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10 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

drogensucht, heroin, tagebuch, kindlichkeit, mädchen

Fragt mal Alice von Anonym (2001) Taschenbuch

Anonym
Flexibler Einband
Erschienen bei Deutscher Taschenbuch Verlag, 01.01.1000
ISBN B00HLQ8B70
Genre: Sonstiges

Rezension:

Man sagt, nicht der Schriftsteller suche sich die Figuren aus, sondern die Figuren den Schriftsteller. Das stimmt! Dass sich allerdings Bücher (und die Figuren darin) ihre Leser aussuchen, das ist mir so zum ersten Mal passiert.
Frag mal Alice lag zusammen mit einem anderen Haufen verweister Bücher auf einer Bank im Freien, wo es jemand beim Entrümpeln hingelegt hat. Ich nahm das Buch mit und fing an darin zu blättern – um unvermutet eine herzzerreißende Story zu finden: Die Geschichte vom Verlust der Unschuld.
Das Buch ist, laut Klappentext, ein authentisches Dokument, daher wird auch der Name der Ich-Erzählerin niemals genannt (Alice ist ein Verweis auf Alice im Wunderland).
In Tagebuch-Form beschreibt das gerade 15 gewordene Mädchen in lebhafter, noch sehr kindlicher Sprache ihre Welt, ihr Zuhause, die typischen „kleinen“ Glücksmomente und Sorgen des Erwachsenwerdens. Kein Klischee vom asozialen Zuhause mit Alk-Vater und Depri-Mutter. Sie wächst behütet auf, vielleicht zu behütet, hat liebevolle Eltern, Geschwister, Großeltern.
Beim Besuch einer Party wird sie Opfer eines derben Junior-Scherzes: Nach dem Russischen-Roulette-Prinzip geben die Jungen einigen ahnungslosen Mädchen „etwas“ in die Cola, anderen nicht. Am nächsten Tag geht sie wieder hin... Und wieder... Und schon nach ein paar Seiten merkt man an der Sprache des Tagebuchs, mehr als an den Ereignissen selbst, wie sich die heile Welt des Mädchens allmählich von innen zersetzt. Plötzlich – und viel zu früh – redet sie von Bullen und Ficken, plötzlich ist nicht mehr der erste Kuss das Thema, sondern die benebelte Gruppensexorgie unter LSD.
Der Prozess geht über zwei Jahre, in denen die Kleine immer krasser zwischen verlorener Kindheit und „erwachsener“ Verwahrlosung, zwischen Heim und Flucht hin und herschwankt. Sie läuft von Zuhause weg, kommt zurück, darf eine Zeitlang wieder Kind sein, bricht erneut aus, lebt auf der Straße.
Das Buch geht an die Nieren, weil es so anschaulich die Zerstörung eines Kindes durch Drogen beschreibt. Und nebenbei, in diesem Licht wird die alte „intellektuelle Lüge“ (Stephen King) restlos entlarvt, sich selbst mit Sucht zu zerstören sei heroisch oder habe etwas mit Freiheit zu tun (und dass das klar ist: Mir ist scheißegal, welche Droge, ob legal oder nicht). Das Kind in diesem Tagebuch, das für viele Kinder steht, ist tatsächlich heroisch und etwas Besonderes; aber trotz seiner Sucht, nicht durch sie!
Der einzige Wermutstropfen dieses Buches liegt darin, dass es Zweifel an seiner Echtheit gibt. 1971 herausgegeben von einer Ärztin, die viel mit Jugendlichen zu tun hatte, hält sich leider unwiderlegt (allerdings auch unbewiesen) das Gerücht, die ganze Sache sei erfunden. Paradox genug: Fast wünschte ich, es wäre so.

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Tags: drogensucht, heroin, kindlichkeit, mädchen, pubertät, speed, tagebuch, unschuld   (8)
 

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24 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

amerika, sklaverei, sklaven, familiengeschichte, familiensaga

Wurzeln - Roots-

Alex Haley
Fester Einband
Erschienen bei S. Fischer., Frankfurt 1977, 01.01.1111
ISBN B004BFG97I
Genre: Sonstiges

Rezension:

Fight the Power sangen Public Enemy 1989. Für mich ist dieser Track nicht nur die beste Rap-Nummer aller Zeiten (jawohl, besser als Rappers Delight, denkt was ihr wollt!), auch musikalisch übrigens, sondern vor allem die schwärzeste. „Because I’m black and I’m proud“ ist die Zeile, die es auf den Punkt bringt. Und obwohl ich selbst ungefähr so schwarz bin wie eine Kugel Vanille-Eis mit Sahnehäubchen, jagt mir dieser Song beim Hören doch jedes Mal Schauer über den Rücken. Das mag albern sein, na und?
Als Alex Haley Roots 1976 publizierte, lag Rap noch in der Zukunft. Die Geschichte aber, die Haley erzählt, beschreibt in Form einer Familienchronik das, was bis heute in der schwarze Kultur Amerikas wichtig ist: Das Bewusstsein der eigenen Identität. Vordergründig erzählt Roots dabei einfach in zeitlicher Reihenfolge Haleys eigene Familiengeschichte, angefangen bei seinem Vorfahren Kunta Kinte, geboren 1750, der als freier Afrikaner von touboubs (Weißen) in die Sklaverei verschleppt, über dessen Tochter Kizzy, die von ihrem weißen „Massa“ vergewaltigt wird, über deren Sohn Chicken-George, das Hahnenkampf-Genie, der sich als erster hundert Jahre nach Kunta mit eigenem Geld aus der Sklaverei freikauft, über dessen Sohn Tom, den Schmied, der den Treck der Schwarzen nach Aufhebung der Sklaverei 1865 in ein neues Land führt, wo sie eine neue Stadt gründen – als freie Menschen. Dieser Tom Murray ist Alex Haleys Urgroßvater.
Das Buch ist also sehr umfangreich, es erstreckt sich – in unterschiedlicher Breite – über sieben Generationen in mehr als zweihundert Jahren. Und in all den Jahren erzählen die älteren Mitglieder der Familie den Kindern die Geschichte von ihrem Vorfahren dem „Afrikaner“, der von touboubs verschleppt wurde, als er in den Wald ging um sich Holz für eine Trommel zu schlagen.
Haley, der sich vor Roots schon Lorbeeren mit der Biografie von Malcolm X verdient hatte, hörte die Geschichte selbst als kleiner Junge von der Großmutter und kam irgendwann – als professioneller Autor – auf die Idee, sie zu schreiben. Haley recherchierte zehn Jahre für dieses Buch, wobei diese Recherche sogar eine Schiffsfahrt im Rumpf einschloss – genau wie Kunta im Sklavenschiff vier Monate im Schiffsrumpf transportiert wurde. Literarisch spannend, wenn auch schwierig, ist bei dem Buch der ständige Übergang von romanhafter Form zu historischem Bericht. Vermutlich hat Haley deshalb auf jeden stilistischen Schnickschnack verzichtet und einfach die Geschichte erzählt. Er folgt hier ganz der Tradition seiner Vorfahren; in Kunte Kintes afrikanischer Welt gab (und gibt es meines Wissens bis heute) sogenannte griots, alte Männer, die die jahrhundertelange Geschichte ihrer Stämme mündlich überliefern. Der Höhepunkt Haleys persönlicher Geschichte ist, als er im Zuge seiner Recherche im Dorf Juffure, dem Geburtsort Kuntes, die Bestätigung für das hört, was in seiner Familie seit jeher über „den Afrikaner“ erzählt wurde – aus dem Mund eines griots, der die Geschichte von Kunta Kintes Verschleppung unmöglich wo anders herhaben konnte als aus der eigenen Überlieferung. Dieser Moment ist ergreifend. Familienlegende, persönliche Story und historische Wahrheit werden hier eins.
Lesen!

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Tags: afrika, amerika, familiengeschichte, geschichte der schwarzen, schwarze kultur, sklaverei   (6)
 

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371 Bibliotheken, 9 Leser, 4 Gruppen, 14 Rezensionen

familie, wien, hotel, bär, liebe

Das Hotel New Hampshire

John Irving
Fester Einband: 596 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 01.03.1995
ISBN 9783257016307
Genre: Romane

Rezension:

„Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; unglücklich ist jede Familie auf ihre eigene Art.“ So beginnt Anna Karenina von Leo Tolstoi. Tatsächlich scheint es einer der schwierigsten Übungen für einen Schriftsteller zu sein, über das Glück zu schreiben, besonders über das Glück einer Familie. Heulen, Zähneklappern, Muttermord und Vaterhass sind allemal besser geeignet, den Leser bei der Stange zu halten. Und mal ehrlich – glaubwürdiger ist es auch.
John Irving ist es gelungen, eine liebenswerte und im Grunde glückliche Familie zu beschreiben, ohne zu „menscheln“. Der Kunstgriff ist simpel: Es ist zwar eine Familie, die wie Pech und Schwefel zusammenhält und das Leben liebt, aber jeder hat einen Sockenschuss - der Ich-Erzähler John und die Mutter vielleicht ausgenommen. Angefangen mit Iowa-Bob, dem Großvater und Baseball-Coach, der noch im hohen Alter Hanteln stemmt und den Wahlspruch beisteuert, man müsse besessen sein und besessen bleiben; seinem Sohn, dem ewigen Kind, dessen einziger Traum ist, ein tolles Hotel zu führen; dem ältesten Sohn Frank, dem Taxidermisten und Uniformliebhaber und – wie er selbst sagt – der Tunte; die quirlige Franny, die die Kinder anführt und „verfickt noch mal“ kein Blatt vor den Mund nimmt; die kleine Lilly, die ähnlich wie Oskar Matzerath eines Tages aufhört zu wachsen und als eine Art erwachsenes Kind zur erfolgreichen Schriftstellerin wird; der kleine Egg („Ei“) der fast taub ist und auf jede Frage „Was?“ antwortet. Schließlich John, der die ganze Geschichte erzählt und ganz offen in seine Schwester Franny verknallt ist (und sie in ihn!). Als sie „es“ nach Jahren endlich tun, kommen sie zehn Stunden nicht aus dem Bett – und man muss schmunzeln, so sehr hat Irving seinen Stoff im Griff. Sex zwischen Bruder und Schwester wurde nirgends so lustig, so leicht und so unschuldig beschrieben wie hier.
Der Roman erzählt das Leben der Familie von den 1940er bis in die späten 1960er Jahre. Eine Familie von Hotelbetreibern, wobei keines der Hotels ein echtes Hotel ist, sondern eher die Karikatur eines Hotels (zuerst in einer alten Schule, dann in einem Bordell, dann in einer Ruine). Es geschehen auch nicht nur nette Dinge: Franny, in ihrer Zeit als Cheerleaderin, wird von einem Baseball-Platzhirsch vergewaltigt, den sie hasst und heimlich liebt; Egg und die Mutter sterben bei einem Flugzeugabsturz, als die Familie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nach Wien umsiedelt. Der Zusammenhalt der verrückten Familie von der Nachkriegszeit bis zur beginnenden Hippie-Ära ist bestechend in seinem Charme. Als Sahnehäubchen tauchen jede Menge anderer skurriler Figuren und Episoden auf, etwa der dressierte Bär, der falsche Bär (der eigentlich ein Mädchen ist), der blinde Freud, NICHT identisch mit Sigmund, die verrückte Hure Kreisch-Annie, benannt nach ihren Orgasmen. Anarchisten, Prostituierte, Baseballspieler, schwarze Aktivisten und der Familenhund „Kummer“ (!), der zuerst als lebendiges Wesen, dann als Ausgestopfter bei allem dabei ist.
Kurz, Irving greift volle Pulle ins Leben, weniger verzagt als man es bei einem Buch dieser stilistischen Kategorie erwartet, und ich glaube, das war es vor allem, was seinen Erfolg ausgemacht hat. Ich selbst war aber zuerst verwirrt, da sich dieses Buch hunderte von Seiten einer großen Story verweigert und nur Anekdoten erzählt, die durch die Figuren, die Zeit und Familien-Insider verbunden sind („Bleib immer weg von offenen Fenstern.“). Seltsam genug, schien Irving das sogar zu wissen. Im Roman schreibt Lilly nämlich ein Buch, mit dem sie kreuzunglücklich ist. Und zwar deshalb: „... was Lilly an dem Buch am meisten hasste – (...) daß es keine durchgehende Handlung hatte...“ (Seite 557). Die Überraschung ist dabei, dass ich Das Hotel New Hampshire – das ich etwa die ersten 100 Seiten eher nervig fand – etwa ab dem ersten Drittel mochte und gegen Ende anfing zu lieben. Und als ich es richtig doll liebte – da hatte ich die letzte Seite erreicht.
Ein bisschen wie das Leben, oder?

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Tags: amerika, bär, familiengeschichte, inzest, jodie foster, skurrile geschwister, verfilmung   (7)
 

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

autobiografie, varieté, filmpioniere, biographie, marx-brothers

Groucho und ich

Groucho Marx
Flexibler Einband
Erschienen bei btb
ISBN 9783442722273
Genre: Sachbücher

Rezension:

„Die letzte Phase einer weltgeschichtlichen Gestalt ist ihre Komödie“ schrieb Karl Marx 1844. Aber um diesen Komiker geht es heute nicht, sondern um die Marx Brothers, vor allem um Groucho Marx, dem Mann mit dem Witz, dem komischen Gang und dem aufgemalten Schurrbart, dem Querkopf und neben Harpo wohl bekanntesten Marx (außer Karl, aber den Gag hatte ich schon).
Groucho und ich - im Original Groucho an me - ist keine typische Autobiografie, erst recht keine typische Promi-Lebensbeichte. Groucho war ein Genie des Wortwitzes. Entsprechend schreibt er im Stil bester Stand Up Comedy respektlos über Themen wie Liebe zu Autos, Idiotenjobs, Frauen und Sex, seinem fatalen Hang (und dem heimlichen Vergnügen) ins Fettnäpfchen zu treten, die Mischpoke, Geldverdienen, zurück zur Natur usw. Im Zuge dessen erfahren wir quasi nebenbei Fakten aus seinem Leben: Grouchos Kindheit in einfachen bis armen Verhältnissen, mit fünf verrückten Brüdern (und den noch ein ganzes Stück verrückteren Eltern), der Aufstieg der Marx Brothers von der Kellerloch-Komikertruppe zu Broadway-Stars, nach jahrelangem Tingeln durch billige Spelunken und Varietés. Dann der Sprung nach Hollywood, der Groucho, Chico und Harpo wider Erwarten nicht das Genick bricht, sondern sie noch größer macht. Da sie nicht nur komisch sondern auch musikalisch sein konnten (inklusive anarchister Zerstörung der Instrumente nach der Coda!), hatten sie im damals neuen Tonfilm die Nase vorn. Bis heute lache ich Tränen bei Filmen wie Duck Soup (Die Marx Brothers im Krieg) oder A Night At the Opera. Ein besonderes Schmankerl für Filmfreunde ist Grouchos Briefwechsel mit Jack Warner. Der Film-Mogul wollte den Titel Die Marx Brothers in Casablanca verbieten lassen, da Warner Brothers Casablanca vertrieb. Wie Groucho hier den mächtigen Studioboss nach Strich und Faden verarscht, ist einfach nur großartig.
Später gibt es auch Kapitel über den nun schon älteren Groucho, zum Beispiel über seine damals pubertierende Tochter Melinda, die für eine Party seine Bude auf den Kopf stellt, und über Grouchos erfolgreiche Fernsehsendung You Bet Your Life, die bis heute DAS Vorbild für Late-Night-Formate sein sollte.
Dieses Buch ist ein Must-Have für jeden, der sich für Komik interessiert. Nebenbei sei gesagt, dass es leider noch eine ältere Übersetzung von Groucho an me gibt, unter dem dämlichen Titel Schule des Lächelns. Die nicht kaufen, ok? Hier ist vieles abgemildert, es fehlen Teile, ja ganze Kapitel. Den Mut den Groucho bei manchen heißen Eisen (wie Sex oder Religion) schon 1959 aufbrachte, als er das Buch schrieb, ging den damaligen Übersetzern wohl zu weit. Daher mag ich meine Hand nur für das Original oder die vorliegende deutsche Fassung (übersetzt von Sven Böttcher) ins Feuer legen. Grouchos vielleicht berühmtester Spruch war: „Ich möchte keinem Club angehören, der Leute wie mich aufnimmt.“
Willkommen im Club.

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Tags: autobiografie, comedy, filmpioniere, harpo marx, humor, marx-brothers, stand up comedy, varieté   (8)
 

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60 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

shakespeare, very british, king lear, narren, theater

Fool

Christopher Moore , Jörn Ingwersen
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 18.10.2010
ISBN 9783442542598
Genre: Humor

Rezension:

Was, wenn der klassische Narr der Shakespeare-Bühne einmal selbst zum Held einer Story wird? Eine Idee, so simpel und bestechend, dass Christopher Moore allein dafür jeden Dollar verdient hat, den das Buch hoffentlich gemacht hat. Warum der Narr? „Alle Tiere sind gleich, aber einige sind gleicher als andere“ schreibt Orwell in Die Farm der Tiere. Ich sage: Narren sind wir alle, aber einige sind närrischer als andere. Figuren wie Shakespeares Narr, wie Goldonis Truffaldino, wie die Figuren Molières, wie Dostojewskis Idiot, wie Chaplins Tramp, wie Woody Allens frühe Figuren oder wie Winston Grooms Forrest Gump, um nur einige zu nennen sind – paradox genug – oft mehr Mensch als wir, der traurige Rest, der sich genervt um Normalität bemüht. Auf einer Tarotkarte sieht man den Narren mit zerrissenen Klamotten am Abgrund entlang gehen, ein Hund beißt ihm in den Hintern, doch sein Blick ist fröhlich. Man braucht wenig Fantasie um zu ahnen, dass ihm niemals etwas passieren wird. Tatsächlich ist der Narr im Tarot die einzige Figur, die am Ende mehr Magie besitzt als der Magier selbst.
Was also, wenn man König Lear von Shakespeare nimmt und den (fast) gleichen Grundplot aus der Perspektive des Narren erzählt, der im Original nur der Sidekick ist, der Joker, der Witze und Possen reißt, wo andere bluten, sich verraten und leiden? Christopher Moore hat es getan, und es ist ein witziges Stück Literatur dabei herausgekommen. Verblüffenderweise eines, das sich leicht und unterhaltsam lesen lässt.
Der kleinwüchsige, hochintelligente und begabte Narr Pocket wird in diesem Roman zum heimlichen Strippenzieher, Weisen, Frauenbeglücker, Hexenbändiger und Held in einem. Pocket ist Narr am Hofe König Lears, einem harten, jedoch senil werdenden König. Lear will „in Rente“ und daher sein Reich unter den drei Töchtern aufteilen. Als er sie deswegen fragt, welche ihn am meisten liebt, überschlagen sich die beiden älteren in Lobhudeleien. Nur Cordelia, die jüngste und Pockets heimliche Angebetete, bleibt ehrlich und sagt nichts. Lear verstößt Cordelia. Nachdem die anderen Töchter das Reich und die Macht an sich gerissen haben, kommt Lear sowohl geistig als auch sozial auf den Hund. Pocket, der mit einer Art Hassliebe an dem alten König hängt (Lear hatte ihn damals aus der Gosse gerettet), hilft dem Alten, dabei verfolgt er jedoch eigene Pläne. Gleichzeitig erzählt er uns von seiner eigenen Kindheit als Findelkind im Kloster, seiner Jugend als wanderndem Gaukler, seiner heimlichen Liebe zu Cordelia und seiner Bestimmung.
Pocket als Ich-Erzähler spricht zu uns dabei in einer derben, pointierten, schwarzhumorigen, mittelalterlich wirkenden Sprache. Es wird geprügelt, gevögelt, geeitert, das Fleisch zuckt, es pestiliert und donnert im sprachlichen Gebälk – um uns dann bei heruntergelassener Hose mit plötzlicher Weisheit zu überraschen.
Am ehesten kann man den Tonfall des Buches mit dem der frühen Monty Python-Filme vergleichen (Moore wird’s mir vergeben; er selbst erwähnt die geniale Komiker-Truppe in seiner Danksagung als Inspiration). Fool ist also kein historischer Roman im eigentlichen Sinne; vieles ist sogar historisch falsch, wie Moore freimütig zugibt. Das Buch erzählt die Tragödie Lears aus einer komischen Perspektive und schafft es dann, den komischen Erzähler selbst zu einem Menschen aus Fleisch und Blut zu machen, der uns am Herzen liegt.

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Tags: hexen, humor, king lear, komik, mittelalter, monty python, narren, shakespeare, theater, very british   (10)
 

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40 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

wahnsinn, selbstmord, psychiatrie, psychatrie, spitze feder

Klapsmühle

Jim Knipfel , Karolina Fell
Flexibler Einband: 283 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Taschenbuch, 01.09.2006
ISBN 9783499242694
Genre: Romane

Rezension:

Das Thema Verrückte lässt mich nicht los. Warum gelten manche Menschen als „psychisch krank“ und andere nicht? Warum gelten Religion, politischer Fanatismus oder auch nur kollektiver Wahn beim WM-Spiel als normal, Halluzinationen und Wut dagegen nicht? Die gängige Antwort ist, dass Verrückte unter ihrer Psyche leiden (und andere leiden lassen), Normale hingegen nicht. Also mal ehrlich; jetzt sollte jeder mal sein eigenes normales Leben betrachten...
Das Buch handelt von Jim Knipfel, der ein halbes Jahr in die Geschlossene kommt. Knipfel ist kein erfundener Romanheld – obwohl der Name des glauben lässt – sondern Autor und reale Figur in einem. Das Buch ist kein Roman, es ist ein subjektiver Bericht, jedoch in der Art der Szenen, dem Detailreichtum und Witz ein Buch, dass es stilistisch mit Einer flog über das Kuckucksnest aufnehmen kann. Ein Lesegenuss, der einen vergessen lässt, dass man „nur“ einen Bericht liest.
Das ständige, unausgesprochene Thema ist der Grenzgang von Irresein und Normalsein. Jim Knipfel erlebt beides, oft in unentwirrbarer Verzahnung: Wahn und Wirklichkeit, Realität und Raserei. Knipfel ist ein junger New Yorker Intellektueller aus liebevollem Elternhaus, begabter Student der Philosophie, arm zwar, aber immerhin schon erfolgreich Tutor für jüngere Studenten (Philosophie scheint eine typische Irren-Wissenschaft zu sein: Der Philosoph Ludwig Wittgenstein, dem ein IQ von schlappen 200 nachgesagt wurde, endete ebenfalls im Irrenhaus). Nach einem verdeckten Selbstmordversuch mit Tabletten – Knipfel wollte ihn wie ein Unfall aussehen lassen, um seinen Eltern den Schmerz zu ersparen – kommt er in die Geschlossene Abteilung. Er glaubt zunächst, dass er bald wieder gehen kann und macht sich nicht einmal die Mühe, das Anstalthemdchen anzuziehen. Doch dann hält man ihn für Monate fest. Er erlebt den Psychiatriealltag mit der gesteigerten Wahrnehmung des Übersensiblen. Das absurde System der Essens-, Zigaretten- und Tablettenausgabe, das hässliche Zimmer, die Pfleger, die mal scheiße nett und dann wieder kaltschnäuzig sind, die 10 Minuten „Therapie“ beim gelangweilten Doktor einmal die Woche; die anderen, schon viel tiefer in die Finsternis abgetauchten Patienten. Das allein ist schon lesenswert, aber seine Kraft bekommt das Buch durch die Kapitel, in denen der Autor Knipfel die „Halluzinationsreisen“ des Patienten Knipfel beschreibt – denn im Erzählen dieser grandiosen Fantasien werden beide Knipfels einen Moment lang zu einer unentwirrbaren Einheit. Beide beschäftigt letztlich über das Ende des Buches hinaus das Rätsel, was genau diese Halluzinationen eigentlich sind.
Knipfels Größe – und die des Buches - liegt gleichwohl darin, dass er uns nichts vormacht. Er ist kein „aus Versehen“ Eingesperrter, es ist kein Verwechslungs-Plot wie im Horrorfilm, der Mann, der Außerirdische oder Geister gesehen hat, die es wirklich gibt und dem keiner glaubt. Nein, Knipfel ist hier ganz und gar realistisch. Er sieht Dinge, die nicht da sind, er ist von paranoider Wut erfüllt, er hat irrationale Ängste, etwa dass Blumen und Topfpflanzen ihn angreifen. Er weiß, dass er spinnt. Doch genau dieser Mann beschreibt als humorvoller Ich-Erzähler mit spitzer, ironischer Feder, wie hilflos die Normalen angesichts der Irren, wie sinnlos die Verwahrung in der Anstalt ist. Dass kaum sie es war, die ihn, Knipfel, letztlich wieder auftauchen ließ.
Und hier liegt auch die Grenze des Buches, wenn man es mit dem Anspruch an das große Drama betrachtet. Ohne spoilern zu wollen kann man sagen, dass die Auflösung (soll ich Erlösung sagen?) der Story kein dicker Knall, keine Epiphanie, keine besondere Erkenntnis ist – wie etwa beim Kuckucksnest – sondern eher eine ironische Klimax, in der die triviale Realität siegt. Doch immerhin, dieses eine Mal ein Sieg zugunsten des Verrückten. Es bleibt also Hoffnung.

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Tags: geschlossene anstalt, grenzgänger, halluzinationen, humor, irre, new york, roman oder nicht?, spitze feder, wahnsinn   (9)
 

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5 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

new york, untergrund, graffiti, roman, obdachlose

Tunnel-Menschen

Jennifer Toth
Fester Einband: 264 Seiten
Erschienen bei Links, 01.12.1998
ISBN 9783861530794
Genre: Sachbücher

Rezension:

„Blades Persönlichkeit war von so unergründlicher Tiefe, daß ich ihn nie völlig verstanden habe.“ Blade war schwarz, Blade war obdachlos, Blade lebte im Tunnel und er war Jennifers Freund und Beschützer – zumindest eine Zeitlang.
Als Jennifer Toth Anfang der 1990-er mit gerade mal 24 Jahren frisch von der Universität nach New York kam – sie hatte ihren Magister in Journalismus gemacht -, gab es mehr Obdachlose in dieser Stadt als jemals zuvor. Die Zahl der Schlangensteher vor Asylen, Suppenküchen und sozialen Einrichtungen explodierte.
Toth ist jung; voller Energie und Optimismus. Obendrein besitzt sie offenbar genau jenes kleine Stück Verrücktheit das man braucht, um DAS Thema zu suchen (und darüber zu schreiben), vor dem sich alle anderen fürchten. Toth interessiert sich für Obdachlose, vor allem für die Tunnelmenschen. Zuerst scheint alles nur eine moderne urban legend; offiziell wird die Existenz der Tunnelmenschen von der Polizei zuerst geleugnet, als die Journalistin recherchiert; selbst für die „normalen“ Obdachlosen umgibt die Tunnel- oder Maulwurfmenschen einen Hauch von Mythos.
Doch als sie sie findet, eröffnet sich ihr eine vollkommen fremde, beängstigende Welt im Dunkeln, eine Welt voller Outsider, Einzelgänger, Kids auf Trebe, Suchtkranker, Psychotiker. Doch Toth findet – oft gerade bei diesen Menschen – bewegende Geschichten, ja Freundschaft. In den Tunneln gibt es nicht nur Verzweifelte; es gibt Graffiti-Künstler, es gibt organisierte Aussteiger in Gruppen, mit eigenen Gesetzen und eigener Moral. Und nichts ist ganz so, wie es scheint. Ein Mann, der eine Ratte in seinem Tunnel brät (und Jennifer höflich davon anbietet), hat Thoreaus Walden dabei und kann seitenlang daraus zitieren. Einer glaubt von sich selbst, er sei der Teufel. Ein anderer – Blade – hilft Jennifer Toth, sich in den Tunneln zurecht zu finden. Toth lernt Blade bei der Arbeit in einer Suppenküche kennen; sie die behütete Weiße aus London, er ein seit der Kindheit auf der Straße lebender Mann, der die Welt der Obdachlosen genauso gut kennt wie die der crackrauchenden Straßengangs, die oft für wenige Dollar einen Mord begehen. In einer Art erstauntem Respekt freunden sich die beiden an. Blade nennt Jennifer „Kid sis“ (Kleine Schwester), ihm imponiert ihr Mut, er hilft ihr bei ihrer Reise in die Tunnel (Reise ist nicht übertrieben; das Tunnelsystem ist mindestens 1100 Kilometer lang und geht sieben Ebenen tief). Jennifer Toth geht bei der Suche nach Fakten bis auf die Grenze ihrer Kraft und gerät mehr als einmal in Lebensgefahr.
Schließlich sogar durch Blade.
Diese persönliche Beteiligung macht das Buch so stark, aber auch ohne sie hätte Jennifer Toth ein wichtiges Zeitdokument geliefert.

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Tags: gewalt, graffiti, maulwurfmenschen, new york, obdachlose, untergrund   (6)
 

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

roadmovie für kinder, kinderbuchklassiker, schwedisch, apokalypse, finnische trolle

Komet im Mumintal

Tove Jansson , Birgitta Kicherer
Flexibler Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Arena, 01.01.2012
ISBN 9783401503240
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Markus und las sein erstes richtiges Buch. Kein Comic, kein Pixie, kein Bilderbuch, sondern einen richtigen Roman, der tatsächlich wie Prosa geschrieben ist. Für den kleinen Jungen waren es damals viele Seiten, aber auch eine Handlung, die ihn nicht mehr losließ.

Dieses allererste Buch – das mir nichts weniger als die Liebe zum Buch bescherte - heißt Komet im Mumintal und ist eine Art Apokalypse-Roman für Kinder.

Mumintroll und seine Familie erfahren eine schreckliche Neuigkeit durch eine philosophische Bisamratte (!): Ein Komet kommt auf die Erde zu und droht, alles zu zerstören. Mumin und sein Freund Schnüferl machen sich daraufhin auf eine gefährliche Reise in die Einsamen Berge zur Sternwarte, um dort alles über den Komet zu erfahren und ein Mittel zu finden, wie man das Unheil aufhalten kann. Auf dieser Reise meistern die beiden unbekannte Gefahren und lernen eine karge, einsame und schroffe Welt kennen, die so ganz anders ist als die geborgene Welt im Mumintal. Aber sie finden auch neue Freunde wie Schnupferich, den ewigen Wanderer (quasi ein kindlicher Bob Dylan; tatsächlich ist seine Mundharmonika das einzige, das er nie hergeben würde) oder Mumintrolls love interest das Snorkfräulein, ein intelligentes und romantisches Mädchen mit goldenem Fußreif, das je nach Stimmung seine Farbe wechseln kann, ansonsten aber den gleichen samtschnauzigen, rundlichen Trollkörper hat wie Mumin selbst. Während der Komet immer mehr den ganzen Himmel ausfüllt, häufen sich apokalyptische Plagen wie austrocknendes Meer, Heuschrecken, Stürme... Es gibt sogar die Stimme der vollkommenen, naiven Unschuld in Gestalt des vergesslichen Affen und eine Rettung in letzter Sekunde. Spätestens hier fand ich – und finde noch heute – ist die Meisterschaft der Autorin nur noch für Betriebsblinde zu übersehen. Und es bleibt bis zur letzten Seite offen, ob die Mumins und ihre Freunde es schaffen werden, zu überleben.

Doch das ist nicht alles. Der dynamische Plot bildet nur den Rahmen für Fragen, die weit über das hinausgehen, was hierzulande im Kinder- und Jugendbuchbereich typisch ist. Jansson hält Kinder offenbar nicht nur nicht für dumm, sondern sogar für ein bisschen weiser als Erwachsene; sie traut sich, Fragen nach Sinn und Unsinn, nach Urvertrauen und rechtem Handeln angesichts von Bedrohung zu stellen. Der Komet wird zur Allegorie, das kann man ohne Übertreibung sagen. Denn Komet im Mumintal erschien 1946 und war erst das zweite Buch der Mumin-Reihe, nachdem das erste (Mumins lange Reise, 1945), von der Suche nach dem Muminvater und einem Zuhause handelte, nachdem die Muminfamilie getrennt wurde. Tove Jansson schrieb diese Bücher also in einer Welt, die sich noch nicht von dem Irrsinn des Zweiten Weltkrieges erholt hatte, haben konnte. Jansson, von Haus aus Malerin, hatte außerdem schon in den 1940er Jahren als junge Frau Satiren gegen Hitler geschrieben und diese mit Zeichnungen der Mumintrolle ergänzt. Die Trolle stammen zwar meines Wissens ursprünglich aus der finnischen Volkslegende; aber Jansson hat sie neu erschaffen und ihnen eine zeitgenössische und dabei zeitlose Bedeutung gegeben.

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Tags: apokalypse, finnische trolle, kinderbuchklassiker, roadmovie für kinder   (4)
 

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7 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

erotik, roman, schweinkram, verwandlung, frankreich

Schweinerei

Marie Darrieussecq , Frank Heibert
Flexibler Einband: 150 Seiten
Erschienen bei Fischer Taschenbuch, 16.12.2011
ISBN 9783596137183
Genre: Romane

Rezension:

Seit Darwin die Abstammung des Menschen vom Affen festgestellt hat - besser vom gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch - ist die Krone der Schöpfung nur noch irgend eine Schöpfung. Und wie lautet die Mutter aller ersten Sätze einer Erzählung? "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungheueren Ungeziefer verwandelt." In beiden Fällen erfahren wir, dass der Mensch vor allem Tier ist, bleibt und immer wieder werden kann.
Marie Darrieussecq hat diese Idee in ihrem erstaunlichen Debutroman aufgegriffen und, so scheint es jedenfalls zu Beginn, ins Realistische übertragen. Die Story handelt von einer Vertreterin der Pariser Unterschicht, des white trash. Sie arbeitet in einer sogenannten "Parfumerie" einem Massagelsalon. Für weniger als die Hälfte des Mindestlohnes Männer zum Spritzen zu bringen - und mehr - ist immer noch besser als arbeitslos sein, glaubt sie. Zunächst hat sie sogar großen Erfolg, da sie so rosig, prall und vital ist und sich weniger ekelt als die anderen Mädchen. Nach einer Weile entdeckt sie, und das ist die Ironie, dass genau dieses tolle Gefühl der Beginn ihrer Metamorphose in eine Sau ist; nicht im übertragenen Sinne sondern buchstäblich: Ihr wachsen Zitzen und ein Ringelschwänzchen, ihr Geruchssinn verändert sich, genauso ihre Art sich zu bewegen und Kälte wahrzunehmen. Die Autorin steigert diese ansich schon grandiose Idee nun durch folgendes: Während die Protagonistin immer mehr in die Seelenwelt eines Schweins abtaucht, erlebt das als wenige Jahre in der Zukunft geschilderte Frankreich die Metamorphose von einem demokratischen in einen faschistoiden, von einer elitären Clique regierten Land. Das sowieso schon harte Leben für alle, die nicht gerade zu dieser Führungsclique oder der Polizei gehören, wird immer unerträglicher. Der Clou ist nun, dass gerade sie, die Mensch-Sau, die Außenseiterin, die von Anfang an keine Chance hatte, die immer mehr herunterkommt, die zeitweise zwischen Clochards und sogar in der Kanalisation lebt, dass gerade sie den ganzen Irrsinn überlebt, an dem die Normaleren, noch nicht ganz zur Sau gemachten Menschen zerbrechen. Sie findet sogar eine große Liebe, einen Mann der kein  gewöhnlicher Mann ist, ein Mann der... aber nein, mehr will ich nicht verraten, das wäre eine Schweinerei.
Ein ungewöhnlicher Roman mit einer naheliegenden Idee, und das saumässig gut geschrieben.

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Tags: dystopie mal anders, metamorphose, moderne frau, schweinkram, social downgrading   (5)
 

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liebe, stierkampf, tragik, pamplona, roman

Max

Markus Dittrich
Flexibler Einband: 372 Seiten
Erschienen bei CreateSpace Independent Publishing Platform, 05.09.2013
ISBN 9781492346296
Genre: Sonstiges

Rezension:  
Tags: liebe, pamplona, punkrock, roadmovie, roman, sex, sinn des lebens, stierkampf, tragik, wahnsinn   (10)
 

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drehbuch, reise des helden, schreiben, dramaturgie, wendepunkte

Aristoteles in Hollywood

Ari Hiltunen
Flexibler Einband: 282 Seiten
Erschienen bei Lübbe, 25.09.2001
ISBN 9783404940134
Genre: Sachbücher

Rezension:

Das geheimnisvolle Buch, um das sich in Ecos grandiosem Name der Rose eine Serie von Morden, Papst-Intrigen und Wahnsinn drehen, ist der verschollene zweite Teil der Poetik des Aristotels, der sich mit der Komödie beschäftigt. Glücklicherweise hat der erste Teil der Poetik - jener über die Tragödie - das Mittelalter überlebt und ist damit das älteste Buch überhaupt, das sich mit der Kunst des Erzählens beschäftigt. Praktisch alles, was auch heute noch gute Geschichtenerzähler antreibt, also der Aufbau der Geschichte, die Wahl des Themas und die Natur der Figuren, hat Aristoteles vor 2300 Jahren beschrieben und zwar präziser als irgend jemand nach ihm - bis heute! Ari Hiltunen, ein Dramaturg und Redakteur für das finnische Fernsehen, ist nun auf die gewagte, aber naheliegende Idee gekommen, den alten Griechen auf unsere modernen Erzähl-Medien anzuwenden: Kino, Fernsehen, moderne Bestsellerromane, ja sogar Cyberspace.
Ich war zuerst skeptisch, dann aber baff, denn tatsächlich hat Hiltunen die Poetik bis aufs Komma genau gelesen und kennt sie wirklich. Und genial wie das Werk Aristoteles' nun mal ist, lassen sich seine eigentlich für die antike Tragödie gedachten Begriffe Eins zu Eins auf die moderne Dramaturgie übertragen. Bis hierhin ist Hiltunens Buch ein Treffer. Er überrundet locker die im Drehbuchbreich gehypten amerikanischen Scriptwriting-Päpste Syd Field, Linda Seger und sogar den besten von ihnen, Robert McKee. Schon die treffende Anwendung des aristotelischen Begriffs der hamartia (dem Fehler als Auslöser der Handlung) auf populäre Filme wie Auf der Flucht - zeigen, wie praktisch und knackig das Handwerkszeug des alten Griechen auch für moderne Autoren ist. Ganz egal ob sie Bücher, Filme oder Fernsehen schreiben.
Da die Poetik schon 2300 Jahre alt ist, glaubt Hiltunen, dass das Erzählen von Geschichten noch viel älter ist und sich seit der Steinzeit kaum verändert habe. Ähnlich wie der Mensch: Obwohl er heute in Häusern lebt und Auto fährt und nicht mehr in Höhlen wohnt, so ist seine Natur doch gleich geblieben. So auch die des Erzählens. Es gibt einen Kern in seinem Wesen, der immer gleich ist, den wir immer wieder suchen und den es aufzuspüren gilt. Von hier aus schlägt Hiltunen einen gewagten Bogen zu anderen Theorien, vor allem zum Monomythos bei Joseph Campbell bzw. dessen Hollywood-Variante von Christopher Vogler.
Hier beginnt nun ein klein wenig das Problem des Buches. Auch ich bin der Meinung, dass sich Aristoteles und Campbell ergänzen. Jedoch führt die Vermengung der Begriffe zu Unschärfen. Obendrein hat Bastei Lübbe eine eher maue Übersetzung schreiben lassen, vermutlich im Glauben, dass es bei "populärwissenschaftlicher Literatur" wie dieser nicht so darauf ankommt. Im Ergebnis hat das leider zur Folge, dass manche "Nachplapperer" inzwischen Voglers Begriffe Aristoteles unterschieben und umgekehrt.
Im Ergebnis ist das Buch aber trotzdem ein Muß für jeden, der sich ernsthaft mit Schreiben beschäftigt. Hiltunen schafft es, den anspruchsvollen Gegenstand leicht und mundgerecht an Beispielen von Volksmärchen, über Shakespeare bis John Grisham zu vermitteln und dabei präzise zu bleiben. Wieso haben die in Finnland eigentlich so coole Redakteure?

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Tags: dramatik, dramaturgie, drehbuch, hamartia, handbuch für autoren, reise des helden, storytelling, wendepunkte   (8)
 

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musik, freundschaft, usa, außenseiter, band

Freaks

Joey Goebel , Hans M. Herzog
Flexibler Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 25.09.2007
ISBN 9783257236620
Genre: Romane

Rezension:

Die Freaks, über die Joey Goebel hier schreibt, sind andere, als wir aus dem Gruselfilm-Klassiker von Tod Browning kennen. Keine Zwerge, Mutanten, keine Frauen mit Damenbart, Skelettmenschen, keine düstere Kirmes- oder Zirkusatmosphäre á la "Elefantenmensch". Und doch stehen die Protagonisten in der Tradition der Outsider: Leadsänger Luster, ein Schwarzer jenseits gängiger Black-Music-Klischees, ein durchgeistigter Mann zwischen Heiligkeit und Irrsinn, ständig am Führen von philosophischen Selbstgesprächen; die verrückte alte Opal, dramaturgisch eine direkte Nachfahrin von Maude aus "Harold and Maude"; die superscharf aussehende Pfarrerstochter, Jungfrau, Fake-Behinderte und gelegentliche Satanistin Aurora; die kleine Ember, ein etwa achtjähriges Kind, doch schon so wütend wie eine ganze Horde Anarchos und sehr am Feuerlegen interessiert; schließlich Ray, ein Iraker, der in die USA gekommen ist, um sich bei einem amerikanischen Soldaten zu entschuldigen den er im Krieg angeschossen hat (!). Witzigerweise wird Ray (Raykeem), der einzige Mann mit Frau und Kind, von allen zunächst für schwul gehalten...
Allein dieses Cast macht den Roman schon zu etwas Besonderem. Der Kniff besteht nun darin, dass genau diese fünf schrägen Typen, Inbegriffe aller Randgruppen in den USA, gegenseitig jeweils die einzigen Menschen sind, die sich ertragen können, die sich zuhören, die Freunde werden. Sie gründen eine Band, damit normalere Menschen ihre Songs hören - und vielleicht irgend etwas kapieren. Der Plot besteht darin, wie sie sich kennen lernen, proben und den Gig vorbereiten - eine Handlung, die bei weniger mutiger Schreibe nicht gerade originell wäre.
Stilistisch changiert Goebel gekonnt zwischen verschiedenen Stimmen, denn jedes Kapitel wird aus der Ich-Perspektive eines der Fünf, seltener auch einer Nebenfigur (einmal sogar vom lieben Gott persönlich) erzählt und ist mit dem Namen überschrieben. Das klingt sperrig, aber man gewöhnt sich schon auf den ersten Seiten daran. Mehr noch; dadurch erzählt sich vieles besser! Bitterböses wird so zum Brüllen komisch. Zum Beispiel wenn Autora ihren notgeilen Chef narrt, indem sie sich als sexy Behinderte darstellt, oder wenn Opal den Psychologen der Seniorengruppe mit guten Ideen in Verlegenheit bringt, oder wenn Luster einen Polizisten in Metaphysik verwickelt, als der nichtsahnend wegen Lärmbelästigung bei einer Probe der Band auftaucht.
Fazit: Jeder sollte das Buch lesen: Nicht nur Literaten, nicht nur wer Rockmusik liebt, sondern jeder Freak da draußen, der noch nicht ganz abgestumpft ist!

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Tags: outsider, pyromanie, randgruppen, rockmusik, verrückte alte   (5)
 

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gott, freundschaft, glaube, philosophie, kind

»Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna«

Fynn , Helga Heller-Neumann
Flexibler Einband: 176 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 01.09.2000
ISBN 9783596148035
Genre: Romane

Rezension:

Anna, die zentrale Figur dieser ergreifenden Geschichte, ist acht Jahre alt und ein Wesen zwischen Genie, Engel und frecher Göre. Ihren literarischen Vater "Der kleine Prinz" kennen wir als eine Ikone der ganz großen, bewegenden kleinen Form: Allegorie und märchenhafte Poesie in einem. Doch was, wenn eine in der Substanz ganz ähnliche Geschichte in einem realistischen Milieu spielt, zwischen Industriegleisen, scheißenden Pferden, Straßenmädchen, komischen Todesfällen und Arbeitern, die sich nach Feierabend ihre Pint gönnen? Das Buch wirkt in seiner brillanten Schreibe so echt, dass ich zu diesem Zeitpunkt, da ich dies hier schreibe, nicht einmal genau sagen kann, ob es sich doch "nur" um einen erfundenen Roman oder um die Nacherzählung wirklichen Geschehens handelt. Und die erstaunliche erste Erkenntnis beim Lesen ist: Es ist egal!
Die Geschichte ist leicht erzählt. Der junge Physikstudent Fynn liest bei einem seiner nächtlichen Spaziergänge am Hafen ein verwahrlostes, hungerndes Kind auf. Spontan schließen die beiden beim Wurstessen Freundschaft und sind seither unzertrennlich. Fynn nimmt Anna mit nachhause, wo seine Familie sie aufnimmt, als allen klar wird, dass ihre leiblichen Eltern sie misshandelt haben.
Was für ein Aufhänger!
Doch überragend wird das Buch, weil es nicht am Punkt der Anklage stehen bleibt. Anna ist zu stark. Es ist Annas Neugier, Einfallsreichtum und Vitalität, die nicht nur Fynns Leben zum Besseren ändert, sondern ihn darüber hinaus lehrt, die Dinge des Lebens, der Natur, der Zahlen, der Musik, einfach allem, was wichtig ist - letztlich also jene Entität, die sie als "Mr. Gott" bezeichnet - mit anderen Augen zu sehen. Anna lehrt Fynn, und damit uns, dass jeder Mensch auf unendlich viele Fragen schon die Antworten weiss.
Fazit: Wer dieses Buch nicht liebt, sollte mal zum Arzt gehen...

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Tags: besonderes kind, ewiges kind, freundschaft, gott   (4)
 

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639 Bibliotheken, 11 Leser, 1 Gruppe, 19 Rezensionen

1. weltkrieg, krieg, erster weltkrieg, klassiker, tod

Im Westen nichts Neues

Erich Maria Remarque
Fester Einband: 263 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 01.01.1993
ISBN 9783462022858
Genre: Klassiker

Rezension:

Vorweg gesagt: Dieses Buch war schon ein Antikriegsbuch, als Hitler noch Landschaftsbildchen gemalt hat. Ein Klassiker, und zwar zu Recht, doch nicht nur das. Ich erinnere mich, als ich in den Achtziger Jahren im Zuge der sogenannten Gewissenprüfung ständig von dem Buch hörte (andere Kriegsdienst-Verweigerer haben ihre Argumente daraus gezogen; ich habe mir selbst etwas ausgedacht und durfte wiederholen, wie in der Schule...). Der anarchistische Teil von mir dachte: Hm, kann ja nix dolles sein, ein Buch so politisch korrekt, da les ich lieber Steve King oder, wenn schon, Franz Kafka. Jahre später las ich es, und es haute mich um. Das Verblüffende ist, dass die Schreibe als solche so stark ist, so widersprüchlich, so kraftvoll und stilistisch genau, dass man das "politische Programm", das gewisse Deutschlehrer da hineingelesen haben, glatt vergisst. Tatsächlich ist der Protagonist gar kein Pazifist im heutigen Sinne; um so erschreckender ist seine eindringliche Ich-Erzähler-Beschreibung von Granaten, Hunger, Filzläusen und Sinnlosigkeit, die er - übrigens meist im historischen Präsenz beschrieben - durchmacht. Fazit: Vergesst die Message, vergesst, dass das Buch ein Klassiker ist: Es überzeugt mit Leichtigkeit auch ohne diese Konnotationen und zeigt, dass Deutsche Prosa weder verstaubt noch gewollt witzig daher kommen muss. Wo sind solche Autoren heute?

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Tags: antikriegsroman, historischer präsenz, klassiker, krieg, pazifismus   (5)
 

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sex, glaube, pathologie, theater, religion

Die Philosophie im Boudoir oder Die lasterhaften Lehrmeister (Werke in fuenf Baenden, Band 5)

Marquis de Sade
Flexibler Einband: 408 Seiten
Erschienen bei Könemann,, 01.01.1995
ISBN 9783895080876
Genre: Sonstiges

Rezension:

Geschildert wird in einer Art Salonstück, wie die Jungfrau Eugénie von einem Klüngel verdorbener Libertins, allen voran Madame de Saint-Ange und dem abartigen Dolmance, nach Strich und Faden verführt, verdorben und gekonnt aus den Untiefen der Unschuld hinausgeführt wird. Dabei bleibt es nicht bei Worten, sondern wird handfest... Am Ende ist sie im de Sad'schen Sinne geläutert. Das ist im Wesentlichen alles. Der Titel ist irreführend; denn bei der "Philosophie im Boudoir" handelt es sich kaum um ein Buch, dass Hegel, Kant, Rosseau oder gar Aristoteles Konkurrenz machen will. Im Gegenteil ist dieses Werk des Mannes, der dem Sadismus seinen Namen gab, sogar das zugänglichste seiner Bücher (jedenfalls der mir bekannten). Das liegt zunächst an der Form; anders als die 120 Tage, die übrigens Pasolini kongenial verfilmt hat, als auch die Geschichte der ungleichen Zwillinge Juliette und Justine, die jeweils als getrennte Romane (na ja) durch die Niederungen der Ausschweifungen irren, ist die Phlosophie in Form eines Theaterstückes in der Einheit von Zeit, Ort und Handlung geschrieben. Zugleich ist dieses Buch inhaltlich nicht ganz so krass wie die anderen - vielleicht, weil de Sade seine Figuren hier ein wenig mehr atmen lässt. "Philosophisch" ist daran das Weltanschauliche; der Sieg der grausamen Natur über alles andere als Form der Erlösung ist das Bekenntnis des Libertins aus der blutigen Zeit der Französischen Revolution. Aus heutiger Sicht zeigt sich damit aber eine gewisse Naivität und damit das Problem des Buches; heute wissen wir, dass sexuelle Befreiung ansich zwar Spaß macht, aber letztlich in Langeweile mündet. Die Litanei von Four-Letter-Words und Nihilismus ödet uns heute (mich jedenfalls) irgendwann genauso an wie das zehnte Urbi et orbi des Papstes oder die Neujahrsanspache des Bundespräsidenten. Dennoch - und das muss man historisch sehen - war und ist de Sade der radikalste Vertreter seiner Schule, und allein das macht ihn nach wie vor zu etwas Besonderem. Die Philosophie mit ihren frechen Figuren, den witzigen Sprüchen und den spritzenden Körpersäften ist allemal das Richtige, um De Sade-Jungfrauen ein wenig anzufixen... wenn ich mal so sagen darf. Und übrigens: Es wundert mich, dass noch kein Schlingesief oder von Trier auf die Idee gekommen ist, das Werk zu inszenieren. Ist wohl  immer noch zu heftig...

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Tags: grausamkeit, libertin, pathologie, sex, theater   (5)
 

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163 Bibliotheken, 3 Leser, 2 Gruppen, 17 Rezensionen

musik, liebe, tod, trauer, verlust

Love is a Mix Tape

Rob Sheffield , Kristian Lutze
Flexibler Einband: 250 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 22.08.2007
ISBN 9783462039412
Genre: Biografien

Rezension:

Liebe ist immer noch das beste Thema für eine Geschichte. Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um einen ungewöhnlichen Grenzgang, was das Genre angeht. Obwohl Rob Sheffield eine Story erzählt, und das mit einer Sprache, die mehr an einen Roman als an eine Biografie erinnert, ist dieses Buch laut Klappentext keine Fiktion sondern Niederschrift tatsächlichen Lebens. Sheffield, Musikkritiker und DJ, beschreibt in diesem Buch seine junge und kurze Ehe mit der quirligen Reneé, die trotz sprühender Vitalität sehr jung stirbt (kein Spoiler: Sheffield sagt das selbst bereits auf den ersten Seiten des Buches). Die gesammelten Hoffnungen der Grunge-Generation, die junge Liebe der beiden, die sich sogar - ganz und gar atypisch - entschließen jung zu heiraten, fast als wüssten sie, dass sie nicht viel Zeit haben. Das Verlieben der beiden, ihr Versuch, eine moderne Art Ehe zu führen, das nerdige Zusammenleben, die freakige Hochzeit mit Freunden - diese Dinge sind unerwartet rührend, sie sind es, die mich das Buch mehr als einmal haben lesen lassen. Sheffield benennt jedes Kapitel nach einem Mixtape, das nun, nach Reneés Tod, ein Stück Erinnerung geworden ist. Das Mixtape wird dabei zur Metapher; eine Form, die in den Neunzigern bereits am Verschwinden war, mit ihrem Rauschen und Knacken und in ihrer Unperfektion so etwas wie handgeschriebener Brief an die Zukunft, der Versuch, etwas unwiederbringlich Verlorenes festzuhalten. Ein anderer Tod nimmt den der jungen Frau quasi vorweg und erhöht damit seine Bedeutung sogar noch: Der Tod Kurt Cobains, des vielleicht letzten Rock'n'Roll-Heroen. Sheffield, obwohl kein Romanschriftsteller im eigentlichen Sinne, schafft hier, zu bewegen, wie es Literatur sollte.

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Tags: grunge, liebe, neunziger jahre, rockmusik   (4)
 

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113 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

dystopie, klassiker, kommunismus, eines meiner lieblingsbücher!, totalitäres system

George Orwell: 1984

George Orwell
Flexibler Einband
Erschienen bei Ullstein, 01.01.1998
ISBN B007R2TFYG
Genre: Sonstiges

Rezension:

Dieser Roman ist ohne Zweifel einer der wichtigsten Romane der Zwanzigsten Jahrhunderts. Orwells Zukunftsvision hat keinen Deut an Schrecken verloren, auch wenn das sogenannte „Orwell-Jahr“ inzwischen dreißig Jahre hinter uns liegt.

Die Geschichte spielt in einem totalitären Staat, in dem die Tyrannei so umfassend ist, dass nicht nur die Handlungen, sondern vor allem die Gedanken der Menschen 24 Stunden am Tag kontrolliert und – was noch wichtiger ist – massiv beeinflusst werden. Winston Smith, ein unscheinbarer Typ, der als kleiner Beamter in einem Büro arbeitet, begeht das einzige, das unverzeihliche „Verbrechen“, eigene Gedanken zu denken. Indem er ein Tagebuch führt, sich in die Kollegin Julia verliebt, Kontakte zu „Unpersonen“ aus dem Widerstand sucht, Fragen nach der Vergangenheit und der Wahrheit stellt, führt er den eigenen Untergang herbei. Er kommt in die Mühlen der sogenannten „Gedankenpolizei“, deren erklärtes Ziel ist, jeden Abtrünnigen nicht nur einfach hinzurichten – nicht sofort jedenfalls -, sondern ihm davor so lange unter Folter das Gehirn zu waschen, bis er an seinem eigenen Denken, der eigenen Wahrnehmung, dem eigenen Sein zweifelt.

Diese Art Story kommt uns bekannt vor. Inzwischen gibt es für diese Art „Science Fiction“ sogar eine Genrebezeichnung – Dystopie – die alle Nase lang durch Rezensionen und Blogs geistert. Gerade in letzter Zeit spielen viele populären Romane in einer Zukunft, die nicht mehr so nett und lustig wie das Star-Trek-Universum ist.

Aber umgekehrt wird ein Schuh daraus: Orwell ist die Quelle dieser Gattung, sein 1984 war neben Huxleys Schöne Neue Welt die erste Zukunftsvision dieser Art und ist bis heute mit Abstand die Düsterste, denn dieser Roman behandelt nicht nur den äußeren Kampf des Menschen gegen den Staat, sondern dringt bis zum Kern der Finsternis vor, dem Kampf gegen sich selbst. Niemand danach hat jemals den Albtraum einer hypermodernen Diktatur so konsequent zu Ende gedacht.

Orwell beschreibt einen grauenerregendes Staat, in dem ständig Krieg, Hunger und Mangel herrscht, jedoch nicht aus Notwendigkeit, sondern einzig und allein mit dem Ziel, das „hilflose Vieh“, das Volk also, in Dummheit zu halten. Jeder Mensch wird per „Televisor“ zentral überwacht, aber auch unterhalten; die Sprache wird durch zentrale Order systematisch vereinfacht, ja verarmt (mit jedem Jahr ist das Wörterbuch kleiner) um jeden Widerspruch schon im Keim undenkbar, weil unformulierbar zu machen; die Geschichtsschreibung wird systematisch verfälscht, die Menschen nach Plan aufgehetzt. Fiktive Feindbilder laufen über die Mittagspause per Video-Stream in sogenannten „Hass-Sendungen“, um die Frust und Aggression der Untertanen in Loyalität zum Staat zu verwandeln. Und das alles ist nur der normale Alltag in der Beschreibung. Als Winston Smith in die Mühlen der Gedankenpolizei kommt, zeigt sich erst wirklich der Abgrund hinter diesem System.

Orwell schrieb dieses Buch praktisch auf dem Totenbett zu Ende; totkrank und nach den Enttäuschungen britischer Linker in der Zeit des Stalinismus offenbar immer noch von der Idee getragen, dass der menschliche Geist wenigstens auf dem Papier - also dem Papier seiner Dichtung - den Sieg über Tyrannei, systematischer Dummheit und Gewalt davontragen könnte.

Dieses Buch ist ein Muss!

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Tags: diktatur, klassiker, neudeutsch dystopie, orwells vermächtnis, schreckensvision, tyrannei, wichtiges buch   (7)
 

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311 Bibliotheken, 7 Leser, 5 Gruppen, 10 Rezensionen

irland, armut, kindheit, limerick, familie

Die Asche meiner Mutter

Frank McCourt , Harry Rowohlt
Flexibler Einband: 762 Seiten
Erschienen bei btb, 19.04.2010
ISBN 9783442741007
Genre: Romane

Rezension:

Ein Mann aus Frankfurt am Main in Hessen
Der liebte die Frauen und das gute Essen
Erst lud er sie ein
Dann schnitt er sie klein
Dann kochte er Frauen-Ragout in Hessen.

Dies ist mein Versuch eines kleinen Limericks – einer Form, die sowohl in ihrer absurden Komik als auch in ihrem asymmetrischen Versmaß so einzigartig ist, dass sie sogar in anderen Sprachen ihre Eigenart behält. Ich wollte mich mit den Zeilen dreist und ein bisschen vermessen vor dem großen Frank McCourt verbeugen, der seine bitterarme Kindheit nicht nur in Irland, sondern buchstäblich in dem Ort Limerick verbracht und darüber eines der bewegensten Bücher über Kindheit geschrieben hat.

Die Asche meiner Mutter – im Original Angelas Ashes– ist ein Buch, das Schreckliches schön macht, allein durch die Grandiosität der Beschreibung. Der Stil ist so poetisch, dass man bald vergisst, „nur“ eine Biografie zu lesen. Tatsächlich nimmt sich McCourt dichterische Freiheiten heraus, in dem er die Erzählperspektive des eigenen kindlichen Ichs annimmt, was eben auch heißt, ihren Glauben, ihre Naivität, ihre Mystik. Etwa wenn der kleine Frank auf den Stufen der McCourt-Bruchbude mit einem Engel über den Mythos von Cuchulain redet. Spätestens hier wird klar, dass wir es nicht mit dem typisch deutschen Krümelkacker-Verständnis journalistischer oder historischer Wahrheit zu tun haben.

Nein; die Wahrheit ist viel größer. McCourt beschreibt seine irische Kindheit als einen Ort ständiger Bedrohung durch Hunger und Tod, beschreibt in einem meisterhaften Wechsel zwischen Nüchternheit und metaphorischer Bildsprache, wie ein Kind extreme Armut, Tode von Geschwistern, schwere Krankheiten, den saufenden Vater, Dreck, Ungeziefer, die Arroganz der katholischen Kirche, Kälte... kurz, wie ein Kind all diese Dinge erleben, überleben und mit trotzigem Humor verarbeiten kann.

An der Verarbeitung trifft sich das Kind Frank mit dem – nun längst in Amerika lebenden, wohlhabenden, älteren McCourt. Denn Frank McCourt schrieb diese Erinnerungen nach seiner Pensionierung als Lehrer in der Bronx über vierzig Jahre nachdem sie in Irland passiert waren, und in dem sprachlichen Clash zwischen damals und heute entsteht die geniale Sprache des Buches. Eine Sprache die so echt ist, dass sie keinerlei semantischen Signale für Perspektivwechsel braucht – weder zwischen dem alten und dem kindlichen McCourt noch zwischen Erzähltext und Dialog. Die Dialoge sind ohne Anführungsstriche in den Text eingewoben, oft innerhalb eines einzigen Satzes. Zum Beispiel so: Er klettert ins Grab. Her damit, sagt er, und Dad gibt ihm den Sarg. In dieser Szene, in der die Familie einen von Franks kleinen Brüdern beerdigt, der an Schwindsucht gestorben ist, hören wir den besoffenen Totengräber, hören aber gleichzeitig die innere Stimme des kleinen Frank und sehen mit seinen Augen.

McCourt selbst sagte in einem Interview, dass er beim Schreiben des Buches an einem bestimmten Punkt von der normalen Erzählsprache der Vergangenheitsform in die des historischen Präsenz verfallen sei, zuerst ganz unbewusst. Es war genau der Moment, in dem der kleine Junge anfing zu sprechen.

Und hier liegt vielleicht auch der Schlüssel dazu, dass dieses Buch nicht deprimierend ist. Die Perspektive des Kindes zeigt uns zwar die Armut und das Elend, aber sie ist vital, bissig, anarchistisch-komisch, verspielt und – siehe oben – mit einem mystischen Urvertrauen ausgerüstet, das sich bewahrheitet hat (denn er hat überlebt). Der Vater, nach bürgerlichen Maßstäben eine Null und Alkoholiker, ist tatsächlich ein liebevoller in seinem hilflosen Kampf gegen die Briten erstaunlicher Mann, ein gebrochener IRA-Held, der nie einen Penny auf der Naht hat, aber auch ein Geschichtenerzähler, der seine Kinder statt mit Brot mit Märchen von Hexen und Zauberern füttert, Märchen, die er mit großer Leichtigkeit erfindet. Es ist einer der bewegensten Stellen in diesem Buch (das viele bewegenden Stellen hat) wie Frank die frühen Morgenstunden schildert, in denen er den Vater und dessen Geschichten ganz allein für sich hat. Es ist letztlich vor allem dieses Erbe, das Frank McCourt mit Angelas Ashes antritt.

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Tags: armut, biografie, irland, katholizismus, kindheit   (5)
 

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218 Bibliotheken, 4 Leser, 2 Gruppen, 9 Rezensionen

sex, sexsucht, sucht, mutter, gesellschaft

Der Simulant

Chuck Palahniuk
Flexibler Einband: 317 Seiten
Erschienen bei Goldmann Verlag, 01.05.2002
ISBN 9783442541669
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die Geschichte vom Sexsüchtigen, der sich verliebt und als Nebenjob in einem historischen Dorf á la "Westworld" arbeitet, wäre in den Händen eines anderen Autors zu weit hergeholt. Aber Palahniuks im besten Sinne verdrehte Weltsicht macht das alles literarisch notwendig: die Beschreibung, die Figuren, den Stil. Victor Mancini, sein an zwanghafter Onanie "leidender" Freund, seine dauersterbende Mutter und die zwielichtige Ärztin stehen so sehr mit dem Rücken zur Wand, dass sie quasi nebenher die letzten amerikanischen Helden werden. Palahniuk scheut sich nicht, sie über die Schrägheit hinaus zu entwickeln (anders als etwa Ellis), sie etwas fühlen zu lassen. Genau das macht Palahniuks Bücher groß. Chuck Palahniuk sieht die Welt mit anderen Augen, und das macht die Besonderheit seiner Romane aus.

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Tags: amerika heute, erzählperspektive, schräge figuren, sexsucht   (4)
 

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110 Bibliotheken, 2 Leser, 3 Gruppen, 6 Rezensionen

liebe, frankreich, betty blue, borderline, leidenschaft

Betty Blue

Philippe Djian , H. Buten
Flexibler Einband: 341 Seiten
Erschienen bei Little, Brown Book Group, 01.12.1998
ISBN 0349101108
Genre: Sachbücher

Rezension:

Wenn man nicht gerade St. Pauli-Fan oder Philosoph ist, ist die einzige Flucht vor dem Tod die Liebe. Und manchmal nicht mal sie, womit schon die ganze Tragik dieses Buches (und jedes großen Liebesromans!) umrissen ist. Die Geschichte - obwohl typisch französisch und obendrein typisch Achtziger Jahre - entwickelt sich zeitlos, da sie große, gewagte Konturen malt. Es geht um Zorg, einen gebrochenen Helden, einen Loser ohne Ambitionen, der sich in die Wahnsinns-Frau Betty verliebt. Betty ist fantastisch, aber sie fordert zuviel von ihm (und von der Welt): Zorg, der nur leben will, Betty, die ständig kurz davor ist, den Himmel zu verbrennen. Nach und nach gleitet sie in immer größeren Wahnsinn ab, während Zorg entdeckt, dass sie das einzige ist, was in seinem Leben zählt. Dijans Größe liegt darin, dass die Tragik hier in den Figuren selbst liegt. Durch den Kunstgriff des Ich-Erzählers Zorg, der uns "normalen" Lesern ähnlicher ist, gelingt es Dijan dabei, nie die Bodenhaftung zu verlieren. Zorgs eigenes Wachsen als Schriftsteller ist hübsch, aber Nebensache, letztlich eher ein Symbol für das, was Betty ihm und uns hinterlässt. An einer Stelle im Buch sagt Zorg sinngemäß zu seinem Kumpel Eddie, die Welt wäre zu klein für Betty, das wäre das ganze Problem. Manchmal denke ich, es sollte unser aller Problem sein. Ein Buch, das ich immer wieder lesen kann.

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Tags: betty blue, dijan, gegenwartsliteratur, ich-erzähler, liebe, wahnsinn   (6)
 

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8 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

sex, paris, toilette, juden, skandalbuch

Angst vorm Fliegen. Rette sich wer kann

Erica Jong
Flexibler Einband
Erschienen bei Fischer (TB.), Frankfurt, 01.09.1998
ISBN 9783596501496
Genre: Romane

Rezension:

Zugegeben: Anfang des 21en Jahrhunderts wirkt manches, was die Grande Dame des Skandalromans umtreibt, ein wenig angestaubt. Aber nur auf den ersten Blick! Außerdem kann die Frau schreiben! In den beiden Büchern geht es um Erica Jongs Alter Ego Idadora Wing, eine junge New Yorker Schriftstrellerin auf dem Weg zu sich selbst. Während einer Tagung von Psychoanalytikern in Wien - ihr Ehemann ist einer - fängt sie eine heiße Affäre mit einem ekligen Pseudohippie an (ständig impotent). In Rückblenden ist ihr sexueller Werdegang seit der Kindheit eingewoben, bei denen man(n) eine vage Andeutung davon bekommt, wie verrückt manchen Frauen manche Männer vorkommen müssen. Jong schreibt witzig, wechselt gekonnt die Tempi, wird intellektuell ohne zu langweilen, und sexy ist es auch (aus dem Gedächtnis zitiert: "Mein Höschen war so nass, dass man damit ganz Wien aufwischen konnte."). In dem Folgeroman - Isadora nähert sich jetzt der berüchtigten 30 - verlässt sie ihren nächsten Ehemann an Thanksgiving, während draußen Donald Duck und Micky Maus als Luftballons herumschweben. Isadora findet einen weiteren Mann, nach Abenteuern mit Sexorgien, einer Affäre zu einer Frau und Geisterstimmen einer pflanzensammelnde Freundin. Jong beschreibt typische Frauenthemen und scheut nicht vor feministischen Kontroversen zurück, aber man kann es auch zum niederen Vergnügen als Mann ganz gut lesen. Also lange Rede kurzer Sinn: Diese beiden Klassiker der modernen Frauenliteratur gehören in jedes Regal, haben Sie's gehört Charlotte R.? In ihren "20 Rules for Writers" schreibt Erica u.a. "Remember to be wild!" Recht hat sie.

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Tags: feminismus, moderne ehe, moderne frau, psychoanalyse, sechziger jahre, sexuelle befreiung   (6)
 
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