MikkaG

MikkaGs Bibliothek

601 Bücher, 595 Rezensionen

Zu MikkaGs Profil
Filtern nach
602 Ergebnisse
Wähle einen Buchstaben, um nur die Titel anzuzeigen, die mit diesem beginnen.



LOVELYBOOKS-Statistik

(117)

200 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 98 Rezensionen

thriller, wald, junggesellinnenabschied, mord, ruth ware

Im dunklen, dunklen Wald

Ruth Ware , Stefanie Ochel
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 23.09.2016
ISBN 9783423261234
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Unser Krimi-Lesekreis, der sich monatlich trifft, hatte dieses Buch für den Oktober 2016 ausgewählt. Dazu muss man sagen, dass wir uns im abschließenden Urteil, ob wir ein Buch nun Top oder Flop finden, meist erstaunlich einig sind! Aber dieses Mal stellte sich heraus, dass das Buch durchaus sehr unterschiedliche Meinungen hervorrief.

Ich fand das Buch großartig, das mal direkt vorneweg, aber eine andere Teilnehmerin eröffnete das Gespräch mit harscher Kritik: zu langatmig, es passiert zu wenig, die Charaktere sind unsympathisch... Eine andere meint später, diese Art von Geschichte habe man doch auch schon öfter gehört.

Um mal damit anzufangen: ja, das Szenario ist wirklich nicht ganz neu. Ein einsames Haus in einem dunklen, dunklen Wald, die Menschen darin sind völlig von der Außenwelt abgeschnitten, denn es gibt keinen Handyempfang und dann fällt auch noch das Festnetz aus... Das ist der Stoff, aus dem Filme gemacht sind, bei denen man mindestens einmal ruft: Nein, geht nicht alleine auf den Speicher!!

Aber eine gekonnte Umsetzung kann daraus durchaus ein originelles Buch machen, und zumindest in meinen Augen ist das Ruth Ware auch gelungen.

Solche Geschichten sind meist mehr Psycho als Thriller, werden eher von der Gruppendynamik der Charaktere und der Atmosphäre getragen als von der eigentlichen Handlung - denn so viel kann ja nicht passieren in einem einsamen Haus im dunklen, dunklen Wald. Und auch hier passiert über lange Strecken der Geschichte streng genommen nur sehr wenig, bis die Geschehnisse komplett aus dem Ruder laufen. Nora, und damit auch der Leser, beäugt die anderen Teilnehmer dieses skurrilen Junggesellinnenabschieds misstrauisch, während die Stimmung zunehmen angespannt und sogar feindselig wird.

In sofern kann ich die Kritik, das Buch sei zu langatmig und es passiere zu wenig, durchaus nachvollziehen, aber für mich funktionierte es perfekt durch die bedrohliche, klaustrophobische Atmosphäre, die die Autorin aufbaut. In vielen Szenen hatte ich durchaus ein bisschen Gänsehaut! Ich liebe Geschichten, bei denen sich die Dramen überwiegend in den Köpfen der Protagonisten abspielen und die Spannung beinahe unmerklich an der schönen, heilen Oberfläche kratzt.

Die Geschichte spielt sich auf zwei Zeitebenen ab: einmal während der Junggesellinnenparty, einmal direkt danach, als Nora schwer verletzt im Krankenhaus liegt und mühsam rekonstruiert, was passiert ist. Für mich erhöhte das die Spannung noch zusätzlich, aber ich muss zugeben, dass ich ein paar Dinge schon relativ früh erraten habe. Zum Beispiel wird nie so richtig ausgesprochen, was vor zehn Jahren passiert ist, das Nora, Claire und James entzweit hat, und die Auflösung am Schluss war wirklich keine große Überraschung.

Für mich ergab sich die Spannung weniger aus der Frage, was passiert (ist), sondern eher aus der Frage, wie die Charaktere damit umgehen.

Und die sind, zugegeben, alle keine Menschen, die es einem leicht machen. Sie intrigieren und zeigen ihre boshafte Ader, oder erweisen sich als zutiefst gestört und unzuverlässig, aber so richtig sympathisch sind sie einem selten. Aber in meinen Augen müssen sie das auch gar nicht, denn sie sind dennoch gut und komplex geschrieben, und interessant sind sie allemal!

Der Schreibstil war für mich ganz großes Kino. Tatsächlich beschreibst die Autorin alles mit so dichter Atmosphäre und so vielen stimmungsvollen Details, dass ich jede Szene vor mir sehen konnte und jetzt nur noch auf die Verfilmung warte.

Fazit:
"Im dunklen, dunklen Wald" ist ein Thriller, der an sich nur wenig Handlung hat - und die ist nicht einmal herausragend originell. Auch die Charaktere sind nicht sonderlich liebenswürdig, und das große Geheimnis am Schluss kann man schon recht früh erraten.

Dass es für mich dennoch ein 4,5-Sterne-Buch ist, liegt vor allem daran, dass es eben kein handlungsgetriebenes Buch ist, sondern eines, das von dichter Atmosphäre und unterschwelliger psychologischer Spannung lebt. Das hat die Autorin für meinen Geschmack perfekt umgesetzt, mit einem Schreibstil voller starker Bilder und ungewöhnlicher Metaphern.

  (3)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(151)

318 Bibliotheken, 4 Leser, 2 Gruppen, 11 Rezensionen

dystopie, liebe, scott westerfeld, schönheit, pretty

Special - Zeig dein wahres Gesicht

Scott Westerfeld , Gabriele Haefs
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Carlsen, 25.08.2011
ISBN 9783551310088
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Hinweis: Mit "Special" findet die Originaltrilogie ihren Abschluss. Zwar gibt es inzwischen noch einen vierten Band (passenderweise mit dem Titel "Extra"), aber der folgt einer neuen Protagonistin.

Auch in diesem Band war ich wieder sehr beeindruckt davon, wie komplex, gut durchdacht und originell diese utopisch-dystopische Welt ist, die sich Scott Westerfeld ausgedacht hat. Immer wenn man denkt, jetzt hätte man aber mit Sicherheit jede ihrer Facetten gesehen und verstanden, kommt wieder eine unerwartete Wendung, eine neue Idee oder die drastische Weiterentwicklung eines schon bekannten Themas.

Dabei ist die Welt in diesem Band eine dunklere, mit einer düster-bedrohlichen Atmosphäre - das politische System funktioniert mit gnadenloser Präzision, ohne die geringste Achtung vor Persönlichkeitsrechten und Individualität. Mir kam das vor wie das albtraumhafte Zerrbild der quietschbunten Barbie-Welt, die man im ersten Band kennengelernt hat!

Das liest sich durchaus sehr spannend, gerade weil die Geschichte auch jede Menge Action zu bieten hat. Allerdings kam sie mir manchmal zu konstruiert vor und beruht für meinen Geschmack auch zu oft auf Zufällen...

Tally ist in diesem Band oft sehr unsympathisch, denn sie handelt für einen Großteil der Handlung durch und durch wie eine arrogante Special, die auf die dummen Prettys und die hässlichen Uglys herabschaut. In einer Szene verursacht es ihr Ekel und Übelkeit, Zane auch nur anzuschauen, weil der nach den Ereignissen des letzten Bandes einen Gehirnschaden hat, der unter anderem dazu führt, dass ihm ständig die Hände zittern. Das weckt in ihr das Gefühl, dass er jetzt minderwertig und abstoßend ist und sie erst wieder mit ihm zusammen sein kann, wenn er geheilt wurde - und am Besten auch direkt zum Special umoperiert.

Dennoch habe ich gehofft, dass sie es schafft, selber zu erkennen, wie falsch ihre Denkweise ist, aber sie trifft im Laufe der Geschichte nur wenige Entscheidungen selber (also nicht gesteuert von ihrer Special-"Programmierung") und die, die sie trifft, sind oft dennoch geprägt von ihrer überheblichen, extremen Denkweise.

Natürlich trägt Tally daran eigentlich nur wenig Schuld. Im Laufe der drei Bände wurde sie mehrfach gegen ihren Willen verändert und fand jedes Mal mühsam zurück zu sich selbst - aber in diesem Band hatte ich das Gefühl, dass sie einfach zu oft zerbrochen und wieder zusammengesetzt wurde. Gibt es die echte Tally überhaupt noch? Ob Tally es am Ende dann doch noch schafft, das verrate ich hier natürlich nicht, nur soviel: ich fand ihre Entwicklung konsequent, aber sie machte es mir oft schwer, wirklich mit ihr mitzufühlen.

Das Ende ließ mich mit gemischten Gefühlen zurück. Einerseits fand ich es gut und konsequent, andererseits hätte ich auf dem Weg dorthin mit mehr Revolution gerechnet und die Botschaft wird für meinen Geschmack dann doch etwas zu simpel rübergebracht.

Da ich beim Lesen der Bücher hin- und hergewechselt habe zwischen den englischen Originalausgaben und den deutschen Übersetzungen, muss ich sagen: obwohl die deutsche Übersetzung sicher nicht schlecht ist, geht doch Einiges von der Einzigartigkeit der Sprache verloren, mit der Scott Westerfeld diese Geschichte erzählt. Denn man hat wirklich den Eindruck, dass die Sprache sich im Laufe der Zeit, von unserer Gegenwart bis zur Gegenwart des Buches, grundlegend verändert hat, und das macht für mich einen Großteil des Reizes aus. 

Fazit:
Der dritte Band einer Trilogie, die inzwischen vier Bände hat. Das Ende, oder doch nicht das Ende?

Tallys Geschichte kommt zu einem Abschluss, der konsequent und dennoch überraschend ist, und ihre Reise dorthin wird rasant und actiongeladen erzählt. Daher liest sich das Buch unterhaltsam und spannend, allerdings gibt es für meinen Geschmack zu viele Zufälle und Tally machte es mir sehr schwer, mit ihr mitzufühlen, da ihre Operation zur Special sie auch arrogant und skrupellos gemacht hat... 

Man kann die Reihe gut an diesem Punkt beenden (auch wenn das Ende vieles offen lässt), denn der vierte Band folgt nicht mehr Tally, sondern einer neuen Protagonistin.

  (3)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

So schreiben Sie mühelos ein tolles dickes Buch

Jürgen Müller
Flexibler Einband: 72 Seiten
Erschienen bei Books on Demand, 16.06.2009
ISBN 9783837097788
Genre: Sachbücher

Rezension:


Vorweg muss ich leider direkt sagen, dass mich dieser Schreibratgeber nicht überzeugt hat. Vielleicht habe ich zuviel erwartet von einem Büchlein, das gerade einmal 43 Seiten umfasst, aber auch das eigentliche System, das hier vorgestellt wird, erscheint mir nicht sinnvoll.

Um den Ratgeber einmal Schritt für Schritt durchzugehen:

Nach einem motivierenden Vorwort beginnt Jürgen Müller damit, ein wahres Schreckenszenarium heraufzubeschwören, in dem der angehende Nachwuchsautor Stunden, Wochen, Monate mit mühsamer Recherche verbringen muss, bevor er endlich anfangen darf zu schreiben. Das zieht sich hin bis zu 7% des Buches, verschlingt also durchaus schon eines großen Teil des Ratgebers, bis die Erlösung kommt: Nein, das ist alles gar nicht notwendig!

Nun beginnt der Autor damit, sein System vorzustellen: wenn man jeden Tag zwei Stunden zum schreiben erübrigen kann, soll man sie aufteilen auf eine halbe Stunde Recherche, eine halbe Stunde Schreiben und eine Stunde Überarbeitung. Ja, genau - jede Seite wird direkt überarbeitet, bevor man am nächsten Tag die nächste Seite schreibt! Und der Autor ist überzeugt davon, dass so Stück für Stück ein Buch entsteht, das am Schluss keine weitere Überarbeitung brauchen wird. 

Das erscheint mir, wie gesagt, überhaupt nicht zweckmäßig. Denn vieles lässt sich in meinen Augen nur im Kontext sinnvoll überarbeiten - was ist mit der Entwicklung des Spannungsbogens, dem Wachstum der Charaktere an ihren Erlebnissen und Ähnlichem? Es gibt so viele Elemente einer Geschichte, die man nicht an einer einzelnen Seite festmachen kann. Vielleicht stellt sich ja später heraus, dass die ganze Szene überflüssig ist oder nicht wirklich in den Fluss der Geschichte passt, was dann?

Der Autor ist jedoch sehr überzeugt von seinem System. So schreibt er zum Beispiel, dass man damit in einem Monat etwa 30 fertige Seiten mit insgesamt 6.000 Wörtern produzieren kann, räumt direkt ein, dass Stephen King im gleichen Zeitraum das Zehnfache schafft und verkündet dann stolz:

Zitat:
"Aber er hat im Gegensatz zu Ihnen noch nicht eine einzige Seite fertig! Sie sind ihm weit voraus. Bei ihm handelt es sich lediglich um eine Erstschrift, die er noch einmal vollständig überarbeiten, verbessern und kürzen muss, in der er ganze Kapitel neu schreiben und andere löschen wird."
Und das mache keinen Spaß, sondern sei Frust pur und überflüssig. "Schließlich sind Sie Schriftsteller und kein Deutschlehrer, der gern Aufsätze korrigiert." 

Danach folgen ein paar Kapitel mit Tipps:

"Ideen am laufendem Band", in dem der Autor durchaus ein paar brauchbare Tipps gibt, die besonders für Neulinge bestimmt eine Hilfe sein können.

"Aller Anfang ist leicht", in dem es darum geht, wie man den Leser direkt am Anfang seines Buches packt. Auch hier sind brauchbare Tipps enthalten, sie werden aber eher oberflächlich behandelt und berücksichtigen nicht, dass nicht alles für alle Arten von Geschichten gleichermaßen gelten kann. Hier wird tatsächlich auf den Spannungsbogen eingegangen, aber wie gesagt: meiner Meinung nach lässt sich so etwas nur im Ganzen bearbeiten, nicht anhand einer aus dem Zusammenhang gerissenen Seite.

Die restlichen 40% des Buches enthalten als Bonus eine "Gratis-Abhandlung", die eigentlich das Kernstück des Buches sein sollte: "Eine einzige Überarbeitung macht's auch", worin zehn Punkte aufgelistet werden, die man bei der Überarbeitung jeder Seite berücksichtigen soll. 

Zugegeben, auch hier sind tatsächlich einige brauchbare, grundlegende Tipps enthalten, aber vieles geht nicht über Allgemeinplätze hinaus oder berücksichtigt nicht, dass unterschiedliche Texte unterschiedliche Stilmittel benötigen. 

Ich hatte beim Lesen immer wieder den Eindruck, dass es bei dieser Methode vor allem darum geht, um jeden Preis Mühe und Arbeit zu vermeiden. Zwar spricht der Autor ein paarmal davon, dass es um Qualität gehe und nicht um Quantität, aber Aussagen wie diese führen das ad absurdum:

Zitat:
"Sie brauchen sich gar nicht die Mühe machen, etwas an Qualität den obigen Romananfängen Gleichwertiges zu erschaffen und dabei zu verzweifeln."

Wenn ich mir die Kritiken auf Amazon so anschaue, scheint das Buch tatsächlich zum Schreiben motivieren zu können. Aber es hat schon seinen Sinn, warum Autoren wie Stephen King Zeit und Mühe in ihre Manuskripte investieren, und ich finde es daher fatal, Nachwuchsautoren zu suggerieren, man könne eine Abkürzung nehmen und damit mühelos etwas Gleichwertiges produzieren. 

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(49)

132 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 7 Rezensionen

fantasy, dystopie, kinder, eden, freundschaft

Alterra: Der Krieg der Kinder

Maxime Chattam , Maximilian Stadler , Nadine Püschel
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Droemer Knaur, 02.11.2012
ISBN 9783426513088
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Im französischen Original gibt es inzwischen sechs Bände der Reihe "Autre Monde", der siebte erscheint im November 2016. Ins Deutsche übersetzt wurden nur die ersten vier, und es gibt wohl auch keine Pläne, die restlichen noch zu veröffentlichen. Aber die Reihe war ursprünglich ohnehin als Trilogie geplant gewesen! Der dritte Band beantwortet einige Fragen (wenn auch leider nicht alle), die sich in den ersten beiden Bänden ergeben haben, und endet an einer Stelle, an der man die Geschichte ganz gut stehen lassen kann.


Eine der großen Stärken dieser Reihe ist der unglaubliche Einfallsreichtum, mit dem der Autor den Lesern seine komplexe postapokalyptische Welt näherbringt. Es gibt immer wieder etwas Neues zu entdecken, wenn man Matt, Ambre und Tobias  auf ihren Reisen folgt - neue Mutationen, neue Stämme von Pans, die ihre ganz eigene Gesellschaft aufgebaut haben, einfallsreiche neue Arten, die nicht mehr funktionierende Technologie zu ersetzen. 

Auch die Spannung kommt nicht zu kurz: in diesem Band dauert es zwar ein paar Kapitel, bis die Geschichte in Gang kommt - dann prescht sie aber auch in irrsinnigem Tempo los, mit jeder Menge Action. Manchmal war mir das sogar ein wenig zu viel des Guten und ich hätte mir mehr Atempausen gewüscht, in denen man dann zum Beispiel mehr darüber erfährt, wie diese neue Welt funktioniert.

Denn nach wie vor ist für mich eine der großen Schwächen der Reihe, dass nicht alles schlüssig und glaubhaft erklärt wird. Am Ende des dritten Bandes ist die große Katastrophe gerade mal fünfzehn Monate her. Fünfzehn Monate, in denen anscheinend ganze Städte errichtet wurden, neue Gesellschaftsformen entwickelt, neue Währungssysteme ersonnen, neue Religionen verbreitet... Wo kommen auf einmal die ganzen Erwachsenen her, die anscheinend Waffen und Rüstungen schmieden können? Wieo können die Kinder jagen, nähen, backen, Landwirtschaft betreiben, und das alles ohne moderne Maschinen und technische Hilfsmittel? Würde es nicht länger dauern als ein paar Monate, bis die Menschen alte Fähigkeiten wiederentdecken?

Aber noch mehr hat mich gestört, dass die durchaus wichtige ökologische und soziale Botschaft des Buches dem Leser sehr plump aufgedrängt wird. Besonders auf der Religionskritik wird in diesem Band immer wieder und wieder herumgeritten, und das sehr undifferenziert. Überhaupt sind die Dinge in Alterra meist sehr klar aufgeteilt in gut und böse - mit nur wenigen Graustufen zwischen schwarz und weiß.

Die drei Hauptcharaktere Matt, Ambre und Tobias fand ich sympathisch und glaubhaft geschrieben. Sie haben ihre Stärken und Schwächen und sind spürbar an ihren Herausforderungen gewachsen, und so konnte ich gut mit ihnen mitfühlen und -fiebern. Auch ein paar der anderen Pans sind liebenswerte und/oder interessante Gestalten.

Aber bei vielen der anderen Charaktere hatte ich genau das Gefühl, das ich eben beschrieben habe: dass sie sehr genau aufgeteilt sind in gut und böse. Die Erwachsenen sind scheinbar alle entweder grausame Bösewichte oder dumme Mitläufer (bis auf eine einzige Ausnahme).

Das hat fast etwas Märchenhaftes, denn auch im Märchen gibt es wenig zwischen diesen Extremen! Aber für eine an sich komplexe Welt wie Alterra, mit einer so interessanten Grundidee, war mir das schlicht zu einfach und flach.

Ein wenig Romantik gibt es in diesem Buch auch, aber das spielt eine eher untergeordnete Rolle.

Der Schreibstil hat mir wieder gut gefallen. Maxime Chattam vermittelt mit vielen bunten Details eine sehr dichte Atmosphäre, so dass sich das Buch flüssig und unterhaltsam lesen lässt. Die Dialoge lasen sich für mich manchmal ein klein wenig gestelzt und holprig, aber ich bin mir nicht sicher, ob das am Buch an sich liegt oder der Übersetzung.

Fazit:
Auch im dritten Band der Reihe "Alterra" bietet Maxime Chattam dem Leser eine Vielzahl an originellen Ideen und bunten Details, und nach den ersten Kapiteln entwickelt die Geschichte ein irrsinniges Tempo mit jeder Menge Action. Deswegen liest sie sich durchau spannend und unterhaltsam - krankt aber in meinen Augen daran, dass a) vieles nicht schlüssig (oder überhaupt) erklärt wird, b) dem Leser die Botschaft sehr mit dem Holzhammer eingebläut wird und c) viele der Charaktere sehr stereotyp entweder gut oder böse sind.

Deswegen konnte mich das Buch trotz der originellen Einfälle und dem sehr angenehmen Schreibstil nur so halbwegs von sich überzeugen.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(33)

81 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 23 Rezensionen

widerfahrnis, flüchtlinge, novelle, deutscher buchpreis, liebe

Widerfahrnis

Bodo Kirchhoff
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 01.09.2016
ISBN 9783627002282
Genre: Romane

Rezension:


Da treffen sich zwei Menschen, die widerwillig im Alter angekommen scheinen: er, Reither, der seinen Verlag aufgeben musste, weil es immer mehr Schreibende und immer weniger Lesende gibt, und sie, Leonie Palm, die ihr Leben lang Hüte verkauft hat, bis auch das am Mangel an Hutgesichtern scheiterte. Sie haben diesen Wendepunkt im Leben erreicht, wo aus all den vagen Wunschträumen für eine endlos erscheinende Zukunft auf einmal verpasste Chancen werden. Vergangene Enttäuschungen und Verluste, die man längst vergessen glaubt, schmerzen wie alte Narben.

Gemeinsam fliehen diese beiden Menschen, die keinen Halt mehr finden in ihrem Leben, Richtung Sonne und ihrer Verheißung von Glück. In Sizilien begegnen sie einem Kind, das nicht spricht und gerade dadurch zur Projektionsfläche für etwas wird, das beide Protagonisten vermissen - er, weil er es nie hatte, sie, weil sie es verlor.

Aber zunächst beginnt ihre Reise im späten Winter einer deutschen Großstadt, und auch das Buch erschien mir erst seltsam unterkühlt. Es wird aus Reithers Sicht erzählt, der nicht umhin kann, seine Erlebnisse aus einer gewissen Distanz zu sehen. So wie er als Lektor früher aus den Büchern alles Weiche und Sentimentale strich, lässt er es auch in seiner persönlichen Geschichte nur ungern zu. Gefiltertes Leben: Erleben und Erzählen gehen immer Hand in Hand - spröde, kalkuliert, und dennoch oder gerade deswegen mit glasklaren Momenten sprachlicher Schönheit.

Umso erstaunlicher ist, wie plötzlich und ungebremst die Ereignisse auf einmal über ihn hereinbrechen. Leben, Lieben, Hoffen und Scheitern im Zeitraffer. Wider Willen lässt Reither seine Emotionen immer mehr zu, bis aus einem Gedankenspiel mit interessanten Motiven am Schluss doch noch ein Buch wird, das ins Herz trifft.

In seiner Dankesrede sprach Bodo Kirchhoff unter anderem von der "Gratwanderung zwischen einem Erzählen, das wehtut und einem Erzählen, das guttut". Genau das ist es, was "Widerfahrnis" für mich ausmacht: Hoffnung, die dem Leser erst die Schwermut bewusst macht, und doch unausweichlich wieder in dieser mündet. Hilfsbereitschaft, die sich als egoistischer Selbstbetrug herausstellt. Aber umgekehrt auch Schmerz und Verlust, die einen Weg zu etwas Neuem bahnen.

Kirchhoff bricht elementare Themen wie Schuld, Verlust oder Liebe herunter auf das Grundlegendste und setzt sie wieder zusammen zu einer Geschichte der leisen Töne, die dennoch eine starke Sogwirkung entfaltet und es dem Leser dadurch schwer macht, das Buch wegzulegen. Auch wenn diese Themen archaisch sind, vielfach in der Literatur aufgegriffen, ist "Widerfahrnis" doch alles andere als abgedroschen.

Der Autor verzichtet gänzlich auf Pathos oder Kitsch. Sein Schreibstil hat etwas Klares, Schwereloses, und zeichnet sich dennoch durch messerscharfe Prägnanz aus. Das Wort, das mir spontan einfällt, ist "meisterhaft", und dennoch hat das Geschriebene etwas Zurückhaltendes.

Die Geschichte ist fast schon ein Kammerspiel, denn Reither und Leonie verbringen den größten Teil des Buches in ihrem Auto. Dabei kommt man ihm als Leser schnell näher, während man sie zunächst nur dadurch kennenlernt, wie sie auf Reither reagiert - ein Schattenspiel, sozusagen. Aber gerade das ist spannend zu verfolgen, und am Ende versteckt sich im Ungesagten ihr Motiv für die Reise.

Die Liebesgeschichte hat etwas bittersüß Anrührendes, gerade weil sie zu gleichen Teilen unmöglich und unaufhaltsam erscheint.

Fazit: 
Die Geschichte eines "Widerfahrnis": zwei ins Alter gekommene Menschen versuchen sich an einer späten Erfüllung ihrer Träume, begeben sich auf einen spontanen Roadtrip nach Sizilien und durchleben in wenigen Stunden Hoffnung, Liebe, Schmerz, Scheitern, Verlust... Bodo Kirchhoff erzählt das schnörkellos und dennoch poetisch, und je länger man darüber nachdenkt, desto mehr Bedeutungsebenen entdeckt man. Obwohl es ohne Zweifel ein anspruchsvolles Buch ist, ist es dennoch auch ein Buch, das sich leicht und unterhaltsam lesen lässt, und in meinen Augen ist es auch ein Buch, das den Deutschen Buchpreis 2016 redlich verdient hat.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(46)

72 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 20 Rezensionen

sizilien, krimi, mord, bayern, hölderlin

Tante Poldi und die sizilianischen Löwen

Mario Giordano
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 15.04.2016
ISBN 9783404174140
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Bisher gibt es zwei Bücher, in denen Tante Poldi in Sizilien ihr Unwesen treibt. Ich habe beide erst gelesen und danach auch nochmal als Hörbuch gehört, und ich kann nur sagen: Tante Poldi ist einfach Kult! Hätte ich ja vorher nie gedacht, dass so eine schräge Mischung aus Krimi, Humor, sizilianischem Sommerflair und verschrobener Lebensweisheit funktionieren kann - aber das tut sie, und wie.

Gerade diese Mischung macht das Buch so erfrischend originell, und das Lesen bzw Hören war für mich eine reine Freude. Ich bin normalerweise immer skeptisch, wenn ein Buch als humorvoll angepriesen wird, aber hier ist der Humor tatsächlich wundervoll ungezwungen und dabei doch total durchgeknallt. Ich habe selten so oft beim Lesen gelacht!

Tante Poldi denkt im Laufe des Buches öfter darüber nach, dass Sizilien alles auf einmal ist: salzig, bitter, süß und scharf, und gerade deshalb so bombastisch und phänomenal. Und irgendwie gilt das auch für Tante Poldi, denn die vereint viele Gegensätze in sich. Eigentlich ist sie ja nach Sizilien gezogen, um sich mit Meerblick gepflegt zu Tode zu saufen, aber da kommen ihr direkt mehrere Dinge dazwischen: zum einen ist sie trotz Phasen der Schwermut eigentlich ein lebenslustiger Mensch, dann hat sie als Tochter eines Kriminalkommissars quasi den kriminalistischen Jagdinstinkt im Blut - und dann verguckt sie sich auch noch in den Commissario Montana. Poldi zeigt, dass man auch im Alter von 60 Jahren noch tüchtig Pfiff haben kann, und dass man nie zu alt ist für Herzklopfen und Liebeskummer, und das fand ich richtig süß und rührend.

Tante Poldi ist lauter, bunter, schriller als das Leben. Und dann haut sie manchmal so ganz nebenher eine Lebensweisheit raus, wo man stutzt, darüber nachdenkt und sich dann denkt: Stimmt. Ich fand sie rundum liebenswert, diese bayrisch-sizilianische Kollegin von Miss Marple, und bei allem Humor doch glaubhaft und authentisch. Auch die anderen Charaktere sind großartig geschrieben. Ich hatte immer direkt das Gefühl, denjenigen schon sehr lange zu kennen, denn sie kamen mir alle vor wie direkt aus dem Leben gegriffen!

Der Kriminalfall ist vielleicht nichts für Hardcore-Krimi-Puristen, aber durchaus gut konstruiert, logisch und auf eher gemächliche Weise spannend. Zwar steht Poldi den Ermittlungen manchmal eher im Weg, indem sie sich resolut weigert, Informationen weiterzugeben, weil sie den Fall selber aufklären will - dafür hat sie aber auch Einfälle und kommt auf Lösungsansätze, auf die die Polizei niemals gekommen wäre.

Der Schreibstil ist schlicht und einfach eine Wucht. Der Autor kommt auf die schrägsten Vergleiche, Bilder und Metaphern und kann aus den alltäglichsten Situationen etwas machen, über das man sich totlachen könnte. Aber er kann nicht nur lustig schreiben - seine Worte lassen auch das Leben in Sizilien vor dem inneren Auge des Lesers auferstehen, mit ganz viel Atmosphäre und Dolce Vita. Und dann gibt es auch noch Szenen, in denen er geradezu nachdenklich und philosophisch wird, und auch das überzeugt und kann einen schon mal mitten ins Leserherz treffen.

Das Hörbuch ist eine wunderbare Umsetzung, der Sprecher Philipp Moog bringt die verschiedenen Charaktere mit ihren Eigenheiten perfekt rüber, besonders Poldi und ihren Neffen, der ihre Geschichte aufschreibt und erzählt.

Fazit:
Tante Poldi ist eine bayrische Naturgewalt. Energisch und entschlossen reißt sie in ihrer Wahlheimat Sizilien einen Kriminalfall an sich, was dem Commissario schon mal graue Haare beschert. Das ist zum Schreien komisch, dabei aber nicht platt, voller Sommerflair, aber nicht kitschig... Und spannend ist es auch.

Ganz ehrlich, so eine Mischung aus Dolce Vita, Humor und Mord habe ich noch nie gelesen, und ich hätte auch nicht erwartet, dass es mir so gut gefällt - aber tatsächlich macht Tante Poldi richtig süchtig.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(169)

236 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 158 Rezensionen

thriller, familie, jenny milchman, night falls, mord

Night Falls. Du kannst dich nicht verstecken

Jenny Milchman , Marie Rahn
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 15.07.2016
ISBN 9783548287553
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Die beschriebene Situation verspricht gemütliche Leseabende voller Thrillerspannung:

1.) Ein einsam gelegenes Haus. durch einen Schneesturm noch unerbittlicher von der Außenwelt abgeschnitten. 2.) Zwei entflohene Strafgefangene, der eine ein tumber Riese, der andere ein eiskalter Psychopath. 3.) Vater, Mutter und Teenagertochter, die den beiden wehrlos ausgeliefert sind. Und die Lage spitzt sich von Minute zu Minute mehr zu.... 

Das klingt vielleicht nicht nach etwas weltbewegend Neuem, aber dennoch nach den perfekten Zutaten für einen soliden psychologischen Thriller. Tatsächlich bringt die Autorin auch durchaus spannende Ideen ein und legt von Anfang an ein gutes Tempo vor! Leider ging die Rechnung für mich trotzdem nicht vollständig auf, sondern hinterließ bei mir einen zarten Beigeschmack der Enttäuschung.

Die Geschichte spielt sich auf zwei Zeitebenen ab: einerseits die albtraumhaften Geschehnisse in der Gegenwart, andererseits die Kindheit des Psychopathen Nick in den 70er Jahren. Gerade diese Rückblicke fand ich anfangs sehr interessant, denn ich war sehr gespannt darauf, wie die Autorin das zunehmend absurde Verhalten von Mutter und Sohn begründen würde - leider konnte mich die Erklärung dann jedoch nicht komplett überzeugen.

Was mich schon nach wenigen Kapiteln immer mehr störte (auf beiden Zeitebenen), waren vor allem die in meinen Augen maßlosen Übertreibungen. Zum Beispiel wird Harlan, der dumme, aber gutmütige Sträfling, als geradezu grotesk riesig beschrieben: so wird an einer Stelle gesagt, dass die 15-jährige Ivy ihm nur bis zum Bauchnabel reicht! Die kann sich später im Buch übrigens an einer Hauswand festhalten, in dem sie ihre Fingernägel in die Holzfassade krallt.  Es gibt außerdem Charaktere, die anscheinend literweise Blut verlieren können, ohne zu sterben - und vieles mehr.

Auch das Verhalten der Hauptfiguren erschien mir oft unglaubwürdig. Ja, es ist eine Extremsituation, und in Extremsituationen tun Menschen unlogische Dinge, aber dennoch war es mir oft einfach zu weit hergeholt. (Leider kann ich hier kein Beispiel bringen, ohne schon zu viel zu verraten.) Dadurch fiel es mir auch immer schwerer, mit ihnen mitzufühlen und mitzufiebern, und das nahm mir wiederum viel der Spannung, obwohl das Buch wirklich sehr temporeich erzählt wird und auch viel Action zu bieten hat.

Ja, ich habe mich von dem Buch durchaus irgendwie unterhalten gefühlt, und ich hatte es trotz aller Vorbehalte auch schnell durch. Man kann es meines Erachtens ganz gut lesen, aber es ist einfach kein Muss und ich vermute, dass es mir auch nicht lange im Gedächtnis bleiben wird. Das ist natürlich alles Geschmacksache, aber auf mich wirkte die Geschichte wie ein Actionfilm, bei dem man besser nicht zu genau darauf achten sollte, ob auch alles realistisch ist -  und darauf lege ich bei einem Thriller einfach Wert.

Die Charaktere fand ich von ihren Anlagen her an sich alle interessant. Sie haben viel Potential, bleiben aber meiner Meinung nach in ihrem Verhalten doch oft zu flach, um wirklich authentisch, lebendig und glaubhaft zu wirken. Das ist aber wirklich nur eine Gratwanderung: ich hatte oft das Gefühl, dass nur ein winzig kleiner Schritt fehlte, um aus einem interessanten Klischee einen echten Menschen zu machen.

Auch der Schreibstil war für mich so eine Gratwanderung: er liest sich flüssig, er vermittelt gekonnt Atmosphäre und ein Gefühl der Dringlichkeit und Gefahr, aber die Metaphern und Bilder sind oft sehr weit hergeholt und rissen mich eher aus dem Lesefluss heraus. Ich habe nichts gegen detailverliebte Schreibstile, aber wenn die Details zu zahlreich werden und sich immer wieder überbieten, dann stumpft die Wirkung meines Empfindens irgendwann ab. 

Fazit:
Von der Grundidee und den wichtigsten Charakteren her hätte "Night Falls" in meinen Augen das Potential für einen nervenzerfetzenden Thriller gehabt, wird diesem Potential aber leider nicht vollkommen gerecht. Viele Geschehnisse fand ich nicht glaubwürdig, und auch das Verhalten der Charaktere war für mich nicht immer schlüssig. Ich hatte oft das Gefühl, dass das Buch versucht, zu viel zu sein, immer noch schneller, noch grausamer, noch überraschender, und dass das gerade durch diese Übersteigerung  irgendwann nicht mehr funktioniert.

  (3)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(10)

19 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Das Gleichgewicht der Welt

Rohinton Mistry , Matthias Müller
Flexibler Einband: 1.328 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 26.09.2012
ISBN 9783596512621
Genre: Romane

Rezension:


Zitat:
»Man muss ein feines Gleichgewicht zwischen Hoffnung und Verzweiflung einhalten.« Er hielt inne und dachte darüber nach, was er gerade gesagt hatte. »Ja«, wiederholte er, »letztendlich ist alles eine Frage des Gleichgewichts.«

Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich in meiner Rezension zu diesem Buch schreiben könnte - diesem monumentalen Epos, das seine enorme emotionale Wucht gerade dadurch entfaltet, dass es den Blick nicht nur auf die dramatischen Ereignisse, sondern auch auf die kleinsten Dinge richtet. Die feinen Nuancen. Das Nichtgesagte. Die Zwischentöne. Mal ist das Buch ein farbenfrohes Spektakel, dann wieder eine zarte Szenerie leiser Philosophie. Manchmal war ich schockiert von der gnadenlos geschilderten Gewalt und dem Elend, dann wieder musste ich lachen, und mehr als einmal standen mir die Tränen in den Augen. Sei gewarnt, Leser: dies ist kein Buch, das beschönigt, und es ist auch kein Buch für erzwungene Happy Ends. Und dennoch ist es ein Buch, das verzaubert und bereichert. 

Das Indien, dass Rohinton Mistry hier zum Leben erweckt, wirkte auch mich oft wie eine gänzlich fremde Welt, manchmal fast schon bizarr in ihrer Andersartigkeit. Aber dann stutzt man und erkennt sich auf einmal wieder in den Menschen, die diese Welt bevölkern. Denn deren Wünsche, Träume und Hoffnungen mögen zwar herzzerreißend bescheiden sein, aber dennoch vertraut.

In meinen Augen ist dem Autor nichts Geringeres gelungen, als das ureigenste Wesen des Menschen auf Papier zu bannen. Was ist Schmerz? Was ist Trauer? Was ist Ungerechtigkeit? Gerade wenn man als Leser glaubt, man könnte nicht mehr ertragen, stellen sich neue Fragen. Was ist Glück? Was ist Freundschaft? Was ist Hilfsbereitschaft? Das Gleichgewicht der Welt. Der Autor belehrt den Leser nicht, sondern lässt ihn die Antworten selber entdecken.

Im Mittelpunkt der Geschichten stehen vier Charaktere an der unsicheren Grenze zwischen Armut und vollkommener Verelendung.

Die Augen der Witwe Dina Dalal werden langsam zu schwach zum Nähen, aber ihr Stolz erlaubt es ihr nicht, ihren wohlhabenden Bruder um Hilfe zu bitten. Daher bringt sie in ihrer winzigen Wohnung nicht nur den jungen Studenten Maneck als zahlenden Gast unter, sondern richtet auch eine Werkstatt für zwei Schneider ein, die in ihrem Auftrag nähen - den optimistischen Ishvar und seinen wütenden Neffen Om. Herrscht am Anfang noch gegenseitiges Misstrauen, wächst die ungleiche Zweckgemeinschaft doch schnell zusammen zu einer Art Familie, die gemeinsam den turbulenten Zeiten trotzt.

Der Autor beschreibt seine Charaktere so lebendig und glaubhaft, dass man einfach mit ihnen mithoffen und mitleiden muss. Er zeigt an ihnen das ganze Elend der niederen Kasten, aber sie verkommen dabei nicht zu Stereotypen. Kein Charakter ist nur böse oder nur gut, egal wie extrem manche auf den ersten Blick erscheinen. Mitgefühl und Hilfe kommen oft aus der unerwartetsten Ecke, und manchmal stellt man fest, dass schreckliche Dinge nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Hilflosigkeit oder Angst geschehen. 

Ich war sehr beeindruckt davon, was für ein lebendiges Bild vom Indien dieser Zeit das Buch zeichnet, von seiner Politik und seinen gesellschaftlichen Umstürzen. Man kann viel daraus lernen, und dennoch ist es kein trockenes Geschichtsbuch, sondern eine originelle, mitreißende Geschichte, deren Sog ich mich nicht entziehen konnte. Für mich ist es allerdings kein Buch, das man schnell nebenher lesen kann! Man muss jedem Kapitel genug Zeit geben, man muss mitdenken und mitfühlen, sonst betrügt man sich selbst um ein Leseerlebnis, das lange nachhallt.

Außerdem braucht man ab und zu einfach eine Verschnaufpause, denn immer wenn man denkt, jetzt kann es für unsere Helden doch unmöglich noch schlimmer kommen, kommt es schlimmer. Und dennoch will man weiterlesen, weiterlesen, weiterlesen... Zumindest ging es mir so.

Der Schreibstil strotzt nur so vor Atmosphäre und ist mal wortgewaltig, mal leise. Er beherrscht die volle Bandbreite der Emotionen, von schwärzester Verzweiflung bis hin zu augenzwinkerndem Humor. Einfach wunderbar, und auch die Übersetzung erschien mir sehr gelungen.

Fazit:
Was für ein unglaubliches Epos... Auf 864 Seiten beschwört Rohinton Mistry das Bild einer Welt herauf, die uns gänzlich fremd ist und uns dennoch den Spiegel vorhält: Indien im Jahr 1975, mit all seinen Unruhen und Umstürzen. Zwei Schneider aus der niedersten Kaste, ein junger Student und eine verzweifelte Witwe werden von ihrer jeweiligen Notsituation zu einer widerwilligen Wohn- und Arbeitsgemeinschaft gemacht, und der Leser verfolgt mit angehaltenem Atem, wie sie in den darauffolgenden Jahren vom Schicksal gebeutelt werden.

Das Buch macht es einem nicht leicht. Meines Erachtens sollte man mit der Erwartung an die Geschichte herangehen, dass sie einem immer mal wieder auf grausamste Weise das Leserherz brechen wird, denn der Autor ist gnadenlos gegenüber seinen Charakteren. Aber es ist dennoch ein lohnendes Leseerlebnis, das ich kein bisschen bereue und das ich auch weiterempfehlen würde! Manchmal sind die bewegendsten Bücher die, die auch ein bisschen wehtun.

  (3)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

11 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

berlin, pädophelie

Abrechnung

Katharina Peters
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 19.09.2016
ISBN 9783746632544
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Katja Mohr und Michelle Heckler verschwinden am gleichen Abend scheinbar spurlos. Beide Frauen engagierten sich mit viel Einsatz und Herzblut in einem Flüchtlingsheim für minderjährige Flüchtlinge, auf das erst vor kurzem ein Brandanschlag verübt wurde, und Michelle nahm öfter an Protestaktionen gegen Rechts teil. Da liegt der Verdacht natürlich nahe, dass die Entführungen etwas mit dem rechten Milieu zu tun haben, und dieser Verdacht scheint zur traurigen Gewissheit zu werden, als die Leiche von Michelle gefunden wird, übersät mit in die Haut geschnittenen Nazi-Parolen.

Kriminalpsychologin Hannah Jakob ist jedoch nicht bereit, den Fall so schnell in eine Schublade zu stecken, und tatsächlich entpuppt er sich im Laufe des Buches als unglaublich vielschichtig.

Ich fand den Aufbau dieser Geschichte sehr geglückt: einfallsreich, irrsinnig komplex und dabei einfach gut geschrieben. Es gelingt der Autorin hervorragend, mit den vielen (!!) Handlungssträngen und den dazugehörigen Charakteren, Motiven, Ermittlungsansätzen und falschen Fährten zu jonglieren, ohne dass es krampfhaft konstruiert, unrealistisch oder konfus wirkt. Ja, man muss als Leser auf jeden Fall am Ball bleiben und mitdenken, um den Überblick nicht zu verlieren, aber das lohnt sich! In meinen Augen bleibt es trotzdem immer spannend und unterhaltsam, und die Auflösung konnte mich komplett überraschen, war aber dennoch glaubhaft.

Für mich liest sich das Buch von Aufbau und Art der Spannung her allerdings deutlich eher wie ein (guter) Krimi als ein Thriller!

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Hannah Jakob, die ihren Hund Kotti über alles liebt und seit einem Unfall vor ein paar Jahren eine sogenannte Savant-Begabung hat: sie hat ein perfektes Gedächtnis für das gesprochene Wort und kann Unterhaltungen daher lückenlos reproduzieren. Sehr praktisch für eine Polizeipsychologin! Ich mochte sie sehr gerne und fand sie auch glaubhaft geschrieben: keine perfekte Super-Ermittlerin, sondern eine engagierte Frau, die auch mal Fehler macht oder der falschen Spur folgt.

Ihr Kollege Mark Springer scheint ein ziemlicher Hitzkopf zu sein, der Verdächtige schon mal aggressiv anpflaumt oder provokativ duzt, auch wenn Hannah ihn vorher darum gebeten hat, ruhig zu bleiben und sich nicht in das Verhör einzumischen. Aber im Grunde sind sie trotz gewisser Spannungen gerade durch ihre Gegensätze ein gutes Team.

Dann gibt es zum Beispiel noch Daniel Hihmler, einen Experten für das rechte Milieu, der auf mich wirkte wie ein Mann ganz kurz vor dem großen Zusammenbruch. Denn seine Frau leidet an schweren Depressionen, die sich weder durch Psychotherapie, noch durch Medikamente und sogar extreme Maßnahmen wie Elektroschockbehandlung lindern lassen. Auch wenn diese Nebenhandlung für den eigentlichen Fall kaum eine Rolle spielt, ist sie dennoch sehr interessant. Die Erkrankung der Frau wird so tragisch wie realistisch geschildert.

Generell fand ich die Darstellung der Charaktere und ihrer Motive gut gelungen, Die Autorin beschreibt sie mit viel Liebe zum Detail, was sie für mein Empfinden authentisch und glaubhaft macht - besonders die moralisch nicht so einwandfreien!

Da wäre zum Beispiel der "Ritzer", der schon als Jugendlicher begeistert war vom Schnitzen - nur war ihm schon damals Haut als Medium lieber als Holz... Er ist ein faszinierender Charakter, denn seine Taten sind zweifelsohne grausam, abstoßend und falsch, und dennoch kann man auf verquere Art nachvollziehen, wie er so geworden ist. Für ihn ist das Ritzen eine hohe Kunst und eine Obsession, und ich hatte den Eindruck, dass ihm die Fähigkeit fehlt, menschliche Empfindungen wie Angst und Schmerz wirklich nachzuempfinden.

Vielleicht noch interessanter fand ich Sven Möller: seines Zeichens Beschützer, verdeckter Ermittler, Stalker... Und Mörder. So eine Mischung habe ich noch in keinem Krimi gelesen - was für eine großartige Idee!

Zitat:
"Plötzlich stand er vor ihr, ein eisiger Schatten, der sich vor modriger Dunkelheit abhob wie ein Relief, und zog sie an den Armen hoch - der Schmerz loderte durch ihren Körper wie die hektisch zischende Flamme einer Zündschnur. Dann stülpte er ihr einen dunklen Sack über den Kopf und verschnürte ihn am Hals mit einem Strick. Panik durchbrach ihre dumpfe Lethargie - kein Erstickungstod, bitte, bitte, alles, nur nicht das..."

Der Schreibstil konnte mich mit wunderbaren Bildern, ganz viel Atmosphäre und einem guten Lesefluss mühelos überzeugen. Die Autorin erzählt die Geschichte mit einer sehr prägnanten Stimme, ohne dass es gekünstelt oder gar pseudo-literarisch wirkt.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(18)

54 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 10 Rezensionen

die chroniken der sphaera, fantasy, winter, reihenauftakt, kovac

Frostflamme

Christopher B. Husberg , Kerstin Fricke
Flexibler Einband: 700 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 04.10.2016
ISBN 9783426519202
Genre: Fantasy

Rezension:


Wenn ich das Buch in einem Satz beschreiben müsste, würde ich vielleicht sagen:

"Frostflamme" ist ein monumentales Fantasyepos, das in einer komplexen, durch und durch fantastischen Welt spielt und dennoch universelle Grundthemen anspricht, mit denen wir uns auch in der Realität beschäftigen: Rassismus, Drogensucht, Schuld und Vergebung, zwischenmenschliche Beziehungen in den verschiedensten Facetten und vieles mehr.
 
Gerade das Thema Drogensucht habe ich noch selten in einem Fantasybuch so eindringlich und tragisch beschrieben gelesen, und der Autor schreckt nicht davor zurück, seine Charaktere unverzeihliche Fehler begehen zu lassen, die schreckliche Folgen haben.

Aber ich fand nicht nur die Einbindung realistischer Themen originell und interessant:

Das Magiesystem, das sich der Autor ausgedacht hat, ist ausgefeilt und vielschichtig, wobei wir in diesem ersten Band erstmal nur einen flüchtigen Einblick erhaschen - denn eigentlich gibt es Magie in dieser Welt offiziell gar nicht. Den Priesterinnen der Göttin Canta werden zwar übernatürliche Gaben zugestanden, aber das ist dann eben keine Magie, sondern göttlicher Segen... Daher ist die junge Tiellanerin Winter auch erstaunt,  als sie plötzlich nicht nur mit Telekinese und Gedankenkontrolle konfrontiert wird, sondern auch mit einer Art magischer Untergrundbewegung. 

Die Religion dieser Welt ist eine absolute, unangefochtene Institution, die in alle Aspekte des täglichen Lebens eingreift und dabei nicht nur eine Quelle des Trostes ist: schon für kleinste Verstöße gegen die Gebote kann man als Ketzer angeklagt werden, was drakonische Strafen nach sich zieht - bis hin zur öffentlichen Hinrichtung. Religion, Magie und Macht sind untrennbar verbunden, und die Kirche hat ein großes Interesse daran, die Kontrolle darüber zu behalten.

Es werden ziemlich schnell ziemlich viele Charaktere eingeführt, weswegen ich am Anfang öfter hin- und herblättern musste, aber die wichtigsten hat man dann doch schnell im Kopf. Ich will hier gar nicht auf jeden einzeln eingehen, denn das würde den Rahmen dieser Rezension sprengen! Nur soviel: Sie entsprechen in meinen Augen in keinster Weise den üblichsten Fantasyklischees, sondern sind vielfältig, komplex, oft zwiespältig, glaubhaft, nicht immer sympathisch... Es ist sehr mutig vom Autor, wie gnadenlos er seinen Charakteren auch wirklich gravierende Schwächen gibt, und wie sehr er die Fähigkeit des Lesers, einem geliebten Charakter zu vergeben, ausreizt. Denn die Protagonisten laden durchaus auch Schuld auf sich, und da muss man als Leser die ganz persönliche Entscheidung treffen, wo der Punkt liegt, ab dem es kein Zurück mehr gibt. Ist eine Heldin noch eine Heldin, wenn sie Unschuldige abgeschlachtet hat?

Mein Liebling war Astrid, der kleine Vampir. Sie sieht aus wie ein 9-jähriges Mädchen - winzig, zart, harmlos, unschuldig... Aber sie hat einen wunderbar bösen Humor und kann eine tödliche Kampfmaschine sein. Zwischen Astrid und Noth entwickelt sich eine Art verquere Vater-Tochter-Beziehung, die ich sehr interessant, oft witzig und manchmal unglaublich rührend fand.

Überhaupt sind die Beziehungen zwischen den Charakteren fantastisch geschrieben und die Dialoge lesen sich immer glaubhaft. Noth und Winter zum Beispiel sind zwar verheiratet, das verrät ja schon der Klappentext, aber beide sind anfangs davon überzeugt, den anderen zwar zu mögen und sich ihm verpflichtet zu fühlen, aber keine wirklich romantischen Gefühle für ihn zu hegen. Ob sich das ändert, das verrate ich jetzt natürlich noch nicht. 

Da die verschiedenen Charaktere alle ihre eigenen Ziele, Hoffnungen, Wünsche, Geheimnisse und Hintergrundgeschichten mitbringen, gibt es auch viele verschiedene Handlungsfäden, die sich nach und nach miteinander verknüpfen. Meist kam mir das schlüssig aufgebaut und in sich logisch vor, nur wenige Dinge wirkten auf mich etwas konstruiert vor oder zu sehr vom Zufall abhängig - da zeigt sich vielleicht doch, dass das Buch ein Debütroman ist, aber es hielt sich wirklich in Grenzen.

Ich habe "Frostflamme" als eBook gelesen und mir ist tatsächlich erst beim Schreiben dieser Rezension aufgegangen, dass es 704 Seiten hat... Ich fand die Geschichte so spannend, dass ich an keiner Stelle das Gefühl hatte, sie würde sich in die Länge ziehen!

Der Schreibstil ist meines Erachtens sehr souverän: lebendig, sorgfältig detailliert aber nicht überfrachtet, flüssig und mit Bildern voller Atmosphäre.

Fazit:
"Frostflamme" konnte mich in vielerlei Hinsicht überzeugen: als Debütroman, als erster Band einer Reihe, als epische Fantasy mit überraschend realistischen Themen wie Drogenmissbrauch und Rassismus... Das ist in meinen Augen Fantasy jenseits der Klischees und dennoch spannend und unterhaltsam. Auch die Charaktere konnten mich mit ihrem Facettenreichtum überzeugen, obwohl oder gerade weil sie nicht immer gut und edel handeln.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(25)

51 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 19 Rezensionen

17. jahrhundert, ungarn, tereza vanek, schneiderin, dienstmädchen

Im Dienst der Gräfin

Tereza Vanek
Flexibler Einband: 420 Seiten
Erschienen bei Drachenmond-Verlag, 26.05.2014
ISBN 9783931989811
Genre: Historische Romane

Rezension:


(4,5 von 5 Sternen) 

Erzsébet Báthory / Elisabeth Bathory (*1560 - †1614) ist eine historische Gestalt, die es zu eher zweifelhafter Berühmtheit gebracht hat.

Die englischsprachige Wikipedia-Seite nennt die ungarische Gräfin eine Serienmörderin und behauptet, die Anschuldigungen, sie habe hunderte von jungen Frauen gefoltert und getötet, seien durch Zeugenaussagen und den Fund misshandelter Opfer und entstellter Leichen bewiesen. Die deutsche Wikipedia-Seite ist da vorsichtiger und berichtet zwar ebenfalls von ihrer Verurteilung als Serienmörderin, unterscheidet aber zwischen unbestrittenen Fakten und solchen, die aus heutiger Sicht durchaus anzuzweifeln sind - wie zum Beispiel Zeugenaussagen, die durch Folter erpresst wurden und daher fragwürdig sind. Daher werden im deutschen Artikel zu Erzsébet Báthory zwei verschiedene Theorien präsentiert: Báthory als grausame Serienmörderin, oder Báthory als Opfer einer politischen Intrige.

Was immer auch die Wahrheit ist, die Legende der skrupellosen Schlächterin, die 600 junge Frauen ermordet haben soll, um in ihrem Blut zu baden, hält sich hartnäckig. Im Laufe der Zeit wurde die Gräfin so zu einer Art weiblichem Dracula.

Daher war ich sehr gespannt, wie Tereza Vanek über die "Blutgräfin" schreiben würde, und war freudig überrascht davon, wie überzeugend, vielschichtig und glaubhaft sie diese Frau in ihrem Buch zum Leben erweckt.

Erzsébet ist hier ohne Zweifel eine harte, unnachgiebige Frau, die auch vor Grausamkeiten nicht zurückschreckt. Aber sie ist auch eine zutiefst verwundete Frau, die vom Leben gebrochen und bis zur Unkenntlichkeit verzerrt wurde. Man kann als Leser immer wieder erahnen, dass sie eigentlich sogar die Veranlagung zu Wärme und Mitgefühl in sich trägt: in einem Lächeln, in einer Geste des Großmuts oder Vergebens blitzt dieses Potential immer wieder auf, und das macht sie zu einem Menschen aus Fleisch und Blut - und einer tragischen Gestalt.

Ob sie sich am Schluss des Romans als Monster erweist oder als missverstandene, von Intrigen verunglimpfte Frau (oder gar eine Mischung aus beidem), das möchte ich hier natürlich noch nicht verraten, aber ich fand das Ende auf jeden Fall schlüssig. 

Die Geschichte wird aus Sicht der jungen Emilia erzählt, einer frei erfundenen und dennoch nicht weniger glaubhaften Frauengestalt. Ich habe mich öfter bei dem Gedanken ertappt, dass sie Erzsébets Spiegelbild ist, denn wo Erzsébet dunkel ist, ist sie Licht. In meinen Augen ist sie, was Erzsébet hätte sein können. Sie ist mitfühlend, hilfsbereit und selbstlos, und dennoch ein komplexer Charakter, der auch mal falsche oder dumme Entscheidungen trifft. Ihre große Leidenschaft ist das Entwerfen und Schneidern prächtiger Gewänder, und mit Kreativität, Intelligenz und Entschlossenheit schafft sie es, die Aufmerksamkeit der Gräfin zu gewinnen und in ihren Dienst zu treten - und das, obwohl sie nach einer Verkettung tragischer Umstände eigentlich schon gezwungen war, mittellos mit einem Hausierer durchs Land zu ziehen.

Gemeinsam haben Emilia und Erzsébet, dass sie sich nicht mit der Rolle zufrieden geben, die die Gesellschaft der damaligen Zeit ihnen zuweist. Während Erzsébet wenigstens noch den Vorteil hat, dass sie eine adlige Frau ist, wird von Emilia eigentlich erwartet, dass sie den Hausierer heiratet, den ihre Tante ihr (aus rein egoistischen Gründen) ausgesucht hat, ihm jederzeit für Sex zur Verfügung steht, ihm in allem untertan ist und seine Kinder austrägt. Doch sie lehnt sich entschlossen dagegen auf, auch wenn das nicht ganz ungefährlich ist.

Der Schreibstil lässt die damalige Zeit wunderbar lebendig vor dem inneren Auge auferstehen, in all ihrer Pracht und all ihrem Elend. Das ist wirklich lebendige Geschichte, originell und spannend erzählt.  Mir ist das Buch nie langweilig geworden, und ich fand es auch nie vorhersehbar, weil ich bis zum Schluss nicht wusste, wie sich nun alles auflösen würde.

Eine Liebesgeschichte gibt es natürlich auch, aber die fand ich erfreulicherweise kein bisschen kitschig. Im Gegenteil, sie schraubt die Spannung der Geschichte sogar noch hoch, denn sie bringt Emilia in Gefahr...

Fazit:
Tereza Vanek erweckt in ihrem Roman eine unheilvolle Frauengestalt zum Leben: die "tBlutgräfin" Erzsébet Báthory, die in die Legende einging als skrupellose Serienmörderin - und es mit angeblichen 600 Opfern sogar ins Guinnessbuch der Rekorde schaffte. Die Autorin zeichnet ein deutlich weniger reißerisches Bild dieser Frau! Sie lässt die Gräfin auf die junge Gewandschneiderin Emilia treffen und eine fragile Freundschaft zwischen ihnen entstehen. Rund um die beiden Frauen entspinnen sich politische Intrigen, junge Mädchen kommen zu Tode, und bis zum Schluss kann man sichicht sicher sein, ob Erzsébet Báthory Täter ist oder Opfer oder beides.

Auch, wenn man wohl nie mit Sicherheit erfahren wird, was damals wirklich passiert ist: die Version der Geschichte, die Tereza Vanek erzählt, ist zumindest eine glaubhafte, und dabei auch spannend und unterhaltsam. Sie schreibt überzeugende, starke Frauencharaktere, und gerade ihr differenziertes Porträt der Gräfin hat mich vollendes überzeugt.

  (3)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(83)

108 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 79 Rezensionen

irland, krimi, kirche, mord, ira

Lügenmauer

Barbara Bierach
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 15.07.2016
ISBN 9783548613062
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


2,5 von 5 Sternen

Die Geschichte beginnt im Irland des Jahres 1964 mit dem Leidensweg einer jungen Frau, die brutal vergewaltigt und dabei geschwängert wird. Niemand will ihr Glauben schenken, stattdessen wird sie als gottlose Sünderin in ein Heim für ledige Mütter in einem Kloster abgeschoben, wo kaltherzige Nonnen nicht mal den kleinsten Funken Mitgefühl übrig haben.

Dieser Teil der Geschichte konnte mich wirklich überzeugen: die junge Frau wird sympathisch und lebendig beschrieben, und auch die angesprochenen Themen sind spannend und interessant.

Im Jahr 2004 folgt die Geschichte dann der Altenpflegerin Catherine, die sich in Manchester unter anderem um ihre Lieblingspatientin kümmert: die demente Margaret, die bei Catherines Anblick immer wieder verzückt "Kaitlin! Kaitlin! ruft.  

Catherine blieb für mich leider eher blass. Ihre Emotionen kamen bei mir einfach nicht an, und der Schluss ließ mich mit dem Gefühl zurück, sie nie wirklich kennengelernt zu haben. Ihren Teil der Geschichte fand ich oft etwas unglaubwürdig, und meines Erachtens verrät er auch schon zu viel.

Im Jahr 2005 dreht sich die Handlung schließlich um den eigentlichen Mordfall, die Erdrosselung von Reverend Charles Fitzpatrick, und die junge Ermittlerin Emma Vaughan. 

Im Klappentext klingt es so, als würde sie von ihren katholischen Macho-Kollegen drangsaliert, aber tatsächlich ist es in meinen Augen meist Emma, die auf Krawall gebürstet ist! Auf mich wirkte sie oft abfällig und herablassend, unnötig aggressiv oder provozierend. Sie ist schnell dabei, Menschen in Schubladen zu stecken, ihre eigenen Fehler sieht sie jedoch nicht - wie zum Beispiel ihre völlig außer Kontrolle geratene Medikamentenabhängigkeit.

Überhaupt findet sie viele Dinge doof. Irland doof. Religion doof. Chef doof. Wetter doof. Manchester doof. Und ich fand Emma d... Äh, sehr anstrengend.

Der Kriminalfall an sich hätte dennoch sehr spannend sein können: der Ermordete war nicht nur ein notorischer Schürzenjäger, trotz seines geistlichen Amtes, sondern auch Soldatenpfarrer bei der britischen Armee und Spross einer angesehenen Familie mit wertvollem Grundbesitz. Damit stehen direkt viele Motive zur Auswahl: Hat ihn der gehörnte Ehemann einer Geliebten gemeuchelt? Hat die IRA ihn aus politischen Motiven ermorden lassen? Wollte jemand verhindern, dass er sich das Erbe der Familie unter den Nagel reißt? Dazu kommen noch die Geschichte des Klosters und die Frage, was eigentlich aus den Kindern geworden ist. 

Das wird auch alles mal angesprochen, die Spannung verpuffte für mich aber schnell wieder. Obwohl der Leser schon früh erraten kann, wie alles zusammenhängt, tappen die Ermittler lange planlos und unorganisiert im Dunkeln. Die Spur führt nicht ins Kloster, wie vom Klappentext versprochen. Die Spur führt erstmal nirgendwo hin.

Erst auf den letzten ~60 Seiten geht die Ermittlung auf einmal in rasantem Tempo in die richtige Richtung, aber ohne Zufälle wäre sie da nie angekommen.

Die Anwältin des Toten ist zufällig die beste Freundin der Ermittlerin.

Zwei Frauen aus Irland, die ein altes Familiengeheimnis miteinander verbindet, treffen sich zufällig in England,

Die Ermittlerin läuft zufällig  einer Schlüsselfigur des Falles über den Weg und erkennt sie auch direkt als solche.

Eigentlich passiert wirklich wenig nur aufgrund fundierter Ermittlungsarbeit, und das erwarte ich einfach von einem Krimi.

Das Ende konnte mich leider auch nicht überzeugen. Zum einen ging mir auf einmal alles zu schnell, und zum anderen fand ich das Verhalten der beteiligten Personen überhaupt nicht glaubhaft. Emma bringt sich zum Beispiel ohne jeden ersichtlichen Grund in eine brenzlige Situationen und benimmt sich dann noch so, als wäre sie als Polizistin nicht darauf trainiert, mit brenzligen Situationen umzugehen. Der Schluss war für mich dann einfach nur enttäuschend.

Um auch mal was Positives zu sagen: Der Schreibstil liest sich angenehm und flüssig, und man kann sich die Schauplätze und Personen meist sehr gut bildlich vorstellen. 

Fazit:
Das Buch fing spannend an, konnte mich aber leider nicht bis zum Schluss überzeugen. Die Ermittlerin war mir ziemlich unsympathisch, denn die ist in Gedanken eigentlich immer am Nörgeln und voller Vorurteile gegen alles und jeden, und der Fall klärt sich eigentlich nur durch eine Verkettung von Zufällen und Hilfe von außen. Da man sich als Leser sowieso schon sehr schnell denken kann, was dahintersteckt, kam für mich auch kaum Spannung auf.

  (4)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(232)

575 Bibliotheken, 19 Leser, 1 Gruppe, 71 Rezensionen

dystopie, jugendbuch, das juwel, magie, liebe

Das Juwel - Die weiße Rose

Amy Ewing , Andrea Fischer
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei FISCHER FJB, 25.08.2016
ISBN 9783841422439
Genre: Jugendbuch

Rezension:


(4,5 von 5 Sternen)

Den ersten Band der Reihe fand ich schon unglaublich gut - originell, einfallsreich, spannend und fantastisch geschrieben, mit überzeugenden Charakteren. In meinen Augen schaffte er es mühelos, sich positiv aus der Flut der Fantasy-Dystopien herauszuheben, deswegen war ich natürlich sehr gespannt, ob der zweite Band damit würde mithalten können.

Und meiner Meinung nach ist der zweite Band eine mehr als würdige Fortsetzung des ersten!

Als interessanter neuer Charakter wird die mürrische alte Sil eingeführt, die früher mal Surrogatin war und durch grausame, traumatische Erlebnisse ganz unverhofft herausgefunden hat, was die Macht der Surrogaten wirklich bedeutet - und wie sehr der Adel diese Macht korrumpiert und für die eigenen Ziele pervertiert hat. Jetzt teilt sie dieses Wissen mit Violet, und ich fand das unheimlich faszinierend, denn es geht in eine ganz andere Richtung, als ich erwartet hatte, gibt der Geschichte aber eine völlig neue Ebene. Vieles macht mit diesem Wissen auch viel mehr Sinn!

Es eröffnet auch ganz neue Möglichkeiten des Widerstands gegen das unmenschliche System, und natürlich soll Violet dabei eine wichtige Rolle spielen.

Violet ist seit dem Anfang des ersten Bandes deutlich spürbar an ihren Erlebnissen gewachsen. Sie ist viel forscher, entschlossener und mutiger, und ich hatte wirklich das Gefühl, dass sie ihrer neuen Rolle gewachsen ist. Manchmal neigt sie dazu, übers Ziel hinaus zu schießen, wenn sie die Menschen, die sie liebt, beschützen will - dann wird sie etwas übergriffig, setzt sich über ihre Wünsche hinweg und nimmt ihnen die Möglichkeit, aus freiem Willen auch mal eine gefährliche Entscheidung zu treffen. Ash zum Beispiel würde gerne eine aktivere Rolle im Widerstand einnehmen, aber sie hat Angst davor, dass ihm dabei etwas zustoßen würde. Ich fand es aber gut, dass Violet kein perfekter Mensch ist, sondern auch Schwächen hat! Ich habe immer mit ihr mitfühlen können - auch wenn sie etwas tat, was ich nicht gut fand.

Überhaupt fand ich die Charaktere wieder sehr gut geschrieben. Sie entwickeln sich weiter, zeigen neue Facetten, haben Stärken und Schwächen... Manche haben mich überrascht, aber ich fand sie immer komplex, authentisch und glaubhaft. Besonders Garnet kann in diesem Band zeigen, dass weit mehr in ihm steckt, als man bisher vermutet hätte! Mein Liebling ist allerdings nach wie vor Lucien, über dessen Vergangenheit man in diesem Band so Einiges erfährt, was ihn viel verletzlicher und menschlicher macht. Seine Zuneigung zu Violet fand ich sehr rührend.

Die Liebesgeschichte zwischen Ash und Violet spielt in diesem Band eine eher kleine Rolle - was im Grunde nur realistisch ist, denn sie haben im Moment wirklich andere Sorgen! Aber sie ist trotzdem süß und romantisch, dabei aber erfreulicherweise nicht kitschig.

So nach und nach sieht man als Leser, dass eigentlich jeder, der nicht zur herrschenden Oberschicht gehört, in diesem System gnadenlos unterdrückt wird, leiden muss und ein unfreies Leben führt. Wie die Surrogaten ausgebeutet werden, weiß man ja schon seit dem ersten Band. Durch Ash erfährt man jetzt, wie die Gefährten ausgebildet werden, und das ist im Prinzip nichts Anderes als sexuelle Gewalt. Und Lucien hat sich ganz sicher nicht ausgesucht, als Kind kastriert zu werden, und das ohne Betäubung. Auch die Regimenter haben sich ihr Leben nicht unbedingt selber gewählt. Der Adel stiehlt den Menschen im Prinzip die Kinder, um sie dann für die eigenen Zwecke zu benutzen, in welcher Form auch immer.

Das Buch baute für mich schnell Spannung auf und konnte diese dann mit zahlreichen unerwarteten Wendungen, brenzligen Situationen und neuen Herausforderungen bis zum Schluss halten.

Auch der Schreibstil konnte mich wieder überzeugen, mit wunderbaren Bildern und vor allem dichter Atmosphäre. Drama, Gefahr, Trauer, Hass, aber auch Hoffnung, Liebe, Mitgefühl - Amy Ewing bringt die verschiedensten Gefühle und Situationen überzeugend und lebendig zu Papier.

Fazit:
Oft sind zweite Bände die schwächsten Bände einer Trilogie. Mal hat man den Eindruck, dass sie reines Füllmaterial sind, damit die Geschichte auch irgendwie für drei Bände reicht. Mal stellt man im zweiten Band fest, dass der Weltentwurf doch nicht so schlüssig und gut durchdacht ist, wie es im ersten Band noch schien. Mal muss man einsehen, dass die Charaktere sich keinen Schlag weiterentwickelt haben und auch keine Anstalten dazu machen.

Bei "Die weiße Rose" ist das in meinen Augen aber nicht der Fall, sondern er kann mit dem ersten Band problemlos mithalten! Als Leser erfährt man jetzt, was es wirklich auf sich hat mit der Macht der Surrogaten und wie das System des Juwels überhaupt entstanden ist, und das war für mich unerwartet und gerade deswegen spannend. Die Charaktere entwickeln sich auf glaubhafte Art weiter, der Schreibstil hat mich wieder überzeugt... Und das Buch bietet eine vielversprechende Grundlage für einen hoffentlich bombastischen dritten Band!

  (3)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(22)

66 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 19 Rezensionen

fantasy, london, 19. jahrhundert, 5, mantel und degen

Für König und Vaterland

Susanne Gerdom
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Drachenmond-Verlag, 11.02.2016
ISBN 9783959910514
Genre: Fantasy

Rezension:


Ich könnte vieles sagen über Susanne Gerdoms Bücher, aber die Worte "langweilig", "vorhersehbar", "Durchschnitt" oder "Klischee" würden dabei ganz sicher NICHT fallen. Tatsächlich ist das Allererste, was mir in den Sinn kommt, wie unglaublich originell, fantasievoll, intelligent geschrieben und einfallsreich ihre Romane immer sind. Egal ob Urban Fantasy, Steampunk oder historische Fantasy, sie drückt jedem Genre, jedem Thema und jedem mythologischen Wesen immer ihren ganz eigenen Stempel auf - und springt dabei auch schon mal locker-flockig über Genregrenzen.

"Für König und Vaterland" ist zum Beispiel eine wunderbare Mischung aus historischem Roman und Fantasy. Das Buch spielt im frühen 19. Jahrhunderts, und wer im Geschichtsunterricht ein bisschen aufgepasst hat, wird vieles wiederfinden. So spielen zum Beispiel historische Persönlichkeiten wie Napoleon oder Georg III. eine Rolle, und auch einige der politischen Konflikte gab es dementsprechend wirklich. Allerdings gibt es hier nicht nur Spannungen, Konflikte und diplomatische Beziehungen zwischen Nationen, sondern auch zwischen verschiedenen Wesen wie Vampiren, Werwölfen, Elfen oder Dämonen. (Übrigens sind die Vampire hier richtig, richtig gruselig... Und das nicht unbedingt, weil sie so böse sind, sondern weil ihr Schicksal eigentlich wirklich traurig ist.)

Ich muss aber zugeben, dass ich dieses Mal leichte Startschwierigkeiten mit dem Buch hatte - hauptsächlich wegen der Vielzahl an Charakteren, von denen die meisten auch noch mehrere Namen haben! So heißt der wichtigste Charakter dieses Bandes zum Beispiel mit vollem Namen und Titel "Idris Hathaway, Marquess von Auden" und wird dementsprechend mal "Idris", mal "Hathaway" und mal "Auden" genannt.

Es dauerte in meinen Augen auch ein bisschen, bis die Handlung so richtig in Fahrt kam. Erst nach etwa hundert Seiten hatte sie mich vollends gepackt, danach konnte ich das Buch dafür aber kaum noch weglegen! Zwei der Wendungen gegen Ende habe ich zwar kommen sehen (eine davon fand ich sogar ziemlich offensichtlich) -  es war für mich jedoch dennoch spannend zu verfolgen, wie die Charaktere darauf reagieren.

Apropos Charaktere: im Mittelpunkt der Geschichte stehen vier junge Adlige, die alle auf den ersten Blick wirken wie verwöhnte, dekadente Lebemänner, die außer Saufen, Weibern und Partys nichts im Kopf haben. In Wirklichkeit sind sie aber die besten Agenten des Innenministers! Und nicht nur das: so ganz "normal" sind sie alle nicht, aber da möchte ich gar nicht zu viel verraten. Sagen wir mal so: zwei davon betrachten sich aus verschiedenen Gründen selber als "Seelenlose" (was ich aber bezweifle), einer hat sich aus Versehen mit etwas Übernatürlichem angelegt und leidet jetzt unter drastischen Konsequenzen, und einer ist zwar genial, dabei aber so exzentrisch und eigentümlich, dass es schon mehrere Versuche seitens einer erbschleicherischen Tante gab, ihn als Wahnsinnigen in eine Irrenanstalt einzuweisen.

Ich fand sie alle sehr überzeugend und glaubhaft beschrieben, mit ganz eigenen Stärken, Schwächen und Marotten, es dauerte jedoch ein bisschen, bis sie mir auch sympathisch wurden... Denn die Ansichten der vier Männer über Frauen entspricht nun mal den Ansichten der damaligen Zeit, das kann einen als moderne Leserin schon mal befremden! Aber irgendwann sind mir die Herren des "Liederlichen Quartetts" dennoch richtig ans Herz gewachsen, und es gibt auch zwei interessante und auf ihre jeweilige Art starke Frauengestalten, die sich nicht einfach mit ihrem Schicksal abfinden. Nur war mir die schöne, intelligente, charmante und verruchte Lady Falconer manchmal ein bisschen ZU perfekt!

Ich zögere ein wenig damit, von einer Liebesgeschichte zu sprechen - zunächst ist es eher ein Fall von Lust als ein Fall von Liebe. Was aber eigentlich mal erfrischend ist, denn es ist jedenfalls realistischer als die typische Liebe auf den ersten Blick...

Der Schreibstil der Autorin gefällt mir immer sehr gut. Sie schreibt locker und unterhaltsam, dabei aber nie platt oder abgedroschen. Interessante Metaphern und lebendige Bilder erzeugen Atmosphäre, und hier gelingt ihr wunderbar die Gratwanderung, die sich bei historischen Romanen immer ergibt: die Sprache darf nicht zu modern klingen, um das historische Ambiente nicht zu zerstören, sollte den Leser aber dennoch nicht abschrecken, indem sie zu sehr vom heutigen Sprachgebrauch abweicht.  Ich fand das hier genau richtig!

Fazit:
Susanne Gerdom verbindet in ihrem Buch die Geschichte des frühen 19. Jahrhunderts mit intelligent geschriebener Fantasy. Das Ergebnis ist mal ganz was anderes, mit vielschichtigen, ungewöhnlichen Charakteren! Mir gefiel sehr gut, wie nathlos die verschiedenen übernatürlichen Wesen in unsere reale Welt eingebunden werden, und wie wenig klischeehaft sie dabei beschrieben werden.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(123)

316 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 77 Rezensionen

thriller, vergewaltigung, kanada, schwestern, chevy stevens

Those Girls – Was dich nicht tötet

Chevy Stevens , Maria Poets
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 23.06.2016
ISBN 9783596034703
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Bewertung: 3,5 von 5 Sternen

"Those Girls" war nach "Still Missing" mein zweites Buch der Autorin, und es ließ mich mit eher gemischten Gefühlen zurück.

"Still Missing"  (das ich übrigens nervenzerfetzend spannend fand!) könnte man zusammenfassen wie folgt: eine starke junge Frau erlebt unvorstellbar Furchtbares, wird von einem Mann gedemütigt, misshandelt und missbraucht, überlebt wider alle Erwartung - und muss feststellen, dass es damit noch lange nicht vorbei ist. Immer, wenn man denkt, es kann nicht schlimmer kommen... Richtig - kommt es schlimmer.

In "Those Girls" überkam mich öfter ein Gefühl von Déjà-vu. Zwar geht es in diesem Buch um drei Schwestern und um mehrere Täter, aber das Grundschema bleibt dasselbe: Die Heldinnen der Geschichte leiden. Immer wieder. Immer krasser. 

An dem Punkt, an dem die Geschichte beginnt, haben Jess, Courtney und Dani schon eine schlimme Kindheit hinter sich: Der frühe Tod der Mutter, gefolgt von lieblosen Pflegefamilien, und schließlich die Rückkehr zum Vater, der inzwischen zum gewalttätigen Trinker geworden ist. Wie der Klappentext schon verrät, endet das mit einem Drama und die Schwestern müssen fliehen... Nur um vom Regen in die Traufe zu kommen, und das nicht zum letzten Mal in ihrem Leben.

Spannend war das, keine Frage! Es ist schwer, nicht mit diesen Mädchen mitzufiebern und mitzuleiden, denn man ist als Leser ganz nah dran an ihrer Angst, ihrem Entsetzen, ihrem Schmerz... Man wird quasi zum Voyeur ihres Elends. Irgendwann hinterließ das jedoch einen schalen Geschmack in meinem Mund, denn ich hatte das Gefühl, dass  die Handlung dabei mehr als nur ein bisschen auf der Strecke blieb. Chevy Stevens beschreibt sehr ausführlich, wie ihre Heldinnen leiden - wie sie hungern, Schmerzen haben, einen Eimer als Toilette benutzen müssen... Sie verzichtet allerdings weitestgehend darauf, die extreme sexuelle Gewalt gegen die Minderjährigen im Detail zu schildern, was ich für eine gute Entscheidung halte!

Wenn ich jetzt zurückdenke an das Buch, frage ich mich, was auf diesen 464 Seiten eigentlich wirklich passiert ist. In meinen Augen überraschend wenig! Es gibt keine großartige Ermittlung, kein Rätsel, dass es zu lösen gilt, keinen ausgeklügelten Plan... Vieles bleibt ungeklärt. Der Großteil der Geschichte wird vom puren Adrenalin getragen, wenn eine der Heldinnen mal wieder in unmittelbarer Gefahr schwebt, einem Peiniger entkommen oder ihn überwältigen muss.

Dass das in der ersten Hälfte dennoch irgendwie funktioniert - dass man als Leser bei der Stange bleibt, sich gut unterhalten fühlt und das Buch sogar kaum weglegen kann! -, liegt sicher daran, dass die drei Mädchen sehr sympathische und glaubhafte Charaktere sind, denen man ein bisschen Glück wirklich, wirklich wünschen würde.

Zwischendurch springt die Geschichte allerdings 18 Jahre. Man erfährt ein wenig darüber, wie sich die Schwestern in der Zwischenzeit ein neues Leben aufgebaut haben, aber  das wird eigentlich nur relativ oberflächlich angerissen. Was sicher auch daran liegt, dass a) der Großteil der zweiten Hälfte nicht mehr von einer der Schwestern erzählt wird, und b) es dann auch recht bald weitergeht mit der nächsten Runde des Dramas. Und diese kam mir leider vor, als habe die Autorin eigentlich nur Dinge aufgewärmt, die schon im ersten Teil passiert waren! Vorhersehbar. Richtig schlecht fand ich auch den zweiten Teil nicht - aber deutlich schwächer als den ersten.

Außerdem hatte ich das Gefühl, dass die Schwestern zwar 18 Jahre älter sein mögen, aber im Grunde immer noch unverändert, ohne große Charakterentwicklung. Wobei das aber möglicherweise von der Autorin so beabsichtigt sein könnte, um zu zeigen, dass sie das Trauma nie verarbeitet haben und deswegen in der Schwebe hängen.

Das Ende fand ich leider enttäuschend, für mein Empfinden zu platt und erzwungen emotional.

Der Schreibstil ist eher einfach und schnörkellos, was mich in diesem Buch aber überhaupt nicht gestört hat. Denn beide Teile der Geschichte werden von Teenagern erzählt, die ihre oft traumatischen Erlebnisse ungeschönt und ungefiltert erzählen - da würde ein poetischer Schreibstil einfach nicht passen. So wirkt es viel authentischer und glaubhafter.

Zitat:
"Ich hastete die Treppe hinauf, doch einer meiner Flipflops verfing sich an der Kante, ich stürzte und landete hart auf den Knien. Ich kickte die Schuhe weg und sprang die letzten Stufen hoch, drei auf einmal. Schwere Schritte stampften hinter mir. Ich war im Flur, griff bereits nach der Tür zum leeren Zimmer, als [er] mich so kräftig in den Rücken schlug, dass ich gegen die Wand geschleudert wurde."

Fazit:
Die drei jugendlichen Heldinnen leiden, dann passiert etwas Schockierendes, dann fliehen sie, dann leiden sie wieder... Und von vorn. Manchmal kam es mir tatsächlich so vor, als sei das im Prinzip schon die ganze Geschichte, aber das ist vielleicht ein bisschen unfair und böse.

Ich mag die Protagonistinnen. Ich habe sie der Autorin abgekauft und mit ihnen mitgefiebert. Ich fand einen Großteil des Buches unheimlich spannend, auch wenn eigentlich außer Gewalt, Flucht und/oder Gegengewalt nicht viel passiert. Die erste Hälfte war für mich trotz einiger Kritikpunkte ein richtig starkes Psychodrama, die zweite Hälfte fand ich dagegen eher schwach, ohne wirklich etwas Neues zu bieten.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(289)

490 Bibliotheken, 19 Leser, 1 Gruppe, 39 Rezensionen

magie, throne of glass, fantasy, champion, fae

Throne of Glass - Kriegerin im Schatten

Sarah J. Maas ,
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 23.10.2015
ISBN 9783423716529
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Hätte ich die ersten beiden Bände nicht gelesen, dann würde ich hinter den deutschen Klappentexten seichte Fantasy mit deutlichem Schwerpunkt auf der Liebesgeschichte vermuten. Nichts allzu Originelles, eher literarisches Fast Food (Fast Book?) für zwischendurch.

Und das wird der Reihe in meinen Augen überhaupt nicht gerecht. "Throne of Glass" ist für mich solide High Fantasy, die in einer sehr komplexen, gut durchdachten Welt spielt - mit einer Vielzahl von Königreichen und politischen Systemen, einer langen Geschichte voll kriegerischer Konflikte und diplomatischer Bündnisse, verschiedenen Arten von Magie, Hexen und Fae und Parallelwelten und vielem mehr... Ja, es gibt eine Liebesgeschichte, aber sie ist nicht der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, sondern nur ein Teil davon (wenn auch ein wichtiger).

Dem Leser enthüllen sich immer wieder neue Facetten dieser Welt, die dennoch perfekt ins schon bekannte Gesamtbild passen. Auf dieser Grundlage erzählt Sarah J. Maas eine Geschichte, die sich
von Szene zu Szene immer wieder anders liest: locker-leicht, brutal und rasant, witzig und augenzwinkernd, intelligent und fordernd, romantisch und herzzerreißend...

Ich liebe Celaena als Charakter, gerade weil sie so eine widersprüchliche, widerstrebende Heldin ist. Sie sieht gar nicht ein, warum ausgerechnet sie die Welt retten soll, und glaubt auch gar nicht daran, dass es überhaupt möglich ist, den König von Adarlan zu stürzen. Eigentlich will sie nur ihre Ruhe, und in Frieden ihren Sold für Kleidung, Bücher und Schokoladenkuchen ausgeben! Sie wirkt oft oberflächlich, arrogant, frech und überheblich, aber man merkt auch immer wieder, dass das für sie eine Überlebensstrategie ist, weil sie in der Vergangenheit unglaublich traumatische Erlebnisse überlebt hat. Und wenn jemand die Menschen bedroht, die sie liebt, wird sie zur Bestie... Hinter dem ganzen Bravado verbirgt sich eine junge Frau mit wesentlich mehr Tiefe, als sie nach außen hin zeigt.

Auch die anderen Charaktere fand ich grandios geschrieben, vielschichtig und einfach glaubhaft. Die Hauptfiguren wachsen in diesem Band spürbar an ihren Erlebnissen und hinterfragen alles, an was sie bisher geglaubt haben. Besonders Dorian macht eine drastische Entwicklung durch! Manchmal war das Buch fast schmerzhaft zu lesen, weil Celaena und den Menschen, die sie liebt, wirklich schlimme Dinge zustoßen...

Zitat:
"Sie kannte jede seiner Bewegungen und er kannte ihre, als hätten sie diesen Walzer schon ihr Leben lang miteinander getanzt. Der Rest der Welt verflüchtigte sich vollends. In diesem Moment hatte Celaena nur Augen für [ihn] und wusste, dass sie nach zehn langen Jahren zuhause angekommen war."

Die Liebesgeschichte ist bittersüß, manchmal wirklich wunderschön romantisch, dann wieder so voller tragischem Verlust und Verrat, dass man weinen könnte... Ob es am Ende gut ausgeht, das möchte ich hier noch nicht verraten! (Nicht alles ist, wie es auf den ersten Blick scheint.)

Der Schreibstil verliert in der deutschen Übersetzung ein klein wenig seines Zaubers, aber er ist auch dann noch gut! Besonders die Actionszenen werden so plastisch beschrieben, dass man quasi einen Kinofilm vor dem inneren Auge ablaufen lassen kann, aber auch die ruhigen, zarten, romantischen oder traurigen Momente beschreibt die Autorin mit viel Sinn für Takt und Tempo, treffenden Bildern und einer großartigen Sprachmelodie.

Zitat:
"Sie war so dumm gewesen, für einen kurzen Moment zu denken, sie könnte glücklich werden. Doch der Tod war ihr Fluch und ihre Gabe. Der Tod war in diesen langen, langen Jahren ihr guter Freund gewesen."

Fazit:
"Kriegerin im Schatten" ist für mich eine mehr als würdige Fortsetzung des ersten Buches.

Man lernt die komplexe Welt und ihre Geschichte näher kennen, es gibt mehrere wirklich unerwartete Wendungen und dramatische Entwicklungen und die Charaktere haben es in diesem Band wahrlich nicht leicht... Für den ein oder anderen ist die Reise auch unwiderbringlich zu Ende.

Celaena ist eine widersprüchlich (Anti?)Heldin, die in diesem Band zeigen kann, dass sie ihren Ruf als beste Attentäterin dieser Welt nicht umsonst hat und dennoch mehr ist als eine seelenlose Killerin.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(27)

62 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 24 Rezensionen

spannung, thriller, michel bussi, spannend, frankreich

Das verlorene Kind

Michel Bussi , Barbara Reitz , Eliane Hagedorn
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Rütten & Loening Berlin, 15.08.2016
ISBN 9783352008863
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Im Allgemeinen ist ein Leser bis zu einem gewissen Punkt bereit, die Geschehnisse in einem Buch erstmal zu akzeptieren - auch wenn sie ihm eigentlich unglaubwürdig erscheinen. Er gewährt dem Autor sozusagen einen Vertrauensvorschuss, erwartet aber im Gegenzug, dass dieser im Laufe der Geschichte alle Unklarheiten beseitigt, alles Unglaubwürdige doch noch glaubhaft erklärt und alles logisch und schlüssig auflöst.

Ich stelle mir das immer so vor wie ein Gummiband, das man ganz schön weit dehnen kann, ohne dass es reißt. In meinen Augen sind die besten Bücher oft die, wo ein Autor das bis zum Letzten ausreizt und dann in letzter Minute die perfekte Auflösung aus dem Hut zaubert.

412 Seiten lang funktionierte das für mich in diesem Buch wunderbar. Es gab die ein oder andere kleine Unstimmigkeit, ein paar winzige Details, die nicht ins Bild zu passen schienen, vor allem aber zahllose unerwartete Wendungen und falsche Fährten... Ich fieberte voll gespannter Erwartung mit, stellte eine Theorie nach der anderen auf und hatte beim Lesen einfach eine Menge Spaß. Irgendwann begann der Autor dann mit der Aufklärung des Falls, und die fand ich überraschend, aber stimmig . auch wenn mir ein wenig der Kopf schwirrte ob der Komplexität und Vielschichtigkeit des Ganzen.

Bis Seite 412 war es für mich ein Buch, dem ich 4 oder 4.5 Sterne geben würde. Dann las ich die restlichen 20 Seiten - und mit einem fast hörbaren Knall flogen mir die Reste des gerissenen Gummibands um die Ohren. Dann flog das Buch, denn das habe ich tatsächlich vor Entrüstung quer durchs Zimmer geschmissen. Dann habe ich es aufgehoben. Und dann habe ich es nochmal geschmissen.

Was für eine Enttäuschung. Nein, mir kann niemand erzählen, dass dieses Ende in der Realität auch nur ansatzweise möglich wäre. Ich hatte den Eindruck, dass der Autor unbedingt für jeden der noch lebenden Charaktere und deren Konflikte eine blitzsaubere Auflösung haben wollte, und das erschien mir unsäglich konstruiert.

Aber noch ein paar Gedanken zum Buch bis zu diesem Punkt:

Auf dem Titelbild steht "Roman", nicht "Krimi" oder "Thriller", und dem würde ich zustimmen, Der Kriminalfall ist zwar wichtig, aber eigentlich kam er mir eher vor wie die Bühne für das zentrale Thema des Buches: Mutterschaft.

Die weiblichen Charaktere verkörpern jeweils verschiedene Aspekte davon: die Trauer nach einer Fehlgeburt, die schmerzhafte Sehnsucht eines unerfüllten Kinderwunsches, die Hilflosigkeit, wenn dem eigenen Kind etwas Schlimmes zustößt, und immer wieder die bedingungslose Mutterliebe. Michel Bussi beschreibt das feinfühlig, dabei aber nicht rührselig, und erschafft bei aller Spannung immer wieder eine nachdenklich-stimmende Atmosphäre.

Interessant ist auch, dass man durch die Figur des Kinderpsychologen Vasile viel darüber erfährt, wie das Gedächtnis funktioniert, besonders das Gedächtnis kleiner Kinder. Ein Großteil der Geschichte beruht darauf, dass dieses sowohl sehr formbar als auch sehr begrenzt ist, und das fand ich sehr originell.

Der kleine Malone ist seinem Alter weit voraus, und ich war mir nicht immer sicher, ob ich das noch glaubhaft fand... Aber er ist ein liebenswerter, cleverer kleiner Kerl, mit dem ich dennoch stets mitgefühlt habe.

Die anderen Charaktere wirkten auf mich sehr unterschiedlich.

Manche fand ich komplex, gut geschrieben und interessant, auch wenn sie mir manchmal ein klein wenig überzogen vorkamen. So ist die 40-jährige Commandante Augresse zum Beispiel vollkommen fixiert darauf, dass ihr schnell noch jemand ein Kind machen muss, bevor sie zu alt wird, und  jeder Mann, den sie trifft, wird nach seiner möglichen Tauglichkeit als Vater bewertet.

Andere erschienen mir ein wenig flach, wie zum Beispiel der bösartige, skrupellose und gewalttätige Alexis Zerda. Ich hatte das Gefühl, dass er darüber hinaus keine Eigenschaften hatte.

Der Schreibstil gefiel mir sehr gut, und auch die Übersetzung kam mir gut gelungen vor. Michel Bussi hat einen sehr prägnanten "Tonfall" Je nach Szene sind die Sätze knapp, klar und reduziert, manchmal aber auch bildlich und voller Atmosphäre.

Abschließend noch ein paar Worte zu Logik und Schlüssigkeit:

Der Teufel liegt im Detail - so gibt es zum Beispiel ein elektronisches Gerät, dass über Monate hinweg jeden Tag benutzt wird, ohne dass der Akku jemals nachgeladen wird. Das Kind soll dreieinhalb Jahre alt sein, die Mutter ist aber schon vor fünf Jahren in Mutterschutz gegangen. Es gibt noch andere kleine Unstimmigkeiten, die nie aufgelöst werden, und für mich ist das immer wie ein Steinchen im Schuh.

Fazit:
Bis Seite 412 stimmte für mich bei diesem Buch eigentlich alles: ich fand es enorm spannend, mit einer originellen, interessanten Grundidee und Charakteren, mit denen ich gut mitfühlen konnte. Auch der Schreibstil gefiel mir sehr. 

Bis zu diesem Punkt gefiel mir auch die Auflösung des verwickelten Kriminalfalls. Ich hatte den Eindruck, dass die ganzen losen Enden so nach und nach aufgewickelt wurden, und das schlüssig und glaubhaft - eins dieser Bücher, die man am besten nochmal liest um zu schauen, welche Hinweise man übersehen oder falsch verstanden hat. Aber das Ende machte das für mich dann zunichte, denn das fand ich absolut unglaubwürdig. Es war dieses an sich doch sehr guten Buches wirklich nicht würdig.

Wegen des Endes wurde für mich aus einem 4,5-Sterne-Buch leider ein 3-Sterne-Buch. Dennoch würde ich das Buch durchaus empfehlen (mir Vorwarnung, was das Ende betrifft), denn bis dahin war es ja sehr unterhaltsam.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(121)

207 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 49 Rezensionen

krimi, mord, london, england, internat

Dein finsteres Herz

Tony Parsons
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 18.12.2014
ISBN 9783785761151
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Das Buch startet im Prolog fulminant, mit einer düsteren, atmosphärisch dichten Szene: Ein junges Mädchen wird von einer Gruppe Jugendlicher auf grausamste Art vergewaltigt, versucht mit letzter Kraft zu fliehen, schafft es sogar noch, einen ihrer Peiniger schwer zu verletzen... Und das grausame Ende, es ereilt sie trotzdem. Ein Auftakt wie ein Paukenschlag!

Danach springt die Geschichte 20 Jahre in die Gegenwart.

Die Täter von damals werden grausam abgeschlachtet, einer nach dem anderen. (Ich muss zugeben, mein Mitleid hielt sich schwer in Grenzen.) An dieser Stelle hat man als Leser natürlich einen enormen Wissensvorsprung vor dem Ermittlerteam - man kennt zwar noch nicht das WER und WIE, aber zumindest schon das WARUM, während Max Wolfe und Co. erst einmal herausfinden müssen, was ein Politiker, ein Alkoholiker, ein Lehrer, ein Soldat, ein Künstler und ein Lebemann überhaupt gemeinsam haben.

Dieser Grundaufbau hat an sich durchaus seinen Reiz und enormes Spannungspotential! Denn die Spannung ergibt sich quasi aus der Hilflosigkeit, die man als Leser empfindet: man muss ohnmächtig mit ansehen, wie die Mordkommission im Dunkeln tappt, während der Mörder ihr immer einen Schritt voraus ist... Und jede falsche Entscheidung, jede Sackgasse und jede falsche Fährte zieht die Daumenschrauben enger.

Paradoxerweise hatte ich zwar nur Verachtung übrig für die Vergewaltiger, wollte aber dennoch, dass der Mörder geschnappt wird, bevor er ein weiteres Mal zuschlagen kann - ich konnte den Verlauf der Ermittlung jedoch oft nicht nachvollziehen, und manche in meinen Augen naheliegenden Ermittlungsansätze wurden komplett ignoriert oder zumindest nicht näher untersucht. Mir fehlte daher das Gefühl, als Leser sozusagen Teil der Ermittlung zu sein, und das dämpfte die Spannung für mich erheblich. Dazu kommt noch, dass es eine falsche Fährte gibt, die zwar viel Raum einnimmt, aber weder Max noch den halbwegs aufmerksamen Leser lange täuschen kann.

Mit dem nagenden Argwohn, das irgendetwas nicht ganz stimmte, schlug ich das Buch zu. Es dauerte eine gute halbe Stunde, bis ich darauf kam: mich plagte die Frage, was der Protagonist der Geschichte, Max Wolfe, eigentlich zur Aufklärung des Falls beigetragen hatte - und zwar durch tatsächliche Ermittlungsarbeit, nicht durch Bauchgefühl, Zufall oder die Arbeit bzw das Wissen anderer Leute. Mir fielen nur zwei oder drei Dinge ein, die im Grunde allerdings gar nicht so wichtig für die Auflösung waren!

Der Schluss konnte mich auch nicht vollends überzeugen. Das WIE war zu diesem Zeitpunkt schon lange geklärt, das WARUM trug der Leser schon seit dem Prolog mit sich rum, und das WER hatte für mich einen schalen Beigeschmack, denn es erschien mir wie eine seltsame Mischung aus vorhersehbar und unglaubwürdig. Die Hintergrundgeschichte der jugendlichen Vergewaltiger, über die man am Ende noch mehr erfährt, bedient außerdem das ein oder andere Klischee.

Auch Max, die Hauptfigur der Geschichte, entspricht einem gewissen Archetyp: er ist der Querschläger, der gegen den Strom schwimmt und sich auch über direkte Anweisungen seiner Vorgesetzten hinwegsetzt, wenn es sein muss - denn er sieht mehr als andere, verkauft seine Ideale für nichts und niemanden, kann auch mal hart zuschlagen und hat einfach im Gespür, wenn jemand schuldig ist (oder auch nicht). Außerdem ist eine Ehe (natürlich) gescheitert.

Schön fand ich, dass Tony Parsons aus diesem Schema ausbricht, indem er Max zum liebevollen Vater einer kleinen Tochter und ebenso liebevollem Herrchen eines kleinen Hundes macht. Die Szenen mit den beiden gehören für mich zu den authentischsten, lebendigst geschriebenen des Buches.

Die Liebesgeschichte erschien mir dagegen sehr aufgesetzt. Sie kam für mich aus heiterem Himmel, da habe ich mich allen Ernstes gefragt, ob ich zwischendrin ein Kapitel überblättert habe! Ich fand sie vollkommen unnötig, denn sie hat keinen wirklichen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte.

Der Schreibstil gefiel mir ausgesprochen gut. In ein paar Rezensionen habe ich Meinungen gelesen, er sei hölzern, gestelzt, übertrieben literarisch oder auch langweilig, aber das habe ich überhaupt nicht so empfunden. Gerade in einem Krimi oder Thriller finde ich den Widerspruch sehr reizvoll - den Kontrast zwischen dem grausamen Inhalt und einem Schreibstil, der verschiedene Nuancen von rasant-brachial bis leise-poetisch beherrscht.

Fazit:
"Dein finsteres Herz" ist in meinen Augen ein Debütroman mit viel Potential, der dieses Potential aber noch nicht vollständig ausschöpft. Die Grundidee ist interessant und verspricht atemlose Spannung, diese Spannung wird aber immer wieder ausgebremst von einem Ermittler, der genau genommen wenig ermittelt. Max Wolfe war mir zwar sehr sympathisch, er konnte mir in diesem ersten Band aber noch nicht wirklich zeigen, was in ihm steckt - allzu oft kommt er nicht weiter durch brillante Ermittlung, sondern durch Zufall, Intuition und die harte Arbeit anderer Leute.

Der größte Pluspunkt war für mich der interessante Schreibstil, das größte Manko eine halbherzige, unnötige Liebesgeschichte. Im Ganzen aber fand ich das Buch trotz einiger Kritikpunkte durchaus unterhaltsam.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

11 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

china, serinda, handelsstraße, spione, buddhismus

Die Seidendiebe

Dirk Husemann
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 14.07.2016
ISBN 9783404173815
Genre: Historische Romane

Rezension:

So abenteuerlich die Geschichte des Buches auch klingt, beruht sie doch auf einer wahren Begebenheit:

Zwei als Mönche verkleidete Männer sollen tief im Herzen Chinas einige der unbezahlbaren Seidenraupen und damit das streng gehütete Geheimnis der Seidenproduktion gestohlen und dann an den byzantinischen Hof gebracht haben - so berichtet es der spätantike Historiker Prokopios von Caesarea, der etwa zwischen 500 und 562 n.Chr. lebte. Was für uns heute vielleicht zunächst nicht nach einer sonderlich bemerkenswerten Heldentat klingt, bedeutete damals doch eine unglaubliche wirtschaftliche Macht.

Dirk Husemann greift diese Geschichte auf und verwebt in seinem Buch historische Fakten mit opulenter Atmosphäre, lebendigen Charakteren, fabulösem Abenteuer und einem reichen Schreibstil, der sich mal liest wie ein orientalisches Märchen, dann wieder wie ein Schelmenepos, manchmal sogar wie ein Eastern. Vieles hat der Autor sicher dazu erdichtet, aber in meinen Augen verschwimmen die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion, so dass sich das Ergebnis nathlos, glaubhaft und schlüssig liest - und dabei sehr spannend und unterhaltsam. Ich hatte wirklich den Eindruck, einen Einblick in eine lang vergangene Zeit und mir vollkommen fremde Orte zu erhaschen, dabei aber kein trockenes Geschichtsbuch zu lesen.

Ganz ehrlich? Ich muss zugeben, dass ich immer ein bisschen mit Berührungsängsten zu kämpfen habe, wenn ich einen historischen Roman lese. Meine Befürchtung ist stets, dass mein historisches Grundwissen möglicherweise nicht ausreicht, um den Roman wirklich gebührend würdigen zu können oder auch nur alles zu verstehen. Deswegen kann ich guten Gewissens sagen: "Die Seidendiebe" nimmt einem solche Berührungsängste schnell, denn die spannende Geschichte trägt den Leser mühelos über die Jahrhunderte hinweg. Und zumindest bei mir hat sie den Wunsch geweckt, mal wieder zu einem Geschichtsbuch zu greifen und mehr über die Zeit zu erfahren, in der das Buch spielt!

Ein Wort zu den Charakteren: mein erster Eindruck von Taurus und Olympiodorus war kein allzu positiver. Sie kamen mir arrogant und selbstherrlich vor, sich ihrer Bedeutung als Bruder und Neffe des byzantinischen Kaisers mehr als bewusst. Außerdem sind sie ja eigentlich nicht unbedingt die Guten in dieser Geschichte, schließlich ist ihre Mission Spionage und Diebstahl! Aber im Buch vergeht eine größere Zeitspanne, in denen die beiden Männer mehr erleben als andere Menschen in einem ganzen Leben, und das geht nicht spurlos an ihnen vorbei... Sie wachsen an ihren Abenteuern, und letztendlich sind sie mir doch sehr ans Herz gewachsen, genauso wie viele der Nebencharaktere.

Dirk Husemann stellt Taurus und Olympiodorus die buddhistische Nonne Helian Cui zur Seite, die zwar nur durch eine Kette von Zufällen in diesen abenteuerlichen Diebeszug hineingerät, aber durchaus ihre eigenen Geheimnisse hat, die sie verfolgen. Durch sie bekommt der Leser einen kleinen Eindruck von der Bedeutung des Buddhismus in der damaligen Zeit, und außerdem würzt sie die Geschichte mit einer Prise Romantik. Meines Erachtens wird es aber nie zu kitschig oder gar schwülstig.

Mit der rachsüchtigen Nong E, der Besitzerin der Seidenplantage, die die beiden Byzantiner ausrauben, hat der Autor eine sehr extreme, zutiefst unsympathische Figur erschaffen. Obwohl sie ja zunächst eigentlich das Opfer ist, konnte ich schon bald kein Mitleid mehr mit ihr empfinden. Gelegentlich fand ich sie dadurch ein wenig zu eindimensional, aber die anderen Charaktere haben das meiner Meinung nach mehr als wettgemacht.

Die Geschehnisse sind nicht immer vollkommen realistisch. Manches liest sich wirklich wie die Art von Abenteuer, die ein Geschichtenerzähler auf einem orientalischen Markt zum Besten geben könnte! Da kann ein schwächlicher Gelehrter zum Beispiel einen hünenhaften Krieger besiegen, und die Helden überstehen die aberwitzigsten, widrigsten Umstände. Aber für mich passte das zu Grundton und Atmosphäre des Buches, insofern hat es mich nicht gestört und der Glaubwürdigkeit für mich paradoxerweise keinen Abbruch getan. (Übrigens sollte man sich davon nicht in Sicherheit wiegen lassen - auch wenn es manchmal so scheint, die Protagonisten sind nicht unverwundbar...)

Den Schreibstil fand ich einfach wunderbar, er ist so üppig und lebendig und bunt und detailverliebt... Man kann die Landschaften, Personen und Dinge richtig vor sich sehen und den heißen Wüstenwind spüren. Auch der feine Humor, der immer mal wieder aufblitzt, hat mich sehr angesprochen.

Fazit:
552 n.Chr.: Zwei selbstherrliche byzantinische Adlige ziehen los, um in China das Geheimnis der Seidenproduktion zu stehlen - ein buntes Abenteuer irgendwo zwischen Heldenreise, Schelmenepos und Eastern, das auf wahren Begebenheiten beruht.

Außerdem ist "Die Seidendiebe" ein historischer Roman, der sich meines Erachtens gut für Einsteiger in das Genre eignet, denn die Geschichte ist unterhaltsam, leicht verständlich und spannend, bietet aber dennoch eine Vielzahl von historischen Fakten. Mit den Charakteren musste ich erst warm werden, aber schon nach wenigen Kapiteln habe ich dann doch mit ihnen mitgefiebert und konnte das Buch gar nicht mehr weglegen. Den Schreibstil habe ich mir manchmal richtig auf der Zunge zergehen lassen, so wunderbar üppig und verschwenderisch mit großartigen Bildern und Metaphern fand ich ihn.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1.126)

1.990 Bibliotheken, 65 Leser, 16 Gruppen, 94 Rezensionen

fantasy, winterfell, westeros, krieg, das lied von eis und feuer

Das Erbe von Winterfell

George R. R. Martin , Jörn Ingwersen , Sigrun Zühlke , Thomas Gießl
Flexibler Einband: 542 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 14.03.2011
ISBN 9783442267811
Genre: Fantasy

Rezension:


Hinweis: Ich habe dieses Buch letztes Jahr schon auf deutsch gelesen, mir aber jetzt noch einmal den englischen ersten Band vorgenommen: "A Game of Thrones", der im Deutschen aufgesplittet wurde in die beiden Bände "Die Herren von Winterfell" und "Das Erbe von Winterfell".

Im direkten Vergleich würde ich sagen, dass die Übersetzung an sich ohne Zweifel hochwertig und gut gelungen ist, aber dennoch nicht ganz an die sprachliche Urgewalt des Originals herankommt. In meinen Augen ist das aber auch kaum möglich, denn in einer Übersetzung geht immer etwas verloren! Außerdem wurden die Namen zum Teil ins Deutsche übersetzt (so wurde aus "Arys Oakheart" zum Beispiel "Arys Eichenherz"), und das spaltet ja immer die Gemüter... Ich kann diese Entscheidung allerdings nachvollziehen, denn ansonsten würden einem Leser, der des Englischen nicht mächtig ist, ja die Bedeutung der Namen komplett entgehen!

Da es schon eine gefühlte Million an Rezensionen gibt, von begeisterten 5 Sternen bis hinunter zum giftigen Verriss mit nur einem Stern, ist eigentlich schon alles gesagt. Deswegen gibt es von mir statt einer ausführlichen Rezension nur eine knappe Kurz-Bewertung:

Originalität: Liest sich einerseits realistisch wie ein Geschichtsbuch, anderseits so unglaublich einfallsreich, dass einem der Kopf schwirrt. Klassische Fantasy, und dennoch voller unverbrauchter Ideen!

Spannung: Warnung! Wenn man am nächsten Morgen früh raus muss, sollte man das Buch auf keinen Fall mit ins Bett nehmen mit dem Vorsatz: "Nur noch ein Kapitel..." Schlachten! Intrigen! Persönliche Tragödien! Superspannend und meines Erachtens unwiderstehlich.

Logik / Schlüssigkeit: George RR Martin hat nicht einfach Bücher geschrieben, er hat eine ganze Welt erfunden, und zwar durchdacht bis ins allerklitzekleinste Detail. Keine Ahnung, wie der Mann es hinbekommt, bei den ganzen Adelshäusern und der verwickelten Geschichte nicht den Überblick zu verlieren, aber er schafft es... Vielleicht ein Grund dafür, warum er inzwischen seit 1991 (!!) an der Reihe arbeitet?

Charaktere: Viele. Seeeeehr viele. Ein ganzes Heer an Charakteren, und trotzdem alle komplex und vielschichtig. Tipp: Häng dein Herz nicht an einen Charakter, sonst geht er mit Sicherheit drauf.

Schreibstil: Wie gesagt: sprachliche Urgewalt. Absolut umwerfend, mit Atmosphäre, die dicht genug ist zum Schneiden.

Humor: Überraschend viel, oft böse. Besonders Tyrion Lannister macht kaum mal den Mund auf, ohne dass ich grinsen muss.

Romantik: Eher wenig. Arrangierte Ehen überall, da ist Romantik eher ein Unfall, kommt aber vor.

Erotik: Der Sex ist oft ziemlich gewalttätig und/oder gefühllos. Dass die Sieger einer Schlacht die Frauen der Gegner vergewaltigen, ist gang und gäbe. Nicht schön, aber da die Buchreihe zum Teil auf  Epochen unserer Geschichte basiert, in denen es mehr als genug Präzedenzfälle für diese Art von Verhalten gibt, leider realistisch.

Fazit:
Gibt es irgendwas, was noch nicht über diese Bücher gesagt wurde? Deswegen kurz und knapp: Ich finde sie originell und spannend, voller großartiger Charaktere, mit einem grandiosen Schreibstil und überraschend viel Humor, dafür aber mit eher wenig Romantik / Erotik. (Wobei letzteres für mich kein Grund für Punktabzug ist, denn es würde zu den Büchern in meinen Augen auch nicht passen.)

  (3)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(6)

6 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 6 Rezensionen

freundschaft, superheld, superhelden, komet, neid

Superhelden (Wild Cat versus Basaltblitz 1)

Markus Tillmanns
E-Buch Text: 175 Seiten
Erschienen bei Fantasy Bücher Webseite --> www.markustillmanns.de, 16.05.2016
ISBN B01FT38U1I
Genre: Sonstiges

Rezension:


"Basaltblitz" geht in die vierte Runde, und in meinen Augen hat die Serie nichts an Originalität verloren! Die Bücher bieten einfach eine großartige Mischung aus rasanter Action, einem eher ungewöhnlichen Superhelden-Mythos (Superman hat jedenfalls keinen Kometen gegessen!), ganz normalen Teenagerproblemen und  einem schrägen Humor.

Vor allem der Humor ist für mich ein absolutes Highlight! Wie schon bei den letzten Bänden musste ich beim Lesen immer wieder schmunzeln oder sogar laut lachen.

Und trotzdem ist das Buch auch spannend, denn Nicks Leben ist echt nicht einfacher geworden, seit die Superschurken auf der Bildfläche erschienen sind! Außerdem muss er sich damit rumschlagen, dass sein bester Freund Be sich merkwürdig verhält und ihm anscheinend Sachen verschweigt, und sein Dackel Schnüffkes hat Albträume. (Irgendwie auch kein Wunder, denn es ist für einen Dackel nicht einfach, ein Wer-Mensch zu sein.)

Die Handlung ist oft absolut irre, und dennoch kaufe ich sie dem Autor ab - auf verquere Art und Weise ist das alles glaubhaft und in sich schlüssig. Ein bisschen erinnert mich das an die Bücher von Douglas Adams! Die waren auch voller irrwitziger Ideen und Handlungsstränge, und trotzdem "funktionierte" einfach alles.

Dass "Basaltblitz" so glaubhaft ist, liegt meiner Meinung nach vor allem am Hauptcharakter: Nick ist ein rundum liebenswerter Junge, der trotz seiner Superkräfte irgendwie auch ein ganz normaler Teenager ist. Er hat seine Schwächen, er ist kein perfekter "Man of Steel" - aber er ist mitfühlend, einfallsreich, loyal und witzig. (Alleine schon dafür, wie liebevoll er mit seinem Dackel Schnüffkes umgeht und wieviel Sorgen er sich wegen dessen Albträumen macht, bekam er dieses Mal eine Million Pluspunkte.)

Zitat:
"Böse Geheimnisse verbergen sich oft im Dunkel. Sie verkriechen sich in Kellerräumen oder Tiefgaragen. Sie tauchen ab in Kanalisationen oder Katakomben. Denn Geheimnisse, das weiß jeder, müssen das Licht scheuen. Noch nie hat ein Mensch bei hellster Mittagssonne ausgerufen: Hurra, ich habe das Mysterium der Blutschwestern gelöst. Nein, wirklich böse Geheimnisse sind Meister des Versteckens."

Der Schreibstil hat mir im vierten Band auch wieder sehr gut gefallen! Er las sich wie immer locker-flockig und unterhaltsam runter, so dass ich das Buch in Nullkommanix durch hatte.

Ohne schon zu viel zu verraten: das Buch nimmt am Ende eine Wendung, die ich wirklich nicht vorhergesehen habe, die aber im Nachhinein auch vieles aus den bisherigen Bänden erklärt! Ich bin gespannt, wie sich das in den nächsten Bänden auswirken wird.

Einen kleinen Punktabzug gab es für die Fehler, die mir immer mal wieder ins Auge gesprungen sind, sowas wie "Sogar Nele setzte sich für einen paar Minuten neben ihn."

Fazit:
Im vierten Band von "Basaltblitz" überschlagen sich die Ereignisse mal wieder. Es ist halt nicht einfach für einen jungen Superhelden, fiese Lehrer, Mobber und Heldentaten unter einen Hut zu bekommen!  Ein kleiner Trost ist Nick da nur, dass Spiderman das offensichtlich auch nicht besser hinbekommt... 

Mir hat das Buch wieder sehr viel Spaß gemacht - ich bin einfach ein großer Fan der Reihe, besonders des durchgeknallten Humors! Wer Bücher wie "Per Anhalter durch die Galaxis" mag, sollte "Basaltblitz" defintiv eine Chance geben und in die Leseprobe reinlesen.  

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(8)

12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

schule, nancy, heiter, 20. jahrhundert, rose

Die Blütezeit der Miss Jean Brodie

Muriel Spark , Peter Naujack
Flexibler Einband: 230 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 28.03.2003
ISBN 9783257210552
Genre: Romane

Rezension:


Als erstes möchte ich der Madison Public Library (der öffentlichen Bibliothek von Madison) zustimmen, die das Buch auf ihre Liste der 100 gut lesbaren Klassiker gesetzt hat. Die Bibliothek definiert die beiden Kriterien wie folgt (von mir ins Deutsche übersetzt):


»Ein Klassiker ist ein Werk von anhaltendem Interesse und anhaltender Anziehungskraft, in dem folgende Generationen zeitlose Wahrheiten finden können.
Gut lesbar sind diejenigen Klassiker, deren Anziehungskraft sich direkt offenbart und durchweg bestehen bleibt.«


Beides trifft in meinen Augen auf dieses Buch zu. Ich war schon nach wenigen Sätzen gefangen von der Geschichte rund um Miss Jean Brodie, diese so charismatische wie manipulative, so weltoffene wie engstirnige Lehrerin, und ihre Lieblingsschülerinnen. Muriel Spark spricht in diesem dünnen Bändchen eine erstaunliche Vielzahl an Themen an: Erziehung und die Rolle von Autoritätspersonen im Leben ihrer Schützlinge, Gruppendynamik und Individualität, Vorbestimmung und freier Wille, Instinkt und rationale Einsicht, Sexualität, Religion, Faschismus...


Das liest sich erstaunlich unterhaltsam, mit einem großartigen Humor, und dennoch ertappt man sich Stunden, nachdem man das Buch zugeklappt hat, noch dabei, wie man darüber nachgrübelt.


Ich will euch nicht mit einer ellenlangen Analyse langweilen, deswegen hier nur ein paar meiner Eindrücke:


Miss Jean Brodie ist eine unkonventionelle Lehrerin, die sich mit selbstverständlicher Missachtung über die vorgeschriebenen Lehrpläne hinwegsetzt. Wenn eigentlich Geschichte oder Grammatik an der Reihe wären, erzählt sie stattdessen von ihrem glamourösem Leben - ihren Reisen, ihrer tragischen großen Liebe und immer wieder von der Bedeutung ihrer persönlichen "Blütezeit", die sie für ihre Schülerinnen opfert. Ich habe schon erwähnt, dass sie eine charismatische Frau ist, die das aber auch einsetzt, um Menschen zu manipulieren: Sie wählt sich ganz bewusst Schülerinnen heraus, die ihr würdig erscheinen, und beginnt damit, sie nach ihrem Vorbild zu formen. Einerseits erweitert sie mit ihren außergewöhnlichen, manchmal sogar radikalen Ideen sicher den Horizont ihrer Mädchen, anderseits erwartet sie von ihnen, diesen dann direkt wieder einzuschränken - denn Miss Brodies grundlegendste Eigenschaft ist vielleicht ihre Ich-Bezogenheit. Ob bewusst oder unbewusst, in ihrer kleinen Welt ist sie selbst das Maß und Zentrum aller Dinge, und sie erwartet ständige Bewunderung und Bestätigung, sowie bedingungslose Loyalität. Der Verdacht drängt sich auf, dass Miss Brodies angeblich so schillerndes Leben in Wirklichkeit doch nur ein ganz gewöhnliches, vielleicht sogar armseliges ist... Ihr Verhalten ist oft extrem übergriffig und für das Alter ihrer Schülerinnen vollkommen unangemessen.


Es würde den Rahmen dieser Rezension sprengen, würde ich auf jedes Brodie-Mädchen einzeln eingehen, deswegen möchte ich nur Sandy und Mary erwähnen.


Es wird immer wieder erwähnt, dass Sandy außergewöhnlich kleine Augen hat, und dennoch ist sie wahrscheinlich diejenige mit der klarsten Einsicht in die Gruppendynamik der Auserwählten von Miss Brodie - was allerdings nicht heißt, dass es ihr leichtfällt, sich dem zu widersetzen! Sie versteht instinktiv, dass Miss Brodie die einfältige, ungeschickte Mary ganz bewusst zum Sündenbock macht, um der Gruppe sozusagen ein Ventil für ihre Frustrationen und Zweifel zu geben, das sie beliebig steuern kann. An einer Stelle setzt sie Miss Brodies' Instrumentalisierung von Gruppenzwang und Feindbildern gleich mit der Art von Dynamik, mit der charismatische Despoten wie Mussolini ihre Anhänger an sich binden - was umso bestürzender ist, da Miss Brodie tatsächlich glühende Anhängerin von Mussolini und Hitler ist.


Sandy scheint im gleichen Maße angezogen und abgestoßen von ihrer Lehrerin, und ich habe mich ein paarmal gefragt, ob sie nicht auch unterdrückte romantische Gefühle für sie hat.


Traurigerweise kann sich sogar die immer wieder erniedrigte und gescholtene Mary nicht von Miss Brodies Einfluss lösen sondern denkt Jahre später noch darüber nach, dass die Zeit mit Miss Brodie die schönste ihres Lebens war. Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass die Mädchen alle auf irgendeine Art in ihrer emotionalen Entwicklung verkrüppelt wurden durch Miss Brodies' Einfluss.


Es ist immer mal wieder die Rede von den beiden Männern in Miss Brodies' Leben, aber auch diese werden von ihr manipuliert und als Mittel zu dem Zweck eingesetzt, ihr schnödes Dasein dramatischer und glamouröser zu gestalten. Verstörenderweise strebt sie sogar in diesem Aspekt ihres Lebens danach, quasi eine zweite Jugend durch ihre Schülerinnen zu erleben...


Den Schreibstil fand ich ganz wunderbar, mit zarten Formulierungen und genau der richtigen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor. Jedem, dem es möglich ist, würde ich unbedingt das englische Original empfehlen, denn in der deutschen Übersetzung geht ein klein wenig des sprachlichen Zaubers verloren. Womit ich nicht sagen will, dass es eine schlechte Übersetzung ist! Peter Naujack ist sicher ein großartiger Übersetzer klassischer Werke, aber ich stimme dem Autor Miguel de Cervantes zu: »Das Lesen einer Übersetzung entspricht der Untersuchung der Rückseite eines Gobelins«.


Fazit:
Eine so charismatische wie eigensüchtige Lehrerin steuert in den 30er Jahren das Leben einer kleinen Gruppe auserwählter Schülerinnen, scheitert aber letztendlich daran. So könnte man es zusammenfassen, denn es passiert an sich nicht viel in diesem kleinen Büchlein - es lebt weniger von der Handlung als von den Einsichten in das oft verquere Seelenleben der Charaktere und die merkwürdige Dynamik innerhalb ihrer sozialen Gruppe.


"Die Blütezeit der Miss Jean Brodie" ist in meinen Augen ein sehr guter Einstieg für Leser, die sich gerne mehr mit den Klassikern der Literatur beschäftigen möchten: es ist kurz, leicht verständlich und unterhaltsam, bietet dabei aber viel Stoff zum Nachdenken.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

8 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

kinde, dt, si

Das Geheimnis von Six

Monica Meira Vaughan , Anja Hansen-Schmidt
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 22.07.2016
ISBN 9783423761536
Genre: Kinderbuch

Rezension:


Handlung: 
Eigentlich findet der 12-jährige Parker sein Leben zur Zeit ganz schön doof. Gerade ist er zusammen mit seinem Vater und seiner kleinen Schwester Emma von England nach Amerika gezogen, und als wäre das nicht Grund genug zum Schmollen, hat er an seinen neuen Schule natürlich direkt einen fiesen Erzfeind, während Emma mühelos neue Freundinnen findet. Auch seine Mutter, die drei Jahre zuvor bei einem Unfall gestorben ist, vermisst er immer noch unheimlich. Dass ihr Vater gerade nur wenig Zeit für seine Kinder hat, weil er als Wissenschaftler an einem ultrageheimen Projekt mitarbeitet, macht das alles nicht besser.

Die Dinge scheinen sich zum Besseren zu wenden, als er in dem gleichaltrigen Michael einen treuen Freund findet. Der hat stinkreiche Eltern, so dass er immer den neusten Computer und die coolsten Spielsachen bekommt, die haben allerdings nie Zeit für ihn. Als Parkers Vater entführt wird, tun sich Parker, Emma und Michael zusammen, um ihn zu retten. Zur Seite stehen ihnen dabei der Butler von Michaels Eltern, das weiße Schwein Polly und der geheimnisvolle Gladstone, der vielleicht ein bisschen wahnsinnig ist.

Meine Meinung: 
"Das Geheimnis von Six" ist ein rasantes Abenteuer für junge Leser und Leserinnen ab etwa 8 Jahren. Die bunte, einfallsreiche Mischung aus Action, Science Fiction und verschiedenen Alltagsthemen (wie Mobbing, Freundschaft oder Familie) kann bestimmt Jungen und Mädchen gleichermaßen ansprechen, und in Parker, Emma und Michael finden sie dabei interessante Hauptfiguren, mit denen sie sich gut identifizieren können.

Parker ist ein hochintelligenter Junge, der gerne Sachen repariert und schon als kleines Kind einen Computer auseinanderbauen und wieder zusammensetzen konnte. Er ist manchmal unsicher und leidet darunter, wenn die anderen Kinder über seinen englischen Akzent lachen, lässt sich aber auch nicht einfach alles gefallen. Wenn es um seine kleine Schwester geht, wird er schnell zum Beschützer. Überhaupt fand ich rührend, wie die beiden Geschwister miteinander umgehen. Klar gibt es die ganz normalen Zankereien, aber im Ernstfall gehen die zwei zusammen durch dick und dünn!

Emma ist zwei Jahre jünger als Parker und seit ihrer Geburt taub, was sie selber aber gar nicht wirklich als Behinderung sieht. Sie beherrscht nicht nur die Zeichensprache, sondern kann auch von den Lippen lesen und kommt so im Alltag gut klar. Was ich an ihr besonders sympathisch fand: obwohl sie noch so jung ist, hat sie schon ein stark ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit.

Gerade über Emma werden im Buch auch ernste Themen angesprochen: Warum machen wir Menschen unseren Planeten kaputt? Ist das gerecht, wenn wenige Menschen reich und mächtig sind und dafür viele Menschen arm? Allerdings bleibt das eher oberflächlich, denn die Geschichte ist doch vor allem eine spannende Abenteuergeschichte.

Michael ist der Sohn reicher Eltern und musste sich über Geld noch nie Gedanken machen. Sein Zimmer ist riesig, er besitzt mehrere Computer und Unmengen von Spielzeug, dafür ist er aber auch oft einsam. Seine Eltern sind immer unterwegs und überlassen ihren Sohn der Haushälterin und dem Butler. Parker und Michael sind ein großartiges Team, denn Parker kennt sich gut mit Hardware aus, Michael ist dagegen ein begabter Hacker und Programmierer. Er ist ein lieber Kerl, der für seine Freunde alles tut, aber auch ein bisschen ängstlich ist.

In meinen Augen hat die Geschichte für eher ungeübte kleine Leser womöglich zu viele Nebenhandlungen, die für die Hauptgeschichte eigentlich nicht so wichtig sind und deswegen verwirrend sein könnten. Andererseits sind gerade die oft sehr witzig (wie das Schwein Polly) oder bieten Berührungspunkte mit dem eigenen Leben (wie der gemeine Aaron, der Parker und Michael drangsaliert).

Oft kommen Parker und seine Freunde nur durch unglaubliche Zufälle weiter (zum Beispiel können sie in ein bewachtes Gebäude eindringen, weil gerade niemand an der Rezeption sitzt und anscheinend auch niemand auf die Überwachungskameras achtet), und es ist schon unheimlich praktisch, dass sie durch Michael quasi unbegrenzt viel Geld und einen verschwiegenen sowie hilfreichen Butler zur Verfügung haben! Aber das fand ich gar nicht so tragisch für die Altersgruppe, denn das vereinfacht die Geschichte auch und macht sie dadurch leichter verständlich. Außerdem, mal ganz ehrlich: als Kind liest man doch gerne Geschichten, in denen andere Kinder im eigenen Alter wahnsinnig coole Sachen erleben, oder? Da muss nicht immer alles realistisch sein.

Die Geschichte liest sich für ältere Leser vielleicht manchmal ein bisschen zu gradlinig oder einfach. Die Rollen sind klar verteilt: die Guten sind gut, die Bösen sind böse. Aber für die Altergruppe, für die das Buch gedacht ist, finde ich das Buch sehr spannend - mit vielen tollen Ideen, wie zum Beispiel das "Effie", ein von Parkers Vater erfundenes Gerät, das Gehirnwellen und damit Gedanken per Funk versenden und empfangen kann.

Der Schreibstil ist locker und einfach zu lesen, dabei aber nicht platt oder einfallslos.

Fazit: 
Eine spannende Geschichte für kleine Leser, in der es um Mobbing und faule Lehrer genauso geht wie um Teleportation und einen fremden Planeten. Die Geschichte wird einfallsreich und kindgerecht erzählt, und die drei Hauptfiguren sind nett, clever und mutig... Meine Meinung: für Kinder auf jeden Fall lesenswert.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(71)

96 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 59 Rezensionen

sizilien, krimi, mafia, tante poldi, mord

Tante Poldi und die Früchte des Herrn

Mario Giordano
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Ehrenwirth, 13.05.2016
ISBN 9783431039481
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Ganz ehrlich - ich hatte sowas von keine Lust auf Tante Poldi. Null. Niente. Nüsche. Eine 60-jährige Bayerin, die nach Sizilien zieht, um sich da gepflegt zu Tode zu saufen, und dabei unversehens in verschiedene Kriminalfälle stolpert? Womöglich noch mit krachledernem Brachialhumor? Sprach mich überhaupt nicht an.

Anfang Mai trudelte mir das Buch ganz überraschend als Rezensionsexemplar ins Haus, begleitet von einer großen Packung Kekse. Die Kekse waren sehr lecker und stimmten mich Poldi gegenüber schon etwas milder, aber Lesefieber stellte sich dennoch nicht ein. Trotzdem: ich war ihr irgendwie was schuldig (Keksschulden sind Ehrenschulden), und so griff ich fast drei Monate später dann halt doch zähneknirschend nach dem Buch.

Tja. Drei Tage später sitze ich jetzt hier mit Bauchschmerzen in den Lachmuskeln und kann nur sagen: Namaste, Lübbe! Das Buch war echt der Brüller, und jetzt muss ich schnell noch den ersten Band nachholen und dann auf zeitiges Erscheinen des dritten Bandes hoffen. (Übrigens kann man den zweiten Band problemlos lesen, ohne den ersten zu kennen.)

Poldi ist einfach eine Nummer für sich - eine schrille, laute, quietschbunte Nummer. Sie pflügt oft mit ausgefahrenen Ellbogen durchs Leben und lässt sich nix vorschreiben, gell? Da kann sie saugrantig werden. Wenn man ihr glauben kann, hat sie schon so einige Abenteuer erlebt, wobei das halt die Frage ist... Soll man ihr zum Beispiel wirklich glauben, dass Cher mal eine Woche bei ihr gewohnt hat? Andererseits ist des aber auch fei egal. Sie schwankt zwischen Lebenslust und Schwermut, hat koane Geduld für Schmarrn aber viel Sinn fürs Spirituelle (in jedweder Hinsicht), und obwohl sie sicher keine einfache Person ist, fand ich sie auf ihre Art doch sehr liebenswert.

Überhaupt sind die Charaktere durch die Bank bunt und lebendig, mit urkomischen Schrullen und Marotten, und trotzdem schafft es der Autor, ihnen bei allem Humor auch Tiefe zu geben. Ob das jetzt der Pfarrer ist, der komischerweise genau weiß, wie man ein Schloss knackt, oder die traurige Signora, die sich mit ungeahntem Feuereifer als Poldis Sidekick in die Ermittlungen stürzt... Hier werden zwar auch kräftig Klischees auf die Schippe genommen, aber in meinen Augen geht dennoch jeder Charakter über das Klischee hinaus.

Ich fand diese Mischung aus Cozy-Krimi, sizilianischem Sommerflair und bayerischem Humor unerwartet originell (und wie!), spannend, lustig, berührend...

Jo, es ist freilich keine nervenzerfetzende Thrillerspannung. Die Poldi ist keine Smoky Barrett oder Roberta Hunter, eher eine bayrisch-sizilianische Miss Marple mit Vespa, Perücke und Alkoholproblem. Sie stolpert oft mehr zufällig über Hinweise und verrennt sich auch schon mal in Sackgassen. Für richtige Hardcore-Krimileser kommt der Mordfall vielleicht ein bisschen zu kurz, obwohl ich die Auflösung dann doch ziemlich pfiffig fand!

Rührend fand ich, dass die Poldi zeigt, dass man mit 60 noch lang nicht zu alt ist für Amore. Auch ein altes Herz kann hüpfen... Und manchmal auch brechen! Die Liebesgeschichte folgt ma grad so gar keinem Schema, weder F noch X, Y, Z. Aber süß ist sie trotzdem, irgendwie.

Zitat:
"Eine deutsche Hupe, des ist immer eine Kriegserklärung, die Invasionstruppen quasi bereits an der Grenze. Eine italienische Hupe dagegen klingt wie ein freundliches Räuspern, wie ein geflötetes: »Permesso?«, oder wie ein sanftes: »Ach, Signora, würden sie wohl bitte anhalten, denn ich bin eh schon dabei, Ihnen die Vorfahrt zu nehmen, grazie, molto gentile.« (...) Wenn Romeo eine Vespa g'habt hätte, nachert hätte er seiner Giulietta unterm Balkon garantiert was vorg'hupt, und des wär fei keinen Strich weniger romantisch g'wesen."

Der Humor war für mich eine sehr positive Überraschung, denn der ist zwar manchmal schrill und laut und oft ein bisserl albern, aber mich hat er total angesprochen - und in meinen Augen gehört er auch nicht in die Schublade "platte Schenkelklopfer". Allweil schwingt mit: Mei, schauts halt her, es is doch schee, das Leben. Das macht es zu einem wunderbaren Sommerbuch!

Der Humor ist wahrscheinlich nicht jedermanns Sache - aber das kann man ganz einfach ausprobieren, indem man sich schnell mal die Leseprobe durchliest, denn ich denke, das merkt man sofort.

Zitat:
"Trecastagni ist ein verträumter Ort, auf halber Höhe zwischen Himmel und Erde, von einem freundlichen Gott mit leichter Hand an die Ostseite des Ätna zwischen alte Nebenkrater getupft. Eines der an die zwanzig Ätnadörfer, die den Berg wie eine nachlässig geknüpfte Kette umgürten, weitgehend unverschandelt, wo die Sommer mild und die Winter klamm sind. Wo man aufs Meer in der Ferne blickt wie auf einen Gutschein für eine bessere Zukunft, den man nie einlösen wird."

Den Schreibstil fand ich fantastisch. Der Autor findet immer wieder witzige, frische Vergleiche und Formulierungen, zeigt aber auch einige Male, dass er nachdenklichere Tonarten ebenso beherrscht. Er beschwört Sizilien so lebendig herauf, so prallvoll mit Bildern, die alle Sinne ansprechen, dass man fast schon die Hitze spürt, den Wein schmeckt und Lust auf richtig waschecht sizilianische Küche bekommt.

Fazit:
Wenn man ein Buch geschenkt bekommt, von dem man sich quasi schon zu 99% sicher ist, dass es überhaupt nicht dem eigenen Beuteschema entspricht, dann ist das irgendwie doof. Und wenn man es irgendwann widerstrebend doch liest, dann fühlt sich das erstmal an wie früher bei den Hausaufgaben. Wenn man letztendlich aber feststellt, dass man gerade ein neues Lieblingsbuch entdeckt hat - dann kann man sich eigentlich nur freuen, still Abbitte leisten und sich vor dem Können des Autors verneigen. 

Ich verneige mich also vor Mario Giordano und seiner sturen, eigenwilligen, schrillen, lebenslustigen, unerwartet liebenswerten Tante Poldi. Ein bisschen Krimi, enorm viel Humor und eine gute Portion Urlaubsatmosphäre ergaben für mich eine Mischung, die mir sehr viel Spaß gemacht hat! Einerseits sollte man das Buch nicht zu ernstnehmen, andererseits versteckt sich aber auch die ein oder andere Lebensweisheit in seinen Seiten.

  (3)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(23)

27 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 21 Rezensionen

liebe, carine bernard, krimi, pater noster, werbeagentur

Pater Noster

Carine Bernard
E-Buch Text: 235 Seiten
Erschienen bei null, 10.07.2016
ISBN 9783739332536
Genre: Sonstiges

Rezension:


Vor Kurzem erreichte mich mit der Post ein kleiner weißer Karton. Absender: Carine Bernard, deren Buch "Das Schaf-Komplott" ich schon gelesen und geliebt hatte. Natürlich war ich neugierig auf den Inhalt des Kartons, und was ich darin fand, war einmal ein schickes rotes Armband, sowie eine Postkarte mit einem knallroten Auge und der Aufschrift "Halt die Augen auf!" Ein paar Tage später trudelte noch mehr Post hier ein, nämlich eine Einladungskarte mit dem Klappentext von "Pater Noster". 

Eine sehr passende und clevere Werbeaktion, ist doch der Auslöser dieses Kriminalfalls eine beinahe identische Kampagne! Die drei wichtigsten Charaktere, Deborah Peters, ihr Arbeitgeber Carl Schulz und ihr Ex-Freund Stefan Schrödinger, sind alle in der Werbebranche tätig, und in der ersten Szene beobachten wir Stefan dabei, wie er stundenlang Armbänder und Zettel in Kartons verpackt. Später schlägt er sich die Nächte um die Ohren, um in der ganzen Stadt riesige Plakate mit dem auffälligen roten Auge aufzuhängen, und da erahnt man schon, dass diese Kampagne sicher mehr auslösen wird als den gewünschten Werbeeffekt... Immerhin ist im Klappentext die Rede von einem Mord.

Das Buch ist in meinen Augen eine lockere, unterhaltsame Mischung aus Krimi und Liebesroman. Wahnsinnig viel Tiefgang hat es vielleicht nicht, aber es hat mir dennoch Spaß gemacht und mir zwei vergnügliche Leseabende beschert. Obwohl es ein paar Szenen gibt, in denen eine Person einen langsamen, wirklich enorm qualvollen Tod stirbt, ist "Pater Noster" meines Erachtens deutlich mehr Cozy-Krimi als Psychothriller! Die Spannung baut sich eher langsam auf, und die Auflösung am Schluss ist zwar gut durchdacht und originell, die Autorin hätte es dem Leser aber für meinen Geschmack mit falschen Fährten schwerer machen können (ab einem gewissen Punkt kam eigentlich nur noch eine Person als Täter in Frage).

Im Mittelpunkt steht vor allem die junge Deborah, die erst vor kurzem mit ihrem Studium fertig geworden ist. Ihr Freund Stefan hätte es gerne gesehen, wenn sie ihn danach in seiner Werbeagentur unterstützt hätte, sie wollte aber lieber erstmal Berufserfahrung in einer großen Firma sammeln und ein bisschen auf eigenen Füßen stehen. Dieser Konflikt führte dann auch zur Trennung.

Ich konnte Deborahs Wunsch nach Selbstständigkeit wirklich gut nachvollziehen, und ich fand es auch durchaus vernünftig von ihr, sich erst einmal ein bisschen was von den Großen der Branche abzuschauen! Leider lässt sie sich dann aber recht schnell ein Stück von diesem Weg abbringen, indem sie sich dann doch wieder einen Mann anlacht, der versucht, sie nach seinen Vorstellungen zu formen... Sie war mir aber sehr sympathisch, und sie entwickelt sich meiner Meinung nach im Laufe des Buches auch weiter und lässt sich nicht mehr ganz so einfach überrollen.

Carl war mir von seinem ersten Auftreten an unglaublich unsympathisch. Da kann er noch so attraktiv sein (obwohl ich es leicht verstörend fand, wie oft die Rede von seinem dichten, lockigen schwarzen Brusthaar ist), die Art und Weise, wie er über Frauen nachdenkt, als wären sie hübsche Trophäen... Brrr, nein. Da konnte ich überhaupt nicht verstehen,was Deborah an ihm so anziehend findet!  Aber als er in Tatverdacht gerät, stellt sich natürlich die Frage: ist er nur ein Schürzenjäger, oder ist er auch ein Mörder? Außerdem: können seine Gefühle für Deborah ihn ändern und zu einem besseren Menschen machen? Bad Boy, oder einfach nur Mistkerl?

Stefan fand ich da schon "pflegeleichter". Er bekam zwar auch erstmal Punktabzug dafür, dass er versucht, Deborah ein schlechtes Gewissen dafür einzureden, dass sie auf eigenen Füßen stehen will, aber das konnte er im Laufe des Buches wieder wettmachen. Auch er gerät jedoch schließlich unter Tatverdacht. Hat er den Mord aus Eifersucht begangen, um ihn Carl unterzuschieben? Oder war doch jemand ganz anderer der Mörder? Kann Stefan lernen, Deborah mehr Freiraum zu geben?

Bis zum Schluss steht Deborah zwischen den beiden Männern, und man kann als Leser nur spekulieren, ob einer von den beiden ein falsches Spiel treibt... Übrigens gibt es die ein oder andere Erotikszene, und da geht es durchaus ausführlich beschrieben zur Sache! Ich fand es aber nicht zu übertrieben oder ausufernd (manchmal habe ich in Büchern das Bedürfnis, einfach weiterzublättern, wenn sich die Erotikszenen zu sehr ziehen), allerdings konnte sich bei mir auch kein rechtes Gefühl der Romantik einstellen. Aber das hat mich nicht weiter gestört, ich fand die Geschichte und den Kriminalfall an sich interessant genug.

Deborah und Stefan fand ich gut und stimmig geschrieben, aber Carl erschien mir oft als etwas zu einseitig, und auch ein paar der Nebencharaktere blieben für mich leider etwas blass.

Der Schreibstil ist locker und sehr angenehm zu lesen, die Seiten flogen nur so dahin. Ein netter Sommerkrimi für den Strandkorb oder das Badetuch!

Fazit:
Eine junge Frau hat gerade ihren ersten richtigen Job angetreten und will eigentlich nur Berufserfahrung sammeln und endlich auf eigenen Füßen stehen. Stattdessen muss sie sich nicht nur mit der Eifersucht ihres Ex-Freundes herumschlagen, sondern auch gegen ihre eigenen verwirrten Gefühle ankämpfen, die beim Anblick ihres attraktiven Chefs in Wallung geraten... Der Mord ist da sozusagen das Sahnehäubchen, denn jetzt muss Deborah sich nicht nur fragen, was sie wirklich für die beiden Männer empfindet, sondern auch, ob einer davon vielleicht ein Mörder ist.

Der Krimi nimmt erst nach der Hälfte des Buches an Fahrt auf, und auch dann bleibt die Spannung eher gemütlich - aber dennoch fand ich die Geschichte unterhaltsam und habe sie gerne gelesen. Ein bisschen Krimi, ein bisschen Liebesgeschichte, ein bisschen Gegenwartsliteratur.

  (2)
Tags:  
 
602 Ergebnisse