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116 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

science fiction, zukunft, science-fiction, philosophie, usa

Die Hyperion-Gesänge

Dan Simmons ,
Flexibler Einband: 1.500 Seiten
Erschienen bei Heyne, 11.02.2013
ISBN 9783453529786
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Science Fiction war eigentlich nie meine große Leidenschaft. Als Kind habe ich wohl mal die eine oder andere Geschichte von Stanislaw Lem aus dem schmalen Bücherregal meiner Mutter gelesen, ansonsten verdanke ich meine Erfahrungen mit diesem Genre eher dem Kino bzw. TV: Star Wars, Raumschiff Enterprise, Battlestar Galactica.

Schon vor einiger Zeit brachte mich allerdings Dan Simmons auf den Geschmack. Mit „Ilium“ und „Olympos“ war ich auf einen Romanzyklus gestoßen, der klassische Sci-Fi und fantasievollste Horrorelemente mit der Ilias von Homer verband. Danach war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mir auch sein wohl bekanntestes Werk vornahm: Hyperion, erster Band des ebenfalls zweiteiligen Zyklus „Die Hyperion-Gesänge“.

In weit entfernter Zukunft ist die Erde längst aufgegeben, die Menschheit verstreut in den Weiten des Alls, administrativ zusammengehalten von der „Hegemonie“. Von außen führen Ousters genannte Rebellen Krieg gegen die Hegemonie. Und auf dem Planeten Hyperion herrscht das Shrike. Wie so vieles, was Menschen nicht verstehen, wird es von den einen als Gottheit angebetet, während es die anderen als das absolut Böse ansehen und vernichten wollen.

Sechs Pilger unterschiedlichster Provenienz (Priester, Soldat, Dichter, Gelehrter, Detektivin und Konsul der Hegemonie)versammeln sich, um gemeinsam auf Hyperion herauszufinden, was genau es mit dem Shrike auf sich hat. Auf dem Weg zu den mysteriösen Zeitgräbern erzählen sie sich gegenseitig ihre Geschichten, was den größten Teil des Romans ausmacht.

Hyperion (ursprünglich einer der Titanen und Vater des Sonnengottes Helios) spielt in der griechischen Mythologie und in der Dichtkunst verschiedentlich eine Rolle. In Simmons Roman dreht sich alles um das unvollendete gleichnamige Versepos des englischen Poeten John Keats sowie um diesen selbst. Vermutlich wäre es nicht verkehrt, sich mit romantischer englischer Lyrik etwas besser auszukennen als ich das tue, um alle Anspielungen und Querverweise zu verstehen und das Buch in seiner ganzen Komplexität wirklich schätzen zu können. Aber auch so ist das Lesevergnügen immens.

Denn das faszinierende an Sci-Fi ist ja, daß sich die Fantasie des Autors so richtig schön austoben kann. Hier gibt es keine Begrenzungen in Bezug auf Zeit und Raum. Naturgesetze sind nicht zwangsläufig unabänderlich. Auch das normalerweise Undenkbare steht nicht im Ruch des lächerlich Absurden. Zeitreisen sind ein klassisch beliebtes Thema, das auch von Simmons aufgegriffen wird. Aber bei ihm ist der Sprung entlang des Zeitstrahls für sich genommen noch nichts Außergewöhnliches. Nicht, wenn man außerdem den rückwärts verlaufenden Alterungsprozess eines Menschen begleiten darf oder ein Haus besichtigen, dessen Fenster den Ausblick auf verschiedene Welten ermöglichen.

Dan Simmons hat die Science Fiction darüber hinaus mit antiken Heldenepen (wie in Ilium und Olympos) oder eben der Poesie der englischen Romantik verbunden. Das macht seine Hyperion-Gesänge zu einer lohnenden Lektüre auch für diejenigen, die vielleicht die Nase rümpfen angesichts des trashigen und unernsten Beigeschmacks, der diesem Genre zu Unrecht anhaftet.

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11 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

sowjetunion, afghanistan, nobelpreisträgerin, erschreckend, zeitzeugenbericht

Zinkjungen

Swetlana Alexijewitsch , Ingeborg Kolinko , Ganna-Maria Braungardt
Flexibler Einband: 316 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 10.01.2016
ISBN 9783518466483
Genre: Sachbücher

Rezension:

„ Unbeirrt arbeite ich … an ein und derselben Aufgabe – die Geschichte auf den Menschen herunterzubrechen“, schreibt Svetlana Alexijevich. „Nach den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts und den vielen Toten braucht man andere ethische und metaphysische Positionen, um über die modernen (kleinen) Kriege wie den in Afghanistan zu schreiben. Man muss das Kleine, Persönliche und Einzelne abrufen. Den einzelnen Menschen. Der für irgendwen der Einzige ist. Nicht das Verhältnis des Staates zu ihm, sondern wer er für seine Mutter ist, für seine Frau. Für sein Kind.“
Dieser Ansatz hat ihr vor ein paar Tagen den Literatur-Nobelpreis eingebracht, und nachdem ich das schmale Büchlein (ohne die allerdings ebenfalls sehr lesenswerten Anlagen lediglich gute 220 eBook-Seiten) gelesen habe, habe ich auch eine Ahnung, wofür. Alexijevichs Genre ist die „dokumentarische Erzählung“, deren Mittel sie in allen ihren Büchern anwendet. Bei den „Zinkjungen“ bedeutet das: Auswertung von Tagebüchern und anderen persönlichen Aufzeichnungen und Dokumenten, vor allem aber dutzende Gespräche mit Veteranen des sowjetischen Krieges in Afghanistan von 1979-89, mit Müttern und Ehefrauen von Gefallenen, mit Krankenschwestern, Offizieren und einfachen Soldaten.
Indem Alexijevich den Krieg auf die Erlebnisse und die Gefühlswelt ganz normaler Menschen herunterbricht, dekonstruiert sie die offizösen Erzählungen von der „internationalistischen Bruderhilfe“, die einer amerikanischen Invasion gerade mal um eine Stunde zuvor gekommen sei und von den sowjetischen Truppen, die in Afghanistan Brunnen bohren, moderne Landwirtschaft einführen und Schulen bauen würden.
Gleichzeitig aber zerstört sie damit für viele Afghanistan-Veteranen und Hinterbliebene von Gefallenen das wichtigste, was ihnen geblieben ist und was ihnen noch Halt verleiht: der dünne Strohhalm des Glaubens daran, dass dieser Krieg eine gerechte Sache und die gefallenen und verstümmelten Söhne und Ehemänner ihre Gesundheit und ihr Leben für ein wichtiges übergeordnete Ziel gegeben haben: die Heimat, den Sozialismus, die Arbeiterklasse. Durch Schilderungen von in Afghanistan begangenen Gräueltaten, von der grausamen Behandlung dienstjüngerer Soldaten durch die älteren, von Korruption, Zwangsprostitution und schändlich unzureichender Versorgung der Truppe auch mit dem Allernotwendigsten werden die Mythen sozusagen an der Basis zerstört. Die kathartische Wirkung dieser Erzählung hat Svetlana Alexijevich in ihrer Heimat Weißrussland mit Anfeindungen seitens der alten und neuen Macht, von Soldatenverbänden und einigen der von ihr Interviewten bezahlt, die sie verklagten und versuchten, ihr Buch verbieten zu lassen. »Sie sagen, ich soll den Staat und die Partei hassen … Aber ich bin stolz auf meinen Sohn! Jawohl, ich bin stolz auf ihn! Er ist im Kampfeinsatz gestorben, als Offizier. Alle seine Kameraden haben ihn geliebt. Ich liebe den Staat, in dem wir lebten – die UdSSR, weil mein Sohn für ihn gestorben ist. Aber Sie hasse ich! Ich brauche Ihre schreckliche Wahrheit nicht! Wir brauchen sie nicht!! Hören Sie?!« - so eine Mutter im Prozess gegen Alexijevich. Die stellt dagegen ihr Ethos als Schriftstellerin: „Was muss ich verteidigen? Mein Recht als Schriftstellerin, die Welt so zu sehen, wie ich sie sehe. Und dass ich den Krieg hasse. Oder ich muss belegen, dass Wahrheit und Wahrhaftigkeit, dass ein Dokument in der Kunst etwas anderes ist als eine Bescheinigung vom Wehrkommando oder ein Straßenbahnfahrschein. Die Bücher, die ich schreibe, sind Dokumente und zugleich mein Bild der Zeit. Ich sammle Details und Gefühle nicht nur aus einem einzelnen Menschenleben, sondern aus der ganzen Atmosphäre der Zeit, aus ihrem Raum, ihren Stimmen. Ich erfinde nichts, ich dichte nichts dazu, ich setze das Buch aus dieser Wirklichkeit zusammen. Das Dokument, das ist zum einen das, was mir erzählt wird, und zum anderen Teil bin das auch ich als Künstlerin mit meiner Weltsicht, mit meinem Empfinden.“

Das Ergebnis ist tatsächlich beeindruckend. Sound und Rhythmus ihrer Erzählung sind unverwechselbar und entfalten eine authentische und emotionale Wucht, die ihresgleichen sucht. Unterhaltungsliteratur ist das natürlich nicht, aber bewegende Literatur – im wahrsten Sinne des Wortes.

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krimi, berlin, 1933, reichstagsbrand, gereon rath

Märzgefallene

Volker Kutscher
Fester Einband: 608 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 06.11.2014
ISBN 9783462047073
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Volker Kutscher: Märzgefallene
Darauf war ich ja wirklich gespannt: wie Volker Kutscher es schafft, seinen Kriminalkommissar Gereon Rath und der Galerie an Nebendarstellern den Übergang von der Weimarer Republik in die Nazizeit zu „ebnen“.
„Märzgefallene“ ist bereits der fünfte Fall des aus dem Rheinland und der dortigen katholischen Beamtenelite (Konrad Adenauer ist ein Freund der Familie) stammenden, allerdings eher wenig Frohsinn versprühenden Mordermittlers Gereon Rath, dessen Temperament eher dem eines Fischkopps gleicht, was ihn mir nicht unbedingt sympathisch macht, obwohl ich selber einer bin, aber er kommt mir eben bekannt vor.

Die Handlung setzt ein zwischen der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und dem Reichstagsbrand, und während fast die gesamte Polizei für die Jagd nach Kommunisten eingespannt wird, schafft Rath es, sich zu einer Mordermittlung abzuseilen. Ermordet wurde ein obdachloser Weltkriegsveteran, und die Spur führt bald weit zurück in die Vergangenheit, in der im Jahre 1917 eine Gruppe deutscher Soldaten einen riesigen Goldschatz von den Franzosen erbeutet hatte und diesen hinter den feindlichen Linien versteckte, um ihn nach dem Krieg unter sich aufzuteilen. Als ein weiteres ehemaliges Mitglied der damaligen Einheit auf die gleiche Weise ermordet wird wie der Obdachlose, wird deren früherer Leutnant Achim Graf von Roddeck nervös, denn er hat einen Schlüsselroman („Märzgefallene“) über die damalige Zeit geschrieben, der demnächst erscheinen soll und befürchtet nun, dass es auch ihm ans Leben gehen soll …

Wie von Kutscher inzwischen gewohnt, wird die Haupthandlung umrahmt von einem ganzen Strauß an Nebenhandlungen, diesmal unter anderem die bevorstehende Hochzeit mit seiner Langzeitgeliebten und Kollegin Charly Ritter, die Flucht eines jüdischen Mädchens aus der Psychiatrie, wo sie wegen Brandstiftung festgehalten wurde, und verschiedene Ausflüge Raths in die alte Heimat, wo er hautnah die nationalsozialistische Machtübernahme in Köln miterlebt.
Überhaupt wird der historische Hintergrund wie gewohnt ganz exquisit ausgeleuchtet. In den ersten vier Romanen erweckte Kutscher die Hoch- bzw. Endzeit der Weimarer Republik zum Leben, insbesondere die vielen Facetten Berlins. Das reiche kulturelle Leben, die prosperierende Halb- und Unterwelt, aber auch die sich immer mehr verschärfenden sozialen Konflikte, welche sich in blutigen Straßenschlachten entluden, bildeten den Hintergrund für die Kriminalfälle und ihre Aufklärung.
Nun aber ist alles anders, auch wenn Rath das nicht wahrhaben will. Während er noch davon ausgeht, dass der NS-Spuk bald wieder zu Ende sein wird, sieht seine Verlobte Charly die Dinge wesentlich klarer und damit düsterer. Die Vertreibung verdienter Beamter aus der Polizei und ihre Ersetzung durch linientreue Nazis, die Juden- und Kommunistenhatz der neuen Machthaber verleiden ihr zusehends den Dienst bei der Polizei.

Es fällt aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts leicht, sich zu fragen, warum damals so viele Menschen so blind waren und entweder begeistert mitmachten bei der „Nationalsozialistischen Revolution“ oder doch zumindest mehr oder weniger widerstandslos dabei zusahen, wie ihr Land der Katastrophe entgegentaumelte. Wer das verstehen möchte, macht keinen Fehler, wenn er zu diesem Buch greift. Kutscher erliegt nicht der Versuchung, seine Figuren heldenhafter zu machen als es realistischerweise zu erwarten war. Raths Verhalten ist von vorn bis hinten völlig widersprüchlich – und gerade deswegen überaus authentisch und glaubhaft. Und der frühere Freund und Kollege, der sich als schwul entpuppt und mit einem SA-Mann liiert ist, geht zwar mit Begeisterung zur politischen Polizei, der späteren Gestapo, aber man ahnt, dass auch der noch seine Probleme bekommen wird.
So lässt sich das Fazit ziehen, dass der „Systemwechsel“ mit Bravour gelungen ist. Für mich ist „Märzgefallene“ der beste aus der Gereon-Rath-Reihe. Aber kein Lob ohne Wermutstropfen: Schön wäre es, wenn Volker Kutscher auch stilistisch so großartig wäre wie bei der Entwicklung seiner Geschichten und Figuren und beim historischen Hintergrund. Aber leider bleibt das wie schon in den anderen Romanen sein Schwachpunkt. Wenn man gerade parallel einen Roman einer Autorin von Weltgeltung wie Margaret Atwood gelesen hat, dann fällt einem der Kontrast vielleicht noch umso mehr auf. Aber nichtsdestotrotz ist „Märzgefallene“ ein guter, ein lesenswerter Roman.

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dystopie, trilogie, endzeit, margaret atwood, world in future

Die Geschichte von Zeb

Margaret Atwood , Monika Schmalz
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag Taschenbuch, 13.07.2015
ISBN 9783833310232
Genre: Romane

Rezension:

Endzeitgeschichten und Dystopien sind sehr en vogue, wie mir scheint. Ich selber habe mich von dem Trend anstecken lassen und schon den einen oder anderen Vertreter dieses Genres gelesen. Denn die Frage „WO SOLL DAS ALLES NUR HINFÜHREN???“ ist eine sowohl interessante als auch relevante. Und weil man mit letzter Sicherheit nicht wissen kann, ob man selbst möglicherweise die große Ökokatastrophe/den Atomkrieg/die verheerende Supergrippe noch er- und gegebenenfalls auch überleben wird, verschafft einem die Beschäftigung mit derlei Szenarien auf einer fiktiven Ebene ein mehr oder weniger wohliges Schaudern, zusätzlich genährt durch den vergleichsweise komfortablen Zustand der Gegenwart: NOCH geht’s uns ja gut! Behaglich vorm knackenden Kamin lümmeln (so man einen besitzt), mit einem heißen Ingwertee und Knabberzeug ausgestattet und Kings „The Stand“ lesen oder Cronins „Der Übergang“ – that’s it!
Margaret Atwoods Maddaddam-Zyklus, bestehend aus den Romanen „Oryx und Crake“ (2003 erschienen), „Das Jahr der Flut“ (2009) und „Die Geschichte von Zeb“ (2014) ist allerdings kein Endzeitroman von der Stange und ragt weit heraus mit seinen gesellschaftspolitischen und philosophischen Fragestellungen und mit der Erzählkunst der Autorin (die ich für nobelpreiswürdig halte).

Worum geht es? In „Oryx und Crake“ begegnen wir Jimmy, der möglicherweise einzige Überlebende einer weltweiten Pandemie - wenn man von den diversen Geschöpfen aus den Genlabors absieht, welche nicht nur eine friedlich-naive neue Menschen-Spezies hervorgebracht haben, sondern auch heimtückische „Hunölfe“, beängstigend intelligente „Organschweine“ und „Mo ‘Hairschafe“ in allen farblichen Schattierungen. Während die nach ihrem Schöpfer von ihm so genannten Craker Jimmy als eine Art Prophet verehren, er aber ansonsten ziemlich hoffnungs- und antriebslos dem Schwinden seiner Vorräte und damit seinem eigenen Ende entgegensieht, erzählt er in Rückblenden, wie es zu der Pandemie gekommen ist. Die Handlung spielt sich in verschiedenen von Konzernen geführten Städten ab, in denen die leben, die über für die Interessen der Konzerne brauchbaren Qualifikationen verfügen, ständig überwacht von der ebenfalls konzerneigenen Polizei/Armee-Truppe. Der Rest der Menschheit lebt außerhalb dieser „Komplexe“ im folgerichtig so genannten Plebsland wo Gewalt, Kriminalität und Missbrauch an der Tagesordnung sind und kommt mit den Privilegierten nur noch insofern in Berührung, als er für niedere Tätigkeiten, als Versuchskaninchen/Organlieferant oder Sexualobjekt von Interesse ist. Der Staat hat sich völlig aus der Gestaltung des Gemeinwesens verabschiedet.
In „Das Jahr der Flut“ werden viele Handlungsstränge aus „Oryx und Crake“ wieder aufgenommen, weitererzählt allerdings aus der Sicht von Randfiguren aus dem ersten Roman. Dieser Teil spielt sich in Plebsland ab, im Mittelpunkt steht die puritanische Öko-Sekte der „Gottesgärtner“, die das Nahen der „wasserlosen Flut“ nicht nur predigt, sondern in Zusammenarbeit mit Abtrünnigen aus den Komplexen auch heimlich aktiv darauf hinarbeitet. Am Ende treffen sich die Erzählungen beider Romane bei den Crakern, was das Feld bereitet für „Die Geschichte von Zeb“, die ich inhaltlich unmöglich zusammenfassen kann, ohne zu spoilern, nur so viel: es ist grandios.

Viele Aspekte des Romans sind keine Erfindungen der Autorin. Sie greift vielmehr auf bekannte Phänomene heutiger spätkapitalistischer Gesellschaften, wissenschaftliche Forschungen (insbesondere der Genetik) und auf Strategien großer Konzerne zur Gewinnmaximierung zurück, die sie aber fantasievoll und konsequent zu Ende denkt und virtuos mit einer vielschichtigen Handlung verbindet. Abgeschottete Wohlstandsinseln gibt es in Form von „Gated Communities“ längst, künstliches Fleisch aus Zellkulturen sind auch keine Utopie mehr, und Schweine, die zur Gewinnung transplantierbarer Nieren gezüchtet werden, sind nur noch eine Frage der Zeit. Nicht alle diese Entwicklungen sind ausschließlich negativ zu betrachten, und aus dieser Uneindeutigkeit lässt sich wunderbare Literatur schaffen, und genau das hat Margaret Atwood getan.
Ein besonderes Highlight sind die Craker, die im Labor erschaffene neue Menschenspezies, die sich blau verfärben, wenn sie in Paarungslaune geraten und die im dritten Roman eine wichtige Rolle spielen. Mit ihnen kommt es bei aller Tragik und Dramatik der Handlung auch immer wieder zu überaus komischen Situationen, etwa wenn die überlebenden „Zweihäuter“ (also Menschen mit Kleidung) den ahnungslosen Neumenschen ihnen völlig unbekannte Konzepte wie „Heiraten“, „blöd“, „tot“ oder einen Stoßseufzer wie „fuck“ zu erklären versuchen.

Drei Bücher auf einmal vorstellen zu wollen, ist vielleicht etwas vermessen, aber in diesem Fall hatte ich das Gefühl, dass es nicht anders geht. Wer von Margaret Atwood noch nichts gelesen hat und vielleicht nicht gleich mit so einem Dreiteiler anfangen will, dem würde ich „Der Report der Magd“ ans Herz legen, eine beklemmende Dystopie, aber dieses Buch darf wirklich jemand anderes vorstellen.
P.S.: Falls sich jemand fragt, was es mit den Covern auf sich hat: KEINE Ahnung. Bäume gehen ja irgendwie immer, aber weder kommt im „Jahr der Flut“ eine Zwiebel vor, erst recht keine fliegende, noch ein Karussell in der „Geschichte von Zeb“.

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75 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 16 Rezensionen

krimi, japan, mord, leiche, mathematik

Verdächtige Geliebte

Keigo Higashino , Ursula Gräfe
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Piper, 14.07.2014
ISBN 9783492303552
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Togashi, eine ziemlich parasitäre Lebensform, hat seiner Ex-Frau Yasuko einmal zu oft Geld abgepresst. Jetzt liegt er tot in ihrer Wohnung, erschlagen und erdrosselt von ihr und ihrer halbwüchsigen Tochter Misato. Was nun? Guter Rat ist teuer. Yasuko will schon die Polizei rufen, als es an der Tür klingelt: der Nachbar steht da, hat einiges mitbekommen und ist besser im Bilde, als Yasuko es sich zunächst wünschen könnte. Der aber, heimlich verliebt in Yasuko und unterfordertes Mathegenie, hat mit seinem überlegenen Verstand blitzschnell einen raffinierten Plan entworfen, wie er der Angehimmelten und deren Kind zu einem Alibi und damit auch zu einer Zukunft in Freiheit verhelfen kann. Womit er nicht rechnen konnte: auf der Gegenseite gibt es einen ebenbürtigen Gegenspieler. Yukawa ist Physiker, mit dem leitenden Ermittler befreundet und kennt Ishigami (so heißt der Nachbar) noch aus gemeinsamen Uni-Zeiten.

Ich muss ja gestehen, ich habs im Moment nicht so mit Krimis. Ob das nur eine Phase ist, die auch wieder vergeht – keine Ahnung. Aber die Anzahl der Genre-Strickmuster ist doch überschaubar, und eine ähnlich bahnbrechende Erfindung wie die des Rades für das Transportwesen ist im Literatursegment Mord und Totschlag nicht absehbar. Auf Dauer ist das doch etwas ermüdend.

Der japanische Autor Keigo Higashino hat nun immerhin mal das Pferd von hinten aufgezäumt und eine andere Perspektive auf eine Mordermittlung ermöglicht. Opfer, Tat und Täter sind dem Leser von Anfang an bekannt, im Mittelpunkt steht das Duell zweier intellektueller Überflieger. Und während der eine Protagonist seine Züge weit im Voraus plant, ist der andere bemüht, dessen mathematische Herangehensweise an die Verschleierung des Verbrechens zu entschlüsseln. Das klingt jetzt komplizierter als es ist, und man braucht auch kein Mathe-Abitur, um das Buch lesen zu können, aber faszinierend ist es allemal, wie sich am Ende alles zu einem runden Ganzen zusammenfügt. Was das Buch an inhaltlicher Rafinesse zu bieten hat, findet auf der sprachlichen Ebene keine wirkliche Entsprechung. Schlicht, Schmuck- und schnörkellos kommt es daher, wer Sprachwitz oder stilistische Feinheiten sucht, wird hier kaum auf seine Kosten kommen. Das KÖNNTE möglicherweise an der Übersetzerin liegen, die auch Haruki Murakamis deutsche Ausgaben verantwortet. Murakamis Roman „1Q84“ habe ich hier auch schon mal rezensiert, und rückblickend kommen mir beide Bücher in sprachlicher Hinsicht doch sehr ähnlich vor. Aber das muss nicht zwingend ein Manko sein, wenn man Sprachliches für nicht gar so wichtig erachtet und vor allem an einer interessanten Geschichte interessiert ist. Die bietet „Verdächtige Geliebte“ allemal.

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76 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 13 Rezensionen

habicht, falknerei, t.h. white, verlust, tier

H wie Habicht

Helen Macdonald ,
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Allegria, 07.08.2015
ISBN 9783793422983
Genre: Romane

Rezension:

Helen Macdonald – H wie Habicht

Schon als Kind ist Helen Macdonald nicht einfach fasziniert von Vögeln, insbesondere von Raubvögeln, sie ist von ihnen besessen. Sie will nicht nur alles wissen über diese Tiere, sie möchte am liebsten selber eines sein. Mit 6 Jahren versucht sie „mit hinter dem Rücken verschränkten Armen – wie Flügel – zu schlafen“, wie sie schreibt. Später entdeckt sie Bilder des altägyptischen Gottes Horus, der mit einem Falkenkopf ausgestattet ist und erklärt ihn statt des alten Langweilers mit dem Rauschebart zu ihrer persönlichen Gottheit.
Früh beginnt sie mit der Falknerei, kennt die Fachliteratur aus dem FF, hat verschiedene Raubvögel, vor allem Falken. Der Habicht ist ihr dagegen nichts, denn er gilt „als Rüpel: mordlustig, schwer abzutragen, launisch, aufsässig und fremd.“ Und: „Ich wollte nie einen fliegen, als ich selbst Falknerin wurde. Sie verunsicherten mich. Sie rochen nach Tod und Schwierigkeiten: gespenstische, fahläugige Psychopathen, die im Dickicht der Wälder lebten und töteten. […] Nichts von mir hatte sich je in diesen kalten, mordlustigen Augen widergespiegelt. Nicht für mich, hatte ich immer wieder gedacht. Nicht wie ich. Aber die Welt hatte sich verändert. Und ich auch.“
Denn völlig unerwartet ist ihr heiß geliebter Vater verstorben, und Helen versinkt förmlich in ihrer verzweifelten Trauer. Inspiriert von einem Buch über die Habichthaltung von T.H. White, auf das sie sich immer wieder bezieht, beschließt sie, sich einen jungen Habicht zuzulegen: Mabel zieht bei ihr ein und erfüllt ihr „Haus mit Wildnis […], ebenso wie eine Vase voller Lilien ein Haus mit Duft erfüllen kann.“ Ihre erste Begegnung beschreibt sie so: „Im merkwürdigen Zusammentreffen von Welt und Tat ergießt sich gleißendes Sonnenlicht über uns, und alles um uns herum ist Strahlen und Wildheit. Der Vogel schlägt ungestüm mit den gebänderten Flügeln, die dunklen und scharfkantigen Spitzen der Handschwingen durchschneiden die Luft, wie ein gereiztes Stachelschwein seine Stacheln hat sie die Federn aufgestellt. Zwei riesengroße Augen. Mein Herz schlägt unkontrolliert. Sie ist ein Zauberkunststück. Ein Reptil. Ein gefallener Engel. Ein Greif aus einem illuminierten Bestiarium. Etwas Strahlendes und Fernes, wie durch Wasser fallendes Gold. Eine kaputte Marionette aus Flügeln, Beinen und lichtgesprenkelten Federn.“
In den folgenden Monaten durchlebt Helen Macdonald einen tiefgreifenden Wandel in ihrem Verhältnis zu allem, was ihre bisherige Existenz ausgemacht hat, zur Natur im Allgemeinen und zu ihrem Habicht im Besonderen. Nach und nach versteht sie, wie ihre Trauer die Beziehung zu Mabel beeinflusst und dass das keine Einbahnstraße ist.

Dieser Hybride aus Sachbuch und Entwicklungsroman hat mich wirklich fasziniert. Zwar war mein Interesse für Vögel nie so intensiv wie das von Helen Macdonald, aber immerhin war ich als kleiner Steppke auch mal in der AG „Junge Ornithologen“ meiner POS, und sobald es um das Thema Vögel geht, werde ich stets hellhörig. Insofern waren für mich ganz besonders die Teile des Buches von Interesse, die sich um Mabel drehen – wie sie nach und nach daran gewöhnt wird, auf der Faust zu sitzen, wie sie an der Leine immer weitere Strecken fliegt und jedes Mal wieder zurückkehrt und wie sie schließlich frei in der Landschaft Kaninchen und Fasane jagt – das habe ich mit angehaltenem Atem gelesen, denn das war spannender als 4/5 der Thriller und Krimis, die ich kenne. Immer wieder verbindet sie diese Szenen auch mit Reflexionen über ihr Vorbild T.H. White und über ihr eigenes Leben. Und besonders an diesen Stellen gelingen der Autorin auch immer wieder wunderschöne sprachliche Bilder, die auf mich einen unwiderstehlichen Sog ausübten und die Lektüre nicht nur zu einem einzigartigen Genuss machten, sondern auch zu einem tieferen Verständnis dieser wunderschönen Tiere beitrugen.
Ganz sicher ist dies keine alltägliche Lektüre, aber wer sich mal aus der Komfortzone des Gewohnten herauszuwagen traut, könnte hier einen wirklichen Schatz entdecken.

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112 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 39 Rezensionen

thriller, piper, freundschaft, december park, mord

December Park

Ronald Malfi , Ilona Stangl
Fester Einband: 500 Seiten
Erschienen bei Luzifer-Verlag, 30.09.2015
ISBN 9783958350328
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Als im Jahre 1993 in einer kleinen Stadt in Maryland nach und nach Jugendliche verschwinden, denkt alle Welt zunächst an Ausreißer. Erst, als in dem als „December Park“ bekannten Waldgebiet die Leiche eines ermordeten Mädchens gefunden wird, beginnt man an eine Verbrechensserie zu glauben. Der unbekannte Täter erhält den Beinamen Piper, nach der von den Gebrüdern Grimm erzählten Sage vom Hamelner Ratten- und Kinderfänger. Eine Ausgangssperre für alle Einwohner unter 18 wird verhängt, aber der Polizei gelingt kein Durchbruch, die Kinder bleiben verschwunden, vom Entführer ganz zu schweigen.
Der fünfzehnjährige Angie (von Angelo) und seine Kumpels Peter, Michael und Scott beschließen, den Piper auf eigene Faust zu jagen und stürzen sich mit Elan sowie durch jede Menge Horrorfilme und -bücher prächtig entwickelte Fantasie in diese Aufgabe. Aber erst der mit seiner Mutter aus Chicago zugezogene Adrian, der zu der kleinen Clique stößt, steuert auch eine Portion verbissene Hartnäckigkeit bei, die bewirkt, dass die Jungs am Ball bleiben.

Angie ist der Ich-Erzähler, ein Slacker-Typ, sensibler als er sich gibt und mit einem Talent zum Schreiben gesegnet. Er ist Polizistensohn und leidet wie sein Vater darunter, dass sein älterer Bruder Charles im ersten Golfkrieg gefallen ist, während er an seine früh verstorbene Mutter gar keine Erinnerungen mehr hat. Eingestandenermaßen hat Malfi dieser Figur reichlich autobiographische Züge verliehen. Er wird dem Leser naturgemäß besonders nahe gebracht. Auch Adrian, eher der leptosome Typus, weiß den Leser zu fesseln und für sich einzunehmen, während Peter, Michael und Scott – zumindest für mich – zu einem ideellen Gesamtkumpel verschmelzen: es würde mir schon jetzt, kurz nach Ende der Lektüre, schwer fallen, einem der drei korrekt spezifische Charakteristika zuzuordnen. Aber das ist kein Makel, denn die Clique funktioniert in ihrer Dynamik und in ihren Binnenbeziehungen ganz vortrefflich. Es macht einen Heidenspaß, sie ein Stück beim Herumpubertieren zu begleiten, wenn es dabei, in Anbetracht des Alters der Jungs, auch erstaunlich wenig um Mädchen geht.

Die andere große Stärke dieses Romans sind Atmosphäre, Stimmungen und Emotionen. Wenn die Jungs beispielsweise das klassische Horrorsetting einer seit Jahrzehnten leerstehenden ehemaligen Reha-Einrichtung für psychisch lädierte Soldaten inspizieren, ist man als Leser mittendrin und gruselt und ekelt sich mit. Das ist ganz, ganz großes Kino, und ich bin gewiss nicht vorschnell, aber das kenne ich auch von Stephen King kaum besser.
Während man kaum etwas über die Ermittlungsarbeit der Polizei erfährt – außer, dass sie keinen Erfolg bringt, erinnern die Ermittlungen der Jungs über weite Strecken an Detektivspiele. Da wird sehr viel herumspekuliert, die Ergebnisse dieser Spekulationen werden dann zur Grundlage für neue Theorien und eine stolze Liste Verdächtiger genommen. Vermutlich muss das so sein, wenn man ihr Alter berücksichtigt. Aber ob sie ihrem Ziel, den Piper zu schnappen, dadurch näher kommen?

Für mich persönlich war die Auflösung eine große Enttäuschung, die dieser ansonsten großartige Roman so nicht verdient hatte. Sie wirkte auf mich, als hätte man zu einem opulenten 4-Sterne-Menü als Dessert einen Schokoriegel bekommen. Das schlägt bei der Gesamtbewertung doch ganz schön ins Kontor, aber trotzdem: „December Park“ ist aufgrund seiner sprachlichen und stilistischen Brillanz eins der besten 3-von-5-Sterne-Bücher, die ich bisher gelesen habe.

P.S.: Als jemand, der sich oft ärgert über grauenvolle deutsche Buchtitel fremdsprachiger Autoren möchte ich dem Luzifer-Verlag ausdrücklich danken für die Entscheidung, den Originaltitel einfach mal stehen zu lassen. Bravo! 

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