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152 Bibliotheken, 41 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

leserunde, bin so aufgeregt, fischer leseclub, wird wieder wundervol, testleser

Stell dir vor, dass ich dich liebe

Jennifer Niven , Maren Illinger
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei FISCHER Sauerländer, 22.06.2017
ISBN 9783737355100
Genre: Jugendbuch

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311 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 77 Rezensionen

mord, krimi, thriller, zorn, missbrauch

Zorn - Vom Lieben und Sterben

Stephan Ludwig
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 09.10.2012
ISBN 9783596195077
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Es gibt Thriller, die lese ich wegen der irrsinnig verwickelten, clever konstruierten Handlung. Es gibt Thriller, die lese ich wegen der rasanten unerwarteten Wendungen. Und dann gibt es noch "Zorn" –das lese ich wegen seines absurden, schrulligen, witzigen, grandiosen und bewegenden Ermittlerduos. Klingt widersprüchlich? Ist es vielleicht auch, denn die beiden Protagonisten sind es auf jeden Fall. Hauptkommissar Claudius Zorn ist eigentlich alles andere als ein angenehmer Zeitgenosse: er ist stinkfaul, ständig schlecht gelaunt und ihm geht jegliches Einfühlungsvermögen in andere Menschen komplett ab. Sein Kollege Schröder ist dagegen eine Seele von Mensch, fleißig und gutmütig und scheinbar immer bereit, an das Gute im Menschen zu glauben. Auf jeden Fall glaubt er an das Gute in Zorn!


Die merkwürdige Freundschaft, die diese beiden Männer verbindet, hat etwas unglaublich Rührendes und gleichzeitig etwas unglaublich Komisches. Zorn tut manchmal (aber auch nur manchmal) wirklich sein Bestes, um Schröder zu zeigen, dass er ihn wertschätzt, aber er kann einfach nicht aus seiner Haut! Und dann gibt es in diesem zweiten Band Szenen, da hatte ich plötzlich einen Kloß im Hals, denn inmitten all der lustigen Szenen geht es in der Geschichte um die schwärzesten menschlichen Abgründe.


Schröder gewinnt in diesem Band einiges an Tiefgang, was wiederum dazu führt, dass auch Zorn ganz neue Seiten zeigt. Irgendwie schafft es Stephan Ludwig, mir einen Menschen sympathisch zu machen, der eigentlich unsympathisch sein müsste!


Ganz ehrlich, ich würde die Abenteuer von Zorn und Schröder wahrscheinlich auch dann lieben, wenn sie sich mit Strafzetteln und geklauten Gartenzwergen beschäftigen würden... Das heißt aber nicht, dass "Vom Lieben und Sterben" nicht auch eine wirklich interessante, gut konstruierte Handlung hätte, die mit Einbruch und jugendlichem Vandalismus beginnt und sich schnell zu einer Mordserie ausweitet.  Das Thema ist dieses Mal ein unerwartet Düsteres, aber ich möchte da noch nichts vorwegnehmen. 


Irgendwann in der Mitte scheint sich eine klischeehafte Auflösung anzubahnen, aber dann ist doch wieder alles ganz anders – hätte mich sonst auch enttäuscht! –, allerdings kann man sich dann doch ab einem gewissen Punkt denken, wer hinter den Morden steckt. Aber es bleibt dennoch spannend, denn Zorn und Schröder müssen denjenigen ja immer noch schnappen!


Der Schreibstil hat mir wieder sehr gut gefallen. Er ist einfach durch und durch originell, und Stephan Ludwig beherrscht den staubtrockenen bösen Humor genauso wie die unerwartet gefühlvolle Beschreibung einer schrägen Männerfreundschaft. 


Fazit:
Für mich sind der mürrische Hauptkommissar Claudius Zorn und sein freundlicher Kollege Schröder auf ihre schräge Art ein ebenso großartiges Duo wie Sherlock Holmes und John Watson.  In diesem Band geht es viel um ihre sonderbare Freundschaft, denn eine Mordserie bringt  Schröder an seine Belastungsgrenzen und Zorn muss sich widerwillig fragen, wann ihm sein gutmütiger Kollege eigentlich dermaßen ans Herz gewachsen ist.


Dieser zweite Band ist düsterer als der erste, mit ernsteren Themen, und dennoch kommt der typische aberwitzige Humor nicht zu kurz – eine interessante Gratwanderung! Spannend ist das, wahnsinnig lustig ist es auch, und manchmal kann man nebenbei fast den Glauben an die Menschheit verlieren. 

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Trywwidt

Klara Bellis
Flexibler Einband: 584 Seiten
Erschienen bei Books on Demand, 17.05.2016
ISBN 9783842381605
Genre: Science-Fiction

Rezension:


Der Klappentext lässt es bereits vermuten: über dieses Buch könnte man alles Mögliche sagen, aber die Wörter "fade", "abgedroschen" oder "Durchschnitt" gehören in meinen Augen definitiv nicht dazu. Ja, es gibt Elfen. Ja, es gibt Vampire. Nein, irgendwie ist hier alles ein bisschen anders, als man es von Elfen oder Vampiren erwarten würde, und das ist auch gut so.


Die Elfen sind hier zwar schon irgendwie umweltbewusste Baumkuschler, wie sich das gehört, aber außerdem sind sie den Menschen technologisch meilenweit voraus: Tarnkleidung, ausgeklügelte Simulationen, ein durchorganisierter Geheimdienst, Datenkäfer und ein telepathisches Kommunikationssystem... Allerdings kriegen sie es wirklich wesentlich besser hin als wir, die Technologie verantwortungsbewusst zu verwenden und dabei ihre Umwelt nicht mit Stinkekisten und Chemie zu vergiften.  Und die Vampire glitzern weder, noch wirken sie, als seien sie den Seiten von Anne Rice's Büchern entsprungen! (Hurra!)


Die Geschichte bietet eine originelle Mischung aus Fantasy, Action, durchgeknalltem Humor und Spannung. Wobei sich die Spannung für mich anfangs vor allem daraus ergab, dass nicht einer der Protagonisten so wirkte, als könnte er oder sie ein Ziel tatsächlich erreichen! Denn was wir hier haben, ist eine Gruppe von klassischen "Underdogs": Außenseiter, Sonderlinge oder einfach nur riesengroße Pechvögel. Kurz gesagt: Anti-Helden, wie sie im Buche stehen. 


Klaus ist ein fauler, übergewichtiger Langzeitstudent mit Messie-Veranlagung. Ira wurde von ihrem Freund verlassen, erstickt ihren Kummer mit Schokolade und springt mit Anlauf von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen. Trywwidt ist für eine Elfe viel zu emotional und neigt dazu, ihre Einsätze spektakulär zu verpatzen. Und Korwin, der Vampir, ist mit einer goldigen alten Nachbarin geschlagen, die versucht, ihn mit Obst und Gemüse aufzupäppeln. 


Ehrlich gesagt war mir der Humor ganz am Anfang manchmal zu nah dran am Fremdschämen, wenn Ira zum Beispiel verschläft und mit fettigen Haaren und nach Schweiß stinkend zum Vorstellungsgespräch erscheint. Außerdem kamen mir die Charaktere zunächst auch ein klein wenig klischeehaft vor! Aber das Buch groovt sich schnell ein, und das Schöne ist, dass die Charaktere die Klischees bald hinter sich lassen und zeigen, dass wesentlich mehr in ihnen steckt. Man erfährt viel über ihre Hintergrundgeschichten, woraufhin ihre Schwächen und Marotten direkt viel liebenswerter und verständlicher erscheinen. Sie sind mir richtig ans Herz gewachsen!


Auch der Humor gefiel mir dann doch noch ziemlich gut, obwohl oder gerade weil er sehr eigen ist. Besonders witzig fand ich Trywwidts Kulturschock in der Menschenwelt: sie kann vieles überhaupt nicht nachvollziehen und muss sehr über ihren Schatten springen, um mit diesen barbarischen Menschlingen klarzukommen. (Überall tote Bäume!!!) 


Eine kitschige Standard-Liebesgeschichte gibt es nicht: Zum einen sehen die Elfen Sex ziemlich locker – der muss nicht unbedingt was mit Liebe zu tun haben (kann aber). Und zum anderen entwickeln sich zarte Gefühle hier manchmal eher widerwillig und zwischen den unwahrscheinlichsten Charakteren. Und gerade das macht es auch für Romantikmuffel wie mich so rührend!


In der zweiten Hälfte des Buches wird die Geschichte zunehmend spannender, denn für unsere (Anti-)Helden wird die Lage ganz schön brenzlig. "Das" Widersacher (ich will noch verraten, ob Männlein oder Weiblein) war meines Erachtens vielleicht keine große Überraschung, aber ich fand sehr interessant, wie die verschiedenen Handlungsstränge zusammenhingen und was hinter all dem steckte! Das ist alles wahnsinnig einfallsreich.


Klara Bellis' Schreibstil hat eine sehr prägnante "Stimme", mit ungewöhnlichen Formulierungen und tollen Metaphern. In den ersten Kapiteln wirkte er auf mich manchmal etwas holprig, aber im Laufe des Buches gefiel er mir immer besser!


Fazit:
Eine blutsaugende Pflanze, die die Zombie-Apokalypse auslösen könnte, oder zumindest etwas sehr Ähnliches. Eine Elfe auf geheimer Mission in der Menschenwelt. Ein Vampir, der sich wünscht, er wäre besagter Elfe nie begegnet (und der definitiv nicht glitzert). Und zwei ganze normale Menschen, die irgendwie in die ganze Geschichte hineingeraten sind, obwohl ihre größten Sorgen bisher Übergewicht und Pech in der Liebe waren. 


"Trywwidt" ist Fantasy jenseits der Klischees, dafür aber mit viel schrägem Humor und einer Gruppe unwahrscheinlicher Helden, die mit sich selbst genauso zu kämpfen haben wie mit ihren Widersachern... Ich brauchte ein paar Kapitel, um in die Geschichte hineinzufinden und mich mit den Charakteren anzufreunden, aber dann gefiel mir das Buch sehr gut! Es ist auf jeden Fall mal ganz was Anderes, was ich sehr erfrischend fand. 

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6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

lotos verlag, ausmalbuch, achtsamkeit, sarah jane arnol

Der Achtsamkeits-Begleiter

Sarah Jane Arnold , Karin Weingart
Flexibler Einband
Erschienen bei Lotos, 13.03.2017
ISBN 9783778782712
Genre: Sachbücher

Rezension:


Malbücher für Erwachsene liegen zur Zeit schwer im Trend, und das aus gutem Grund: viele Menschen finden die kreative Beschäftigung mit Stift und Papier nicht nur entspannend, sondern geradezu meditativ – man ist zwar ganz im Moment und hochkonzentriert, aber dennoch kann man die Seele baumeln lassen, der Alltagsstress rückt in den Hintergrund...


Nicht jeder findet es jedoch von Anfang an leicht, diesen entspannten Zustand zu erreichen, und das ist auch völlig normal! Wie bei jeder 'normalen' Meditation kann es etwas Übung erfordern, bis man lernt, loszulassen, und die Gedanken nicht mehr beim ersten Anflug von Ruhe lospreschen, um sich endlos um die Einkaufsliste, die Wäsche im Keller oder den nächsten Arzttermin zu drehen.


Und genau dabei soll "Der Achtsamkeits-Begleiter" helfen: jeder Seite zum Ausmalen steht eine kleine Übung gegenüber, die man ganz leicht vor oder während dem Malen machen kann – oder natürlich genauso bei anderen Gelegenheiten in den Alltag integrieren. Ich fand die Übungen gut verständlich und ansprechend! Obwohl ich schon Erfahrungen mit Malbüchern und mit Meditation gesammelt habe, fand ich es sehr anregend, beides ganz bewusst zu verbinden.


Das Papier ist sehr hochwertig: mit genug Biss, dass sich die Farben kräftig und leuchtend auftragen lassen, dabei aber ebenmäßig genug, dass sie nicht klumpen. Es ist dick genug, dass die meisten Fasermaler sich nicht oder nur kaum durchdrücken sollten – ich hatte lediglich bei einem Bild, bei dem ich mehrfach mit Stiften der Marke Stabilo Pen 68 über die selben Stellen gemalt hatte, einen 'Schatten' der Farben auf der Rückseite. Im Zweifelsfall empfehle ich, auf einer der Seiten am Schluss des Buches, die keine Bilder zum Ausmalen mehr enthalten, die Fasermaler auszutesten! Beim Ausmalen mit Buntstiften sollte es eigentlich auf keinen Fall Probleme geben.


Die Motive sind sehr abwechslungsreich: Mandalas, florale oder abstrakte Muster, Tiere, Wellen, Federn, und dabei variiert ebenfalls der Schwierigkeitsgrad, so dass für jeden etwas dabei sein sollte. Manche Bilder sind sehr filigran, so dass man sehr feine oder sehr gut gespitzte Stifte braucht, andere lassen sich auch flott mit dickeren Stiften ausmalen.


Mir macht das Buch bisher viel Spaß – ich freue mich richtig darauf, hier und dort ein halbes Stündchen abzuzweigen, um weiterzumalen!

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Das Achtsamkeits-Zeichenbuch

Barrington Barber
Flexibler Einband
Erschienen bei Bassermann, 10.04.2017
ISBN 9783809437574
Genre: Sachbücher

Rezension:


Der bekannte Zeichenlehrer Barrington Barber bringt dem Leser in diesem ausführlichen, leicht verständlichen und reich bebilderten Buch die Kunst des achtsamen Zeichnens näher: Zeichnen als meditative Auszeit vom alltäglichen Stress, sozusagen Entschleunigung für den überaktiven Geist! Der Kurs richtet sich nicht nur an bereits geübte Zeichner, sondern beginnt leicht verständlich und für jeden nachvollziehbar bei den Grundlagen. Die Methoden und Techniken, die der Autor vorstellt, lassen sich jedoch beliebig einfach oder komplex gestalten und erweitern, so dass auch die geübten Zeichner einen Gewinn aus dem Buch ziehen können. 


Besonders interessant dürfte das Buch für Liebhaber von Malbüchern für Erwachsene sein, die daran interessiert sind, selber Zeichnungen zum Ausmalen zu gestalten!


Für die meisten Übungen braucht man nichts weiter als Bleistift, Radiergummi und Papier, nur für das Kapitel über die Gestaltung von Mandalas wird natürlich ein Zirkel benötigt. Wie in meinen Beispielfotos zu sehen ist, habe ich die Übungen nur so zum Spaß teilweise mit bunten Stiften gemacht, das ist aber nicht nötig!


Das Kapitel "Achtsames Zeichnen lernen" beginnt mit simplen Zeichenübungen: Linien, Dreiecke, Vierecke,Sterne, Kreise, Spiralen... Außerdem gibt es Übungen zu Schattierung und Schraffur, sowie Vorschläge für einfache Muster.  


Als nächstes folgt das Kapitel "Inspiration aus der Natur", in dem es darum geht, Muster und Formen aus der Natur als Grundlage für eigene Zeichnungen zu benutzen. Blumen, Bäume, Tiere, Muscheln oder Wellen sind da nur einige der möglichen Inspirationsquellen!


Das Kapitel fängt mit einfachen Blumenformen an, die sich sehr leicht nachzeichnen lassen, dann wird es komplexer: in mehreren Übungen zeigt der Autor, wie man eine detaillierte Zeichnung Schritt für Schritt stilisiert, bis man eine deutlich vereinfachte, aber aussagekräftige Version dieser Zeichnung erhält. Der ungeübte Künstler ist im ersten Moment vielleicht entmutigt, wenn er die realistischen Zeichnungen von Barrington Barber mit den eigenen vergleicht, aber wie der Autor betont: "Es geht vor allem darum, dass Sie sich mit der Blume und ihrer Form vertraut machen, nicht um eine perfekte Wiedergabe." 


Das Kapitel "Mandalas: Blick auf den Kosmos" erfordert Konzentration und Geduld, ist aber hochinteressant – und ich war am Schluss sehr stolz auf meine ersten Versuche, ein eigenes Mandala zu zeichnen! Es gibt Anleitungen für verschiedene Arten von Mandalas, von eher einfachen bis sehr komplexen, detaillierten, die sich gut abwandeln lassen, um eigene Mandalas zu erstellen. 


Ging es im Letzten Kapitel um die Natur als Quelle der Inspiration, sind es in "Künstlerische Inspiration" Gemälde, ikonische Bilder, alte Handschriften oder schöne Bauwerke, die es zu zeichnen gilt. Dieses Kapitel ist sicher das anspruchsvollste im Buch, aber auch hier sollte man sich in Erinnerung rufen, dass die eigene Zeichnung nicht unbedingt so fehlerlos und detailliert sein muss wie die von Barrington Barber!


Abschließend möchte ich sagen, dass das Buch großartig ist, wenn man den Schritt vom reinen Ausmalen zum selber Zeichnen machen möchte. Die Übungen sind nicht immer einfach, und man muss sicher auch Zeit und Mühe investieren, aber es lohnt sich. Ich habe auf jeden Fall viel gelernt! 

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56 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 19 Rezensionen

thriller, dolomiten, krimi, südtirol, debüt

Der Tod so kalt

Luca D'Andrea , Verena Koskull
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei DVA, 06.03.2017
ISBN 9783421047595
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Bestechend an diesem Buch ist sein ungewöhnliches Setting:
1) Ein dreißig Jahre alter Mordfall, der nie aufgeklärt wurde: das "Bletterbach-Massaker" in der Nähe des idyllischen Südtiroler Bergdörfchens Siebenhoch.
2) Das Psychogramm einer abgeschiedenen Ortschaft, in der laut verkündet wird, man halte zusammen, während hinter den Kulissen vieles totgeschwiegen wird... 


3) Die eindringliche Schilderung einer Natur, die bei aller Schönheit doch eine tödliche Bestie sein kann.


Für mich ist dieses Buch kein Thriller, vielleicht noch nicht einmal wirklich ein Krimi. Am ehesten würde ich es als Gegenwartsliteratur mit Spannungselementen bezeichnen. Die Spannung ist eine psychologische, eher langsame, die sich vor allem aus dem interessanten Beziehungsgeflecht entwickelt – und dem Abstieg der Hauptfigur in posttraumatische Belastungsstörung, Obsession und vielleicht sogar Wahnsinn. Dementsprechend ist auch nicht alles rational oder 100%ig logisch, die Geschichte folgt manchmal der fieberhaften (Un)logik eines Albtraums und hat etwas Unabwendbares
Salinger spürt, dass das Bletterbach-Massaker ihn bei lebendigem Leib auffrisst, versucht mehrfach, auszusteigen aus seinen Ermittlungen... Doch dann geschieht immer wieder etwas, das ihn zurückzieht. Die Sogwirkung übertrug sich auch auf mich als Leserin. 


Das Ende ist fulminant und brachte mich an die Grenzen dessen, was ich noch als glaubhaft empfinden konnte. Es passiert etwas, wo ich erst dachte: 'Ok, das war's, das ruiniert jetzt das ganze Buch!' – aber dann war doch alles ganz anders und machte auf verquere Art und Weise Sinn. Auf jeden Fall bot es noch einmal eine wirklich unerwartete Wendung! 


Jeremiah Salinger wirkte auf mich zunächst wie ein rundum netter Kerl, ein liebevoller Vater, der mit beiden Beinen fest im Leben steht – aber ein fataler Unfall während der Dreharbeiten zu seiner neuen Doku-Serie über die Männer der Bergrettung verändert alles: traumatisiert sucht er nach einem Ventil für seine nervöse Energie und entscheidet sich dafür, das Bletterbach-Massaker aufzuklären.
Nur so, sagt er sich, nur aus Neugierde.


Das Massaker entpuppt sich als schleichendes Gift, er vernachlässigt zunehmend Frau und Kind, er verändert sich, zeigt schließlich geradezu skrupelloses Verhalten... Er trifft sagenhaft schlechte Entscheidungen.


Auch bei den anderen Charakteren merkt man mehr und mehr, dass seit dem Massaker vor dreißig Jahren hinter der netten Fassade vieles schwelt: Trauer, Wut, Besessenheit, Sucht, selbstzerstörerisches Verhalten... Sie wissen es verständlicherweise nicht zu schätzen, dass ein hergelaufener Ami herumschnüffelt. 


Salinger erzählt die Geschichte aus seiner Perspektive. Erst ganz locker:  mal flapsig, mal sachlich und nüchtern, mal mit überwältigenden Beschreibungen der Natur. Der Schreibstil verändert sich mit seinem Gemütszustand: manchmal wirr, getrieben und voller albtraumhafter Gedanken: die Natur als Bestie, die ihn verfolgt und bedroht... An den ungewöhnlichen Tonfall muss man sich meines Erachtens erst gewöhnen!


Manchmal übertreibt es der Autor einfach: dann gleitet das Ganze ins Pathos ab und man kann die Filmmusik geradezu hören. Aber trotz dieser kleinen Ausrutscher konnte der Stil mich im Großen und Ganzen überzeugen. 


Fazit:
In Siebenbach, einem idyllischen Bergdörfchen in Südtirol, wird seit dreißig Jahren ein bestialischer dreifacher Mord totgeschwiegen. Offiziell weiß keiner etwas, inoffiziell wollen es viele auch gar nicht, während einige davon aufgefressen werden und sich aus ihrer eigenen persönlichen Hölle aus Wut, Entsetzen und Schuldgefühlen nicht mehr befreien können. Jeremiah Salinger kommt als Fremder ins Dorf und rührt in alten Wunden, um sich von seinem eigenen Trauma nach einem fatalen Unfall mit unschuldigen Opfern abzulenken. 


Die Spannung baut sich langsam auf, der Reiz des Buches lag für mich vor allem in der bestechenden Schilderung der ungesunden Dynamik in diesem kleinen Dörfchen: man beteuert, wie einträchtig und hilfsbereit man doch zusammenlebt, während man zulässt, dass Menschen vor die Hunde gehen... 


Auch die psychologische Entwicklung der Hauptfigur fand ich sehr interessant und das Porträt einer fast schon diabolischen, wunderschönen Natur bestechend. 

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

staatsanwältin, krimi, kiez, hamburg-krimi, krimi-reihe

Revolverherz: Ein Hamburg-Krimi (Knaur TB)

Simone Buchholz
E-Buch Text: 304 Seiten
Erschienen bei Droemer eBook, 22.04.2010
ISBN 9783426559154
Genre: Sonstiges

Rezension:


"Revolverherz" bietet Lokalkolorit fernab jeder Postkartenromantik – das Buch spielt in Hamburg, St. Pauli, und das Kiez ist nun mal nicht Rosenheim. Die Autorin porträtiert beinahe liebevoll eine Szene, die irgendwo zwischen Tourismus und Verbrechen, Party und Prostitution angesiedelt ist, eine moralische Grauzone, in der die Ermittler mit den zwielichtigeren Bewohnern per Du sind. 


So auch Staatsanwältin Chastity Riley (kurz "Chas"), die in meinen Augen eine der ungewöhnlichsten deutschen Krimi-Heldinnen abgibt: eine interessante Mischung aus abgebrüht und verletzlich, distanziert und mitfühlend. Sie verspürt eine innige Liebe zum Kiez und seiner Parallelwelt, ihr Herz schlägt für die Außenseiter. Sie teilt sich Kippen mit Prostituierten und das Bett mit "Klatsche", einem 15 Jahre jüngeren Ex-Einbrecher, der umgesattelt hat auf Schlüsseldienst. Sie trinkt zu viel und hält sich nicht immer an die Regeln, hat aber das "Profiler-Gen": sie kann sich einfühlen in die Psyche eines Täters, bis sie ihn versteht, vielleicht sogar Verständnis und Zuneigung für ihn empfindet. Psychisch hat sie mehr als einen Knacks weg, aber sie ist einfach menschlich und glaubhaft und war mir von Anfang an sehr sympathisch. 


Die anderen Charaktere sind ebenfalls so interessant wie zwiespältig, denn die meisten bewegen sich irgendwo in den Schatten zwischen Gut und Böse. Auch Gauner zeigen manchmal Herz und eine überraschende Menschlichkeit – was sie aber nicht davon abhält, nebenher ihren Gegnern ein paar Schläger auf den Hals zu hetzen.


Leider muss ich sagen, dass die eigentliche Krimihandlung sehr zu wünschen übrig lässt, was in späteren Bänden der Reihe deutlich besser konstruiert wird. Der Fall ist nicht sehr komplex, der Täter ist schnell zu erraten... Auch die falsche Fährte kann daran nicht viel ändern.


Ich fand das Buch dennoch unterhaltsam und auf seine Art auch spannend. Es lebt vor allem von den Charakteren, ihren Schrullen und ihren dubiosen Beziehungen, und vom Ambiente – gnadenlos echt, dreckig und widersprüchlich wie das Leben in St. Pauli an sich.


Zitat:
"Da liegt was im Sand. Ungefähr dreißig Meter von mir entfernt liegt was im Sand. Mir wird auf der Stelle so schwindelig, dass ich mich kaum auf den Beinen halten kann, ich torkele mehr vor mich hin, als dass ich laufe, mein Herz kracht gegen meine Brust, ich will rennen, aber der feuchte Sand hält mich fest, ich reiße an meinen Füßen, renne, reiße, renne, reiße, bis ich da bin, wo die Frauenleiche liegt, bis ich vor ihr knie."


Der Schreibstil ist so eigenwillig wie Chas selber: manchmal knapp und nüchtern, oft melancholisch, gelegentlich fast poetisch, mit interessanten Metaphern und Formulierungen. Sprachlich fand ich das Buch immer sehr interessant und ungewöhnlich! 


Zitat:
"Irgendwo hinter den Wolken ziehen die Sterne ihr Ding durch, und ich weiß: Das hier ist mein Ort in der Welt. Dieses schmutzige kleine Stadtviertel mit seinem kaputten Kopfsteinpflaster, seinen dunklen Häusern, seinen funzelnden Lichterketten, seinem Charme, seinem Kummer, seinen nicht wichtigen, aber liebenswerten Geschichten, seinem ewigen Nieselregen, und direkt neben mir ist einer von den Menschen, die ich immer bei mir haben will."


Ohne Romantik kommt das Buch auch nicht aus, diese passt aber genauso wenig in ein Klischee wie der ganze Rest. Chas ist vielleicht nicht fähig zu einer 'normalen' Beziehung, aber ihre vorsichtige Nicht-Beziehung zum Herumtreiber Klatsche ist auf ihre ganz eigene Art berührend.


Der trockene, oft böse Humor sprach mich sehr an, gerade weil Humor und Leid hier oft ganz nahe beieinander liegen... Wie das ganze Buch ohnehin immer wieder Gegensätzliches vereint. 


Fazit:
Ein Serienmörder auf'm Kiez – Auftakt für eine Krimi-Reihe mit einer ungewöhnlichen Heldin und einer Vielzahl an bunten Nebencharakteren. Leider fand ich den Mörder recht offensichtlich und die Krimihandlung eher einfach gestrickt, das Buch aber dennoch unterhaltsam und erfrischend anders.


Ich habe schon den fünften Band der Reihe gelesen ("Bullenpeitsche") und bei diesem fand ich den Kriminalfall schon deutlich besser konstruiert, obwohl auch da die Darstellung der Charaktere das große Highlight war. 

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188 Bibliotheken, 2 Leser, 3 Gruppen, 62 Rezensionen

krimi, kinderheim, england, mord, thriller

Silent Scream – Wie lange kannst du schweigen?

Angela Marsons , Elvira Willems
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.03.2016
ISBN 9783492060349
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Detective Kim Stone ist eine Frau, die es niemandem leicht macht: Verdächtigen nicht, ihren Kollegen nicht, ihrem Chef nicht, und sich selbst schon mal gar nicht. Sie hat kein Taktgefühl und keine Geduld, sagt schonungslos, was sie denkt, ist dabei brutal ehrlich und scheut sich nicht, Menschen vor den Kopf zu stoßen. Das ist nicht mal böse Absicht, sondern einfach komplettes Unverständnis für zwischenmenschliche Feinheiten, was wahrscheinlich daher rührt, dass Kim die ersten sechs Jahre ihres Lebens mit einer schizophrenen Mutter und danach den Rest ihrer Kindheit in wechselnden Pflegefamilien und Heimen verbracht hat.


Ermittler mit emotionalem Knacks sind dermaßen zum Standard geworden, dass es schon wieder langweilig wird. Aber hier fand ich es sehr spannend, gerade weil es auch eine Rolle für den Fall spielt – im Mittelpunkt stehen ein verlassenes Kinderheim und seine ehemaligen Bewohner, und schnell geht Kim dabei jede professionelle Distanz verloren.


Das Buch spart nicht mit Sozialkritik. Das System lässt seine Schutzbefohlenen im Stich: oft wird viel zu lange weggeschaut, und Heimkinder, die zu ihrem eigenen Schutz von ihren Familien getrennt wurden. erleben im Heim erneut Vernachlässigung, Misshandlung und sexuelle Gewalt. Die Autorin integriert diese ernsten Themen in die Krimi-Handlung, ohne dass es der Spannung Abbruch tut, und das ist in meinen Augen sehr gut und differenziert geschrieben.
Ungeachtet dessen, dass Kim ein sehr schwieriger Mensch ist, sind ihre Kollegen ihr in bedingungsloser Loyalität verbunden, selbst ihr vielgeplagter Chef. Auch, wenn sie direkte Befehle missachtet, sogar, wenn sich Verdächtige über sie beschweren, hat ihr Verhalten nur selten Konsequenzen, was gelegentlich etwas unglaubwürdig wirkte. Aber sie ist eine so starke, ungewöhnliche Protagonistin, dass ich nachvollziehen konnte, warum die Menschen um sie herum ihr vieles verzeihen.


Obwohl die anderen Charaktere neben Kim manchmal verblassen, sind einige davon für sich genommen trotzdem sehr interessant, komplex und glaubhaft. Besonders faszinierend finde ich die Zwillingsschwestern Nicola und Beth, die Kim zu ihren Erfahrungen im Heim befragt, denn zwischen den beiden herrscht eine bemerkenswerte Dynamik: gegenseitiger Hass und dennoch Liebe, in gewissem Maße sogar Abhängigkeit. Wie Kim und ihr Zwillingsbruder Mikey, sind auch Nicola und Beth schon früh unter die Räder des Systems geraten.


Positiv aufgefallen ist mir übrigens die Diversität der Charaktere! In den meisten Büchern sind die handelnden Personen allesamt weiß und heterosexuell, aber hier herrscht ganz selbstverständlich eine größere Vielfalt. 


Der Leser bekommt schon im Prolog einen kleinen Einblick in die Vergangenheit und ist der Polizei damit direkt einen Schritt voraus. Fünf Menschen haben damals eine schwere Schuld auf sich geladen, und schnell wird klar: irgendjemand weiß von dieser Schuld, denn nach kurzer Zeit ist einer der Fünf tot und der Rest schwebt in Lebensgefahr. Was also ist in diesem Kinderheim passiert?


Viel der Spannung beruht auf einer zunehmend dichter werdenden beklemmenden Atmosphäre. Die Autorin legt das Augenmerk mehr auf das Seelenleben der Charaktere als auf Action oder Gewaltorgien, und mir hat das sehr gut gefallen. Manchmal verläuft die Geschichte für meinen Geschmack vielleicht etwas zu gradlinig, aber gegen Ende gibt es dafür eine wirklich großartige unerwartete Wendung, durch die man im Rückblick viele Dinge mit ganz anderen Augen sieht! 


Einige Szenen sind aus Sicht des Mörders geschrieben, und dennoch habe ich bis zum Schluss vollkommen im Dunkeln getappt, wer dahintersteckt. Das ist alles sehr gut konstruiert, so dass es trotz Überraschung im Rückblick Sinn ergibt. 


Den Schreibstil ist einfach großartig: intelligent geschrieben, mit originellen Formulierungen, einem fantastischen Sprachrhythmus und einer Prise trockenen Humors. Gerade die Dialoge fand ich sehr gelungen: glaubhaft und in genau dem richtigen Takt und Tempo. 


Fazit:
Detective Kim Stone ist eine hervorragende Ermittlerin – zwischenmenschlich dafür aber eine ziemliche Niete. Es grenzt schon an ein Wunder, wenn sie mal eine Stunde lang niemandem auf den Schlips tritt, und meist ist ihr das auch noch total egal. Ich fand sie gerade deswegen interessant, weil sie alles andere als perfekt ist, und mir war sie trotz ihrer Art sympathisch. Das Herz hat sie auf dem rechten Fleck, auch wenn ihr Mundwerk keinen Filter hat!


Der Krimi bietet Spannung, verbindet das aber mit einer guten Dosis Sozialkritik, denn es geht unter anderem um die alles andere als löblichen Zustände in einem ehemaligen Kinderheim. Die Geschichte mit ihren verschiedenen Handlungssträngen und Wendungen ist gut durchdacht, und das Ende fand ich überraschend und doch überzeugend. Auch der Schreibstil konnte mich voll überzeugen.

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(100)

175 Bibliotheken, 6 Leser, 0 Gruppen, 87 Rezensionen

spinnen, thriller, horror, ezekiel boone, die brut

Die Brut - Sie sind da

Ezekiel Boone , Rainer Schmidt
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 24.05.2017
ISBN 9783596035533
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Das subtile und dennoch gruselige Cover verrät bereits, um welche Bedrohung es gehen wird in diesem apokalyptischen Actionthriller – richtig, die niedlichen achtbeinigen Tierchen, die viele Leute schon in der Realität zum Kreischen bringen. Wer Herzrasen bekommt, wenn er eine Spinne nur von weitem sieht, der wird sich wahrscheinlich nach wenigen Kapiteln dabei ertappen, dass er ständig alle Schlupfwinkel und dunklen Ecken seines Hauses kontrolliert. 


Der Klappentext lässt es schon erwarten: "Die Brut" liest sich wie ein typischer Katastrophenfilm à la "Arachnophobia" in Buchform. Zunächst flog ich geradezu durch die kurzen, rasanten Kapitel und die vielen Schauplätze auf der ganzen Welt, und der Schreibstil sprach mich ebenfalls sehr an; er peitscht die Handlung knapp und schnörkellos voran, und besonders die Dialoge lesen sich stimmig. 


Zu Beginn ist der Horror noch eher zurückhaltend, aber das ändert sich schnell – allerdings ließ auch meine Begeisterung bald nach.  


Das Buch liest sich so, als wäre es mit dem Drehbuch für eine Hollywood-Verfilmung im Hinterkopf geschrieben worden: relativ wenig Handlung wird durch Action und Schockmomente auf 400 Seiten gestreckt, und dabei bleibt in meinen Augen jeder Anspruch und jede intelligente Thrillerspannung auf der Strecke. Von einem Thriller – auch einem Horrorthriller des Subgenres 'Tierhorror'! – erwarte ich mir jedoch deutlich mehr Tiefgang als von einem B-Movie-Blockbuster. Und das Potential für 'mehr' wäre im Grunde gegeben, denn die Charaktere sind vielfältig und decken eine Vielzahl von Themen und Blickwinkeln ab, von Wissenschaft über Politik bis Mythologie. Es wäre zum Beispiel sehr spannend gewesen, zu verfolgen, wie verfeindete Staaten zusammenarbeiten müssen, um der Bedrohung Herr zu werden! 


Tatsächlich flachte die Spannung für mich etwa ab der Hälfte sehr stark ab, weil sich das immer gleiche Schema immer wieder wiederholt: die Handlung springt in einen anderen Teil der Welt, die Menschen dort ahnen nichts von der Bedrohung, das achtbeinige Unheil bricht über sie herein, Massenpanik und Leute, die unerklärlicherweise trotz allem noch daran denken, schnell ein Video zu drehen und hochzuladen, bevor sie gefressen werden. (Wobei ich zugeben muss, dass Letzteres wahrscheinlich realistisch ist...)


Erschwerend dazu kam für mich noch, dass ich mit den Charakteren nicht so richtig warm wurde. Das liegt wahrscheinlich vor allem daran, dass es wirklich unglaublich viele sind! Die Szenen sind kurz, das Buch springt ständig von Schauplatz zu Schauplatz, und an jedem davon gibt es mehrere und immer wieder neue Charaktere. Zwar bemüht sich der Autor, jedem davon Leben einzuhauchen, indem er dem Leser Hintergrundinformationen an die Hand gibt, aber diese wirken oft seltsam wahllos – interessiert mich zum Beispiel wirklich, nach welchem Baseball-Helden einer der Charaktere seinen Hund benannt hat, obwohl das gerade überhaupt keine Rolle spielt? Auch Charaktere, die nur auftauchen, um kurz darauf als Spinnenfutter zu dienen, werden mit ausgiebigen Einblicken in ihr Leben vorgestellt, was das Buch zusätzlich streckt und die Spannung ausbremst. 


Es gibt viele starke Frauencharaktere – sogar eine Präsidentin der Vereinigten Staaten! –, was an sich ein Pluspunkt ist, allerdings sind sie meist unglaublich attraktiv und denken viel und ausgiebig über ihr Sexleben nach, was sie dann wiederum auf Äußerlichkeiten reduziert. Ich hatte den Eindruck, dass sie gewissermaßen nur das Klischee des erfolgreichen Alphamännchens widerspiegeln: sie tätscheln Assistenten das Knie und haben Affären mit ihren gut aussehenden Untergebenen, für die sie sich menschlich gesehen nicht die Bohne reduzieren und die sie einfach wegwerfen, wenn sie sich für einen anderen Partner interessieren. 


Zu guter Letzt fehlten mir halbwegs glaubhafte Erklärungen. Natürlich muss bei einem Buch dieses Genres nicht alles bis ins Detail erklärt werden, aber ich vermisste das Gefühl, dass die Geschehnisse tatsächlich möglich sein könnten. Es wird zum Beispiel mehrmals gesagt, dass die golfballgroßen Spinnen im Bruchteil einer Sekunde durch die Haut eines Menschen schlüpfen können und dabei lediglich ein Tropfen Blut zurückbleibt. Wie soll das gehen? Der Autor verrät es nicht.  


Fazit:
In kurzen, rasanten Kapiteln springt die Geschichte durch Schauplätze auf der ganzen Welt – eine globale Arachnokalypse, die nichts für Zartbesaitete oder Spinnenphobiker ist.


Leider konnte mich das Grundprinzip "Monsterspinnen fressen Menschen" nicht bis zum Ende fesseln. Die Spannung flaute für mich rasch ab, weil sich die Geschichte in meinen Augen problemlos um 200 Seiten kürzen lassen würde, ohne dass inhaltlich viel verloren ginge, und für mich hatte sie auch nicht wesentlich mehr zu bieten als ein typischer Hollywood-Tierhorror-Streifen.


Die Geschichte springt außerdem zu oft und zu schnell von Szene zu Szene, um die vielen, vielen Charaktere wirklich kennenzulernen.

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Die Prophezeiung der Hawkweed

Irena Brignull , Sybille Schmidt , Jana Schulz
Audio CD
Erschienen bei Jumbo, 07.04.2017
ISBN 9783833737367
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Der Klappentext lockt mit dem Versprechen einer emotionalen, spannenden und wahrhaft magischen Geschichte: zwei einsame Mädchen, die allen Widernissen zum Trotz ihr Glück finden müssen, ein Fluch, ein Hexenkrieg. Was will man mehr? Zugegeben, es gab schon öfter Bücher mit vertauschten Kindern und es ist auch nichts Neues, wenn ein Mädchen in einem Jugendbuch etwas über sich selbst erfährt, dass sein ganzes Leben auf den Kopf stellt.


»Aber die Mischung macht's«, dachte ich mir.


Leider konnte mich die Umsetzung jedoch nicht vollkommen überzeugen. Ich hatte nur selten das Gefühl, etwas wirklich Einzigartiges zu lesen – was sicher auch daran lag, dass auf den ersten Seiten schon viel zu viel verraten wird (jedenfalls in meinen Augen): nämlich, wer den im Klappentext erwähnten Fluch ausgesprochen hat und warum. Deswegen weiß man als Leser direkt, wer Poppy und Ember Böses will, es gibt kein Rätselraten und keine großen Überraschungen. Auch, wer später die Hexenkönigin sein wird, ist schnell sonnenklar. 


Tatsächlich fand ich einen Großteil des Buches vorhersehbar. Natürlich sind beide Mädchen kreuzunglücklich in ihren Familien, natürlich sind sie Außenseiterinnen, weil sie das falsche Leben führen... Aber auch, nachdem sie sich treffen, dauert es eine ganze Weile, bis die Dinge wirklich ins Rollen kommen, und der versprochene Hexenkrieg lässt schier endlos auf sich warten.


Die persönliche Entwicklung von Poppy und Ember hätte spannend und bewegend sein können, aber ich wurde mit ihnen und den anderen Charakteren einfach nicht richtig warm. Die meisten kamen mir ziemlich flach vor, beschränkt auf nur wenige Eigenschaften.


Poppy ist aufbrausend, zeigt nur selten positive Gefühle, ist oft wütend und lässt sich nichts gefallen. Ember ist zuckersüß, naiv, unschuldig und zu gut für diese Welt.


Die Hexen werden sehr klischeehaft dargestellt: sie sind ungepflegt und brauen gerne giftige Zaubertränke, in ihrem Lager stinkt es, weil überall verrottende Tierkadaver herumliegen, und sie bekommen nur deswegen ausschließlich weiblichen Nachwuchs, weil männliche Babys noch im Mutterleib vergiftet werden. (Ganz schön heftig für ein Buch ab 12 Jahren!) Ich fand es im Laufe des Buches immer schwerer, die Hexen als etwas anderes als böse wahrzunehmen. 


Ganz fatal fand ich die Liebesgeschichte, aus mehreren Gründen: 


Erstens gibt es hier kein Liebesdreieck, sondern ein Liebesviereck. Nicht weniger als drei Mädchen verlieben sich bis über beide Ohren in den obdachlosen Leo.


Zweitens geht alles superschnell: Leo begegnet einem der Mädchen und weiß direkt, dass sie die Eine ist – bevor er überhaupt mit ihr gesprochen hat. Allerdings ist die Eine anscheinend erstaunlich austauschbar, wenn sie mal nicht verfügbar ist, was dem "Ersatz" gegenüber alles andere als fair ist...


Drittens fand ich eine bestimmte Szene sehr problematisch: Leo versucht, ein Mädchen zu küssen, und reagiert sauer, als sie nicht direkt begeistert mitmacht, obwohl sie ihn so gut wie gar nicht kennt. Sie fühlt sich schuldig und irgendwie verpflichtet, dafür zu sorgen, dass er sich besser fühlt, deswegen entschuldigt sie sich. Was für eine Botschaft sendet das bitte an junge Leserinnen?! Auf jeden Fall nicht: du hast das Recht, selber zu entscheiden, wen du küsst und wann.


Auf andere Weise problematisch war für mich, dass Poppys "falsche" Eltern sie anscheinend einzig aus dem Grund nicht wirklich lieben können, weil sie nicht das leibliche Kind ist – was sie instinktiv spüren und was Poppys Pflegemutter buchstäblich in den Wahnsinn treibt. Auch hier stellt sich die Frage nach der Botschaft, denn es wird bestimmt das ein oder andere Adoptivkind geben, dass das Buch liest. 


Der Schreibstil ist eher einfach, liest sich aber nett und unterhaltsam.


Ich habe das Buch als eBook gelesen und dann bei der Hausarbeit und im Auto noch das gekürzte Hörbuch gehört, das mir blogg dein buch zur Verfügung gestellt hat. Leider wurde ich mit der Stimme von Sybille Schmidt nicht so recht warm – für mein Empfinden hatte sie oft einen eher schleppenden Sprachrhythmus, mit zum Teil ziemlich langen Pausen zwischen den Sätzen. Manchmal (nicht immer) fand ich ihren Ausdruck auch ein wenig monoton. Aber ich denke, es ist vor allem einfach Geschmacksache, denn sie ist eigentlich eine sehr beliebte Sprecherin! Manchmal liegt einem eine Stimme bei einem Hörbuch einfach nicht.


Fazit:
Leider war das Buch für mich eine große Enttäuschung. Ich fand es über weite Strecken sehr vorhersehbar, die Charaktere (besonders die Hexen!) werden in meinen Augen oft klischeehaft und einseitig dargestellt, und ich fand manches für ein Buch ab 12 Jahren leicht problematisch. Die Geschichte an sich hat viel Potential, aber die Umsetzung konnte mich nicht überzeugen. 

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düsseldorf, afrodeutsche, schwarze kommissarin, krimi, rivalitäten

Das Ende aller Geheimnisse

Stefan Keller
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 20.01.2017
ISBN 9783499272493
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


In einer idealen Welt wäre Rassismus kein Thema mehr. Ein Krimi mit einer farbigen Kommissarin wäre dann etwas so Alltägliches, dass man gar nicht weiter darüber nachdenken würde – außer vielleicht, um sich über die ethnische und kulturelle Vielfalt zu freuen. Leider leben wir aber nicht in einer idealen Welt, und gerade darum war Heidi Kamemba für mich eine willkommene Überraschung.


Wer jetzt aber befürchtet, sie wäre womöglich wenig mehr als ein billiger Marketingtrick des Autors oder sogar nur eine literarische 'Vorzeige-Schwarze', damit der Leser sich selber für seine Toleranz auf die Schulter klopfen kann, den möchte ich beruhigen:


Heidi Kamemba ist ein interessanter, glaubhafter Charakter mit Stärken und Schwächen. Auch wenn sie in den Gedanken ihrer Kollegen oft nur 'die Schwarze' ist, reduziert Stefan Keller sie mitnichten auf ihre Hautfarbe. Sie ist eine talentierte junge Kommissarin, die manchmal im Übereifer übers Ziel hinausschießt, dafür aber auch hochintelligent und einfallsreich agiert. Über manche ihrer Entscheidungen habe ich zwar den Kopf geschüttelt, und beinahe hätte sie ihre erste Woche als Kommissarin nicht überlebt – aber ich konnte auch immer nachvollziehen, warum sie manchmal glaubt, nicht anders handeln zu können.


Der eigentliche Kriminalfall ist solide und logisch konstruiert, mit spannenden Wendungen, falschen Fährten und unerwarteten Enthüllungen. Heidi muss sich nicht nur direkt in ihrer ersten Woche mit einer verkohlten Leiche beschäftigen, sondern auch mit dem nagenden Gefühl, dass ihr neues Team vielleicht nicht unschuldig war am Tod ihres Vorgängers... Mit der Auflösung hatte ich so nicht gerechnet, sie ist aber in sich schlüssig und verbindet die vielen verschiedenen Hinweise sinnvoll – und das wünscht man sich doch bei einem Krimi! (Es wäre ja langweilig, wenn man auf Seite 50 schon wüsste, wer der Täter ist, aber man will im Rückblick auch nicht das Gefühl haben, der Autor habe das Ende aus dem Hut gezaubert.) Ich fand die Geschichte originell und kein bisschen vorhersehbar.


Natürlich ist Rassismus zwangsläufig ein Thema, und das wirkte auf mich gut recherchiert und mit viel Feingefühl in die Handlung verwoben, ohne dem Leser plump mit dem Holzhammer um die Ohren geschlagen zu werden. Es ist ein beiläufiger Rassismus, der selten direkt ausgesprochen wird, aber unterschwellig immer und überall zu Heidis Alltag gehört wie ein schleichendes Gift. Ein Teil von ihr ist sich dessen stets bewusst: sie betrachtet ihre Umgebung mit ständiger Wachsamkeit, reguliert ihre eigene Körperhaltung und Mimik, analysiert das Verhalten anderer Menschen ihr gegenüber, um die Bedrohlichkeit einer Situation abzuschätzen... Aber sie ist eine Kämpferin und lässt sich davon nicht unterkriegen.


Die anderen Charaktere wirken auf den allerersten Blick eher einfach gestrickt, aber das täuscht! Im Laufe des Buches zeigen sie alle nach und nach mehr Tiefgang. 


Oft sieht man einen Charakter erstmal nur 'von außen', aus Heidis Sicht, und dann wirkt er vielleicht sympathisch und hilfsbereit – aber dann bekommt man Einblick in seine Gedanken, und die zeichnen ein ganz anderes Bild. Keiner ist nur gut oder nur böse, aber mehr als einer hat geheime Laster und Probleme, die im Laufe der Geschichte eine Rolle spielen. Ich könnte mir vorstellen, dass vieles davon in den Folgebänden noch eine größere Rolle spielen wird!


Der Schreibstil ist klar und eher schlicht (im positiven Sinne), dabei aber sehr flüssig, mit einem angenehmen Sprachrhythmus und einer prägnanten "Stimme". Ganz ohne Schnörkel und blumige Formulierungen, ist er dennoch bildlich genug, um Atmosphäre aufzubauen und es dem Leser zu ermöglichen, sich alles wunderbar vorzustellen.


Fazit:
"Das Ende aller Geheimnisse" ist keineswegs das Ende, sondern der vielversprechende Anfang einer neuen Krimireihe rund um Kommissarin Heidi Kamemba. Die Handlung ist spannend und clever konstruiert, die Charaktere entpuppen sich im Laufe des Buches als vielschichtig und glaubhaft, und auch der Schreibstil liest sich unterhaltsam, mit prägnanter 'Stimme'.


Da Heidi die erste schwarze Kommissarin Deutschlands ist, kommen natürlich auch die Themen Rassismus und Toleranz zur Sprache und werden sehr differenziert und authentisch behandelt.

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afghanistan, freundschaft, krieg, taliban, kabul

Drachenläufer

Khaled Hosseini , Michael Windgassen
Flexibler Einband: 386 Seiten
Erschienen bei Berliner Taschenbuch Verlag BVT, 07.01.2012
ISBN 9783833308116
Genre: Romane

Rezension:


Handlung: 


Wenn mich jemand fragen würde: »Worum geht es in diesem Buch?«, dann würde ich sagen: Es ist eine wunderbare Geschichte von der bedingungslosen Freundschaft und Loyalität zwischen Amir und Hassan, zwei kleinen Jungen, die 1975 in Afghanistan leben. Amir ist ein Paschtun aus reichem Hause, Hassan ist Sohn eines Dieners und gehört den Hazara an, einer diskriminierten Minderheit. 


Es ist aber auch eine Geschichte von großer Tragik, denn Amir verrät diese Freundschaft und verleugnet dann noch seine eigene Schuld, die ihn aber gerade deswegen die nächsten Jahrzehnte verfolgen und bis ins Mark erschüttern wird. 


Nicht zuletzt ist "Drachenläufer" ein Drama vom Krieg, der sich wie ein Krebsgeschwür ins Land frisst und Lebensfreude und  Menschlichkeit seiner Bewohner vergiftet. 


Meine Meinung:


ACHTUNG: Triggerwarnung! Das Buch thematisiert unter anderem körperliche und sexuelle Gewalt, auch gegenüber Kindern. 


Beim Lesen habe ich mich oft gefragt: Was weißt du eigentlich über Afghanistan, das über die endlosen Schlagzeilen von Krieg, Krieg und wieder Krieg hinausgeht? Was weißt du über die Menschen, die Kultur, das Lebensgefühl? Bestürzt wurde mir klar, dass mir tatsächlich als erstes Wörter wie "Luftangriff", "Terrormiliz" und "Taliban" durch den Kopf gehen. 


Zwar spielt auch in "Drachenläufer" der Krieg immer wieder eine zentrale Rolle, aber hier sieht man den Krieg nicht als Schlagzeile, sondern als menschliches Schicksal. Man kann nicht einfach geflissentlich-traurig den Kopf schütteln und das Ende der Nachrichten abwarten oder die nächste Seite der Zeitung aufschlagen. Hosseini lädt den Leser ein, mitzufühlen, auch wenn es manchmal wehtut. Obwohl alle Charaktere frei erfunden sind, bleibt einem doch immer im Hinterkopf, dass es Menschen wie sie in der Realität zu Hunderten und Tausenden gibt. 


Dass das Buch einem auch Einblicke gewährt in die Pracht und den Zauber eines Afghanistans, wie es einst war und vielleicht nie wieder sein kann, macht den Niedergang des Landes umso bitterer und verstörender. Es gibt viel Schmerz und keine einfachen Lösungen. Ich habe mehr als einmal Tränen vergossen, und dennoch bereue ich nicht, "Drachenläufer" gelesen zu haben. 


Es liest sich mal beinahe wie ein orientalisches Märchen, dann bietet es wieder eine erbarmungslos realistische Sicht auf das wahre Leben von Menschen, die im Krieg leben oder vom Krieg entwurzelt wurden. Originell fand ich die Geschichte so oder so, und sie entfaltete auf mich eine ungeheure Sogwirkung, Ich musste einfach wissen, ob es Amir gelingen wird, seine Schuld wiedergutzumachen, und so klappte ich das Buch dann auch erst in den frühen Morgenstunden zu... 


Die Charaktere fand ich großartig, aber auch die "Guten" machen es einem nicht immer einfach. Viele davon laden Schuld auf sich, dafür zeigen aber auch einige eine Selbstlosigkeit und einen Mut, der vielleicht nur in Zeiten größter Not erwacht. Die "Bösen" dagegen zeigen eindringlich, dass der Krieg auch das Schlechteste aus einem Menschen hervorholen kann. 


Amir erscheint zunächst sehr selbstsüchtig. Er wird zwar von Schuld über seinen Verrat zerfressen, kann aber damit nicht umgehen, lässt ausgerechnet Hassan dafür büßen - und begeht damit einen vielleicht noch größeren Verrat. Am Anfang empfand ich daher sogar ein wenig Widerwillen dagegen, eine Geschichte zu lesen, die sich hauptsächlich um Amir dreht! Aber man muss ihm zugestehen, dass er als Kind in eine Situation geriet, mit der er grundlegend überfordert war, und er macht im Laufe des Buches auch noch eine große Entwicklung durch. 


Der Schreibstil verzichtet auf Pathos und erzählt zwar detailliert und lebendig, dabei aber auch einfach und direkt. Hosseini lässt dem Leser viel Freiraum für eigene Gedanken und Kopfkino!


Fazit:
"Drachenläufer" hat mich zum Lachen und zum Weinen gebracht, und ganz nebenher hat habe ich auch viel über das Leben der Menschen in Afghanistan gelernt. Gerade jetzt, wo Flüchtlingen so viel Unverständnis oder sogar Hass entgegenschlägt, ist dieses Buch aus dem Jahr 2004 wieder aktuell, denn mehrere der Charaktere werden vom Krieg aus ihrer Heimat vertrieben - und die, die bleiben, sind bei weitem nicht alle einverstanden mit den Methoden der Taliban.

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236 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 34 Rezensionen

patrick ness, tod, jugendbuch, homosexualität, leben

Mehr als das

Patrick Ness , Bettina Abarbanell
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei cbt, 24.03.2014
ISBN 9783570162736
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Am Anfang steht das, was normalerweise das Ende wäre: der schonungslos geschilderte Tod des Protagonisten. Seth ertrinkt, doch bevor ihn Atemnot und Kälte töten können, zerschmettert das Meer seinen Körper an einem Felsen. Er stirbt. Er wacht wieder auf. An einem Ort, den er kennt und doch nicht kennt, vertraut und fremdartig zugleich. Denn er ist alleine. Ganz alleine. Keine Menschen, keine Tiere.


Es fiel mir zunächst sehr schwer, das Buch einzuschätzen: Was lese ich hier überhaupt? Fantasy, Dystopie, Science Fiction, Drama? Die Antwort überrascht. Sie überschreitet Genregrenzen, auf Pfaden abseits jeder Vorhersehbarkeit, und wirft dabei eine Vielzahl von philosophischen Fragen auf. Worin liegt der Wert des Lebens, wie gehen wir mit unserer eigenen Vergänglichkeit um? Wo endet Verantwortung und beginnt Schuld? Und immer wieder: war das schon alles – oder gibt es doch noch mehr als das? 


Nach meiner anfänglichen Verwirrung war ich schnell fasziniert und vollkommen gefangen genommen von dieser originellen, außergewöhnlichen Geschichte. Ich teilte Seths Verwirrung und Ratlosigkeit in diesem albtraumhaften Szenarium und wollte unbedingt wissen, wie sich das alles auflösen würde. Die Art der Spannung wandelt sich im Laufe des Buches, denn es gibt bestürzende, grandiose, unerwartete Wendungen, die immer wieder alles verändern, der Spannungsbogen bleibt jedoch immer hoch. 


Seth ist intelligent, hat wenig Selbstwertgefühl und trägt viel mit sich herum: Vor neun Jahren ist seinem kleinen Bruder Owen etwas Schreckliches geschehen, was ihn für immer verändert hat und wofür die Eltern Seth die Schuld geben. Er ist schwul, sein Comingout war allerdings so unfreiwillig wie katastrophal. Er ist ängstlich, andererseits irgendwie auch mutig, wenn es darauf ankommt. Vor allem ist er glaubhaft und echt. 


Regine ist oft ruppig – aber auch mutig und entschlossen, für die Menschen, die ihr wichtig sind, bis zum Letzten zu kämpfen. So wie Seth nicht auf seine Homosexualität reduziert wird, wird Regine nicht auf ihre Hautfarbe reduziert: Seth ist schwul, Regine ist schwarz und beide sind auch noch viel mehr als das.


Ihnen schließt sich der kleine altkluge Tomasz an, der die wildesten Geschichten erzählt, aber so fix um die Ecke denken kann, dass er die anderen mehr als einmal rettet. Er ist zutiefst emotional und dabei so loyal und liebenswert, dass es manchmal wehtut. 


Bevor Seth ertrank, hatte er einen Jungen, der für ihn das "mehr" in seinem Leben war. Ich möchte hier noch nicht verraten, wer es ist, aber ich fand die Liebesgeschichte unglaublich bewegend, gerade weil sie nicht unproblematisch ist.
Der Schreibstil ist in meinen Augen phänomenal. Patrick Ness hat eine sehr prägnante literarische Stimme – mal beinahe poetisch, mal eher schlicht, aber immer ungewöhnlich und schwer zu beschreiben. Er folgt den Gedanken von Seth oft sehr direkt: Pausen, abbrechende Sätze, und was er selber zu verdrängen versucht, in Klammern gesetzt. 


Zitat:
"Er läuft, so schnell ihn seine müden Füße tragen, taumelt den Flur entlang, wirbelt Staubwolken auf und strebt dem Sonnenschein zu wie–
(wie ein Ertrinkender der Luft–)"
Undeutlich hört er sich schreien vor Angst, noch immer wortlos, noch immer unartikuliert.
Aber er weiß es. 
Er weiß es, er weiß es, er weiß es." 


Das Buch endet an einem Punkt, bei dem sich viele Leser fragen werden: war es das jetzt, oder kommt da doch noch mehr als das? (Das konnte ich mir jetzt nicht verkneifen.) Ich habe mir sagen lassen, es sei typisch für die Bücher von Patrick Ness, dass die Enden mehr Denkanstoß sind als der Wahrheit letzter Schluss. Nachdem ich es jetzt etwas habe sacken lassen, bin ich mit dem Ende dann doch zufrieden: es lässt vielleicht vieles offen, aber jeder der drei Hauptcharaktere hat ein enormes inneres Wachstum durchlebt und mit einem wichtigen persönlichen Thema abgeschlossen. 


Allerdings hätte ich mir schon gewünscht, dass manche Dinge irgendwo zwischen Anfang und Ende erklärt worden wären, denn sie erschienen mir nicht vollkommen glaubhaft und schlüssig. Es gibt für meinen Geschmack auch zu viele Rettungen in allerletzter Sekunde! 


Fazit:
Ein Junge stirbt. Aber irgendwie auch nicht. Oder vielleicht doch? Er findet sich wieder in etwas, das er mal für das Fegefeuer hält, mal für eine zweite Chance und dann wieder für eine Geschichte, die sich irgendjemand ausgedacht hat. Was ihn antreibt, ist die vage Hoffnung, dass es vielleicht noch mehr gibt als das. 


Das Buch war komplett anders, als ich es erwartet hätte, und ich tappte einen Großteil der Geschichte vollkommen im Dunkeln, wie sich irgendetwas davon aufklären lassen würde. Lange war mir nicht mal klar, ob ich jetzt gerade Fantasy oder eine Dystopie oder etwas ganz anderes lese! Aber das war in Ordnung, denn ich fand es einzigartig und bewegend und unvorstellbar gut geschrieben. Das Ende versinnbildlicht perfekt den Titel und wird die Gemüter spalten: es ist nichts für Leser, die ohne ein eindeutiges, klares, endgültiges Ende nicht glücklich sind. 

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78 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 36 Rezensionen

jack cheng, hallo leben hörst du mich, jugendbuch, leben, verlag cbt

Hallo Leben, hörst du mich?

Jack Cheng , Bernadette Ott
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei cbt, 06.03.2017
ISBN 9783570164563
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Es geht um einen kleinen Jungen mit einem großen Hobby: Alex will den Außerirdischen die Erde und das menschliche Leben erklären – genauso wie sein Held und Vorbild, der Wissenschaftler Carl Sagan. Der schickte nämlich 1977 zwei goldene "Schallplatten" mit Botschaften und Informationen über die Erde ins All, mit den Raumsonden 'Voyager 1' und 'Voyager 2.' 


Also lackiert Alex seinen iPod einfach golden und fängt an, alles darauf zu sprechen, was die Außerirdischen seiner Meinung nach wissen sollten; den iPod will er dann bei einem Raketenfestival mit seiner selbstgebauten Rakete 'Voyager 3' ins All schicken. Als Leser merkt man jedoch schnell, dass im Leben des Jungen noch viel mehr passiert als nur dieses Projekt und der nahende Raketenstart, denn er erzählt seinen außerirdischen Freunden durchaus auch persönliche Dinge.


Der Titel "Hallo Leben, hörst du mich?" ist gut gewählt. denn das Buch deckt tatsächlich die volle Bandbreite des Lebens ab: das Lustige und Schöne genauso wie das Schlimme oder Traurige. Es wird alles sehr unverfälscht beschrieben und der Leser ist immer ganz nah und unmittelbar dran an Alex' Gedanken, da die Geschichte ausschließlich durch seine Aufnahmen erzählt wird. Das ist manchmal etwas holprig – er ist schließlich nur ein kleiner Junge, der erzählt, was ihm gerade so in den Sinn kommt, und dabei erwachsener klingen möchte, als er ist –, aber mir hat das gut gefallen, weil es alles umso glaubhafter macht. 


Es geht nicht nur um den Raketenstart, sondern um eine Vielzahl von Themen, wie zum Beispiel die psychische Erkrankung von Alex' Mutter. Diese führt dazu, dass er mit seinen 11 Jahren in die Rolle des Erwachsenen gedrängt wird und sich um Dinge wie Putzen, Einkaufen und Kochen kümmern muss. Außerdem geht es um Freundschaft, Mut, Abenteuer, Außerirdische und ganz, ganz oft um den Wissenschaftler Carl Sagan... Alex' Reise ist wirklich eine außergewöhnliche, in deren Verlauf er Dinge findet, von denen er gar nicht wusste, dass er sie sucht. 


Er geht eigentlich mit großer Ernsthaftigkeit an sein Projekt heran, das führt dann aber oft zu den lustigsten Situationen – die er dann wiederum sehr ernsthaft beschreibt und gar nicht versteht, warum andere Menschen um ihn herum so seltsam darauf reagieren?!  Den Humor fand ich großartig, denn auch, wenn er oft daraus entsteht, dass Alex etwas unfreiwillig Komisches sagt oder tut, ist er dennoch nicht herabwertend.


Die Charaktere werden wunderbar beschrieben, lebendig und authentisch. Auch wenn der Leser sie nur indirekt durch Alex' Aufnahmen kennenlernt, bekommt man ein sehr gutes Gefühl für ihre verschiedenen Persönlichkeiten, und das ist ein echtes Kunststück des Autors. Besonders erstaunlich ist das bei Zed: Veganer mit Schweigegelübde, Hippie und grundguter Mensch. Wie der Autor seine Persönlichkeit rüber bringt, obwohl Alex' Aufnahmen normal nur sein Schweigen aufzeichnen, ist grandios! 


Alex selber ist altklug, intelligent und verantwortungsbewusst über sein Alter hinaus und dabei doch noch Kind genug, um bei einer Enttäuschung in Tränen auszubrechen. Es ist unglaublich rührend, wie sehr er seinen Hund liebt, den er nach seinem großen Vorbild natürlich 'Carl Sagan' genannt hat, und überhaupt ist er einfach ein sehr lieber kleiner Kerl, dem man nur das Beste wünscht. 


Es ist nicht nur eine rührende, sondern auch eine sehr spannende Geschichte. Am Anfang fragt man sich: wird Alex' Rakete wirklich fliegen? Wie geht es mit ihm und seiner Mutter weiter? Aber dann passieren so wahnsinnig viele Dinge, und aus der Reise zum Raketenfestival wird eine große persönlich Suche, die mich nicht mehr losgelassen hat.


Fazit:
Ein kleiner Junge reist ganz alleine zu einem Raketenfestival, um dort mit einer selbstgebauten Rakete seinen goldenen iPod ins All zu schicken, auf dem er Botschaften für die Außerirdischen aufgenommen hat. Aber natürlich ist das alles nicht so einfach, und auf dem Weg findet Alex oft nicht das, was er gesucht hat, dafür aber Freundschaft, Abenteuer, tausend neue Erfahrungen und sogar eine ganz wichtige Person, von der er gar nicht wusste, dass es sie gibt. 


Der Schreibstil ist sehr ungewöhnlich, passt aber in meinen Augen perfekt zur Geschichte: das Buch ist sozusagen eine Mitschrift von Alex' Aufnahmen. Obwohl der Leser die Geschehnisse dadurch immer nur aus seinem Blickwinkel sieht, wirken auch die anderen Charaktere sehr vielschichtig und glaubhaft, und Alex' Erlebnisse sind ungeheuer spannend, dabei aber auch bewegend und zum Nachdenken anregend. 

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transgender, kinderbuch, alex gino, transidentität, mut

George

Alex Gino , Alexandra Ernst
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei FISCHER KJB, 25.08.2016
ISBN 9783737340328
Genre: Kinderbuch

Rezension:


Das Buch hat einige Auszeichnungen für Kinder- und Jugendliteratur gewonnen, wie zum Beispiel den 'Stonewall Book Award for Children' oder die Goldmedaille des  'California Book Awards'. Als Alex Gino 2003 mit der ersten Version des Buches begann, gab es nur wenige Kinderbücher, in denen glaubwürdige schwule oder lesbische Charaktere eine Rolle spielten, und Kinderbücher mit transsexuellen Charakteren schien es gar nicht zu geben. 


Das Thema ist eine Herzensangelegenheit für Alex Gino, dier sich selbst als 'genderqueer' identifiziert, was bedeutet, dass xier sich weder als Mann noch als Frau betrachtet. ('dier' und 'xier' werden übrigens oft anstelle von 'der/die' oder 'er/sie' verwendet.) Gino hat also eigene Erfahrungen mit den Vorurteilen und Schwierigkeiten, mit denen Menschen kämpfen müssen, die von den Vorstellungen der Gesellschaft über Sexualität abweichen. 


Und das merkt man auch, denn die kleine George ist von Anfang an herzzerreißend glaubhaft. Sie ist erst 10 Jahre alt, aber sie hat immer schon gewusst, dass sie ein Mädchen ist und kein Junge! Man spürt auf jeder Seite, wie George unter dem leidet, was für alle anderen selbstverständlich ist: sie verzweifelt daran, die Jungentoilette benutzen zu müssen, sie hat Angst davor, älter und 'männlicher' zu werden, und sie könnte weinen, wenn ihre Mutter ihr sagt, George würde immer ihr kleiner Junge sein... Und sie ist manchmal so unglaublich einsam damit, trotz ihrer besten Freundin Kelly - denn die weiß auch nicht, dass ihr bester Freund in Wirklichkeit eine beste Freundin ist 


Kein einziges Mal habe ich beim Lesen von George als Jungen gedacht: George ist ein Mädchen, das ist doch sonnenklar! Und nicht nur irgendein Mädchen, sondern ein intelligentes, warmherziges, witziges und mutiges, und damit genau die Identifikationsfigur, die transsexuelle Kinder und Jugendliche so dringend brauchen. Aber es ist auch für cisssexuelle1 Leser jeden Alters ein wichtiges Buch, das zum Nachdenken, zum Mitfühlen und zur Toleranz einlädt.


Auch die anderen Charaktere sind großartig und wunderbar geschrieben, vor allem Georges treue Freundin Kelly, die ihr immer bedingungslos beisteht. Ich wünschte, jedes transsexuelle Kind (oder überhaupt jedes Kind!) hätte eine Freundin wie Kelly. Aber nicht alle Menschen in Georges Leben können direkt damit umgehen! 


Die Geschichte wird spannend erzählt, mit viel Humor und ganz großen Emotionen. Ich habe mit George mitgelitten und mitgefiebert, und mir ist das Herz aufgegangen, wann immer sie einen kleinen Schritt in Richtung Akzeptanz gehen konnte - in Richtung von Melissa, ihrem wahren Ich. Die überschäumende Freude, die George an ganz einfachen Dingen empfindet, wie zum Beispiel, sich endlich selbst im Spiegel in Mädchenkleidung und mit einer Mädchenfrisur zu sehen, hat mich zu Tränen gerührt. 


Das Ende ist versöhnlich und hoffnungsvoll, ohne die Schwierigkeiten, die George/Melissa in der Zukunft mit Sicherheit begegnen werden, kleinzureden. Aber wie sie selber sagt: es wird vielleicht schwer werden - aber als Junge leben zu müssen, ist auch schon furchtbar schwer und wird immer schwerer. 


Der Schreibstil ist einfach und kindgerecht, bringt das Thema und die Persönlichkeit von George aber perfekt rüber. Es ist einfach alles so echt, wie direkt aus dem Leben gegriffen! 


Auch die Umsetzung als Hörbuch fand ich unglaublich gut gelungen, denn Julian Greis spricht alle Charaktere, allen voran George und Kelly, überzeugend und einfühlsam. Die Balance aus Humor und Ernsthaftigkeit gelingt ihm tadellos.


Fazit:
Ein bewegendes Buch über ein wunderbares kleines Mädchen im Körper eines Jungen. George wäre viel lieber Melissa, aber sie traut sich nicht, es anderen Menschen zu sagen. Aber irgendwann hält sie es einfach nicht mehr aus und möchte allen zeigen, wer sie wirklich ist - indem sie in der Schulaufführung von 'Wilbur und Charlotte' die weibliche Hauptrolle spielt. 


Das Thema Transsexualität wird kindgerecht aufgegriffen, in einer spannenden, unterhaltsamen Geschichte, die ans Herz geht. 

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295 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 20 Rezensionen

liebe, cecilia ahern, liebesroman, cecelia ahern, freundschaft

Für immer vielleicht

Cecelia Ahern
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 29.09.2016
ISBN 9783596297160
Genre: Liebesromane

Rezension:


Das Buch ist komplett in Form von SMS, Emails, Briefen und Chatnachrichten geschrieben! Das ist nicht nur originell, es funktioniert in meinen Augen auch perfekt und vermittelt dem Leser den Eindruck, unmittelbar dabei zu sein.


Man folgt Rosie und Alex durch Jahrzehnte ihres Lebens, und das ist mal humorvoll und mal tragisch, denn das Schicksal legt ihnen immer und immer wieder Steine in den Weg. Ich habe mitgefiebert mit den beiden, gespannt darauf, wann sie endlich realisieren, dass sie zusammen gehören – aber manchmal fand ich auch frustrierend, dass vieles sich viel früher hätte klären lassen, hätten die beiden einfach mal ehrlich miteinander geredet. Ein klein wenig hat das für mich auch die ansonsten großartige Romantik geschmälert!


Obwohl man die Charaktere nur durch ihre Nachrichten kennenlernt, bekommt man doch ein sehr gutes Gefühl dafür, wer sie sind und wie sie fühlen und denken.


Fazit:
Ein ungewöhnlich geschriebener Liebesroman, und ganz nebenher eine philosophische Geschichte über das Lebensglück. Originell, spannend, romantisch und humorvoll, manchmal aber auch frustrierend und tragisch.


Das Buch regt zum Nachdenken an: was ist eigentlich Glück, was erwartet man vom Leben?

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www.die-rezensentin.de, westfalen, mord, kapelle

Mordkapelle

Carla Berling
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Heyne, 10.04.2017
ISBN 9783453419964
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Gleichzeitig ein Debütroman und ein vierter Band? Möglich gemacht wird das scheinbare Paradoxon von der einfachen Tatsache, dass Carla Berling. die ihre schriftstellerische Karriere als Lokalreporterin und Pressefotografin begann, die ersten drei Bände ihrer erfolgreichen Krimireihe in eigener Regie als Selfpublisherin herausgab. 


In "Sonntagstod", "Königstöchter" und "Tunnelspiel" ließ die Autorin eine starke Heldin mittleren Alters ermitteln: Ira Wittekind, mit der sie mehr gemeinsam hat also nur den Beruf, und der sie daher eine überzeugende Authentizität verleihen konnte. Vielleicht war es das, was die Aufmerksamkeit des Heyne-Verlags erregte? Jedenfalls trudelte im November 2014 eine Mail bei Carla Berling ein, die Interesse an einer Zusammenarbeit bekundete – und das Ergebnis steht nun unter dem Titel "Mordkapelle" in den Buchhandlungen. 


Ein Verlagsdebüt also, und dennoch eine Krimireihe, deren Hauptcharaktere schon eine gewisse Hintergrundgeschichte mitbringen. Das merkt man auch, denn sie wirken sehr lebendig und vielschichtig, mit  all den familiären und freundschaftlichen Querverbindungen, die aus langer Bekanntschaft eben entstehen! Das Buch enthält eine kleine Übersicht der wichtigsten Personen, aber sie sind in meinen Augen ohnehin unverwechselbar genug, um als Leser nicht durcheinander zu kommen. 


Ira Wittekind ist schon in sofern eine eher ungewöhnliche Krimi-Heldin, dass sie Mitte fünfzig ist – und das ist wunderbar. Warum sollen es immer nur die Mittzwanzigerinnen sein, die Abenteuer erleben? Wenn ich sie in wenigen Worten beschreiben müsste, dann wären es wohl: 'hartnäckig', 'entschlossen', 'intelligent', 'integer'... Und 'Tunnelblick'. Denn sie kann sich ganz schön verbeißen in einen Fall, und manchmal sieht sie dann den Wald vor lauter Bäumen nicht! Manchmal konnte ich ihr Verhalten nicht hundertprozentig nachvollziehen, meist war ich aber ganz "bei ihr" und fand ihre Ermittlungsmethoden schlüssig und hochspannend. 


Das Buch ist ein klassischer Krimi im Stile eines "Whodunits". Nicht ausufernde Gewalt steht im Mittelpunkt, sondern das große Rätsel: Wer hat es getan? Und warum?  Ira ermittelt, was der Polizei oft ein Dorn im Auge ist, und fördert dabei nach und nach einiges zu Tage: mehr als eine Person im Umfeld des ermordeten Apothekers Ludwig Hahnwald hat Dreck am Stecken und/oder ein mögliches Motiv. Außerdem stößt sie auf ein altes Geheimnis, das mehr als 40 Jahre nicht aufgedeckt wurde. 


Der Leser kann fleißig miträtseln, der Fall ist interessant konstruiert, es gibt zahlreiche Winkelzüge und versteckte Motive. Die Auflösung ereilt die Guten wie die Bösen überraschend, im Rückblick konnte ich mich aber an genug Hinweise erinnern, dass sie nicht aus heiterem Himmel kam. 


Ein wenig enttäuscht hat mich, dass Ira im Finale eine zwar dramatische, aber eher passive Rolle spielt! Statt aktiv das letzte Rätsel zu lösen, widerfährt ihr die Lösung eher, als dass sie sie triumphierend präsentiert. Gelegentlich fand ich auch etwas zweifelhaft, wie mühelos sie Verdächtige und Zeugen zum Reden bringt – und das zum Teil mit sehr offensichtlich strategischen Fragen. 


Die Spannung ist meist eher eine unterschwellige, statt vor Action nur so zu strotzen, aber sie hält sich durchweg auf hohem Niveau. Es sind nicht nur der Mordfall und das alte Geheimnis, die für Verwirrung sorgen: genauso brisant ist das plötzliche Auftauchen eines selbsternannten Enthüllungsjournalisten, der auf seiner Webseite mit geschmacklosen Schlagzeilen ganz tief im Dreck wühlt. Außerdem verfügt er über Informationen, die die Polizei noch gar nicht herausgegeben hat... Er war ein interessanter, zwiespältiger Charakter, allerdings erschien mir eine bestimmte Entwicklung gegen Ende ein wenig konstruiert. 


Der Schreibstil ist flüssig und locker; die Autorin lässt ein wenig Lokalkolorit und Humor einfließen, was der Krimi-Atmosphäre und der Ernsthaftigkeit des Falls aber keinen Abbruch tut. 


Fazit:
In der ausgebrannten Friedhofskapelle wird ein Rollstuhl mit der verkohlten Leiche von Ludwig Hahnwald entdeckt. Der alte Apotheker war im Ort allseits bekannt und beliebt, aber als Lokalreporterin Ira Wittekind sich mit dem Leben des "schönen Ludwig" beschäftigt, stellt sie schnell fest, dass sich hinter der Fassade viel Unschönes verbirgt. 


Ein klassischer Krimi, in dem es mehr um Ermittlungsarbeit geht als um literweise Blut und Ekelfaktor! Das Buch hat mich – trotz kleinerer Kritikpunkte – mit glaubhaften Charakteren, falschen Fährten und einem angenehmen Schreibstil gut unterhalten. 

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sienna mercer

Lucy & Olivia - Allerliebste Vampirschwester: Band 1

Sienna Mercer
E-Buch Text: 176 Seiten
Erschienen bei cbj, 23.05.2013
ISBN 9783641119423
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Olivia hätte an ihrem ersten Tag in der neuen Schule ja alles erwartet, aber ganz bestimmt nicht, ihre verschollene Zwillingsschwester zu finden! Und die sieht zwar irgendwie genauso aus wie sie, aber irgendwie auch ganz anders. Denn Olivia hat sonnengebräunte Haut, lächelt immer, trägt am liebsten Rosa und ist begeisterte Cheerleaderin – Lucy dagegen ist kreidebleich, verzieht selten eine Miene, trägt nur dunkle Farben und hat es überhaupt nicht mit übertriebener Fröhlichkeit. Dass Lucy auch noch ein Vampir ist, ist für Olivia da nur die Krönung des Ganzen.


Die Geschichte ist richtig süß und hat auch eine Menge kindgerechter Botschaften zu bieten. Denn es geht nicht nur um die Vampire, die friedlich unerkannt unter den Menschen leben, sondern auch um ganz alltägliche Probleme wie Mobbing, Gruppenzwang und das erste Verknalltsein. Olivia möchte eigentlich unbedingt ins Cheerleading-Team, stellt aber schnell fest, dass dessen selbsternannte Anführerin Charlotte eine echte Zicke ist, die sich auf Kosten anderer lustigmacht. Lucy dagegen ist schon lange verliebt, hat sich aber bisher noch nicht getraut, auch nur ein Wort mit ihrem Angebeteten zu wechseln.


Als die beiden Zwillinge die Rollen tauschen, lösen sich manche Probleme, manche dagegen fangen dadurch gerade erst an... Die Geschichte ist im Grunde eine moderne Version vom "Doppelten Lottchen", aber die Autorin macht daraus ihr ganz eigenes Ding, mit zwei starken, liebenswerten jungen Heldinnen, die wunderbare Vorbilder sind.


Die Geschichte ist witzig und locker und gar nicht gruselig, so dass Kinder ab 10 Jahren das Buch sicher bedenkenlos lesen können, und für kleine Leser dennoch spannend. Besonders schön fand ich, wie das Buch zeigt, dass man trotz großer Unterschiede miteinander auskommen und Kompromisse finden kann.


Der Schreibstil ist eher einfach, so dass das Buch sicher vor allem die Altersgruppe bis etwa 13 anspricht, aber es kann auch für ältere Leser ein nettes Büchlein für zwischendurch sein.

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thriller, london, ragdoll, serienmörder, mord

Ragdoll - Dein letzter Tag

Daniel Cole , Conny Lösch
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 27.03.2017
ISBN 9783548289199
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Die Grundidee lässt den Thriller-Fan direkt in freudiger Erwartung aufhorchen, denn sie ist so originell wie grausig: kaum wurde die erste Leiche des "Ragdoll"-Killers gefunden, bizarrerweise zusammengenäht aus den Einzelteilen von nicht weniger als sechs Opfern, wird der Presse auch schon eine Todesliste mit den Namen der nächsten sechs geplanten Opfer zugespielt. Für die Polizei beginnt ein Rennen gegen die Zeit – besonders für Detective William Oliver Layton-Fawkes, denn der steht ebenfalls auf der Liste... 


Das Highlight des Buches war für mich die schiere Genialität des Serienkillers. Eigentlich müsste die Polizei mit ihm leichtes Spiel haben, denn sie wissen nicht nur, welche Menschen auf seiner Todesliste stehen, sondern sogar ganz genau, an welchem Tag er sie jeweils umbringen will. Was wäre also einfacher, als sie an diesem Tag irgendwo einzusperren und nicht aus den Augen zu lassen? Als Leser knabbert man deswegen gespannt an den Fingernägeln, wie um Gottes willen er es schaffen will, seine Opfer zu töten... Und das ist tatsächlich superspannend, rasant und unterhaltsam, es gibt jede Menge falsche Fährten und Verwicklungen und massenhaft Action. Ich war immer wieder überrascht, wie der Killer sich um das Unmögliche herummanövriert! Manchmal habe ich mich gefragt, auf wessen Seite ich eigentlich stehe... 


Ein paar Sachen fand ich nicht hundertprozentig logisch und in sich schlüssig, aber im Großen und Ganzen war der Fall in meinen Augen solide und gut konstruiert. Man muss allerdings auf die Kleinigkeiten achten, wenn man bis zum Schluss kein Puzzlesteinchen übersehen will. 


Auch den Schreibstil fand ich ansprechend. Der Autor baut einerseits in vielen Szenen eine wunderbar dichte, düstere Atmosphäre auf, andererseits überrascht er immer wieder mit einem bitterbösen Humor, der die Geschichte auflockert und ihr einen unverwechselbaren Tonfall verleiht. Gerade, weil die Morde so grausam und schaurig sind, wirkte der Kontrast auch mich sehr ungewöhnlich und interessant. Besonders die Dialoge sind großartig geschrieben, mal witzig, mal dramatisch, aber immer auf den Punkt. 


Leider muss ich jetzt aber auch auf das eingehen, was für mich das große Manko des Buches war – nämlich die Charaktere, die mir ziemlich klischeehaft vorkamen. 


Im Mittelpunkt steht Detective William Oliver Layton Fawkes, genannt 'Wolf: der typische desillusionierte, in Ungnade gefallene Cop, der aber trotzdem so ein wahnsinnig brillanter Ermittler ist, dass er mit allem durchkommt. Ein richtig harter Kerl, der einem Verdächtigen notfalls beim Verhör die Finger bricht und Beweise fälscht – schließlich weiß er ja ganz genau, wer schuldig ist und wer nicht! Wenn es nicht so läuft, wie er sich das vorstellt, knallt er auch schon mal einen Kollegen dermaßen heftig mit dem Kopf gegen die Wand, dass der genäht werden muss, aber das macht nichts, Teamwork ist eh nicht seine Sache. Dass seine Ehe zerrüttet ist, versteht sich da fast von selbst. 


Seine Entwicklung im Laufe des Buches fand ich dann sogar noch beunruhigender, und besonders gegen Ende fand ich es immer unmöglicher, mit ihm und seiner Egomanie Sympathie zu empfinden. Obwohl ich zugeben muss, dass ich diese Entwicklung sehr verblüffend und unerwartet fand!


Seine Kollegin Baxter übernimmt die Rolle der zynischen, launischen Frau mit der harten Schale. Sie fährt katastrophal schlecht Auto, trinkt zu viel und hat eine merkwürdige und dennoch irgendwie rührende Beziehung zu Wolf. Ein Charakter mit viel Potential: sie ist loyal, clever, hartnäckig und auf interessante Art zwiespältig, da sie mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen hat. Leider wird das Potential meines Erachtens nicht voll ausgeschöpft, so dass sie für mich nicht vollkommen glaubhaft und authentisch wurde. 


Auch Wolfs Ex-Frau Andrea konnte sich für mein Empfinden nicht komplett vom Klischee lösen: sie ist wunderschön, sie liebt ihn irgendwie noch immer, und als Journalistin ist sie hin- und hergerissen zwischen ihren Prinzipien und ihrem beruflichen Ehrgeiz. 


Mein Lieblingscharakter war der junge Edmunds. Zwar ist auch er ein Typ Mensch, der einem öfter in Thrillern begegnet – nämlich der großäugige Newbie, den keiner so richtig ernstnimmt -, aber ich fand ihn sehr sympathisch, und er stellt sich im Laufe des Buches als einfallsreich, hochintelligent und entschlossen heraus. Mit ihm konnte ich wirklich mitfiebern, und er war für mich auch ein starker Charakter, den ich viel lieber als Hauptcharakter gesehen hätte! Gerade, weil er manchmal der einzige zu sein scheint, der Wolf die Stirn bietet und nicht alles hinnimmt, was der sagt und tut.


Fazit:
Das Buch hat in meinen Augen einen enormen Unterhaltungswert: ein perfider Killer liefert sich ein Katz- und Mausspiel mit der Polizei und verhöhnt sie geradezu, indem er ihnen vorher schon verrät, wen er als nächstes töten wird und wann. Das Tempo ist rasant, die Spannung lässt kaum einmal nach... Mit schwarzem Humor erzählt Daniel Cole eine Geschichte voller überraschender Wendungen.


Leider konnten mich die Hauptcharaktere nicht vollends überzeugen, besonders Detective William Oliver-Layton wirkte auch mich sehr klischeehaft – der harte Supercop, der auch gerne im Namen der Gerechtigkeit die Fäuste sprechen lässt. 

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282 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 23 Rezensionen

liebe, tod, cecelia ahern, briefe, trauer

P.S. Ich liebe Dich

Cecelia Ahern
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 29.09.2016
ISBN 9783596297153
Genre: Liebesromane

Rezension:


Die Idee ist originell und bewegend, das Buch hatte für mich dennoch deutlich weniger Tiefgang als erwartet. Gerrys Briefe sind sehr kurz und sprechen oft gar nicht über seine Gefühle. So ist die erste Aufgabe zum Beispiel: Kauf dir eine Nachttischlampe. Das hat zwar Gründe, die mit dem gemeinsamen Leben des Paares zu tun habe, aber dennoch fehlten mir tiefere Emotionen. Ich habe den Sinn mancher Aufgaben auch nicht begriffen - warum drängt er Holly zum Karaoke, obwohl sie es hasst?


Holly und ihre Freunde sind sympathisch, benehmen sich allerdings oft wie Teenager. Einmal ziehen sie durch die Clubs, besaufen sich maßlos und versuchen, sich mit peinlichem Benehmen in den VIP-Bereich zu schmuggeln. Ein Freund filmt das Ganze - und es wird zu einem preisgekrönten Dokumentarfilm mit Millionenpublikum! Auch andere Dinge waren für mich nicht ganz glaubhaft.


Der Schreibstil ist einfach und direkt. Hollys Trauer fand ich in manchen Szenen ergreifend, in anderen konnten mich die Emotionen jedoch nicht wirklich erreichen.


Gut fand ich, dass Holly nicht mal so eben die nächste große Liebe findet, sondern erst ihre Trauer bewältigen muss, was als natürlicher, wichtiger Prozess gezeigt wird.


Fazit:
Eine schöne Geschichte, die sich unterhaltsam liest, mich aber deutlich weniger emotional bewegt hat als erwartet, was zum Teil vielleicht am sehr einfachen Schreibstil liegt.

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88 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 28 Rezensionen

koma, liebe, leben, freundschaft, familie

Das Traumbuch

Nina George
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Knaur, 17.03.2016
ISBN 9783426653852
Genre: Romane

Rezension:


Handlung: 


»Ich liebe dich, ich will dich, für immer und darüber hinaus, für dieses und für alle anderen Leben.« 
»Ich dich nicht.« 


Manchmal sind es die dramatischen Ereignisse, oft sind es aber auch die unbedachten Entscheidungen, die zu Wendepunkten im Leben werden; die Weichen werden neu gestellt, und danach gibt es kein Zurück mehr. Ein einziges kleines Wort hätte für Henri Skinner alles verändern können: wie wäre sein Leben verlaufen, hätte er stattdessen mit »Ich dich auch« geantwortet?


Das Buch beginnt damit, dass Henri sich aufmacht, seinen 13-jährigen Sohn Sam zum allerersten Mal zu treffen - aber auf dem Weg zum vereinbarten Treffpunkt rettet er ein Leben, wird daraufhin selber schwer verletzt und fällt ins Koma.


46 Tage lang erlebt er im halb-bewussten Dämmerzustand unzählige Variationen seines Lebens, in jeder davon hat Henri an einem bestimmten Wendepunkt eine andere Entscheidung getroffen. Währenddessen sitzen zwei Menschen hoffnungsvoll an seinem Bett: die Liebe seines Lebens, Eddie, der er mit seinem 'Ich dich nicht' das Herz gebrochen hat, und sein hochsensibler Sohn Sam, der sich immer danach gesehnt hat, seinen Vater kennenzulernen und jetzt Angst hat, zu spät zu kommen.


Meine Meinung: 


Nina George beschäftigt sich hier mit grundlegenden existentiellen Fragen: mit nichts Geringerem als der Suche nach dem Sinn des Leben, der Angst vor dem Tod, dem Zweifel daran, ob man die Welt auf seine eigene Art zu einem besseren Ort gemacht hat, der lähmenden Furcht, man könne sein Leben verschwendet haben... Aber sie schreibt darüber nicht aus philosophischer Distanz oder klingt wie eines dieser beschaulichen Geschenkbüchlein, sondern erzählt eine Geschichte, die berührt und zum Nachdenken anregt und trotzdem mitten aus dem Leben gegriffen scheint.


Allerdings enthält das Buch auch eine Prise Phantastik, eine Spur Märchen, einen Hauch von Poesie. Ein Neurologe würde beim Lesen vielleicht milde lächelnd den Kopf schütteln und sagen: Nonsens, ein Komapatient ist gar nicht fähig zu solch komplexen Gedanken, und andere Leben träumen kann er schon mal gar nicht... Das ist Wunschdenken. Das ist Realitätsflucht.


Ich konnte mich jedoch wunderbar darauf einlassen, denn Nina George lässt alles, was geschieht, vollkommen plausibel klingen, und dennoch originell und fantasievoll und einzigartig.


Ein Großteil des Buches spielt sich in den Köpfen der drei Hauptcharaktere ab, die sich alle kaum aus Henris Krankenzimmer fortbewegen. Aber das funktioniert und es ist trotzdem spannend, weil sie außergewöhnliche Menschen sind, die lebendig und vielschichtig geschildert werden und auf ihre jeweilige Art sehr liebenswert sind.


Henri war früher Kriegsreporter, und auch nachdem er diese Karriere an den Nagel hing, blieb er ein Getriebener, der nirgends wirklich zur Ruhe kam.


Eddie ist Verlegerin und ihr kleiner Verlag hat sich spezialisiert auf Phantastik - nicht Fantasy, wie sie rigoros betont. Keine Zwergen, Elfen, Vampire und so weiter. Dafür aber alles, "was nur drei Schritte neben unserer Wirklichkeit sein könnte". 


Sam ist 13 und schon Mitglied der Mensa,dem internationalen Netzwerk für Hochbegabte. Er ist Synästhetiker: Zahlen haben für ihn nicht nur eine Farbe, sondern auch eine Persönlichkeit, er kann Lügen sehen und Gefühle schmecken. Bei Menschen im Koma kann er fühlen, ob sie gerade nah an der Oberfläche sind oder ganz weit weg.


Später kommt noch ein weiterer Charakter hinzu: die 12-jährige Maddie, die ein Stockwerk über dem Zimmer von Henris Vater im Wachkoma liegt. Sam verirrt sich eines Tages dort hinein und weiß direkt: ohne dieses Mädchen will er nicht mehr sein, nie mehr.


Das hätte furchtbar kitschig werden können, war aber unglaublich rührend. Überhaupt werden die Beziehungen zwischen diesen vollkommen unterschiedlichen Menschen intensiv und überzeugend beschrieben.


Was mich aber am meisten an diesem Buch begeistert hat, war der lyrische Schreibstil, der großartige Metaphern und Bilder findet und dabei mit einer ungeheuren Eindringlichkeit Emotionen vermittelt, ohne jemals ins Pathos abzudriften. Ob es jetzt gerade lustig ist oder traurig, es ist immer authentisch und glaubhaft - und gleichzeitig irgendwie drei Schritte neben der Wirklichkeit.


Fazit:


Drei Menschen kommen in einem Krankenzimmer auf der Komastation zusammen: Henri, Eddie und Sam. Henri ist der Koma-Patient, Eddie die Liebe seines Lebens und Sam sein 13-jähriger Sohn. Nur, dass Henri Eddie schon vor Jahren vergrault hat und Sam noch nie begegnet ist...


Die Autorin erzählt eine Geschichte der leisen Töne, in der es um die Entscheidungen geht, die unser Leben verändern. Was wäre wenn...? Henri erlebt im Koma sein Leben immer wieder neu, während Eddie und Sam versuchen, ihn ins Leben zurückzuholen. Und das ist trotz der Thematik nicht deprimierend, sondern bezaubernd wie ein Märchen und auch in traurigen Szenen immer behutsam positiv. Der Schreibstil ist von einer ganz eigenen, außergewöhnlichen Schönheit.
 

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176 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 46 Rezensionen

thriller, mord, peter swanson, rache, liebe

Die Gerechte

Peter Swanson , Fred Kinzel
Flexibler Einband: 414 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 16.01.2017
ISBN 9783734103599
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Um es kurz zu fassen: "Die Gerechte" ist ein rundum geniales Buch - für mich definitiv einer der originellsten, raffiniertesten Thriller der letzten Jahre und mehr als genug Anlass, ab jetzt unbesehen jedes Buch des Autors zu kaufen.


Um es nicht ganz so kurz zu fassen:


Die meisten Bücher, egal welchen Genres, haben mindestens einen Hauptcharakter, den der Leser trotz eventueller Schwächen als grundlegend guten Menschen ansehen und mit dem er sich identifizieren kann. Sogar charismatische Psychopathen haben normalerweise einen positiv besetzten Gegenspieler: Hannibal Lecter würde zum Beispiel nicht halb so gut funktionieren ohne Clarice Starling.


Eine Geschichte rund um eine Figur aufzubauen, die überhaupt nicht in das übliche Schema eines guten Menschen passt oder sich nicht mal annähernd in soziale Normen pressen lässt, ist ein literarischer Drahtseilakt - und wenn er gelingt, gebührt dem Autor tosender Applaus für dieses Kunststück.


Zu meinen Lieblingsautorinnen gehört zum Beispiel Gillian Flynn, die unzuverlässige Protagonistinnen mit ernsthaften Persönlichkeitsstörungen schon lange vor ihrem Bestseller "Gone Girl" perfektioniert hatte.Und Peter Swanson braucht sich nicht hinter Mrs. Flynn zu verstecken, denn mit "Die Gerechte" hat er in meinen Augen den perfekten Thriller und die perfekte Anti-Heldin geschrieben.


Die Geschichte wird von vier sehr unterschiedlichen Personen erzählt - und dreien davon kann der Leser nicht über den Weg trauen. Was eigentlich nicht funktionieren kann, es aber trotzdem tut.


Die im Klappentext erwähnte attraktive Frau, die einem Wildfremden aus heiterem Himmel ihre Hilfe bei einem Mord anbietet, heißt Lily, und sie ist es, in deren Kopf der Leser die meiste Zeit verbringt. Schnell wird klar: Man sollte diese Frau nicht mögen. Man sollte ihre Taten nicht gutheißen und ihr ganz gewiss nicht die Daumen drücken. Und trotzdem habe ich all das getan; auf verquere Art und Weise mochte ich Lily, und deswegen bin ich ihr gerne auf ihren dunklen Wegen gefolgt.


Über die anderen Charaktere möchte ich lieber noch gar nichts verraten, daher nur soviel: ich fand sie alle grandios, denn sie sind auch dann glaubhaft, wenn sie Dinge tun, die normale Menschen niemals tun würden.


Auch wenn die Grundidee der Geschichte an "Der Fremde im Zug" von Patricia Highsmith erinnert (was sicher eine beabsichtigte Hommage ist, da Lily am Anfang des Thrillers ein Buch der Autorin liest), macht Peter Swanson doch etwas ganz Eigenes daraus. Die Geschichte ist sehr geschickt und intelligent konstruiert, und gerade die unerwarteten Wendungen sind fantastisch. Besonders die erste davon hat mich kalt erwischt, und ich hatte das Gefühl: Ok, ab jetzt ist wirklich alles möglich - da hätte ich niemals mit gerechnet!


Der englische Titel ist "The Kind Worth Killing", also in etwa: "Die, die es sich zu töten lohnt", und tatsächlich bringt das Buch den Leser immer wieder dazu, darüber nachzudenken, ob wir Mord unverzeihlich finden und falls ja, warum eigentlich.


Spannend fand ich das Buch von der ersten bis zur letzten Seite, und ich war tatsächlich traurig, als ich das (überraschende!) Ende erreicht hatte.


Der Schreibstil passt perfekt zur Geschichte. Ganz sachlich und ruhig werden die unglaublichsten Dinge erzählt, und gerade diese trügerische Ruhe macht die Geschehnisse oft umso erschreckender.


Fazit:
Der Thriller ist meines Erachtens ein Meisterwerk des Genres, mit drastisch unerwarteten Wendungen und einer zwiespältigen, perfiden, komplizierten Protagonistin, die sich über so banale Konzepte wie 'gut' und 'böse' mit unergründlichem Lächeln hinwegsetzt.


Wer Amy Elliot aus "Gone Girl" von Gillian Flynn interessant fand oder Brünhilde Blum aus der "Totenfrau"-Trilogie von Bernhard Aichner mochte, dem könnte auch Lily Kintner aus "Die Gerechte" gefallen.

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1.139 Bibliotheken, 30 Leser, 1 Gruppe, 138 Rezensionen

thriller, serienkiller, ethan cross, serienmörder, mord

Ich bin die Nacht

Ethan Cross
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 20.12.2013
ISBN 9783404169238
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Die Grundidee des Buches klingt sehr interessant und verspricht einen originellen psychologischen Thriller.


Francis Ackerman Junior ist ein Serienkiller - aber er ist auch ein Opfer, denn er wurde als kleiner Junge von seinem eigenen Vater mittels Folter und Gehirnwäsche  gebrochen und gezielt zum Serienkiller abgerichtet. Das wirft natürlich viele ethische Fragen zu Schuld und Eigenverantwortung auf: Inwieweit ist Ackerman verantwortlich für seine grausamen Taten?


Tatsächlich könnte die Geschichte an sich grandios sein, aber für mich scheitert das Buch leider gnadenlos an der Umsetzung.


Fand ich das Buch auf den ersten 100 Seiten noch spannend und unterhaltsam, kam es mir danach zunehmend vor wie ein schlechter Actionfilm mit vollkommen unrealistischen Stunts und Kampfszenen. Ständig wird irgendjemand mühelos mit nur einem Schlag bewusstlos geschlagen; ein Mann tritt barfuß eine Tür ein (was normalerweise mindestens ein paar gebrochene Zehen nach sich ziehen müsste); jemand befreit sich auf eine Art und Weise von seinen Handschellen, die im echten Leben wohl ein Auskugeln von Gelenken erfordern würde... Und das sind noch die harmlosen Beispiele, denn mit den wirklich unglaublichen würde ich schon zuviel verraten. 


Da es mir immer schwerer fiel, die Geschehnisse zu glauben, flaute die Spannung für mich auch immer mehr ab. 


Der interessanteste Charakter war für mich der Killer, Francis Ackerman Junior. Denn so unmenschlich und sadistisch seine Taten auch sind, zeigt er doch immer wieder, dass er eigentlich ein ganz anderer Mensch hätte sein können, wenn er als kleiner Junge nicht durch die Hölle gegangen wäre. 


Anders, als vom Klappentext her zu erwarten wäre, spielt Ackerman auch nur die zweite Geige, denn meist steht der von seiner Vergangenheit gequälte Ex-Cop Markus im Mittelpunkt. Er und die anderen Charaktere wirkten auf mich sehr klischeehaft, fast wie aus dem Baukasten für Thriller-Charaktere. Zugegeben, gegen Ende wirft das Buch nochmal alles über den Haufen, was man über sie zu wissen glaubte, aber in meinen Augen war das keine geniale unerwartete Wendung, sondern eine gänzlich unglaubwürdige Auflösung. 


Während der Leser sich noch verwirrt fragt, wie das alles möglich sein soll, behauptet Markus auf einmal, er hättet sich dies oder jenes ja schon gedacht, weil ihm gewisse Dinge direkt aufgefallen seien... Nur: das wurde vorher mit keinem Sterbenswort erwähnt. Tatsächlich wurde Markus in den Szenen, auf die sich das bezieht, als ganz und gar ahnunglos dargestellt - wäre ihm da wirlich schon etwas aufgefallen, hätte der Leser das an seinen Gedanken oder Taten merken müssen! So wirkte es auf mich lediglich wie der halbherzige Versuch, die Wendung glaubhafter zu machen. 


Es gibt auch eine kleine Liebesgeschichte, aber auch die kam mir vor wie rasch zusammengeschustert, damit Markus jemanden hat, den er auf heroische Art retten kann. 


Der Schreibstil konnte mich unglücklicherweise auch nicht überzeugen. Mal fand ich ihn sehr flach, dann gab es wieder überzogen dramatische Formulierungen: da öffnen sich "brüllend die Tore zur Hölle", der Wind heult "wie der Schrei einer Todesfee"... In vielen Szenen werden Charaktere wiederholt auf die immer gleiche Art beschrieben: der Mann im dunklen Hemd beobachtete, der Mann im dunklen Hemd sah, der Mann im dunklen Hemd grinste...


Fazit:
Die Grundidee hatte mich noch fasziniert: Ein Serienkiller, der als Kind von seinem Vater gezielt zum Serienkiller abgerichtet wurde? Das klang sehr originell und ungewöhnlich. Tatsächlich war ich auf den ersten 100 Seiten durchaus noch sehr angetan, aber im Laufe des Buches nahmen Glaubwürdigkeit und Spannung immer mehr ab - und das wurde noch gekrönt von einer konstruierten, wenig plausiblen Auflösung, bei der vieles einfach aus dem Nichts herbeigezaubert schien. Die Charaktere wirkten auf mich flach und klischeehaft, und auch der Schreibstil konnte mich überhaupt nicht überzeugen.


Ich werde die Reihe nicht weiterlesen. Sehr schade, denn die Geschichte hätte sehr viel Potential gehabt!

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22 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

vögel, scheu, rituale, japan, brüder

Der Herr der kleinen Vögel

Yoko Ogawa ,
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Liebeskind, 24.08.2015
ISBN 9783954380503
Genre: Romane

Rezension:


"Der Herr der kleinen Vögel" ist ein Buch der leisen Töne, der kleinen Dinge, des bescheidenen Glücks oder Unglücks. Der Leser wird eingeladen, zur Ruhe zu kommen und einer Geschichte zu lauschen, auf die man sich einlassen muss, die dann aber einen ganz eigenen poetischen Zauber entfaltet.


Behutsam erzählt Yoko Ogawa die ungewöhnliche Lebengeschichte zweier Brüder, die eine Faszination für Vögel und deren Gesang teilen, auch über den Tod des älteren hinaus. Ihre Namen werde im ganzen Buch niemals erwähnt (sie sind immer nur "der Ältere" und "der Jüngere"), und auch sonst verzichtet die Autorin weitgehend auf Etiketten.


Der ältere Bruder spricht schon seit seiner Kindheit ausschließlich in einer selbst erfundenen Sprache und braucht seine festen Rituale, um glücklich zu sein. Da kann man als Leser insgeheim spekulieren: Selektiver Mutismus? Autismus? Die Autorin verrät es uns nicht, aber das ist auch gar nicht nötig. Der jüngere Bruder findet ein wunderbares Bild: in seiner Vorstellung ist der Ältere der alleine Bewohner einer einsamen Insel, und nur sein Boot findet den Weg dorthin.


Die beiden leben fast vollkommen isoliert, ihr Leben richtet sich noch im Kleinsten nach den Ritualen des älteren Bruders. Sie essen immer das Gleiche, besuchen gemeinsam die Vogelvoliere des nahegelegenen Kindergartens und unternehmen ausgedehnte, metikulös geplante Weltreisen - Letzteres jedoch nur in ihrer Fantasie. Es ist eine Geschichte bedingungsloer Liebe, ruhig und ohne Pathos erzählt und dennoch bewegend.


Nach dem Tod des Älteren ist der Jüngere im Grunde sein ganzes restliches Leben auf der Suche nach dessen Insel. Auch, dass er die Pflege einer zu einem Kindergarten gehörenden Vogelvoliere übernimmt, obwohl er Angst vor Kindern hat, geschieht zunächst im Angedenken an seinen Bruder, entwickelt sich dann aber zu einer echten Liebe zu den Vögeln. Die Kinder nennen ihn daher "Herr der kleinen Vögel". 


Die Geschichte hat in meinen Augen keinen ausgeprägten Spannungsbogen. Das Leben des Jüngeren ist meist eher ein stiller See denn ein bewegtes Meer. Menschen treten in sein Leben und verschwinden wieder, gute und schlechte Dinge passieren... All das sind nur Steine, die ins Wasser seines Sees fallen und für kurze Zeit Kreise ziehen. Manches bleibt gänzlich ungeklärt.


Diese Offenheit hat jedoch etwas beinahe Schwereloses, wie ein langer Tagtraum.  Ich habe mich beim Lesen keineswegs gelangweilt. Yoko Ogawa findet wunderschön verträumte, zarte Worte. Ich habe immer wieder innegehalten, um mir einen Satz auf der Zunge zergehen zu lassen.


Der Jüngere ist mir sehr ans Herz gewachsen - er ist ein ruhiger Mensch mit einfachen, bescheidenen Wünschen. Sein Leben wirkt unspektakulär und sogar einsam, aber er findet auch immer wieder Erfüllung in den kleinen Dingen. Als ich das Buch zuschlug, hatte ich fast das Gefühl, einen alten Freund verloren zu haben. 


Da die Brüder nur wenig mit anderen Menschen interagieren, bleiben die anderen Charaktere eher unvollständig. Manchmal wirken sie wie bloße Kulisse, während die Vögel lebendig und individuell geschildert werden - aber anders könnte diese Geschichte vielleicht gar nicht erzählt werden, und ich habe beim Lesen nichts vermisst.


Fazit:
"Der Herr der kleinen Vögel" ist ein wunderbares Buch, das sich nur schwer beschreiben lässt und an das man möglichst ohne Erwartungen herangehen sollte.


Die Handlung ist schnell zusammengefasst: Nach dem Tod der Eltern leben zwei Brüder ihr ganzes Erwachsenenleben zusammen, bis auch der Ältere schließlich stirbt. Da er Vögel über alles geliebt hat, bietet der Jüngere an, fortan kostenlos die Voliere des örtlichen Kindergartens zu betreuen. Manchmal geht er in die Bibliothek, um die Bibliothekarin scheu beobachten zu können, und im Park lernt er einen alten Mann kennen, der stets eine Grille in einer hübschen Holzschachtel mit sich herumträgt. Dann passiert etwas, was seinem Spitznamen "Herr der kleinen Vögel" einen unschönen Beigeschmack gibt, und schließlich begegnet er Menschen, die von sich behaupten, den Gesang der Vögel zu lieben, ihn in Wirklichkeit aber für ihre eigenen Zwecke ausnutzen. 


Aber eigentlich kommt es gar nicht darauf an, was genau passiert. Für mich war es die schlichte Poesie der Worte, die mich verzaubert hat, und der Einblick in ein bescheidenes Leben, das die meisten Menschen wohl nicht als sonderlich glücklich bezeichnen würden, das aber dennoch seine schönen, erfüllenden Momente hat. 

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entführung, verfolgung, ermittlungen, wiley cash, geld

Schaut nicht zurück

Wiley Cash , Klaus Timmermann , Ulrike Wasel
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 25.09.2014
ISBN 9783596194445
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


"This Dark Road to Mercy" heißt das Buch im englischen Original, also "Dieser dunkle Weg zur Gnade". Und tatsächlich erwartet den Leser eine Art Roadtrip durch den Südosten der USA: die verzweifelte Flucht des gescheiterten Baseballstars Wade Chesterfield, der seine beiden kleinen Töchter nach dem Drogentod ihrer Mutter aus dem Kinderheim entführt, um ihnen endlich der Vater zu sein, der er nie war. Dumm nur, dass er aus den besten Absichten eine fatal falsche Entscheidung getroffen hat, die ihn jetzt buchstäblich quer durchs Land verfolgt.


Ein Auftragskiller, der auch noch seine ganze eigene Rechnung mit Wade zu begleichen hat, jagt der kleinen Familie hinterher, so hartnäckig und unerbittlich wie ein Bluthund. Es gibt Tote, jede Menge kleine und große Kriminelle, einen ehemaligen Cop, dessen Leben zerstört wurde, als er den Tod eines Jugendlichen verschuldete... Und dennoch ist das Buch in meinen Augen kein Thriller.


Es ist mal düster, brutal und spannend, mal leise melancholisch, traurig oder bewegend, aber es geht in meinen Augen immer ums Zwischenmenschliche, um enttäuschte Hoffnungen, zerbrochene Träume, aber auch um Liebe, Vergebung, Neuanfang - und ja, Gnade. Über weite Strecken lebt das Buch nicht so sehr von dem, was gerade passiert, sondern von der Atmosphäre und den Gedanken der Charaktere, die sich ohne große Worte im Stillen weiterentwickeln.


Obwohl das Buch nicht auf die gleiche Art spannend ist wie ein Psychothriller oder auch nur ein Krimi, fand ich die Geschichte ungemein fesselnd. Ein wenig ermüdend war für mich lediglich, dass es wirklich sehr oft und sehr ausführlich um Baseball geht - andererseits gehört das wohl einfach dazu zu diesem heißen amerikanischen Sommer und zum Lebensgefühl der Menschen, die Wiley Cash hier beschreibt. Die Geschichte hat etwas Zeitloses, Archetypisches, und dennoch fand ich sie nicht abgedroschen, sondern originell erzählt.


Ein paar Worte zu den wichtigsten Charakteren:


Easter ist erst 12 Jahre alt, aber sie kümmert sich schon seit Jahren um ihre kleine Schwester Ruby - sie kocht ihr Essen (wenn welches im Haus ist), passt auf, dass sie die Hausaufgaben macht und früh genug ins Bett geht, und sorgt vor allem dafür, dass Ruby möglichst wenig darunter leidet, dass die Mutter nur selten aus dem Drogenrausch erwacht. Bis die das eines Tages dann gar nicht mehr tut.


Die Geschichte wird zum Teil von Easter erzählt. Meiner Meinung nach erfordert ein kindlicher Erzähler von einem Autor viel Feingefühl, aber Wiley Cash ist es hier gut gelungen. Easter erzählt ruhig und altklug und ist dennoch eine glaubhafte und liebenswerte Kinderstimme.


Ich hätte erst nicht erwartet, dass der Autor es schaffen würde, mir Verständnis für Wade abzuringen, denn der hat seine Kinder wirklich unsäglich im Stich gelassen. Aber natürlich steckt auch dahinter mehr, als auf den ersten Blick offensichtlich ist, und ich war am Schluss sehr beeindruckt davon, wie Wiley Cash es schafft, Wades Fehler nicht zu beschönigen, ihn aber dennoch als komplexen Menschen mit guten und schlechten Eigenschaften zu zeigen.


Überhaupt sind die meisten der Charaktere keine Helden, die meisten davon sind aber nicht ausschließlich gut oder ausschließlich böse. Nur den Auftragskiller fand ich ein wenig einseitig, denn der hat zwar Gründe dafür, dass er Wade hasst, begeht aber auch manche seiner blutigen Taten, obwohl sie ihn seinem Ziel gar nicht näher bringen oder unnötig grausam.


Brady Weller, der gesetzliche Vormund der beiden Mädchen, war für mich vielleicht die sympathischste Figur, denn er handelt nicht aus Eigennutz, sondern aus Sorge um das Wohlergehen der Kinder. Eine einzige Fehlentscheidung vor ein paar Jahren hat einen Jugendlichen das Leben gekostet, und das hat Bradys Ehe und seine Karriere als Cop zerstört und auch die Beziehung zu seiner Tochter sehr schwierig gemacht, voller Schuldgefühle und Konflikt.


Mit Brady und Wade zeichnet der Autor das Bild zweier sehr unterschiedlicher Väter, die beide nicht perfekt sind, die beide schwerwiegende Fehler begangen haben, und die dennoch beide ihre Töchter lieben. Das Thema Elternliebe und Vergebung zieht sich wie ein Leitmotiv durchs ganze Buch, und es endet mit der Frage, ob Recht und Gerechtigkeit immer dasselbe sind.


Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. Oft ist er eher einfach, vermittelt aber trotzdem ganz viel Atmosphäre und wird manchmal sogar poetisch, bleibt dabei aber immer unprätentiös .


Fazit:
Die Mutter von Easter und Ruby erwacht eines Tages nicht mehr aus ihrem Drogenrausch und die Kinder kommen ins Heim. Von ihrem Vater Wade erwarten sie sich nichts, denn der hat vor ein paar Jahren auf sein elterliches Sorgerecht verzichtet und sich seitdem nicht mehr blicken lassen. Aber eines Tages ist er da und nimmt sie einfach mit, und damit beginnt eine wilde Hatz quer durch den Südosten der USA, denn Wade ist auf der Flucht.


Es ist schwer, das Buch zu beschreiben. Ein Thriller ist es nicht (trotz Auftragkiller und Verfolgungsjagd),  eher ein Familiendrama, ein Roadtrip, eine Geschichte über das Erwachsenwerden und die Vergebung. Das ist auf eine ganze eigene Art spannend, und die Charaktere fand ich glaubhaft, vielschichtig und überzeugend. Auch der meist eher ruhige, bodenständige Schreibstil passte sehr gut zur Geschichte.


Für meinen Geschmack nahm allerdings der Nationalsport Baseball einen etwas zu großen Platz in der Geschichte ein, denn darüber wird wirklich extrem viel und ausführlich gesprochen! Dennoch ist das Buch für mich eine Leseempfehlung.

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