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Poesie und Gewalt - Das Leben der Gudrun Ensslin

Ingeborg Gleichauf
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 03.02.2017
ISBN 9783608949186
Genre: Biografien

Rezension:

Weder Spießer noch Militant: Zurück zum Bürger als dem psychischen Individuum

Seitdem ich in Deutschland lebe (2001), habe ich aus historischem Interesse ab und zu etwas über den hiesigen linken Terrorismus gelesen, um seine kulturellen Züge, oder auch wie es erlebt wurde, zu verstehen. Wie es zu erwarten war, gab es auch hier strenge Gegensätze und einseitige Deutungen. Zwei extreme Beispiele scheinen mir von den Büchern Jillian Beckers Hitlers Kinder1 und Jutta Ditfuhrts Biographie Ulrike Meinhof2 bezeugt zu sein. Wenn es stimmt, dass das erste Buch immer noch die öffentliche Meinung prägt, muss man wirklich sagen, dass der Engländerin ein trister Primat zukommt. Obwohl ihr Ansatz zu diesem Thema Züge besitzt, eine Generationsfrage mit kulturellen und psychologischen Aspekten, die ich auch als maßgebend halte, muss man hoffen sagen, dass ihre Rekonstruktion zu selbstgefällig und ihre Erklärung des Phänomens „Terrorismus“ zu banal sind. Ihr Leitmotiv ist, dass unangepasste und an der Grenzen des Pathologischen lebende Individuen eines Tages, ohne jegliche soziale oder kulturelle Motivation, den an sich gerechten und demokratischen Institutionen Deutschlands den Krieg erklärt hätten, bloß weil sie mit sich selbst und mit ihren relativ wahnsinnigen Ambitionen nicht zu Recht kommen konnten.

Becker versucht dazu, die 'bösen Meister', wie auch einige Theoretiker der linken Bewegung in Italien zu dieser Zeit genannt wurden, zu identifizieren (von Marcuse bis Hegel) und ihnen die kulturelle Verantwortung für die politische Gewalt zuzuschreiben; ein Bisschen wie unaufmerksame Eltern sich auf der Suche nach den bösen Freunden ihrer Kinder begeben, wenn die letzten etwas Dummes einrichten. Solche Deutungen können meiner Meinung nach immer noch Beifall finden und Identifikation in dem Leser schaffen, weil sie die Stimme und die Gefühle des Spießers und des Heuchlers darstellen und sie sogar mit einer kulturellen Patina ausschmücken. Denn der 'normale' Bürger, der mit den Forderungen seiner sozialen Anpassung meistens sehr zu schwitzen hat und gerne bereit ist, die Unangepasstheit an anderen zu erkennen und sie als Unterlegenen zu beschimpfen, kann damit sein Ressentiment ausleben und rechtfertigt fühlen und es zu kulturell tragender Strömung, zum Kampf gegen den Kommunismus und die Subversion, erhöhen. Früher war der Gehasste in Deutschland der Ausländer und Gastarbeiter, dann kam eben der linke Terrorist, heute hat man sogar das Glück, die beiden irgendwie plus den religiösen Feind im Muslim verkörpert zu finden... Der 'normale' Bürger, der sich sonst bloß um Familie und Arbeit kümmert, braucht damit seine Haltung gegenüber der Weltgeschichte kaum zu verändern, sofern sie in der Bild passt. Alle diesen grausamen Feinde können nur sein Selbstgefühl steigern.

Der Beitrag Ditfurths über Meinhof geht in genau die entgegengesetzte Richtung, hat aber dieselbe Züge der Einseitigkeit und Parteilichkeit. Hier will man im Leser nicht Abstand und Verabscheuen, sondern völlige Teilnahme und Identifizierung. Über diese Ereignisse nach 30 Jahren zu schreiben, nach dem Ende des politischen linken Terrorismus in Europa und in der Welt, nach dem Ende des Sozialismus in Russland und dem Fall der Mauer, nach dem Verschwinden der Ideologie des Klassenkampfes, all das spielt keine Rolle für Ditfuhrt. Das Leben Meinhofs ist die Geschichte einer Heldin, die ihr Land schuldhaft nicht anerkannt hat. Meinhof war eine neue Rosa Luxemburg und die Biographie grenzt an Hagiographie. Die Identifikation der Autorin mit ihrem Subjekt ist vollkommen, von Kritik oder Selbstkritik findet man keine Spur, außer dem selbstverständlichen Abstand von den Taten und Begründungen der letzten Jahren: politische Gewalt ist gerechtfertigt, sie darf aber nur nicht zum „Selbstzweck“ (315) werden.

Der Buchdeckel zeigt zwei schöne Bilder von Meinhof, als Mädels und junge Frau, und in den beiden hat sie ein entspanntes Gesicht mit einem fröhlichen Lächeln, sie stellt die Freude selbst am Leben dar. Das ist auch wie jeder linke Militant sich selbst und seine eigene Natur versteht, wäre nicht die Welt vom Kapitalismus und Unterdrückung geplagt. Der linke Militant ist in seinem Herz noch der gute Wilde von Rousseau, der der Zivilisation seine Verhärtung zur Last legt. Meinhof ist in ihrem ganzen Leben eine vollkommen gerechte und integre Frau ohne Schatten gewesen, als Militant ist sie eine Gefallene im fortdauernden und am Ende sicherlich siegenden Kampf für die Befreiung der Menschheit und gegen den Kapitalismus als Ursache der Ungerechtigkeit und der Unterdrückung. Am Ende des Buches könnte man wohl sagen: „Der Kampf geht weiter, Genossin Ulrike!“

Es scheint mir klar, dass die zwei dargestellten Einstellungen, die spießige und die militante, die Herstellung des verabscheuten Verbrechers und des heiligen Helden, obwohl sie miteinander inkompatibel sind, das ehrliche Verständnis und eine echte Teilnahme an der Geschichte weiter verhindern und hingegen endlos als echte Alternative erscheinen und schädliche Identifikationsprozesse stiften können.

Wenn aber die beiden genannten Autorinnen dazu den illoyalen Versuch machen, ihre Interpretationsthese als bloße 'Fakten' darzustellen, versucht Caroline Emcke in einem offenen Nachdenken über die politische Gewalt jener Jahre völlig in ihrer Subjektivität aufzutreten. Ihr mutiges Buch, Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF3, ist ein entschlossener und gedanklicher Bruch mit den überlieferten Erzählungen des Verabscheuens sowie der Bewunderung, ist im allgemein ein Bruch mit dem Unsinn des ideologischen Krieges, der die Autorin auch persönlich sehr stark betroffen hat. Ihr gedankliches und lyrisches Wort legt von einer neuen und sicherlich schwer errungenen Einstellung Zeugnis ab, die mir nicht nur dem Terrorismus, sondern der Weltgeschichte gegenüber, solange sie auch und immer noch von Gewalt geprägt ist, von ausschlaggebender Bedeutung zu sein scheint. Das Individuum als Ganzes, mit seinen Gedanken, Gefühlen und Konflikten, was Emcker das „Ich sagen“ (136) nennt, tritt erneut als Kern derselben und seines Lebens hervor. Diese Einstellung zur Weltgeschichte, etwas, was im Allgemeinen der Spießer kaum kennt und von dem der Militant hingegen gedanklich fast besessen ist, möchte ich weiter vertiefen an Hand der Biographie Esslins, die seit Kurzem erschienen ist. Gleichaufs Arbeit scheint mir in gewisser Weise eine Fortsetzung dieser neuen Einstellung zu sein, so wie sie von Emcke verkörpert ist, und sie hat dazu den Vorteil, sich direkt mit dem persönlichen und geistigen Leben Esslins auseinanderzusetzen

1 Deutsche Übersetzung, Frankfurt am Main 1978.

2 Berlin 2009.

3 Frankfurt am Main 2009.

 

Inhaltsverzeichnis des ganzen Textes

Über Poesie und Gewalt. Das leben der Gudrun Ensslin von Ingeborg Gleichauf. Eine kulturpsychologische Erörterung. 2

Vorwort 2

Weder Spießer noch Militant: Zurück zum Bürger als dem psychischen Individuum 3

Die Kruste des Gerede aufbrechen 5

Die Persönlichkeit Ensslins 7

In die Brüche gehen 9

Die Lage Deutschlands und Westeuropas in kulturpsychologischer Hinsicht 11

Die Generationssackgasse und die Konstellierung des Heldenarchetypus 13

Das Höhlengleichnis Platons als Urmythos des politischen Helden 15

Moderne Gestaltungen des Heldenarchetypus 16

Schlusswort 20

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