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51 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 48 Rezensionen

krimi, flüchtlinge, london, flüchtling, dänemark

Das Meer löscht alle Spuren

Lone Theils , Ulrike Brauns
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 24.04.2018
ISBN 9783499273155
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nora Sand, Auslandskorrespondentin ihrer dänischen Zeitung in London, ist gerade glücklich mit ihrer neuen Liebe Andreas, als ein neuer Fall hereinschneit: Der bekannte iranische Dichter Manash Ishmail sitzt in Dänemark in einem Flüchtlingsheim und möchte nur mit ihr sprechen. Bei ihrem Gespräch mit ihm äußert er eine ungewöhnliche und dringliche Bitte: Nora soll seine Frau Amina finden, die er in London vermutet. Die beiden wurden bei ihrer Flucht aus dem Iran getrennt. Nora macht sich an die Arbeit und taucht bald tief in den Fall ein, sie trifft auf skrupellose Flüchtlingsheimbetreiber, zwielichtige Sicherheitsfirmen und gefängnisartige Abschiebelager sowie ein dubioses Pharmaunternehmen, das kurz vor dem Release eines angeblich Bahn brechenden neuen Diätmittels steht. Wie das alles zusammenhängt, klärt sich erst ganz zum Schluss und erschüttert nicht nur Nora…

Großartiger, super spannender zweiter Fall für Journalistin Nora Sand, die für ihre Zeitung „Globalt“ mal wieder heißen Stories hinterherjagt. Von ihrem Chef Krebs bekommt sie immer gleich mehrere Stories aufs Auge gedrückt, von denen einige auf wundersame Weise miteinander zusammenhängen. Wie die Autorin die Fälle verknüpft und die Spannung stetig steigert, ist bemerkenswert und zeugt von großer Erzählkunst. Dies ist ein rasanter Thriller, der mehrere Aspekte in sich vereint: Es ist nicht nur ein spannender Krimi, bei dem die Protagonistin mehr als einmal bedroht wird und sogar in Lebensgefahr gerät, er bietet zudem tiefe Einblicke in die fiesen Machenschaften gleich mehrerer Profit gieriger Unternehmenszweige, prangert die Flüchtlingspolitik an und bietet außerdem noch viel Emotionen, fesselnde Charaktere und nicht zuletzt eine große Liebesgeschichte. Wer Nora aus dem ersten Band „Die Mädchen von der Englandfähre“ kennt, weiß wie sie arbeitet. Ich finde immer am faszinierendsten, wie sie ihre Kontakte nutzt, Informationen hinterher jagt, sich nicht verzettelt, sondern immer fokussiert bleibt, sich für nichts zu schade ist und sich wie ein Terrier verbeißt. Sie findet immer eine Lösung, geht dabei auch hohe Risiken ein und kämpft immer dafür die Wahrheit herauszufinden.

In diesem Band kommt in noch höherem Maße der private Aspekt dazu. Ihre beginnende Liebesgeschichte mit Andreas treibt sie stark um, was mir manchmal ein bisschen zu viel war. Positiv ist jedoch, dass der Fall immer im Vordergrund steht und die Story nie ins zu Emotionale abgleitet. Dies ist ein Fall mit vielen Wendungen und die Lösung zeigt sich erst nach mühevoller Recherchearbeit, vielen Gesprächen und einigen gefahrvollen Aktionen Noras. Noras Persönlichkeit steht sehr im Vordergrund der Geschichte, die Vielfältigkeit ihres Charakters wird hier einmal mehr deutlich. Sie ist stark, aber auch verletzlich, wie sich sehr deutlich in ihrer Beziehung zu Andreas zeigt. Trotz ihrer Risikobereitschaft und des Drucks, den sie auf andere Menschen ausüben kann, wenn sie Informationen will, ist sie aber immer auch empathisch und ihre Handlungsweise dient immer dem guten Zweck. Als Persönlichkeit neben Nora fand ich eigentlich nur ihren Chef Krebs und ihren Bruder David interessant. Der eine oder andere Kontakt Noras ist ebenfalls so interessant, dass man gerne mehr über ihn oder sie erfahren würde, aber alles in allem bleiben alle anderen Nebenfiguren, von denen viele zur Lösung beitragen.

Fazit: Sehr gelungener zweiter Fall für Nora Sand, aufwühlend, fesselnd und absolut überzeugend. Auch für Einsteiger geeignet, es wird zwar ab und an Bezug auf den für Nora sehr traumatischen ersten Fall genommen, dies tut dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch und steigert eher die Lust den ersten Band ebenfalls zu lesen, falls noch nicht geschehen. In mir hat Nora Sand sowieso einen Fan, ich finde ihre Persönlichkeit einfach faszinierend und mir gefallen die Komplexität der Fälle und ihre Recherchemethoden. Diesen konnte ich kaum aus der Hand legen und ich freue mich schon auf weitere geheime Machenschaften und Geschichten, die Nora aufdecken wird!

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70 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 62 Rezensionen

spreewald, krimi, familienfehde, klaudia wagner, eifersucht

Spreewaldrache

Christiane Dieckerhoff
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 06.04.2018
ISBN 9783548289519
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Bei der Kripo Lübbenau im Spreewald herrscht zurzeit wenig Stress, und so verordnet Klaudias Chef allen eine Teambuilding-Maßnahme: Es geht zum Wursten bei den Geschwistern Schenker, einer Schlachterfamilie aus der Region. Während des Events taucht plötzlich ein Polizeiboot auf und unterbricht die Veranstaltung: Ein junger Mann wurde brutal niedergeschlagen. Es stellt sich heraus, dass es sich ausgerechnet um Daniel, der Sohn der Gastgeberin Jana Schenker, handelt, der sich angeblich an nichts erinnert. Die Kommissarin beginnt zu ermitteln und deckt eine lang zurück liegende Fehde zwischen den beiden Familien Schenker und Klingebiel auf. Da wird Klaudia wieder zu einem Tatort gerufen, und diesmal ist es Mord….

Der dritte Fall für die aus dem Ruhrgebiet in den vermeintlich idyllischen Spreewald versetzte Kriminalkommissarin Klaudia Wagner. Die Reihe besticht durch ihre klare Sprache, ihre interessanten Figuren und ihre starke Hauptfigur. Die Autorin versteht es, durch verschiedene Perspektivwechsel die Spannung stetig zu steigern und lässt ihre Figuren sich entwickeln. Durch die Rückblicke ins Jahr 1993 lässt sie zwar häppchenweise durchsickern, was geschah, doch gibt es so viele Hinweise, Wendungen und miteinander verwobene kleinere Fälle aus Gegenwart und Vergangenheit, dass der „große Fall“ immer komplexer wird. Als Krimifan kann man sehr schön mit ermitteln, es gibt jedoch keine einfache „whodunnit“-Lösung, sondern mehrere Täter und Opfer.

Die Figur der Klaudia ist recht dominant, aus ihrer Sicht wird zumeist erzählt. Von ihr wird auch am meisten Privatleben mit eingeflochten. Wer die beiden Vorgängerbände kennt, ist hier klar im Vorteil, denn diese privaten Ereignisse werden fortgeführt und öfter erwähnt. Dem Fall selbst kann man aber natürlich auch so sehr gut folgen. Auch von den anderen Ermittlern wird Privates erzählt, alles in allem finde ich es aber sehr dosiert und wohltuend wenig, der Fall steht eindeutig im Vordergrund. Die Figuren sind durchweg interessant und teilweise recht skurril, sie und das ganze Dorfleben entsprechen schon einem gewissen Klischee, das man hat, und mitunter muss man wirklich schmunzeln. Besonders der alte Schiebschick sticht hier hervor, er kennt alle Bewohner und alle alten Geschichten und hilft Klaudia bei ihren Ermittlungen. Der Fall bringt es mit sich, dass alles recht emotional wird, doch die Autorin wird hier in ihrer Sprache nie kitschig, und Klaudia ist als Ermittlerin sehr pragmatisch und verbeißt sich in die für sie ungewohnte Materie.

Fazit: Dies ist kein Krimi der blutigen Action, es ist eher eine psychologische Spannung, die hier aufgebaut wird. Die Figuren sind voller unterdrückter Gefühle und Ängste, in ihnen brodelt es und bricht schließlich heraus. Demnach hat Klaudia Wagner auch Schwierigkeiten das Schweigen zu durchbrechen. Ich finde die Ermittlungsarbeit sehr gut dargestellt, und auch die Charaktere sind vielschichtig und gut herausgearbeitet. Ein guter Band der Reihe und ein sehr guter und spannender Krimi, der für gute Unterhaltung sorgt. 

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37 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 34 Rezensionen

piemont, sarazene, italien, liebe, asti

SOFIAN Der Sarazene

Sesta Caroline
Flexibler Einband: 210 Seiten
Erschienen bei ediZioni, 16.04.2018
ISBN 9783963920004
Genre: Romane

Rezension:

Federica Pascali, eine junge Frau aus dem Piemont, lebt seit dem frühen Tod ihrer Eltern allein in ihrem Elternhaus. Geldsorgen hat sie keine, jedoch trägt sie eine tiefe Traurigkeit in sich und zieht sich oft in die Einsamkeit zurück. Ihre einzige Freundin ist die ältere mütterliche Maria. Als sie wiederholt einen exotisch aussehenden Mann erblickt, den außer ihr niemand sehen kann, zweifelt sie an ihrem Verstand. Außerdem plagen sie fürchterliche Alpträume. Maria rät ihr zu einer Therapie, und die Therapeutin bringt sie zu einer alten Frau mitten in den Bergen, die sich als weise entpuppt und ihr Erkenntnis bringt.

Leider hat die Geschichte überhaupt nicht meinen Erwartungen entsprochen. Der erhoffte Wechsel auf eine andere Zeitebene fand nur einmal statt, das Kapitel ist zwar lang und war auch recht spannend, die darauf basierende Hauptgeschichte zeigte aber ziemliche Längen, was in einem so kompakten nur etwa 200 Seiten umfassenden Text schon recht erstaunlich anmutet. Federica blieb mir fremd, sie ist hochgradig labil, depressiv, völlig unfähig ihr Leben zu meistern, beziehungsunfähig, leidenschaftslos und auch nicht willens auch nur etwas Lebenslust zu empfinden. Die vorherrschenden Vokabeln, die mit ihr verwendet werden, wie etwa hervorlugen, Furcht, beben, etc zeigen ihre Verunsicherung und Passivität. Wenn sie aktiv wird, dann nur durch das Drängen Marias oder der Therapeutin.

Gut fand ich das informative Vorwort der Autorin zu den Sarazenen. Da hätte ich mir dann auch viel mehr geschichtliche Bezüge im Haupttext gewünscht. Der Schreibstil ist ungewöhnlich, wenn auch gut zu lesen. Manchmal sind mir die Sätze zu kurz und abgehackt erschienen. Die Geschichte ist kompakt und wenig anspruchsvoll, sie liest sich in einem Rutsch durch und birgt wenig Handlung. Die Verzweiflung Federicas kommt sehr überzeugend rüber, aber wie erwähnt war das dann mehr oder minder ein Dauerzustand, was leider auch irgendwann anstrengend wird. Von den Charakteren fand ich Maria mit ihrer mütterlichen Art, ihrem Pragmatismus und ihrer ganzen Lebensart am Sympathischsten. Sie ist empathisch, humorvoll, kümmert sich um Federica, ist aufbrausend und leidenschaftlich und lebt ihr Leben. Sofian, der titelgebende Sarazene, ist ein interessanter Charakter, über den ich gerne mehr erfahren hätte. Auch die Unterschiede in Kultur, Religion und Lebensart der beiden und wie sie sich aneinander annähern hätte man besser herausarbeiten können. Stattdessen verloren sich die Beschreibungen in der Vergangenheit zu sehr im Alltäglichen und wiederholten sich dann auch. Mir persönlich driftete das Ganze dann zu sehr ins Esoterische ab, Themen wie Wiedergeburt, zwei Seelen nach dem Tod vereint etc sind zwar interessant, um das überzeugend zu behandeln war dieser Roman aber zu oberflächlich.

Fazit: Leider nicht so ganz mein Fall. Wohlwollend betrachtet könnte man sagen, dass Federicas tiefe Sehnsucht schließlich ihre Erfüllung findet und dass zwei Seelen bis weit über den Tod hinaus wieder miteinander vereint sind. Wer sich gerne in solch romantischen Tagträumen verliert, wird sich hierauf sicherlich besser einlassen können. Wer einen fundiert recherchierten historischen Roman auf zwei Zeitebenen erwartet, wird jedoch bitter enttäuscht. Einige gute Szenen und Charaktere sind durchaus vorhanden, und die Kompaktheit der Geschichte macht es einem leicht durchzuhalten. Mich hat es leider nicht überzeugt. 

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127 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 83 Rezensionen

familie, liebe, leben, hamburg, schuld

Bis zum Himmel und zurück

Catharina Junk
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Kindler, 13.03.2018
ISBN 9783463406947
Genre: Romane

Rezension:

Katja Erlen ist Ende zwanzig, Drehbuchautorin und lebt alleine – also eigentlich. Nach einem schrecklichen Erlebnis in ihrer Kindheit und einen daraus resultierenden Klinikaufenthalt ist ihre Familie zerbrochen, sie ist schnellstmöglich ausgezogen und hat sich inzwischen, 15 Jahre später, recht gemütlich in ihrem Leben eingerichtet, indem sie jedwede Gefühlsregung weggeschlossen hat und alles vermeidet, was eine solche auslösen könnte. Eine engere Bindung hat sie nur zur zu ihrer besten Freundin Alexa. Selbst ihr Freund Ratko kommt nicht wirklich an sie ran. Als sie einen Anruf von ihrer Mutter erhält mit der Nachricht, dass ihr Vater, der wieder geheiratet hat, aufgrund eines Schlaganfalles im Koma liegt, steht für sie sofort fest: Von ihr ist kein Besuch zu erwarten. Da steht auf einmal ein 12jähriger Teenager vor ihrer Tür und behauptet ihre Halbschwester zu sein. Von dem Tag an steht Katjas Leben auf dem Kopf und nichts ist mehr, wie es war....

Sehr berührende Geschichte über Trauer, über die Verarbeitung von Traumata, über Familie und Freundschaft und über Buße. Ein Roman, der den Leser in ein Wechselbad der Gefühle stößt, der humorvoll, witzig, einfühlsam geschrieben ist und der einen in einem Augenblick zum Lachen, im nächsten zum Heulen bringt – ob aus Rührung oder aus Wut oder Trauer und Mitleid. Ich muss gestehen, dass mich die Geschichte richtig überrascht hat – nach dem Klappentext hätte ich eine sicherlich unterhaltsame, aber eher seichte Liebesgeschichte erwartet. Dies ist jedoch viel mehr. Die Verzweiflung und die selbst auferlegte Buße der Hauptfigur Katja ist dermaßen greifbar, dass man mehr als einmal zwischen schütteln und in-den-Arm-nehmen schwankt und ihr unbedingt helfen möchte. Ich habe dermaßen mit ihr mit gelebt, dass ich sie jetzt als sehr gute Freundin ansehe. Die Autorin versteht es hervorragend, ihre Charaktere und deren Gefühlswelt feinfühlig und dennoch stark zu zeichnen und sie sehr real darzustellen. Dies und ihr sehr eingängiger, einerseits lockerer, aber eben auch sehr auf die Figuren ausgerichteter Schreibstil machen dieses Buch zu einem Pageturner. Zugegeben – man muss schon ein kleines bisschen masochistisch veranlagt sein und die wechselvollen Gefühle zulassen wollen, um da durchzuhalten. Es ist eben nicht romantisch und alles Friede-Freude-Eierkuchen und man weiß auch nicht unbedingt sofort, worauf alles hinausläuft, sondern es geht um ein nie verarbeitetes, knallhartes Kindheitstrauma, um ein Kind, das dreifach verlassen wurde, das eine Mauer um sich herum errichtet hat und das als Erwachsene so voller Selbstverachtung ist, dass ihr ihrer Überzeugung nach sowieso nie etwas Gutes geschehen kann, denn das hat es nicht verdient. Das macht so traurig, dass man wirklich mehr als einmal zum Taschentuch greifen muss.

Natürlich ist die Geschichte auf Hauptfigur Katja ausgerichtet, ihre Geschichte wird erzählt, aus ihrer Perspektive wird berichtet. Ich fand jedoch auch alle anderen Charaktere sehr inspirierend und vielschichtig und oftmals auch sehr überraschend. Die neue Frau des Vaters ist eben keine Zicke, die Halbschwester ist bezaubernd, Freund Ratko beweist doch noch so etwas wie Rückgrat und die Mutter kämpft ebenso mit den Dämonen der Vergangenheit wie ihre Tochter. In dem Zusammenhang hat mich übrigens besonders Freundin Alexa begeistert – auch eine leidvolle Geschichte, aber ein erfrischender trockener Humor und ungeheure Lebenslust und im Übrigen der Beweis, dass man lieber nicht so viele Freunde hat, dafür aber die richtigen.

Fazit: Sehr zu Herzen gehender Roman über die selbst auferlegte Buße einer tief empfundenen Schuld, aber auch über die Verarbeitung eines Traumas, über ein neues Selbstbewusstsein und über Freundschaft und Liebe. Mitunter wirklich sehr traurig, aber auch voller Humor und zum Schluss auch sehr hoffnungsvoll. Nichts für Fans der seichten Liebesgeschichte, sondern eine Geschichte, die nachhallt. Schöööön!

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117 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 63 Rezensionen

new orleans, krimi, axeman, historischer krimi, jazz

Höllenjazz in New Orleans

Ray Celestin , Elvira Willems
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.03.2018
ISBN 9783492060868
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

In der Stadt New Orleans geht zwischen 1918 und dem Frühjahr 1919 ein Serienmörder um, den die Presse medienwirksam „Der Axtmörder“ getauft hat. Er geht äußerst brutal vor und hinterlässt blutige Tatorte, aber keine Spuren. Die Polizei tappt im Dunkeln und der ermittelnde Inspektor Michael Talbot steht mächtig unter Druck. Alle Hinweise deuten auf einen Täter aus Mafia-Kreisen hin, doch Die Familie ist unangreifbar. Dennoch will der Pate, der Sizilianer Carlo Matranga, den Mörder finden, und er beauftragt denn frisch aus der Haft entlassenen Ex-Polizisten Luca D'Andrea damit Nachforschungen anzustellen. Parallel zu Talbot und D'Andrea wird die junge Ida Davis von der Detektei Pinkerton auf den Fall aufmerksam, sie stöbert in alten Akten der Detektei und mit der Hilfe ihres sehr guten Freundes, des Jazzmusikers Lewis Armstrong, geht sie ihren eigenen Hinweisen nach. Unabhängig voneinander tauchen die Drei in die schrecklichen Abgründe der an Verderbtheit und Verbrechen nicht eben armen Stadt ein, decken so manchen Skandal auf und kommen nach und nach dem Mörder immer näher. Doch dieser ist ihnen immer einen Schritt voraus....

Was soll ich sagen, bis auf: UN-BE-DINGT LE-SEN!!!! Ich habe selten so ein geniales, spannendes, faszinierendes, atmosphärisch dichtes, sprachlich gewandtes, fesselndes Buch gelesen, bei dem zudem die Charaktere derartig vielschichtig herausgearbeitet wurden, dass eine Authentizität entsteht, die fast schon unheimlich ist. Zugegeben, es gibt viele Tote – aber wir reden hier von einem Serienmörder, die Mafia spielt eine große Rolle, damit muss man umgehen können, und auch mit den ausführlichen Beschreibungen des Autors von Tatorten, Opfern und Folterungen. Die Geschichte fesselt von der ersten Zeile an und nimmt rasend schnell Fahrt auf. Der Spannungsbogen wird stetig vorangetrieben und schnellt schließlich im Finale nochmals und gleich dreifach nach oben! Formal unterteilt in sechs Teile, eingerahmt in Pro- und Epilog, übergibt der Autor in den einzelnen Kapiteln gleich mehreren Protagonisten das Wort. Die verschiedenen Erzählperspektiven geben dem Leser die Möglichkeit, nicht nur der Handlung aus verschiedenen Perspektiven zu folgen, sie machen ihn zudem allwissend und geben ihm eine sehr umfassende Kenntnis des gesamten Geschehens. Der Fall selbst und die Lösung sind sehr komplex und somit machen diese drei unterschiedlichen Ermittlungsansätze sehr viel Sinn und geben ein stimmiges Gesamtbild.

Die drei Hauptfiguren, die Ermittler Michael Talbot, Luca D'Andrea und Ida Davis nehmen mit ihren Erzählsträngen den größten Raum ein, aber auch die Nebenfiguren wie der Journalist Riley und auch andere Informanten tragen sehr wesentlich zur Lösung des Falles bei. Alle drei ermitteln mit ihren eigenen Methoden und bringen sich natürlich mehr als einmal in größte Gefahr. Jede Figur verkörpert eine bestimmte ethnische Gruppe, Michael den Weißen irischer Herkunft, D'Andrea den Sizilianer, der in Der Familie aufgefangen wird, aber auch gefangen ist, und schließlich Ida, die sich sowohl als Frau als auch als Mischling gegen einige Übergriffe und Diskriminierungen wehren muss. Ihr Mut und ihre Intelligenz haben mich am meisten beeindruckt, aber auch von Michael und Luca war ich sehr angetan, beide sind zwiegespalten, verbeißen sich aber in den Fall, obwohl sie ihre jeweiligen Systeme - Luca die Mafia, Michael den Polizeiapparat und die Verwaltung, - anzweifeln. Alle haben eine vielschichtige Persönlichkeit, sie haben Ängste und Zweifel und sie scheuen sich auch nicht Menschen zu töten. Aber sie sind auch empathisch und streben nach Gerechtigkeit. Jeder einzelne dieser drei Erzählstränge führt den Fall dem finalen Höhepunkt zu.

Es treten generell sehr viele Figuren auf, doch im Lesefluss fällt diese Menge gar nicht auf, als Leser taucht man einfach in jedem neuen Kapitel aufs Neue in die jeweilige Perspektive ein und hat das Gefühl, nichts verpasst zu haben. Zur Übersicht gibt es aber auch ein Personenregister sowie zudem einen Plan der Stadt. Der Autor schafft es meines Erachtens auf geniale Weise, reale Geschehnisse wie den Brief des Axtmörders und das Leben des berühmten Jazzmusikers Armstrong zu einer spannenden Geschichte zu verknüpfen, bei dem sowohl die Charaktere als auch deren Umgebung bildhaft dargestellt werden und damit sehr real werden. Die Stadt New Orleans als Schmelztiegel sehr unterschiedlicher Sprachen und Kulturen, die Rassentrennung, die Armut, die Wetterkatastrophen, aber auch die Lebenslust der Menschen, ihre Musikalität und ihre Energie, nach schrecklichen Ereignissen wieder aufzustehen, aufzuräumen und weiterhin das Leben zu genießen, all dies wirkt sehr überzeugend. Die tolle detailliert-blumige Sprache des Autors lässt den Leser eintauchen, er lebt nicht nur mit, er ist dabei, er folgt Michael durch die schwülen dunklen Straßen, er sitzt mit Ida in der Straßenbahn, er hört den Jazz auf den Straßen. Die Geschichte ist eine wohlgesetzte Komposition, die einen verschlingt und in sich einsaugt und nicht mehr loslässt, bis man sie bis zur letzten Zeile gelesen hat. Dann erst kann man wieder ausatmen.

Fazit: Schlichtweg großartig und ein herrlicher Lesegenuss. Nichts für zart Besaitete, für alle anderen wärmstens empfohlen. Die Figuren wachsen einem ans Herz, jede ermittelt auf ihre Art und trägt ein Häppchen zur Lösung bei – eine sehr befriedigende Lösung angesichts der Tatsache, dass der reale Mörder nie gefunden wurde. Reale Tatsachen mischen sich aufs Vortrefflichste mit Fiktion, der Autor offenbart immenses Hintergrundwissen und historische Genauigkeit, aber auch ein großartiges erzählerisches Können. Kleine humorvolle Details geben der Geschichte die Würze, ansonsten ist es einfach ein großartiger Krimi vor dem faszinierenden Hintergrund der pulsierenden Südstaatenmetropole und der Hauptstadt des Jazz. In mir hat der Autor jedenfalls einen Riesenfan gefunden und nun hoffe ich inständig, dass Band zwei, auf englisch bereits unter dem Titel Dead Man´s Blues erschienen, schnellstmöglich auch auf deutsch erscheint! 

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109 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 50 Rezensionen

fantasy, intrigen, krieg, götter, highfantasy

Der Mond des Vergessens

Brian Lee Durfee , Andreas Heckmann
Fester Einband: 880 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 10.03.2018
ISBN 9783608961416
Genre: Fantasy

Rezension:

Der Waise Nail wächst bei seinem Meister Shawcroft in Galgenhafen auf Gul Kana auf, einer der fünf Inseln. Seine Eltern kennt er nicht. Mit seinem Meister arbeitet er in den Minen, außerdem wird er im Schwertkampf unterrichtet. Zwar hat er Freunde, dennoch wird er aufgrund seiner ungewissen Herkunft als Bastard angesehen und ist ein Außenseiter. Er würde gerne Krakenfänger werden, doch sein Meister verwehrt ihm die Ausbildung. Da trifft eine Flotte der Sør Sevier in Galgenhafen ein, die Krieger überrennen die kleine Stadt und töten die meisten Einwohner. Den Rest versklaven sie, auch Nail und einige andere Jugendliche. Nail verliert Shawcroft aus den Augen, wird aber von ihm gerettet und verhilft seinerseits vier Mitgefangenen zur Flucht. Allerdings werden sie verfolgt und Shawcroft kann die Häscher nicht lange aufhalten. Auch wird Shawcrofts Verhalten für Nail immer rätselhafter, mitten im tiefsten Winter sollen sie Gegenstände finden und sich dann zu einer Abteil in den Bergen durchschlagen. Mit letzter Kraft schaffen sie dies und treffen dort auf Bischof Godwyn, einen guten Freund Shawcrofts. Viel Zeit zum Ausruhen bleibt ihnen allerdings nicht, denn als nun Ritter aus Amadon auftauchen, dem Königssitz von Gul Kana, überreden diese sie mit ihnen zu einem Treffpunkt zu reisen. In der Stadt Ravenker jedoch, die sie auf dem Weg durchqueren müssen, treffen sie erneut auf die Krieger der Sør Sevier und werden voneinander getrennt. Diesmal steht Nail allein seinen Widersachern gegenüber...

Außergewöhnliche und spannungsgeladene Geschichte, die in einer fantastischen Welt spielt, die der Autor detailreich und liebevoll ersinnt und in der es nicht an Helden und Antihelden, Jungfrauen und Prinzessinnen, Monstern, Kriegern und Rittern, verschiedenen Völkern und mystischen Fabelwesen mangelt. Jedes Volk hat seine eigene Geschichte und Kultur, es gibt verschiedene heraus stechende äußerliche Merkmale, verschiedene Glaubensrichtungen und Riten, Gesellschaftsformen und Traditionen, und bis hin zu den Jahreszeiten wird alles bis ins kleinste Details beschrieben. Das Gesellschaftssystem dieser Welt mutet mittelalterlich-feudal an, es gibt den Hochadel und den Klerus, Krieger und Ritter sind ebenfalls hochangesehen sowie Kaufleute, Handwerker und Bauern. Frauen spielen generell eher eine untergeordnete Rolle. Die Religion hingegen nimmt einen sehr hohen Stellenwert bei allen ein, Bischöfe und Vikare sind mächtig, Gottesdienste und die Anbetung der jeweiligen Gottheit stehen über allem. Jedes Volk hat aus der einen Ur-Religion sein eigenes Glaubensbekenntnis herausgezogen und duldet keine anderen Glauben daneben. Die Namen erinnern an die englische und gälische Sprache, auch hier zieht der Autor seine dem jeweiligen Volk zugewiesenen Eigenschaften konsequent durch.

Die Geschichte setzt ein nach Kriegen zwischen Menschen und den anderen Völkern der Inseln und etwa tausend Jahre nach der Geburt des als Gottheit angebeteten Laijon. Aus ihm, seiner Frau Mia und seinem Sohn Raijael entstehen die drei großen Glaubensrichtungen der fünf Inseln, wobei diese – wie gesagt – bei den anderen Völkern jeweils nicht anerkannt und als Ketzertum verteufelt werden. Der Autor versteht es ungemein geschickt die teilweise komplizierte Geschichte der Völker anschaulich darzulegen und seine Figuren nicht nur schwarz-weiß, sondern vielschichtig zu zeichnen und damit authentisch und menschlich zu machen. Sein Schreibstil ist bei weitem nicht simpel, aber sehr bildhaft, detailliert und flüssig, es liest sich einfach hervorragend. Durch die sehr geschickten Perspektivwechsel ist der Leser allwissend, die Protagonisten aber nicht, was die Spannung erhöht, dennoch wird das Geschehen chronologisch wiedergegeben. Alles in allem nimmt das Ganze nur etwa zwei Monate Zeit in Anspruch, ist aber so kompakt und geballt und voll von Informationen, dass es einem viel länger vorkommt. Ohne den Anhang, i.e. die Karte der fünf Inseln, die Erläuterungen zu Jahreszeiten, Schriften und Waffen, wäre ich – muss ich gestehen – oftmals aufgeschmissen gewesen. Es lebe das Lesezeichen! Anfangs sind es sehr viele ungewohnte Namen und Figuren, das muss man sich schon ein bisschen durchbeißen. Doch nach einiger Zeit hat man alle drauf und kennt deren Eigenschaften und die Umgebung, in der sie leben.

Mit den Charakteren hatte ich mitunter so meine Probleme, besonders mit den weiblichen. Mit keinem von diesen wurde ich wirklich warm, ich fand sie entweder furchtbar naiv, dumm, profileurotisch, zu weiblich oder zu wenig weiblich oder schlichtweg nervig. Leider konnte ich hier mit keiner so richtig mit leben, hatte daher auch keinen näheren Bezug zu einer von ihnen und war daher relativ unbeeindruckt von ihrem Schicksal. Bei den männlichen Charakteren hatte ich das Problem, dass alle, an deren Schicksal ich am meisten teil hatte, irgendwann starben, so dass ich mir eine neue Projektionsfläche suchen musste. Am Meisten habe ich mit Nail mitgefiebert, weswegen ich auch die Inhaltsangabe auf ihn ausgerichtet habe. Dies heißt aber nicht, dass nicht auch die anderen Figuren interessant sind, und ich bin sehr gespannt, wie sich z.B. Tala, die Prinzessin von Gul Kana, oder auch andere entwickeln. Außerdem fand ich das Volk der Vallé und die Bluthölzler sehr spannend, und ich hoffe von ihnen in den Folgebänden mehr zu erfahren. Denn in jeden steckt Potential, nichts ist wie es scheint, und man muss höllisch aufpassen, dass man sich nicht auf irgendeine Person, einen Sachverhalt oder eine Lösung zu sehr verbeißt – es kommt doch alles anders als man denkt.

Sehr gut fand ich, dass jedem neuen Kapitel nicht nur ein Text aus dem jeweiligen Glaubensbekenntnis vorangestellt war, sondern auch eine Orts- und Zeitangabe und natürlich der Name des Protagonisten, aus dessen Sicht jeweils erzählt wurde. Hier führt nach Anzahl übrigens Nail, dicht gefolgt von Tala. Ob das nicht doch etwas zu bedeuten hat? Der Autor verzichtet interessanterweise weitgehend auf die seitenweise Beschreibung großer Schlachtengetümmel, die meines Erachtens oftmals Lückenfüller sind, nicht aber auf Zweikämpfe und die üblichen Brutalitäten wie Vergewaltigung, Verstümmelung, etc. Dies passt aber immer ins Geschehen und charakterisiert den jeweiligen Urheber. Spannend in dem Zusammenhang sind auch einige Geschehnisse vor dieser Geschichte, die (noch) nicht näher ausgeführt werden, den Leser aber zusätzlich zu den anderen textlichen Qualitäten dazu bringen am Ball zu bleiben.

Fazit: Tolles Debüt und starker Einstieg in die fünfbändige Reihe, für alle Fantasy-Fans ein klares Muss und absolute Leseempfehlung. Dass der Autor ein Fantasyfan ist und selbst hervorragend Welten erschaffen kann, hat er hiermit klar bewiesen, das Buch ist ein Pageturner und fesselt von Beginn an. Mir war zeitweise zu viel von Religion die Rede und ich störte mich auch häufig an einigen Verhaltensweisen besonders der weiblichen Charaktere. Super fand ich, dass keine Figur einseitig böse oder gut ist, auch bei den vermeintlichen Feinden, den Sør Sevier, gibt es Menschen, denen man das Überleben wünscht. Der Autor zeichnet seine Charaktere vielschichtig und damit menschlich und mit hohem Wiedererkennungswert. Wenn man sich erst einmal in die Welt und ihre Menschen eingelesen hat, kann man das Buch kaum noch aus der Hand legen. Das abrupte Ende und die vielen offenen Geschehnisse und Geheimnisse schreien nun natürlich nach Band 2, den wir mit Spannung erwarten!

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(101)

142 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 86 Rezensionen

krimi, cold case, hamburg, elbmarsch, mord

Totenweg

Romy Fölck
Fester Einband: 380 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 23.02.2018
ISBN 9783785726228
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Als ein Überfall auf ihren Vater diesen ins Koma befördert, nimmt die junge Polizistin und angehende Kommissarin Frida Paulsen Urlaub und begibt sich in das Dorf ihrer Kindheit in den Elbmarschen, um den Apfelhof ihrer Eltern am Laufen zu halten. Dort in der alten Heimat sieht sie sich nicht nur mit ihren alten Weggefährten, sondern auch mit dem Schrecken ihrer Vergangenheit, der Ermordung ihrer Freundin Marit, konfrontiert. Mit der Ermittlung im Fall ihres Vaters ist zudem ein alter Bekannter beauftragt: Kommissar Bjarne Haverkorn, der damals auch im Fall Marits Ermittler war und den dieser alte Fall nie losgelassen hat. Auch für ihn ist die Fahrt ins Elbdorf Deichgraben eine Reise in die Vergangenheit und es dauert nicht lange, da hängen die beiden tief in beiden Fällen drin. Als sich immer weitere Abgründe auftun, beschließen sie zusammenzuarbeiten, was sich allerdings nicht immer als einfach erweist….

Sehr gut recherchierter, detailgenau erzählter und sehr spannender Krimi mit sehr viel Lokalkolorit. Die Autorin versteht es den Spannungsbogen langsam aber stetig aufzubauen und diesen dann konstant hochzuhalten bis zum recht fulminanten Finale. Ihr Erzählstil ist rasant, einprägsam und sehr flüssig, der Leser ist sofort in der Geschichte drin und lebt mit den Figuren mit. Es gibt kaum eine Verschnaufpause und schon mit dem Prolog wird man an die Geschichte gefesselt. Da dies Band eins einer neuen Serie um die Ermittler Paulsen und Haverkorn darstellt, wird auch einiges an Zeit auf die Vorstellung der Charaktere verwendet.
Zunächst einmal kommt das Buch selbst sehr edel und gut gebunden und mit Lesezeichen daher. Als Zusatz am Ende befinden sich neben der Danksagung außerdem eine Leseprobe von Band zwei sowie die Vorstellung einiger Bücher des Genres. Formal ist das Buch nach einem kurzen Prolog in mehrere recht lange Kapitel unterteilt, die die Geschichte chronologisch erzählen. Innerhalb der Kapitel wiederum gibt es Einschübe, in denen sich Frida an ihre Vergangenheit erinnert. Dies erhöht den Spannungsbogen ganz enorm, denn dadurch erhält der Leser nach und nach tiefe Einblicke in die Geschehnisse aus dem Jahr 1998 und gewinnt außerdem einen guten Eindruck von Fridas Gefühlswelt.

Die Charaktere sind alle sehr gut herausgearbeitet und vielschichtig, einige Nebenfiguren haben allerdings mehr Potential als andere. Die verschworene Dorfgemeinschaft, die Haverkorn und Frida das Ermitteln mitunter schwer macht, ist es meines Erachtens wert eine größere Rolle in den Fällen zu spielen und hier noch mehr Einzelpersonen herauszupicken. Sehr überzeugend, wie sie in diesen schwierigen Zeiten, in denen Höfe ums Überleben kämpfen, zusammenhalten und sich auch gegen Eindringlinge verschwören. Hier kommt kein Zugezogener so schnell hinein, und nur weil Frida einer der ihren ist und Haverkorn ebenfalls anerkannt wird, gelingt es den beiden überhaupt die Mauern des Schweigens zu durchbrechen.

Meiner Ansicht nach ist Frida die dominanteste Figur im Roman. Mit ihr beginnt und endet die Geschichte, auf ihr ist auch der
Fall und damit die Spannung aufgebaut. Ihre persönliche Betroffenheit und die Kombination aus Opfer und Ermittler bilden zusätzliches Konfliktpotential und bringen auch eine gewisse Brisanz mit hinein, denn schließlich ist sie hochgradig voreingenommen. Das erklärt wahrscheinlich auch ihre manchmal geradezu waghalsigen, um nicht zu sagen fahrlässigen Einzelaktionen, mit denen sie sich und andere in große Gefahr bringt. Dennoch ist sie der Charakter, mit dem man am meisten mitfiebert. Sie ist recht zwiespältig, traumatisiert durch das Erlebnis, eine Zweiflerin, aber auch mutig und empathisch. Ein Arbeitstier und eine Kämpferin, eine die nicht so schnell aufgibt, sondern sich – nicht nur aus persönlicher Betroffenheit, sondern auch um der Gerechtigkeit willen - in den Fall verbeißt. Im Buch macht sie zudem eine Entwicklung durch, die ehrgeizige Streberin wird zum Familienmensch und söhnt sich mit so mancher Entscheidung und so manchem Mensch aus ihrem Umfeld aus. Sie durchbricht die Funkstille mit ihren Eltern und die starren Strukturen der Dorfbewohnter und stellt sich endlich ihrer Vergangenheit, schon allein dadurch dass sie endlich Haverkorn vertraut und ihm Zugang zu ihrem Innersten gibt.

Auch Haverkorn hat sein Päckchen zu tragen, nicht nur durch den alten Marit-Fall, sondern auch mit seiner Ehe. Dennoch muss ich sagen, dass mir seine Auseinandersetzungen mit seiner Frau nicht so nahe gingen und ich froh war, als das „Problem“ erst einmal gelöst war. Sehr gut fand ich, dass die Autorin eine Figur nie einseitig schwarz oder weiß zeichnet. Wie jeder reale Mensch haben sie gute und schlechte Seiten, und für ihre Handlungen gibt es Erklärungen und Gründe. Das macht sie authentisch und ihre Aktionen nachvollziehbar, und selbst für den Täter brachte ich ein gewisses Verständnis auf.

Fazit: Sehr gelungener Einstieg in die neue Serie. Dass Romy Fölck schreiben kann, hat sie ja schon hinlänglich bewiesen, doch diese neue Reihe wird ihr eine neue Fangemeinde einbringen. Nichts für die ganz zarten Gemüter, aber für alle, die einen guten Krimi mit lebendigen Figuren, psychologischen Abgründen und viel Lokalkolorit zu schätzen wissen. Nicht unbedingt ein klassischer Whodunnit-Krimi – die Lösung der Täterfrage kam für mich jetzt nicht völlig überraschend – aber sehr komplexe Zusammenhänge und überraschende Wendungen. Die sehr ausgewogene Mischung aus Kriminalfall, persönliche Probleme der Ermittler, vielschichtige Charaktere und nicht zuletzt einem sehr fesselnden Schreibstil machen dieses Buch zu einem echten Pageturner! 

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134 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 86 Rezensionen

einstein, physik, zürich, liebe, relativitätstheorie

Frau Einstein

Marie Benedict , Marieke Heimburger
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 15.02.2018
ISBN 9783462049817
Genre: Romane

Rezension:

Zürich, 1896: Mileva Maric beginnt ihr Studium der Physik und Mathematik am Polytechnikum. Sie ist die einzige Frau ihres Jahrgangs und erst die fünfte Frau überhaupt, die dafür zugelassen wird. Sie wohnt in einer Pension mit anderen jungen Studentinnen unterschiedlicher Fachrichtungen. Zu ihren Kommilitonen hat sie wenig Kontakt, einzig Albert Einstein bemüht sich um sie. Die beiden arbeiten, lernen und musizieren zusammen und nach und nach kommen sie sich näher. Schließlich gibt Mileva seinem Werben nach, wird seine Geliebte und schenkt einer Tochter das Leben. Erst als Albert endlich eine feste Anstellung am Berner Patentamt erhält, heiraten sie und bekommen zwei Söhne. Sie ziehen sehr häufig um, immer Alberts Arbeitsstellen geschuldet. Gemeinsam erarbeiten sie die Relativitätstheorie, doch Albert reicht sie nur unter seinem Namen ein – den Namen und den Anteil seiner maßgeblich beteiligten Frau Mileva unterschlägt er, ebenso wie auch in weiteren wissenschaftlichen Arbeiten. In dem Maße wie sein Ruhm wächst, verkümmert Mileva immer mehr zur reinen Hausfrau und Mutter. Nicht nur dass Albert sie betrügt, auch in seine wissenschaftlichen Diskurse bezieht er sie nicht mehr mit ein. Mileva akzeptiert dies lange Zeit und schluckt ihren Groll hinunter, doch schließlich stellt sie nicht nur ihre Ehe, sondern auch ihr ganzes Leben in Frage.

Dieser Roman ist großartig, berührend, leidenschaftlich, spannend – aber er macht auch wütend. Wütend auf eine Gesellschaft, die Frauen höhere Intelligenz weitgehend abspricht und sie auf die Rolle der Hausfrau und Mutter reduziert. Aber vor allem wütend auf den Mann, der eine Kultfigur ist und von vielen verehrt wird, der als der Popstar unter den Wissenschaftlern gilt und der doch so narzisstisch und respektlos gegenüber seiner Frau ist.
Zunächst einmal kommt das Buch edel daher, schön gebunden, mit einem sehr ansprechenden Umschlag und einem Lesezeichen versehen. Aufgeteilt ist es recht klassisch in drei Teile, eingerahmt in Pro- und Epilog, die beide Milevas nahendes Ende thematisieren. Die Geschichte verläuft chronologisch, die einzelnen Kapitel sind äußerst hilfreich mit Datums- und Ortsangabe versehen. Oft gibt es größere Zeitsprünge, die die Handlung raffen.

Der Schreibstil ist phänomenal! Die Autorin (und in Anlehnung an diese natürlich die Übersetzerin – Respekt!) formuliert bildhaft und eingängig und auch die wissenschaftlichen Ausführungen sind verständlich dargestellt. Vor allem aber geht die Geschichte unter die Haut, was vor allem der Perspektive und der intensiven Einblicke in Milevas Gefühlswelt geschuldet ist. Da die Geschichte in der Ich-Form aus Milevas Sichtweise geschrieben ist, mutet er autobiografisch an und wirkt sehr authentisch. Der Leser ist sofort gefesselt von der Geschichte und von Mileva und dies bleibt bis zuletzt so. Der Roman bezieht auch eindeutig Stellung – Albert wird als egoistisch und auf seinen Vorteil bedacht darstellt, der seiner Frau die Ideen klaut und sie klein hält, der sie belügt und betrügt und der sie sowohl verbal als auch – einmal – physisch erniedrigt. Dies zeichnet sich bereits zu Beginn des Studiums ab, denn er schwänzt sehr häufig die Vorlesungen und benutzt Mileva auch da schon als Schreibkraft, ohne die er zweifellos sein Studium nicht geschafft hätte. Auch da verleugnet er schon Milevas Anteil an den wissenschaftlichen Aufsätzen. Seine Hybris wird immer größer, bis er schließlich sogar selbst glaubt, er sei alleiniger Urheber aller Theorien.

Mileva ist ein faszinierender und tiefsinniger Charakter, nicht nur hochintelligent, auch tiefsinnig, leidenschaftlich, empathisch, liebevoll, eine starke Frau und eine Kämpferin. Durch ihre Eltern erfährt sie viel Unterstützung, und besonders ihr Vater fördert ihr außergewöhnliches mathematisches Talent. Er drängt sie zu studieren und ermöglicht ihr die schulische Bildung, dafür zieht er sogar mit der gesamten Familie um. Umso unverständlicher ist es für mich, dass sie sich so in die Rolle der Hausfrau zurückdrängen lässt und Albert seine Missachtung und Demütigungen immer wieder verzeiht. Dies lässt sich nur durch die Tatsache erklären, dass die Rolle der Frau generell und als unverheiratete im Besonderen in der damaligen Gesellschaft eine untergeordnete, die einer ledigen Mutter jedoch geradezu die einer Geächteten war. Als Ehefrau war Milena, zumal sie keinen Abschluss hatte, finanziell von Albert abhängig, Kinder hatten als Scheidungskinder ein eindeutiges Stigma. Nur so ist verständlich, warum sie es so lange ausgehalten hat. Für Albert kann man insofern Verständnis aufbringen, als dass auch sein Ruf geschädigt gewesen wäre, hätte man von dem unehelichen Kind erfahren. Ihm werfe ich vor, dass er aus purem Egoismus gehandelt und Mileva dann alleine gelassen hat. Für ihn sind letztendlich alle Frauen nicht ernst zu nehmen, sie sind schwach und haben zu gehorchen, während er als Mann alle Rechte hat. Mehr als einmal lag mir wegen seines Verhaltens ein Schimpfwort auf den Lippen. Mileva kann man nur vorwerfen, dass sie Albert in einem Moment der Schwäche nachgegeben und sich durch diese Dummheit in diese für sie verzweifelte Situation gebracht hat. Denn dass Albert unzuverlässig ist, wusste sie vorher bereits. Trotzdem geht sie mir als Persönlichkeit sehr nahe und ich durchlebte mit ihr alle Höhen und Tiefen.

Fazit: Der Roman ist sehr gut recherchiert und einige Begebenheiten sind historisch verbürgt, wie zum Beispiel die Bedingungen für die Ehe, die Albert Mileva hatte diktieren wollen. Milevas Emotionen, ihre Ängste, ihre Selbstzweifel, ihre Verzweiflung und Hingabe zu ihren Kindern, ihre Motive für den Verbleib in ihrer Ehe, ihre tiefe Freundschaft zu Helene dichtet die Autorin hinzu und schafft damit eine authentische, abgerundete Persönlichkeit, die das Herz des Lesers gewinnt. Die Autorin macht somit eine zu Unrecht in Vergessenheit geratene Wissenschaftlerin und eine tolle Frau einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Falls jemand einen wissenschaftlichen Roman erwartet, möge er die Finger davon lassen, Albert-Einstein-Fans ebenfalls. Der Roman lebt von seiner lebendigen Hauptfigur und ihren Kampf um Anerkennung und versucht ihr ein Stück Würde zurückzugeben. 

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207 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 101 Rezensionen

euthanasie, verbrechen, mord, inge löhnig, zweiter weltkrieg

Die Vergessenen

Ellen Sandberg
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Penguin, 27.12.2017
ISBN 9783328100898
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Halbgrieche Manolis Lefteris ist nicht nur Besitzer eines Autohauses, er ist auch ein Mann für besondere Fälle, die er diskret und zuverlässig für seinen Auftraggeber löst. Seinen neuen Auftrag geht er zunächst ähnlich emotionslos an: Er soll Dokumente, die im Besitz einer alten Dame sind, beschaffen und seinem Auftraggeber aushändigen. Der Auftrag erweist sich als komplizierter als gedacht, die Dokumente sind nicht aufzufinden, derjenige, dem er sie abnehmen soll, hat sie nicht und wird wenig später tot aufgefunden. Also hängt sich Manolis an die Nichte der alten Dame, Vera Mändler, einer Journalistin. Vera hat die Patientenverfügung ihrer Tante und ist außerdem die Cousine des Dokumentenüberbringers, des chronisch klammen Chris, der sie und ihre Tante immer wieder um Geld angepumpt hat. Ihr kommen bald ein paar Dinge spanisch vor und so beginnt sie auf eigene Faust zu recherchieren. Nach und nach merken beide, was für einer Ungeheuerlichkeit sie da auf der Spur sind, und die Ereignisse beginnen sich zu überschlagen…

Ein großartiger und spannender Roman über ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte, von der Autorin anspruchsvoll, aber dennoch sehr flüssig und eingängig erzählt. Die zwei Hauptfiguren Manolis und Vera bilden die zwei Haupterzählstränge, in Einschüben wird jedoch sehr geschickt die Sichtweise anderer Personen beleuchtet und so sowohl die geschichtlichen Ereignisse erzählt als auch die gegenwärtigen vorangetrieben. Nebenfiguren gibt es eigentlich nicht, ein jeder trägt etwas Wesentliches zur Geschichte bei. Besonders die Einschübe von Veras Tante Kathrin beleuchten die historischen Geschehnisse und geben darüber hinaus sehr tiefe Einblicke in das Seelenleben eines Zeitgenossen während der Nazi-Zeit. Nach und nach eröffnet sich dem Leser das ganze Ausmaß der skandalösen Machenschaften, die freilich damals sanktioniert waren und erst in unserer Zeit geahndet und bestraft werden.

Die Charaktere sind durchweg vielschichtig, oftmals in sich zwiegespalten, reflektierend über ihr Dasein und mitunter hadernd mit ihrem Schicksal. Alles ist jedoch schlüssig und für den Leser sehr gut nachvollziehbar, und manch einer erweist sich als überraschend stark. Sowohl Manolis als auch Vera tragen familiäre Altlasten mit sich herum und hinterfragen ihr Leben und ihren Beruf, hervorgerufen durch die Ereignisse, in die sie – eher unverhofft - hineingeraten. Beide hadern mit der Vergangenheit ihrer Familie in der Nazi-Zeit, Manolis schleppt ein psychisches Trauma mit sich herum, Vera fragt sich besorgt nach der Rolle ihrer Tante bei den abscheulichen Geschehnissen. Beide machen im Laufe der Ereignisse des Buches eine Veränderung durch, Manolis gibt seine Neutralität und Gleichgültigkeit gegenüber der wahren Beweggründe seiner Auftraggeber auf, Vera wirft ihr starkes Sicherheitsbedürfnis über Bord und emanzipiert sich sowohl privat als auch beruflich. Beiden geht es schlussendlich um Gerechtigkeit, nicht jedoch im juristischen, sondern im moralischen Sinne.

Das Buch ist sehr emotional, es macht betroffen und wütend und es fordert in dem Maße, wie sich die Figuren verausgaben, dies auch vom Leser, der mit jeder Faser mit lebt. Die Einblicke besonders in Manolis‘ Seelenleben gehen unter die Haut und er polarisiert als Charakter durch seine Vergangenheit, seine psychische Verletzlichkeit und seinen „Job“ sehr. Trotzdem macht die Autorin seine Aktionen plausibel und ihn somit als Persönlichkeit stark und tiefsinnig. Das Ende ist denn auch zumindest versöhnlich.

Fazit: Ein must-read! Das Buch bietet alle Facetten eines gut recherchierten, an historischen Fakten orientierten Spannungsromans, der zwei Zeitebenen plausibel verknüpft, die Spannung stetig steigert und auch psychologische Abgründe nicht zu überladen, aber doch überzeugend darstellt. Das „zweite literarische Standbein“, wie die durch Krimis unter anderem Namen bekannt gewordene Autorin diesen Ausflug in ein komplett anderes Genre selbst nennt, ist wahrhaft gelungen! Dass Ellen Sandberg alias Inge Löhnig schreiben kann, hat sie nun hinlänglich bewiesen, aber einen historisch fundierten, spannenden Familienroman zu schreiben erfordert meines Erachtens eine völlig andere Herangehensweise und einen deutlich höheren Rechercheaufwand. Dass hier ihr Herzblut drinsteckt, merkt man mit jeder Zeile. Wenn es auch schwierig werden dürfte, dies so zu wiederholen oder gar zu toppen, so würde ich als Leser nach diesem Ende doch hoffen, wieder einmal etwas über Manolis und Vera lesen zu dürfen. 

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(86)

123 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 73 Rezensionen

krimi, england, weihnachten, mord, klassiker

Geheimnis in Rot

Mavis Doriel Hay , Barbara Heller
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 20.12.2017
ISBN 9783608961898
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Wie jedes Jahr treffen sich die zahlreichen Mitglieder der Familie Melbury an Weihnachten auf dem Landsitz Flaxmere in der Nähe von Bristol. Hausherr und Familienoberhaupt Sir Osmond hat sich diesmal eine besondere Überraschung ausgedacht: Ein Weihnachtsmann soll die Geschenke verteilen. Der erste Weihnachtsfeiertag verläuft jedoch ganz anders als geplant und endet mit einem Mord....am Hausherrn!

Klassischer Who-Dunnit-Krimi im Agatha-Christi-Stil, herrlich skurrile Charaktere, wunderbarer, etwas altmodischer Schreibstil und spannend bis zum Schluss. Keine blutige Action, keine ausufernden emotionalen Ergüsse, keine abgehalfterten Ermittler und auch keine psychologischen Abgründe, sondern ein wirklich solider Krimi im englischen Stil der 30er Jahre. Formal aufgeteilt ist das Buch in 21 Kapitel plus Nachwort, alle in der ich-Form geschrieben, jedoch nicht immer von denselben Verfasser. Ein interessantes Stilmittel der Autorin. Sie beginnt die Geschichte mit den Berichten von eingeladenen Gästen und Familienmitgliedern und gibt so erstens dem Leser die Möglichkeit, alle kennenzulernen, und zweitens berichtet sie von Ereignissen vor dem ominösen Tag. Sie gibt auf diese Weise Einblick in verschiedene Sichtweisen auf die Geschehnisse, und obwohl diese Berichte nach dem Mord als Auftrag des Ermittlers verfasst wurden, ist es für den Leser doch chronologisch und daher besser zu verstehen. Der Hauptteil wird vom Ermittler selbst, Colonel Halstock, verfasst, er nimmt den größten Raum ein und schildert die Befragungen und die Ermittlungsarbeit.

Nicht alle Charaktere sind sympathisch oder interessant, aber jeder ist einzigartig und wird sehr gut beschrieben. Ich persönlich fand den Ermittler Halstock ziemlich gut, er bedient sich in diesem Fall der typischen Sherlock-Holmes Methode der Induktion, sprich er ermittelt einzelne Fakten aus Aussagen, zieht logische Schlüsse, sieht schließlich das große Ganze und präsentiert dann die Lösung. Natürlich werden auch Spuren gesichert und man begibt sich auch einmal in andere Gefilde, um zu ermitteln, an sich ist die Lösungsfindung jedoch eine reine Denkleistung. Hilfreich sowohl für Halstock als auch für den Leser sind hierbei der Grundriss des Erdgeschosses von Flaxmere, um die Wege und Aufenthaltsorte der einzelnen Personen nachvollziehen zu können, und die oben schon erwähnten Berichte zu den Geschehnissen. Übrigens präsentierte sich die Lösung trotz aller zur Verfügung stehender Fakten und Hilfsmittel zumindest für mich doch einigermaßen überraschend.

Fazit: Toller Krimi in schönem Cover für alle Fans der klassischen englischen Detektivgeschichte. Wer die Bücher von Agatha Christi und Sir Arthur Conan Doyle mag, wird dieses hier ebenfalls lieben und den scharfsinnigen Colonel Halstock ebenso ins Herz schließen wie Hercule Poirot oder Sherlock Holmes. Eine Autorin, die sich mit ihrem Stil und dem gut konstruierten Fall nicht hinter den großen Namen der klassischen Kriminalliteratur zu verstecken braucht. Und obwohl sie nur drei Krimis geschrieben hat, hoffe ich doch sehr, dass der Klett-Cotta-Verlag uns bald in den Genuss weiterer Bücher von ihr bringen wird.

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60 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 54 Rezensionen

thriller, fbi, scifi, nikolas stoltz, virtuelle realtiät

DREAM ON – Tödliche Träume

Nikolas Stoltz
E-Buch Text: 419 Seiten
Erschienen bei FeuerWerke Verlag, 31.10.2017
ISBN 9783945362303
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nick Quentin soll einen neuen Job als Traumdesigner bei der Firma Dream on in der Einöde in der Nähe von Las Vegas antreten, vermittelt von seinem väterlichen Freund Jack Cumberland. Er weiß überhaupt nicht, was in dafür qualifizieren sollte und was ihn erwartet. Die Firma erweist sich als besser gesichert als Fort Knox und sein neuer Vorgesetzter als arroganter Choleriker, der ihn nicht haben will. Er bekommt einen Chip in den Arm implantiert und wird in die Geheimnisse der Firmenideologie eingewiesen. Dennoch kommt ihm das Verhalten seines Freundes merkwürdig vor, und als er beschließt ihn näher zu befragen, findet er Jack zu seinem Entsetzen tot in seinem Sessel, gestorben während eines Alptraums. Nick gerät schnell ins Visier der FBI Ermittler und seiner Vorgesetzten, für sie steht er als Mörder fest. Doch nicht alle glauben das und helfen Nick aufopferungsvoll beim Finden des wahren Mörders. Dabei gerät Nick immer tiefer in die Traumwelt von Dream on und muss aufpassen sich nicht in ihr zu verlieren…

Super spannender und sehr fesselnder Thriller, der geschickt mit dem Wechsel von Realität und virtueller Wirklichkeit spielt. Die Handlung spielt sich lediglich über einen Zeitraum von sechs Tagen ab, und ebenso rasant wird die Geschichte erzählt. Als Leser hat man kaum Zeit durchzuatmen, und langweilig wird es in keinem Augenblick. Zunächst wirkt Hauptfigur Nick, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, unscheinbar, eine eher schwammige Persönlichkeit, einer der nichts richtig auf die Reihe bekommt und dem man auch nicht zutraut, da heil wieder herauszukommen. Großartig fand ich zunächst einmal, wie der Autor die Hauptfigur langsam aber stetig in diese Rolle hinein bugsiert, wie Nick in die Rolle des Ermittlers hineingeschubst wird, über sich hinauswächst und sich vom gleichgültigen Nichtsnutz zu einem hartnäckigen und mutigen Kämpfer entwickelt, der unbedingt die Wahrheit herausfinden will. Aber auch die anderen Charaktere sind bis in die Nebenfiguren sehr gut dargestellt und spielen durchweg eine tragende und manchmal auch überraschende Rolle. Mir gefiel besonders FBI Ermittlerin Delago, die sich nicht in ein Frauchen-Schema pressen lässt und für ihre Überzeugungen mutig kämpft und auch oftmals gegen den Strom und gegen starre behördliche Auflagen anschwimmt.

Zum Zweiten fand ich die Wechsel von Realität und Traumwelt sehr gelungen, der Leser findet sich – auch durch die Kursivschrift, die die Traumwelt darstellt – immer sofort zurecht und weiß, wo er sich gerade befindet. Die Wechsel zwischen den Welten werden immer häufiger und der Aufenthalt in der Traumwelt immer länger, je weiter die Handlung an Fahrt aufnimmt und voranschreitet, und in dem Maße wird Nick auch immer selbstsicherer und mutiger, obwohl er mehr als einmal in höchste Bedrängnis gerät. Der Autor versteht es ebenso geschickt Spannung aufzubauen wie die Science Fiction-Elemente mit der Krimihandlung zu verknüpfen, so dass man als Leser nie das Gefühl hat, auf verlorenem Posten zu stehen. Sowohl Krimihandlung als auch technische Erklärungen sind plausibel, und die Vorstellung, dass es solch eine Firma geben könnte oder bald geben wird, ist alles andere als weit hergeholt. Der gläserne Mensch, über den Regierungen und Institutionen nahezu alles wissen, ist bereits Realität, und die Beeinflussung des Unterbewusstseins ebenfalls bereits möglich. Der Autor spinnt den Faden weiter und verknüpft eine innovative, unglaublich anmutende Erfindung mit knallharter Geschäftspolitik, behördlicher und politischer Einmischung und Überwachung von Mitarbeitern, wie sie in heutiger Zeit bereits geschieht. Außerdem schafft er es einen wirklich spannenden Thriller zu konstruieren, der bis zum Schluss spannend bleibt. Mir persönlich war das Finale etwas zu abrupt und die Auflösung, wer „die Bösen“ sind, nicht wirklich überraschend, aber das tat dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Wie schön, dass die Aussicht auf einen Folgeband besteht!

Fazit: Ein wirklich gelungenes Debüt des Autors, dem man anmerkt, dass er sich mit der Materie auskennt. Sehr fundiert und überzeugend seine Darstellung der Unternehmenswelt und der technischen Möglichkeiten, und auch seine Charaktere überzeugen mit Vielschichtigkeit und Entwicklungspotential. Für alle Thrillerfans lohnt sich die Lektüre, Fantasie ist aber auf jeden Fall hilfreich. Die Vorstellung einer virtuellen Welt, die so lebensecht ist, dass sich das Bewusstsein täuschen lässt, ist faszinierend und hat einen großen Suchtfaktor, und die mögliche Beeinflussung des Unterbewusstseins ist geradezu erschreckend und sorgt für den nötigen Gruseleffekt. Diese Grundthemen wirken nach und dürften bei dem einen oder anderen Leser durchaus für einige Überlegungen nach der Lektüre sorgen. 

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135 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 53 Rezensionen

fantasy, amber, die neun prinzen von amber, die chroniken von amber, chroniken von amber

Die Chroniken von Amber - Die neun Prinzen von Amber

Roger Zelazny , Thomas Schlück
Flexibler Einband: 268 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 14.10.2017
ISBN 9783608981278
Genre: Fantasy

Rezension:

Ein Mann erwacht schwer verletzt in einem Krankenhausbett in einer ihm unbekannten US-amerikanischen Stadt, ruhig gestellt durch Betäubungsmittel. Schnell wird ihm klar, dass er außergewöhnliche Fähigkeiten besitzt: Seine Verletzungen heilen sehr viel schneller als bei gewöhnlichen Menschen. Nur seine Erinnerung kann er nicht alleine wieder herstellen. Er entlässt sich selbst und forscht seiner Herkunft nach. Langsam wird klar, wer er ist: Er ist Corwin, einer der Prinzen von Amber, der Mittelpunkt der Welt, der Mutter aller Städte, die Unsterbliche. Durch ein magisches Muster erlangt Corwin seine Erinnerungen zurück, und ab diesem Zeitpunkt kennt er nur ein Ziel: den Thron von Amber zu erobern. 

Das erste Buch der Chroniken von Amber, neu aufgelegt durch den Klett-Cotta-Verlag, der ab 14.10.17 jeden Monat einen neuen Band veröffentlicht. Die Chroniken umfassen zwei Zyklen zu je fünf Bänden. Die einzelnen Bände sind recht dünn, die Handlung ist aufgrunddessen sehr kompakt dargestellt, es passiert unheimlich viel und das Schlag auf Schlag, der Schreibstil ist ungeheuer fesselnd, die Geschichtes spannend und das Ganze liest sich ratzfatz herunter. Ich war von der ersten Zeile an fasziniert, Hauptfigur Corwin, aus dessen Perspektive die Geschichte in der Ich-Form erzählt wird, ist ein cooler Typ, der einiges aushalten kann und durchaus auch kein Kind von Traurigkeit ist. Keiner der Charaktere ist schwarz-weiß, alle haben ihre speziellen Eigenschaften und auch durchaus Sinn für Humor. Im Laufe des Buches lernt man so einige seiner (Halb-)Geschwister kennen und über den einen oder anderen möchte man natürlich auch mehr erfahren. Der Autor entwirft zudem eine faszinierende magische Welt, neben welcher alle anderen Welten nur mehr Schatten, Spiegelbilder oder schlichtweg Chaos sind. Mit Hilfe von Spielkarten kommunizieren die Mitglieder des Königshauses miteinander, sie können außerdem mit der Kraft ihrer Gedanken magische Dinge tun. Die Gesellschaft von Amber mutet eher mittelalerlich an, trotzdem bedienen sich die Prinzen auch der Gegenstände aus der Welt der Schatten, z.B. Autos und Waffen. Dieser erste Band macht den Leser mit den Protagonisten vertraut und schildert Corwins Rückkehr nach Amber sehr anschaulich - auch Schlachtgetümmel und Waffengeklirr, fremdartige Wesen, unerwartete Verbündete und Verrat dürfen nicht fehlen. 

Fazit: Alles in allem ein toller Auftakt zu einer faszinierenden Reihe. Packend von der ersten Zeile an dank Hauptfigur Corwin und tollem Schreibstil. Wen es einmal gepackt hat, der will unbedingt weiterlesen, und für Fans des Genres sowieso ein Muss. Ich warte gespannt auf den nächsten Band!

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64 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 50 Rezensionen

istanbul, türkei, krimi, geschichte, mord

Die Gärten von Istanbul

Ahmet Ümit , Sabine Adatepe
Flexibler Einband: 592 Seiten
Erschienen bei btb, 11.09.2017
ISBN 9783442715138
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Hauptkommissar Nevzat von der Mordkommission Istanbul ist nach dem Tod von Frau und Tochter noch immer in Trauer, nur mühsam findet er zurück ins Leben. Er lenkt sich mit viel Arbeit ab. Da wird er mit einem grausamen Mord konfrontiert: Vor dem Atatürk-Denkmal wird ein Mann mit durchgeschnittener Kehle gefunden, mit einer historischen Münze in der Hand. Was hat das zu bedeuten? Nevzat und seine zwei Assistenten, der impulsive Ali und die analytische Zeynep, machen sich an die Arbeit. Als am Tag darauf erneut eine ebenso zur Schau gestellte Leiche gefunden wird, ist klar: Man hat es mit einem Serienmörder zu tun. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt... 

Klassischer Krimi, Reiseführer, Geschichtsunterricht - in diesem atmosphärisch dichten Roman hat man gleich drei Genres in Einem. Der Autor versteht es, einen komplexen Fall zu konstruieren und diesen mit der reichhaltigen Geschichte einer faszinierenden Stadt in Einklang zu bringen. Auch seine Charaktere sind einzigartig, vielschichtig und bieten reichlich Facetten. Besonders Hauptfigur Nevzat, aus deren Sicht die Ereignisse in der Ich-Form erzählt werden, gewährt, bedingt durch die Erzählperspektive, tiefe Einblicke in sein Seelenleben, in seine Gedankengänge zum Fall, aber auch in seine zwiespältige Gefühlswelt. 

Formal ist das Buch in sieben Teile aufgeteilt, ein jedes - bis auf das letzte - wiederum in mehrere Kapitel. Diese haben als Überschrift sehr passende Zitate aus dem jeweiligen Kapitel. Der Schreibstil ist etwas gewöhnungsbedürftig, mal flapsig, mal gehobener in den Geschichtspassagen, aber durchaus flüssig und gut zu lesen. Ich musste mich zunächst erst einmal an die fremdartigen Namen gewöhnen und die Anrede - in der Türkei wird geduzt, allerdings im geschäftlichen Umgang mit dem respektvollen Bey oder Hanim hinter dem Vornamen, was Herr oder Frau bedeudet. 

Von den Charakteren fand ich Hauptkommissar Nevzet am Interessantesten, was natürlich auch der Erzähl-Perspektive geschuldet ist. Alles ist auf ihn ausgerichtet, er ist der führende Kopf im Team, dem zugearbeitet wird, und auch von seinem Privatleben erfährt man mit Abstand am meisten. Berührend wird seine Trauer um Frau und Kind beschrieben, seine vorsichtige Annäherung an eine neue Liebe, seine Verbundenheit mit seinen Freunden Yekta und Demir. Er ist ein Kind des türkischen Bildungsbürgertums, hochintelligent und sehr geschichtsinteressiert, außerdem liebt er seine Stadt Istanbul, obwohl diese ihm jeden Tag aufs Neue Schreckliches offenbart. Im Beruf ist er ein analytischer und sachlicher Denker, der loyal zu seinem Team steht, und ein absoluter Gerechtigkeitsfanatiker, im Privaten ein treuer und sensibler Gefühlsmensch. Neben ihm besteht als Charakter eigentlich nur noch die Museumsdirektorin Leyla in ihrer Vielschichtigleit und Hingebung zum Beruf. Sehr sympathisch waren mir aber auch der impulsive Ali und seine Kabbeleien mit Zeynep, er brachte immer ein bisschen Bodenständigkeit und Humor in die manchmal trockenen Exkurse, und Nevzets Freunde Demir und Yekta. 

Inhaltlich ist der Roman sehr komplex. Er beginnt als klassischer Krimi: Mord und die Frage nach dem Wer und Warum. Schnell wird die geschichtliche Verbindung deutlich, seine Ermittlungen führen Nevzat durch das historische Istanbul, er bekommt es mit Museumsdirektoren, aber auch mit Baulöwen und Untnehmern, mit religiösen Eiferern und linken Vereinigungen zu tun. Ein Großteil nehmen in der Darstellung die geschichtlichen Exkurse ein, besonders in der Mitte des Buches tritt hierfür die Krimihandlung stark zurück. Diese Exkurse sind in gehobener Sprache verfasst und kommen mitunter sehr oberlehrerhaft herüber - was sogar auch explizit erwähnt wird. Ich muss gestehen, dass es selbst mir, als wirklich geschichtsinteressiertem Leser, manchmal zuviel wurde und dass ich lieber mehr über die Ermittlungsarbeit gelesen hätte. Auch fand ich die eine oder andere dargebrachte Lektion unnötig und den Erzähler derselben unglaubwürdig. Dass eine Museumsdirektorin sich auskennt, ist vollkommen legtim, auch wenn sie wirklich sehr oft ungebremst ihre Monologe ausführen durfte. Dass aber zwei Obdachlose ebenfalls das Wissen eines Geschichtslehrers besitzen, fand ich eher merkwürdig. Die extrem häufigen und ausufernden geschichtlichen Monologe gingen dann leider auf Kosten der Spannung. Sehr interessant fand ich hingegen durchweg die Beschreibung der historischen Stätten Istanbuls und wohltuend der Verzicht auf allzu blutige Details. Im letzten Drittel nimmt die Geschichte dann wieder gehörig Fahrt auf, die Krimihandlung gewinnt die Oberhand bis zum sehr packenden und auch überraschenden Finale. 

Fazit: Interessante und durchaus gelungene Mischung aus Krimi und Geschichtslektion. Der Autor verfügt über ungeheures Wissen und liebt seine Stadt. Meines Erachtens eher nichts für den klassischen Krimileser, Interesse an der Geschichte der Stadt Istanbul ist unbedingt vonnöten, sonst wird es eine Quälerei. Wenn man sich hierauf einlässt, erfährt man viel über das Leben, die Menschen und natürlich die Vergangenheit dieser faszinierenden Metropole am Bosporus.

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120 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 88 Rezensionen

spanischer bürgerkrieg, spanien, spionage, franco, bürgerkrieg

Der Preis, den man zahlt

Arturo Pérez-Reverte , Petra Zickmann
Fester Einband: 295 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 10.09.2017
ISBN 9783458177197
Genre: Historische Romane

Rezension:

Spanien, November 1936: Das Land befindet sich seit einem halben Jahr im Bürgerkrieg. Die junge Republik kämpft gegen rechte Putschisten unter General Franco. Auf Seiten der linken nationalen Volksfront stehen Sozialdemokraten, Kommunisten, Sozialisten und Anarchisten, Franco wird unterstützt durch das Militär, diverse rechte Gruppen und die Falangisten und außerdem durch die deutschen und die italienischen faschistischen Regierungen. Jede Gruppierung hat ihren eigenen Führer und es gibt viele konkurrierende Geheimdienste, unter ihnen den SNIO mit Sitz in Salamanca, das sich unter der Kontrolle der Putschisten befindet.

Lorenzo Falco ist Agent des SNIO und Lieblingsspion seines Chefs. Im November soll er die Leitung eines besonders heiklen Auftrags übernehmen: die Befreiung eines Falangisten-Führers in Alicante, das fest unter der Kontrolle der Nationalisten steht. Zusammen mit einer Gruppe von Falangisten und dem deutschen Geheimdienst soll ein perfekt geplanter Sturm auf das Gefängnis stattfinden. Jeder muss sich auf den anderen verlassen können, aber nicht jeder spielt mit offenen Karten, und so gerät Falco bald zwischen die Fronten…

Sehr spannender und cleverer Spionagethriller der klassischen Art und Auftakt einer Serie um den Spion Falco. Der Autor verknüpft geschickt und klug die historischen Hintergründe mit einer spannenden Rahmenhandlung und er versteht es, die komplizierten und für den Laien oftmals verwirrenden Gruppierungen und ihr Anliegen verständlich zu machen. Sein Schreibstil ist anspruchsvoll, aber dennoch eingängig und fesselnd. Die aufregende und auch schreckliche Epoche des spanischen Bürgerkrieges, an dessen Ende Franco als Sieger hervorging und danach lange Zeit als Diktator herrschte, spielt eine große Rolle in der Geschichte, sie ist der Ursprung der Handlung. Die Figuren sind Kinder ihrer Zeit, es gibt Gewinner und Verlierer des Krieges. Die Zerrissenheit, die Angst, aber auch der politische Fanatismus und die Brutalität aller Beteiligten werden sehr plastisch dargestellt.

Die Geschichte ist gänzlich aus der Perspektive des Agenten Falco verfasst, auf ihn konzentriert sich alles. Falco ist ein charismatischer Mensch, der sich seiner Wirkung auf Frauen sehr bewusst ist und diese auch sehr aktiv zu seinem Vorteil zu nutzen weiß. Er ist charmant, intelligent, kühl, berechnend und kaltblütig. Sein Lebenslauf wird dem Leser nach und nach eröffnet, allerdings auch nur grob, gegenüber seinen Mitmenschen bleibt er gänzlich verschlossen. Freundschaften oder gar Beziehungen existieren nicht, die engste Bindung ist die zu seinem Chef, und zu ihm hat er auch das größte Vertrauen. Trotz seiner Zugehörigkeit zum SNIO wird nicht klar, welcher politischen Richtung er zuneigt. Grundsätzlich ist er sich selbst der nächste und er weiß sich herauszuhalten. Bei der Operation muss er sich auf ihm unbekannte, sehr unterschiedliche Menschen verlassen, und hier zeigen sich sein starker Charakter und Führungswille. Mit seinen teilweise brutalen Äußerungen eckt er auch häufig genug an und macht sich unbeliebt. Aufgrund dessen und aufgrund seiner Handlungen ist er alles andere als ein sympathischer Charakter, eher zwiespältig und polarisierend, aber als Figur ist er sehr dominant, so dass man als Leser sofort unglaublich mit ihm mit lebt. Die anderen Charaktere, besonders die männlichen, bleiben in meinen Augen eher blass.

Als weiblichen (Gegen-)Part hat der Autor Falco Eva Rengel zur Seite gestellt. Sie ist ganz anders als die Frauen, die Falco sonst so aufreißt, unweiblich, ungepflegt, hart im Nehmen, extrem selbstbewusst und undurchsichtig. Ich muss gestehen, dass sie mir im Laufe der Zeit immer unsympathischer wurde. Ihre „stillen Blicke“ gingen mir nach einiger Zeit ebenso auf die Nerven wie ihre ständigen Unterstellungen, Äußerungen könnten gegen sie als Frau gerichtet sein. Mit ihr konnte man sich so gar nicht identifizieren, allerdings auch mit keiner anderen weiblichen Protagonistin. Sie blieb mir im gesamten Buch fremd, insofern hielt sich mein „Mitleben“ mit ihrer Person auch sehr in Grenzen, ganz anders bei Falco, der nach bester Agentenmanier in lebensbedrohliche Situationen kommt, dem man aber wünscht, heil wieder heraus zu kommen.

Fazit: Starker Autor, tolles Buch! Der Autor verwebt sein historisches Fachwissen klug und unprätentiös mit einer spannenden Handlung, die durchaus einige überraschende Wendungen bereithält, und er schreckt auch vor brutalen und blutigen Szenen nicht zurück. Ein gewisses Interesse an historischen Begebenheiten ist von Vorteil und die Bereitschaft, sich vielleicht einmal ein bisschen mit den Hintergründen zu befassen. Dies trägt zumindest zum besseren Verständnis bei. Der Roman ist nichts zum Herunterlesen, obwohl gar nicht einmal so dick, ist die Handlung kompakt und teilweise verworren, aber nie langweilig. Dass der Autor ein großer Erzähler ist, hat er hinlänglich bewiesen, und auch dieser Auftakt um den charmanten Spion ist sehr gelungen und macht Lust auf Mehr! 

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124 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 69 Rezensionen

england, zweiter weltkrieg, musik, frauenchor, singen

Der Frauenchor von Chilbury

Jennifer Ryan , Andrea O´Brien
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 07.09.2017
ISBN 9783462048841
Genre: Romane

Rezension:

Chilbury, Kent in England, 1940: Fast alle Männer im Dorf wurden für den Zweiten Weltkrieg eingezogen. Die Frauen übernehmen mehr und mehr die anfallenden Arbeiten auf Höfen und in Läden oder arbeiten als Krankenschwestern oder beim Nachrichtendienst. Da wird – zum Schrecken der weiblichen Bevölkerung – der Chor von Chilbury wegen Männermangel aufgelöst. Die Damen sind entsetzt, haben dem aber nichts entgegen zu setzen. Eines Tages zieht Primrose Trent, Musikprofessorin aus London, ins Dorf und mischt dieses kräftig auf. Sie gründet einen reinen Damenchor und meldet diesen sogar entgegen aller Widerstände bei einem Gesangswettbewerb an. Doch der Krieg ist in vollem Gange und macht auch vor dem kleinen Dorf nicht Halt…

Bezauberndes Buch über die Hoffnung in schweren Zeiten, über das Über-sich-Hinauswachsen in Krisenzeiten, aber auch über Selbstfindung, Läuterung und nicht zuletzt die Liebe. Eigentlich sind es mehrere Geschichten, die in Form von Bekanntmachungen, Tagebüchern, Briefen und Schlagzeilen in Zeitungen erzählt werden. Über einen Zeitraum von März bis Anfang September 1940 wird von großen und kleinen Kümmernissen, von Intrigen, kriminellen Machenschaften, aber auch von Träumen, Hoffnungen und Wünschen berichtet. Durch die gewählte Erzählform hat man das Gefühl, dies alles geschieht wirklich und man selber ist mittendrin, man wird Teil der Dorfgemeinschaft und erlebt hautnah alle Geschehnisse mit. Die Autorin hat einen wunderbaren Schreibstil, locker, aber doch stilvoll, jeder Brief, jeder Tagebucheintrag, jede Notiz erhält eine eigene Note, und trotz der damit verbundenen häufigen Perspektivwechsel und kurzen „Kapitel“ liest sich das Ganze ungeheuer flüssig. Es ist an sich ein Buch der leisen Töne. Sicherlich sind die großen Erlebnisse und Ereignisse einschneidend und haben weitreichende Konsequenzen, doch es sind die kleinen Dinge, die Mut machen und amüsieren, an Hand derer die Protagonisten ihre Entscheidungen fällen und die den Leser oftmals überraschen.

Jeder Charakter ist vielschichtig und man erfährt einiges über das Selbstbild von einzelnen Menschen, das oft in einigem Gegensatz zu dem Bild steht, das andere von demjenigen haben. Das machte für mich einer der größten Reize aus, es wird ein Ereignis oder ein Person aus verschiedenen Blickwinkeln beschrieben, doch es wiederholt sich niemals und wird niemals langweilig, im Gegenteil. Es ist interessant zu lesen, wie Ereignisse wahrgenommen werden, sie bekommen aus jeder Perspektive heraus eine eigene Dynamik. Das Ganze lebt zudem von den starken Charakteren und der Entwicklung von einzelnen Figuren. Einerseits ist da eine durchaus in sich geschlossene Dorfwelt mit teilweise skurrilen Menschen, mit ihren Befindlichkeiten, Feindseligkeiten und Geheimnistuereien. Sie versuchen lange, ihre gewohnten Abläufe und Strukturen beizubehalten. Andererseits ist da die Außenwelt und diese dringt immer mehr in das Dorf ein und verändert es. Durch den Krieg sind die Frauen gezwungen selbst die Initiative zu ergreifen, doch sie müssen sich auch erst einmal dazu durchringen, die Entscheidungsgewalt lag bislang bei den Männern. So verändert sich die Gesellschaft, die Frauen werden selbständiger und selbstbewusster, und die Persönlichkeit manch einer gewinnt an Substanz und Eigenständigkeit, manch eine beweist ungeahnte Führungsqualitäten, manch eine zeigt ihr wahres Gesicht oder verstellt sich nicht mehr. Es ist ein Frauenroman, Männer spielen dabei zwar auch eine Rolle, aber bleiben doch zumeist im Hintergrund, da sie im Krieg sind, haben eine Nebenrolle oder werden in ihre Schranken verwiesen.

Fazit: Ein wunderbarer Roman und gleichzeitig ein Zeitzeugnis davon, wie Frauen an der Heimatfront ihr Leben meisterten, ihren Mann standen und über sich hinauswuchsen. Ein Buch, das zeigt, was Menschen leisten, wie sie sich und die Gesellschaft verändern können. Es sind die stillen Helden, die die Welt verändern. Wundervoll geschrieben in einem außergewöhnlichen Stil, der fesselt, und eine Autorin, die es versteht, ein schwieriges und trauriges Kapitel der Geschichte hoffnungs- und humorvoll und ihre Charaktere liebevoll zu behandeln. Eine, die man sich merken sollte und von der es hoffentlich bald mehr zu lesen gibt! 

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134 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 75 Rezensionen

sklaverei, ghana, usa, afrika, familie

Heimkehren

Yaa Gyasi , Anette Grube
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 29.11.2017
ISBN 9783832198381
Genre: Romane

Rezension:

Ghana, Ende des 18. Jahrhunderts: Effia und Esi sind Schwestern, wissen aber nichts voneinander. Effia wächst bei ihrem Vater und dessen Frau mit ihren Geschwistern auf, sie leben in einem Dorf in der Nähe des großen britischen Forts Cape Coast. Als Effias Schönheit erblüht, wird der Gouverneur des Forts auf sie aufmerksam und nimmt sie zu seiner ghanaischen Ehefrau. Obwohl im Fort Effias Landsleute gefangen gehalten und als Sklaven in die Neue Welt verkauft werden, sind die beiden einander zugetan und glücklich miteinander. Effias Sohn wird ein erfolgreicher Sklavenhändler, ihr Enkel jedoch entzieht sich seiner Bestimmung und wird einfacher Landwirt fern seiner Heimat. Effias Nachkommen leben lange im Land ihrer Vorfahren, erst im 20. Jahrhundert wandert ein Nachfahre, Yaw, nach Alabama in den USA aus.

Esi lebt zunächst glücklich bei ihren Eltern, sie weiß nichts von der Vergangenheit ihrer Mutter Maame. Ihr ist jedoch ein schwereres Schicksal beschieden als ihrer unbekannten Halbschwester, sie wird vom Nachbarstamm geraubt, in Cape Coast festgesetzt und schließlich als Sklavin verkauft. Ihre Tochter Ness erleidet ebenfalls ein hartes Los als Sklavin bei einem brutalen Herrn in Alabama, sie sorgt jedoch dafür, dass ihr Sohn Kojo frei sein kann. Ihre Nachkommen zieht es quer durch die Vereinigten Staaten, sie leben in Georgia, Baltimore/Maryland, New York und schließlich Kalifornien. Hier schließlich leben sowohl die Ururururenkelin Effias, Marjorie, als auch der Nachfahre Esis, Marcus…

Ein großartiges Buch, ein Pageturner, den man kaum aus der Hand legen konnte! Eine Geschichte, die nachhallt, die betroffen, aber auch Hoffnung macht, die den Leser alle möglichen Emotionen durchleben lässt, von Wut über Fassungslosigkeit, Freude und Trauer, man taucht tief ein ins Geschehen, lebt mit und im Nachgang kann man sich nur schwer von den Eindrücken lösen. Ein Buch, das einen zwingt, sich mit der uns doch eher unbekannten Geschichte Ghanas zu beschäftigen, man will unbedingt mehr wissen, nicht nur über die Charaktere, sondern auch über die realen Menschen.

Zunächst einmal ist es ein toll gebundenes Buch, das edel daherkommt. Es liefert interessante Zusatzinformationen wie das Interview mit und einen Artikel von der Autorin von Anfang des Jahres sowie im Anhang einen Stammbaum der beiden Linien Effias und Esis – sehr hilfreich! Untergliedert ist es in zwei Teile, die fast gleich stark sind, der zweite Teil beginnt mit der 4. Generation aus Esis Linie. Ich habe versucht, das Geschehen der einzelnen Generationen zeitlich einzuordnen, demnach zieht sich das Geschehen von Mitte/Ende des 18. Jahrhunderts, also etwa 1775, bis in die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts. Immer im Wechsel wird in einzelnen Kapiteln chronologisch über Effia und Esi und ihre jeweiligen Nachkommen erzählt, d.h. jeder erhält ein Kapitel in unterschiedlicher Länge. Naturgemäß treten auch in den Kapitel der Söhne und Töchter die jeweiligen Eltern auf, so dass man immer noch mehr über deren Leben erfährt. Einige Figuren werden in ihren eigenen Kapiteln meines Erachtens etwas zu kurz behandelt, manche blieben mir daher fremd, andere wiederum gingen mir so nah, dass ich regelrecht erschüttert war, dass es mit ihnen nicht weiterging. Am nächsten standen mir Effia, vielleicht weil es mit ihr anfing, aber auch über Ness, Kojo und Anna (seine Frau) und Abena hätte ich gerne mehr erfahren, ihre Schicksale bewegten mich tief.

Es ist keine leichte Kost, die uns die Autorin da bietet, es gibt eine Vielzahl an Charakteren und alles in allem ist der Roman vollgepackt mit Information, teilweise musste ich auch Abschnitte zweimal lesen bzw. zurück blättern, um Zusammenhänge zu erkennen oder Wissen aufzufrischen. Was aber nicht heißt, dass es sich nicht sehr gut lesen lässt, man ist sofort gefesselt und folgt beinahe atemlos dem Geschehen, aber man versucht einfach immer zu rekonstruieren, in welchem Ort und zu welcher Epoche sich das Ganze gerade abspielt und zieht eine Linie zu vorherigen Generationen. Zum Glück gibt die Autorin immer Hinweise, so dass man alles nachvollziehen kann. Zeitlich gesehen spielen sich die Ereignisse zu interessanten historischen Epochen ab und man erfährt viel über den Atlantischen Dreieckshandel, man erlebt den Fugitive Slave Act von 1850 am Beispiel von Kojo und Anna mit und man begibt sich in die Jazzclubs ins Harlem der 1930er Jahre mit Willie und Sonny. Ich persönlich fand die Geschichte um den Sklavenhandel am spannendsten, wie z.B. die verschiedenen Stämme mit den Briten zusammenarbeiteten und ihre Landsleute, wenn auch von anderen Stämmen, als Sklaven verkauften und dadurch reich wurden. Dies wird im Buch durch Effias Sohn Quey verkörpert. Es gibt rührende Liebesgeschichten wie die von Yaw und Esther und allen voran die Liebe von Eltern zu ihren Kindern und die Hoffnung und das Bestreben, dass diese es einmal besser haben als sie selber, es gibt geläuterte Verbrecher und Junkies und besonders Esis Seite erlebt viel Leid, von der Sklaverei angefangen, Vergewaltigungen und Diskriminierung, Rassentrennung und die Not in Harlem. Aber immer ist da auch Hoffnung und die Kapitel enden doch zumeist versöhnlich und mit einem hoffnungsvollen Ausgang für die Protagonisten.

Die einzelnen Linien treffen durch die Zeiten hinweg nicht aufeinander, und die Schicksale unterscheiden sich doch sehr voneinander. Erst die sechste Generation nach Effia und Esi, die in den 1980er Jahren leben, können so langsam von sich behaupten, wirklich frei zu sein, in ihren Entscheidungen, in ihrem Leben. Marjorie, Effias Nachfahrin, hochintelligent und aus Alabama, ist noch sehr mit ihrem Heimatland, dessen Geschichte und Mythen und der Geschichte ihrer Vorfahren verwurzelt, sie kennt ihre Heimat Ghana und hat die Angst vor dem Feuer im Blut. Marcus aus Esis Linie kommt aus New York, er hat die Angst der ehemaligen Sklaven vor dem großen Wasser im Blut. Beide lernen sich im San Fransisco der Neuzeit kennen, finden sich und überwinden mit gegenseitiger Hilfe ihre Ängste. Beide kehren heim nach Ghana zu ihren Wurzeln, und so treffen Effias und Esi im Blut ihrer Nachfahren doch noch aufeinander und der Kreis schließt sich.

Fazit: Ein tolles absolut lesenswertes Buch für die anspruchsvolleren Leser. Nichts zum Einfach-so-Weglesen, sondern ein Buch, das lange nachhallt. Vorhandenes Interesse für Geschichte ist von Vorteil, aber das Buch fesselt vor allem durch seine bildhafte Sprache, seine Charaktere und die Emotionen, die es auslöst. Macht Lust auf das Land und die Menschen und man wünscht sich noch viel von dieser Autorin zu hören! 

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36 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 33 Rezensionen

katze, england, herrenhaus, glückskater, cotswolds

Darcy - Der Glückskater und der Geist von Renfield Hall

Gesine Schulz
E-Buch Text: 164 Seiten
Erschienen bei beHEARTBEAT by Bastei Entertainment, 11.07.2017
ISBN 9783732531202
Genre: Sonstiges

Rezension:

Seit er versehentlich mit einem fremden Wohnwagen mitgenommen wurde, sucht der bunt gefleckte Kater Darcy sein Zuhause. Auf dem Weg trifft er allerhand interessante Menschen und nistet sich gelegentlich auch einmal bei dem einen oder anderen ein. Diesen besonderen Menschen bringt er Glück und verändert ihr Leben. Diesmal trifft er auf ein altes, recht heruntergekommenes Herrenhaus in den Cotswolds, das nach dem Tod des Hausherrn nur noch von dessen junger Witwe Freda bewohnt wird. Diese muss sich nun mit immensen Instandhaltungskosten herumschlagen und trägt sich mit dem Gedanken zu verkaufen – eine Idee, die weder bei ihren Stiefkindern noch bei den Dorfbewohnern gut ankommt…

Bereits der vierte Teil um Glückskater Darcy, den man jedoch unabhängig von den anderen Bänden lesen kann, da immer derselbe Prolog vorangestellt wird, so dass auch der neue Leser weiß, worum es geht. Buch und Protagonisten, allen voran der befellte, sind natürlich herzallerliebst. Schreibstil und Story sind nicht allzu anspruchsvoll, aber sehr gut zu lesen, und da man die Protagonisten super sympathisch findet, lebt man natürlich sehr mit ihnen mit. Durch die Perspektivwechsel erhält man unterschiedliche Sichtweisen zu den Situationen und das macht es zusätzlich interessant. Die Autorin hat einen sehr lockeren und humorvollen Stil und versteht es ihre Figuren und deren Umgebung liebevoll-skurril darzustellen.

Der Mensch, dem hier geholfen werden muss, ist in diesem Buch Freda, die unheimlich gutherzig ist und von allen gemocht wird. Manchmal kommt sie mir allerdings auch recht naiv vor, war sie ja doch fast 20 Jahre mit ihrem viel älteren Ehemann verheiratet und alle Probleme können ihr nicht gänzlich verborgen geblieben sein. Sie hat allerdings auch nie gearbeitet und so kommt eben kein Geld in die Haushaltskasse. Aber sie ist sehr anpackend und lösungsorientiert und vor allem liebt sie das Herrenhaus und will es erhalten. Darcy, der einmal mehr als Seelentröster und Glückskater fungiert, hilft ihr dabei, den Verlust ihres Mannes besser zu verschmerzen und aktiv zu werden. Ich finde die Charaktere grundsätzlich gut beschrieben, man kann sich Umgebung und Menschen sehr gut vorstellen. Mitunter sind mir zu viele und zu große Zeitsprünge drin, auf einmal hat sie z.B. den Wintergarten verschönert und schon mehrere Teeparties gehalten. Auch ihr Stillschweigen gegenüber Sally scheint mir teilweise unglaubwürdig, und dieser Aspekt der Geschichte wird meines Erachtens auch nicht so befriedigend gelöst. Aber es ist schön zu lesen, wie Freda eine Entwicklung zur lebensbejahenden, anpackenden Geschäftsfrau durchmacht und neuen Lebensmut gewinnt, und es ist einfach lustig und gut zu lesen.

Fazit: Schöne leichte und humorvolle Lektüre für alle Katzenfans. Darcy taucht immer mal wieder auf und mischt mit, an sich geht es jedoch um das Leben der jeweiligen Hauptfigur. Die Geschichte lässt sich so „weglesen“ und ist einfach niedlich, auch wenn ich mir bei einigen Geschehnissen mehr Ausführlichkeit gewünscht hätte. Besonders rührend fand ich, wie sich Darcy flashartig immer wieder an seine alte Familie erinnert und große Sehnsucht nach ihnen verspürt, dann zieht er weiter. Und irgendwie wünscht man ihm doch auch, dass er sie bald findet…

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120 Bibliotheken, 0 Leser, 3 Gruppen, 86 Rezensionen

krimi, münchen, mord, häusliche gewalt, gewalt

Tiefe Schuld

Manuela Obermeier
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 16.06.2017
ISBN 9783548288635
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Jugendliche Geocacher stoßen bei ihrer Schatzsuche auf eine schrecklich zugerichtete weibliche Leiche. Ein Fall für Antonia „Toni“ Stieglitz, Kriminalhauptkommissarin von der Münchner Mordkommission. Toni ist alarmiert: Die Leiche weist alle Anzeichen von schweren Misshandlungen auf. Gibt es etwa einen gewalttätigen Ehemann? Ein sensibles Thema für Toni, war sie doch selbst Opfer eines prügelnden Partners, der ebenfalls bei der Polizei ist und den sie angezeigt hat. Seitdem versteckt sie sich vor ihm. Das Team um Chef Hans Zinkl nimmt die Ermittlungen auf, jeder hat seine zugewiesene Aufgabe, doch Tonis Alleingänge bringen sie mehr als einmal in Teufels Küche. Nicht nur nimmt sie den Fall persönlich und will ihn unbedingt aufklären, sie fürchtet sich zudem von ihrem Ex und hat vor ihrer neuen Liebe Tom Mulder Geheimnisse. Die Ermittler stoßen auf allerlei Ungereimtheiten und je tiefer sie vordringen, desto mehr unschöne Wahrheiten bringen sie ans Licht.

Zweiter Fall nach „Verletzung“ für die Münchner Kommissarin Toni Stieglitz, der ein echter Pageturner ist und sich kaum aus der Hand legen lässt. Man merkt deutlich, dass die Autorin sich bestens im Polizeiapparat auskennt, Ermittlungsmethoden, Zusammenarbeit und Charaktere wirken auf mich sehr professionell und authentisch. Dazu hat sie einen sehr eingängigen Schreibstil, der sich gut lesen lässt, und sie versteht es, die Geschichte spannend und logisch zu erzählen und die Spannung stetig zu steigern. Zusätzliche Brisanz erhält das Ganze natürlich durch Tonis sehr persönliches Drama, das denn auch sehr viel Raum in der Geschichte einnimmt und ihre Handlungen nachhaltig bestimmt. Durch mehrere Perspektivwechsel gewinnt der Leser einige Erkenntnisse, die Toni nicht hat, doch ist alles so wohl dosiert, dass es die Spannung noch steigert und nicht zu Langeweile führt. Tonis Sichtweise nimmt jedoch den meisten Raum ein, man erhält tiefe Einblicke in ihre Seele und lebt immens mit ihr mit.

Alle Charaktere sind gut herausgearbeitet und haben ihre Eigenheiten, einigen wird jedoch mehr Aufmerksamkeit gewidmet als andere, z.B. Tom Mulder, aus seiner Sicht und der mit dem Opfer verquickten Personen werden auch einige Handlungsstränge erzählt. Toni jedoch ist diejenige, auf der der meiste Fokus liegt. Sie ist ein zwiespältiger Charakter, erfolgreich und ehrgeizig in ihrem Beruf, innerlich zerrissen und gebeutelt durch ihr sehr frisches Beziehungsdrama. Umso erstaunlicher, dass sie sich recht schnell wieder auf einen neuen Mann einlässt, das fand ich aus psychologischer Sicht etwas unglaubwürdig. Sehr überzeugend rüber kamen ihr seelisches Ungleichgewicht, ihre Unsicherheit und ihr Schutzbedürfnis. Ich sehe darin auch keine Diskrepanz zu ihrer beruflichen Toughness, sie ist eine sehr intelligente und hartnäckige Ermittlerin, aber auch empathisch, und sie will unbedingt die Wahrheit herausfinden. In diesem Fall geht ihr das Ganze persönlich nahe, sie versucht jedoch trotzdem objektiv zu bleiben. Ihre Kollegen tun ihr Übriges dazu, und sie hinterfragt sich und ihre Ansichten ständig selbst und revidiert sie, wenn nötig.

Fazit: Solider und spannender Krimi, den es sich zu lesen lohnt. Es gibt zwar Verweise auf den vorangegangenen Band, doch lässt sich der vorliegende unabhängig von diesem lesen, der Fall ist sowieso in sich abgeschlossen und auch Tonis eigene Geschichte wird ausreichend beleuchtet, um alles nachvollziehen zu können. Der Fall selbst bietet Spannung und eine gute Auflösung. Als erfahrener Krimileser ermittelt man natürlich mit, wird aber durch die eine oder andere Wendung durchaus überrascht. Einige Charaktere fand ich so interessant, dass ich gerne mehr über sie erfahren hätte, wie etwa Mulder oder auch die Ermittlerkollegin Beate, aber diese tauchen hoffentlich auch im Folgeband auf, so dass ein zusätzlicher Anreiz da ist, diesen ebenfalls zu verschlingen!

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116 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 68 Rezensionen

krimi, norwegen, oslo, serienmor, brutal

Teufelskälte

Gard Sveen , Günther Frauenlob
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 16.06.2017
ISBN 9783471351499
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Gard Sveen „Teufelskälte“ – Rezension

Tommy Bergmann, Ermittler bei der Kripo in Oslo, wird zu einem mysteriösen Mord hinzugezogen: Ein totes junges Mädchen, schrecklich zugerichtet, die alle Anzeichen eines bekannten Serientäters trägt. Nur sitzt dieser, Anders Rask, seit 1988 in einer geschlossenen Anstalt. Ist er etwa nicht der Mörder? Bergmann und das Ermittlerteam werden auf verschiedene Ermittlungsstränge angesetzt, Bergmann selbst auf einen alten Fall, bei dem er damals als junger Polizist dabei war, die Vorgesetzten fordern schnelle Ergebnisse. Als Mitarbeiterin wird ihm ausgerechnet Susanne Bech zugeteilt – alleinerziehende Mutter und noch in der Probezeit. Bergmann beginnt immer mehr an der Täterschaft des Verurteilten zu zweifeln. Nicht nur kämpft er mit seinen eigenen Dämonen, er wird außerdem noch mit seiner Anfangszeit als Polizist und seinem ersten Fall und mit seiner trüben Vergangenheit konfrontiert.

Super spannender 2. Fall für den doch sehr eigenwilligen Osloer Ermittler Tommy Bergmann. Leider ist dieser Band nicht abgeschlossen, es folgt noch ein weiterer Band, der dann hoffentlich die Lösung präsentiert. Man muss sich also noch gedulden und das ist natürlich sehr geschickt vom Autor. Geschichte und Fall fesseln, so dass man unbedingt wissen muss, wie es weiter- beziehungsweise ausgeht. Schreibstil und Plot lassen nichts zu wünschen übrig, die Geschichte ist spannend, die Atmosphäre typisch für Skandinavien-Krimis düster, die Charaktere haben alle ihre sehr dunklen Schattenseiten, allen voran Bergmann, der alles andere als ein Sympathieträger ist. Mit seiner dunklen Vergangenheit, seinen ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden und nicht zuletzt seinem Hang zur Gewalt polarisiert er nicht nur den Leser, auch Vorgesetzte und Mitarbeiter haben so ihre Probleme mit ihm. Er ist ein Anti-Held, dem man an sich nicht zutraut, den Fall zu lösen, zu tief ist er emotional verstrickt, und seine Vorgehensweise ist auch nicht gerade überzeugend oder logisch. Er hat mit fast vierzig den niedrigsten Rang in der Polizeihierarchie und bekommt mit Susanne Bech eine zwar sympathische Person zugeteilt, die aber nicht gerade als Leistungsträgerin verschrien ist. Beide können sich nicht einschätzen und machen lieber Alleingänge, der Informationsfluss ist generell eher schleppend. Nichtsdestotrotz versucht Bergmann sein Gewaltproblem in den Griff zu bekommen, er reflektiert seine Handlungen und sein Verhalten und versucht sich zu bessern. Er hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und will den Fall unbedingt lösen. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr stzellen sich auch Bergmann und Bech aufeinander ein und beginnen, sich aufeinander zu verlassen und zu helfen.

Trotz aller Zwiegespaltenheit dem Ermittler gegenüber muss ich sagen, dass mir sowohl Plot als auch Fall und Personen sehr zugesagt haben und ich sehr mit Tommy und Susanne mitgefiebert habe, ich war sofort gefesselt, was wohl auch dem geschuldet ist, dass sehr viel Psychologie eine Rolle spielt. Die oftmals angedeutete erotische Spannung zwischen den Personen hätte man sich meines Erachtens in vielen Szenen schenken können, es stört aber auch nicht, da es nicht ausufert. Der Autor verzichtet auf allzu blutige Details, er baut die Spannung sehr subtil auf, mit Andeutungen, die Raum für Fantasie lassen. Alle Protagonisten haben in irgendeiner Form psychische Probleme oder sind zumindest aus psychologischer Sicht interessant, die Charaktere sind generell vielschichtig und besonders Bergmann und Bech hadern sehr viel mit sich und ihrer Arbeit. Bei Bech kommt noch die zusätzliche Brisanz hinzu, dass sie persönlich betroffen ist. Sie ist durch ihre Tochter verwundbar und wird selbst zum Opfer.

Fazit: Der in vier Teile sehr strukturiert aufgebaute Thriller überzeugt mit fesselnden Charakteren, schaurig-düsterer Atmosphäre und einem spannenden Fall. Der Autor hat einen sehr überzeugenden Schreibstil und versteht es ausgezeichnet Spannung aufzubauen und den Leser zu fesseln. Für alle Fans des abgründigen und psychologischen Thrillers dringend zur Lektüre empfohlen. Die Leserschaft wartet ungeduldig auf die Fortsetzung!

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55 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 45 Rezensionen

geheimnis, panama, freundschaft, eliteuniversitäten, amakunasaga

Das Panama-Erbe

Susanne Aernecke
Fester Einband: 576 Seiten
Erschienen bei Europa Verlag , 28.04.2017
ISBN 9783958900530
Genre: Romane

Rezension:

Sina Saratoga ist eine Top-Wirtschaftsstudentin an der renommierten Harvard-Universität, Erbin des riesigen und einflussreichen Saratoga-Bankenimperiums und verlobt mit Felipe, Sohn eines ebenso einflussreichen Wirtschafts- und Immobilienmagnaten in Panama. Ihr Leben ist vorgezeichnet, bis sie plötzlich an der Uni, mitten in der Vorlesung, einen Blackout hat. Die Therapeutin erkennt, dass Sina etwas Schlimmes aus ihrer Kindheit verdrängt hat, nämlich was vor 20 Jahren mit ihren Eltern geschah. Durch einen unmittelbaren Auslöser in der Gegenwart kamen Bruchstücke der Erinnerung mit aller Gewalt wieder hoch. Bei einer Ausstellung sieht sie einen vom Kuna-Volk, den panamesischen Ureinwohnern, gefertigten Wandteppich, der ebenfalls starke Erinnerungen in ihr auslöst und der von einem Kuna-Aktivisten gestohlen wird. Seitdem ist für Sina nichts mehr, wie es war. Sie verlässt die Uni und beschließt, mehr über das Schicksal ihrer Eltern herauszufinden und den Kuna zu finden, der den Teppich entwendet hat. Ihr Großvater versucht mit aller Macht, sie zurückzuholen, und setzt allerlei zwielichtige Gestalten auf sie an. Auch Felipe, ihr Verlobter, fährt ihr nach. Sie findet den Kuna, Neri, doch auch die Verfolger finden sie. Als sie ins Wasser stürzt, um Felipe zu retten, prallt sie mit voller Wucht an Felsen und wird ohnmächtig. In ihren Träumen hat sie Visionen von vergangenen Zeiten, von Konquistadoren und von Enrique, der 1517 in die neue Welt auswandert. Als sie erwacht, geht es ihr bestens – dank eines geheimnisvollen Pilzes namens Amakuna. Sina fühlt, dass Neri und Amakuna und der Kampf um eine gerechte Welt ihr Schicksal sind und begibt sich auf die Suche nach ihren Wurzeln…

Sehr starker zweiter Band der Amakuna-Trilogie, der etwa 24 Jahre später spielt und nicht nahtlos da einsetzt, wo der erste Band „Tochter des Drachenbaums“ aufgehört hat. Erneut besticht die Autorin mit flüssigem und unterhaltsamem Schreibstil und bleibt dabei ihrer Erzählweise und ihren Motiven aus dem ersten Band treu. Die Geschichte, eine Mischung aus Ökothriller, Familien- und Liebesroman, spielt wieder auf zwei Zeitebenen, die Kapitelzählung erfolgt fortlaufend und die einzelnen Kapitel werden mit einem Zeichen versehen, so dass der Leser sofort weiß, in welcher Zeit er sich gerade befindet. Der Verbleib auf einer Ebene ist auch hier wieder wohltuend lang, so dass man nicht das Gefühl hat, ständig durch abrupte Wechsel herausgerissen zu werden. Die Verbundenheit zwischen den beiden Hauptprotagonisten in den verschiedenen Zeiten, Sina und Enrique/Tamanca, ist meines Erachtens nicht so sehr präsent wie im ersten Band die zwischen Romy und Iriomé, man hat erst einmal das Gefühl zwei parallele Geschichten zu lesen. Dennoch sind beide miteinander verbunden, sie haben ein ähnliches Schicksal, denn bei beiden ändert sich das Leben gravierend durch Amakuna, beide versuchen etwas über ihre Eltern(-teile) herauszufinden und beide sind eng mit den panamesischen Ureinwohnern verbunden. Die Wechsel erfolgen, sobald ein Protagonist in eine Notlage gerät bzw. wenn der mysteriöse Heilpilz Amakuna ins Spiel kommt. Dadurch, dass die Geschichte zunächst losgelöst von den vorangegangenen Ereignissen einsetzt, und zwar auf beiden Zeitebenen, und auch die Personen neu sind, entwickelt sich die Geschichte unabhängig vom ersten Band und lässt sich auch sehr gut ohne Vorkenntnisse lesen. Mit der Zeit gibt es jedoch immer mehr Verbindungen zu Sinas und Tamancas Vergangenheit und damit auch zu Ereignissen und Personen des ersten Bandes, je weiter sie hinter das Geheimnis von Amakuna und ihrer eigenen Wurzeln vordringen. Es erfolgt also durchaus ein Wiedersehen mit liebgewonnen Figuren, zunächst in Rückblenden, in Erinnerungen und Visionen, später dann auch „real“, und dass ein ganz spezieller, sehr mysteriöser Protagonist wieder in Erscheinung tritt, freut mich ganz besonders... Hauptsächlich ist aber alles sehr auf Sina und Tamanca und ihre Erlebnisse konzentriert. Beide beobachten sich aus ihrer Zeit heraus und lernen voneinander.

Beide, Sina und Tamanca, sind sehr starke Charaktere, sie machen große Veränderungen und eine enorme Entwicklung durch, ihre Leben werden komplett auf den Kopf gestellt und sie müssen Unglaubliches verarbeiten. Beide sind ziemliche Gutmenschen, sie sind jedoch auch nicht gefeit gegen Verführungen und Einflüsterungen von außen. Überhaupt ist positiv, dass die Charaktere nie nur böse sind, alle sind gut herausgearbeitet, vielschichtig und haben gute und schlechte Eigenschaften. Man wünscht sich phasenweise, dass ein jeder auf den Pfad der Tugend zurückkehrt, das wäre denn aber doch zu unrealistisch. Die Geschichte entwickelt sich denn auch im weiteren Verlauf immer mehr zum Thriller, bei dem es auch brutale Szenen und Tote gibt, und das Ende ist – da es ja auch noch einen dritten Band geben wird – einigermaßen offen. Parallel zum ersten Band stehen hier erneut „gute“ Weiße skrupellosen Konzernen gegenüber sowie Ureinwohner, im ersten die Guanchen, hier die Kuna, die gegen Unterdrückung und Gewalt der Eroberer kämpfen und mit Hilfe des Heilpilzes Amakuna die Welt zu einem besseren Ort machen wollen.

Fazit: Sehr gelungener zweiter Band der Amakuna-Trilogie, der ebenso fesselt und dem ersten in nichts nachsteht. Das broschierte Buch kommt wieder mit schönem Cover, mit Karten in der Innenseite des Kartons sowie einen Personenverzeichnis daher. Die Figuren sind neu, wachsen einem aber ebenso wie die Altbekannten aus dem ersten Band sofort ans Herz, man fiebert in beiden Zeitebenen mit und erlebt mehrere überraschende Wendungen. Die Autorin schafft es wieder vorzüglich, die Spannung aufzubauen und hochzuhalten, durch die Ausgefeiltheit ihrer Charaktere, den sehr fesselnden Schreibstil und natürlich durch die packenden Ereignisse wird das Buch erneut zum echten Pageturner. Für alle Leser von „Tochter des Drachenbaums“ sowieso ein Muss, das Lesen des ersten Bandes vor diesem wird empfohlen. Mit großer Spannung erwarten wir nun den dritten Band, der 2019 herauskommen soll. 

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80 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 65 Rezensionen

toskana, krimi, maremma, italien, mord

Die Morde von Morcone

Stefan Ulrich
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 12.05.2017
ISBN 9783548289243
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Anwalt Dr. Robert Lichtenwald wird von seiner Frau verlassen und flüchtet sich in sein Bauernhaus in das kleine toskanische Städtchen Morcone, um Abstand zu gewinnen und sein Leben zu überdenken. Er neigt dazu, sich zu verkriechen, doch sein Vermieter, der Conte di Montecivetta, reißt ihn aus seinen Grübeleien. Bei einem ihrer Streifzüge stoßen die beiden auf eine Leiche, die sich bei genauem Hinschauen als Hermaphrodit entpuppt und der der Buchstabe „L“ eingeritzt wurde. Die örtliche Polizei und die hinzugerufene Carabinieri-Offizierin Donatella Laganà stehen vor einem Rätsel. Da geschieht am darauf folgenden Montag erneut ein Mord – diesmal wird ein „A“ eingeritzt. Handelt es sich um einen Serientäter? Was haben die Buchstaben zu bedeuten? Die Bewohner Morcones bekommen es zunehmend mit der Angst zu tun, und die Teilzeit-Reporterin Giada Bianci schürt mit ihren reißerischen Artikeln Ängste und befeuert Spekulationen, die Moralapostel wittern gar die Rache Gottes. Als ihr bester Freund Antonio verhaftet wird, bittet Giada Robert um Hilfe. Widerwillig lässt er sich darauf ein, und beide finden bald einiges Interessantes heraus. Bei ihren Recherchen kommen sie dem Mörder gefährlich nahe, und alles erreicht seinen Höhepunkt, als Giadas Sohn Leo entführt wird…

Sehr solider und spannender Krimi, der seine Spannung recht langsam aufbaut. Es wird zunächst viel Zeit darauf verwendet, Protagonisten vorzustellen, Landschaften und die Morde zu beschreiben, die Schlag auf Schlag folgen. Besonders Roberts seelischer Zustand, sein Innenleben, seine Angst seine Familie zu verlieren und sein Versuch sich abzulenken nimmt großen Raum ein. Er ist der typische Antiheld und will eigentlich lieber seine Ruhe. Die Morde stehen denn auch erst einmal so im Raum, es wird wild spekuliert, Biancha schreibt ihre Artikel, doch über die Ermittlungsarbeit wird fast gar nicht berichtet. Dementsprechend ist dies auch kein Krimi mit der klassischen Reihenfolge Mord-Befragungen-analytische Ermittlungen-Auflösung, sondern es wird sehr viel intuitiv erforscht und Emotionen spielen überhaupt eine sehr große Rolle.

Der Autor hat einen sehr flüssigen und bildhaften Schreibstil und versteht es durchaus, Spannung zu erzeugen. Besonders gelingt dies durch die Perspektivwechsel und die Beschreibungen seiner Charaktere und Landschaften. Seine Personen sind liebevoll und teilweise skurril gezeichnet, mit zunehmender Lektüre wachsen sie einem ans Herz, so dass man gerne mehr über sie erfahren würde. Die beiden Hauptperspektiven bilden Robert und Biancha, der Leser erhält wertvolle Informationen über das Innenleben und die Vergangenheit der beiden, und von diesen beiden lebt die Geschichte auch so ziemlich. Anfangs war mir Robert zu statisch und alles zu sehr auf seine Vergangenheit und Selbstfindung fokussiert, Biancha wiederum zu flippig und sehr betont unkonventionell, beide wurden aber immer sympathischer, je aktiver sie ins Geschehen eingriffen. Die erotische Spannung zwischen den beiden hätte man sich meines Erachtens sparen können, sie störte aber auch nicht.

Ab dem Zeitpunkt, als Biancha Robert mit einbezieht, nimmt die Geschichte Fahrt auf, die Spannung steigt vor allem deshalb, weil sich Biancha und Robert in große Gefahr begeben und man als Leser inzwischen eine Beziehung zu den beiden aufgebaut hat. Bei den Opfern passiert dies nicht zwingend, da hier die Beschreibung meist oberflächlich bleibt. Die Spannung wird weiterhin dadurch gesteigert, dass immer wieder aus der Sicht des Mörders oder der des Opfers erzählt wird. Ich persönlich fand beispielsweise Kommissarin (bei den italienischen Carabinieri hat sie den Rang einer Offizierin) Laganà faszinierend und hätte gerne mehr über sie erfahren, auch einige andere „Nebenfiguren“ hätten meines Erachtens mehr Aufmerksamkeit verdient. Es wird zwar auch aus ihrer Sicht erzählt, doch nur kurz und nur im Hinblick auf ihre Emotionen. Auf der anderen Seite gibt dies dem Leser viel Raum selbst zu ermitteln, man ist recht vorurteilsfrei, hat durch die wechselnden Erzählperspektiven einen leichten Wissensvorsprung und folgt gespannt den laienhaften, mehr auf Glück beruhenden Recherchen der beiden Hobbydetektive Robert und Biancha, die einen sehr persönliches Grund hat sich einzumischen, nämlich die Hilfe für ihren Freund. Daher kann man sich auch gut mit den beiden identifizieren und will ihnen helfen.

Der Kriminalfall selber ist nicht gänzlich überraschend oder neu. Trotz dass der Autor einen auf falsche Fährten lockt, war mir ab etwa der Mitte der Geschichte zumindest die Buchstabenbedeutung – und damit das Grundmotiv - klar und ich hatte einen sehr eingeschränkten (nämlich auf zwei Personen) Kreis der Verdächtigen. Trotzdem war das Finale durchaus spannend, einfach aufgrund der Wendungen und Irrungen, auf die sich Biancha und Robert begeben und man denen man wirklich nicht weiß, wie sich da jemals wieder herauswinden wollen.

Fazit: Guter, mit Einschränkungen spannender Krimi mit viel Lokalkolorit. Eingängig und schlüssig erzählt mit befriedigendem Ende. Dass Stefan Ulrich schreiben kann und sich bestens mit der Gegend auskennt, hat er ja bereits in seinen Sachbüchern über das Leben seiner Familie bewiesen. Dies ist sein erster Roman und er ist meines Erachtens als Debüt gelungen. Ich bin gespannt, ob es weitere Krimis geben wird, der vorliegende Schluss deutet nicht unbedingt auf eine Serie hin. Trotz brutaler Morde auch für Einsteiger geeignet, die sonst die sehr blutigen oder sehr auf psychopatische Mörder fixierten Krimis und Thriller nicht mögen. Ansonsten für alle Fans des Regionalkrimis wie z.B. Remy Eyssen, Andrea Camilleri oder ähnliche.

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thriller, verschwinden, darcey bell, blog, freundinnen

Nur ein kleiner Gefallen - A Simple Favor

Darcey Bell , Juliane Pahnke
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 10.04.2017
ISBN 9783959671019
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Stephanie, früh verwitwet, aber finanziell versorgt, wohnt im ruhigen Connecticut und kümmert sich hingebungsvoll um ihren Sohn Miles. Zur Ablenkung schreibt sie einen Mama-Blog, der regen Zulauf findet. Als sie Emily, die Mutter des besten Freundes ihres Sohnes, kennenlernt und die beiden beste Freundinnen werden, schwebt sie im siebten Himmel. Als die berufstätige Emily sie um einen kleinen Gefallen bittet, nämlich ihren Sohn von der Schule abzuholen, ist es für sie selbstverständlich zu helfen. Doch Emily holt ihren Sohn nicht wieder ab und bleibt auch nach Tagen verschwunden. Eine Suchaktion wird erst eingeleitet, als Emilys Ehemann Sean von seiner Geschäftsreise zurückkommt, doch diese bleibt erfolglos. Da wird ihre Leiche gefunden, alles spricht dafür, dass Emily tot ist. In ihrer Trauer kommen sich Sean und Stephanie näher, doch nichts ist so wie es zu sein scheint…

Spannender und subtiler Thriller, der ohne blutige und „laute“ Action auskommt, es aber schafft, die Spannung stetig aufzubauen, so dass man als Leser stets am Ball bleibt und wissen will, was als nächstes passiert. Dies gelingt vor allem durch die häufigen Perspektivwechsel. Die Autorin hat einen sehr flüssigen, gut zu lesenden Schreibstil und weiß genau, wann sie ein Kapitel abbrechen muss, um ein neues mit einer anderen Perspektive zu beginnen. Anfangs konzentriert sich alles auf Stephanie, ihr Blog und ihre Erlebnisse, und schnell wird klar, dass auch sie ihre Geheimnisse hat. Anders als ihre Freundin Emily ist sie aber bereit, diese mitzuteilen, einerseits um ihr Gewissen zu erleichtern, andererseits um sich interessant zu machen. Der Leser ist sofort drin in der Geschichte und lebt mit ihr mit, jedoch wird im Laufe der Geschichte klar, dass ihr Charakter längst nicht so gutherzig ist wie sie sich gerne darstellt. Dies trifft grundsätzlich auf alle drei Hauptprotagonisten zu, Stephanie, Emily und Sean bilden eine explosive Menage á trois, die sich gegenseitig den Ball zuspielen. Jeder hält sich selbst für gerissener als den anderen, will den anderen kontrollieren und meint, jederzeit alles im Griff zu haben. Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten…

Formal ist das Buch in drei Teile aufgeteilt, im ersten wechselt die Perspektive lediglich zwischen Stephanie und ihrem Blog, im zweiten tritt dann plötzlich Emily auf den Plan, was einen als Leser erst einmal schockt, weil man damit in dem Moment nicht gerechnet hat. Der dritte Teil beginnt mit Seans Perspektive, was einen wiederum überrascht. Dazwischen immer wieder Stephanies Blog und ihre Perspektive, die beide ebenfalls jeweils unterschiedliche Wahrheiten zutage fördern. Die Wechsel versorgen den Leser aber gleichzeitig mit tiefen Einblicken in die (gestörte) Psyche und mit Unmengen an Information, die die Protagonisten nicht haben, was wiederum den Spannungsbogen erneut steigert. Die Abgründe, die sich dabei sowohl in den Persönlichkeiten als auch in deren Erlebnissen, Plänen und Ansichten auftun, werden immer größer.

Die Charaktere sind durchweg gut herausgearbeitet, sie sind vielschichtig und faszinierend und keiner ist nur gut oder böse. Stephanie hat eine zwiespältige Persönlichkeit, sie benutzt ihren Blog hauptsächlich als Selbstdarstellung, sie entwirft ein Bild von sich, wie sie gerne von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden würde. Sie ist sehr empathisch und will eine gute Mutter und Freundin sein, und sie weiß genau, was richtig und falsch ist und hadert mit ihren Gefühlen für Sean. Sie vermisst Emily, will sie aber gleichzeitig tot sehen, um mit Sean zusammen und Teil einer „heilen“ Familie zu sein. Wie tief sie aber in dem teuflischen Spiel mit drin steckt, geht der phasenweise sehr naiven Stephanie erst später auf. Dann kommt auch ihre dunkle Seite stärker an die Oberfläche. Oftmals wollte ich sie aber regelrecht schütteln ob ihrer Kurzsichtigkeit, und ihr „Übermuttergehabe“ ging mir oft sehr auf die Nerven. Wie stark die Protagonisten manipuliert werden beziehungsweise sich gegenseitig manipulieren und gegeneinander ausspielen, wird erst ab dem 2. Teil so richtig deutlich. Das eine oder andere ahnt man als Leser, was aber der Spannung keinen Abbruch tut, da immer wieder etwas Unvorhergesehenes passiert oder eine Person entgegen ihrer Überzeugung handelt. Aufgrund des Verlaufs der Geschichte habe ich für meinen Teil auch immer auf einen „großen Knall“ am Ende gewartet, ein großes Geheimnis, das über allem steht und gelüftet wird, was beides dann leider nicht kam, insofern war ich vom offenen und für mich abrupten Ende eher enttäuscht. Ein Happy End würde natürlich niemand erwarten, aber dieses fand ich etwas unbefriedigend.

Fazit: Solider und spannender Thriller und gelungener Debütroman, den man als Fan des Genres gut lesen kann. Man merkt der Autorin ihre Liebe zum Genre an, die Story erinnert in Teilen sehr stark an den französischen Film Die Teuflischen in ihrer gruseligen Menage à trois und in ihrem Aufbau und den Spannungsbogen an Patricia Highsmith. Beides wird ja im Roman erwähnt, und die Autorin braucht sich bestimmt nicht hinter diesen spannenden Werken zu verstecken. Ich wie gesagt hatte zunehmend Probleme mit Stephanie, da ich sie mir als stärkeren Gegenpol zu Emily gewünscht hätte, und war vom Ende eher enttäuscht, daher ein Stern Abzug. Ansonsten aber ein sehr lesenswertes Buch. 

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provence, krimi, rache, folter, frankreich

Gefährlicher Lavendel

Remy Eyssen
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 07.04.2017
ISBN 9783548289069
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Provence-Krimi: 3. Fall für Dr Leon Ritter

Dr. Leon Ritter, seines Zeichens Rechtsmediziner im schönen provenzalischen Städtchen Le Lavandou, dachte, er könnte einen beschaulichen Frühling genießen. Da bekommt er einen Mann zur Obduktion auf den Tisch, bei dem er starke Folterspuren feststellt. Bei seiner ersten Untersuchung dann der Schock: Der Mann lebt noch! Schnell stellt sich heraus, dass es der vermisste und sehr renommierte Richter Nicolas Lambert ist, ein angesehenes Mitglied der guten Gesellschaft der Region. Womit hatte er solche grausamen Martern verdient? Und bei diesem einen Folteropfer bleibt es beileibe nicht….Die Polizei und Leon bekommen es mit einem Serientäter zu tun, ein verzwickter Fall, der großes Medieninteresse hervorruft und sogar die Kripo aus Toulon auf den Plan ruft. Zum Verdruss aller schalten sich außerdem die Staatsanwaltschaft und der Staatssekretär ein. Während sich die örtliche Polizei um Isabell mit diesen und einem Maulwurf in den eigenen Reihen herumschlagen muss, bekommt es Dr. Ritter zu allem Überfluss auch noch mit einer Stalkerin zu tun, die glaubt, sie und Leon gäben das perfekte Liebespaar ab. Nicht nur dies führt zu Spannungen mit Isabel, mit der Leon seit geraumer Zeit glücklich zusammenlebt. Auch der Fall belastet die Beziehung der beiden, zumal Leon es nicht lassen kann, auf eigene Faust Ermittlungen anzustellen, die nicht im Einklang mit der Polizeiarbeit stehen…

Dritter Fall für den umtriebigen, integren, äußerst intelligenten und metaphysisch begabten deutschen Rechtmediziner in der manchmal gar nicht so idyllischen Provence. Erneut ein solider und spannender Krimi in gewohnt flüssiger Erzählmanier. Der geneigte Kenner der Reihe feiert ein Wiedersehen mit bekannten Figuren, sowohl das Cover als auch der Inhalt - Umgebung und Personen - haben einen starken Wiedererkennungswert. Der Fall ist spannend bis zum Schluss, er braucht allerdings etwas, bis er so richtig in Fahrt kommt. Die vielen Perspektivwechsel sind einerseits spannend, andererseits aber zu Anfang auch in ihrer Kürze recht abgehackt und verwirrend, und es dauert bis zum Schluss, bis sich der Kreis zwischen Prolog und Geschichte schließt und es zu einem doch schlüssigen Ende kommt. Ab etwa einem Drittel wird es dann aber ein richtiger Pageturner und man liest das Buch in einem Rutsch herunter.

Der Autor versteht es, die Charaktere gut herauszuarbeiten und auch die Nebenfiguren detailliert darzustellen. Erneut lässt er mit seiner bildhaften Sprache die Landschaft und die teilweise skurrilen und eigenwilligen Dorfbewohner vor dem inneren Auge auferstehen. Dass er Region und Leute sehr gut kennt und liebt, merkt man erneut in jeder Zeile. Mir war es phasenweise allerdings zu viel aus dem Privatleben und den Sorgen um Tochter Lilou, und die Nebengeschichte um die Stalkerin hätte er sich meines Erachtens sparen können. Nichtsdestotrotz finde ich einfach die Arbeitsweise von Leon Ritter und das Zusammenspiel mit Isabell, eine Vollblut-Polizistin, super spannend und ich lese einfach gerne, wie die beiden mal getrennt, mal gemeinsam ermitteln und wie sich alle Fäden nach und nach zusammenfügen. Köstlich sind außerdem seine Aufeinandertreffen und die Dialoge mit der klatschsüchtigen Bevölkerung, die aber immer Früchte tragen und besonders in diesem Fall sehr wesentlich zu einem befriedigenden Ende beitragen. Beim Boulespielen erfährt Ritter so manches Details aus der Vergangenheit der Beteiligten, die ihm bei der Aufklärung hilft. Ritter ist nicht nur ein herausragender Mediziner, er verfügt auch über ungemein viel Intuition und Einfühlungsvermögen, so dass er mit seinen Täter- und Opferprofilen oftmals ins Schwarze trifft. Er kann sich meist durchsetzen und hat einen hohen Anspruch an sich selbst und seine Arbeit, darin sind sich er und Isabell auch sehr ähnlich. Als nicht-Polizist kann er viel unkonventioneller ermitteln, begibt sich jedoch auch oftmals auf dünnes Eis. Trotzdem orientiert er sich an Fakten und versucht durch Logik hinter die Motive und damit zum Täter zu kommen. Mit forensischen und medizinischen Details spart auch der Autor nicht und offenbart dabei ein für den lesenden Laien doch recht beeindruckendes Fachwissen. Besonders spannend sind in meinen Augen auch die Kapitel aus Opfersicht, die Qualen der Opfer kommen in meinen Augen sehr gut rüber und gehen teilweise wirklich unter die Haut.

Fazit: Ein solider geschriebener, spannender Krimi mit viel Lokalkolorit, interessanten Charakteren und schlüssiger Auflösung. Für Fans der Reihe natürlich sowieso ein Muss, er schließt sich nahtlos an die Vorgängerbände an und lässt sich ebenso gut herunterlesen. Auch für Neulinge und solche Leser geeignet, die gerne regionale Krimis lesen. Die Fälle sind in sich abgeschlossen, und Schreibstil und Fall sind eingängig und interessant genug, um am Ball zu bleiben. Durch das Cover haben die Bücher einen hohen Wiedererkennungswert, und man weiß, was einen erwartet, auch wenn die Fälle immer neu und in sich abgeschlossen sind. Die Reihe lebt vom charismatischen Dr. Ritter, von den eigenwilligen Charakteren und der faszinierenden Umgebung, die der Autor sehr gut kennt und wunderbar zu beschreiben weiß. Kleiner Einschub am Rande: Der Blumenkorso im Städtchen Le Lavandou stand 2016 tatsächlich im Zeichen von Brasilien, er lockt jedes Jahr etwa 10.000 Besucher an. Und am 16. März 2016 gab es tatsächlich heftige Regenfälle…

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