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174 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 75 Rezensionen

thriller, berlin, martin krist, entführung, mord

Drecksspiel

Martin Krist
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 11.10.2013
ISBN 9783548285375
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Wenn man Krimis nicht mag, dann ist man nach dem sonntäglichen Tatort eigentlich schon überfüttert. Sich dann noch einen Thriller in derselben Woche vorzunehmen, mag so überambitioniert erscheinen wie Joschka Fischers Marathonteilnahme vor seinem langen Lauf zu sich selbst.

Nun, Martin Krist belehrt uns eines Besseren. Am Dienstagabend hat er in der Buchhandlung „totsicher“ im Berliner Stadtteil Lichtenberg aus seinem aktuellen Roman „Drecksspiel“ gelesen, und obwohl ich mir anfangs nicht ganz sicher war, ob mir das gefallen würde, so war ich am Ende doch beeindruckt – und gefesselt. Etwa so wie Hannah, eine der Figuren im Buch.

Von denen stellte Martin Krist während der Lesung zwei vor – eben Hannah, junge Mutter, die eben noch an ein abenteuerlich-romantisches Wochenende mit ihrem Mann glaubt, aus dieser Idylle aber jäh herausgerissen wird. Und wir treffen Toni – zwielichtig, stolpert eben aus dem Zimmer einer jungen Prostituierten, bevor er vor dem Bordell von zwei Muskelprotzen zusammen geschlagen wird. Er kann fliehen, und wandert am Kottbusser Tor entlang, wo ein „bedrönter Junkie in ihn hineinstolpert“. Man mag in Toni schon den armen Bösewicht vermuten, doch dann wendet sich das Blatt – und Martin Krist, der Autor, lehnt sich zurück. Keineswegs jedoch, um als Schöpfer der Geschichte nachzulassen, sondern vielmehr, um Tobias Kluckert das Wort zu überlassen. Der nämlich hat das Hörbuch zu „Drecksspiel“ eingelesen. Die Synchronstimme von Bradley Cooper und Gerard Butler fesselt; wenn Krists Thriller allein schon spannend ist, dann ist sie es in der Hörbuchversion noch 1000 Mal mehr.

Wenn man ein Manko bei Krist finden mag, dann wohl, dass er einen Ticken zu schnell liest – aber das kleine Defizit gegenüber der Hörbuchstimme macht er mit seinem Auftreten wett. In Chucks sitzt er vor dem Publikum im „totsicher“ (eine Marotte, wie sie auch der großartige T.C. Boyle pflegt), die tätowierten Arme als Markenzeichen. So schnell er liest, so schnell sind wir auch in den Bann des „Drecksspiels“ gezogen, und verlieren uns in der Dreckigkeit Berlins, auf Tonis Spuren vom Kottbusser über‘s Frankurter Tor zum Tatort ins Bordell. Martin Krist beschreibt Berlin in seiner wunderbaren Dreckigkeit, zeichnet Spätläden, Dönerstände und Gewalt nach – und ist mit Recht drei Autoren in einer Person.

Wer wissen will, unter welchen anderen Namen Krist schreibt, der wird auf seiner Homepage fündig. Die nächste Gelegenheit, Martin Krist persönlich zu treffen, gibt es im Rahmen des Berliner Krimimarathons im November – totsicher eine fesselnde Lesung.

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263 Bibliotheken, 5 Leser, 2 Gruppen, 33 Rezensionen

biologie, lehrerin, schule, evolution, inge lohmark

Der Hals der Giraffe

Judith Schalansky
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 12.09.2011
ISBN 9783518421772
Genre: Romane

Rezension:

Wow! Gegen Judith Schalansky ist Stephan Serin echt Kinkerlitzchen. „Der Hals der Giraffe“ ist wohl das Allerböseste, das es in Sachen LehrerInnen-Innensichten auf dem Markt gibt (zumindest as far as I know) und das Anfängergeklage des Herrn Serin nichts gegen die Schulwelt, in der Inge Lohmark, die Protagonistin im „Hals der Giraffe“ lebt und wütet. Bitter, böse, zynisch und doch „ein psychologisches und sprachliches Meisterwerk“.

Eigentlich passiert im „Hals der Giraffe“ nicht viel, ganz viel geschieht in Andeutungen. Das sind nicht mal richtige Rückblenden, die uns Schalansky da vorsetzt, sondern kleine Erinnerungsfetzchen, Bilder wie schnelle Schüsse in den Kopf. Inge Lohmark – die ist der Prototyp des schlechten Lehrers. Unterrichtet seit 30 oder so Jahren in der mecklenburgischen Provinz, hat die Wende nicht verkraftet, hasst die Schüler, das Leben, sich selbst, ihren Mann, ihr Kind. Eine Endlosliste auf Tristigkeiten, gepaart mit wunderbar klugen Vergleichen aus der Welt der Biologie.

Das Manko: Der Roman hat mich Wochen gekostet. Hier ein Häppchen auf der Bahnfahrt, da drei Seiten im Flieger in die Sonne. Dabei ist nicht so sehr der Inhalt runterziehend und dröge-machend, sondern zuweilen die eigentlich schlauen, gewitzten Vergleiche. Aber die Vergleiche gehen auf Kosten von Handlung. Inge Lohmark betrachtet die Welt, sie referiert ihren Schülern und damit auch uns, dem ganz außen stehenden Leser. Seitenweise. Manchmal ist das anstrengend; über die Passage mit dem Hals der Giraffe hätte ich beinah hinübergeblättert. Dann aber – Literatur ist ja nicht immer seicht und leicht verdaulich – entpuppt sich dieses Bild von der Bildung des Menschen über die Anatomie und den Willen der Giraffe als so herrlich stimmig. Und macht aus dem Hals der Giraffe ein wunderbares Buch. Und nebenbei ist diese Zustandsbeschreibung einer alternden Lehrerin eine kleine Erinnerungsfahrt zurück in den Bio-Unterricht der Grundschulzeit.

Fazit: Lesen. Und dann im eigenen Schulalltag dafür sorgen, dass die Inge-Lohmarks unter den Lehrern nur eine Romanfigur sind vor keiner Tafel zu stehen kommen.

 

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257 Bibliotheken, 6 Leser, 3 Gruppen, 22 Rezensionen

humboldt, gauß, mathematik, daniel kehlmann, roman

Die Vermessung der Welt

Daniel Kehlmann , Detlev Buck , Wenka Mikulicz-Radecki von , Michael Töteberg
Flexibler Einband: 208 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 01.10.2012
ISBN 9783499253270
Genre: Romane

Rezension:

Vermessen: Die Vermessung der Welt

Daniel Kehlmann liegt ja überall, an dem kommt man nicht vorbei. Beim Versuch, auch mal ganz schnell ganz viel zu lesen, gab ich irgendwann nach. Ich dachte: diese 300 Seiten sind ein Klacks, ditt jeht zackig. Ich packte den Kehlmann also auf die Leseliste.
Als ich, noch im Buchladen schlendert, dann die erste halbe Seite las, schwante mir Schlimmes: Hatte ich dem Debütanten Unrecht getan? Die ersten Worte, die Anfangsszene zog mich nämlich in den Bann, schlau, dachte ich, gewitzt.
Dann geht es los: Gauß, der, der nicht rechnen will, aber die Mathematik beherrscht, bricht übelgelaunt zu einer Reise auf, an deren Ende ihn Humboldt, der Kleinere, erwartet. Dann schwuppsdiwupps geht das Rückblicken los: Gauß, der (sonst) immer zuhause geblieben ist, quasi, und Humboldt, der überall hin reist, sich gegen Mücken wehrt. Was sie verbindet: Beide sind sie garstig, Humboldt am Ende auch noch schwul, eine im Nebensatz erwähnte Offenbarung, die dennoch ein kleiner Skandal ist, so sehr nebenbei eingeschoben ist sie.
Und schnell reiht sich ein Past-Tense-Satz an den nächsten, Erlebnisse, Ereignisse, doch etliche Gedanken werden genannt. Die sind spannend; Humboldt und Gauß, die fiktiven Freunde, sind ja nicht auf den Kopf gefallen. Dennoch ist das Ganze dann doch flugs vorüber; die Sätze so kurz, die Figuren, abgesehen von ihrem unvermeidlichen Alterungsprozess, ohne Entwicklung. Es fehlen die Verstrickungen, meinetwegen eine Intrige, vielleicht gar eine Liebschaft. Eben irgendwas mehr als nur die mit dem Alter noch wachsende Garstigkeit der beiden VIP-Wissenschaftler. Sicher – Humboldts Reise ist spannend, Teneriffa wird mehrfach genannt, und lesend entwickeln wir doch so was wie eine Vorstellung davon, dass es mal eine Welt vor dem Garmin-Navigationsgerät gab.
Aber wenn ich ins Navi die falsche Postleitzahl tippe, verfahre ich mich. Und ebenso können sich Wissenschaftler vertun, oder Literaten: Die „Vermessung der Welt“ ist nicht die letzte Wahrheit; bald nach Humboldt und Gauß gab es andere, deren Messgerät viel moderner, viel zuverlässlichlicher war. Kehlmanns Buch ist zweifelsohne modern. Aber es ist auch ungenau, es springt und lässt so viel aus.

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17 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Die Vermessung der Welt

Daniel Kehlmann , Ulrich Matthes
Audio CD
Erschienen bei Universal Music, 20.01.2009
ISBN 9783829122702
Genre: Romane

Rezension:

Vermessen: Die Vermessung der Welt

Daniel Kehlmann liegt ja überall, an dem kommt man nicht vorbei. Beim Versuch, auch mal ganz schnell ganz viel zu lesen, gab ich irgendwann nach. Ich dachte: diese 300 Seiten sind ein Klacks, ditt jeht zackig. Ich packte den Kehlmann also auf die Leseliste.
Als ich, noch im Buchladen schlendert, dann die erste halbe Seite las, schwante mir Schlimmes: Hatte ich dem Debütanten Unrecht getan? Die ersten Worte, die Anfangsszene zog mich nämlich in den Bann, schlau, dachte ich, gewitzt.
Dann geht es los: Gauß, der, der nicht rechnen will, aber die Mathematik beherrscht, bricht übelgelaunt zu einer Reise auf, an deren Ende ihn Humboldt, der Kleinere, erwartet. Dann schwuppsdiwupps geht das Rückblicken los: Gauß, der (sonst) immer zuhause geblieben ist, quasi, und Humboldt, der überall hin reist, sich gegen Mücken wehrt. Was sie verbindet: Beide sind sie garstig, Humboldt am Ende auch noch schwul, eine im Nebensatz erwähnte Offenbarung, die dennoch ein kleiner Skandal ist, so sehr nebenbei eingeschoben ist sie.
Und schnell reiht sich ein Past-Tense-Satz an den nächsten, Erlebnisse, Ereignisse, doch etliche Gedanken werden genannt. Die sind spannend; Humboldt und Gauß, die fiktiven Freunde, sind ja nicht auf den Kopf gefallen. Dennoch ist das Ganze dann doch flugs vorüber; die Sätze so kurz, die Figuren, abgesehen von ihrem unvermeidlichen Alterungsprozess, ohne Entwicklung. Es fehlen die Verstrickungen, meinetwegen eine Intrige, vielleicht gar eine Liebschaft. Eben irgendwas mehr als nur die mit dem Alter noch wachsende Garstigkeit der beiden VIP-Wissenschaftler. Sicher – Humboldts Reise ist spannend, Teneriffa wird mehrfach genannt, und lesend entwickeln wir doch so was wie eine Vorstellung davon, dass es mal eine Welt vor dem Garmin-Navigationsgerät gab.
Aber wenn ich ins Navi die falsche Postleitzahl tippe, verfahre ich mich. Und ebenso können sich Wissenschaftler vertun, oder Literaten: Die „Vermessung der Welt“ ist nicht die letzte Wahrheit; bald nach Humboldt und Gauß gab es andere, deren Messgerät viel moderner, viel zuverlässlichlicher war. Kehlmanns Buch ist zweifelsohne modern. Aber es ist auch ungenau, es springt und lässt so viel aus.

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267 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 14 Rezensionen

barcelona, spanien, bücher, liebe, daniel

Der Schatten des Windes

Carlos Ruiz Zafón , Peter Schwaar
Flexibler Einband: 562 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 09.03.2012
ISBN 9783518463772
Genre: Fantasy

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The Member Of The Wedding

Carson McCullers
Flexibler Einband: 163 Seiten
Erschienen bei Houghton Mifflin Harcourt, 13.08.2004
ISBN 0618492399
Genre: Sonstiges

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THE ACCIDENTAL MARATHON

Lucy Hawking
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Headline Publishing Group, 06.02.2006
ISBN 9780755306978
Genre: Sonstiges

Rezension:

Dieses Buch ist vor allem eins: rosa. Die anwesenden Rosas unter meiner Leserschaft mögen sich bitte nicht beleidigt fühlen, denn mein Urteil ist gar nicht so abwertend gemeint. Ja, es handelt sich um Chick-Lit, ist durchaus als seichte Unterhaltung zu sehen, aber bitte: Warum nicht das?

Ich nahm „The Accidental Marathon“ bei der diesjährigen BookCrossingUnconvention in Berlin mit nach Hause – trotz – oder gerade ob – des pinken Coverglitters sprach der Titel mich an, schließlich geht es um’s Laufen, um einen Marathon, den zu bewältigen die Protagonistin Fleur Bonner widerwillig, zufällig, einwilligt. So oder so ähnlich ist‘s bei jedem Lauf, den ich starte: Jedes Mal, wenn ich mir die Schuhe schnüre, muss mich irgendwas geritten haben, etwas, das mich die nächsten 30 Minuten und 5 Kilometer lang ächzen und fluchen lässt.

Nun, Lucy Hawkings Buch ist kein solcher Kurzstrecken-Marathon, eher ein lockeres Vergnügen. Manchmal ein wenig vorhersehbar – die Entwicklung und Selbstfindung der Protagonisten nervt zuweilen, aber in ihrer gemeinsamen Vorbereitung auf die 42,195 km freunden sie sich an, auch wenn jeder, der bereits einen laufenden Fuß vor den andern gesetzt hat, bezweifeln muss, dass die knappe Trainingszeit, die Lucy Hawking ihren Figuren lässt, ausreichen soll, um von null auf 1000 einen solchen Kraftakt zu stemmen.

Jede der Figuren trägt so ihr Päckchen, aber auch die ihm oder ihr eigenen Superkräfte, die es braucht, um die Verwicklungen, in die Fleur Bonner ihre neugewonnenen Freunde hineinreißt, letztlich doch zum Guten zu wenden. Roz, meine Lieblingsfigur, bringt eine gute Portion witty humor ins Buch, schlauen Humor, der das Lesen angenehm macht.

Letztlich seien zwei Dinge gesagt: Ja, Lucy Hawking ist die Tochter ihres berühmten Vaters. Und: Der im Buch gemeisterte Marathon verläuft gänzlich unfallfrei – zufällig, aber ohne accidents. So soll ein Marathon sein, und so soll bitte auch ein Buch sein, das man zufällig und nebenbei aufschnappt.

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All That I Am

Anna Funder
Flexibler Einband
Erschienen bei Penguin UK, 01.05.2012
ISBN 9780670921232
Genre: Romane

Rezension:

Die Vorschusslorbeeren, die Anna Funder nach „Stasiland“ und generell sowieso schon mal bei mir hat, scheinen bei „All that I am“ eher verlorene Liebesmüh zu sein. Und ehrlich: Ich habe das Buch, das es bisher nicht auf Deutsch gibt, eher aufgrund des Challenge-Ansporns zu Ende gelesen, weniger weil das Buch, seine Story oder die Figuren mich all zu sehr in den Bann gezogen hätten.

Nüchtern ist’s, was Anna Funder da von der Gruppe Widerständler erzählt, die vor den Nationalsozialisten ins Londoner Exil flüchten. Dora, die Hauptfigur, von der wir über ihre Cousine Ruth sowie aus den fiktiven Erinnerungen des Dramatikers Ernst Toller erfahren, wird auf dem Klappentext als „attraktivste fiktionale Heldin seit langem“ beschrieben. Was Ruthie und Toller jedoch abwechselnd von ihr erinnern, sind Plotversatzstücke, Meeting-Minutes. Eher im Protokollstil erfahren wir, was Dora als politisch – im Widerstand gegen das Hitler-Regime – aktive Jüdin durchlebt, bis sie, am Ende, von eben diesem Regime gebrochen, gemordet wird. Und hier, eben im Ende, liegt tatsächlich das starke Moment des Buches: Doras Tod, der nun hier vorweg genommen ist, steht tatsächlich im Grenzgebiet von (erzwungenem) Freitod und scheinbar gut vertuschtem Mord; ihr Suizid steht vor den Augen der Öffentlichkeit da, wie eine Verzweiflungstat aus unerwiderter Liebe. Die Anstrengungen der Aktivistin werden kleingeredet, kaputtgemacht. Dass nämlich ihr Tod in Wahrheit eine Tat der Nazis war, scheint den offiziellen Stellen im Buch eine hysterische Anschuldigung der trauernden Cousine Ruthie; die Londoner Richter wollen nicht in Schwierigkeiten mit NS-Deutschland geraten, und glauben also eher an die Tat einer schwachen Frau.

Während sich im Buch die Gerichtsverhandlung abspielt, ballt man wirklich die Hände, so wütend macht die Diffamierung Doras als schwache Frau. Gott sei Dank ist Ruthies Parteinahme wie Kenntnis um ihre geliebte Cousine eindeutig, was zwar für das reale Geschehen, welches hinter dem Buch steckt, keinen Trost mehr bietet, zumindest aber die nüchtern erzählte Geschichte am Ende nicht im Doppeldeutigen stehen lässt.

Dass Ernst Toller, der Dramatiker und Freund Doras, keine rein fiktionale Figur ist, erfuhr ich während des Lesens zufällig durch einen Beitrag im Deutschlandfunk, der zwar auf Anna Funders Geschichte keinen Bezug nimmt – ihr Buch ist zu stark Fiktion und orientiert sich eher im Groben an der tatsächlichen Geschichte – dafür aber das Leben Tollers, sein Leiden und seinen Tod im NS widergibt. Eine spannende Ergänzung zu einem mittelspannendem Buch.

http://majaschwarz.wordpress.com/2012/10/08/anna-funder-all-that-i-am/

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59 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 23 Rezensionen

mystery, thriller, jugendbuch, freundschaft, wagner antje

Unland

Antje Wagner
Flexibler Einband: 379 Seiten
Erschienen bei bloomsbury taschenbuch, 02.09.2010
ISBN 9783833350528
Genre: Jugendbuch

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25 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

israel, familiengeschichte, zugreise

Zickzackkind

David Grossman , Vera Loos , Naomi Nir-Bleimling
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 01.09.2000
ISBN 9783423620284
Genre: Jugendbuch

Rezension:

„Zickzackkind“ ist eine Geschichte, die schon durch ihr Cover besticht. Irgendwie sieht das aus wie bei „Sophies Welt“, es wirkt verträumt, umspielt von Abendlicht – eine Geschichte, die sich wunderbar zu Weihnachten lesen lässt, bzw. in der lange dunklen Zeit vor Heiligabend, bevor der Familienbesuchsmarathon startet.
Es geht um Nono, nicht mal 13 Jahre alt, der zu einer wundersamen Reise aufbricht: erst wird er vom Vater geschickt, die Entscheidung, wohin es gehen soll, trifft Nono dann aber doch irgendwie selbst. Und dieses Irgendwie ist gespickt von den großen Fragen: „Wer bin ich? Bin ich gut, bin ich böse?“ Denn Nono hat es gleich mit einem Verbrecher zu tun, den er doch eigentlich schon liebgewonnen hatte, als er ihn eben im Zug das allererste Mal traf. Zufällig. Oder doch geplant?
Nono erlebt einige Abenteuer, so schön erzählt – man muss den Jungen, seine Familie, die größer wird, einfach ins Herz schließen. Und mit ihm David Grossmann, der „Zickzackkind“ geschrieben hat. Eine wunderbare Geschichte eines israelischen Autors. Seine anderen Bücher, insbesondere „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ sind definitiv auf meiner Leseliste.

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283 Bibliotheken, 10 Leser, 6 Gruppen, 31 Rezensionen

ddr, familie, mexiko, wende, familiengeschichte

In Zeiten des abnehmenden Lichts

Eugen Ruge ,
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 01.09.2011
ISBN 9783498057862
Genre: Romane

Rezension:

Vielleicht, um mal wieder was auf Deutsch lesen zu dürfen, oder auch, um der Verblödung so mancher unsinniger Lesechallenges etwas entgegen zu halten, habe ich meine eigene kleine Lesechallenge gestartet. Die bestand aus folgender Aufgabe: Lies die Bücher, die den Deutschen Buchpreis gewonnen haben, Konkretisierung: Lies diejenigen Bücher, die 2011 den Deutschen Buchpreis gewonnen haben. Ich finde, das war eine überschaubare Herausforderung, durchaus machbar, man klebt sich auch weniger gleich alle Machwerke deutscher Gegenwartsschreiber an die Backe. Was wichtig ist, eine Challenge soll ja nicht unmittelbar in die Geistesschwäche hineinführen.

Nun also Eugen Ruge. DDR-Geschichte habe ich bisher allzu sträflich behandelt, mein Wissen über den Unrechtsstaat beschränkt sich auf ein paar intuitive Verhaltensregeln: In einer Lesung großer Männer, die aus ihren eigenen Stasi-Unterlagen zitieren, besser nicht ein naives Fingerchen heben und fragen, wer denn der Herr Thälmann gewesen sei. (Das besser vorher nachgucken.) So, also „Herbst“, von Eugen Ruge. Ein ganz schön erschreckendes Sammelsurium an alten, immer verwirrter werdenden Menschen. In Neuendorf war ich schon mal, und den Klamottenladen, in dem es Klamotten zum Kilopreis gibt, kenne ich auch. Da sind Schnittmengen, da stößt der Herbst an meine eigene Existenz. Ein Vorteil deutscher Gegenwartsliteratur gegenüber Fantasy-Werken. Wer war schon je in Mordor? Nun, Neuendorf. Schauplatz obstruser DDR-Schicksale, alle irgendwo am Ende, die Menschen, in Ruges Buch.

Da steht „ungeheuer komisch“ auf dem Buchumschlagsrücken. Nun, komisch ist das Buch solange, wie man den Buchumschlagsrücken noch im Gedächtnis hat. Da entfleuchen einem ein paar Kicherer, wenn Alexander („Sascha“) eingangs den greisen Vater füttert. Dem wiederrum fallen die Brückchen aus dem Gesicht, rutschen von der Gabel, die er verkehrt herum hält, der Alte, Geistesschwache. Schon hier die Überlegung: Alexanders „Pflege“ müsse nur um ein paar Grad gekippt werden, und es bedarf gleich gar keiner Pflege mehr.

Denn – was erzürnt: Ruge kommt nicht ohne einen Mord am Ende aus, der so beiläufig passiert, dass man ihn fast auch überlesen könnte. Botschaft: Wenn du töten mal ausprobieren willst, den Fleck auf der weißen Weste probehalber spüren willst, ohne dolle Konsequenz, dann spiele keinen Egoshooter, sondern warte, bis der Gatte alt und schrummelig ist, dann kipp ihm Tröpfchen ins Teewasser, dann haste auch deinen Spaß und Freiheit. Doofe Botschaft, die Ruge sicher nicht vordergründig gelesen wissen will, aber doch schwingt sie mit. Und sowas, so eine Mordslüsternheit, bekommt dann den Buchpreis. Dann vielleicht doch eher … ein bisschen Frieden, unter den Menschen. Und den Buchpreis an alle, der Gerechtigkeit halber. Auch wenn das ein Stückel Sozialismus wäre, gegen den Ruge ja anschreibt.

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186 Bibliotheken, 5 Leser, 4 Gruppen, 57 Rezensionen

nebel, jugendbuch, jugendliche, freundschaft, zeit

Vakuum

Antje Wagner
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Bloomsbury Kinderbücher & Jugendbücher, 01.09.2012
ISBN 9783827054371
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Antje Wagner lebt von Negativen. Ihre Geschichten, zumindest diejenigen, die ich bisher von ihr gelesen habe („Unland“ und „Schattengesicht“) stützen sich auf das Unerwartete, die Überraschung. Ihre Plots lösen sich in der Umkehr auf; nach einem Leserausch, der bei ihren Büchern ein einziger, zwischenhaltloser Flug durch Buchstaben und Bilder ist, landet man meist am just entgegengesetzten Zielpunkt dessen, wohin man erwartet hätte, dass man getragen wird. So ist es auch bei ihrem neuen Buch, „Vakuum“, das just bei Bloomsbury erschienen ist.

„Vakuum“ ist, wie viele ihrer bisherigen Romane auch, um junge Hauptfiguren herum konzentriert; wir begegnen im Roman fünf jungendlichen Helden, die denkbar unterschiedlich sind, und doch eines gemeinsam haben: Sie sind bei weitem nicht so heldenhaft, wie man zunächst annehmen möchte. Da ist die scheinbar toughe Kora, die behütete Alissa und ihr jüngerer Bruder Leon – doch sie, sowie die anderen Figuren im Buch, haben ein Paket zu tragen, das schwerer lastet als das ihrer Alltagsgenossen. Und – das kann man wohl sagen – am Ende viel spannender, viel abenteuerreicher und sehr viel stärker mit Erkenntnissen angereichert ist als das Leben ihrer Mitschüler.

Trigger für die Erkenntnisse, die die Figuren im Buch sammeln, ist die Gegenwelterfahrung, in die sie plötzlich gestoßen werden: Von einer Minute auf die andere sind alle anderen Menschen von der Erde verschwunden, Kora, Alissa, Leon, Hannes und Tamara sind plötzlich allein, außer ihnen gibt es niemanden mehr, die Zeit scheint stille zu stehen, und die Sonne drückt mit erbarmungsloser Hitze auf die Erde nieder, während ein grausamer Nebel droht, alles noch vorhandene Leben zu vertilgen.
Das Buch kommt dabei quasi ohne Erwachsene aus; die Eltern erscheinen höchstens in den erzählten Erinnerungen, sind abwesend, gewaltvoll oder existieren lediglich in den Wunschträumen der Kinder. Das Alleinsein, dem die Fünf im Buch scheinbar plötzlich ausgesetzt sind, geht also eine lange Geschichte an Einsamkeit voraus – eine Einsamkeit, die sich sehr wohl auch in der Gruppe, manchmal auch beim gemeinsamen Abendessen mit den vermeintlichen Eltern ereignen kann.

„Vakuum“ ist ein Buch in der Grenzwelt zwischen Jugendbuch und Thriller, keines, das lediglich Plattitüden wiederholt, oder nur unter Zuhilfenahme glitzernder Vampirkörper erzählt werden kann. Stattdessen zeichnet Wagner genuine Charaktere. Ähnlich wie in „Unland“ und in „Schattengesicht“ erfahren wir vieles in Andeutungen. Die Queerness eines Elternpaares (zwei Mütter, die in wilder Ehe zusammenleben) wird angenehm beiläufig erwähnt, wird dadurch fast zur Selbstverständlichkeit, ohne dass die Schwierigkeiten, die das Mütterpaar durchleben muss, allzu tief unter den Tisch fallen. Koras Geschichte ist eindrucksvoll auch ohne dass Wagner jedes Detail erzählt. Und Tamara leidet an einer Krankheit, die namenlos bleibt, dafür aber auch ohne unser allzu drückendes Mitgefühl auskommt.

Mitreißend ist „Vakuum“ aber allemal. Nachdem ich die ersten 50 Seiten nur in Schnappatmung lesen konnte, immer wieder unterbrochen von Klinglern und Klopfern, verschwanden die restlichen 300 Seiten wie im Flug. Mehrfach stockte mir der Atem, Toilettengänge wurden ausgesetzt, bis mein Freund nach Hause kam, um mir Rückendeckung zu geben. Wagner beherrscht die Kunst, den Leser tatsächlich zu bannen; da ist kein Umblättern, das angestrengt fragt: „Wie viel denn noch?“ Vielmehr wünscht man sich eine Fortsetzung, ein Weitergehen, kein Ende. Und mit „Vakuum“ bekommen wir auch beinah die Fortsetzung von „Unland“: Wieder sammelt Wagner tolle Helden, die ans Herz wachsen, wieder spielt sie mit Schein und Sein, mit Negativfolien der realen Welt. Am Ende, das – so viel darf vorweg genommen werden – deutlicher ein Happy End ist als bei ihren Vorgängern – präsentiert uns „Vakuum“ eine Welt, die etwa „Sophies Welt“ entsprechen mag, so schön, so geistreich und so unerwartet ist der Ausgang der Geschichte. Am Ende verschlingt der Nebel keines der Kinder so ganz, wir dafür das Buch mit jeder Faser.

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