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roman, 80er jahre, berliner hausbesetzter

Alles auf Anfang

Richard Heersläufer , Christian Wildenhain , Christian Wildenhain
Flexibler Einband: 922 Seiten
Erschienen bei one-arrow-verlag, 23.07.2015
ISBN 9783946187158
Genre: Romane

Rezension:

Ein Buch, zu dem es viel zu sagen gibt. Deswegen hier eine längere Rezension.

In der Ära der Demonstrationen und Hausbesetzungen in Berlin und Hamburg während der 80er Jahre beginnt die Geschichte einer Gruppe junger Leute aus der autonomen Szene. Sie kämpfen gemeinsam gegen rechte Gewalt und für nichts Geringeres als die Werte und Ziele der großen Revolution.
Bei Straßenschlachten, Häuserkämpfen, Castor-Blockaden, Objekt-Anschlägen und einem Bankraub führt sie ihr Weg mit spektakulären Fluchten durch die Städte.
Sie werden feinsinnige Meister der Tarnung. Es zeigen sich persönliche Schwächen, Stärken und Fähigkeiten. Liebe und Sex bleiben nicht außen vor. Doch diese "schöne schnelle Welt" dauert nicht an. Ihre Wege trennen sich, verlieren sich. Jeder führt seine eigenen Kämpfe, sucht seinen Platz im Leben und was er für sein persönliches Glück hält.
Es wird gedatet, was das Zeug hält; man heiratet wohlhabend; Karrieren werden begonnen oder eben auch gerade nicht. Aber der Kampf um das Große Ganze ist nie gänzlich aus ihren Köpfen und Handlungen verschwunden. Wie auch die rechte Gewalt nie verschwunden ist. Die rechte Szene gewinnt an Zulauf. Taten von Neo-Nazis häufen sich. Ermittlungen werden eingeleitet. Um die 20 Jahre später begegnen sich die ehemaligen Hausbesetzer auf verschiedensten Wegen wieder; so verschieden, wie die Charaktere selbst. Die Wege führen nach Mexiko. Menschenrechtsverletzungen sind allgegenwärtig. Großgrundbesitz, Kaffeeplantagen, Reichtum und ärmste Verhältnisse der Arbeiter. Mexikaner, Azteken und Indianer; ihre Geister und Zauber, verwoben mit der Realität.
Alles rollt auf ein großes Ereignis zu.
Der politische Kontext und die jeweiligen Umgebungen geben den Rahmen. Es sind aber immer wieder persönliche Entwicklungen, die das Hauptaugenmerk auf sich lenken. Gibt es eine Chance, die große Liebe des Lebens zu finden, wenn man immer auf der Suche nach Perfektion ist? Oder was macht ständige Herabwürdigung mit dem Charakter eines sympathischen Beschützers von einst?
Was mir besonders gefallen hat, sind die schönen starken Frauen dieses Buches.
Die Schilderungen von Städten und Menschen haben mir durch den Detailreichtum meine eigenen 80er und 90er wieder nahe gebracht. Urbanität, Kreativität, Zeitgeist. Aber auch das innere Lebensgefühl von Stärke und Unsterblichkeit der jungen Erwachsenen. Fußfassen im Leben. Alltag und Wünsche. Am wirkungsvollsten für die Nähe zur Story waren für mich die Zeichnungen der einzelnen Menschen. Sie sind mit außerordentlicher Wahrnehmung und achtsamen Interesse ganz individuell und glaubwürdig beschrieben. Und es sind unglaublich viele. Alle werden wahrgenommen und haben ihre Momente. "Wirkliche Menschen".
Augenzwinkernd Filme und Songs bis in die heutige Zeit wiederzufinden, hat Spaß gemacht.
Sprache und Stilmittel vermitteln komprimiert alle Informationen, um eine Szenerie in ihrer Gesamtheit vor Augen zu haben. Zusätzliche Satzzeichen wie Punkte und Gedankenstriche bewirken Betonungen und Rhythmus. So kann etwas ohne Umschweife betont und die Stimmung wiedergegeben werden. Beispielsweise werden durch Verkürzung und Punktsetzung Handeln, Gefühl und Außenwirkung einer Person in einem Satz mitgeteilt. "Kleittemeier schluckt, während er langsam, denn das kann er cool. Nickt."
Das klingt zwar nach Schnelligkeit, stellt aber andererseits gerade die Schnell-Leser anfangs auf eine harte Probe. Seiten- und Kapitel-Überleser fliegen aus der Kurve. Das kommt bei einer Rallye nun mal vor.
Man bekommt nicht alles serviert. Oft ist man auch in den Gedanken der Personen, muss erst einmal loslassen und sich einlesen. Dabei landet man in den Gedanken der liebenswerten, wie auch der schrecklichen Menschen. Sie werden nicht von außen kritisiert. Sie "enttarnen" sich durch sich selbst.
In der Sprache finden sich Poesie und deutliche Worte, und diese nicht nur bei den Sexszenen. Alles hat hier einen Namen, und für alles gibt es ein Wort; und zwar das Richtige.
Des Weiteren gilt es, mehrere Handlungsstränge und verschiedene Zeitebenen im Blick zu behalten.
Aber da nicht gleich in der ersten Zeile eines Kapitels das "wer" und "wo" verraten wird, muss man sich auch hier erst mal wieder auf den Stoff einlassen und alle Informationen aufnehmen, um es herauszufinden.
Ich mochte, wie das die eigene Spürnase reizt, und man wird auch noch belohnt, weil sich mehr Intensität einstellt, wenn man alles wissen will.
Leugnen will ich aber keineswegs, dass das Inhalts- und Personenverzeichnis sehr hilfreich sind.
Bei den verschiedenen Handlungssträngen sind die Hinweise darauf, dass sich etwas zusammenbraut, sehr nützlich: "Es sind oft Kleinigkeiten, die entscheiden... biegt er heute eine Straße früher ab als gewöhnlich...".
Im letzten Teil des Buches sind diese Handlungsstränge die verschiedenen Wege der Hauptfiguren nach Mexiko. Man rollt auf etwas zu. Irgendwie ist immer jemand unterwegs und erlebt Bedeutungsvolles. Dies hat etwas von einem Roadmovie.
Zeit und Raum laufen am Ende zusammen.
Ich mag das Buch sehr und wünsche viel Spaß beim LESEN.
Ein Hinweis für Interessierte. Es ist nicht immer leicht, den richtigen Einstieg zu finden. Ich kenne einige andere Leser, die über die ersten 50 – 60 Seiten nicht hinausgekommen sind. Dabei ist Durchhalten sehr lohnenswert. Es fängt sehr böse, scheinbar unerträglich an, bleibt aber nicht so einseitig.

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Tags: 80er jahre, berliner hausbesetzter, roman   (3)
 
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