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269 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 54 Rezensionen

dschinn, samantha young, liebe, fantasy, flammenmädchen

Flammenmädchen

Samantha Young , Alexandra Hinrichsen
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei MIRA Taschenbuch, 10.04.2014
ISBN 9783956490071
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Hinweis: Ich habe das Buch überwiegend im englischen Original gelesen, mir aber auch das deutsche eBook ausgeliehen, um einige Kapitel lang einen vergleichenden Blick auf die Übersetzung zu werfen. Die Übersetzung scheint den lockeren, jugendlichen Ton des Buches perfekt zu treffen und liest sich meiner Meinung nach sehr ähnlich.

Auf deutsch ist das Buch erst im Jahr 2014 erschienen, aber ich muss zugeben, dass das englische eBook schon seit Dezember 2012 (!!) auf meinem Kindle schmorte und darauf wartete, dass ich es endlich lese. Tja, das habe ich jetzt getan, und natürlich ist die große Frage: hat es sich denn gelohnt?

Jein.

Um direkt mit dem größten Pluspunkt anzufangen: das Buch ist vom Thema her definitiv mal was Anderes. Hier gibt es keine Vampire, Hexen, Engel, Dämonen oder andere Wesen, die sich typischerweise in Fantasyromanen für junge Leserinnen tummeln, sondern Dschinns und die verschiedensten Unterarten von Dschinns, gut oder böse oder irgendwas dazwischen - mit dem Dschinn aus Aladins Wunderlampe haben sie allerdings alle herzlich wenig zu tun! Die märchenhafte Mythologie und die politischen Intrigen dieser Welt haben mir gut gefallen und erschienen mir auch schlüssig und glaubhaft.

Die Geschichte fängt relativ langsam an, aber ich fand sie dennoch direkt unterhaltsam und war gespannt, wie sich die Dinge entwickeln würden. Auch der Humor hat mich sehr angesprochen - eine witzige Mischung aus orientalischer Mythologie und Jugendkultur. Zum Beispiel wird Aris Haus von einem weiblichen Poltergeist heimgesucht, der nachts gerne ihren Laptop benutzt und (zu ihrem Ärger) mehr Follower auf Twitter hat als sie... 
Aber so originell und ungewöhnlich die Mythologie auch ist, so typisch ist das Buch leider in anderer Hinsicht. So wie Bella sich nicht entscheiden konnte zwischen Edward und Jacob, Katniss zwischen Peeta und Gale, America zwischen Maxon und Aspen (und so könnte ich noch eine Weile weitermachen), so steht Ari zwischen ihrer Jugendliebe Charlie und dem mysteriösen Dschinn-Bodyguard Jai. 

Was ich vielleicht weniger nervig gefunden hätte, wäre Charlie in meinen Augen nicht so gänzlich unsympathisch gewesen. Ja, er hat eine schlimme Zeit voller Trauer und Schuldgefühle hinter sich, aber das gibt ihm noch lange nicht das Recht, andere Leute zu behandeln wie Dreck - und das tut er. Er lässt Ari zwei Jahre lang komplett im Stich, leistet sich wirklich Mieses (Sex mit einem anderen Mädchen? Auf Aris Geburtstagsparty?! Im Bett ihres Vaters?!!!!), versucht sie zu manipulieren... Es fiel mir oft schwer zu glauben, dass er früher so ein lieber, guter Junge gewesen sein soll, wie Ari immer und immer (und immer und immer) wieder beteuert. 

Jai Bitai gefiel mir viel besser, und so konnte ich Aris wachsende Gefühle für ihn auch wesentlich besser nachvollziehen. Allerdings lässt auch er manchmal das Alpha-Männchen raushängen, und ganz ehrlich, ich glaube, ich bin zu alt für diese Art Liebesgeschichte... 

Ich mochte Ari sehr gerne, aber anfangs konnte ich nur mit dem Kopf schütteln und denken: Mädchen, lass dich doch nicht so behandeln - von niemandem! Aber gut, sie ist noch ein Teenager, sie ist unsicher und kann sich auf ihren besten Freund nicht mehr verlassen... Im Laufe des Buches entwickelt sie sich spürbar weiter, auch wenn es den ein oder anderen Rückschritt gibt. Manchmal hatte ich dann sogar das Gefühl, dass sie ein wenig zu ruhig und gefasst auf alles reagiert, was ihr geschieht! 

Die jugendlichen Charaktere sind überwiegend glaubhaft geschrieben, mit all ihren Stärken, Schwächen und für das Alter typischen Unsicherheiten. Allerdings benehmen sich ein paar Charaktere, die schon Anfang 20 oder älter sind, oft ebenfalls erstaunlich unreif...

Aber mein größter Kritikpunkt: im Laufe des Buches zeigt sich, dass Ari eine Fähigkeit hat, die sie in meinen Augen eigentlich so gut wie allmächtig machen müsste - aber weil das Buch (bzw die Reihe) dann schon sehr früh beendet wäre, vergisst sie praktischerweise mehrfach, dass sie diese Fähigkeit hat... Dabei ist es wirklich, wirklich naheliegend, diese Fähigkeit einzusetzen.  

Der Schreibstil ist locker-flockig und humorvoll, mit viel Jugendsprache. Auch die Welt mit ihren farbenfrohen Wesen und Orten wird wunderbar bildlich beschrieben. Nur die ganz großen Emotionen konnte der Stil für mich oft nicht so richtig transportieren. 

Fazit:
In dieser YA-Fantasy-Reihe geht es mal um unterrepräsentierte Fantasywesen: Dschinns. Allerdings sitzen die (meist) nicht in Lampen und man sollte sich dreimal überlegen, ob man sich von ihnen etwas wünscht - nicht alle sind den Menschen freundlich gesonnen... Die 18-jährige Ari wird quasi über Nacht in deren Welt geschmissen und muss feststellen, dass sie eine große Rolle spielt in den Machtkämpfen und Intrigen der sieben Könige und ihrer Anhänger.

Die Welt und die Mythologie fand ich sehr interessant und gut beschrieben, und auch die Geschichte an sich gefiel mir gut. Auf das unvermeidliche Liebesdreieck hätte ich allerdings lieber verzichtet, besonders da einer der beiden Jungs sich wirklich benimmt wie der letzte Vollpfosten! Außerdem ist Ari in einer Hinsicht einfach absurd übermächtig...

Ich hatte das Buch schnell durch und fand es auch sehr unterhaltsam, aber ich würde sagen, dass es tatsächlich eher ein Buch für jugendliche Leser ist. (Meiner Meinung nach gibt es durchaus Jugendbücher, die sich auch prima von Erwachsenen lesen lassen!) Da ich Band 2 schon besitze, werde ich ihn wohl auch lesen, aber ansonsten hätte ich ihn mir wohl nicht gekauft. 

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380 Bibliotheken, 20 Leser, 0 Gruppen, 33 Rezensionen

thriller, sebastian fitzek, spannung, fitzek, psychothriller

Das Joshua-Profil

Sebastian Fitzek
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 14.10.2016
ISBN 9783404175017
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Am 14. Oktober 2016 erschien "Die Blutschule" von Max Rhode, einem bis dato gänzlich unbekannten Autor. Zwölf Tage später erschien "Das Joshua-Profil" von Sebastian Fitzek, - in dem es um den erfolglosen Autor Max Rhode geht, dessen einziger großer Erfolg sein Debütroman war: "Die Blutschule".

Ja, Max Rhode gibt es gar nicht, beziehungsweise: Max Rhode und Sebastian Fitzek sind ein und dieselbe Person.

Genial, dachte ich damals. Was für eine großartige Idee, eine fiktive Figur ein Buch schreiben zu lassen und das dann auch zu veröffentlichen! Fasziniert beschloss ich, beide Bücher zu lesen - doch leider erwartete mich eine große Ernüchterung, denn "Die Blutschule" fand ich, ehrlich gesagt, bemüht schockierend und banal. (Kurz fragte ich mich sogar, ob das so beabsichtigt sein könnte, um zu zeigen, warum Max Rhode so ein erfolgloser Autor ist!) Aber gut, dachte ich, vielleicht lohnt es sich dann, wenn ich "Das Joshua-Profil" lese.

Tja, was soll ich sagen.

Vor zwei Tagen war ich etwa zur Hälfte durch und erwog ernsthaft, das Buch einfach abzubrechen. Das habe ich dann zwar nicht getan, überzeugen konnte es mich aber keineswegs.

Um erstmal mit etwas Positivem anzufangen: Sebastian Fitzek spricht hier wichtige und interessante Themen an. Im Mittelpunkt steht etwas, das man aus zum Beispiel aus dem Film "Minority Report" kennt, was aber beileibe keine Science Fiction mehr ist: die Auswertung über eine Person gesammelter Daten, um vorauszuberechnen, welche Straftaten sie in der Zukunft begehen wird. Da ist es bis zur Vorverurteilung nur ein kleiner Schritt, und heute, wo die meisten Menschen ihre Daten freiwillig auf sozialen Medien preisgeben und es ein Klacks ist, ihre Einkäufe über Kundenkarten zurückzuverfolgen, ist das Sammeln einfacher denn je! Außerdem spricht der Autor Themen wie Kindesmissbrauch, Pädophilie und Rehabilitierung an.

Leider fand ich die Umsetzung dieser Themen nur wenig gelungen.

Die meisten Szenen sind sehr kurz, und allzu viele davon enden mit einem künstlichen "Cliffhanger": dem Leser wird suggeriert, es sei etwas Schreckliches geschehen - dann Schnitt, nächste Szene, und später erfährt man, übertragen gesprochen, dass die Blutlache doch nur Ketchup war. Wenn dieses Stilmittel gezielt und sparsam eingesetzt wird, kann es durchaus Spannung erzeugen! Wenn es allerdings in gefühlt jeder zweiten Szene vorkommt, bewirkt es bei mir das Gegenteil und es fällt mir schwer, das Buch noch ernstzunehmen.

Auch das Stilmittel des "deus ex machina" wird überstrapaziert: die Rettung durch ein vollkommen unmotiviert eintretendes Ereignis. Wenn sonst gar nichts mehr geht, prescht eben ein wütendes Wildschwein durch die Szene und rettet den Tag. (Ohne Scherz.)

Obwohl das Buch jede Menge Action bietet, kam bei mir daher schnell überhaupt keine Spannung mehr auf.

Die Charaktere könnten von ihren Anlagen her eigentlich interessant sein, aber sie kranken in meinen Augen daran, dass sie sich nicht natürlich anhand ihrer Erlebnisse weiterentwickeln, sondern anhand dessen, wie es gerade in die Geschichte passt, oft sehr sprunghaft und auf größtmöglichsten Überraschungseffekt angelegt. Manchmal kam es mir dann vor, als würde ich über zwei ganz verschiedene Personen lesen! 

Max Tochter Jola ist zehn, wirkt aber oft wie eine taffe Erwachsene und kann auch dann noch erstaunlich klar denken, wenn jemand eine Pistole auf sie gerichtet hat und sie damit rechnen muss, jeden Moment erschossen zu werden. (Außerdem müsste sie gegen Ende eigentlich komplett traumatisiert sein, denn ihr stößt eine unsägliche Anzahl schlimmer Dinge zu.)

Die Gefühle der Protagonisten kamen bei mir oft nicht an. Mir wird zum Beispiel gesagt, dass Jola Panik empfindet, aber es wird mir nicht so gezeigt, dass ich es mitempfinden könnte. 

Die Glaubwürdigkeit geriet für mich schnell ins Wanken. Vieles erschien mir viel zu überzogen, viel zu extrem, viel zu wenig plausibel. Die Menschen, die im Hintergrund die Strippen ziehen, wirken fast schon allmächtig. 

Der Schreibstil wirkte auf mich... Durchwachsen. Oft einfach und eher flach, dann wieder mit übertrieben dramatischen, für mich nicht stimmigen Metaphern, und nur manchmal so packend und dicht-atmosphärisch, wie ich es aus seinen anderen Büchern in Erinnerung hatte. 

Fazit:
Viele der angesprochenen Themen sind wichtig und interessant, vom gläsernen Menschen und "predictive policing" bis hin zu Pädophilie und Rehabilitation. Eine actionreiche Szene jagt die nächste, wobei jede zweite mit einem erzwungen dramatischen Höhepunkt endet: Tod! Verderben! Und dann zwei Szenen später meist die Entwarnung: oh, doch nicht... Auf Dauer raubte mir das jede Spannung, und auch die Glaubwürdigkeit nahm für mich im Laufe des Buches immer mehr ab. Auch die Charaktere erschienen mir nicht in sich stimmig.

Nach "Die Blutschule" ist nun leider auch "Das Joshua-Profil" für mich eine große Enttäuschung.

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4.679 Bibliotheken, 22 Leser, 9 Gruppen, 94 Rezensionen

thriller, david hunter, krimi, simon beckett, england

Die Chemie des Todes

Simon Beckett , Andree Hesse , ,
Fester Einband: 656 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 01.09.2011
ISBN 9783499256462
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Simon Beckett hat es mit "Die Chemie des Todes" auf einige Listen à la '150 Bücher, die man unbedingt gelesen haben sollte!' geschafft und gilt allgemein als außergewöhnlicher, literarisch wertvoller Thriller. Tatsächlich habe ich das Buch jetzt vor allem deshalb gelesen, weil es auf der Liste der "Bücherkultur Challenge" stand, und insofern bin ich mit sehr hohen Erwartungen an es herangegangen.

Und was soll ich sagen? Die Erwartungen wurden mehr als erfüllt.

Interessant ist alleine schon die Rolle des Protagonisten: David Hunter ist forensischer Anthropologe  und gewährt dem Leser einen ungewöhnlichen Blickwinkel auf die Geschehnisse.  Wie ein Sherlock Holmes des Todes untersucht er die Leichen von Mordopfern und deren Fundorte und bestimmt zum Beispiel anhand der Anzahl und Farbe von Parasiten, der Beschaffenheit des Bodens und dem Zustand der Haut den genauen Todeszeitpunkt. Er erzählt dem Leser, ruhig und sachlich, was von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus nach dem Tod mit einem Körper passiert, baut das aber in kleinen Dosierungen in die Geschichte ein, so dass es nicht trocken oder langweilig wird.

Originell fand ich auch, dass es dennoch nicht nur um diesen wissenschaftlichen Standpunkt geht, sondern gleichzeitig darum, wie sich die Mordfälle auf das Leben der Kleinstadt, in der sie begangen wurden, auswirkt: die scheinbare Einträchtigkeit bekommt Risse, die Menschen beginnen damit, sich gegenseitig zu misstrauen. Die Idyll gerät ins Wanken, während der Pfarrer von der Kanzel die Rache Gottes predigt. Man merkt, dass der Autor ein gutes Gespür hat für Gruppendynamik und die Psychologie des Zwischenmenschlichen.

Die Spannung baut sich schnell auf, denn nach dem Fund der ersten Leiche wird bald schon klar, dass der Mörder nicht die Absicht hat, es dabei zu belassen. Als die nächste Frau verschwindet, schwärmt das Dorf geschlossen aus, um die Wälder zu durchkämmen - aber der Mörder hat sie mit Fallen gespickt... Obwohl das Buch durchaus anspruchsvoll geschrieben ist, liest es sich packend und unterhaltsam bis zur letzten Seite und bleibt dabei immer logisch und in sich schlüssig. Zwar wird vieles ins kleinste Detail beschrieben, aber in meinen Augen verzichtet der Autor auf unnötige Gewaltorgien - das Meiste erfährt man sozusagen erst posthum. 

David hat eigentlich nicht die Absicht, sich mit dem Fall zu beschäftigen, denn er hat nach einer persönlichen Tragödie der forensischen Anthropologie den Rücken gekehrt. Aber natürlich lässt sein Gewissen ihm keine Ruhe, und schnell steckt er wesentlich tiefer im Morast menschlicher Abgründe, als er erwartet hätte. Denn das Dorf misstraut ihm, dem Fremden. Ich fand ihn interessant und glaubhaft geschrieben, und auch die anderen Charaktere wirkten auf mich komplex und lebendig.

Der Schreibstil ist außergewöhnlich: klar, mit starken Bildern und einer ganz eigenen "Stimme". Hier muss ich auch dem Übersetzer ein Lob aussprechen: ich besitze das Buch auf deutsch, habe es mir auf englisch ausgeliehen und bin kapitelweise hin- und hergesprungen, und ich würde sagen, dass die deutsche Übersetzung so nah an Atmosphäre und Sprache des Originals herankommt, wie irgend möglich.

Fazit:
In einem kleinen Dorf geschieht ein Mord. Als kurz darauf eine weitere junge Frau verschwindet, zerbricht die scheinbare Idylle und weicht Paranoia und Fanatismus, was vom Pfarrer des Ortes noch geschürt wird. Gegen seinen Willen wird der forensische Antropologe David Hunter, der gehofft hatte, diesen Teil seines Lebens hinter sich gelassen zu haben, in den Fall verstrickt.

Das Buch gilt als Klassiker des Genres, und in meinen Augen zurecht. Es ist anspruchsvoll geschrieben und dennoch fesselnd, originell, psycholgisch interessant und voller vielschichtiger, lebensechter Charaktere. Eine ganz klare Leseempfehlung!

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677 Bibliotheken, 11 Leser, 4 Gruppen, 124 Rezensionen

liebe, selbstmord, überleben, flugzeugabsturz, schnee

Survive - Wenn der Schnee mein Herz berührt

Alex Morel , Michaela Link
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei INK, 10.01.2013
ISBN 9783863960476
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Ein Mädchen, das sterben will, und ein Junge, der hinter Wut und Überheblichkeit seine eigene Trauer versteckt, geraten zusammen in eine absolute Extremsituation, in der es um nichts Geringeres geht als um Leben oder Tod. Wenn sie nicht elendig erfrieren, verhungern und verdursten wollen, müssen sie sich ihren Weg aus einer abgelegenen Schlucht in den Rocky Mountains zurück in die Zivilisation erkämpfen. Brutale Minustemperaturen, riskante Kletterpartien, Erschöpfung und Verletzungen bringen die beiden Teenager an ihre Grenzen und darüber hinaus.

Damit ist die Handlung an sich schon zusammengefasst! Daher ist "Survive" ein Buch, das zwar jede Menge rasante Action und Abenteuer zu bieten hat, aber dennoch mit seinen beiden jugendlichen "Stars" steht und fällt. Wenn der Leser nicht mit ihnen mitfühlt, dann kratzt die Handlung nur an der Oberfläche und kann zwar unterhalten, aber nicht berühren.

Und so leid es mir tut, die Geschichte hat mich tatsächlich nur selten berührt, denn ich hatte meine Schwierigkeiten mit Jane und Paul.

Jane will sterben. Warum? Anscheinend vor allem, um die Familientradition fortzuführen. Ihr Urgroßvater, ihre Großmutter und ihr Vater haben sich alle umgebracht und Jane sagt mehrmals, dass sie auch diese ganz besondere Aufmerksamkeit bekommen will, mit der Hinterbliebene Selbstmördern gedenken. Gut geht es ihr natürlich nicht, aber man bekommt als Leser nur selten tiefere Einblicke in ihr Seelenleben. Sie spricht öfter von ihrem Vater, der sich vor vier Jahren an Weihnachten erschossen hat, aber auch das bleibt merkwürdig distanziert.  Irgendwie tat sie mir zwar leid, aber sie wirkte auf mich leider weder echt noch glaubwürdig - und mich stieß ab, wie wenig Gedanken sie sich darüber macht, was ihr Selbstmord ihrer Mutter antun würde, die immerhin schon ihren Mann beerdigen musste. Würde man als Leser spüren, wie Jane leidet oder dass sie tief in ihren Depressionen gefangen ist, dann wäre es nachvollziehbar, aber so wirkte es auf mich nicht.

Auch Paul war mir erst nicht sympathisch. Er lacht über den abgetrennten Kopf des Piloten und wedelt mit der Hand einer Toten herum, um Jane den "dicken Klunker" am Ringfinger zu zeigen. Natürlich erfährt man später, dass er eigentlich gar nicht so ist und einfach sein eigenes emotionales Päckchen zu tragen hat, aber es dauerte lange, bis ich mich halbwegs mit ihm anfreunden konnte.

Paul bringt mich jedoch zu einem weiteren gravierenden Kritikpunkt: der Glaubwürdigkeit. Paul ist Bergsteiger, total durchtrainiert und ein richtiger Survival-Experte. So weit würde ich das ja noch schlucken, aber später in der Geschichte zeigt er zum Beispiel, dass man anscheinend auch mit gebrochenen Knochen noch Wände hochkraxeln kann, wenn man eine ganze Handvoll Schmerzmittel einschmeißt und erstmal ein Schläfchen im Schnee macht.

Jane, die ein Jahr in einer psychiatrischen Anstalt verbracht hat und nach eigenen Aussagen die meiste Zeit am Fenster gesessen und blicklos nach draußen gestarrt hat, entpuppt sich als Naturtalent im Klettern. Erklärt wird das damit, dass sie als kleines Kind, vor dem Tod ihres Vaters, gerne an Kletterwänden geklettert hat. Aber das ist Jahre her, und eigentlich dürfte Jane nicht annähernd die Muskelkraft haben, um solche Brachialtouren durchzuhalten.

Leider konnte mich auch die Liebesgeschichte nicht ganz überzeugen. Klar, in Extremsituation entwickelt man mit Sicherheit sehr schnell eine Bindung zu dem einzigen anderen Menschen, der in der gleichen Lage steckt. Aber hier geht alles sehr, sehr schnell! Außerdem kann ich mir wirklich nicht vorstellen, dass man erschöpft, halb verhungert, schwer verletzt und bei arktischer Kälte nachts irgendwas anderes macht als Zittern, bis man endlich einschläft...

Eigentlich hätte die Geschichte viel Potential gehabt. Die angesprochenen Themen versprechen emotionale Wucht und psychologischen Tiefgang, aber das Potential wird in meinen Augen nicht annähernd ausgeschöpft. Das Ende hat mich wirklich überrascht, aber eine Sache, die ich hier noch nicht verraten will, erschien mir wie der Versuch, der Geschichte schnell noch eine tiefere Ebene zu geben, was für mich leider nicht funktioniert hat.

Spannend liest sich das Buch durchaus, man kann sich gut die Zeit damit vertreiben, aber für mich ist "Survive" kein Buch, das mich länger beschäftigen wird - und das ist sehr schade, denn die Zutaten für ein großartiges Jugendbuch waren alle da.

Der Schreibstil schwankt sehr. Mal findet die Autorin wirklich schöne Bilder und gute Formulierungen, dann sind die Sätze wieder extrem kurz und einfach, was Janes oft sehr emotionslose Art noch unterstreicht.

Fazit:
Jane will sich in der Toilette des Flugzeugs umbringen, aber bevor sie ihren sorgfältig zusammengestellten Pillenmix runterschlucken kann, stürzt das Flugzeug ab. Als sie wieder aus der Bewusstlosigkeit erwacht, findet sie sich in einer einsamen Schlucht in den Rocky Mountains wieder, in einem Schneesturm, umgeben von Flugzeugtrümmern und Leichen, und ist erst wenig begeistert, dass ausgerechnet sie überlebt hat. Aber dann findet sie den jungen Bergsteiger Paul, der ebenfalls überlebt hat, und er braucht ihre Hilfe... 

Die Geschichte liest sich schnell runter und ist auch irgendwie spannend, aber leider blieben Jane und Paul für mich eher flach und unglaubwürdig. Es ist erstaunlich, was ein schwerverletzter Junge und ein komplett untrainiertes Mädchen alles überleben können...

Für zwischendurch ist "Survive" ein nettes Buch, aber ich hatte mir weitaus mehr davon versprochen.

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31 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 14 Rezensionen

krimi, lüneburg, profiler, hippies, btb verlag

Blumenkinder

Meike Dannenberg
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei btb, 14.11.2016
ISBN 9783442714490
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


"Blumenkinder" war für mich bis hin zum großen Finale ein beinahe perfekter Krimi, dem ich wahrscheinlich 4,5 Sterne gegeben hätte. Warum es dann doch nur 3,5 Sterne geworden sind, möchte ich jetzt gerne begründen:

Die Geschichte ist in meinen Augen sehr originell, vielschichtig und komplex, und dabei im Großen und Ganzen auch schlüssig und logisch aufgebaut.  Es gibt verschiedene Mordfälle, die vielleicht oder vielleicht auch nicht zusammenhängen, und dementsprechend natürlich eine große Auswahl an Verdächtigen, Hintergrundgeschichten, Ermittlungsansätzen, Tatmotiven, falschen Fährten, kleinen und großen Tragödien... Die Handlung hatte mich schnell gepackt und brachte mich zum Mitfiebern und Miträtseln, ob und wie die Morde zusammenhingen und wer dahinterstecken könnte. Vorhersehbar fand ich das nie, und das ist für mich bei einem Krimi schon die halbe Miete!

Jetzt kommt jedoch das ganz große "Aber".

ABER die Auflösung am Schluss hat mich dann sehr enttäuscht, aus zweierlei Gründen:

Zum Einen hatte ich den Eindruck, dass die Autorin dem Leser nicht wirklich eine faire Chance gibt, anhand von Hinweisen zu erraten, wer-wann-wie-warum tatsächlich hinter den Morden steckt. Und das gehört für mich einfach zu den "Spielregeln" eines guten Krimis! Das Gesamtbild sollte sich aus Bruchstücken des Bekannten zusammensetzen, so dass der Leser es im Rückblick von Grund auf nachvollziehen kann. Hier wird am Ende jedoch vieles völlig überraschend aus dem Hut gezaubert, so dass auch die Ermittler eher von der Wahrheit überrumpelt werden. 

Zum Anderen erfährt man im Rückblick etwas über den Mörder, was ich vollkommen unglaubwürdig fand. Ich kann es hier nicht genauer erläutern, ohne schon zuviel zu verraten, aber genau diese merkwürdige Entscheidung macht es den Ermittlern im Endeffekt überhaupt möglich, ihn zu schnappen, und deswegen kam es mir zu konstruiert vor.

Bis dahin fand ich das Buch wirklich wahnsinnig spannend und hatte es daher auch innerhalb von drei Tagen durch! Aber leider muss ich im Rückblick sagen, dass das Buch zum Teil nur deswegen nicht vorhersehbar ist, weil Hinweise, die zur tatsächlichen Auflösung führen, fast komplett fehlen. (Oder bin ich da so blind?)

Die Charaktere haben mir dagegen sehr gut gefallen! Sonderermittlerin Nora Klerner und Fallanalytiker Johan Helms sind beide irgendwie Außenseiter und Sonderlinge, ergeben zusammen jedoch ein gutes Team. (Obwohl ihre Arbeit sie eigentlich nur bis fast zur Lösung führt.) Ich fand sehr spannend, wie ihr Aufgabenbereich bei dieser Ermittlung beschrieben wird, und bei Nora fand ich besonders interessant, wie sie an der Mimik eines Menschen abliest, was in diesem Moment in ihm vorgeht. Gerade Nora bleibt hier allerdings noch ziemlich rätselhaft. Bruchstücke und Albträume verraten dem Leser, dass in ihrer Vergangenheit etwas Schlimmes geschehen sein muss, was dazu führt, dass ihr dieser Fall ganz besonders an die Nieren geht, aber Genaueres wird noch nicht verraten. Vielleicht kommt da noch mehr in weiteren Büchern der Reihe? 

Jedenfalls fand ich sowohl die Haupt- als auch die Nebencharaktere gut beschrieben, glaubhaft und in sich schlüssig. 

Der Schreibstil ist für einen Krimi meines Erachtens ungewöhnlich, aber er gefiel mir gerade deswegen sehr gut. Vieles wird sehr bildlich, manchmal geradezu lyrisch-atmosphärisch beschrieben, was gut zu Noras ungewöhnlicher Sicht auf das Leben passt, aber es wird nicht übertrieben. 

Interessant fand ich auch, dass der Krimi zum Teil in einem alternativen Milieu spielt, über das an sonst nur selten liest, irgendwo zwischen Hippietum, Esoterik und Zivilisationsflucht. 

Fazit:
Es gibt Debütromane, von denen man gar nicht so recht glauben mag, dass sie wirklich Erstlingswerke sind, einfach, weil sie so souverän, spannend und unterhaltsam geschrieben sind, dass man dahinter langjährige Erfahrung vermutet.  Auch "Blumenkinder" wirkte auf mich so - zumindest bis kurz vor Schluss, wo es dann für mich doch noch ein paar gravierende Abstriche gab.

Pluspunkte für Originalität, Spannungsaufbau, Charaktere und Schreibstil, schwerwiegende Abzüge für die Auflösung.

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1.012 Bibliotheken, 34 Leser, 2 Gruppen, 200 Rezensionen

dystopie, flawed, jugendbuch, cecelia ahern, fehlerhaft

Flawed – Wie perfekt willst du sein?

Cecelia Ahern , Anna Julia Strüh , Christine Strüh
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei FISCHER FJB, 29.09.2016
ISBN 9783841422354
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Als ich das erste Mal hörte, dass Cecelia Ahern eine Dystopie für Jugendliche geschrieben habe, war ich verdutzt. Cecelia Ahern? Eine Dystopie?! Schließlich war die Autorin bisher für ihre an ein erwachsenes Publikum gerichteten Liebesgeschichten und ihre emotionale Gegenwartsliteratur bekannt. Zugegeben, ich war skeptisch, aber meine Neugier war geweckt!

In den letzten Jahren sind unglaublich viele Dystopien erschienen, so dass man manchmal das Gefühl hat, alles wiederholt sich, es gibt nichts Neues mehr... Aber Cecelia Ahern, die aus einer ganz anderen literarischen Richtung kommt, schafft es in meinen Augen gerade dadurch, dennoch eine Geschichte zu erzählen, die sich neu und unverbraucht liest - trotz Parallelen zu klassischen Dystopien wie "1984".

Sie beschwört eine Zukunft herauf, in der eine außer Kontrolle geratene politische Institution versucht, moralische Perfektion zu erschaffen. Die kleinsten Verfehlungen werden mit absurder Strenge geahndet - und das lebenslänglich. denn die "Fehlerhaften" werden gebrandmarkt, bewusst ausgrenzt und in ihren Grundrechten beschnitten. Interessant fand ich hierbei besonders die Rolle der Medien; die Autorin zeigt überdeutlich, wie fatal es ist, wenn mediale Macht und politischer Macht Hand in Hand gehen.

Der Umbruch beginnt mit etwas, mit dem auch im realen Leben einmal eine Bürgerrechtsbewegung begann: damit, dass ein Mensch im Bus auf dem falschen Platz sitzt. (Ich vermute, dass die Autorin diese Parallelen ganz bewusst so geschrieben hat.) In unserer Realität war es die Afroamerikanerin Rosa Parks, die sich weigerte, ihren Sitzplatz für einen weißen Fahrgast aufzugeben, in diesem Buch ist es die 17-jährige Celestine, die einem "Fehlerhaften" zu einem Sitzplatz verhilft.

Wegen dieses einen "Fehlers" wird Celestines Leben komplett aus der Bahn geworfen, und wie sie damit umgeht, und wie beide Seiten der Debatte versuchen, sie für die eigenen Zwecke zu benutzen, las sich für mich spannend von der ersten bis zur letzten Seite - obwohl das Buch durchaus auch Schwachstellen hat.

Am Anfang erschien mir Celestine als schwacher Charakter: naiv, wenig interessiert an Politik oder ethischen Fragen, privilegiert, oberflächlich und selbstsüchtig. Sie mag Logik. Sie löst gerne Probleme. Aber ihre Welt ist schwarzweiß: alles ist gut oder böse, und die Regeln sind absolut und werden nicht hinterfragt. Ob die "Fehlerhaften" ihre Strafen verdient haben, beschäftigt sie daher nicht - bis es sie selbst betrifft.

Und dennoch... Wenn es hart auf hart kommt, wenn sie an einem ethischen oder moralischen Wendepunkt steht, trifft sie die richtigen Entscheidungen und findet die richtigen Worte. Ich hatte das Gefühl, dass Celestine eigentlich ein intelligentes, mitfühlendes Mädchen ist, das gerade erst damit beginnt, 17 Jahre der Gehirnwäsche abzuschütteln.

Die anderen Charaktere bleiben zum Teil eher blass, wie zum Beispiel ihre rebellische Schwester Juniper oder ihre Mutter, die als gefragtes Model der Inbegriff der Perfektion ist. Auch über ihren Freund Art hätte ich gerne mehr erfahren.

Am Problematischsten fand ich allerdings Carrick, der nach Celestines Verhaftung in der Nachbarzelle sein Urteil erwartet. Obwohl die Zellen schalldicht sind und sie sich nicht mal unterhalten können, fixiert sich Celestine schnell auf ihn, und das nimmt im Laufe des Buches in meinen Augen ungesunde Züge an. Gut, in einer Extremsituation fühlt man sich sicher hingezogen zu dem einzigen Menschen, der in der gleichen Lage steckt und einen verstehen kann, aber sie interpretiert nach nur wenigen Tagen eine Nähe in ihre "Beziehung" hinein, die es eigentlich noch gar nicht geben kann, weil sie nichts übereinander wissen.

Ich verrate jetzt mal nicht, ob aus dieser Fixierung eine tatsächliche Beziehung wird oder nicht, aber besonders gegen Ende war ich nicht glücklich damit, wie sich diese Sache entwickelt hat. Überhaupt hatte ich gegen Ende den Eindruck, dass manches überstürzt und nicht vollständig durchdacht abgewickelt wurde.

Den Schreibstil fand ich im Großen und Ganzen sehr angenehm und flüssig zu lesen. Meist konnte die Autorin mich damit mühelos in ihren Bann ziehen, nur manchmal fehlte mir in einer Szene das Gefühl, wirklich mitfiebern zu können, weil die Emotionen bei mir nicht ankamen.

Fazit:
Bei fehlerhaften Entscheidungen ist es die Schläfe.
Wenn jemand lügt, die Zunge.
Wenn jemand die Gesellschaft bestohlen hat, die rechte Handfläche.
Bei Illoyalität gegenüber der Gilde die Brust direkt über dem Herzen.
Bei gesellschaftlich inakzeptablem Verhalten die rechte Fußsohle.

In Cecelia Aherns erster Dystopie werden schon kleinste moralische Fehlentscheidungen mit Brandmarkung und Beschneidung der Grundrechte geahndet. Die 17-jährige Celestine bringt unbeabsichtigt den Stein des Umsturzes ins Rollen und muss schnell feststellen, dass die politischen Anführer, die Perfektion verlangen, oft diejenigen sind, die am meisten lügen und betrügen... Das liest sich spannend und unterhaltsam, auch wenn Celestine es dem Leser erst nicht leicht macht und manche Charaktere eher blass bleiben.

Ob die Dystopie mich im Endeffekt wirklich überzeugen wird, hängt davon ab, wie gewisse Dinge im zweiten Band aufgelöst werden, aber den ersten Band würde ich dennoch (vorsichtig) empfehlen.

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75 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 9 Rezensionen

weihnachten, liebe, besinnung, familie, wiedergutmachung

Der Weihnachtswunsch

Richard Paul Evans , Anita Krätzer
Flexibler Einband: 284 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 14.10.2011
ISBN 9783404165865
Genre: Romane

Rezension:


Im Grunde ist "Der Weihnachtswunsch" eine moderne Variante des bekannten Weihnachtsmärchens von Charles Dickens:

Der reiche Karrieremensch James muss an Weihnachten erkennen, was für ein selbstsüchtiges, leeres Leben er führt und wie vielen Menschen er damit geschadet hat, und das rüttelt ihn dermaßen auf, dass er Besserung gelobt. Deswegen bittet er seine Sekretärin, ihm eine Liste mit den Menschen zu erstellen, die am meisten unter ihm gelitten haben, und macht sich auf den Weg, sie nacheinander aufzusuchen und den Schaden, den er angerichtet hat, wieder gutzumachen.

Die Geschichte ist also nicht unbedingt etwas Neues, aber ich fand sie interessant, unterhaltsam und berührend umgesetzt. Ich war angenehm überrascht, dass der Autor es James nicht zu einfach macht - der reumütige Büßer muss schnell erkennen, dass man sich Vergebung nicht mal so eben erkaufen und Unrecht nicht immer ungeschehen machen kann. Nicht jeden Punkt auf der Liste kann James abhaken. Und mehr und mehr begreift er, dass seine Reue von Herzen kommen muss, aus dem ehrlichen Wunsch heraus, zu helfen - und nicht aus dem Wunsch heraus, das eigene Gewissen zu beruhigen.

Religion und Glaube spielen in diesem Buch eine Rolle, stehen aber nicht im Mittelpunkt; man kann auch als nicht religiöser Mensch etwas für sich mitnehmen. Für mich ist es ein Buch, das dazu anregt, auch mal über das eigene Verhalten nachzudenken und sich vorzunehmen, jetzt, in der Gegenwart, alles zu tun, damit man in der Zukunft nichts bereuen muss.

Anfangs hatte ich nicht erwartet, mich mit James anfreunden zu können, so egoistisch und skrupellos ist sein Verhalten. Aber natürlich erfährt man im Laufe des Buches noch, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass ein Mann, der in jungen Jahren freundlich, hilfsbereit und warmherzig war, sich dermaßen in einen eiskalten Geschäftsmann verwandelt, und das hat mich halbwegs mit ihm versöhnt. Vergebung ist ein wichtiges Thema in diesem Buch, und James tut wirklich sein Möglichstes, um sie sich auch zu verdienen.

Natürlich geht seine Wandlung sehr schnell vonstatten und das ist sicher nicht ganz realistisch, aber das hat mich nur wenig gestört, schließlich verwandelt sich auch in Dickens' Weihnachtsmärchen Ebenezer Scrooge quasi über Nacht! Von einem Weihnachtsbuch erwahrte ich weniger Realitätsnähe als von einem regulären Roman.

Auch die anderen Charaktere haben mir an sich gut gefallen, denn auch diejenigen, die nur kurz auftauchen, haben alle ihre ganz persönliche Geschichte und wirkten auf mich glaubhaft und lebendig. Allerdings hätte ich mir bei vielen der Menschen auf James' Liste gewünscht, noch wesentlich mehr über sie zu erfahren! Sie wurden zum Teil eben doch sehr schnell abgehakt, und auf zum nächsten.

Der Schreibstil ist eher einfach, aber angenehm und flüssig zu lesen, und so hatte ich das Buch dann auch in nur einer Nacht durch.

Das Ende ist eine bittersüße Mischung, bei der nicht alles gut ausgeht, es aber doch in allem auch Hoffnung gibt, und das macht es für mich trotz kleiner Kritikpunkte zu einem schönen Weihnachtsbuch.

Fazit:
Der reiche Geschäftsmann James liest seinen eigenen Nachruf in der Zeitung - ein Versehen, das ihm die Augen öffnet, denn nun fühlt sich alle Welt frei, sich darüber auszulassen, was für ein skrupelloser Fiesling er doch war. Und jetzt, wo er so darüber nachdenkt, stellt er fest: sie haben recht. Also bittet er seine Sekretärin, ihm eine Liste mit den Menschen zu erstellen, denen er am meisten geschadet hat, und zieht los, das Unrecht wiedergutzumachen.

"Der Weihnachtswunsch" ist für mich kein Buch, das man unbedingt gelesen haben muss, aber es ist ein nettes Buch für zwischendurch, wenn man im Weihnachtstrubel mal ein wenig die Seele baumeln lassen will, das aber dennoch zum Nachdenken anregt. Natürlich ist nicht alles realistisch, aber der Autor lässt durchaus auch manches bittersüß enden.

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200 Bibliotheken, 21 Leser, 1 Gruppe, 31 Rezensionen

magie, wald, drache, fantasy, hexe

Das dunkle Herz des Waldes

Naomi Novik , Marianne Schmidt , Carolin Liepins
Fester Einband
Erschienen bei cbj, 21.11.2016
ISBN 9783570172681
Genre: Jugendbuch

Rezension:


"Das dunkle Herz des Waldes" hat seine Wurzeln in der slawischen Mythologie, was wenig verwundert, war die Autorin doch als Kind schon begeistert von den vielfältigen polnischen Märchen, mit denen sie aufwuchs. Diese Begeisterung spürt man in jeder Zeile, denn auch dieses Buch liest sich wie ein wunderbares Märchen voller Magie und üppiger Atmosphäre. Zeitlose Fantasy, die ein altbekanntes Thema aufgreift - das unschuldige junge Mädchen, das von einem bedrohlichen, scheinbar bösen Mann entführt wird und mit ihm leben muss - und daraus dennoch etwas ganz Eigenes macht.

Agnieszka ist von klein auf mit dem Wissen aufgewachsen, dass sie einmal eines der 'Drachenmädchen' sein würde, die dem 'Drachen' als möglicher Tribut präsentiert werden. Aber sie hätte es nie für möglich gehalten, dass er sie tatsächlich auswählen könnte, denn sie ist unscheinbar, ungeschickt und nicht sonderlich hübsch! Aber er wählt sie aus - jedoch widerwillig und sogar zornig, denn er hat keine andere Wahl... Mir hat gut gefallen, dass Agnieszka keineswegs perfekt ist, denn das machte sie für mich umso glaubhafter und sympathischer. Und so wie der Drache im Laufe der Geschichte lernt, über das Äußerliche hinwegzusehen und ihren Wert zu erkennen, gewinnt sie selber an Selbstbewusstsein und wird zur Heldin ihrer eigenen Geschichte. Ich fand sie liebenswert, intelligent, unglaublich einfallsreich und mutig, und dennoch immer überzeugend und authentisch.

Sarkan, der 'Drache', erscheint erst wenig sympathisch: meist schlecht gelaunt, oft zornig, manchmal sogar vermeintlich angewidert von Agnieszka, die es immer wieder schafft, ihre edlen Kleider zu beschmutzen oder zu zerreißen, der dafür aber keiner der Zaubersprüche gelingt, die er ihr beibringen will. Er ist nicht freundlich zu ihr, ganz im Gegenteil. (Mehr als einmal hat er mich an Severus Snape aus "Harry Potter" erinnert, übrigens auch optisch!) Dennoch haben die beiden von Anfang an eine großartige Chemie. Auch Sarkan verändert sich im Laufe des Buches, wächst an seinen Erlebnissen, und trotzdem bleibt er immer er selbst. Ich war beeindruckt davon, wie die Autorin es schafft, mir einen so schwierigen, sturen und harschen Charakter trotz allem sympathisch zu machen.

Die Liebesgeschichte fand ich wunderbar, denn es prickelt von Anfang an deutlich spürbar zwischen Agnieszka und Sarkan, auch wenn er das wirklich nicht wahrhaben will und erstmal versucht, es zu ignorieren. Allerdings nimmt das eine eher kleine Rolle in der Geschichte ein.

Zitat:
"Dann wanderte sein verblüffter Blick zu mir, und zum ersten Mal sah ich ihn verunsichert, als ob er unvorbereitet in etwas hineingestolpert wäre. Seine langen schmalen Hände legten sich um meine und gemeinsam hielten wir die Rose geborgen. Magie sang in mir und durchdrang mich. Ich spürte das Murmeln der Macht des Drachen wie einen Gegengesang desselben Liedes."

Das Magiesystem in dieser Welt fand ich sehr interessant, gerade weil Sarkan und Agnieszka zwei ganz unterschiedliche Arten von Magie verkörpern: er wirkt Magie, in dem er sich rigoros und genau an Zaubersprüche und Beschwörungen hält, während ihre Magie etwas Fließendes, Lebendiges ist. (Was irgendwie auch ihre Persönlichkeiten widerspiegelt.) Überhaupt kam mir die Welt schlüssig und in sich stimmig vor, und dieser Weltentwurf bietet eine solide Grundlage für eine spannende Geschichte voller Monster, geheimer Intrigen und Magie. Ich habe das Buch immer nur widerwillig weggelegt und hätte es am liebstem am Stück gelesen.

Der Schreibstil hat mich direkt in seinen Bann gezogen, mit seiner ganz eigenen Sprachmelodie  und lebendigen Bildern. Allerdings muss ich sagen, dass das in der Übersetzung deutlich abgeschwächt ist, oder so kam es mir zumindest vor! Ich habe das Buch hauptsächlich auf Englisch gelesen, aber auch ein paar Kapitel auf deutsch, und besonders die (wenigen!) Liebesszenen haben im Original einen deutlich natürlicheren Fluss und eine poetischere Sprache. Aber schlecht ist die Übersetzung dennoch nicht, und wenn man die Szenen nicht in direkten Vergleich setzt, fehlt einem beim Lesen wahrscheinlich auch nichts.

Fazit:
"Das dunkle Herz des Waldes" ist ein zauberhaftes, ungewöhnliches Fantasymärchen, das auf slawischer Mythologie beruht. Besonders eingenommen haben mich die dichte düstere Atmosphäre und die fließend-poetische Sprache, aber auch der originelle Weltentwurf hat mich überzeugt. Vielschichtig, komplex, überraschend, mit einer Prise Romantik und einer Spur Grusel, hat mich das Buch von der ersten Seite an nicht mehr losgelassen!

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12 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

dorfgemeinschaft, missbrauch, lehrerin, thrille, mor

Aschenkind

Sofie Rathjens
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 14.11.2016
ISBN 9783746632834
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Ich zögere ein wenig damit, dieses Buch einen Thriller zu nennen. Für mich ist es eher ein düster-atmosphärischer Krimi, der sich auszeichnet durch eine eigenwillige Ermittlerin und einen 
oft lyrischen, gelegentlich philosophischen Schreibstil. Aber egal, wie man es nun nennen will, Thriller, Krimi oder Roman mit Spannungselementen, für mich ist es auf jeden Fall ein lohnendes Buch. 

Ein Roman hat bei mir schon halb gewonnen, wenn er mich nach nur wenigen Seiten aufhorchen lässt - wenn ich da bereits sicher bin, dass das Buch noch lange in mir nachhallen wird, weil es einfach etwas ganz Neues, Unverbrauchtes ist, das ich so noch nie gelesen habe. Und das war bei "Aschenkind" definitiv der Fall. Dabei sind es nicht so sehr die harten Fakten, die Eckpunkte der Handlung, die das Buch zu etwas so Eigenem machen, sondern die Art und Weise, wie sie erzählt werden. 

Ich habe mich öfter bei dem Gedanken ertappt, dass die Mordfälle nur die Kulisse sind. Dass es eigentlich um grundlegendere Fragen geht: um menschliche Ängste, Zweifel, Wünsche und moralische Dilemmas. Und dennoch liest sich das nicht langweilig und trocken, sondern durchaus sehr spannend. Nicht nur, weil die Mädchen, die sterben, das nun wirklich nicht verdient hatten und man als Leser will, dass der Mörder wenigstens seine gerechte Strafe bekommt, sondern auch, weil man als Leser nie sicher sein kann, woran man eigentlich ist, wem in dieser Geschichte man trauen kann und wem nicht.  

Und diese Unsicherheit liegt zum großen Teil in der Protagonistin begründet: der jungen Lehrerin Leonie, die gerade ihre neue Stelle in einem kleinen Dorf angetreten hat, aber direkt in den ersten Tagen ein totes Mädchen im Feld findet. Und weil sonst niemand in der Lage scheint, das aufzuklären, macht sie sich eben selber daran, auf ihre ganz eigene Art. 

Meine ersten Notizen zu Leonie waren: "Todessehnsucht?", "sonderbar!", "Schwermut" und "hochintelligent", und diese Eindrücke haben sich im Laufe des Buches noch verstärkt. Je mehr ich über sie las, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass sie vielleicht auf den ersten Blick erscheint wie eine ganz normale junge Frau in einem ganz normalen angesehenen Beruf, dass diese Normalität aber fast schon eine Art Maske ist. Sie sagt an einer Stelle über sich selbst:

Zitat: 
"Ich bin das schwarze Schaf, nur in der Dunkelheit sehe ich aus wie alle anderen. Jeden Tag warte ich auf sie. Manchmal habe ich das Gefühl, es ist auch anders herum. " 

Die meisten Menschen in diesem Buch werden davon angetrieben, was sie nicht haben, aber verzweifelt haben wollen, auch wenn es ihnen selbst nicht bewusst ist. Leonie ist es bewusst, und ihr ist auch bewusst, wie destruktiv dieses verzweifelte Wollen sein kann.  

Sie sieht Dinge anders als andere Menschen, sie bemerkt viel mehr. Sie erfasst die Quintessenz einer Situation, einer Sache, eines Menschen, aber man hat das Gefühl, dass sie nur deswegen so viel sieht, weil sie außerhalb steht, alleine und ungebunden, und daher einen unverfälschten Blick hat. Ihre Einsamkeit wirkte auf mich gleichzeitig ungerührt und zutiefst traurig. 

Eigentlich wäre es die Aufgabe des Polizisten Wahnknecht, die Morde aufzuklären, aber dem geht bei der Ermittlung jegliche Innovation ab, weswegen er mit einem Mörder dieser Art schlichtweg überfordert ist. Auf mich wirkte er zaudernd, schwach, etwas blass, und deswegen gelingt es ihm auch kein bisschen, Leonie darin zu bremsen, sich in den Fall einzumischen. 

Der Schreibstil ist in meinen Augen außergewöhnlich, mit interessant konstruierten Sätzen und originellen Bildern. Nachdenklich, lyrisch, schwermütig, düster, aber immer mit wunderbarer Sprachmelodie und sehr ästhetisch geschrieben - und vor allem unverwechselbar. 

Zitat: 
"Angst hat viele Gesichter, aber letztlich bedeutet sie immer nur eines: das Ende. Mit einem Wimpernschlag macht es das, was ist, zu dem, was nicht mehr existiert, und reißt es aus uns heraus. Das ist alles, aber es tut am meisten weh. Ich mache einen Schritt auf [ ihren ] reglosen Körper zu, bis wir einander betrachten. Dann greife ich vorsichtig nach ihrer Hand. Lächle [ sie ] an. Könntest du nicht vielleicht etwas sagen? Nur irgendetwas?" 

Der Handlungsstrang mit der alten Dorflegende, nach der ein Geist Mädchen ermordet, um seinen eigenen Tod zu rächen, kam mir etwas halbherzig vor und erzeugte meines Erachtens auch nur wenig Spannung. Aber ansonsten hat mir das Buch sehr gut gefallen. 

Fazit:
Leonie ist jung, ungebunden und hat gerade eine Stelle als Lehrerin in einem kleinen Dorf angetreten. Mit ihrer unkonventionellen Art macht sie sich jedoch keine Freunde, und als sie ein totes Mädchen im Feld findet, beginnt sie auch noch damit, sich ungefragt in die Ermittlungen einzumischen. 

Mir hat das Buch vor allem wegen seiner dichten Atmosphäre und seines ungewöhnlichen, aber ansprechenden Schreibstils sehr gut gefallen, allerdings würde ich es nicht als "Thriller" bezeichnen. Ich fand es spannend, es ist in meinen Augen aber eine eher ruhige, unterschwellige Spannung, und ich denke, daran könnten sich die Geister scheiden. Das Gleiche gilt für die Protagonistin, die man durchaus als sonderbar bezeichnen könnte und die sich selber als Außenseiterin sieht, die Unglück bringt, ohne es darauf anzulegen. Sie ist hochintelligent, aber auch kompromisslos und macht es dem Leser daher nicht immer einfach, sie zu mögen. 

Mich hat das Buch von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt, gerade weil die Leonie in keine Schublade stecken lässt. 

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50 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 19 Rezensionen

thriller, psychothriller, stockholm, kindermädchen, serie

Glücksmädchen

Mikaela Bley , Katrin Frey
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 10.02.2017
ISBN 9783548288444
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


"Glücksmädchen" ist für mich eher ein (Familien-)Drama als ein Thriller.

Zwar enthält das Buch durchaus brauchbare Zutaten für einen Thriller (das entführte Kind, die Drohungen gegen die Protagonistin und so weiter), aber wenn ich darüber nachdenke, was ich beim Lesen gedacht und empfunden habe, denke ich nicht an nervenzerfetzende Spannung oder intelligent konstruierte falsche Fährten. Ich denke daran, wie Seite um Seite das Bild eines traurigen, vereinsamten Kindes entsteht, das immer beiseite geschoben wurde und niemals ganz oben auf der Prioritätenliste seiner Eltern stand. Die Mutter ist kalt, der Vater beschäftigt mit seiner neuen Familie, die Schwiegermutter könnte aus Grimms Märchen entsprungen sein. In der Schule ist Lycke unsichtbar. Das wahre Drama hat lange vor ihrem Verschwinden begonnen, und dabei bedeutet ihr Name doch "Glück".

Auch die Protagonistin, Ellen Tamm, trägt ein stilles, bleiernes Unglück mit sich herum. Seit ihrem 8. Lebensjahr, als ihre Zwillingsschwester Elsa starb, ist sie gefangen in einer Dauerschleife der Selbstvorwürfe, der Trauer und das Zorns. Sie ist Kriminalreporterin geworden, weil sie fasziniert ist vom Tod, besessen vom Tod, als könne sie damit den Verlust ihrer zweiten Hälfte erträglicher oder zumindest erklärlicher machen.

Sie stürzt sich mit wilder Entschlossenheit auf den Fall Lycke und sie will nicht nur eine gute Story - sie will das Mädchen finden. Lebend. Dafür opfert sie ihre Freizeit, organisiert Suchaktionen, macht sich auf der Arbeit unbeliebt und befragt Zeugen. Und damit will sie auch endlich mit ihrer persönlichen Tragödie abschließen können.

Das alles ist durchaus interessant, es berührt, aber richtige Thriller-Spannung kam für mich einfach nicht auf. Ja, es gibt Drohungen gegen Ellen, ja, es passieren merkwürdige Dinge, aber ich hatte nie das Gefühl einer tatsächlichen Bedrohung. Ellens Drama und Lyckes Drama laufen trotz allem merkwürdig zusammenhangslos nebeneinander her, und ich hatte am Ende nicht den Eindruck, dass sich ein stimmiges Gesamtbild ergibt. Vieles bleibt unerklärt, vieles scheint im Rückblick aufgebauscht, bedeutungslos oder unglaubwürdig.

Die Charaktere erschienen mir erst stereotyp und daher farblos. Die böse Stiefmutter. Die kalte Mutter. Der untreue Vater. Die depressive Ermittlerin. Der überdrehte, schwule beste Freund.

Am nächsten kommt der Leser Ellen, und die war mir anfangs nicht sonderlich sympathisch. Allerdings ist sie eine Frau unter enormem Stress, was vieles erklärt und entschuldigt, und im Laufe des Buches ist sie mir dann doch noch ans Herz gewachsen, auch wenn ihr Verhalten mir nicht immer logisch oder realistisch vorkam. Ein paar der anderen Charaktere habe ich zunehmend gehasst, was aber eigentlich ein Verdienst der Autorin ist: man hasst einen Charakter nicht, wenn er nicht etwas in einem hervorruft! Besonders Chloe, die Stiefmutter, hat eine Menge in mir hervorgerufen, ich hätte ihr alle paar Seiten den Hals umdrehen können. Das muss ein Buch auch erstmal schaffen.

Etwa aber der Hälfte habe ich mich zunehmend mit dem Buch angefreundet, nachdem ich es innerlich aus der Schublade "Thriller" herausgenommen und stattdessen in die Schublade "Drama" gesteckt hatte. Gegen Ende war ich fast vollständig damit versöhnt und in die Geschichte eingetaucht - die Auflösung konnte mich dann aber leider nicht überzeugen. Sie beruht auf etwas, das Ellen nicht eigenständig herausgefunden hat und woran sie auch nur durch eine zufällige Begebenheit im richtigen Moment denkt.

Überhaupt gibt es meines Erachtens im ganzen Buch nur wenige echte Ermittlungen, die man als Leser auch nachvollziehen kann. Wenn Ellen etwas wissen muss, gibt sie es meist an ihre Kollegin weiter, die anscheinend in kürzester Zeit so ziemlich alles ermitteln kann, ohne dass jemals erklärt wird, wie eine Journalistin ohne polizeiliche Befugnisse das hinbekommt. Oder Ellen fragt ihren Kontaktmann bei der Polizei, womit sie auch wieder aus der eigentlichen Ermittlungstätigkeit raus ist.

Der Schreibstil ist gut lesbar, blieb mir aber nicht als besonders bemerkenswert in Erinnerung. Die Dialoge haben allerdings zum Teil keinen natürlichen Fluss, und ich hatte öfter das Gefühl, dass der Tonfall der bisherigen Charakterisierung eines Protagonisten zuwiderlief. Auch die Metaphern kamen mir oft nicht ganz stimmig vor:

"Sie sahen aus wie zwei nasse Hunde, die am liebsten nach Hause wollten, um sich mit einem warmen Kakao aufzuwärmen." 

Fazit:
"Glücksmädchen" ist für mich weniger ein Thriller als ein Drama.

Kurz gesagt: Die kleine Lycke verschwindet, und auf einmal interessiert sich das ganze Land für ihr Schicksal. Inmitten des tosenden Mediensturms engagiert sich die Kriminalreporterin Ellen besonders für den Fall, da ihre Zwillingsschwester Elsa vor vielen Jahren verschwand, als sie in Lyckes Alter war. Die Suche wird für Ellen zu einer Aufarbeitung ihrer Trauer und Wut, schnell muss sie jedoch feststellen, dass sich vor Lyckes Verschwinden niemand so richtig um das vernachlässigte Mädchen gekümmert hat. 

Die Geschichte ist durchaus interessant, aber nicht auf die Art und Weise spannend, die man von einem Thriller erwartet. Die Charaktere fand ich eher blass, und in meinen Augen ist die Handlung auch nicht immer logisch, realistisch und in sich stimmig. Vor allem geht die Autorin oft darüber hinweg, wie genau eine bestimmte Information gewonnen wurde, was mich bei einem Thriller doch stark interessieren würde! Die Auflösung konnte mich leider überhaupt nicht überzeugen.

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470 Bibliotheken, 4 Leser, 4 Gruppen, 127 Rezensionen

krimi, mord, zorn, regen, schröder

Zorn - Tod und Regen

Stephan Ludwig
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 26.04.2012
ISBN 9783596193059
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


»Du musst die 'Zorn'-Reihe lesen!«, erzählen SIE mir seit Monaten mit schöner Regelmäßigkeit.
»...muss ich?«
»Unbedingt!«

Dann folgen für gewöhnlich kleine Anekdoten über Stephan Ludwig, seine tollen Lesungen oder die amüsanten FB-Beiträge seines fiktiven Hauptkommissars. Der ist übrigens Kettenraucher, faul und mürrisch, und trotzdem ein Hit bei den Frauen.

Klasse.

Bei mürrischen, faulen Kettenrauchern bin ich ja immer erstmal skeptisch. So rein aus Prinzip, weil mir von Zigarettenrauch schlecht wird. Aber SIE bestehen darauf, dass die Zorn-Krimis einfach verdammt guter Stoff sind, Zigaretten hin oder her. Wer SIE sind? Die Teilnehmerinnen des illustren Krimi-Lesekreises, den die Buchhandlung zwei Orte weiter einmal im Monat ausrichtet. Krimi-Expertinnen, sozusagen.

Jaja.

Schon gut. Ihr hattet ja recht.

In meinen Augen ist das Buch eine gelungene Mischung aus Spannung, unerwarteten Wendungen, lebendigen Charakteren und einem trockenen, ein bisschen bösen Humor. Keines dieser Elemente alleine würde mehr als einen passablen Krimi abgeben, aber in der originellen Kombination ist die Geschichte unschlagbar und macht eine Menge Spaß, ist aber trotzdem was zum Miträtseln und Mitfiebern. 

Es gibt für einen Krimileser einerseits nichts Enttäuschenderes, als auf Seite 100 schon zu wissen, wer gemordet hat und warum, andererseits will man aber auch nicht das Gefühl haben, dass die Lösung vom Himmel gefallen ist. Insofern ist "Zorn" für mich ein gut konstruierter Krimi, denn im Rückblick sind die Hinweise alle da, beim Lesen konnte ich die Puzzleteilchen* jedoch bis zum Schluss nicht zu einem vollständigen Bild zusammensetzen.

* Die Autokorrektur wollte gerade 'Leichenteilchen' daraus machen, ohne Scherz!

Also: Spannend? Ja. Logisch? Auch. Und so nach und nach stellt sich die Geschichte als vielschichtiger heraus, als man am Anfang vermutet hätte. 

Die Gewalt ist brutaler, als ich erwartet hatte, bleibt aber meist (nicht immer!) eher angedeutet und wird nicht detailliert beschrieben. Das macht sie jedoch nicht weniger erschreckend und nimmt ihr auch nichts ihrer Bedeutung, und deswegen finde ich das auch verdammt gut geschrieben. 

Bei Formulierungen wie "kurz darauf barsten die Wände, der Wahnsinn stand brüllend im Raum, öffnete dem Horror die Tür" läuft es mir schon kalt den Rücken runter. Danach brauche ich keine detailliertere Beschreibung mehr als diese: 

"Und er hatte nicht nur das Messer, sondern andere, ebenso spitze, chromglänzende Werkzeuge. 
Und er benutzte sie alle. Es dauerte drei Stunden, bis sie den Verstand verlor, und weitere zwei, bis sie endlich sterben durfte." 

(Leichenteilchen? Als hätte die Autokorrektur es geahnt.) 

Der Schreibstil ist großartig, denn der Autor beherrscht die verschiedensten Tonarten. Eine Szene kann erschreckend und grausam sein, mit Beschreibungen voller Atmosphäre, und trotzdem irgendwie auch witzig - wobei einem das Lachen dann doch oft im Halse stecken bleibt. Was der Schreibstil jedenfalls nie ist, ist abgedroschen oder langweilig.

Das Großartigste an diesem Buch sind für mich der Humor und die liebevoll beschriebenen Charaktere, allen voran der mürrische Zorn und sein fröhlicher Kollege Schröder. Zorn würde sich ja lieber ins Bein beißen als es zuzugeben, aber er hegt tatsächlich viel Zuneigung und später auch Bewunderung für den kleinen Mann. Während Zorn seine Arbeit hasst und faul seiner Rente entgegensicht, ist Schröder einer, der anpackt und den man niemals unterschätzen sollte, und das erkennt Zorn insgeheim widerwillig an. Die Zwei sind ein witziges, aber auch erstaunlich gut funktionierendes Ermittlerteam.

Auch die anderen Charaktere fand ich gut und glaubhaft geschrieben, und der ein oder andere enthüllt im Laufe des Buches unerwartete Seiten.

Zitat:
"»Keine Leiche?«, fragte er über die Schulter, betrat den Fahrstuhl und drückte, ohne auf Schröder zu warten, den Knopf für die oberste Etage.
»Nichts, Chef.«
Zorn schwieg. Leise surrend fuhr der Fahrstuhl nach oben, und da Schröder die Stille in dem engen Raum zunehmend unangenehm wurde, meinte er nach kurzem Überlegen: »Keine Spur. Nix.«
Zorn schwieg noch immer. 
»Niente!«, sagte Schröder. Ab und zu verspürte er das unerklärliche Bedürfnis, mit seinen Fremdsprachenkenntnissen zu protzen, und fügte deshalb hinzu: »Nothing, Chef!«
Zorn hob die Augenbraue.
»Nada!«, ergänzte Schröder. 
»Pling!«, erwiderte der Fahrstuhl. 
»Nitschewo!«, sagte Schröder. 
Die Türen öffneten sich. »Ein einfaches Nein hätte genügt«, brummte Zorn und wappnete sich innerlich gegen seinen ersten Gegner."

Was ich übrigens erfrischend fand: in vielen Krimi-Reihen könnte man den Eindruck gewinnen, die Stadt, in der sie spielen, müsse bestimmt bald aussterben, weil die Ermittler am laufenden Band Mordfälle bearbeiten. Dabei gab es im Jahr 2015 in ganz Deutschland 296 Mordfälle - da kann man sich ja ausrechnen, dass nicht auf jeden Ermittler in jeder Stadt eine Leiche pro Woche kommt. Und so denkt Claudius Zorn hier auch ganz realistisch darüber nach, dass er seit drei Jahren keinen Mordfall mehr bearbeitet hat!

Fazit:
Die Mitglieder unseres Krimi-Lesekreises empfehlen mir die "Zorn"-Reihe seit Monaten. 

Immer wieder. Unermüdlich. 

Und jetzt weiß ich auch, warum: Hauptkommissar Zorn ist mürrisch, faul, Kettenraucher, eitel, angeberisch - und auf skurrile Art sympathisch und witzig. Dazu gesellt sich sein Kollege, der kleine, dicke, immer gut gelaunte Schröder, der in einigen Szenen zeigt, dass auch die Schröders dieser Welt wahre Helden sein können. Zusammen ermittelt das ungleiche Team in einem Mordfall, der sich als zunehmend verschachtelt und kompliziert erweist, und das kann in einem Satz noch zum Schreien komisch sein und im nächsten gruselig und spannend.

Gut geschrieben, gut konstruiert und definitiv was ganz Eigenes, von dem ich jetzt alle Bände lesen will. Ich kann mich meinen "Kolleginnen" vom Krimi-Lesekreis nur anschließen: Daumen hoch!

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30 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

jagdunfall, ch: niveau 2016, tradition, native americans, leben im reservat

Ein Lied für die Geister

Louise Erdrich , Gesine Schröder
Fester Einband: 444 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 17.10.2016
ISBN 9783351036461
Genre: Romane

Rezension:


"Ein Lied für die Geister" ist ein ungewöhnliches Buch, das mich noch lange beschäftigen wird. Tatsächlich ist es auch ein Buch, für das ich deutlich länger gebraucht habe, als ich das normalerweise für 444 Seiten tue - aber ich bitte darum, das nicht als Kritik zu verstehen, im Gegenteil. Manchmal muss man sich für die besten Dinge im Leben Zeit nehmen. 

Worin liegt jedoch der Zauber, der sich mit jeder Seite mehr entfaltet? Wenn ich die Geschichte auf ihre grundlegendsten Zutaten herunterbreche und nur diese betrachte, erscheinen sie mir öde, nüchtern, trostlos, deprimierend... Schlimmer noch, voll unterschwelligem Pathos. Die Geschichte im Ganzen ist in meinen Augen jedoch nichts davon. 'Magisch' würde mir da eher in den Sinn kommen, 'tiefgründig' oder 'bewegend'. Und ja, manchmal tragisch.

Es geht um viele Dinge, nicht nur um den Tod des kleinen Dusty und dessen Auswirkung auf die beiden betroffenen Familien. LaRose, der Junge, der Dustys Platz einnehmen soll, ist der fünfte Mensch dieses Namens in seiner Familie, wobei die erste vier alle Frauen waren. In Rückblicken erzählt die Autorin aus dem Leben der ersten vier LaRoses und spricht dabei das enorme in der Vergangenheit an den Indianern begangene Unrecht an, und die Zerissenheit ihrer Nachfahren zwischen den Kulturen. (Erdrichs Großvater mütterlicherseits war übrigens ein Häuptling der Chippewa.)

Der Schreibstil ist wunderbar und trügerisch. Mal karg, mal von schlichter Eleganz, dann wieder bewegend und voll emotionaler Tiefe. Wenn sich indianische Legenden und schonungslose Gegenwart vermischen, entsteht ein ganz eigener, magischer Realismus, und dennoch entbehrt die Geschichte nicht einem gewissen Humor.

Die scheinbare Einfachheit des Schreibstils täuscht vielleicht anfänglich darüber hinweg, wie authentisch und komplex die Charaktere sind, aber mit jeder Seite enthüllen sie dem Leser mehr von ihrer Persönlichkeit. Die Autorin scheut nicht davor zurück, sie bis an die Grenzen dessen zu treiben, was sie ertragen können, lässt ihnen aber immer den letzten Funken Hoffnung. Viele Charaktere zeigen im Laufe der Geschichte überraschende Eigenschaften, die den Leser zwingen, seine ersten Eindrücke zu überdenken.

Das trifft auf keinen davon so sehr zu wie auf Romeo:

Romeo, der Schmarotzer, der Widerling, der kleine Gauner, der in seinem Leben nichts erreicht hat, aber klaut, betrügt, lügt und sich mit Tabletten sein erbärmliches Dasein erträglich macht. Romeo und seine sinnlose, skrupellose Rache. Romeo, den man wirklich nur hassen kann.

Dachte ich.

Man erfährt später im Buch noch, welches Trauma und welcher Verrat ihn zu dem gemacht haben, der er ist, und dann hätte ich am liebsten um den loyalen, intelligenten Jungen geweint, der Romeo einmal war.

Die Geschichte hat meiner Meinung nach keinen klar strukturierten Handlungsbogen, entwickelt aber eine starke psychologische Spannung, weil man als Leser mitfiebert und mitleidet mit den Charakteren. Man muss sich allerdings darauf einlassen, dass nicht alles erklärt wird oder überhaupt erklärbar ist.

Fazit:
Der kleine Dusty wird bei einem Jagdunfall aus Versehen erschossen. Der Schicksalsschlag droht, zwei Familien zu zerstören: die des Jungen und die des erschütterten Todesschützen, Landreaux Iron. Dieser beschließt nach Anrufung seiner Ahnen, einer alten indianischen Tradition zu folgen und den trauernden Eltern seinen eigenen Sohn zu übergeben, den fünfjährigen LaRose. 

"Ein Lied für die Geister" setzt sich zusammen aus den Fragmenten verschiedener (fiktiver) Leben und überspannt mehrere Generationen. Es erzählt von Verlust, Schuld und Verrat, aber auch von Hoffnung, Vergebung und Loyalität, und das immer vor dem Hintergrund der Geschichte der indianischen Urbevölkerung in den USA.

In meinen Augen ist es ein außergewöhnliches Buch, dem man Zeit geben muss und von dem man keine einfachen Lösungen erwarten sollte, das aber dennoch sehr lohnend ist.

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82 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 12 Rezensionen

thriller, true-crime-autorin maggie rose, isle of wight, thrille, er liebt sie nicht

Er liebt sie nicht

Sharon Bolton , Marie-Luise Bezzenberger
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Manhattan, 03.10.2016
ISBN 9783442547678
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


So ein richtig spannender Thriller muss mich dazu bringen, dass ich die Nacht durchlese und das Buch dann morgens beim Anblick meiner Augenringe im Spiegel verfluche. Das hat "Er liebt sie nicht" auch definitiv geschafft - aber nach zwei Nächten mit nur wenig Schlaf tippe ich diese Rezension dennoch nicht 100%ig begeistert.

Aber fangen wir erstmal mit etwas Positivem an: Die Geschichte ist erfrischend originell und umschifft dabei gekonnt die Klischees des Genres. Eine Anwältin, die nebenher sehr erfolgreich True-Crime-Bücher schreibt, wird von einem charismatischen Serienmörder gebeten, seinen Fall zu übernehmen, denn sie sei die Einzige, die überhaupt eine Chance hätte, ihn freizubekommen. Und nebenher bekommt sie es mit dem Polizisten zu tun, der den Mörder damals eingelocht hat und jetzt gar nicht begeistert davon ist, dass sie ihm den größten Fall seiner Karriere ruinieren will.

Klingt noch gar nicht so originell? Liest sich aber wirklich wie etwas ganz Neues, und das liegt zum Teil sicher an den ungewöhnlichen Charakteren.

Maggie Rose ist alles andere als eine typische Thrillerheldin. Denn die sind zwar oft starke Frauen, aber meistens mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn und einem Herzen aus Gold. Maggie dagegen wirkt auf den ersten Blick eiskalt und berechnend - und auch auf den zweiten, dritten und vierten. Sie verdient gutes Geld mit den Büchern, die sie über Mörder schreibt, und hat auch schon mehr als einen aus dem Gefängnis geholt, indem sie Lücken in den Beweisen aufdeckte, die zu seiner Verurteilung führten. Als Hamish Wolfe sie bittet, seinen Fall zu übernehmen, macht sie direkt deutlich, dass es ihr vollkommen egal ist, ob er die Frauen ermordet hat oder nicht. Sie interessiert nur, ob der Fall anfechtbar ist oder nicht.

Aber gerade wenn man denkt, sie wäre eine ziemlich einseitige Persönlichkeit, zeigt sie dann doch wieder unerwartete Eigenschaften - und ab und an sogar ein Gewissen und ein wenig Mitgefühl. Ich fand sie zwar nicht immer sympathisch, aber immer interessant!

Hamish Wolfe dagegen hatte es bei mir schwer, denn er soll wahnsinnig charismatisch sein, wirkte auf mich aber arrogant und überheblich. Allerdings lernt man schnell eine ganz andere Seite von ihm kennen: in Form von glühenden Liebesbriefen, die zunächst nicht näher erklärt, aber immer wieder zwischen Kapiteln eingestreut werden, ohne dass man weiß, wer die Empfängerin ist. Tatsächlich hatte ich im Laufe des Buches dann öfter das Gefühl, über völlig verschiedene Personen zu lesen, und habe mich gefragt: wer ist Wolfe wirklich? Ein Meister der Manipulation, ein brutaler Serienkiller, und das unschuldige Opfer einer perfiden Intrige? Die Autorin lässt den Leser zappeln.

Pete Weston, der Polizist, der Hamish damals geschnappt hat, war mir von den drei zentralen Charakteren am sympathischsten, aber auch bei ihm gilt, dass nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint... 

Im Laufe des Buches gibt es einige unerwartete Wendungen: Begebenheiten erscheinen in ganz neuem Licht, Personen erweisen sich als abgründiger als gedacht... Die Karten werden mehrfach neu gemischt - und auf einmal stellt der Leser fest, dass er sowieso die ganze Zeit dachte, man spiele ein völlig anderes Spiel. Und das ist wahnsinnig spannend und unterhaltsam, zumindest meiner Meinung nach. Als erfahrener Thrillerleser kann an sich eine entscheidende Wendung zwar ab einem gewissen Punkt schon denken, aber damit hat man noch lange nicht erraten, wie es ausgeht!

Gegen Ende hatte ich jedoch mehr und mehr den Eindruck, die Autorin übertreibe es damit, den Leser um jeden Preis in die Irre führen zu wollen. Ich hatte das Gefühl, auf einmal ein ganz anderes Buch zu lesen, denn das rasante Tempo konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der Auflösung nicht alles schlüssig zusammenpasste. Die letzten Szenen sind zwar actionlastig und schreien geradezu nach einer Verfilmung, sind in meinen Augen aber nicht gänzlich glaubwürdig.

Aber obwohl mich die Auflösung enttäuschte, war es im Großen und Ganzen dennoch ein gut geschriebener, unterhaltsamer Thriller. Die Frage ist, ob man nach einem großartigen Buch ein eher schwaches Ende verzeihen kann oder nicht. Ich habe dafür in meiner Bewertung einen Stern abgezogen.

Den Schreibstil fand ich sehr ansprechend und flüssig zu lesen. 

Fazit:
Eine eiskalte Anwältin. Ein charmanter Mörder. Und ein Kriminalfall, bei dem sich immer wieder alles ins Gegenteil verkehrt und der Leser nie sicher sein kann, was er glauben soll.

Den Großteil des Buches fand ich brillant kontruiert und geschrieben, aber gegen Ende verlor es in meinen Augen einiges an Glaubhaftigkeit. Dennoch bereue ich nicht, den Thriller gelesen zu haben, denn er  ist vielleicht nicht vollkommen schlüssig, aber dennoch sehr unterhaltsam.

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214 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 109 Rezensionen

thriller, wald, junggesellinnenabschied, ruth ware, mord

Im dunklen, dunklen Wald

Ruth Ware , Stefanie Ochel
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 23.09.2016
ISBN 9783423261234
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Unser Krimi-Lesekreis, der sich monatlich trifft, hatte dieses Buch für den Oktober 2016 ausgewählt. Dazu muss man sagen, dass wir uns im abschließenden Urteil, ob wir ein Buch nun Top oder Flop finden, meist erstaunlich einig sind! Aber dieses Mal stellte sich heraus, dass das Buch durchaus sehr unterschiedliche Meinungen hervorrief.

Ich fand das Buch großartig, das mal direkt vorneweg, aber eine andere Teilnehmerin eröffnete das Gespräch mit harscher Kritik: zu langatmig, es passiert zu wenig, die Charaktere sind unsympathisch... Eine andere meint später, diese Art von Geschichte habe man doch auch schon öfter gehört.

Um mal damit anzufangen: ja, das Szenario ist wirklich nicht ganz neu. Ein einsames Haus in einem dunklen, dunklen Wald, die Menschen darin sind völlig von der Außenwelt abgeschnitten, denn es gibt keinen Handyempfang und dann fällt auch noch das Festnetz aus... Das ist der Stoff, aus dem Filme gemacht sind, bei denen man mindestens einmal ruft: Nein, geht nicht alleine auf den Speicher!!

Aber eine gekonnte Umsetzung kann daraus durchaus ein originelles Buch machen, und zumindest in meinen Augen ist das Ruth Ware auch gelungen.

Solche Geschichten sind meist mehr Psycho als Thriller, werden eher von der Gruppendynamik der Charaktere und der Atmosphäre getragen als von der eigentlichen Handlung - denn so viel kann ja nicht passieren in einem einsamen Haus im dunklen, dunklen Wald. Und auch hier passiert über lange Strecken der Geschichte streng genommen nur sehr wenig, bis die Geschehnisse komplett aus dem Ruder laufen. Nora, und damit auch der Leser, beäugt die anderen Teilnehmer dieses skurrilen Junggesellinnenabschieds misstrauisch, während die Stimmung zunehmen angespannt und sogar feindselig wird.

In sofern kann ich die Kritik, das Buch sei zu langatmig und es passiere zu wenig, durchaus nachvollziehen, aber für mich funktionierte es perfekt durch die bedrohliche, klaustrophobische Atmosphäre, die die Autorin aufbaut. In vielen Szenen hatte ich durchaus ein bisschen Gänsehaut! Ich liebe Geschichten, bei denen sich die Dramen überwiegend in den Köpfen der Protagonisten abspielen und die Spannung beinahe unmerklich an der schönen, heilen Oberfläche kratzt.

Die Geschichte spielt sich auf zwei Zeitebenen ab: einmal während der Junggesellinnenparty, einmal direkt danach, als Nora schwer verletzt im Krankenhaus liegt und mühsam rekonstruiert, was passiert ist. Für mich erhöhte das die Spannung noch zusätzlich, aber ich muss zugeben, dass ich ein paar Dinge schon relativ früh erraten habe. Zum Beispiel wird nie so richtig ausgesprochen, was vor zehn Jahren passiert ist, das Nora, Claire und James entzweit hat, und die Auflösung am Schluss war wirklich keine große Überraschung.

Für mich ergab sich die Spannung weniger aus der Frage, was passiert (ist), sondern eher aus der Frage, wie die Charaktere damit umgehen.

Und die sind, zugegeben, alle keine Menschen, die es einem leicht machen. Sie intrigieren und zeigen ihre boshafte Ader, oder erweisen sich als zutiefst gestört und unzuverlässig, aber so richtig sympathisch sind sie einem selten. Aber in meinen Augen müssen sie das auch gar nicht, denn sie sind dennoch gut und komplex geschrieben, und interessant sind sie allemal!

Der Schreibstil war für mich ganz großes Kino. Tatsächlich beschreibst die Autorin alles mit so dichter Atmosphäre und so vielen stimmungsvollen Details, dass ich jede Szene vor mir sehen konnte und jetzt nur noch auf die Verfilmung warte.

Fazit:
"Im dunklen, dunklen Wald" ist ein Thriller, der an sich nur wenig Handlung hat - und die ist nicht einmal herausragend originell. Auch die Charaktere sind nicht sonderlich liebenswürdig, und das große Geheimnis am Schluss kann man schon recht früh erraten.

Dass es für mich dennoch ein 4,5-Sterne-Buch ist, liegt vor allem daran, dass es eben kein handlungsgetriebenes Buch ist, sondern eines, das von dichter Atmosphäre und unterschwelliger psychologischer Spannung lebt. Das hat die Autorin für meinen Geschmack perfekt umgesetzt, mit einem Schreibstil voller starker Bilder und ungewöhnlicher Metaphern.

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322 Bibliotheken, 4 Leser, 3 Gruppen, 11 Rezensionen

dystopie, liebe, scott westerfeld, schönheit, pretty

Special - Zeig dein wahres Gesicht

Scott Westerfeld , Gabriele Haefs
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Carlsen, 25.08.2011
ISBN 9783551310088
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Hinweis: Mit "Special" findet die Originaltrilogie ihren Abschluss. Zwar gibt es inzwischen noch einen vierten Band (passenderweise mit dem Titel "Extra"), aber der folgt einer neuen Protagonistin.

Auch in diesem Band war ich wieder sehr beeindruckt davon, wie komplex, gut durchdacht und originell diese utopisch-dystopische Welt ist, die sich Scott Westerfeld ausgedacht hat. Immer wenn man denkt, jetzt hätte man aber mit Sicherheit jede ihrer Facetten gesehen und verstanden, kommt wieder eine unerwartete Wendung, eine neue Idee oder die drastische Weiterentwicklung eines schon bekannten Themas.

Dabei ist die Welt in diesem Band eine dunklere, mit einer düster-bedrohlichen Atmosphäre - das politische System funktioniert mit gnadenloser Präzision, ohne die geringste Achtung vor Persönlichkeitsrechten und Individualität. Mir kam das vor wie das albtraumhafte Zerrbild der quietschbunten Barbie-Welt, die man im ersten Band kennengelernt hat!

Das liest sich durchaus sehr spannend, gerade weil die Geschichte auch jede Menge Action zu bieten hat. Allerdings kam sie mir manchmal zu konstruiert vor und beruht für meinen Geschmack auch zu oft auf Zufällen...

Tally ist in diesem Band oft sehr unsympathisch, denn sie handelt für einen Großteil der Handlung durch und durch wie eine arrogante Special, die auf die dummen Prettys und die hässlichen Uglys herabschaut. In einer Szene verursacht es ihr Ekel und Übelkeit, Zane auch nur anzuschauen, weil der nach den Ereignissen des letzten Bandes einen Gehirnschaden hat, der unter anderem dazu führt, dass ihm ständig die Hände zittern. Das weckt in ihr das Gefühl, dass er jetzt minderwertig und abstoßend ist und sie erst wieder mit ihm zusammen sein kann, wenn er geheilt wurde - und am Besten auch direkt zum Special umoperiert.

Dennoch habe ich gehofft, dass sie es schafft, selber zu erkennen, wie falsch ihre Denkweise ist, aber sie trifft im Laufe der Geschichte nur wenige Entscheidungen selber (also nicht gesteuert von ihrer Special-"Programmierung") und die, die sie trifft, sind oft dennoch geprägt von ihrer überheblichen, extremen Denkweise.

Natürlich trägt Tally daran eigentlich nur wenig Schuld. Im Laufe der drei Bände wurde sie mehrfach gegen ihren Willen verändert und fand jedes Mal mühsam zurück zu sich selbst - aber in diesem Band hatte ich das Gefühl, dass sie einfach zu oft zerbrochen und wieder zusammengesetzt wurde. Gibt es die echte Tally überhaupt noch? Ob Tally es am Ende dann doch noch schafft, das verrate ich hier natürlich nicht, nur soviel: ich fand ihre Entwicklung konsequent, aber sie machte es mir oft schwer, wirklich mit ihr mitzufühlen.

Das Ende ließ mich mit gemischten Gefühlen zurück. Einerseits fand ich es gut und konsequent, andererseits hätte ich auf dem Weg dorthin mit mehr Revolution gerechnet und die Botschaft wird für meinen Geschmack dann doch etwas zu simpel rübergebracht.

Da ich beim Lesen der Bücher hin- und hergewechselt habe zwischen den englischen Originalausgaben und den deutschen Übersetzungen, muss ich sagen: obwohl die deutsche Übersetzung sicher nicht schlecht ist, geht doch Einiges von der Einzigartigkeit der Sprache verloren, mit der Scott Westerfeld diese Geschichte erzählt. Denn man hat wirklich den Eindruck, dass die Sprache sich im Laufe der Zeit, von unserer Gegenwart bis zur Gegenwart des Buches, grundlegend verändert hat, und das macht für mich einen Großteil des Reizes aus. 

Fazit:
Der dritte Band einer Trilogie, die inzwischen vier Bände hat. Das Ende, oder doch nicht das Ende?

Tallys Geschichte kommt zu einem Abschluss, der konsequent und dennoch überraschend ist, und ihre Reise dorthin wird rasant und actiongeladen erzählt. Daher liest sich das Buch unterhaltsam und spannend, allerdings gibt es für meinen Geschmack zu viele Zufälle und Tally machte es mir sehr schwer, mit ihr mitzufühlen, da ihre Operation zur Special sie auch arrogant und skrupellos gemacht hat... 

Man kann die Reihe gut an diesem Punkt beenden (auch wenn das Ende vieles offen lässt), denn der vierte Band folgt nicht mehr Tally, sondern einer neuen Protagonistin.

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

So schreiben Sie mühelos ein tolles dickes Buch

Jürgen Müller
Flexibler Einband: 72 Seiten
Erschienen bei Books on Demand, 16.06.2009
ISBN 9783837097788
Genre: Sachbücher

Rezension:


Vorweg muss ich leider direkt sagen, dass mich dieser Schreibratgeber nicht überzeugt hat. Vielleicht habe ich zuviel erwartet von einem Büchlein, das gerade einmal 43 Seiten umfasst, aber auch das eigentliche System, das hier vorgestellt wird, erscheint mir nicht sinnvoll.

Um den Ratgeber einmal Schritt für Schritt durchzugehen:

Nach einem motivierenden Vorwort beginnt Jürgen Müller damit, ein wahres Schreckenszenarium heraufzubeschwören, in dem der angehende Nachwuchsautor Stunden, Wochen, Monate mit mühsamer Recherche verbringen muss, bevor er endlich anfangen darf zu schreiben. Das zieht sich hin bis zu 7% des Buches, verschlingt also durchaus schon eines großen Teil des Ratgebers, bis die Erlösung kommt: Nein, das ist alles gar nicht notwendig!

Nun beginnt der Autor damit, sein System vorzustellen: wenn man jeden Tag zwei Stunden zum schreiben erübrigen kann, soll man sie aufteilen auf eine halbe Stunde Recherche, eine halbe Stunde Schreiben und eine Stunde Überarbeitung. Ja, genau - jede Seite wird direkt überarbeitet, bevor man am nächsten Tag die nächste Seite schreibt! Und der Autor ist überzeugt davon, dass so Stück für Stück ein Buch entsteht, das am Schluss keine weitere Überarbeitung brauchen wird. 

Das erscheint mir, wie gesagt, überhaupt nicht zweckmäßig. Denn vieles lässt sich in meinen Augen nur im Kontext sinnvoll überarbeiten - was ist mit der Entwicklung des Spannungsbogens, dem Wachstum der Charaktere an ihren Erlebnissen und Ähnlichem? Es gibt so viele Elemente einer Geschichte, die man nicht an einer einzelnen Seite festmachen kann. Vielleicht stellt sich ja später heraus, dass die ganze Szene überflüssig ist oder nicht wirklich in den Fluss der Geschichte passt, was dann?

Der Autor ist jedoch sehr überzeugt von seinem System. So schreibt er zum Beispiel, dass man damit in einem Monat etwa 30 fertige Seiten mit insgesamt 6.000 Wörtern produzieren kann, räumt direkt ein, dass Stephen King im gleichen Zeitraum das Zehnfache schafft und verkündet dann stolz:

Zitat:
"Aber er hat im Gegensatz zu Ihnen noch nicht eine einzige Seite fertig! Sie sind ihm weit voraus. Bei ihm handelt es sich lediglich um eine Erstschrift, die er noch einmal vollständig überarbeiten, verbessern und kürzen muss, in der er ganze Kapitel neu schreiben und andere löschen wird."
Und das mache keinen Spaß, sondern sei Frust pur und überflüssig. "Schließlich sind Sie Schriftsteller und kein Deutschlehrer, der gern Aufsätze korrigiert." 

Danach folgen ein paar Kapitel mit Tipps:

"Ideen am laufendem Band", in dem der Autor durchaus ein paar brauchbare Tipps gibt, die besonders für Neulinge bestimmt eine Hilfe sein können.

"Aller Anfang ist leicht", in dem es darum geht, wie man den Leser direkt am Anfang seines Buches packt. Auch hier sind brauchbare Tipps enthalten, sie werden aber eher oberflächlich behandelt und berücksichtigen nicht, dass nicht alles für alle Arten von Geschichten gleichermaßen gelten kann. Hier wird tatsächlich auf den Spannungsbogen eingegangen, aber wie gesagt: meiner Meinung nach lässt sich so etwas nur im Ganzen bearbeiten, nicht anhand einer aus dem Zusammenhang gerissenen Seite.

Die restlichen 40% des Buches enthalten als Bonus eine "Gratis-Abhandlung", die eigentlich das Kernstück des Buches sein sollte: "Eine einzige Überarbeitung macht's auch", worin zehn Punkte aufgelistet werden, die man bei der Überarbeitung jeder Seite berücksichtigen soll. 

Zugegeben, auch hier sind tatsächlich einige brauchbare, grundlegende Tipps enthalten, aber vieles geht nicht über Allgemeinplätze hinaus oder berücksichtigt nicht, dass unterschiedliche Texte unterschiedliche Stilmittel benötigen. 

Ich hatte beim Lesen immer wieder den Eindruck, dass es bei dieser Methode vor allem darum geht, um jeden Preis Mühe und Arbeit zu vermeiden. Zwar spricht der Autor ein paarmal davon, dass es um Qualität gehe und nicht um Quantität, aber Aussagen wie diese führen das ad absurdum:

Zitat:
"Sie brauchen sich gar nicht die Mühe machen, etwas an Qualität den obigen Romananfängen Gleichwertiges zu erschaffen und dabei zu verzweifeln."

Wenn ich mir die Kritiken auf Amazon so anschaue, scheint das Buch tatsächlich zum Schreiben motivieren zu können. Aber es hat schon seinen Sinn, warum Autoren wie Stephen King Zeit und Mühe in ihre Manuskripte investieren, und ich finde es daher fatal, Nachwuchsautoren zu suggerieren, man könne eine Abkürzung nehmen und damit mühelos etwas Gleichwertiges produzieren. 

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133 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 7 Rezensionen

fantasy, dystopie, kinder, eden, freundschaft

Alterra: Der Krieg der Kinder

Maxime Chattam , Maximilian Stadler , Nadine Püschel
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Droemer Knaur, 02.11.2012
ISBN 9783426513088
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Im französischen Original gibt es inzwischen sechs Bände der Reihe "Autre Monde", der siebte erscheint im November 2016. Ins Deutsche übersetzt wurden nur die ersten vier, und es gibt wohl auch keine Pläne, die restlichen noch zu veröffentlichen. Aber die Reihe war ursprünglich ohnehin als Trilogie geplant gewesen! Der dritte Band beantwortet einige Fragen (wenn auch leider nicht alle), die sich in den ersten beiden Bänden ergeben haben, und endet an einer Stelle, an der man die Geschichte ganz gut stehen lassen kann.


Eine der großen Stärken dieser Reihe ist der unglaubliche Einfallsreichtum, mit dem der Autor den Lesern seine komplexe postapokalyptische Welt näherbringt. Es gibt immer wieder etwas Neues zu entdecken, wenn man Matt, Ambre und Tobias  auf ihren Reisen folgt - neue Mutationen, neue Stämme von Pans, die ihre ganz eigene Gesellschaft aufgebaut haben, einfallsreiche neue Arten, die nicht mehr funktionierende Technologie zu ersetzen. 

Auch die Spannung kommt nicht zu kurz: in diesem Band dauert es zwar ein paar Kapitel, bis die Geschichte in Gang kommt - dann prescht sie aber auch in irrsinnigem Tempo los, mit jeder Menge Action. Manchmal war mir das sogar ein wenig zu viel des Guten und ich hätte mir mehr Atempausen gewüscht, in denen man dann zum Beispiel mehr darüber erfährt, wie diese neue Welt funktioniert.

Denn nach wie vor ist für mich eine der großen Schwächen der Reihe, dass nicht alles schlüssig und glaubhaft erklärt wird. Am Ende des dritten Bandes ist die große Katastrophe gerade mal fünfzehn Monate her. Fünfzehn Monate, in denen anscheinend ganze Städte errichtet wurden, neue Gesellschaftsformen entwickelt, neue Währungssysteme ersonnen, neue Religionen verbreitet... Wo kommen auf einmal die ganzen Erwachsenen her, die anscheinend Waffen und Rüstungen schmieden können? Wieo können die Kinder jagen, nähen, backen, Landwirtschaft betreiben, und das alles ohne moderne Maschinen und technische Hilfsmittel? Würde es nicht länger dauern als ein paar Monate, bis die Menschen alte Fähigkeiten wiederentdecken?

Aber noch mehr hat mich gestört, dass die durchaus wichtige ökologische und soziale Botschaft des Buches dem Leser sehr plump aufgedrängt wird. Besonders auf der Religionskritik wird in diesem Band immer wieder und wieder herumgeritten, und das sehr undifferenziert. Überhaupt sind die Dinge in Alterra meist sehr klar aufgeteilt in gut und böse - mit nur wenigen Graustufen zwischen schwarz und weiß.

Die drei Hauptcharaktere Matt, Ambre und Tobias fand ich sympathisch und glaubhaft geschrieben. Sie haben ihre Stärken und Schwächen und sind spürbar an ihren Herausforderungen gewachsen, und so konnte ich gut mit ihnen mitfühlen und -fiebern. Auch ein paar der anderen Pans sind liebenswerte und/oder interessante Gestalten.

Aber bei vielen der anderen Charaktere hatte ich genau das Gefühl, das ich eben beschrieben habe: dass sie sehr genau aufgeteilt sind in gut und böse. Die Erwachsenen sind scheinbar alle entweder grausame Bösewichte oder dumme Mitläufer (bis auf eine einzige Ausnahme).

Das hat fast etwas Märchenhaftes, denn auch im Märchen gibt es wenig zwischen diesen Extremen! Aber für eine an sich komplexe Welt wie Alterra, mit einer so interessanten Grundidee, war mir das schlicht zu einfach und flach.

Ein wenig Romantik gibt es in diesem Buch auch, aber das spielt eine eher untergeordnete Rolle.

Der Schreibstil hat mir wieder gut gefallen. Maxime Chattam vermittelt mit vielen bunten Details eine sehr dichte Atmosphäre, so dass sich das Buch flüssig und unterhaltsam lesen lässt. Die Dialoge lasen sich für mich manchmal ein klein wenig gestelzt und holprig, aber ich bin mir nicht sicher, ob das am Buch an sich liegt oder der Übersetzung.

Fazit:
Auch im dritten Band der Reihe "Alterra" bietet Maxime Chattam dem Leser eine Vielzahl an originellen Ideen und bunten Details, und nach den ersten Kapiteln entwickelt die Geschichte ein irrsinniges Tempo mit jeder Menge Action. Deswegen liest sie sich durchau spannend und unterhaltsam - krankt aber in meinen Augen daran, dass a) vieles nicht schlüssig (oder überhaupt) erklärt wird, b) dem Leser die Botschaft sehr mit dem Holzhammer eingebläut wird und c) viele der Charaktere sehr stereotyp entweder gut oder böse sind.

Deswegen konnte mich das Buch trotz der originellen Einfälle und dem sehr angenehmen Schreibstil nur so halbwegs von sich überzeugen.

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97 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 25 Rezensionen

liebe, flüchtlinge, novelle, widerfahrnis, italien

Widerfahrnis

Bodo Kirchhoff
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 01.09.2016
ISBN 9783627002282
Genre: Romane

Rezension:


Da treffen sich zwei Menschen, die widerwillig im Alter angekommen scheinen: er, Reither, der seinen Verlag aufgeben musste, weil es immer mehr Schreibende und immer weniger Lesende gibt, und sie, Leonie Palm, die ihr Leben lang Hüte verkauft hat, bis auch das am Mangel an Hutgesichtern scheiterte. Sie haben diesen Wendepunkt im Leben erreicht, wo aus all den vagen Wunschträumen für eine endlos erscheinende Zukunft auf einmal verpasste Chancen werden. Vergangene Enttäuschungen und Verluste, die man längst vergessen glaubt, schmerzen wie alte Narben.

Gemeinsam fliehen diese beiden Menschen, die keinen Halt mehr finden in ihrem Leben, Richtung Sonne und ihrer Verheißung von Glück. In Sizilien begegnen sie einem Kind, das nicht spricht und gerade dadurch zur Projektionsfläche für etwas wird, das beide Protagonisten vermissen - er, weil er es nie hatte, sie, weil sie es verlor.

Aber zunächst beginnt ihre Reise im späten Winter einer deutschen Großstadt, und auch das Buch erschien mir erst seltsam unterkühlt. Es wird aus Reithers Sicht erzählt, der nicht umhin kann, seine Erlebnisse aus einer gewissen Distanz zu sehen. So wie er als Lektor früher aus den Büchern alles Weiche und Sentimentale strich, lässt er es auch in seiner persönlichen Geschichte nur ungern zu. Gefiltertes Leben: Erleben und Erzählen gehen immer Hand in Hand - spröde, kalkuliert, und dennoch oder gerade deswegen mit glasklaren Momenten sprachlicher Schönheit.

Umso erstaunlicher ist, wie plötzlich und ungebremst die Ereignisse auf einmal über ihn hereinbrechen. Leben, Lieben, Hoffen und Scheitern im Zeitraffer. Wider Willen lässt Reither seine Emotionen immer mehr zu, bis aus einem Gedankenspiel mit interessanten Motiven am Schluss doch noch ein Buch wird, das ins Herz trifft.

In seiner Dankesrede sprach Bodo Kirchhoff unter anderem von der "Gratwanderung zwischen einem Erzählen, das wehtut und einem Erzählen, das guttut". Genau das ist es, was "Widerfahrnis" für mich ausmacht: Hoffnung, die dem Leser erst die Schwermut bewusst macht, und doch unausweichlich wieder in dieser mündet. Hilfsbereitschaft, die sich als egoistischer Selbstbetrug herausstellt. Aber umgekehrt auch Schmerz und Verlust, die einen Weg zu etwas Neuem bahnen.

Kirchhoff bricht elementare Themen wie Schuld, Verlust oder Liebe herunter auf das Grundlegendste und setzt sie wieder zusammen zu einer Geschichte der leisen Töne, die dennoch eine starke Sogwirkung entfaltet und es dem Leser dadurch schwer macht, das Buch wegzulegen. Auch wenn diese Themen archaisch sind, vielfach in der Literatur aufgegriffen, ist "Widerfahrnis" doch alles andere als abgedroschen.

Der Autor verzichtet gänzlich auf Pathos oder Kitsch. Sein Schreibstil hat etwas Klares, Schwereloses, und zeichnet sich dennoch durch messerscharfe Prägnanz aus. Das Wort, das mir spontan einfällt, ist "meisterhaft", und dennoch hat das Geschriebene etwas Zurückhaltendes.

Die Geschichte ist fast schon ein Kammerspiel, denn Reither und Leonie verbringen den größten Teil des Buches in ihrem Auto. Dabei kommt man ihm als Leser schnell näher, während man sie zunächst nur dadurch kennenlernt, wie sie auf Reither reagiert - ein Schattenspiel, sozusagen. Aber gerade das ist spannend zu verfolgen, und am Ende versteckt sich im Ungesagten ihr Motiv für die Reise.

Die Liebesgeschichte hat etwas bittersüß Anrührendes, gerade weil sie zu gleichen Teilen unmöglich und unaufhaltsam erscheint.

Fazit: 
Die Geschichte eines "Widerfahrnis": zwei ins Alter gekommene Menschen versuchen sich an einer späten Erfüllung ihrer Träume, begeben sich auf einen spontanen Roadtrip nach Sizilien und durchleben in wenigen Stunden Hoffnung, Liebe, Schmerz, Scheitern, Verlust... Bodo Kirchhoff erzählt das schnörkellos und dennoch poetisch, und je länger man darüber nachdenkt, desto mehr Bedeutungsebenen entdeckt man. Obwohl es ohne Zweifel ein anspruchsvolles Buch ist, ist es dennoch auch ein Buch, das sich leicht und unterhaltsam lesen lässt, und in meinen Augen ist es auch ein Buch, das den Deutschen Buchpreis 2016 redlich verdient hat.

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74 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 22 Rezensionen

sizilien, krimi, mord, bayern, hölderlin

Tante Poldi und die sizilianischen Löwen

Mario Giordano
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 15.04.2016
ISBN 9783404174140
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Bisher gibt es zwei Bücher, in denen Tante Poldi in Sizilien ihr Unwesen treibt. Ich habe beide erst gelesen und danach auch nochmal als Hörbuch gehört, und ich kann nur sagen: Tante Poldi ist einfach Kult! Hätte ich ja vorher nie gedacht, dass so eine schräge Mischung aus Krimi, Humor, sizilianischem Sommerflair und verschrobener Lebensweisheit funktionieren kann - aber das tut sie, und wie.

Gerade diese Mischung macht das Buch so erfrischend originell, und das Lesen bzw Hören war für mich eine reine Freude. Ich bin normalerweise immer skeptisch, wenn ein Buch als humorvoll angepriesen wird, aber hier ist der Humor tatsächlich wundervoll ungezwungen und dabei doch total durchgeknallt. Ich habe selten so oft beim Lesen gelacht!

Tante Poldi denkt im Laufe des Buches öfter darüber nach, dass Sizilien alles auf einmal ist: salzig, bitter, süß und scharf, und gerade deshalb so bombastisch und phänomenal. Und irgendwie gilt das auch für Tante Poldi, denn die vereint viele Gegensätze in sich. Eigentlich ist sie ja nach Sizilien gezogen, um sich mit Meerblick gepflegt zu Tode zu saufen, aber da kommen ihr direkt mehrere Dinge dazwischen: zum einen ist sie trotz Phasen der Schwermut eigentlich ein lebenslustiger Mensch, dann hat sie als Tochter eines Kriminalkommissars quasi den kriminalistischen Jagdinstinkt im Blut - und dann verguckt sie sich auch noch in den Commissario Montana. Poldi zeigt, dass man auch im Alter von 60 Jahren noch tüchtig Pfiff haben kann, und dass man nie zu alt ist für Herzklopfen und Liebeskummer, und das fand ich richtig süß und rührend.

Tante Poldi ist lauter, bunter, schriller als das Leben. Und dann haut sie manchmal so ganz nebenher eine Lebensweisheit raus, wo man stutzt, darüber nachdenkt und sich dann denkt: Stimmt. Ich fand sie rundum liebenswert, diese bayrisch-sizilianische Kollegin von Miss Marple, und bei allem Humor doch glaubhaft und authentisch. Auch die anderen Charaktere sind großartig geschrieben. Ich hatte immer direkt das Gefühl, denjenigen schon sehr lange zu kennen, denn sie kamen mir alle vor wie direkt aus dem Leben gegriffen!

Der Kriminalfall ist vielleicht nichts für Hardcore-Krimi-Puristen, aber durchaus gut konstruiert, logisch und auf eher gemächliche Weise spannend. Zwar steht Poldi den Ermittlungen manchmal eher im Weg, indem sie sich resolut weigert, Informationen weiterzugeben, weil sie den Fall selber aufklären will - dafür hat sie aber auch Einfälle und kommt auf Lösungsansätze, auf die die Polizei niemals gekommen wäre.

Der Schreibstil ist schlicht und einfach eine Wucht. Der Autor kommt auf die schrägsten Vergleiche, Bilder und Metaphern und kann aus den alltäglichsten Situationen etwas machen, über das man sich totlachen könnte. Aber er kann nicht nur lustig schreiben - seine Worte lassen auch das Leben in Sizilien vor dem inneren Auge des Lesers auferstehen, mit ganz viel Atmosphäre und Dolce Vita. Und dann gibt es auch noch Szenen, in denen er geradezu nachdenklich und philosophisch wird, und auch das überzeugt und kann einen schon mal mitten ins Leserherz treffen.

Das Hörbuch ist eine wunderbare Umsetzung, der Sprecher Philipp Moog bringt die verschiedenen Charaktere mit ihren Eigenheiten perfekt rüber, besonders Poldi und ihren Neffen, der ihre Geschichte aufschreibt und erzählt.

Fazit:
Tante Poldi ist eine bayrische Naturgewalt. Energisch und entschlossen reißt sie in ihrer Wahlheimat Sizilien einen Kriminalfall an sich, was dem Commissario schon mal graue Haare beschert. Das ist zum Schreien komisch, dabei aber nicht platt, voller Sommerflair, aber nicht kitschig... Und spannend ist es auch.

Ganz ehrlich, so eine Mischung aus Dolce Vita, Humor und Mord habe ich noch nie gelesen, und ich hätte auch nicht erwartet, dass es mir so gut gefällt - aber tatsächlich macht Tante Poldi richtig süchtig.

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241 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 160 Rezensionen

thriller, familie, jenny milchman, night falls, mord

Night Falls. Du kannst dich nicht verstecken

Jenny Milchman , Marie Rahn
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 15.07.2016
ISBN 9783548287553
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Die beschriebene Situation verspricht gemütliche Leseabende voller Thrillerspannung:

1.) Ein einsam gelegenes Haus. durch einen Schneesturm noch unerbittlicher von der Außenwelt abgeschnitten. 2.) Zwei entflohene Strafgefangene, der eine ein tumber Riese, der andere ein eiskalter Psychopath. 3.) Vater, Mutter und Teenagertochter, die den beiden wehrlos ausgeliefert sind. Und die Lage spitzt sich von Minute zu Minute mehr zu.... 

Das klingt vielleicht nicht nach etwas weltbewegend Neuem, aber dennoch nach den perfekten Zutaten für einen soliden psychologischen Thriller. Tatsächlich bringt die Autorin auch durchaus spannende Ideen ein und legt von Anfang an ein gutes Tempo vor! Leider ging die Rechnung für mich trotzdem nicht vollständig auf, sondern hinterließ bei mir einen zarten Beigeschmack der Enttäuschung.

Die Geschichte spielt sich auf zwei Zeitebenen ab: einerseits die albtraumhaften Geschehnisse in der Gegenwart, andererseits die Kindheit des Psychopathen Nick in den 70er Jahren. Gerade diese Rückblicke fand ich anfangs sehr interessant, denn ich war sehr gespannt darauf, wie die Autorin das zunehmend absurde Verhalten von Mutter und Sohn begründen würde - leider konnte mich die Erklärung dann jedoch nicht komplett überzeugen.

Was mich schon nach wenigen Kapiteln immer mehr störte (auf beiden Zeitebenen), waren vor allem die in meinen Augen maßlosen Übertreibungen. Zum Beispiel wird Harlan, der dumme, aber gutmütige Sträfling, als geradezu grotesk riesig beschrieben: so wird an einer Stelle gesagt, dass die 15-jährige Ivy ihm nur bis zum Bauchnabel reicht! Die kann sich später im Buch übrigens an einer Hauswand festhalten, in dem sie ihre Fingernägel in die Holzfassade krallt.  Es gibt außerdem Charaktere, die anscheinend literweise Blut verlieren können, ohne zu sterben - und vieles mehr.

Auch das Verhalten der Hauptfiguren erschien mir oft unglaubwürdig. Ja, es ist eine Extremsituation, und in Extremsituationen tun Menschen unlogische Dinge, aber dennoch war es mir oft einfach zu weit hergeholt. (Leider kann ich hier kein Beispiel bringen, ohne schon zu viel zu verraten.) Dadurch fiel es mir auch immer schwerer, mit ihnen mitzufühlen und mitzufiebern, und das nahm mir wiederum viel der Spannung, obwohl das Buch wirklich sehr temporeich erzählt wird und auch viel Action zu bieten hat.

Ja, ich habe mich von dem Buch durchaus irgendwie unterhalten gefühlt, und ich hatte es trotz aller Vorbehalte auch schnell durch. Man kann es meines Erachtens ganz gut lesen, aber es ist einfach kein Muss und ich vermute, dass es mir auch nicht lange im Gedächtnis bleiben wird. Das ist natürlich alles Geschmacksache, aber auf mich wirkte die Geschichte wie ein Actionfilm, bei dem man besser nicht zu genau darauf achten sollte, ob auch alles realistisch ist -  und darauf lege ich bei einem Thriller einfach Wert.

Die Charaktere fand ich von ihren Anlagen her an sich alle interessant. Sie haben viel Potential, bleiben aber meiner Meinung nach in ihrem Verhalten doch oft zu flach, um wirklich authentisch, lebendig und glaubhaft zu wirken. Das ist aber wirklich nur eine Gratwanderung: ich hatte oft das Gefühl, dass nur ein winzig kleiner Schritt fehlte, um aus einem interessanten Klischee einen echten Menschen zu machen.

Auch der Schreibstil war für mich so eine Gratwanderung: er liest sich flüssig, er vermittelt gekonnt Atmosphäre und ein Gefühl der Dringlichkeit und Gefahr, aber die Metaphern und Bilder sind oft sehr weit hergeholt und rissen mich eher aus dem Lesefluss heraus. Ich habe nichts gegen detailverliebte Schreibstile, aber wenn die Details zu zahlreich werden und sich immer wieder überbieten, dann stumpft die Wirkung meines Empfindens irgendwann ab. 

Fazit:
Von der Grundidee und den wichtigsten Charakteren her hätte "Night Falls" in meinen Augen das Potential für einen nervenzerfetzenden Thriller gehabt, wird diesem Potential aber leider nicht vollkommen gerecht. Viele Geschehnisse fand ich nicht glaubwürdig, und auch das Verhalten der Charaktere war für mich nicht immer schlüssig. Ich hatte oft das Gefühl, dass das Buch versucht, zu viel zu sein, immer noch schneller, noch grausamer, noch überraschender, und dass das gerade durch diese Übersteigerung  irgendwann nicht mehr funktioniert.

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Das Gleichgewicht der Welt

Rohinton Mistry , Matthias Müller
Flexibler Einband: 1.328 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 26.09.2012
ISBN 9783596512621
Genre: Romane

Rezension:


Zitat:
»Man muss ein feines Gleichgewicht zwischen Hoffnung und Verzweiflung einhalten.« Er hielt inne und dachte darüber nach, was er gerade gesagt hatte. »Ja«, wiederholte er, »letztendlich ist alles eine Frage des Gleichgewichts.«

Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich in meiner Rezension zu diesem Buch schreiben könnte - diesem monumentalen Epos, das seine enorme emotionale Wucht gerade dadurch entfaltet, dass es den Blick nicht nur auf die dramatischen Ereignisse, sondern auch auf die kleinsten Dinge richtet. Die feinen Nuancen. Das Nichtgesagte. Die Zwischentöne. Mal ist das Buch ein farbenfrohes Spektakel, dann wieder eine zarte Szenerie leiser Philosophie. Manchmal war ich schockiert von der gnadenlos geschilderten Gewalt und dem Elend, dann wieder musste ich lachen, und mehr als einmal standen mir die Tränen in den Augen. Sei gewarnt, Leser: dies ist kein Buch, das beschönigt, und es ist auch kein Buch für erzwungene Happy Ends. Und dennoch ist es ein Buch, das verzaubert und bereichert. 

Das Indien, dass Rohinton Mistry hier zum Leben erweckt, wirkte auch mich oft wie eine gänzlich fremde Welt, manchmal fast schon bizarr in ihrer Andersartigkeit. Aber dann stutzt man und erkennt sich auf einmal wieder in den Menschen, die diese Welt bevölkern. Denn deren Wünsche, Träume und Hoffnungen mögen zwar herzzerreißend bescheiden sein, aber dennoch vertraut.

In meinen Augen ist dem Autor nichts Geringeres gelungen, als das ureigenste Wesen des Menschen auf Papier zu bannen. Was ist Schmerz? Was ist Trauer? Was ist Ungerechtigkeit? Gerade wenn man als Leser glaubt, man könnte nicht mehr ertragen, stellen sich neue Fragen. Was ist Glück? Was ist Freundschaft? Was ist Hilfsbereitschaft? Das Gleichgewicht der Welt. Der Autor belehrt den Leser nicht, sondern lässt ihn die Antworten selber entdecken.

Im Mittelpunkt der Geschichten stehen vier Charaktere an der unsicheren Grenze zwischen Armut und vollkommener Verelendung.

Die Augen der Witwe Dina Dalal werden langsam zu schwach zum Nähen, aber ihr Stolz erlaubt es ihr nicht, ihren wohlhabenden Bruder um Hilfe zu bitten. Daher bringt sie in ihrer winzigen Wohnung nicht nur den jungen Studenten Maneck als zahlenden Gast unter, sondern richtet auch eine Werkstatt für zwei Schneider ein, die in ihrem Auftrag nähen - den optimistischen Ishvar und seinen wütenden Neffen Om. Herrscht am Anfang noch gegenseitiges Misstrauen, wächst die ungleiche Zweckgemeinschaft doch schnell zusammen zu einer Art Familie, die gemeinsam den turbulenten Zeiten trotzt.

Der Autor beschreibt seine Charaktere so lebendig und glaubhaft, dass man einfach mit ihnen mithoffen und mitleiden muss. Er zeigt an ihnen das ganze Elend der niederen Kasten, aber sie verkommen dabei nicht zu Stereotypen. Kein Charakter ist nur böse oder nur gut, egal wie extrem manche auf den ersten Blick erscheinen. Mitgefühl und Hilfe kommen oft aus der unerwartetsten Ecke, und manchmal stellt man fest, dass schreckliche Dinge nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Hilflosigkeit oder Angst geschehen. 

Ich war sehr beeindruckt davon, was für ein lebendiges Bild vom Indien dieser Zeit das Buch zeichnet, von seiner Politik und seinen gesellschaftlichen Umstürzen. Man kann viel daraus lernen, und dennoch ist es kein trockenes Geschichtsbuch, sondern eine originelle, mitreißende Geschichte, deren Sog ich mich nicht entziehen konnte. Für mich ist es allerdings kein Buch, das man schnell nebenher lesen kann! Man muss jedem Kapitel genug Zeit geben, man muss mitdenken und mitfühlen, sonst betrügt man sich selbst um ein Leseerlebnis, das lange nachhallt.

Außerdem braucht man ab und zu einfach eine Verschnaufpause, denn immer wenn man denkt, jetzt kann es für unsere Helden doch unmöglich noch schlimmer kommen, kommt es schlimmer. Und dennoch will man weiterlesen, weiterlesen, weiterlesen... Zumindest ging es mir so.

Der Schreibstil strotzt nur so vor Atmosphäre und ist mal wortgewaltig, mal leise. Er beherrscht die volle Bandbreite der Emotionen, von schwärzester Verzweiflung bis hin zu augenzwinkerndem Humor. Einfach wunderbar, und auch die Übersetzung erschien mir sehr gelungen.

Fazit:
Was für ein unglaubliches Epos... Auf 864 Seiten beschwört Rohinton Mistry das Bild einer Welt herauf, die uns gänzlich fremd ist und uns dennoch den Spiegel vorhält: Indien im Jahr 1975, mit all seinen Unruhen und Umstürzen. Zwei Schneider aus der niedersten Kaste, ein junger Student und eine verzweifelte Witwe werden von ihrer jeweiligen Notsituation zu einer widerwilligen Wohn- und Arbeitsgemeinschaft gemacht, und der Leser verfolgt mit angehaltenem Atem, wie sie in den darauffolgenden Jahren vom Schicksal gebeutelt werden.

Das Buch macht es einem nicht leicht. Meines Erachtens sollte man mit der Erwartung an die Geschichte herangehen, dass sie einem immer mal wieder auf grausamste Weise das Leserherz brechen wird, denn der Autor ist gnadenlos gegenüber seinen Charakteren. Aber es ist dennoch ein lohnendes Leseerlebnis, das ich kein bisschen bereue und das ich auch weiterempfehlen würde! Manchmal sind die bewegendsten Bücher die, die auch ein bisschen wehtun.

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

berlin, pädophelie

Abrechnung

Katharina Peters
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 19.09.2016
ISBN 9783746632544
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Katja Mohr und Michelle Heckler verschwinden am gleichen Abend scheinbar spurlos. Beide Frauen engagierten sich mit viel Einsatz und Herzblut in einem Flüchtlingsheim für minderjährige Flüchtlinge, auf das erst vor kurzem ein Brandanschlag verübt wurde, und Michelle nahm öfter an Protestaktionen gegen Rechts teil. Da liegt der Verdacht natürlich nahe, dass die Entführungen etwas mit dem rechten Milieu zu tun haben, und dieser Verdacht scheint zur traurigen Gewissheit zu werden, als die Leiche von Michelle gefunden wird, übersät mit in die Haut geschnittenen Nazi-Parolen.

Kriminalpsychologin Hannah Jakob ist jedoch nicht bereit, den Fall so schnell in eine Schublade zu stecken, und tatsächlich entpuppt er sich im Laufe des Buches als unglaublich vielschichtig.

Ich fand den Aufbau dieser Geschichte sehr geglückt: einfallsreich, irrsinnig komplex und dabei einfach gut geschrieben. Es gelingt der Autorin hervorragend, mit den vielen (!!) Handlungssträngen und den dazugehörigen Charakteren, Motiven, Ermittlungsansätzen und falschen Fährten zu jonglieren, ohne dass es krampfhaft konstruiert, unrealistisch oder konfus wirkt. Ja, man muss als Leser auf jeden Fall am Ball bleiben und mitdenken, um den Überblick nicht zu verlieren, aber das lohnt sich! In meinen Augen bleibt es trotzdem immer spannend und unterhaltsam, und die Auflösung konnte mich komplett überraschen, war aber dennoch glaubhaft.

Für mich liest sich das Buch von Aufbau und Art der Spannung her allerdings deutlich eher wie ein (guter) Krimi als ein Thriller!

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Hannah Jakob, die ihren Hund Kotti über alles liebt und seit einem Unfall vor ein paar Jahren eine sogenannte Savant-Begabung hat: sie hat ein perfektes Gedächtnis für das gesprochene Wort und kann Unterhaltungen daher lückenlos reproduzieren. Sehr praktisch für eine Polizeipsychologin! Ich mochte sie sehr gerne und fand sie auch glaubhaft geschrieben: keine perfekte Super-Ermittlerin, sondern eine engagierte Frau, die auch mal Fehler macht oder der falschen Spur folgt.

Ihr Kollege Mark Springer scheint ein ziemlicher Hitzkopf zu sein, der Verdächtige schon mal aggressiv anpflaumt oder provokativ duzt, auch wenn Hannah ihn vorher darum gebeten hat, ruhig zu bleiben und sich nicht in das Verhör einzumischen. Aber im Grunde sind sie trotz gewisser Spannungen gerade durch ihre Gegensätze ein gutes Team.

Dann gibt es zum Beispiel noch Daniel Hihmler, einen Experten für das rechte Milieu, der auf mich wirkte wie ein Mann ganz kurz vor dem großen Zusammenbruch. Denn seine Frau leidet an schweren Depressionen, die sich weder durch Psychotherapie, noch durch Medikamente und sogar extreme Maßnahmen wie Elektroschockbehandlung lindern lassen. Auch wenn diese Nebenhandlung für den eigentlichen Fall kaum eine Rolle spielt, ist sie dennoch sehr interessant. Die Erkrankung der Frau wird so tragisch wie realistisch geschildert.

Generell fand ich die Darstellung der Charaktere und ihrer Motive gut gelungen, Die Autorin beschreibt sie mit viel Liebe zum Detail, was sie für mein Empfinden authentisch und glaubhaft macht - besonders die moralisch nicht so einwandfreien!

Da wäre zum Beispiel der "Ritzer", der schon als Jugendlicher begeistert war vom Schnitzen - nur war ihm schon damals Haut als Medium lieber als Holz... Er ist ein faszinierender Charakter, denn seine Taten sind zweifelsohne grausam, abstoßend und falsch, und dennoch kann man auf verquere Art nachvollziehen, wie er so geworden ist. Für ihn ist das Ritzen eine hohe Kunst und eine Obsession, und ich hatte den Eindruck, dass ihm die Fähigkeit fehlt, menschliche Empfindungen wie Angst und Schmerz wirklich nachzuempfinden.

Vielleicht noch interessanter fand ich Sven Möller: seines Zeichens Beschützer, verdeckter Ermittler, Stalker... Und Mörder. So eine Mischung habe ich noch in keinem Krimi gelesen - was für eine großartige Idee!

Zitat:
"Plötzlich stand er vor ihr, ein eisiger Schatten, der sich vor modriger Dunkelheit abhob wie ein Relief, und zog sie an den Armen hoch - der Schmerz loderte durch ihren Körper wie die hektisch zischende Flamme einer Zündschnur. Dann stülpte er ihr einen dunklen Sack über den Kopf und verschnürte ihn am Hals mit einem Strick. Panik durchbrach ihre dumpfe Lethargie - kein Erstickungstod, bitte, bitte, alles, nur nicht das..."

Der Schreibstil konnte mich mit wunderbaren Bildern, ganz viel Atmosphäre und einem guten Lesefluss mühelos überzeugen. Die Autorin erzählt die Geschichte mit einer sehr prägnanten Stimme, ohne dass es gekünstelt oder gar pseudo-literarisch wirkt.

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59 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 15 Rezensionen

die chroniken der sphaera, fantasy, noth, fantasieroman, winter

Frostflamme

Christopher B. Husberg , Kerstin Fricke
Flexibler Einband: 700 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 04.10.2016
ISBN 9783426519202
Genre: Fantasy

Rezension:


Wenn ich das Buch in einem Satz beschreiben müsste, würde ich vielleicht sagen:

"Frostflamme" ist ein monumentales Fantasyepos, das in einer komplexen, durch und durch fantastischen Welt spielt und dennoch universelle Grundthemen anspricht, mit denen wir uns auch in der Realität beschäftigen: Rassismus, Drogensucht, Schuld und Vergebung, zwischenmenschliche Beziehungen in den verschiedensten Facetten und vieles mehr.
 
Gerade das Thema Drogensucht habe ich noch selten in einem Fantasybuch so eindringlich und tragisch beschrieben gelesen, und der Autor schreckt nicht davor zurück, seine Charaktere unverzeihliche Fehler begehen zu lassen, die schreckliche Folgen haben.

Aber ich fand nicht nur die Einbindung realistischer Themen originell und interessant:

Das Magiesystem, das sich der Autor ausgedacht hat, ist ausgefeilt und vielschichtig, wobei wir in diesem ersten Band erstmal nur einen flüchtigen Einblick erhaschen - denn eigentlich gibt es Magie in dieser Welt offiziell gar nicht. Den Priesterinnen der Göttin Canta werden zwar übernatürliche Gaben zugestanden, aber das ist dann eben keine Magie, sondern göttlicher Segen... Daher ist die junge Tiellanerin Winter auch erstaunt,  als sie plötzlich nicht nur mit Telekinese und Gedankenkontrolle konfrontiert wird, sondern auch mit einer Art magischer Untergrundbewegung. 

Die Religion dieser Welt ist eine absolute, unangefochtene Institution, die in alle Aspekte des täglichen Lebens eingreift und dabei nicht nur eine Quelle des Trostes ist: schon für kleinste Verstöße gegen die Gebote kann man als Ketzer angeklagt werden, was drakonische Strafen nach sich zieht - bis hin zur öffentlichen Hinrichtung. Religion, Magie und Macht sind untrennbar verbunden, und die Kirche hat ein großes Interesse daran, die Kontrolle darüber zu behalten.

Es werden ziemlich schnell ziemlich viele Charaktere eingeführt, weswegen ich am Anfang öfter hin- und herblättern musste, aber die wichtigsten hat man dann doch schnell im Kopf. Ich will hier gar nicht auf jeden einzeln eingehen, denn das würde den Rahmen dieser Rezension sprengen! Nur soviel: Sie entsprechen in meinen Augen in keinster Weise den üblichsten Fantasyklischees, sondern sind vielfältig, komplex, oft zwiespältig, glaubhaft, nicht immer sympathisch... Es ist sehr mutig vom Autor, wie gnadenlos er seinen Charakteren auch wirklich gravierende Schwächen gibt, und wie sehr er die Fähigkeit des Lesers, einem geliebten Charakter zu vergeben, ausreizt. Denn die Protagonisten laden durchaus auch Schuld auf sich, und da muss man als Leser die ganz persönliche Entscheidung treffen, wo der Punkt liegt, ab dem es kein Zurück mehr gibt. Ist eine Heldin noch eine Heldin, wenn sie Unschuldige abgeschlachtet hat?

Mein Liebling war Astrid, der kleine Vampir. Sie sieht aus wie ein 9-jähriges Mädchen - winzig, zart, harmlos, unschuldig... Aber sie hat einen wunderbar bösen Humor und kann eine tödliche Kampfmaschine sein. Zwischen Astrid und Noth entwickelt sich eine Art verquere Vater-Tochter-Beziehung, die ich sehr interessant, oft witzig und manchmal unglaublich rührend fand.

Überhaupt sind die Beziehungen zwischen den Charakteren fantastisch geschrieben und die Dialoge lesen sich immer glaubhaft. Noth und Winter zum Beispiel sind zwar verheiratet, das verrät ja schon der Klappentext, aber beide sind anfangs davon überzeugt, den anderen zwar zu mögen und sich ihm verpflichtet zu fühlen, aber keine wirklich romantischen Gefühle für ihn zu hegen. Ob sich das ändert, das verrate ich jetzt natürlich noch nicht. 

Da die verschiedenen Charaktere alle ihre eigenen Ziele, Hoffnungen, Wünsche, Geheimnisse und Hintergrundgeschichten mitbringen, gibt es auch viele verschiedene Handlungsfäden, die sich nach und nach miteinander verknüpfen. Meist kam mir das schlüssig aufgebaut und in sich logisch vor, nur wenige Dinge wirkten auf mich etwas konstruiert vor oder zu sehr vom Zufall abhängig - da zeigt sich vielleicht doch, dass das Buch ein Debütroman ist, aber es hielt sich wirklich in Grenzen.

Ich habe "Frostflamme" als eBook gelesen und mir ist tatsächlich erst beim Schreiben dieser Rezension aufgegangen, dass es 704 Seiten hat... Ich fand die Geschichte so spannend, dass ich an keiner Stelle das Gefühl hatte, sie würde sich in die Länge ziehen!

Der Schreibstil ist meines Erachtens sehr souverän: lebendig, sorgfältig detailliert aber nicht überfrachtet, flüssig und mit Bildern voller Atmosphäre.

Fazit:
"Frostflamme" konnte mich in vielerlei Hinsicht überzeugen: als Debütroman, als erster Band einer Reihe, als epische Fantasy mit überraschend realistischen Themen wie Drogenmissbrauch und Rassismus... Das ist in meinen Augen Fantasy jenseits der Klischees und dennoch spannend und unterhaltsam. Auch die Charaktere konnten mich mit ihrem Facettenreichtum überzeugen, obwohl oder gerade weil sie nicht immer gut und edel handeln.

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52 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 19 Rezensionen

17. jahrhundert, ungarn, tereza vanek, schneiderin, dienstmädchen

Im Dienst der Gräfin

Tereza Vanek
Flexibler Einband: 420 Seiten
Erschienen bei Drachenmond-Verlag, 26.05.2014
ISBN 9783931989811
Genre: Historische Romane

Rezension:


(4,5 von 5 Sternen) 

Erzsébet Báthory / Elisabeth Bathory (*1560 - †1614) ist eine historische Gestalt, die es zu eher zweifelhafter Berühmtheit gebracht hat.

Die englischsprachige Wikipedia-Seite nennt die ungarische Gräfin eine Serienmörderin und behauptet, die Anschuldigungen, sie habe hunderte von jungen Frauen gefoltert und getötet, seien durch Zeugenaussagen und den Fund misshandelter Opfer und entstellter Leichen bewiesen. Die deutsche Wikipedia-Seite ist da vorsichtiger und berichtet zwar ebenfalls von ihrer Verurteilung als Serienmörderin, unterscheidet aber zwischen unbestrittenen Fakten und solchen, die aus heutiger Sicht durchaus anzuzweifeln sind - wie zum Beispiel Zeugenaussagen, die durch Folter erpresst wurden und daher fragwürdig sind. Daher werden im deutschen Artikel zu Erzsébet Báthory zwei verschiedene Theorien präsentiert: Báthory als grausame Serienmörderin, oder Báthory als Opfer einer politischen Intrige.

Was immer auch die Wahrheit ist, die Legende der skrupellosen Schlächterin, die 600 junge Frauen ermordet haben soll, um in ihrem Blut zu baden, hält sich hartnäckig. Im Laufe der Zeit wurde die Gräfin so zu einer Art weiblichem Dracula.

Daher war ich sehr gespannt, wie Tereza Vanek über die "Blutgräfin" schreiben würde, und war freudig überrascht davon, wie überzeugend, vielschichtig und glaubhaft sie diese Frau in ihrem Buch zum Leben erweckt.

Erzsébet ist hier ohne Zweifel eine harte, unnachgiebige Frau, die auch vor Grausamkeiten nicht zurückschreckt. Aber sie ist auch eine zutiefst verwundete Frau, die vom Leben gebrochen und bis zur Unkenntlichkeit verzerrt wurde. Man kann als Leser immer wieder erahnen, dass sie eigentlich sogar die Veranlagung zu Wärme und Mitgefühl in sich trägt: in einem Lächeln, in einer Geste des Großmuts oder Vergebens blitzt dieses Potential immer wieder auf, und das macht sie zu einem Menschen aus Fleisch und Blut - und einer tragischen Gestalt.

Ob sie sich am Schluss des Romans als Monster erweist oder als missverstandene, von Intrigen verunglimpfte Frau (oder gar eine Mischung aus beidem), das möchte ich hier natürlich noch nicht verraten, aber ich fand das Ende auf jeden Fall schlüssig. 

Die Geschichte wird aus Sicht der jungen Emilia erzählt, einer frei erfundenen und dennoch nicht weniger glaubhaften Frauengestalt. Ich habe mich öfter bei dem Gedanken ertappt, dass sie Erzsébets Spiegelbild ist, denn wo Erzsébet dunkel ist, ist sie Licht. In meinen Augen ist sie, was Erzsébet hätte sein können. Sie ist mitfühlend, hilfsbereit und selbstlos, und dennoch ein komplexer Charakter, der auch mal falsche oder dumme Entscheidungen trifft. Ihre große Leidenschaft ist das Entwerfen und Schneidern prächtiger Gewänder, und mit Kreativität, Intelligenz und Entschlossenheit schafft sie es, die Aufmerksamkeit der Gräfin zu gewinnen und in ihren Dienst zu treten - und das, obwohl sie nach einer Verkettung tragischer Umstände eigentlich schon gezwungen war, mittellos mit einem Hausierer durchs Land zu ziehen.

Gemeinsam haben Emilia und Erzsébet, dass sie sich nicht mit der Rolle zufrieden geben, die die Gesellschaft der damaligen Zeit ihnen zuweist. Während Erzsébet wenigstens noch den Vorteil hat, dass sie eine adlige Frau ist, wird von Emilia eigentlich erwartet, dass sie den Hausierer heiratet, den ihre Tante ihr (aus rein egoistischen Gründen) ausgesucht hat, ihm jederzeit für Sex zur Verfügung steht, ihm in allem untertan ist und seine Kinder austrägt. Doch sie lehnt sich entschlossen dagegen auf, auch wenn das nicht ganz ungefährlich ist.

Der Schreibstil lässt die damalige Zeit wunderbar lebendig vor dem inneren Auge auferstehen, in all ihrer Pracht und all ihrem Elend. Das ist wirklich lebendige Geschichte, originell und spannend erzählt.  Mir ist das Buch nie langweilig geworden, und ich fand es auch nie vorhersehbar, weil ich bis zum Schluss nicht wusste, wie sich nun alles auflösen würde.

Eine Liebesgeschichte gibt es natürlich auch, aber die fand ich erfreulicherweise kein bisschen kitschig. Im Gegenteil, sie schraubt die Spannung der Geschichte sogar noch hoch, denn sie bringt Emilia in Gefahr...

Fazit:
Tereza Vanek erweckt in ihrem Roman eine unheilvolle Frauengestalt zum Leben: die "tBlutgräfin" Erzsébet Báthory, die in die Legende einging als skrupellose Serienmörderin - und es mit angeblichen 600 Opfern sogar ins Guinnessbuch der Rekorde schaffte. Die Autorin zeichnet ein deutlich weniger reißerisches Bild dieser Frau! Sie lässt die Gräfin auf die junge Gewandschneiderin Emilia treffen und eine fragile Freundschaft zwischen ihnen entstehen. Rund um die beiden Frauen entspinnen sich politische Intrigen, junge Mädchen kommen zu Tode, und bis zum Schluss kann man sichicht sicher sein, ob Erzsébet Báthory Täter ist oder Opfer oder beides.

Auch, wenn man wohl nie mit Sicherheit erfahren wird, was damals wirklich passiert ist: die Version der Geschichte, die Tereza Vanek erzählt, ist zumindest eine glaubhafte, und dabei auch spannend und unterhaltsam. Sie schreibt überzeugende, starke Frauencharaktere, und gerade ihr differenziertes Porträt der Gräfin hat mich vollendes überzeugt.

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108 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 79 Rezensionen

irland, krimi, kirche, mord, ira

Lügenmauer

Barbara Bierach
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 15.07.2016
ISBN 9783548613062
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


2,5 von 5 Sternen

Die Geschichte beginnt im Irland des Jahres 1964 mit dem Leidensweg einer jungen Frau, die brutal vergewaltigt und dabei geschwängert wird. Niemand will ihr Glauben schenken, stattdessen wird sie als gottlose Sünderin in ein Heim für ledige Mütter in einem Kloster abgeschoben, wo kaltherzige Nonnen nicht mal den kleinsten Funken Mitgefühl übrig haben.

Dieser Teil der Geschichte konnte mich wirklich überzeugen: die junge Frau wird sympathisch und lebendig beschrieben, und auch die angesprochenen Themen sind spannend und interessant.

Im Jahr 2004 folgt die Geschichte dann der Altenpflegerin Catherine, die sich in Manchester unter anderem um ihre Lieblingspatientin kümmert: die demente Margaret, die bei Catherines Anblick immer wieder verzückt "Kaitlin! Kaitlin! ruft.  

Catherine blieb für mich leider eher blass. Ihre Emotionen kamen bei mir einfach nicht an, und der Schluss ließ mich mit dem Gefühl zurück, sie nie wirklich kennengelernt zu haben. Ihren Teil der Geschichte fand ich oft etwas unglaubwürdig, und meines Erachtens verrät er auch schon zu viel.

Im Jahr 2005 dreht sich die Handlung schließlich um den eigentlichen Mordfall, die Erdrosselung von Reverend Charles Fitzpatrick, und die junge Ermittlerin Emma Vaughan. 

Im Klappentext klingt es so, als würde sie von ihren katholischen Macho-Kollegen drangsaliert, aber tatsächlich ist es in meinen Augen meist Emma, die auf Krawall gebürstet ist! Auf mich wirkte sie oft abfällig und herablassend, unnötig aggressiv oder provozierend. Sie ist schnell dabei, Menschen in Schubladen zu stecken, ihre eigenen Fehler sieht sie jedoch nicht - wie zum Beispiel ihre völlig außer Kontrolle geratene Medikamentenabhängigkeit.

Überhaupt findet sie viele Dinge doof. Irland doof. Religion doof. Chef doof. Wetter doof. Manchester doof. Und ich fand Emma d... Äh, sehr anstrengend.

Der Kriminalfall an sich hätte dennoch sehr spannend sein können: der Ermordete war nicht nur ein notorischer Schürzenjäger, trotz seines geistlichen Amtes, sondern auch Soldatenpfarrer bei der britischen Armee und Spross einer angesehenen Familie mit wertvollem Grundbesitz. Damit stehen direkt viele Motive zur Auswahl: Hat ihn der gehörnte Ehemann einer Geliebten gemeuchelt? Hat die IRA ihn aus politischen Motiven ermorden lassen? Wollte jemand verhindern, dass er sich das Erbe der Familie unter den Nagel reißt? Dazu kommen noch die Geschichte des Klosters und die Frage, was eigentlich aus den Kindern geworden ist. 

Das wird auch alles mal angesprochen, die Spannung verpuffte für mich aber schnell wieder. Obwohl der Leser schon früh erraten kann, wie alles zusammenhängt, tappen die Ermittler lange planlos und unorganisiert im Dunkeln. Die Spur führt nicht ins Kloster, wie vom Klappentext versprochen. Die Spur führt erstmal nirgendwo hin.

Erst auf den letzten ~60 Seiten geht die Ermittlung auf einmal in rasantem Tempo in die richtige Richtung, aber ohne Zufälle wäre sie da nie angekommen.

Die Anwältin des Toten ist zufällig die beste Freundin der Ermittlerin.

Zwei Frauen aus Irland, die ein altes Familiengeheimnis miteinander verbindet, treffen sich zufällig in England,

Die Ermittlerin läuft zufällig  einer Schlüsselfigur des Falles über den Weg und erkennt sie auch direkt als solche.

Eigentlich passiert wirklich wenig nur aufgrund fundierter Ermittlungsarbeit, und das erwarte ich einfach von einem Krimi.

Das Ende konnte mich leider auch nicht überzeugen. Zum einen ging mir auf einmal alles zu schnell, und zum anderen fand ich das Verhalten der beteiligten Personen überhaupt nicht glaubhaft. Emma bringt sich zum Beispiel ohne jeden ersichtlichen Grund in eine brenzlige Situationen und benimmt sich dann noch so, als wäre sie als Polizistin nicht darauf trainiert, mit brenzligen Situationen umzugehen. Der Schluss war für mich dann einfach nur enttäuschend.

Um auch mal was Positives zu sagen: Der Schreibstil liest sich angenehm und flüssig, und man kann sich die Schauplätze und Personen meist sehr gut bildlich vorstellen. 

Fazit:
Das Buch fing spannend an, konnte mich aber leider nicht bis zum Schluss überzeugen. Die Ermittlerin war mir ziemlich unsympathisch, denn die ist in Gedanken eigentlich immer am Nörgeln und voller Vorurteile gegen alles und jeden, und der Fall klärt sich eigentlich nur durch eine Verkettung von Zufällen und Hilfe von außen. Da man sich als Leser sowieso schon sehr schnell denken kann, was dahintersteckt, kam für mich auch kaum Spannung auf.

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