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latein, mythologie, eifersucht, bestrafung, 201

Metamorphoses

Ovid , Ellen Hübner
Flexibler Einband: 143 Seiten
Erschienen bei Reclam, Philipp, 09.02.2010
ISBN 9783150197813
Genre: Klassiker

Rezension:

OVID, dieser einschmeichelndste aller Dichter ... (Pierre Klossowski)

DAS PROÖMIUM – VIELE GESCHICHTEN MACHEN DIE WELT DURCHSCHAUBAR: meine Rezension zu Ovids METAMORPHOSES


1. „Was der Mensch sei, sagt ihm nur seine Geschichte.“


(W. Dilthey, „Traum“ | in: „Gesammelte Schriften“, Leipzig/Berlin 1913, Bd. 8)


2. „Die Universalgeschichte ist menschlich nur durch ihre historische Aufhebung: als Multiversalgeschichte.“


(Odo Marquard, „Apologie des Zufälligen“)


3. „Raban befindet sich deutlich in einer Zwickmühle. In dem Konflikt zwischen seinen inneren Wünschen und den äußeren, auferlegten Pflichten wünscht er sich als Lösung eine traumähnliche Verwandlung herbei.“


(Franz Kafka, „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“)


_____


I.


Für O. Marquard („Apologie des Zufälligen“ | UB 8351) ist unsere Epoche dank ihrer spektakulären Fortschritte das Zeitalter der Informationsgesellschaft. Natürlich vor den imponierenden, technisch und industriell nutzbaren Fortschritte der Naturwissenschaften sind, heutzutage, die Geisteswissenschaften in eine Legitimationskrise geraten. Die Forschungen der Geisteswissenschaftler haben im Vergleich zu den Naturwissenschaften „etwas ameisenhaft Betriebsames und zugleich Sinnloses an sich.“ (M. Fuhrmann) Die Existenz der Geisteswissenschaften (besonders der Literatur, zu der die „Metamorphosen“ gehören) ist das Erzeugnis einer „bestimmten Phase des europäischen Geistes und wie dieser selbst eine historische Erscheinung.“ (Fuhrmann) Aber heute – sagt der Konstanzer Latinist Manfred Fuhrmann – sind diese Geisteswissenschaften – erst recht – „lebendig“, weil sie „unvermeidlich“ bleiben. Fuhrmann schreibt: „Die Geisteswissenschaften, behauptete Marquard, seien dazu da, den durch die Naturwissenschaften verursachten Modernisierungsprozess – einen Prozess, in dessen Verlauf unsere Welt immer undurchschaubarer werde – zu kompensieren und hierdurch erträglich zu machen, und sie bewirkten dies, indem sie Geschichten erzählten, Geschichten zum Zwecke der Sensibilisierung, der Bewahrung, der Orientierung. Je moderner die Welt werde, lautete Marquards Fazit, desto unvermeidlicher würden die Geisteswissenschaften. Die Geisteswissenschaften als Kompensationswissenschaften, als auf die Vergangenheit rekurrierendes, identitätsstiftendes Gegengewicht gegen die Dynamik der den Menschen sich selbst entfremdenden Naturwissenschaft und Technik...“.

Für uns heute sind die phantastischen Geschichten Ovids eine Kunst der „Wiedervertrautmachung“. „Denn die Menschen: das sind ihre Geschichten. Geschichte aber muss man erzählen. Das tun die Geisteswissenschaften: sie kompensieren Modernisierungsschaden, indem sie erzählen … Sonst sterben die Menschen an narrativer Atrophie.“ (Marquard)


Diese Schrift des Philosophen Odo Marquard ist eine notwendige Voraussetzung, um der ,Wirklichkeitswandel‘ unserer Zeit zu verstehen. Wirklichkeitswandel, der, auch wenn er nicht eindeutig mit der literarischen Tradition der „Verwandlung“ in Zusammenhang gebracht werden kann, vor dem Hintergrund dieser Tradition klarere Konturen gewinnt.


∎ Zeitalter der Weltfremdheit?


„Unsere Zeit hat viele Namen. Sie gilt als »Industriezeitalter« oder »Spätkapitalismus« oder »Atomzeitalter«; sie gilt als »Arbeitsgesellschaft« oder »Freizeitgesellschaft« oder »Informationsgesellschaft«; sie gilt als Zeitalter der »funktionalen Differenzierung« oder »Epoche der Epochisierungen« oder »postkonventionelles Zeitalter« oder bereits als »nacheuropäisches Zeitalter« oder einfach als »Moderne« oder auch schon als »Postmoderne« und so fort. Diese Vielnamigkeit ist indirekte Anonymität: unsere Zeit und Welt befindet – scheint es – auch deswegen in einer Orientierungskrise, weil sie zunehmend nicht mehr weiß, mit welcher dieser Kennzeichnungen sie sich identifizieren muss.“


„Neu ist nämlich eine zeitalterspezifisch moderne Beeinträchtigung des Erwachsenwerdens. Ich nenne sie tachogene Weltfremdheit; denn sie resultiert aus der beschleunigten Schnelligkeit (auf griechisch: to táchos) des modernen Wirklichkeitswandels.“



II.


In dem Proömium stellt Ovid sein Werk kurz vor:


„In nova fert animus mutatas dicere formas

corpora; di, coeptis (nam vos mutastis et illas)

aspirate meis primaque ab origine mundi

ad mea perpetuum deducite tempora carmen!“


Lateinische Verse, die Hermann Breitenbach so übersetzt:


„Von den Gestalten zu künden, die einst sich verwandelt in neue

Körper, so treibt mich der Geist. Ihr Götter, da ihr sie gewandelt,

Fördert mein Werk und lasset mein Lied in dauerndem Flusse

Von dem Beginne der Welt bis auf meine Zeiten gelangen!“


Das persönliche Prooemium oder der Prolog des Dichters, dem am Ende der „Metamorphosen“ ein Epilog entspricht, behandelt die Urgeschichte der Menschheit von der „(als Science-fiction eingekleideten) Schöpfungsgeschichte über die (an hesiodische Tradition anknüpfenden) vier Weltalter und die Sintflut bis zur Neuentstehung der Menschen und der »Urzeugung« sonstiger Lebewesen“ (Michael von Albrecht, „Ovid · Eine Einführung“ | UB 17641). „Literarisch knüpft das Proömium (durch Anrufung der »zuständigen« Götter) an Traditionen des Lehrgedichts an, die auch in der Abfolge der Weltalter und anderwärts spürbar sind, spielt aber zugleich mit dem Anspruch homerischer Kontinuität und kallimacheischer Feinheit“ (M. v. Albrecht). In diesem Kontext ist auch die Idee der Metamorphose („mutatas formas“) zu verstehen, die als wahrer Herzschlag des Buches eine uralte und immer wieder neue Fragestellung berührt: Inwieweit ist der Glaube an die Lebendigkeit der alten Bilder vererblich? Die Mythen haben längst für uns ihre Realität verloren, nicht aber ihre Wahrheit. Und solange wir uns in ihrem Spiegel wiedererkennen, haben sie uns etwas zu sagen.


Das Gedicht der „Metamorphosen“ endet im 15. Buch mit Caesars Apotheose und einem Preis des Augustus. Es fließt „ununterbrochen“ dahin und reicht von der Schöpfung (das Hesiodische Thema der Kosmogonie) bis in Ovids eigene Zeit.


∎ Das Leben als Bild, als Kunstwerk


„Auch für den Zusammenhang von ›Bildung‹ und ›Bild‹, für die Ineinssetzung von Ästhetik und Ethik, eine Lieblingsvorstellung der deutschen Klassiker, könnte man auf antike, zumal platonisierende Wurzeln verweisen. […] Das Leben als Bild, als Statue, als Kunstwerk: diese programmatische Maxime gelangte über Plotin und den Neuplatonismus zu Shaftesbury, zu Winckelmann und zur deutschen Klassik.“ (Manfred Fuhrmann, „Bildung“ · Europas kulturelle Identität, S. 49 | UB 18182)


Wir erinnern uns, dass sowohl die Klassiker als auch Ovid Ästhetik und Ethik, Bildung und Bild, gleichermaßen unter die Idee des Lebens fassten, während die Postmoderne das Leben sowohl von der Bildung als auch von der Ethik absetzt. Die Beziehung von Mythos und Leben überschneidet sich mit der von Mythos und Bildung, sodass viele der Ovids Geschichten auch hier hätten diskutiert werden können. Mythos ist Teil unserer Interpretation der Wirklichkeit, Mythos ist Leben: der Mythos hat sich aus dem Leben entwickelt und jetzt erfüllt er die Funktion, uns mit Leben wieder vertraut zu machen. Der moderne ,Mann der Tat‘ ist zufrieden, dass die Welt existiert und Dinge darin passieren. Für ihn ist die (Schopenhauerische) „Vorstellung“ der Welt sekundär. Dem liegt eine grundsätzliche Gleichgültigkeit zugrunde. „Nicht dass Gregor Samsa – schreibt Günther Anders in „Franz Kafka – Pro und Contra“ (Die Neue Rundschau 58, 1947) – am Morgen als Käfer aufwacht, sondern dass er darin nichts Staunenswertes sieht, diese Alltäglichkeit des Grotesken macht die Lektüre so entsetzenerregend. Das Prinzip, das man das der ›negativen Explosion‹ nennen könnte, besteht darin, dass, wo ein Fortissimo zu erwarten steht, noch nicht einmal ein Pianissimo einsetzt, sondern die Welt ihre unveränderte Lautstärke einfach beibehält. – In der Tat ist nichts verblüffender, als die Unverblüfftheit und Naivität, mit der Kafka in die erstaunlichsten Geschichten hineinspringt.“ Kafka übersetzt in Bilder nicht Begriffe, sondern Situationen. Genauer: „er schöpft aus dem vorgefundenen Bestand, dem Bildcharakter der Sprache“. (G. Anders) Kafkas Verhältnis zu den antiken Mythen, den biblischen und chassidischen Erzählungen ist geprägt vom Prinzip der ,Entstellung‘ und ,Widerrede‘. Kurzgeschichten wie „Prometheus“, „Poseidon“, „Das Schweigen der Sirenen“, „Der Jäger Gracchus“ sind mythendeformierende und entmythologisierende Stücke.

Altertümliche Erzählungen, Göttergeschichten sind natürlich von der Moderne und Postmoderne als Ausdrucksform einer vorrationalen Stufe der Kultur verstanden, die – denkt man – im aufgeklärten, nachmythischen Zeitalter ihre Wirksamkeit verloren haben. Das ist nicht ganz wahr. Im Gegensatz dazu werden diese Erzählungen aber auch als grundlegende Modelle menschlichen Weltverständnisses aufgefasst, die ,auch‘ in der Moderne weiterhin ihre Verbindlichkeit bewahren. Sie bestimmen das menschliche Verhalten unbewusst. Man denke an den Ödipus-Komplex bei Sigmund Freud oder an die Archetypen Carl Gustav Jungs. Als ›Mythen des Alltags‹ (Roland Barthes) dienen sie der emotionalen Orientierung und als gemeinsame Kommunikationsbasis in der modernen Gesellschaft. Die Literatur hat einen mythischen Ursprung und die Sagen der Mythen drücken diese antike Herleitung der Literatur aus dem Mythos aus. Man kann das Motto von Camus („Mythen sind dazu da, von der Phantasie belebt zu werden“) als ein Zeichen, dass zwar die klassische Mythologie überlebt hat.


Metamorphose, Verwandlung | griechisch ›μετα-μορφόω‹ (umgestalten, verwandeln) – ich wollte hier die Stärke dieser uralten Idee, dieser Energien, die Franz Kafka noch im 20. Jahrhundert nach Christus beherrschten, kurz verdeutlichen. Kein Wort bewahrt dieses Erbe so wirkungsvoll wie die Bezeichnung der griechischen Sprache: ›μετα-μορφωσις‹ = Transformation:


»Ovid’s „Metamorphoses“ also presents itself as a microcosm, or a universe recreated in the poem. The work actually begins with the origins of the world; then comes the story of the succession of the four ages (the Golden, Silver, Bronze, and Iron ages), and the poem ends in the fifteenth book with a vision of the peace brought to the world by Augustus. Between the origins and the present, the history of metamorphoses depicts the chain of causes and effects, or of the world’s events.«


(Pierre Hadot, „Le Voile d’Isis: Essai sur l’histoire de l’idée de Nature“ | englische Übersetzung von Michael Chase)


OVID IN TOMI


Der Himmel eine Last, dezemberschwer.

Wolken von Weißgold, nur in kargen Streifen,

lichten, was immortellengrau verhängt ist.

»Zu«, geschlossen wie das Außen, so mein Innen.


Das Meer – ein Eisen wie ein Phalanx-Schild,

brandungslos, nomen est omen: schwarz.

So abweisend, so undurchdringlich,

als könne nie ein Schiffsbug es zerteilen …


Das höhnt mir jeden Fluchtgedanken weg

– wohin auch, Bürger eines Weltstaats?

Kein Trost, daß auch der Herr der Weltanschauung

der Herrin lebenslänglicher Gefangner.


Zum Schutz vor ,ihr‘ verbannte er mich mondweit.

Wie bleibst du auf den Füßen, Erhabener,

ertappst du dich, daß du aus Angst nicht ißt,

bevor die Kaiserin aus gleicher Schüssel aß?


Du komischer ,Monarch‘, der heute schon

– an welchem Hofe hat’s das je gegeben? –,

vier Prinzen überlebt hat, die »gestorben«

an ihrem Recht, dein Thronfolger zu sein!


Wer lacht, dem fröstelt’s im Genick, daß du

›Medea‹ für die Schaubühne verbietest,

weil dir die Mörderin im Staatstheater spiegelt,

wie Livia mit deinen Enkeln umspringt …


(Rolf Hochhuth, „Anekdoten und Balladen“ – Künstler und ihre Gesellen | UB 18112)


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met, drache, epos, schlacht, beowulf

Beowulf

Johannes Frey , ,
Flexibler Einband: 129 Seiten
Erschienen bei Reclam, Philipp, 15.02.2013
ISBN 9783150202432
Genre: Klassiker

Rezension:

Joseph Brodsky once said that poets’ biographies are present in the sounds they make and I suppose all I am saying is that I consider Beowulf to be part of my voice-right.“ — (Seamus Heaney)


BEOWULF-MEMORANDUM


„Ein ›glückliches Leben‹ ist unmöglich: das höchste, was der Mensch erlangen kann, ist ein ›heroischer Lebenslauf‹.“
(Schopenhauer, „Parerga und Paralipomena“ II, § 172, 342 – aus: V. Spierling, „Kleines Schopenhauer Lexikon“ | RT 20192)



„Die Geschichte hat Helden und Werkzeuge und macht beide unsterblich.“

(Marie v. Ebner-Eschenbach, „Aphorismen“ | UB 8455)


„Das Schicksal begnügt sich nicht damit, jemandem nur einmal zu schaden.“

(Publilius Syrus, „Sententiae“ – übersetzt von F. Fajen)


_________



WERKÜBERSICHT:



1. Teil: Beowulfs Kampf gegen Grendel | Z. 1-1250

2. Teil: Beowulf erschlägt Grendels Mutter | Z. 1251-2199

3. Teil: Der Drachenkampf. Beowulfs Tod | Z. 2200-3182



Meine Lesezeit ist am Abend. So habe ich den übrigen Teil meines Tages dazu angewendet, dem BEOWULF-Buch sorgfältig wieder nachzudenken, die Schönheit von diesem Heldenepos zu entdecken, und will den anderen Lesern, was ich sah und dachte und fühlte, mitteilen.

„BEOWULF is in fact so interesting as poetry, in places poetry so powerful, that this quite overshadows the historical content“ (Tolkien). Das angelsächsische Heldenlied schlägt immer noch Leser in seinen Bann (so J. Frey, Vorbemerkung), das heißt, das Lesen zelebriert zu Ehren unseres Helden, Beowulf, das Weiterleben seiner Geschichte. Wir trinken mit ihm ein wenig Honigwein (»Met«), atmen die Faszination dieses kühnen Helden, dann schlägt in die wein-heitere Laune, in unser chemisch erklärbares Gefühl von grüner Hoffnung hinein, was der unbekannte BEOWULF-Verfasser schrieb: „Verwinde den Schmerz! Es steht dir wohl an, / die Freunde zu rächen, statt zu reden und klagen. / Sein Ende erfährt ein jeder von uns; / das Lebenswerk aber lassen wir hier / als unseren Ruhm“ (XXI, 1384). Derjenige, dessen Andenken wir nicht vergehen lassen, wird durch das Lesen nämlich vor dem Todesdunkel der Vergessenheit bewahrt. Im Gedächtnis bleiben vor allem diejenigen Bilder von Heroen und Königen (Beowulf, Breca, Siegmund, Wiglaf, Hygelac, Hrothgar), die wegen ihrer großen Taten von der Nachwelt gerühmt werden.



„Bēwulf, dein Ruhm

wird auf Land und auf See noch lange besungen,

und weit wird er hallen“ (XXIV, 1703).



Was bedeutet „Dein Ruhm“? Wahrheit und Recht, Taten, die nicht nachgemacht wurden. Die größten Taten waren für die Griechen und die Angelsachsen die, bei denen sich Sterbliche in besonderer Weise vor dem Tode bewähren. Solche haben nicht nur die Heroen der griechischen Vergangenheit vollbracht, sondern auch Helden des »middan-geardes« (Mittelerde) wie Beowulf. Indem sie damit für ihr unvergängliches Andenken sorgten, überwanden sie die Sterblichkeit zumindest ihres Namens, der nicht mehr in Vergessenheit geriet. In der Unsterblichkeit des Ruhms wird solchen Helden ein wenig von der Unvergänglichkeit der unsterblichen Götter, der germanischen und griechischen Götter, zuteil.



„Da räumte man Bänke in der Bierhalle frei,

dass die gautischen Gäste als Gruppe sich setzten.

Sie schritten zur Bank – ihr Gebaren voll Stärke –

und winkten den Dienern. Man wartete auf.

Aus herrlichen Krügen mit Henkeln und Zierat

strömte der Met. Eines Spielmannen Stimme

sang klar in der Halle. Heldische Freude

erfüllte nun Goldsaal, Gauten und Dänen“. (VII, 492)



„So handelt ein Mann,

der nach ewigem Ruhm und Ehre stets strebt,

wie die Lieder es singen, sein Leben nicht fürchtend.“ (XXII, 1534)



Nur Gott kann unendliche Dinge vollbringen. Die Natur aber macht nichts Unsterbliches, denn sie „setzt allen Dingen, die sie hervorbringt, ein Ende und ein Ziel: ‚omnia orta cadunt‘, und so weiter...“ (F. Rabelais, „Gargantua“). Somit ist dieses epikureische Axiom („Alles, was entsteht, muss auch wieder vergehen“) der beste Beweis und Bestätigung, dass Helden wie Beowulf nicht unsterblich, und auch nicht göttlich sind, denn sie zu oft beenden ihr Leben viel eher, als dass sie wegen ihrer Taten berühmt werden. Aber Beowulf war schon alt, als er starb. Man kann beinahe sagen, es herrscht eine gewisse Sympathie für ihn, auf Grund einer strengen Trennung seiner Tapferkeit (und Weisheit, er war ein geschickter Redner – vgl. „Unferths Rededuell mit Beowulf – und konnte prophezeien) und seiner menschlichen Schwächen. Niemals kümmert sich Beowulf um sie. Er ist zu allem (auch einen Drachen zu töten) bereit. Es ist, als sähe der Leser ihn auf einer Art Piedestal, an das er nicht rühren würde. Oder, fast ohne es sich einzugestehen, doch nur wenig. Wenn er beim Lesen sein heroisches Bild rettet, und er, als Beowulf-Freund, lässt sich dadurch ertrinken. Und solcher Leser beeilt sich, um soviel wie möglich wahrzunehmen, bevor alles wieder verschwindet. Ein Merkmal des BEOWULF ist seine ›brevitas‹ (die Kürze): Er ist ein Fragment, das die Dunkelheit umschließt.



»Er rang mit der Riesin und riss sie am Haar; / er hielt nicht zurück. Der Held aller Gauten, / ein Berserker wütend, warf sie zu Boden / in tödlichem Ringkampf.« Auch heute würde eine solche Textstelle ein ‚gieriges‘ Leserpublikum finden. »Auch« heute, weil der Leser sich nicht vorstellen kann, was im Gegensatz zum heutigen Tag ›Riesin‹, oder mehr noch ›Ungeheuer‹, ›Unhold‹, ›Monster‹, im Mittelalter hieß. Zum Glück verhelfen eine angestrengte Einbildungskraft und eine schöne Übersetzung uns zu einem leuchtenden Bild der Riesin, ganz zu schweigen von dem Drachen, aber kaum zu einem lebendigen und glaubhaften Bewusstsein eines damaligen Lindwurms, oder der Aura, die von ihm ausging, und des überwältigenden religiös bedingten Schreckens, der die Gestalt des monströsen Wesens gewöhnlichen Menschen einflößte. Das Buch der „Revelationes“ bietet uns die nach dem babylonischen Motiv folgende Darstellung des Drachen: „Draco magnus teterrimus, / terribilis et antiquus, / qui fuit serpens lubricus...“ (Das Lateinische war natürlich die dominierende Sprache jener Zeit). Damit verglichen, wirken heutige wilde Tiere wie Kätzchen. Daher allein war einer Geschichte wie der von Beowulf, Grendel, dessen Mutter und dem Drachen, in der alle vier Eckpfeiler des Quadrats außerordentlicher Abstammung und kräftige Berserker sind, schon als Muster (›exemplum‹) ein Erfolg beschieden. BEOWULF-Leser wissen wohl, dass mit Worten zeichnen auch eine Kunst ist, die, und das ist der Fall, eine »verborgene, schlummernde Kraft verrät.« (Vincent van Gogh an seinen Bruder Theo) Hierher gehört auch das neben den Heldentaten zweite große Thema der Dichtung: Die Sprache, die Schönheit von Sprache. Insgesamt charakterisiert den BEOWULF eine gewisse Kraft in Erzählerischen. Die Handlung kommt recht voran, sie wird niemals mit fliegender Eile über Stock und Stein gehetzt. Der Erzähler weiß, dass es besonders wirkungsvoll ist, dem Zuhörer oder Leser etwas anzubieten, woran er seine Phantasie festmachen kann. Einige Abenteuer sagen Teile der Geschichte vorweg: Die Erzählstruktur ist, bei aller Bizarrerie im Detail, fragmentarisch. Es ist doch einfach, ihre Abfolge als Leser im Kopf zu behalten. Auch ohne ein Motivregister verliert man keinesfalls den Überblick. Weil der Sinn der damaligen Welt aus dem epischen Prozess (Held gegen/versus Ungeheuer) hervorgetrieben wird, steht der (allwissende) Autor immer wieder am Rand der Geschichte, wo nur sein Glaube an Gott weiterhilft. Die Welt des BEOWULF ist daher seltsam starr und statisch. Schicksal ist Schicksal. Der Held muss immer wieder mit Unholden und endlich noch mit seinem Schicksal ringen – in den Klauen des Feindes sein; und als Erlöser schafft er nur dem Tod sein Recht. Insofern markiert dieses Buch, zusammen mit dem NIBELUNGENLIED, ein Ende antiker epischer Erzählkultur (ich meine – früheste Zeugnisse: GILGAMESCH-EPOS, MAHĀBHĀRATA, RĀMĀJANA, ŠĀHNĀME; in der Antike: ILIAS, ODYSSEE) in altenglischer, beziehungsweise germanischer Sprache. Im Mittelalter hingegen stand der BEOWULF am Beginn einer reichen Entwicklung des Epos. Er was das älteste angelsächsische, volkssprachliche Heldenlied, wie das Hildebrandslied und das WALTHARIUS-Epos die älteste Verschriftlichung germanischer Heldensage darstellen. Dieses Volksepos wäre also vermutlich eine Gemeinschaftsleistung, aus der Quelle antiker Überlieferung geschöpft – es aber wurde nur später von einem anonymen Dichter niedergeschrieben, und öffentlich durch Barden (›scop‹, ›minstrel‹: Hofdichter und Sänger von Helden- und Preisliedern) vorgetragen und verbreitet. In kühner Synthese sind hier drei grundlegend verschiedene Traditionen verschmolzen: mittelalterliche Heldensage, die Latinität der antike Epik, mit Vergil als Vorbild, und das Christentum.



Das Klingen des Schwertes. Der BEOWULF ist keine trockene Chronik; vielmehr möchtet der Dichter den Leser von der Langeweile fernhalten. Die Erzählung verweilt nicht lange bei einem einzigen Gegenstand, das würde zur Ungeduld führen. Wechselt sie aber von einem Kampf zum anderen, so befindet sich der Leser in der Lage eines Menschen, der durch Gärten spazieren geht. Er hat kaum einen durchschritten, da taucht schon eine neue Vedute vor ihm auf und erweckt das Interesse, die Neugier. Man könnte viel erzählen von Beowulfs Schwertern; sie auch sind viele: Hrunting (Unferths Schwert) und das magische Schwert, welches Beowulf unter Wasser in der Grotte der Riesin findet („darunter ein Schwert so scharf wie der Sieg / und von Riesen geschmiedet...“), und noch andere. Wie wurde das Eisen geschmolzen und von dem Gestein geläutert? Die Antwort findet ihr auf Seite 54: „Die Klinge geschmolzen... usw.“ Hier sei nur noch eine Passage von Al-Bīrūnī zitiert: „Aus dem šāburqān bestehen die Schwerter der Byzantiner, der Rūs und der Slawen. Manchmal nennt man es ›qala‘‹ oder ›qal‘‹. Es heißt, dass man an dem ›qala‘‹ ein Klingen hört und von dem anderen nur ein Geräusch...“ (Al-Bīrūnī, „In den Gärten der Wissenschaft“ – herausgegeben von G. Strohmaier)



Diese mittelalterliche Erzählung bietet den heutigen Lesern eine Pause, das Gefühl in der Zeit stillzustehen. Ja, beim Lesen scheint die Zeit stillzustehen. Ohne eine solche Pause, in der unsere innerliche Zeit stillsteht, kann Beowulfs Geschichte nicht angenommen werden, noch zu eigen gemacht. Darin ist sie der Poesie verwandt. Beide ändern das Zeitgefühl des Lesers. Folglich ist das die Stunde, wo ihn seine Gegenwartsprobleme verlassen. Er bleibt vollkommen verzaubert, stumm. Diese alte unzeitgemäße Geschichte öffnet sich ihm wie Knospen voller Sonne und ihn einladet in ihrer Zeit.



Beowulf stellt keine Ansprüche: Ich will es so oder so machen, sondern ist ohne Murren zufrieden, wenn er den Dänen und Hrothgar helfen kann. Dennoch stehen weder die Schildungen (Dänen) noch Beowulf in einem Rosengarten oder träumend im Mondschein, sie stehen vor einem harten Schicksal. Er muss sich sogar gegen eine Riesin – Grendels Mutter – stellen. Das ist wirklich eine Feuerprobe für ihn. Aber sein Name war Beowulf. Später wurde er ein junger Krieger und bewies im Kampf großen Mut. Die Abenteuersuche des Protagonisten – wir sahen es an Beowulf – ist auch die Vorstellung der Reinheit seines Namens, der Harmonie mit seiner höfischen Umwelt. Er war jedoch allein im Kampf mit dem Drachen. Und gerade diese Entzweiung von Held und Umwelt (dem Hof und seinen Kumpanen), die wir im 3. Teil wahrnehmen, schafft in diesem Epos erstmals so etwas wie Beowulfs Individualität.



Die abenteuerliche Geschichte des BEOWULF, von einem anonymen Autor für seine Zeitgenossen geschrieben, zählt heute zu den weltweit bekanntesten und spannendsten Werken der altnordischen Literatur. Als überraschendes Beispiel einer altenglischen Dichtung, die 3182 Zeilen umfasst, besitzt das Werk für die heutigen Leser die Zauberkraft eines abenteuerlichen Märchens, das Epos und zugleich elegische und ethische Heldendichtung ist und unzähligen Liebhabern das Altenglische und die epische Kultur erschlossen hat.



Der Übersetzung ist ein guter Anmerkungsapparat beigegeben, das Nachwort geht auf die Textstruktur, die wechselvolle Geschichte und den Stabreim. Es enthält eine gut lesbare Erläuterung der Bildlichkeit der Sprache und endlich betont den poetischen Charakter der ›Kenningar‹.



Als Leser – der seit seiner ersten Bekanntschaft mit der deutschen mittelalterlichen Literatur sein Scherflein zur höfischen Epik immer wieder beigetragen hat – mochte ich mit diesem altenglischen Epos bekannt gemacht werden. Das heißt aber, dieses mittelalterliche Büchlein ist nicht nur für diejenigen bestimmt, die sich schon mit englischen Mediävistik auskennen, sondern es soll auch denen ein vergnügliches Lesen sein, die nicht mit diesem Fachgebiet vertraut sind.



BEOWULF ist damit für den deutschsprachigen Leser neu zu entdecken.


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