein witzig mit absolut glaubhaftem Romanpersonal bestückt, was speziell bei diesem Schluss schon eine Leistung ist. Ich habe mit gefiebert, vor allem an diesem genialen Ende, der eine brillante Idee enthält, auf die ich niemals gekommen wäre. Der Roman ist einfach unglaublich gut durchdacht und durchkomponiert. Nahrung für Geist und Seele. Alles wie immer. Danke Diogenes!

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50 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 34 Rezensionen

wien, mord, mörderin, liebe, dreifachmörderin

Die Prinzessin von Arborio

Bettina Balàka
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Haymon Verlag, 14.07.2016
ISBN 9783709972397
Genre: Romane

Rezension:

Kann man sich in eine Romanfigur verlieben? Das geht. Bettina Balàka schafft mit „Die Prinzessin von Arborio“ bei mir dieses Kunststück. Dabei ist Zorzi nicht unbedingt eine Traumfrau, obwohl sie von Ehemann Nr. 1 entsprechend Silikonverstärkt wurde, denn sie meuchelt ihre Lebensabschnittspartner mit der Hingabe einer von der Liebe und den Männern enttäuschten Italienerin. Die Herren der Schöpfung einfach nur verlassen, einen Schlussstrich ziehen kann sich Zorzi einfach nicht vorstellen oder ist einfach zu banal. Sie ist eine Frau der Tat. Eine Restaurantchefin mit Vorliebe für guten Reis und allerlei kulinarischer Schmankerl.

Auch der Polizist Arnold Körber kann ihren Reizen nicht widerstehen, die eben nicht nur von Schönheitsoperationen herrühren. Nein, ihr wirklicher Reiz baut auf der Klarheit ihres glasharten Charakters auf, der immer wieder über die Wirrnis ihres destruktiven Liebeslebens obsiegt. Für die einen ist das Töten undenkbar, für die anderen ist es machbar. An diesem prägnanten Satz lässt Bettina Balàka ihre Protagonistin sich entlang hangeln.

Gerade zu Beginn ist das Buch mit ungeheurer Fabulierlust und Wucht erzählt. Das alles ist witzig, hat Tempo und Tiefe, die Autorin kennt die Menschen und findet immer die richtigen Worte und Vergleiche. Es macht Spaß dieses Buch zu lesen, auch wenn das männliche Geschlecht nicht immer gut wegkommt, bin ich sehr angetan von dem Gelesenen. Der Roman kommt einfach pfiffig und unterhaltsam daher und will doch ernst genommen werden. Er bezieht sein Gewicht aus dem Zwischenmenschlichen.

Die Autorin schickt Zorzi und die Minus-Männer, von hünenhafter Gestalt über das Minenfeld von Frau-Mann Beziehungsübungen und lässt die Liebe explodieren, um sie gleich anschließend wieder auferstehen zu lassen. Sprachlich ist der Roman imposant und über weite Strecke fesselnd erzählt. Eine funkelnde Perle unter den Büchern dieses Frühjahres. Einzig die Schlussphase zeigt dezente Mängel, zum einen weil mir zu viel bereits frühzeitig klar war, zum anderen läuft die Geschichte dramaturgisch nicht mehr hundertprozentig rund. Aber was ist das schon gegen eine Romanfigur zum Liebhaben? Eben.    

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79 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 38 Rezensionen

norwegen, holz, somme, edvard, shetland inseln

Die Birken wissen's noch

Lars Mytting , Hinrich Schmidt-Henkel
Fester Einband: 516 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 07.03.2016
ISBN 9783458176732
Genre: Romane

Rezension:

Lars Mytting? Das Gudbrandstal in Norwegen? Nie gehört! Ich kann nur raten: Unbedingt lesen. Denn was der Autor hier schafft befördert Lars Mytting in meinen ganz persönlichen Buch Olymp. Und wie so oft in der Literaturgeschichte muss der Protagonist raus aus der Provinz, weg von Birken und Kartoffelacker, um sich den eigenen Dämonen und der Geschichte seiner Familie zu stellen.

Edvard ist erschüttert vom Tode des Großvaters. Er ist verwundert über den Sarg, in dem der Tote zu seiner letzten Ruhe gebettet werden soll. Denn dieser wirkt wie ein Gruß aus ferner Zeit, eine künstlerisch aufwendige Arbeit, die eigentlich nur Einar zugeschrieben werden kann. Dem angeblichen toten Bruder des Verstorbenen. Und schon steht der Leser in einer der spannendsten Familiengeschichte, die ich seit langem gelesen habe. Auf den ersten siebzig, achtzig Seiten baut der Autor sehr geschickt und wie ich finde, sehr skandinavisch, also etwas spröde, sein Personal auf, diese Menschen sind nicht einfach nur verschwiegen, sie sind eigen, wahre Originale, so beschreibt Mytting die Einwohner. Dafür sind diese Menschen beseelt, ohne Frage, die ganze Story ist beseelt. Sehr emotional und gleichzeitig verdammt nüchtern, immer dicht an der Realität.

Der Roman ist nur so gespickt mit winzig kleinen Details, deren Auflösung im Lauf der Geschichte eine ungeheure Wirkung entfalten. Ich frage mich immer noch, ob sich viele der Ereignisse auch so in der Vergangenheit zugetragen haben können.

Es geht zurück in die Grausamkeiten des ersten und Zweiten Weltkriegs. Und dieses fürchterliche Erlebnis in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bedeutet nicht nur für Edvard eine Zäsur. Es geht auf die Shetland Inseln, England, nach Frankreich und Deutschland spielt keine zu unterschätzende Rolle, allerdings nur als Reich der Bösen. Die Geschichte ist gut durchdacht. Sehr gut erzählt und von einer Unberechenbarkeit die mich sprachlos gemacht hat. Ein ungeheuer facettenreicher Roman, voller abenteuerlicher Ausflüge und Rochaden. Eine Erkenntnisgeschichte, denn vom anfänglich so spröden Edvard platzen die Schalen der Erinnerung ab, bis nichts mehr als er selbst übrig ist und nichts als die Wahrheit übrig bleibt.
Ich bin begeistert!

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