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schicksal

Sag nicht, dass du Angst hast

Giuseppe Catozzella , Myriam Alfano
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Knaus, 18.08.2014
ISBN 9783813506518
Genre: Biografien

Rezension:

Wie muss es sich angefühlt haben, eine Geschichte aufzuschreiben, Wort für Wort, Zeile für Zeile, die so voller Hoffnung ist? Eine Geschichte, deren trauriges und unveränderliches Ende dennoch von Beginn an feststand.

Wie wird es sich anfühlen, die Geschichte des hoffnungsvollen Mädchens zu lesen? Mit dem Wissen, dass ihre Hoffnung dazu verurteilt ist, zu sterben.

Wie muss sich für das hoffnungsvolle Mädchen wohl genau dieser Moment angefühlt haben? Die Sekunde, in der ihr bewusst wurde, dass alles umsonst gewesen ist. Als ihre Hoffnung auf ein besseres Leben schwand. Als sie langsam unterging. Und nichts zurückblieb. Nicht einmal sie selbst.

Die Geschichte “Sag nicht, dass du Angst hast”, von Giuseppe Catozzella führt unweigerlich dazu, dass sich der Leser Fragen stellt. Nicht nur jene, die ich gerade genannt habe. Noch viele weitere. Und das ist nicht verwunderlich.

Aus Sicht vieler Bewohner der “Feste Europas”, jenes sicheren, so verheißungsvollen Fleckchen Erde, sind die Dramen, die sich vor ihren Mauern abspielen, ein großes Fragezeichen. Zwar hören wir in den Nachrichten von den vielen Glücklosen, die im Mittelmeer ihr Ende finden, kurz vor dem vermeintlich sicheren Hafen. Aber was wissen wir wirklich über diese Menschen? Was wissen wir über den Hintergrund ihrer Flucht? Was wissen wir über die Situation in ihren Heimatländern? Was wissen wir über ihre Ängste, ihr Strapazen, ihre Hoffnungen? Was wissen wir darüber, was sie alles riskiert haben für die Aussicht auf ein besseren Leben? Die Antwort ist kurz: Wenn überhaupt, wissen wir wenig, so gut wie nichts.

Und genau das will Guiseppe Catozzella mit seinem Roman “Sag nicht, dass du Angst hast” ändern. Das Außerordentliche an dem Buch besteht darin, dass er die Flüchtlingsthematik nicht in einer Dokumentation aufarbeitet, die Fakten an Fakten reiht, sondern als Darstellungsform einen Roman gewählt hat: Einen Roman, erzählt aus der Ich-Perspektive. Damit schlägt er zwei Fliegen mit einer Klappe. Catozzella gibt den Lesern die Möglichkeit, sich mit der Geschichte zu identifizieren, sie nachzuempfinden. Er durchbricht die sichere Distanz, die Dokumentationen anhaftet und verzichtet auf den “gehobenen Zeigerfinger”, der sich in mach Sozialreportage zu nachdrücklich auf die Leser richtet. Und noch wichtiger: Mithilfe des Romans gibt Catozzella seiner Protagonistin Samia und allen anderen namenlosen Flüchtlingen ein Gesicht und eine Stimme.

In “Sag nicht, dass du Angst hast” erzählt der italienische Journalist die Lebensgeschichte der jungen Somalierin Samia, die Zeit ihres Lebens gekämpft hat: Nämlich dafür, ihrer Bestimmung zu folgen und zu laufen. Als Samia 2008 bei den Olympischen Spielen angetreten ist, ging ihr Gesicht um die Welt. Denn was hätte sich besser geeignet, um die westlichen Gemüter anzurühren, als das Märchen von der kleinen Läuferin aus dem Krisenland, dünn wir ein Ast, die die Herzen im Sturm eroberte, als sie als letzte ins Ziel gelaufen kam. Samia hatte schon damals keine Chance zu gewinnen. Wie sollte sie auch – ohne professionelles Training, ohne Muskelmasse, ohne vernünftige Ernährung, ohne Perspektive. Und auch später, als es nicht nur um den Sieg bei einem Sportwettbewerb, sondern um ein besseres Leben ging, war sie so gut wie chancenlos. Dennoch wollte sie ihr Schicksal nicht hinnehmen. Die “kleine Kriegerin” hat den weiten Weg auf sich genommen, um ihren Traum zu verwirklichen: Sie wollte laufen, sie wollte leben, frei von Zwängen, und hat letztlich dafür ihr Leben gegeben.

Eingangs habe ich gefragt, wie es sich wohl anfühlen würde, über sie zu lesen. Über das hoffnungsvolle Mädchen, dessen Träume am Schluss mit ihr selbst untergingen.

Insgesamt, so weiß ich heute, Tage nach Ende der Lektüre, war es seltsam bereichernd. Denn Samias Geschichte hat das geschafft, was die wenigsten vermögen: Sie arbeitet in mir nach, lässt mich nicht los. Ich erzähle viel über dieses Buch, denke immer wieder daran. Bin froh über die neue Perspektive, die ich gewonnen habe: Einen Blick auf das mir so fremde Somalia und dessen Menschen. Einen Blick auf deren Alltag, die ausgelassenen und fröhlichen Stunden, die immer weniger wurden. Einen Blick auf das so tapfere, Mädchen, das wahrlich den Beinamen “kleine Kriegerin” verdient. Natürlich war die Lektüre auch traurig und aufwühlend. Vor allem das letzte Drittel des Romans, die monatelange Flucht, von einem Ort zum nächsten. Das ständige Warten. Die Enge. Die Verzweiflung. Das Schwinden der Hoffnung. Der Teil, in dem Samia sich nicht mehr als Mensch fühlte. In dem sie ihre Würde, ihre Rechte verlor, der Willkür der Schlepper völlig ausgeliefert war. Doch es war wichtig, auch diesen dunklen Teil gelesen zu haben, der dem Autor eine schriftstellerische Höchstleistung abverlangte. Denn er gibt Einblick in eine Realität, vor der wir die Augen nicht verschließen sollten.

Ich bin froh, dass Guiseppe Catozzella sich dafür entschieden hat die Geschichte von Samia Yusuf Omar zu recherchieren, auch wenn die Arbeit an diesem Roman sicherlich nicht einfach war. Sie hat sich mehr als gelohnt. Schon 2008 bei den Olympischen Spielen konnte das dünne, somalische Mädchen, das kein Mitleid wollte, die Menschen vor ihren Fernsehgeräten bezaubern. Und das tut sie wieder – in diesem Buch. Ihr kurzer Ausflug ins Blitzlichtgewitter konnte ihr Schicksal nicht ändern. Aber zumindest lenkt es – hier festgehalten – die Aufmerksamkeit auf jene Namenlosen, die noch immer Tag für Tag vor Europa stranden.

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schulzeit, romance, fantasy-romance, verwandlung

Der Kuss des Wandlers (Die Wandler)

Lena Klassen
E-Buch Text: 412 Seiten
Erschienen bei null, 07.05.2014
ISBN B00K76JJU4
Genre: Sonstiges

Rezension:

Herzensprojekt - so hat Lena Klassen ihre neue Reihe "Die Wandler" auf ihrem Blog bezeichnet - und damit meine Neugier geweckt. Wie könnte man auch nicht hellhörig werden, wenn eine durchaus produktive Schriftstellerin davon spricht, dass ihr ein Werk besonders am Herzen liegt.

Was macht es aus, dieses Herzensprojekt, habe ich mich gefragt und nicht lange gefackelt. Gespannt und mit nicht geringer Erwartung habe mich auf einen Streifzug durch "Der Kuss des Wandlers" gemacht, den Auftaktroman der neuen vierbändigen Wandlerreihe. Meine volle Aufmerksamkeit war dem Buch gewiss. Denn ich wollte ihn spüren, den Puls der Geschichte.

Bevor ich zu den Einzelheiten meiner Spurensuche komme, sei eines vorweggenommen:"Der Kuss des Wandlers" ist ein Wohlfühlbuch. Wohlfühlbuch deshalb, weil Lena Klassen auf genau die richtigen Zutaten gesetzt hat: Magie, Romantik und Spannung sind es, die zu gleichen Teilen den Roman ausmachen und wohldosiert genau an den richtigen Stellen ihre Wirkung entfalten.

Müsste man den Roman jedoch inhaltlich auf den Punkt bringen, dann kommt man nicht um den Begriff "Verwandlung" herum. Denn allem voran ist die Geschichte um die junge Geigerin Kiara, die sich in ihren Erzfeid verliebt, die Geschichte einer Wandlung. Wandlung nicht nur deshalb, weil Kiara Kraft ihrer Geburt das Potenzial hat, in eine andere Gestalt zu schlüpfen - wie der Leser schon nach wenigen Seiten erfährt. Sondern weil sie sich im Laufe des Romans von der ewig durchschnittlichen grauen Maus "sprichwörtlich" in einen Schmetterling verwandelt.

Doch dieser Weg ist steinig. Kiara wird zum Spielball in einem erbitterten Kampf, bei dem es um Leben um Tod geht und die Grenzen verwischen. Wer ist Freund? Wer ist Feind? Wem kann sie trauen? Und welche Augen sind es, die von Liebe erzählen? Ist es das strahlende lichte Blau, für das Kiaras Herz schlägt? Oder doch das nachtschwarze Dunkel, in dem sie sich zu verlieren scheint? Auf der Suche nach dem König des Feindesclans findet die 16-jährige nicht nur Abgründe und Hass, Zweifel und Gewissheit, sondern auch sich selbst.

Soviel zum Inhalt, von dem ich nicht mehr verraten werde. Doch wo pocht er nun, der Puls der Geschichte. Was macht die Kraft des Romans aus?

Ist es die eigentümliche Magie, die im Akt der Verwandlung selbst liegt? Denn was könnte schöner sein, als Kiara und all die anderen jungen Wandler dabei zu beobachten, wie sich die Grenzen ihrer Körpers auflösen, aufgehen in einem Sein, das jeher in ihnen geschlummert hat. Zuzuhören, wie sie einem stillen Ruf folgen, wie sie lernen, dem Takt ihres Herzens zu lauschen? Zuzusehen, wie Kinderträume wahr werden und Kiara abhebt und die Lüfte erobert?

Oder ist es das Grauen, das immer wieder wie Spinnenbeine über die nackte Haut huscht, wenn offenbar wird, welch menschliche Abgründe sich auftun können - in Freunden, in Vertrauten, in ganz gewöhnlichen Jugendlichen. Wenn deutlich wird, dass Moral und Unrechtsbewusstsein mit einem Fingerschnippen ihre Bedeutung verlieren, wenn der Wille zur Macht sich wie eine Krankheit ausbreitet und mehr wiegt, als ein Menschenleben. Wenn ein reiner Verdacht reicht, um aus dem Fenster geworfen zu werden ...

Vielleicht ist es weder Magie noch Grauen, sondern die wunderbare Kulisse, vor der sich Kiaras Geschichte abspielt. Vielleicht ist es das faszinierende Prag, das Lena Klassen vor den Augen der Leser auferstehen lässt. Das Pulsieren der Metropole im Osten Europas. Denn wie bei den glühenden Streifzüge durch Budapest in Klassens Roman "Magyria", hört man auch in Prag an jeder Ecke das Wispern der Geschichte, das Echo der Jahrhunderte, das Flüstern einer jungen Liebe ...

Ob andere sich bei der Lektüre von "Der Kuss des Wandlers" genauso wohl fühlen wie ich, ist nicht gewiss und lässt sich nicht abschließend beantworten. Genauso wie jeder den Puls einer Geschichte an einer anderen Stelle fühlt.

Für mich hat er zu schlagen begonnen, als ich Kafka in der Geschichte gespürt habe, einen Autor der mich seit jeher fasziniert. Und als mir klar wurde, dass in der Selbstaufgabe und Selbstentfremdung Gregor Samsas der Schlüssel des Romans liegt. Die Frage ist nur, was hier zu erst da war. Die Idee, auf Kafkas Werk "Die Verwandlung" einen Fantasie-Roman aufzubauen. Oder die Idee von den Wandlern selbst.

Kafka hat es Zeit seines Lebens nicht geschafft aus seiner Haut zu schlüpfen und sich zu befreien. Genauso wie sein verwandelter Protagonist Gregor Samsa. Hier verlässt Klassen den vorgezeichneten Weg. Sie lässt ihren Protagonisten nicht untergehen. Gottse

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prinzessin darejan, klingen, seloran, seelenkuss, fantasy

Seelenkuss

Lynn Raven
E-Buch Text: 600 Seiten
Erschienen bei cbt, 09.12.2013
ISBN 9783641129699
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Atemlos bin ich angekommen am Ende dieses Buches, muss mich zwingen durchzuatmen, mich zu beruhigen und zu entspannen nach diesem rasenden Ritt durch die nebelverhangenen, dunklen und gleichzeitig so leuchtenden und lebendigen Welten, die Lynn Raven mit Buchstaben geschaffen hat.

Ich bin mit großen Erwartungen an diesen Roman herangegangen, hatte ihn vorbestellt und habe noch am gleichen Abend, nachdem er auf meinen Kindle übertragen war, angefangen zu lesen. Schon allzu lange habe ich auf einen neuen High-Fantasy-Roman aus der Feder Lynn Ravens gewartet, waren für mich ihre Urban-Fantasy Romane wie "Die Blautbraut" eher ein unbefriedigendes Zwischenspiel. Und nun, nach nur wenigen glühenden Lesestunden, in denen ich die Seiten regelrecht verschlungen habe, weiß ich eins - dies ist endlich wieder ein Stoff, mit dem Lynn Raven dem gerecht wird, was sie vor Jahren in "Der Kuss des Kjer" geschaffen hat, dies ist High-Fantasy vom Feinsten.

Dennoch kann man "Der Kuss des Kjer" und "Seelenkuss" nicht wirklich vergleichen. Ersterer war in meinen Augen vor allem eine abenteuerliche Fantasy-Liebesgeschichte, das ist ist Lynn Ravens Neuerscheinung nicht.

In "Seelenkuss" hat die Autorin eine unvergleichliche, komplexe und bis ins letzte Detail ausgearbeitet Fantasy-Welt erschaffen, die mich immer wieder an den Kosmos von "Herr der Ringe" denken ließ. Hier unternimmt der Leser nicht nur einen lockere, vergnügliche Tagesreise, in die man sich ganz nach Belieben wieder ein- und ausklinken kann - nein. Dieser Roman verlangt einem die volle Aufmerksamkeit ab, belohnt dafür mit einem absolut ausgefeilten Fantasy-Universum: Da sind nicht nur die verschiedensten Völker, die detailverliebt beschrieben werden - die Jarhaal, die Korun, die Reiter-Krieger der Isarden, um nur einige wenige zu nennen - da sind Zauberer, Hexen, Seelenklingen, Nekromanten, stürmische Meere, tränende Wälder, zerklüftete Riffe, geschäftige Städte. Die Autorin hat ihren Roman mit einer Kreation an Tieren und Pflanzen belebt - die Cay Adesh mit ihrem Federschweif, die Sonnenfische, die Sisraweiden und Cinjantannen und und und, und hat mit ihren Neologismen, Legenden und Mythen ein ganz eigenes Leben geschaffen.

Vor allem aber sind da die Protagonisten, der namenlose Jarhaal, mit den Edelsteintätowierungen und den silbernen Dämonenaugen, und Darejan, die Königstochter der Korun, die sich auf einen Gewaltmarsch begeben, auf eine Flucht vor dem Bösen, den Legionen der Seelenlosen, auf der der Leser das Grauen kennenlernt. Ich höre noch immer die Stimmen der Verfolger, das Kläffen der Hunde, das Rascheln des Schilfgrases. Spüre die Dornenfesseln an meinen Händen, die ewig klammen und nassen Füße und vor allem immer wieder die Furcht, "die auf unzähligen dünnen Beinen durch die Adern stakst". Darejan und der "Verrückte", so nennt sie ihren Begleiter, der an seinem Gedächtnisverlust zu verzweifeln droht, kämpfen Seite um Seite gegen einen mächtigen Zauberer und das pure Grauen, gegen Söldner und gegen das Vergessen, gegen Feinde im Diesseits und Gefahren im Jenseits und vor allem auch gegeneinander.

Denn Zweifel, Misstrauen und Hass gegenüber Darejan, gar der Verdacht des Mordes ist es, der die wenigen Erinnerungssplitter des gefolterten und tief verzweifelten Jarhaal beherrschen. Können sie es trotzdem gemeinsam schaffen, dem Schmerz und dem Horror zu trotzen und zusammen den Untergang ihrer Welt verhindern?

Aber wo ist die Liebe geblieben in dieser Rezension? - Das könnte man sich an dieser Stelle zurecht fragen. Nun, die Liebe ist in Lynn Ravens "Seelenkuss" wie Darejans Magie, also "wie ein schwaches Glitzern in der Tiefe des Brunnens". Manchmal taucht sie kurz auf unter der Decke der Kälte, der Verzweiflung, des Schluchzens und des Schmerzes. Doch sie ist schwach und gewinnt nur langsam an Kraft. Und meiner Meinung nach bleibt sie auch am Ende ein Kompromiss. Dennoch - auch wenn sie kraftlos und flackernd ist und nur selten aufscheint, hält man über Kapitel hinweg an ihr fest - ist doch der kleinste Funke Gefühl im ewigen Dunkel wie ein Leuchtfeuer.

Dies sollte diejenigen, die sich nach mehr Romantik sehen, aber nicht davon abhalten, die atemberaubend spannende Geschichte um Darejan und den Jahaal zu lesen. Für Liebhaber der High-Fantasy ist sie ein Muss.

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island, reise, gans, gewinn, trennung

Ein Schmetterling im November

Audur Ava Ólafsdóttir , Sabine Leskopf
Fester Einband: 355 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 21.10.2013
ISBN 9783458175810
Genre: Romane

Rezension:

Island - für mich ein Synonym für kristallklares Wasser, tiefschwarze Lavafelder, sattgrüne Wiesen, schneeweiße Gletscher. Island steht für ungezähmten Wind entlang der Küsten, für brodelnde Quellen, für Feuer und Eis, für reinste Luft, die man mit jedem Atemzug in seine Lungen saugt. So habe ich Island erlebt auf meiner Reise rund um die Insel am Polarkreis - und ähnlich Mitreißendes habe ich von "Ein Schmetterling im November" erwartet, ein Buch - so der Klappentext - das erzählt "von einer Reise durch das winterliche Island und von einer herzerwärmenden Freundschaft zwischen einem Jungen und einer abenteuerlichen Frau".

Voller Erwartung und Elan habe ich begonnen Adur Ava Olafsdottirs Roman zu lesen. Nach wenigen Seiten stellte sich Irritation ein, nach mehreren Kapiteln schlichtweg Enttäuschung. Mittlerweile habe ich es - ehrlicherweise mit großer Überwindung - geschafft, mich bis ans Ende "duchzuarbeiten".

"Schmetterlinge im November" und ich wurden keine Freunde. Dies liegt nicht daran, dass Audur Ava Olafsdottir nicht schreiben kann. Nein, die Autorin hat eine sehr unkonventionelle, erfrischende Art zu erzählen. Mit ihrem scharfen Beobachterauge nimmt sie ihre Figuren in den Blick, zieht sie aus bis auf ihr Innerstes, entlarvt sie - dies alles jedoch in einem Plauderton ganz nebenbei, beim Kochen, beim Sex, beim Telefonieren, bei der Arbeit. Dabei entstehen höchst Skurriles, wenn man als Leser die Welt aus Sicht von Olafsdottirs "merkwürdiger" Protagonistin erlebt: Man begleitet die 33jährige, die es als "unglaublich sinnvoll" erachtet, kein Kind zu haben, als sie einen Vierjährigen in ihre Obhut nimmt. Man begleitet eine "frisch befreite Frau" bei ihrem "Augenblicksglück", bei ihrer Partnersuche, beim Autofahren, beim Sich-selbst-Finden ... und fragt sich am Ende, worum es in diesem Roman eigentlich geht, so viel Belangloses und Skurriles reiht sich aneinander. Das Gefühl, Kapitel auslassen zu können, da hier Szenisches lose aufeinander folgt, lässt bis zum Ende nicht nach.

"Schmetterlinge im November" ist ein höchst subjektives und belangloses Buch. Im Mittelpunkt steht die Selbstfindung einer egozentrischen Mittdreißigerin. Island kommt in diesem Roman eine reine Statistenrolle zu. Wer Island liebt und erwartet, bei der Lektüre die Insel am Polarkreis erspüren, eratmen und erfühlen zu können, der wird wie ich den Roman enttäuscht schließen. Wer Lust an den skurrilen und bisweilen auch ausgefallenen "Abenteuern" einer Frau in den besten Jahren hat, der kann wohlmöglich auch an diesem Buch seinen Gefallen finden.

Übrigens: In Island hat schon fast jeder zweite Einwohner ein Buch veröffentlicht. Dass sich in Anbetracht dieser Fülle an Schreiberlingen die Geister scheiden - das verwundert nicht.


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musik, liebe, herbst, brooklyn, faye archer

Die wundersame Geschichte der Faye Archer

Christoph Marzi
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.08.2013
ISBN 9783453529922
Genre: Romane

Rezension:

“Bücher haben eine Seele”, heißt es in Christoph Marzis Roman “Die wundersame Geschichte der Faye Archer”. Und keiner müsse sie suchen. “Die Seele des Buches findet den Leser selbst.” Schöne Worte in einem schönen Buch, könnte man denken. Aber seltsamer Weise wurden sie wahr. “Die wundersame Geschichte der Faye Archer” hat mich auf wundersame Weise gefunden: Denn eigentlich kehre ich Büchern aus Papier den Rücken zu; stattdessen lese ich Geschichten “aus Bits und Bytes”, die laut Faye Archer gar keine richtigen Bücher sind. Das sollte sich eigentlich auch so schnell nicht ändern – hat es aber dennoch.

Es passierte zufällig in einer Buchhandlung, in nur wenigen Warteminuten. Ich hab meine Blick schweifen lassen, ein buntes Cover hat meine Augen gestreichelt und schon waren alle gute Vorsätze, nicht noch weitere Bücher in meiner Wohnung anzuhäufen, passé. Faye Archer hat mir ihre Seelenverwandtschaft angetragen und ich habe sie beglückt angenommen.

Und dieses Glücksgefühl hielt bei der Lektüre des 384-Seiten dicken Buches an.
“Warum genau? Fang endlich an zu rezensieren!”, drängeln die weniger geduldigen Leser bestimmt schon. Nun, ich versuche so nachvollziehbar wie möglich zu begründen, warum Sie dieses Buch unbedingt lesen sollten, habe aber die Befürchtung, dass es mit Worten nicht immer gelingen kann, alle Facetten, Farben und Formen einer Geschichte einzufangen.

Dennoch: Die Handlung, wie ich als Vielleserin schon so oft erlebt habe, ist es nicht, die “Die wundersame Geschichte der Faye Archer” zu einem abenteuerlichen Leseerlebnis macht: Faye Archer verliebt sich in eine Satz bzw. eine Stimme. Manche Geschichten sind wie Melodien, sagt Alex Hobdon, und um Faye ist es geschehen. Sie muss ihn unbedingt kennenlernen und wagt es, ihn per Facebook zu kontaktieren. Daraus entsteht eine leidenschaftliche “Brieffreundschaft”, die Faye darauf hoffen lässt, den Richtigen gefunden zu haben. Nur blöd, dass sich Alex Mails nach und nach als Lügen herausstellen… und Faye trotzdem nicht von ihm lassen kann.

Warum ich nicht von der Geschichte lassen konnte, liegt wie gesagt nicht am Plot, sondern an Faye selbst und Alex und Mica und all den anderen. An Figuren einer Geschichte, die dir so nah und authentisch erscheinen, als würden sie nebenan wohnen. An einer Protagonistin, die nicht perfekt ist, aber dafür wunderbar, die “nicht so hübsch ist, dass sich die Männer auf der Straße reihenweise nach ihr umdrehen, aber auch nicht so unscheinbar, dass sie gar keinen Eindruck hinterlässt”. An Faye, die sich rot fühlt mit weißen Punkten, wenn sie glücklich ist, und tatsächlich überlegte, ob sie “mit den Staubkörnen, die träge im Licht schwebten, tanzen sollte”.

Kurzum, lieber Leser, es geht um die Melodie zwischen den Zeilen, um das Unausgesprochene, um Emotionen jenseits der Buchstaben, um die Seele eines Buches!

Aus diesem Grund wohl hat der Autor die Geschichte um Faye und Alex meilenweit entfernt von jeglicher Vernunft gipfeln lassen. Aber das ist nicht wichtig. Denn, um es mit den Worten von Christoph Marzi zu sagen: “Es gibt Momente, die so unwirklich sind, dass man sie nicht begreifen kann, nicht mit dem Verstand, sehr wohl aber mit dem Herzen. ” Die wundersame Geschichte der Faye Archer ist so ein Buch, dass man nur mit dem Herzen begreifen kann. Man muss sie nicht verstehen, um zu ihrer Melodie tanzen zu können! “Nein, man musste sie nur hören.” – weiß Faye am Ende.

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russland, geschichte, schottland, feuervogel, liebe

Im Land des Feuervogels

Susanna Kearsley , Anja Rüdiger ,
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei Piper, 13.08.2013
ISBN 9783492302852
Genre: Romane

Rezension:

Die Welt der Märchen haben mich seit jeher fasziniert. Waren es in Kindertagen noch die gesammelten Hausmärchen der Brüder Grimm, die mich immer wieder von neuem bezaubern konnten, waren es später oftmals phantastische Romane. Oder Geschichten, die die Grundidee eines Märchen aufnehmen, jedoch für die Ohren von Erwachsenen erzählt werden.

"Im Land des Feuervogels" von Susanne Kearsley ist genau so ein Buch. Die Autorin hat rund um das Motiv des Feuervogel, das aus dem russischen Volksglauben stammt, nicht nur eine, nein, sogar zwei Geschichten gesponnen:  Eine Rahmenhandlung in der Gegenwart, in der ein geschnitzter Feuervogel, der zufällig in die Hände der jungen Galeristin Nicola Marter gerät, zum Ausgangspunkt einer Abenteuerreise wird. Auf dieser Reise verschwimmen Zeit und Raum jedoch allmählich, und der Leser taucht ein in eine andere, Jahrhunderte alte Geschichte, mit dem Unterschied, dass der Feuervogel in der Vergangenheit nicht Ausgangspunkt der Abenteurereise, sondern das Ziel ist. Und wie es in märchenhaften Geschichten wohl sein muss, hat Susanne Kearsley nicht nur zwei Handlungsebenen geflochten, sondern eine Sinnebene dahinter gestellt, die wiederum der Logik der Feuervogel-Märchen entspricht:

"Der Feuervogel verliert eine Feder. Und wenn man dumm genug ist, sie aufzuheben und den Vogel zu jagen, kriegt man richtig Probleme. [...]  Und erlebt viele Abenteuer. [...] Aber was man am Ende bekommt, ist eigentlich nicht das, was man gesucht hat."

Was Nicola Marter am Ende bekommt, ist wahrlich nicht, was sie gesucht hat, sondern noch viel mehr. Die Suche nach dem Feuervogel in der Zeit Zarin Katharinas bringt die Protagonistin dazu, sich ihrer selbst zu stellen, ihrem wahren Wesen und einer Gabe, mit der sie nicht umzugehen weiß und die sie vor sich selbst versteckt.

"Im Land des Feuervogels" ist sowohl Historienroman wie auch Märchen, Liebesgeschichte sowie Entwicklungsroman, mutet an manchen Stellen phantastisch an, ist aber keine Fantasy.

Vielmehr schlendert der Leser mit Susanne Kearsley durch Jahrhunderte und fremde Länder, gerät in die Wirren der Jakobitenaufstände, kämpft an Seiten der kleinen Anna und erlebt staunend das Russland unter Peter dem Großen und Katharina I.

Obwohl Susanne Kearsley in ihrem Roman "Im Land des Feuervogels" geschichtlichen Stoff gekonnt zu einer mitreißenden Geschichte komponiert, ist es nicht das "Geschichtserlebnis", das mir besonders in Erinnerung bleibt, sondern die Tatsache, dass ich problemlos von einem Handlungsstrang in den anderen getaucht bin und mich nicht entscheiden konnte, ob ich lieber auf den Spuren von Anna im historischen Sankt Peterburg wandelte oder gemeinsam mit Nicola im heutigen Russland dem Geheimnis des Feuervogels nachspürte. Dies zeigt, dass beide Geschichten ebenbürtig waren und sind.

Die Botschaft, die zwischen den Zeilen steht, ist jedoch jenseits von Zeit und Raum, Vergangenheit und Zukunft angesiedelt, sie ist zeitlos: Es ist kein Makel, anders zu sein, vielmehr ist es ein Geschenk.

 

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dystopie, liebe, wild, zukunft, lena klassen

Wild

Lena Klassen
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Drachenmond-Verlag, 11.03.2013
ISBN 9783931989798
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Lena Klassen ist mir nach der Lektüre von Magyria über Jahre hinweg in Erinnerung geblieben. Und das als Autorin, die aus meiner Sicht einen der besten Literaturküsse zu Papier gebracht hat, den ich als Leserin je miterleben durfte. Deshalb kam ich selbstverständlich nicht umhin, mir auch ihr neues Jugendbuch "Wild" vorzunehmen. Anders als in Magyria, wo Klassens Protagonisten zwischen dem Hier und einer Fantasy-Welt pendeln, zeichnet sie mit "Wild" eine furiose Dystopie:

Ein Leben auf einer rosa Wolke: Stets glücklich und zufrieden sein, nichts hinterfragen müssen, einfach nur das machen, was von einem erwartet wird und damit die Gesellschaft nicht mit wilden, gar animalischen Gefühlen gefährden. Die Welt dreht sich langsamer in Neustadt, die natürlichen Instinkte sind stumpf: Dank einer regelmäßigen Glücksinjektion, die die Menschheit vor ihrem unvorhersehbaren, rohen Verhalten verschont. Schmerz, Wut, Neid, Krankheit oder gar Kummer sind ein Fremdwort.  Wie könnte es auch anders sein, die Gesellschaft strebt nach Perfektion, nach Schönheit, nach Vollkommenheit. Auf den natürlichen genetischen Zufall zu setzten, wenn ein neues Leben entsteht, das müssen die Reichen deshalb schon lange nicht mehr. Wie auch, so kann man wie in Peas Fall, nur ein mittelmäßiges Ergebnis erzielen. Peas scheint nicht nur äußerlich mit den Gleichaltrigen kaum mithalten zu können, sie ist auch nicht so glücklich wie ihre Freunde, verfügt über wenig Talent. Wen wundert es da, dass ihr immer noch kein Partner zugeteilt wurde und ihre Liebe zu Lucky nur ein unerfülltes Sehnen bleibt. Doch als von einem Tag auf den anderen durch einen Zufall die Glücksdroge versagt und Peas Blick durch die rosarote Brille sich schärft, will sie ihr selbstbestimmtes Leben, in dem sie fühlt, schmeckt, atmet und vor allem klar denkt, nicht mehr aufgeben ... Doch das bringt unvorstellbare Konsequenzen mit sich, den das System arbeitet anders, als den glücklichen Neustädtern vorgegaukelt wird.

Lena Klassen hat mit ihrem Roman "Wild" das Rad nicht ganz neu erfunden. Parallelen zu anderen Dystopien wie z.B. Cassia & Ky fallen klar ins Auge. Dennoch hat sie es geschafft eine Zukunftsvision zu erschaffen, die in meinen Augen durchaus lesenswert ist und stolz den Vergleich mit den berühmten Vertreter des Genres standhält.

Das liegt vor allem an dem absolut unerwarteten und für Jugendromane unkonventionellen Schluss. Ohne hier vorzugreifen, kann ich den Lesern versprechen, dass sie mit solch einem Ende nicht rechnen werden. Überhaupt ist es der zweite Teil des Romans, der in den Bann zieht, der überrascht und immer wieder erschüttert. Die erste Hälfte des Buches ist aus meiner Sicht dagegen an manchen Stellen zu langatmig und auch nicht immer überzeugend. Vor allem die Liebesgeschichte zwischen Peas und Lucky ist es, die mich nicht einnehmen konnte, zu blass ist sie, zu wenig leidenschaftlich, zu wenig "wild"! (Ganz davon zu schweigen, dass meine Erwartungen nach dem eingangs erwähnten Mattim und Hanna - Kuss Welten höher liegen)

Mittlerweile denke ich jedoch, dass dies ein Kunstgriff von Frau Klassen war, um den verwirrenden Emotionen Peas - gerade was andere männliche Figuren angeht - mehr Zündstoff zu geben.

Dies ist Lena Klassen durchaus gelungen. Ich hungere nach einem zweiten Teil und würde liebend gerne lesen, ob die Geschichte aus ihrer Feder so weitererzählt wird, wie ich sie in meinem Kopf weitergesponnen habe. Denn, lieber Leser, das Ende von "Wild" schreit nach einer Fortsetzung

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271 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 49 Rezensionen

liebe, freundschaft, tod, verlust, familie

Wie Blüten im Wind

Kristin Hannah , Marie Rahn
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 14.01.2013
ISBN 9783548284774
Genre: Romane

Rezension:

Die Beziehung von Zwillingspärchen fasziniert seit jeher: Zwei Menschen, die zusammen aufwachsen, zwischen denen ein unausgesprochenens Einverständis herrscht, die von Beginn ihres Lebens an durch ein unsichtbares Band verbunden sind und kompromisslos für den anderen Einstehen - doch wie schmerzhaft muss es sein, wenn diese Geschwisterbeziehung durch einen tragischen Unfall gekappt wird und nur ein Zwilling überlebt? Wie verarbeiten Eltern einen solchen Verlust? Jeder Mensch, der Zwillinge in ihrer natürlichen Einheit erlebt hat, muss ahnen, dass sich damit ein unvorstellbarer Abgrund auftut und eine klaffende Wunde entsteht, die nie mehr wieder heilen kann.

Kristin Hannah spitzt die Tragik in ihrem Roman "Wie Blüten im Wind" jedoch noch zu. Sie erzählt die Geschichte der 18-jährigen Lexi, die ihre Kindheit mutterlos und vernachlässigt erlebt und erst lernt, was Freundschaft und Liebe bedeutet, als sie das Zwillingspaar Mia und Zach kennenlernt. Mit dem Tod Mias verliert Lexi nicht nur ihre einzige Freundin und ihre große Liebe, sie muss ohmächtig mitansehen, wie ihr ihr Leben entgleitet und der Albtraum ihrer Kindheit sie einholt.

Schon nach wenigen Seiten des Romans war ich unsicher, ob ich weiterlesen sollte. Nicht weil mir der Schreibstil und die Erzählweise Hannahs nicht zusagte - ganz im Gegenteil. Jedes ihrer wohl gewählten Worte nahm vorweg, dass sie das Leid der Protagonisten unbeindruckt und ungeschminkt offenlegen würde - doch genau das stellte mich vor die Frage: Will ich wirklich eintauchen in dieses Meer aus Schmerz und Tränen?

Ich habe mich dazu entschlossen, die Augen zuschließen und mich einfach kopfüber in die Geschichte zu stürzen, die weit vor dem Unfall einsetzt. Bevor Kristin Hannah die Bombe platzen lässt, baut sie vor den Augen ihrer Leser eine bunte Welt auf, fast perfekt, in der sich zwischen der vom Schicksal gebeutelten Lexi und der sensiblen Mia eine unumstößliche Freundschaft entwickelt. Die zarten Gefühle, die Lexi für Mias Zwillingsbruder empfindet, werden genauso glaubhaft dargestellt, wie die Liebe der Zwillingsmutter zu ihren Kindern.

Als in der Mitte des Buches das Unfassbare passiert, verkehrt sich die perfekte Welt und die Protagonisten fallen allesamt für sich allein in einen Abgrund aus Schuld und Sühe, Schmerz und Hoffnungslosigkeit. Können Sie sich gegenseitig irgendwann verzeihen und sich mit der Vergangenheit versöhnen?

Mein Fazit: Kristin Hannah ist eine äußerst talentierte Geschichtenerzählerin. Immer wieder habe ich mir Stellen markiert, die so lautmalerisch und unkonventionell sind, dass ich nicht einfach darüber hinweglesen konnte. Die große Stärke des Romans liegt wohl auch darin, dass Hannah die Geschehnisse aus unterschiedlichen Perspektiven schildert, mal aus Sicht des Bruders, mal aus Lexis Sicht und immer wieder aus der Perspektive der trauernden Eltern. Auch hat mich als Zwilling die Thematik des Romans besonders gereizt. Dennoch ist die Geschichte für meinen Geschmack einen Hauch zu dramatisch und besitzt bisweilen Längen. Ich empfehle "Wie Blüten im Wind" denjenigen, die sich nicht davor scheuen, Tränen zu vergießen. Am Ende wird das Durchalten belohnt.

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liebe, berlin, österreich, lyrik, alpen

Liebe unter Fischen

René Freund
Fester Einband: 205 Seiten
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 28.01.2013
ISBN 9783552062092
Genre: Romane

Rezension:

Fred Firneis ist ein Schöngeist wie er im Buche steht. Er beschäftigt sich nicht nur mit existentiellen Fragen, sondern steckt selbst fest in einer Existenz- und Schaffenskrise. Früher sprudelten die Worte des Erfolg-Lyrikers nur so, heute sprudelt vor allem der Alkohol. Firneis hat sich verloren, im Überfluss, in der Schnelligkeit, in der Tristesse des Alltags. Das ist ein Problem – nicht allein für Fred. Denn nicht nur der Markt lechzt nach Poesie-Nachschub des Dichters, auch seine Verlegerin, die kurz vor dem finanziellen Ruin steht. Doch wie nur kann die Schreibkrise des österreichischen Berliners überwunden werden? Wie nur kann schnellstmöglich ein neuer Gedichtband entstehen?

Die Antwort ist klar: Nur mit rabiaten Mitteln. Mehr oder weniger in die Wildnis der österreichischen Alpen ausgesetzt, soll Fred zu sich finden. Abgeschnitten von der Außenwelt findet er jedoch viel mehr. Die vermeintliche Einöde entpuppt sich als Naturparadies, verschlossene und einsilbige Einheimische als neue Freunde und eine hübsche Biologin als eine wahre Muse. Doch kann sich der Schöngeist vom bleiernen Ballast des Alltags wirklich befreien und wieder lernen richtig zu "Atmen"?

René Freunds Roman "Liebe unter Fischen" ist ein Kleinod für diejenigen, die zusammen mit Fred Firneis die Uhren ausstellen wollen und sich treiben lassen von Gedanken und Gefühlen, vom natürlichen Rhythmus des Tages und den Kräften der Natur – ein Buch also für Leser, die sich Zeit nehmen möchten, die Welt mit Kinderaugen neu zu entdecken, das Wunder des Gewöhnlichen zu bestaunen und in der Langsamkeit das Leben – das sonst rasend schnell vorbeizieht – wieder zu spüren.

Aus meiner Sicht ist es weniger der Plot, von dem "Liebe unter Fischen" lebt, sondern der einzigartige Erzählrythmus und die wunderschönen Bilder, die Fred in seinen Briefen an seine Verlegerin festhält: Ist der Ton und der Rhythmus zu Beginn des Romans noch dem Großstadtleben des Schriftstellers angeglichen, klingt alles schrill, schnell, laut. Da sind die vielen SMS der Verlegerin, die unzähligen Anrufe auf dem AB, das ungeduldige Klopfen an der Tür, der maßlose Alkoholkonsum – alles wirkt übersättigt, der Kopf dröhnt. Spätestens in der Einfachheit und Kargheit der Berghütte wechselt der Ton. Der Erzählfluss erscheint plötzlich langsamer, gemächlicher und reiner. Je mehr sich das Gemüt des Lyrikers klärt, umso länger und tiefgründiger werden seine Briefe, in denen er offen seine Gedanken, Ängste und Wünsche kommuniziert. Der Leser kann sich zurücklehnen, mit Fred Firneis das Jodeln lernen, eintauchen in die Farbe des "Juchitzers" und sich überwältigen lassen von den erst kitzelnden und später überschäumenden Gefühlen einer jungen Liebe. Und freilich gewinnt der Roman wieder an Fahrt, Schnelligkeit und Esprit, wenn die Schauplätze wiederum wechseln und Fred kopfüber eintaucht in sein "neues Leben".

Den Vergleich mit "Gut gegen Nordwind", der auf dem Buchcover gezogen wird, hält "Liebe unter Fischen" aber nicht stand – oder besser ausgedrückt: Die beiden Romane sind schlichtweg nicht vergleichbar. „Gut Gegen Nordwind“ ist ein moderner Liebesroman. In "Liebe unter Fischen" steht dagegen die Entwicklung des Autors Fred im Mittelpunkt: Die Suche nach sich selbst, die Suche nach einem Rettungsanker in einem übersättigten und von den Reizen des Technologiezeitalters überfluteten Leben, die Suche nach einem Sinn, die Suche nach dem Glück. Freilich ist auch Fred verliebt, quillt über vor Emotionen beim Gedanken an seine Mara. Dieses zarte Verliebtsein ist jedoch nie dominierend, sondern ein Baustein in des Dichters Neuanfang.

Aus meiner Sicht steht "Liebe unter Fischen" für sich und wird alle diejenigen begeistern, die die Augen öffnen für wunderschöne Bilder und sich begeistern lassen vom Witz und den ausgefeilten, zuweilen komischen Charakteren.

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11.274 Bibliotheken, 172 Leser, 6 Gruppen, 840 Rezensionen

liebe, sterbehilfe, behinderung, jojo moyes, unfall

Ein ganzes halbes Jahr

Jojo Moyes , Karolina Fell
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Taschenbuch, 21.03.2013
ISBN 9783499267031
Genre: Romane

Rezension:

Mark Twain sagte einmal – so heißt es – dass der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen derselbe Unterschied sei, wie zwischen einem Blitz und einem Glühwürmchen. Ich habe dieses Zitat lange nicht wirklich verstanden. Doch jetzt tu ich es. Ich verstehe seine Worte, seit ich Jojo Moyes Roman „Ein ganzes halbes Jahr“ gelesen habe. Ihre Geschichte hat mich wie ein Blitz getroffen, ihre einfachen, aber umso treffenderen Worte hallen wie Donnerschläge in meinem Kopf nach und haben mir die Augen geöffnet auf ein sensibles und stilles Thema, vor dem ich bisher gut und gerne meine Ohren verschlossen habe.

Genauso geht es der schusseligen und liebenswürdigen Louisa Clark, die ein denkbar unspektakuläres Leben in einer englischen Kleinstadt führt. Louisa weiß weder ob sie ihren von Körperfettwerten besessenen Freund eigentlich liebt, noch was sie überhaupt vom Leben will, bis die Suche nach einem neuen Job sie zufällig an Will Traynor geraten lässt: Einen C5/C6 Tetraplegiker, von der oberen Brust ab gelähmt, ein Mann mit einem leeren Blick, der sich fest entschlossen hat nicht mehr dem energiegeladenen und lebensbejahenden Senkrechtstarter zu ähneln, der er vor seinem Unfall mal war.

Dieser Roman, der mit Louisas Arbeit als Pflegekraft und Aufpasserin  für den „von seiner Krankheit ermatteten und vom Leben ermüdeten“ Will beginnt, ist die berührende Geschichte zweier Menschen, die sich unter normalen Umständen niemals begegnet wären, die unterschiedlicher nicht sein könnten, doch deren Seelen sich auf unergründliche Weise berühren. Die Geschichte von zwei Menschen die ein stilles Glück in einem Meer aus Schmerz erleben, die sich herausfordern, trösten und heilen und dennoch lernen müssen Entscheidungen aus Liebe zu akzeptieren, auch wenn sich alles in einem dagegen sträubt.

Nachhaltig beeindruckt hat mich aber nicht nur das Beziehungsgeflecht zwischen dem „nervenden, launenhaften, schlauen, humorvollen Will, der den Professor Higgins spielen wollte“ während Lou die Eliza Doolittle gab, sondern die schonungslose und befreiend mehrdimensionale Darstellung all der unvorstellbaren Herausforderungen, mit denen Tetraplegiker täglich zu kämpfen haben.  Da ist nicht nur die Rede von fehlender Bewegungsfreiheit, man liest von einer „unendlichen Serie von Demütigungen und Gesundheitsproblemen, von Risiken und Schmerzen“, von Ängsten und falschem Mitleid. Man erfährt, dass ein solcher Unfall nicht nur das Leben des Betroffenen ändert, sondern ganze Familien in ihren Grundfesten wanken lässt, man liest von der mehr als wichtigen Arbeit von Pflegern wie dem unerschütterlichen Nathan, man liest ebenso von einem seltenen Lächeln, so wertvoll wie ein ganzes Königreich, und vor allem liest man von Sinnlichkeit, da wo man sie nie erwartet hätte!

Denn gerade diese Sinnlichkeit, die aufkommt, wenn Louisa Wills rosafarbene Nägel betrachtet, die nur mehr von anderen geschnitten werden können, die aufkommt beim männlichen Geruch seiner Haut oder bei der Berührung seiner Finger, lässt sich nicht ignorieren und darüber hinwegtäuschen, dass jenseits des Rollstuhls immer noch ein Mensch mit Gefühlen und Bedürfnissen sitzt.

Mir fiele noch so viel mehr ein, was es über dieses stille, handlungsarme (in Bezug auf die wenigen Ortswechsel, was die Geschichte in Anbetracht von Wills Bewegungsunfähigkeit nur noch eindringlicher macht), aber dafür umso tiefere Buch zu sagen gibt, doch nur noch eins: Auch wenn bei Jojo Moyes Roman „Ein ganzes halbes Jahr“ kein Auge trocken bleibt, ist die Geschichte von Will und Lou absolut lebensbejahend – mehr noch: eine Laudatio darauf, nicht im Stillstand zu verharren, sich täglich aufs neue herauszufordern und hoch erhobenen Hauptes ein „unerschrockenes Leben“ zu führen – denn es ist zu wertvoll, um nur eine Sekunde zu vergeuden!

Dieses eindringliche Buch über den unerschrockenen Will und die leuchtende Lou hat mich wahrhaft bereichert!

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493 Bibliotheken, 5 Leser, 4 Gruppen, 64 Rezensionen

entführung, australien, wüste, liebe, stockholm-syndrom

Ich wünschte, ich könnte dich hassen

Lucy Christopher , Beate Schäfer
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Carlsen, 20.01.2011
ISBN 9783551520081
Genre: Jugendbuch

Rezension:

ICH BIN FASSUNGSLOS
Noch immer klingen die einzelnen Sätze von Lucy Christophers Roman “Ich wünschte, ich könnte dich hassen” in meinen Ohren und machen mich sprachlos. Ich bin sprachlos darüber, was ich in den letzten 24 Stunden gelesen, nein, vielmehr gierig in mich aufgesogen habe: Die Geschichte einer Entführung, deren Plot, so schrecklich, so unvorstellbar wie er ist, nur weniger Worte bedarf: Ein junges Mädchen, Gemma, gerät am Flughafen in die Hände ihres Häschers. Alles ist von langer Hand geplant. Bevor sie sich versieht, strandet sie im australischen Nirgendwo, gerissen aus der ihr bekannten Welt. Dort wo sie nun festgehalten wird gibt es kein Entrinnen, es gibt keine Hoffnung, nur Verzweiflung, karges, tödliches Land und Ty…

Wie kann es also dennoch sein, dass Gemmas Hassgefühle umschlagen in so etwas wie Liebe? Wie kann es sein, dass das todbringende Land ihrer Gefangenschaft sich spürbar wandelt in eine lebendige Oase? Und wie kann es sein, dass der Leser in Ty, Gemmas Entführer, nicht zwingend ein Monster sieht, sondern die Augen richtet auf den gebrochenen, sensiblen Teil seiner Seele? Ich bin wie betäubt von den schmerzhaften Wegen, die diese Geschichte und ihre Protagonisten gehen. Und gleichzeitig bin ich sprachlos, dass ich diese Entwicklung völlig glaubhaft empfinde und jeden ihrer Gedanken verstehen kann.

Aber wie soll ich das in nachvollziehbare Worte fassen? Wie soll ich eine Rezension über ein Buch schreiben, dass so anders ist, sich so grundlegend von bekannten Mustern unterscheidet, dass man selbst nicht glauben kann, was man da gelesen hat? Wie soll ich dem Leser klar machen, dass “Ich wünschte, ich könnte dich hassen” ein mehr als lesenswertes Buch ist, obwohl es von Dingen erzählt, die sich kein Mensch auf dieser Welt wünscht, die verstörend und furchtbar sind? Wie kann ich ihm vermitteln, dass die Geschichte um Gemma und Ty hart, grausam und traurig, aber gleichzeitig sanft, zart und wunderbar leuchtend ist – sanft wie der Flügelschlag des Nachtfalters in Gemmas Händen, zart wie der kühl die Haut liebkosende Morgen in Sandy Desert, leuchtend wie die Abertausend Sterne über dem einsamen Haus im Nirgendwo, in dem Gemma sich aufgegeben und neu erfinden musste.

Ich bin fassungslos über die Idee, die diesem Buch zugrunde liegt. Über die Geschichte, die Lucy Christopher erzählt, eine Geschichte, die ich mir in den kühnsten Träumen nicht hätte ausdenken können. Ich bin fassungslos darüber, was diese Geschichte mit mir gemacht hat. Ich bin fassungslos, welch unvermutetes Leben, welch unerwartete schönheit Lucy Christopher dem Leser in der kargen Landschaft der australischen Wüste offenbart. Ich bin fassungslos, weil ich genau weiß, was krank und falsch ist, und trotzdem spüre, was Gemma spürt und weil sich böse und gut vor meinen Augen vermischen. Ich bin fassungslos über das Ende der Geschichte, das gut und richtig war und weil ich mir insgeheim genauso wie Gemma ein anderes Ende hätte vorstellen können. Ich bin fassungslos, was geschriebene Worte auslösen können. Ich bin fassungslos weil ich bunte Farben vor meinen Augen sehe, Kringel, Punkte, bin fassungslos, weil ich wie ein Vogel über Sandy Desert fliege. Ich bin verstört, atemlos, vor allem aber bin ich froh Gemmas und Tys Geschichte gelesen zu haben.

Lieber Leser, ich weiß nicht, ob diese Geschichte das gleich mit Dir macht, wie mit mir. Aber eins verspreche ich Dir – sie wird Dich berühren!

Zu guter Letzt sei eins gesagt: “Ich wünschte, ich könnte dich hassen” ist mitnichten ein Jugendbuch. Erwachsene Leser sollen sich nicht davon abhalten lassen, in die Geschichte von Gemmas Entführung einzutauchen.

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140 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 25 Rezensionen

raben, fantasy, nikola hotel, prag, gestaltwandler

Rabenblut drängt

Nikola Hotel
E-Buch Text
Erschienen bei Nikola Hotel, 18.06.2012
ISBN B008CQYYQK
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Manchmal dauert es Wochen, Monate, gar Jahre, bis es wieder passiert: Bis man ein Buch in den Händen hält, bei dem man Wort für Wort, Zeile für Zeile, spürt, dass man ein Kleinod aufgetan hat – einen Leseschatz, der vor dem inneren Auge eine Parallelwelt eröffnet, in der man atmet und leidenschaftlich lebt, bis man die letzten Buchstaben in sich aufgesogen hat. „Rabenblut drängt“ von Nikola Hotel gehört zu diesen einzigartigen Büchern.

Nur durch Zufall bin ich auf das E-Book aufmerksam geworden, das für gerade mal 3,99 Euro feilgeboten wird – ein Preis, der einem nahezu lächerlich gering vorkommt, hat man erst einmal bemerkt, welch außergewöhnliches Buch man in den Händen hält.

Die Autorin erzählt die Geschichte eines Raben, halb Mensch, halb Tier, auf dem seit Generationen ein Blutfluch lastet. Tief in den urwüchsigen Wäldern des Böhmerwaldes zurückgezogen, versucht der Protagonist Alexej sich und seinen Schwarm zu schützen und dem Schicksal zu trotzen, das den Vätern bereits zum Verhängnis geworden ist – jedoch vergeblich. Als sich die Ereignisse überschlagen, und der Fluch nicht nur den Schwarm, sondern auch das Leben von Isabeau gefährdet, einer jungen Frau, die in Alexej längst begrabene Hoffnungen weckt, muss er sich seinen Widersachern stellen.

Liest man diesen Plot, könnte man denken: Nicola Hotel bedient sich im Auftaktroman ihrer Rabensage einem altbekannten Erfolgsrezept. Mystische Elemente werden geschickt zu einem Cocktail mit köstlichen Zutaten wie Spannung, Herzschmerz und Liebe gemischt, den jede leidenschaftliche Romantasy-Leserin gierig und nur allzu gerne verschlingt. Nun, mit dieser Einschätzung hat man nicht unrecht: „Rabenblut drängt“ ist mystisch, romantisch, herzzerreisend und höllisch spannend – Die Geschichte um Alexej und Isabeau ist aber noch viel mehr. Im Gegensatz zum Romantasy-Mainstram hat es Nicola Hotels Geschichte geschafft, mich tief zu berühren.

Ihre Erzählweise hat Töne in mir angeschlagen, die bis heute nachklingen. Schon nach wenigen Seiten hat die bildhafte und lautmalerische Sprache meine Sinne geschärft und so nachhaltig zum Schwingen gebracht, dass ich nicht mehr nur Hotels Worten über ihren atmosphärischen Schauplatz gelauscht habe, sondern selbst knirschend Schritt für Schritt durch den Böhmerwald gewandelt bin. Bei jedem Flügelschlag Alexejs hab ich die „wispernden Winde“ um meine Ohren gespürt und immer wieder Bilder vor mir gesehen – völlig unkonventionell, völlig neu – die mich dazu verleitet haben, innezuhalten und darüber nachzudenken und mich schließlich mit einem Lächeln auf den Lippen wieder eintauchen ließen in diese Welt, die mit Worten geschaffen wurde, aber einen so lebendig fühlen lässt, als wäre man selbst vor Ort.

Dieses völlige Eintauchen in die Geschichte wird jedoch nicht nur durch die bildhaften Naturbeschreibungen möglich, sondern auch durch die Musik. Der Leser lauscht nicht einfach den Klängen beim Spiel Alexejs auf dem Piano: bunt schwirrt vor dem inneren Auge jeder Ton durch die Luft, mal sanft, mal kreischend, bis man sich selbst mehrmals schelten muss, warum man eigentlich – ähnlich wie Isabeau – bis jetzt der klassischen Musik eine Absage erteilt hat.

Jenseits der sprachlichen Finesse sind es aber vor allem die eigensinnigen und authentischen Charaktere, die „Rabenblut drängt“ auszeichnen (und immer wieder zum Schmunzeln bringen): Wer wünscht sich nicht eine solch lebendige Freundin wie Lara? Wen berührt nicht das tollpatschige, aber so herzliche Auftreten von Jaro, dem Raben-Neuling? Wer lässt sich nicht allzugerne anstecken von der sprudelnden Energie von Nikolaus? Und wer ist nicht gebannt von der bedrohlichen Präsenz, die von Sergius ausgeht?

Über „Rabenblut drängt“ gibt es so viel zu sagen, dass es den Rahmen einer Rezension sprengt. Deshalb nur folgendes: Lest dieses bezaubernde Buch, in dem ihr längst vergessenen Worten der Bildungssprache begegnen werdet (zum Beispiel „genant“), in dem ihr Musik atmen werdet (zum Beispiel von Dvořák , Liszt und Rachmaninov), in dem ihr das wilde, lebendige und leider vielen immer noch so fremde Osteuropa erleben werdet. Lest dieses Buch und spürt, was es bedeutet, wenn einem durch die Brille der Literatur eine sinnliche Welt erschlossen wird. Von Nicola Hotels Rabensage wird man– so hoffe ich – noch sehr viel mehr hören.

Ich für meinen Teil wähle nun ausschließlich den längeren Weg durch den angrenzenden Park, bei dem mich schon von Weitem das laute „Kroak“ meiner neuen Rabenfreunde begrüßt…

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Tags: osteuropa, raben, romantasy   (3)
 

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1.770 Bibliotheken, 36 Leser, 7 Gruppen, 278 Rezensionen

krebs, liebe, tod, freundschaft, krankheit

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

John Green , Sophie Zeitz
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 30.07.2012
ISBN 9783446240094
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Von tickenden Zeitbomben und einem schiefen Lächeln

Halb Deutschland scheint über John Green zu reden, hab ich mir gedacht, als ich innerhalb von kurzer Zeit immer wieder über diesen Namen und den eindrücklichen Titel: “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” gestolpert bin. Irgendwann wollte ich dann einfach testen, ob die Geschichte um die zwei krebskranken Protagonisten Hazel und Gus, wirklich das halten kann, was die Feuilletons der Republik einhellig preisend und jubelnd versprechen: “Der beste John Green den, es je gab”, ein Buch, “das jeder lesen” sollte, “anmutig, komisch, kostbar”, das zum Weinen und zum Lachen bringt – so heißt es da. Und dass es zurzeit kein bewegenderes Buch geben soll.

Kann das wirklich stimmen, stellt sich da die Frage oder wird hier maßlos übertrieben und ein Autor willentlich gepuscht? Mit diesen Gedanken hab ich begonnen das Jugendbuch über die 16-jährige Hazel zu lesen, die “gerne ein Mensch war”, der das Schicksal aber in ihren jungen Jahren schon übel mitgespielt hat. “Schilddrüsenkrebs, mit umfänglichen und hartnäckigen Metasthasen in der Lunge” ist Hazels Bilanz, oder in anderen Worten: das Leben als “tickende Zeitbombe”, wie man schon nach einigen Seiten des Romans erfährt. Eigentlich sollte sich der Leser an dieser Stelle fragen, ob er Lust hat auf eine solch traurige, erschütternde und vor allem vorhersagbare Geschichte? Will man sich antun, von Sterben und Leid, von Verzweiflung und Krankheit zu lesen? Will man das wirklich?

Kurzum, die klare Antwort lautet ja! Man will und man will mehr, Seite um Seite! Man will mehr erfahren über diese vom miesen Schicksal verratene Hazel, die weiß, dass sie sich eigentlich nicht beklagen braucht, denn immerhin ist es noch besser “mit 16 an Krebs zu sterben, als ein Kind zu haben, das an Krebs stirbt”. Man will mehr von ihrem schwarzen Humor, ihrem Willen zu leben und vor allem will man mehr von Hazel und Gus, die sich abrupt und ohne Vorwarnung in einer Selbsthilfegruppe ineinander verlieben. Man will mehr von dieser Liebesgeschichte, die nicht kitschig oder niedlich ist, sondern heftig, witzig, absolut unverkrampft, die immer wieder pendelt zwischen der nötigen Schwere und einem bezaubernden Augenzwinkern…

Völlig ohne Vorwarnung habe auch ich als Leserin diesen Gus ins Herz geschlossen und “sein schiefes Lächeln”, das Hazel so gern an ihm hat, genauso wie die Art, “dass er Geschichten immer bei jemand anderen enden lies”, oder seine Stimme, bei der sich Hazels Haut plötzlich ganz anders anfühlt. Am allerbesten fand ich aber seine erste Liebeserklärung an Hazel, die er nebenbei fallen lässt: “Ich fasse es nicht, dass ich auf ein Mädchen mit so billigen Wünschen stehe”!

Doch Hazels Wünsche sind nicht billig, sondern naheliegend. Sie will Gus, sie will leben und außerdem ihren Lieblingsschriftsteller kennen lernen. Und genau das wird Hazel in Amsterdam tun, denn Gus erfüllt ihr diesen Wunsch und begibt sich mit ihr auf die Reise seines Lebens – im wahrsten Sinne des Wortes.

Natürlich will ich nicht verheimlichen, dass dieses Buch nicht nur fröhlich und unverkrampft ist. Wie sollte es auch, geht es doch um eine Liebe in Zeiten des Krieges: Der Krieg gegen den Krebs ist “ein Bürgerkrieg, ein abgekarteter Bürgerkrieg, bei dem der Sieger feststeht“, muss Gus feststellen. Und damit hat er recht, aber eben nur teilweise: Denn auch mit “gezählten Tagen” kann man sich gegenseitig “eine Ewigkeit schenken” – und das ist die Geschichte von Hazel und Gus!

Mein Fazit: Ich habe gelacht und geweint, als ich dieses “doofe Krebsbuch” gelesen habe und tue es immer noch – mit einem schiefen Lächeln.

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Tags: gus, john green, jugendbuch, krebs   (4)
 

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261 Bibliotheken, 1 Leser, 5 Gruppen, 78 Rezensionen

thriller, wassermann, mord, ertrinken, see

Wassermanns Zorn

Andreas Winkelmann ,
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Wunderlich, 17.08.2012
ISBN 9783805250375
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Einige Tage sind bereits verstrichen, seit ich den Thriller Wassermanns Zorn von Andreas Winkelmann beendet habe. Bewusst habe ich mich nicht sofort hingesetzt und meine Gedanken dazu zu Papier gebracht. Vielmehr wollte ich warten, bis sich das unmittelbare Geschehen im Denken verflüchtigt und sich der bleibende Leseeindruck festigt. Ist es doch genau dieser Eindruck, der im Nachklang – auch Wochen und Monate später – bestehen bleibt und die persönliche Lesebeziehung zum jeweiligen Buch bestimmt, stolpert man wieder über dasjenige.

Was ist nun hängen geblieben von Wassermanns Zorn und wie nachhallend erlebe ich das Gelesene?

Kurzum, der Eindruck ist ein ganz anderer, als hätte ich sofort begonnen zu rezensieren: Es ist nämlich keinesfalls die Polizeiarbeit – das jedem Thriller bzw. Krimi innenwohnende Lösen des Rätsels – über das ich nun berichten will; auch ist es weder der geschlechterspezifische und hierarchische Grundkonflikt, der die Beziehung der ermittelnden Kommissare prägt, noch der Eindruck, den die vielen unterschiedlichen Charaktere – angefangen vom Täter über die einzelnen Opfer bis zu den Helden des Romans – hinterlassen.

Vielmehr ist es eine ästhetische Komponente, die Andreas Winkelmanns Thriller bestimmt: Schließe ich die Augen und lasse mich zurückfallen in die Welt des Wassermanns, tun sich immer wieder die gleichen Sinneseindrücke auf:

Es ist düster, ich höre das Schilf rascheln, lausche den Geräuschen des Wassers, spüre das Nass um mich herum – scheinbar harmlos und idyllisch. Doch plötzlich ist sie da, die Panik, ich höre mein Herz schlagen, spüre eine dunkle Gegenwart, möchte mich fortbewegen, möchte fliehen – vor was? Ich weiß es nicht, nur ahne ich, dass ich fliehen muss – sofort! Es scheint zu funktionieren – Hoffnung flackert auf. Doch dann – ohne Vorwarnung – werde ich hinabgezogen in das Reich des Wassermanns, immer tiefer und tiefer. Ich versuche mich zu wehren, halte die Luft an, doch meine Lunge birst. Bald muss ich atmen, spüre Hände um mich – die mir die Luft nehmen, mich wiegen … doch nun ist es zu spät, ich atme … und der Wassermann tanzt mit mir, meine Haare wie ein wunderschöner Schleier im Nass. Die Geräusche verebben, alles ist friedlich, sinnlich, leise, düster …

Aus meiner Sicht ist die große erzählerische Leistung von Andreas Winkelmann, das Grauen nicht in seiner Plumpheit und Brutalität darzustellen, sondern ästhetisch, fast poetisch. Lässt den Leser normalerweise eine blutige Darstellung die Augen schließen und angewidert wegsehen, schaut er bei Winkelmanns Erzählung genau hin – versteinert und gebannt, unfassbar ob der Umstände. Leitmotivisch zieht sich dieses Spiel mit sich scheinbar ausschließenden Sinneseindrücken durch die Mordserie des Buches und verfestigt das Bild des wahrlich tanzenden Wassermanns.

Den Inhalt des Romans will ich nicht nacherzählen, bringt es doch ein Thriller per se mit sich, dass er vom Nicht-Wissen des Lesers und der sich entwickelnden Spannung lebt. Nur so viel: Die Geschichte um die ermittelnde Kommissarin Sperling hat mich nicht in dem Maße bewegt, wie der ästhetische Ansatzpunkt und der kluge und stimmige Aufbau des Romans. Aus meiner Sicht sind einige der Charaktere zu blass und im Nachklang schnell vergessen; eine Ausnahme bildet dabei der Taxi-fahrende Frank, der sich in das Herz des Lesers stiehlt.

Kurzum, Wassermanns Zorn ist ein empfehlenswerter Roman für Leser, die weniger Wert auf blutige Thriller, aber dafür auf eine handwerklich hervorragend erarbeitet Geschichte (gelungene Perspektivwechsel, unvorhersehbarer Aufbau) legen und offen sind für eine unkonventionelle Darstellung des Grauens.

Dank an Lovelybooks und den Rowohlt Verlag für das kostenlose Leseexemplar.

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Tags: thriller, wassermanns zorn   (2)
 

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1.513 Bibliotheken, 18 Leser, 9 Gruppen, 200 Rezensionen

dystopie, liebe, dark canopy, joy, rebellen

Dark Canopy

Jennifer Benkau
Fester Einband: 524 Seiten
Erschienen bei script5, 01.03.2012
ISBN 9783839001448
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Dystopien haben Hochkonjunktur. Schon vor mehreren Jahrzehnten haben Autoren wie Aldous Huxley („Brave New World“, 1932) oder George Orwell („1984“, 1949) mit Romanen, die in einer negativen erfundenen Gesellschaft spielen, Furore gemacht. Heute hat der Hype um die Anti-Utopien, in denen individulle Rechte mit Füßen getreten werden und Krieg und Unterdrückung herrschen, beinahe jedes Jugendzimmer erreicht.

Auch „Dark Canopy“ von Jennifer Benkau nimmt den Leser mit auf eine Reise in die Zukunft, in der die Menschen unterjocht werden und in Angst und Schrecken leben. Die Percents, künstlich geschaffene Soldaten, haben die Weltherrschaft übernommen. Als „Kampfmaschinen“ für den 3. Weltkrieg gezüchtet, sind sie den Menschen körperlich weit überlegen. Doch sie haben einen Feind: Das Sonnenlicht verbrennt ihre Haut. Aus diesem Grund wurde die Welt verdunkelt. Tag ein, Tag aus schleudert eine Maschine Staub in die Atmosphäre und hat der Bevölkerung nicht nur das Licht, sondern auch den Lebensmut genommen. Ein Dasein in Resignation ist „grauer Realität“. In dieser Welt wächst die 20jährige Joy auf. Sie jedoch gehört zu den Wenigen, die sich den Unterdrückern widersetzen und außerhalb der Stadtmauern wohnen. Joy ist als Freiheitskämpfern auf ein Leben im Untergrund geschult. Dennoch fällt auch sie eines Tages den Percents in die Hände und damit ist ihr Schicksal besiegelt. Als Soldatin für die jährlich stattfindende Menschenjagd auserkoren, bleibt ihr nur die Aussicht auf einen grausamen Tod oder bestenfalls eine Zukunft als Gebärmaschine im Zuchtprogramm der Percents… Doch gerade unter den Feinden gibt es jemanden, der dieses Schicksal nicht akzeptieren will und damit sein eigenes besiegelt!

Schon als ich den Plot von Jennifer Benaus Roman gelesen habe, war klar, dass „Dark Canopy“ Potential hat und mir ein nettes Lesewochenende bescheren wird. „Nett“ ist jedoch weit gefehlt! „Dark Canopy” hat nicht „nur“ Potential, der Roman hat mich gepackt und nicht mehr losgelassen. Noch immer, während ich dies schreibe, bin ich gefangen von dem Zauber, der Benkaus’ Dystopie innewohnt. Dieser Zauber wohnt zwischen den Zeilen, zwischen den Figuren, zwischen Joy und Neel.

Er ergibt sich aber in erster Linie daraus, dass „Dark Canopy“ mich überrascht hat. Das Buch folgt nämlich nicht hundertprozentig dem gängigen Muster eines Jugendromans. Zwar bedient sich Benkau auch typischen Erfolgszutaten und hat die Geschichte um eine unmögliche Liebe zwischen Feinden in einer dystopisch geprägten Welt als Fortsetzungsroman angelegt. Dennoch ist “Dark Canopy” anders: Der Roman ist grausamer, düsterer, spannender und begnügt sich nicht in typischer Jugendroman-Manier mit dem ersten Kuss und „übermoralisierenden“ Botschaften. Wo Gewalt sonst nur angedeutet wird, liest man von einem „eingetretenen Brustkorb“ auf dem Gehweg, von „blutverklebtem Harr“ und fehlenden „Schädelrückseiten“. Man liest von Trauer und Schmerz, von Menschen die brechen und verzweifeln, von Tränen, Tod und Resignation, von Vergewaltigung, Schuld und Enttäuschung. Man liest aber auch von unverhoffter Freundschaft, von Hoffnung, von Widerstand, Versöhnung und von Liebe. Zu verwechseln ist diese Liebe jedoch nicht mit dem so weit verbreiteten Kitsch. Es ist eine Liebe gewachsen in Zeiten des Krieges, ungewollt, lästig, gefährlich: „Wenn ich eine Wahl hätte, wärst Du mir egal“, heißt es da, doch gibt es keine Wahl, wenn die Gefühle zuschlagen. Und deshalb „muss man manchmal etwas riskieren, ohne hundertprozentig zu wissen, wie es ausgeht.“

Dass Benkau diese Zeilen aus der Mitte des Buches mehr als nur zufällig gewählt hat, wird gegen Ende von „Dark Canopy“ klar. Die letzten 50 Seiten des Romans ähneln einem Ritt in die Hölle. Noch immer kann ich die Angst riechen, die alles umgibt, noch immer stockt mein Atem, noch immer fliegen die Bilder hastig vor meinem inneren Auge vorbei und noch immer hämmert die Einsicht des Romans in meinem Kopf: „Sie waren alle gleich“, Unterdrückte wie Unterdrücker!

„Dark Canopy“ ist nichts für „schwache Nerven“ und für Leser, die erwarten, dass am Ende alles gut ist. Allen anderen sei der Roman mehr als empfohlen: spitzzüngige Dialoge, die nicht nur einmal zum Schmunzeln bringen, elektrisierende Spannung, und eine berührende Liebesgeschichte machen den Reiz von „Dark Canopy“ aus! Die Fortsetzung soll im Frühjahr 2013 erscheinen, doch „Dark Canopy“ lässt sich bestens als Einzelroman lesen.

Für mich bisher die beste Dystopie des Jahres!

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65 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 29 Rezensionen

berlin, gesichtsblindheit, anthonis, mode, historischer roman

Die Sprache der Schatten

Susanne Goga
Flexibler Einband: 445 Seiten
Erschienen bei Diana TB, 09.05.2011
ISBN 9783453354685
Genre: Historische Romane

Rezension:

Stell Dir vor, Du wachst auf und plötzlich hat sich Dein Leben verändert. Nichts ist mehr wie es war, Du fühlst Dich vollkommen hilflos, die Menschen um Dich sind Dir fremd. Eines ist dagegen sicher, Du kannst nicht weiterleben wie bisher, Dein früheres Leben ist vorbei. Nur weißt Du das noch nicht.

So fulminant beginnt der Prolog des Buches „Die Sprache der Schatten“ von Susanne Goga. Der Leser ist sich bewusst, dass er Anteil nimmt an einer schicksalshaften Wendung im Leben eines Menschen, die Identität dessen bleibt aber verborgen. Trotzdem zieht er bereits erste Schlüsse und ahnt, dass das Hauptmotiv des Romans, die im Klappentext angekündigten Menschen ohne Gesichter, hier seinen Ursprung hat. Damit hat die Autorin eines geschafft, sie hat die Neugier des Lesers geweckt. Ungeduldig flogen auch bei mir die Augen weiter über die Zeilen, was hat es mit diesem Geheimnis nur auf sich?

Das Geheimnis um die gesichtslosen Menschen ist es auch, das die Hauptperson Rika Conrad nicht mehr loslässt. Mehr noch, ihr Drang den rätselhaften Bildern des Berliner Malers Anthonis nachzuspüren, nimmt so ungeahnte Ausmaße an, dass sie ihre Familie und ihr bisheriges Leben aufs Spiel setzt und diese zu zerbrechen droht.

Rika Conrad übernimmt nach dem Tod ihres Mannes zusammen mit ihrem gleichaltrigen Stiefsohn Alexander die Führung einer aufstrebenden Berliner Damenkonfektion. Ihr geschäftliches Engagement ist in dem Berlin der 1880er Jahre für eine Frau noch sehr ungewöhnlich. Dennoch lässt Alexander Rika gewähren, hat er doch ein Auge auf seine Stiefmutter geworfen. Doch nicht nur die Zuneigung Rikas will Alexander erzwingen, auch für seine Schwester Anna hat er bereits die passende Partie im Auge. Aber Anna liebt einen jungen Juden und das Drama nimmt seinen Lauf…

Bietet das familiäre Plot schon reichlich Sprengstoff, bringt Rikas Interesse für den Maler Anthonis das Fass zum überlaufen. Zu Beginn ist sie fasziniert von seinen Bildern, auf denen kein einziges Gesicht zu erkennen ist. Schnell jedoch bemerkt der Leser die ersten Anzeichen jenseits des künstlerischen Interesses. Rika ist besessen davon zu erfahren, wer Anthonis wirklich ist und welches Leben er führt. Ob ihrer Verliebtheit vergisst sie jedoch Anna, ihren Schützling, der machtlos den strategischen und egoistischen Plänen Alexanders ausgeliefert ist und damit sprichwörtlich ins Verderben rennt.

Susanne Gogas Historienroman „Die Sprache der Schatten“ beginnt verheißungsvoll kann aus meiner Sicht jedoch die anfänglich geschaffenen hohen Erwartungen nicht einhalten. Zwar bleibt der Roman über weite Strecken hin spannend und Goga schafft es das geschäftige Treiben der aufstrebenden Hauptstadt Berlin bildhaft einzufangen. Dennoch habe ich am Ende das Buch mit Enttäuschung weggelegt. Grund dafür ist sicherlich, dass das egoistische Verhalten der Protagonistin Rika entnervend ist. Auch wenn die Welt vor ihren Augen untergeht, zu zählen scheinen nur ihr persönliches Glück und ihre Selbstverwirklichung. Auch Anthonis, eine Figur mit anfänglich großem Potential wirkt zunehmend blass. Dass mit dem Bösewicht Alexander letztlich abgerechnet wird, ist somit nicht voll befriedigend. Rika hat die Sympathie des Lesers gleichermaßen verspielt, da reicht auch kein zu spät gekommenes Schuldeingeständnis. Insgesamt zeigt sich hier also wieder, was man als Vielleser so oft erlebt: Ein sehr gutes Plot ist keine Garantie dafür, dass das Lesevergnügen bis zum Ende anhält.

Dennoch möchte ich betonen, dass mir Susanne Gogas bildreiche Sprache sehr gut gefallen hat. Herzlichen Dank an dieser Stelle außerdem an Lovelybooks und an den Diana-Verlag für das kostenlose Leseexemplar!

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478 Bibliotheken, 5 Leser, 3 Gruppen, 74 Rezensionen

liebe, london, krieg, familie, erster weltkrieg

Die Wildrose

Jennifer Donnelly , Angelika Felenda
Flexibler Einband: 752 Seiten
Erschienen bei Piper, 02.05.2012
ISBN 9783492300384
Genre: Historische Romane

Rezension:

„Vor langer Zeit hatte Willa ihr Bein verloren und gelernt, mit dem Verlust zu leben. Er [Seamie] hatte sein Herz verloren. Zum zweiten Mal nun. Und musste lernen mit dem Verlust zu leben. Ohne sie – ohne die Frau, die seine Seelenverwandte war. (S. 313)

Diese drei Zeilen bringen das Leitmotiv bzw. den Plot des Romans “Die Wildrose“ von Jennifer Donnelly auf den Punkt. Zwar ist der knapp 750-Seiten-starke Schmöker in der Tradition eines Familienromans gehalten; das heißt, dass auch der dritte Teil der Rosen- Trilogie unterschiedliche Erzählstränge beinhaltet, in denen das Schicksal bzw. das Leben verschiedener Familienmitglieder weitererzählt wird.

Im Mittelpunkt der „Wildrose“ steht aber die „wahnsinnige und rücksichtslose Liebe“ zwischen den Protagonisten Willa und Seamie. Ich bediene mich an dieser Stelle bewusst eines Zitats, denn besser könnte man diese Liebe nicht beschreiben. „Die Wildrose“ ist aus meiner Sicht keine Liebesgeschichte. Vielmehr beschreibt Donnelly über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg die zerstörerische und an Besessenheit grenzende Beziehung zwischen Willa und Seamie, eine unheilbare emotionale Bindung, die mit den Worten von Willas Bruder Albie gesprochen nur mit „Wahnsinn“ beschrieben werden kann und durch ihre „Rücksichtslosigkeit“ andere Menschen ins Unglück stürzt.

Willa und Seamie kennen sich bereits seit Kindertagen. Aus einer innigen Freundschaft entsteht zwischen den Heranwachsenden Liebe. Sie teilen nicht nur die Gefühle füreinander, sondern auch ein Lebensgefühl. Denn beide sind Abenteurer und wollen die Welt entdecken. Auf einer gemeinsamen riskanten Bergtour in Afrika verliert Willa jedoch ihr Bein. Für diesen Verlust macht sie ihren Geliebten verantwortlich und beginnt ein neues Leben am Himalaya, um dort in der Einsamkeit Tibets ihre „Wunden zu lecken“. Seamie, inzwischen ein berühmter Polarforscher – war er doch an der ersten erfolgreichen Expedition an den Südpol beteiligt – kann seine große Liebe Willa nicht vergessen. Trotz dieses Wissens heiratet er Jennie, denn an ihrer Seite – so glaubt er – kann er seine Besessenheit zu Willa zumindest betäuben. Keine guten Voraussetzungen für Jennie, die sich heftig in Seamie verliebt hat. Und wie es nicht ander sein kann, tritt Willa kurz nach der Hochzeit des Paares wieder in Seamies Leben und das Schicksal nimmt seinen tragischen Lauf…

Die Rosentrilogie von Jennifer Donnelly hat besonders unter Frauen eine große Fangemeinschaft in Deutschland. Ich habe die beiden Vorgängerromane nicht gelesen, sondern bin direkt mit dem dritten Teil in die Familiensaga eingestiegen. Die große Stärke des Buches liegt darin, dass man den Roman auch ohne Kenntnis der beiden anderen Bücher gut lesen kann.

Dennoch hat mich „Die Wildrose“ nicht hundertprozentig überzeugt. Zu tragisch, zu konstruiert und auch zu polarisierend empfinde ich die Geschichte um Willa und Seamie.

Zu tragisch deshalb, weil beim Lesen stets ein bitterer Beigeschmack geblieben ist. Zu offensichtlich war für mich von Anfang an, dass diese „Liebesgeschichte“ ihre „Bauernopfer“ fordert: So z.B. die Lückenbüßerin Jennie, die aus meiner Sicht zu sehr zum Statisten degradiert wird.

Zu konstruiert deshalb, weil der Zufall aus meiner Sicht zu oft und zu offensichtlich den Verlauf der Geschichte lenkt. So tritt der Bösewicht Max nicht nur rein zufällig im Himalaya und in London in Erscheinung, sondern trifft Willa letztlich auch in den Wirren des 1. Weltkriegs im fernen Damaskus wieder – rein zufällig, nur um eines von zahlreichen Beispielen zu nennen.

Zu polarisierend deshalb, weil das Heldentum der Charaktere in „Die Wildrose“ zu ausgeprägt ist. Da haben wir Seamie, den allseits bekannten Polarforscher; Willa, die todesmutige Abenteuerin, die nicht nur allein am Himalaya zu recht kommt, sondern mit nur einem Bein und als „Frau“ (zur Erinnerung: wir bewegen uns Anfang des 20. Jahrhundert) zur Kriegsheldin, Spionin und erfolgreichen Kartografin mutiert. Nebenbei erobert sie die Herzen einer ganzen Riege von Männern – auch der vermeintlichen Feinde. Und nicht zu vergessen Willas Bruder Albie, der Stille und Unscheinbare. Freilich geht das Heldentum auch an diesem Denker nicht vorüber – Im Verborgenen versucht er schon seit Jahren sein Vaterland als Geheimdienstler zu retten…

Trotz meines relativ nüchternen Urteils ist „Die Wildrose“ ein gut zu lesender Roman für diejenigen, die sich nicht an diesen märchenhaften Elementen stören lassen, denn das Buch hat auch auch seine Stärken. Ganz besonders hervorzuheben sind hier die historischen Hintergründe und Figuren, die Donnelly immer wieder gut recherchiert einfließen lässt.

Mein persönliches Highlight ist das Ende des Romans. Donnelly hat mit dem vermeintlichen Bösewicht Max von Brandt alle Register gezogen – und all ihre Leser getäuscht. Dieses unvorhersehbare Ende fand ich bemerkenswert und sehr versöhnlich. Damit hat Donnelly es geschafft die Einteilung in Gut und Böse – schwarz und weiß – selbst zu verwischen und hat ihr persönliches Statement zum sinnlosen Blutvergießen im ersten Weltkrieg gegeben. Respekt für diesen Kniff!

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Tags: 1. weltkrieg, abenteuer, familiensaga, himalaya, liebe, rosentrilogie   (6)
 

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392 Bibliotheken, 4 Leser, 4 Gruppen, 115 Rezensionen

paris, liebe, san francisco, new york, handy

Nachricht von dir

Guillaume Musso , Eliane Hagedorn , Bettina Runge
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Pendo Verlag, 12.03.2012
ISBN 9783866123137
Genre: Romane

Rezension:

Es passiert in den seltensten Fällen: Der Titel „Nachricht von Dir“ von Guillaume Mussos Roman hat mich lange zögern lassen, das Buch überhaupt zu beginnen. Er hat mich von Anfang an an einen vorhersehbaren Liebesroman erinnert – ein Genre, das durchaus seine Berechtigung hat, mich aber nicht anspricht. Letztlich hat die Neugier über die Bedenken gesiegt, was eindeutig dem Plot zuzuschreiben ist.

Die Geschichte um zwei vertauschte Handys und eine daraus resultierende Bekanntschaft hat mich als bekennenden Fan des Glattauer-Romans „Gut gegen Nordwind“ gelockt: Bei Musso sind es zwar keine E-Mails, sondern Kurznachrichten und Telefonate über die sich die Protagonisten kennenlernen; doch das Prinzip ist das Gleiche: Per Zufall vertauschen Madeleine und Jonathan am New Yorker Flughafen ihre Mobiltelefone. Sehr ärgerlich, denkt man daran, wie wichtig heutzutage das Handy geworden ist. In den meisten Fällen dient es nicht mehr nur der Erreichbarkeit, sondern ist zur persönlichen kleinen Schatztruhe geworden, einer Art Tagebuch. Verwaltet werden dort nicht nur Kontakte und SMS, auch Termine, Mails und vor allem persönliche Fotos und Videos. Kurzum, das Handy ist heute vergleichbar mit einem Wohnungsschlüssel: Es bietet Eintritt in die intimste Privatsphäre eines Menschen. Da ist es fast unmöglich der Einladung zu widerstehen, sich ein wenig genauer umzusehen …

„Katz und Maus“ heißt passenderweise der erste Abschnitt des dreiteiligen Romans von Guillaume Musso: Nachdem die Hauptpersonen den unfreiwilligen Handytausch bemerkt und sich darüber verständigt haben, die Telefone schnellstmöglich zurückzusenden, können sie nicht davon ablassen, einen genaueren Blick hineinzuwerfen. Ab diesem Zeitpunkt kommen alle Glattauer-Fans auf ihre Kosten. Denn der spitze SMS-Kontakt zwischen Madeleine und Jonathan ist genauso köstlich und amüsant wie zwischen Emmi und Leo! Und genauso wie bei „Gut gegen Nordwind“ bleibt es bei „Nachricht von Dir“ nicht bei einer flüchtigen Bekanntschaft. Vielmehr geraten die Hauptdarsteller in einen Strudel, müssen mehr über den anderen erfahren, können nicht aufhören weiter zu recherchieren, weiter in das Leben des nun nicht mehr ganz Unbekannten einzudringen, werden süchtig danach … Doch anders als bei „Gut gegen Nordwind“ ist dies nicht in erster Linie die Initialzündung einer Liebesgeschichte, sondern eines Thrillers. Denn Madeleine und Jonathan haben beide mehr zu verbergen, als es scheint.

Die große Leistung von Guillaume Mussos Roman liegt genau in diesem unverhofftem Genrewechsel. Nichts weist darauf hin, dass sich hinter der Romanze von Madeleine und Jonathan ein mitreißender Krimi versteckt, die Geschichte hinter der Geschichte. Um so überraschter ist der Leser und umso spannender steigt man ein in Abschnitt zwei des Buches. Meine Bedenken haben sich also nicht bewahrheitet. „Nachricht von Dir“ ist keineswegs nur eine kitschiger Lovestory, sondern ein überraschender und schneller Roman. Dennoch kann ich mich nicht dazu entschließen, das Buch in den gleichen Tönen zu loben, wie viele andere Rezensenten. Denn meiner Meinung nach fällt im letzten Drittel des Buches die Qualität merklich ab: Zu konstruiert wirkt die Geschichte dann, zu schablonenhaft werden die Helden gezeichnet, zu sehr verfällt der Erzählton nunmehr in den typischen Rhythmus eines amerikanischen Actionromans, zwar spannend, doch der Tiefgang ist verloren.

Kurzum, „Nachricht von Dir“ ist bestens für einen kurzweiligen Lesetag geeignet. Ein Buch, an das man sich lange erinnern wird, ist es jedoch nicht. Dennoch bleibt mir Guillaume Musso als Autor sehr sympathisch. Das liegt jedoch nicht an dieser Geschichte, sondern an den Zitaten, die er jedem Kapitel vorangestellt hat. Seit Jahren – so schreibt er im Nachwort – notiere er beim Lesen Sätze, die ihn zum Lachen und zum Träumen bringen, die ihn berühren oder gar beeindrucken. Und hier beeindruckt mich Guillaume Musso, denn ob Lord Byron, Carlos Ruiz Zafón, Milan Kundera oder Marguerite Yourcenar, mit seiner Lektüre spricht er mir aus der Seele …

  (9)
Tags: guilaume musso, handy-roman, nchricht von dir, spannung, thriller   (5)
 

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160 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 52 Rezensionen

liebe, frankreich, paris, briefe, annie

Das geheime Prinzip der Liebe

Hélène Grémillon , Claudia Steinitz
Fester Einband: 255 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 22.02.2012
ISBN 9783455400960
Genre: Romane

Rezension:

Stille Wasser sind tief – diese Volksweisheit kennt wohl jeder. Man denkt dabei an einen Menschen – oftmals ruhig und zurückhaltend – den man glaubt, schnell einordnen zu können. Doch beim näheren Hinsehen merkt man, dass man einer Fehleinschätzung unterlegen ist. Genauso ging es mir mit Hélène Grémillons Roman „Das geheime Prinzip der Liebe“. Als ich das ansprechende Cover und den Titel gelesen habe, vermutete ich, einen Liebesroman in den Händen zu halten. Keine Schnulze, das war klar, sondern in bekannt französischer Manier eine tragisch-schicksalshafte Erzählung, sprachlich souverän und ironisch. Selten habe ich mich so grundlegend getäuscht.

„Das geheime Prinzip der Liebe“ erzählt die Geschichte der schwangeren Camille, die nach dem Tod ihrer Mutter mysteriöse Briefe von einem Unbekannten erhält. Er schreibt darin vor der Kulisse des beginnenden 2. Weltkriegs von seiner bedingungslosen Liebe zu einer jungen Malerin. Diese wiederum lässt sich seinen Schilderungen zufolge auf eine diabolische Abmachung mit ihrer unfruchtbaren Gönnerin ein und will ihr ein Kind schenken. Diese wahnwitzige Idee löst eine zerstörerische Kettenreaktion aus und beeinflusst das Schicksal aller im Roman beteiligten Personen, seien es die sorgenden Eltern der Schwangeren, die unschuldige Dienerin der Gönnerin, oder der liebende Autor der mysteriösen Briefe. Und selbst Camille ergreift ein unvorstellbarerer Verdacht: Ist auch sie Teil dieser düsteren Geheimnisse?

„Das geheime Prinzip der Liebe“ ist aus meiner Sicht kein Liebesroman, sondern vielmehr ein Psychogramm: Der Roman zeigt auf, welche unvorstellbaren Abgründe in Menschen schlummern, wie nachhaltig individuelle Entscheidungen das gesamte Umfeld beeinflussen und welche unaufhaltsamen Kettenreaktionen damit ausgelöst werden. Hélène Grémillon spielt dabei meisterhaft und mit einer bedrückenden Eindringlichkeit mit dem Leitmotiv der Ambivalenz: Denn ob „Schuld und Sühne“, „Glück und Unglück“, „Opfer und Täter”, “Liebe und Hass” – Grémillon führt unmissverständlich vor Augen, dass Opfer im Nu zu Tätern werden können und dass aus dem Glück des einen das Unglück des anderen erwachsen kann. Und manchmal bedeutet das eigene Glück auch das eigene Verderben… Kurzum, sie beschreibt die zerstörerische Kraft der Liebe.

Ambivalent ist auch die Sprache Grémillons: einerseits wunderbar poetisch, jedoch auffallend schnörkellos, fast schlicht. Der Roman beginnt zart, fast zerbrechlich, später wird er rasant, und bedrückend: Der Leser erlebt eine Achterbahn der Gefühle. Mehrmals musste ich durchatmen, das Gelesene sich setzen lassen. Fast wie eine Ertrinkende fühlte ich mich ab Mitte des Buches, hineingezogen in einen Sog- in einen sich immer stärker verdichtenden Alptraum – aus dem es jedoch kein Entrinnen gibt. Denn wie im Wahn muss man weiterlesen, Stück für Stück jedes noch so unbarmherzige Geheimnis lüften, bis man am Ende angekommen ist, fassungslos, ungläubig, voller Entsetzen, aber auch beglückt und erleichtert. Denn man weiß eins: Hélène Gémillons Debüt-Roman „Das geheime Prinzip der Liebe“ ist ein Meisterwerk: düster, unvorhersehbar, eindringlich, berührend!

Ausdrücklich gelobt sei Claudia Steinitz, die den Roman aus dem Französischen übersetzt hat: Sie hat genau die richtigen Worte gefunden, um die poetische Sprache Grémillons auch im Deutschen klingen zu lassen wie ein fein gestimmtes Instrument!

  (11)
Tags: 2. weltkrieg, eifersucht, hass, liebe, paris, spannung   (6)
 

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647 Bibliotheken, 9 Leser, 11 Gruppen, 96 Rezensionen

dystopie, enklave, hebamme, zukunft, jugendbuch

Die Stadt der verschwundenen Kinder

Caragh O'Brien , Oliver Plaschka
Fester Einband: 462 Seiten
Erschienen bei Heyne, 24.01.2011
ISBN 9783453528000
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Ich habe das Bild einer Gebärenden vor Augen, schweißüberströmt in einer Hütte liegend. Sie ist unendlich erschöpft, doch gleich hat sie es geschafft. Nur noch die letzen Wehen, dann der erlösende Schrei des Babys. Dann ein neues Bild. Gaia, die Hebamme mit dem kleinen Bündel im Arm, das Klappern ihrer Sohlen in den Gassen. Schnell, schneller, nur noch 10 Minuten. Sie hastet dahin, fliegt der Mauer entgegen, das neue Leben geborgen an ihrem Herzen. Der Mond geht auf, schon sieht sie die Lichter der Stadt. Die Minuten verrinnen, kaum noch Zeit. Doch dann erreicht sie die Wache. Ein Blick auf die Uhr. Das warme Bündel wandert in offene Arme, ein Augenblick, dann schließt sich das Tor.

So fulminant erlebt man den Einstieg des Romans „Die Stadt der verschwundenen Kinder” – hier mit wenigen Worten aus meiner Erinnerung zusammengefasst. Nach diesem verheißungsvollem Auftakt war ich in Hochstimmung und äußert gespannt, ob auch der weitere Teil der Geschichte die hohe Messlatte halten kann – Kurzum: Der erste Roman aus Caragh O´Briens Jugendbuchtriologie hat meine Erwartungen übertroffen. Selten hat man ein Buch in der Hand, bei dem schon die ersten Zeilen nachklingen und im Handumdrehen für Kopfkino der Extraklasse sorgen. Der Leser ist von Beginn an mitten im Geschehen, ahnt, dass sich bereits in der eben geschilderten ersten Szene Bedeutendes ereignet. Gleichzeitig ist er jedoch verunsichert und liest wachsam weiter. Man kann sich nur schwer verorten, glaubt sich im Mittelalter. Doch weit gefehlt! Erst im Kontext lassen sich Zeit und Raum erschließen.

Die junge Hebamme Gaia lebt zwar in mittelalterlichen Verhältnissen, doch in ferner Zukunft. Aufgrund von Klimakatastrophen hat sich die Welt verändert. Kaum Vegetation, die Rohstoffe sind denkbar knapp, fließendes Wasser und Strom ist Luxus einer längst vergangenen Zeit. Zumindest für die Bewohner außerhalb der Mauern. Die Stadt selbst ist als Enklave organsiert: Abgeschlossen und auf einem vermeintlich höherem Entwicklungsstand. Doch trotzdem sind die privilegierten Stadtbewohner auf die Neugeborenen außerhalb der Mauer angewiesen. Jeden Monat müssen Gaia und ihre Mutter auf Anordnung der Enklave die ersten drei Neugeborenen abgeben – innerhalb einer vorgegebenen Zeitspanne von ein bisschen mehr als einer Stunde nach der jeweiligen Geburt. Gaias Mutter erfüllt diese Pflicht gewissenhaft – auch wenn es nicht einfach ist, den Müttern ihre Kinder zu entreißen. Doch trotzdem werden Gaias Eltern plötzlich ohne Vorwarnung verhaftet und in die Enklave verschleppt. Ab diesem Zeitpunkt beginnt Gaias rasante und abenteuerliche Suche nach ihren Eltern, bei der sie mehr als einmal nur knapp dem Tod entrinnt. Doch um ihre Eltern zu befreien, muss sie den brisanten Geheimnissen auf die Spur kommen, die ihre Mutter mit allen Mitteln vor der Enklave zu verhüten versucht…

Die Stadt der verwunschenen Kinder hat alles, was sich der passionierte Dystophie-Leser wünscht: Einen spannungsgeladenen Plot und natürlich eine Protagonistin, die in einer überkommenen und sich entfremdeten Gesellschaft mit all ihren Kräften gegen die sozialen Repressionen und für ein letztes bisschen Menschlichkeit kämpft – Das Leben zuerst! Der Leser verfolgt außer Atem jeden Schritt Gaias und erlebt dabei eine Ausnahme-Heldin. Wie üblich eine Schönheit? Nein, O´Brien sei Dank lesen wir endlich einmal, dass man nicht perfekt sein muss – in Gaias Fall durch ein vernarbtes Gesicht entstellt – um auf der Jugendbuchbühne die Hauptrolle zu ergattern und – ein Herz zu erobern. Denn natürlich gehört zu einer guten Geschichte auch ein Hauch Romantik.

Caragh O´ Briens Roman „Die Stadt der verschwundenen Kinder“ ist das vielleicht beste Jugendbuch, das ich seit Langem gelesen habe. Ich freue mich auf jeden Satz des Nachfolgeromans „Das Land der verlorenen Träume“ !

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Tags: die stadt der verschwundenen kinder, dystophie, fantasy, spannung   (4)
 

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793 Bibliotheken, 9 Leser, 7 Gruppen, 141 Rezensionen

liebe, krieg, loduun, außerirdische, dystopie

Sternenschimmer

Kim Winter , Maria-Franziska Löhr
Fester Einband: 576 Seiten
Erschienen bei Planet Girl, 15.07.2011
ISBN 9783522502788
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Man stelle sich eine Welt vor, in der das Leben von den Auswirkungen der Klimaveränderungen gezeichnet ist. Bewohnbar ist noch ein kleiner Teil der Erde – vor der Ozonstrahlung durch eine Glaskuppel geschützt – der Rest ist von Wasser bedeckt. Die Menschen mussten enger zusammenrücken, haben aber aus ihren Fehlern gelernt. Kriege gibt es auf dieser Welt schon lange nicht mehr. Deswegen ist es für die Vereinten Nationen der Erde auch selbstverständlich, Kinder und Jugendliche des Lichtjahre entfernten Planeten Loduun aufzunehmen, als dort kriegerische Konflikte zwischen den Clans entbrennen. Auch Mia will helfen. Die 17-jährige meldet sich als ehrenamtliche Helferin. Ihre Aufgabe ist es, die traumatisierten Kriegsflüchtlinge zu betreuen, mit ihnen zu spielen, sie zu trösten und die Eingewöhnung auf der Erde zu erleichtern. Im Handumdrehen wachsen Mia ihre Schützlinge ans Herz. Besonders der kleine Tony und die kleine Hope haben es ihr angetan. Sie geht in ihrer Arbeit auf, alles läuft bestens, bis Hopes großer Bruder Iason aus dem Krankenhaus entlassen wird: Es trifft Mia wie ein Blitz, als sie den jungen Mann vom „Clan des Stolzes“ zum ersten Mal sieht. Bläulich schimmert seine Haut, intensiv und strahlend empfindet sie seine außerirdischen Augen, aber das Schlimmste: Er bringt Mia vollkommen durcheinander. In seiner Gegenwart weiß sie nichts zu sagen, weg ist ihr Selbstbewusstsein, ihre Schlagfertigkeit. Von Anfang an verbindet Mia und Iason eine explosive Mischung aus gegenseitiger Faszination und Spannung. Die beiden sind wie Feuer und Wasser, stoßen sich wie zwei Magneten ab und ziehen sich dann doch wieder an. Hitzige Wortgefechte und Missverständnisse sind da vorprogrammiert. Doch plötzlich ändert sich alles, als die Handlanger des Kriegstreibers Lokondra auch auf der Erde auftauchen und Mia und Iason erfahren, was sie wirklich verbindet …

Mit dem Auftakt der Fantasy-Triologie Sternenschimmer ist Kim Winter eine wahre Perle des Genres gelungen. Aber nicht nur eine zauberhafte Liebesgeschichte ist es, die den Leser in den Bann zieht, der Roman gewinnt ab Mitte des Buches an Fahrt und ist spannend bis zur letzten Seite. Der Clou dabei ist jedoch, dass Kim Winter ihre Action-geladene Liebesgeschichte mit einer gehörigen Prise Heiterkeit würzt: z.B. als von der liebevoll dussligen Mutter die Rede ist, über die man einfach lächeln muss, wenn Mia im Kühlschrank Dinge findet, die doch besser im Bad aufgehoben wären. Oder von einer Mia, bei der Wohlfühlen mit Niesen verbunden ist, was manchmal ganz schön verräterisch sein kann … Dann sind da noch die vielen kleinen Gegensätze zwischen Menschen und Loduunern, die einen immer wieder zum Schmunzeln bringen: „Ist das irdisch oder Mia?“ ist die Frage, die Iason mehr als einmal stellen muss, denn so manche Eigenheiten der Erdbewohner muten doch unverständlich an, wenn ein vernunftbestimmtes Volk auf die emotionalen Irden trifft.

Sternenschimmer ist meiner Meinung nach ein rundum gelungener Jugendroman: Themen wie Toleranz und Andersartigkeit, Tierschutz und Ehrenamt sind genauso wichtige Aspekte der Geschichte wie Krieg und Freundschaft, Völkerverständigung und Hoffnung. Zu guter Letzt ist da natürlich auch noch die Liebe: Diese ist, so wie man erfährt, ein typisch menschliches Gefühl – für die vernunftbestimmtem Loduuner ist dagegen Solidarität und familiäre Verbundenheit bestimmend. Ein echte Herausforderung für Mia: Vielleicht schafft sie es trotzdem, Iason zu zeigen, was Liebe ist?

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Tags: außerirdische, dystophie, liebe, loduun, spannung   (5)
 

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(15)

34 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

liebe, schreiben, mittdreißiger, freundschaft, stummfilm

Fräulein Kellermann und die Kunst des Schwärmens

Andrea Voß , any.way , Barbara Hanke , Cordula Schmidt
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 01.11.2007
ISBN 9783499245657
Genre: Romane

Rezension:

Ein paar Stunden sind vergangen, seit ich Fräulein Kellermann und die Kunst des Schwärmens beendet habe und immer noch habe ich diese eine Melodie im Ohr, die ich zukünftig unweigerlich mit dem Buch verbinden werde: "Da waren sie, die ersten schlichten, langsamen Gitarrenakkorde von Johnny Cashs' Hurt ... dann die Stimme: I hurt myself today - to see if I still feel - a focus on the pain - the only thing that's real... Und jetzt, das Ansteigen zum traurig-hoffnungsvollen Schlussakkord: And you could have it all..." Danach bin ich jedes Mal bewegt, aber auch erschöpft, genauso wie Perdita Kellermann. Aber ich bin auch glücklich. Denn ich habe einen neuen Schwarm. Er heißt "Fräulein Kellermann und die Kunst des Schwärmens":

Lieber Leser, glauben Sie mir, Sie wollen nicht, dass ich nun ansetze und in aller Einzelheit den Inhalt wiedergebe. Seien Sie versichert, lieber wollen Sie verführt werden, wollen sich einfach nur entspannen und zuhören, nachspüren und schwärmen ... Wir probieren ein kleines Experiment. Ich versuche Ihnen eine kleine Kostprobe der Atmosphäre aufzuzeigen, die Sie bei der Lektüre dieses unglaublich originellen Romans erwartet:

Schließen sie die Augen, hören Sie schon die Akkorde der Gitarre? Riechen den Rauch von Perdita Kellermanns selbstgedrehten Gauloises? Schmecken Sie bereits den erfrischenden Kräutertee, liebevoll vorbereitet? Oder lassen Sie sich gerade ein Stück der unvergesslichen Zartbitter-Schokolade Perditas für 35 Cent auf den Lippen zergehen? Geben Sie acht, vielleicht fühlen sie auch einen Wimpernschlag auf Ihrer Haut, sehen das Fräulein Kellermann beim Putzen, beim Lachen, sehen es vor sich, mit Blumen in der Hand, eine Frau die vom Markt kommt, dunkles langes Haar, "einen großen geblümten, bis oben hin vollen Henkelbeutel tragend, aus dem ein Ciabatta oder die roten Köpfe von Radieschen herauslugten". Das alles hat Pathos, Energie, und Sie möchten ein wenig mehr wissen von der fabelhaften Welt des Fräulein Kellermann, die nach mehreren Liebesleiden durch bewusste Herstellung äußerer und innerer Ereignislosigkeit genesen will. Sie macht es schneewittchengleich. Gibt ihren Alltag als Talkshowredakteurin auf und träumt sich in eine Welt hinter den Bergen, geschützt von ihren sieben Zwergen, die sie in Form von feinsäuberlich ausgewählten Putzjobs findet. Vielleicht hören Sie aber auch schon die dunkle Stimme von Alf am Telefon bei seinen unzähligen Stummfilmanrufen, denen Perdita nur schwer widerstehen kann, fühlen den glühenden Blick Osmans auf Ihrem Gesicht. Fühlen Sich ergriffen, sind neugierig, wollen mehr sehen, mehr lesen, wollen schwärmen ... Und ahnen, dass es bei dieser ersehnten Ereignislosigkeit im Leben von Fräulein Kellermann nicht bleiben kann.

Das ist die Welt von Fräulein Kellermann. Ich weiß, womöglich finden Sie diese Informationen spärlich und auch verwirrend. Aber glauben Sie mir, wenn Sie zum Schwärmen geboren sind, dann fangen Sie nun an zu lesen und ich verspreche Ihnen eins: Garantierte Heiterkeit!

Gesagt sei nur noch folgendes: Sie Frau Voß, hören Sie bitte nicht auf zu schreiben. Machen Sie weiter. Verführen sie Ihre Leser mit dieser rauchigen dunklen Stimme, dieser Sprachmelodie, diesem Pathos, dieser Eleganz. Denn Ihre Leser werden auch zukünftig von Ihnen schwärmen!

Ich klicke mitunter erneut auf den Youtube Link von "Hurt". Und alles beginnt von Neuem: "If I could start again - a million miles away - I would keep myself - I would find a way ..."

Probieren Sie es aus!

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Tags: frauenroman, großstadt, liebe, mittdreißiger   (4)
 

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(2.600)

3.265 Bibliotheken, 32 Leser, 17 Gruppen, 141 Rezensionen

liebe, freundschaft, england, leben, london

Zwei an einem Tag

David Nicholls ,
Fester Einband: 560 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 29.07.2009
ISBN 9783036955421
Genre: Romane

Rezension:

Es gibt Bücher, bei denen man schon nach den ersten Seiten erahnt, dass man eines dieser seltenen Exemplare gefunden hat, das dir mit jedem Wort ein Versprechen ins Ohr flüstert, dich lockt und deine Gier entfacht, so dass du weißt, dass in den nächsten Tagen nichts anderes zählen wird als diese eine Geschichte. „Zwei an einem Tag“ von David Nicolls ist so ein Buch. Schon nach dem ersten Kapitel war ich überrascht, aufgeregt und in Vorfreude auf das, was mich erwartet. In der Mitte habe ich das Buch geliebt, war aufgekratzt und ungläubig. Am Ende war mir klar, dass es zu den wenigen seiner Art gehören wird, an die ich mich auch nach Jahren noch gut und gerne erinnern werde und wo ich in Gedanken in sekundenschnelle wieder diese ganz besondere und eigene Gefühls-Note auferstehen lassen kann – ähnlich wie das Bouquet eines guten Weines.

Der Plot der Geschichte ist schnell erzählt: Emma und Dexter, beide Studenten, kommen zufällig am Abend ihrer Abschlussfeier ins Gespräch und verbringen die Nacht miteinander. Dann verlieren sich ihre Wege, schlagen unterschiedliche Richtungen ein. Dennoch verlieren sie sich nicht ganz aus den Augen. Über einen Zeitraum von 20 Jahren hinweg erhält der Leser immer am Tag ihres Kennenlernens Einblick in das Leben sowie die wechselseitigen Verwicklungen von Emma und Dexter.

Meiner Meinung nach ist es aber nicht der Plot, der das Buch zu dem macht, was es ist, sondern die Art, wie David Nicolls Geschichten erzählt: im Vordergrund steht nämlich kein handlungsreiches uns spannungsgeladenes Geschehen, sondern die Ausformung und Entwicklung seiner Charaktere, die er 20 Jahre lang begleitet. Zum Staunen hat mich bereits in der Schlüsselszene, dem ersten Kapitel, das Beobachterauge des Autors gebracht, wenn er seine Figuren zum ersten Mal beschreibt: Die Spitze von Emmas hübscher kleiner Nase „glänzte leicht fettig“, heißt es da und dass sie die ungeschminkten, himbeerroten Lippen beim Lächeln fest zusammenpresse. Dies – so vermutet Dexter, als er sie betrachtet – vermittle den Eindruck als unterdrücke sie ein Lachen oder irgendeinen tollen Witz und dies ist es auch, was ihn bleiben lässt in ihrem Bett an jenem besagtem Abend. Für mich bringt diese Sequenz auf den Punkt, was den besonderen Zauber dieses Romans ausmacht: Nicolls setzt auf das Unscheinbare, inszeniert das Unperfekte, überrascht mit dem Unerwarteten, denn wo sonst wäre es möglich, eine kleine fettige Nasenspitze zärtlich ins Rampenlicht zu rücken. Auch im weiteren Verlauf des Buches erhascht der Leser immer wieder gnadenlos unkonventionelle Blicke auf seine Protagonisten. Nicolls zeichnet beide mit all ihren Stärken uns Schwächen, mal liebeswürdig, mal weniger sympathisch, aber durchgängig nachvollziehbar, echt, spürbar.

Besonders überrascht hat mich dabei die Fähigkeit des Autors, einen weiblichen Charakter völlig glaubhaft darzustellen. Immer wieder habe ich mich dabei erwischt, dass ich mich mit Emmas Handlungen und Gefühlen identifizieren konnte, ich sie verstehen konnte und das, obwohl ein Mann die Entwicklung dieser Figur angelegt hat. Dies spricht wiederum für die besondere Beobachtungsgabe Nicolls: Er hat das Gesamtbild vor Augen, stellt aber die Dinge, die gewöhnlich nicht auffallen in den Mittelpunkt, die kleinen Nebensächlichkeiten, die aber eine Persönlichkeit ausmachen.

Mehr will ich nicht verraten –nur eins– der Leser, egal ob 20 oder 40, wird diese Figuren bis zum Schluss lieben und das Buch am Ende der letzten Seite fassungslos, aber auch glücklich schließen.

Kurzum, Zwei an einem Tag, ist für mich die Entdeckung des Jahres 2011!

Völlig abraten würde ich jedoch von der aktuellen Verfilmung mit Anne Hathaway. Ich bin zufällig darauf gestoßen und – wie soll man sagen – beruhigt, dass es unmöglich ist, literarischen Zwischentöne auf die Leinwand zu bringen!

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dystopie, liebe, gesellschaft, flucht, ally condie

Crossed

Ally Condie , Allyson Braithwaite Condie
Fester Einband: 367 Seiten
Erschienen bei Penguin Group USA, 03.11.2011
ISBN 9780525423652
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Monate sind ins Land gezogen, seit Cassia den Menschen verloren hat, den sie liebt, aber niemals lieben hätte sollen. Ihr Leben war perfekt. Das System hatte ihr eine sichere Zukunft versprochen, mit Xander, ihrem besten Freund als zukünftigen Ehemann. Doch durch einen unerklärbaren Fehler ist sie auf Ky aufmerksam geworden, einen Niemand, einen Menschen, der durchs System fällt. Dieser kleine Fehler hat alles verändert, Cassias Leben, ihr Denken, ihr Fühlen, ihre sichere Zukunft und ihren Glauben an alles Bisherige. Das einzige was ihr nunmehr bleibt ist ihr Glauben an Ky, keinen vollwertigen Bürger, sondern eine Aberration, der weit entfernt von Cassia als menschlicher Köder in den Äußersten Provinzen um sein Leben kämpfen muss.

Der Roman „Die Flucht“ von Ally Condie ist die Geschichte einer Suche. Cassia verlässt die Sicherheit ihrer Familie um Ky wiederzufinden. Freiwillige lässt sie sich in die Äußersten Provinzen versetzen. Dort gelingt ihr das Unmögliche, sie flieht, genauso wie Ky. Nach einer endlosen Suche in der Wildnis treffen sie wieder aufeinander. Doch was sollen sie nun machen? In der Gesellschaft ist kein Platz für beide zusammen. Welche Möglichkeit bleibt also? Sich der Revolution gegen das System anzuschließen, von dessen Existenz Cassia immer mehr überzeugt ist?

Als ich den Roman "crossed" ausgepackt hatte, habe ich sofort begonnen zu lesen, und war nach wenigen Seiten wieder absolut gefangen von der poetischen Sprache Ally Condies. Doch leider ist es bei den ersten Seiten geblieben. Schon im Mittelteil musste ich mich selbst motivieren, um weiterzulesen und auch gegen Ende wurde es nicht besser: Kurzum, der Roman hat mich enttäuscht.

Warum? Ally Condie schildert die verzweifelte Suche der Liebenden sowohl aus Cassias, als auch aus Kys Sicht, was für den Leser erstmals eine Bereicherung ist. Nunmehr ist es möglich, Einblick in die Gefühlslage beider Protagonisten zu erhalten, mit ihnen zu lieben, zu leiden und zu hoffen.

Dabei baut Condie eine enorme Erwartungshaltung auf: Die Wiedervereinigung des ungleichen Paares in der Ausgesetztheit der Wildnis ist wie eine scheinbare Erlösung. Doch nur nach wenigen Seiten stellt sich Resignation ein: Die Liebeschwüre wirken schwerfällig, oberflächlich. Allzu schnell holt der Alltag die beiden in den öden und immer gleichen Szenen in der Äußersten Provinz ein: Die Gruppe überwindet eine gefährliche Kletterpartie nach der anderen, windet sich durch Höhlen, sucht nach Andeutungen eines Aufstandes und das Seite um Seite um Seite… Durchbrochen wird diese Routine nur durch innere Monologe Cassias und Kys, ihre Dialoge hingegen sind nichtssagend. Ein Lichtblick in dieser stetigen Monotonie sind allein die Figuren von Eli und Indie, die ebenfalls auf der Flucht sind.

Unausgesprochen bleibt aber über den gesamten Roman hinweg: Was will Cassia wirklich, eine Zukunft mit Ky oder eine Aufgabe als Teil des Aufstandes gegen das System? Noch immer wirkt es, als hätte sie sich nicht endgültig entschieden. Und auch Xander tritt immer wieder als Rivale auf, der trotz seiner Abwesenheit als perfekter Gegenpart des zukunftslosen Kys gezeichnet wird. Das Gift dieser Unsicherheit nagt an Ky und beeinflusst sein Handeln und Denken. Der Leser schaut immer ungläubiger auf das sich Entwickelnde, auf eine Cassia, die doch gefunden hat, was sie wollte, doch immer noch sucht, auf einen Ky, den die Unwesen seiner Vergangenheit wieder einzuholen scheinen, auf zwei Menschen, die scheinbar füreinander bestimmt sind, sich jedoch verlieren, kaum dass sie sich berührt haben.

Und so steht man am Ende des Romans wieder vor Frage, die man doch schon lange geklärt zu haben geglaubt hat: Gibt es einen gemeinsamen Weg für Cassia und Ky? Findet Ky seine Bestimmung? Als Teil der Revolution, wohlmöglich als ihr Anführer? Oder gibt es irgendwo den Ort, denn er sich für ein Leben mit Cassia wünschen würde, einen Platz außerhalb des Kampfes des Systems?

Mehr Rezis in unserem Buchblog: http://www.scriba-ich-schreibe.de

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Tags: ally condie, die flucht, fortsetzungsroman, jugendroman   (4)
 

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liebe, vampire, lamia, fantasy, vampir

Der Kuss des Dämons

Lynn Raven
Fester Einband: 334 Seiten
Erschienen bei Ueberreuter, 01.01.2008
ISBN 9783800053513
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Julien DuCraine ist der Inbegriff dessen, was Mädchenherzen höher schlagen lässt: Er ist groß, schlank, hat dunkles, fast schwarzes Haar und bewegt sich mit gefährlicher Eleganz. Er ist ein Einzelgänger, ein wenig abweisend und arrogant, aber dabei auf beunruhigende Art schön. Doch Julien hat nicht nur Optisch was zu bieten: Er spielt Geige wie ein ganz Großer und ist noch dazu ein begnadeter Fechter. Das männliche Geschlecht behandelt ihn mit vorsichtigem Respekt, hegt aber insgeheim einen gewissen Groll gegen Julien. Und das ist kein Wunder. Nur wenige Tage nach seiner Ankunft an der amerikanischen High-School ist er der Traum aller Mädchen und hat schon etliche Herzen gebrochen. Nur die junge Dawn fällt nicht auf ihn herein – vorerst. Schon nach kurzer Zeit bröckelt auch Dawns Widerstand und sie verknallt sich gegen alle Regeln der Vernunft in Julien – und das, obwohl er ihr auf mehr als eindeutige Weise zu verstehen gibt, dass er diese Gefühle nicht teilt. Bald stellt sich jedoch heraus, dass Juliens scheinbare Abneigung gegen Dawn nur eine Fassade ist, und auch der arrogante Einzelgänger Gefühle zeigen kann. Doch Julien und Dawn ahnen beide nicht, auf wen sie sich gegenseitig einlassen…

Bei Lynn Ravens Roman „Der Kuss des Dämons“ geht ein mittlerweile altbekanntes Konzept bestens auf: Eine scheinbar durchschnittliche High-School-Schülerin und ein übersinnliches und gefährliches Wesen – sagen wir mal eine Art Vampir – verlieben sich. Er wehrt sich zwar Anfangs aus (mittlerweile in Mode gekommener) „Gut-Vampir-Manier“ gegen seine Gefühle, die anbahnende Romanze ist jedoch unaufhaltsam. Doch das sind nicht nur die einzigen Parallelen zu einem weltberühmten Teenie-Vampir-Roman, bei dem auch eine amerikanische High-School den Schauplatz bietet. Auch Julien wird zum Retter seiner Angebeteten und offenbart ihr somit, wie „übersinnlich“ er eigentlich ist. Unterbrochen wird das „Techtelmechtel“ - wie zu erwarten – von regelmäßigen Action-Szenen, in der der „Lamia“ zeigen kann, was in ihm steckt.

Zugute halten kann man Lynn Raven, dass sie drauf verzichtet hat, Julien als verwegenem „Vourdranj“ das Image eines moralisch lupenreinem, tierbluttrinkendem Saubermanns aufzudrücken. Stattdessen ist Julien bei Lynn Raven wirklich, was er ist: Ein wenig zimperlicher Blutsauger.

Meiner Meinung nach kann es Lynn Raven durchaus besser! Ich habe sowohl den „Kuss des Kjer“, als auch „Der Spiegel von Feuer und Eis“ gelesen und war begeistert. Auch diese Bücher waren als Jugendbücher angelegt, aber bei weitem komplexer und durchaus auch für Erwachsene lesenswert.

„Der Kuss des Dämons“, Auftaktroman von Lynn Ravens Vampir-Reihe, ist aber für erwachsene Fans von Urban- und Dark-Fantasy nicht empfehlenswert – es sei denn die Fantasy-Lektüre hat von vornherein nur den Zweck das Abschalten vom Alltag zu fördern (Das kann sie). Dagegen werden Teenies, die noch immer auf der Biss-Welle schwimmen, begeistert sein. Für diese Zielgruppe gebe ich eine eindeutige Kaufempfehlung. Für Leser, die das 18. Lebensjahr bereits überschritten haben und denken, dass der Buchmarkt mittlerweile ein bisschen weniger „Biss“ verträgt, gibt es eine bessere Alternative. Im Frühjahr erscheint Lynn Ravens neuestes Werk „Hexenfluch“, diesmal ein „All-Age-Roman“!

Übrigens, bei Scriba, einem ganz neuen Literaturblog, ist Lynn Raven mit ihrem neuen Roman "Blutbraut" Autorin des Monats: http://www.scriba-ich-schreibe.de

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Tags: jugendromman, lynn raven, vampire   (3)
 
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