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762 Bibliotheken, 26 Leser, 0 Gruppen, 71 Rezensionen

magie, zirkus, fantasy, liebe, erin morgenstern

Der Nachtzirkus

Erin Morgenstern , Brigitte Jakobeit
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 11.10.2013
ISBN 9783548285498
Genre: Fantasy

Rezension:


Der Nachtzirkus kommt ohne Vorwarnung. Jeder beliebige Ort auf der Welt. Jede beliebige Zeit. Auf einmal ist er einfach da, über Nacht, wo er gestern noch nicht war, mit seiner Vielzahl von Zelten, deren Inhalte dem Zuschauer erscheinen wie wahrgewordene Träume. Ein Garten aus Eis. Ein Wolkenlabyrinth. In Flaschen eingeschlossene Erinnerungen. Illusionisten und Wahrsager und Akrobaten, die zu fliegen scheinen.


Le Cirque des Rêves: der Zirkus der Träume. Er öffnet mit Einbruch der Dunkelheit und schließt beim ersten Licht. Ein paar Tage bleibt er, dann ist er eines Morgens plötzlich verschwunden, spurlos. 'Rêveurs' nennen sich die Menschen, die eine unbestimmte Sehnsucht dazu treibt, dem Zirkus zu folgen, wohin auch immer er geht - eine Gemeinschaft von Träumern.


Als ich heute Nacht das Buch zuschlug, konnte ich diese Sehnsucht gut nachempfinden, denn auch ich spürte sofort eine Art schmerzlichen Verlustes, dass ich die Welt des Nachtzirkus' auf immer verlassen sollte. 


Ja, ich bin ein Rêveur.


Es gibt Bücher, die werden von einer komplexen Handlung voller unerwarteten Wendungen vorangetrieben, und die Spannung peitscht einen sozusagen durch die Seiten. Und dann gibt es Bücher wie dieses, in deren zauberhafte Atmosphäre man sich bedingungslos fallen lassen muss. "Der Nachtzirkus" ist in der Tat wie ein auf Papier gebannter Traum, in dem die Dinge nicht immer chronologisch verlaufen oder auf den ersten Blick Sinn ergeben, aber immer einen Hauch von Magie verströmen.


Die schiere Originalität hat mich umgehauen. Alles ist möglich, und der Leser entdeckt immer wieder Neues am Zirkus der Träume. Der Klappentext wird dem Buch wirklich nicht gerecht, obwohl ich es schwierig finden würde, einen besseren zu schreiben!


Ich konnte das Buch wirklich kaum weglegen, denn ich fühlte mich wie ein Kind, das das erste Mal einen Jahrmarkt besucht und es kaum erwarten kann, alle Stände zu besuchen und alle Süßigkeiten zu kosten. Aber ich könnte mir vorstellen, dass das Buch nicht für jeden Leser 'funktioniert', daher würde ich eine Leseprobe empfehlen.


Die Charaktere fand ich wunderbar. Sie sind so vielfältig und zauberhaft wie der Zirkus selbst, und auch die Nebencharaktere werden mit liebevollen Details geschildert. Die Liebesgeschichte steht für einen Großteil des Buches weniger im Zentrum, als man nach dem Klappentext erwarten würde, aber sie ist dennoch wunderschön und unverzichtbar für die Geschehnisse. Besonders gegen Ende bekommt sie immer mehr Bedeutung.


Ich habe das Buch hauptsächlich auf englisch gelesen und auch das Hörbuch im Original gehört. Für meine Rezension habe ich dennoch ein paar Kapitel auf deutsch gelesen, um die Übersetzung beurteilen zu können, und ich muss sagen: die ist zwar durchaus gut, aber dennoch geht ein Teil des sprachlichen Zaubers verloren. Denn Erin Morgenstern hat wirklich eine ganz außergewöhnliche literarische 'Stimme', die manchmal so schön ist, dass ich einen Satz einfach mehrmals lesen musste, und es ist schwierig oder eher unmöglich, so etwas in der Übersetzung perfekt zu bewahren.


Zitat:
"The striped canvas sides of the tent stiffen, the soft surface hardening as the fabric changes to paper. Words appear over the walls, typeset letters overlapping hand-written text. Celia can make out snatches of Shakespearean sonnets and fragments of hymns to Greek goddesses as the poetry fills the tent. It covers the walls and the ceiling and spreads out over the floor. And then the tent begins to open, the paper folding and tearing. The black stripes stretch out into empty space as their white counterparts brighten, reaching upward and breaking apart into branches. 
»Do you like it?« Marco asks, once the movement settles and they stand within a darkened forest of softly glowing, poem-covered trees."


Das Hörbuch habe ich, wie gesagt, im englischen Original gehört und fand es einfach wunderbar. Jim Dale ist meiner Meinung nach die perfekte Stimme für diese Geschichte, denn er findet immer wieder neue stimmliche Nuancen für die verschiedenen Charaktere und vermittelt die Atmosphäre so großartig, dass sich ein echtes Gänsehaut-Gefühl einstellt. Normalerweise höre ich Hörbücher eigentlich nie mehrmals, aber dieses werde ich sicher irgendwann nochmal hören.


Fazit:
Vergesst den im Klappentext versprochenen Wettkampf auf Leben und Tod am besten erstmal. Auch die Liebesgeschichte verläuft dann doch ganz anders, als dieser erwarten lässt. Aber das heißt mitnichten, dass das Buch nicht gut wäre.


Es lebt weniger von seiner Handlung als von seiner dichten, im wahrsten Sinne des Wortes fantastischen Atmosphäre. Ob man es liebt oder hasst, hängt sicher davon ab, inwieweit man sämtliche Erwartungen ablegen und sich einfach in die Geschichte fallenlassen kann, aber in meinen Augen lohnt es sich, wenn man es tut. Ich war voll und ganz verzaubert und bin unglaublich beeindruckt von der atemberaubenden Originalität.

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104 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 26 Rezensionen

dystopie, träume, jugendbuch, traum, gooddreams

GoodDreams

Claudia Pietschmann
Fester Einband: 360 Seiten
Erschienen bei Arena, 07.07.2016
ISBN 9783401601519
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Die Grundidee fand ich sehr spannend und originell: in einer unbestimmten Zukunft gibt es eine große Energiekrise, die Arbeitslosigkeit steigt ins Unermessliche und die Menschen flüchten sich in Träume - allerdings nicht unbedingt in ihre eigenen. Denn nachdem Facebook pleite gegangen ist, hat sich eine andere Plattform zur neuen Nummer 1 der sozialen Medien emporgeschwungen: GoodDreams, wo man Videos seiner eigenen Träume hoch- und die Videos anderer Träumer herunterladen kann. Anleitungen zum Klarträumen und Traumrekorder zum Aufzeichnen der Träume machen das ganz leicht. Die Profiträumer kassieren sogar Geld und Lebensmittelgutscheine, wenn ihre Träume oft genug gelikt werden.


Leider hatte ich aber schnell den Eindruck, dass diese hochinteressante Idee auf eher schwachen Beinen steht, denn die Welt erschien mir nur oberflächlich durchdacht. Erdöl gibt es halt nicht mehr, weil die Araber und die Russen alles für sich selbst behalten, und Sonnen- und Windenergie funktionieren nicht mehr, weil das Klima unberechenbar geworden ist. Viel mehr Erklärung gibt es nicht, und das fand ich doch etwas dünn.


War es zum Beispiel ein schleichender Prozess, oder gab es irgendeine Art von Katastrophe? Mal klingt es so, als wäre es einfach eine unausweichliche Folge des fortschreitenden Klimawandels, aber dann wird zum Beispiel auch gesagt, dass Touristen in den Hotels von Okinawa gestrandet sind, weil die Flüge unbezahlbar wurden - und das hieße ja, dass es sehr überraschend passiert sein muss.


Außerdem fand ich die Auswirkungen dieser Energiekrise oft unlogisch. Einerseits hat kaum noch jemand Geld, um das Licht oder gar einen Kühlschrank einzuschalten, andererseits müssen die Menschen doch ständig im Internet hängen, wenn GoodDreams wirklich so eine wirtschaftliche Macht sein soll, wie es dargestellt wird. Es wird gesagt, dass einem technische Geräte hinterhergeschmissen werden, während Lebensmittel fast unbezahlbar sind, aber dennoch besitzen die meisten Menschen anscheinend entweder gar keinen eigenen Computer oder nur einen ziemlich abgewrackten.


Kurz gesagt, der Weltentwurf hat mich leider nicht überzeugt, und deswegen konnte ich mich auf die Geschichte nicht vollständig einlassen. Zwar kam zwischendurch durchaus Spannung auf und es war dann auch unterhaltsam, aber so richtig mitreißen konnte es mich nicht, weil es für mich nicht in sich stimmig war.


Auch die Charaktere haben zwiespältige Gefühle in mir hervorgerufen, obwohl ich sie alle im Grunde sehr vielversprechend und interessant fand.


Im Mittelpunkt steht Leah, die mit ihrem Zwillingsbruder Mika und ihrem todkranken Vater zusammenlebt. In den letzten Jahren hat Mika die kleine Familie als Profiträumer über Wasser gehalten, aber seit seine Freundin ihn verlassen hat, kann er nicht mehr schlafen und daher auch nicht mehr träumen. Leah hingegen hat mit dem Träumen schlechte Erfahrungen gemacht und will daher nicht versuchen, damit Geld zu verdienen.


Am Anfang kam sie mir naiv und selbstsüchtig vor, denn sie schiebt ihrem Bruder alle Verantwortung fürs Geldverdienen zu. Dass er auf sie oft sehr wütend wurde, konnte ich zunächst sogar nachvollziehen, später fand ich ihn unangebracht aggressiv. Leah macht im Laufe der Geschichte zwar eine große Wandlung durch und lernt, mehr Verantwortung zu übernehmen und sich mehr zuzutrauen, dies fand ich allerdings recht sprunghaft, und ähnlich erging es mir auch mit den anderen Charakteren. Ein hilfsbereiter Charakter kann plötzlich besitzergreifend und hinterlistig sein, um dann später wieder hilfsbereit zu werden, und das innerhalb weniger Tage.


Die Liebesgeschichte ging mir ein bisschen zu plötzlich, ich hatte nicht das Gefühl, dass die beiden sich überhaupt genug kannten, um tiefe Gefühle zu entwickeln. Außerdem fand ich schade, dass er sie immer wieder als hilfloses, schwaches, kindliches Mädchen sieht, das er beschützen muss!


Der Schreibstil ist eher einfach, liest sich aber locker und angenehm.


Fazit:
Die Grundidee fand ich wahnsinnig spannend, leider flaute meine Begeisterung jedoch schnell ab. Die Ansätze sind alle da, die Charaktere haben durchaus viel Potential, aber die Umsetzung scheiterte für mich vor allem daran, dass mir der Weltentwurf einfach nicht vollständig und logisch durchdacht schien - und das ist mir bei dieser Art von Geschichte, die in einer dystopisch angehauchten Zukunft spielt, sehr wichtig, um sie glaubhaft finden zu können.

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155 Bibliotheken, 56 Leser, 1 Gruppe, 7 Rezensionen

fantasy, alexander der große, intrigen, history, götter

Schattenkrone - Royal Blood

Eleanor Herman , Christine Strüh , Anna Julia Strüh
Fester Einband: 592 Seiten
Erschienen bei FISCHER FJB, 23.02.2017
ISBN 9783841422309
Genre: Jugendbuch

Rezension:  
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588 Bibliotheken, 14 Leser, 1 Gruppe, 30 Rezensionen

mittelalter, thriller, fluch, ursula poznanski, saeculum

Saeculum

Ursula Poznanski
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Loewe, 17.06.2013
ISBN 9783785577837
Genre: Jugendbuch

Rezension:



Ein harmloses Rollenspiel sollte es werden: ein paar Tage im einsamen Wald, mal leben wie im Mittelalter, Schwertkämpfe und spannende Aufgaben, die es zu erfüllen gilt. Kein moderner Kram wie Zahnpasta oder Handys. Aber es dauert nicht lange, bis das Spiel immer mehr zum Albtraum wird - der Fluch aus einer uralten Sage scheint sich nach und nach zu erfüllen. Gräber öffnen sich, des Nachts hören die Jugendlichen furchtbare Schreie, Mitspieler werden verletzt...


Als Leser fragt man sich dabei natürlich die ganze Zeit: gibt es diesen Fluch wirklich; ist es der Geist von Tristram, der umgeht und Opfer fordert? Oder steckt doch ein Mensch hinter dem perfiden Spiel? Die Autorin hat es geschafft, dass ich mal von dem einen, mal von dem anderen überzeugt war.


Erst nach etwa 350 Seiten hatte ich einen Geistesblitz und habe einen Teil der Auflösung erraten, vieles hat mich am Ende aber dann doch noch überrascht - denn da kapiert man erst, wie komplex das Ganze eigentlich ist, und dass unzählige kleine Details und Andeutungen, über die man vielleicht einfach drübergelesen oder ihnen keine größere Bedeutung beigemessen hat, tatsächlich ein Teil dieses Puzzles sind.


Ich fand die Geschichte von vorne bis hinten unheimlich spannend, denn man fragt sich ständig: was kommt als nächstes? Gegen Ende zieht Ursula Poznansik die Daumenschrauben dann noch mal kräftig an!


 Allerdings sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass "Saeculum" ein Jugendthriller ist, der für Leser ab 14 Jahren gedacht ist. Obwohl die Geschichte nicht ohne Blutvergießen abläuft, ist sie wohl nichts für Fans von Hardcore-Thrillern


Originell fand ich auch, dass das Buch in einer eigentlich sehr friedlichen Szene angesiedelt ist, nämlich der der Mittelalter-Liverollenspieler. Wer's nicht kennt: man kleidet sich in mittelalterliche Kleidung, trifft sich mit Gleichgesinnten und schlüpft für die Dauer des Spiels in die Rolle eines Menschen, wie er im Mittelalter gelebt haben könnte. Zwar gibt es auch Schaukämpfe, aber die sind halt wirklich nur Schau und sollten allerhöchstens blaue Flecken hervorrufen. Die Autorin hat sich scheinbar wirklich gut und weitreichend informiert, so dass man einen kleinen Blick in diese Welt werfen kann.


Die Charaktere fand ich wunderbar geschrieben. Ein paar davon bleiben eher am Rand, aber die meisten werden lebendig und vielschichtig geschildert, mit all ihren Marotten und Schrullen. Da gibt es zum Beispiel das kugelrunde 'Steinchen', auch bekannt als 'Kuno vom Fass', der sich als witzig, gutmütig und loyal herausstellt, die wunderschöne Lisbeth, die sich im Spiel 'Geruscha' nennt und ihre Schönheit manchmal eher als Fluch denn als Segen sieht, oder Harfenspielerin Iris, die schon vor irgendetwas Angst zu haben scheint, bevor die ersten Dinge schiefgehen.


Im Mittelpunkt steht Bastian, alias 'Tomen Sehnenschneider', der so etwas noch nie mitgemacht hat und eigentlich nur da ist, um die Rollenspielerin Sandra zu beeindrucken. Denn eigentlich ist er fleißiger Medizinstudent und versucht, es seinem herrischen Vater und dessen unmöglich hohen Ansprüchen recht zu machen. Bastian war mir sehr sympathisch, und mir hat gut gefallen, wie er sich im Laufe des Buches weiterentwickelt und seine eigenen Stärken und Schwächen kennenlernt.


Unter den Jugendlichen gibt es auch ein paar Pärchen, und Bastian macht sich ja Hoffnungen auf seine Sandra - aber die Liebesgeschichten entwickeln sich nicht unbedingt immer so, wie man es am Anfang erwarten würde, und zu kitschig wird es in meinen Augen auch nie.


Am Schreibstil merkt man schon ein bisschen, dass es ein Jugendbuch ist, denn der ist eher einfach, aber er hat mir dennoch sehr gut gefallen. Er liest sich locker und bringt Stimmungen und Emotionen großartig rüber.


Fazit:
Fünf Tage mal so tun, als würde man im Mittelalter leben, mitten im einsamen Wald - was für eine Gruppe von jungen Rollenspielern als spannender Abenteuerurlaub beginnt, gerät schnell außer Kontrolle, als sich ein uralter Fluch scheinbar Stück für Stück erfüllt.


Als Jugendthriller verzichtet "Saeculum" zwar nicht auf Gewalt, aber auf bluttriefende Beschreibungen derselben. Für manche Thrillerfans ist das Buch damit sicher zu harmlos, ich fand es aber auch als erwachsene Leserin spannend und vor allem sehr clever konstruiert. Es ist eines dieser Bücher, bei denen man erst im Nachhinein begreift, wie viele Hinweise die Autorin versteckt hat!


Ich fand es originell und spannend, mit überzeugenden Charakteren und einem Schreibstil, der zwar eher einfach ist, aber dennoch sehr ansprechend und wirkungsvoll.

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wildhexe, wildfir, kinder, feuerprobe, kinderbuch

Wildhexe - Die Feuerprobe

Lene Kaaberbøl , Friederike Buchinger
Flexibler Einband: 192 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 22.04.2016
ISBN 9783423626231
Genre: Kinderbuch

Rezension:


Lene Kaaberbøl erzählt eine wunderbar fantasievolle Geschichte für kleine Leser und Leserinnen ab 11 Jahren, und sicher auch den ein oder anderen älteren Bücherwurm. (Denn gute Kinderbücher sind doch alterslos!)


Man begegnet guten Wildhexen, der bösen Hexe Chimära, jede Menge großen und kleinen Tieren... Und der 12-jährigen Clara, die sich manchmal ganz schwach und dumm vorkommt und sich deshalb nur wenig zutraut. Deswegen fühlt sie sich auch mehr als ein bisschen überfordert, als ein riesiger schwarzer Kater sie eines Morgens aus heiterem Himmel anfällt und das irgendwie dazu führt, dass ihre Mutter und ihre Tante ihr eröffnen, sie sei eine Wildhexe, die mit Tieren sprechen und auf den Wilden Wegen wandern kann. Als wäre das noch nicht genug, hat es auch noch die grausame Chimära auf sie abgesehen!


In die Geschichte sind viele kindgerechte Themen verpackt, denn Clara muss nicht nur lernen, ihren Wildsinn zu beherrschen, sondern auch, sich mehr zuzutrauen und sich mit einer Rivalin zu versöhnen. Denn, so muss Clara feststellen, manchmal sind Leute fies zu einem, weil sie selber vor etwas Angst haben.


Aber das Buch kommt jetzt nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daher, sondern ist immer einfallsreich, magisch und superspannend! Clara ist ein liebenswertes Mädchen, mit dem Kinder bestimmt richtig gut mitfiebern können. Ansonsten lernt man vor allem ihre Tante Isa kennen, die irgendwo im Nirgendwo lebt, immer ein paar verletzte oder kranke Tiere im Haus hat, die sie aufpäppelt, und sich gut mit Kräutern und Magie auskennt. Dann gibt es noch Kahla, die etwa in Claras Alter ist und gerade bei Tante Isa in die Hexenlehre geht, und sie ist erst ziemlich gemein. Aber man merkt, dass Kahla eben auch unsicher ist, weil da jetzt plötzlich noch ein anderes Lehrmädchen ist, das Isas Aufmerksamkeit beansprucht.


Der Schreibstil liest sich einfach und flüssig, hat aber dennoch auch tolle Beschreibungen, wie die Dinge aussehen, klingen, riechen oder schmecken, so dass man sich immer lebendig vorstellen kann, was gerade passiert.


Fazit:
"Die Feuerprobe" ist ein schöner Auftakt für eine Fantasyreihe für junge Leserinnen. Die Geschichte ist spannend und fantasievoll, und die 12-jährige Heldin lernt ganz viel fürs Leben, ohne dass es langweilig wird. Mit 192 Seiten ist das Buch auch für kleinere Leseratten gut zu schaffen und eignet sich sicher auf gut zum Vorlesen.

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helgoland, thriller, spannung, orkan, anna krüger

Hell-Go-Land

Tim Erzberg
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 22.08.2016
ISBN 9783959670463
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Mit Helgoland verbinden die meisten Menschen wohl eher gemütliche Urlaubsatmosphäre (inkl. Strandspaziergang, Heilbad und Matjesbrötchen) als einen zunehmend düsteren Albtraum (inkl. Sturmfront, Ausgangssperre und Blut im Einmachglas).


Insofern ist die Wahl des Schauplatzes für diesen Thriller originell - und stimmig, denn nach dem Lesen kann ich nur sagen: Helgoland im Winter ist geradezu der perfekte Ort für so eine Geschichte! Außerhalb der Urlaubssaison fahren die Fähren ohnehin nur zweimal in der Woche, und bei Unwetter, was wohl nicht selten vorkommt, ist die Insel sogar vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten. Jeder kennt jeden auf so einer kleinen Insel, und einer davon soll ein skrupelloses Monster sein...? Gänsehaut vorprogrammiert. Ein Großteil der Spannung entsteht alleine schon durch die klaustrophobische, unheilvolle Atmosphäre.


So lebendig, grandios und stimmungsvoll das sturmumtoste Helgoland beschrieben wird, desto blass bleiben jedoch leider manche der Charaktere.


Die Geschichte wird aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt. In der Gegenwart sieht der Leser die Geschehnisse vor allem aus Sicht der Polizistin Anna Krüger, an die ein unbekannter Täter grausige Präsente schickt, und aus Sicht der Putzfrau Katharina Loos, die einen unheilvollen Verdacht hat, was ihren Arbeitgeber betrifft, und auf eigene Faust ermittelt. Außerdem fließen immer mal wieder Gespräche zwischen Täter und Opfer in die Geschichte ein, reduziert auf den reinen Dialog.


Auch Annas Erinnerungen spielen eine große Rolle. Schnell wird dem Leser klar: vor 8 Jahren muss ihr etwas Furchtbares angetan worden sein auf Helgoland. Etwas, für das ihr nie Gerechtigkeit zuteil wurde, ganz im Gegenteil. Lange wird alles nur angedeutet, und als Anna es dann doch mal jemandem erzählt, bricht der Autor die Szene einfach ab und blendet über zur nächsten - aber das verhindert nicht, dass man sich doch recht schnell einen Teil dessen, was geschehen ist, denken kann.


Die Charaktere haben alle viel Potential und auch interessante Eigenheiten. (So hat Anna zum Beispiel ihrer Migräne den Namen Stalin gegeben und spricht gelegentlich mit ihr.) Aber wirkliche Sympathie habe ich weder mit ihr noch mit den anderen Charakteren entwickelt, und sie blieben für mich merkwürdig farblos. 


Die drei Polizisten sind mit der Situation hoffnungslos überfordert und ermitteln fast stümperhaft, was aber zugegebenermaßen verständlich ist. Kein angeschlossenes Labor, keine Experten für Spurensicherung... Im Grunde sind sie nur eine Dorfpolizei, die normalerweise alles ans Festland weitergibt, was wirkliche Ermittlungen erfordert - nur, dass das jetzt wegen des Sturms eben nicht geht. Nicht nachvollziehen konnte ich hingegen, dass Anna ihren Kollegen ohne ersichtlichen Grund wichtige Dinge vorenthält, wie z.B., dass sie eine Reihe von beunruhigenden SMS erhalten hat. Ein Versuch des Autors, zusätzliche Spannung zu erzeugen, indem er Anna isoliert?


Der aufmerksame Leser kann schon früh zumindest eine Ahnung entwickeln, wer hinter den blutigen Post-Sendungen steckt, trotz falscher Fährten - allerdings bleibt spannend, warum derjenige tut, was er tut. Die Auflösung und das Motiv des Täters konnten mich am Schluss aber nur so halbwegs überzeugen.


Im Großen und Ganzen gefiel mir der Schreibstil gut, mit kleinen Abstrichen:


Immer wieder findet der Autor tolle Bilder und eine großartige Sprachmelodie, oft baut er eine wunderbar dichte, düstere Atmosphäre auf, die alle Sinne anspricht  - gelegentlich driftet er aber auch ab ins Melodramatische.


Zitat - Anna blickt hinab aufs Meer und bekommt Migräne:
Eisig war es und sah doch aus, als würde es dort unten von einem Höllenfeuer zum Kochen gebracht. Im Augenblick der Begegnung mit dem zornigen Gott des Meeres waren sie aufgeflammt, hatte es hinter ihren Augen zu pochen begonnen. Zunächst hatte es sich angefühlt, als packe eine eisige Faust ihren Sehnerv und zöge ihn mit Gewalt in den Schädel. 


Abschließend möchte ich sagen, dass mich das Buch trotz der angesprochenen Kritikpunkte gut unterhalten hat und dass ich es auch sehr spannend fand.


Fazit:
Der heimliche Star des Buches ist für mich die Insel Helgoland selbst, denn der Autor beschreibt sie packend und eindringlich - und zeigt sie dabei in einem ganz anderen Licht, als man sie aus Ferienprospekten kennt. Brutale Winterstürme und die damit einhergehende vollkommene Isolation vom Festland bilden die Kulisse für einen Thriller, der seinem Potential in meinen Augen nicht vollständig gerecht wird (besonders die Darstellung der Charaktere hat noch Luft nach oben), aber dennoch hochspannend ist.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Hexbreaker (Hexworld) (Volume 1)

Jordan L. Hawk
Flexibler Einband: 244 Seiten
Erschienen bei CreateSpace Independent Publishing Platform, 05.05.2016
ISBN 9781530911523
Genre: Sonstiges

Rezension:


Erstmal zwei Hinweise: 1.) Das Buch ist zum Zeitpunkt dieser Rezension noch nicht auf deutsch erschienen. 2.) Es enthält detailliert beschriebenen einvernehmlichen Sex zwischen zwei Männern. 


Nur noch ein Kapitel! 


Das dachte ich mir kurz nach Mitternacht. Einen Wimpernschlag später war es auf einmal 3 Uhr früh, aber an dieser spannenden Stelle konnte ich unmöglich abbrechen... Die Nacht durchzumachen, um das Buch in einem Rutsch fertig zu lesen, erschien mir in dem Moment als die einzig logische Konsequenz - und nein, ich bereue gar nichts, denn das Buch hat mir von der ersten bis zur letzten Seite sehr viel Spaß gemacht. (Die Augenringe werden in ein paar Tagen verschwunden sein. Hoffe ich.)


Ich lese sehr selten Liebesgeschichten und noch seltener Erotik. Ehrlich gesagt langweilt es mich, wenn die Handlung nur der Aufhänger ist für Kitsch oder Sex! Umso erfreuter bin ich, wenn ich ein Buch finde, das alles vereint: eine originelle Geschichte, lebendige Charaktere, einen schönen Schreibstil, eine Prise Humor und Romantik, die wirklich ans Herz geht. Für mich bot "Hexbreaker" genau diese seltene, wunderbare Mischung.


Das Buch spielt Ende des 19. Jahrhunderts in einer magischen Version unserer Welt. Kurz gesagt: es gibt normale Menschen, es gibt Hexen und Hexer, und es gibt Vertraute. Letztere sind Gestaltwandler, die eine bestimmte Tiergestalt annehmen können und vom Wesen her viel mit diesem Tier gemeinsam haben. Gehen ein Vertrauter und ein Hexer einen magischen Bund fürs Leben ein, dann verstärken sich die Fähigkeiten des Hexers ungemein, was nicht nur Prestige und Macht bedeutet, sondern auch berufliche Möglichkeiten und somit Geld. Eigentlich hat jeder Vertraute einen seelenverwandten Magier, der für ihn bestimmt ist, aber es kommt allzu oft vor, dass ein Vertrauter eingefangen und gewaltsam gezwungen wird, den Bund mit einem anderen Magier einzugehen... Denn die Vertrauten werden von manchen Magiern behandelt wie Eigentum oder Haustiere.


Die Welt erschien mir gut durchdacht, mit historischem Flair und einem wirklich ungewöhnlichem Magiesystem!


Ja, es ist Fantasy, es ist eine Liebesgeschichte, aber es ist auch ein spannender Krimi mit unerwarteten Wendungen. Denn Copper Tom Halloran und Vertrauter Cicero müssen einen Kriminalfall klären, und zwar schnell. Menschen, die an sich harmlose Zauber konsumiert haben, drehen vollkommen unvermittelt durch und fallen den Nächstbesten mit Zähnen und Klauen an - buchstäblich, und das erinnert Tom an etwas in seiner eigenen Vergangenheit. Hier spielt einiges eine Rolle: Anarchisten, ein Schwarzhandel mit Vertrauten, magische Verbrechen, die Rechte von Minderheiten...


Die Hauptcharaktere sind mir schnell ans Herz gewachsen, denn beide sind auf ihre eigene Art liebenswert: der ruhige, ernsthafte Tom und der charmante, extravagante Cicero. Natürlich begegnen sie einander anfangs mit gegenseitigem Misstrauen, natürlich kann sich die Liebesgeschichte nicht ohne Probleme und Rückschläge entwickeln, natürlich bedienen die beiden schon so ein bisschen die Klischées, aber darüber hinaus ist die Geschichte kein bisschen abgedroschen, sondern sehr einfallsreich. Alle Charaktere sind vielschichtig, lebensecht und glaubhaft, und ich freue mich schon darauf, einige davon in den nächsten Bänden näher kennenzulernen.


Der Schreibstil hat mich voll und ganz überzeugt, mit einer sehr dichten Atmosphäre, großartigen Bildern und einfach einer gewissen Qualität. Auch die Sexszenen fand ich zwar durchaus explizit, dabei aber keineswegs peinlich oder stillos, sondern sehr ansprechend!


Die Liebesgeschichte fand ich wunderschön und rührend. Ja, manchmal ist sie vielleicht ein kleines bisschen kitschig, aber es hält sich wirklich noch im Rahmen und wird auch immer wieder durch ein wenig Humor aufgelockert.


Das (ungekürzte) Hörbuch fand ich sehr gut gelungen, und vor allem Tristan James als Sprecher ist gut gewählt, denn er spricht die verschiedenen Charaktere so, dass man sie gut unterscheiden kann. Auch die erotischen Szenen spricht er angenehm, ohne dass es klingt wie aus einem schlechten Porno!


Fazit:
Gay Romance (homoerotische Liebesgeschichte), historische Fantasy und Krimi - "Hexbreaker" ist eine gelungene Mischung, und das sage ich als Leserin, die normalerweise weder Liebesgeschichten noch Erotik besonders gerne liest. Die Erotikszenen sind explizit, aber die Geschichte, die Ende des 19. Jahrhunderts in einer magischen Version unserer Welt spielt, ist eben nicht "nur" erotisch, sondern darüber hinaus originell, komplex und spannend.


...und ja, sehr romantisch und ein bisschen kitschig, aber trotzdem sehr ungewöhnlich und interessant. Ich als Liebesgeschichten-Muffel fand die Liebesgeschichte richtig süß!

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278 Bibliotheken, 7 Leser, 2 Gruppen, 11 Rezensionen

new york, straßenkinder, tod, drogen, jugendliche

Asphalt Tribe

Morton Rhue , Werner Schmitz
Flexibler Einband: 221 Seiten
Erschienen bei Ravensburger Buchverlag, 01.01.2016
ISBN 9783473582129
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Der Autor wird den meisten wohl noch aus der Schule bekannt sein! Aus seiner Feder stammt das vielfach preisgekrönte und gerne als Lektüre verwendete Buch "Die Welle", in dem es um ein missglücktes soziales Experiment geht, mit dem ein Lehrer seinen Schülern eigentlich nur zeigen wollte, wie es zum Holocaust kommen konnte... Mit fatalem Ergebnis. (Das ist in der Realität übrigens tatsächlich passiert, an einer amerikanischen Schule in den späten 60er Jahren!)


Aber auch in seinen anderen Werken greift Morton Rhue oft brisante Themen auf, die Jugendliche betreffen: Amoklauf, Jugendkriminalität, brutale Erziehungscamps in den USA, Islamismus und Radikalisierung...


In "Aspalt Tribe" geht es um Straßenkinder - und zwar nicht in den Slums irgendeines Entwicklungslandes, sondern in einer durchschnittlichen amerikanischen Großstadt. Denn Jugendobdachlosigkeit ist auch in Wohlstandsländern ein (oft nur wenig beachtetes) Problem! Auch in Deutschland.


Morton Rhue erzählt die Geschichte einer kleinen Gruppe obdachloser Jugendlicher, die sich zusammengetan haben, um sich gegenseitig Schutz, Trost und Hilfe zu spenden, und die dabei allzu oft ums blanke Überleben kämpfen müssen. Die meisten von ihnen sind vor Vernachlässigung, Misshandlung oder Missbrauch geflohen, schlafen lieber bei Minus 20 Grad auf der Straße und verkaufen ihren Körper, statt zurückzugehen in ein Elternhaus, in dem sie die Hölle erlebt haben. Sie trauen Erwachsenen nicht mehr, auch nicht der netten Sozialarbeiterin, die ihnen nur helfen will.


Das ist sicher keine lustige Geschichte und der Autor beschönigt nichts, aber er verzichtet darauf, die schlimmen Dinge, die die Jungen und Mädchen erleben, sensationsgeil auszuschlachten und zum Beispiel genauer zu beschreiben, wie sie sich prostituieren. Das hat das Buch gar nicht nötig, denn es ist auch so schon bedrückend genug und regt zum Nachdenken an. "Maybe" berichtet relativ ruhig über die Geschehnisse - und das ist an sich schon verstörend, denn es zeigt, wie sehr sie mit ihren 15 Jahren schon abgestumpft ist. Sie ist traurig, wenn ein Mitglied ihres Stamms tot im Park gefunden wird, aber nicht einmal sonderlich überrascht...


Dennoch fand ich das Buch spannend und bewegend, und das Thema wurde in meinen Augen mit Mitgefühl und Respekt umgesetzt.


Die Kids benutzen "Straßennamen" wie 2Moro, Maggot oder Rainbow und sprechen nicht gerne über ihre Vergangenheit. Deswegen erfährt der Lesende echte Namen und Hintergrundgeschichten meist erst dann, wenn ein Kapitel des Buches mit einem kurzen Steckbrief eröffnet wird, der unvermeidlich mit einem sachlichen Eintrag über den Tod des Jugendlichen endet... Denn das kommt mehr als einmal vor.


Man könnte sagen, dass viele der Charaktere dadurch in gewisser Weise unnahbar bleiben, aber ich habe trotzdem mit den Kindern und Jugendlichen mitgefühlt, denn man spürt deren Leid immer zwischen den Zeilen. Die Erzählerin "Maybe" lernt man mit jeder Seite besser kennen, und man kann sich ihren Gefühlen kaum entziehen. Sie ist sehr glaubhaft und auch ihre Sprache erschien mir passend für ihr Alter und ihre Hintergrundgeschichte.


Am Schreibstil merkt man, dass sich das Buch an jugendliche Lesende richtet, denn der ist sehr einfach und klar strukturiert. Aber es ist meiner Meinung nach dennoch ein Buch, das auch für erwachsene Leser lohnend ist, denn es ist ein Thema, das es wert ist, einmal darüber nachzudenken.


Zitat:
Jewel schluchzte weiter. Er würgte und stöhnte ein bisschen, hustete und schniefte, dann schluchzte er wieder auf. Das war kein körperlicher Schmerz. Es war ein anderer Schmerz. Der Schmerz dieses verdammten, frierenden, hungrigen, schmutzigen Lebens, bei dem kein Mensch sich dafür interessierte, ob man tot oder lebendig war. Bei dem man nicht einmal einen Namen hatte. Nicht einmal eine Nummer. Nur etwas Fleisch, das an irgendwelchen Knochen hing. Das darauf wartete, gefüttert oder nicht gefüttert zu werden. Zu schlafen oder nicht zu schlafen. Zu leben oder nicht mehr zu leben. 


Fazit:
Jugendobdachlosigkeit mitten in einer amerikanischen Großstadt: Maybe, 2Moro, Maggot, Jewel, Rainbow, OG und Tears schlafen bei Minusgraden auf dem Asphalt, essen aus dem Müll, verkaufen ihre Körper, nehmen Drogen, und trotzdem kommt ihnen all das immer noch besser vor, als zurückzugehen in ein Elternhaus, wo sie geschlagen, beschimpft oder missbraucht wurden.


Morton Rhue greift das Thema mit viel Fingerspitzengefühl auf, ohne das Leid der Jugendlichen zur Unterhaltung der Leser auszuschlachten, aber auch ohne Beschönigung. Vom Schreibstil her ist es ganz deutlich ein Jugendbuch, aber eines, das auch interessant für erwachsene Leser sein kann.

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70 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 33 Rezensionen

alaska, fracking, thriller, familie, verfolgung

Lautlose Nacht

Rosamund Lupton , Christine Blum
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 11.11.2016
ISBN 9783423261210
Genre: Romane

Rezension:


Der Klappentext klingt nach einem rasanten Thriller, aber wenn ich jetzt an "Lautlose Nacht" zurückdenke, kommt mir als erstes die kristalline Klarheit der Geschichte in den Sinn: zeitlos, schwerelos, oft beinahe poetisch, und dennoch mit einer ganz eigenen Art von Spannung.

Denn Rosamund Lupton erzählt mit dichter Atmosphäre von der archaischen Gnadenlosigkeit der Eiswüste, der Unbedeutsamkeit des Menschen in der unendlichen Weite der Polarnacht, der Qualität der Stille, aber es ist auch eine packende Geschichte von Verrat und Tod, Flucht und Jagd. Kein Thriller, aber durchaus ein fesselnder Roman, den ich nicht mehr weglegen konnte.

Zugegeben, die Geschichte ist nicht immer hunderprozentig glaubwürdig. Denn im Mittelpunkt stehen Yasmin und Ruby, eine junge Mutter und ihre gehörlose Tochter, die sich aufmachen, mitten im arktischen Winter im Norden Alaskas nach Matt zu suchen - Rubys Vater, der angeblich bei einem Brand zu Tode gekommen sein soll, was sie aber nicht glauben wollen. Die beiden überwinden die unglaublichsten Gefahren, und Yasmin, die in ihrem Leben noch nie einen LKW gefahren hat, steuert einen 40-Tonner über vereiste Flüsse, durch Lawinen und Schneestürme... Im echten Leben wäre ihr das schwere Gefährt wohl schon nach 500 Metern in den Graben gerutscht.

Aber das hat mich weit weniger gestört, als ich selber erwartet hätte, denn dadurch verstärkte sich für mich das Gefühl, ein spannendes modernes  Märchen zu lesen.

Die Autorin spricht viele interessante, ganz unterschiedliche Themen an: Fracking (ein sehr umstrittenes Verfahren der Erdgas- und Erdölförderung), Gehörlosigkeit (nicht als Behinderung, sondern als andere und ebenso reiche Form der Wahrnehmung), die aussterbende Kultur der Inupiat, (indigener Ureinwohner der Polarregionen Nordamerikas) und vieles mehr. Die Mischung fand ich sehr originell und gelungen. 

Die Geschichte wird zum Teil in der Ich-Perspektive aus Rubys Sicht erzählt, und durch sie gewinnt man einen wunderbaren Einblick in das Leben eines gehörlosen Kindes. Obwohl sie sich weigert, laut zu sprechen, empfindet sie sich nicht als sprachlos, denn sie sieht ihre Gebärdensprache als ihre Stimme. Ihre Sicht auf die Welt ist keine eingeschränkte - nur eine andersartige. Genau das ist aber ein häufiger Streitpunkt zwischen ihr und ihrer Mutter, denn Yasmin glaubt, Ruby müsse sich an die Welt der Sprechenden anpassen, um in ihr bestehen zu können.

Ehrlich gesagt fand ich dieses Thema fast spannender als die Frage, ob Matt  noch lebt und was wirklich hinter der Brandkatastrophe steckt, die ihn angeblich getötet hat! Das Sahnehäubchen waren für mich die Tweets, in denen Ruby beschreibt, wie sie verschiedene Wörter wahrnimmt.

Zitat:
@Words_No_Sounds
650 Follower
LÄRM: Sieht aus wie eine blinkende Neonwerbung, fühlt sich an wie herunterrieselnder Schutt, schmeckt wie die ausgeatmete Luft anderer Leute.

Auch Yasmin ist in meinen Augen ein gut geschriebener, komplexer Charakter. Die anderen Charaktere bleiben eher blass, aber das liegt meines Erachtens daran, dass sich die Handlung zu großen Teilen ausschließlich um Yasmin und Ruby dreht, denn die verbringen viel Zeit ganz alleine im Cockpit eines Trucks.

Zitat:
Die Kälte war ein Schock. Sie hatte gedacht, Kälte sei weiß wie Schnee oder vielleicht blau wie der Punkt auf einem Kaltwasserhahn. Aber diese Kälte entsprang einem Ort der Nacht und war schwarz, ohne jegliche Farbe oder Licht. Ein gellendes Kreischen ertönte, dann begriff sie, dass es der Wind war, der Neuschnee über den festgefahrenen Schnee am Boden trieb, weiße Geister, die über Straße und Ödnis tanzten. 

Den Schreibstil fand ich wunderbar, mit starken und dabei oft lyrischen Bildern. Für mich sind besonders die Passagen sehr gelungen, die aus Rubys Sicht erzählt werden. Oft finde ich in Büchern die "Stimmen" von Kindern nicht glaubhaft oder authentisch, aber Rosamund Lupton hat mich mit Ruby überzeugt. 

Fazit:
"Lautlose Nacht" ist in meinen Augen vielleicht kein Thriller, aber dennoch auf ganz eigene Art und Weise spannend. Die Autorin erzählt von einer Extremsituation, beschreibt aber nicht nur Bedrohung und Gefahr sehr fesselnd, sondern auch die einzigartige, harsche Schönheit Nordalaskas im Polarwinter - und die Geschichte, wie sich eine Mutter und ihre kleine gehörlose Tochter in der endlosen Stille aneinander annähern, denn das Schweigen der Tochter und ihr Beharren auf der Gebärdensprache waren bisher ein steter Streitpunkt.

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19 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 11 Rezensionen

thriller, alaska, royce scott buckingha, kaltgestellt, kalt gestellt

Kaltgestellt

Royce Scott Buckingham , Wulf Bergner
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 19.09.2016
ISBN 9783734102318
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Am Anfang war ich von dem Buch sehr angetan - mir gefiel der böse, leicht schräge Humor und der arme gescheiterte Anwalt Stuart "Stu" Stark war mir sympathisch und tat mir leid. Ich freute mich auf einen spannenden Thriller, in dem der scheinbar besiegte Underdog sich gegen seine Widersacher durchsetzt und den Tag rettet, und der Klappentext versprach darüber hinaus den elementarsten aller Kämpfe: moderner Mensch gegen archaische Natur.

Leider kommt hier ein Aber. Ein dickes Aber.

Aber mehr und mehr gewann ich den Eindruck, dass "Kaltgestellt" eigentlich gar kein Thriller ist, sondern bestenfalls ein humorvoller Roman mit sparsam eingestreuten Thriller-Elementen. Das möchte ich jetzt natürlich noch begründen:

Von einem Thriller erwarte ich eine ganz bestimmte Art von Hochspannung, sozusagen psychologische Daumenschrauben, gekrönt von einem unerwarteten und dennoch schlüssigen Ende.

Die Hochspannung wollte sich für mich jedoch nicht so recht aufbauen. Das Buch beginnt relativ langsam mit Stuarts Hintergrundgeschichte, und danach geht es in einem Großteil der Kapitel um seinen Überlebenskampf in der Wildnis (während Frau und Partner zuhause ausnutzen, dass er nicht da ist). Das liest sich zwar interessant, aber eher wie eine Selbstfindungsgeschichte als ein Thriller, und nach ~100 Seiten Selbstfindung hatte ich auch genug davon. Der Klappentext suggeriert, Stuart würde verbissen trainieren, um sich an denen zu rächen, die ihn verraten haben, aber tatsächlich ist ihm bis fast zum Schluss gar nicht bewusst, dass er verraten wurde, denn er glaubt an ein Versehen!

In meinen Augen noch fataler: die Auflösung ist unglaublich vorhersehbar. Dermaßen vorhersehbar sogar, dass ich erst davon ausging, das müsse zum perfiden Masterplan des Autors gehören. Die Spannung würde schon noch daraus entstehen, dass der Leser zuschaut, wie auch Stuart dahinterkommt und zum Gegenschlag ausholt - aber Fehlanzeige. Sogar, wenn er sozusagen mit der Nase darauf gestoßen wird, bleibt Stuart blind und taub, bis es wirklich absolut nicht mehr anders geht - und dann wurden die Geschehnisse meines Erachtens ein bisschen absurd.

Stuarts Entwicklung war für mich einfach nicht glaubhaft. Die körperliche Entwicklung vom verweichlichten Anwalt zum gestählten Wildnisexperten fand ich ja noch plausibel, denn diese erstreckt sich über einen Zeitraum von mehreren Monaten. Die mentale Entwicklung vom allzu gutgläubigen, naiven Softie zum knallharten Alphatier kam mir dann jedoch zu plötzlich.

Abgesehen von Stuart spielen sein Partner Clay und seine Frau Kate die wichtigsten Rollen. Aber Clay war für mich ein sehr eindimensionaler Charakter, der sich im Laufe des Buches nicht großartig weiterentwickelte, und Kates Entwicklung bestand daraus, dass sie sich mehr und mehr Clays Lebenseinstellung annäherte - und das erstaunlich schnell und unreflektiert. Zwischendurch hatte ich den Eindruck, die fehlende Spannung solle mit verruchtem Sex kaschiert werden, was für mich allerdings nicht funktionierte...

Der Schreibstil hat mir an sich gut gefallen. Wie anfangs schon gesagt, mir gefiel der Humor, und auch die Formulierungen und der Sprachrhythmus kamen mir gelungen vor.

Fazit:
In den ersten Kapiteln war ich noch begeistert, doch dann folgte der Absturz... Spannung baute sich für mich kaum auf, das Ende fand ich unsäglich vorhersehbar, und auch die Charaktere konnten mich nur wenig überzeugen. denn die blieben entweder flach oder entwickelten sich allzu abrupt und unglaubwürdig.  Wirklich schade, denn Schreibstil und Humor sprechen mich eigentlich sehr an!

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315 Bibliotheken, 25 Leser, 2 Gruppen, 131 Rezensionen

weltraum, hexen, kai meyer, science fiction, raumschiff

Die Krone der Sterne

Kai Meyer , Jens Maria Weber
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei FISCHER Tor, 26.01.2017
ISBN 9783596035854
Genre: Fantasy

Rezension:


In einer gelungenen, nahtlosen Mischung aus Science Fiction und Fantasy trifft hier das Futuristische auf das Märchenhafte: Raumgleiter, Blaster und Hyperraumsprungtore spielen genauso eine Rolle wie ein mächtiger Hexenorden, eine geheimnisvolle Gottkaiserin oder die uralten Kathedralen der Stille.


Kai Meyer schmeißt den Leser mitten hinein, ohne Netz und doppelten Boden, in eine komplexe, phänomenal originelle Welt, die ihresgleichen sucht. Da kann einem anfangs schon ein wenig der Kopf schwirren ob der vielen Namen und Begriffe, aber wenn man sich vertrauensvoll auf die Geschichte einlässt und dem Genre Science Fiction zumindest ein bisschen abgewinnen kann, gibt sich das schwindelerregende Gefühl des freien Falls meines Erachtens auch schnell wieder.


Mir persönlich gefällt es sehr gut, wenn ein Autor nicht alles zu Tode erklärt, ich aber dennoch das Gefühl habe, dass er jedes noch so kleinste Detail seiner Welt durchdacht hat, und das ist hier definitiv der Fall! Alles erschien mir lückenlos konstruiert und logisch schlüssig.


Spannend fand die Geschichte von der ersten Seite an, denn sie legt direkt ein mörderisches Tempo vor, das im Laufe des Buches auch kaum mal runterbremst. Action gibt es wirklich mehr als genug, mit halsbrecherischen Verfolgungsjagden und wagemutigen Manövern! Gelegentlich wurde mir das fast ein bisschen zuviel, und dann hätte ich mir statt der nächsten wilden Flucht zum Beispiel ein paar Informationen zum Pilgerkorridor oder dem Kult der Stille gewünscht... Aber dann kehrt doch immer mal wieder eine kurze Ruhepause ein und  es kommen Dinge zur Sprache, die man als Leser wissen muss oder möchte.


Die Charaktere fand ich großartig, gerade weil sie alle keine strahlenden Helden sind, sondern Ecken und Kanten haben und auch mal selbstsüchtige, fragwürdige Dinge tun - oder umgekehrt etwas Heldenhaftes, obwohl man sie bislang für Feiglinge oder Schurken gehalten hat. 


Im Mittelpunkt steht die junge Baronessa Iniza, die als Braut der Gottkaiserin auserwählt wurde, aber nicht die geringste Lust hat, sich diesem wenig schönen Schicksal zu ergeben. Da sie keine typische Jungfrau in Nöten ist, wartet sie nicht einfach brav auf Rettung, sondern packt die Dinge lieber selbst an. Sie ist mutig, entschlossen, kann anscheinend auch in Stresssituationen schnell und überlegt handeln und hat eine Menge Stolz.


Ihr Geliebter Glanis ist deutlich ruhiger und steht mehr im Hintergrund, obwohl er durchaus wichtige und hilfreiche Fähigkeiten hat. Neben der lebendigen Iniza wirkt er manchmal fast etwas farblos; er will sie zwar beschützen, vertraut ihr aber auch und lässt sie vieles selber erledigen. Ich fand es erfrischend, in einem Buch mal ein Pärchen zu sehen, wo ganz ohne Zweifel sie bestimmt, wo es langgeht, und nicht er. 


Für mich sind jedoch Waffenmeister Kranit und Alleshändlerin Shara Bitterstern die wahren Stars des Buches, denn die sind zwiespältige und gerade dadurch interessante Charaktere.


Kranit ist der letzte Waffenmeister von Amun, ein legendärer Kämpfer, der seine besten Tage vielleicht schon hinter sich hat. Viele der Mythen, die seine Person umranken, sind ohnehin übertrieben, aber er ist dennoch immer noch ein überragender Kämpfer und Schütze.


Shara ist impulsiv und unbeherrscht, und das Töten geht ihr bestürzend leicht von der Hand, auch wenn sie ihre eigenen Situation damit nur noch viel schlechter macht. Aber sie hat auch Schreckliches erlebt, was vielleicht nicht aller entschuldigt, aber vieles erklärt.


Es gibt auch noch andere tolle Charaktere, aber das würde den Rahmen der Rezension sprengen...


Der Schreibstil gefiel mir hervorragend, ich fand die Bilder und Metaphern sehr gelungen. Das meiste konnte ich mir wunderbar vorstellen, und ansonsten war ich dankbar für die detailgetreuen Illustrationen. Der Humor sprach mich auch sehr an - bei den bösen Sprüchen, die sich die Charaktere um die Ohren hauen, musste ich mehr als einmal grinsen. 


Fazit:
Zwar ist das Jahr 2017 noch sehr jung, aber ich habe das Gefühl, mit "Die Krone der Sterne" schon eines meiner Jahreshighlights gefunden zu haben. Irgendwo zwischen Fantasy und Science Fiction erzählt Kai Meyer eine Geschichte. deren Originalität mich begeistern konnte, wie das schon lange kein Buch mehr geschafft hat! Nach den großen Maschinenkriegen hat die Gottkaiserin von Tiamande mit ihrem Hexenorden die Herrschaft übernommen, es gibt Weltraumpiraten, religiöse Kulte und  geheime Hyperraumsprungtore... Langweilig wird die Geschichte meiner Meinung nach nie, und besonders gegen Ende gibt es ein paar wirklich unerwartete Wendungen, die Neugierde auf den nächsten Band wecken.

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131 Bibliotheken, 7 Leser, 0 Gruppen, 25 Rezensionen

thriller, tiefe narbe, strobel, arnostrobe, imkopfdesmörders

Im Kopf des Mörders - Tiefe Narbe

Arno Strobel
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 26.01.2017
ISBN 9783596296163
Genre: Krimi und Thriller

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219 Bibliotheken, 13 Leser, 1 Gruppe, 17 Rezensionen

physik, anspruchsvol, außergewöhnlic, flashbacks, fantasie

Ein bisschen wie Unendlichkeit

Harriet Reuter Hapgood , Susanne Hornfeck
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei FISCHER KJB, 23.02.2017
ISBN 9783737340335
Genre: Jugendbuch

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539 Bibliotheken, 26 Leser, 5 Gruppen, 46 Rezensionen

magie, throne of glass, fae, hexen, fantasy

Throne of Glass - Erbin des Feuers

Sarah J. Maas ,
Flexibler Einband: 656 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 23.10.2015
ISBN 9783423716536
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Auch im dritten Band konnte mich "Throne of Glass" wieder mit seinem Anspruch und seiner schieren Komplexität überraschen. Wo ich mir vor dem Lesen des ersten Buches wenig mehr erhofft hatte als eine unterhaltsame, möglicherweise eher seichte Fantasygeschichte für zwischendurch,  entdecke ich stattdessen mit jedem Band aufs Neue eine gut durchdachte Welt jenseits der Klischees, mit vielen interessanten Themen und durchaus auch moralischen und ethischen Fragen. Kriegerische Konflikte, politische Intrigen, die verschiedensten Formen von Magie, Hexen und Fae und Wyvern, Assassinen und Prinzen und Rebellen...

Die Autorin beschwört diese umfangreiche, originelle Welt mit einem wunderbar atmosphärischen Schreibstil herauf, lebendig und bewegend und so detailliert, dass ich mir jede Szene bildlich vorstellen konnte. Ob humorvoll, romantisch oder tragisch, ich fand die Geschehnisse immer glaubhaft und großartig beschrieben.

Sarah J. Maas schreibt Charaktere voller Widersprüche, die nicht so einfach einzuordnen sind in "gut" oder "böse". Sie sind das Produkt ihrer jeweiligen Lebensgeschichte, die sich dem Leser nur nach und nach enthüllt. Deswegen sollte man einen Charaktere nie zu schnell abschreiben! Oft ist es in Büchern (gerade im Genre Fantasy) ja so, dass die HeldInnen die aberwitzigsten, grausamsten Dinge erleben, dies aber scheinbar ohne Probleme wegstecken. Nicht so bei Sarah J. Maas: viele ihrer Charaktere tragen die Spuren ihrer Erlebnisse, sei es in Form von Depressionen oder posttraumatischem Stress. Gerade Celaena zeigt in "Erbin des Feuers" meines Erachtens deutliche Symptome dafür, dass sie die traumatischen Erlebnisse in ihrem Leben noch lange nicht verarbeitet hat. Sie macht im Laufe der Bände, die ich bisher gelesen habe, eine enorme Entwicklung durch - mit dem scheinbar oberflächlichen, selbstsüchtigen, skrupellosen Mädchen aus dem ersten Band hat sie nicht mehr viel zu tun.

Auch die Beziehungen zwischen den Charakteren sind so vielschichtig, komplex und widersprüchlich wie das Leben. Gerade Liebe kann die verschiedensten Bedeutungen haben und muss nicht immer romantisch oder erotisch sein. So sagt einer der männlichen Hauptcharaktere am Ende zu einem Freund "Ich liebe dich", und das ist für mich eine der herzzerreißendsten Szenen des Buches

Und so gibt es zwar im Laufe der Reihe auch verschiedene Männer, die in Celaenas Leben eine Rolle spielen, aber das typische Liebesdreieck gibt es in meinen Augen dennoch nicht! In diesem Band wird als neuer Charakter der Fae-Krieger Rowan eingeführt, und wie sich die Beziehung zwischen ihm und Celaena entwickelt, lässt sich auch nicht so einfach in einem Satz erklären - deswegen lasse ich es einfach und sage nur, dass ich es sehr schlüssig und passend und wunderbar fand.

Als weiterer neuer Charakter kommt in diesem Band die junge Hexe Manon dazu, die erst ein wahres Monster zu sein scheint - wie alle Hexen ihres Clans in dem Glauben erzogen, sie habe weder Herz noch Seele. Ihr wurde immer eingetrichtert, dass Skrupellosigkeit, Gewalt und Blutdurst etwas Erstrebenswertes sind, aber nun erlebt sie etwas, dass sie dies hinterfragen lässt. (Und nein, keine Liebesgeschichte.)

Spannend fand ich die Geschichte auch, denn es passiert in diesem Band wirklich so einiges, was auch noch längst nicht alles aufgeklärt wird... Ich freue mich schon auf die nächsten Bände!

Ich habe nicht nur das Buch gelesen, sondern nebenher auch das ungekürzte englische Hörbuch gehört, gesprochen von Elizabeth Evans. Ihre Stimme fand ich sehr ansprechend, und mir gefiel besonders gut, dass sie es wunderbar schafft, verschiedene Charaktere mit unterschiedlicher Stimmfarbe und unterschiedlichem Sprachrhythmus so zu sprechen, dass man sie gut auseinander halten kann. Ich finde es immer bewundernswert, wenn eine Sprecherin auch männliche Charaktere gut sprechen kann, und das kann sie! Ich habe mir schon vorgenommen, weitere Hörbücher zu hören, die sie gesprochen hat.

Fazit:
Der dritte Band von "Throne of Glass" hat mich wieder voll und ganz überzeugt. Ich liebe diese komplexe Welt und ganz besonders die vielschichtigen Charaktere, die in keine Schublade passen. In dieser Reihe sollte man keinen Charakter zu schnell abschreiben - es ist nie so schwarz oder weiß, wie es erst aussieht! Auch die Handlung steckt voller Überraschungen, scheinbarer Widersprüche und unerwarteter Wendungen, deswegen wurde es für mich auch nie langweilig, und ich freue mich schon auf die weiteren Bände. 

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273 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 54 Rezensionen

dschinn, samantha young, liebe, fantasy, flammenmädchen

Flammenmädchen

Samantha Young , Alexandra Hinrichsen
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei MIRA Taschenbuch, 10.04.2014
ISBN 9783956490071
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Hinweis: Ich habe das Buch überwiegend im englischen Original gelesen, mir aber auch das deutsche eBook ausgeliehen, um einige Kapitel lang einen vergleichenden Blick auf die Übersetzung zu werfen. Die Übersetzung scheint den lockeren, jugendlichen Ton des Buches perfekt zu treffen und liest sich meiner Meinung nach sehr ähnlich.

Auf deutsch ist das Buch erst im Jahr 2014 erschienen, aber ich muss zugeben, dass das englische eBook schon seit Dezember 2012 (!!) auf meinem Kindle schmorte und darauf wartete, dass ich es endlich lese. Tja, das habe ich jetzt getan, und natürlich ist die große Frage: hat es sich denn gelohnt?

Jein.

Um direkt mit dem größten Pluspunkt anzufangen: das Buch ist vom Thema her definitiv mal was Anderes. Hier gibt es keine Vampire, Hexen, Engel, Dämonen oder andere Wesen, die sich typischerweise in Fantasyromanen für junge Leserinnen tummeln, sondern Dschinns und die verschiedensten Unterarten von Dschinns, gut oder böse oder irgendwas dazwischen - mit dem Dschinn aus Aladins Wunderlampe haben sie allerdings alle herzlich wenig zu tun! Die märchenhafte Mythologie und die politischen Intrigen dieser Welt haben mir gut gefallen und erschienen mir auch schlüssig und glaubhaft.

Die Geschichte fängt relativ langsam an, aber ich fand sie dennoch direkt unterhaltsam und war gespannt, wie sich die Dinge entwickeln würden. Auch der Humor hat mich sehr angesprochen - eine witzige Mischung aus orientalischer Mythologie und Jugendkultur. Zum Beispiel wird Aris Haus von einem weiblichen Poltergeist heimgesucht, der nachts gerne ihren Laptop benutzt und (zu ihrem Ärger) mehr Follower auf Twitter hat als sie... 
Aber so originell und ungewöhnlich die Mythologie auch ist, so typisch ist das Buch leider in anderer Hinsicht. So wie Bella sich nicht entscheiden konnte zwischen Edward und Jacob, Katniss zwischen Peeta und Gale, America zwischen Maxon und Aspen (und so könnte ich noch eine Weile weitermachen), so steht Ari zwischen ihrer Jugendliebe Charlie und dem mysteriösen Dschinn-Bodyguard Jai. 

Was ich vielleicht weniger nervig gefunden hätte, wäre Charlie in meinen Augen nicht so gänzlich unsympathisch gewesen. Ja, er hat eine schlimme Zeit voller Trauer und Schuldgefühle hinter sich, aber das gibt ihm noch lange nicht das Recht, andere Leute zu behandeln wie Dreck - und das tut er. Er lässt Ari zwei Jahre lang komplett im Stich, leistet sich wirklich Mieses (Sex mit einem anderen Mädchen? Auf Aris Geburtstagsparty?! Im Bett ihres Vaters?!!!!), versucht sie zu manipulieren... Es fiel mir oft schwer zu glauben, dass er früher so ein lieber, guter Junge gewesen sein soll, wie Ari immer und immer (und immer und immer) wieder beteuert. 

Jai Bitai gefiel mir viel besser, und so konnte ich Aris wachsende Gefühle für ihn auch wesentlich besser nachvollziehen. Allerdings lässt auch er manchmal das Alpha-Männchen raushängen, und ganz ehrlich, ich glaube, ich bin zu alt für diese Art Liebesgeschichte... 

Ich mochte Ari sehr gerne, aber anfangs konnte ich nur mit dem Kopf schütteln und denken: Mädchen, lass dich doch nicht so behandeln - von niemandem! Aber gut, sie ist noch ein Teenager, sie ist unsicher und kann sich auf ihren besten Freund nicht mehr verlassen... Im Laufe des Buches entwickelt sie sich spürbar weiter, auch wenn es den ein oder anderen Rückschritt gibt. Manchmal hatte ich dann sogar das Gefühl, dass sie ein wenig zu ruhig und gefasst auf alles reagiert, was ihr geschieht! 

Die jugendlichen Charaktere sind überwiegend glaubhaft geschrieben, mit all ihren Stärken, Schwächen und für das Alter typischen Unsicherheiten. Allerdings benehmen sich ein paar Charaktere, die schon Anfang 20 oder älter sind, oft ebenfalls erstaunlich unreif...

Aber mein größter Kritikpunkt: im Laufe des Buches zeigt sich, dass Ari eine Fähigkeit hat, die sie in meinen Augen eigentlich so gut wie allmächtig machen müsste - aber weil das Buch (bzw die Reihe) dann schon sehr früh beendet wäre, vergisst sie praktischerweise mehrfach, dass sie diese Fähigkeit hat... Dabei ist es wirklich, wirklich naheliegend, diese Fähigkeit einzusetzen.  

Der Schreibstil ist locker-flockig und humorvoll, mit viel Jugendsprache. Auch die Welt mit ihren farbenfrohen Wesen und Orten wird wunderbar bildlich beschrieben. Nur die ganz großen Emotionen konnte der Stil für mich oft nicht so richtig transportieren. 

Fazit:
In dieser YA-Fantasy-Reihe geht es mal um unterrepräsentierte Fantasywesen: Dschinns. Allerdings sitzen die (meist) nicht in Lampen und man sollte sich dreimal überlegen, ob man sich von ihnen etwas wünscht - nicht alle sind den Menschen freundlich gesonnen... Die 18-jährige Ari wird quasi über Nacht in deren Welt geschmissen und muss feststellen, dass sie eine große Rolle spielt in den Machtkämpfen und Intrigen der sieben Könige und ihrer Anhänger.

Die Welt und die Mythologie fand ich sehr interessant und gut beschrieben, und auch die Geschichte an sich gefiel mir gut. Auf das unvermeidliche Liebesdreieck hätte ich allerdings lieber verzichtet, besonders da einer der beiden Jungs sich wirklich benimmt wie der letzte Vollpfosten! Außerdem ist Ari in einer Hinsicht einfach absurd übermächtig...

Ich hatte das Buch schnell durch und fand es auch sehr unterhaltsam, aber ich würde sagen, dass es tatsächlich eher ein Buch für jugendliche Leser ist. (Meiner Meinung nach gibt es durchaus Jugendbücher, die sich auch prima von Erwachsenen lesen lassen!) Da ich Band 2 schon besitze, werde ich ihn wohl auch lesen, aber ansonsten hätte ich ihn mir wohl nicht gekauft. 

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434 Bibliotheken, 14 Leser, 0 Gruppen, 37 Rezensionen

thriller, sebastian fitzek, fitzek, spannung, psychothriller

Das Joshua-Profil

Sebastian Fitzek
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 14.10.2016
ISBN 9783404175017
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Am 14. Oktober 2016 erschien "Die Blutschule" von Max Rhode, einem bis dato gänzlich unbekannten Autor. Zwölf Tage später erschien "Das Joshua-Profil" von Sebastian Fitzek, - in dem es um den erfolglosen Autor Max Rhode geht, dessen einziger großer Erfolg sein Debütroman war: "Die Blutschule".

Ja, Max Rhode gibt es gar nicht, beziehungsweise: Max Rhode und Sebastian Fitzek sind ein und dieselbe Person.

Genial, dachte ich damals. Was für eine großartige Idee, eine fiktive Figur ein Buch schreiben zu lassen und das dann auch zu veröffentlichen! Fasziniert beschloss ich, beide Bücher zu lesen - doch leider erwartete mich eine große Ernüchterung, denn "Die Blutschule" fand ich, ehrlich gesagt, bemüht schockierend und banal. (Kurz fragte ich mich sogar, ob das so beabsichtigt sein könnte, um zu zeigen, warum Max Rhode so ein erfolgloser Autor ist!) Aber gut, dachte ich, vielleicht lohnt es sich dann, wenn ich "Das Joshua-Profil" lese.

Tja, was soll ich sagen.

Vor zwei Tagen war ich etwa zur Hälfte durch und erwog ernsthaft, das Buch einfach abzubrechen. Das habe ich dann zwar nicht getan, überzeugen konnte es mich aber keineswegs.

Um erstmal mit etwas Positivem anzufangen: Sebastian Fitzek spricht hier wichtige und interessante Themen an. Im Mittelpunkt steht etwas, das man aus zum Beispiel aus dem Film "Minority Report" kennt, was aber beileibe keine Science Fiction mehr ist: die Auswertung über eine Person gesammelter Daten, um vorauszuberechnen, welche Straftaten sie in der Zukunft begehen wird. Da ist es bis zur Vorverurteilung nur ein kleiner Schritt, und heute, wo die meisten Menschen ihre Daten freiwillig auf sozialen Medien preisgeben und es ein Klacks ist, ihre Einkäufe über Kundenkarten zurückzuverfolgen, ist das Sammeln einfacher denn je! Außerdem spricht der Autor Themen wie Kindesmissbrauch, Pädophilie und Rehabilitierung an.

Leider fand ich die Umsetzung dieser Themen nur wenig gelungen.

Die meisten Szenen sind sehr kurz, und allzu viele davon enden mit einem künstlichen "Cliffhanger": dem Leser wird suggeriert, es sei etwas Schreckliches geschehen - dann Schnitt, nächste Szene, und später erfährt man, übertragen gesprochen, dass die Blutlache doch nur Ketchup war. Wenn dieses Stilmittel gezielt und sparsam eingesetzt wird, kann es durchaus Spannung erzeugen! Wenn es allerdings in gefühlt jeder zweiten Szene vorkommt, bewirkt es bei mir das Gegenteil und es fällt mir schwer, das Buch noch ernstzunehmen.

Auch das Stilmittel des "deus ex machina" wird überstrapaziert: die Rettung durch ein vollkommen unmotiviert eintretendes Ereignis. Wenn sonst gar nichts mehr geht, prescht eben ein wütendes Wildschwein durch die Szene und rettet den Tag. (Ohne Scherz.)

Obwohl das Buch jede Menge Action bietet, kam bei mir daher schnell überhaupt keine Spannung mehr auf.

Die Charaktere könnten von ihren Anlagen her eigentlich interessant sein, aber sie kranken in meinen Augen daran, dass sie sich nicht natürlich anhand ihrer Erlebnisse weiterentwickeln, sondern anhand dessen, wie es gerade in die Geschichte passt, oft sehr sprunghaft und auf größtmöglichsten Überraschungseffekt angelegt. Manchmal kam es mir dann vor, als würde ich über zwei ganz verschiedene Personen lesen! 

Max Tochter Jola ist zehn, wirkt aber oft wie eine taffe Erwachsene und kann auch dann noch erstaunlich klar denken, wenn jemand eine Pistole auf sie gerichtet hat und sie damit rechnen muss, jeden Moment erschossen zu werden. (Außerdem müsste sie gegen Ende eigentlich komplett traumatisiert sein, denn ihr stößt eine unsägliche Anzahl schlimmer Dinge zu.)

Die Gefühle der Protagonisten kamen bei mir oft nicht an. Mir wird zum Beispiel gesagt, dass Jola Panik empfindet, aber es wird mir nicht so gezeigt, dass ich es mitempfinden könnte. 

Die Glaubwürdigkeit geriet für mich schnell ins Wanken. Vieles erschien mir viel zu überzogen, viel zu extrem, viel zu wenig plausibel. Die Menschen, die im Hintergrund die Strippen ziehen, wirken fast schon allmächtig. 

Der Schreibstil wirkte auf mich... Durchwachsen. Oft einfach und eher flach, dann wieder mit übertrieben dramatischen, für mich nicht stimmigen Metaphern, und nur manchmal so packend und dicht-atmosphärisch, wie ich es aus seinen anderen Büchern in Erinnerung hatte. 

Fazit:
Viele der angesprochenen Themen sind wichtig und interessant, vom gläsernen Menschen und "predictive policing" bis hin zu Pädophilie und Rehabilitation. Eine actionreiche Szene jagt die nächste, wobei jede zweite mit einem erzwungen dramatischen Höhepunkt endet: Tod! Verderben! Und dann zwei Szenen später meist die Entwarnung: oh, doch nicht... Auf Dauer raubte mir das jede Spannung, und auch die Glaubwürdigkeit nahm für mich im Laufe des Buches immer mehr ab. Auch die Charaktere erschienen mir nicht in sich stimmig.

Nach "Die Blutschule" ist nun leider auch "Das Joshua-Profil" für mich eine große Enttäuschung.

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4.739 Bibliotheken, 19 Leser, 9 Gruppen, 101 Rezensionen

thriller, krimi, david hunter, simon beckett, england

Die Chemie des Todes

Simon Beckett , Andree Hesse , ,
Fester Einband: 656 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 01.09.2011
ISBN 9783499256462
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Simon Beckett hat es mit "Die Chemie des Todes" auf einige Listen à la '150 Bücher, die man unbedingt gelesen haben sollte!' geschafft und gilt allgemein als außergewöhnlicher, literarisch wertvoller Thriller. Tatsächlich habe ich das Buch jetzt vor allem deshalb gelesen, weil es auf der Liste der "Bücherkultur Challenge" stand, und insofern bin ich mit sehr hohen Erwartungen an es herangegangen.

Und was soll ich sagen? Die Erwartungen wurden mehr als erfüllt.

Interessant ist alleine schon die Rolle des Protagonisten: David Hunter ist forensischer Anthropologe  und gewährt dem Leser einen ungewöhnlichen Blickwinkel auf die Geschehnisse.  Wie ein Sherlock Holmes des Todes untersucht er die Leichen von Mordopfern und deren Fundorte und bestimmt zum Beispiel anhand der Anzahl und Farbe von Parasiten, der Beschaffenheit des Bodens und dem Zustand der Haut den genauen Todeszeitpunkt. Er erzählt dem Leser, ruhig und sachlich, was von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus nach dem Tod mit einem Körper passiert, baut das aber in kleinen Dosierungen in die Geschichte ein, so dass es nicht trocken oder langweilig wird.

Originell fand ich auch, dass es dennoch nicht nur um diesen wissenschaftlichen Standpunkt geht, sondern gleichzeitig darum, wie sich die Mordfälle auf das Leben der Kleinstadt, in der sie begangen wurden, auswirkt: die scheinbare Einträchtigkeit bekommt Risse, die Menschen beginnen damit, sich gegenseitig zu misstrauen. Die Idyll gerät ins Wanken, während der Pfarrer von der Kanzel die Rache Gottes predigt. Man merkt, dass der Autor ein gutes Gespür hat für Gruppendynamik und die Psychologie des Zwischenmenschlichen.

Die Spannung baut sich schnell auf, denn nach dem Fund der ersten Leiche wird bald schon klar, dass der Mörder nicht die Absicht hat, es dabei zu belassen. Als die nächste Frau verschwindet, schwärmt das Dorf geschlossen aus, um die Wälder zu durchkämmen - aber der Mörder hat sie mit Fallen gespickt... Obwohl das Buch durchaus anspruchsvoll geschrieben ist, liest es sich packend und unterhaltsam bis zur letzten Seite und bleibt dabei immer logisch und in sich schlüssig. Zwar wird vieles ins kleinste Detail beschrieben, aber in meinen Augen verzichtet der Autor auf unnötige Gewaltorgien - das Meiste erfährt man sozusagen erst posthum. 

David hat eigentlich nicht die Absicht, sich mit dem Fall zu beschäftigen, denn er hat nach einer persönlichen Tragödie der forensischen Anthropologie den Rücken gekehrt. Aber natürlich lässt sein Gewissen ihm keine Ruhe, und schnell steckt er wesentlich tiefer im Morast menschlicher Abgründe, als er erwartet hätte. Denn das Dorf misstraut ihm, dem Fremden. Ich fand ihn interessant und glaubhaft geschrieben, und auch die anderen Charaktere wirkten auf mich komplex und lebendig.

Der Schreibstil ist außergewöhnlich: klar, mit starken Bildern und einer ganz eigenen "Stimme". Hier muss ich auch dem Übersetzer ein Lob aussprechen: ich besitze das Buch auf deutsch, habe es mir auf englisch ausgeliehen und bin kapitelweise hin- und hergesprungen, und ich würde sagen, dass die deutsche Übersetzung so nah an Atmosphäre und Sprache des Originals herankommt, wie irgend möglich.

Fazit:
In einem kleinen Dorf geschieht ein Mord. Als kurz darauf eine weitere junge Frau verschwindet, zerbricht die scheinbare Idylle und weicht Paranoia und Fanatismus, was vom Pfarrer des Ortes noch geschürt wird. Gegen seinen Willen wird der forensische Antropologe David Hunter, der gehofft hatte, diesen Teil seines Lebens hinter sich gelassen zu haben, in den Fall verstrickt.

Das Buch gilt als Klassiker des Genres, und in meinen Augen zurecht. Es ist anspruchsvoll geschrieben und dennoch fesselnd, originell, psycholgisch interessant und voller vielschichtiger, lebensechter Charaktere. Eine ganz klare Leseempfehlung!

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683 Bibliotheken, 8 Leser, 4 Gruppen, 124 Rezensionen

liebe, selbstmord, überleben, flugzeugabsturz, schnee

Survive - Wenn der Schnee mein Herz berührt

Alex Morel , Michaela Link
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei INK, 10.01.2013
ISBN 9783863960476
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Ein Mädchen, das sterben will, und ein Junge, der hinter Wut und Überheblichkeit seine eigene Trauer versteckt, geraten zusammen in eine absolute Extremsituation, in der es um nichts Geringeres geht als um Leben oder Tod. Wenn sie nicht elendig erfrieren, verhungern und verdursten wollen, müssen sie sich ihren Weg aus einer abgelegenen Schlucht in den Rocky Mountains zurück in die Zivilisation erkämpfen. Brutale Minustemperaturen, riskante Kletterpartien, Erschöpfung und Verletzungen bringen die beiden Teenager an ihre Grenzen und darüber hinaus.

Damit ist die Handlung an sich schon zusammengefasst! Daher ist "Survive" ein Buch, das zwar jede Menge rasante Action und Abenteuer zu bieten hat, aber dennoch mit seinen beiden jugendlichen "Stars" steht und fällt. Wenn der Leser nicht mit ihnen mitfühlt, dann kratzt die Handlung nur an der Oberfläche und kann zwar unterhalten, aber nicht berühren.

Und so leid es mir tut, die Geschichte hat mich tatsächlich nur selten berührt, denn ich hatte meine Schwierigkeiten mit Jane und Paul.

Jane will sterben. Warum? Anscheinend vor allem, um die Familientradition fortzuführen. Ihr Urgroßvater, ihre Großmutter und ihr Vater haben sich alle umgebracht und Jane sagt mehrmals, dass sie auch diese ganz besondere Aufmerksamkeit bekommen will, mit der Hinterbliebene Selbstmördern gedenken. Gut geht es ihr natürlich nicht, aber man bekommt als Leser nur selten tiefere Einblicke in ihr Seelenleben. Sie spricht öfter von ihrem Vater, der sich vor vier Jahren an Weihnachten erschossen hat, aber auch das bleibt merkwürdig distanziert.  Irgendwie tat sie mir zwar leid, aber sie wirkte auf mich leider weder echt noch glaubwürdig - und mich stieß ab, wie wenig Gedanken sie sich darüber macht, was ihr Selbstmord ihrer Mutter antun würde, die immerhin schon ihren Mann beerdigen musste. Würde man als Leser spüren, wie Jane leidet oder dass sie tief in ihren Depressionen gefangen ist, dann wäre es nachvollziehbar, aber so wirkte es auf mich nicht.

Auch Paul war mir erst nicht sympathisch. Er lacht über den abgetrennten Kopf des Piloten und wedelt mit der Hand einer Toten herum, um Jane den "dicken Klunker" am Ringfinger zu zeigen. Natürlich erfährt man später, dass er eigentlich gar nicht so ist und einfach sein eigenes emotionales Päckchen zu tragen hat, aber es dauerte lange, bis ich mich halbwegs mit ihm anfreunden konnte.

Paul bringt mich jedoch zu einem weiteren gravierenden Kritikpunkt: der Glaubwürdigkeit. Paul ist Bergsteiger, total durchtrainiert und ein richtiger Survival-Experte. So weit würde ich das ja noch schlucken, aber später in der Geschichte zeigt er zum Beispiel, dass man anscheinend auch mit gebrochenen Knochen noch Wände hochkraxeln kann, wenn man eine ganze Handvoll Schmerzmittel einschmeißt und erstmal ein Schläfchen im Schnee macht.

Jane, die ein Jahr in einer psychiatrischen Anstalt verbracht hat und nach eigenen Aussagen die meiste Zeit am Fenster gesessen und blicklos nach draußen gestarrt hat, entpuppt sich als Naturtalent im Klettern. Erklärt wird das damit, dass sie als kleines Kind, vor dem Tod ihres Vaters, gerne an Kletterwänden geklettert hat. Aber das ist Jahre her, und eigentlich dürfte Jane nicht annähernd die Muskelkraft haben, um solche Brachialtouren durchzuhalten.

Leider konnte mich auch die Liebesgeschichte nicht ganz überzeugen. Klar, in Extremsituation entwickelt man mit Sicherheit sehr schnell eine Bindung zu dem einzigen anderen Menschen, der in der gleichen Lage steckt. Aber hier geht alles sehr, sehr schnell! Außerdem kann ich mir wirklich nicht vorstellen, dass man erschöpft, halb verhungert, schwer verletzt und bei arktischer Kälte nachts irgendwas anderes macht als Zittern, bis man endlich einschläft...

Eigentlich hätte die Geschichte viel Potential gehabt. Die angesprochenen Themen versprechen emotionale Wucht und psychologischen Tiefgang, aber das Potential wird in meinen Augen nicht annähernd ausgeschöpft. Das Ende hat mich wirklich überrascht, aber eine Sache, die ich hier noch nicht verraten will, erschien mir wie der Versuch, der Geschichte schnell noch eine tiefere Ebene zu geben, was für mich leider nicht funktioniert hat.

Spannend liest sich das Buch durchaus, man kann sich gut die Zeit damit vertreiben, aber für mich ist "Survive" kein Buch, das mich länger beschäftigen wird - und das ist sehr schade, denn die Zutaten für ein großartiges Jugendbuch waren alle da.

Der Schreibstil schwankt sehr. Mal findet die Autorin wirklich schöne Bilder und gute Formulierungen, dann sind die Sätze wieder extrem kurz und einfach, was Janes oft sehr emotionslose Art noch unterstreicht.

Fazit:
Jane will sich in der Toilette des Flugzeugs umbringen, aber bevor sie ihren sorgfältig zusammengestellten Pillenmix runterschlucken kann, stürzt das Flugzeug ab. Als sie wieder aus der Bewusstlosigkeit erwacht, findet sie sich in einer einsamen Schlucht in den Rocky Mountains wieder, in einem Schneesturm, umgeben von Flugzeugtrümmern und Leichen, und ist erst wenig begeistert, dass ausgerechnet sie überlebt hat. Aber dann findet sie den jungen Bergsteiger Paul, der ebenfalls überlebt hat, und er braucht ihre Hilfe... 

Die Geschichte liest sich schnell runter und ist auch irgendwie spannend, aber leider blieben Jane und Paul für mich eher flach und unglaubwürdig. Es ist erstaunlich, was ein schwerverletzter Junge und ein komplett untrainiertes Mädchen alles überleben können...

Für zwischendurch ist "Survive" ein nettes Buch, aber ich hatte mir weitaus mehr davon versprochen.

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32 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 16 Rezensionen

krimi, lüneburg, profiler, hippies, btb verlag

Blumenkinder

Meike Dannenberg
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei btb, 14.11.2016
ISBN 9783442714490
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


"Blumenkinder" war für mich bis hin zum großen Finale ein beinahe perfekter Krimi, dem ich wahrscheinlich 4,5 Sterne gegeben hätte. Warum es dann doch nur 3,5 Sterne geworden sind, möchte ich jetzt gerne begründen:

Die Geschichte ist in meinen Augen sehr originell, vielschichtig und komplex, und dabei im Großen und Ganzen auch schlüssig und logisch aufgebaut.  Es gibt verschiedene Mordfälle, die vielleicht oder vielleicht auch nicht zusammenhängen, und dementsprechend natürlich eine große Auswahl an Verdächtigen, Hintergrundgeschichten, Ermittlungsansätzen, Tatmotiven, falschen Fährten, kleinen und großen Tragödien... Die Handlung hatte mich schnell gepackt und brachte mich zum Mitfiebern und Miträtseln, ob und wie die Morde zusammenhingen und wer dahinterstecken könnte. Vorhersehbar fand ich das nie, und das ist für mich bei einem Krimi schon die halbe Miete!

Jetzt kommt jedoch das ganz große "Aber".

ABER die Auflösung am Schluss hat mich dann sehr enttäuscht, aus zweierlei Gründen:

Zum Einen hatte ich den Eindruck, dass die Autorin dem Leser nicht wirklich eine faire Chance gibt, anhand von Hinweisen zu erraten, wer-wann-wie-warum tatsächlich hinter den Morden steckt. Und das gehört für mich einfach zu den "Spielregeln" eines guten Krimis! Das Gesamtbild sollte sich aus Bruchstücken des Bekannten zusammensetzen, so dass der Leser es im Rückblick von Grund auf nachvollziehen kann. Hier wird am Ende jedoch vieles völlig überraschend aus dem Hut gezaubert, so dass auch die Ermittler eher von der Wahrheit überrumpelt werden. 

Zum Anderen erfährt man im Rückblick etwas über den Mörder, was ich vollkommen unglaubwürdig fand. Ich kann es hier nicht genauer erläutern, ohne schon zuviel zu verraten, aber genau diese merkwürdige Entscheidung macht es den Ermittlern im Endeffekt überhaupt möglich, ihn zu schnappen, und deswegen kam es mir zu konstruiert vor.

Bis dahin fand ich das Buch wirklich wahnsinnig spannend und hatte es daher auch innerhalb von drei Tagen durch! Aber leider muss ich im Rückblick sagen, dass das Buch zum Teil nur deswegen nicht vorhersehbar ist, weil Hinweise, die zur tatsächlichen Auflösung führen, fast komplett fehlen. (Oder bin ich da so blind?)

Die Charaktere haben mir dagegen sehr gut gefallen! Sonderermittlerin Nora Klerner und Fallanalytiker Johan Helms sind beide irgendwie Außenseiter und Sonderlinge, ergeben zusammen jedoch ein gutes Team. (Obwohl ihre Arbeit sie eigentlich nur bis fast zur Lösung führt.) Ich fand sehr spannend, wie ihr Aufgabenbereich bei dieser Ermittlung beschrieben wird, und bei Nora fand ich besonders interessant, wie sie an der Mimik eines Menschen abliest, was in diesem Moment in ihm vorgeht. Gerade Nora bleibt hier allerdings noch ziemlich rätselhaft. Bruchstücke und Albträume verraten dem Leser, dass in ihrer Vergangenheit etwas Schlimmes geschehen sein muss, was dazu führt, dass ihr dieser Fall ganz besonders an die Nieren geht, aber Genaueres wird noch nicht verraten. Vielleicht kommt da noch mehr in weiteren Büchern der Reihe? 

Jedenfalls fand ich sowohl die Haupt- als auch die Nebencharaktere gut beschrieben, glaubhaft und in sich schlüssig. 

Der Schreibstil ist für einen Krimi meines Erachtens ungewöhnlich, aber er gefiel mir gerade deswegen sehr gut. Vieles wird sehr bildlich, manchmal geradezu lyrisch-atmosphärisch beschrieben, was gut zu Noras ungewöhnlicher Sicht auf das Leben passt, aber es wird nicht übertrieben. 

Interessant fand ich auch, dass der Krimi zum Teil in einem alternativen Milieu spielt, über das an sonst nur selten liest, irgendwo zwischen Hippietum, Esoterik und Zivilisationsflucht. 

Fazit:
Es gibt Debütromane, von denen man gar nicht so recht glauben mag, dass sie wirklich Erstlingswerke sind, einfach, weil sie so souverän, spannend und unterhaltsam geschrieben sind, dass man dahinter langjährige Erfahrung vermutet.  Auch "Blumenkinder" wirkte auf mich so - zumindest bis kurz vor Schluss, wo es dann für mich doch noch ein paar gravierende Abstriche gab.

Pluspunkte für Originalität, Spannungsaufbau, Charaktere und Schreibstil, schwerwiegende Abzüge für die Auflösung.

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1.166 Bibliotheken, 35 Leser, 2 Gruppen, 224 Rezensionen

dystopie, flawed, jugendbuch, cecelia ahern, fehlerhaft

Flawed – Wie perfekt willst du sein?

Cecelia Ahern , Anna Julia Strüh , Christine Strüh
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei FISCHER FJB, 29.09.2016
ISBN 9783841422354
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Als ich das erste Mal hörte, dass Cecelia Ahern eine Dystopie für Jugendliche geschrieben habe, war ich verdutzt. Cecelia Ahern? Eine Dystopie?! Schließlich war die Autorin bisher für ihre an ein erwachsenes Publikum gerichteten Liebesgeschichten und ihre emotionale Gegenwartsliteratur bekannt. Zugegeben, ich war skeptisch, aber meine Neugier war geweckt!

In den letzten Jahren sind unglaublich viele Dystopien erschienen, so dass man manchmal das Gefühl hat, alles wiederholt sich, es gibt nichts Neues mehr... Aber Cecelia Ahern, die aus einer ganz anderen literarischen Richtung kommt, schafft es in meinen Augen gerade dadurch, dennoch eine Geschichte zu erzählen, die sich neu und unverbraucht liest - trotz Parallelen zu klassischen Dystopien wie "1984".

Sie beschwört eine Zukunft herauf, in der eine außer Kontrolle geratene politische Institution versucht, moralische Perfektion zu erschaffen. Die kleinsten Verfehlungen werden mit absurder Strenge geahndet - und das lebenslänglich. denn die "Fehlerhaften" werden gebrandmarkt, bewusst ausgrenzt und in ihren Grundrechten beschnitten. Interessant fand ich hierbei besonders die Rolle der Medien; die Autorin zeigt überdeutlich, wie fatal es ist, wenn mediale Macht und politischer Macht Hand in Hand gehen.

Der Umbruch beginnt mit etwas, mit dem auch im realen Leben einmal eine Bürgerrechtsbewegung begann: damit, dass ein Mensch im Bus auf dem falschen Platz sitzt. (Ich vermute, dass die Autorin diese Parallelen ganz bewusst so geschrieben hat.) In unserer Realität war es die Afroamerikanerin Rosa Parks, die sich weigerte, ihren Sitzplatz für einen weißen Fahrgast aufzugeben, in diesem Buch ist es die 17-jährige Celestine, die einem "Fehlerhaften" zu einem Sitzplatz verhilft.

Wegen dieses einen "Fehlers" wird Celestines Leben komplett aus der Bahn geworfen, und wie sie damit umgeht, und wie beide Seiten der Debatte versuchen, sie für die eigenen Zwecke zu benutzen, las sich für mich spannend von der ersten bis zur letzten Seite - obwohl das Buch durchaus auch Schwachstellen hat.

Am Anfang erschien mir Celestine als schwacher Charakter: naiv, wenig interessiert an Politik oder ethischen Fragen, privilegiert, oberflächlich und selbstsüchtig. Sie mag Logik. Sie löst gerne Probleme. Aber ihre Welt ist schwarzweiß: alles ist gut oder böse, und die Regeln sind absolut und werden nicht hinterfragt. Ob die "Fehlerhaften" ihre Strafen verdient haben, beschäftigt sie daher nicht - bis es sie selbst betrifft.

Und dennoch... Wenn es hart auf hart kommt, wenn sie an einem ethischen oder moralischen Wendepunkt steht, trifft sie die richtigen Entscheidungen und findet die richtigen Worte. Ich hatte das Gefühl, dass Celestine eigentlich ein intelligentes, mitfühlendes Mädchen ist, das gerade erst damit beginnt, 17 Jahre der Gehirnwäsche abzuschütteln.

Die anderen Charaktere bleiben zum Teil eher blass, wie zum Beispiel ihre rebellische Schwester Juniper oder ihre Mutter, die als gefragtes Model der Inbegriff der Perfektion ist. Auch über ihren Freund Art hätte ich gerne mehr erfahren.

Am Problematischsten fand ich allerdings Carrick, der nach Celestines Verhaftung in der Nachbarzelle sein Urteil erwartet. Obwohl die Zellen schalldicht sind und sie sich nicht mal unterhalten können, fixiert sich Celestine schnell auf ihn, und das nimmt im Laufe des Buches in meinen Augen ungesunde Züge an. Gut, in einer Extremsituation fühlt man sich sicher hingezogen zu dem einzigen Menschen, der in der gleichen Lage steckt und einen verstehen kann, aber sie interpretiert nach nur wenigen Tagen eine Nähe in ihre "Beziehung" hinein, die es eigentlich noch gar nicht geben kann, weil sie nichts übereinander wissen.

Ich verrate jetzt mal nicht, ob aus dieser Fixierung eine tatsächliche Beziehung wird oder nicht, aber besonders gegen Ende war ich nicht glücklich damit, wie sich diese Sache entwickelt hat. Überhaupt hatte ich gegen Ende den Eindruck, dass manches überstürzt und nicht vollständig durchdacht abgewickelt wurde.

Den Schreibstil fand ich im Großen und Ganzen sehr angenehm und flüssig zu lesen. Meist konnte die Autorin mich damit mühelos in ihren Bann ziehen, nur manchmal fehlte mir in einer Szene das Gefühl, wirklich mitfiebern zu können, weil die Emotionen bei mir nicht ankamen.

Fazit:
Bei fehlerhaften Entscheidungen ist es die Schläfe.
Wenn jemand lügt, die Zunge.
Wenn jemand die Gesellschaft bestohlen hat, die rechte Handfläche.
Bei Illoyalität gegenüber der Gilde die Brust direkt über dem Herzen.
Bei gesellschaftlich inakzeptablem Verhalten die rechte Fußsohle.

In Cecelia Aherns erster Dystopie werden schon kleinste moralische Fehlentscheidungen mit Brandmarkung und Beschneidung der Grundrechte geahndet. Die 17-jährige Celestine bringt unbeabsichtigt den Stein des Umsturzes ins Rollen und muss schnell feststellen, dass die politischen Anführer, die Perfektion verlangen, oft diejenigen sind, die am meisten lügen und betrügen... Das liest sich spannend und unterhaltsam, auch wenn Celestine es dem Leser erst nicht leicht macht und manche Charaktere eher blass bleiben.

Ob die Dystopie mich im Endeffekt wirklich überzeugen wird, hängt davon ab, wie gewisse Dinge im zweiten Band aufgelöst werden, aber den ersten Band würde ich dennoch (vorsichtig) empfehlen.

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74 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 9 Rezensionen

weihnachten, liebe, besinnung, familie, wiedergutmachung

Der Weihnachtswunsch

Richard Paul Evans , Anita Krätzer
Flexibler Einband: 284 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 14.10.2011
ISBN 9783404165865
Genre: Romane

Rezension:


Im Grunde ist "Der Weihnachtswunsch" eine moderne Variante des bekannten Weihnachtsmärchens von Charles Dickens:

Der reiche Karrieremensch James muss an Weihnachten erkennen, was für ein selbstsüchtiges, leeres Leben er führt und wie vielen Menschen er damit geschadet hat, und das rüttelt ihn dermaßen auf, dass er Besserung gelobt. Deswegen bittet er seine Sekretärin, ihm eine Liste mit den Menschen zu erstellen, die am meisten unter ihm gelitten haben, und macht sich auf den Weg, sie nacheinander aufzusuchen und den Schaden, den er angerichtet hat, wieder gutzumachen.

Die Geschichte ist also nicht unbedingt etwas Neues, aber ich fand sie interessant, unterhaltsam und berührend umgesetzt. Ich war angenehm überrascht, dass der Autor es James nicht zu einfach macht - der reumütige Büßer muss schnell erkennen, dass man sich Vergebung nicht mal so eben erkaufen und Unrecht nicht immer ungeschehen machen kann. Nicht jeden Punkt auf der Liste kann James abhaken. Und mehr und mehr begreift er, dass seine Reue von Herzen kommen muss, aus dem ehrlichen Wunsch heraus, zu helfen - und nicht aus dem Wunsch heraus, das eigene Gewissen zu beruhigen.

Religion und Glaube spielen in diesem Buch eine Rolle, stehen aber nicht im Mittelpunkt; man kann auch als nicht religiöser Mensch etwas für sich mitnehmen. Für mich ist es ein Buch, das dazu anregt, auch mal über das eigene Verhalten nachzudenken und sich vorzunehmen, jetzt, in der Gegenwart, alles zu tun, damit man in der Zukunft nichts bereuen muss.

Anfangs hatte ich nicht erwartet, mich mit James anfreunden zu können, so egoistisch und skrupellos ist sein Verhalten. Aber natürlich erfährt man im Laufe des Buches noch, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass ein Mann, der in jungen Jahren freundlich, hilfsbereit und warmherzig war, sich dermaßen in einen eiskalten Geschäftsmann verwandelt, und das hat mich halbwegs mit ihm versöhnt. Vergebung ist ein wichtiges Thema in diesem Buch, und James tut wirklich sein Möglichstes, um sie sich auch zu verdienen.

Natürlich geht seine Wandlung sehr schnell vonstatten und das ist sicher nicht ganz realistisch, aber das hat mich nur wenig gestört, schließlich verwandelt sich auch in Dickens' Weihnachtsmärchen Ebenezer Scrooge quasi über Nacht! Von einem Weihnachtsbuch erwahrte ich weniger Realitätsnähe als von einem regulären Roman.

Auch die anderen Charaktere haben mir an sich gut gefallen, denn auch diejenigen, die nur kurz auftauchen, haben alle ihre ganz persönliche Geschichte und wirkten auf mich glaubhaft und lebendig. Allerdings hätte ich mir bei vielen der Menschen auf James' Liste gewünscht, noch wesentlich mehr über sie zu erfahren! Sie wurden zum Teil eben doch sehr schnell abgehakt, und auf zum nächsten.

Der Schreibstil ist eher einfach, aber angenehm und flüssig zu lesen, und so hatte ich das Buch dann auch in nur einer Nacht durch.

Das Ende ist eine bittersüße Mischung, bei der nicht alles gut ausgeht, es aber doch in allem auch Hoffnung gibt, und das macht es für mich trotz kleiner Kritikpunkte zu einem schönen Weihnachtsbuch.

Fazit:
Der reiche Geschäftsmann James liest seinen eigenen Nachruf in der Zeitung - ein Versehen, das ihm die Augen öffnet, denn nun fühlt sich alle Welt frei, sich darüber auszulassen, was für ein skrupelloser Fiesling er doch war. Und jetzt, wo er so darüber nachdenkt, stellt er fest: sie haben recht. Also bittet er seine Sekretärin, ihm eine Liste mit den Menschen zu erstellen, denen er am meisten geschadet hat, und zieht los, das Unrecht wiedergutzumachen.

"Der Weihnachtswunsch" ist für mich kein Buch, das man unbedingt gelesen haben muss, aber es ist ein nettes Buch für zwischendurch, wenn man im Weihnachtstrubel mal ein wenig die Seele baumeln lassen will, das aber dennoch zum Nachdenken anregt. Natürlich ist nicht alles realistisch, aber der Autor lässt durchaus auch manches bittersüß enden.

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320 Bibliotheken, 28 Leser, 1 Gruppe, 60 Rezensionen

magie, fantasy, wald, zauberer, hexe

Das dunkle Herz des Waldes

Naomi Novik , Marianne Schmidt , Carolin Liepins
Fester Einband
Erschienen bei cbj, 21.11.2016
ISBN 9783570172681
Genre: Jugendbuch

Rezension:


"Das dunkle Herz des Waldes" hat seine Wurzeln in der slawischen Mythologie, was wenig verwundert, war die Autorin doch als Kind schon begeistert von den vielfältigen polnischen Märchen, mit denen sie aufwuchs. Diese Begeisterung spürt man in jeder Zeile, denn auch dieses Buch liest sich wie ein wunderbares Märchen voller Magie und üppiger Atmosphäre. Zeitlose Fantasy, die ein altbekanntes Thema aufgreift - das unschuldige junge Mädchen, das von einem bedrohlichen, scheinbar bösen Mann entführt wird und mit ihm leben muss - und daraus dennoch etwas ganz Eigenes macht.

Agnieszka ist von klein auf mit dem Wissen aufgewachsen, dass sie einmal eines der 'Drachenmädchen' sein würde, die dem 'Drachen' als möglicher Tribut präsentiert werden. Aber sie hätte es nie für möglich gehalten, dass er sie tatsächlich auswählen könnte, denn sie ist unscheinbar, ungeschickt und nicht sonderlich hübsch! Aber er wählt sie aus - jedoch widerwillig und sogar zornig, denn er hat keine andere Wahl... Mir hat gut gefallen, dass Agnieszka keineswegs perfekt ist, denn das machte sie für mich umso glaubhafter und sympathischer. Und so wie der Drache im Laufe der Geschichte lernt, über das Äußerliche hinwegzusehen und ihren Wert zu erkennen, gewinnt sie selber an Selbstbewusstsein und wird zur Heldin ihrer eigenen Geschichte. Ich fand sie liebenswert, intelligent, unglaublich einfallsreich und mutig, und dennoch immer überzeugend und authentisch.

Sarkan, der 'Drache', erscheint erst wenig sympathisch: meist schlecht gelaunt, oft zornig, manchmal sogar vermeintlich angewidert von Agnieszka, die es immer wieder schafft, ihre edlen Kleider zu beschmutzen oder zu zerreißen, der dafür aber keiner der Zaubersprüche gelingt, die er ihr beibringen will. Er ist nicht freundlich zu ihr, ganz im Gegenteil. (Mehr als einmal hat er mich an Severus Snape aus "Harry Potter" erinnert, übrigens auch optisch!) Dennoch haben die beiden von Anfang an eine großartige Chemie. Auch Sarkan verändert sich im Laufe des Buches, wächst an seinen Erlebnissen, und trotzdem bleibt er immer er selbst. Ich war beeindruckt davon, wie die Autorin es schafft, mir einen so schwierigen, sturen und harschen Charakter trotz allem sympathisch zu machen.

Die Liebesgeschichte fand ich wunderbar, denn es prickelt von Anfang an deutlich spürbar zwischen Agnieszka und Sarkan, auch wenn er das wirklich nicht wahrhaben will und erstmal versucht, es zu ignorieren. Allerdings nimmt das eine eher kleine Rolle in der Geschichte ein.

Zitat:
"Dann wanderte sein verblüffter Blick zu mir, und zum ersten Mal sah ich ihn verunsichert, als ob er unvorbereitet in etwas hineingestolpert wäre. Seine langen schmalen Hände legten sich um meine und gemeinsam hielten wir die Rose geborgen. Magie sang in mir und durchdrang mich. Ich spürte das Murmeln der Macht des Drachen wie einen Gegengesang desselben Liedes."

Das Magiesystem in dieser Welt fand ich sehr interessant, gerade weil Sarkan und Agnieszka zwei ganz unterschiedliche Arten von Magie verkörpern: er wirkt Magie, in dem er sich rigoros und genau an Zaubersprüche und Beschwörungen hält, während ihre Magie etwas Fließendes, Lebendiges ist. (Was irgendwie auch ihre Persönlichkeiten widerspiegelt.) Überhaupt kam mir die Welt schlüssig und in sich stimmig vor, und dieser Weltentwurf bietet eine solide Grundlage für eine spannende Geschichte voller Monster, geheimer Intrigen und Magie. Ich habe das Buch immer nur widerwillig weggelegt und hätte es am liebstem am Stück gelesen.

Der Schreibstil hat mich direkt in seinen Bann gezogen, mit seiner ganz eigenen Sprachmelodie  und lebendigen Bildern. Allerdings muss ich sagen, dass das in der Übersetzung deutlich abgeschwächt ist, oder so kam es mir zumindest vor! Ich habe das Buch hauptsächlich auf Englisch gelesen, aber auch ein paar Kapitel auf deutsch, und besonders die (wenigen!) Liebesszenen haben im Original einen deutlich natürlicheren Fluss und eine poetischere Sprache. Aber schlecht ist die Übersetzung dennoch nicht, und wenn man die Szenen nicht in direkten Vergleich setzt, fehlt einem beim Lesen wahrscheinlich auch nichts.

Fazit:
"Das dunkle Herz des Waldes" ist ein zauberhaftes, ungewöhnliches Fantasymärchen, das auf slawischer Mythologie beruht. Besonders eingenommen haben mich die dichte düstere Atmosphäre und die fließend-poetische Sprache, aber auch der originelle Weltentwurf hat mich überzeugt. Vielschichtig, komplex, überraschend, mit einer Prise Romantik und einer Spur Grusel, hat mich das Buch von der ersten Seite an nicht mehr losgelassen!

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18 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

dorfgemeinschaft, missbrauch, lehrerin, thrille, mor

Aschenkind

Sofie Rathjens
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 14.11.2016
ISBN 9783746632834
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Ich zögere ein wenig damit, dieses Buch einen Thriller zu nennen. Für mich ist es eher ein düster-atmosphärischer Krimi, der sich auszeichnet durch eine eigenwillige Ermittlerin und einen 
oft lyrischen, gelegentlich philosophischen Schreibstil. Aber egal, wie man es nun nennen will, Thriller, Krimi oder Roman mit Spannungselementen, für mich ist es auf jeden Fall ein lohnendes Buch. 

Ein Roman hat bei mir schon halb gewonnen, wenn er mich nach nur wenigen Seiten aufhorchen lässt - wenn ich da bereits sicher bin, dass das Buch noch lange in mir nachhallen wird, weil es einfach etwas ganz Neues, Unverbrauchtes ist, das ich so noch nie gelesen habe. Und das war bei "Aschenkind" definitiv der Fall. Dabei sind es nicht so sehr die harten Fakten, die Eckpunkte der Handlung, die das Buch zu etwas so Eigenem machen, sondern die Art und Weise, wie sie erzählt werden. 

Ich habe mich öfter bei dem Gedanken ertappt, dass die Mordfälle nur die Kulisse sind. Dass es eigentlich um grundlegendere Fragen geht: um menschliche Ängste, Zweifel, Wünsche und moralische Dilemmas. Und dennoch liest sich das nicht langweilig und trocken, sondern durchaus sehr spannend. Nicht nur, weil die Mädchen, die sterben, das nun wirklich nicht verdient hatten und man als Leser will, dass der Mörder wenigstens seine gerechte Strafe bekommt, sondern auch, weil man als Leser nie sicher sein kann, woran man eigentlich ist, wem in dieser Geschichte man trauen kann und wem nicht.  

Und diese Unsicherheit liegt zum großen Teil in der Protagonistin begründet: der jungen Lehrerin Leonie, die gerade ihre neue Stelle in einem kleinen Dorf angetreten hat, aber direkt in den ersten Tagen ein totes Mädchen im Feld findet. Und weil sonst niemand in der Lage scheint, das aufzuklären, macht sie sich eben selber daran, auf ihre ganz eigene Art. 

Meine ersten Notizen zu Leonie waren: "Todessehnsucht?", "sonderbar!", "Schwermut" und "hochintelligent", und diese Eindrücke haben sich im Laufe des Buches noch verstärkt. Je mehr ich über sie las, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass sie vielleicht auf den ersten Blick erscheint wie eine ganz normale junge Frau in einem ganz normalen angesehenen Beruf, dass diese Normalität aber fast schon eine Art Maske ist. Sie sagt an einer Stelle über sich selbst:

Zitat: 
"Ich bin das schwarze Schaf, nur in der Dunkelheit sehe ich aus wie alle anderen. Jeden Tag warte ich auf sie. Manchmal habe ich das Gefühl, es ist auch anders herum. " 

Die meisten Menschen in diesem Buch werden davon angetrieben, was sie nicht haben, aber verzweifelt haben wollen, auch wenn es ihnen selbst nicht bewusst ist. Leonie ist es bewusst, und ihr ist auch bewusst, wie destruktiv dieses verzweifelte Wollen sein kann.  

Sie sieht Dinge anders als andere Menschen, sie bemerkt viel mehr. Sie erfasst die Quintessenz einer Situation, einer Sache, eines Menschen, aber man hat das Gefühl, dass sie nur deswegen so viel sieht, weil sie außerhalb steht, alleine und ungebunden, und daher einen unverfälschten Blick hat. Ihre Einsamkeit wirkte auf mich gleichzeitig ungerührt und zutiefst traurig. 

Eigentlich wäre es die Aufgabe des Polizisten Wahnknecht, die Morde aufzuklären, aber dem geht bei der Ermittlung jegliche Innovation ab, weswegen er mit einem Mörder dieser Art schlichtweg überfordert ist. Auf mich wirkte er zaudernd, schwach, etwas blass, und deswegen gelingt es ihm auch kein bisschen, Leonie darin zu bremsen, sich in den Fall einzumischen. 

Der Schreibstil ist in meinen Augen außergewöhnlich, mit interessant konstruierten Sätzen und originellen Bildern. Nachdenklich, lyrisch, schwermütig, düster, aber immer mit wunderbarer Sprachmelodie und sehr ästhetisch geschrieben - und vor allem unverwechselbar. 

Zitat: 
"Angst hat viele Gesichter, aber letztlich bedeutet sie immer nur eines: das Ende. Mit einem Wimpernschlag macht es das, was ist, zu dem, was nicht mehr existiert, und reißt es aus uns heraus. Das ist alles, aber es tut am meisten weh. Ich mache einen Schritt auf [ ihren ] reglosen Körper zu, bis wir einander betrachten. Dann greife ich vorsichtig nach ihrer Hand. Lächle [ sie ] an. Könntest du nicht vielleicht etwas sagen? Nur irgendetwas?" 

Der Handlungsstrang mit der alten Dorflegende, nach der ein Geist Mädchen ermordet, um seinen eigenen Tod zu rächen, kam mir etwas halbherzig vor und erzeugte meines Erachtens auch nur wenig Spannung. Aber ansonsten hat mir das Buch sehr gut gefallen. 

Fazit:
Leonie ist jung, ungebunden und hat gerade eine Stelle als Lehrerin in einem kleinen Dorf angetreten. Mit ihrer unkonventionellen Art macht sie sich jedoch keine Freunde, und als sie ein totes Mädchen im Feld findet, beginnt sie auch noch damit, sich ungefragt in die Ermittlungen einzumischen. 

Mir hat das Buch vor allem wegen seiner dichten Atmosphäre und seines ungewöhnlichen, aber ansprechenden Schreibstils sehr gut gefallen, allerdings würde ich es nicht als "Thriller" bezeichnen. Ich fand es spannend, es ist in meinen Augen aber eine eher ruhige, unterschwellige Spannung, und ich denke, daran könnten sich die Geister scheiden. Das Gleiche gilt für die Protagonistin, die man durchaus als sonderbar bezeichnen könnte und die sich selber als Außenseiterin sieht, die Unglück bringt, ohne es darauf anzulegen. Sie ist hochintelligent, aber auch kompromisslos und macht es dem Leser daher nicht immer einfach, sie zu mögen. 

Mich hat das Buch von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt, gerade weil die Leonie in keine Schublade stecken lässt. 

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155 Bibliotheken, 13 Leser, 1 Gruppe, 93 Rezensionen

thriller, psychothriller, schweden, stockholm, krimi

Glücksmädchen

Mikaela Bley , Katrin Frey
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 10.02.2017
ISBN 9783548288444
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


"Glücksmädchen" ist für mich eher ein (Familien-)Drama als ein Thriller.

Zwar enthält das Buch durchaus brauchbare Zutaten für einen Thriller (das entführte Kind, die Drohungen gegen die Protagonistin und so weiter), aber wenn ich darüber nachdenke, was ich beim Lesen gedacht und empfunden habe, denke ich nicht an nervenzerfetzende Spannung oder intelligent konstruierte falsche Fährten. Ich denke daran, wie Seite um Seite das Bild eines traurigen, vereinsamten Kindes entsteht, das immer beiseite geschoben wurde und niemals ganz oben auf der Prioritätenliste seiner Eltern stand. Die Mutter ist kalt, der Vater beschäftigt mit seiner neuen Familie, die Schwiegermutter könnte aus Grimms Märchen entsprungen sein. In der Schule ist Lycke unsichtbar. Das wahre Drama hat lange vor ihrem Verschwinden begonnen, und dabei bedeutet ihr Name doch "Glück".

Auch die Protagonistin, Ellen Tamm, trägt ein stilles, bleiernes Unglück mit sich herum. Seit ihrem 8. Lebensjahr, als ihre Zwillingsschwester Elsa starb, ist sie gefangen in einer Dauerschleife der Selbstvorwürfe, der Trauer und das Zorns. Sie ist Kriminalreporterin geworden, weil sie fasziniert ist vom Tod, besessen vom Tod, als könne sie damit den Verlust ihrer zweiten Hälfte erträglicher oder zumindest erklärlicher machen.

Sie stürzt sich mit wilder Entschlossenheit auf den Fall Lycke und sie will nicht nur eine gute Story - sie will das Mädchen finden. Lebend. Dafür opfert sie ihre Freizeit, organisiert Suchaktionen, macht sich auf der Arbeit unbeliebt und befragt Zeugen. Und damit will sie auch endlich mit ihrer persönlichen Tragödie abschließen können.

Das alles ist durchaus interessant, es berührt, aber richtige Thriller-Spannung kam für mich einfach nicht auf. Ja, es gibt Drohungen gegen Ellen, ja, es passieren merkwürdige Dinge, aber ich hatte nie das Gefühl einer tatsächlichen Bedrohung. Ellens Drama und Lyckes Drama laufen trotz allem merkwürdig zusammenhangslos nebeneinander her, und ich hatte am Ende nicht den Eindruck, dass sich ein stimmiges Gesamtbild ergibt. Vieles bleibt unerklärt, vieles scheint im Rückblick aufgebauscht, bedeutungslos oder unglaubwürdig.

Die Charaktere erschienen mir erst stereotyp und daher farblos. Die böse Stiefmutter. Die kalte Mutter. Der untreue Vater. Die depressive Ermittlerin. Der überdrehte, schwule beste Freund.

Am nächsten kommt der Leser Ellen, und die war mir anfangs nicht sonderlich sympathisch. Allerdings ist sie eine Frau unter enormem Stress, was vieles erklärt und entschuldigt, und im Laufe des Buches ist sie mir dann doch noch ans Herz gewachsen, auch wenn ihr Verhalten mir nicht immer logisch oder realistisch vorkam. Ein paar der anderen Charaktere habe ich zunehmend gehasst, was aber eigentlich ein Verdienst der Autorin ist: man hasst einen Charakter nicht, wenn er nicht etwas in einem hervorruft! Besonders Chloe, die Stiefmutter, hat eine Menge in mir hervorgerufen, ich hätte ihr alle paar Seiten den Hals umdrehen können. Das muss ein Buch auch erstmal schaffen.

Etwa aber der Hälfte habe ich mich zunehmend mit dem Buch angefreundet, nachdem ich es innerlich aus der Schublade "Thriller" herausgenommen und stattdessen in die Schublade "Drama" gesteckt hatte. Gegen Ende war ich fast vollständig damit versöhnt und in die Geschichte eingetaucht - die Auflösung konnte mich dann aber leider nicht überzeugen. Sie beruht auf etwas, das Ellen nicht eigenständig herausgefunden hat und woran sie auch nur durch eine zufällige Begebenheit im richtigen Moment denkt.

Überhaupt gibt es meines Erachtens im ganzen Buch nur wenige echte Ermittlungen, die man als Leser auch nachvollziehen kann. Wenn Ellen etwas wissen muss, gibt sie es meist an ihre Kollegin weiter, die anscheinend in kürzester Zeit so ziemlich alles ermitteln kann, ohne dass jemals erklärt wird, wie eine Journalistin ohne polizeiliche Befugnisse das hinbekommt. Oder Ellen fragt ihren Kontaktmann bei der Polizei, womit sie auch wieder aus der eigentlichen Ermittlungstätigkeit raus ist.

Der Schreibstil ist gut lesbar, blieb mir aber nicht als besonders bemerkenswert in Erinnerung. Die Dialoge haben allerdings zum Teil keinen natürlichen Fluss, und ich hatte öfter das Gefühl, dass der Tonfall der bisherigen Charakterisierung eines Protagonisten zuwiderlief. Auch die Metaphern kamen mir oft nicht ganz stimmig vor:

"Sie sahen aus wie zwei nasse Hunde, die am liebsten nach Hause wollten, um sich mit einem warmen Kakao aufzuwärmen." 

Fazit:
"Glücksmädchen" ist für mich weniger ein Thriller als ein Drama.

Kurz gesagt: Die kleine Lycke verschwindet, und auf einmal interessiert sich das ganze Land für ihr Schicksal. Inmitten des tosenden Mediensturms engagiert sich die Kriminalreporterin Ellen besonders für den Fall, da ihre Zwillingsschwester Elsa vor vielen Jahren verschwand, als sie in Lyckes Alter war. Die Suche wird für Ellen zu einer Aufarbeitung ihrer Trauer und Wut, schnell muss sie jedoch feststellen, dass sich vor Lyckes Verschwinden niemand so richtig um das vernachlässigte Mädchen gekümmert hat. 

Die Geschichte ist durchaus interessant, aber nicht auf die Art und Weise spannend, die man von einem Thriller erwartet. Die Charaktere fand ich eher blass, und in meinen Augen ist die Handlung auch nicht immer logisch, realistisch und in sich stimmig. Vor allem geht die Autorin oft darüber hinweg, wie genau eine bestimmte Information gewonnen wurde, was mich bei einem Thriller doch stark interessieren würde! Die Auflösung konnte mich leider überhaupt nicht überzeugen.

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krimi, mord, zorn, regen, schröder

Zorn - Tod und Regen

Stephan Ludwig
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 26.04.2012
ISBN 9783596193059
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


»Du musst die 'Zorn'-Reihe lesen!«, erzählen SIE mir seit Monaten mit schöner Regelmäßigkeit.
»...muss ich?«
»Unbedingt!«

Dann folgen für gewöhnlich kleine Anekdoten über Stephan Ludwig, seine tollen Lesungen oder die amüsanten FB-Beiträge seines fiktiven Hauptkommissars. Der ist übrigens Kettenraucher, faul und mürrisch, und trotzdem ein Hit bei den Frauen.

Klasse.

Bei mürrischen, faulen Kettenrauchern bin ich ja immer erstmal skeptisch. So rein aus Prinzip, weil mir von Zigarettenrauch schlecht wird. Aber SIE bestehen darauf, dass die Zorn-Krimis einfach verdammt guter Stoff sind, Zigaretten hin oder her. Wer SIE sind? Die Teilnehmerinnen des illustren Krimi-Lesekreises, den die Buchhandlung zwei Orte weiter einmal im Monat ausrichtet. Krimi-Expertinnen, sozusagen.

Jaja.

Schon gut. Ihr hattet ja recht.

In meinen Augen ist das Buch eine gelungene Mischung aus Spannung, unerwarteten Wendungen, lebendigen Charakteren und einem trockenen, ein bisschen bösen Humor. Keines dieser Elemente alleine würde mehr als einen passablen Krimi abgeben, aber in der originellen Kombination ist die Geschichte unschlagbar und macht eine Menge Spaß, ist aber trotzdem was zum Miträtseln und Mitfiebern. 

Es gibt für einen Krimileser einerseits nichts Enttäuschenderes, als auf Seite 100 schon zu wissen, wer gemordet hat und warum, andererseits will man aber auch nicht das Gefühl haben, dass die Lösung vom Himmel gefallen ist. Insofern ist "Zorn" für mich ein gut konstruierter Krimi, denn im Rückblick sind die Hinweise alle da, beim Lesen konnte ich die Puzzleteilchen* jedoch bis zum Schluss nicht zu einem vollständigen Bild zusammensetzen.

* Die Autokorrektur wollte gerade 'Leichenteilchen' daraus machen, ohne Scherz!

Also: Spannend? Ja. Logisch? Auch. Und so nach und nach stellt sich die Geschichte als vielschichtiger heraus, als man am Anfang vermutet hätte. 

Die Gewalt ist brutaler, als ich erwartet hatte, bleibt aber meist (nicht immer!) eher angedeutet und wird nicht detailliert beschrieben. Das macht sie jedoch nicht weniger erschreckend und nimmt ihr auch nichts ihrer Bedeutung, und deswegen finde ich das auch verdammt gut geschrieben. 

Bei Formulierungen wie "kurz darauf barsten die Wände, der Wahnsinn stand brüllend im Raum, öffnete dem Horror die Tür" läuft es mir schon kalt den Rücken runter. Danach brauche ich keine detailliertere Beschreibung mehr als diese: 

"Und er hatte nicht nur das Messer, sondern andere, ebenso spitze, chromglänzende Werkzeuge. 
Und er benutzte sie alle. Es dauerte drei Stunden, bis sie den Verstand verlor, und weitere zwei, bis sie endlich sterben durfte." 

(Leichenteilchen? Als hätte die Autokorrektur es geahnt.) 

Der Schreibstil ist großartig, denn der Autor beherrscht die verschiedensten Tonarten. Eine Szene kann erschreckend und grausam sein, mit Beschreibungen voller Atmosphäre, und trotzdem irgendwie auch witzig - wobei einem das Lachen dann doch oft im Halse stecken bleibt. Was der Schreibstil jedenfalls nie ist, ist abgedroschen oder langweilig.

Das Großartigste an diesem Buch sind für mich der Humor und die liebevoll beschriebenen Charaktere, allen voran der mürrische Zorn und sein fröhlicher Kollege Schröder. Zorn würde sich ja lieber ins Bein beißen als es zuzugeben, aber er hegt tatsächlich viel Zuneigung und später auch Bewunderung für den kleinen Mann. Während Zorn seine Arbeit hasst und faul seiner Rente entgegensicht, ist Schröder einer, der anpackt und den man niemals unterschätzen sollte, und das erkennt Zorn insgeheim widerwillig an. Die Zwei sind ein witziges, aber auch erstaunlich gut funktionierendes Ermittlerteam.

Auch die anderen Charaktere fand ich gut und glaubhaft geschrieben, und der ein oder andere enthüllt im Laufe des Buches unerwartete Seiten.

Zitat:
"»Keine Leiche?«, fragte er über die Schulter, betrat den Fahrstuhl und drückte, ohne auf Schröder zu warten, den Knopf für die oberste Etage.
»Nichts, Chef.«
Zorn schwieg. Leise surrend fuhr der Fahrstuhl nach oben, und da Schröder die Stille in dem engen Raum zunehmend unangenehm wurde, meinte er nach kurzem Überlegen: »Keine Spur. Nix.«
Zorn schwieg noch immer. 
»Niente!«, sagte Schröder. Ab und zu verspürte er das unerklärliche Bedürfnis, mit seinen Fremdsprachenkenntnissen zu protzen, und fügte deshalb hinzu: »Nothing, Chef!«
Zorn hob die Augenbraue.
»Nada!«, ergänzte Schröder. 
»Pling!«, erwiderte der Fahrstuhl. 
»Nitschewo!«, sagte Schröder. 
Die Türen öffneten sich. »Ein einfaches Nein hätte genügt«, brummte Zorn und wappnete sich innerlich gegen seinen ersten Gegner."

Was ich übrigens erfrischend fand: in vielen Krimi-Reihen könnte man den Eindruck gewinnen, die Stadt, in der sie spielen, müsse bestimmt bald aussterben, weil die Ermittler am laufenden Band Mordfälle bearbeiten. Dabei gab es im Jahr 2015 in ganz Deutschland 296 Mordfälle - da kann man sich ja ausrechnen, dass nicht auf jeden Ermittler in jeder Stadt eine Leiche pro Woche kommt. Und so denkt Claudius Zorn hier auch ganz realistisch darüber nach, dass er seit drei Jahren keinen Mordfall mehr bearbeitet hat!

Fazit:
Die Mitglieder unseres Krimi-Lesekreises empfehlen mir die "Zorn"-Reihe seit Monaten. 

Immer wieder. Unermüdlich. 

Und jetzt weiß ich auch, warum: Hauptkommissar Zorn ist mürrisch, faul, Kettenraucher, eitel, angeberisch - und auf skurrile Art sympathisch und witzig. Dazu gesellt sich sein Kollege, der kleine, dicke, immer gut gelaunte Schröder, der in einigen Szenen zeigt, dass auch die Schröders dieser Welt wahre Helden sein können. Zusammen ermittelt das ungleiche Team in einem Mordfall, der sich als zunehmend verschachtelt und kompliziert erweist, und das kann in einem Satz noch zum Schreien komisch sein und im nächsten gruselig und spannend.

Gut geschrieben, gut konstruiert und definitiv was ganz Eigenes, von dem ich jetzt alle Bände lesen will. Ich kann mich meinen "Kolleginnen" vom Krimi-Lesekreis nur anschließen: Daumen hoch!

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