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15 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Wie alle anderen

John Burnside , Bernhard Robben
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Knaus, 22.08.2016
ISBN 9783813507140
Genre: Romane

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19 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

ewiges leben, vater-sohn-beziehung, kryonik

Null K

Don DeLillo , Frank Heibert
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 13.10.2016
ISBN 9783462049459
Genre: Romane

Rezension:

„Unsere Gutenachtgeschichte heißt Katastrophe.“

Der neue Roman des bereits 79-jährigen großen amerikanischen Erzählers ließ mich frösteln, es ist eine Geschichte, die einiges Unbehagen auslösen kann. Das liegt am Szenario, an der sterilen unterkühlten Atmosphäre, die der Autor in dieser Geschichte herrschen lässt, die den Leser gleichzeitig auf Abstand hält und unwiderstehlich anzieht. Ein Roman, der über die Maßen viele Fragesätze beinhaltet; die Fragen legt DeLillo seinen Protagonisten in den Mund und somit landen sie auch im Kopf des Lesers, der sich dann unweigerlich selbst damit konfrontiert sieht. Immer geht es dabei um nichts geringeres als Leben und Tod und das Dazwischen, das „Weltsummen“.

Ross Lockhart und sein Sohn Jeffrey sind die Hauptfiguren; erzählt wird aus der Perspektive Jeffreys. Lockhart senior, der in NY als Millionär in einem feinen Stadthaus lebt, ist liiert mit der deutlich jüngeren Artis, die unheilbar krank ist. Artis entschließt sich, in einem Institut namens „Konvergenz“, dass seinen Sitz irgendwo abgeschieden in der russischen Steppe hat und in das Ross einen Teil seines Vermögens investiert, ihren kranken Körper durch Einfrieren konservieren zu lassen. Das Nanotechnologie-Laboratorium bietet Menschen, die es sich leisten können, die Hoffnung, dass es in der Zukunft technische und medizinische Möglichkeiten gibt, sie wieder zu erwecken und, womöglich unendlich, weiterleben zu lassen.

„Sie sprach stockend über das Wesen der Zeit. Was passiert in der kryonischen Kammer mit der Vorstellung vom Kontinuum – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft? Begreift man noch, was Tage, Jahre, Minuten sind? Oder verringert sich diese Fähigkeit, stirbt sie ab? Wie menschlich ist man ohne sein Zeitgefühl? Menschlicher denn je? Oder wird man fötal, etwas Ungeborenes?“

Ross` Sohn Jeffrey reist an, um sich von Artis zu verabschieden, die seine Stiefmutter ist. Sein Vater hatte Jeffrey und seine Mutter verlassen, als er noch klein war und sich einer anderen Frau zugewandt. Die Beziehung von Vater und Sohn ist nicht einfach. Jeffrey hat einige Verhaltensstörungen und Macken entwickelt, um den Verlust des Vaters zu kompensieren. So begann er in seiner Kindheit zu hinken, um sich abzuheben und gesehen zu werden. Bis ins Erwachsenenalter haben sich gewisse Zwangshandlungen erhalten; er überprüft beispielsweise mehrfach, ob der Herd wirklich aus ist oder die Tür abgeschlossen, wenn er die Wohnung verlässt und erfindet für manche Menschen neue, passendere Namen. Auch der Vater hatte seinerzeit einen anderen, härter klingenden Namen angenommen, mit dem er glaubte, erfolgreicher zu sein.

Zwei Jahre nach Artis` Kryokonservierung entschließt sich Jeffreys Vater, der aus Trauer um den Verlust seiner Frau, nicht mehr leben will, freiwillig Artis zu folgen – mit ihr in eine mögliche Zukunft zu gehen. So begleitet der Sohn erneut den Vater, der ihn nun ein zweites Mal verlassen will, an diesen seltsamen Ort der Zeitlosigkeit.

DeLillo schickt den Leser in die „Konvergenz“, einen Ort, der an Szenen aus Raumschiff Enterprise oder Odyssee im Weltraum erinnert. Ziellos wie die Hauptfigur, fühlt man sich auch als Leser gefangen in einem undurchdringlichen Labyrinth. Thematisch beschäftigt sich der Roman mit ähnlichen Ideen von der Unsterblichkeit des Menschen wie Thea Dorns Roman Die Unglückseligen". Sprachlich gehört er allerdings in eine andere, höhere Dimension ..
Bisweilen entfaltet sich darin auch eine Art Spiritualität – kurze Momente menschlicher Verbundenheit – Alleinssein. Der Roman strahlt dennoch vorwiegend eine Atmosphäre der Kälte aus. Das eisige Thema in Sprache zu übertragen ist DeLillo bravourös gelungen.
Ein Leuchten!


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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Zeichnungen: Drei Erzählungen

Reinhard Kaiser-Mühlecker
E-Buch Text: 304 Seiten
Erschienen bei Fischer E-Books, 19.02.2015
ISBN 9783104034751
Genre: Gedichte und Drama

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Hiltu und Ragnar

Frans Eemil Sillanpää , Reetta Karjalainen , Panu Rajala
Fester Einband: 127 Seiten
Erschienen bei Guggolz Verlag, 01.08.2015
ISBN 9783945370056
Genre: Klassiker

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(69)

140 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 17 Rezensionen

forschung, liebe, forscher, dreiecksbeziehung, ethnologin

Euphoria

Lily King ,
Fester Einband: 264 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 18.12.2015
ISBN 9783406682032
Genre: Romane

Rezension:

Lily Kings Roman “Euphoria” ist kurzweilig und er ist in allem stimmig. Ein exotischer Hintergrund mit einer guten Story gepaart, sprachlich gelungen in ästhetisch schöner Aufmachung! Ein farbenprächtiges Buch für einen trüben Wintertag!

Die Reise geht in die Tropen nach Neuguinea und von Anfang an taucht der Leser in diese fremde, faszinierende, abenteuerliche Welt ein. Die Geschichte spielt Anfang der 30er Jahre. Hauptprotagonistin ist Nell Stone, eine amerikanische Anthropologin, die an die tatsächlich existierende Person der Ethnologin Margaret Mead angelehnt ist. Mit ihrem Ehemann, dem Australier Fen, lebt die bereits durch eine Buchveröffentlichung bekannt gewordene Nell bei verschiedenen Stämmen am Fluß Sepik und erforscht die Verhaltensweisen der Bewohner eines aggressiven Stammes, bei dem Nell sich aber bald nicht mehr sicher fühlt. Das Verhältnis zwischen dem Ehepaar ist nach der langen Zeit in der Wildnis angespannt, auch weil Nell, die sich dringlich ein Kind wünscht, noch wegen einer Fehlgeburt leidet. Als Bankson, ein britischer Forscher in ihrem Leben auftaucht, wird die Situation ordentlich aufgemischt. Er bringt sie, die sie schon auf der Rückreise Richtung Australien waren, zu einem Stamm, der in einem ihm bekannten Gebiet liegt, und Nell gewinnt rasch das Vertrauen der Dorfbewohnerinnen. Gerade die Frauen scheinen hier bei den “Tams” die Gemeinschaft stark zu prägen, was Nell erfreut als neuen Aspekt in ihre Forschung mit einbezieht.

“Ich erfasse die Beziehungen unter den Frauen, die Sympathien & Antipathien im Raum auf eine Weise, wie ich es über die Sprache nie könnte. Im Grunde behindert die Sprache die Kommunikation, merke ich immer wieder, sie steht im Weg wie ein zu dominanter Sinn. Man achtet viel stärker auf alles Übrige, wenn man keine Worte versteht. Sobald das Verstehen einsetzt, fällt so viel anderes weg. Man beginnt sich ganz auf die Worte zu verlassen, aber Worte sind eben nur bedingt verlässlich.”

Bei Banksons Besuchen entstehen erste erotische Spannungen. Der Brite ist einsam und hat gerade einen Selbstmordversuch hinter sich und das Paar ist von ihm sofort eingenommen, aus ganz unterschiedlichen Gründen.
Nell und Bankson scheinen Verwandte im Geiste zu sein, sie fühlen sich unwiderstehlich zueinander hingezogen und beflügeln sich gegenseitig in ihrer Arbeit. Fen hingegen fühlt sich sehr schnell ausgebootet. Als dieser ein risikoreiches Unterfangen startet, um Nell zu übertrumpfen und endlich größeren Ruhm als Anthropologe zu erlangen, geschieht Unvorhergesehenes mit weitreichenden Folgen…

Lily King hat genau recherchiert, schafft es zwischenmenschliche Beziehungen, auch Unterschwelliges, extrem gut zu beschreiben und dadurch Spannung zu erzeugen. Seien es die Verhältnisse zwischen den “Zivilisierten”, seien es die Verhaltensweisen der einheimischen “Wilden”, es gelingt ihr zu überzeugen.  Für mich ist solch ein Buch immer dann gut, wenn ich Lust bekomme, mehr über die Thematik zu erfahren und selbst zu forschen beginnen möchte. 


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Himmelreich

Jens Wonneberger
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Muery Salzmann, 05.10.2015
ISBN 9783990141281
Genre: Romane

Rezension:

“Der Zug fährt schon lange nicht mehr von Neustadt nach Himmelreich. Der Zug fährt von der Großstadt in das Dorf der Kindheit. Die Fahrt geht durch Jahre, obwohl der Fahrplan nur von Minuten weiß.”

Jens Wonnebergers kleiner Roman “Himmelreich” ist ein ganz wunderbares Stück Literatur. Mich erstaunte und berührte die Geschichte mit seinen durch dichteste Sprache erzeugten Bilderfolgen, etwas was ich sonst vor allem von Lyrik kenne. Und manche Zeilen sind dann auch wie aus einem Gedicht entsprungen.

Trotzdem fehlt es nicht an Inhalt, das Thema ist gewichtig. Die Geschichte wird in Zeitsprüngen erzählt. Das ist passend und gut vom Autor inszeniert, so vermischen sich Zeiten, verwischen Grenzen. Manchmal weiß man nicht sofort, wo man sich eigentlich gerade befindet, allerdings immer im Dorf Himmelreich, wobei sich manches auch im Modelleisenbahndorf auf dem Dachboden abspielen könnte. Wonneberger schickt seinen Protagonisten Robert ins Heimatdorf zurück, ins Elternhaus, in die Kindheit zurück.

“Das Haus hat den Kopf voller Erinnerungen. Der Zug fährt mit den Erinnerungen von Neustadt nach Himmelreich. Die Bettlaken, die zum Trocknen auf dem Wäscheboden hängen, saugen sich mit ihnen voll. Nachts in den Betten beginnen die vollgesaugten Laken zu flüstern und geben ihre Geheimnisse Preis.”

Es ist eine Kindheit in einem DDR-Dorf. Anfangs begegnen wir so manchem Original des Dorfes, wie etwa dem Kohlenhändler, der passend in einem schwarzen Sarg beerdigt wird oder Kretschel mit dem runden Kopf, dem Besitzer des letzten Pferdegespanns und Schäfers Gertrud, die immer bei allen Weihnachtsmann spielte. Wir hören vom wortkargen Birnstein mit seiner erfolgreichen Chrysanthemenzucht, aus der schließlich eine Gurkenzucht wird und von Konrad Kleinschmidt, der so manchen Spartakiadesieger hervorbrachte, aber lebenslang davon träumte Eiskunstläufer zu trainieren.

Doch der Hauptstrang ist die Geschichte von Roberts Vaters Rudi, dessen Leben geprägt wird durch den im Krieg gefallenen Vater und die enge Beziehung erst zur Mutter später zur Ehefrau.

“Rudi ist vierzehn, als er die Arbeit in der Tischlerei beginnt. Er riecht den Leim, der an den Fingern klebt und die Schürze mit einem dicken Schorf überzogen hat. Ein beißender Geruch, der allmählich die Träume zerfrisst. Manchmal stellt er sich vor, wie die Schürze mit den Jahren schwerer wird von immer neuen Schichten aus getrocknetem Leim, wie sie seinen Kopf immer tiefer zieht  und den Rücken krümmt. Wie die Späne zu seinen Füßen zu einem Haufen anwachsen, der ihm irgendwann bis ans Kinn reicht und auch dann noch weiter wächst. Bis er versinkt in einem Meer von Spänen.”

Wenige Zeit nach dem Tod der Mutter, die an einer schweren Krankheit starb, findet Robert, der inzwischen längst in der Stadt lebt, seinen Vater tot auf dem Dachboden des Elternhauses. Er hat sich erhängt. Der Ort, an dem die Modelleisenbahn steht, die Rudis vielleicht einzige Passion war und die ihn mit dem Sohn verband, wird zum Erinnerungsort.

Jedes Jahr vor Weihnachten zieht sich Roberts Vater zurück auf den Dachboden und es ist klar, dass er neue Ideen für die Modelleisenbahn umsetzt. Am Heiligabend wird dem Sohn dann das Geschenk in Form des Schlüssels zum Dachboden überreicht. Der Vater, der Unberührbare, der Sturkopf, wie in die Leute im Dorf nannten, der gerne studiert hätte, aber ohne Parteibuch nicht durfte, später dennoch in die Partei eintrat, damit zumindest der Sohn nicht darauf verzichten musste. Der Vater, der ein einziges Mal verreiste, als Belobigung für das erreichte Planziel, ans schwarze Meer, doch ohne seine Frau gar nicht fahren wollte. Der Vater, der der Mutter in den Tod folgte…

Das Haus der Kindheit hat ein trauriges Gesicht. Die Fenster der Bodenkammer sind schwarze, blinde Flecken.
Diesmal sind die Linden nicht verschnitten worden, sie sind ein Schandfleck für die ganze Straße. Wie lange wird es dauern, bis aus den Fingern der Nachbarn Sägen wachsen und alles wieder seine Ordnung hat?”

Bereits Wonnebergers voriger Roman “Goetheallee”(in dem es unter anderem auch um die Schreibblockaden eines Schriftstellers geht), ebenfalls erschienen im österreichischen Müry Salzmann Verlag, gefiel mir ausgesprochen gut.
Der Autor ist für mein Empfinden noch viel zu wenig bekannt. Ich wünsche ihm ganz viele Leser!

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Schöner als die Einsamkeit

Yiyun Li ,
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 28.09.2015
ISBN 9783446249066
Genre: Romane

Rezension:

Eine ungewöhnliche, faszinierende Lektüre war für mich Yiyun Lis Roman “Schöner als die Einsamkeit”. Ich entdeckte den Roman auf der SWR-Bestenliste und der Titel sprach mich an.
Die Autorin, geboren 1972, wuchs in Peking auf, lebt seit 1996 in den USA und schreibt auch in englischer Sprache. In diesem Roman erzählt sie eine Geschichte, die teils in China, teils in den USA spielt und die ganz genau die Gegensätze der östlichen und der westlichen Lebensart gegenüberstellt. Ich habe bisher, soweit ich mich erinnere, noch keinen Roman eines zeitgenössischen chinesischen Autors gelesen, doch durch Yiyun Li erhielt ich einen kleinen Einblick in chinesische Lebenswelten und in die jüngste Geschichte Chinas.

Im Zentrum der Geschichte steht die Freundschaft dreier Jugendlicher in Peking. Es ist das Jahr 1989, in dem auf dem Tiananmen-Platz der Aufstand von Studenten gewaltsam niedergeschlagen wurde. Die Studentin Shaoai wird aufgrund ihres politischen regierungsfeindlichen Engagements exmatrikuliert. Auf engstem Raum mit ihr und ihren Eltern lebt das 15-jährige Waisenmädchen Ruyu, das nach Peking geschickt wurde, um zur Oberschule gehen und später nach Nordamerika auswandern zu können. Im gleichen Wohnhof leben auch die gleichaltrigen Moran und Boyang, die seit ihrer Kindheit eng befreundet sind. Beide kümmern sich um die sonderbare Ruyu, die sehr verschlossen scheint. Schnell kommt es zu Verstrickungen.
Der Junge Boyang verliebt sich in Ruyu. Die 20-jährige Shaoai begehrt Ruyu ebenfalls. Und Moran, die sich heimlich eine Zunkunft mit Boyang ausgemalt hat, steht dazwischen und möchte es eigentlich nur allen recht machen, ein guter Mensch sein. Als Shaoai vergiftet wird, zwar überlebt, aber lebenslang behindert sein wird, endet die Freundschaft aller abrupt. Die Lebenswege trennen sich. Moran und Ruyu gehen beide unabhängig voneinander in die USA. Beide heiraten und erhalten dadurch die Aufenthaltserlaubnis, die Ehen scheitern. Boyang bleibt in Peking, studiert, wird ein erfolgreicher Geschäftsmann und kümmert sich mit deren Eltern um die pflegebedürftige Shaoai.
Alle verdrängen erfolgreich die Ereignisse, die Umstände der Vergiftung bleiben unklar. Auch der Leser erfährt bis zum Schluss nicht sicher, ob sie sich selbst töten wollte oder ob einer der anderen tatsächlich an den Geschehnissen beteiligt war.

Der Roman beginnt mit dem Tod von Shaoai über 20 Jahre später, den Boyang den ehemaligen Freundinnen schriftlich mitteilt. Erzählt wird in Rückblenden, immer aus einer anderen Perspektive. Alle Beteiligten erhalten eine Stimme. Und beginnen sich langsam mit der Vergangenheit auseinander zu setzen…

“Die Enge des Familienlebens und die Verlässlichkeit des Alleinseins – zu beidem gehörte entweder eine mutige oder eine feige Entscheidung – machten letztlich nur eine kleine Kerbe in die tiefe und verwirrende Einsamkeit, in der jedes menschliche Herz gefangen ist.
Moran wollte jetzt zu ihrer samstäglichen Routine zurückkehren, die der Anruf ihrer Eltern und Boyangs E-Mail gestört hatten, doch die Nachricht von einem Todesfall, irgendeinem Todesfall reichte aus, um die Fadenscheinigkeit eines ruhigen Lebens ans Licht zu bringen.”

Das Ungewöhnliche an diesem Roman ist die überzeugende (manchmal verstörende) Darstellung der starken Distanziertheit, der nach außen gezeigten Gefühllosigkeit der beiden Frauen, vor allem Ruyus, die sich auch im neuen Land kaum auflöst. Hier wird die große Kluft zwischen westlicher und östlicher Welt deutlich. Hier Extrovertiertheit, dort Introvertiertheit. Hier wird sichtbar, wie stark in den USA beispielsweise die Individualität selbstbewusst gelebt wird und wie gewollt zurückgenommen, auf minimale Bedürfnisse Ruyus Leben eingeschränkt bleibt. Keine der Lebensformen kann vor Einsamkeit schützen. Und die Einsamkeit, selbst gewählt oder ungewollt, bleibt letztlich das große Thema des Romans…

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minimal

Shuntarô Tanikawa , Eduard Klopfenstein
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Secession Verlag für Literatur, 01.06.2015
ISBN 9783905951226
Genre: Gedichte und Drama

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friedrich wilhelm i, preußen, 18. jahrhundert

Rechnung über meine Dukaten

Thomas Meyer
Fester Einband: 360 Seiten
Erschienen bei Salis Verlag, 03.09.2014
ISBN 9783906195131
Genre: Historische Romane

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deutsch

Die Jahre im Zoo

Durs Grünbein
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 06.12.2015
ISBN 9783518424919
Genre: Romane

Rezension:

Es war für mich eine ganz große Lektüre! Da verteilt sich die Sprache des Dichters in biografischen Erinnerungen und zeigt eine besondere, eigene Ansicht auf seine Heimatstadt Dresden. Es ist ein sehr persönliches Buch und es weist auf ganz andere Seiten des Lyrikers Grünbein hin, die in seinen Gedichten nicht unbedingt durchscheinen.

Biografie könnte man es nennen, es geht um Kindheits- und Jugenderlebnisse, im Untertitel heißt es Kaleidoskop. Das passt insofern auch, als das Buch tatsächlich Bilder enthält, alte Aufnahmen, die ich im Grunde gar nicht für wichtig halte. Ich empfinde es als ein Buch der Erinnerungen, dass ganz eigene Bilder erzeugt, durch die Erzählweise. Die dazwischen eingefügten lyrischen Sequenzen passen hervorragend dazu. Wie die Elbe durch Dresden, mäandert Grünbein durch Erlebtes. Er gleitet von Gedanken zu Gedanken, geht dabei keineswegs chronologisch vor, dennoch wirkt die Erzählung nie sprunghaft, sondern wie ein ruhiger Fluß. So erzählt er uns zu Beginn beispielsweise von Spaziergängen des kleinen Kindes mit dem Großvater durch Cotta, dem ersten Zuhause, zum Ostragehege.

“Mir ist das Bild vom großen Gehege in der Abenddämmerung jedenfalls nie aus dem Kopf gegangen. Ich sah darin den Fingerzeig auf ein in Unfreiheit begonnenes Leben und eine Bevölkerung, die man umzäunt hatte, eingefriedet wie eine besondere Sorte Zuchtvieh, friedliche Kühe, mit denen die staatlichen Heger und Hirten noch einiges vorhatten.”

Grünbein, Jahrgang 1962, ist in Hellerau aufgewachsen, einem Teil Dresdens, der auch Gartenstadt genannt wurde und die nach den Ideen einer Reformbewegung  entstanden war, die Arbeit, Bildung, Kunst und Kultur verbinden wollte. So entstand damals eine Möbelwerkstätte und das jetzige Festspielhaus Hellerau, wo beispielsweise auch die bekannte Tänzerin Pallucca wirkte. Bis sich ab 1933 alles änderte…
So wie Grünbein von Hellerau erzählt, erscheint es einem als friedlicher Stadtteil, beinahe dörflich im Grünen (hinter dem allerdings auch eine große Müllkippe schwelt). Während die Eltern arbeiten gehen und Haus und Garten hegen, beginnt das recht träumerische Kind seine Umwelt zu entdecken, mit den wenigen Freunden, aber auch oft einzelgängerisch.

“Es waren Menschen, die sich wie Schnecken zurückgezogen hatten in ihre Privatsphäre, Menschen, abgeschnitten von aller Weltöffentlichkeit, amputiert, vollständig losgelöst von der eigenen Vergangenheit. Die wenigsten hatten noch eine Vorstellung davon, was sich hier einmal ereignet hatte, was hier erträumt, geplant, gegen den Widerstand vieler erstritten worden war.”

Grünbein erzählt in feinster Sprache von seinem unerfüllbaren Wunsch zur See zu fahren, von Jungsabenteuern, vom verbotenen Karl-May-Lesen, vom ersten Kuss, von Fahrradtouren bis ins Tschechische, von Bahnhöfen, von der Suche nach Kafkas Grab in Prag als Jugendlicher, vom verehrten Lyriker Gottfried Benn, der zuzeiten kurz in Hellerau lebte, so wie auch Kafka, kurz vor der Auflösung der Verlobung mit Felice Hellerau einen Besuch abstattete.
Er driftet durch die unterschiedlichen Epochen, zeigt die jeweiligen geschichtlichen Gegebenheiten auf. So ergibt sich ein spannender Blick auf Dresden(vor allem auch, wenn man bereits Uwe Tellkamps “Der Turm” oder Peter Richters “89/90” oder Thomas Rosenlöchers “Die verkauften Pflastersteine” kennt).

Und zu guter letzt berichtet Grünbein von der Initiation zum Schreiben. Ob den Grundstein der Großvater in Gotha legte, der Kreuzworträtselhersteller, der das Sprachgefühl und die Lust auf Worte weckte? Das Schreiben, das Türen im Kopf öffnet und Weite schafft, die es im Zoo hinter Gitterstäben sonst nicht gibt…

“Poetologisch betrachtet, war dies der erste Schritt in jenes ungeheure Neuland der Imagination, in dem der Dichter, diese ewig fluchtbereite, überall deplazierte Person noch am ehesten heimisch wird.”


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Jetzt die Gegend damals

Jürgen Becker
Fester Einband: 161 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 08.08.2015
ISBN 9783518424889
Genre: Romane

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Abschied von Vater und Mutter

Josef Winkler
Flexibler Einband: 254 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 09.05.2015
ISBN 9783518465929
Genre: Sonstiges

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Zu Deiner Frage

Tal Nitzán , Gundula Schiffer , Jul Gordon
Flexibler Einband: 220 Seiten
Erschienen bei Verlagshaus Berlin, 12.10.2015
ISBN 9783945832080
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:

Der Lyrikband von Tal Nitzan ist ein kleines Kunstwerk. Aufmachung und Farbgebung(wie so oft im Verlagshaus Berlin dominiert von Schwarz) springen ins Auge. Beim Durchblättern wundere ich mich über die vermeintlich falsch gehefteten Seiten in Originalsprache, denke dann, das soll so sein, man soll das Buch drehen, bis ich mich erinnere, dass Hebräisch von rechts nach links geschrieben wird. Und ich merke, wie mich dieses Schriftbild anspricht, wie schön und beinah kalligraphisch es wirkt und welche Bereicherung der Originaltext, obgleich ich ihn natürlich nicht lesen kann, für das Buch ist.

" [...]
Wir haben keine Straße, um dort aufeinander zu stoßen:
Im gespaltenen Gesicht meiner Stadt berühren sich die Zweige,
Raben ritzen in deine Hügel ihre bittere Hymne - [...]"

Ich lese die Gedichte und tauche tief. Ich spüre Gegenwart im Beisein der Vergangenheit. Ich spüre die Widersprüchlichkeit in den Versen und die Echtheit ihrer Sprache. Ich beginne zuzuhören, zu lauschen...
Ich spüre ein mir fernes Land, das mir näher kommt. Israel ist präsent, zerrissenes Land, die Stadt Tel Aviv. Alles spiegelt sich im Menschlichen. Großes spiegelt sich im Alltag, im Kleinen. Was außen geschieht, geschieht auch im Innen. Kindheit - Erwachsensein - Dasein.

Tal Nitzáns Gedichte sind wirkkräftig. Es liegt Schönheit darin und Düsternis. Empfindsamkeit und Stärke. Sie spielt mit Gegensätzen und verdichtet Unvereinbarkeiten, bis man kaum mehr Unterschiede merkt. Ihre lyrischen Bilder bleiben haften. Ein Leuchten!

Tal Nitzán ist eine der wichtigsten israelischen Lyrikerinnen der Gegenwart und lebt in Tel Aviv. Sie übersetzt außerdem aus dem Hebräischen ins Spanische. “Zu deiner Frage” wurde ins Deutsche übertragen von Gundula Schiffer. Ergänzt werden die Gedichte durch aufschlussreiche Illustrationen von Jul Gordon.

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belletristik, inspirierend, autobiographischer roman, norwegen, roman

Träumen

Karl Ove Knausgård ,
Fester Einband: 700 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 21.09.2015
ISBN 9783630874142
Genre: Biografien

Rezension:



Knausgard bleibt auch in diesem Band seinem Muster treu. Die totale Offenlegung des Inneren, die Schilderungen der eigenen Zerrissenheit, der Persönlichkeitsveränderung bis zum Größenwahn, wenn Alkohol im Spiel ist und der andauernden Gefühle der Minderwertigkeit in fast allen persönlichen Beziehungen.

Im 5. Teil seines 6-bändigen Werks schreibt er über seine Zeit in Bergen, die sich über einen Zeitraum von 14 Jahren spannt. Er wird an der Schreibakademie, an der unter anderem Jon Fosse lehrt(dessen Romane und Stücke ich seit langem schätze), aufgenommen. Er bezieht eine eigene Wohnung, lebt und studiert in der Stadt, in der auch sein Bruder Yngve lebt und die umschwärmte Ingvild, die ihm der Bruder gleich zu Beginn des Romans wegschnappt.

Als Schriftsteller fühlt er sich selten gut, nur wenn er ausreichend getrunken hat, ist er mutig und fühlt sich stark, schlägt häufig über die Stränge. Unter seinen Mitstudenten ist er der Jüngste, die anderen scheinen alle besser zu schreiben als er. Mit Kritik kommt er schwer zurecht. Nach dem Jahr in der Schreibakademie beginnt er ein Studium der Literaturwissenschaft. Das Romanmanuskript, das er bei einem Verlag einreicht, wird abgelehnt. Im Studium schreibt er so gut wie gar nicht mehr,  außer die geforderten Arbeiten. Er findet einen literarisch versierten Freund, gründet mit seinem Bruder eine Band und hat eine Beziehung mit Gunvor.
Als ihm das Geld augeht, beginnt er in einer psychiatrischen Klinik als Aushilfskraft zu arbeiten und vernachlässigt das Studium, gibt es schließlich ganz auf. Er geht mit Gunvor für ein halbes Jahr nach Island, schreibt dort einige Erzählungen. Eine wird in einer Literaturzeitschrift veröffentlicht. Dann muss er seinen Zivildienst ableisten und landet im Radiosender Campusradio. Dort fühlt er sich wohl mit der Arbeit und auch mit den Kollegen. Er schreibt Buchrezensionen für Zeitungen und fürs Radio(unter anderem einen Verriss von Murakamis "Wilde Schafsjagd"!).
Seine Beziehung mit Gunvor ist längst einseitig geworden, irgendwann traut sich Karl Ove dann sie zu beenden. Es ist ein steter Kampf, schreiben zu wollen, zu müssen, aber immer wieder zu erkennen, es nicht gut genug zu können. Kein Durchbruch ist in Sicht, seine Freunde bringen ihre ersten Bücher heraus, Karl Ove wird abgelehnt. Durch den Radiosender lernt er Tonje kennen, die er schließlich heiratet. Die Beziehung zum Vater, die ihn ohnehin immer wieder quält, verschlechtert sich noch mehr, als der nicht zur Hochzeit erscheint. Jahre danach stirbt der Vater an den Auswirkungen seines Alkoholmissbrauchs.
Schließlich schafft es Karl Ove einen Verleger zu finden, einen Roman zu beenden, der sogar einen Preis erhält. Er ist plötzlich bekannt, gibt Interviews. Doch die erhoffte Befriedigung bleibt aus. Über Jahre versucht er vergeblich weiter zu schreiben, an seinem exzessiven Schreiben und einem Seitensprung zerbricht schließlich die Ehe mit Tonje.

Für mich persönlich war die Lektüre vor allem deshalb interessant, da sich vieles um Literatur und ums Schreiben dreht und ich einen Einblick bekam in den Literaturbetrieb in den 90ern in Norwegen.

Was die Sprache angeht, bin ich nach wie vor nicht ganz überzeugt. Manches wirkt unbeholfen; das, was gut ist, geht unter in den beinah 800 Seiten. Da ist beispielsweise Tomas Espedals Sprachstil bei weitem besser.
Ich kann mir auch die riesige Euphorie rund um den Autoren nicht erklären. Auch nicht den allseits genannten “Sog”, der sich beim Lesen einstellt, dem ich mich allerdings ebenfalls nicht entziehen konnte...

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

graphic novel, absturz, moderne

Der Trinker

Jakob Hinrichs , Hans Fallada
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Metrolit Verlag, 12.10.2015
ISBN 9783849301101
Genre: Comics

Rezension:



Kürzlich hat Jakob Hinrichs zusammen mit Peter Graf vom Metrolit Verlag im Aufbauhaus, Berlin Hans Falladas Roman "Der Trinker" als Graphic Novel vorgestellt. Es war spannend und aufschlussreich, etwas über den Entstehungsprozess zu erfahren. Jakob Hinrichs hat sich für "Der Trinker" ausführlich mit Fallada beschäftigt. Er berichtete, dass er mehrere Romane las, Unmengen Biografisches recherchierte, unter anderem im Fallada-Haus in Carwitz und dort auch die ehemalige Haftanstalt besuchte, in der Fallada nach einem Angriff auf seine Frau inhaftiert war und wo er Tagebuch und am "Trinker" schrieb.

"Man erinnert sich, dass ich diese Zeilen im Kriegsherbst 44 im festen Haus zu Strelitz scheibe, wohin ich von der Staatsanwaltschaft als wahrscheinlich "gemeingefährlicher Geisteskranker" zur Beobachtung überwiesen bin. (Es gibt verschiedene Methoden, um unerwünschte Autoren zu erledigen; auf diesem Gebiet ist das Deutsche Reich gar nicht einfallsarm.) Ich habe die Erlaubnis erhalten, mich selbst zu beschäftigen, zu schreiben. Ich habe erst einige Kurzgeschichten und dann einen kleinen Roman geschrieben. Und dann kam es über mich, dass ich hier, ausgerechnet in diesem Haus, bewacht und belauert, mit diesen Aufzeichnungen beginnen musste..."

Rudolf Ditzen, alias Hans Fallada war Zeit seines Lebens drogensüchtig: Morphin und Alkohol, ein zerrissener Mensch zwischen bodenloser Abhängigkeit und dem Wunsch im Schreiben die Rettung ins Leben zu finden. Absolut beeindruckend ist es, wie Fallada vor diesem Hintergrund solche großartigen Romane schreiben konnte. Der Roman "Der Trinker" beschreibt den Abstieg von Erwin Sommer, einem verheirateten Kaufmann, dessen Geschäft Verluste macht und der schließlich vollkommen alkoholabhängig und von der Frau verlassen in einer geschlossenen Anstalt endet.
Hinrichs hat Roman und Autobiografisches vermischt, vermutlich lässt sich dies auch kaum trennen. Der Text ist überwiegend wörtlich aus dem Roman übernommen, die Textauswahl geschickt zu den Bildern kombiniert. Auch hat Hinrichs das Buch so gestaltet, dass Inhalt und Illustrationen einen deutlich erkennbaren Bezug zur heutigen Zeit haben. Seine Bilder erinnern an Holzschnitte des Expressionismus. Als Vorbild nannte Hinrichs auch Frans Masereel. Die Farben sind kraftvoll und auf einige wenige reduziert.

ich fasziniert die immense Wirkkraft der Bilder, die eindrücklich den Text verstärken und die Essenz aus dem Roman gekonnt herausfiltern. Ein Kunstwerk, das anregt, sich mehr mit Falladas Werken auseinanderzusetzen und auf weiteres von Jakob Hinrichs gespannt zu sein. Er lebt als Illustrator und Comiczeichner in Berlin und hat zuvor bereits für die Büchergilde Schnitzlers Traumnovelle illustriert.

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Die Auferstehung

Karl-Heinz Ott
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 24.08.2015
ISBN 9783446249097
Genre: Romane

Rezension:


Anfangs meint man, das sei eine Geschichte, wie man sie schon kennt, aus Romanen, aus Filmen. Vier Geschwister treffen sich nach dem Tod des Vaters im Elternhaus, um ihm "die letzte Ehre" zu erweisen(und zu erfahren, wer was erbt). Aus allen Ecken kommen Sie angereist, jeder mit dem eigenen Lebenskonzept im Gepäck, alle könnten unterschiedlicher nicht sein. Alle sind gespannt auf das Testament.

Doch was Ott daraus macht, ist durchaus ein großer Lesegenuß. Er weiß genau, was er tut. Er ist ein ziemlich guter Geschichtenerzähler. Der Leser wohnt einem Theaterstück bei, beim Lesen kam es mir oft so vor, als säße ich im Publikum und beobachtete die exquisiten Schauspieler, sympathisierte mal mit dem einen, mal mit dem anderen. Dass der Roman mit vielen sehr gelungenen, teilweise makabren oder extrem komischen Dialogen durchzogen ist, passt zum Charakter eines Kammerspiels. Und dabei stimmt auch der Spannungsaufbau. Ich will wissen, was denn nun im Testament steht und werde hingehalten...

"Zeit ist, wenn etwas vorbeigeht. Das weiß doch jedes Kind"
Aber die Zeit an sich, was ist das?
Mir fehlt nicht viel, wenn ich´s nicht erklären kann.
Das sagt der Volkshochschul-Einstein aus Memmingen.
Idiot. Und trotzdem biete ich dir an, dass du deinen Pascal bei mir machen kannst.
Wieso Pascal?
Weil du gerade einen Film über ihn machen wolltest.
Was soll ich deinen Memmingern über Pascal erzählen?"

Um Pascal geht es auch, hochphilosophisch und laienphilosophisch. Es wird diskutiert über Zeit, Gott und Religion,Tod, Sterben, über "Wie soll man leben?" und jeder legt dazu seine eigene vielfach festgefahrene Sichtweise dazu dar. Und es geht ums Geld, ums Erbe.

Die Geschwister, Joschi, Linda, Uli und Jakob(die Erzählerstimme) hatten eigentlich seit dem Tod der Mutter kaum mehr mit dem Vater zu tun. Der Vater, pensionierter Chefarzt, erkrankte an Parkinson und nahm sich eine Hausangestellte, die von den Geschwistern nur "ungarische Hure" genannt wird und die sie nun als potenzielle Konkurrentin in Bezug auf das Erbe sehen.
Joschi, der einstige Revoluzzer, der die Familie durch unsaubere Machenschaften in finanzielle Bedrängnis brachte und Jakob, der in Paris gerne Lebemann und Freigeist spielen würde, aber gar nicht über die nötigen Mittel verfügt, sind durchaus auf das Erbe des Vaters angewiesen. Uli, der alternative Aussteiger, der mit seiner Frau Franziska und den Kindern in der Natur lebt und Linda, die Leiterin eines Kunsthauses in einer Provinzstadt, verheiratet mit Fred, sind die beiden, die mehr oder weniger auf eigenen Füßen stehen. Doch gerade Linda ist die, die den Vater entmündigen lassen wollte, wegen seines plötzlich unsteten, triebhaften Lebenswandels, was nicht gelang, der Vater wusste sich durchaus zur Wehr zu setzen und brach den Kontakt ab.

Als Linda den Vater tot im Haus auffindet und erfährt, dass der Anwalt, der das Testament des Vaters verwaltet, ausgerechnet der Mann ist, der sie vor Jahren wegen einer anderen hat sitzen lassen, sieht sie das als neuerlichen Affront des Vaters gehen die eigenen Kinder.
Während die Geschwister nun in Gegenwart des auf der roten Couch drapierten Vaters ihre "Totenwache" abhalten und auf die Ankunft des Anwalts warten, entspinnen sich Diskussionen, Erinnerungen werden ausgetauscht, es wird wüst gestritten und sogar Pläne entwickelt, wie man das Testament, wenn es denn ungünstig ausfalle, unterschlagen könne.

"Und jetzt steht noch nicht einmal fest, ob ihnen das Haus überhaupt noch gehört, in dem der tote Vater liegt. Es lasse sich noch alles ändern, behauptet Linda. Mein Gott, was glaubt sie denn? Willst du Papa noch als Toten entmündigen lassen, fragen ihre Brüder sie heute schon zum zehnten Mal. Sie alle wünschten sich, dass sich alles noch ändern ließe, sollte es so schlimm kommen wie befürchtet, auch wenn keiner weiß, wie."

Der Anwalt kommt... nichts läuft so wie vorher erhofft, geplant. Der Anwalt geht. Die Ereignisse überschlagen sich...

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sabotage, kompromisslos, projekt, anarchie, zerstörng

Lasst mich da raus

María Sonia Cristoff , Peter Kultzen
Fester Einband: 120 Seiten
Erschienen bei Berenberg, Heinrich von, 01.09.2015
ISBN 9783937834863
Genre: Romane

Rezension:

"An manchen Tagen hat sie den Eindruck, ihre Beobachtung verwandle sich tatsächlich in reine Betrachtung. Dann sitzt sie auf ihrem Aufseherstuhl und starrt stumm und vollkommen reglos vor sich hin, gegen jegliche äußere Einwirkung gefeit. Als könne ihr Experiment gelingen, zumindest zeitweilig sieht es wirklich so aus. Nicht immer, aber an manchen Tagen glaubt sie daran, ja, es klappt."

Eine Frau bricht aus. Sie will nicht mehr Dolmetscherin sein. Sie will nicht mehr die hohlen Worte aller möglichen "Mächtigen der Welt" übersetzen. Sie will nur noch ihre Ruhe. Sie will nicht mehr sprechen. Sie will schweigen. Sie zieht in einen kleinen ruhigen Ort in der Provinz Buenos Aires. Dort arbeitet sie in einem seltsamen historischen Museum als Saalaufseherin. Sie sitzt auf ihrem Stuhl und ist von leblosen Ausstellungsstücken umgeben, die wenigen Besucher stellen selten Fragen. Wie viele und welche Arten des Schweigens es gibt, erfährt der Leser aus dem "Handbuch der Rhetorik", welches offenbar von Mara im Laufe ihrer Übersetzertätigkeit selbst verfasst wurde - und das ihr schließlich den Job kostet.

"...seinerzeit, also an dem Tag, als sie bei dem berühmt-berüchtigten Gipfeltreffen kurzerhand darauf verzichtete zu übersetzen, was der große Philanthrop mitzuteilen hatte, um stattdessen ein Kapitel aus ihrem Handbuch vorzulesen. Sehr weit kam sie allerdings nicht, schon nach exakt sieben Minuten zerrten Wachleute sie aus der Kabine und führten sie hinaus. [...] Wirklich schade, denn diese sieben Minuten zählen zweifellos zu den glücklichsten ihres Lebens."

Doch lange scheint es nicht gut zu gehen mit dem "Genügsamkeitsprojekt", dass Mara sich für dieses Jahr vorgenommen hat. Zwar hält sie sich bis auf eine Kollegin, Laura, die ihr ans Herz wächst, und Ringo, dem Gemüselieferanten, möglichst alle Menschen vom Hals und kümmert sich lieber darum, einen Blumengarten anzulegen. Doch wird sie überraschenderweise "befördert" und zur Assistentin eines Tierpräparators ernannt. Dieser hat den Auftrag, die Hauptattraktion des Museums, zwei ausgestopfte Pferde, zu restaurieren. Doch Mara fühlt sich auf Dauer durch dessen Geschwätzigkeit derart gestört und sieht ihr Projekt in Gefahr, so dass sie überlegt mit welchen Mitteln sie ihren Ruhezustand wieder herstellen kann. Langsam aber sicher entwickelt sie einen gut durchdachten Plan...

Ich mag dieses Buch sehr! Ich mag diese spritzige Sprache, die skurrilen Ideen!
Cristoff hat da ein Kleinod geschaffen, wie es immer seltener in der Literatur zu finden ist. Auf nur 150 Seiten erschafft sie eine Welt, die schräg und doch glaubhaft ist an einem solchen Ort - und sie schafft es, dass ich mich wie eine Verbündete ihrer Protagonistin fühle. Vielleicht, weil der Schauplatz das für mich mystische und ferne Südamerika ist? Vielleicht, weil auch in mir manchmal der dringende Wunsch auftaucht etwas, wie Mara sagt, "gegen den Strich zu bürsten"?

Der Roman ist auch in bibliophiler Hinsicht ein Schmuckstück mit Leinenrücken und Fadenheftung und erschien im Berenberg Verlag.

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berlin, frauen, ddr, roman, dbp 2015

Bodentiefe Fenster

Anke Stelling
Buch: 248 Seiten
Erschienen bei Verbrecher, 09.03.2015
ISBN 9783957320810
Genre: Romane

Rezension:



Anke Stellings Roman "Bodentiefe Fenster" hat soeben den Melusine-Huss-Preis 2015 erhalten, der für unabhängige Verlage von unabhängigen BuchhändlerInnen verliehen wird. 

Meine anfängliche Skepsis stellte sich nach Abschluß der Lektüre wieder ein. Zwischendurch habe ich das Buch durchaus mit Interesse gelesen. Das lag sicher daran, dass ich etwas aus einer mir seltsam fernen Welt erfahre, die dennoch genau um die Ecke liegt, Prenzlauer Berg, Berlin. Und daran, dass ich das Gefühl hatte, mich irgendwie einmischen zu müssen, der Protagonistin zureden zu müssen, damit sie endlich endlich wieder mehr lebt und weniger "gelebt" wird.

Die Hauptprotagonistin Sandra wohnt mit ihrem Mann und den 2 Kindern in einem Haus, in dem alle Mieter gemeinschaftlich Entscheidungen treffen - selbstverwaltet, generationenübergreifend. Jeder kann sich einbringen, muss aber nicht. Für Sandra, deren 68er-Mutter Kinderläden gründete und aktiv an der "Verbesserung der Welt" arbeitete, scheint dies zunächst eine gute Entscheidung, die sie allerdings immer stärker in Frage stellt. Was dann in generellem Hadern und Zweifeln über die Richtigkeit der eigenen Lebensform endet und in Exkursen in die eigene familiäre Vergangenheit. So richtig verstanden fühlt sich Sandra nirgends, weder von Hendrik, ihrem Partner, noch von den Mitbewohnern, auch nicht von der eigenen Schwester. Die Grübeleien, die Überforderung, die Angst nehmen schließlich Überhand und führen zum Zusammenbruch - Diagnose Burnout. Dieses sich Zuspitzen ist im Aufbau des Romans deutlich spürbar, was anfangs noch ironisch komisch wirkt, wird im Laufe der Lektüre düstere Wirklichkeit.

Der Titel, der einem erst einmal so merkwürdig vorkommt, wird im fortlaufenden Lesen immer stimmiger und greift imgrunde die vorherrschende Thematik auf: Die dauernde Sichtbarkeit, das dauernde nach Außen agieren, weil jeder sieht, was man tut und das vermeintlich ständige unter Beobachtung stehen, der fortwährende Vergleich mit den Anderen, das "Alles-richtig-machen-wollen". Und das ist wohl nicht nur die Problematik von Sandra, sondern eine allgemein gesellschaftliche in einer Zeit, in der es immer mehr Transparenz gibt bei gleichzeitig immer stärkerem Individualisierungswunsch.

Mir ist dieses Buch nicht ans Herz gewachsen. Da gab es keine Lese-Glücksmomente. Dennoch ist es möglicherweise in anderen Leserhänden gut aufgehoben, könnte eine wichtige Lektüre sein, denn die Geschichte hat aktuellen Bezug und wirft jede Menge kritischer Fragen auf.

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gedicht, lyrikvonjetz, indiebook, babelsprech, wallstein

Lyrik von Jetzt 3

Max Czollek , Michael Fehr , Robert Prosser
Flexibler Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Wallstein, 05.10.2015
ISBN 9783835317390
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:


Gerade ist der Band Lyrik von Jetzt 3 erschienen. Die ersten beiden Bände wurden 2003 und 2006 von Björn Kuhligk und Jan Wagner herausgegeben. Nun gibt es ein neues Konzept, nun sind es drei Herausgeber, Max Czollek aus Deutschland, Robert Prosser aus Österreich und Michael Fehr aus der Schweiz, die hier junge deutschprachige Lyrikstimmen  unter dem Namen Babelsprech versammeln. Babelsprech.org gibt es schon seit 2013, es wurde als Projekt zur Vernetzung junger Lyriker gegründet. Die Anthologie in Buchform ist im Wallstein Verlag erschienen.

Wieder hat eine ähnliche Debatte unter Lyrikern im Netz begonnen, wie es beim "Jahrbuch der Lyrik" der Fall war. Kanon hin oder her, Altersbegrenzung ja oder nein, politisches oder Naturgedicht... In einer Anthologie werden immer Namen fehlen, die dafür vielleicht in einer anderen vorhanden sind. Ob es nun die "wichtigsten" oder wichtige Stimmen der jungen deutschsprachigen Lyrik sind, ich freue mich über jede Anthologie, die versucht, gute Lyrik zum Leser zu bringen. Der darf dann selbst entscheiden, was er wichtig findet.

Wie hat sich Lyrik in den letzten Jahren verändert, in welche Richtung entwickelt?
Es ist eine für mein Empfinden gelungene Auswahl, die einen spannenden Einblick in die Vielfalt der lyrischen Möglichkeiten bietet. Es lohnt sich in diesen Band einzutauchen,
Ich bin leidenschaftliche Lyrikleserin, bin allerdings wenig geneigt, allzu viel poetologisch zu hinterfragen, zu interpretieren.
Lyrik braucht Zeit beim Lesen. Gedichte muss jeder für sich selbst (er)finden. Meine Auswahl (siehe unten) ist  also eine rein subjektive. Ich empfehle jedem Leser sich auf das Abenteuer Lyrik einzulassen! "Lyrik von Jetzt" bietet dafür eine wunderbare Gelegenheit!

Von Jedem/r sind mehrere Gedichte abgedruckt, so dass sich ein guter Einblick in die Ausdrucksart und -form jedes/r Einzelnen bietet. Überrascht hat mich, wie viele blockartige Texte es gibt, die eher an Kurzprosa als an Lyrik denken lassen (Ist das der neue Trend?). Jedoch gibt es auch Gedichte, die sich aus der Form lösen - fliegende Verse und auch Wortcollagen.
Ich bin schon auf den ersten Seiten fündig geworden. Für mich sind die Gedichte von Anja Kampmann ein großer Einstieg gewesen (und bleiben wohl auch meine Favoriten).
Ebenso wie Marina Skalovas kurze sehr ausdrucksstarke Texte, z.B.:

"was bleibt

der bach, die erde
die hölzernen wände

das weiß, zwischen den worten"

Da ich ein Faible für Collagen habe mag ich auch die Arbeiten von Mónika Koncz. Schöne Entdeckungen waren die Gedichte von Iris Blauensteiner, Elisabeth Steinlechner, Rike Scheffler, Sascha Garzetti, Moritz Gause und Alexander Makowka.

Das Buch wurde kürzlich in der Literaturwerkstatt Berlin vorgestellt und reist mit weiteren Lesungen durch die Lande:
http://www.wallstein-verlag.de/9783835317390-lyrik-von-jetzt-3.html

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bestattungsinstitut, tod, indiebook, kindheit, dbp 2015

Applaus für Bronikowski

Kai Weyand
Fester Einband: 200 Seiten
Erschienen bei Wallstein, 02.03.2015
ISBN 9783835316041
Genre: Romane

Rezension:



"Nach der Arbeit ging NC spazieren. Er lief zum Friedhof, um sich dort auf eine Bank zu setzen und für eine Weile die Augen zu schließen. Der Friedhof war ein Ort, der ihn ruhig werden ließ, egal wie aufgeregt er war. NC glaubte schon, dass das mit den vielen Toten zusammenhing, die unter der Erde lagen. Wenn tausende Seelen Ruhe signalisieren, kann ein einzelnes Herz nicht dagegenhalten, ganz gleich, wie schnell es schlug."

Zugegeben: Die Story könnte starker Tobak sein, wäre da nicht die liebenswerte frech-frische Erzählweise Weyands.
Nies oder NC, wie er sich auch nennt, wird mit 13 in der Obhut seines 18-jährigen Bruders zurückgelassen, weil die Eltern sich ihren Traum vom freien Leben in Kanada verwirklichen wollen. Die Brüder verstehen sich überhaupt nicht und NC (No Canadian!) entwickelt sich zum Aussenseiter, zum Sonderling. Er findet sich im Leben nicht so richtig zurecht, jobbt mal hier, mal da, macht sich viele Gedanken über den Sinn von Worten, Lebensträumen oder wie ein Hund mit nur drei Beinen pinkelt ohne umzufallen, kann aber auch ganz schön aggressiv werden. Dann wirft er schon mal mit Eiern auf Häuserfassaden ...
Nun hat er keinen Job mehr, keine Freundin und so zieht er an seinem Geburtstag alleine ziellos durch die Stadt und lässt sich von einer sympathischen Bäckereifach(!)verkäuferin ein Gebäckteilchen und weil es ihm gerade einfällt, eine Straße empfehlen. 
Diese Straße, die Holpenstraße, führt ihn schließlich zu einem Bestattungsinstitut, wo er einen Job findet. Er arbeitet sich erstaunlich schnell ein und kommt gut mit den manchmal unappetitlichen Arbeiten und den skurrilen Kollegen zurecht.

"Wenn du hier arbeitest, sagte Manfred, arbeitest du als Anwalt der Toten. Du wirst ihnen zu ihrem Recht verhelfen, bis sie unter der Erde sind. NC nickte. Es war das erste Mal, dass jemand Wert darauf legte, etwas zu pflegen, was unnütz war, was zu Staub zerfiel. Das war ja vollkommener ökonomischer Unsinn, dachte NC.  Es war das Beste, was er seit langem gehört hatte."

Doch bereitet er seinem Chef schließlich durch seine ungewöhnlichen Einfälle (z. B. eine sehr eigenartige Seebestattung!), die immer öfter unbeabsichtigt in Affronts gegen die Hinterbliebenen ausarten, Kopfzerbrechen. Als er einem verstorbenen Schauspieler, dem alten Bronikowski, in Anwesenheit der Angehörigen auf denkwürdige Weise seinen letzten Auftritt verschafft, scheint das Maß voll.

Und so finden sich am Schluss Nies und der dreibeinige Hund zusammen, um herauszufinden, was nun weiter mit diesem Leben anzufangen sei ...

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sucht

Das verlorene Wochenende

Charles Jackson , Bettina Abarbanell , Rainer Moritz
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Dörlemann, 13.08.2014
ISBN 9783038200079
Genre: Romane

Rezension:


Als ich die ziemlich beeindruckende Verfilmung von "Das verlorene Wochenende" sah und mir kurz darauf auch noch ein sehr belesener Freund die Lektüre des Buches ans Herz legte, begann ich zu lesen ...

Und der Roman ist viel viel besser als der Film!

Charles Jacksons Roman spielt 1936 in New York an einem Wochenende und wird erzählt aus der Sicht eines Alkoholikers. Don Birnam lebt mit seinem Bruder Wick in einer Wohnung, hat eine Beziehung mit Helen (Co-Abhängigkeit würde man das heute nennen). Er kommt aus guten Kreisen, ist belesen, liebt Musik, Theater, Film, träumt vom Schreiben. Bereits als Kind schrieb er nachts heimlich Gedichte. Aber Don ist auch alkoholabhängig.
Gerade vom letzten Alkoholexzess erholt, lädt ihn sein Bruder auf ein langes Wochenende aufs Land ein. Doch Don lehnt ab, er hat andere Pläne, er sehnt sich in die nächste Bar, er braucht einen Drink.
Und dann erzählt Jackson mit einzigartiger Präzision und in exzellenter Sprache, wie Don in alle Abgründe, in tiefste Tiefen seiner Alkoholsucht stürzt. Er lässt den Leser eintauchen in Dons Gedanken- und Gefühlswelt. Die Schuldgefühle, die Ängste, der Größenwahn und letztlich der Selbstekel wird drastisch aufgezeigt, vom Gefühl der Allmacht geht es bis in die Hölle:

"Was er alles fühlte, dachte! Sein Geist schien über seinen Körper hinauszuwachsen, schien größer zu sein als er selbst, alles zu sehen. Er war berauscht (verdammt, das wusste er), aber da war auch wieder die alte gottähnliche Souveränität " ... "dazu stets die beruhigende Gewissheit, dass gleich hinter dem Gipfel Lethe lag, Lethe, das den neuerlichen Sturz abfangen, die schwindende Ekstase tilgen, Helen und Wick und die ganze stirnrunzelnde, un-verständnisvolle Welt auslöschen würde. Überlebensgroß. Natürlich! Das war der Grund, weshalb er trank!"

Wie weit geht ein Suchtkranker, um seine Sucht zu stillen?
Don stiehlt, Don irrt kilometerweit durch die Stadt, um seine Schreibmaschine zu versetzen, Don lügt und leiht sich Geld. Don landet in der Entzugsabteilung eines Krankenhauses, ohne sich zu erinnern. wie er dort hin gelangte. Don fällt ins Delirium ...
Rückblenden und Erinnerungen an die Kindheit stellen Möglichkeiten für Gründe des Alkoholmissbrauchs in den Raum. Das Ende lies Jackson bewusst offen.

Der Autor schrieb aus eigener Erfahrung. Es war sein Debüt, mit dem er bekannt und erfolgreich wurde, daran aber nicht mehr anknüpfen konnte. Der Film, von Billy Wilder inszeniert und mit 4 Oscars prämiert, wurde dann die größte Konkurrenz für den Roman. Doch an das geschriebene Wort, den Ausdrucksreichtum Jacksons reicht er, wie ich finde, bei Weitem nicht heran ...

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Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit

Dana Grigorcea
Fester Einband: 220 Seiten
Erschienen bei Dörlemann, 29.07.2015
ISBN 9783038200215
Genre: Romane

Rezension:


Anfangs fand ich schwierig hinein in den Roman, gilt es doch schon sich auf eine andere Welt und den eigenen Erzählstil Grigorceas einzulassen, mit wachsender Freude las ich weiter und am Ende war ich vollkommen eingetaucht und traurig, dass es schon vorbei war.

Grigorcea springt vom Heute in die Vergangenheit und zurück und erzeugt voller Fabulierfreude starke Stimmungsbilder. Ein wenig erinnert hat mich die Geschichte an Peter Nadas Parallelgeschichten (die natürlich in Budapest spielen, nicht in Bukarest: Im Roman verwechselt Michael Jackson die beiden Städtenamen, zur großen Enttäuschung seiner Fans!).

Hauptfigur Victoria kehrt als Erwachsene in ihre Heimatstadt Bukarest zurück und an jeder Ecke lauern die Erinnerungen. Begleitet wird sie von ihrem Verlobten Flavian, der ihr gegen Ende des Buches einen Heiratsantrag machen wird. Zwischendrin erleben wir das heutige Bukarest und wie Victoria in die Zeit ihrer Kindheit während der Diktatur Ceausescus zurück versetzt wird. Sie begegnet Verwandten, Nachbarn, Geliebten, Freunden und Feinden von früher und mit allen sind Geschichten verbunden, witzige oder dramatische, von denen uns rasant berichtet wird:

"...und dann besaß Rapineau eben auch einen der ersten Farbfernseher im Viertel, keinen solchen im eigentlichen Sinne, einen Fernseher immerhin, dessen Bildschirm mit einer dreifarbigen Folie beklebt war. Aber wen kümmerte es damals, was echt war und was nicht?"

Grigorceas Roman trägt autobiografische Züge. Sie hat die politische Wende als Kind erlebt, wie ihre Protagonistin und doch wirkt die Sicht des Kindes erstaunlich abgeklärt.

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Eine Art Paradies

Ralph Dohrmann
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Arche, 22.09.2015
ISBN 9783716027264
Genre: Romane

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36 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

vergänglichkeit, dystopie, garten, suhrkamp, poesie

Winters Garten

Valerie Fritsch
Fester Einband: 154 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 07.03.2015
ISBN 9783518424711
Genre: Romane

Rezension:



Manchmal geht es mir gar nicht um Inhalte. Manchmal brauche ich kaum Handlung, keinen Plot. Aber Sprache brauche ich immer. Das Eintauchen und Versinken in Sprache!

Kann erzählte Sprache gleichzeitig verdichtet und ausschweifend sein? Hier erscheint es mir so. Dank Valerie Fritsch findet sich Poesie also auch außerhalb von Lyrik. Beim Lesen entstehen kraftvolle Bilder, Ideen, Irritationen, ein ganz besonderer Klang.  Wie in einem guten Gedicht...

Winters Garten erzählt auf nur 150 Seiten eine Endzeitvision. Aber darauf kommt es gar nicht an ... Sie erfindet  einen ländlichen Garten, darin aufgehend eine Gemeinschaft ähnlich einer Großfamilie, geprägt von archaischen Strukturen, Ritualen, aber auch großer Geborgenheit. Anton Winter, ein stilles, eigenes Kind erlebt hier eine verzauberte Kindheit, lebt in der Natur, mit den Jahreszeiten, mit Wachstum und (Ab-)Sterben. Alles was er braucht, lernt er hier, meist von den Großeltern begleitet.

Für mich ist dieser erste Teil der beste, auch sprachlich, der umso stärker wirkt, als er eine Sicherheit verspricht, die sich im Verlauf der Geschichte vollkommen auflöst.

" In jeder Kindheit sind die Alten unaussprechlich alt, und jede Kindheit ist stets jemandes spätere Verzweiflung"

Jahrzehnte später, seit dem Tod der geliebten Großmutter, wohnt Anton über den Dächern der Stadt am Meer, den Garten der Kindheit immer im Bewusstsein und doch unendlich fern, einsam, nur in Gegenwart seiner Vögel. Bis er im 43. Lebensjahr auf Frederike trifft, die sofort seine Frau wird. Eine Liebe, die sofort wirkt und gelebt wird, obwohl es heißt, die Welt gehe bald unter. Was geschehen wird weiß keiner, aber dass es passieren wird, ist überall unter den Lebewesen zu spüren und sichtbar. Chaos und Verzweiflung herrscht.

Die Rückkehr in den Garten wird zur Heimkehr, zur letzten Zuflucht. Für kurze Zeit kann wieder die Kindheit gelebt werden in einer kleinen Gemeinschaft:  Anton und Frederike, der wiedergefundene Bruder mit seiner Frau und dem eben in die absterbende Welt geborenen Säugling.  Und doch ist es die Vorbereitung auf den Tod, der Abschied vom Leben ...

Ich habe mich in Valerie Fritschs Sprache verliebt, ich gebe es zu. Alles begann mit ihrer Lesung beim Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt. Auch diese Geschichte (Das Bein) für mich ein kleines Wunder der Sprache. 

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norwegen, gedichte, lyrik

Gesammelte Gedichte

Olav H Hauge , Klaus Anders , Klaus Anders , Idar Stegane
Flexibler Einband: 338 Seiten
Erschienen bei Edition Rugerup, 18.08.2012
ISBN 9783942955119
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:



Hauge (1908-1994) wurde in eine bäuerliche Familie hineingeboren, arbeitete als Gärtner und lebte Zeit seines Lebens im ländlichen Norwegen. Ein Mensch, der sich schon früh eine Sprache, einen Ausdruck verschaffte, der sich selbst alles beibrachte, der las und übersetzte und in und mit der Natur lebte und in dieser eigenen Sprache Möglichkeiten des Umgangs fand für seine besonderen Bewusstseinszustände. (Bewusstseinsleuchten!) Seine Gedichte berühren mich - da wirkt etwas Archaisches ... Verse, die weit mehr sagen, als zunächst erkennbar scheint...

"Ich ziele leicht drüber"

"Ein Pfeil, der treffen soll, darf nicht viele

Kurven machen. Doch ein guter Schütze

rechnet mit Abstand und Wind.

Ziele ich also auf dich, ziele ich leicht drüber."

Die Gedichte wurden von Klaus Anders übersetzt, der im Anhang des Bandes aufschlussreich über die norwegische und speziell Hauges Sprache berichtet.

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