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Meine wunderbare Yoga-Welt

Petra Zipfel
Flexibler Einband: 96 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 24.05.2017
ISBN 9783596298563
Genre: Sonstiges

Rezension:

Dieses Buch verbindet auf wunderbare Art und Weise zwei Dinge, die für mich Entspannung pur bedeuten: Ausmalen und Yoga. Beides kann ich nur empfehlen, wenn man sich ein Stück Ruhe, Achtsamkeit und Meditation in den Alltag holen möchte!
Petra Zipfel stellt die Verbindung dieser auf den ersten Blick eigentlich vollkommen verschiedenen Aktivitäten einfallsreich dar: jedes Bild zeigt eine Yoga-Position, mit liebevollen Details vor passendem Hintergrund in Szene gesetzt. Kleidung, Schmuck, Landschaften, Tiere und Mandalas laden zum Ausmalen ein, wobei der Schwierigkeitsgrad variiert. Mal sind die Details sehr filigran, so dass man den Stift sorgfältig führen muss, um nicht aus Versehen über die Linien hinaus zu malen, dann wiederum werden diese Details in manchen Bildern eher reduziert – so hat die Kleidung dann zum Beispiel weniger aufwendige Muster oder Falten, oder Finger und Zehen werden nur angedeutet.
So oder so haben die Bilder jedoch immer etwas sehr Charmantes, mit einer großartigen Atmosphäre.
Aber Achtung: so einladend die Bilder auch aussehen, wird doch direkt am Anfang des Buches darauf hingewiesen, dass es sich hier nicht um ein Anleitungsbuch handelt und man nicht versuchen sollte, die Positionen ohne Hilfe eines Lehrers oder erfahrenen Yogis nachzumachen!
Die Seiten sind doppelseitig bedruckt. Jeder der 44 Yoga-Positionen steht eine Seite mit einer kurzen Erklärung gegenüber, so dass auf der Rückseite eines Bildes immer nur Text abgedruckt ist, niemals ein anderes Bild. Insofern muss man sich keine großen Gedanken machen, ob die verwendeten Stifte und Farben durch das Papier durchdrücken!
Das Papier hat aber ohnehin eine hohe Qualität und ist dick genug, dass Farben nicht so leicht durchbluten. Ich habe das Papier wirklich bis aufs Äußerste strapaziert: ich habe Filzstifte, Buntstifte, Textmarker, Glitter-Gelstifte und 'wink of stella' (einen Pinselstift mit einer schimmernden Flüssigkeit) benutzt, und auf der Rückseite sieht man allenfalls einen ganz leichen Schatten.
Allenfalls wurde das Papier nach mehrmaligem Drübermalen etwas rauh, aber auch das hielt sich in Grenzen – bei schlechterem Papier hätte ich mir wahrscheinlich längst Löcher ins Papier gerubbelt!
Alles in allem ist "Meine wunderbare Yoga-Welt" für mich ein sehr gelungenes Ausmalbuch, das ich weiterempfehlen würde.

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neuseeland, neuanfang, suche, ehe, identitätssuche

Niemand verschwindet einfach so

Catherine Lacey , Bettina Abarbanell
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 18.08.2017
ISBN 9783351036805
Genre: Romane

Rezension:

"Niemand verschwindet einfach so" ist eines dieser unbequemen Bücher, die es dem Leser nicht leicht machen, sondern ihn herausfordern und dadurch sicher auch polarisieren.
Dabei ist die Geschichte weder brutal, noch schockierend oder auch nur polemisch. Tatsächlich passiert auf den ersten Blick viel, auf den zweiten erstaunlich wenig und auf den dritten dann wieder ganz viel – wenn man es denn zulässt.
Eine junge Frau bringt sich um. Ihre Schwester heiratet den Mann, der es ihr möglich macht, darüber zu weinen, und verlässt ihn letztendlich wieder, als das nicht ausreicht. Sie reist durch die halbe Welt, trampt, schläft in fremder Leute Schuppen, quartiert sich bei Menschen ein, die sie nicht kennt und die ihr auch nichts bedeuten. Und dabei wird sie nicht überfallen, es entspinnt sich keine hollywoodreife Liebesgeschichte, niemand kämpft heldenhaft gegen den Krebs, und überhaupt erstreckt sich die Handlung zwar über mehrere Länder, spielt sich aber streng genommen doch hauptsächlich im Kopf der Protagonistin ab.
Denn Elyria denkt. Und denkt. Und denkt. Und dort, in ihren Gedanken, verbirgt sich das wilde Biest, das kratzt, beißt und sticht. Im Verborgenen. Im Geheimen. In verqueren Bildern, in merkwürdigen Formulierungen, in ihrer Wahrnehmung der Welt als ein Grab aus Schatten. In endlosen Schachtelsätzen, die sich wieder und wieder im Kreise drehen.
Die Sprache ist brillant, wird aber nicht jeden Leser überzeugen: eine literarische Stimme, die aufhorchen lässt, weil sie in ihrer Wucht so unverfroren anders ist und zugleich eine ungeheure Zerbrechlichkeit ausstrahlt, eine Art bodenlosen Weltschmerz. Anstrengend, ja, manchmal ein wenig zu bemüht, aber lohnend.
Zitat:Wir haben alle etwas Dunkles in uns, würdest du sagen; aber ich weiß, dass meine Dunkelheit dunkler ist und dass sich eine Horde tollwütiger Biester darin verbirgt, ich bin nicht wie du, Ehemann, in meiner Dunkelheit gibt es keinen Lichtschalter, meine Dunkelheit ist eine Savanne in mondloser, sternloser Nacht, und alle meine wilden Biester rennen in vollem Tempo blind drauflos, aber das könnte ich beim besten Willen nicht zu dir sagen, denn wir haben im Grunde jahrelang nicht miteinander gesprochen, und deshalb habe ich eine Distanz aus Raum und Zeit zwischen uns geschaffen, damit unser Schweigen einen Sinn ergibt.
Aber was bedeutet das alles? Wen oder was verkörpert das Biest? Elyrias Depressionen, ihren Zorn auf die Eltern, ihre Unfähigkeit, mit anderen Menschen gesunde Beziehungen einzugehen? Die Trauer um ihre Schwester? Jedenfalls keine nach außen gerichtete Aggression, auch wenn sich Elyria selber misstraut, was das betrifft. Verliert sie den Verstand?  
Einfache Lösungen gibt es hier nicht. Elyria wird ohne Betriebsanleitung geliefert – oder vielleicht ist die auch nur in einer Sprache geschrieben, die Elyria selber nicht versteht. 
Und das ist in meinen Augen auch vollkommen in Ordnung. 
Die Geschichte hat einen unglaublichen Tiefgang, und ein erzwungenes Ende, das alles zu Tode erklärt, würde ihren Sog vielleicht sogar zerstören.  Ob man das Buch liebt oder hasst, hängt meines Erachtens zumindest zu einem großen Teil davon ab, inwieweit man sich einlassen kann auf Elyrias inneren Monolog, ohne Erklärungen zu erwarten. Und sie macht es dem Leser nicht einfach: sie trifft falsche Entscheidungen, sie erwartet zu viel von Fremden und zu wenig von sich selbst, aber sie ist auf ihre kompromisslose Art echt und authentisch und durchaus liebenswert. Die anderen Charaktere bleiben schwer greifbar, weil Elyria unfähig ist, wirklich auf sie zuzugehen. 
Fazit: 
Eine Frau will verschwinden. Vielleicht. Möglicherweise will sie sich auch selber finden oder ist auf der Flucht vor ihrem inneren Biest. So genau wissen das weder sie noch der Leser, jedenfalls reist sie durch die halbe Welt und kommt doch nirgendwo so richtig an.
Kann ein Buch originell sein, das sich auf die klaustrophobisch beengte Gefühlswelt seiner Protagonistin beschränkt und dabei keine Lösungen bietet?
Für mich zeigt Catherine Lacey ihr Talent gerade dadurch, dass sie innerhalb dieser engen Grenzen eine Geschichte erzählt, die ohne Rührseligkeit berührt und bewegt – dass sie Spannung aufbaut, obwohl diese Geschichte kein bestimmtes Ziel anstrebt. Ich konnte mich Elyria und ihrer düsteren Gedankenwelt nicht entziehen. 

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72 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 41 Rezensionen

thriller, entführung, berlin, mord, rache

Der Totensucher

Chris Karlden
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 18.08.2017
ISBN 9783746633428
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Zu dem Zeitpunkt, da die Handlung dieses Thrillers beginnt, durchlebt Protagonist Adrian Speer sein persönliches Drama bereits seit zwei Jahren: damals wurde seine 11-jährige Tochter Lucy entführt – aus der eigenen Wohnung, wo er sie nur kurz alleine gelassen hatte. Seitdem fehlt von ihr jegliche Spur und nun kratzt Speer, nach einem Totalabsturz in jedweder Hinsicht, die Scherben seines Lebens mühsam zusammen, als frisch ernanntes Mitglied einer neu gegründeten Mordkommission.
Leider verfällt er im Laufe der Handlung ein wenig in das Klischee des toughen, wild entschlossenen Ermittlers, der nichts mehr zu verlieren hat, im Alleingang loszieht und sich einen Dreck darum schert, was ihm von Vorgesetzten befohlen oder untersagt wurde... Was bei Weitem nicht die Konsequenzen hat, die es im echten Leben wahrscheinlich hätte!
Aber das kann man ihm in meinen Augen dann doch verzeihen, denn er ist ansonsten authentisch, überzeugend und sympathisch, und immerhin geht es hier um einen verzweifelten Vater, der die einzige Chance ergreift, die seine Tochter noch hat.  Ich habe jedenfalls sehr mit ihm mitgefiebert!
Manchmal fand ich seine emotionalen Reaktionen vielleicht nicht ganz glaubwürdig, er erschien mir in manchen Situationen zu gefasst... Aber möglicherweise hat er da auch einfach das Limit dessen erreicht, was einen Menschen noch erschüttern kann –  oder ist ist der fortwährende Schlafmangel, der ihn abstumpft. (Mal ehrlich: schlafen Kriminalpolizisten wirklich so wenig, wie es einem in Krimis und Thrillern suggeriert wird?)
Ihm zur Seite steht Ermittler Robert Bogner, der erst ein wenig skeptisch ist, was seinen wortkargen neuen Kollegen betrifft. Aber man merkt schon nach den ersten Kapiteln: hier haben sich zwei gefunden, die ein verdammt gutes Team abgeben könnten! Beiden ist Loyalität wichtig, beide haben ihre Prinzipien und beide können auch mal um die Ecke denken und an dem rütteln, was schon gesichert scheint.
Perfekte Menschen sind sie beide nicht, und das ist auch gut so. Ja, manchmal verstoßen sie gegen ihre eigenen Prinzipien, aber mir sind Charaktere mit Ecken und Kanten, echten Schwächen und Fehlentscheidungen deutlich lieber als glattgebügelte, unfehlbare Superhelden.
Jedenfalls bekommen sie es mit bestialischen Morden zu tun: der Mörder hängt seine Opfer an den Fußgelenken auf, schneidet ihnen die Zunge heraus, stopft ihnen Stroh in den Mund und lässt sie dann langsam ausbluten. Auf den ersten Blick hat das absolut nichts mit der Entführung von Speers Tochter zu tun, doch dann findet sich auf dem Handy eines Opfers ein Foto von Lucy – und zwar ein aktuelles.
Die Geschichte hält durchgehend einen hohen Spannungsbogen. Der Mörder ist den Ermittlerin immer einen Schritt voraus, in rasantem Tempo überschlagen sich die Ereignisse und der Autor spielt gekonnt mit den Erwartungen des Lesers. Immer, wenn man gerade denkt, jetzt wüsste man, wie alles zusammenhängt, setzt Chris Karlden noch eine unerwartete Wendung oben drauf, überspannt aber niemals den Bogen der Glaubwürdigkeit. Gut, bei der ein oder anderen Wendung kann man sich als Leser denken, dass es eine falsche Fährte ist, aber die schlussendliche Auflösung fand ich an keinem Punkt wirklich vorhersehbar.
Die Perspektive wechselt zwischendurch ein paarmal zur Sicht des Mörders, und man ahnt schnell, dass man ihn vielleicht sogar ein wenig verstehen kann, ob man das nun will oder nicht... Ist er ein Monster – oder ist er ein Rächer, der die tötet, die es verdient haben?
Das Ende schreit nach einer Fortsetzung: was die Morde betrifft, ist die Geschichte zwar in sich abgeschlossen, aber in anderer Hinsicht bleibt noch alles offen. Ich hoffe darauf, dass Speer und Bogner eine ganze Reihe bekommen werden.
Der Schreibstil ist souverän, mit gutem Tempo und Sprachrhythmus. Ich habe das Buch durchweg gerne gelesen und mich gut unterhalten gefühlt. 
Fazit:Eine neu gegründete Mordkommission bekommt es direkt mit einem Serienmörder zu tun. 
Der Leser folgt dabei hauptsächlich den Ermittlern Adrian Speer und Robert Bogner, die sich buchstäblich gerade erst kennengelernt haben und sich jetzt in einem Fall wiederfinden, der ihre neue Partnerschaft auf die Probe stellt. Besonders für Speer wird dies zur Zerreißprobe, stellt sich doch schnell heraus, dass zumindest eines der Opfer Kontakt hatte zu Lucy: Speers Tochter, die vor zwei Jahren entführt wurde und seitdem vermisst wird.
Gekonnt geschrieben, spannend, mit glaubhaften Charakteren und einigen unerwarteten Wendungen... Ein kleines Manko stellt für mich dar, dass Speers Verhalten im echten Leben sicher sehr viel drastischere Konsequenzen hätte, und für mich ist das Buch auch mehr ein Krimi als ein Thriller, aber dennoch finde ich das Buch sehr gelungen. Noch wird hier jedoch nicht alles aufgeklärt, weswegen ich vermute, dass dies der erste Band einer neuen Reihe ist! 

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vampir, verschwörung, elfen, vampire, chaos

Trywwidt: Falsche Freunde

Klara Bellis
E-Buch Text: 718 Seiten
Erschienen bei Independently Published, 01.04.2017
ISBN B06XZT1S83
Genre: Fantasy

Rezension:


Ja, lieber Leser, hier gibt es Vampire und Elfen, aber es sind beileibe nicht die... Oh, Moment – ich unterbreche diese Rezension für eine kurze Servicedurchsage: 


!! Achtung, Achtung, hier handelt es sich um die Rezension des *zweiten* Bandes! !!


Wo war ich stehengeblieben? Ach ja. 


Ja, lieber Leser, hier gibt es Vampire und Elfen, aber es sind beleibe nicht die Vampire und Elfen, wie man sie halt so aus anderen Fantasybüchern kennt. Wenn man mich fragen würde, was die größte Stärke der Autorin ist, würde ich antworten: ihre Fähigkeit, einem Genre, in dem es alles schon gefühlte 1.000.001 Male gab, ihren eigenen Stempel aufzudrücken und ihr ganz eigenes Ding daraus zu machen. Und  dieses ganz eigene Ding ist nicht nur verflixt originell, sondern auch spannend und witzig und einfach rundum unterhaltsam. Viel Fantasy, eine Prise Science Fiction, jede Menge schräger Humor und ein bisschen Romantik. 


Aber das brauche ich den Lesern, die den ersten Band gelesen haben, wohl nicht extra zu erklären. 


Die Charaktere sind wieder so wunderbar un-heroisch und un-perfekt, wie man sie schon in "Trywwidt – Kaiserin der ewigen Nacht" kennengelernt hat. Aus Messie Klaus ist ein depressiver Jungvampir geworden, während Elfe Trywwidt immer noch weit entfernt ist von der 'maximalen Effizienz', Menschenfrau Ira nach wie vor auf Schokolade steht – und Vampir Korwin allmählich die Nase voll davon hat, dass die Elfen ihn entweder umbringen wollen oder zumindest ungefragt seine Dusche benutzen. Herrlich. Sie sind mir alle so ans Herz gewachsen, dass ich ihnen Weihnachtskarten schreiben will. 


Natürlich bekommen sie es in diesem Band wieder mit mehr als einem Problem und mehr als einem Widersacher zu tun. Da sind ja nicht nur die Vampirjäger, die zusammen (vielleicht) genug Grips haben, um Korwin gefährlich zu werden, sondern es gilt immer noch, die Elfe Phyrridt aus ihrer albtraumhaften Existenz als endloser Schmerzensschrei zu befreien – und dabei wäre es ganz nett, wenn die Elfen nicht aus Versehen die Menschenwelt zerstören. Das war für mich durchweg spannend; ich hatte nie das Gefühl, dass die Geschichte sich zog, und fand auch alles schlüssig und glaubhaft.
Die Liebesgeschichten drängen sich dabei nicht zu sehr in den Vordergrund, sind aber wirklich süß zu lesen. Trywwidt und ihr Liebster bereiten sich vor auf das Frühlingsritual, während Ira mit Unsicherheiten und Selbstzweifeln zu kämpfen hat, ob sie für Korwin vielleicht doch nur ein Haustier und/oder Snack ist... 


Der Schreibstil ist auf gute Art ungewöhnlich, mit großartigen, manchmal durchgeknallten Metaphern. Man hat das Gefühl, dass Klara Bellis ihre Welt durch und durch kennt und daher auch perfekt beschreiben kann, jedenfalls kam die Atmosphäre bei mir mühelos an. 


Fazit:
Auch im zweiten Band der Reihe tummeln sich die Antihelden: vom depressiven Jungvampir Klaus über die chaotische Techno-Elfe Trywwidt bis hin zu Menschenfrau Ira, die sich langsam fragt, ob ihr Vampirchef Korwin ihr nur deswegen Pralinen schenkt, um sie zu mästen... Das ist wieder spannend, irrsinnig komisch und auch ein bisschen romantisch, und dabei glitzern die Vampire kein bisschen. Volle Punktzahl für Originalität – oder wie die Elfen wahrscheinlich sagen würden: maximale Effizienz!  

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istanbul, identität, zwillinge, russland, migration

Außer sich

Sasha Marianna Salzmann
Fester Einband: 366 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 11.09.2017
ISBN 9783518427620
Genre: Romane

Rezension:

Die Geschichte erstreckt sich nicht nur über Generationen, Religions- und Ländergrenzen, sondern reizt auch aus, wie unfassbar zerbrechlich und zugleich fließend die Identität eines Menschen sein kann.
»Hier schreibt jemand, der etwas zu erzählen hat« sagt DIE WELT, und dem würde ich vorbehaltlos zustimmen. Sasha Marianna Salzmann weiß, wovon sie spricht, und sie spricht in einem so innovativen wie kompromisslosen Stil, der mal poetisch klingt – und mal so, als habe sie ihre Lebenswut aufs Papier gekotzt.
Zitat:"Außerhalb ihres Kopfes verlief die Zeit schneller, es bewegten sich Dinge in Blitzgeschwindigkeit, Schuhe, die wie Schlangen um sich schnappten, Ottern und riesige Insekten, die sie ansprangen, sie schrie auf und hatte das Gefühl, geschrumpft und in ein Bild gesteckt worden zu sein, das bei McDonald's an der Wand hing. Alles war Dschungel, alles war Farben, alles machte ihr Angst, und sie wusste nicht, ob sie auf dem Boden lag oder in ein Loch gefallen war."
Aber dieses 'etwas', das sie zu erzählen hat, blieb für mich über weite Strecken nicht greifbar, ihre Charaktere interessant, aber seltsam blutleer. Auch die Wucht des Schreibstils blieb oft auf dem Papier kleben.
Wenn der schnelle Wechsel von Schauplätzen und Perspektiven den Leser irritiert und verwirrt, so ist dies von der Autorin jedoch durchaus erwünscht. Sie wolle dem Leser eine Ahnung verschaffen, sagte sie in einem Interview, wie es sich anfühlt, wenn "die Drehscheibe zu schnell ist".
Und die Drehscheibe ist rasend schnell für die Menschen, die sie in ihrem Roman beschreibt. Anton und Ali sind die Kinder von Heimatlosen, haben die Rastlosigkeit im Blut, begegnen auf ihrer Suche nach dem eigenen Ich nur mehr anderen Suchenden, aber keinen Angekommenen. Besonders Ali ist grenzenlos haltlos, ohne Anton hat sie das Gefühl, auch sich selbst verloren zu haben. Aber ist sie überhaupt eine Sie? Sexualität und Gender werden durch Antons Verschwinden erschüttert: es bleibt unklar, ob Ali transgender ist oder den Verlust des Bruders kompensieren will, indem sie/er seine Identität übernimmt. Letztlich bleibt sogar offen, ob es Anton je gab, oder ob er von Anfang an eine Abspaltung des genderqueeren Teils von Ali war.
Zitat:»Ich reihe meine Vielleichts aneinander, Kügelchen für Kügelchen, ungeschliffene Murmeln, die keine vorzeigbare Kette ergeben.«
Möglicherweise ist das schon die Erklärung, warum es mir so schwerfiel, für die Charaktere mehr als vages Interesse zu empfinden: sie sind unfassbar, im wahrsten Sinne des Wortes, weil sie keine klar umgrenzte Identität haben, und damit wird der interessanteste Aspekt des Buches zugleich zu seiner größten Schwäche.
Ganz nebenher erzählt die Autorin die Lebensgeschichte der entwurzelten russisch-jüdischen Familie Tschepanow über vier Generationen – was an sich gar nicht auf 366 Seiten passen sollte, es aber tut, weil alles fragmentarisch bleibt.
Auch hier wieder: interessant, aber.
Es erklärt Ali, und es erklärt Ali nicht, weil der Leser die Familiengeschichte sieht wie in einem zerbrochenen Spiegel. Mir erschwerte das Fragmentarische die emotionale Investition, die die Geschichte in meinen Augen fordert – auch wenn es wunderbar Alis Identitätskrise widerspiegelt und verdeutlicht, was für ein trügerisches Konstrukt die menschliche Erinnerung ist.
Zitat:»Mein Name fängt mit dem erste Buchstaben des Alphabets an und ist ein Schrei, ein Stocken, ein Fallen, ein Versprechen auf ein B und C, die es nicht geben kann in der Kausalitätslosigkeit der Geschichte.«
Möglicherweise muss man sich als Leser von der Vorstellung verabschieden, das Buch müsse einem seinen Sinn offenbaren und Alis Reise in vollkommener Selbsterkenntnis enden. Es spricht wichtige, interessante Themen an. Die Sprache an sich ist es wert, gelesen zu werden, die Geschichte an sich ist es wert, gelesen zu werden.
Für mich scheiterte es – oder ich? – jedoch an der Umsetzung, die Drehscheibe drehte sich zu schnell. Ich spürte, dass sich hinter dem, was ich las, etwas Großes verbarg, bekam es im Schwindel der Erzählung jedoch nicht zu fassen. 
Fazit:"Außer sich" ist vieles: eine epische Familiengeschichte, ein rasant erzählter, mutiger Roman mit einer Unzahl von Themen: Migration, Integration, Fremdenhass, Genderidentität, Inzest und immer wieder Selbstfindung, Selbstverlust... Es passiert unglaublich viel, und es fühlt sich an, als würde alles gleichzeitig passieren, der Schreibstil ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Wucht. Einfach ist das nicht – kein Buch zum nebenher Konsumieren. 
Was meine abschließende Bewertung betrifft, bin ich so zwiegespalten wie die Hauptfigur des Buches bezüglich ihrer Identität: letztendlich bleibt es ein Buch, dessen Ehrgeiz, Mut und sprachliche Innovation ich anerkenne, das mich jedoch dennoch nicht vollends überzeugen konnte. 

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berlin, psychothriller, thriller

Das Porzellanmädchen

Max Bentow , Axel Milberg
Sonstiges Audio-Format
Erschienen bei Der Hörverlag, 17.07.2017
ISBN 9783844527094
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

(3,5 von 5 Sternen)
Ich habe dieses Buch als ungekürztes Hörbuch gehört. 
Manchmal war ich mir nicht sicher: höre ich einen Thriller, eine Geistergeschichte oder ein psychologisches Drama über eine Frau, die an einem schrecklichen Erlebnis zerbrochen ist? Tatsächlich war ich mir dessen immer noch unschlüssig, als das letzte Wort verklungen war... 
Mit Sicherheit sagen kann ich, dass Axel Milberg als Sprecher des Hörbuchs eine phänomenale Wahl war: er flüstert, raunt, grollt und knarzt sich nicht nur durch den Text, sondern gibt auch die Geräusche der Puppe wieder. 
Welche Puppe? 
Die Puppe, die vielleicht wirklich nur eine Puppe ist, vielleicht aber auch besessen – auf jeden Fall aber ein Erinnerungsstück an ein Trauma, das Protagonistin Luna an den Rand des Wahnsinns treibt.  
Die neun Stunden, die das Hörbuch dauert, vergingen wie im Flug. Ich war fasziniert und gebannt, gruselte mich, stellte Theorien auf, was denn nun wirklich hinter der ganzen Geschichte steckte. Und doch war ich am Ende nicht ganz zufrieden. 
Interessant fand ich, dass die Geschichte mit ihrer eigenen Ambivalenz spielt. Luna, die Autorin ist, verarbeitet ihre Erlebnisse in einem Roman, dessen Hauptfigur ihr sehr, sehr ähnlich ist – und die aufgrund desselben Traumas, das Luna erlebt hat, zur mehrfachen Mörderin wird. Da fragt man sich als Leser: hat Luna all das, was ihre Romanheldin tut, denn wirklich getan? Einiges spricht dafür... Bentow wartet da auch noch mit einer interessanten Wendung auf, die die Dinge noch mal in einem anderen Licht erscheinen lässt.
Allerdings fand ich die Auflösung des Ganzen am Schluss nicht gänzlich logisch und schlüssig, manches erschien mir unrealistisch und konstruiert, und in meinen Augen bemüht sich das Buch zu sehr, den Leser auf den letzten Seiten noch einmal dazu zu bringen, alles in Zweifel zu ziehen.  
Natürlich geht es auch darum, was Luna vor vielen Jahren passiert ist, und was man als Leser über die Motive des damaligen Täters erfährt, wirkte auf mich eher wie plumpe Westentaschenpsychologie. 

Die Geschichte ist fast schon ein Kammerspiel: sie spielt sich auf kleinem Raum und mit nur einer Handvoll Personen ab. Das funktioniert meist gut, manchmal aber auch nicht, denn die Charaktere sind in meinen Augen nicht hundertprozentig ausgereift und der Schreibstil ist oft sehr einfach. Besonders die Dialoge wirken gelegentlich etwas hölzern. Luna ist ohne Zweifel ein sehr interessanter Charakter, aber so richtig greifbar war sie für mich über lange Passange nicht. Und Leon, der 15-Jährige, den sie mitgeschleift hat in das Horrorhaus ihres persönlichen Dramas, benimmt sich mal wie ein viel jüngeres Kind, dann wieder merkwürdig abgeklärt und viel zu erwachsen. 
Dennoch: das Buch kann mit dichter Atmosphäre und einem hohen Unterhaltungswert punkten. 
Fazit:Ein Thriller, eine Geistergeschichte, ein Drama? Vielleicht ein bisschen von allem. Die Geschichte hat in meinen Augen durchaus Schwächen, der Schreibstil konnte mich auch nicht immer begeistern, dennoch fand ich das Buch auf jeden Fall unterhaltsam und das Hörbuch hervorragend gesprochen.  

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wohlfühlen, gemütlichkeit, dänemark, hygge, auszeit

Hygge

Jonny Jackson , Elias Larsen
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Ars Edition, 18.09.2017
ISBN 9783845823829
Genre: Sachbücher

Rezension:

Was ist Hygge? 
"Hygge" klingt wie ein Schaukelstuhl von IKEA, und so weit daneben ist das gar nicht – zumindest geographisch. Nein, es handelt sich nicht um ein Möbelstück der schwedischen Firma, ist aber dennoch skandinavischen Ursprungs! Hygge ist eine dänische Lebensphilosophie, die sich um viele schöne Sachen mit "G" dreht: Glück, Gemeinschaft, Geselligkeit, Gemütlichkeit...
Dieses kleine Büchlein möchte Hygge vorstellen und strahlt dabei selber ein bisschen Hygge aus. Alleine bei den zahlreichen Bildern geht einem schon das Herz auf: Kaminfeuer, dicke Stricksocken, Tassen mit heißer Schokolade, unter eine warme Decke gekuschelte Hunde, ein schlafendes Kätzchen, gehäkelte Herzen, Schokoladen-Toast in Herzform... Tatsächlich sind es vor allem die Bilder, wegen denen ich das Buch immer wieder in die Hand genommen habe.
Kapitel 1 – So holst du Hygge in dein Haus
Es ist kein knallhartes Sachbuch, das einem von A bis Z erklärt, wie man sein Leben optimiert, und zwar pronto! Ich sehe es eher als Appetithappen, der Lust darauf macht, sich mehr Hygge ins Leben zu holen, auf seine ganz eigene Art. 
Insofern ist der reine Informationsgehalt der Kapitel nicht unbedingt das Wichtigste. Vieles weiß man schon – zum Beispiel ist es wohl für niemanden eine Überraschung, dass ausreichend Tageslicht, frische Luft und weiche Stoffe dem persönlichen Glücksgefühl zuträglich sind. Manches ist auch nicht für jeden machbar, so besitze ich nun mal keinen Kamin und kann daher auch die Freuden verschiedener Feuerhölzer nicht genießen. Aber ich habe dennoch einiges gefunden, was ich ausprobieren möchte.
Es sind durchaus einige Dinge enthalten, die man ganz konkret gebrauchen kann, so gibt es zum Beispiel eine Liste mit Zimmerpflanzen, die laut einer NASA-Studie für ganz besonders gute Raumluft sorgen. oder eine Übersicht über die Wirkung verschiedener ätherischer Öle.
Kapitel 2 – Handarbeiten sorgen für Gemütlichkeit
Die handarbeitlichen Projekte im zweiten Kapitel sind sehr einfach und sollten für die meisten Leser zu schaffen sein, so gibt es zum Beispiel eine Anleitung, wie man aus einer Wollsocke einen Tassenwärmer macht,  und eine für eine Lichterketten-Laterne. In diesem Kapitel hätte ich mir, ehrlich gesagt, noch ein bisschen mehr Auswahl gewünscht und vielleicht auch das ein oder andere größere Projekt.
Kapitel 3 – Wohnungsdekoration
In Kapitel 3 geht es darum, wie man mit einfachen Dingen die Wohnung gemütlicher und ansprechender machen kann: Schnittblumen, im Winter Schneeflocken aus Papier, hübsche Fundstücke oder eine einfache Wimpelgirlande.
Kapitel 4 – Wohlfühlrezepte für gemütliche Abende daheim
Die Rezepte im vierten Kapitel sind vor allem für die kalte Jahreszeit ideal: Plätzchen, heiße Schokolade mit Zimt, ein Lebkuchenhaus, gewürzter Fruchtpunsch, Kürbiscremesuppe und mehr. Die Rezepte sind alle vegetarisch, jedoch nicht alle vegan.
Kapitel 5 – Spaß im Freien zu jeder Jahreszeit
Hier geht es zum Beispiel um Winterspaziergänge, Picknicks, geröstete Marshmallows am Lagerfeuer oder den Sternenhimmel.
Kapitel 6 – Einfache Freuden
Für mich war das letzte Kapitel fast das anheimelnste, denn hier geht es um Dinge, mit denen man sich in der eigenen Wohnung jederzeit pudelwohl fühlen kann: heiße Bäder, gemütliche Leseabende oder einem Spielabend mit Freunden. Enthalten ist auch eine Liste mit Wohlfühl- und Familienfilmen. 
Fazit:Dieses hübsche kleine Büchlein verlockt dazu, immer mal wieder reinzublättern, sich die Bilder anzuschauen und daraus vielleicht Inspiration für die eigene Wohnung bzw. die eigene Freizeitgestaltung zu holen. Es gibt Rezepte, simple Anleitungen für Dinge wie Filzpantoffeln und Lavendelsäckchen und einfach einen schönen Einblick in die dänische Lebensphilosophie. Viele rein faktische Informationen sind nicht enthalten, aber ich denke, das Buch ist auch nicht als umfassender Ratgeber, sondern mehr als Geschenkbuch oder Bildband für den heimischen Sofatisch gedacht. 

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30 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 19 Rezensionen

glück, zitat, länder, reise, zitate

Das Glück wohnt überall

Katharina Teimer , Inka Vigh
Fester Einband: 112 Seiten
Erschienen bei Ars Edition, 19.07.2017
ISBN 9783845822198
Genre: Sachbücher

Rezension:

Im englischen Sprachraum nennt man Bücher wie dieses "coffee table books", also "Kaffeetisch-Bücher". Dabei handelt es sich meist, wie auch hier, um großformatige Bücher mit zahlreichen Bildern, die sich wunderbar dazu eigenen, immer mal wieder zwischendurch reinzublättern und ein Kapitel hier, ein Kapitel da zu lesen – und genau so habe ich dieses Buch gelesen, es also quasi häppchenweise genossen. Und ja, da war auch oft eine Tasse Kaffee mit im Spiel.
"Wie nehmen die Menschen Glücksmomente und ein bleibendes Glück wahr in unterschiedlichen Kulturen? Wie versuchen sie, ihrem Glück auf die Sprünge zu helfen oder Unglück abzuwenden mit kleinen und großen Glücksbringern und Bräuchen?"(Zitat)
Autorin Katharina Teimer, wunderbar unterstützt durch Illustratorin Inka Vigh, führt den Leser Kapitel für Kapitel durch 14 Länder und deren Vorstellung vom Glück. Sie stellt Traditionen und Bräuche vor, Aberglauben, bekannte Geschichten, Sprichwörter, sogar das ein oder andere Rezept. Im Kapitel, das sich mit China beschäftigt, darf zum Beispiel das Rezept für Glückskekse nicht fehlen!
Die enthaltenen Bilder und Fotos sind wirklich wunderschön; mir haben sie schon beim Durchblättern und Betrachten ein gewisses Glücksgefühl beschert.
Manches wird man als Leser vielleicht schon wissen, von anderem hat man zumindest schon mal gehört, aber dennoch enthält das Buch meines Erachtens zahlreiche Informationen und Geschichten, die überraschen und verzaubern können. So lernt man im Kapitel über Russland zum Beispiel, warum Studenten in einem Flur der Moskauer Metra Schlange stehen, um die Nase eines Bronzehundes zu streicheln, in dem über China erfährt man, warum ein Haus mit ausgewiesenen 70 Stockwerken in Wirklichkeit oft nur 53 Stockwerke hat... Dänemark ist selbstverständlich vertreten mit dem dänischen Lebensgefühl Hygge (und einem Glühwein-Rezept für gløgg).
"Glück ist wie ein kleiner lebhafter Hund, der mit dem Schwanz wedelt. Glück kann aber auch sein, einen kleinen traurigen zu streicheln, so dass er anfängt, mit dem Schwanz zu wedeln."(Zitat: Willy Breinholst, dän. Humorist und Autor)
Im Kapitel über Deutschland habe ich ebenfalls Dinge gelernt, wie zum Beispiel, warum der Marienkäfer bei uns als Glücksbringer angesehen wird und warum er überhaupt Marienkäfer heißt. Das Kapitel über Japan verrät uns unter anderem, was es mit der winkenden Glückskatze auf sich hat, während das Kapitel über Indien und Tibet etwas kurz ausgefallen ist mit einer kleinen Abhandlung zum Buddhismus.
Um den Karneval in Rio geht es im Kapitel über Brasilien genauso wie um die Fitinhas, die beliebten bunten Armbänder, die man tragen muss, bis sie von selber vom Handgelenk fallen, damit ein Wunsch in Erfüllung geht. In Irland begegnen wir dem Leprechaun, einem Kobold, der weiß, wo am Ende des Regenbogens der Goldschatz versteckt ist – und wusstet ihr, dass es in Island eine Elfenbeauftragte gibt, die sogar vom Bauministerium konsultiert wird?
In Algerien  gibt es das Glücksymbol Hamsa, auch bekannt als die fünf Finger der Fatima, der jüngsten Tochter Mohammeds, und das Kapitel über Großbritannien erklärt unter anderem, was es eigentlich mit dem Mistelzweig auf sich hat. In vielen Gegenden in Lateinamerika wird die Gottheit Ekeko verehrt, deren Statue in vielen Haushalten steht – und besonders Glück bringt es, der Statue eine angezündete Zigarette in den Mund zu stecken.
Das Kapitel über Thailand ist wieder ein kurzes: hier geht es darum, warum Glücksforscherin Sauwalak Kittiprapas eine staatliche Glückspolitik für sinnvoll hält. Abschließend macht die Reise halt in den USA, wo das Streben nach Glück im Grundrecht verankert ist. 
Fazit:Das Buch nimmt dem Leser mit auf eine lange, glückliche Weltreise. 14 Länder, 14 Kapitel über Glücksbringer, Symbole, Bräuche, Traditionen, Aberglauben, Rezepte... Ein bisschen glücklich macht es allein schon, immer mal wieder, in aller Ruhe und achtsam, ein Kapitel über das Glück zu lesen – am besten gemütlich auf dem Sofa, mit Kuscheldecke und einem warmen Getränk.
Auch als Geschenkbuch eignet sich das Buch in meinen Augen hervorragend, besonders, wenn man jemanden beschenken will, der ein bisschen Glück gerade sehr gut gebrauchen könnte. 

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32 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

deutscher buchpreis 2017 shortlist, berlin verlag

Romeo oder Julia

Gerhard Falkner
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.09.2017
ISBN 9783827013583
Genre: Romane

Rezension:

Zum Zeitpunkt, da ich diese Rezension schreibe, ist "Romeo oder Julia" für den Deutschen Buchpreis nominiert und hat es bereits auf die Shortlist geschafft, ist also eines von sechs Büchern, die in die engere Auswahl aufgenommen wurden.--Obwohl ich normalerweise nicht davor zurückscheue, meine Meinung ehrlich zu äußern und gegebenenfalls auch negative Rezensionen zu schreiben, fällt mir das bei Büchern, die Preisträger oder zumindest Preisanwärter sind, schwer. Menschen, die ohne Zweifel belesener sind als ich, die mehr von Literatur und vom Literaturbetrieb verstehen, haben das Buch für auszeichnungswürdig befunden. Wer bin ich also, dem zu widersprechen?--Die einfachste Antwort: ich bin eine Buchbloggerin, vor allem aber bin ich eine Leserin, die sich von diesem Buch herb enttäuscht fühlt. Die Prämisse klingt originell und vielversprechend, eine Mischung aus Krimi, Einblicken in den Literaturbetrieb und möglicherweise einem Hauch Drama. Tatsächlich verrät der Klappentext jedoch schon fast alles, was in diesem Buch passiert – die Handlung erschien mir etwas dürftig für 272 Seiten.--Natürlich gibt es Bücher, die nicht durch ihre Handlung bestechen, sondern durch andere Eigenschaften, wie unvergessliche Charaktere, atemberaubende Sprachgewalt oder die Art und Weise, wie sie den Leser aus seiner Komfortzone zerren und ihn zwingen, die Welt oder sich selbst in einem neuen Licht zu sehen. Von "Romeo oder Julia" fühlte ich mich indes selten bestochen, sondern über lange Passagen sogar gelangweilt.--Das Krimi-Element der Geschichte, das für Spannung hätte sorgen können, läuft in meinen Augen halbherzig nebenher und stößt auch kein sonderliches Charakterwachstum an. Ab und zu passiert etwas, das sich Protagonist Kurt nicht erklären kann, was ihn zunehmend beunruhigt, aber richtig dramatisch ist das alles nicht – jedenfalls bis zum Schluss, wenn sich das Rätsel rasant aufklärt und auch schon wieder vorbei ist, bevor Kurt und der Leser Zeit haben, daraus mehr zu ziehen als vage Bestürzung. Einen Teil der Auflösung hatte ich mir tatsächlich schon gedacht, denn der wird nach etwa einem Drittel des Buches angedeutet.--"Obwohl ich Kurt heiße, bin ich Schriftsteller. Allerdings bin ich weit davon entfernt, mir auf dieses Tatsache etwas einzubilden."(Zitat)--Kurt Prinzhorn ist einer, der in seinen jungen, 'selig vernebelten' Jahren aus einem literarischen Rausch heraus schrieb, das Schreiben inzwischen aber als eine 'Art von gehobenem Selbstmord' empfindet. Dementsprechend lesen sich die Geschehnisse, durch seine Augen gesehen, oft wie eine Satire auf den Literaturbetrieb: selbstverliebte Schriftsteller unterhalten sich wodkatrunken über Nichtigkeiten und würzen diese Belanglosigkeit mit einer Vielzahl von (meist offensichtlichen) Anspielungen auf Literatur, Film und Kunst.--"Ich öffnete den Wein. Der Kork seufzte wie meine aus dem nassen Lehm gezogenen Arbeitsschuhe auf der Baustelle im Ort ohne Eigenschaften."(Zitat)--Mal ist das clever und unterhaltsam, mit wunderbar verunglückten Metaphern und schwülstigen Sätzen seitens Kurt, der vielleicht doch nicht so weit davon entfernt ist, sich auf seinen Genius etwas einzubilden. Auch gibt es durchaus einige Passagen, in denen ihm dann doch Momente der Sprachpoesie glücken – und manchmal fand ich es schwer, zu unterscheiden, wo das eine aufhörte und das andere anfing. --Dann wiederum fühlte ich mich, als würde Kurt mir, der Leserin, ausführlich von den Freuden einer bereits vergangenen Party erzählen, zu der ohnehin nur Schriftsteller eingeladen waren. Manchmal ist das so mit Literatur über Literatur. --»Hab ich dir eigentlich gesagt, dass mich deine schnittlauchgrünen Augen jedes Mal begeistern, wenn ich dich ansehe?« »Meine wasgrünen?« »Sie sind wirklich sehr schön«, sagte ich, »wie ein tiefer Blick in den Dschungel.« (Zitat)--Keiner der Charaktere ging mir wirklich nahe, sogar Kurt blieb mir bis zum bitteren Ende fremd. Denn der steht in steter Distanz zu sich selbst – als würde er, der sich über seinen Status als Schriftsteller definiert, seine Gedanken dem eigenen Lektorat unterwerfen. Als Leser sieht man daher weniger sein wahres Ich als sein konstruiertes Selbstbild.  --Fazit:"Romeo oder Julia" hat es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft, dementsprechend hoch waren meine Erwartungen – wurden jedoch bitter enttäuscht. Die Handlung erschien mir blutarm und unnötig aufgebauscht, und auch zahlreiche literarische Anspielungen und ein augenzwinkernder Blick auf die Banalitäten des Literaturbetriebs konnten mich nicht für das Buch erwärmen. Ich habe nicht das Gefühl, dass es mich zum Nachdenken angeregt oder in irgendeiner Form bewegt hat.--Da es aber von einer Jury ausgewählt wurde, deren Mitglieder unumstritten Experten für Literatur sind, muss ich mich fragen: Habe ich das Buch einfach nicht verstanden? Oder ist es womöglich Literatur nur für Literaten?

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210 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 65 Rezensionen

moon chosen, jugendbuch, gefährten, p.c.cast, fantasy

Moon Chosen

P.C. Cast , Christine Blum
Fester Einband: 704 Seiten
Erschienen bei FISCHER FJB, 21.09.2017
ISBN 9783841440143
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Die Autorin siedelt ihre Geschichte an in einer dystopisch-fantastischen Vision unserer Welt, in der unsere heutige Zivilisation nur noch in Bruchstücken existiert, während die Menschen inzwischen verschiedene Arten von Magie entwickelt haben.

Auf den ersten Blick wirkt der Weltentwurf komplex, originell und überzeugend, im Laufe des Buches kamen mir jedoch Zweifel. Vieles erschien mir nicht bis ins Detail durchdacht oder blieb sogar gänzlich unerklärt. Bis zum Schluss fehlte mir das Gefühl, wirklich in diese Welt abtauchen zu können und einen guten Eindruck vom täglichen Leben der verschiedenen Völker zu haben.

Tatsächlich zog sich das Buch für mich über weite Strecken, besonders im Mittelteil. Es gibt zwar einige spannende Passagen, aber da hätte in meinen Augen deutlich gestrafft werden können!

Was mir das Buch aber am meisten verleidete, war seine Protagonistin, Mari. In den ersten Kapiteln verhält sie sich eher kindlich für ihr Alter, später jedoch zeigt sie eine Seite an sich, die nicht nur unglaublich selbstzentriert ist, sondern grausam und geradezu monströs. Sie gerät in eine Situation, in der sie mit ihren Fähigkeiten schrecklichstes Leid beenden könnte – und sie ist zu dieser Zeit die Einzige, die das kann. Und was tut sie? Sie entscheidet sich ganz bewusst, nichts zu tun... Was nicht wirklich hinterfragt wird!

Und damit war sie für mich verbrannt, ich konnte und wollte nicht mehr mit ihr sympathisieren, auch nach einer plötzlichen Wandlung um 180 Grad, die mir deutlich zu spät kam

Es gibt einen anderen weiblichen Charakter, den ich lieber als Heldin des Buches gesehen hätte: Sora, eine Konkurrentin Maris. Aber warum wird in vielen Jugendbüchern das fiese Mädchen, mit dem sich die Protagonistin nicht versteht, als Schlampe dargestellt? Man kann einen weiblichen Charakter doch auch aus anderen Gründen als unsympathisch darstellen als über ihre Sexualität! Sora zeigte für mich jedenfalls mehr emotionales Wachstum als Mari.

Natürlich gibt es eine Liebesgeschichte, die kommt jedoch erst spät im Buch wirklich ins Rollen – und ging dann in meinen Augen zu schnell, um glaubhaft zu sein.

In manchen Szenen gefiel mir der Schreibstil sehr gut, in anderen fand ich ihn flach, mit vielen Wiederholungen und ohne natürlichen Sprachrhythmus. Die meisten Fakten, die der Leser wissen muss, werden übermittelt, indem Charaktere sich gegenseitig ihre eigene Welt erklären. Wenn sonst niemand da ist, führt Mari zu diesem Zweck auch schon mal Selbstgespräche...

Was mir jetzt noch unter den Nägeln brennt, ist das Thema Rassismus.

Mari ist das Kind einer Erdwanderin und eines Gefährten, ist aber mit ihrer Mutter Leda bei den Erdwanderern aufgewachsen.

Die Gefährten unterdrücken und versklaven die Erdwanderer, was sie vor sich rechtfertigen, indem sie sich einreden, die Erdwanderer wären dumme, hilflose Tiere und sollten dankbar sein, dass sich jemand um sie kümmert. Weiße Sklavenbesitzer dachten früher in unserer realen Welt oft sehr ähnlich.

Hätte die Autorin dieses Thema sensibel behandelt, würde ich jetzt wahrscheinlich ihr Loblied singen. Tatsächlich aber schwingt in ihren Worten etwas mit, was auf mich wirkte wie unterschwelliger, nicht hinterfragter Rassismus. Ich möchte ihr da keine böse Absicht unterstellen, aber zumindest einen sehr problematischen Sprachgebrauch.

Die Erdwanderer haben dunkle Haut und dunkle Haare, während die Gefährten hellhäutig sind und meist auch helle ('goldene') Haare haben. In Mari ist das Erbe ihres Vaters dominanter, sie ist hellhäutig und blond. Insoweit nicht problematisch, aber: das Aussehen der Erdwanderer wird oft mit negativ behafteten Adjektiven beschrieben, das der Gefährten mit positiven.

Vielleicht am vielsagendsten: Um unter den Erdwanderern nicht aufzufallen, schminkt Mari sich jeden Tag und verändert ihre Gesichtszüge – indem sie sie mit einer dicken Masse aus Lehm und Kohle 'gröber' formt und ihre helle Haut unter einer 'schmutzig-braunen' Schicht verbirgt. Das weckte in mir ungute Assoziationen mit Blackface, der Darstellung schwarzer Menschen durch plakativ geschminkte weiße Schauspieler im Theater des 18. und 19. Jahrhunderts.

Mari benutzt ständig den Begriff 'Dreckwühler' – eine herabwürdigende Bezeichnung, die die Unterdrücker der Erdwanderer geprägt haben. Anfangs empfindet sie scheinbar nur Verachtung für das Volk ihrer Mutter und würde diesen Teil ihres Erbes am liebsten auslöschen.

Problematisch fand ich auch die Bezeichnung 'reinrassig', wenn es um Menschen geht.

Für ein Jugendbuch enthält die Geschichte sehr viel und sehr explizit beschriebene Gewalt. Die Vergewaltigung einer Minderjährigen wird zwar nicht beschrieben, dafür aber die gravierenden Verletzungen, die später behandelt werden.

Fazit:
Wenn sich in einem Jugendbuch die hellhäutige (und zierliche, wunderschöne, grazile) Heldin mit 'schmutzig-braunem' Lehm die Gesichtszüge 'gröber' modelliert und dadurch erfolgreich als Mitglied eines dunkelhäutigen Volkes ausgibt, habe ich damit ein Problem. Denn dadurch erhält die Darstellung rassistischer Strukturen im Buch (die dunkelhäutigen Erdwanderer werden von den hellhäutigen Gefährten versklavt), die den Leser doch eigentlich dazu veranlassen sollten, diese Strukturen zu hinterfragen, einen sehr unguten Beigeschmack.

Aber auch abgesehen davon konnte mich die Geschichte nicht überzeugen. Mari, die Hauptfigur, zeigt einen Großteil des Buches keinerlei emotionales Wachstum, dann wandelt sie sich abrupt und absolut, und genauso plötzlich entwickelt sich die Liebesgeschichte. Das Buch umfasst 704 Seiten, hätte in meinen Augen aber problemlos auf höchstens 500 Seiten gestrafft werden können, denn es zieht sich im Mittelteil sehr.

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40 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

gewalt, roman, südkorea, studentenaufstand, verlust

Menschenwerk

Han Kang , Ki-Hyang Lee
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 15.09.2017
ISBN 9783351036836
Genre: Romane

Rezension:

"Ich musste eine Brücke schlagen von der Gewalt zur Würde, einen Weg, der zwischen diesen beiden Klippen, über dem Abgrund frei in der Luft hängen würde."(Han Kang über ihre Arbeit an "Menschenwerk"¹)
"Menschenwerk" ist ein ungeheuer schmerzhaftes Buch.
Han Kang bringt ihre Charaktere an die Grenzen ihrer Leidensfähigkeit und darüber hinaus – besser gesagt, sie begleitet sie auf diesem Weg, denn die Geschichte entspringt keineswegs nur ihrer Vorstellungskraft, auch wenn man sich als Leser unweigerlich wünscht, es wäre so.
Dong-Ho, Jeong-Dae, Eun-Suk, Jin-Su, Seon-Ju und die anderen Protagonisten dieses Buches stehen für die Menschen,  die während der Aufstände in der südkoreanischen Stadt Gwangju und der darauf folgenden Massaker verletzt oder getötet wurden, sowie für deren Angehörige und Hinterbliebene. So präsent dieses Kapitel der Geschichte in Südkorea jedoch auch heute noch ist, so wenig wissen die meisten Menschen hierzulande darüber, daher zunächst eine kleine Zusammenfassung:
In Gwangju fanden im Mai 1980 anfangs friedliche Demonstrationen von Studenten gegen die damals herrschende Militärdiktatur statt. Das Militär reagierte mit äußerst brutaler Gewalt, worauf es zu weiteren Aufständen der Bevölkerung kam, die wiederum ohne Rücksicht auf Menschenleben niedergeschlagen wurden. Soldaten benutzten Bajonette, auch gegen Alte, Kinder und am Protest Unbeteiligte, oder feuerten wahllos in Menschenmengen, woraufhin sich die Aufständischen ebenfalls bewaffneten. Sprach das Militär damals offiziell von 170 Todesopfern und 730 Verhaftungen, geht eine 1988 herausgegebene Broschüre des Hilfswerk Terre des Hommes von über 2.000 Todesopfern aus, was auch andere Quellen unterstützen², während die The May 18 Memorial Foundation von über 3.000 Verhaftungen spricht³.
Han Kang wurde in Gwangju geboren, ihre Eltern zogen jedoch im Jahr der Aufstände mit ihr nach Seoul. Dennoch verspürte sie stets eine innere Verbundenheit mit dem Geschehenen und besuchte im Alter von neunzehn Jahren das Grab eines Jungen, der als 15-Jähriger während der Massaker getötet wurde und vorher mit seinen Eltern in dem Haus lebte, in dem sie selber bis zu ihrem achten Lebensjahr mit ihren Eltern gewohnt hatte. Dieser Junge ist ein zentraler Charakter in "Menschenwerk".
Die Autorin schwelgt nicht unnötig in der Darstellung der Gewalt um der Gewalt willen, beschönigt aber auch nichts und schreckt vor nichts zurück. Während manche Charaktere versuchen, ihre Erinnerungen zu verdrängen, erinnern sich andere nur zu deutlich an unmenschliche Folter und Erniedrigung, die darauf angelegt schien, sie jeglicher Menschenwürde zu berauben.
An dieser Stelle eine eindringliche Triggerwarnung: explizit beschrieben werden Folter, sexuelle Gewalt, drastische Verwundungen und Verstümmelung, zum Teil auch Jugendliche betreffend.
"In den Trümmern unserer Körper lebte immer noch der Verhörraum aus dem Schicksalssommer."
Mir raste mehr als einmal das Herz, ich empfand starke Gefühle der Beklemmung, der Wut und der Trauer, gelegentlich wurde mir auch leicht übel. Tatsächlich konnte ich mich kaum davon lösen, es beschäftigte mich mehrere Tage hindurch unentwegt.
Auch wenn es vielleicht so klingt, bereue ich keineswegs, das Buch gelesen zu haben. Es ist ein wichtiges Buch, das den Menschen, die damals gestorben sind oder schwer traumatisiert überlebt haben, eine Stimme gibt – das aus ihnen mehr macht als eine Statistik oder eine Fußnote der südkoreanischen Geschichte. Die Autorin betont in Interviews, sie wolle diese Menschen auch nicht als Opfer darstellen, denn im koreanischen Verständnis beinhalte das Wort für 'Opfer' automatisch eine Annahme von Schwäche, und diese Menschen seien nicht schwach gewesen.
In der Tat gelingt ihr, was sie anstrebte: sie schlägt die Brücke von der Gewalt zur Würde.
Sie zeigt, wozu der Mensch fähig ist, im Guten wie im Schlechten. "Menschenwerk" sind die Folter und die Ermordung Unschuldiger, aber "Menschenwerk" sind auch die Selbstlosigkeit, der Mut und die Entschlossenheit, für das einzustehen, was richtig ist, und im äußersten Fall auch dafür zu sterben.
Auch der Schreibstil spiegelt diese Kluft wieder. Meist ist er ruhig, manchmal sogar nüchtern, dann wieder poetisch. Die Geschichte wird aus der Sicht verschiedener Personen erzählt, sogar in verschiedenen Erzählperspektiven – mal spricht ein personaler Erzähler in der Ich-Perspektive, mal ein auktorialer in der dritten Person, in manchen Szenen wird der Leser sogar mit "Du" angesprochen, was ihn zwingt, die Rolle eines der Charaktere einzunehmen.
"Noch bevor der Mann seinen Satz beenden konnte, hast du gesehen, wie sich ein Arm hob. Dann sahst du mit an, wozu Hände, Füße und andere Körperteile imstande waren. Der Mann rief keuchend um Hilfe. Die Angriffe gingen weiter, bis er sich nicht mehr rührte."
Fazit:"Menschenwerk" ist ein wichtiges Buch, ein bewegendes Buch, ein erschütterndes Buch – aber ganz sicher kein leichtes Buch, das man halbherzig nebenher lesen kann. 
In Romanform beschreibt es die Schicksale von Menschen, die auf verschiedenste Arten an den Aufständen in der südkoreanischen Stadt Gwangju im Jahr 1980 beteiligt waren, die in einem wahren Blutbad vom Militär niedergeschlagen worden. Nach all dieser Zeit gibt es ihnen eine Stimme: den Gefolterten, den Getöteten, den Angehörigen.
Im Rahmen dieser Tragödie beleuchtet Han Kang alle Facetten der Menschlichkeit, von ihren grausamsten Abgründen bis hin zu ihren edelmütigsten Eigenschaften – eben Menschenwerk.

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170 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 25 Rezensionen

fußball, hamburg, liebe, liebesroman, humor

Wenn Schmetterlinge Loopings fliegen

Petra Hülsmann
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 23.09.2016
ISBN 9783404175857
Genre: Romane

Rezension:

Ehrlich gesagt: ich lese nur sehr, seeeeehr selten Liebesromane, und mit Fußball hab ich absolut nichts am Hut. Wirklich, ich habe nicht die geringste Ahnung davon (das Runde muss in das Eckige, und sonst?), und ich kann weder die Mannschaften noch die wichtigsten Spieler auseinander halten.
Wer sich jetzt fragt, warum ich dann um Himmels willen nach einem Buch gegriffen habe, bei dem schon der Klappentext verrät ,dass es um eine Liebesgeschichte mit einem Fußballer geht – das liegt daran, dass ich von "Hummeln im Herzen", dem ersten Buch der Autorin, rundum bezaubert war und danach beschlossen habe, alle ihre Bücher zu lesen. (Meine Rezension.) 
Vieles von dem, was mich an den Hummeln begeistert hat, findet sich auch bei den Schmetterlingen wieder. Der Humor zum Beispiel! Ich liebe den Humor von Petra Hülsmann, denn der ist locker-flockig, einfallsreich und wirkt vor allem nicht erzwungen, sondern ganz natürlich. Zwischen Karo und Patrick sprühen direkt die Funken – allerdings erstmal nicht im positiven Sinne. Sie hasst es, dass sie für einen arroganten Partylöwen den Babysitter spielen soll, er hasst es, dass ihm sein Verein hinterherspioniert und ihm zu allem Unglück noch eine Aufpasserin aufdrängt, die ihn schon früh morgens in perfider Bösartigkeit mit guter Laune nervt. Und das ist wirklich, wirklich witzig.
Zugegeben, am Anfang konnte ich Patrick nicht ausstehen, da war ich vollkommen Karos' Meinung. Wie sie fand ich ihn arrogant und einfach unmöglich – pfft, ist sich zu schade, seine Fanpost selber zu signieren, geht Nacht für Nacht saufen und Frauen abschleppen... Ich hatte leise Zweifel, ob die Autorin es tatsächlich schaffen würde, ihn mir sympathisch zu machen! Aber, wer hätte es gedacht, er wuchs mir wahrhaftig noch ans Herz, denn hinter seinem Verhalten steckt mehr, als man erwarten würde.
Und da war sie wieder, die andere Sache, die mir an den Hummeln schon so gut gefallen hatte: die Charaktere erweisen sich oft als tiefgründiger, als sie auf den ersten Blick erscheinen. Sie haben alle ihre Ängste, Schwächen und Unsicherheiten, auch die eher unwichtigen Nebencharaktere. Wer die Bücher von Petra Hülsmann liebt, kennt zum Beispiel Taxifahrer Knut, den wahren Ausbund an Lebensweisheiten!
Auch wenn der Tiefgang hier nach meinem Empfinden nicht ganz so tief ist wie im letzten Buch, ist Karo dennoch eine glaubhafte, überzeugende Protagonistin. Sie hat viel Zeit, Arbeit und Energie in ein Studium gesteckt, um beruflich richtig durchzustarten, und hat einen spitzenmäßigen Abschluss hingelegt! Da ist es verständlich, dass es sie verletzt und irgendwie auch demütigt, dass sie Babysitterin spielen soll und einfach nichts Besseres finden kann. Da spielt vieles hinein: sie ist die Erste in ihrer Familie, die Abitur gemacht und dann noch studiert hat, worauf ihre Eltern unheimlich stolz sind, was sie aber trotzdem von ihrer Familie etwas entfremdet und besonders für Spannungen mit ihrer Schwester sorgt, die ihr vorwirft, wie hielte sich für etwas Besseres.
Angesprochen wird auch das Dilemma, dem sich viele berufstätige Frauen ausgesetzt sehen: wie kann eine Beziehung funktionieren, wenn beide Karriere machen wollen, und muss die Frau automatisch diejenige sein, die zurücksteckt?
Die Liebesgeschichte hat mir gut gefallen, gerade weil sich nicht einfach alle Schwierigkeiten direkt in Wohlgefallen auflösen. Vielleicht könnte man ihr vorwerfen, ein wenig vorhersehbar zu sein – aber ist es nicht bei den meisten Liebesromanen so, dass man von Anfang an weiß, wer am Schluss mit wem zusammenkommen wird? Der Weg ist das Ziel! Und Petra Hülsmann sorgt natürlich für Stolpersteine, Irrungen und Wirrungen.
Fazit:Die Geschichte ist eine zuckersüße Lovestory zum Wohlfühlen und Entspannen, und das ist für mich Romantikmuffel vollkommen ok – erstaunlicherweise, denn nur 4.6% meiner gelesenen Bücher sind Liebesromane. (Führt nicht jeder Statistiken über seinen Lesekonsum? Nein?) 
Wenn ich sage, dass sie mich nicht im gleichen Maße mitgerissen und berührt hat wie "Hummeln im Herzen", der Erstling der Autorin, dann ist das Meckern auf hohem Niveau – die Hummeln haben die Messlatte einfach sehr hoch gehängt, aber auch die Schmetterlinge haben mich gut unterhalten und oft zum Lachen gebracht. Petra Hülsmann konnte bei mir wieder punkten mit lebendigen Charakteren (inklusive tollen Nebenfiguren) und einem wunderbar 'süffigen' Schreibstil.
...allerdings hätte ich Karo und Patrick manchmal gerne mit den Köpfen aneinander gedotzt und gesagt: Redet einfach miteinander, verdammt!

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55 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 26 Rezensionen

england, adel, ermittlungen, mord, scotland yard

Miss Daisy und der Tote auf dem Eis

Carola Dunn , Carmen von Samson-Himmelstjerna
Flexibler Einband: 236 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 18.08.2017
ISBN 9783746633688
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Miss Daisy ist eine junge Frau aus gutem Elternhaus, mit den besten Verbindungen zum Adel. Es sind die 20er Jahre und ihr Leben hätte eigentlich in gewissen Bahnen verlaufen sollen, wie Tradition und soziale Konventionen es vorgeben: eine standesgemäße Partie und danach ein Leben als charmante Gattin, mit gepflegten Gartenpartys, Jagdgesellschaften, Tanztee und abendlichen Kartenspielen. Tatsächlich ist ihr Verlobter jedoch im Krieg geblieben, ihren Vater hat die Grippe-Epidemie dahingerafft, und Daisy hat nicht die Absicht, die Hände sittsam in den Schoß zu legen und im Haus ihrer Mutter vom verhältnismäßig bescheidenen Erbe zu leben. Stattdessen arbeitet sie als Journalistin und bedient sich offiziell eines Fotografen, der jedoch nur auf dem Papier existiert, da sie ihr Redakteur einer Frau die Bedienung einer Kamera nicht zutraut.
Das war mir schon mal sehr sympathisch. Daisy weiß, was sie will – und vor allem weiß sie, was sie nicht will. Sie ist entschlossen, mutig, aufgeschlossen und intelligent, und dabei lässt sie sich nicht in ein gesellschaftliches Korsett zwängen. Da versteht es sich fast von selbst, dass sie es nicht einfach auf sich beruhen lassen kann, als vor ihren Augen ein Toter aus dem zugefrorenen See gezogen wird, und sich dabei auch nicht davor scheut, mit dem bürgerlichen Inspector Alec Fletcher zusammen zu arbeiten. Der hingegen ist es gar nicht gewöhnt, jemandem vom Adel zu begegnen, der nicht auf ihn herabschaut.
Dieses Buch ist ein waschechter Cosy-Krimi: das Erzähltempo ist eher gemächlich, die Gewalt hält sich in Grenzen, sogar der Mord ist relativ sauber und wird nicht bis ins kleinste Detail beschrieben. Dafür bekommt man einen Einblick ins Leben des Landadels im England der 1920er, mit viel Atmosphäre und bunten Charakterbeschreibungen. Dabei erfährt man Einiges über das Leben der verschiedenen Akteure, das nicht immer unbedingt etwas mit dem Fall zu tun hat: wer ist in wen verliebt, gibt es im Leben der blutjungen zweiten Frau des Grafen ein skandalöses Geheimnis, wird Daisys Kindheitsfreund es jemals aufgeben, ihr trotz ihrer freundlichen, aber entschiedenen Abfuhren Anträge zu machen?
Ja, das ist eine sehr malerische, vielleicht ein bisschen kitschige Sicht auf die Zeit und das Leben der Menschen damals. Gut, es erfindet ehrlich gesagt auch das kriminalliterarische Rad nicht neu. Aber es hat seinen ganz eigenen Charme, und das soll auch nicht heißen, dass das Buch nicht spannend ist – nur wandelt Miss Daiys eben eher auf den Spuren von Miss Marple als auf den Spuren von Smoky Barrett. Oder: eher Rosenheim-Cops als Hannibal.
Mir hat gut gefallen, wie Daisy sich in die Ermittlungen stürzt: kein bisschen zimperlich, dafür aber mit guter Beobachtungsgabe und viel Enthusiasmus. Die Auflösung fand ich gut konstruiert; mir war bis zum Schluss nicht klar, wer den Toten ins Eis befördert hat und warum, aber die Erklärung war in meinen Augen schlüssig und glaubhaft.
Dass es dabei zwischen Miss Daisy und Inspector Fletcher ein wenig kribbelt, ist meines Erachtens (noch?) erfreulich dezent und kitschfrei! Ich könnte mir aber vorstellen, dass sich daraus in den Folgebänden eine echte Romanze entwickelt.
Der Schreibstil liest sich leicht und angenehm, beschreibt dabei aber alles bildlich und lebendig genug, dass man es sich wunderbar vorstellen kann. Die Autorin vermittelt einem das Gefühl, wirklich einen kleinen Blick in die Zeit zu werfen, mit all ihren Gepflogenheiten und gesellschaftlichen Normen. 
Fazit:Miss Daisy könnte Fans von Miss Marple begeistern: zwar ist sie mit 25 Jahren weitaus jünger als die so berühmte wie betagte Amateurdetektivin, aber auch sie ist eine kultivierte Lady, die sich mit Enthusiasmus in Ermittlungen stürzt, die sie eigentlich nichts angehen. Während Miss Marple in den 30er Jahren ihr Unwesen treibt, lebt Miss Daisy in den 20ern, entstammt dem Landadel und besteht skandalöserweise darauf, sich ihren Lebensunterhalt mit Journalismus zu verdienen. In diesem ersten Band begibt man sich mit ihr ins Herrenhaus Wentwater Court, wo sie eigentlich nur einen Artikel über das Anwesen schreiben will, stattdessen aber messerscharf feststellt, dass ein vermeintlicher Schlittschuhunfall in Wirklichkeit Mord sein muss.
Für Fans von blutigen Gemetzel oder psychopathischen Serienkillern ist dies ganz bestimmt nicht das Richtige, aber wer gelegentlich gerne einen malerischen Kuschelkrimi mit gemütlichem Tempo und historischem Ambiente liest, sollte es mal mit Miss Daisy versuchen. Die Charaktere sind bunt und lebendig, der Fall schön konstruiert, die Sicht auf die 20er Jahre eventuell ein bisschen geschönt, aber charmant, und die Auflösung  solide und unerwartet. 

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42 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

japan, selbstmord, buchpreis, dtsch.bpreis-shortlist, fremde völker

Die Kieferninseln

Marion Poschmann
Fester Einband: 168 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 11.09.2017
ISBN 9783518427606
Genre: Romane

Rezension:

Gilbert Silvester geht jegliche Fähigkeit zur Selbstreflexion vollständig ab. 
Seine Wahrnehmung ist seine Wirklichkeit ist die absolute, unumstößliche Wahrheit: er träumt, seine Frau habe ihn betrogen, also hat sie ihn betrogen, also lügt sie, wenn sie es abstreitet. Traum und Wirklichkeit sind fließende Konstrukte, deren Grenzen von Gilbert in keinster Weise hinterfragt werden.
Und so fliegt er nach Japan – obwohl er Ländern, in denen mehr Tee als Kaffee getrunken wird, grundlegend misstraut! –, beschließt, auf den Spuren des verehrten Dichters Matsuo Bashō zu wandeln, rettet den Studenten Yosa Tamagotchi vor dem Suizid und nimmt ihn kurzerhand mit auf seine merkwürdige Pilgerreise.
Kulturschock? Ja und nein. 
Unbeirrt belehrt Gilbert seinen jungen Begleiter über die Kultur seines eigenen Landes, was der sich fast schon unterwürfig gefallen lässt, erweist sich jedoch selber als nahezu unbelehrbar. Fest entschlossen, auf seiner Pilgerreise Erleuchtung zu erleben, lässt er diese über weite Strecken des Buches dennoch nicht zu. Er will beeindruckt werden, ist aber unempfänglich: sowohl für die Schönheit imaginärer Kirschblüten (da die Jahreszeit die falsche ist für echte Blüten) als auch für das albtraumhafte Szenario des Selbstmordwaldes von Aokigahara, wo Yosa den idealen Ort für seinen Freitod sucht.
Erst im Kabuki-Theater ist Gilbert gegen seinen Willen dann doch fasziniert, obwohl oder gerade weil ihm das Konzept vollkommen fremd ist. 
Die Autorin spielt mit dem klassischen Doppelgängermotiv: Gilbert spiegelt sich wider in Yosa, projiziert seine eigenen Schwächen, Ängste und Sehnsüchte auf den jungen Mann und würdigt ihn für genau diese herab. So sagt er, ohne sich der Ironie bewusst zu sein, er setze "keinerlei Vertrauen mehr in Yosas Vorschläge, die bisher samt und sonders davon zeugen, wie ein undisziplinierter Geist sich von verworrenen Gefühlen übermannen und sich zu irrationalen und sinnlosen Handlungen treiben lässt". 
So deutlich ist Yosa ein Spiegelbild von Gilbert, dass man sich als Leser fragen muss: gibt es diesen Studenten mit dem unwahrscheinlichen Nachnamen 'Tamagotchi' überhaupt? Befindet sich Gilbert wirklich auf einer Reise nach Matsushima oder ist das alles nur ein Traum? Die Autorin verzichtet auf einfache Erklärungen, so dass jeder Leser seine eigene Wahrheit finden muss. 
"Die Kieferninseln" ist eine sprachlich wunderschöne, inhaltlich außergewöhnliche Gratwanderung zwischen Schein und Sein. Dabei ist das Buch nicht nur durch seine lyrische Wortmalerei ansprechend, sondern auch durch sein feines Psychogramm eines unverbesserlichen Pedanten, mit dem man dennoch mitfühlen muss, da er, ob ihm das nun bewusst ist oder nicht, auf der Suche ist nach mehr als seiner beengten Existenz. 
Es ist kein Buch zum Verstand abschalten und berieseln lassen, dafür aber eines, das zeigt, dass anspruchsvolle Literatur nicht trocken und langweilig sein muss: die Geschichte ist unterhaltsam, sie ist spannend, sie ist manchmal von einer Art tragisch angehauchter Komik. Gilbert und Yosa sind eine sonderbare Reisegemeinschaft, innerhalb derer vieles ungesagt bleibt – aber es ist ein beredtes Schweigen, in das der Leser viel hinein interpretieren kann, so wie das japanische Haiku erst vollendet wird durch die Interpretation des Lesers. 
Matsuo Bashōs Leben spielt nur im Hintergrund eine Rolle, aber seine Lyrik schwingt mit in den Beschreibungen der Landschaften, den von Marion Poschmann gewählten Bildern und nicht zuletzt den von Gilbert und Yosa verfassten Haiku, so laienhaft diese auch sein mögen. 
Fazit:Ein Traum veranlasst den Bartforscher Gilbert Silvester dazu, seine Frau zu verlassen und ins erstbeste Flugzeug zu steigen. Dieses fliegt nach Japan, wo Gilbert den Dichter Matsuo Bashō für sich entdeckt, den Studenten Yosa Tamagotchi (!!) vor dem Selbstmord bewahrt und eine Pilgerreise zu den Kieferninseln antritt. 
Die Geschichte hat etwas Schwebendes, Schwereloses: Man weiß nie genau, wo die Grenzen zwischen Schein und Sein verlaufen – was erlebt Gilbert wirklich, was ist vielleicht nur ein Traum? Man kann vieles zwischen den Zeilen entdecken, hinterfragen,  interpretieren, oder auch einfach die Schönheit der Sprache auf sich wirken lassen.
Für mich ist dieses Buch ganz klar ein verdienter Anwärter auf den Deutschen Buchpreis! 

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190 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 104 Rezensionen

magie, fantasy, essenzstab, andreas suchanek, urban fantasy

Das Erbe der Macht - Essenzstab

Andreas Suchanek
E-Buch Text
Erschienen bei Greenlight Press, 28.10.2016
ISBN 9783958342255
Genre: Fantasy

Rezension:

Zunächst ein kleiner Hinweis zum Format, in dem diese Reihe erscheint: es handelt sich hier um ein sogenanntes 'Serial'  – jeden Monat kommt eine neue Folge als eBook heraus, das etwa 120 bis 150 Druckseiten entspricht. In regelmäßigen Abständen veröffentlicht der Verlag außerdem Sammelbände, die jeweils drei Folgen in einem schicken Hardcover zusammenfassen.
Nachdem mich die erste Folge der Reihe bereits wunderbar unterhalten hat, konnte mich die zweite ebenfalls überzeugen und ich habe sie in kürzester Zeit inhaliert. Die vorgestellte Welt ist interessant, scheint mir bisher auch recht komplex und bietet eine solide Grundlage für Geschichten, die sich hoffentlich nach und nach zu einem epischen Gesamtwerk mit übergreifendem Spannungsbogen zusammensetzen werden. Bisher verläuft die Handlung jedenfalls vielversprechend!
Das Tempo ist hoch: die Helden werden schnell mit brenzligen Situationen und diversen Herausforderungen konfrontiert, so dass es nie langweilig wird. Klar, natürlich gibt es das ein oder andere Element, das einem zunächst aus anderen Fantasybüchern bekannt vorkommt (das lässt sich in diesem Genre nur schwer vermeiden), aber Andreas Suchanek wartet mit genug einfallsreichen Details auf, um etwas ganz Eigenes daraus zu machen, so dass sich die Geschichte dennoch originell und spannend liest.
In diesem Band lernt man vor allem Alex und Jen besser kennen, denn die beiden werden mit etwas konfrontiert, was sie schockiert und den jeweils anderen in einem sehr ungünstigen Licht erscheinen lässt – und das ausgerechnet zu einer Zeit, als die Kämpfer des Lichts wirklich mehr als genug Probleme haben. Mir gefallen beide als Protagonisten sehr gut, weil sie deutlich vielschichtiger sind, als der erste Eindruck vielleicht vermittelt! Auch die anderen Charaktere machen neugierig auf ihre Hintergrundgeschichten und Geheimnisse, über die man hoffentlich in zukünftigen Folgen noch mehr erfahren wird.
Der Schreibstil liest sich sehr locker: lässig und ungezwungen und mit mehr als einer Prise Humor. Dabei gelingen dem Autor die actionreichen Szenen in meinen Augen besser als die emotionalen, aber das kann durchaus noch kommen, wenn der Leser die Charaktere im Laufe der Reihe besser kennen lernt. In dieser zweiten Folge hatte ich schon das Gefühl, dass die Charaktere im Vergleich zur ersten mehr Tiefgang entwickeln, und wenn sich der Trend fortsetzt, lässt das Gutes erwarten.
Ein wenig gewundert habe ich mich darüber, dass die verschiedenen Charaktere sich auch in den dramatischsten Situationen noch über alles mögliche unterhalten können! Manchmal kam mir das nicht so ganz glaubhaft vor... 
Fazit:Ein kleiner Happen Fantasy für zwischendurch: Andreas Suchanek erzählt seine Geschichte vom Erbe der Macht in kurzen Folgen von etwa 120 bis 150 Seiten, die sich unterhaltsam und spannend locker runterlesen. Die Welt und die Handlung haben viel Potential, und es bleibt zu hoffen, dass die Reihe dieses bis zum großen Finale auch voll entfaltet! 

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Zauberhafte Fantasiewelten zum Ausmalen


Flexibler Einband: 80 Seiten
Erschienen bei Ars Edition, 19.07.2017
ISBN 9783845823157
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Dies ist jetzt schon mein dritter Malblock von Ars Edition, und bisher war ich immer sehr zufrieden mit der Qualität. 
Die Ausmalbilder in diesen Büchern sind einseitig auf hochwertiges, glattes Papier gedruckt und lassen sich leicht und sauber aus dem Block herauslösen. Das Papier eignet sich durch seine Dicke wunderbar für Buntstifte, Filzstifte und Marker, ohne auf die Rückseite durchzudrücken, mit Aquarellfarben habe ich es nicht getestet.  Bei meinem Beispielbild habe ich erst grundlegend mit Filzstiften in dezenten Farben ausgemalt und dann mit Buntstiften detaillierter und mit verschiedenen Farben darüber schattiert.
Jeder Block enthält 40 verschiedene Motive in unterschiedlichen Zeichenstilen und Schwierigkeitsgraden. Manche sind eher anspruchsvoll, andere lassen sich ganz entspannt zwischendurch ausmalen, ohne sich zu sehr darauf konzentrieren zu müssen. Die Bilder eigenen sich zum Teil sicher schon für kleine Künstler ab 8 Jahren, aber auch Erwachsene werden genug Auswahl finden, ohne sich unterfordert zu fühlen. 
In diesem Block finden sich die klassischen Fantasy-Motive wie Elfen, Drachen oder Einhörner, aber auch ungewöhnlichere wie der Igel auf meinem Beispielbild, dem statt Stacheln eine kleine Stadt auf dem Rücken wächst. Einige der Motive haben schon einen teilweise farbigen Hintergrund

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julia wolf, buch, rezension, frankfurter verlagsanstalt, buchbewertung

Walter Nowak bleibt liegen

Julia Wolf
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 07.03.2017
ISBN 9783627002336
Genre: Romane

Rezension:

Walter Nowak ist einer, der es durch harte Arbeit weit gebracht hat im Leben. Ein eigenes Hochbauunternehmen, das ist doch was, da kann man stolz drauf sein. Zwar ist er inzwischen in Rente, aber er kann sich immer noch einen angenehmen Lebensstil leisten. Zuhause hat er eine schöne Frau, deutlich jünger als er – die hat die Mutter seines Sohnes als erste Ehefrau ersetzt, aber was soll man machen? Was soll man da machen, wenn eine Frau wie für einen geschnitzt ist?
Walter ist nach wie vor ein echtes Alphatier. Einer, der sich nicht gehenlässt, wo käme man denn da hin? Jeden Morgen schwimmt er seine Bahnen – komme, was wolle! – und ist stolz darauf, dass er körperlich noch was hermacht: kein Tattergreis, sondern ein gestandener Kerl, den die Frauen begehrlich anschauen. 
Oder zumindest ist das, wie er seine Welt wahrnimmt.
Man lernt viel über die Schattenseiten des Walter Nowak. Jedoch nicht etwa, weil er sein Verhalten kritisch hinterfragen würde – ganz im Gegenteil. Vielleicht ist gerade das seine größte Sünde: nicht sein notorischer Ehebruch, nicht seine Herabwürdigung der Frauen auf ihre körperlichen Reize, ja, nicht einmal seine Vernachlässigung des eigenen Sohnes. Sondern die Tatsache, dass er all dies entweder vor sich rechtfertigt oder sich dessen gar nicht bewusst ist. Es ist die junge Haushaltshilfe, die ihm schöne Augen gemacht hat, da kann er doch nichts für, das wird er seiner Frau sagen, die wird das schon verstehen. Und sein Sohn entspricht eben nicht dem, was er sich gewünscht – nein, was er gefordert hat: im Grunde eine jüngere Ausgabe von sich selbst.
Walter Nowak bleibt liegen, vielleicht blutend, vielleicht sterbend, und stürzt doch haltlos durch sein Leben. Seine Gedanken springen von einem Thema zum nächsten, manchmal gänzlich ohne ersichtlichen Zusammenhang, und dennoch kehren sie immer wieder zurück zu den gleichen Menschen und den gleichen Motiven. Wie ein Blick durchs Kaleidoskop: bunte Erinnerungssplitter, die sich zusammensetzen zu einem unvollständigen, vielleicht sogar verfälschten Bild, denn Walter ist sich selbst nicht mehr sicher, was Wahrheit ist und was Wahn. Hatte er wirklich einen Unfall im Schwimmbad? Ist das Blut in seinem Gesicht oder doch nur Saft? Ihm gehen Minuten verloren, Stunden verloren.
Der Schreibstil gibt Walters Verwirrung, sein Aufbäumen gegen die eigene Hilflosigkeit perfekt wieder. Dazu kommt, was? Eine gewisse Demenz, eine Gehirnerschütterung? Schlimmeres? Im Bewusstseinsstrom brechen Gedanken mitten im Satz ab, nur um später unvermittelt wieder aufgegriffen zu werden. Zeiten, Orte, Personen, alles kann sich plötzlich ändern. Nicht immer einfach zu lesen, dafür aber so immersiv, dass es schmerzt.
"Also abstoßen, also los jetzt, keine Müdigkeit, schon gleite ich durchs Wasser, vorschützen. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, wie ich durchs Wasser gleite, und alles ist blau und kühl, das Sonnenlicht glitzert nur so, herrlich. Ich schließe die Augen, und. Wie die mich angeguckt hat. Wenn Yvonne gesehen hätte, wie die Olga mich, die wäre weg vom Fenster, die hätte die längste Zeit, zwölf Euro die Stunde, cash auf die Kralle, bar auf die Hand. "(Zitat)
Julia Wolf verwendet zahlreiche Bilder für Walters Scheitern. So geht er jeden Tag schwimmen, um sein Selbstbild als toller Hecht zu stärken, zieht sich jedoch mittels Ohrstöpseln und hermetisch dichter Badekappe zumindest akkustisch aus der Wirklichkeit zurück. Sie lässt ihn in angeekelte Panik verfallen, als ihm unter Wasser ein Frauenhaar ins Gesicht geschwemmt wird – überhaupt scheint er sich von Frauen nicht nur angezogen, sondern vage bedroht zu fühlen. Da könnte man ihn ja, also, man könnte ihn als Lustmolch abstempeln. Dabei hat er doch nur... Seine Frau wird das verstehen. Oder nicht? Er hinterfragt nicht, ob an der befürchteten Anschuldigung etwas Wahres sein könnte.
Die Erzählung entbehrt nicht einer gewissen Komik. Dennoch: so unsympathisch Walter manchmal wirkt, so tragisch ist seine Geschichte auch. Vaterlose Kindheit. Erinnerungen an Schläge. Halb bewusste, nie erfüllte Sehnsüchte. Wo hat das Leben ihn hingeführt, diesen überlebensgroßen Frauenheld und Erfolgsmenschen? Zweisame Einsamkeit, ein gescheitertes Verhältnis zum eigenen Sohn. 
Obwohl die Autorin niemals rührselig wird, kann einen Walter doch rühren, trotz all seiner Fehler. Man spürt, da ist etwas, eine sensible Seite, ein liebevolles Wesen. Wäre sein Leben anders verlaufen, dann. Vielleicht?
Fazit: "Walter Nowak bleibt liegen" ist ein unbequemes, sperriges Buch, dessen Protagonist es dem Leser nicht leicht macht. Man muss sich gnadenlos mitreißen lassen von Walters Bewusstseinsstrom, aber dieses Stilmittel wird von Julia Wolf virtuos eingesetzt. Von außen betrachtet passiert nicht viel: ein alter Mann hat einen Badeunfall, liegt bewegungsunfähig auf dem Boden und denkt über sein Leben nach. Was die Erzählung dennoch bewegend, spannend, lustig oder traurig macht, spielt sich nur in Walters Kopf ab.
Man lernt ihn gut kennen, diesen alten Schwerenöter, Ehebrecher, miserablen Vater. Mit Überraschung stellte ich auf der letzten Seite fest, dass ich ihn ins Herz geschlossen hatte – eine Meisterleistung der Autorin. Im Grunde ist Walter ein zutiefst verwundeter Mensch, der seinem eigenen Glück immer im Weg gestanden hat, und ich konnte mich der Menschlichkeit dieses Charakters nicht entziehen.
Für mich einer der originellsten Romane der letzten Jahre, aber sicher nicht jedermanns Sache.

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moor, thriller, psychopath, gefangenschaft, karen dionne

Die Moortochter

Karen Dionne , Andreas Jäger
Flexibler Einband
Erschienen bei Goldmann, 24.07.2017
ISBN 9783442205356
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die ersten zwei Dinge, die mir zu diesem Buch einfallen:
Erstens, es ist ungewöhnlich, aus psychologischer Sicht interessant und in einem schnörkellosen, indes ausdrucksstarken Schreibstil geschrieben.
Zweitens, es ist kein Thriller. Nicht mal ansatzweise. 
Letzteres kann natürlich ein großes Manko sein für den Leser, der nur zu "Moortochter" gegriffen hat, weil er dem Aufdruck 'Psychothriller' auf dem Cover geglaubt hat. (Verständlicherweise.) Wer es mit dieser Erwartung und ausschließlich dieser Erwartung liest, wird mit großer Wahrscheinlichkeit enttäuscht werden – ich habe ein paar negative Rezensionen zu dem Buch gelesen, und diese enthielten fast alle eine Variation von dem, was ich eben unter 'Zweitens' gesagt habe.
Doch auch, wenn man diese Erwartung erstmal beiseite lässt, ist es immer noch ein Buch, das die Meinungen spaltet. Es war das Buch des Monats in unserem Krimi-Lesekreis und rief bei unserem letzten Treffen die volle Bandbreite an Reaktionen hervor: von Begeisterung über verhaltene Zufriedenheit bis hin zu tödlicher Langweile oder sogar Abbruch.  Ich selber gehörte zur Faktion der Begeisterten.
Wenn es kein Psychothriller ist, was ist es dann? 
In meinen Augen vor allem das komplexe Psychogramm einer Frau, die unter höchst ungewöhnlichen Voraussetzungen aufgewachsen ist. Ihre Kindheit verbrachte Helena zusammen mit ihren Eltern in einer winzigen Hütte in der Einsamkeit des Moors – ohne zu ahnen, dass ihre Mutter nicht freiwillig dort war und ihr Vater ein Entführer, Vergewaltiger und Mörder.  Ihr erschien vieles normal, weil sie nicht wissen konnte, wie Normalität aussieht. Nicht alle Väter sperren ihre Töchter tagelang im Brunnenschacht ein. Nicht alle Väter schneiden ihnen bei Ungehorsam Worte in den Arm. Und dennoch empfindet Helena ihre Kindheit im Rückblick als glücklich, das Verhalten ihres Vaters als gerechtfertigt. Vom Verstand her weiß sie, dass dem nicht so ist, aber sie ist immer noch geprägt von seiner Erziehung. Sie ist stolz darauf, dass sie als Kind schon Fallen stellen, Spuren lesen, jagen und töten konnte, und (ob sie will oder nicht) sie ist ihm dankbar dafür. Ihre glücklichsten Erinnerungen sind solche, in denen sie ihn stolz machen konnte – wie zum Beispiel die Erinnerung an ihr erstes selber getötetes und ausgeweidetes Tier.
Ein Großteil des Buches konzentriert sich auf Helenas Erinnerung an ihre Kindheit, die Jagd auf den entflohenen Vater rückt da deutlich in den Hintergrund. Ich fand es trotzdem spannend, weil ich von Helena und ihrer Sicht auf die Welt fasziniert war.
Sie ist verheiratet, hat Kinder, und dennoch merkt man auf jeder Seite, dass sie emotional verkümmert ist. Ja, sie liebt ihre Kinder und würde für sie töten, aber ansonsten spürt man ihre Gefühle so gut wie nie. Auch nach all den Jahren ist sie im Grunde immer noch fixiert auf ihren Vater, und deswegen bleiben alle Charaktere außer ihm und Helena selber blass, unwichtig, Nebensache. Ich sehe das nicht als Scheitern der Autorin, denn es passt zu dem, was Helena erlebt hat, und ist in meinen Augen daher sicher gewollt. Tatsächlich sehe ich es als Kunststück der Autorin an, dass man als Leser trotz Helenas distanzierter Art überhaupt so einen guten Einblick in ihr Seelenleben erhält.
Da die Geschichte aus Helenas Sicht und in ihren eigenen Worten erzählt wird, ist der Schreibstil klar und direkt, ohne große Dramatik oder überbordende Emotion. Er fokussiert sich auf die Dinge, die in Helenas Welt entscheidend und wichtig sind, und vieles davon hat mit dem Überleben in der Wildnis zu tun, obwohl sie schon einige Jahre in der Zivilisation lebt, abgesehen von regelmäßigen Jagdausflügen.
Bei einem typischen Thriller wäre die Jagd nach dem Vater das wichtigste Element des Buches, und das fulminante Finale würde damit stehen oder fallen, ob Helena ihn tötet, ausliefert oder laufen lässt. Tatsächlich war mir das im Grunde jedoch vollkommen egal – was mich viel mehr interessierte, war, ob sie sich am Schluss emotional von ihrem Vater lösen kann oder nicht, und in der Hinsicht fand ich die Auflösung gelungen. 
Fazit:Obwohl "Moortochter" in meinen Augen kein Psychothriller ist, sondern vielmehr ein Roman mit psychologischen Spannungselementen, hat mir das Buch nichtsdestotrotz sehr gut gefallen. Die Autorin erzählt dem Leser die Geschichte einer Frau, die durch ihre Kindheit als Tochter eines Entführers und Mörders emotional verkrüppelt ist, ohne dabei in Melodrama oder Effektheischerei zu verfallen. Dennoch entwickelten die Geschehnisse auf mich eine enorme Sogwirkung. 
Die im Klappentext beschriebene Jagd auf den Vater ist zweitrangig, viel interessanter sind die zahlreichen Rückblicke auf Helenas sonderbare Kindheit im Moor.

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3.484 Bibliotheken, 42 Leser, 6 Gruppen, 77 Rezensionen

barcelona, bücher, spanien, liebe, roman

Der Schatten des Windes

Carlos Ruiz Zafón , Peter Schwaar
Flexibler Einband: 576 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 07.03.2013
ISBN 9783596196159
Genre: Romane

Rezension:

Über dieses Buch, den ersten Band der Reihe rund um den Friedhof der Vergessenen Bücher, haben schon tausende von Lesern geschrieben und gesprochen – die meisten begeistert, verzaubert, hoffnungslos gefangen in diesem Barcelona, das irgendwo zwischen Realität und magischem Realismus angesiedelt ist.
Deswegen werde ich dem Chorus meine eigene Meinung nur kurz und knapp hinzufügen:
Originalität: 
Die Mischung macht's:  Ruiz Zafón nimmt den Leser mit auf eine außergewöhnliche Gratwanderung zwischen Historie, Abenteuer, Krimi, Liebesgeschichte und Fantasie.
Spannung:
Der Geschichte kann man sich nur schwer entziehen – sie wartet mit einigen unerwarteten Wendungen, unterschwelligen Bedrohungen und ganz großen Emotionen auf. Die Liebe zur Literatur ist ein wichtiges Grundthema das Buches, das mich als Leserin natürlich stark angesprochen hat.Logik / Schlüssigkeit:
Das Barcelona des Buches ist eine literarische Fiktion, aber fest genug in der Realität verankert, um glaubhaft zu sein.
Charaktere:
Carlos Ruiz Zafón schreibt lebendige, oft schrullige, manchmal regelrecht skurille Charaktere, die einem lange im Gedächtnis bleiben. Protagonist Daniel hat seine Schwächen, ist aber von genug starken Charakteren umgeben, um das Buch tragen zu können.
Romantik:
Für mich anfangs ein wenig ermüdend, denn Daniel neigt dazu, sich in unmögliche Romanzen zu verrennen. Das Buch hat aber durchaus ganz große romantische Momente.
Schreibstil:
Der Schreibstil ist die Wunderwaffe dieses Autors. Wunderbare Metaphern und Bilder, dichte Atmosphäre, Sätze, die man sich auf der Zunge zergehen lassen will. Ein Buch, das man durchaus mehrmals lesen kann – und das will was heißen, denn ich lese Bücher nur sehr selten mehr als einmal. 
Fazit:Ich bin begeistert, verzaubert, hoffnungslos gefangen in diesem Barcelona, das irgendwo zwischen Realität und magischem Realismus angesiedelt ist. 

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243 Bibliotheken, 17 Leser, 0 Gruppen, 79 Rezensionen

dystopie, jugendbuch, die perfekten, gene, freundschaft

Die Perfekten

Caroline Brinkmann , Caroline Brinkmann
Fester Einband: 587 Seiten
Erschienen bei ONE ein Imprint der Bastei Lübbe AG, 25.08.2017
ISBN 9783846600498
Genre: Jugendbuch

Rezension:

"Die Perfekten" präsentiert dem Leser eine komplexe, gut durchdachte Zukunftsvision mit einem glaubhaften Gesellschaftssystem. Dabei bietet das Buch nicht nur eine starke junge Heldin und eine Handlung voller Spannung und Action, sondern es wirft auch interessante ethische Fragen auf. Obwohl unsere Wirklichkeit (noch) nicht dem entspricht, was hier beschrieben wird, kann man sich doch zumindest vorstellen, dass wir uns irgendwann dorthin entwickeln könnten – und das ist eine unbehagliche Vorstellung, die genau das erfüllt, was ich mir von einer guten Dystopie erwarte.
Die Menschheit befindet sich in einer scheinbar unaufhaltsamen Entwicklung: einer Abwärtsspirale, in deren Verlauf das Genmaterial immer mehr Bedeutung erlangt und nicht nur den sozialen Status, sondern auch berufliche Möglichkeiten und sogar Grundrechte bestimmt und begrenzt.
Die Menschen der untersten Klasse werden anhand ihrer Gene in Dreien, Zweien und Einsen unterteilt. Je schlechter die Einstufung, desto weniger Jahre darf ein Kind zum Beispiel zur Schule gehen. Eine Drei muss im Alter von nur 10 Jahren die Schule verlassen, weil es als Verschwendung angesehen wird, Ressourcen an einen so 'minderwertigen' Menschen zu verschwenden, die Einsen dagegen haben die Chance, eine höhere Schulbildung zu absolvieren und in die nächste gesellschaftliche Klasse aufzusteigen.
Menschen, die gar nicht registriert sind (sogenannte 'Ghosts') sind vollkommen rechtlos, und zu denen gehört auch Rain, die Protagonistin des Buches.
Über allem stehen die Gesegneten: wunderschöne, gesunde, starke und intelligente Supermenschen, die das Land regieren, gottgleich verehrt werden und im Luxus leben, während die Arbeiter in den ärmeren Zirkeln sich die Lunge verätzen, weil in den Fabriken keine Filteranlagen installiert sind.
Rain muss nicht in tödlichen Spielen antreten, ganz im Gegenteil: war sie als Ghost eben noch Abschaum, gehört sie auf einmal zur obersten Elite: nicht nur zu den Perfekten, sondern sogar zu den Gesegneten. Wie ungerecht diese Gesellschaft ist, wie bodenlos die Kluft zwischen den normalen Menschen und den Gesegneten, sieht man gut an Rains Reaktionen auf ihre neue Umgebung.
Sie ist eine wunderbare Heldin für junge Leserinnen: entschlossen, mutig, intelligent und selbstlos genug, um sich eine Veränderung ihrer Welt zu wünschen, auch wenn sie selber jetzt ein unbeschwertes Leben ohne Sorgen führen könnte. Dabei ist sie erfinderisch genug, um sich nicht einfach blindlings den Rebellen anzuschließen, die eine Veränderung durch Gewalt anstreben, sondern sich ihren eigenen Weg zu suchen.
Ihr Gegenpart ist der junge Lark, der zwar zu den Einsen gehört, es aber dennoch sehr schwer hat. Seine kleine Schwester, die er über alles liebt, ist sehr krank, wurde deswegen als Drei eingestuft und benötigt teure Medikamente, die ihr aufgrund ihres Status' verweigert werden. Ich habe von Anfang an mit Lark mitgefühlt, denn er ist wirklich ein sehr anständiger Mensch, hat aber oft keine Wahl, als fatale Entscheidungen zu treffen, um seiner Schwester zu helfen.
Es gibt auch eine ganze Reihe von interessanten Nebencharakteren, aber das würde den Rahmen dieser Rezension sprengen! Deswegen nur soviel: Mir hat gut gefallen, dass die Autorin sich traut, ihre Protagonisten auch mal gnadenlos scheitern oder wirklich schlimme Dinge tun zu lassen, weil sie schlicht keine andere Wahl haben. Das machte die Welt und ihre Charaktere für mich nur glaubhafter, und es brachte auch die Ungerechtigkeit des Systems umso deutlicher hervor.
Eine Liebesgeschichte wird (zumindest bisher) nur angedeutet, und das ist in meinen Augen eine erfreuliche Abwechslung.
Der Schreibstil ist locker und passend für ein Jugendbuch, baut aber durch bildliche Beschreibungen auch sehr gut Atmosphäre auf.
Gegen Ende gingen mir manche Entwicklungen etwas zu schnell, aber abgesehen davon hat mich das Buch als originelle Dystopie, die sich auch gut für junge Leser eignet, überzeugt.
Fazit:Bist du eine Eins, eine Zwei oder vielleicht nur eine Drei? Bist du womöglich perfekt, oder gar gesegnet?
In der Zukunftsvision dieses Buches hängt das alleine von deinen Genen ab. Wird dein Erbmaterial als nicht gut genug erachtet, bleiben dir Dinge wie eine umfassende Schulbildung, Medizin oder ausreichende Ernährung verweigert. Schließlich streben die Gesegneten eine Welt an, in der Zweien und  Dreien ausgestorben sind, ohne dass sich jemand die Finger schmutzig machen musste. Wohlstand, Bildung und gleiche Rechte für alle – die dann noch übrig sind.
"Die Perfekten" ist eine Dystopie, die sicher Fans von "Die Tribute von Panem" oder "Die Bestimmung" ansprechen wird, ohne eine Kopie dieser beliebten Reihen zu sein. Ich fand die Protagonisten interessant und gut geschrieben, die Welt glaubhaft und die Spannung durchgehend hoch, insofern würde ich das Buch weiterempfehlen!

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Feenglück & Einhornzauber

Marielle Enders
Flexibler Einband: 80 Seiten
Erschienen bei Ars Edition, 16.06.2017
ISBN 9783845822716
Genre: Sonstiges

Rezension:

Mein Vater würde wahrscheinlich den Kopf schütteln und etwas davon brummeln, dass ich mit Ü40 doch langsam aus dem Alter für Feen und Einhörner rausgewachsen sein sollte. Ich habe den Verdacht, dass er dem ganzen Phänomen 'Malbücher für Erwachsene' ohnehin etwas skeptisch gegenübersteht. 
Aber Ausmalen hat etwas sehr Entspannendes, fast schon Meditatives. Man kann dabei Musik hören (oder Hörbücher, was ich gerne mache), nebenher den Fernseher laufenlassen oder einfach nur die Stille zu und die Gedanken schweifen lassen. Man kann ausmalen, als wäre man wieder Kind – also einfach nur den ersten Stift greifen, dessen Farbe einen gerade anspricht, und loslegen –, oder vorher ein ausgeklügeltes Farbschema planen und die Farben sorgfältig schatten und verblenden. Alles ist möglich, und alles ist ok, und das ist gerade in der Welt der Erwachsenen sehr erholsam. 
Und nach dieser erwachsenen Begründung muss ich zugeben: ich mag Feen und Einhörner einfach. 
Aber jetzt ein paar Worte zur Ausstattung dieses kleinen Büchleins: 
Der Block bietet 40 verschiedene Motive auf einseitig bedruckten Seiten, die sich ganz leicht heraustrennen lassen, was das Ausmalen einfacher macht. Man findet hier natürlich die im Titel angekündigten Feen und Einhörner, dekorativ drapiert mit Blumen und Vögeln, aber zum Beispiel auch Pegasi (Pegasusse? Pegasen? Pegasoi?) und einen Faun. Die Motive sind auf schweres, glattes Papier gedruckt, so dass man auch Filzstifte und Marker benutzen kann, ohne dass die Farbe 'durchblutet' oder die Seite wellt. (Wasserfarben habe ich nicht ausprobiert.) Ich habe zum Beispiel immer erst mit einem Filzstift in einem dezenten Pastellton eine Grundlage geschaffen, auf der ich dann mit Künstlerbuntstifen schattiert habe. 
Der Zeichenstil von Marielle Enders ist locker-leicht und charmant. Den Schwierigkeitsgrad würde ich je nach Bild zwischen leicht bis mittel einschätzen, die meisten Bilder enthalten kaum bis keine winzigkleinen fitzeligen Mikro-Details, die man nur mit gut gespitztem Buntstift ausmalen kann, sondern lassen sich ganz entspannt ausmalen. Ein kleiner Teil der Bilder hat einen farbigen Hintergrund. 
In meinen Beispielbildern habe ich jeweils nur einen kleinen Teil des Bildes ausgemalt, damit im Vergleich zu sehen ist, wie die Seiten unausgemalt und ausgemalt aussehen.

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91 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 21 Rezensionen

psychothriller, pflegefamilie, düster, thriller, psychologischer spannungsroman

Ich bin böse

Ali Land , Sonja Hauser
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 20.02.2017
ISBN 9783442484560
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

"Ich bin böse" findet sich auf den Seiten von Onlineshops meist in der Sparte 'Krimi' oder 'Thriller', aber es hat schon seine Gründe, warum der Verlag sich stattdessen für die zurückhaltendere Bezeichnung 'Psychologischer Spannungsroman' auf dem Cover entschieden hat. 
Ja, es gibt ein Gerichtsverfahren – aber es geht nicht wirklich (oder zumindest nicht zentral) um die Aufklärung des Falls. Ja, es gibt eine Serienmörderin – aber die Auswirkungen ihrer Taten auf die Psyche ihrer Tochter sind für die Geschichte wichtiger als der Keller voller Kinderleichen. (Damit verrate ich nicht zuviel, denn man erfährt schon ganz am Anfang, was der Mutter vorgeworfen wird.) 
Das Buch beschönigt nichts. Das heißt jedoch keineswegs, dass der grausame Tod eines kindlichen Opfers im Detail beschrieben wird, womöglich noch seitenlang und voyeuristisch. Das ist gar nicht nötig: Millys kurze Gedankenblitze, Erinnerungsfetzen an den Gestank im Keller oder das Guckloch, durch das sie die Taten ihrer Mutter beobachten musste, reichen vollkommen aus, um einen Einblick zu gewähren in das Grauen, aus dem Millys Kindheit hinter der Fassade der Normalität bestand.
Würde man das Buch wirklich nur auf das reduzieren, was in der beschriebenen Zeitspanne faktisch passiert, dann wäre das erstaunlich wenig. Daher kann ich mir vorstellen, dass viele Leser es vielleicht sogar langweilig finden könnten. Für den Krimifan zu wenig geschickt konstruierte Wendungen, für den Thrillerfan zu wenig Blut und psychologische Daumenschrauben.
Ich fand das Buch unglaublich spannend und habe es während einer langen Zugfahrt am Stück gelesen. In meinen Augen ist es eine Spannung, die einzig und allein darauf beruht, Millys Entwicklung zu beobachten – und dabei nach und nach zu realisieren, wie fremdartig sie wirkt, wie weit entfernt von 'normalem' Denken und Handeln. 
Der deutsche Titel und der Klappentext scheinen schon vorwegzunehmen, was das Trauma ihrer Erlebnisse aus Milly gemacht hat: ein böses Abbild ihrer Mutter. Aber stimmt das denn so? Der englische Titel stellt es weniger eindeutig dar: "Good Me, Bad Me", also "Gutes Ich, Böses Ich".
Und tatsächlich lässt sich Milly nicht so einfach einordnen in die eine oder andere Schublade. Sie ist aufgewachsen in einer albtraumhaften, pervertierten Normalität, mit einem Wertesystem, das alle üblicherweise an Kinder vermittelten Werte ad absurdum führt. Daher lässt sich ihr Verhalten meines Erachtens zwar oberflächlich betrachtet in verschiedenen Szenen als gut oder böse einschätzen, aber bedeutet das wirklich, dass sie das von Grund auf ist?
"Anders. Ich hatte keine Wahl. Ich verspreche.Ich verspreche, so gut wie möglich zu sein.Ich verspreche, es zu versuchen." (Zitat)
Milly ist ein zutiefst traumatisiertes Mädchen, und das spiegelt sich auch in ihrer Sprache wieder, in kurzen, abgehackten Sätzen. Mal hat sie dennoch etwas Verträumtes, beinahe Poetisches... 
"Hast du je von einem weit entfernten Ort geträumt? Ich schon. Von einem Feld voller Mohnblumen.Winzige rote Tänzer, die sich fröhlich im Walzertakt wiegen.Deren Blütenblätter auf einen Pfad zum Ufer weisen. Rein und unberührt."(Zitat)
...dann wirkt sie wieder emotional abgestumpft.
"Durch meine Bluse hindurch ertaste ich die Erhebungen an meinen Rippen. Das vertraute Muster der verborgenen Narben. Eine Sprache, die nur ich verstehe. Ein Code, eine Landkarte. Brailleschrift auf meiner Haut. Wo ich war, was dort mit mir passiert ist."(Zitat)
Auch die anderen Charaktere enthüllen nach und nach ihre persönlichen Abgründe – wenn auch keine so tiefen wie die von Milly. Es gibt in diesem Buch nur wenige Menschen, die wirklich als Sympathieträger taugen, und dennoch haben sie mich gefesselt, weil sie auf mich sehr glaubhaft wirkten. 
Der Schreibstil ist erstmal ein wenig gewöhnungsbedürftig, gibt Millys innere Zerrissenheit jedoch perfekt wieder.
Fazit:Kein Thriller. Kein Krimi. "Ich bin böse" ist die abgründige Geschichte einer Tochter, die ihre Mutter verraten hat, die wiederum erscheint wie ein echtes Monster: eine Kindsmörderin, und nicht nur irgendeine, sondern eine Serienmörderin.
Einen klassischen Spannungsbogen hat die Geschichte nicht, und es passiert auch nicht viel, von außen betrachtet. Alles Drama, alle Spannung spielt sich im Inneren der Protagonistin ab.
Für mich ist "Ich bin böse" ein Buch, auf das man sich einlassen muss, und am besten vergisst man alle Erwartungen schon auf der ersten Seite. Es ist keine Geschichte, die einfache Lösungen bietet: sie ist kompromisslos, schonungslos, voller moralischer Ambivalenz, und auch das Ende macht es dem Leser nicht einfach. Kurz: es ist ein unbequemes Buch, das den Leser aus seiner Komfortzone scheucht. Aber manchmal lasse ich mich gerne scheuchen.

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16 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

schnecke, fuch, aal, fauna, verirrter pinguin

Mein Zauberwald

Johanna Basford , Tatjana Kröll , Johanna Basford
Fester Einband: 96 Seiten
Erschienen bei Knesebeck, 10.03.2015
ISBN 9783868737028
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Dies ist mein zweites Malbuch von Johanna Basford und wird ganz sicher nicht mein letztes sein! 
(An dieser Stelle der Hinweis, dass ich mir das Buch selber gekauft und nicht als Rezensionsexemplar erhalten habe. Auch sonst bekomme ich keinerlei Gegenleistung für diese Rezension. Sprich: ja, ich bin wirklich so begeistert davon.) 
Die 'Königin der Ausmalbücher', wie sie oft genannt wird, zeigt in meinen Augen nicht nur einen ganz bezaubernden Zeichenstil, sondern auch einen wunderbar einzigartigen Einfallsreichtum. Sogar einfache Motive werden von ihr detailliert und außergewöhnlich gestaltet, so gibt es in diesem Buch zum Beispiel Tiere, die komplett aus Blüten und Blättern zusammengesetzt sind. Überhaupt wird Abwechslung groß geschrieben: Bäume, Blätter, Eulen und Eichhörnchen sind natürlich naheliegend für ein Malbuch mit dem Wort 'Wald' im Titel, aber hier finden sich auch Schlösser, fantastische Baumhäuser, unterirdische Bauten und Behausungen, ein Labyrinth, ein Kompass-Mandala, eine Karte des Zauberwalds...
Johanna Basfords Bücher besitzen einen verspielten Charme – und die Bilder in "Mein Zauberwald" sind buchstäblich verspielt: in ihnen sind Gegenstände und Symbole versteckt, die es zu finden gilt, um ein großes Tor am Endes des Buches zu öffnen. Natürlich hält einen niemand davon ab, die Doppelseiten einfach auszuklappen, ohne die Aufgabe zu erfüllen, aber damit würde man sich ja um einen Teil des Spaßes bringen! Da ich Wimmelbildspiele und Ausmalbücher gleichermaßen liebe, ist dieses Buch für mich die perfekte Mischung.
Viele Motive sind sehr detailliert und damit auch sehr aufwendig, man sollte also viel Zeit und Muße mitbringen – gerade für erfahrene Coloristas hat es dadurch aber auch viel zu bieten. Es gibt das ein oder andere kleinere oder einfachere Bild, das vielleicht auch für Kinder geeignet wäre. Der Verlag empfiehlt das Buch ab 8 Jahren, ich muss allerdings sagen, dass ich das doch für ein wenig zu jung halte. Nicht, weil die Motive nicht jugendfrei wären (sind sie), sondern weil die Anforderungen für ein Kind dieses Alters frustrierend sein könnten. Ich würde es eher für Kinder ab 12 kaufen. 
Manche der Motive erstrecken sich über die volle Doppelseite, so dass es ein wenig schwierig sein kann, die Falz in der Mitte auszumalen, aber bei den meisten Bildern lässt sich das mit ein wenig Sorgfalt doch gut meistern.
Das Buch ist in verschiedenen Ausgaben erhältlich, die sich in der Anzahl der Motive, dem Format und der Papierqualität unterscheiden:
Standardausgabe (die ich besitze): 25x25 cm, Broschur, 96 Seiten. Ich kann attestieren, dass diese Ausgabe schon eine sehr schöne feste Papierqualität besitzt, mit Polychromos-Künstlerfarbstiften ließen sich die Seiten mit gutem Farbauftrag ausmalen. Allerdings würde ich dieses Ausgabe nicht empfehlen, wenn man Aquarellfarben oder Marker benutzen möchte! Die Seiten sind meines Erachtens nicht dick genug, um ein Durchsickern auf die Rückseite zuverlässig zu verhindern, und da sie beidseitig bedruckt sind, würde man sich damit jeweils ein Bild ruinieren. Für Buntstifte und Fineliner ist die Qualität aber in meinen Augen sehr zufriedenstellend.
Es gibt eine Künstlerausgabe: 25x33 cm, Brochur, 42 heraustrennbare Seiten. Diese enthält nur 20 Motive, ist dafür aber auf schwerem Künstlerpapier gedruckt, auf dem man auch mit Wasserfarben oder Markern malen kann.
Außerdem gibt es ein Notizbuch: 14,8x21 cm, Hardcover, 144 Seiten. Das Notizbuch enthält 72 Motive, das Papier ist aber von der Qualität her kein Künstlerpapier, sondern eher für Kugelschreiber und Füller geeignet.
Zu guter Letzt gibt es das Postkartenbuch: 16,5x12 cm, 20 herausnehmbare Postkarten. Ich besitze ein anderes Postkartenbuch von Johanna Basford, vermute also eine ähnliche Qualität; bei dem, das ich besitze, ist das Papier dick genug für alle Arten von Stiften und Markern, allerdings nicht unbedingt geeignet für Wasserfarben. 

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kontaktlinsen, misstrauen, leben ohne internet, safe

Blindes Misstrauen

Swantje Oppermann
E-Buch Text: 265 Seiten
Erschienen bei dotbooks, 07.10.2016
ISBN 9783958247185
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Im Jahr 2031 denken die meisten Menschen über Themen wie die Gefahren der ständigen Vernetzung oder die Abhängigkeit von den sozialen Medien gar nicht mehr nach – zu selbstverständlich ist es, dass jeder Aspekt des Lebens vom digitalen Netzwerk gesteuert und dokumentiert wird. Buchstäblich alles läuft über dieses System: überall und jederzeit kann ich Informationen anfragen, Sachen bestellen, mich unterhalten lassen, ein Taxi rufen... Und das erfordert weder zwischenmenschliche Interaktion noch einen Computer oder ein Smartphone. Viele Menschen, wie auch die Protagonistin, tragen zum Beispiel Kontaktlinsen, die eine lückenlose Verbindung ermöglichen und Informationen direkt so einblenden, dass der User sie quasi als Untertitel des eigenen Alltags sieht. Datenschutz ist bestenfalls ein angestaubtes Konzept, das die Realität der letzten Jahrzehnte nicht überdauert hat.
Und ohne das Netzwerk ist man nichts. Ohne den eigenen Account und den sogenannten "Safe", in dem alle persönlichen Daten gespeichert sind, kann man sich nicht mal ein Kaugummi kaufen oder telefonieren.
Ich muss zugeben, ich würde mich nicht wundern, wenn wir noch vor dem Jahr 2031 einen technischen Stand erreichen, der die von Swantje Oppermann beschriebene Welt möglich macht. Ebenso wenig zweifele ich daran, dass ein Großteil der Menschen diese Technologie mit Begeisterung begrüßen würden, ohne ihren eigenen Umgang damit zu hinterfragen. Heute gibt es genug Leute, die sich nichts dabei denken, mit dem ganzen Internet zu teilen, dass sie gestern total besoffen waren (da freut sich der Chef) oder das Haus die nächsten zwei Wochen leersteht, weil sie in den Urlaub fahren (lieber Einbrecher, herzlich willkommen!).  Und im Jahr 2031 werden genau diese Leute noch ganz andere Möglichkeiten haben, sich in Schwierigkeiten zu bringen.
Lange Rede, kurzer Sinn: ich halte die Grundidee dieses Buches für sehr realistisch und plausibel, und gerade deswegen für sehr spannend. Das Thema wurde natürlich schon in anderen Büchern und Filmen aufgegriffen, aber die Autorin schmückt es mit interessanten Details und schafft es so, ihrer Version mehr Individualität und Originalität zu verleihen.
Leider hatte ich so meine Schwierigkeiten mit Mav, der 16-jährigen Hauptfigur. Sie ist intelligent und das weiß sie auch, deswegen neigt sie dazu, mit den Augen zu rollen und schnippische Kommentare abzugeben, weil sie es ohnehin besser weiß als Lehrer, Polizisten, Freunde und überhaupt jeder. Zumindest kam ihr Verhalten bei mir so an!
Natürlich, das muss ich zugeben, könnte man jetzt auch darauf hinweisen, dass Mav eben ein Teenager ist. Und natürlich, das muss ich ebenfalls zugeben, ist das ein berechtigter Einwand. Aber ich wurde einfach nicht warm mit ihr, denn oft fand ich ihr Benehmen und ihre Emotionen sehr selbstsüchtig. Manchmal machte ihr Verhalten für mich auch keinen Sinn – in einer Situation, in der 99% aller Menschen die Polizei rufen würden, wischt sie stattdessen ihre Fingerabdrücke ab und ergreift die Flucht, obwohl sie gar nichts getan hat.
Mav ist überhaupt ein Teenager der eher rebellischen Sorte, ihr bester Freund Ben ist hingegen ein echter Musterknabe: brav, geduldig, sportlich. Er war mir zwar sympathisch, blieb für mich aber leider sehr blass. Mir fehlte einfach die spürbare Chemie zwischen den Beiden.
Am interessantesten fand ich zwei Charaktere, die eine wichtige Rolle spielen, es dem Leser aber nicht leicht machen, herauszufinden, ob sie jetzt zur guten oder zur bösen Seite gehören. Da gibt es die ein oder andere interessante Wendung, die besonders im letzten Drittel die Spannung erhöht!
Swantje Oppermann schreibt locker und ansprechend, weswegen ich das Buch auch trotz meiner Kritikpunkte immer  noch unterhaltsam fand – und was hinter den mysteriösen Kontaktlinsen steckt, die im Zentrum dieses Buches stehen, das ist eine wirklich grandiose Idee! Allerdings fand ich die Auflösung am Ende nicht hundertprozentig logisch und schlüssig. 
Fazit:"Blindes Misstrauen" spielt in einer Zukunft, in der wir alle gläserne Menschen sind: immer und überall online, vernetzt, dokumentiert, kontrolliert (ob uns das jetzt bewusst ist oder nicht). Die 16-jährige Mav will eigentlich nichts weiter als ein neues Paar Kontaktlinsen, aber sie muss schnell feststellen, dass auf einmal irgendjemand hinter ihr her ist. Und es ist nicht einfach, zu flüchten, wenn man buchstäblich nichts tun kann, ohne digitale Fußabdrücke zu hinterlassen...
Tolle Ideen, eine interessante Zukunftsvision, mehr als ein Hauch Sozialkritik – eigentlich die besten Voraussetzungen für  einen spannenden Jugendthriller. 
Leider konnte mich Mav, die Hautfigur, nicht vollends überzeugen,  und manches fand ich auch nicht vollkommen glaubhaft oder schlüssig – aber im Großen und Ganzen war "Blindes Misstrauen" für mich ein Buch, das man vielleicht nicht unbedingt lesen muss, aber dennoch gut lesen kann.  

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liebe, so klingt dein herz, castingshow, cecelia ahern, lyrebird

So klingt dein Herz

Cecelia Ahern , Christine Strüh
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei FISCHER Krüger, 24.08.2017
ISBN 9783810530271
Genre: Liebesromane

Rezension:

Dieses Buch hat mich mit sehr gemischten Gefühlen zurückgelassen.
Ich wollte es lieben, denn die Grundidee klang so herrlich originell und bezaubernd: eine junge Frau, die im Verborgenen in der Natur aufgewachsen ist, interagiert mit der Welt in der Sprache der Klänge – sie kann zwar ganz normal sprechen, aber ihre Gefühle, Erinnerungen und Wünsche drückt sie meist ganz unbewusst aus in Vogelgezwitscher, dem Sausen des Windes oder auch dem leisen Brodeln des kochend heißen Kaffees.
Und Lauras Geschichte hat mich in der Tat fasziniert und bezaubert. Sie hat eine einzigartige Sicht auf die Welt, denn sie tritt im Alter von 26 Jahren erstmals heraus aus ihrem Leben im Wald und hinein in unsere hektische, oft oberflächliche Gesellschaft. Durch ihre Augen erscheinen Dinge wie Castingshows und die ständig und überall präsenten Sozialen Medien geradezu absurd. Wo wir längst nicht mehr hinschauen oder hinhören, bemerkt sie auch die kleinen Dinge und nimmt sie in sich auf.
So weit hat das Buch meine Erwartungen wirklich erfüllt, und vor allem hat es mich zum Nachdenken angeregt. Sprache und Schreibstil fand ich ebenfalls sehr passend: wir sind es gewohnt, uns hauptsächlich auf unsere Augen zu verlassen, und selbst in Büchern liegt das Augenmerk normalerweise auf dem Visuellen. Aber Cecelia Ahern lässt den Leser teilhaben an Lauras Leben, indem sie die Klänge beschreibt.
Ein wenig gewöhnungsbedürftig fand ich die Perspektivenwechsel, die zum Teil recht abrupt erfolgen, so dass man im erstem Moment nicht sicher sein kann, in wessen Sichtweise man gerade hinein gesprungen ist. Andererseits bereichert es die Geschichte durchaus, dass wir nicht nur Lauras Wahrnehmung der Geschichte präsentiert bekommen, sondern auch die der Menschen um sie herum.
Die Autorin konfrontiert Laura mit dem größtmöglichen Kontrast zu ihrem bisherigen Leben. Aus der Ruhe und Einsamkeit des Waldes wird sie hineingeworfen in ein ungeheures Medienspektakel. Was als anspruchsvoller Dokumentarfilm geplant war, wird zu einem Hype, in dem es immer weniger um die echte Laura geht und immer mehr um das 'Produkt', das aus ihr gemacht wird. Und das fand ich spannend und hochinteressant, gerade weil sich Lauras Stress und Überforderung durch Cecelia Aherns Beschreibungen sehr stark auf mich übertrug – das ist ihr hervorragend gelungen.
Jetzt muss ich aber doch langsam zu dem kommen, was mich an diesem Buch gestört hat: die Liebesgeschichte.
Solomon ist der junge Tontechniker, der Laura im Wald 'gefunden' hat. Ihre Art, sich über Klänge auszudrücken, spricht ihn natürlich direkt stark an, schließlich sind Klänge sein Beruf. So weit konnte ich das auch noch nachvollziehen, aber er entwickelt sehr schnell eine in meinen Augen vollkommen übersteigerte, ungesunde Obsession. Obwohl er in einer Beziehung mit der Regisseurin Bo lebt, denkt er nur noch an Laura. Ständig. Überall. Er kennt sie eigentlich kaum, aber er erschien mir geradezu besitzergreifend und behandelt sie oft, als sei sie ein unmündiges Kind.
Ihm ist im Grunde klar, dass das alles seiner Freundin gegenüber nicht fair ist, aber so richtig Stellung beziehen und klare Verhältnisse schaffen – das liegt ihm anscheinend nicht. Bo bekommt den schwarzen Peter zugeschoben, denn sie ist sozial unbeholfen und hat Schwierigkeiten damit, die Gefühle anderer Menschen richtig zu interpretieren, wodurch sie gelegentlich so wirkt, als sei ihr nur ihre eigene Karriere wichtig.
Ich mochte Bo. Sie hat Fehler, sie hat Schwächen, aber ich hatte immer das Gefühl, dass sich dahinter eine nette, anständige Frau verbirgt, die es nicht verdient hat, von ihrem Freund so behandelt zu werden.
Ganz abgesehen davon war die Liebesgeschichte für mich aus einem anderen Grund problematisch:
Solomon hatte schon Beziehungen. Er hat Lebenserfahrung. Und er ist buchstäblich der erste Mann, mit dem sich Laura je auch nur unterhalten hat (abgesehen von ihrem Vater). Da ist doch keine Beziehung auf gleicher Augenhöhe möglich!
| FAZIT |
Die Grundidee ist originell und außergewöhnlich: mit mehr als einem Hauch Sozialkritik wird die Geschichte von Laura erzählt, die die ersten 26 Jahre ihres Lebens in einer Hütte im Wald verbracht hat. Da sie das Talent hat, jedes beliebige Geräusch täuschend echt nachahmen zu können, wird sie zufällig von dem Tontechniker Solomon 'entdeckt' und hineinkatapultiert in einen weltweiten Medienrummel um ihre Person, der sie fast zerbricht.
Laura ist ein wunderbarer Charakter und ich fand es faszinierend und interessant, ihren Weg zu verfolgen – aber die Liebesgeschichte hat mich ganz enorm gestört, denn ich hatte immer das Gefühl, hier eher von ungesunder Obsession zu lesen als von Liebe.
Ich würde das Buch eingeschränkt empfehlen. Nicht 'wegen', sondern 'trotz' der Liebesgeschichte.

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