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64 Bibliotheken, 8 Leser, 2 Gruppen, 7 Rezensionen

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Sechs Koffer

Maxim Biller
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 08.08.2018
ISBN 9783462050868
Genre: Romane

Rezension:

Maxim Biller erzählt die Geschichte einer russisch-jüdischen Familie – oder halt, nein, nicht einer, sondern  seiner russisch-jüdischen Familie. Es ist eine komplexe Geschichte von Emigration und Flucht, Verrat und Denunziation, die von Rechts wegen gar nicht auf nur 208 Seiten passen sollte. Fast fühlt es sich an wie ein literarischer Taschenspielertrick, als habe der Autor doch noch 300 Seiten im Ärmel versteckt.

Ein wenig ungläubig schlug ich daher das Buch zu – ungläubig, aber beeindruckt.

Sechs Koffer, sechs Perspektiven: die des Vaters, seiner drei Brüder, der Mutter und einer Tante. Sechs Bruchstücke einer Geschichte, die sich durch die ganze Welt erstreckt und dabei doch im allerkleinsten Kreise um ein großes Familiengeheimnis dreht: der Großvater wurde 1960 wegen Schwarzmarkthandel und Devisenschieberei hingerichtet, und nur ein Mitglied der Familie kann ihn verraten haben.

Die Geschichte ist fast zu gut, um nicht erfunden zu sein.

Sie ist unterhaltsam, spannend, regelrecht süffig, und hat doch Substanz – im Grunde ist “Sechs Koffer” das perfekte Einstiegsbuch für Leser, die vor Buchpreis-Büchern zurückschrecken, weil sie dröhnende Langeweile fürchten.

Also nein, die Geschichte ist nicht erfunden, sie hat autobiographische Grundlagen. Es ist mutig, die eigene Familie so an den Pranger zu stellen, aber Maxim Biller verwebt die harten Fakten seiner Familiengeschichte mit fiktiven Elementen und heraus kommt ein Roman, der der die reinste Wundertüte ist: Familienroman, Kriminalroman, Abenteuerroman, Spionagegeschichte, zeitgeschichtliches Dokument.

Anspruchsvolle Literatur und dabei beinahe Genreroman – die Mischung ist gelungen.

Der Verrat am Großvater sorgt für kriminologische Spannung, darüber hinaus ist die Familie nicht nur weltweit versprengt – Hamburg, Prag, Moskau, Zürich, Berlin –, sondern auch zerrissen vor gegenseitigem Misstrauen.

Zitat:
"Und dort, dachte ich auch noch, ohne es auszusprechen, hast du deinen eigenen Vater verraten. Oder war es Lev? Oder wart ihr es beide?"

Die Figuren sind Chimären aus historisch belegten Menschen und Romancharakteren. Maxim Biller beschreibt Szenen aus der Sicht seiner Verwandten, als könne er ihre Gedanken lesen, und auch er selber tritt als wichtiger Charakter auf: er übernimmt die Rolle des jugendlichen Detektivs, der zur treibenden Kraft in der Aufklärung des Geheimnisses wird.

Was ist hier Fiktion, was hat er wirklich erlebt? Die Grenzen verschwimmen.

Er spielt mit der Hoffnung, das große Geheimnis lasse sich nach all der Zeit endlich aufklären – als ließen sich auch die Brüche innerhalb der Familie damit womöglich kitten. Dabei entdeckt er Geheimnisse, die er am liebsten direkt wieder vergessen würde, aber er kann von seiner Suche auch nicht ablassen.

Zitat:
"Oh Gott, dachte ich, das will ich jetzt wirklich nicht mehr hören."

Man fragt sich unwillkürlich, was Mutter und Tante zu ihren literarischen Porträts sagen, denn die sind wenig schmeichelhaft.

Mutter Rada wird oft als zornig beschrieben, mehrmals fallen gar Wörter wie “böse” und “kalt”. Zu ihren Kindern scheint sie eine innige Hassliebe zu empfinden.

Tante Natalia ist ebenfalls eine zwiespältige Figur, so lebenshungrig wie tragisch. Sie hat den Todesmarsch von Auschwitz nach Thüringen überlebt, bei dem sie jedoch buchstäblich ihre kleine Schwester verlor, und scheint nun wild entschlossen, alles aus dem Leben herauszuwringen, was sich herauswringen lässt – sei es auch auf Kosten anderer.

 Die Frauen misstrauen sich gegenseitig, und auch die Männer, die sie lieben, misstrauen ihnen.

Zitat:
"»Woher weißt du, Natalia, dass der StB jahrelang davon wusste?«
Sie sah ihn erschrocken an – sehr erschrocken – und sagte unsicher: »Die wissen doch alles, oder nicht?«
(…)
Wirklich, Natalia? Wissen »die« alles? Oder wissen sie es nur, weil es ihnen einer von uns erzählt hat?"

Im “Literarischen Quartett” war man sich uneins darüber, ob Maxim Biller das Geheimnis um den Tod des Großvaters nun wirklich aufklärt oder nicht. Ich schließe mich der Meinung der Autorin Sasha Marianna Salzmann an, die die Lösung auf einer bestimmten Seite gefunden zu haben glaubt – möglicherweise ist aber auch diese vermeintliche Lösung nicht des Rätsels letzter Schluss.

Der Autor empfiehlt die Lektüre des Buches seiner Schwester, die auch schon über die gemeinsame Familie geschrieben hat: “In welcher Sprache träume ich?” Vielleicht füllt dieses die Leerstellen in Maxim Billers Version der Familiengeschichte.

Aber zurück zu “Sechs Koffer”:

Der Schreibstil spielt virtuos mit dem Stilmittel des unzuverlässigen Erzählers.

Immer wieder gibt es subtile Anzeichen dafür, dass man der Wahrnehmung oder Erinnerung einer Person nicht hundertprozentig vertrauen kann – Kleinigkeiten wie eine Couch, die mal dänisch und mal schwedisch ist, mal kuschelig weich und mal kratzig rau. Formulierungen wie “oder so ähnlich” und “aber vielleicht täuschte er sich auch”.

Überhaupt ist der Schreibstil eher schlicht, aber elegant. Er fängt ohne Pathos eine verzweifelte Grundstimmung ein und scheut auch nicht davor zurück, Schmerz und Humor Hand in Hand gehen zu lassen.

Amüsant und interessant ist ein wiederkehrendes Motiv des Buches:
Maxim Billers ‘Alter Ego’ soll einen Aufsatz über Brecht schreiben. Der Junge reagiert mit Widerwillen, kapiert eigentlich nicht, was Brecht ihm sagen will – erlebt dann aber ständig etwas, was ihm Sätze des Autors in jähem Verstehen in Erinnerung ruft

FAZIT

“Sechs Koffer” ist ein autobiographischer Roman, in dem es um das größte Geheimnis der russisch-jüdischen Familie des Autors geht: wer hat den Großvater verraten, der 1960 in der Sowjetunion hingerichtet wurde? Es kann nur ein Familienmitglied gewesen sein, und  so betrachtet man sich mit gegenseitigem Misstrauen. Viele Jahre später zieht der Enkel – der Autor! –, los um das Geheimnis zu lösen.

Das liest sich einerseits hochliterarisch, andererseits spannend wie ein Krimi. In meinen Augen ist das Buch ein sehr starker Anwärter auf den Deutschen Buchpreis – am 8. Oktober 2018 wird sich zeigen, ob auch die Jury das so sieht.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/09/23/deutscher-buchpreis-2018-maxim-biller-sechs-koffer/

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17 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 5 Rezensionen

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Bungalow

Helene Hegemann
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 20.08.2018
ISBN 9783446253179
Genre: Romane

Rezension:

Nach den ersten Kapiteln habe ich dieses Buch gehasst.

Klingt nach einer Übertreibung, doch tatsächlich verspürte ich ein Gefühl fast schon körperlichen Widerwillens. Ich wollte die Geschichte nicht weiterlesen, ich fand sie unsäglich überzogen und bemüht schockierend – einerseits eine Bestätigung für das oft vertretene Vorurteil, Buchpreise würden nur pseudointellektuelles Blahblah honorieren, andererseits wie übelstes Trash-Fernsehen in Buchform.

Kurz davor, das Buch abzubrechen, erinnerte ich mich plötzlich an eine Rezension von Frank O. Rudkoffsky, die mit ähnlichen Vorbehalten beginnt:

Zitat Frank O. Rudkoffsky:
“Nach dem Klappentext erwartete ich eine prekäre Coming of Age-Geschichte vor dem Hintergrund einer drohenden Apokalypse, nach den ersten paar Dutzend Seiten jedoch eher einen bemüht krassen Roman, der zwar bedeutungsschwanger daherkam, am Ende aber wenig Substanz hatte. Kurzum: Ich erwartete meinen ersten Verriss als Buchpreisblogger. (…) Die Erzählhaltung wird erst schlüssiger, als sich die Perspektive auf Charlies eigenes Leben verengt – und der Roman zu meiner Überraschung plötzlich richtig gut wird.”

Ach ja, richtig. Da war ja was.

Da hatte ich sogar einen Kommentar hinterlassen: “Ich werde diese Rezension im Hinterkopf behalten, falls ich im ersten Teil verzweifeln sollte.”

Mit neuer Hoffnung las ich weiter.

Ich kann den Finger nicht auf die exakte Stelle im Buch legen, an der es geschah, aber auf einmal verschob sich etwas in meiner Wahrnehmung, wie bei einem Stereogramm. Was mir eben noch flach und aufgesetzt erschien, kam mir auf einmal so gnadenlos authentisch vor, dass ich richtig erschrak.

Das Buch spart nicht mit Sex, Schleim, Blut und Kotze, und mit einem Mal wirkte das wie mitten aus dem Leben gegriffen.
Allerdings ist es kein schönes Leben: Charlie, die jugendliche Protagonistin, durchlebt eine elende Kindheit, die geprägt ist von Alkohol, Drogen und Gewalt, Hunger.

Dazu kommt, dass ihre Realität beinahe die unsere ist, aber mit einem deutlich apokalyptischen Element: überall liegen die Kadaver toter Tiere, ein nicht näher erklärter Krieg dräut am Horizont, die Ozonwerte erreichen tödliche Ausmaße, so dass die Menschen nur nachts ihre Häuser verlassen können. Da verwundert wenig, dass sich die Verzweifelten zu Hunderten umbringen.

Die Autorin erklärt jedoch nicht, wie es so weit kommen konnte.

Vieles von dem, was Charlie in ihrem Überlebenskampf erlebt, liest sich so realistisch, dass es hier und heute geschehen könnte, Stoff für eine Doko-Soap am sozialen Brennpunkt. Die Apokalypse hingegen bleibt unspezifisch und verzichtet weitgehend auf die Gesellschaftskritik, die normalerweise mit Dystopien einher geht.

Gibt es die Apokalypse überhaupt, oder ist sie nur Sinnbild für den ständig drohenden Untergang von Charlies persönlicher kleiner Welt?

Dass sie nur grob umrissen wird, lässt beide Deutungen zu.

Charlie ist ein komplexer Charakter voller Brüche und scheinbarer Widersprüche: kratzbürstig und verletzlich, unschuldig und sexuell frühreif, grausam und mitfühlend. Mit jedem Kapitel gewinnt sie mehr an Tiefe – sofern sich der Leser auf sie einlässt.

Möglicherweise ist nicht alles, was sie erzählt, die Wahrheit. Möglicherweise glaubt sie dennoch selber daran.

Und im Grunde spielt es auch keine Rolle, denn sie hat eine starke Präsenz, der man sich als Leser nach der anfänglichen Durststrecke nur schwer entziehen kann.

Manchmal wird ihre Geschichte allerdings doch wieder zu schrill, zu bleischwer deprimierend, zu ekelhaft, da geht das Authentische verloren, und welchem Zweck dient das? Ich hatte oft das Gefühl, das hier mehr gewollt als tatsächlich erreicht wird, auch wenn die Sprache immer wieder eine grandiose emotionale Wucht erreicht.

Die anderen Charaktere erschienen mir wie reine Projektionsflächen für Charlies Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse.

Georg und Maria sind jung, glamourös und wohlhabend, sie feiern laute Parties und leben in einem schicken Bungalow, der Welten entfernt ist von Charlies verranzter Sozialwohnung. Nach intensivem Stalking gelingt es dem Mädchen, sich in ihr Leben zu zwängen – aber das könnte auch nur ein Wunschtraum sein.

Ein interessanter Schachzug ist, dass Charlie ihre Geschichte im Rückblick erzählt.

In einer ungewissen Zukunft hat sie sich ein Leben und eine Familie aufgebaut, worauf die Geschichte aber nicht näher eingeht.

Sie bedient sich der zornigen, rotzigen Sprache ihres kindlichen Ichs, man spürt man aber dennoch, dass sie sich aus der Perspektive einer Erwachsenen heraus erinnert. Charlie wird also nicht an einer Überdosis oder im Krieg sterben, und dieses Wissen erlaubt es dem Leser, mit der Geschichte abzuschließen, obwohl tatsächlich alles offen bleibt.

FAZIT

Helene Hegemann erzählt von einer Kindheit irgendwo zwischen extremer Verwahrlosung und Apokalypse. Das erschien mir zunächst zu laut, zu schrill, zu oberflächlich, zu gewollt schockierend… Nach 47 Seiten kriegt die Geschichte doch noch halbwegs die Kurve, aber an diesem Punkt haben viele Leser wahrscheinlich schon aufgegeben.

Nach der Kurve wird das Buch gut, aber es hat immer noch deutliche Schwächen – die jugendliche Protagonistin kann mit intensiver Präsenz allerdings vieles wieder rausreißen.

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75 Bibliotheken, 2 Leser, 3 Gruppen, 52 Rezensionen

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Ermordung des Glücks

Friedrich Ani
Fester Einband: 317 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 11.09.2017
ISBN 9783518427552
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

“Friedrich Ani vereint erneut grenzenlose Traurigkeit, menschliche Abgründe und atemlose Spannung in einem an Melancholie kaum zu übertreffenden Roman.”

Behauptet die Klappbroschur.

Atemlose Spannung? Das kommt wohl drauf an, wie man Spannung definiert, was man von einem spannenden Roman erwartet. Serienmörder, Blutgelage, Verfolgungsjagden? Fehlanzeige. Die Spannung in “Die Ermordung des Glücks” kommt leise und unaufgeregt daher.

Die spezielle Methode des Ex-Kommissars Jakob Franck ist die ‘Gedankenfühligkeit’: eine Art meditative Selbsthypnose, eigentlich das genaue Gegenteil von ‘atemlos’. Da kann es schon mal vorkommen, dass er stundenlang bewegungslos und schweigend auf ein Beweisstück starrt, bis das Beweisstück zu ihm spricht – oder auch nicht.

Aber grenzenlose Traurigkeit, menschliche Abgründe und Melancholie, das trifft es sehr gut. Ich visualisiere Szenen beim Lesen immer sehr stark, und hier habe ich graue Menschen auf grauen Straßen unter grauem Himmel vor mir gesehen, zu einem inneren Soundtrack melancholisch pfeifenden Winds. Man hat das Gefühl, es müsse unaufhörlich regnen in Friedrich Anis Version der Welt.

Zitat:
»Das ist unser Versagen«, rief er. »Wir sind blind und taub und verstaubt, unsere Routine hat uns stumpf gemacht…«

Die Schwermut ist kaum zum Aushalten, man kann erahnen, wie verloren und zerstört sich die Hinterbliebenen in diesem Roman fühlen. Alles bricht auseinander, und dahinter kommen alte Wunden und alte Schuld zum Vorschein.

“Ich fange ein Buch nicht mit der Absicht an, immer noch mehr Finsternis in den Text hineinzuschaufeln. Überhaupt nicht.”
(Friedrich Ani in einem Interview mit der Berliner Zeitung)

Dennoch ist die Finsternis da – und man will trotzdem weiterlesen. 

Jakob Franck überbringt die Nachricht von der Ermordung des Glücks; auch nach seiner Pensionierung fungiert er weiterhin als Todesbote des Kriminalkommissariats. Wenn er nach Hause kommt, sitzen die Toten an seinem Küchentisch und trinken Tee. Wahnvorstellung, paranormale Erscheinung oder Visualisierung des Leids?

Es wird nicht erklärt, und das muss es auch nicht.

Überhaupt lässt der Roman vieles offen, obwohl der Tod des kleinen Lennard am Schluss aufgeklärt ist. Diese Aufklärung erscheint fast nebensächlich, es ist ohnehin niemandem damit geholfen – als wäre es von Anfang an gar nicht darum gegangen, sondern um die Trauer, den Selbstbetrug, das ganze Kaleidoskop menschlicher Emotionen.

Es geht auch darum, was die Trauer mit den Menschen macht.

Zitat:
“Vor drei Monaten war sie die Mutter eines elfjährige Sohnes, und nun, da er tot ist, existiert sie nicht mehr. Jedenfalls stelle ich mir vor, dass sie ihr Dasein für einen Irrtum hält, eine optische Täuschung, eine Beleidigung der Natur.”

Friedrich Ani hat ein feines Gespür für die Gefühle seiner Charaktere; in den Monologen und Dialogen erreichen die Emotionen eine schmerzliche Intensität. Die Charaktere sind in meinen Augen grandios geschrieben, besonders Ex-Kommissar Jakob Franck hat eine ungeheure Präsenz.

Der Schreibstil ist außergewöhnlich, fernab der Klischees. Er besitzt eine Art düsterer Poesie und entwickelt sehr viel Atmosphäre. Nur manchmal erschien mir der Sprachklang nicht authentisch, wenn die eher ungebildete Mutter des kleinen Todesopfers spricht.

FAZIT

Ein kleiner Junge verschwindet und wird 34 Tage später tot aufgefunden. Der pensionierte Kommissar Jakob Franck überbringt den Eltern die schreckliche Nachricht und der Fall lässt ihn danach nicht mehr los, weswegen er sich mit seiner außergewöhnlichen Methode der ‘Gedankenfühligkeit’ in die Ermittlungen einmischt.

Ein tiefgründiger Kriminalroman, der die Emotionen, Geheimnisse und Abgründe der Hinterbliebenen durchleuchtet.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/09/15/rezension-friedrich-ani-ermordung-des-gluecks/

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39 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 7 Rezensionen

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Die Gewitterschwimmerin

Franziska Hauser
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Eichborn , 23.02.2018
ISBN 9783847906445
Genre: Romane

Rezension:

Zornig ist sie, die Gewitterschwimmerin, wütet gegen eigenes Leid und das ererbte Leid ihrer Familie. Wenn sie in den See springt, über dem die Blitze zucken, hofft sie darauf, dass endlich, endlich einer einschlägt und alles vorbei ist.

Ihre Geschichte wird kontrachronologisch erzählt, sie beginnt im Jahr 2011 und bewegt sich von dort sprungweise in die Vergangenheit. Immer wieder erinnert Tamara etwas an den Vater, die Mutter, den Großvater, den Onkel, die Haushälterin ihrer Eltern, und dann wechselt die Perspektive zum zweiten Handlungsstrang. Dieser beginnt im Jahr 1889 und verläuft chronologisch, springt in großen und kleinen Sätzen Richtung Gegenwart, bis sich die beiden Handlungsstränge schließlich begegnen und die Vergangenheit die Gegenwart überholt.

Das ist clever konstruiert – man setzt als Leser die bewegte Familiengeschichte Stück für Stück zusammen, bis sich ein schlüssiges Gesamtbild ergibt.

Es ist kein schönes Bild: die Familie mit jüdischen Wurzeln erlebt nicht nur die volle Härte der Nazizeit, sondern ihre Geschichte ist immer wieder und wieder durchwoben von sexueller Gewalt. Die Frauen der älteren Generationen hinterfragen diese nicht, arbeiten nichts auf, sondern geben ihre Wunden und die Gewalt weiter an ihre Kinder.

Eine Familie, der das berühmte Zitat von Tolstoi wie auf den Leib geschrieben scheint: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Über dieses Unglück wird in der Familie Hirsch jedoch nicht gesprochen – alles wird verschwiegen, verdrängt, verleugnet und letztendlich vererbt.

Die jüngere Generation begehrt auf gegen diesen Zyklus der Gewalt.
Während Tamara ihre seelischen Wunden mit Zorn und ätzendem Spott kaschiert, zerbricht Schwester Dasha nach zahlreichen Klinikaufenthalten an den ihren.

Über Tamaras Erzählperspektive wird auch das Thema DDR aufgegriffen: ihre Familie ist privilegiert, mit Urlaubsreisen ins Ausland, als Bonzentochter kann sie sich einen gewissen Grad an Rebellion erlauben – dennoch fühlt sie sich eingesperrt.

“Die Gewitterschwimmerin” ist keine Biographie, es gibt jedoch Parallelen zur Familiengeschichte der Autorin.
In ihren eigenen Worten:

“Die tatsächliche Geschichte meiner Familie habe ich als Grundlage für diesen Roman verwendet, meine eigene Sichtweise entspricht aber nicht der Sichtweise anderer. Einiges habe ich dazuerfunden und möchte in keiner Weise den Anspruch auf Wahrheit erheben. Nicht alle Personen sind mit meiner Ausführung einverstanden, haben aber freundlicherweise der Veröffentlichung in Form des freien literarischen Romans zugestimmt.”

Tamara führt als überzeugende, kraftvolle Ich-Erzählerin durch den Handlungsstrang, der von der Gegenwart in die Vergangenheit verläuft. Sie ist eine sperrige Persönlichkeit und macht es niemandem leicht, sie zu mögen, auch dem Leser nicht, aber man kann sich ihrer Perspektive kaum entziehen.

Die anderen Charaktere wirken in meinen Augen hingegen oft wie klischeehafte Zerrbilder, überzeichnet und reduziert auf wenige Eigenschaften. Die Männer sind Helden und Täter, die Frauen Opfer und Täterinnen, das wird bei aller Überzeichnung geradezu nüchtern erzählt. Besonders die gefühlskalte Mutter als Täterin bleibt daher unverständlich.

Durch den zweiten Handlungsstrang führt ein auktorialer Erzähler – möglicherweise hätte dem Roman eine zweite Ich-Perspektive gut getan.

So aber tut sich eine Kluft auf zwischen Leser und Geschichte.

Dennoch fand ich es zunehmend schwer, die endlose Aneinanderreihung von Szenen sexueller Gewalt zu lesen: es werden zahlreiche Vergewaltigungen und Situationen des Missbrauchs beschrieben, kaum eine Frau in diesem Buch kommt unversehrt davon. Das wirkte auf mich geradezu voyeuristisch – und zu einem gewissen Grad unnötig, denn der Leser hat doch längst begriffen, wie sehr sich sexuelle Gewalt durch die Familiengeschichte zieht.

Der Schreibstil ist da am besten, wo er gewöhnungsbedürftig ist: in der Ich-Erzählung von Tamara.

Ihre Sprache ist oft derb, aggressiv, plump, direkt – aber dadurch auch durch und durch authentisch. Diese Authentizität lassen die auktorial erzählten Szenen  meines Erachtens oft schmerzlich vermissen.

FAZIT

“Die Gewitterschwimmerin” ist eine interessant konstruierte Familiengeschichte, die einen weiten Handlungsbogen spannt, vom Dritten Reich über die Zeiten der DDR bis in die Gegenwart. Großvater Friedrich überlebt das KZ Dachau, einer seiner Söhne riskiert sein Leben filmreif als Agent des Widerstands – und dennoch ist es gefühlt vor allem eine Geschichte generationenübergreifender sexueller Gewalt.

Bis auf Protagonistin Tamara erschienen mir die Charaktere als zu plakativ gezeichnet. Gerade die Täter – und die meisten Männer und so manche Frau in diesem Buch sind Täter! – begehen ihre Taten verstörend routiniert und bar jeder emotionalen Tiefe.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/09/14/deutscher-buchpreis-2018-franziska-hauser-die-gewitterschwimmerin/

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Dunkle Zahlen

Matthias Senkel
Fester Einband: 488 Seiten
Erschienen bei Matthes & Seitz Berlin, 09.02.2018
ISBN 9783957575395
Genre: Romane

Rezension:

Das erste Blättern durchs Buch:

Aha, ein Abkürzungsvereichnis. ‘GRU GSch WSCCP’ als Abkürzung zu bezeichnen ist gewagt. Direkt danach, als Gegenpol: ein PVLLRN¹. Ich lach mich tot – ein Witzarchiv. Ein Kreuzworträtsel. Ein Comic ohne Bilder. Schwarzweiße Bilder ohne Comic. Das Nachwort auf Seite 94.

An dieser Stelle spüre ich das Kribbeln freudiger Erwartung.

Egal, ob ich das Buch letztendlich hassen oder lieben werde, es wird ein Erlebnis sein. Ich lese die ersten Seiten, die mir nicht viel sagen, und komme zum Inhaltsverzeichnis. Und stutze. Ist das ein Scherz? Unschlüssig hadere ich mit mir. Denn das Inhaltsverzeichnis ist ein Programmablaufplan.

Konventionelle Erzählstruktur: Fehlanzeige. Linear ist was anderes.

Wenn ich das richtig sehe, soll ich auf Seite 223 mit der Geschichte anfangen. Diese springt dann kreuz und quer durchs Buch, es gibt zwei Abzweigungen. Nebenhandlungen? Immer noch weiß ich nicht, ob das ernst gemeint ist, oder ob ich das Buch einfach von der ersten bis zur letzten Seite lesen soll.

Aber ich habe mal Informatik studiert, und ein Programmablaufplan ist ein Programmablaufplan.

Also dann: Seite 223.

[ FORWARD book ]

Einige Tage später:

Das Inhaltsverzeichnis ist ein wildes Gekritzel. Ich habe Jahreszahlen ergänzt, außerdem, welcher Leseabschnitt wie viele Seiten hat.

Damit kann ich jetzt sagen:

Der Ablaufplan ergibt einen chronologischen Weg durch die Geschichte. Die Haupthandlung ist 257 Seiten lang, die beiden Nebenhandlungen, die fürs Verständnis nicht zwingend notwendig sind, 137 und 45 Seiten.

Ich bin unschlüssig, ob der Ablaufplan nur ein Gimmick ist oder ob er der Geschichte eine neue Bedeutungsebene erschließt. Durch das Hin- und Herblättern ergibt sich jedenfalls eine sehr intensive Haptik – ein nettes Element für ein Buch, in dem es viel ums Digitale geht.

[ FORMULA TOO COMPLEX ]
[ ABORT ]

…meine üblichen Rezensionskriterien funktionieren nicht für dieses Buch.

Die Geschichte ist irrsinnig (komplex). Die Charaktere sind zu zahlreich, um auch nur für die Hälfte Mitgefühl zu entwickeln, doch Emotionalität ist hier ohnehin eher Bug als Feature. Von einem Spannungsbogen kann man kaum sprechen, so weit ist die Handlung heruntergebrochen auf einzelne Bausteine, und nicht alle Themen werden bis zum Schluss verfolgt.

Im Rahmen der Geschichte macht das Sinn, soll dieser Roman doch das unvollendete Werk einer verloren gegangenen Literaturmaschine sein, und Matthias Senkel nur dessen Übersetzer.

Ich bin kein Experte für experimentelle Literatur, aber sollte mich in Zukunft jemand bitten, ihm ein experimentelles Buch zu empfehlen (die Wahrscheinlichkeit geht gegen 0), wird meine Wahl auf “Dunkle Zahlen” fallen. Denn auch wenn es bisher so klang, als habe mir das Buch nicht gefallen, bin ich tatsächlich sehr froh, es gelesen zu haben.

Es ist intelligent, ambitioniert, einfallsreich, exzellent recherchiert, immer wieder überraschend, manchmal verspielt.

Die Haupthandlung gibt einen ungewöhnlichen Einblick in die sowjetische Lebenswirklichkeit der Zeit, in die Absurditäten der Ideologie und das Leben der Menschen, die sich dieser Ideologie unterordnen (müssen). Man glaubt an den technologischen Fortschritt und kann doch gleichzeitig die grundlegendsten Bedürfnisse der Menschen nicht erfüllen.

Viele kleine Episoden, eine irrwitziger als die andere, setzen sich zusammen zu einem chaotischen Gesamtbild, das erstaunlich viel Spaß macht.

Es geht um Planwirtschaft und den Kalten EDV-Krieg, um Vetternwirtschaft und Alkoholismus, und als wäre das nicht genug, auch noch um Spionage, Juri Gagarin, russische Literatur und einen sprechenden Fisch. Ach ja, auch ein Hauch Dystopie darf  nicht fehlen.

Vieles ist historisch belegt, und was erfunden ist, fügt sich nahtlos in den zeitgeschichtlichen Rahmen ein. Die Spartakiade, die einen großen Teil der Handlung ausmacht, hat es nie gegeben, aber es hätte sie ohne Zweifel geben können. Auch die Vorstellung, der KGB könne einen Wettstreit junger Programmierer für seine Zwecke nutzen, erscheint plausibel.

Eine der großen Stärken des Romans wird jedoch gelegentlich zu seiner größten Schwäche.

Manchmal nimmt die an sich wunderbare Detaillverliebtheit des Autors meines Erachtens überhand, dann entwickelt die Geschichte empfindliche Längen. Das reicht jetzt, habe ich mir dann gedacht.

Das reicht jetzt.
______________________
¹ Personenverzeichnis voller langer, langer russischer Namen.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/09/10/deutscher-buchpreis-2018-matthias-senkel-dunkle-zahlen/

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26 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

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Der Vogelgott

Susanne Röckel
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Jung u. Jung, 02.03.2018
ISBN 9783990272145
Genre: Romane

Rezension:

“Der Vogelgott” ist ein Roman, der Assoziationen weckt, vor allem mit Kafka, aber auch Edgar Allen Poe und H.P. Lovecraft klingen an. Meine Notizen strotzen nur so vor Begriffen wie “befremdlich”, “bösartig” und “bedrohlich”, aber auch “unwiderstehliche Sogwirkung” habe ich mir direkt dreimal notiert. Wenn ich das Buch in nur einem Satz beschreiben müsste, würde ich meine Gedanken wie folgt zusammenfassen:

Susanne Röckel hat mit “Der Vogelgott” einen schwarzromantisch-abgründigen Schauerroman geschrieben.

Dieses Genre war vor allem im 18. und 19. Jahrhundert beliebt, aber die Autorin zeigt eindrucksvoll, dass Schauerliteratur auch in einem modernen Setting funktionieren kann. Ein gewisses Gefühl des Anachronismus unterstreicht dabei nur die Wirkung ihres Romans.

Sie erzählt die Geschichte des begeisterten Ornithologen Konrad Weyde und seiner erwachsenen Kinder Thedor, Dora und Lorenz. Vier Menschen mit gänzlich verschiedenen, in vielerlei Hinsicht sogar konträren Lebenssituationen und Naturellen – und dennoch verwebt sich ihrer aller Leben mit dem unheilvollen Kult des Vogelgottes.

Es beginnt damit, dass Vater Konrad einen greifenähnlichen Vogel erlegt und damit die Weichen stellt für eine Reise ins Herz der Finsternis.

Thedor, der sein Medizinstudium abgebrochen hat, lässt sich von einem Fremden für ein Hilfsprojekt in Afrika rekrutieren, wo die Geschehnisse eskalieren und in einem archaischen Blutbad enden. Die angehende Kunsthistorikerin Dora entdeckt, dass ein kitschig-süßliches Madonnenbild über ein anderes Bild gemalt wurde, das schreckliche Vogelgestalten oder möglicherweise böse Engel zeigt. Der Journalist Lorenz schließlich beschäftigt sich mit den furchtbaren Albträumen, die zahllose Kinder der Stadt plagen und die sich erstaunlich ähneln.

Sie alle begegnen (ohne es zu ahnen) menschlichen Boten des Vogelgotts, die einen leichten Aasgeruch verströmen und sowohl widerwärtig als auch charismatisch erscheinen. Das Vogelmotiv zieht sich durch ihre Geschichten – mal sind Vögel dabei die Personifizierung der Angst, mal das Symbol des abgrundtief Bösen.

Was den vier Weydes widerfährt, liest sich wie ein Albtraum.

Die Zivilisation, so scheint es, ist wenig mehr als Blendwerk. Darunter verbirgt sich eine mythologische Naturgewalt, der der Mensch wenig entgegenzusetzen hat. Immer wieder wird ihnen Hilfe verweigert oder sie werden von anderen Menschen ignoriert – im buchstäblichen Sinne hilflos werden sie mitgerissen von ihren Erlebnissen.

Da sich die Geschichten der Geschwister überlappen, sieht man manche Geschehnisse oder Personen aus verschiedenen Perspektiven. Motive wiederholen sich und verstärken dadurch die Aura des Unvermeidlichen.

Realistisch ist das nicht und will es auch nicht sein.

Die Schauplätze bleiben angedeutet und vage, der Leser kann die Lücken also beliebig mit Orten seiner eigenen Lebenswirklichkeit füllen.

Wie zu Beginn meiner Rezension bereits erwähnt, taucht “unwiderstehliche Sogwirkung” in meinen Notizen dreimal auf, und tatsächlich fiel es mir schwer, den Roman auch mal zur Seite zu legen. Das ist jedoch keine Spannung, die sich mit der eines Thrillers vergleichen lässt – eher mit der eines Gruselkabinetts oder einer Geisterbahn.

Die Charaktere sind zwiespältige Gestalten.

Sie wirken authentisch, wie Menschen aus Fleisch und Blut, und zugleich wie Personifizierungen des menschlichen Strebens nach Sinn – wie die Charaktere in Kafkas Werken sind sie dabei scheinbar zum Scheitern verurteilt.

‘Verschwinden’ hieß das Lieblingsspiel von Thedor, Dora und Lorenz, als sie Kinder waren: ein sehr ähnliches Spiel wie ‘Verstecken’, aber ohne den Wunsch, gefunden zu werden. Und auch das zieht sich wie ein Leitmotiv durch ihre Geschichte.

Der Schreibstil ist klar und dennoch immer am Rande des Absonderlichen.
Die Geschichte verliert nie das Flair des unterschwellig Bedrohlichen, und Wörter wie “krächzend” schleichen sich in die verschiedensten Situationen, so dass das Vogelmotiv immer präsent ist.

FAZIT

Ein Vater und seine drei erwachsenen Kinder geraten auf verschiedensten Wegen in den Dunstkreis eines archaischen Kultes, der einen Vogelgott verehrt. Das ist weder Thriller noch Fantasy, sondern am ehesten ein schwarzromantischer Schauerroman, der an Kafka, Poe und Lovecraft erinnert.

Ich fand das Buch großartig, habe aber auch schon wenig begeisterte Stimmen gehört. Vielleicht kann Kafka als Prüfstein herhalten: wer seine Werke schätzt, wird vermutlich auch dem Vogelgott etwas abgewinnen können, und umgekehrt.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/09/09/deutscher-buchpreis-2018-susanne-roeckel-der-vogelgott/

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55 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

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Hitze

Jane Harper , Ulrike Wasel , Klaus Timmermann
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 24.07.2018
ISBN 9783499272509
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

HANDLUNG

Die Rekordhitze in der australischen Kleinstadt Kiewarra wird zur Zerreißprobe: das Vieh verendet elendig, die Menschen reagieren mit Zorn und Verzweiflung auf die Bedrohung ihrer Existenz. Da halten die meisten es für absolut nachvollziehbar, dass Luke Hadler einfach durchgedreht ist und sich selbst, seine Frau und seinen kleinen Sohn in einem Anfall von Hitzewahnsinn erschossen hat. Seine Eltern jedoch suchen nach einem anderen Schuldigen und wenden sich an Lukes Kindheitsfreund Aaron Falk, der die Stadt vor zwanzig Jahren verlassen hat und inzwischen bei der Polizei ist.

Aber Aaron ist in der Stadt nicht willkommen, denn man verdächtigt ihn, damals am Tod eines jungen Mädchens schuldig oder zumindest mitschuldig gewesen zu sein. Bei der Hitze kochen auch die Temperamente hoch.

MEINE MEINUNG

Das Buch gibt es mit zwei verschiedenen Titelbildern. Denn 2016 erschien es unter “The Dry” (dem Originaltitel) und 2018 unter dem Namen “Hitze”. Fast hätte ich die neue Ausgabe daher gekauft, obwohl ich die Hörbuchversion der alten Ausgabe schon besaß!

Für das maximale Erlebnis liest man den Thriller vielleicht am besten im Hochsommer.

Die schwelende, erstickende Hitze zieht sich durch das ganze Buch, sie ist eine ganze reale Bedrohung, die nichts mit Serienkillern oder Rachemorden zu tun hat. Da klebt beim Lesen quasi die Zunge am Gaumen. Überhaupt ist Jane Harpers Schreibstil ungemein lebendig,  mit einer sehr dichten Atmosphäre. Er spricht alle Sinne an, so dass man wirklich das Gefühl hat, die Hitze fast schneiden zu können.

Aber ganz abgesehen von der Thriller-Handlung hat mich vor allem die Darstellung der Menschen in dieser kleinen Stadt fasziniert.
Die Autorin präsentiert sie mit all ihren verzwickten Beziehungen, ihren Vorurteilen, ihren Konflikten und ihrer unterschwellig gärenden Wut. Einerseits will die kleine Gemeinschaft zusammenhalten, andererseits hat man das Gefühl, dass es nur einen Funken braucht, um den metaphorischen Flächenbrand auszulösen.

Der Tod von Ellie Deacon vor zwanzig Jahren – vielleicht ein Selbstmord, vielleicht ein Mord – könnte nach all der Zeit immer noch der Zunder sein und Aaron Falks Rückkehr der Funke.

Die Charaktere konnten mich vollends überzeugen.Sie sind sehr authentisch und werden sehr realistisch beschrieben, so dass man schnell ein Gefühl für ihren Charakter und ihre Motive bekommt.

Die Spannung entwickelt sich in zwei Handlungssträngen:

War Luke wirklich derjenige, der seine ganze Familie ausgelöscht hat – und wenn nein, wer war geschickt genug, es so aussehen zu lassen? Hat Ellie sich umgebracht – und wenn nein, wer war es? Fest steht: Luke und Aaron haben damals beide gelogen.

Die Auflösung des einen Handlungsstrang hat mich voll überzeugt, obwohl ich es fast schon geahnt hatte. Die Auflösung des anderen Handlungsstrangs wartet mit einer großen Wendung auf, kam mir aber nicht 100%ig glaubhaft vor. Das Verhalten eines Charakters weicht sehr drastisch von dem ab, was ich für diesen Charakter für schlüssig gehalten hätte.

Dennoch fand ich das Buch in beiden Handlungssträngen durchgehend sehr spannend.

FAZIT

Ein Familienvater erschießt sich, eine Frau und seinen kleinen Sohn. Sein Jugendfreund Aaron Falk, der vor zwanzig Jahren die Stadt verlassen hat und inzwischen bei der Polizei ist, kommt zur Beerdigung und wird von den Eltern gebeten, zu untersuchen, ob da nicht doch jemand anderes abgedrückt hat. Sehr willkommen ist Falk in der kleinen Stadt jedoch nicht, denn viele Einwohner glauben nach wie vor, dass er als Jugendlicher seine Freundin Ellie Deacon ermordet hat.

Mir hat der Thriller wirklich sehr gut gefallen, mir gefiel besonders die psychologisch interessante Darstellung der menschlichen Verwicklungen in dieser kleinen Stadt.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
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78 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 14 Rezensionen

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Trümmerkind

Mechtild Borrmann
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Droemer Taschenbuch, 01.12.2017
ISBN 9783426304921
Genre: Romane

Rezension:

Grundidee:

Mechthild Borrmann nimmt sich der niemals aufgeklärten Hamburger Trümmermorde von 1947 an und macht daraus eine eindringliche Studie der Nachkriegszeit: sie beleuchtet das unermessliche Leid der Menschen, aber auch ihren Mut, ihr Mitgefühl und ihre Entschlossenheit.

Spannungsbogen:

Die Morde bilden eher den Hintergrund der Geschichte, die Spannung entsteht vor allem dadurch, dass die Charaktere mit Hunger, marodierenden Soldaten und der extremen Kälte eines Jahrhundertwinters zu kämpfen haben.

Schlüssigkeit / Glaubhaftigkeit:

Die Autorin hat die Zeit offensichtlich sehr gut recherchiert: zwei der drei Handlungsstränge spielen im Hungerwinter und fügen sich schlüssig in die Gesamtgeschichte, bis hin zu einer Auflösung mit einer schockierenden Wende.

Charaktere:

Die Charaktere sind unglaublich authentisch, sie wachsen dem Leser schnell ans Herz – und man fragt sich beklommen, wie aus der liebenswerten jungen Clara der Vergangenheit die verbitterte alte Frau der Gegenwart werden konnte. Die Antwort überrascht und überzeugt.

Schreibstil:

Der Schreibstil ist klar, dabei aber auch lebendig und atmosphärisch dicht: man kann die Kälte quasi spüren und die Geschehnisse vor sich sehen.

FAZIT

Das Buch konnte mich voll und ganz überzeugen, es bietet einen sehr spannenden und bewegenden Einblick in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg.

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32 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

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Shylock

Howard Jacobson , Werner Löcher-Lawrence
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Knaus, 11.04.2016
ISBN 9783813506747
Genre: Romane

Rezension:

Von der Struktur her ist “Shylock” eine Chimäre: ein unentschlossenes Mischwesen aus Theaterstück und Roman, in meinen Augen nur halbwegs geglückt.

Durch die Aufteilung in Akte erinnert das Buch an Shakespeares Drama, auch die dialog- und monologlastige Sprache lässt das Theater anklingen. Dieser Klang hat für mich jedoch deutliche Misstöne – die Sprache fühlt sich unnatürlich an für die modernen, zum Teil jugendlichen Charaktere.

Viele dieser Charaktere sind meines Erachtens ohnehin zu provokant überzogen, zu wenig differenziert und authentisch für einen Roman.

In einem Theaterstück hat jeder Charakter nur eine begrenzte Zeit, um dem Zuschauer sein Wesen und seine Motive zu vermitteln, deswegen ist dort eine gewisse Vereinfachung und Übersteigerung unumgänglich, aber in einem Roman fällt diese Notwendigkeit weg. Wird dennoch vereinfacht und übersteigert, werden aus Charakteren schnell Parodien oder Klischees, und genau das passiert hier meiner Meinung nach.

Der Kunstsammler Simon Strulovitch nimmt die Rolle des Shylock ein, seine frühreife Tochter Beatrice die Rolle von Shylocks Tochter Jessica. Das verwöhnte reiche Social-Media-Sternchen Anna Livia Plurabella Cleopatra Eine-Schönheit-ist-eine-ewige-Freude-weiser-als-Salomon Christine (der Name ist Programm) gibt die Portia, während ihr Bekannter D’Anton das moderne Äquivalent des Kaufmanns Antonio darstellt. Auch bei anderen Charakteren kann man erahnen, welcher Charakter aus “Der Kaufmann von Venedig” ihnen Pate gestanden hat.

Die beiden Frauengestalten in “Shylock” fand ich sehr fragwürdig: sie gehen extrem (!) jung  sexuelle Beziehungen ein und haben beide einen Vaterkomplex mit inzestuösem Unterton. Strulovitch denkt beängstigend oft darüber nach, wie verführerisch seine Tochter ist.

Interessanterweise tritt Shakespeares Shylock selber in der Geschichte auf.

Am Anfang hielt ich ihn für reines Gedankenspiel des bekennenden Shakepeare-Liebhabers Strulovitchs. Aber im Laufe des Buches interagieren auch andere Charaktere mit Shylock, er ist also ein Mensch aus Fleisch und Blut – gleichzeitig ist er ebender Shylock aus dem Venedig des 16. Jahrhunderts.

Wie das möglich ist, bleibt unerklärt, und Strulovitch hinterfragt es kaum.
Sei’s drum, denn die Dialoge zwischen Shylock und Strulovitch – scharfsinnig, manchmal humorvoll, immer zum Nachdenken anregend – sind für mich das Highlight und Herzstück des Buches.

Shylock ist immer noch der Shakespeare-Shylock, wie er leibt und lebt: sein Sprachrhythmus, sein ätzender Humor, sein zwiespältiges Wesen. Strulovitch neidet ihm seine Kompromisslosigkeit, und letztlich ist er deswegen dazu verdammt, Shylocks Schicksal zu wiederholen.

Aber so sehr ich die Dialoge zwischen Shylock und Strulovtich auch genoss, stellte sich doch irgendwann Überdruss ein.

Ihre Gespräche drehen sich immer wieder um dasselbe Thema, aus demselben Blickwinkel.

Es geht um das Judentum, das traditionelle sowie das moderne, und das jüdische Selbstverständnis in einer nicht-jüdischen Gesellschaft. An sich ein hochinteressantes Thema, aber es dreht sich zu sehr um sich selbst und verliert dadurch an Substanz. Strulovitch, der antisemitische Vorurteile beklagt, unterteilt die Menschen rigoros in “die Christen” und “die Juden”, ohne sich einer Doppelmoral bewusst  zu sein.

Shylock vertritt den Standpunkt des traditionellen Judentums, während Strulovitch sich als moderner Jude über die Religion erhaben fühlt. Doch als seine Tochter einen Christen heiraten will, nimmt Strulovitch auf einmal antiquierte Vorstellungen an.

Und hier wird die Geschichte absurd.

Aus dem Drama wird eine Posse: die meisten nicht-jüdischen Charaktere zeigen sich auf einmal plump antisemitisch – Plurabelle und D’Anton lachen hysterisch über Schmähbegriffe wie “Hakennase”, Beatrices Liebhaber Graham zeigt den Hitlergruß –, und Strulovitch ist fest entschlossen, besagtem Liebhaber die Vorhaut zu rauben und ihn dadurch quasi zum Juden zu machen.

Durch konstruierte Ereignisse ergibt es sich, dass D’Anton für die Sache einstehen muss.

Die Vorhaut stellt also das Pfund Fleisch dar, das Shylock im Originaldrama von seiner Nemesis Antonio fordert, aber das ergibt absolut keinen Sinn: welchen Sinn macht es für Strulovitch, die Vorhaut eines anderen Mannes als Ersatz zu akzeptieren? Dadurch wird der Liebhaber seiner Tochter jedenfalls nicht zum Christen – wobei die Vorstellung, dass man einen Mann durch Beschneidung zum Christen machen kann, natürlich von vorneherein absurd ist.

FAZIT

Im Grunde lässt sich das Originaldrama herunterbrechen auf:

Einem Juden wird viel Unrecht getan. Er muss sich tagtäglich herumschlagen mit Vorurteilen, hat dadurch auch echte Nachteile und fühlt sich gedemütigt. Als sich eine Chance bietet, sich an einem seiner Peiniger zu rächen, bringt sein Zorn ihn dazu, maßlos in seiner Grausamkeit zu werden.

Aus einer modernen Adaption hätte man viel machen können, aber für ich ist die Umsetzung leider nicht gelungen.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

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Ich habe nicht geschossen, nur ein bisschen

Patrick Burow
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 10.08.2018
ISBN 9783548377650
Genre: Humor

Rezension:

Patrick Burow berichtet von ausgefallenen Ausreden vor Gericht – manche amüsant, einige kreativ, viele dämlich und ein paar wenige schockierend. Dabei sind die Fälle unterteilt in verschiedene Kategorien, von Drogendelikten über Verkehrssünden bis hin zu Körperverletzung und Mord. Jedem Fall folgen entsprechende Links, so dass man sich genauer informieren kann, wenn man das will.

Ich hatte mir mehr von dem Buch versprochen. Für mich überwiegen die Fälle, die mir nur ein müdes Schmunzeln entlockten, weil die Ausreden einfach zu dumm waren – für mich war das nicht mal mehr lustig, aber vielleicht ist es auch einfach nicht mein Humor. (Obwohl ich normalerweise einen sehr schwarzen Humor habe.)

Am Ende jedes Kapitels stehen Ausreden, die man nicht benutzen sollte, und diese sind anscheinend frei erfunden und so dermaßen überzogen, dass sie nur noch lächerlich sind. Ich hatte das Gefühl, dass die Ausreden vor allem das Buch ein wenig strecken und lustiger machen sollen – was für mich nicht funktioniert hat. Auch hier gilt aber: vielleicht ist es einfach nicht mein Humor!

Manche Geschichten wiederholen sich auch, so findet sich die Geschichte des Mannes, der seine Frau angeblich bei der Rattenjagd erschossen hat, unter “Das Buch”, im Vorwort und dann später nochmal im entsprechenden Kapitel.

FAZIT

Patrick Burow versammelt in seinem Buch eine Vielzahl von haarsträubenden Ausreden vor Gericht. Einige davon fand ich leider nur mäßig interessant oder amüsant, und ich hatte das Gefühl, dass das Buch künstlich gestreckt wird mit frei erfundenen, überzogenen Ausreden, die man laut Autor nicht benutzen sollte.

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42 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 10 Rezensionen

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Hier ist noch alles möglich

Gianna Molinari
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 13.07.2018
ISBN 9783351037390
Genre: Romane

Rezension:

Hier ist noch alles möglich, und doch geht es in diesem Buch vor allem um Grenzen. Überall nimmt die namenlose Ich-Erzählerin sie wahr, in Form von Zäunen, Mauern, Gruben, Warnschildern, und gleichzeitig beobachtet sie die Bedrohung dieser Grenzen. Die Pflanzen, die einfach hindurchwuchern, der Rost, der sich ebenfalls nicht um Zäune schert, und natürlich der Wolf, der einfällt in die geordnete menschliche Welt – oder auch nicht.

Konkrete Grenzen verschwimmen mit der diffusen Angst vor dem Verlust des Vertrauten.

Ein Angestellter glaubt, den Wolf auf dem Fabrikgelände gesehen zu haben, und der Chef reagiert maßlos: er stellt eine zusätzliche Nachtwächterin ein (die Erzählerin), lässt eine Fallgrube ausheben und Tellereisen legen. Dabei hat er Probleme, die für seine Lebenswirklichkeit viel dringlicher sind, denn seine Fabrik steht kurz vor dem Aus.

Angesichts der drohenden Katastrophe wird der Wolf (unbewusst) zum vermeintlich lösbaren Ersatzproblem.

Man kann die beschriebenen Grenzen auf vielerlei Arten interpretieren: geographisch, persönlich, soziologisch.

Die Autorin knüpft jedoch auch eine eindeutige Verbindung zur Flüchtlingsthematik, indem sie eine wahre Geschichte in ihren Roman integriert: ein Flüchtling versteckt sich im Fahrwerk eines Flugzeugs, erfriert während des Flugs und seine Leiche stürzt beim Landeanflug, als die Triebwerke wieder ausgefahren werden, 800 Meter in die Tiefe. Die Grenze überschreitet er nur im Tod.

Die Erzählerin ist fasziniert von seiner Geschichte, klettert schließlich sogar selbst heimlich in ein Triebwerk – die Gefahr bleibt für sie jedoch nur ein kurzes Experiment.

Zitat:
„Ich zweifle daran, dass die Sicherheit, in der ich lebe, der Realität entspricht. Ich sehne mich nach Unsicherheit, nach mehr Echtheit vielleicht, nach Wirklichkeit. Ich möchte unterscheiden können, was wichtig ist und was nicht. Ich möchte Teil einer Geschichte sein oder vieler Geschichten zugleich.“

Der Verhalten der Erzählerin erscheint oft paradox.

Sie sucht nach einem Ort, an dem noch alles möglich ist – und glaubt, ihn gefunden zu haben an einem Ort, wo im Grunde nichts mehr möglich ist. Sie ist unendlich neugierig, saugt Wissen in sich auf, beobachtet bis ins kleinste Detail, hinterfragt alles, denkt sich Geschichten aus – gleichzeitig ist sie eine Inselpersönlichkeit, die sich zurückzieht in sich selbst. Passenderweise zeichnet sie viele kleine Inseln in ihre Notizen, ohne dies weiter zu erklären.

Es wundert wenig, dass sie verdächtigt wird, als im Ort Phantombilder einer Bankräuberin auftauchen, die ihr vage ähnlich sieht. Auf einmal wird sie für die Menschen in ihrem Umfeld zum Fremden und damit Bedrohlichen – sogar sie selbst kommt ins Zweifeln.

Überhaupt ist (Selbst-)Wahrnehmung in diesem Roman ein ebenso allgegenwärtiges Thema wie Grenzen.

Zitat:
“Solange keine Aufnahmen des Wolfes existieren, existiert auch der Wolf nicht.”

Die Erzählerin spricht in geradezu nüchternen Sätzen, sie wird nie spürbar emotional. Trotzdem entwickelt sie eine sehr prägnante Persönlichkeit, die den Leser neugierig macht und dadurch in eine Geschichte lockt, in der scheinbar nur wenig passiert, die aber eine Vielzahl von Bedeutungsebenen bietet.

Die Geschichten, die sie sich ausdenkt, werden zum Wegweiser durch ihr Seelenleben.

Der Schreibstil ist einfach, mit kurzen Sätzen und zahlreichen Aufzählungen. Unterbrochen wird er von kleinen Zeichnungen und einigen Fotos, deren Bedeutung sich nicht immer direkt erschließt. Der Schreibstil passt meines Erachtens perfekt zur Geschichte, denn er lässt dem Leser den Freiraum, alles selber zu entdecken und zu interpretieren.

Ich habe das Buch zweimal hintereinander gelesen und beim zweiten Lesen bemerkt, dass viele Motive im Laufe des Buches immer wieder aufgegriffen werden und dadurch Verbindungen und Querverweise schaffen.

FAZIT

Eine namenlose Frau nimmt eine Stelle als Nachtwächterin in einer Fabrik an, die kurz vor der Schließung steht. Auf dem Gelände soll sich ein Wolf herumtreiben, daher baut sie auf Wunsch des Chefs mit einem Kollegen eine Fallgrube. Zwischendurch beschäftigt sie sich mit dem Schicksal eines Flüchtlings, der tot vom Himmel fiel.

So ließe sich die Handlung zusammenfassen, aber beim Lesen kann viel entdecken, was über die reine Handlungsebene hinausgeht. Ich vermute, dass das ein sehr individueller Prozess ist und das Buch für keine zwei Leser die exakt gleiche Bedeutung hat.

Ich werde noch länger über das Buch nachdenken. Über Grenzen. Über die Angst vor dem Unbekannten und die Trügbarkeit der Wahrnehmung. Dennoch ist es für mich kein ‘verkopftes’ Buch, sondern durchaus unterhaltsam.

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

Lunars Kinder

Ardy K. Myrne
Flexibler Einband: 444 Seiten
Erschienen bei epubli, 12.07.2018
ISBN 9783746741895
Genre: Fantasy

Rezension:

Wie in vielen Fantasyromanen kommt auch hier der jugendlichen Heldin eine Schlüsselrolle im Schicksal ihrer Welt zu. Sie entdeckt einzigartige Fähigkeiten, erweckt die Aufmerksamkeit von sowohl Gut als auch Böse, kommt an ihre Grenzen und darüber hinaus, und eine Liebesgeschichte darf natürlich nicht fehlen.

Dennoch ist “Lunars Kinder” in meinen Augen erfrischend originell und alles andere als schnöde Dutzendware.

Was mich an diesem Buch besonders beeindruckte, war die Kreativität, mit der die Geschichte zum Leben erweckt wird: die Lebendigkeit und Komplexität der beschriebenen Welt und des Landes Ardana. Ihre Kultur, Religion und Geschichte kommen zusammen zu einem überaus farbenfrohen Bild, das dennoch glaubhaft wirkt.

Gut gefallen haben mir zum Beispiel die Seelentiere, die ein Bündnis mit einem Menschen eingehen, um ihm zu helfen, seinen wahren Namen zu beschützen.

Der Schreibstil hat mich ebenfalls bezaubert.

Er punktet nicht nur mit liebevollen Details und wunderbaren Bildern und Metaphern, sondern hat auch eine ganz eigene Sprachmelodie, die mir sehr gut gefallen hat. Er beschwört viel Atmosphäre herauf, so dass man eine Szene geradezu vor sich sehen kann.

Die Charaktere punkten mit Vielschichtigkeit.

Alle haben ihre Motive und ihre persönliche Geschichte, die mehr aus ihnen macht als billige Fantasyklischees. Besonders Ardetha wandert oft entlang des schmalen Grats zwischen Gut und Böse, obwohl ihr das selbst nicht immer bewusst ist; sie macht im Buch eine große Entwicklung durch, begibt sich aber auch auf Irrwege – und genau das macht sie so menschlich und interessant.

Der für mich interessanteste Charakter ist jedoch Schwertmeister Keir: ein legendärer Dämonentöter, der für eine Zeremonie als Göttergemahl ausgewählt wird. Ardetha und der Leser wissen lange nicht, ob man ihm vertrauen kann, und im Laufe des Buches enthüllt er viele Aspekte seiner Macht und seiner Persönlichkeit.

Verglichen mit Keir blieb der junge Wanderer Kaden, in den sich Ardetha verliebt, ein wenig blass.

Für meinen Geschmack verliebt sie sich auch etwas zu schnell in ihn. Er steht lange am Rande der Handung, da er Ardetha bei ihrer großen Aufgabe kaum helfen kann, so dass ich nicht das Gefühl hatte, ihn so gut zu kennen wie die anderen Hauptcharaktere – aber vielleicht wird sich das in Folgebänden noch ändern.

Sehr angenehm fand ich übrigens, dass Ardetha eine Vielzahl von Freundinnen hat, die sie immer wieder unterstützen und beraten. Starke Frauenfreundschaften sind etwas, das in Fantasyromanen allzu oft fehlt!

Die Geschichte wartet mit einigen unerwarteten Wendungen auf.
Und auch diese sind weit entfernt von den üblichen Fantasyklischees, so dass ich die Geschichte immer hochspannend und interessant fand. Am Ende war ich allerdings sehr überrascht, da das Buch in manchen Dingen relativ offen endet. Ich hoffe auf einen Folgeband!

Fazit

Verfolgt vom Dämon ‘Dunkler Mond’, geleitet durch Hohepriesterin Arkane, unterrichtet von Schwertmeister Keir, verliebt in den jungen Wanderer Kaden. Der jungen Ardetha kommt als ‘Mondwaise’ eine große Bedeutung für ihr Volk zu, und als ein Fluch sie in ein Monster verwandelt, muss sie lernen, wo die Grenzen zwischen Gut und Böse liegen.

Ich fand das Buch sehr originell und wunderbar lebendig geschrieben, auch die Charaktere sind vielschichtig und interessant. Die Liebesgeschichte war für mich das schwächste Element des Buches, aber das tat dem Buch im Ganzen für mich keinen Abbruch.

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23 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 20 Rezensionen

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The Stranger - Wer bist du wirklich?

Saskia Sarginson
E-Buch Text: 325 Seiten
Erschienen bei beTHRILLED by Bastei Entertainment, 01.06.2018
ISBN 9783732547173
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die Handlung beginnt mit zwei Todesfällen: einer ein schrecklicher Unfall, der andere die Folge einer heimtückischen Krankheit. Da in beiden Fällen kein Fremdverschulden vorzuliegen scheint, gibt es auch keinen Grund für Ermittlungen, und die jeweiligen Hinterbliebenen müssen versuchen, mit ihrem Leben so gut wie möglich weiterzumachen.

Eleanor ist die Witwe des Unfallopfers, William. Ein halb vollendeter Brief, eine Tasche mit Frauenkleidung, die sie in seinen Hinterlassenschaften findet, und die Barabhebung einer großen Summe lassen sie daran glauben, dass ihr Mann sie betrog und im Begriff stand, sie zu verlassen. Sie schweigt darüber, denn sie kann sich nicht überwinden, es jemand anderem gegenüber auszusprechen und dem Verdacht dadurch Wahrheit zu verleihen.

Dennoch stehen zunächst nicht Williams Tod, sondern Eleanors Weiterleben und ihr neuer Alltag im Fokus der Ereignisse. Einige Monate vergehen, sie beginnt zaghaft, sich auf eine neue Beziehung einzulassen, als der Fremde auf einmal in ihr Leben tritt…

Die Autorin verwebt mehrere Handlungsstränge auf verschiedenen Zeitebenen geschickt, ohne dass man zu früh erahnen kann, wohin die Reise geht. Jeder, so stellt sich schnell heraus, hat hier seine Geheimnisse. Mal mehr, mal weniger unheilvolle.

Dabei steht der Fremde im Zentrum, weil er in dem eingeschworenen Dorf, in dem Eleanor lebt, vieles verkörpert – vor allem Fremdenhass und Bigotterie. Er ist Rumäne, ehemaliger Trapezkünstler und hat seine Wurzeln im Volk der Roma, und damit ist er in den Augen der Dörfler automatisch verdächtig. Als Eleanor ihm Arbeit und Unterkunft anbietet, zieht sie einen Teil des Zorns und der Angst auf sich, denn sie und ihr Mann waren ohnehin nur ‘Zugezogene’, nicht weit entfernt von Fremden.

»Wir mögen hier keine Ausländer«

Das wird ihr ganz unverblümt gesagt, und als sie darauf nicht wie gewünscht reagiert, wird daraus ‘Keiner will dich hier’. Während die braven Christenmenschen des Dorfes gegen Ausländer wettern, veranstalten sie eine Tombola zugunsten von syrischen Waisenkindern und fühlen sich dabei mildtätig und aufgeschlossen, ohne an ihrer Doppelmoral zu ersticken.

Ich war überrascht davon, was für ernste, gesellschaftskritische Themen in diesem Roman angesprochen werden, aber ich zögere, näher darauf einzugehen, um nicht die ein oder andere Überraschung schon vorweg zu nehmen. Der Autorin gelingt es jedenfalls wunderbar (und ganz ohne erhobenen Zeigefinger!), diese Themen in eine vielschichtige, komplexe Handlung einzubauen, die eines Thrillers würdig ist.

Allerdings ist es die Art von Thriller, die ohne viel Gewalt und Blutvergießen Spannung aufbaut.

Mir hat das sehr gut gefallen – ein Thriller kann für meinen Geschmack gerne auch mal ruhiger oder sogar langsamer verlaufen, ohne dass es langweilig wird. Hier war es die Mischung aus Geheimnis und Gesellschaftskritik, die mich überzeugt hat.

Auch die Charaktere gefielen mir gut, vor allem Elli, aus deren Sicht wir die Ereignisse sehen. Ich konnte ihre Gefühle gut nachvollziehen und ich habe bewundert, sie sie für das einsteht, was sie glaubt. Es wäre für sie viel einfacher gewesen, den Fremden einfach beim ersten Gegenwind rauszuschmeißen.

Gerade die zwiespältigen Charaktere fand ich aber auch gut geschrieben.
Man weiß wirklich lange nicht, wem man trauen kann und wem nicht – dass es die ein oder andere romantische Entwicklung gibt, ändert daran nichts, aber der Zwiespalt sorgt dafür, dass es nicht zu kitschig werden kann.

Der Schreibstil hat mich ebenfalls angesprochen, er ist locker, hat aber viel Atmosphäre und baut auch Spannung auf.

FAZIT

Will verunglückt volltrunken mit seinem Auto. Seine Frau versteht die Welt nicht mehr, denn erstens trank ihr Mann keinen Alkohol, zweitens findet sie in seinen Hinterlassenschaften Frauenkleider und einen angefangenen Brief, der sie glauben lässt, dass er sie für eine andere Frau verlassen wollte.

Aber das Leben geht weiter, irgendwann wagt sie eine neue Beziehung, und dann tritt ein Mann in ihr Leben, der als Ausländer in ihrem Dorf nicht erwünscht ist, und das bringt alles wieder ins Rollen.

“The Stranger” ist ein Thriller ruhigerer Gangart, mit erstaunlich gesellschaftskritischen Themen. Mir hat das sehr gut gefallen, aber ich denke, es kommt darauf an, was man sich von einem Thriller erwartet – Blut, Gewalt und Action machen sich hier eher rar.

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87 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 62 Rezensionen

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Das Paar aus Haus Nr. 9

Felicity Everett , Olaf Knechten
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 04.06.2018
ISBN 9783959672122
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Auf manchen Webseiten wird das Buch als Krimi, Thriller oder Spannungsliteratur vermarktet – in meinen Augen nein, nein und auf gar keinen Fall. Die Geschichte entwickelte für mich zwar durchaus Spannung, aber Spannung einer gänzlich anderen Art: ich würde das Buch am ehesten als Gegenwartsliteratur mit subtiler Dramatik, Gesellschaftskritik und sogar ein wenig leiser Tragik einschätzen.

Mit den beiden Ehepaaren – Sara und Neil, Gavin und Lou – treffen zwei grundverschiedene Lebensentwürfe aufeinander. Die einen haben sich wohlig in ihrer spießbürgerlichen Normalität eingerichtet, die anderen sind Künstlernaturen, die kompromisslos ihre persönlichen Träume leben.

Sara verfällt der Idee dieses anderen Lebens direkt und rettungslos.

Kaum hat sie Lou kennengelernt, begehrt sie deren Art zu leben auch schon mit erschreckender Inbrunst. Ihr eigenes Leben kommt ihr auf einmal bedeutungslos vor, langweilig und unerfüllt. Deswegen klettet sie sich geradezu an ihre neue Freundin, ist stolz auf jeden noch so winzigen Beweis ihrer Gunst, giert nach ihrem Lob und streift ihre alten Freunde ab wie schmutzige Wäsche.

Ich ertappte mich bei mitleidiger Verachtung: Sara kam mir erbärmlich vor mit ihren Versuchen, sich anzubiedern und damit in die begehrten Künstlerkreise einzuschleichen, um nicht zu sagen einzuschleimen. Sie kleidet sich anders, sie redet anders, sie versucht, darüber hinwegzutäuschen, dass sie oft nicht die geringste Ahnung hat, wovon ihre neuen Freunde reden. Sie lässt sich hemmungslos ausnutzen und ist noch dankbar dafür.

Schon bald ist an ihr nichts mehr echt, auch wenn ihr das selbst nicht bewusst ist.

Unweigerlich verfällt auch ihr Mann Neil den neuen Nachbarn und strebt nach dem vermeintlich Höherem, was doch nur schöner Schein ist. Denn als Leser wird einem immer mehr klar: Gavin und Lou sind keineswegs so unverfälscht, wie sie auf den ersten Blick wirken.

Die Charaktere sind meines Erachtens sehr gut geschrieben. So nach und nach schält die Autorin die verschiedenen Schichten ihrer nach außen getragenen Pseudo-Persönlichkeit zurück, um ihr wahres Wesen zu enthüllen – sympathisch sind sie jedoch nicht. Normalerweise tue ich mich schwer mit Büchern, die mir keine Identifikationsfiguren bieten, aber hier mochte ich niemanden wirklich und konnte das Buch dennoch kaum mal beiseite legen. Dabei hat die Geschichte nur wenig Struktur, verläuft über lange Passagen plan- und ziellos, aber sie entwickelte für mich eine ungeheure Sogwirkung.

Es war eine widerwillige Faszination –  ich fühlte mich beinahe wie ein Gaffer bei einem Verkehrsunfall.

Aber manchmal fragte ich mich unbehaglich: ist Sara wirklich so anders, als ich es bin? Habe ich noch nie etwas getan, um jemandem zu imponieren, oder mich verstellt, um besser dazustehen? Ich glaube, darin liegt das Geheimnis des Buches: man kann sich zumindest bis zu einem gewissen Grad in den Charakteren wiederfinden, auch wenn es einem erst erscheint wie ein Zerrbild. Irgendwann wandelte sich meine Verachtung in Mitleid und Sympathie.

Den Schreibstil finde ich großartig, denn er schafft das Kunststück, Sara in ihrem Versagen, sich neu zu erfinden, authentisch erscheinen zu lassen. Ihr Scheitern ist das Menschlichste, das Echteste an ihr.

FAZIT

Sara und Neil, die es sich in ihrer kleinbürgerlicher Idylle gemütlich eingerichtet haben, treffen auf das unkonventionelle Künstlerehepaar Gavin und Lou. In Sara entflammt ein jäher Wunsch, ihr kleines Leben bedeutungsvoller zu machen, indem sie ihre neue Nachbarin nachahmt.

Was klingt wie der Beginn eines Thrillers, ist es nicht. Es ist nur die Geschichte verschiedener Menschen, die etwas anderes sein wollen, als sie sind – die mehr sein wollen, ohne sich im Klaren zu sein, dass sie sich nicht neu erfinden können. Obwohl ich die Charaktere nicht mochte und die Geschichte ihre Längen hat, fand ich sie seltsamerweise unwiderstehlich.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/08/18/rezension-felicity-everett-das-paar-aus-haus-nr-9/

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23 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

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Dinge, die mir gehören

Walter Christian Kärger
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Penguin, 09.07.2018
ISBN 9783328100935
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

In unserem kleinen Krimilesekreis waren wir uns einig:

Das Buch ist durchaus unterhaltsam und spannend, erzeugt Kopfkino und ist vom Schreibstil her auf keinen Fall schlecht geschrieben. Dennoch ist es nicht ohne Schwächen und daher eher was Nettes für zwischendurch als ein echtes Highlight, das man all seinen Freunden weiterempfiehlt. (Aber wir sind auch ein kritisches Grüppchen.)

MEINE MEINUNG

Der Autor hat eine Menge interessanter Ideen, was die Person des Täters, seine Motivation und seinen Hintergrund betrifft. Eigentlich ist das ja eine sehr positive Eigenschaft, aber hier wird es meines Erachtens einfach zu viel, um noch glaubhaft zu sein. Als Film, da waren wir uns schon wieder einig, würde es wahrscheinlich großartig funktionieren – was wohl daran liegt, dass Christian Kärger in 30 Jahren als Drehbuchautor über 100 Drehbücher für Film und Fernsehen geschrieben hat. Seine Schreibweise ist sehr cineastisch, er weiß einfach, was wirkt.

Wie schon gesagt: das ist unterhaltsam,  das ist spannend. Aber vollkommen logisch und schlüssig ist es nicht immer, und mir fehlte auch ein gewisser Tiefgang.

Paradox: der Täter hätte es sich viel einfacher machen können

Für mich war eine Entwicklung am Schluss das größte Manko, aber das ist schwer zu erklären, ohne schon zu viel von der Handlung zu verraten. Sagen wir mal so: der Täter begeht mit viel Aufwand und Risiko seine Morde, um etwas ganz Bestimmtes zu erreichen. Aber das Gleiche hätte er auch mit sehr viel weniger Aufwand erreichen können, und das heimlich, still und leise – sprich: fast ohne Risiko.

Möglicherweise könnte man eher nachvollziehen, warum der Täter tut, was er tut, wenn man ihm als Leser etwas näher kommen würde, aber er bleibt in meinen Augen sehr blass. Zwar erfährt man gegen Ende einiges über ihn, aber das bleibt eher an der Oberfläche. Er tat dies, er erlebte das. Wie es ihm jedoch bei diesem oder jenen Erlebnis ging, kann man nur erahnen, und mir war bis zum Schuss nicht klar, was genau seine Motivation ist. Hass? Neid? Ein verqueres Anspruchsdenken? Killergene? Einfach, weil er es kann?

Den Protagonisten selber fand ich hingegen gelungen.

Bei Paul Simon hatte ich das Gefühl, ihn wirklich kennenzulernen. Zwar geht er schon bald auf Alleingänge (was ich bei Krimis und Thrillern oft unglaubwürdig finde, weil es selten Konsequenzen hat), aber er hat in seinen Augen wirklich gute, plausible Gründe dafür. Er trifft nicht immer die besten Entscheidungen, aber er steht auch unter enormem Stress.

Ab einem gewissen Punkt war mir eine Sache allerdings schon sonnenklar, die Paul erst spät erkennt, obwohl er aufgrund seines Hintergrunds eigentlich als erster darauf kommen sollte

Pauls Partner ist in meinen Augen ein toller Charakter, sehr sympathisch und menschlich integer, mit liebenswerten kleinen Marotten. Er ist sozusagen der Watson in ihrem Zweiergespann, wird aber leider zwischendurch von Paul aufs Abstellgleis geschickt.

Das Ende geht auf einmal sehr schnell.

Mit jeder Menge Action gibt es ein filmreifes Showdown. Und wie im Film hat das Ende nochmal einen typischen Kniff, über den ich auch nicht zu viel verraten kann – den ich aber anhand der vorherigen Beschreibung der Ereignisse nicht  glaubwürdig fand

FAZIT

Paul Simon ist Kriminalhauptkommisar und verfolgt einen Serienkiller. Bei solchen Ermittlungen kann von Routine natürlich keine Rede sein, aber der Täter setzt noch einen drauf: an den Tatorten findet Paul kleine Gegenstände, die der Killer nur aus seiner Wohnung  haben kann – sogar aus dem Zimmer seiner Tochter.

Es macht Spaß, dieses Buch zu lesen, man kann es in Nullkommanix verschlingen. Zu genau sollte man jedoch über manche Dinge nicht nachdenken, und sowohl die Motivation des Täters noch das Ende konnten mich vollkommen überzeugen.

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54 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 27 Rezensionen

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Memory Game - Erinnern ist tödlich

Felicia Yap , Bettina Spangler
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei Penhaligon, 25.09.2017
ISBN 9783764531829
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die Grundidee ist interessant: eine Welt, in der alle Erwachsenen sich nur noch wenige Stunden zurückerinnern können. Bei ‘Monos’ sind es 24 Stunden, bei ‘Duos’ 48 Stunden. Dann geschieht ein Mord, der verflixt schnell aufgeklärt werden muss, bevor sich niemand mehr daran erinnert, was passiert ist.

Die Menschen schreiben wichtige Fakten in ihre iDiaries, und wenn sie eine Erinnerung oft genug gelesen haben, wandert sie ins Langzeitgedächtnis. Je fleißiger man lernt, desto weniger unterscheidet sich das Leben also von unserem.

Leider konnte das Buch meinen Erwartungen nicht gerecht werden.

Für mich das größte Manko: die Welt unterscheidet sich zu wenig von der unseren, dabei würde eine gravierende Einschränkung wie diese sicher eine grundlegend andere Gesellschaft hervorbringen. Zum Beispiel müsste es doch große kulturelle Unterschiede geben!

Fernsehserien? Klappt nicht. Bücher mit mehr als 100 Seiten? Das Publikum ist zwangsläufig klein, denn 70% der Menschen müssten das Buch in nur einem Tag lesen, um nicht am nächsten Morgen wieder bei Null anzufangen – oder immer eine Zusammenfassung des Gelesenen ins Tagebuch schreiben.

Kurzgeschichten müssten zwangsläufig die vorherherrschende Form der Literatur sein, dennoch ist einer der Protagonisten sehr erfolgreich mit seinen Romanen. Und wie schreibt er die eigentlich? Reicht es wirklich, dass er sich die wichtigsten Fakten im Tagebuch notiert, um eine in sich runde Geschichte zu schreiben?

Alles müsste deutlich schnelllebiger sein.

Und ehrlich: ich würde erwarten, dass sich die Gesellschaft in gewisser Weise umkehrt, schließlich sind des die Kinder und Jugendlichen, die sich perfekt erinnern können. Der logische Schluss wäre eine sehr frühe und schnelle Ausbildung, gefolgt von ein paar Jahren, in denen der Jugendliche einer verantwortungsvollen Tätigkeit nachgeht, die ein gutes Erinnerungsvermögen erfordert.

Oder die Tagebucheinträge: die sind zum Teil erstaunlich belanglos. Wenn ich wüsste, dass ich morgen wieder ohne Erinnerung aufwache (und dieser Tatsache sind sich die Menschen bewusst), würde ich mir doch die wesentlichen Dinge detailliert aufschreiben!

Die Welt erschien mir einfach nicht gut durchdacht. Ich habe nicht weit genug gelesen, um sagen zu können, ob es eine logische Erklärung dafür gibt, dass die Menschen genau an ihrem Geburtstag ihre Erinnerungsfähigkeit verlieren: die Monos an ihrem 18., die Duos an ihrem 23. Geburtstag. Aber es hat mich zu viel anderes gestört, um weiterzulesen und es herauszufinden. Dadurch hat sich für mich auch keine Spannung entwickelt, denn ein Kriminalfall ‘funktioniert’ für mich nur, wenn er in sich schlüssig und glaubhaft ist.

Die Charaktere bleiben für mich recht blass, denn sie zeigen auch in ihren Tagebüchern wenig Persönlickeit. Das zumindest ist vielleicht realistisch: kann ein Mensch ohne Erinnerungen Tiefgang entwickeln?

FAZIT

In der Welt des Buches haben alle Menschen ein eingeschränktes Gedächtnis von 24 (Monos) oder 48 (Duos) Stunden. Das macht die Aufklärung eines Mordes natürlich sehr schwierig, und sie muss extrem schnell erfolgen. Die Protagonistin weiß, dass vorgestern etwas passiert sein muss, aber sie kann sich als Mono nicht daran erinnern und sie hat es auch nicht in ihr Tagebuch geschrieben…

Die Grundidee klang großartig, aber die Umsetzung konnte mich überhaupt nicht überzeugen, weil die Welt mir nicht gut durchdacht schien.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Blog "Mikka liest von A bis Z":
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/08/04/abbruch-felicia-yap-memory-game/

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32 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

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Walkaway

Cory Doctorow , Jürgen Langowski
Flexibler Einband: 736 Seiten
Erschienen bei Heyne, 11.06.2018
ISBN 9783453317932
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Wenn das Gehirn ein Muskel wäre, hätte ich jetzt Muskelkater. Die gute Art, bei der man spürt: ich habe mich so richtig gefordert, das war es wert.

Denn das Buch regt zum Nachdenken an – und das 762 Seiten lang, in denen die Handlung oft zurücktritt hinter den Fragestellungen, die in den Dialogen aufgeworfen werden. Sozialökonomische, ethische, politische, technologische, philosophische Themen… Ich empfand das selten als anstrengend, sondern meist als anregend und hochinteressant. Man sollte an das Buch jedoch mit der Erwartung herangehen, dass man viel Zeit investieren muss, während der die Gehirnzellen Überstunden schieben (und auch ein paar Nachtschichten einlegen).

Die Welt des Buches ist scheinbar nur einen Wimpernschlag von unserer entfernt. Die Technologie ist der unseren überlegen, aber durchaus denkbar und glaubhaft. Die Gesellschaft unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht sonderlich von der heutigen.

Aber dies ist die Welt, auf die wir sehenden Auges zusteuern: die sozialen Ungerechtigkeiten sind eklatant, Klimawandel und Umweltverschmutzung haben große Teile der Erde unbewohnbar gemacht. Eine sehr kleine Gruppe ‘Zottas’ (obszön reiche Menschen) regiert die Welt, während die Ärmeren sich einlullen lassen von den sozialen Medien und der Suggestion, auch sie könnten Zottas werden, wenn sie sich nur eifrig genug im Hamsterrad abstrampeln.

Dies ist eine Welt kurz vor der Katastrophe, dem Zusammenbruch aller Werte. Der Supergau des Kapitalismus.

Und hier schafft das Buch den Übergang von Dystopie zu Utopie. Denn es gibt eine immer größere Anzahl von Menschen, die die Gesellschaft ändern wollen – indem sie fortgehen und alles hinter sich lassen: den Materialismus und die absurden Hierarchien, die Ich-Bezogenheit und das blinde Erdulden des eigenen Lebens. Die Walkaways kämpfen nicht gegen die, die das System bewahren wollen – sie nehmen Gegenden in Besitz, die schon vor langer Zeit aufgegeben wurden, und bauen sich ihre eigene Gesellschaft auf.

Und wenn ihnen etwas weggenommen wird, was sie sich aufgebaut haben, dann gehen sie wieder fort und fangen woanders von vorne an.

Natürlich geht das nicht ohne Konflikte. Aber es ist eine erstaunlich plausible Vision der Zukunft.
In den Reihen der Ausssteiger befinden sich auch einige Wissenschaftler, und so kommt es schon bald zu einem Wettrennen: können die Walkaways das Geheimnis der Unsterblichkeit ‘Open-Source’ (also allen zugänglich) machen, bevor die Zottas es für sich (und nur für sich) vereinnahmen?

Durch die verschiedenen Charaktere sieht man die angesprochenen Fragen aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln, was es dem Buch erlaubt, beides zu sein: Science Fiction und Philosophie.

Nicht alles wird erklärt. Vieles an Hintergrundgeschichte muss man einfach hinnehmen, weil das Buch sonst wahrscheinlich noch 800 Seiten länger wäre. Aber der Autor ist ein Meister darin, die erstaunlichsten Details beiläufig in Nebensätzen einfließen zu lassen, so dass man das Gefühl bekommt, man verstehe die Welt im Großen, weil man sie im Kleinen kennt.

Das ist in meinen Augen umwerfend originell und einfallsreich.

Spannend ist es auch, denn so friedlich die Walkaways (meist) sind, so skrupellos und aggressiv gehen ihre Feinde gegen sie vor. Ihre Siedlungen sind immer in Gefahr, zerbombt zu werden, während sie in den Medien als die Unruhestifter und Terroristen dargestellt werden. Und natürlich gibt es auch interne Konflikte und Verrat.

Die Charaktere bestechen durch unbemühte Diversität. Und weil diese Diversität so wunderbar selbstverständlich ist, werde ich hier keine Auflistung erstellen. Denn was die Charaktere vor allem sind, ist authentisch und komplex – ungeachtet von Hautfarbe oder Sexualität.

Die Handlung erstreckt sich über einige Jahre, in denen die wichtigsten Charaktere eine immense Entwicklung durchmachen, sich dabei aber selbst immer treu bleiben. Sie begehen furchtbare Fehler, aber es sind die Fehler, die sie machen mussten. Sie feiern Erfolge, und es sind die Erfolge, die nur sie so erreichen konnten. Diese Person hat in dieser Situation und mit diesem Background gar keine andere Wahl.

Der Schreibstil ist so intelligent wie die Handlung, dabei aber erstaunlich locker und fast schon jugendlich. Dazu kommt eine Dosis Humor, und verbunden mit der zum Nachdenken anregenden Handlung ist das meines Erachtens eine großartige Mischung.

Weil das Gehirn kein Muskel ist, habe ich den Muskelkater stattdessen in den Armen. 736 Seiten haben ein ganz schönes Gewicht…

FAZIT

In der Zukunft wird die Welt von Superreichen regiert, doch das System des skrupellosen Kapitalismus steht kurz vor dem Zusammenbruch. Immer mehr Menschen werden zu ‘Walkaways’, die dieser Welt den Rücken kehren und in verlassenen Gebieten ganz neu anfangen – mit gänzlich anderen Vorstellungen von einer gerechten Gesellschaft, in der niemand ‘gewinnt’ und niemand ‘verliert’.

Für mich ist “Walkaway” ein großartiges Buch. Ich hatte beim Lesen ununterbrochen das Gefühl, scharf nachzudenken und alles zu hinterfragen, und langweilig ist mir das nie geworden. Aber man sollte schon ein gewisses Interesse an sozialökonomischen Themen mitbringen!

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog 'Mikka liest von A bis Z':
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/08/03/rezension-cory-doctorow-walkaway/

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88 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 14 Rezensionen

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Das Seelenleben der Tiere

Peter Wohlleben
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Ludwig, 13.06.2016
ISBN 9783453280823
Genre: Sachbücher

Rezension:

Sind Tiere fähig zu komplexen Emotionen oder ist das uns Menschen vorbehalten? Der Skeptiker wundert sich – doch auch der Tierliebhaber wird staunen ob der Förster-Anekdoten und verlinkten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Liebe, Trauer, Eifersucht… Hochspannend und bewegend!

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220 Bibliotheken, 18 Leser, 0 Gruppen, 115 Rezensionen

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Vier.Zwei.Eins.

Erin Kelly , Susanne Goga-Klinkenberg
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei FISCHER Scherz, 22.08.2018
ISBN 9783651025714
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

“Vier.Zwei.Eins.” ist eines von diesen Büchern, bei deren Lektüre man sich schnell ein Urteil bilden kann: das sind die Guten, das sind die Bösen, das ist die Wahrheit, das ist eine Lüge. Doch dann passiert etwas, das alles über den Haufen wirft: man bildet sich neue Meinungen und neue Urteile – schon schwurbelt die Autorin wieder alles durcheinander, und am Schluss ist alles ganz anders als gedacht.

Ich mag solche Bücher.

Ich finde es auch nicht tragisch, wenn sie nicht hundertprozentig in die üblichen Schemata für ‘Thriller’ oder ‘Krimi’ passen, sondern eher… Ja, was eigentlich sind? Ein Genremix, vielleicht: Thriller verrührt mit Krimi, abgeschmeckt mit ein wenig Gegenwartsliteratur, gewürzt mit einem Hauch Drama.

Damit will ich nicht unbedingt sagen, dass die Spannung zu kurz kommt.

Es ist nur eine andere Art Spannung: eine Spannung der leisen Zwischentöne und der menschlichen Abgründe, und das ganz ohne Serienkiller. Natürlich will man wissen, ob Beth wirklich vergewaltigt wurde oder nicht, ob sie ein Opfer ist oder eine gerissene Psychopathin. Aber vor allem sieht man den Charakteren dabei zu, wie sie an ihre Grenzen kommen und darüber hinausgehen, wie sie ihre Prinzipien verraten oder verteidigen, und vor allem, wie sie miteinander umgehen, wenn so viel Ungesagtes zwischen ihnen steht.

Und ganz ehrlich: im Titel ist die Rede von einer Lüge, aber tatsächlich gibt es hier wohl keinen einzigen Hauptcharakter, der nicht gelogen hat…

Erin Kelly konstruiert diese Geschichte mit viel Geschick und Einfallsreichtum. Vor allem die falschen Fährten legt sie meisterhaft, und im Rückblick lesen sich manche Szenen auf einmal ganz anders.

Manchmal habe ich jedoch im Detail an der Glaubwürdigkeit gezweifelt.

Zum Beispiel haben Laura und Kit ein neues Leben angefangen, als seien sie im Zeugenschutzprogamm, um nicht gefunden zu werden. Sie haben ihre Nachnamen geändert, sich aus allen sozialen Medien gelöscht, andere Jobs angenommen, sind immer und überall auf paranoide Art und Weise übervorsichtig. Aber erstens haben sie immer noch Kontakt zu ihren Familien und leben anscheinend in deren unmittelbarer Nähe – und da ihre Familienmitglieder ihre Namen nicht geändert haben, sollten Laura und Kit ziemlich einfach zu finden sein. Zweitens ist Kit besessen von Sonnenfinsternissen und reist von Ort zu Ort, um sie zu beobachten, man weiß also immer ziemlich genau, wo man ihn zu welchem Zeitpunkt finden kann.

Das hat mich an einigen Stellen empfindlich gestört. Das Buch hat in meinen Augen auch ein paar Passagen, in denen sich die Charaktere zu sehr in etwas verrennen und die Geschichte ins Stocken kommt. Trotz meiner leichten Zweifel, trotz dieser gelegentlichen Längen habe ich die Geschichte jedoch sehr gerne bis zu ihrem Ende verfolgt.

Ich habe immer mitgerätselt, was sich am Schluss als die Wahrheit herausstellen würde.

Das Buch konzentriert sich ganz auf seine Hauptcharaktere. Man bleibt dicht an Kit und Laura dran, erlebt ihre Ängste, Zweifel und Hoffnungen hautnah mit. Und dennoch schafft es die Autorin, da noch Raum für Zweifel zu lassen. Wirklich bis in Letzte vertrauen kann der Leser bis ganz zum Schluss niemandem, denn man kann nicht sicher sein, wer lügt und zu welchem Zweck. Erst im Rückblick weiß man genau, wie alles wirklich abgelaufen ist.

Der Schreibstil gefiel mir ganz gut: flüssig, temporeich, leicht und unterhaltsam zu lesen. Der Autorin gelingt es wunderbar, zwischen Zeiten und Perspektiven hin- und herzuspringen, so dass sich die Wahrheit nach und nach enthüllt.

FAZIT

Laura und Kit sind jung und verliebt und schauen sich zusammen eine Sonnenfinsternis an. Doch im Dämmerlicht sieht Laura etwas, was sie für eine Vergewaltigung hält, und eilt dem Opfer zu Hilfe. Was sie noch nicht ahnen kann: diese Nacht verändert das Leben aller Beteiligten.

Noch 15 Jahre später leben Laura und Kit in Angst. Aber wer ist hier Opfer, wer Täter? Wer sagt die Wahrheit, wer lügt?

Vieles an dem Buch hat mir sehr gut gefallen, besonders das Spiel mit den Erwartungen und Vorstellungen des Lesers, und die Art und Weise, wie sich immer wieder alles komplett ändert. Es hat zwar auch kleine Schwächen, dennoch habe ich es im Großen und Ganzen gerne gelesen.

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299 Bibliotheken, 6 Leser, 2 Gruppen, 180 Rezensionen

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Der Kreidemann

C.J. Tudor , Werner Schmitz
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 29.05.2018
ISBN 9783442314645
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Stephen King: »Wenn Sie meine Bücher mögen, werden Sie auch dieses verschlingen.«

Da ist was dran, Mr. King.

Stimmung

Zum einen ist es die schwärende Atmosphäre der unterschwelligen Beklemmung, die sich durch das ganze Buch zieht. Bisher hätte ich gesagt, diesen leisen Schrecken beherrscht King wie kein Zweiter, aber C.J. Tudor kommt – ganz ohne Horror! – sehr nahe dran an die Schreibe des Meisters. Ihr Schreibstil ist dicht und erzeugt lebendiges Kopfkino.

Spannung

Zum zweiten sind es bei King nicht die Monster, die den eigentlichen Horror ausmachen, sondern das, was sich die Menschen gegenseitig antun. Und beim “Kreidemann” ist es nicht nur der Mörder, der den Thriller mit Spannung füttert, sondern auch die hässlichen Geheimnisse der ganz normalen Kleinstadtbürger.

Es ist über lange Passagen des Buches eine ruhige Spannung, die sich mehr durch die Gefühle und Ängste der Charaktere ausdrückt als durch dramatische Geschehnisse. Wobei ich nicht sagen will, dass es hier keine explizite Gewalt gibt – es gibt einen schockierenden Unfall, einen grausamen Mord, Mobbing, das sich aufschwingt zu einem abscheulichen Akt… Aber dennoch besticht der Thriller weniger durch Action als durch gut geschriebene Charaktere und psychologische Spannung.

Charaktere

Letztendlich schreibt C.J. Tudor, genau wie King, großartige kindliche und jugendliche Charaktere, die unglaublich lebensecht aus den Seiten springen. Trotz ihres Alters haben sie auch dunkle Seiten, können sogar grausam sein, sind aber dennoch keine kleinen Erwachsenen. Ihre kindliche Unschuld bricht sich an ihren Erlebnissen, zerbricht aber nicht vollends daran – zumindest nicht immer.

Eddie Munster, Fat Gav, Metal Mickey, Hoppo und Nicky könnten den jungen Helden aus Kings “Es” die Hand reichen. Wie diese erleben sie als Kinder etwas Schreckliches,  lassen es hinter sich und stellen als Erwachsene fest, dass der Schrecken noch nicht vorbei ist. (Allerdings hat der Schrecken hier nicht Übernatürliches.) Ich fand den Übergang zwischen den Zeitebenen sehr gelungen: in den erwachsenen Charakteren, auch wenn sie sich zum Teil sehr stark verändert haben, kann man immer noch die Kinder erkennen, die sie einmal waren.

Der ‘Kreidemann’ aus dem Titel ist ein interessanter Charakter, der im Rückblick etwas rätselhaft bleibt, aber den ich dennoch gut gelungen fand.

Logik / Auflösung

Hier schwächelt der Thriller in meinen Augen: Zwar setzen sich am Schluss viele der im Laufe des Buches gesammelten Puzzleteilchen schlüssig zusammen, aber es geht auf einmal alles sehr schnell, falsche Fährten brechen jäh in sich zusammen… Das tatsächliche Mordmotiv ist meines Erachtens eher schwach.

Das große Finale wirkte auf mich wie aus einem Film àla “Scream” oder “Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast” gegriffen – und damit klischeebehaftet. Die Glaubwürdigkeit wurde für mich letztlich leider überstrapaziert.

FAZIT

Eine Gruppe von Kindern folgt einer Reihe von Kreidebotschaften und findet die zerstückelte Leiche eines Mädchens. Obwohl ihr Kopf nie gefunden wird, scheint der Fall letztendlich aufgeklärt, und in den Jahren danach kehrt im Leben der Kinder wieder Normalität ein. Bis sie 30 Jahre später Post bekommen – ein Strichmännchen und ein Stück Kreide.

Das Buch ist zwar kein Horror, wird aber dennoch nicht zu Unrecht mit den Büchern von Stephen King verglichen. Die Atmosphäre, die Art der Spannung, die Charaktere (besonders die jugendlichen), alles erinnert an seinen Stil, ohne jedoch ein Abklatsch zu sein.

Das Ende hat meiner Begeisterung einen Dämpfer verpasst, dennoch ist es für mich immer noch ein unterhaltsames Buch, das man gut lesen kann.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog "Mikka liest von A bis Z":
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/07/23/c-j-tudor-der-kreidemann/

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47 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 29 Rezensionen

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Power Women - Geniale Ideen mutiger Frauen

Andreas Jäger
Fester Einband: 112 Seiten
Erschienen bei arsEdition, 18.06.2018
ISBN 9783845828626
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Das Buch ist ein tolles Geschenk für kleine Mädchen, die Großes mit ihrem Leben vorhaben. 25 ganz unterschiedliche Frauen werden vorgestellt: Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Sportlerinnen, Schauspielerinnen, Politikerinnen, Autorinnen und, und, und… Beispiele, dass man als Frau absolut alles erreichen kann, wenn man sich anstrengt und nicht entmutigen lässt!

Von einigen davon haben die meisten Kinder sicher zumindest schon gehört. Kleopatra zum Beispiel, oder Emma Watson, die in den “Harry Potter”-Filmen die Hermine Granger gespielt hat. Aber auch da finden sich in den Kurzbiografien überraschende Dinge – nicht nur für Kinder! Wer weiß schon, dass Kleopatra zwar in Ägypten geboren wurde, ihre Familie aber aus Griechenland stammte und sie eigentlich mit vollem Namen Kleopatra VII. Thea Philopator hieß? Sie sprach zuerst nicht einmal Ägyptisch, das lernte sie erst später.

Aber es gibt auch Biografien von Frauen, die den meisten Kindern wahrscheinlich nicht bekannt sind. Wie Murasaki Shikibu (Japans allererste Romanautorin), Emmeline Prankhurt (eine britische Frauenrechtlerin) oder Wangari Muta Maathai (eine kenianische Wissenschaftlerin, Professorin und Politikerin). Die Texte sind kurz und kindgerecht geschrieben, aber sie sind interessant und laden vielleicht sogar zu weiteren Nachforschungen ein.

Die ‘Power Women’ sind teils schon vor langer Zeit gestorben, teils erst vor kurzem, und es sind auch solche dabei, die heute noch leben. Und das bringt mich leider auch zu einem Punkt, der mich an dem Buch wirklich gestört hat:

Nach jeder Kurzbiografie folgt eine ganz moderne Frage zu einem Problem aus dem Leben junger Leserinnen – Mobbing, Geschwisterneid, stressige Hausaufgaben usw. – und eine Antwort, die die ‘Power Women’ nach Ansicht der Herausgeberinen vielleeeeeeiiiicht darauf gegeben hätten. Eigentlich eine richtig geniale Idee!

Aber dabei hatte ich nicht das Gefühl, dass wirklich auf die Lebenswirklichkeit der Frauen eingegangen wird. So richtig glaubhaft fand ich es deswegen zum Beispiel nicht, dass Katharina die Große Mobber auf WhatsApp blocken und einem Lehrer davon erzählen würde. Auch bei Rosa Parks bezieht sich die Frage auf ein eher kleines Problem bei WhatsApp, dabei hätte es bei ihr viel besser gepasst, wenn es um Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe gegangen wäre – das ist ein Problem, das viele Kinder im echten Leben haben! Rosa Parks hat so viel bewirkt, wenn es um die Rassentrennung geht, da finde ich es schon traurig, dass sie mit der WhatsApp-Frage so herabgesetzt wird.

Oft beginnt die Antwort auch mit sowas wie “Wir sind nicht sicher, was xyz vorgeschlagen hätte, aber…” oder “Vielleicht würde sie dir raten, dass…” Bei Frauen, die nicht mehr leben, ist das ja der einzig mögliche Weg – aber hätte man Frauen, die noch leben, nicht fragen können, was sie tatsächlich zu einem Problem zu sagen haben? Ich kann mir vorstellen, dass zum Beispiel Michelle Obama oder Emma Watson für so ein Buchprojekt eine Antwort gegeben hätten.

So finde ich diese Antworten wenig inspirierend, weil sie nicht von den ‘Power Women’ selber stammen.

Aber noch etwas Positives zum Schluss: Acht Illustratoren und Illustratorinnen haben das Buch wunderbar ausgeschmückt, wobei die Bilder vom Stil her sehr gut zu der jeweils vorgestellten Frau passen.

FAZIT

Ein interessantes Sachbuch für junge Leserinnen: 25 Frauen, die in ihrem Leben viel bewirkt haben, werden in kurzen Biografien vorgestellt, dazu gibt es sehr schöne, abwechslungsreiche Illustrationen.

Nicht so gut gelungen fand ich die erdachten Antworten der Frauen auf Fragen, die junge Mädchen heute beschäftigen – die sind mir ein bisschen zu oberflächlich und haben wenig mit dem Leben der Frauen zu tun –, aber insgesamt ist es dennoch ein gelungenes Buch, das sich auch prima als Geschenk eignet.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog "Mikka liest von A bis Z":
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/07/20/rezension-power-women-geniale-ideen-mutiger-frauen/

#PowerWomenGenialeIdeenMutigerFrauenWomenPowerGirlPowerHeforSheRebelWomen #NetGalleyDE 


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432 Bibliotheken, 31 Leser, 2 Gruppen, 159 Rezensionen

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Children of Blood and Bone – Goldener Zorn

Tomi Adeyemi , Andrea Fischer
Fester Einband: 624 Seiten
Erschienen bei FISCHER FJB, 27.06.2018
ISBN 9783841440297
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Tomi Adeyemi ist 24 Jahre jung, hat erst vor wenigen Monaten ihren Erstlingsroman veröffentlicht und ist doch schon eine weltweite literarische Sensation. Kritiker vergleichen sie mit JK Rowling, 20th Century Fox haben sich bereits vor Erscheinen des Buches die Filmrechte gesichert.

Tomi Adeyemi wurde in den USA geboren, hat jedoch nigerianische Wurzeln. Nach einem mit Auszeichnung bestandenen Studium der englischen Literatur in Harvard ging sie im Rahmen eines Stipendienprogramms nach Brasilien, um dort westafrikanische Mythologie und Kultur zu studieren. Das Museum, das für sie persönlich den Hauptgrund für ihre Reise darstellte und von dem sie sich viel für ihre Forschungen versprach, hatte allerdings wegen Renovierungsarbeiten geschlossen.

Frustriert ging sie davon und fand sich kurze Zeit später in einem Souvenirladen in der Nähe wieder. Dort sah sie ein Poster mit 9 Orisha, Göttern der nigerianischen Religion der Yoruba.

Es traf die junge Frau wie ein Schlag: Götter und Göttinnen mit dunkler Haut wie ihre eigene.

Bei diesem Anblick verspürte sie ein ermächtigendes Gefühl von kultureller Identität –  und das wollte sie weitergeben. Aus einem herben Rückschlag wurde so die Geburtsstunde von “Children of Blood and Bone”,  einer epischen Fantasygeschichte mit schwarzen Helden und Heldinnen.

Zu meiner Bestürzung las ich in deutschen Rezensionen hier und dort, es werde zu oft erwähnt, dass die Protagonisten dunkelhäutig sind. Es sei doch eine Fantasygeschichte, was für eine Rolle spiele da die Hautfarbe? Es verschlug mir die Sprache.

Diese Frage kann man nur aus einer Rolle des Privilegs heraus stellen.

Was Repräsentation bedeutet für schwarze Teenager, die sich bisher nur selten wiederfanden in der Literatur – geschweige denn in einer positiven Rolle jenseits der Klischees! –, kann ich als weiße Leserin nicht einmal ansatzweise nachempfinden, aber es war lange, lange überfällig.

Westafrikanische Mythologie und Black Lives Matter

Das Buch ist auf den ersten oberflächlichen Blick klassische Fantasy, nichts weltbewegend Neues. Der Leser findet bekannte erzählerische Strukturen – aber mit enormem Tiefgang und Substanz, da sich das reale Leben in der Geschichte wiederspiegelt. Man muss nicht lange suchen, um die Vorurteile, die systematische Unterdrückung und die Verfolgung der Divînés in unserer Welt wiederzufinden.

Zélie hat immer Angst – jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde.

Geschrieben wurde dies in einer Zeit, als sich in den USA die Meldungen häuften, dass Schwarze aus absurden Gründen von der Polizei erschossen wurden – darunter Kinder. Jordan Edwards war 15. Tamir Rice war 12.

Schwarze Kinder und Teenager brauchen schwarze Helden. Und schwarze Helden brauchen weiße Leser, die ihre eigenen Privilegien hinterfragen. Ich könnte weitere 3.000 Wörter zu diesem Thema schreiben, aber stattdessen werde ich es bei diesem Denkanstoß belassen.

Nun gut. Zurück zu meinen üblichen Kritierien.

Die Welt, die Tomi Adeyemi erschafft, ist unglaublich komplex.

Sie wartet auf mit einer reichen Historie, vielschichtigen sozialen Strukturen und einem auf der Religion der Yoruba beruhenden Magiesystem. Ich fand es faszinierend, eine Fantasygeschichte zu lesen, die sich einer Mythologie bedient, die den meisten europäischen Lesern fremd ist.

Es lohnt sich, sich aus der eigenen Komfortzone hinauszuwagen!

Die Handlung wird in rasantem Tempo erzählt. Es steht andauernd sehr viel auf dem Spiel für die Protagonisten, wodurch der Spannungsbogen kaum einmal absinkt – und die Autorin scheut auch nicht davor zurück, auf Fehlentscheidungen der Helden drastische Konsequenzen folgen zu lassen. Hier gibt es kein Netz und keinen doppelten Boden.

Auch die Charaktere fand ich gut gezeichnet.
Sie sind nicht perfekt, zeigen sogar wirklich gravierende Fehler und Schwächen. Zélie kann grausam und skrupellos sein in ihrem Hass gegen die Mörder ihrer Mutter. Kronprinz Inan kann sich lange nicht lösen von seinem übermächtigen Vater, auch wenn er in dessem Namen Unschuldige töten muss. Amari ist zuerst naiv und ängstlich.

Aber das gibt ihnen viel Raum nach oben für Entwicklung, und in meinen Augen nutzen sie diesen, auch wenn es ein schmerzlicher Prozess ist. Es ist manchmal schwer, ihnen bei ihren Irrwegen zuzusehen!

Die Liebesgeschichten hätte ich nicht unbedingt gebraucht, aber junge Leserinnen erwarten in diesem Genre ein bisschen Romantik. Die Paare haben jeweils eine interessante Chemie und der Kitsch hält sich in Grenzen – in meinen Augen ein echter Pluspunkt.

Abschließend ein paar Worte zum Schreibstil:
Die ganz eigene Sprachmelodie des Buches ergibt sich daraus, dass die Sprache der Maji auf tatsächlichen afrikanischen Sprachen basiert. An dieser Stelle muss ich das Hörbuch glühend weiterempfehlen: ich habe das Buch sowohl gelesen als auch gehört, und gerade die Stellen, bei denen ich keine Wort verstehe, sind vom Klang her ein Gedicht.

FAZIT

Bei diesem Buch fällt es mir schwer, den Unterhaltungswert von der sozialen und gesellschaftlichen Bedeutung zu trennen. Es ist Fantasy – aber es ist auch eine bestechende Parabel über Rassismus und Diktatur. Die Welt basiert auf der westafrikanischen Religion der Yoruba, die Helden sind schwarz… Eine lange überfällige Repräsentation dunkelhäutiger Menschen in der Fantasyliteratur für junge Leser .

Dennoch kann das Buch auch als spannende, unterhaltsame Geschichte überzeugen, mit Helden, die erfreulich menschlich und unvollkommen sind.

Diese Rezension ist zunächst auf meinem Buchblog erschienen:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/07/16/rezension-rant-tomi-adeyemi-children-of-blood-and-bone/

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Das Mädchen, das in der Metro las

Christine Féret-Fleury , Sylvia Spatz
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 30.08.2018
ISBN 9783832198862
Genre: Romane

Rezension:

Dieser Roman hat mich mit sehr enttäuschten Gefühlen zurückgelassen.

Vielleicht waren meine Erwartungen zu hoch: aufgrund von Titel und Klappentext habe ich mich auf eine Lektüre gefreut, die mir die verschiedensten Werke der Weltliteratur näherbringt. Ich wollte mit Juliette eintauchen in die Bücher, die sie liest, und sehen, welche Titel sie wohl aussucht für die Menschen, denen sie als Buchbotin begegnet – aber vor allem, wie sich deren Leben dadurch verändert.

Tatsächlich fährt Juliette in den ersten Kapiteln zwar oft Metro – aber sie liest nicht. Die Verbindung zur Literatur besteht darin, dass sie andere Menschen beim Lesen in der Metro akribisch beobachtet, vor allem diejenigen, die jeden Morgen im gleichen Wagen sitzen.

Überhaupt kommt sie mir zunächst vor wie eine Horderin, keine Leserin. Ihre Wohnung ist so vollgestopft mit Büchern, dass sie sich kaum bewegen kann; auf Flohmärkten kauft sie Romane, die sie nicht interessieren und bei denen sie überhaupt nicht vorhat, sie jemals zu lesen. Bücher sind etwas, das sie von A nach B trägt, aber nicht liest.

Das ändert sich im Laufe der Geschichte, nachdem sie dem schrulligen Soliman begegnet.
Der hat eine Art Antiquariat, verkauft aber scheinbar keine Bücher. Stattdessen packt er Buchpakete, die er jeden Tag seinen Kurieren mitgibt. (Man fragt sich, wie er das wohl finanziert.) Deren Aufgabe ist es, für die Bücher eine neue Heimat zu finden, indem sie Menschen beobachten und herausfinden, wessen Schicksal sich durch ein bestimmtes Buch am vorteilhaftesten verändern könnte. (Wovon leben eigentlich die Kuriere?)

Juliette erfährt davon, schmeißt ihr ganzes Leben über den Haufen, und im krassen Gegensatz zum ersten Teil des Buches wird sie zu einer Leserin, die in jeder freien Minute Bücher verschlingt. Aber den Leser lässt sie daran nur wenig teilhaben.

Es werden zahlreiche Titel und Autoren erwähnt – aber was mich brennend interessierte, war Juliettes Meinung zu diesen Büchern, darauf wird jedoch nur sehr wenig eingegangen. So ist es literarisches Namedropping ohne viel Substanz. Warum hat die Autorin ihre Charaktere nicht über diese Bücher sprechen lassen, um den Leser mit einzubeziehen in Juliettes Lektüre?

Auch Juliettes Karriere als Buchbotin verfolgt man nur sporadisch. Das erste Buch vermittelt sie quasi zufällig, das zweite an einen Menschen, den sie weder beobachtet noch analysiert hat. Danach wird meist nicht näher darauf eingegangen, dabei wäre genau dieser Aspekt eine Chance für die Geschichte gewesen, sowohl Dynamik als auch Tiefgang zu entwickeln.

Schade, denn die Idee ist großartig! Man hätte soviel daraus machen können – vor allem einen Roman, der Lust macht aufs Lesen. In meinen Augen erreicht das Buch dieses Ziel jedoch nicht; es erscheint insgesamt halbwegs charmant, aber spannungsarm und blutleer.

Mein Eindruck war, dass diejenigen Charaktere des Romans, die man tatsächlich als Vielleser betrachten kann, als Weltflüchtler porträtiert werden. Sie lassen ihr eigenes Leben an sich vorüberziehen für ein literarisches Leben secondhand. Eine sehr einseitige (und möglicherweise nicht beabsichtigte) Darstellung, die meine Erwartungen, das Buch würde die Liebe zur Literatur vermitteln, komplett auf den Kopf stellt.

Persönlichkeit zeigt Juliette erst, als sie gezwungen wird, eine ganz reale Reise außerhalb ihrer Bücher zu unternehmen. Die Botschaft scheint zu sein: lebe dein Leben, versuche Neues, ergreife deine Chancen… Eigentlich eine schöne Botschaft, aber auch da geht dem Buch meines Erachtens rasch die Luft aus. Außerdem: kann ein Mensch nicht beides – viel lesen und sein Leben voll und ganz ausschöpfen?

Viele der Charaktere  haben enormes Potential, wie Soliman, seine Tochter Zaïde und ein anderer Buchkurier, den Juliette später kennenlernt, aber sie werden nur relativ oberflächlich dargestellt. Ich könnte bei keinem von ihnen behaupten, dass ich das Gefühl hätte, sie wirklich zu kennen. Zum Teil liegt das sicher auch an der Kürze des Buches.

Gehasst habe ich das Buch nicht. Die Geschichte hat durchaus ihre schönen Momente, der Schreibstil ist leicht, locker und flüssig… Der Roman hat mich für ein paar Stunden gut unterhalten, mir fehlte allein der Tiefgang – zu viel wird nur angedeutet, übersprungen oder  bleibt an der Oberfläche.

FAZIT

Nach den ersten Kapiteln war ich so weit, dass ich das Buch umbenennen wollte in ‘Das Mädchen, das in der Metro Leser stalkt’. Denn Juliette liest nicht im ersten Teil der Geschichte – sie starrt lesende Menschen in der Metro an, hortet Bücher, die sie nicht lesen will, oder trägt sie in der Weltgeschichte spazieren. Im zweiten Teil der Geschichte liest sie wie eine Besessene, lässt den Leser aber kaum daran teilhaben.

Die Geschichte hatte eine großartige Grundidee. Der Antiquar Soliman sendet Kuriere aus, die die richtigen Bücher an die richtigen Menschen verteilen –  lesen, um das Leben zu verändern.  Aber die Bücher, die doch ein so zentrales Element sind, werden meist nur aufgelistet, ohne dass man ihre Wirkung auf die Charaktere sieht, und diese bleiben her blass.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/07/12/christine-feret-fleury-das-maedchen-das-in-der-metro-las/

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Nummer 25

Frank Kodiak
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 03.07.2017
ISBN 9783426520093
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Thrillerautor Andreas Winkelmann schreibt unter seinem Pseudonym ‘Frank Kodiak’ über Thrillerautor Andreas Zordan. Der Vorname ist sicher nicht zufällig gewählt – da fragt man sich als Leser, wie viel des fiktiven Andreas im echten Andreas steckt. (Man kann für dessen Freunde und Familie nur hoffen: wenig bis gar nicht.)

Ich hatte zuvor noch kein Buch des Autors gelesen, weder unter seinem Klarnamen noch unter seinem Pseudonym, und war dementsprechend gespannt. Das erste Kapitel ließ mich jedoch Ungutes erahnen:

Das Buch steigt direkt ein mit einer Folterszene, und das in einer Sprache, die außer dem Schockfaktor wenig zu bieten hat. Ich sah mich das Buch im Geiste schon in den nächsten öffentlichen Bücherschrank stellen. Aber dann stellt sich heraus: Ach so, das ist gar keine Vorschau auf spätere Ereignisse in “Nummer 25” – es ist ein Auszug aus dem neusten Manuskript von Andreas Zordan.

Dem ist klar, dass es Menschen gibt, die seine Bücher abartig und grenzwertig finden, aber das ist ihm schnurzegal. Denn die Leser, die seine Thriller zu Bestsellern machen, wollen genau das: je schockierender, desto besser.

Darin liegt für mich eine der großen Stärken des Thrillers: Andreas Winkelmann hinterfragt das Thrillergenre, insbesondere das Subgenre Hardore, und die Erwartungen der Leser. Das ein oder andere Kapitel endet in genau der Art von Cliffhanger, die mich normalerweise genervt aufstöhnen lässt – voller aufgebauschtem Drama, das ein paar Seiten später in sich zusammenfällt. Aber hier gehört das zum Spiel mit den Erwartungen, und das ist in meinen Augen sehr clever.

Winkelmann ist nicht der erste Autor, der sein eigenes Genre thematisiert und eine düstere Verbindung zwischen Autor und Pseudonym andeutet, das hat Stephen King schon 1989 mit “Stark – The Dark Half” getan. Dennoch ist “Nummer 25” originell und einfallsreich, und als Leser fragt man sich bis zum bitteren Ende:

Ist Andreas Zordan ein Psychopath? Und wenn er einer ist: ist auch der Psychopath, der das Mädchen getötet hat? (Es gibt mehrere Anwärter.) Ich habe meine Meinung im Laufe des Buches mehrfach geändert, denn es gibt einige drastische Wendungen. Der Spannungsbogen steigt auf einem hohen Level ein und lässt dann kaum einmal nach; man weiß nie, aus welcher Ecke die Bedrohung kommt.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen zwei Charaktere: Andreas Zordan und die Journalistin Greta Weiß, die ihn eigentlich nur interviewen will und stattdessen hineinrutscht in eine Mordermittlung auf eigene Faust.

Zordan ist alles andere als sympathisch. Psychopath oder nicht, er ist arrogant, selbstherrlich und aggressiv. Im Mittelteil des Buches fand ich ihn manchmal zu eindimensional, dennoch wollte ich immer wissen, wie es mit ihm weitergeht.

Greta Weiß ist im Gegensatz zu ihm eine Frau, mit der man sich identifizieren kann. Sie ist ehrgeizig und bereit, für eine Story einiges zu tun, vor allem aber ein guter Mensch. Sie will ihre Titelstory, klar – aber sie will auch Gerechtigkeit für das tote Mädchen, und vor allem keine weiteren Opfer. Gelegentlich ist sie für eine Journalistin meines Erachtens allerdings zu naiv.

Der Schreibstil ist schnörkellos und bringt die Dinge auf den Punkt. Für diese Geschichte passt das wunderbar, obwohl mir der Stil normalerweise zu einfach wäre. Interessant fand ich, dass sich der Stil in den Auszügen der Manuskripte von Andreas Zordan tatsächlich von dem im restlichen Buch unterscheidet.

Als Buchbloggerin musste ich mehr als einmal schmunzeln, denn Zordan hält nicht viel von uns:

Zitat:
‘Schon gar nicht brauchte er das, was die Leser heutzutage Rezensionen nannten. Flache, inhaltsleere Meinungen, die nichts anderes waren als Selbstdarstellung. Die Mittelmäßigen hielten es nur schwer aus in ihrer Bedeutungslosigkeit.’

Na dann.

FAZIT
Thrillerautor Andreas Zordan findet die Leiche eines Mädchens in seinem Garten. Da sie exakt so hergerichtet wurde, wie er es in seinem letzten Bestseller beschrieb, mit Materialien aus seinem eigenen Schuppen, ruft er nicht die Polizei – die würde ihn sicher als Hauptverdächtigen sehen.

Stattdessen lässt sich der Autor, der davon überzeugt ist, selber ein Psychopath zu sein, auf einen Zweikampf mit seinem mörderischen Stalker ein.

Die Geschichte ist spannend und voller Wendungen, interessant fand ich aber vor allem, wie sich der Autor mit seinem eigenen Genre und dessen Fans auseinander setzt.

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Gefrorener Schrei

Tana French , Ulrike Wasel , Klaus Timmermann
Flexibler Einband: 656 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 21.03.2018
ISBN 9783596034239
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Dieser Krimi ist weder actionlastig noch blutrünstig, und einen Serienkiller hat er ebenfalls nicht im Angebot. Dessen ungeachtet entwickelt er seine ganz eigene Art von psychologisch tiefgründiger Spannung.

Tana French lässt der Geschichte mit 656 Seiten viel Raum und ihren Charakteren damit ausreichend Zeit, sich zu entwickeln. Sie geht bis ins feine Detail, zum Beispiel wenn es um Verhörtechniken geht. Und sie scheut nicht davor zurück, falsche Fährten oder fruchtlose Verhöre gnadenlos bis zum bitteren Ende durchzuexerzieren.

Mich stört das nicht – schließlich läuft in der Realität bei einer Mordermittlung auch nicht alles wie am Schnürchen!

Dadurch gibt es jedoch Passagen, in denen die Geschichte nur langsam vorankommt. Einzelne Mitglieder unseres Krimilesekreises kritisierten, das Buch sei im Mittelteil zu langatmig.

Vielleicht spielt eine Rolle, dass ich das Buch nicht gelesen, sondern als Hörbuch verschlungen habe, aber ich langweilte mich nie. In den langsamen Passagen lag die Spannung für mich in der Charakterentwicklung und im glasklaren Porträt der zwischenmenschlichen Probleme innerhalb der Mordkommission. Auch die Einblicke in den Ermittlungsalltag fand ich hochinteressant und spannend.

Das Zwischenmenschliche ist in meinen Augen die größte Stärke des Romans. Tana French vermeidet die üblichen Krimi-Klischees und zeichnet ihre Charaktere bestechend lebensecht und authentisch.

Antoinette Conway ist die einzige Frau im Morddezernat und ihre Haut ist nicht blütenweiß. Deswegen fühlt sie sich von ihren Kollegen nicht nur ausgeschlossen, sondern aktiv gemobbt, und dieses Gefühl geht bis zur Paranoia: Jeder ist gegen sie, jeder will ihr Böses. Daher beißt sie um sich, kontert mit ätzendem Spott und aggressiv-toughen Sprüchen.

Sie ist ein schwieriger Charakter, keine Frage, und ihre ständig negative Einstellung kann einem als Leser durchaus auf die Nerven gehen. Aber interessant ist sie auf jeden Fall.

Stephen Moran ist der perfekte Gegenpol zu Antoinettes ruheloser Paranoia: er nimmt ihr mit Humor den Wind aus den Segeln und stärkt ihr gleichzeitig den Rücken. Die beiden geben ein eingespieltes Team ab – nicht nur im Verhör, sondern auch, wenn es darum geht, sich gegen Detective Breslin zu behaupten.

Der wurde den beiden jungen, unerfahrenen Ermittlern als Babysitter aufs Auge gedrückt. Er hat in der Mordkommission beinahe Star-Charakter, und das weiß er auch – er ist ein eitler, selbstgerechter Pfau mit windigem Charme. Antoinette und Stephen halten ihn im Zaum, indem sie sich treudoof stellen, ihm zustimmen und hinter seinem Rücken doch ihr eigenes Ding durchziehen.

An dieser Stelle muss ich ein Loblied singen auf Nina Petri.

Ihr gelingt es als Sprecherin fantastisch, jedem Charakter seine ganz eigene Stimme zu geben. Das bringt zusätzlich Leben in die ohnehin großartigen Dialoge – da ist Stephen gleich doppelt so treuherzig und Breslin doppelt so schleimig.

Manchmal verrennen sich Antoinette und Stephan in abstruse Ermittlungsansätze, aber es gibt einige interessante und plausible Wendungen. Mehr und mehr schwant den beiden Ermittlern, dass ihnen jemand aus den eigenen Reihen bei der Ermittlung Steine in den Weg legt. Antoinettes Paranoia schaltet in den Turbogang…

Der Schreibstil ist unverwechselbar – clever, prägnant, mit viel Gespür für Atmosphäre.

Tana French schreibt brillante Dialoge, die Verhöre sind ausgefeilt und voller psychologischer Nuancen. Sie hat ein feines Gespür für ihre Charaktere und deren soziales Umfeld, und das merkt man.

FAZIT

Eine junge Frau wird erschlagen in ihrer Wohnung aufgefunden. Der Tisch ist für ein romantisches Candlelight-Dinner gedeckt, eine Beziehungstat liegt nahe. Deswegen wird der Fall den unerfahrenen Ermittlern Antoinette Conway und Stephan Moran überlassen, doch die ahnen schnell, dass mehr hinter der Sache steckt. Allerdings stoßen sie in ihren Ermittlungen bald auf Widerstand innerhalb der Mordkommission…

Das Buch hat mit 656 Seiten einen stolzen Umfang, dabei verläuft die Handlung oft langsam, mit Augenmerk auf den Details der Ermittlung. Dennoch hat es mich mit feinsinniger psychologischer Spannung bestens unterhalten, und auch die Charaktere fand ich sehr gut gelungen. Dazu kommt noch ein rundum gelungener Schreibstil – und beim Hörbuch Nina Petri als exzellente Sprecherin.

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