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Die allertraurigste Geschichte

Ford Madox Ford , Gertraude Krueger , Helene Henze , Fritz Lorch
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 28.11.2018
ISBN 9783257070385
Genre: Klassiker

Rezension:

Ein paar Worte über den Autor:

Ford Madox Ford (1873 – 1939) ist als Person bekannter als sein Werk.

Wer kennt heute noch seine etwa dreißig Romane – oder seine zahlreichen anderen Werke, wie Biografien, Gedichte, Reisetagebücher oder Essays? Dabei war er einst eine überlebensgroße Persönlichkeit in der englischen Literaturszene! So schrieb er zum Beispiel mit Henry James, war befreundet mit Joseph Conrad und Ernest Hemingway und förderte den noch unbekannten Ezra Pound.

Als Verleger und Kritiker war er allerdings damals schon erfolgreicher als als Schriftsteller.
Sein 1915 erschienener Roman “Die allertraurigste Geschichte” wird von vielen modernen Kritikern als herausragendes Werk der frühen englischen Moderne gesehen, nicht umsonst jedoch erschien eine Auflage der deutschen Übersetzung im Jahr 2015 in der “ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher”.

Und ist das nicht die allertraurigste Geschichte?

Meine Meinung

Ach, was sind die Sommer in Bad Nauheim doch idyllisch, wie innig und herzlich ist die Freundschaft der beiden Ehepaare Ashburnham und Dowell! So zumindest erscheint es dem Leser auf den ersten Seiten des Buches. Der Erzähler, John Dowell, singt das Loblied dieser Idylle dermaßen kitschig überschwänglich, dass man sich beinahe in einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung wähnt und die leisen Misstöne fast überlesen könnte.

Edward Ashburnham und seine Frau Leonora, John Dowell und seine Frau Florence. Über neun Jahre hinweg ergibt die Freundschaft der beiden Paare eine hübsche Kulisse – ein Musterbild von Gutbürgertum und Sittsamkeit.

Doch das schöne Bild täuscht.
Dahinter verbergen sich Ehebruch und Täuschung, was letztendlich tragische Konsequenzen hat. Die Geschichte eskaliert zunehmend, jedoch spielt sich das – man muss ja das Gesicht wahren! – hinter den Kulissen ab.

“Denn wenn wir in meinen Augen vier Leute mit demselben Geschmack, mit denselben Wünschen waren, Leute, die einmütig handelten – oder nein, nicht handelten –, die einmütig hier und dort beisammensaßen, so soll das nicht die Wahrheit sein? Wenn ich neun Jahre lang einen schönen Apfel habe, der im Inneren faul ist, und seine Fäulnis erst nach neun Jahren und sechs Monaten minus vier Tage entdecke, darf ich dann nicht sagen, ich hätte neun Jahre lang einen schönen Apfel gehabt?”

(Zitat)
Oder besser gesagt:

John muss feststellen, dass jeder außer ihm schon lange begriffen hat, was für eine Farce diese hübsche Fassade ist.
Er muss sein ganzes Leben neu interpretieren – alles, was ihm lieb und teuer ist, erweist sich als Trug und Wahn, die reinsten Seelen entpuppen sich als blanker Hohn. John ringt um die Wahrheit und sträubt sich zugleich dagegen, die Geschichte wird zum unaufhaltsamen Absturz in die Selbsterkenntnis.

Je zorniger John wird, desto mehr schärft sich sein Blick.

Die Handlung wird episodenhaft erzählt und springt dabei vorwärts und rückwärts in der Zeit Dabei bleibt vieles zunächst ungesagt und wird dann später im Buch wieder aufgegriffen oder korrigiert. John erweist sich dabei immer mehr als Inbegriff des unzuverlässigen Erzählers. 

Das ist ein Stilmittel, das ich sehr schätze, wenn es gut geschrieben ist – und in meinen Augen ist es das hier. 
Bis zum Schluss lässt sich nicht mit absoluter Gewissheit sagen, was man John glauben kann und was nicht. Ist er wirklich so unsäglich naiv, dass er neun Jahre lang nicht begreift, was vor sich geht? 

Als Leser kann man nur spekulieren. Klar ist: dies ist weniger als die reine Wahrheit. Aber was ist Täuschung, was Selbsttäuschung?

Oberflächlich betrachtet geschieht nicht viel – zumindest nichts, was man heutzutage nicht als trivial betrachten würde. Dies ist keine Geschichte mit klassischem Spannungsbogen. Ford Madox Ford erzählt eine Geschichte der leisen Nuancen, der Zwischentöne, sogar des Ungesagten.

Ein zentrales Thema des Buches ist die Doppelmoral der Gesellschaft – die frappante Diskrepanz zwischen Schein und Sein.
Als Bild einer vergangenen Zeit und ihres Wertesystems ist der Roman meines Erachtens bestechend.

Erzählt wird die Geschichte meist im jovialen Plauderton, dabei zeigt John durchaus auch Humor. Interessant erschien mir vor allem der Gegensatz zwischen diesem lockeren, heiteren Schreibstil und dem leisen Unglück, unter dem die Charaktere zunehmend leiden. 

FAZIT

Dieses Buch wurde im Jahr 1915 zum ersten Mal veröffentlicht. Darin erzählt ein Erzähler, dem man nicht alles glauben kann, eine Geschichte von Ehebruch, Täuschung und Tragödie. 

In meinen Augen brilliert die Geschichte damit, wie die Kollision von Sein und Schein geschildert wird, und das in leisen Tönen. Der Erzähler muss feststellen, dass alles, was ihm wichtig war, sich als Lüge herausstellt.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/12/11/ford-madox-ford-die-allertraurigste-geschichte/ 

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13 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

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Im Dunkel der Angst

Lori Rader-Day , Anne Fröhlich
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 17.09.2018
ISBN 9783442487714
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, unser Krimi-Lesekreis sah das anders – da stand ich tatsächlich auf verlorenem Posten, die anderen fanden es richtig schlecht. Selten bin ich so vehement überstimmt worden mit meiner Meinung! Daher möchte ich meine Rezension beginnen mit:

Kritikpunkte des Krimilesekreises

"Die Graphologie hat wesentlich weniger Einfluss auf den Fall, als der Klappentext suggeriert  – zumindest wird es nicht befriedigend erklärt."

Dem muss ich sogar zustimmen, ich hätte auch gerne noch viel mehr über diese Kunst erfahren.

"Die Hauptfigur ist unsympathisch und sehr obsessiv in ihrem Verhalten."

Auch da muss ich zustimmen, nur hat es mich nicht gestört – ich habe ein Faible für schwierige, sperrige Protagonisten. Außerdem hat Anna meines Erachtens plausible Gründe für ihr Verhalten.

Trifft sie gute Entscheidungen? Nein. Hätte es andere Optionen gegeben? Ja.

Aber sie ist in einem gewalttätigen Elternhaus aufgewachsen, hat dann von einem gewalttätigen Mann ein Kind bekommen und ist seither auf der Flucht. Sie hatte nie wirklich die Möglichkeit, eine normale emotionale Reife zu erlangen. Hier, in dieser Geschichte, sieht man, wie sie damit beginnt, die Vergangenheit abzustreifen.

Am Schluss passiert etwas, was den anderen als unglaublicher, unrealistischer Zufall erschien.

Darüber kann man sich streiten! Für mich war das eine logische Entwicklung und ein guter Abschluss der Geschichte, denn in gewisser Weise schließt sich auf mehr als eine Weise der Kreis.

"Die Liebesgeschichte war unnötig."

Hier muss ich schon wieder zustimmen. Leider bremst sie die Protagonistin meines Erachtens in ihrer Entwicklung. Am Schluss wird eine für die Überwindung ihres Traumas sehr wichtige Entscheidung von ihm getroffen, was dem Sinn des Ganzen ein wenig zuwider läuft.

Ich mochte das Buch trotzdem. Warum?

Die Geschichte wird sehr stimmungsvoll erzählt. Eine Atmosphäre der bedrückenden Angst und Paranoia baut sich allein schon durch die Hintergrundgeschichte der Protagonistin auf, die sich Stück für Stück enthüllt.

Ein sehr grundlegendes Thema des Buches ist der Zyklus der Gewalt, den Anna unbedingt durchbrechen will. Aber Gewalt wird oft an die nächste Generation weitergegeben, und so rutscht auch ihr einmal die Hand aus – ein einmaliger, verzeihlicher Fehler oder ein Zeichen, dass sie die Gewaltbereitschaft ihres Vaters geerbt hat? Sie schämt sich jedenfalls in Grund und Boden.

Dieser Aspekt der Geschichte war für mich präsenter und interessanter als der eigentliche Fall, für den Anna als Graphologin zu Rate gezogen wird: das Verschwinden des kleinen Jungen.

Der Fall wird zum Hintergrundrauschen, zu Kulisse für das persönliche Drama der Protagonistin.

Insofern zögere ich, das Buch überhaupt als Krimi zu bezeichnen, und ich denke, ob einem das Buch gefällt oder nicht, hängt sicher auch davon ab, was man von ihm erwartet. Ich fand es spannend, ich konnte gar nicht damit aufhören, aber es ist eine andere Art von Spannung, als ich für gewöhnlich von einem Krimi erwarten würde.

Für mich baute sich die psychologische Spannung vor allem durch Annas Entwicklung auf. Sie geht ihren Weg mit zahlreichen Irrungen und Wirrungen.

Die Charaktere sind sehr unterschiedlich angelegt.

Manche, wie Anna oder ihren Sohn Joshua (ein Pupertier, wie es im Buche steht) , fand ich sehr präsent, komplex und glaubhaft beschrieben. Die Beziehung der beiden ist in vielen Aspekten ungesund, denn Anna schleppt Joshua seit vielen Jahren quer durch die Staaten, entwurzelt ihn wieder und wieder und wieder auf ihrer Flucht vor der Vergangenheit. Da bleibt erbitterter Konflikt nicht aus.

Andere Charaktere sind eher Randerscheinungen, Teil der Kulisse. Aber auch das war für mich vollkommen in Ordnung, denn im Fokus steht für mich allein Anna.

Ich habe das deutsche Buch gekauft und dann festgestellt, dass ich das englische Hörbuch bereits besaß.
Und das kann ich nur empfehlen: Hillary Huber spricht die Geschichte großartig. Dabei gelingt es ihr, den verschiedenen Charakteren sehr prägnante Stimmen zu geben.

FAZIT

Ist “Im Dunkel der Angst” ein schlechter Krimi oder ein gutes Drama? Unser Krimilesekreis hat sich für die erste Möglichkeit entschieden, ich mich für die zweite. Mir gefielen vor allem die Atmosphäre und die psychologisch dichte Spannung, die nur wenig mit dem Kriminalfall zu tun hat.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/12/06/rezension-lori-rader-day-im-dunkel-der-angst-the-day-i-died/

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28 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 12 Rezensionen

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Hysteria

Eckhart Nickel
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Piper, 04.09.2018
ISBN 9783492059244
Genre: Romane

Rezension:

Skurill, bizarr, schräg… Diese Wörter tauchen in vielen Rezensionen zu diesem Titel auf, und tatsächlich sind die Dinge in »Hysteria« alles, nur nicht normal oder natürlich. Künstlich dagegen ist hier vieles: Nahrung, Unterhaltung, Liebe.

Der hypersenible, leicht neurotische Protagonist stolpert mitten hinein in eine außergewöhnliche Dystopie, die sich Lewis Carroll, E.T.A. Hoffman und Franz Kafka bei einer gemeinsamen Tasse Tee hätten ausdenken können. Das ist hochphilosophisch bis grauenhaft – und dabei durchaus unterhaltsam.

Und alles beginnt mit merkwürdigen Himbeeren.

„Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.“

Manchmal beschleicht einen das ungute Gefühl, dass die Geschehnisse in diesem Roman gar nicht so weit hergeholt sind. Vielleicht sind wir schon auf einem Weg, der mit Analogkäse, Ersatzschinken und aus Holz gewonnenen Aromaststoffen im Erdbeerjoghurt begann und mit den merkwürdigen Himbeeren in »Hysteria« endet…?

Hoffentlich nicht – aber zum Nachdenken kann es einen dennoch anregen.

Der Terror kommt ausgerechnet aus Richtung der »Zurück zur Natur«-Ideologen in Form der machthabenden »Naturpartei«.
Nachhaltigkeit und ökologische Achtsamkeit, das sind Ideen, die zunächst nach einem gesunden, wertvollen Gegenpol zu der eben erwähnten Künstlichkeit der Gesellschaft klingen, hier aber ins Absurde überspitzt werden.

Ich schreibe diese Rezension bei einer Tasse Kaffee, und damit hätte ich in der Welt des Buches bereits gegen das Gesetz verstoßen. Ach, sogar mit dem Frühstücksbrötchen befinde ich mich quasi schon im kriminellen Untergrund:

“Nahrung darf sich der Mensch nur noch aus Resten zusammensuchen, die Pflanzen abgestoßen haben und keine Verbindung mehr zu ihrem Organismus besitzen: Fallobst, von den Knospen gelöste Blüten, Gemüse, das lose auf Feldern liegt, Streugut, lose Blätter.”

Aus »natürlich« wird dabei »natürlich künstlich« – das eine lässt sich kaum noch vom anderen unterscheiden. Hier werden Grenzen überschritten, die Dystopie bewegt sich in die Gefilde des Schauerromans – nicht nur die Himbeeren entpuppen sich als Gewächse ungeahnten Schreckens. (Achtung: ein gewisser Ekelfaktor bleibt nicht aus!)

»Orthorektisch« nennt literaturkritik.de das Buch, und das ist sehr treffend. Als »Orthorexia nervosa« wird eine Essstörung bezeichnet, bei der der Betroffene sich dermaßen obsessiv mit der Qualität der Lebensmittel, die er zu sich nimmt, beschäftigt, dass es zu massiven psychischen oder physischen Beeinträchtigungen führt.

Der Schreibstil ist oft ähnlich überdreht und surreal wie die Handlung, schwankt zwischen sprachlicher Dekadenz und glasklarer Prägnanz. Gerade deswegen erreichen Handlung und Schreibstil jedoch eine sehr wirkungsvolle Symbiose. Nur die Dialoge sind für meinen Geschmack oft zu gekünstelt – aber auch das ist ja irgendwie passend für ein Buch, in der die Grenzen zwischen Kunst und Natur verschwimmen.

Für mich ist das größte Manko das Ende, bei dem sich manche Dinge dann doch zu glatt und wohlgefällig auflösen – dennoch ist »Hysteria« im Ganzen in meinen Augen ein sehr lohnendes Buch.

Auf zu einem olfaktorischen Trip in der Aromabar.

FAZIT

»Hysteria« ist eine quietschbunte und dabei doch dystopische Satire, eine Geschichte voller unerwarteter, oft absurder Wendungen. Was sich unter der ästhetischen Hochglanzverpackung versteckt ist abgründig: eine Verschwörung, bei der der falsche Bio-Wahn grauenhafte Formen annimmt.

Der Roman spart nicht mit Gesellschaftskritik, und vieles ist bei aller überspitzter Satire nicht weit entfernt von unserer Lebenswirklichkeit.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/11/28/deutscher-buchpreis-2018-longlist-eckhart-nickel-hysteria/

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105 Bibliotheken, 9 Leser, 0 Gruppen, 34 Rezensionen

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Wolfsthron

Leo Carew , Wolfgang Thon
Flexibler Einband: 576 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 17.09.2018
ISBN 9783442487356
Genre: Fantasy

Rezension:

“Wolfsthron” wird oft mit “Game of Thrones” verglichen 
Warum es diesem Vergleich in meinen Augen nicht standhalten kann
 
Beginnen wir mit etwas Positiven: Hier sind mal nicht die Menschen die strahlenden Helden, sondern das riesenhafte Volk der Anakim, die keine Schrift kennen, nicht verstehen, was an Gold so wertvoll sein soll, den Krieg zelebrieren wie eine Religion und eine Knochenrüstung unter der Haut tragen.

Aha? Da ahnt man es schon: Originelle Einfälle hat dieser Autor.

Er hat sich ganz ohne Zweifel eine sehr komplexe Welt ausgedacht, die mit dem Reiz des Unbekannten punkten kann. Die üblichen Genre-Klischees, so scheint es zunächst, stellt Leo Carew gekonnt auf den Kopf – das ist epische Fantasy mit historischem Anklang, die gänzlich ohne Magie auskommt, was mir im Grunde sehr gut gefällt.

Leider rückt diese wunderbare Welt mit all ihrem Potential schnell in den Hintergrund und dient danach nur noch als Kulisse. Für meinen Geschmack liest sich die Geschichte ab einem gewissen Punkt zu sehr wie eine einzige endlose Schlachtszene.

Das Schlachtengetümmel wird nur gelegentlich für etwas Handlung unterbrochen.

Protagonist Roper ist der jüngste Sproß eines alten Kriegergeschlechts und wird direkt am Anfang der Geschichte unverhofft auf den Thron katapultiert, als sein Vater im Kampf fällt.  Er ist ein unbedarfter Held mit ganz viel Raum nach oben, seine Entwicklung ist jedoch in meinen Augen eine der größten Schwächen des Buches. Schaut er zunächst quasi noch mit unschuldigen Kinderaugen staunend in die Welt, handelt er wenige Kapitel später schon wie ein erfahrener, abgebrühter Kriegsherr.

Man fragt sich, warum die gleichen Krieger, die eben noch verächtlich auf den 19-jährigen herabgeschaut haben, ihm auf einmal ihren Respekt zollen. Das wird nur umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass einige dieser Krieger schon 120 Jahre alt oder älter sind.

Manche Dinge fallen Roper einfach zu.

Und das ist schade, denn sie hätten ihm Raum für echte Charakterentwicklung gegeben. So hat er zwischendurch einige sehr mächtige Feinde, findet aber jemanden, der diese Feinde für ihn ausschaltet, ohne dass er einen Finger rühren muss. (Wie genau er dies bewerkstelligt, wird elegant umschifft.)

Aber auch die anderen Charakter werden meines Erachtens nur schwach gezeichnet.

Sie sind Archetypen, die wie reine Platzhalter wirken in einer Geschichte, die alles abarbeitet, was eine epische Fantasygeschichte eben so zu bieten hat: Intrigierende Adlige, Außenseiter niederen Standes, die zur Macht aufsteigen, weise Mentoren und Kriegshelden…

Trotz der zahllosen Schlachten kam für mich nur selten Spannung auf.

Das lag sicher vor allem daran, dass ich das Gefühl hatte, dass Roper niemals wirklich in Gefahr ist – aus dem anfänglich so unsicheren Jungen wird schon nach wenigen Kapiteln ein überlebensgroßer Krieger, der unbesiegbar erscheint.

Zum anderen stellte sich bei mir irgendwann eine gewisse Abstumpfung ein. Schlacht, Schlacht, noch mehr Schlacht, zur Abwechslung heimtückischer Mord, Schlacht.

Der Schreibstil ist sehr detaillverliebt.

In manchen Szenen funktioniert das wunderbar – dann erweckt der Autor mit ausdrucksstarken Bildern seine Welt zum Leben und beschwört mit dichter Atmosphäre Kopfkino vom Allerfeinsten herauf. In anderen Szenen habe ich mich gefragt, ob ich das wirklich bis ins Allerkleinste wissen muss…?

FAZIT

Das Buch hat durchaus Potential. Interessant fand ich vor allem, dass hier die üblichen Rollen umgedreht werden: die Menschen sind die Bösen, die riesenhaften, martialischen Anakim die Guten. Auch die Welt an sich finde ich sehr interessant und originell.

Leider krankt das Buch meines Erachtens an schwachen Charakteren und der schieren Masse an detailliert beschriebenen Schlachtszenen. Ein wenig mehr Handlung und dafür etwas weniger Schlacht hätte ich sehr begrüßt.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/11/27/rezension-leo-carew-wolfsthron-under-the-northern-s/

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

Dragon Teeth – Wie alles begann

Michael Crichton , Klaus Berr
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Blessing, 01.10.2018
ISBN 9783896676238
Genre: Historische Romane

Rezension:

Man tut dem Buch und (posthum) seinem Autor meines Erachtens keinen Gefallen, wenn man es als Vorgeschichte der Jurassic-Park-Saga bezeichnet. Ja, hier geht es um Dinosaurierknochen und “Jurassic Park” ist unbestritten die bekannteste Dinosauriergeschichte seit Sir Arthur Conan Doyles “Die vergessene Welt” – aber damit endet die Verbindung auch schon.

Dieses Buch ist Crichton pur, aber es liest sich von Stil und Atmosphäre her völlig anders als Jurassic Park.

Außerdem ist es auch in einem gänzlich anderen Genre angesiedelt: der historische, zumindest teilweise auf Fakten basierende Roman spielt im 19. Jahrhundert im Wilden Westen und liest sich dementsprechend. Die erbarmungslosen, blutigen Konflikte zwischen Indianern und weißen Siedlern, sowie die damit verbundenen politischen Entwicklungen, stehen mindestens genauso sehr im Zentrum der Geschichte wie die Dinosaurierknochen. Auch die erbitterte Rivalität zwischen zwei der ersten Paläontologen, die den Rahmen der Geschichte bildet, läuft dieser Historie den Rang nicht ab.

Die Rivalität zwischen Edward Drinker Cope und Othniel Charles March war legendär und zog sich über einen langen Zeitraum hin. Für den Roman wurde sie jedoch auf ein Jahr zusammengeschnurrt – und entschärft, denn in Wirklichkeit muss sie so lächerlich eskaliert sein, dass sie in einem Roman unglaubwürdig gewirkt hätte. Was übrig bleibt, ist aber immer noch genug, um für Spannung und auch eine Prise Humor zu sorgen.

Im Grunde ist “Dragon Teeth” nicht nur ein historischer Roman, sondern vor allem eine klassische ‘Coming of Age’-Geschichte:

Der 18-jährige Protagonist, William Johnson, beginnt seine Reise als gelangweilter junger Schnösel ohne Antrieb oder Ziel im Leben, wird durch seine Erlebnisse jedoch gestählt. Am Schluss ist er ein entschlossener, selbstbewusster Mann, der seinen Wert in einem unglaublichen Abenteuer bewiesen hat.

Die anderen Figuren bleiben zum Teil eher blass, aber William (später ‘Foggy’ genannt) kann die Geschichte meines Erachtens im Alleingang tragen, denn er macht eine grandiose Entwicklung durch.

Der Autor verlangt ihm gnadenlos alles ab.

Williams Abenteuer liest sich wie ein waschechter Western: Goldrausch und Saloons, Cowboys und Indianer, Schießereien und wilde Verfolgungsjagden zu Pferde… Sogar der berühmte Revolverheld Wyatt Erp gibt sich ein Stelldichein und rettet unserem jungen Helden mehrfach den Allerwertesten, wobei der jedoch auch selber zur Waffe greifen muss.

Neben Williams  Höllenritt durch den Wilden Westen verblasst sogar der absurde, von Paranoia und Geltungswahn befeuerte Wettstreit zwischen Marsh und Cope, obwohl der im Hintergrund immer präsent ist – ebenso wie die gesellschaftlichen, soziologischen und wissenschaftlichen Entwicklungen der Zeit. Besonders der Konflikt zwischen Darwinismus und Kreationismus spielte für die Paläontologie eine große Rolle, denn Dinosaurier und Evolution passten für viele gläubige Christen des 19. Jahrhunderts nicht in Gottes Plan.

Das Buch entwickelt eine andere Art von Spannung als Crichtons Romane rund um seine berühmten Klonsaurier.

Ich vermute, dass “Dragon Teeth” diejenigen Leser enttäuschen könnte, die mit der Erwartung an das Buch herangehen, sozusagen “Jurassic Park 0.0.5-beta” präsentiert zu bekommen.  Wenn man sich von dieser Erwartung löst, finde ich das Buch aber durchaus sehr spannend – als historisches Western-Abenteuer mit kleinen Häppchen paläontologischer Geschichte als Bonus.

Dem Schreibstil merkt man allerdings ein wenig an, dass es sich um ein Frühwerk des Autors handelt.

Verglichen mit seinen späteren Werken ist der Schreibstil hier noch nicht so ausgereift.

Aber wenn man für einen Moment vergisst, wer dieses Buch geschrieben hat, und es als alleinstehendes Werk betrachtet, kann der Schreibstil mit Atmosphäre und feinem Humor punkten. Perfekt ist das Buch vielleicht nicht, und sicher nicht Crichtons bester Roman, aber in meinen Augen dennoch lesenswert und unterhaltsam.

FAZIT

Vergessen wir mal “Jurassic Park”.

Am besten liest man “Dragon Teeth”, ohne eine Vorgeschichte des bekannten Megahits von Michael Crichton zu erwarten – auch wenn Dinosaurierknochen ein wichtige Rolle für die Geschichte spielen. In diesem Frühwerk des Autors erwartet den Leser eine unterhaltsame Abenteuergeschichte im Wilden Westen, basierend auf der tatsächlichen Rivalität zweier der ersten Paläontologen.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/11/24/rezension-michael-crichton-dragon-teeth-wie-alles-begann/

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 1 Rezension

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Gedankengewitter

Andy Feind
Fester Einband: 284 Seiten
Erschienen bei Books on Demand, 14.08.2018
ISBN 9783752886047
Genre: Sachbücher

Rezension:

Ich habe lange überlegt, was ich über dieses Buch schreiben könnte, das ihm auch gerecht wird.

Es ist mutig. Es ist so ehrlich, dass es wehtut. Es ist unglaublich wichtig, denn psychische Erkrankungen werden immer noch stigmatisiert. Es ist ein ungeschönter Blick ins Leben eines Menschen, der erbittert mit seiner chronischen Depression kämpft, und dabei zwar die ein oder andere Schlacht verliert, aber niemals den Krieg.

Das Buch ist wichtig für zwei Arten von Lesern.

Für jemanden, der das große Glück hat, Depressionen selber noch nie erlebt zu haben, ist es ein Reiseführer durch unerforschtes Gebiet. Auf der Landkarte der menschlichen Emotionen findet man die Depression genau da, wo die Grenzen der bekannten Welt mit ‘Hier sind Drachen’ gekennzeichnet sind.

Warum sollte man sich in dieses feindliche Land begeben, wenn man es nicht muss? Weil andere Menschen diesen Luxus nicht haben. Sie müssen wohl oder übel dort leben und regelmäßig mit den Drachen Gassi gehen. Und sie haben es verdient, damit nicht allein gelassen zu werden.

Auch wenn du selber keine Depressionen hast, ist die Chance doch relativ groß, dass du jemanden kennst, der damit lebt.

Vielleicht versteckt derjenige es gut. Aber das heißt nicht, dass er nicht damit zu kämpfen hat.

Für jemanden, der mit den Drachen schon per du ist, ist “Gedankengewitter” ein ganz anderes Buch. An dieser Stelle muss ich mich wohl outen, damit die weitere Rezension Sinn ergibt.

Natürlich unterscheidet sich Andys Wahrnehmung seiner Depression von meiner Wahrnehmung meiner eigenen. Man könnte dieses Buch wahrscheinlich hundert Lesern mit Depressionen in die Hand drücken, und die würden alle an ganz unterschiedlichen Stellen nicken oder verwirrt die Stirn runzeln. Aber ich bin mir sicher, sie würden alle etwas von Wert für sich finden.

Depression kann sehr einsam machen, weil man sich oft selber isoliert. Ich habe mich beim Lesen ertappt gefühlt, erschrocken und gleichzeitig erleichtert – es ist trotz allem schön zu wissen, dass man mit den schwarzen Gedanken nicht alleine ist.

Das macht Mut, selber mal gegen das Stigma anzugehen und anderen Menschen zu erklären, was los ist.

Andy schreibt frei von der Leber weg und doch erstaunlich gekonnt, ohne dass es je gekünstelt wird. Sein Buch ist kein Ratgeber – seine “Bruchstücke” sind keine Wohlfühl-Platitüden. Es sind seine Erlebnisse und seine ehrlichen Gefühle, und man spürt das Leid, das für ihn damit verbunden war oder ist. Es kann hart sein, dass zu lesen, wahrscheinlich für beide Arten von Lesern.

Aber meines Erachtens lohnt es sich – auch für beide Arten von Lesern.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/11/12/rezension-andy-feind-gedankengewitter/

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33 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

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Ein einfaches Leben

Min Jin Lee , Susanne Höbel
Fester Einband: 552 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 21.09.2018
ISBN 9783423289726
Genre: Romane

Rezension:

Min Jin Lee schrieb mit diesem Buch einen wahrhaft epischen Generationenroman, der die japanisch-koreanische Geschichte thematisiert. (Der Klappentext reduziert die Handlung zu sehr auf drei der Charaktere!) Laut Wikipedia war “Pachinko”, so der Originaltitel, der erste Roman, der diese Thematik für eine erwachsene englischsprachige Leserschaft aufgriff. Das Buch wurde 2017 für den “National Book Award” nominiert und war unter den Finalisten.

‘Vielschichtig’, ‘komplex’ und ‘differenziert’ sind Worte, die mir auf Anhieb in den Sinn kommen – auch ‘unbedingt lesenswert’ schließt sich ihnen an.

Die Autorin beleuchtet in ihrem Werk kulturelle Eigenheiten, Vorstellungen und Wertesysteme, die dem nicht-asiatischen Leser vollkommen fremd sind.

Als Beispiel möchte ich hier nur das Thema Selbstmord anführen, das im Buch mehrfach eine Rolle spielt. So wählt ein Charakter aufgrund eines als untragbar empfundenen Ehrverlustes den Freitod und lässt damit geliebte Menschen in einer sehr schwierigen, fast schon unerträglichen Situation zurück.

Konnte ich das aus meiner Sicht heraus verstehen? Nein. Konnte ich es aus meiner heraus Sicht verurteilen? Ebenfalls nein. Denn Min Jin Lee gelingt es, dem Leser zu zeigen, dass der Charakter in seiner Situation, seinem kulturellen Umfeld, keine andere Alternative sieht.

Überhaupt sind ihre Charaktere jederzeit glaubhaft und in sich schlüssig, auch wenn sie unter Umständen Dinge tun, die dem Wertesystem des Lesers zuwider laufen.

Es geht viel um Vorurteile und Diskriminierung und deren Auswirkungen auf beide Seiten des Konflikts. Mit den Hauptfiguren habe ich innigst mitgefiebert, aber auch die Nebenfiguren werden sehr aussagekräftig beschrieben. Die Autorin zeichnet ihre Geschichte mit nicht weniger liebevollem Strich

Der Schreibtil ist unprätentiös und ruhig, und dennoch zieht er den Leser hinein in eine Geschichte, die emotional viel auslösen kann.

Ich zögere, für so eine Geschichte Wörter wie “spannend” und “unterhaltsam” zu gebrauchen.

Einige Entwicklungen machen zutiefst betroffen, viele der Charaktere erleiden tragische Schicksale. Mehr als einmal hatte ich einen Kloß im Hals, ein Brennen in den Augen – und das, ohne dass die Autorin das mit künstlichem Pathos forciert hätte. Auch Kitsch und Klischees umschifft sie in meinen Augen elegant.

Daher kann ich das Buch nach reiflicher Überlegung sowohl als spannend als auch als unterhaltsam bezeichnen. Man muss sich als Leser nie dazu quälen, weiterzulesen, auch wenn die Geschichte gerade schmerzt. Man sträubt sich nicht gegen ihre Tragik, und das spricht sehr für die Erzählkunst der Autorin.

Ich habe durch das Buch viel gelernt.

Erst beim Lesen dieser Geschichte ist mir klar geworden, wie oberflächlich und lückenhaft meine Kenntnisse über die koreanische Kultur tatsächlich sind: Kim Jong Un. Propagandafilme mit breit lächelnden Frauen, die Korea als das glücklichste Land der Welt bezeichnen. Vage Erinnerungen an eine Dokumentation über die “Trostfrauen” (zum Teil aus Korea), die in japanischen Kriegsbordellen zwangsprostituiert wurden.

Ich habe das Gefühl, jetzt erstmals wirklich einen Eindruck in die Lebenswirklichkeit der japanisch-koreanischen Geschichte erhalten zu haben.

FAZIT

Min Jin Lee legt mit “Ein einfaches Leben” (im Original “Pachinko”) einen Generationenroman vor, der eine ungemeine Wirkung entfaltet. Die Geschichte verfolgt das Schicksal einer koreanischen Familie und spricht dabei zahlreiche Themen an, von Migration und Ausgrenzung über den Ehrbegriff in der koreanischen und japanischen Kultur bis hin zu der Frage, was Familie überhaupt ausmacht.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/11/10/rezension-min-jin-lee-ein-einfaches-leben/

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Der Angstmann

Frank Goldammer
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 08.09.2017
ISBN 9783423216968
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Den ersten Band der Reihe rund um Ermittler Max Heller nur auf das Label ‘Kriminalroman’ zu reduzieren, würde weder der Komplexität noch dem Anspruch des Buches  gerecht werden. Aber die Mischung aus Kriegsdrama und Kriminalroman funktioniert hervorragend und kann sicher Liebhaber beider Genres überzeugen.

Als zentrales Thema beschreibt Autor Frank Goldammer das Dresden der 40er Jahre, in den letzten Tagen des Krieges und der ersten Zeit danach.

Der Kriminalfall muss oft in den Hintergrund treten, wenn Luftangriffe die Stadt verwüsten oder die Befreier ihr eigenes Regime aufziehen. Was sich vor den Augen des Lesers entfaltet, ist ein authentischer Einblick in das Leben der Bevölkerung, die unsägliches Leid erdulden muss: Hunger, Armut, der Verlust geliebter Menschen, Todesangst, schließlich der bittere Hass der Befreier.

Es ist abzusehen, dass der Krieg nicht mehr gewonnen werden kann. Nur wenige glauben noch an Hitlers Wunderwaffe, und dennoch sitzen immer noch geifernde Fanatiker in Machtpositionen. Trotzdem macht man weiter, immer weiter, versucht zu überleben – auch wenn von Sicherheit und einem guten Leben noch lange nicht mal geträumt werden kann.

Die Vorstellung, es könne irgendwann sogar wieder Glück möglich sein, ist lachhaft

Der Mordfall ist spannend, aber nicht weniger spannend sind die alltäglichen Geschehnisse im kriegsgeplagten Dresden –  wobei ‘Alltäglichkeit’ im Krieg ohnehin ein ganz eigenes Grauen entwickelt.

Mehr als einmal schlägt Kriminalinspektor Max Heller blankes Unverständnis entgegen. Wen interessiert der Mord an einer jungen Frau, oder auch an zweien oder dreien, wenn Luftangriffe in einer einzigen Nacht 1.000 Todesopfer fordern können? Aber für ihn wäre es nicht nur ein Zugeständnis an den Krieg, sondern auch ein Ausverkauf seiner moralischen Prinzipien, einem einzelnen Leben nicht genauso viel Bedeutung beizumessen.

Besonders interessant fand ich, wie eindringlich der Autor das gegenseitige Misstrauen in der Bevölkerung beschreibt. Nicht jeder ist glühender Verehrer von Adolf Hitler, nicht jeder ist freiwillig Mitglied in der Partei, nicht jeder hasst die Juden.

Aber wie viel kann man wagen? Kann man ehrlich sprechen, oder wird das Gegenüber einen denunzieren?

Max Heller schaut sich ganz genau die Körpersprache an: reißt dieser Mann dort zackig den Arm empor zum Hitlergruß, was darauf schließen lässt, dass er Hitler bewundert, oder hebt er ihn gerade nur eben so weit wie erforderlich? Dann kann man es eventuell wagen, gewisse Dinge anzusprechen… Von solchen Beobachtungen kann das Leben abhängen, wenn man nicht vorhat, sich auf Gedeih und Verderb dem faschistischen Regime anzupassen.

Das Buch ist ein echter Pageturner, ich habe es in kürzester Zeit gelesen (eBook) und gehört  (ungekürztes Hörbuch).

Gelegentlich bekommt die Spannung fast schon einen Beigeschmack von Horror, denn es sieht immer wieder so aus, als sei der “Angstmann” nicht nur ein Mythos oder ein Schreckgespenst. Besonders diese Szenen sind im Hörbuch perfekt umgesetzt, da sträuben sich die Nackenhaare. Heikko Deutschmann hat ein besonderes Gespür für das Grauen in jedweder Form: er spricht nicht nur den Angstmann perfekt, sondern auch die eben angesprochenen geifernden Fanatiker. Aber die Helden der Geschichte spricht er ebenfalls sehr gut.

Max Heller ist ein Charakter, dem ich gerne weiter durch seine Fälle folgen möchte, aber besonders gelungen fand ich den Charakter des jungen Russen Andrej Saizev, der zunächst nicht unbedingt wie eine Sympathiefigur wirkt, den man aber in der zweiten Hälfte des Bucher immer besser verstehen lernt.

Der Schreibstil ist perfekt für diese Geschichte: er ist gradlinig und vermeidet übertriebenes Melodrama, baut aber sehr viel Atmosphäre auf und beschreibt alles sehr bildlich.

FAZIT

Eine Mischung aus Kriminalroman und Kriegsdrama und meines Erachtens in beidem überzeugend. Frank Goldammer erzählt eine spannende, beklemmende Geschichte mit unerwarteten Wendungen, gut geschriebenen Charakter und einem wunderbaren Schreibstil.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/11/07/rezension-frank-goldammer-der-angstmann/

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61 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 13 Rezensionen

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Macbeth

Jo Nesbø , André Mumot
Fester Einband: 624 Seiten
Erschienen bei Penguin, 27.08.2018
ISBN 9783328600176
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Dieses Buch wurde im Rahmen des “Hogarth Shakespeare”-Projekts geschrieben, bei dem bekannte Autoren wie Anne Tyler, Margaret Atwood, Tracy Chevalier oder eben Jo Nesbø sich an Neuinterpretationen  der Stücke von William Shakespeare versuchen.

Ein Theaterstück in einen Roman umzuschreiben ist ein schwieriges Unterfangen.

Vieles, was in einem Stück funktioniert, lässt sich nicht 1:1 in einen Roman übertragen. In meinen Augen gilt das vor allem für Charakterentwicklung und Spannungsbogen, die in einem Stück, das sich in etwa zwei Stunden aufführen lässt, zwangsläufig “komprimiert” werden. Der Zuschauer ist bereit, vieles als gegeben zu akzeptieren, die Charaktere werden auf ihre grundlegendsten Eigenschaften reduziert. Bei einem Roman erwartet der Leser im Allgemeinen mehr Hintergrundgeschichte und eine schlüssige, gut begründete Charakterentwicklung.

Im Drama kauft man es Macbeth ab, dass  er sich in kürzester Zeit grundlegend verändert und zum Mörder wird, um selber die Königskrone zu erlangen – aber das spielt ja auch in einer ganz anderen Ära, wo es noch gang und gäbe war, die Thronfolge mit dem Schwert ein wenig abzukürzen.

Jo Nesbø verlegt die Geschichte in die 70er Jahre und macht aus dem Drama einen knallharten Thriller.

Keine schlechte Wahl (und für Nesbø naheliegend), handelt es sich bei “Macbeth” doch wahrscheinlich um Shakespeares düsterstes Stück.

Vieles an seiner Übertragung der Elemente des Stücks in die Realität der 70er macht Sinn und ist wohlüberlegt. So wird aus Hekate, der Göttin der Hexerei, ein Drogenbaron und aus den Truppen des norwegischen Königs die Motorradgang ‘Norse Riders’. Statt Visionen und Prophezeiungen gibt es Wahnvorstellungen im Drogenrausch.

Die Länge des Buches stimmte mich zunächst hoffnungsvoll.

620 Seiten –  das schien zu versprechen, dass Nesbø genau das grundlegende Problem, das ich eben angesprochen habe, souverän lösen würde: den Wandel von plakativ gezeichneten Dramenfiguren in glaubwürdige, vielschichtige Romancharaktere.

Aber genau da scheitert das Buch für mich leider kläglich.

Sein Macbeth ist in den ersten Kapiteln zwar ein harter Hund, aber ein aufrechter Polizist mit Prinzipien,  ein guter Mensch, ein loyaler Bewunderer von Chief Commissioner Duncan (der die Rolle des Königs einnimmt). In seiner Jugend war er massiv drogensüchtig, aber er ist seit vielen Jahren clean und der Kampf gegen den Drogensumpf der Stadt ist eines seiner höchsten Ziele.

So weit, so überzeugend. Aber dann…

Er trifft auf drei Frauen mit entstellten Gesichtern, die er für Prostituierte hält. (Das ist natürlich der Moment, wo Shakespeares Macbeth auf die drei Hexen tritt, die mit ihren Prophezeiungen die Geschehnisse kräftig aufmischen.) 
Diese erzählen ihm, dass er bald nicht nur seine eigene Einheit bekommen, sondern letztendlich sogar zum Chief Commissioner aufsteigen wird.

Obwohl Nesbøs Macbeth das als Geschwafel abtut – durch übermäßigen Drogenkonsum verursacht –, läutet es seinen rasanten Abstieg ein.

Macbeth wird tatsächlich befördert, wie es ihm die drei Frauen prophezeit haben – was ihn zunächst ehrt und hoffnungsfroh stimmt, dass er es trotz seiner Herkunft aus der untersten Gesellschaftsschicht  noch weit bringen kann. Aber Lady, seine Geliebte, denkt nur kurz drüber nach und beschließt dann: “Wir müssen ihn umbringen.” Also Duncan, den Chief Commissioner.

Und das war es dann mit der Loyalität und den Prinzipien.

Es geht mit Macbeth so steil bergab, dass sich nicht das Gefühl hatte, einer schlüssigen, wenn auch fatalen Entwicklung beizuwohnen – der Macbeth davor und der Macbeth danach sind so grundverschieden, als könne der eine unmöglich aus dem anderen entstanden sein.

Erklärt wird das vor allem damit, dass Macbeth, für den die Drogenszene eben noch der Erzfeind war, wieder abrutscht in die Abhängigkeit – er schmeisst Drogen ein wie andere Menschen Tic Tacs.

Aus einem guten Menschen wird ein selbstsüchtiger, eiskalter Killer, der nicht nur seine Konkurrenten beseitigt, sondern auch enge Freunde, und das mit höchstens halbherzigen Gewissensbissen.  Als wäre das noch nicht schlimm genug, hat er anscheinend auch keinerlei Skrupel, Frauen und Kinder zu töten, um seinen Weg zu ebnen

Was mich zu einem weiteren Kritikpunkt bringt:

Viele Menschen, die dem alten Macbath Bewunderung und Loyalität entgegenbrachten, sind bereit, den neuen Macbeth in seinen Gewaltexzessen zu unterstützen, auch wenn das ihrer bisherigen Charakterisierung zuwiderläuft. Wenn es um Morde an Kindern geht, wäre eigentlich damit zu rechnen, dass ihm die Unterstützer reihenweise wegbrechen, stattdessen begehen sie in seinem Namen Gräueltaten. .

Zwar hat mehr als ein Charakter Skrupel, aber die Konsequenzen daraus ziehen zunächst nur wenige – was dann wiederum zum Auslöser des nächsten Gewaltexzesses wird.

So brutal das Ganze auch ist, spannend war es für mich schon bald nicht mehr.

Macbeth ist vorhersehbar in seinen egoistischen Gewaltorgien, meines Erachtens sogar dann, wenn man das Original von Shakespeares nicht kennt.

FAZIT

Jo Nesbø überträgt Shakespeares vielleicht düsterstes Drama in die 70er Jahre. Auf 620 Seiten wäre eigentlich viel Platz dafür gewesen, aus dem modernen Macbeth einen Charakter zu machen, der in seinem tragischen Abstieg glaubhaft ist und bis zu einem gewissen Punkt vielleicht sogar nachvollziehbar handelt, aber stattdessen ist die Geschichte eine endlose Abfolge von Gewaltorgien.

Nesbøs Macbeth wandelt sich binnen weniger Kapitel von einem guten, aufrechten Mensch mit Prinzipien zu einem eiskalten Killer, der nicht dafür zurückschreckt, enge Freunde, Frauen und Kinder umzubringen, und das funktioniert für mich einfach nicht.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/11/04/rezension-jo-nesbo-macbeth-blut-wird-mit-blut-bezahlt/

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Hexenmacht

Kai Meyer , Jens Maria Weber
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei FISCHER Tor, 22.02.2018
ISBN 9783596701742
Genre: Fantasy

Rezension:

Zwischen der Veröffentlichung des ersten und der des zweiten Bandes lag gerade mal ein Jahr. EIN Jahr. Eeeeeein Jahr. Für das Schreiben, Lektorieren und Editieren einer epischen Science-Fantasy, die so komplex ist, dass mein Mann sich seit Tagen meine ungläubige Bewunderung anhören muss. Oder mein Jammern darüber, dass mein Gehirn kurz vorm Implodieren steht, je nachdem. Ich glaube, der Satz “Star Wars ist nichts dagegen!” fiel ein- oder zweimal.

Jedenfalls stehen die beiden Bände jetzt auf einem kleinen Sockel, vor dem ein paar Kerzen brennen, und ich überlege, ob roter Samt und Räucherkerzen zuviel des Guten wären.

Aber nach reiflichem Überlegen habe ich Kai Meyer durchschaut.

Die einzig logische Schlussfolgerung besteht darin, dass sich in seinem Arbeitszimmer ein Wurmloch aufgetan hat, das ihm Zeitreisen ermöglicht. Der dritte Band wurde schon für den nächsten Februar angekündigt, was diese Theorie ja wohl felsenfest untermauert.

Aber ganz im Ernst:

Die Welt, in der diese Geschichte spielt, ist unglaublich originell – und habe ich schon erwähnt, dass sie komplex ist?

Ich bin beeindruckt, wie perfekt alles ineinander greift und sich jedes winzige Detail in ein opulentes Gesamtbild fügt. Es gibt verschiedene Handlungsstränge, die sich hier und dort überlappen, und das vor dem Hintergrund einer Jahrhunderte währenden Weltgeschichte, die zahlreiche Kriege und technologische sowie gesellschaftliche Entwicklungen beinhaltet.

Ganz zu schweigen von den zahlreichen Charakteren – bei denen es auch schon mal passieren kann, dass sie lässig eine Hintergrundgeschichte aus dem Ärmel schütteln, die alles in einem anderen Licht erscheinen lässt.

Was für ein literarisches Meisterwerk ist das bitte schön, dass Kai Meyer das alles anscheinend souverän im Griff hat?
In meiner Rezension zum ersten Band hatte ich geschrieben:

In einer gelungenen, nahtlosen Mischung aus Science Fiction und Fantasy trifft hier das Futuristische auf das Märchenhafte. Raumgleiter, Blaster und Hyperraumsprungtore spielen genauso eine Rolle wie ein mächtiger Hexenorden, eine geheimnisvolle Gottkaiserin oder die uralten Kathedralen der Stille.

Und auch dem zweiten Band gelingt diese Mischung wieder perfekt.

Alles macht Sinn, alles spielt eine Rolle.
Die Geschichte spart, wie im ersten Band, weder mit rasanter Action noch mit Cliffhangern. Man kann die 480 Seiten wirklich ratzfatz runterlesen, wenn man das möchte – langweilig wird es in meinen Augen nie. Aber das wäre schade, denn es lohnt sich, den Schreibstil und das daraus resultierende Kopfkino auf sich wirken zu lassen.

Der Schreibstil ist sehr bildreich und ihm gelingt in meinen Augen das ideale Gleichgewicht:

Er beschreibt detailliert genug, dass man sich jede Szene wunderbar vorstellen kann, aber nicht so detailliert, dass man die eigene Fantasie nicht mehr bemühen muss.

Wie gesagt, Kopfkind, und das vom Allerfeinsten.

Aber es sind wieder die Charaktere, die mich am meisten begeistern.

Sie sind einfach so immens lebendig und glaubhaft, da wirkt der grummelige Waffenmeister so aus dem Leben gegriffen wie der nette Klempner von nebenan. Der ist übrigens einer meiner absoluten Lieblingscharaktere überhaupt – also der Waffenmeister, nicht der Klempner.

Ich habe heftig mitgefiebert mit dem, was den Helden oder auch Anti-Helden des Buches passiert. Kai Meyer schafft es, dass mir die Tränen kommen, wenn eine Maschine sich opfern muss…

Großartig ist auch der Humor:

Die Hauptcharaktere kennen sich inzwischen ziemlich gut und sie haben den Punkt erreicht, wo man sich in aller Freundschaft die übelsten Sprüche an den Kopf schmeißen kann. Da wird dann mitten in der Schlacht schon mal mit Galgenhumor über eine peinliche Begebenheit im Leben eines Charakters hergezogen. Frei nach dem Motto “Lieber eine gute Schlacht verlieren als einen guten Witz.”

FAZIT

Wie schon der erste Band, ist auch der zweite wieder eine atemberaubende Mischung aus Action, Science Fiction und einem Hauch Fantasy. Die Handlung ist zutiefst originell, sie lässt sich meines Erachtens mit nichts anderem wirklich vergleichen.

Aber ich würde die Saga den Fans von “Star Wars”, “Babylon 5” oder “Firefly” empfehlen, sowie den Lesern von Brandon Sanderson, Cory Doctorow oder Dan Wells.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/10/29/rezension-kai-meyer-hexenmacht-die-krone-der-sterne-2/

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35 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 13 Rezensionen

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Frauen, die Bärbel heißen

Marie Reiners
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei FISCHER Scherz, 08.03.2018
ISBN 9783651025233
Genre: Humor

Rezension:

Mord ohne Aussicht?

“Frauen, die Bärbel heißen” ist das Roman-Debüt von Marie Reiners  die sich bis dato eher als Drehbuchautorin einen Namen gemacht hatte. Ihrer Vorstellung entspringt zum Beispiel die  Fernsehserie “Mord mit Aussicht”, eine Krimi-Komödie mit wunderbar schrägem Humor – die ich übrigens nur empfehlen kann, einfach herrlich.

So sprang mir dieses Buch überhaupt erst ins Auge: wegen des Aufklebers, der es als Werk der Erfinderin der Serie anpries. Über das Cover hätte ich sonst womöglich einfach hinweg gesehen,  denn ich hätte es eher dem Genre Humor zugeordnet.

Was mich direkt zur Frage bringt: Ja, zu welchem Genre gehört das Buch denn sonst?!

‘Humor’ ist sicher nicht so ganz falsch, denn die Geschichte ist oft zum Schreien komisch – dabei aber böse, bitterböse. Das ist weder “Wollen mer se reinlasse?” noch Quatsch Comedy Club, sondern die Geschichte einer Soziopathin, die ein Mordopfer findet und dadurch in eine abstruse Geschichte verstrickt wird.  Also auch irgendwie eine Krimi-Komödie, aber viel abgründiger als “Mord mit Aussicht”.

Und trotzdem ist es auch die Geschichte einer Außenseiterin, die im Alter von 54 erstmals sowas wie Freundschaft kennenlernt, wohlgemerkt erst nach dem Austausch von Gewalt.  Bärbel denkt in etwa mit so viel Emotion darüber nach, vielleicht jemanden umbringen zu müssen, wie ich darüber nachdenke, dass ich noch den Müll rausbringen muss.

Originalität / Einfallsreichtum

Wie gesagt, die Geschichte ist abstrus, aber herrlich und einfallsreich und immer wieder überraschend. Und obwohl das alles total überzogen ist, ist es nicht gänzlich unglaubwürdig. Da hat man irgendwie immer im Hinterkopf, dass das Leben die merkwürdigsten Geschichte schreibt, und das hier könnte doch eine davon sein. Vielleicht. Oder nicht?

Spannungsbogen

Die Spannung liegt in meinen Augen nicht mal so sehr darin, wer denn nun den Mann umgebracht hat, in dessem Auge das perfekte Wurfstöckchen steckte, dass Bärbel doch so gerne für ihre Hündin Frieda geschmissen hätte. (Konnte sich der Mörder nicht ein anderes Stöckchen suchen?) Viel spannender ist, wie das alles Bärbels Leben durcheinander bringt und was sie dabei über sich selber lernt.

Dabei bietet ihr Leben im Grunde ohnehin Stoff für direkt mehrere Bücher, denn sie hat mit 14 schon den Selbstmord ihrer Eltern vertuscht, um in Ruhe alleine leben zu können.

Logik / Schlüssigkeit

Allzu genau sollte man das mit der Logik vielleicht nicht immer nehmen. Obwohl, wie schon gesagt, das Leben… Das ist so ein Buch,  auf das man sich einfach einlassen muss, auch wenn es manchmal bedeutet, den eigenen Unglauben ein bisschen auszubremsen.

Charaktere

Bärbel ist eine Nummer für sich.

In meinen Augen ist sie zweifelsohne eine Soziopathin, aber keine von der mörderischen Variante. Wobei das nicht heißen soll, dass sie davor zurückschrecken würde, jemanden zu töten! Nur, dass sie dazu normalerweise keine Veranlassung sieht, weil andere Menschen sie schlicht und einfach nicht interessieren.

Sie wäre schon glücklich und zufrieden, wenn die Außenwelt sie einfach in Ruhe lassen würde. Sie will mit ihrem Hund spazieren gehen, ihrer eigenwilligen Diät frönen (sie isst ausschließlich Fleisch), tote Tiere präparieren und Shopping-Sender im Fernsehen anschauen, wo Produkte angepriesen werden, die sie niemals benutzen wird.

Die anderen Charaktere werden natürlich durch ihre Augen gesehen, wodurch man einen sehr verzerrten Eindruck von ihnen bekommt. Denn Bärbel ist sich nicht bewusst, dass ihre Sicht der Welt eine andere ist als die anderer Menschen…

Schreibstil

Der Schreibstil ist grandios, denn die Autorin schafft es, aus Sicht einer Protagonistin zu schreiben, deren Verhalten oft grotesk, gefühlskalt und geradezu grausam wirkt, und dennoch ist man bereit, ihr zuzuhören. Mir ging es schnell so, dass ich richtig mit Bärbel mitfühlte, obwohl sie doch selber nur wenige Gefühle zulässt.

Humor

Ich vermute, dass der Humor etwas ist, das man entweder liebt oder womit man gar nichts anfangen kann. Ich fand ihn großartig. Aber wer noch unschlüssig ist, braucht nur in die Leseprobe hineinzulesen, denn man merkt sehr schnell, wie es um den Humor bestellt ist.

FAZIT

Die Erfinderin der Fernsehserie “Mord mit Aussicht” schreibt einen Roman über eine Soziopathin, die nicht nur eine Leiche, sondern auch so etwas wie Freundschaft findet. Das ist böse und schräg, die Charaktere sind alles andere als Sympathieträger, und trotzdem macht das Buch einfach unheimlich viel Spaß. Jedenfalls, wenn man schwarzem Humor nicht abgeneigt ist!

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/10/24/rezension-marie-reiners-frauen-die-baerbel-heissen/

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128 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 77 Rezensionen

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Die wundersame Mission des Harry Crane

Jon Cohen , Alexandra Kranefeld
Flexibler Einband: 536 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 02.10.2018
ISBN 9783458363620
Genre: Romane

Rezension:

Jon Cohen erzählt eine leise, behutsame Geschichte, die mit einer Tragödie beginnt: ein schrecklicher Unfall reißt Harrys Frau Beth aus dem Leben, und als wäre das noch nicht entsetzlich genug, muss er sich auch noch die Schuld daran geben. Wäre da nur nicht dieser Lottoschein gewesen, der ihm doch Glück bringen sollte…

Jeder, der schon einmal einen Menschen (oder auch ein Tier) zutiefst geliebt hat, kann sich Harrys Pein und seine Schuldgefühle, die sich wie Säure durch seinen Lebenswillen fressen, nur zu gut vorstellen. Den Tod eines geliebten Menschen zu verschulden, das ist der Stoff, aus dem die Albträume sind, aber für Harry gibt es kein Erwachen.

Der Beginn der Geschichte ist daher herzzerreißend und schmerzhaft.

Und Harry ist nicht der einzige Charakter, der trauert. Am gleichen Tag, an dem Beth starb, starb auch Dean, der eine Frau, eine kleine Tochter und einen besten Freund hinterließ.

Wirklich, mir hat in den ersten Kapiteln richtig das Herz geblutet. Umso eifriger habe ich die Seiten umgeblättert, in der bangen Hoffnung auf ein Happy End.

Ein Jahr nach dem Unglückstag begegnen sich die Trauernden – und es entspinnt sich eine Geschichte, die sich liest wie ein modernes Märchen. Das geht vor allem von der kleinen Oriana aus, die an Elfen und Zauber glaubt und immer noch darauf hofft, dass ihr Vater zurückkehren wird. Aber auch Harry wächst über sich hinaus und erlebt ein Abenteuer, wie er es nie für möglich gehalten hätte.

Ich möchte noch gar nicht zu viel von der Handlung verraten, aber das Buch ist einfach wunderbar und berührend.

So nach und nach lernt man einige Menschen aus Harrys Umfeld kennen, die alle in irgendeiner Form etwas mit Beth oder Dean oder ihren Hinterbliebenen zu tun hatten. Trauer und Schuld sind daher durchgehend sehr präsente Themen, die weder verharmlost noch überdramatisiert werden. Beides sind keine schönen Gefühle, aber es sind Gefühle, die zum Leben dazugehören und in der Phase der Trauerarbeit ihren Raum einfordern.

Einige der Charaktere haben auch andere große Sorgen, aber die Geschichte ist dennoch sehr positiv und hoffnungsfroh – denn noch ist doch alles möglich, warum also nicht? Dabei bleibt die Handlung aber immer realistisch genug, um tatsachlich möglich zu sein.

Je mehr sich die Geschichte liest wie ein Märchen, desto wahrhaftiger erscheint sie auch.

Ein Märchen, das Oriana sehr wichtig ist, spielt immer wieder eine Rolle, und mehr als einmal erkennt sich ein Charakter im ‘Grum’, dem unglückseligen Anti-Helden des Märchens, wieder und schöpft daraus Hoffnung. ‘Wenn es für den Grum ein Happy End geben kann, warum dann nicht für mich?’

Und ist das nicht der Sinn eines Märchens, die grundlegenden Wahrheiten des Lebens unterhaltsam zu verpacken?

Die Charaktere sind großartig geschrieben.

Sie alle haben ihre Fehler und Schwächen, aber sie haben auch ihre liebenswerten Eigenschaften – sogar die Antagonisten zeigen Seiten von sich, die versöhnlich stimmen.

Meine Lieblinge waren der kleine Ganove Ronnie, der nicht der Hellste ist, aber ehrlich entschlossen, sein Leben komplett umzukrempeln und ein guter Mensch zu werden, und die alte Bibliothekarin Olive, die lieber auf ihren Lohn verzichtet als ihre Bibliothek zu verlassen, die ohnehin rund um sie herum zerfällt.

Es gibt auch eine Liebesgeschichte, aber die kommt ebenso behutsam und leise daher wie der Rest der Geschichte. Mir hat das sehr gut gefallen, weil es so nicht zu kitschig wird – ich würde sagen, die Liebesgeschichte wirkt dadurch sogar noch schöner und auch glaubhafter.

Positiv erwähnen möchte ich hier auch die Beschreibungen der Natur.

Harry liebt Bäume und Wälder, und in seinen Worten entwickeln die lateinischen Fachbegriffe fast schon eine Art Poesie. Man kann seinen Traum nachvollziehen, sein Leben den Bäumen zu widmen – “Harry’s Trees” heißt das Buch im Original, Harrys Bäume.

Überhaupt hat mir der Schreibstil gut gefallen, er erreicht eine sehr ansprechende Balance zwischen Märchen- und Alltagsthemen, Poesie, Trauer und leisem Humor. Die Sprache ist sehr bildhaft, so dass man sich jeder Szene sehr gut vorstellen kann.

FAZIT

Auch wenn das Buch herzzerreißend traurig beginnt, ist es doch ein Buch, das letztendlich hoffnungsvoll stimmt und sich wunderbar liest. Es geht um Trauer, aber es geht auch um Liebe und Zusammenhalt und Neubeginn, und quasi nebenher erzählt das Buch noch eine märchenhafte Geschichte, die sich liest wie eine moderne Version des Grinch.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/10/23/rezension-jon-cohen-die-wundersame-mission-des-harry-crane/

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196 Bibliotheken, 4 Leser, 2 Gruppen, 102 Rezensionen

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Bösland

Bernhard Aichner
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei btb, 01.10.2018
ISBN 9783442756384
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ich bin sehr enttäuscht von diesem Buch, das ich doch eigentlich lieben wollte – da bin ich von Aicher anderes gewohnt, wie zum Beispiel seine grandiose “Totenfrau”.

Ich fand “Bösland” von Anfang an sehr vorhersehbar.

Die Wendung nach dem ersten Drittel kam für mich nur allzu erwartet. Auch danach hat die Geschichte in meinen Augen nur wenig tatsächliche Handlung zu bieten, dafür sehr viel Füllmaterial.

Und damit meine ich nicht nur die vielen Seiten, die bloß einen einzigen Satz als Kapitelüberschrift enthalten, oder die zahlreichen Dialoge, die sich meines Erachtens sperrig lesen und oft im Kreise drehen. Obwohl das alleine schon bitter genug ist – ich hatte beim Lesen das Gefühl,die 448 Seiten hätten sich problemlos auf die Hälfte herunterkürzen lassen.

Dementsprechend wollte sich bei mir kein Gefühle der Spannung einstellen.

Die Charaktere entwickeln wenig echte Persönlichkeit, der Antagonist wird darauf reduziert, dass er eben böse ist. Warum? Das spielt anscheinend keine Rolle, er ist es einfach. Statt Handlung und Charakterentwicklung bringt er hier und dort jemanden um, und der Gute zaudert derweil und spielt sein Ass im Ärmel nicht aus.

Immer wieder fand ich die Geschichte enttäuschend, denn der Böse ist in seiner Bosheit vorhersehbar.

Auch der Schreibstil konnte mich dieses Mal nicht so recht begeistern.

Wo ich in Aichners “Totenfrau” noch begeistert von der kristallklaren Prägnanz war, ist mir der Schreibstil in “Bösland” zu sehr reduziert, machmal fast schon banal.

Aber das ist  natürlich nur meine Meinung, der Großteil der Rezensionen zu diesem Buch ist positiv!

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/10/21/rezension-bernhard-aichner-boesland/

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Ins Dunkel

Jane Harper , Ulrike Wasel , Klaus Timmermann
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 24.07.2018
ISBN 9783499274732
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Über lange Strecken der Handlung ist nicht mal klar, ob überhaupt ein Verbrechen vorliegt.

Eine Frau ist mitten in der Wildnis bei miesesten Wetterbedingungen und ohne Proviant verschwunden – der unschöne Ausgang einer missglückten Teambildungsmaßnahme. Soweit könnte das zwar spannend, aber einfach nur die Geschichte eines schlecht geplanten Abenteuers sein.

Erstmal weiß keiner, ob Alice sich freiwillig abgesetzt oder aufgrund der schlechten Sicht verirrt hat, ob sie vielleicht entführt wurde oder einen Unfall hatte, ob sie noch lebt oder nicht.

Ermittler Aaron Falk, so sympathisch ich ihn auch finde, ist hier zunächst eher schmückendes Beiwerk.

Eigentlich würde der Fall gar nicht in seine Verantwortung fallen, wenn Alice nicht dummerweise etwas mit einer anderen Ermittlung zu tun hätte, wegen der ihm seine Vorgesetzten im Nacken sitzen. Das Augenmerk liegt derweil auf den vier Frauen, mit denen Alice ihre unglückselige Wanderung antrat.

Schnell wird einem als Leser klar: da gab es genug böses Blut, dass ein Verbrechen zumindest nicht auszuschließen ist. In den Rückblicken verhält Alice sich dermaßen unsympathisch, dass man halb damit rechnet, die anderen vier Frauen hätten sie womöglich à la Orientexpress gemeinsam gemeuchelt. Aber heißt das wirklich, dass eine von ihnen Alice etwas angetan hat, oder heißt es einfach nur, dass in einer mehr als schwierigen Situation ein paar Mal die Gemüter hochgekocht sind?

Zickenkrieg oder Mord?

An dieser Stelle sollte ich erstmal klarstellen, dass mir das Buch durchaus sehr gut gefallen hat – aber nein, ich würde es nicht als Thriller bezeichnen.

Die Spannung entwickelt sich eher langsam; es ist wirklich mehr eine psychologische Fallstudie, verpackt in eine Survival-Geschichte. Was meines Erachtens nichts Schlechtes sein muss! Die Charaktere sind in meinen Augen sehr gut geschrieben, vielschichtig und glaubhaft, und die Handlung konzentriert sich viel mehr auf ihre Abgründe und Geheimnisse als auf das potentielle Verbrechen.

Ich mag sowas ja – die subtilen, leisen Dramen ohne Gemetzel oder literweise Blut.

Die Auflösung am Schluss ist überraschend und definitiv anders, als man es von einem Thriller erwarten würde, aber sie macht Sinn und ist sauber konstruiert.

Abschließend noch ein paar Worte zum Schreibstil: den fand ich wieder wunderbar, Jane Harper hat einfach ein gutes Gespür für Atmosphäre und ein echtes Händchen für die Beschreibung der australischen Wildnis.

FAZIT

Fünf Frauen werden im Rahmen einer Teambildungsmaßnahme in die australische Wildnis geschickt, und nur vier davon kommen zurück. Die verschwundene Alice hat es sich mit mehr als einer ihrer Kolleginnen verscherzt, dennoch ist nicht klar: Unfall, Mord, oder lebt Alice sogar noch?

Darüber, ob das Buch ein Thriller ist, lässt sich zweifelsohne streiten.

In meinen Augen ist die Antwort ‘nein’, dennoch hat mir auch der zweite Band der Reihe wieder sehr gut gefallen. Er lebt in meinen Augen vor allem von der Atmosphäre und den psychologischen Spannungen zwischen den fünf grundverschiedenen Frauen.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/10/17/rezension-jane-harper-ins-dunkel-aaron-falk-2/

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83 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 54 Rezensionen

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Die Gesichter

Tom Rachman , Bernhard Robben
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 31.08.2018
ISBN 9783423289696
Genre: Romane

Rezension:

Diesen Titel gab Olga Grushin ihrer Rezension des englischen Originals in der New York Times. Also ‘Porträt des Künstlers als kompletter Dreckskerl’, um das A-Wort mal elegant zu umschiffen.

Und es besteht kein Zweifel daran, dass Bear Bavinsky ein kolossaler Dreckskerl ist: ein selbstverliebter Egomane, der sich für Gottes Geschenk an die Kunstwelt hält und glaubt, sich daher alles erlauben zu können. Er hinterlässt reihenweise ernüchterte, unglückliche oder wütende Ehefrauen und kümmert sich meist einen Dreck um seine 17 Kinder.

Ja, ich habe jetzt schon dreimal das Wort ‘Dreck’ verwendet, man möge es mir verzeihen.

‘Porträt der Bloggerin als wütende Dreckschleuder’

Bear Bavinski ist einfach ein Charakter, den ich mit wahrer Leidenschaft gehasst und verachtet habe. Andere Menschen sind in seinem Weltbild nur dazu da, ihn zu bewundern, zu unterstützen und zu bedienen. Im Gegenzug verletzt er sie, setzt sie herab, zerstört sie, ohne sein Verhalten jemals zu hinterfragen.

Mit einer einzigen Bemerkung vernichtet er die künstlerischen Ambitionen seines Sohnes Pinch, der sich von dieser emotionalen Wunde niemals vollständig erholen wird und seinen Vater dennoch weiterhin vergöttert. Wie seine Mutter Natalie kann er sich von Bear einfach nicht lösen.

Noch schlimmer: der Junge vertraut dem Urteil seiner Vaters dermaßen blind, dass er seine Träume über lange Strecken des Buches aufgibt – und das, obwohl er doch eigentlich für die Kunst brennt.

Man ahnt es: Pinch ist womöglich talentierter als Bear, und Bear kann das unmöglich zulassen.

Manchmal bekommt man als Leser einen Eindruck davon, wie charmant und charismatisch der Künstler sein kann, wie überlebensgroß und sprühend vor Vitalität. Manchmal muss man ihm zugute halten, dass er seine Frauen und Kinder ‘liebt wie verrückt’ – jedenfalls für den Moment. Dann kann man ihn für ein paar Sekunden fast mögen. Gegen Ende entwickelt Bear darüber hinaus eine Tragik, der man sich kaum entziehen kann.

Dennoch war ich sehr froh, dass nicht Bear der Protagonist ist, sondern sein Sohn Pinch, in vielem sein genaues Gegenteil.

Sein ganzes Leben hindurch kämpft Pinch um die Anerkennung seines Vater und sehnt sich nach seiner Liebe. “Wach auf, das hat er nicht verdient!” möchte man ihm gerne zurufen. Man will, dass er endlich wütend wird und seine Fesseln abschüttelt, aber Pinch muss seine bescheidene Heldenreise selber antreten und den Kreis schließen – und das verläuft wahrlich nicht so, wie man es als Leser erwarten würde.

Das liest sich oft bitter, geradezu schmerzhaft, und dennoch ist es ein wunderbares Buch.

Die Abgründe werden ausgeglichen durch Momente der Schönheit, der Liebe und der Freundschaft – einer der großartigsten Charaktere des Buches ist Marsden, Pinchs erster und letzter wirklicher Freund im Leben.

Überhaupt sind die Charaktere ein Highlight des Buches, und oft glänzen gerade die, die eher leisen Schrittes durchs Leben gehen. Pinch selber ist ein unwahrscheinlicher Held, doch umso mehr wünscht man sich, er möge endlich glücklich werden.

Auch der Schreibstil konnte mich voll überzeugen,er hat einen wunderbaren Klang und eine zarte Eindringlichkeit. Seine Bilder und Metaphern sind sehr passend für ein Buch, in dem Kunst ein zentrales Thema darstellt.

Auf ruhige Art und Weise ist die Geschichte überraschend fesselnd – eine leise, aber intensive Spannung.
Ich musste mehr als einmal der Versuchung widerstehen, vorzublättern, um zu schauen, wie es mit Pinch weitergehen würde.

Es geht um Kunst, um das Streben nach Anerkennung, um den Widerspruch zwischen öffentlicher und persönlicher Wahrnehmung, um Schuld und Vergebung, um persönliches Glück… Das Ergebnis ist gar nicht so sehr ein Künstlerroman als vielmehr die tragische Geschichte einer gestörten Vater-Sohn-Beziehung.

Das Ende – die Auflösung, warum das Buch “Die Gesichter” heißt – empfand ich als gänzlich unerwartet.

Meine erste Reaktion war eine leise Enttäuschung, gefolgt von dämmerndem Verständnis. Im Grunde ist es auf verschiedenen Ebenen ein nahezu perfektes Ende, das sowohl Bear als auch Pinch, seiner Mutter und seinen zahlreichen Geschwistern gerecht wird.

Man muss sich allerdings von dem verabschieden, was man sich für Pinch gewünscht hätte – zu lange hat er sich schon verbogen, um den Wünschen seines Vaters gerecht zu werden. Da ist es nur gerecht, ihm als Leser den Weg, den er letztendlich für sich selber wählt, zuzugestehen.

FAZIT

Die Geschichte verläuft auf überraschenden Wegen, wird eher zu einer leisen Tragikkomödie als zu einem Künstlerroman und liest sich bei aller Tragik dennoch spannend und unterhaltsam. 

Selten habe ich einen Charakter so sehr gehasst wie Bear Bavinsky, gleichzeitig hat mich sein Sohn Pinch, der eigentliche Protagonist des Buches, sehr bewegt.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/10/15/rezension-tom-rachman-die-gesichter/

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33 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

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Nachtleuchten

María Cecilia Barbetta
Fester Einband: 528 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 15.08.2018
ISBN 9783103972894
Genre: Romane

Rezension:

Argentinien steht kurz vor dem Militärputsch.

Die großen Veränderungen im Land zeigen sich im Kleinen – im Alltag ganz normaler Menschen, die keinerlei Einfluss auf diese Entwicklungen haben. Über Politik wird in der Autowerkstatt debattiert, im Friseursalon beweint man den Tod Juan Peróns, in der Klosterschule verwechselt man in aller Unschuld Kommunismus und Spiritismus.

Wunderbare Geschichten, traurige Geschichten, spannende Geschichten:

‘Autor-Mechaniker’ Álvaro Fantini übernimmt die Redaktion der Lokalzeitung und gewinnt die verschiedensten Menschen dafür, über das zu schreiben, was sie bewegt. Kritische Stimmen sind erlaubt, was durchaus nicht unbedeutend ist in dieser Zeit. Derweil zieht Klosterschülerin Teresa mit einer billigen Plastikmadonna durch die Stadt und verleiht sie im Glauben ihrer Wundertätigkeit für jeweils sieben Tage an verschiedene Haushalte. Frisör Celio kümmert sich liebevoll um seine schon vor Jahren verstummten Mutter, die sich dennoch als Stimme bombastischer Sprachgewalt erweist.

Das ist nur ein kleiner Auszug der zahlreichen Geschichten, die sich immer mehr überschneiden und dadurch an Tiefe gewinnen.

Und so sind es auch die Charaktere, die diesem Roman seine Kraft und seine Lebendigkeit verleihen.

María Cecilia Barbetta zeichnet sie mal mit leichter Hand, mal laut und überlebensgroß, oft so zart und liebevoll, dass einem das Herz aufgeht. In den vier Akten der Geschichte begegnet man einigen davon immer wieder, entdeckt ungeahnte Aspekte ihrer Persönlichkeit. Im Laufe der Handlung kommen jedoch auch zahlreiche Charaktere neu hinzu.

Irgendwann verliert man den Überblick.

Gegen Ende bricht eine wahre Kakophonie von Stimmen los. Die Schauplätze verschwimmen, schwindelerregend – man kann das ‘wer’ und ‘wo’ kaum mehr auseinanderhalten. Und das ist noch deutlich untertrieben.

Man verliert als Leser vollkommen den Halt, und das ist sicher von der Autorin auch so beabsichtigt.

Eine Unterscheidung der verschiedenen Stimmen ist nicht mehr möglich und im Grunde auch nicht mehr notwendig. All diese Menschen werden zu einem einzigen großen Choralgesang lebender, atmender Zeitgeschichte. Gerade das Chaos und die heillose Verwirrung bilden einen passenden Hintergrund für diese Geschichte, die in einer Zeit großen Umsturzes spielt.

Dennoch, ich muss es gestehen, fand ich Teile des dritten Aktes und die Gänze des vierten sehr anstrengend zu lesen. Ich musste ein paar Nächte darüber schlafen, bis ich meinen inneren Frieden mit der Kakaphonie schließen konnte.

Der Schreibstil war für mich jedoch das Highlight des Romans.
Er wandelt sich immer und immer wieder, je nachdem, wo die Handlung sich gerade abspielt und welche Charaktere im Mittelpunkt stehen. Metaphern und Bilder werden an Berufe und Persönlichkeiten angepasst oder spiegeln die politische Situation wieder, und das ist unglaublich clever gemacht.

Die Autorin spielt mit der Sprache – kunstvoll, lustvoll, humorvoll –, nicht nur mit ihrem Klang, sondern oft auch mit der Optik interessant gesetzter Passagen. So spricht ein Charakter in einer Szene zum Beispiel leiser und die Schriftgröße wird immer kleiner, einem anderen gehen verschiedene Buchstaben verloren, oder ein Autounfall wird in einer Schrift beschrieben, die an einen Comic erinnert.

Durch die Handlung mit ihren durchaus ersten Themen zieht sich ein großartiger Humor. Ich habe mehr als einmal laut gelacht.

FAZIT

1974, kurz vor vor Beginn der argentinischen Militärdiktatur: “Nachtleuchten” bietet einen Einblick in das Leben verschiedener Bürger eines kleinen Ortes in der Provinz Buenos Aires.

Sprachlich ist das ungewöhnlich und bestechend, der Schreibstil konnte mich voll und ganz überzeugen. Auch die Charaktere sind rundum gelungen, und das Buch baut eine dichte Atmosphäre auf, so dass man die Stimmung vor dem Putsch sehr gut nachempfinden kann.

Allerdings muss man sich im Verlauf des Buches zunehmend durchkämpfen, wenn immer mehr und mehr Stimmen, Handlungsorte und Perspektiven zur Geschichte stoßen, die zum Teil auch noch alle gleichzeitig zur Sprache kommen.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/10/12/deutscher-buchpreis-2018-maria-cecilia-barbetta-nachtleuchten/

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15 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

Der Kormoran

Martin Österdahl , Leena Flegler
Flexibler Einband: 576 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 09.07.2018
ISBN 9783734104435
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Martin Österdahl legt mit seinem Debütroman einen komplexen Politthriller vor, der Ereignisse in der schwedisch-russischen Geschichte mit Verschwörungstheorien und handfester Thrillerspannung kombiniert.

Geheimagenten und Kräfte, die im Zuge der russischen Präsidentschaftswahlen von 1996  das glorreiche Stalinreich zur Auferstehung führen wollen. Hacker mit unbekannter Agenda, die im gleichen Jahr in Schweden den Totalausfall eines weitverbreiteten Mobilfunknetztes verursachen. Eine schwedische Denkfabrik, die zeitgleich Entwicklungen in der jüngeren Geschichte Russlands beobachtet.

Bombenanschläge.

Pferdewetten.

Ehebruch.

Das Buch geizt nicht mit Themen und scheint historisch gut recherchiert denn die Geschichte erstreckt sich über mehrere Zeitebenen.

Eine Rolle spielt zum Beispiel ein sowjetischer Luftangriff auf Stockholm im Jahr 1944, dessen Hintergründe im realen Leben unklar sind, der sich aber nahtlos in die Geschehnisse des Buches eingliedert.

Eine Leitmotiv, das für die Thriller-Handlung an sich wenig Bedeutung hat, aber im Hintergrund für eine Atmosphäre des Grauens sorgt, ist der Holodomor, eine schwere Hungersnot in der Ukraine in den Jahren 1932 und 1933, die viele Millionen Opfer forderte. Die historische Bewertung der Hungersnot ist umstritten: bestenfalls fatales Ergebnis der Zwangskollektivierung, schlimmstenfalls von der Politik Stalins vorsätzlich verursacht, um den Widerstand der Ukraine zu brechen.

Martin Österdahl schließt sich anscheinend der Meinung des Menschenrechtlers Raphael Lemkin an, der den Holodomor „das klassische Beispiel eines sowjetischen Genozids“ nannte.

Durch die Einbindung historisch belegter Ereignisse gewinnt das Buch an Tiefgang und Glaubwürdigkeit.

Aber.

Aber…

Wo wir gerade von Glaubwürdigkeit sprechen…

Der Antagonist ist so böse, als habe der Autor eine Checkliste der Grausamkeiten abgehakt. Für die Handlung vollkommen unerheblich, ist er natürlich auch noch Kannibale – was auf die Spitze getrieben wird, indem er besonders das Fleisch von kleinen Kindern sehr schmackhaft findet. Unnötig.

Hannibal Lecter lässt grüßen.

Die Protagonisten auf Seiten der Guten können hingegen mit Vielseitigkeit und interessanten Hintergrundgeschichten punkten. Nur ein bisschen jung ist Max Anger mit seinen 26 Jahren für all das, was er in seinem Leben schon getan und erreicht haben soll – überhaupt ist er ein Held, der nicht fehl am Platze wäre in einem Hollywood-Blockbuster, und das bringt mich zum Schreibstil.

Der Schreibstil ist souverän, die Geschehnisse werden sehr cineastisch beschrieben. Das ist sowohl eine Stärke als auch eine Schwäche des Buches.

Eine Stärke deshalb, weil man sich alles wunderbar vorstellen kann, das sorgt für lebendiges Kopfkino und Spannung. Eine Schwäche, weil einige Szenen in einem Kinofilm sicher bombastisch wirken würden – sogar atemberaubend! –, in meinen Augen aber einfach nicht realistisch sind.

Da fällt der Widersacher zum Beispiel mit einem Sonderkommando von 50 Leuten in ein kleines Dorf mitten im Nirgendwo ein (soweit ist das noch schlüssig begründet und historisch fundiert) und richtet ein Massaker an – aber erst lässt er einen Konzertflügel aufstellen und spielt virtuos eine Mozartsonate.

Da die Dörfler anscheinend noch nie einen Flügel gesehen haben, muss der Sturmtrupp den wohl mitgebracht haben. Wie habe ich mir das vorzustellen, steht der im Lastwagen zwischen Kalaschnikows und Munitionskisten?

Bestimmt ganz großes Kino, aber im Buch? Nein.

Aber ich will nicht nur meckern, denn im Grunde ist “Der Kormoran” ein intelligent geschriebener Thriller mit interessanten Wendungen. Jedoch braucht die Geschichte sehr lange, bis sie in die Gänge kommt – den Anfang empfand ich als echte Durststrecke! Gegen Ende ist dann auf einmal Action, Action, Action angesagt, da werden alle Register gezogen und man sieht quasi schon den Kinotrailer vorm inneren Auge.

FAZIT

“Der Kormoran” ist ein komplexer Politthriller mit einer Vielzahl von Themen, erzählt auf mehreren Zeitebenen. Historisch ist das gut recherchiert: geschickterweise bindet der Autor Ereignisse ein, die im echten Leben niemals vollends aufgeklärt wurden.

So weit, so gut – nur war mir der Antagonist viel zu übertrieben böse und dadurch zu flach. Echte Menschen haben nicht NUR böse Eigenschaften.

Manche Dinge fand ich auch nicht sehr glaubhaft, aber ich habe den Verdacht, dass sie im Kino großartig wirken würden. Vielleicht hatte der Autor das Drehbuch schon im Hinterkopf?

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/10/03/rezension-martin-oesterdahl-der-kormoran/

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102 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 20 Rezensionen

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Madame le Commissaire und der verschwundene Engländer

Pierre Martin
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.04.2014
ISBN 9783426513842
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Zunächst ein Hinweis: natürlich spiegelt diese Rezension nur meine eigene Meinung wieder und ist ironisch überspitzt formuliert. Mir ist bewusst, dass andere Leser diesem Buch deutlich mehr abgewinnen können als ich und möchte das auch niemandem absprechen.

Originalität / Einfallsreichtum:

Routinierte Krimikost, gepaart mit penetrantem Urlaubsfeeling – ständig ist das Meer azurblau, alles riecht nach Lavendel und der Autor wirft französische Satzbrocken ein, die prompt ins Deutsche übersetzt werden. Mon dieu, mein Gott.

Spannungsbogen:

Vielleicht würde mehr Spannung aufkommen, wenn a) Madame und ihr Assistent nicht einfach alles könnten und b) der glückliche Zufall nicht sein Übriges tun würde, damit von echten Ermittlungen kaum die Rede sein kann. Gegen Schluss vergisst Madame schnell ihr Handy und fährt in eine gefährliche Situation, ohne jemandem Bescheid zu sagen, aber das hilft dann auch nicht mehr.

Logik / Schlüssigkeit / Glaubhaftigkeit:

Madame erholt sich von schwersten Verletzungen, wird bei Bedarf aber trotzdem zur Kampfmaschine. Ihr Assistent, der wohlgemerkt bisher nur im Archiv gearbeitet hat, spricht Arabisch, hackt Computer, hat ein fotografisches Gedächtnis, inhaliert Ermittlungsakten in kürzester Zeit, führt ohne entsprechende Ausbildung Vernehmungen und richtet nebenher noch das Büro neu ein.

Charaktere:

Die beiden Hauptcharaktere haben trotz ihrer beeindruckenden Fähigkeiten nur wenig echte Persönlichkeit: Madame ist flach und blutleer, ihr Assistent hingegen so überzogen, dass er wie ein Cartooncharakter wirkt.

Schreibstil:

Wie schon erwähnt, fließen wahllos und ständig französische Phrasen ein. Dazu kommt, dass Dialoge oft in indirekter statt in direkter Rede geschildert werden, was einem natürlichen Sprachfluss nicht guttut und zu einer inflationären Häufung von “könne”, “solle”, “habe”, “müsse” etc. führt.

Zitat:
“Natürlich könne er sich das vorstellen. Aber in diesem Fall halte sich der Täter bestimmt nicht mehr in Fragolin auf. Was er aber überhaupt nicht verstehe, sei die Tatsache, dass man (…) an einem Parkplatz gefunden habe. Darauf könne er sich keinen Reim machen.”

Romantik:

Die Liebesgeschichte erschien mir sehr aufgesetzt, von Chemie keine Spur – zwischendurch bekommt Madame noch einen zweiten Verehrer, der dann aber doch keine Rolle spielt und somit keine Würze in die Geschichte bringt.

Sonstiges:

Im Buch wird mehr als einmal ein sehr fragwürdiges Frauenbild von der taffen Heldin überhaupt nicht hinterfragt. So spricht sie zum Beispiel mit einer Bekannten und es entspinnt sich folgender Dialog:

Zitat:
»Jeanne war gerade bei mir und hat sich ausgeweint. Sie behauptet, mein Bruder habe sie geohrfeigt.«
»Pascal? Glaubst du ihr?«
»Möglich wär’s. Pascal ist unheimlich eifersüchtig, und Jeanne flirtet nun mal gern. Da rutscht ihm schon mal die Hand aus.«
»Die zwei sind doch so nett.«
»Natürlich sind sie das. Aber Jeanne ist ein kleines Luder.«

Aha. Die Frau ist also schuld an der häuslichen Gewalt, und Madame le Commissaire widerspricht da auch nicht. Enchanté, Madame.

FAZIT

Leider konnten mich weder die Charaktere, noch der Schreibstil oder die Handlung überzeugen. Auch die Glaubwürdigkeit blieb für mich mehr als einmal auf der Strecke.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/09/25/pierre-martin-madame-le-commissaire-und-der-verschwundene-englaender/

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90 Bibliotheken, 10 Leser, 2 Gruppen, 24 Rezensionen

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Sechs Koffer

Maxim Biller
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 08.08.2018
ISBN 9783462050868
Genre: Romane

Rezension:

Maxim Biller erzählt die Geschichte einer russisch-jüdischen Familie – oder halt, nein, nicht einer, sondern  seiner russisch-jüdischen Familie. Es ist eine komplexe Geschichte von Emigration und Flucht, Verrat und Denunziation, die von Rechts wegen gar nicht auf nur 208 Seiten passen sollte. Fast fühlt es sich an wie ein literarischer Taschenspielertrick, als habe der Autor doch noch 300 Seiten im Ärmel versteckt.

Ein wenig ungläubig schlug ich daher das Buch zu – ungläubig, aber beeindruckt.

Sechs Koffer, sechs Perspektiven: die des Vaters, seiner drei Brüder, der Mutter und einer Tante. Sechs Bruchstücke einer Geschichte, die sich durch die ganze Welt erstreckt und dabei doch im allerkleinsten Kreise um ein großes Familiengeheimnis dreht: der Großvater wurde 1960 wegen Schwarzmarkthandel und Devisenschieberei hingerichtet, und nur ein Mitglied der Familie kann ihn verraten haben.

Die Geschichte ist fast zu gut, um nicht erfunden zu sein.

Sie ist unterhaltsam, spannend, regelrecht süffig, und hat doch Substanz – im Grunde ist “Sechs Koffer” das perfekte Einstiegsbuch für Leser, die vor Buchpreis-Büchern zurückschrecken, weil sie dröhnende Langeweile fürchten.

Also nein, die Geschichte ist nicht erfunden, sie hat autobiographische Grundlagen. Es ist mutig, die eigene Familie so an den Pranger zu stellen, aber Maxim Biller verwebt die harten Fakten seiner Familiengeschichte mit fiktiven Elementen und heraus kommt ein Roman, der der die reinste Wundertüte ist: Familienroman, Kriminalroman, Abenteuerroman, Spionagegeschichte, zeitgeschichtliches Dokument.

Anspruchsvolle Literatur und dabei beinahe Genreroman – die Mischung ist gelungen.

Der Verrat am Großvater sorgt für kriminologische Spannung, darüber hinaus ist die Familie nicht nur weltweit versprengt – Hamburg, Prag, Moskau, Zürich, Berlin –, sondern auch zerrissen vor gegenseitigem Misstrauen.

Zitat:
"Und dort, dachte ich auch noch, ohne es auszusprechen, hast du deinen eigenen Vater verraten. Oder war es Lev? Oder wart ihr es beide?"

Die Figuren sind Chimären aus historisch belegten Menschen und Romancharakteren. Maxim Biller beschreibt Szenen aus der Sicht seiner Verwandten, als könne er ihre Gedanken lesen, und auch er selber tritt als wichtiger Charakter auf: er übernimmt die Rolle des jugendlichen Detektivs, der zur treibenden Kraft in der Aufklärung des Geheimnisses wird.

Was ist hier Fiktion, was hat er wirklich erlebt? Die Grenzen verschwimmen.

Er spielt mit der Hoffnung, das große Geheimnis lasse sich nach all der Zeit endlich aufklären – als ließen sich auch die Brüche innerhalb der Familie damit womöglich kitten. Dabei entdeckt er Geheimnisse, die er am liebsten direkt wieder vergessen würde, aber er kann von seiner Suche auch nicht ablassen.

Zitat:
"Oh Gott, dachte ich, das will ich jetzt wirklich nicht mehr hören."

Man fragt sich unwillkürlich, was Mutter und Tante zu ihren literarischen Porträts sagen, denn die sind wenig schmeichelhaft.

Mutter Rada wird oft als zornig beschrieben, mehrmals fallen gar Wörter wie “böse” und “kalt”. Zu ihren Kindern scheint sie eine innige Hassliebe zu empfinden.

Tante Natalia ist ebenfalls eine zwiespältige Figur, so lebenshungrig wie tragisch. Sie hat den Todesmarsch von Auschwitz nach Thüringen überlebt, bei dem sie jedoch buchstäblich ihre kleine Schwester verlor, und scheint nun wild entschlossen, alles aus dem Leben herauszuwringen, was sich herauswringen lässt – sei es auch auf Kosten anderer.

 Die Frauen misstrauen sich gegenseitig, und auch die Männer, die sie lieben, misstrauen ihnen.

Zitat:
"»Woher weißt du, Natalia, dass der StB jahrelang davon wusste?«
Sie sah ihn erschrocken an – sehr erschrocken – und sagte unsicher: »Die wissen doch alles, oder nicht?«
(…)
Wirklich, Natalia? Wissen »die« alles? Oder wissen sie es nur, weil es ihnen einer von uns erzählt hat?"

Im “Literarischen Quartett” war man sich uneins darüber, ob Maxim Biller das Geheimnis um den Tod des Großvaters nun wirklich aufklärt oder nicht. Ich schließe mich der Meinung der Autorin Sasha Marianna Salzmann an, die die Lösung auf einer bestimmten Seite gefunden zu haben glaubt – möglicherweise ist aber auch diese vermeintliche Lösung nicht des Rätsels letzter Schluss.

Der Autor empfiehlt die Lektüre des Buches seiner Schwester, die auch schon über die gemeinsame Familie geschrieben hat: “In welcher Sprache träume ich?” Vielleicht füllt dieses die Leerstellen in Maxim Billers Version der Familiengeschichte.

Aber zurück zu “Sechs Koffer”:

Der Schreibstil spielt virtuos mit dem Stilmittel des unzuverlässigen Erzählers.

Immer wieder gibt es subtile Anzeichen dafür, dass man der Wahrnehmung oder Erinnerung einer Person nicht hundertprozentig vertrauen kann – Kleinigkeiten wie eine Couch, die mal dänisch und mal schwedisch ist, mal kuschelig weich und mal kratzig rau. Formulierungen wie “oder so ähnlich” und “aber vielleicht täuschte er sich auch”.

Überhaupt ist der Schreibstil eher schlicht, aber elegant. Er fängt ohne Pathos eine verzweifelte Grundstimmung ein und scheut auch nicht davor zurück, Schmerz und Humor Hand in Hand gehen zu lassen.

Amüsant und interessant ist ein wiederkehrendes Motiv des Buches:
Maxim Billers ‘Alter Ego’ soll einen Aufsatz über Brecht schreiben. Der Junge reagiert mit Widerwillen, kapiert eigentlich nicht, was Brecht ihm sagen will – erlebt dann aber ständig etwas, was ihm Sätze des Autors in jähem Verstehen in Erinnerung ruft

FAZIT

“Sechs Koffer” ist ein autobiographischer Roman, in dem es um das größte Geheimnis der russisch-jüdischen Familie des Autors geht: wer hat den Großvater verraten, der 1960 in der Sowjetunion hingerichtet wurde? Es kann nur ein Familienmitglied gewesen sein, und  so betrachtet man sich mit gegenseitigem Misstrauen. Viele Jahre später zieht der Enkel – der Autor! –, los um das Geheimnis zu lösen.

Das liest sich einerseits hochliterarisch, andererseits spannend wie ein Krimi. In meinen Augen ist das Buch ein sehr starker Anwärter auf den Deutschen Buchpreis – am 8. Oktober 2018 wird sich zeigen, ob auch die Jury das so sieht.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/09/23/deutscher-buchpreis-2018-maxim-biller-sechs-koffer/

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21 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 5 Rezensionen

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Bungalow

Helene Hegemann
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 20.08.2018
ISBN 9783446253179
Genre: Romane

Rezension:

Nach den ersten Kapiteln habe ich dieses Buch gehasst.

Klingt nach einer Übertreibung, doch tatsächlich verspürte ich ein Gefühl fast schon körperlichen Widerwillens. Ich wollte die Geschichte nicht weiterlesen, ich fand sie unsäglich überzogen und bemüht schockierend – einerseits eine Bestätigung für das oft vertretene Vorurteil, Buchpreise würden nur pseudointellektuelles Blahblah honorieren, andererseits wie übelstes Trash-Fernsehen in Buchform.

Kurz davor, das Buch abzubrechen, erinnerte ich mich plötzlich an eine Rezension von Frank O. Rudkoffsky, die mit ähnlichen Vorbehalten beginnt:

Zitat Frank O. Rudkoffsky:
“Nach dem Klappentext erwartete ich eine prekäre Coming of Age-Geschichte vor dem Hintergrund einer drohenden Apokalypse, nach den ersten paar Dutzend Seiten jedoch eher einen bemüht krassen Roman, der zwar bedeutungsschwanger daherkam, am Ende aber wenig Substanz hatte. Kurzum: Ich erwartete meinen ersten Verriss als Buchpreisblogger. (…) Die Erzählhaltung wird erst schlüssiger, als sich die Perspektive auf Charlies eigenes Leben verengt – und der Roman zu meiner Überraschung plötzlich richtig gut wird.”

Ach ja, richtig. Da war ja was.

Da hatte ich sogar einen Kommentar hinterlassen: “Ich werde diese Rezension im Hinterkopf behalten, falls ich im ersten Teil verzweifeln sollte.”

Mit neuer Hoffnung las ich weiter.

Ich kann den Finger nicht auf die exakte Stelle im Buch legen, an der es geschah, aber auf einmal verschob sich etwas in meiner Wahrnehmung, wie bei einem Stereogramm. Was mir eben noch flach und aufgesetzt erschien, kam mir auf einmal so gnadenlos authentisch vor, dass ich richtig erschrak.

Das Buch spart nicht mit Sex, Schleim, Blut und Kotze, und mit einem Mal wirkte das wie mitten aus dem Leben gegriffen.
Allerdings ist es kein schönes Leben: Charlie, die jugendliche Protagonistin, durchlebt eine elende Kindheit, die geprägt ist von Alkohol, Drogen und Gewalt, Hunger.

Dazu kommt, dass ihre Realität beinahe die unsere ist, aber mit einem deutlich apokalyptischen Element: überall liegen die Kadaver toter Tiere, ein nicht näher erklärter Krieg dräut am Horizont, die Ozonwerte erreichen tödliche Ausmaße, so dass die Menschen nur nachts ihre Häuser verlassen können. Da verwundert wenig, dass sich die Verzweifelten zu Hunderten umbringen.

Die Autorin erklärt jedoch nicht, wie es so weit kommen konnte.

Vieles von dem, was Charlie in ihrem Überlebenskampf erlebt, liest sich so realistisch, dass es hier und heute geschehen könnte, Stoff für eine Doko-Soap am sozialen Brennpunkt. Die Apokalypse hingegen bleibt unspezifisch und verzichtet weitgehend auf die Gesellschaftskritik, die normalerweise mit Dystopien einher geht.

Gibt es die Apokalypse überhaupt, oder ist sie nur Sinnbild für den ständig drohenden Untergang von Charlies persönlicher kleiner Welt?

Dass sie nur grob umrissen wird, lässt beide Deutungen zu.

Charlie ist ein komplexer Charakter voller Brüche und scheinbarer Widersprüche: kratzbürstig und verletzlich, unschuldig und sexuell frühreif, grausam und mitfühlend. Mit jedem Kapitel gewinnt sie mehr an Tiefe – sofern sich der Leser auf sie einlässt.

Möglicherweise ist nicht alles, was sie erzählt, die Wahrheit. Möglicherweise glaubt sie dennoch selber daran.

Und im Grunde spielt es auch keine Rolle, denn sie hat eine starke Präsenz, der man sich als Leser nach der anfänglichen Durststrecke nur schwer entziehen kann.

Manchmal wird ihre Geschichte allerdings doch wieder zu schrill, zu bleischwer deprimierend, zu ekelhaft, da geht das Authentische verloren, und welchem Zweck dient das? Ich hatte oft das Gefühl, das hier mehr gewollt als tatsächlich erreicht wird, auch wenn die Sprache immer wieder eine grandiose emotionale Wucht erreicht.

Die anderen Charaktere erschienen mir wie reine Projektionsflächen für Charlies Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse.

Georg und Maria sind jung, glamourös und wohlhabend, sie feiern laute Parties und leben in einem schicken Bungalow, der Welten entfernt ist von Charlies verranzter Sozialwohnung. Nach intensivem Stalking gelingt es dem Mädchen, sich in ihr Leben zu zwängen – aber das könnte auch nur ein Wunschtraum sein.

Ein interessanter Schachzug ist, dass Charlie ihre Geschichte im Rückblick erzählt.

In einer ungewissen Zukunft hat sie sich ein Leben und eine Familie aufgebaut, worauf die Geschichte aber nicht näher eingeht.

Sie bedient sich der zornigen, rotzigen Sprache ihres kindlichen Ichs, man spürt man aber dennoch, dass sie sich aus der Perspektive einer Erwachsenen heraus erinnert. Charlie wird also nicht an einer Überdosis oder im Krieg sterben, und dieses Wissen erlaubt es dem Leser, mit der Geschichte abzuschließen, obwohl tatsächlich alles offen bleibt.

FAZIT

Helene Hegemann erzählt von einer Kindheit irgendwo zwischen extremer Verwahrlosung und Apokalypse. Das erschien mir zunächst zu laut, zu schrill, zu oberflächlich, zu gewollt schockierend… Nach 47 Seiten kriegt die Geschichte doch noch halbwegs die Kurve, aber an diesem Punkt haben viele Leser wahrscheinlich schon aufgegeben.

Nach der Kurve wird das Buch gut, aber es hat immer noch deutliche Schwächen – die jugendliche Protagonistin kann mit intensiver Präsenz allerdings vieles wieder rausreißen.

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75 Bibliotheken, 2 Leser, 3 Gruppen, 52 Rezensionen

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Ermordung des Glücks

Friedrich Ani
Fester Einband: 317 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 11.09.2017
ISBN 9783518427552
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

“Friedrich Ani vereint erneut grenzenlose Traurigkeit, menschliche Abgründe und atemlose Spannung in einem an Melancholie kaum zu übertreffenden Roman.”

Behauptet die Klappbroschur.

Atemlose Spannung? Das kommt wohl drauf an, wie man Spannung definiert, was man von einem spannenden Roman erwartet. Serienmörder, Blutgelage, Verfolgungsjagden? Fehlanzeige. Die Spannung in “Die Ermordung des Glücks” kommt leise und unaufgeregt daher.

Die spezielle Methode des Ex-Kommissars Jakob Franck ist die ‘Gedankenfühligkeit’: eine Art meditative Selbsthypnose, eigentlich das genaue Gegenteil von ‘atemlos’. Da kann es schon mal vorkommen, dass er stundenlang bewegungslos und schweigend auf ein Beweisstück starrt, bis das Beweisstück zu ihm spricht – oder auch nicht.

Aber grenzenlose Traurigkeit, menschliche Abgründe und Melancholie, das trifft es sehr gut. Ich visualisiere Szenen beim Lesen immer sehr stark, und hier habe ich graue Menschen auf grauen Straßen unter grauem Himmel vor mir gesehen, zu einem inneren Soundtrack melancholisch pfeifenden Winds. Man hat das Gefühl, es müsse unaufhörlich regnen in Friedrich Anis Version der Welt.

Zitat:
»Das ist unser Versagen«, rief er. »Wir sind blind und taub und verstaubt, unsere Routine hat uns stumpf gemacht…«

Die Schwermut ist kaum zum Aushalten, man kann erahnen, wie verloren und zerstört sich die Hinterbliebenen in diesem Roman fühlen. Alles bricht auseinander, und dahinter kommen alte Wunden und alte Schuld zum Vorschein.

“Ich fange ein Buch nicht mit der Absicht an, immer noch mehr Finsternis in den Text hineinzuschaufeln. Überhaupt nicht.”
(Friedrich Ani in einem Interview mit der Berliner Zeitung)

Dennoch ist die Finsternis da – und man will trotzdem weiterlesen. 

Jakob Franck überbringt die Nachricht von der Ermordung des Glücks; auch nach seiner Pensionierung fungiert er weiterhin als Todesbote des Kriminalkommissariats. Wenn er nach Hause kommt, sitzen die Toten an seinem Küchentisch und trinken Tee. Wahnvorstellung, paranormale Erscheinung oder Visualisierung des Leids?

Es wird nicht erklärt, und das muss es auch nicht.

Überhaupt lässt der Roman vieles offen, obwohl der Tod des kleinen Lennard am Schluss aufgeklärt ist. Diese Aufklärung erscheint fast nebensächlich, es ist ohnehin niemandem damit geholfen – als wäre es von Anfang an gar nicht darum gegangen, sondern um die Trauer, den Selbstbetrug, das ganze Kaleidoskop menschlicher Emotionen.

Es geht auch darum, was die Trauer mit den Menschen macht.

Zitat:
“Vor drei Monaten war sie die Mutter eines elfjährige Sohnes, und nun, da er tot ist, existiert sie nicht mehr. Jedenfalls stelle ich mir vor, dass sie ihr Dasein für einen Irrtum hält, eine optische Täuschung, eine Beleidigung der Natur.”

Friedrich Ani hat ein feines Gespür für die Gefühle seiner Charaktere; in den Monologen und Dialogen erreichen die Emotionen eine schmerzliche Intensität. Die Charaktere sind in meinen Augen grandios geschrieben, besonders Ex-Kommissar Jakob Franck hat eine ungeheure Präsenz.

Der Schreibstil ist außergewöhnlich, fernab der Klischees. Er besitzt eine Art düsterer Poesie und entwickelt sehr viel Atmosphäre. Nur manchmal erschien mir der Sprachklang nicht authentisch, wenn die eher ungebildete Mutter des kleinen Todesopfers spricht.

FAZIT

Ein kleiner Junge verschwindet und wird 34 Tage später tot aufgefunden. Der pensionierte Kommissar Jakob Franck überbringt den Eltern die schreckliche Nachricht und der Fall lässt ihn danach nicht mehr los, weswegen er sich mit seiner außergewöhnlichen Methode der ‘Gedankenfühligkeit’ in die Ermittlungen einmischt.

Ein tiefgründiger Kriminalroman, der die Emotionen, Geheimnisse und Abgründe der Hinterbliebenen durchleuchtet.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/09/15/rezension-friedrich-ani-ermordung-des-gluecks/

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Die Gewitterschwimmerin

Franziska Hauser
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Eichborn, 23.02.2018
ISBN 9783847906445
Genre: Romane

Rezension:

Zornig ist sie, die Gewitterschwimmerin, wütet gegen eigenes Leid und das ererbte Leid ihrer Familie. Wenn sie in den See springt, über dem die Blitze zucken, hofft sie darauf, dass endlich, endlich einer einschlägt und alles vorbei ist.

Ihre Geschichte wird kontrachronologisch erzählt, sie beginnt im Jahr 2011 und bewegt sich von dort sprungweise in die Vergangenheit. Immer wieder erinnert Tamara etwas an den Vater, die Mutter, den Großvater, den Onkel, die Haushälterin ihrer Eltern, und dann wechselt die Perspektive zum zweiten Handlungsstrang. Dieser beginnt im Jahr 1889 und verläuft chronologisch, springt in großen und kleinen Sätzen Richtung Gegenwart, bis sich die beiden Handlungsstränge schließlich begegnen und die Vergangenheit die Gegenwart überholt.

Das ist clever konstruiert – man setzt als Leser die bewegte Familiengeschichte Stück für Stück zusammen, bis sich ein schlüssiges Gesamtbild ergibt.

Es ist kein schönes Bild: die Familie mit jüdischen Wurzeln erlebt nicht nur die volle Härte der Nazizeit, sondern ihre Geschichte ist immer wieder und wieder durchwoben von sexueller Gewalt. Die Frauen der älteren Generationen hinterfragen diese nicht, arbeiten nichts auf, sondern geben ihre Wunden und die Gewalt weiter an ihre Kinder.

Eine Familie, der das berühmte Zitat von Tolstoi wie auf den Leib geschrieben scheint: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Über dieses Unglück wird in der Familie Hirsch jedoch nicht gesprochen – alles wird verschwiegen, verdrängt, verleugnet und letztendlich vererbt.

Die jüngere Generation begehrt auf gegen diesen Zyklus der Gewalt.
Während Tamara ihre seelischen Wunden mit Zorn und ätzendem Spott kaschiert, zerbricht Schwester Dasha nach zahlreichen Klinikaufenthalten an den ihren.

Über Tamaras Erzählperspektive wird auch das Thema DDR aufgegriffen: ihre Familie ist privilegiert, mit Urlaubsreisen ins Ausland, als Bonzentochter kann sie sich einen gewissen Grad an Rebellion erlauben – dennoch fühlt sie sich eingesperrt.

“Die Gewitterschwimmerin” ist keine Biographie, es gibt jedoch Parallelen zur Familiengeschichte der Autorin.
In ihren eigenen Worten:

“Die tatsächliche Geschichte meiner Familie habe ich als Grundlage für diesen Roman verwendet, meine eigene Sichtweise entspricht aber nicht der Sichtweise anderer. Einiges habe ich dazuerfunden und möchte in keiner Weise den Anspruch auf Wahrheit erheben. Nicht alle Personen sind mit meiner Ausführung einverstanden, haben aber freundlicherweise der Veröffentlichung in Form des freien literarischen Romans zugestimmt.”

Tamara führt als überzeugende, kraftvolle Ich-Erzählerin durch den Handlungsstrang, der von der Gegenwart in die Vergangenheit verläuft. Sie ist eine sperrige Persönlichkeit und macht es niemandem leicht, sie zu mögen, auch dem Leser nicht, aber man kann sich ihrer Perspektive kaum entziehen.

Die anderen Charaktere wirken in meinen Augen hingegen oft wie klischeehafte Zerrbilder, überzeichnet und reduziert auf wenige Eigenschaften. Die Männer sind Helden und Täter, die Frauen Opfer und Täterinnen, das wird bei aller Überzeichnung geradezu nüchtern erzählt. Besonders die gefühlskalte Mutter als Täterin bleibt daher unverständlich.

Durch den zweiten Handlungsstrang führt ein auktorialer Erzähler – möglicherweise hätte dem Roman eine zweite Ich-Perspektive gut getan.

So aber tut sich eine Kluft auf zwischen Leser und Geschichte.

Dennoch fand ich es zunehmend schwer, die endlose Aneinanderreihung von Szenen sexueller Gewalt zu lesen: es werden zahlreiche Vergewaltigungen und Situationen des Missbrauchs beschrieben, kaum eine Frau in diesem Buch kommt unversehrt davon. Das wirkte auf mich geradezu voyeuristisch – und zu einem gewissen Grad unnötig, denn der Leser hat doch längst begriffen, wie sehr sich sexuelle Gewalt durch die Familiengeschichte zieht.

Der Schreibstil ist da am besten, wo er gewöhnungsbedürftig ist: in der Ich-Erzählung von Tamara.

Ihre Sprache ist oft derb, aggressiv, plump, direkt – aber dadurch auch durch und durch authentisch. Diese Authentizität lassen die auktorial erzählten Szenen  meines Erachtens oft schmerzlich vermissen.

FAZIT

“Die Gewitterschwimmerin” ist eine interessant konstruierte Familiengeschichte, die einen weiten Handlungsbogen spannt, vom Dritten Reich über die Zeiten der DDR bis in die Gegenwart. Großvater Friedrich überlebt das KZ Dachau, einer seiner Söhne riskiert sein Leben filmreif als Agent des Widerstands – und dennoch ist es gefühlt vor allem eine Geschichte generationenübergreifender sexueller Gewalt.

Bis auf Protagonistin Tamara erschienen mir die Charaktere als zu plakativ gezeichnet. Gerade die Täter – und die meisten Männer und so manche Frau in diesem Buch sind Täter! – begehen ihre Taten verstörend routiniert und bar jeder emotionalen Tiefe.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/09/14/deutscher-buchpreis-2018-franziska-hauser-die-gewitterschwimmerin/

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Dunkle Zahlen

Matthias Senkel
Fester Einband: 488 Seiten
Erschienen bei Matthes & Seitz Berlin, 09.02.2018
ISBN 9783957575395
Genre: Romane

Rezension:

Das erste Blättern durchs Buch:

Aha, ein Abkürzungsvereichnis. ‘GRU GSch WSCCP’ als Abkürzung zu bezeichnen ist gewagt. Direkt danach, als Gegenpol: ein PVLLRN¹. Ich lach mich tot – ein Witzarchiv. Ein Kreuzworträtsel. Ein Comic ohne Bilder. Schwarzweiße Bilder ohne Comic. Das Nachwort auf Seite 94.

An dieser Stelle spüre ich das Kribbeln freudiger Erwartung.

Egal, ob ich das Buch letztendlich hassen oder lieben werde, es wird ein Erlebnis sein. Ich lese die ersten Seiten, die mir nicht viel sagen, und komme zum Inhaltsverzeichnis. Und stutze. Ist das ein Scherz? Unschlüssig hadere ich mit mir. Denn das Inhaltsverzeichnis ist ein Programmablaufplan.

Konventionelle Erzählstruktur: Fehlanzeige. Linear ist was anderes.

Wenn ich das richtig sehe, soll ich auf Seite 223 mit der Geschichte anfangen. Diese springt dann kreuz und quer durchs Buch, es gibt zwei Abzweigungen. Nebenhandlungen? Immer noch weiß ich nicht, ob das ernst gemeint ist, oder ob ich das Buch einfach von der ersten bis zur letzten Seite lesen soll.

Aber ich habe mal Informatik studiert, und ein Programmablaufplan ist ein Programmablaufplan.

Also dann: Seite 223.

[ FORWARD book ]

Einige Tage später:

Das Inhaltsverzeichnis ist ein wildes Gekritzel. Ich habe Jahreszahlen ergänzt, außerdem, welcher Leseabschnitt wie viele Seiten hat.

Damit kann ich jetzt sagen:

Der Ablaufplan ergibt einen chronologischen Weg durch die Geschichte. Die Haupthandlung ist 257 Seiten lang, die beiden Nebenhandlungen, die fürs Verständnis nicht zwingend notwendig sind, 137 und 45 Seiten.

Ich bin unschlüssig, ob der Ablaufplan nur ein Gimmick ist oder ob er der Geschichte eine neue Bedeutungsebene erschließt. Durch das Hin- und Herblättern ergibt sich jedenfalls eine sehr intensive Haptik – ein nettes Element für ein Buch, in dem es viel ums Digitale geht.

[ FORMULA TOO COMPLEX ]
[ ABORT ]

…meine üblichen Rezensionskriterien funktionieren nicht für dieses Buch.

Die Geschichte ist irrsinnig (komplex). Die Charaktere sind zu zahlreich, um auch nur für die Hälfte Mitgefühl zu entwickeln, doch Emotionalität ist hier ohnehin eher Bug als Feature. Von einem Spannungsbogen kann man kaum sprechen, so weit ist die Handlung heruntergebrochen auf einzelne Bausteine, und nicht alle Themen werden bis zum Schluss verfolgt.

Im Rahmen der Geschichte macht das Sinn, soll dieser Roman doch das unvollendete Werk einer verloren gegangenen Literaturmaschine sein, und Matthias Senkel nur dessen Übersetzer.

Ich bin kein Experte für experimentelle Literatur, aber sollte mich in Zukunft jemand bitten, ihm ein experimentelles Buch zu empfehlen (die Wahrscheinlichkeit geht gegen 0), wird meine Wahl auf “Dunkle Zahlen” fallen. Denn auch wenn es bisher so klang, als habe mir das Buch nicht gefallen, bin ich tatsächlich sehr froh, es gelesen zu haben.

Es ist intelligent, ambitioniert, einfallsreich, exzellent recherchiert, immer wieder überraschend, manchmal verspielt.

Die Haupthandlung gibt einen ungewöhnlichen Einblick in die sowjetische Lebenswirklichkeit der Zeit, in die Absurditäten der Ideologie und das Leben der Menschen, die sich dieser Ideologie unterordnen (müssen). Man glaubt an den technologischen Fortschritt und kann doch gleichzeitig die grundlegendsten Bedürfnisse der Menschen nicht erfüllen.

Viele kleine Episoden, eine irrwitziger als die andere, setzen sich zusammen zu einem chaotischen Gesamtbild, das erstaunlich viel Spaß macht.

Es geht um Planwirtschaft und den Kalten EDV-Krieg, um Vetternwirtschaft und Alkoholismus, und als wäre das nicht genug, auch noch um Spionage, Juri Gagarin, russische Literatur und einen sprechenden Fisch. Ach ja, auch ein Hauch Dystopie darf  nicht fehlen.

Vieles ist historisch belegt, und was erfunden ist, fügt sich nahtlos in den zeitgeschichtlichen Rahmen ein. Die Spartakiade, die einen großen Teil der Handlung ausmacht, hat es nie gegeben, aber es hätte sie ohne Zweifel geben können. Auch die Vorstellung, der KGB könne einen Wettstreit junger Programmierer für seine Zwecke nutzen, erscheint plausibel.

Eine der großen Stärken des Romans wird jedoch gelegentlich zu seiner größten Schwäche.

Manchmal nimmt die an sich wunderbare Detaillverliebtheit des Autors meines Erachtens überhand, dann entwickelt die Geschichte empfindliche Längen. Das reicht jetzt, habe ich mir dann gedacht.

Das reicht jetzt.
______________________
¹ Personenverzeichnis voller langer, langer russischer Namen.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/09/10/deutscher-buchpreis-2018-matthias-senkel-dunkle-zahlen/

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Der Vogelgott

Susanne Röckel
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Jung u. Jung, 02.03.2018
ISBN 9783990272145
Genre: Romane

Rezension:

“Der Vogelgott” ist ein Roman, der Assoziationen weckt, vor allem mit Kafka, aber auch Edgar Allen Poe und H.P. Lovecraft klingen an. Meine Notizen strotzen nur so vor Begriffen wie “befremdlich”, “bösartig” und “bedrohlich”, aber auch “unwiderstehliche Sogwirkung” habe ich mir direkt dreimal notiert. Wenn ich das Buch in nur einem Satz beschreiben müsste, würde ich meine Gedanken wie folgt zusammenfassen:

Susanne Röckel hat mit “Der Vogelgott” einen schwarzromantisch-abgründigen Schauerroman geschrieben.

Dieses Genre war vor allem im 18. und 19. Jahrhundert beliebt, aber die Autorin zeigt eindrucksvoll, dass Schauerliteratur auch in einem modernen Setting funktionieren kann. Ein gewisses Gefühl des Anachronismus unterstreicht dabei nur die Wirkung ihres Romans.

Sie erzählt die Geschichte des begeisterten Ornithologen Konrad Weyde und seiner erwachsenen Kinder Thedor, Dora und Lorenz. Vier Menschen mit gänzlich verschiedenen, in vielerlei Hinsicht sogar konträren Lebenssituationen und Naturellen – und dennoch verwebt sich ihrer aller Leben mit dem unheilvollen Kult des Vogelgottes.

Es beginnt damit, dass Vater Konrad einen greifenähnlichen Vogel erlegt und damit die Weichen stellt für eine Reise ins Herz der Finsternis.

Thedor, der sein Medizinstudium abgebrochen hat, lässt sich von einem Fremden für ein Hilfsprojekt in Afrika rekrutieren, wo die Geschehnisse eskalieren und in einem archaischen Blutbad enden. Die angehende Kunsthistorikerin Dora entdeckt, dass ein kitschig-süßliches Madonnenbild über ein anderes Bild gemalt wurde, das schreckliche Vogelgestalten oder möglicherweise böse Engel zeigt. Der Journalist Lorenz schließlich beschäftigt sich mit den furchtbaren Albträumen, die zahllose Kinder der Stadt plagen und die sich erstaunlich ähneln.

Sie alle begegnen (ohne es zu ahnen) menschlichen Boten des Vogelgotts, die einen leichten Aasgeruch verströmen und sowohl widerwärtig als auch charismatisch erscheinen. Das Vogelmotiv zieht sich durch ihre Geschichten – mal sind Vögel dabei die Personifizierung der Angst, mal das Symbol des abgrundtief Bösen.

Was den vier Weydes widerfährt, liest sich wie ein Albtraum.

Die Zivilisation, so scheint es, ist wenig mehr als Blendwerk. Darunter verbirgt sich eine mythologische Naturgewalt, der der Mensch wenig entgegenzusetzen hat. Immer wieder wird ihnen Hilfe verweigert oder sie werden von anderen Menschen ignoriert – im buchstäblichen Sinne hilflos werden sie mitgerissen von ihren Erlebnissen.

Da sich die Geschichten der Geschwister überlappen, sieht man manche Geschehnisse oder Personen aus verschiedenen Perspektiven. Motive wiederholen sich und verstärken dadurch die Aura des Unvermeidlichen.

Realistisch ist das nicht und will es auch nicht sein.

Die Schauplätze bleiben angedeutet und vage, der Leser kann die Lücken also beliebig mit Orten seiner eigenen Lebenswirklichkeit füllen.

Wie zu Beginn meiner Rezension bereits erwähnt, taucht “unwiderstehliche Sogwirkung” in meinen Notizen dreimal auf, und tatsächlich fiel es mir schwer, den Roman auch mal zur Seite zu legen. Das ist jedoch keine Spannung, die sich mit der eines Thrillers vergleichen lässt – eher mit der eines Gruselkabinetts oder einer Geisterbahn.

Die Charaktere sind zwiespältige Gestalten.

Sie wirken authentisch, wie Menschen aus Fleisch und Blut, und zugleich wie Personifizierungen des menschlichen Strebens nach Sinn – wie die Charaktere in Kafkas Werken sind sie dabei scheinbar zum Scheitern verurteilt.

‘Verschwinden’ hieß das Lieblingsspiel von Thedor, Dora und Lorenz, als sie Kinder waren: ein sehr ähnliches Spiel wie ‘Verstecken’, aber ohne den Wunsch, gefunden zu werden. Und auch das zieht sich wie ein Leitmotiv durch ihre Geschichte.

Der Schreibstil ist klar und dennoch immer am Rande des Absonderlichen.
Die Geschichte verliert nie das Flair des unterschwellig Bedrohlichen, und Wörter wie “krächzend” schleichen sich in die verschiedensten Situationen, so dass das Vogelmotiv immer präsent ist.

FAZIT

Ein Vater und seine drei erwachsenen Kinder geraten auf verschiedensten Wegen in den Dunstkreis eines archaischen Kultes, der einen Vogelgott verehrt. Das ist weder Thriller noch Fantasy, sondern am ehesten ein schwarzromantischer Schauerroman, der an Kafka, Poe und Lovecraft erinnert.

Ich fand das Buch großartig, habe aber auch schon wenig begeisterte Stimmen gehört. Vielleicht kann Kafka als Prüfstein herhalten: wer seine Werke schätzt, wird vermutlich auch dem Vogelgott etwas abgewinnen können, und umgekehrt.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/09/09/deutscher-buchpreis-2018-susanne-roeckel-der-vogelgott/

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Hitze

Jane Harper , Ulrike Wasel , Klaus Timmermann
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 24.07.2018
ISBN 9783499272509
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

HANDLUNG

Die Rekordhitze in der australischen Kleinstadt Kiewarra wird zur Zerreißprobe: das Vieh verendet elendig, die Menschen reagieren mit Zorn und Verzweiflung auf die Bedrohung ihrer Existenz. Da halten die meisten es für absolut nachvollziehbar, dass Luke Hadler einfach durchgedreht ist und sich selbst, seine Frau und seinen kleinen Sohn in einem Anfall von Hitzewahnsinn erschossen hat. Seine Eltern jedoch suchen nach einem anderen Schuldigen und wenden sich an Lukes Kindheitsfreund Aaron Falk, der die Stadt vor zwanzig Jahren verlassen hat und inzwischen bei der Polizei ist.

Aber Aaron ist in der Stadt nicht willkommen, denn man verdächtigt ihn, damals am Tod eines jungen Mädchens schuldig oder zumindest mitschuldig gewesen zu sein. Bei der Hitze kochen auch die Temperamente hoch.

MEINE MEINUNG

Das Buch gibt es mit zwei verschiedenen Titelbildern. Denn 2016 erschien es unter “The Dry” (dem Originaltitel) und 2018 unter dem Namen “Hitze”. Fast hätte ich die neue Ausgabe daher gekauft, obwohl ich die Hörbuchversion der alten Ausgabe schon besaß!

Für das maximale Erlebnis liest man den Thriller vielleicht am besten im Hochsommer.

Die schwelende, erstickende Hitze zieht sich durch das ganze Buch, sie ist eine ganze reale Bedrohung, die nichts mit Serienkillern oder Rachemorden zu tun hat. Da klebt beim Lesen quasi die Zunge am Gaumen. Überhaupt ist Jane Harpers Schreibstil ungemein lebendig,  mit einer sehr dichten Atmosphäre. Er spricht alle Sinne an, so dass man wirklich das Gefühl hat, die Hitze fast schneiden zu können.

Aber ganz abgesehen von der Thriller-Handlung hat mich vor allem die Darstellung der Menschen in dieser kleinen Stadt fasziniert.
Die Autorin präsentiert sie mit all ihren verzwickten Beziehungen, ihren Vorurteilen, ihren Konflikten und ihrer unterschwellig gärenden Wut. Einerseits will die kleine Gemeinschaft zusammenhalten, andererseits hat man das Gefühl, dass es nur einen Funken braucht, um den metaphorischen Flächenbrand auszulösen.

Der Tod von Ellie Deacon vor zwanzig Jahren – vielleicht ein Selbstmord, vielleicht ein Mord – könnte nach all der Zeit immer noch der Zunder sein und Aaron Falks Rückkehr der Funke.

Die Charaktere konnten mich vollends überzeugen.Sie sind sehr authentisch und werden sehr realistisch beschrieben, so dass man schnell ein Gefühl für ihren Charakter und ihre Motive bekommt.

Die Spannung entwickelt sich in zwei Handlungssträngen:

War Luke wirklich derjenige, der seine ganze Familie ausgelöscht hat – und wenn nein, wer war geschickt genug, es so aussehen zu lassen? Hat Ellie sich umgebracht – und wenn nein, wer war es? Fest steht: Luke und Aaron haben damals beide gelogen.

Die Auflösung des einen Handlungsstrang hat mich voll überzeugt, obwohl ich es fast schon geahnt hatte. Die Auflösung des anderen Handlungsstrangs wartet mit einer großen Wendung auf, kam mir aber nicht 100%ig glaubhaft vor. Das Verhalten eines Charakters weicht sehr drastisch von dem ab, was ich für diesen Charakter für schlüssig gehalten hätte.

Dennoch fand ich das Buch in beiden Handlungssträngen durchgehend sehr spannend.

FAZIT

Ein Familienvater erschießt sich, eine Frau und seinen kleinen Sohn. Sein Jugendfreund Aaron Falk, der vor zwanzig Jahren die Stadt verlassen hat und inzwischen bei der Polizei ist, kommt zur Beerdigung und wird von den Eltern gebeten, zu untersuchen, ob da nicht doch jemand anderes abgedrückt hat. Sehr willkommen ist Falk in der kleinen Stadt jedoch nicht, denn viele Einwohner glauben nach wie vor, dass er als Jugendlicher seine Freundin Ellie Deacon ermordet hat.

Mir hat der Thriller wirklich sehr gut gefallen, mir gefiel besonders die psychologisch interessante Darstellung der menschlichen Verwicklungen in dieser kleinen Stadt.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/09/05/rezension-jane-harper-hitze-the-dry/

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