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7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

sienna mercer

Lucy & Olivia - Allerliebste Vampirschwester: Band 1

Sienna Mercer
E-Buch Text: 176 Seiten
Erschienen bei cbj, 23.05.2013
ISBN 9783641119423
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Olivia hätte an ihrem ersten Tag in der neuen Schule ja alles erwartet, aber ganz bestimmt nicht, ihre verschollene Zwillingsschwester zu finden! Und die sieht zwar irgendwie genauso aus wie sie, aber irgendwie auch ganz anders. Denn Olivia hat sonnengebräunte Haut, lächelt immer, trägt am liebsten Rosa und ist begeisterte Cheerleaderin – Lucy dagegen ist kreidebleich, verzieht selten eine Miene, trägt nur dunkle Farben und hat es überhaupt nicht mit übertriebener Fröhlichkeit. Dass Lucy auch noch ein Vampir ist, ist für Olivia da nur die Krönung des Ganzen.


Die Geschichte ist richtig süß und hat auch eine Menge kindgerechter Botschaften zu bieten. Denn es geht nicht nur um die Vampire, die friedlich unerkannt unter den Menschen leben, sondern auch um ganz alltägliche Probleme wie Mobbing, Gruppenzwang und das erste Verknalltsein. Olivia möchte eigentlich unbedingt ins Cheerleading-Team, stellt aber schnell fest, dass dessen selbsternannte Anführerin Charlotte eine echte Zicke ist, die sich auf Kosten anderer lustigmacht. Lucy dagegen ist schon lange verliebt, hat sich aber bisher noch nicht getraut, auch nur ein Wort mit ihrem Angebeteten zu wechseln.


Als die beiden Zwillinge die Rollen tauschen, lösen sich manche Probleme, manche dagegen fangen dadurch gerade erst an... Die Geschichte ist im Grunde eine moderne Version vom "Doppelten Lottchen", aber die Autorin macht daraus ihr ganz eigenes Ding, mit zwei starken, liebenswerten jungen Heldinnen, die wunderbare Vorbilder sind.


Die Geschichte ist witzig und locker und gar nicht gruselig, so dass Kinder ab 10 Jahren das Buch sicher bedenkenlos lesen können, und für kleine Leser dennoch spannend. Besonders schön fand ich, wie das Buch zeigt, dass man trotz großer Unterschiede miteinander auskommen und Kompromisse finden kann.


Der Schreibstil ist eher einfach, so dass das Buch sicher vor allem die Altersgruppe bis etwa 13 anspricht, aber es kann auch für ältere Leser ein nettes Büchlein für zwischendurch sein.

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thriller, serienmörder, london, ragdoll, daniel cole

Ragdoll - Dein letzter Tag

Daniel Cole , Conny Lösch
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 27.03.2017
ISBN 9783548289199
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Die Grundidee lässt den Thriller-Fan direkt in freudiger Erwartung aufhorchen, denn sie ist so originell wie grausig: kaum wurde die erste Leiche des "Ragdoll"-Killers gefunden, bizarrerweise zusammengenäht aus den Einzelteilen von nicht weniger als sechs Opfern, wird der Presse auch schon eine Todesliste mit den Namen der nächsten sechs geplanten Opfer zugespielt. Für die Polizei beginnt ein Rennen gegen die Zeit – besonders für Detective William Oliver Layton-Fawkes, denn der steht ebenfalls auf der Liste... 


Das Highlight des Buches war für mich die schiere Genialität des Serienkillers. Eigentlich müsste die Polizei mit ihm leichtes Spiel haben, denn sie wissen nicht nur, welche Menschen auf seiner Todesliste stehen, sondern sogar ganz genau, an welchem Tag er sie jeweils umbringen will. Was wäre also einfacher, als sie an diesem Tag irgendwo einzusperren und nicht aus den Augen zu lassen? Als Leser knabbert man deswegen gespannt an den Fingernägeln, wie um Gottes willen er es schaffen will, seine Opfer zu töten... Und das ist tatsächlich superspannend, rasant und unterhaltsam, es gibt jede Menge falsche Fährten und Verwicklungen und massenhaft Action. Ich war immer wieder überrascht, wie der Killer sich um das Unmögliche herummanövriert! Manchmal habe ich mich gefragt, auf wessen Seite ich eigentlich stehe... 


Ein paar Sachen fand ich nicht hundertprozentig logisch und in sich schlüssig, aber im Großen und Ganzen war der Fall in meinen Augen solide und gut konstruiert. Man muss allerdings auf die Kleinigkeiten achten, wenn man bis zum Schluss kein Puzzlesteinchen übersehen will. 


Auch den Schreibstil fand ich ansprechend. Der Autor baut einerseits in vielen Szenen eine wunderbar dichte, düstere Atmosphäre auf, andererseits überrascht er immer wieder mit einem bitterbösen Humor, der die Geschichte auflockert und ihr einen unverwechselbaren Tonfall verleiht. Gerade, weil die Morde so grausam und schaurig sind, wirkte der Kontrast auch mich sehr ungewöhnlich und interessant. Besonders die Dialoge sind großartig geschrieben, mal witzig, mal dramatisch, aber immer auf den Punkt. 


Leider muss ich jetzt aber auch auf das eingehen, was für mich das große Manko des Buches war – nämlich die Charaktere, die mir ziemlich klischeehaft vorkamen. 


Im Mittelpunkt steht Detective William Oliver Layton Fawkes, genannt 'Wolf: der typische desillusionierte, in Ungnade gefallene Cop, der aber trotzdem so ein wahnsinnig brillanter Ermittler ist, dass er mit allem durchkommt. Ein richtig harter Kerl, der einem Verdächtigen notfalls beim Verhör die Finger bricht und Beweise fälscht – schließlich weiß er ja ganz genau, wer schuldig ist und wer nicht! Wenn es nicht so läuft, wie er sich das vorstellt, knallt er auch schon mal einen Kollegen dermaßen heftig mit dem Kopf gegen die Wand, dass der genäht werden muss, aber das macht nichts, Teamwork ist eh nicht seine Sache. Dass seine Ehe zerrüttet ist, versteht sich da fast von selbst. 


Seine Entwicklung im Laufe des Buches fand ich dann sogar noch beunruhigender, und besonders gegen Ende fand ich es immer unmöglicher, mit ihm und seiner Egomanie Sympathie zu empfinden. Obwohl ich zugeben muss, dass ich diese Entwicklung sehr verblüffend und unerwartet fand!


Seine Kollegin Baxter übernimmt die Rolle der zynischen, launischen Frau mit der harten Schale. Sie fährt katastrophal schlecht Auto, trinkt zu viel und hat eine merkwürdige und dennoch irgendwie rührende Beziehung zu Wolf. Ein Charakter mit viel Potential: sie ist loyal, clever, hartnäckig und auf interessante Art zwiespältig, da sie mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen hat. Leider wird das Potential meines Erachtens nicht voll ausgeschöpft, so dass sie für mich nicht vollkommen glaubhaft und authentisch wurde. 


Auch Wolfs Ex-Frau Andrea konnte sich für mein Empfinden nicht komplett vom Klischee lösen: sie ist wunderschön, sie liebt ihn irgendwie noch immer, und als Journalistin ist sie hin- und hergerissen zwischen ihren Prinzipien und ihrem beruflichen Ehrgeiz. 


Mein Lieblingscharakter war der junge Edmunds. Zwar ist auch er ein Typ Mensch, der einem öfter in Thrillern begegnet – nämlich der großäugige Newbie, den keiner so richtig ernstnimmt -, aber ich fand ihn sehr sympathisch, und er stellt sich im Laufe des Buches als einfallsreich, hochintelligent und entschlossen heraus. Mit ihm konnte ich wirklich mitfiebern, und er war für mich auch ein starker Charakter, den ich viel lieber als Hauptcharakter gesehen hätte! Gerade, weil er manchmal der einzige zu sein scheint, der Wolf die Stirn bietet und nicht alles hinnimmt, was der sagt und tut.


Fazit:
Das Buch hat in meinen Augen einen enormen Unterhaltungswert: ein perfider Killer liefert sich ein Katz- und Mausspiel mit der Polizei und verhöhnt sie geradezu, indem er ihnen vorher schon verrät, wen er als nächstes töten wird und wann. Das Tempo ist rasant, die Spannung lässt kaum einmal nach... Mit schwarzem Humor erzählt Daniel Cole eine Geschichte voller überraschender Wendungen.


Leider konnten mich die Hauptcharaktere nicht vollends überzeugen, besonders Detective William Oliver-Layton wirkte auch mich sehr klischeehaft – der harte Supercop, der auch gerne im Namen der Gerechtigkeit die Fäuste sprechen lässt. 

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248 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 23 Rezensionen

liebe, tod, cecelia ahern, briefe, trauer

P.S. Ich liebe Dich

Cecelia Ahern
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 29.09.2016
ISBN 9783596297153
Genre: Liebesromane

Rezension:


Die Idee ist originell und bewegend, das Buch hatte für mich dennoch deutlich weniger Tiefgang als erwartet. Gerrys Briefe sind sehr kurz und sprechen oft gar nicht über seine Gefühle. So ist die erste Aufgabe zum Beispiel: Kauf dir eine Nachttischlampe. Das hat zwar Gründe, die mit dem gemeinsamen Leben des Paares zu tun habe, aber dennoch fehlten mir tiefere Emotionen. Ich habe den Sinn mancher Aufgaben auch nicht begriffen - warum drängt er Holly zum Karaoke, obwohl sie es hasst?


Holly und ihre Freunde sind sympathisch, benehmen sich allerdings oft wie Teenager. Einmal ziehen sie durch die Clubs, besaufen sich maßlos und versuchen, sich mit peinlichem Benehmen in den VIP-Bereich zu schmuggeln. Ein Freund filmt das Ganze - und es wird zu einem preisgekrönten Dokumentarfilm mit Millionenpublikum! Auch andere Dinge waren für mich nicht ganz glaubhaft.


Der Schreibstil ist einfach und direkt. Hollys Trauer fand ich in manchen Szenen ergreifend, in anderen konnten mich die Emotionen jedoch nicht wirklich erreichen.


Gut fand ich, dass Holly nicht mal so eben die nächste große Liebe findet, sondern erst ihre Trauer bewältigen muss, was als natürlicher, wichtiger Prozess gezeigt wird.


Fazit:
Eine schöne Geschichte, die sich unterhaltsam liest, mich aber deutlich weniger emotional bewegt hat als erwartet, was zum Teil vielleicht am sehr einfachen Schreibstil liegt.

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koma, liebe, leben, freundschaft, familie

Das Traumbuch

Nina George
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Knaur, 17.03.2016
ISBN 9783426653852
Genre: Romane

Rezension:


Handlung: 


»Ich liebe dich, ich will dich, für immer und darüber hinaus, für dieses und für alle anderen Leben.« 
»Ich dich nicht.« 


Manchmal sind es die dramatischen Ereignisse, oft sind es aber auch die unbedachten Entscheidungen, die zu Wendepunkten im Leben werden; die Weichen werden neu gestellt, und danach gibt es kein Zurück mehr. Ein einziges kleines Wort hätte für Henri Skinner alles verändern können: wie wäre sein Leben verlaufen, hätte er stattdessen mit »Ich dich auch« geantwortet?


Das Buch beginnt damit, dass Henri sich aufmacht, seinen 13-jährigen Sohn Sam zum allerersten Mal zu treffen - aber auf dem Weg zum vereinbarten Treffpunkt rettet er ein Leben, wird daraufhin selber schwer verletzt und fällt ins Koma.


46 Tage lang erlebt er im halb-bewussten Dämmerzustand unzählige Variationen seines Lebens, in jeder davon hat Henri an einem bestimmten Wendepunkt eine andere Entscheidung getroffen. Währenddessen sitzen zwei Menschen hoffnungsvoll an seinem Bett: die Liebe seines Lebens, Eddie, der er mit seinem 'Ich dich nicht' das Herz gebrochen hat, und sein hochsensibler Sohn Sam, der sich immer danach gesehnt hat, seinen Vater kennenzulernen und jetzt Angst hat, zu spät zu kommen.


Meine Meinung: 


Nina George beschäftigt sich hier mit grundlegenden existentiellen Fragen: mit nichts Geringerem als der Suche nach dem Sinn des Leben, der Angst vor dem Tod, dem Zweifel daran, ob man die Welt auf seine eigene Art zu einem besseren Ort gemacht hat, der lähmenden Furcht, man könne sein Leben verschwendet haben... Aber sie schreibt darüber nicht aus philosophischer Distanz oder klingt wie eines dieser beschaulichen Geschenkbüchlein, sondern erzählt eine Geschichte, die berührt und zum Nachdenken anregt und trotzdem mitten aus dem Leben gegriffen scheint.


Allerdings enthält das Buch auch eine Prise Phantastik, eine Spur Märchen, einen Hauch von Poesie. Ein Neurologe würde beim Lesen vielleicht milde lächelnd den Kopf schütteln und sagen: Nonsens, ein Komapatient ist gar nicht fähig zu solch komplexen Gedanken, und andere Leben träumen kann er schon mal gar nicht... Das ist Wunschdenken. Das ist Realitätsflucht.


Ich konnte mich jedoch wunderbar darauf einlassen, denn Nina George lässt alles, was geschieht, vollkommen plausibel klingen, und dennoch originell und fantasievoll und einzigartig.


Ein Großteil des Buches spielt sich in den Köpfen der drei Hauptcharaktere ab, die sich alle kaum aus Henris Krankenzimmer fortbewegen. Aber das funktioniert und es ist trotzdem spannend, weil sie außergewöhnliche Menschen sind, die lebendig und vielschichtig geschildert werden und auf ihre jeweilige Art sehr liebenswert sind.


Henri war früher Kriegsreporter, und auch nachdem er diese Karriere an den Nagel hing, blieb er ein Getriebener, der nirgends wirklich zur Ruhe kam.


Eddie ist Verlegerin und ihr kleiner Verlag hat sich spezialisiert auf Phantastik - nicht Fantasy, wie sie rigoros betont. Keine Zwergen, Elfen, Vampire und so weiter. Dafür aber alles, "was nur drei Schritte neben unserer Wirklichkeit sein könnte". 


Sam ist 13 und schon Mitglied der Mensa,dem internationalen Netzwerk für Hochbegabte. Er ist Synästhetiker: Zahlen haben für ihn nicht nur eine Farbe, sondern auch eine Persönlichkeit, er kann Lügen sehen und Gefühle schmecken. Bei Menschen im Koma kann er fühlen, ob sie gerade nah an der Oberfläche sind oder ganz weit weg.


Später kommt noch ein weiterer Charakter hinzu: die 12-jährige Maddie, die ein Stockwerk über dem Zimmer von Henris Vater im Wachkoma liegt. Sam verirrt sich eines Tages dort hinein und weiß direkt: ohne dieses Mädchen will er nicht mehr sein, nie mehr.


Das hätte furchtbar kitschig werden können, war aber unglaublich rührend. Überhaupt werden die Beziehungen zwischen diesen vollkommen unterschiedlichen Menschen intensiv und überzeugend beschrieben.


Was mich aber am meisten an diesem Buch begeistert hat, war der lyrische Schreibstil, der großartige Metaphern und Bilder findet und dabei mit einer ungeheuren Eindringlichkeit Emotionen vermittelt, ohne jemals ins Pathos abzudriften. Ob es jetzt gerade lustig ist oder traurig, es ist immer authentisch und glaubhaft - und gleichzeitig irgendwie drei Schritte neben der Wirklichkeit.


Fazit:


Drei Menschen kommen in einem Krankenzimmer auf der Komastation zusammen: Henri, Eddie und Sam. Henri ist der Koma-Patient, Eddie die Liebe seines Lebens und Sam sein 13-jähriger Sohn. Nur, dass Henri Eddie schon vor Jahren vergrault hat und Sam noch nie begegnet ist...


Die Autorin erzählt eine Geschichte der leisen Töne, in der es um die Entscheidungen geht, die unser Leben verändern. Was wäre wenn...? Henri erlebt im Koma sein Leben immer wieder neu, während Eddie und Sam versuchen, ihn ins Leben zurückzuholen. Und das ist trotz der Thematik nicht deprimierend, sondern bezaubernd wie ein Märchen und auch in traurigen Szenen immer behutsam positiv. Der Schreibstil ist von einer ganz eigenen, außergewöhnlichen Schönheit.
 

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thriller, peter swanson, mord, liebe, rache

Die Gerechte

Peter Swanson , Fred Kinzel
Flexibler Einband: 414 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 16.01.2017
ISBN 9783734103599
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Um es kurz zu fassen: "Die Gerechte" ist ein rundum geniales Buch - für mich definitiv einer der originellsten, raffiniertesten Thriller der letzten Jahre und mehr als genug Anlass, ab jetzt unbesehen jedes Buch des Autors zu kaufen.


Um es nicht ganz so kurz zu fassen:


Die meisten Bücher, egal welchen Genres, haben mindestens einen Hauptcharakter, den der Leser trotz eventueller Schwächen als grundlegend guten Menschen ansehen und mit dem er sich identifizieren kann. Sogar charismatische Psychopathen haben normalerweise einen positiv besetzten Gegenspieler: Hannibal Lecter würde zum Beispiel nicht halb so gut funktionieren ohne Clarice Starling.


Eine Geschichte rund um eine Figur aufzubauen, die überhaupt nicht in das übliche Schema eines guten Menschen passt oder sich nicht mal annähernd in soziale Normen pressen lässt, ist ein literarischer Drahtseilakt - und wenn er gelingt, gebührt dem Autor tosender Applaus für dieses Kunststück.


Zu meinen Lieblingsautorinnen gehört zum Beispiel Gillian Flynn, die unzuverlässige Protagonistinnen mit ernsthaften Persönlichkeitsstörungen schon lange vor ihrem Bestseller "Gone Girl" perfektioniert hatte.Und Peter Swanson braucht sich nicht hinter Mrs. Flynn zu verstecken, denn mit "Die Gerechte" hat er in meinen Augen den perfekten Thriller und die perfekte Anti-Heldin geschrieben.


Die Geschichte wird von vier sehr unterschiedlichen Personen erzählt - und dreien davon kann der Leser nicht über den Weg trauen. Was eigentlich nicht funktionieren kann, es aber trotzdem tut.


Die im Klappentext erwähnte attraktive Frau, die einem Wildfremden aus heiterem Himmel ihre Hilfe bei einem Mord anbietet, heißt Lily, und sie ist es, in deren Kopf der Leser die meiste Zeit verbringt. Schnell wird klar: Man sollte diese Frau nicht mögen. Man sollte ihre Taten nicht gutheißen und ihr ganz gewiss nicht die Daumen drücken. Und trotzdem habe ich all das getan; auf verquere Art und Weise mochte ich Lily, und deswegen bin ich ihr gerne auf ihren dunklen Wegen gefolgt.


Über die anderen Charaktere möchte ich lieber noch gar nichts verraten, daher nur soviel: ich fand sie alle grandios, denn sie sind auch dann glaubhaft, wenn sie Dinge tun, die normale Menschen niemals tun würden.


Auch wenn die Grundidee der Geschichte an "Der Fremde im Zug" von Patricia Highsmith erinnert (was sicher eine beabsichtigte Hommage ist, da Lily am Anfang des Thrillers ein Buch der Autorin liest), macht Peter Swanson doch etwas ganz Eigenes daraus. Die Geschichte ist sehr geschickt und intelligent konstruiert, und gerade die unerwarteten Wendungen sind fantastisch. Besonders die erste davon hat mich kalt erwischt, und ich hatte das Gefühl: Ok, ab jetzt ist wirklich alles möglich - da hätte ich niemals mit gerechnet!


Der englische Titel ist "The Kind Worth Killing", also in etwa: "Die, die es sich zu töten lohnt", und tatsächlich bringt das Buch den Leser immer wieder dazu, darüber nachzudenken, ob wir Mord unverzeihlich finden und falls ja, warum eigentlich.


Spannend fand ich das Buch von der ersten bis zur letzten Seite, und ich war tatsächlich traurig, als ich das (überraschende!) Ende erreicht hatte.


Der Schreibstil passt perfekt zur Geschichte. Ganz sachlich und ruhig werden die unglaublichsten Dinge erzählt, und gerade diese trügerische Ruhe macht die Geschehnisse oft umso erschreckender.


Fazit:
Der Thriller ist meines Erachtens ein Meisterwerk des Genres, mit drastisch unerwarteten Wendungen und einer zwiespältigen, perfiden, komplizierten Protagonistin, die sich über so banale Konzepte wie 'gut' und 'böse' mit unergründlichem Lächeln hinwegsetzt.


Wer Amy Elliot aus "Gone Girl" von Gillian Flynn interessant fand oder Brünhilde Blum aus der "Totenfrau"-Trilogie von Bernhard Aichner mochte, dem könnte auch Lily Kintner aus "Die Gerechte" gefallen.

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1.106 Bibliotheken, 23 Leser, 1 Gruppe, 136 Rezensionen

thriller, serienkiller, ethan cross, serienmörder, mord

Ich bin die Nacht

Ethan Cross
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 20.12.2013
ISBN 9783404169238
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Die Grundidee des Buches klingt sehr interessant und verspricht einen originellen psychologischen Thriller.


Francis Ackerman Junior ist ein Serienkiller - aber er ist auch ein Opfer, denn er wurde als kleiner Junge von seinem eigenen Vater mittels Folter und Gehirnwäsche  gebrochen und gezielt zum Serienkiller abgerichtet. Das wirft natürlich viele ethische Fragen zu Schuld und Eigenverantwortung auf: Inwieweit ist Ackerman verantwortlich für seine grausamen Taten?


Tatsächlich könnte die Geschichte an sich grandios sein, aber für mich scheitert das Buch leider gnadenlos an der Umsetzung.


Fand ich das Buch auf den ersten 100 Seiten noch spannend und unterhaltsam, kam es mir danach zunehmend vor wie ein schlechter Actionfilm mit vollkommen unrealistischen Stunts und Kampfszenen. Ständig wird irgendjemand mühelos mit nur einem Schlag bewusstlos geschlagen; ein Mann tritt barfuß eine Tür ein (was normalerweise mindestens ein paar gebrochene Zehen nach sich ziehen müsste); jemand befreit sich auf eine Art und Weise von seinen Handschellen, die im echten Leben wohl ein Auskugeln von Gelenken erfordern würde... Und das sind noch die harmlosen Beispiele, denn mit den wirklich unglaublichen würde ich schon zuviel verraten. 


Da es mir immer schwerer fiel, die Geschehnisse zu glauben, flaute die Spannung für mich auch immer mehr ab. 


Der interessanteste Charakter war für mich der Killer, Francis Ackerman Junior. Denn so unmenschlich und sadistisch seine Taten auch sind, zeigt er doch immer wieder, dass er eigentlich ein ganz anderer Mensch hätte sein können, wenn er als kleiner Junge nicht durch die Hölle gegangen wäre. 


Anders, als vom Klappentext her zu erwarten wäre, spielt Ackerman auch nur die zweite Geige, denn meist steht der von seiner Vergangenheit gequälte Ex-Cop Markus im Mittelpunkt. Er und die anderen Charaktere wirkten auf mich sehr klischeehaft, fast wie aus dem Baukasten für Thriller-Charaktere. Zugegeben, gegen Ende wirft das Buch nochmal alles über den Haufen, was man über sie zu wissen glaubte, aber in meinen Augen war das keine geniale unerwartete Wendung, sondern eine gänzlich unglaubwürdige Auflösung. 


Während der Leser sich noch verwirrt fragt, wie das alles möglich sein soll, behauptet Markus auf einmal, er hättet sich dies oder jenes ja schon gedacht, weil ihm gewisse Dinge direkt aufgefallen seien... Nur: das wurde vorher mit keinem Sterbenswort erwähnt. Tatsächlich wurde Markus in den Szenen, auf die sich das bezieht, als ganz und gar ahnunglos dargestellt - wäre ihm da wirlich schon etwas aufgefallen, hätte der Leser das an seinen Gedanken oder Taten merken müssen! So wirkte es auf mich lediglich wie der halbherzige Versuch, die Wendung glaubhafter zu machen. 


Es gibt auch eine kleine Liebesgeschichte, aber auch die kam mir vor wie rasch zusammengeschustert, damit Markus jemanden hat, den er auf heroische Art retten kann. 


Der Schreibstil konnte mich unglücklicherweise auch nicht überzeugen. Mal fand ich ihn sehr flach, dann gab es wieder überzogen dramatische Formulierungen: da öffnen sich "brüllend die Tore zur Hölle", der Wind heult "wie der Schrei einer Todesfee"... In vielen Szenen werden Charaktere wiederholt auf die immer gleiche Art beschrieben: der Mann im dunklen Hemd beobachtete, der Mann im dunklen Hemd sah, der Mann im dunklen Hemd grinste...


Fazit:
Die Grundidee hatte mich noch fasziniert: Ein Serienkiller, der als Kind von seinem Vater gezielt zum Serienkiller abgerichtet wurde? Das klang sehr originell und ungewöhnlich. Tatsächlich war ich auf den ersten 100 Seiten durchaus noch sehr angetan, aber im Laufe des Buches nahmen Glaubwürdigkeit und Spannung immer mehr ab - und das wurde noch gekrönt von einer konstruierten, wenig plausiblen Auflösung, bei der vieles einfach aus dem Nichts herbeigezaubert schien. Die Charaktere wirkten auf mich flach und klischeehaft, und auch der Schreibstil konnte mich überhaupt nicht überzeugen.


Ich werde die Reihe nicht weiterlesen. Sehr schade, denn die Geschichte hätte sehr viel Potential gehabt!

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18 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

vögel, scheu, rituale, japan, brüder

Der Herr der kleinen Vögel

Yoko Ogawa ,
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Liebeskind, 24.08.2015
ISBN 9783954380503
Genre: Romane

Rezension:


"Der Herr der kleinen Vögel" ist ein Buch der leisen Töne, der kleinen Dinge, des bescheidenen Glücks oder Unglücks. Der Leser wird eingeladen, zur Ruhe zu kommen und einer Geschichte zu lauschen, auf die man sich einlassen muss, die dann aber einen ganz eigenen poetischen Zauber entfaltet.


Behutsam erzählt Yoko Ogawa die ungewöhnliche Lebengeschichte zweier Brüder, die eine Faszination für Vögel und deren Gesang teilen, auch über den Tod des älteren hinaus. Ihre Namen werde im ganzen Buch niemals erwähnt (sie sind immer nur "der Ältere" und "der Jüngere"), und auch sonst verzichtet die Autorin weitgehend auf Etiketten.


Der ältere Bruder spricht schon seit seiner Kindheit ausschließlich in einer selbst erfundenen Sprache und braucht seine festen Rituale, um glücklich zu sein. Da kann man als Leser insgeheim spekulieren: Selektiver Mutismus? Autismus? Die Autorin verrät es uns nicht, aber das ist auch gar nicht nötig. Der jüngere Bruder findet ein wunderbares Bild: in seiner Vorstellung ist der Ältere der alleine Bewohner einer einsamen Insel, und nur sein Boot findet den Weg dorthin.


Die beiden leben fast vollkommen isoliert, ihr Leben richtet sich noch im Kleinsten nach den Ritualen des älteren Bruders. Sie essen immer das Gleiche, besuchen gemeinsam die Vogelvoliere des nahegelegenen Kindergartens und unternehmen ausgedehnte, metikulös geplante Weltreisen - Letzteres jedoch nur in ihrer Fantasie. Es ist eine Geschichte bedingungsloer Liebe, ruhig und ohne Pathos erzählt und dennoch bewegend.


Nach dem Tod des Älteren ist der Jüngere im Grunde sein ganzes restliches Leben auf der Suche nach dessen Insel. Auch, dass er die Pflege einer zu einem Kindergarten gehörenden Vogelvoliere übernimmt, obwohl er Angst vor Kindern hat, geschieht zunächst im Angedenken an seinen Bruder, entwickelt sich dann aber zu einer echten Liebe zu den Vögeln. Die Kinder nennen ihn daher "Herr der kleinen Vögel". 


Die Geschichte hat in meinen Augen keinen ausgeprägten Spannungsbogen. Das Leben des Jüngeren ist meist eher ein stiller See denn ein bewegtes Meer. Menschen treten in sein Leben und verschwinden wieder, gute und schlechte Dinge passieren... All das sind nur Steine, die ins Wasser seines Sees fallen und für kurze Zeit Kreise ziehen. Manches bleibt gänzlich ungeklärt.


Diese Offenheit hat jedoch etwas beinahe Schwereloses, wie ein langer Tagtraum.  Ich habe mich beim Lesen keineswegs gelangweilt. Yoko Ogawa findet wunderschön verträumte, zarte Worte. Ich habe immer wieder innegehalten, um mir einen Satz auf der Zunge zergehen zu lassen.


Der Jüngere ist mir sehr ans Herz gewachsen - er ist ein ruhiger Mensch mit einfachen, bescheidenen Wünschen. Sein Leben wirkt unspektakulär und sogar einsam, aber er findet auch immer wieder Erfüllung in den kleinen Dingen. Als ich das Buch zuschlug, hatte ich fast das Gefühl, einen alten Freund verloren zu haben. 


Da die Brüder nur wenig mit anderen Menschen interagieren, bleiben die anderen Charaktere eher unvollständig. Manchmal wirken sie wie bloße Kulisse, während die Vögel lebendig und individuell geschildert werden - aber anders könnte diese Geschichte vielleicht gar nicht erzählt werden, und ich habe beim Lesen nichts vermisst.


Fazit:
"Der Herr der kleinen Vögel" ist ein wunderbares Buch, das sich nur schwer beschreiben lässt und an das man möglichst ohne Erwartungen herangehen sollte.


Die Handlung ist schnell zusammengefasst: Nach dem Tod der Eltern leben zwei Brüder ihr ganzes Erwachsenenleben zusammen, bis auch der Ältere schließlich stirbt. Da er Vögel über alles geliebt hat, bietet der Jüngere an, fortan kostenlos die Voliere des örtlichen Kindergartens zu betreuen. Manchmal geht er in die Bibliothek, um die Bibliothekarin scheu beobachten zu können, und im Park lernt er einen alten Mann kennen, der stets eine Grille in einer hübschen Holzschachtel mit sich herumträgt. Dann passiert etwas, was seinem Spitznamen "Herr der kleinen Vögel" einen unschönen Beigeschmack gibt, und schließlich begegnet er Menschen, die von sich behaupten, den Gesang der Vögel zu lieben, ihn in Wirklichkeit aber für ihre eigenen Zwecke ausnutzen. 


Aber eigentlich kommt es gar nicht darauf an, was genau passiert. Für mich war es die schlichte Poesie der Worte, die mich verzaubert hat, und der Einblick in ein bescheidenes Leben, das die meisten Menschen wohl nicht als sonderlich glücklich bezeichnen würden, das aber dennoch seine schönen, erfüllenden Momente hat. 

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58 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

entführung, verfolgung, ermittlungen, wiley cash, geld

Schaut nicht zurück

Wiley Cash , Klaus Timmermann , Ulrike Wasel
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 25.09.2014
ISBN 9783596194445
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


"This Dark Road to Mercy" heißt das Buch im englischen Original, also "Dieser dunkle Weg zur Gnade". Und tatsächlich erwartet den Leser eine Art Roadtrip durch den Südosten der USA: die verzweifelte Flucht des gescheiterten Baseballstars Wade Chesterfield, der seine beiden kleinen Töchter nach dem Drogentod ihrer Mutter aus dem Kinderheim entführt, um ihnen endlich der Vater zu sein, der er nie war. Dumm nur, dass er aus den besten Absichten eine fatal falsche Entscheidung getroffen hat, die ihn jetzt buchstäblich quer durchs Land verfolgt.


Ein Auftragskiller, der auch noch seine ganze eigene Rechnung mit Wade zu begleichen hat, jagt der kleinen Familie hinterher, so hartnäckig und unerbittlich wie ein Bluthund. Es gibt Tote, jede Menge kleine und große Kriminelle, einen ehemaligen Cop, dessen Leben zerstört wurde, als er den Tod eines Jugendlichen verschuldete... Und dennoch ist das Buch in meinen Augen kein Thriller.


Es ist mal düster, brutal und spannend, mal leise melancholisch, traurig oder bewegend, aber es geht in meinen Augen immer ums Zwischenmenschliche, um enttäuschte Hoffnungen, zerbrochene Träume, aber auch um Liebe, Vergebung, Neuanfang - und ja, Gnade. Über weite Strecken lebt das Buch nicht so sehr von dem, was gerade passiert, sondern von der Atmosphäre und den Gedanken der Charaktere, die sich ohne große Worte im Stillen weiterentwickeln.


Obwohl das Buch nicht auf die gleiche Art spannend ist wie ein Psychothriller oder auch nur ein Krimi, fand ich die Geschichte ungemein fesselnd. Ein wenig ermüdend war für mich lediglich, dass es wirklich sehr oft und sehr ausführlich um Baseball geht - andererseits gehört das wohl einfach dazu zu diesem heißen amerikanischen Sommer und zum Lebensgefühl der Menschen, die Wiley Cash hier beschreibt. Die Geschichte hat etwas Zeitloses, Archetypisches, und dennoch fand ich sie nicht abgedroschen, sondern originell erzählt.


Ein paar Worte zu den wichtigsten Charakteren:


Easter ist erst 12 Jahre alt, aber sie kümmert sich schon seit Jahren um ihre kleine Schwester Ruby - sie kocht ihr Essen (wenn welches im Haus ist), passt auf, dass sie die Hausaufgaben macht und früh genug ins Bett geht, und sorgt vor allem dafür, dass Ruby möglichst wenig darunter leidet, dass die Mutter nur selten aus dem Drogenrausch erwacht. Bis die das eines Tages dann gar nicht mehr tut.


Die Geschichte wird zum Teil von Easter erzählt. Meiner Meinung nach erfordert ein kindlicher Erzähler von einem Autor viel Feingefühl, aber Wiley Cash ist es hier gut gelungen. Easter erzählt ruhig und altklug und ist dennoch eine glaubhafte und liebenswerte Kinderstimme.


Ich hätte erst nicht erwartet, dass der Autor es schaffen würde, mir Verständnis für Wade abzuringen, denn der hat seine Kinder wirklich unsäglich im Stich gelassen. Aber natürlich steckt auch dahinter mehr, als auf den ersten Blick offensichtlich ist, und ich war am Schluss sehr beeindruckt davon, wie Wiley Cash es schafft, Wades Fehler nicht zu beschönigen, ihn aber dennoch als komplexen Menschen mit guten und schlechten Eigenschaften zu zeigen.


Überhaupt sind die meisten der Charaktere keine Helden, die meisten davon sind aber nicht ausschließlich gut oder ausschließlich böse. Nur den Auftragskiller fand ich ein wenig einseitig, denn der hat zwar Gründe dafür, dass er Wade hasst, begeht aber auch manche seiner blutigen Taten, obwohl sie ihn seinem Ziel gar nicht näher bringen oder unnötig grausam.


Brady Weller, der gesetzliche Vormund der beiden Mädchen, war für mich vielleicht die sympathischste Figur, denn er handelt nicht aus Eigennutz, sondern aus Sorge um das Wohlergehen der Kinder. Eine einzige Fehlentscheidung vor ein paar Jahren hat einen Jugendlichen das Leben gekostet, und das hat Bradys Ehe und seine Karriere als Cop zerstört und auch die Beziehung zu seiner Tochter sehr schwierig gemacht, voller Schuldgefühle und Konflikt.


Mit Brady und Wade zeichnet der Autor das Bild zweier sehr unterschiedlicher Väter, die beide nicht perfekt sind, die beide schwerwiegende Fehler begangen haben, und die dennoch beide ihre Töchter lieben. Das Thema Elternliebe und Vergebung zieht sich wie ein Leitmotiv durchs ganze Buch, und es endet mit der Frage, ob Recht und Gerechtigkeit immer dasselbe sind.


Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. Oft ist er eher einfach, vermittelt aber trotzdem ganz viel Atmosphäre und wird manchmal sogar poetisch, bleibt dabei aber immer unprätentiös .


Fazit:
Die Mutter von Easter und Ruby erwacht eines Tages nicht mehr aus ihrem Drogenrausch und die Kinder kommen ins Heim. Von ihrem Vater Wade erwarten sie sich nichts, denn der hat vor ein paar Jahren auf sein elterliches Sorgerecht verzichtet und sich seitdem nicht mehr blicken lassen. Aber eines Tages ist er da und nimmt sie einfach mit, und damit beginnt eine wilde Hatz quer durch den Südosten der USA, denn Wade ist auf der Flucht.


Es ist schwer, das Buch zu beschreiben. Ein Thriller ist es nicht (trotz Auftragkiller und Verfolgungsjagd),  eher ein Familiendrama, ein Roadtrip, eine Geschichte über das Erwachsenwerden und die Vergebung. Das ist auf eine ganze eigene Art spannend, und die Charaktere fand ich glaubhaft, vielschichtig und überzeugend. Auch der meist eher ruhige, bodenständige Schreibstil passte sehr gut zur Geschichte.


Für meinen Geschmack nahm allerdings der Nationalsport Baseball einen etwas zu großen Platz in der Geschichte ein, denn darüber wird wirklich extrem viel und ausführlich gesprochen! Dennoch ist das Buch für mich eine Leseempfehlung.

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43 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

brendler, buch, comedy, fasching, karneval

Fette Fee

Claudia Brendler
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 01.01.2015
ISBN 9783423215664
Genre: Romane

Rezension:


Handlung: 


Jill wollte eigentlich mal Schauspielerin werden. Oder noch besser: Dichterin. Tatsächlich ist sie aber Komödiantin, und das nicht mal erfolgreich. Über ihre letzte Nummer lacht schon lange keiner mehr, und "ganz nett" schwebt über ihr wie ein Damoklesschwert. Und so langsam wird es eng, denn sie kann sich ihre Wohnung schon lange nicht mehr leisten. Zu ihrer eigenen Überraschung findet sie tatsächlich einen neuen Agenten, mit dessen Hilfe sie ihre Karriere ankurbeln will - aber der will erstmal Ideen für ein umwerfendes neues Programm sehen. 


Jill zieht kurzerhand zu ihrem Ex-Freund Armin, aber der Kuss der Muse lässt auf sich warten, und Armins übergewichtige Teenager-Tochter Felicia macht es Jill auch nicht eben leicht. Der neue Agent macht Druck: ihre Ideen gefallen ihm alle nicht. bissig und gewagt soll Jills neues Programm sein! Als die verzweifelte Komödiantin-wider-Willen durch einen Zufall mitbekommt, dass die fettleibige Felicia Geschichten schreibt, in denen sie eine schlanke, wunderschöne Fee ist, kommt ihr der zündende Gedanke... Dumm nur, dass ihr das Mädchen wirklich ans Herz wächst. 


Meine Meinung:


"Fette Fee" ist eines dieser wunderbaren Bücher, von denen man sich eigentlich nur ein paar seicht-unterhaltsame Stunden und vielleicht ein paar Lacher verspricht, die sich dann aber klammheimlich von hinten anschleichen, um einen heimtückisch mit Lebensweisheit und ganz großen Gefühlen zu überraschen. Und ja, Humor und Unterhaltung gibt es trotzdem.


Ich fand die Geschichte großartig. Originell und witzig und emotional und dramatisch und herzerwärmend... Außerdem unheimlich spannend, denn ich wollte unbedingt wissen, ob Jill noch rechtzeitig die Kurve kriegt, bevor sie etwas etwas Unverzeihliches tut und die unsichere Felicia, die ohnehin schon unter mangelndem Selbstvertrauen und sogar Selbsthass leidet, bis ins Mark verletzt! Klar, Jill fühlt sich ja selber nicht wohl bei dem Gedanken, fiese Witze über einen übergewichtigen Teenager mit viel Fantasie zu reißen, aber das ist genau die Art von Programm, die ihr neuer Agent von ihr erwartet.


Mein Mantra beim Lesen war: "Tu's nicht, tu's nicht, tu's nicht, tu's NIIIIiiiiicht!!!" Außerdem wollte ich natürlich wissen, ob Jill vielleicht doch ihren Weg als Dichterin findet, ob es zwischen Armin und ihr noch mal funkt, oder ob Felicias unterkühlte Mutter Birgit endlich kapiert, dass sie ihrer Tochter nicht guttut.


Am Anfang war ich mir nicht sicher, ob ich Jill mögen würde. Sie trinkt zu viel, sie reißt krampfhaft bemühte Witze, und sie ist so darauf bedacht, immer eine Rolle zu spielen, dass sie völlig vergessen hat, wer sie eigentlich ist. Aber im Laufe des Buches merkt man doch, dass sich hinter den ganzen schlechten Kalauern vielleicht keine perfekte Frau versteckt, aber doch eine, die man ins Herz schließen kann.


Felicia tat mir am Anfang eigentlich nur unheimlich leid, denn sie erfährt von allen Seiten Spott und Hohn, und ihre Eltern merken gar nicht, dass sich ihre Tochter nicht mit Diätplänen und Psychotherapie "reparieren" lässt. Im Laufe des Buches zeigt sich dann auch, dass sie viele Talente und tolle Eigenschaften hat, nur sehen die meisten Menschen nicht über ihren enormen Leibesumfang hinweg.


Die Autorin traut sich was mit ihren Charakteren, denn sie lässt sie manchmal gnadenlos scheitern und vor allem auch ab und an richtig miese, unsympathische Entscheidungen treffen. Sie sind egoistisch, aber sie sind auch verletzlich, und irgendwie machen sie sich gegenseitig zu besseren Menschen. Wobei das auch nicht immer so einfach funktioniert, aber man drückt ihnen auf diesem Weg die Daumen.


Jedenfalls hat es mir leidgetan, das Buch zuzuklappen und mich von den Charakteren zu verabschieden, denn ich habe sie sehr liebgewonnen, und die Geschichte hat mich wirklich bewegt.


Den Schreibstil fand ich perfekt für die Geschichte. Er ist locker, mit viel Humor, aber er bringt auch ernstere Themen und zwiespältigere Emotionen wunderbar rüber.


Fazit:


Eine gescheiterte Komödiantin, die nur noch EINE Chance bekommt, ein umwerfendes Programm auf die Beine zu stellen. Ein fettleibiges Mädchen, das Geschichten schreibt, in denen es eine wunderschöne, schlanke Fee ist - und dadurch ganz ungewollt zum "Star" dieses Programms wird. Als der Komödiantin klar wird, dass sie sich selber nicht mehr im Spiegel in die Augen schauen kann, wenn sie verletzende Witze auf Kosten anderer Menschen macht, ist es vielleicht schon zu spät.


Die Autorin erzählt diese Geschichte mit ganz viel Gefühl für das Zwischenmenschliche und ist dabei zwar humorvoll, verzichtet aber auf platte Stereotypen und kann den Leser bei allem Humor auch bewegen. Ganz locker werden dabei durchaus auch schwierige Themen angesprochen.

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213 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 86 Rezensionen

thriller, san francisco, misshandlung, roman, doppelmord

Boy in the Park – Wem kannst du trauen?

A. J. Grayson , Karl-Heinz Ebnet
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Droemer Taschenbuch, 01.08.2016
ISBN 9783426305713
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Ich bin verwirrt.


Im Rückblick finde ich den Klappentext mehr als ein bisschen irreführend. Manches stimmt schlicht und einfach nicht ganz (so tappt die Polizei zum Beispiel nicht im Dunkeln, sondern glaubt aus verständlichen Gründen gar nicht erst an ein Verbrechen), aber vor allem lässt der Text das Buch klingen wie einen typischen Psychothriller. Und in meinen Augen ist es kein typischer Psychothriller, weil es gar kein Psychothriller ist.


Womit ich allerdings nicht sagen möchte, dass es nicht spannend wäre, oder schlecht geschrieben, oder aus anderen Gründen nicht gut. Und wenn ich ehrlich bin, wüsste ich auch nicht, wie ich einen besseren Klappentext hätte schreiben sollen. Tatsächlich ist das Buch so ungewöhnlich und so schwierig in ein Genre einzuordnen, dass ich gar nicht recht weiß, wie ich es rezensieren soll, ohne schon zu viel zu verraten und damit die Wirkung zu schmälern.


Oh, Dilemma.


Der Verlag sagt auf seiner Webseite über dieses Buch: »Ein komplexer psychologischer Spannungs-Roman um Alptraum und Realität, dunkelste Erinnerungen und menschliche Abgründe.«


Und genau darauf muss man sich einlassen. Der Autor spielt mit den Erwartungen des Lesers - man kann sich nie darauf verlassen, dass die Dinge so sind, wie sie erscheinen, und man muss schnell feststellen, dass man auch Dylan nicht blind vertrauen kann. Denn der verliert selber immer mehr den Halt, weiß nicht mehr, was wahr ist und was Einbildung, was Gegenwart und was Erinnerung. Seine Erzählung wird außerdem immer wieder unterbrochen von Vernehmungsprotokollen eines Mörders, der offensichtlich schon komplett jeden Bezug zur Realität verloren hat.


Wie es dem Autor dennoch gelingt, aus zunehmend surrealen Bruchstücken eine in sich schlüssige Geschichte zusammenzusetzen, ist eine echte Meisterleistung. Durchgehend spannend, manchmal schockierend, oft poetisch, immer unglaublich originell. Das Ende hat mich durch und durch überrascht, und dennoch ist es im Rückblick vielleicht das einzig mögliche.


Ein Teil der Spannung entsteht natürlich aus Fragen, die man sich auch in einem typischen Thriller stellen würde: wo ist der Junge, wer hat ihn entführt, wird er sterben müssen...? Aber viel der Spannung entsteht auch daraus, dass man als Leser zunehmend verunsichert feststellt, dass diese Fragen nicht die entscheidenden sind, und auf die Auflösung hinfiebert. Das Ganze ist wie ein 368 Seiten währender Traum, der zunehmend zum Albtraum wird, und man will aufwachen - aber erst will man die Wahrheit erfahren.


Dylan begegnet dem Leser als harmloser, gutmütiger Mensch. Sein Job ist langweilig und wenig erfüllend, aber in der Mittagspause geht er in den Park und setzt sich auf seine Lieblingsbank an einem kleinen Teich. Jeden Tag um die gleiche Zeit tritt dort ein kleiner Junge aus dem Dickicht, steht eine Weile stumm am Ufer und verschwindet wieder.


Für Dylan ist es SEIN Park. SEINE Bank. SEIN Teich. SEIN Junge. Er sieht sich selbst als Dichter, obwohl er seine Gedichte nicht veröffentlicht oder überhaupt mal jemandem gezeigt hat. Er war mir direkt sympathisch, und obwohl ich mein Bild von ihm im Laufe des Buches immer wieder anpassen musste, habe ich doch immer mit ihm mitgefiebert und mit ihm mitgelitten. Ich hatte das Gefühl, sein Wesen bis ins Innerste zu begreifen und ihn gleichzeitig überhaupt nicht zu kennen. Auch das ist ein Kunststück.


Den Schreibstil fand ich phänomenal. Dylan, der selbsternannte Dichter, findet großartige Worte für seine Geschichte. Schöne, lyrische Worte für sein kleines Paradies und die Schönheit der Natur. Grausame, erschütternde Worte für die Gewalt und das Leid.


Wie gesagt, ich bin verwirrt - aber ich bin auch beeindruckt. Das Buch macht es dem Leser vielleicht nicht immer einfach, aber es lohnt sich.


Fazit: 
Ein Junge geht verloren. Ein Mann geht ihn suchen und verliert sich selbst.


Wenn man sich von allen Erwartungen verabschiedet, ist das eine sehr originelle Geschichte mit viel Tiefgang, unzähligen Wendungen und einem so ungewöhnlichen wie unabwendbaren Ende. Es ist vielleicht kein Thriller, aber dennoch psychologische Spannung vom Allerfeinsten.


Das Buch wird mir sicher noch lange im Gedächtnis bleiben, und ich bereue nicht, es gelesen zu haben, obwohl ich etwas ganz anderes erwartet hatte.Wer Gillian Flynn und ihre schwierigen, unzuverlässigen Heldinnen mag, wird vielleicht auch Dylan Aaronson mögen. Und wem Paula Hawkins' "Girl on the Train" gefiel, der sollte es auch mal mit "Boy in the Park" versuchen.

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94 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 40 Rezensionen

thriller, london, psychothriller, stalking, verfolgung

Alleine bist du nie

Clare Mackintosh , Sabine Schilasky
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 13.01.2017
ISBN 9783404174706
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Der größte Pluspunkt des Buches war für mich die originelle, clever konstruierte Geschichte. Sie beginnt zwar mit einer ganz normalen Frau, die nach einem ganz normalen Arbeitstag auf dem Nachhauseweg in der U-Bahn ein Foto von sich selbst unter den Anzeigen für Sex-Hotlines entdeckt, aber dieser vermeintliche schlechte Scherz entwickelt sich schnell zu etwas viel Unglaublicherem, das die Leben vieler Frauen bedroht. Datenklau und der gläserne Mensch, Hacking, Stalking, eine Webseite, auf der eine perfide Dienstleistung angeboten wird... Natürlich gibt es schon Thriller, in denen ähnliche Themen aufgegriffen werden, aber diese werden hier auf eine Art und Weise kombiniert, die daraus in meinen Augen etwas erfrischend Unverbrauchtes machen.


Die Spannung entstand für mich hauptsächlich daraus, dass die Protagonistin Zoe im Laufe des Buches zunehmend paranoid wird und beginnt, jedem in ihrem Umfeld zu misstrauen. Sie blickt sich quasi ständig über die Schulter, fühlt sich verfolgt, hat Todesangst, und dieses Gefühl konstanter Bedrohung übertrug sich beim Lesen auf mich - obwohl es immer wieder lange Passagen gibt, in denen eigentlich gar nichts Konkretes, Greifbares passiert, aber das macht es für Zoe nur umso schlimmer, denn deswegen glaubt ihr keiner wirklich, dass sie nicht nur Gespenster sieht.


Wahrscheinlich ist es nicht der richtige Thriller für Lesende, die ihre Thriller hart und blutig mögen - meiner Meinung nach eher etwas für Fans von Paula Hawkins' "Girl on the Train" als für Fans von Richard Laymons "Der Käfig".


Die Auflösung fand ich stimmig und logisch schlüssig, allerdings gibt es ein paar Stellen, wo die Handlung nur durch einen Zufall oder auch eine uncharakteristische Nachlässigkeit des Täters vorangetrieben wird. Ich habe im Laufe des Buches mehrere Theorien aufgestellt, wer hinter all dem steckt, und am Ende lag ich dann halb richtig - aber auch halb total falsch. Insofern finde ich das Buch im Rückblick nicht vorhersehbar!


Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt:


Einmal natürlich aus Sicht von Zoe, die gar nicht begreifen kann, wie ihr Leben auf einmal so aus dem Ruder laufen konnte. Sie will doch nur irgendwie in ihrem unbefriedigenden Job ausharren, um die Lebenskosten für ihre Familie bestreiten zu können, ihre beiden Kinder bei ihren ersten Schritten in der Erwachsenenwelt unterstützen und sich nach ihrer Scheidung ein neues Leben mit ihrem neuen Partner Simon aufbauen.  Sie ist eine völlig normale 40-Jährige mit völlig normalen Wünschen und Hoffnungen, und manchmal wirkt sie dadurch ein wenig farblos, aber sie wuchs mir dennoch schnell ans Herz. Außerdem zeigt sie im Laufe des Buches dann auch, dass sie entschlossen und mutig sein kann!


Viel der Geschichte sehen wir auch aus Blickwinkel der jungen Polizistin Kelly, die nach einem schlimmen (aber verständlichen) Fehler degradiert wurde und jetzt versucht, sich wieder eine Karriere als aktive Ermittlerin zu erarbeiten. Ich mochte sie direkt sehr gerne, denn sie trifft manchmal zwar sehr unkluge Entscheidungen, aber immer aus dem Bauch heraus und aus den besten Motiven. Über sie würde ich tatsächlich gerne mehr in weiteren Büchern lesen! S


Wer außerdem noch ab und an zu Worte kommt, ist der Täter selber, und durch diese Worte gewinnt man stückchenweise mehr Einblicke, aber sie verraten nie zu viel, so dass die Neugier dadurch eher noch angeheizt wird.


Den Schreibstil fand ich sehr angenehm, er liest sich flüssig, wenn auch in einem für einen Thriller eher langsamen Tempo. Die Autorin gewährt viele Einblicke in das alltägliche Leben der Charaktere, und ich könnte mir vorstellen, dass auch das Lesern härterer Thriller vielleicht nicht so gut gefällt, aber mir hat es sehr gut gefallen.


Fazit:
Eine Frau entdeckt ihr eigenes Foto im Anzeigenteil der Zeitung, ausgerechnet unter den Sex-Hotlines, und muss feststellen, dass jemand anscheinend alles über sie weiß und sie ständig beobachtet. Und sie ist nicht die einzige Frau, deren Foto ohne ihr Einverständnis in einer solchen Anzeige erscheint, aber die Polizei nimmt die Sache zunächst nicht ernst.


"Alleine bist du nie" ist ein eher ruhiger Thriller, der in meinen Augen von einem Gefühl stetig steigender Paranoia und Bedrohung lebt. Mir hat das gut gefallen, denn ich fand die Geschichte und die Auflösung sehr intelligent konstruiert und komplex, aber wer Hardcore und nervenzerfetzende, rasante Hochspannung erwartet, wird wahrscheinlich eher enttäuscht.

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9 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

ho, hoss, sirius, crew, thorsten hoss

Absturz unter Drachenfeuer

Thorsten Hoß
E-Buch Text: 403 Seiten
Erschienen bei Rollenspielseminar, 27.08.2016
ISBN B01L5OJ0YQ
Genre: Fantasy

Rezension:  
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7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Fateful

Claudia Gray , Marianne Schmidt
Flexibler Einband: 354 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 17.06.2014
ISBN 9783442269945
Genre: Fantasy

Rezension:


Die Titanic ist wohl jedem ein Begriff - spätestens, seit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio im gleichnamigen Film zu den Klängen von "My Heart Will Go On" am Bug des berühmtesten Schiffes der Welt standen.


In einem originellen Genremix aus historischem Roman und Fantasy verbindet Autorin Claudia Gray die Geschichte des Unglücks mit übernatürlichen Wesen, die man nicht unbedingt an Bord eines Schiffes vermuten würde. Aber so originell diese Grundidee auch ist, die Umsetzung konnte mich dennoch nicht vollkommen überzeugen. Schlecht ist das Buch sicher nicht, aber für mich ist es eher eine nette Lektüre für zwischendurch als eine, die wirklich begeistert.


Man weiß ja von Anfang an, dass die Titanic untergehen wird. Insofern fragt man sich als Leser natürlich, ob die beiden Protagonisten Tess und Alec die Katastrophe überleben werden und ihre Liebe eine Zukunft hat, was schon für eine gewisse Spannung sorgt. Dazu kommt noch, dass das erstmal ihr geringstes Problem ist, weil Alex ein gefährliches Geheimnis hat und er und Tess es mit dem skrupellosen russischen Grafen Mikhail zu tun bekommen, für den Töten ein angenehmer Zeitvertreib ist.


Leider fand ich vieles jedoch etwas vorhersehbar oder auch nicht glaubwürdig, was der Spannung dann wiederum Abbruch tat. Ich möchte hier nicht zu viel verraten, aber sagen wir mal so: die übernatürlichen Wesen, um die es hier geht, lassen sich eigentlich nur sehr schlecht an Bord eines Luxuskreuzers mit tausenden von Passagieren verstecken. Das, was man über diese Wesen und ihre Gesellschaft erfährt, fand ich durchaus interessant, aber es bleibt bei eher oberflächlichen Einblicken.


Tess war für mich ein sehr sympathischer, glaubwürdiger Charakter. Sie arbeitet schon als Dienstmädchen, seit sie dreizehn Jahre alt ist, und ihre Dienstherrin ist ein echter Hausdrache. Tess bekommt selten genug zu essen, im Winter gefriert des Nachts das Wasser in ihrer Waschschüssel, weil an die Bediensteten kein Feuerholz verschwendet wird, und sie muss von morgens bis abends sehr hart arbeiten. In gewisser Weise hat Tess es verinnerlicht, dass sie gehorchen muss und weniger Wert ist als die Adligen und reichen Kaufleute. Aber sie ist auch entschlossen, intelligent und loyal, und sie kann sehr mutig sein, wenn es sein muss.


Interessant fand ich, dass wir durch Tess' Augen die Gesellschaft ihrer Zeit sehen, vor allem die Klassenunterschiede und die Vorurteile.


Alec ist zwar der Sohn eines reichen, einflussreichen Mannes, aber dennoch nicht eingebildet oder oberflächlich. Für ihn ist Tess von Anfang an nicht weniger wert, nur weil sie ein Dienstmädchen ist. Er ist ein rundum lieber Kerl ohne die geringsten Macho-Allüren, aber er blieb für mich einfach ein bisschen farblos.


Manche der Nebencharaktere fand ich ehrlich gesagt interessanter als ihn. So teilt sich Tess zum Beispiel ihre Kabine in der dritten Klasse mit zwei goldigen alten Norwegerinnen und der forschen jungen Libanesin Myriam, und das zwingt sie, die Vorurteile über Ausländer zu hinterfragen, die damals ganz normal und alltäglich waren.


Da die Liebesgeschichte zwischen Tess und Alec sich zwangsläufig innerhalb von nur 5 Tagen abspielen muss, ist es natürlich mehr oder weniger Liebe auf den ersten Blick. Dennoch ist es, bis auf wenige Szenen, keine Liebesgeschichte mit überschäumenden, dramatischen Emotionen - sie ist süß und niedlich, aber so richtig bewegt hat sie mich nur gegen Ende.


Vieles, was über Tess' Aufgaben und Alltag beschrieben wird, wiederholt sich, und mir fehlte oft das Gefühl, wirklich an Bord der Titanic zu sein. Abgesehen davon, dass manchmal erwähnt wird, dass es kälter wird und kleine Eisbrocken im Wasser treiben, kann man man in meinen Augen über lange Passagen fast vergessen, dass das Schiff auf eine Katastrophe zusteuert!


Der Schreibstil ist angenehm und flüssig, und auch die Übersetzung scheint mir gut gelungen.


Fazit:
Die junge Tess will eigentlich nur die Familie ihrer unangenehmen Dienstherrin auf einer Schiffsreise nach Amerika begleiten - und da endlich kündigen und ein neues Leben anfangen. Allerdings stehen ihr da drei Dinge im Weg: a) sie verliebt sich, b) sie muss feststellen, dass manche übernatürlichen Wesen mehr sind als Legende und c) da Schiff ist die RMS Titanic.


Diese Mischung aus historischem Roman und Fantasy liest sich zwar nicht schlecht, aber so richtig konnte die Autorin das Potential in meinen Augen nicht ausreizen.  Die Liebesgeschichte ist nett, man kann erahnen, dass die übernatürlichen Wesen im Geheimen eine komplexe Gesellschaft aufgebaut haben, aber dennoch plätscherte die Geschichte für mich eher dahin. Erst gegen Ende, als die Titanic schon auf den Eisberg zusteuert, kommt wirkliches Drama auf.

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795 Bibliotheken, 28 Leser, 0 Gruppen, 74 Rezensionen

magie, zirkus, fantasy, liebe, erin morgenstern

Der Nachtzirkus

Erin Morgenstern , Brigitte Jakobeit
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 11.10.2013
ISBN 9783548285498
Genre: Fantasy

Rezension:


Der Nachtzirkus kommt ohne Vorwarnung. Jeder beliebige Ort auf der Welt. Jede beliebige Zeit. Auf einmal ist er einfach da, über Nacht, wo er gestern noch nicht war, mit seiner Vielzahl von Zelten, deren Inhalte dem Zuschauer erscheinen wie wahrgewordene Träume. Ein Garten aus Eis. Ein Wolkenlabyrinth. In Flaschen eingeschlossene Erinnerungen. Illusionisten und Wahrsager und Akrobaten, die zu fliegen scheinen.


Le Cirque des Rêves: der Zirkus der Träume. Er öffnet mit Einbruch der Dunkelheit und schließt beim ersten Licht. Ein paar Tage bleibt er, dann ist er eines Morgens plötzlich verschwunden, spurlos. 'Rêveurs' nennen sich die Menschen, die eine unbestimmte Sehnsucht dazu treibt, dem Zirkus zu folgen, wohin auch immer er geht - eine Gemeinschaft von Träumern.


Als ich heute Nacht das Buch zuschlug, konnte ich diese Sehnsucht gut nachempfinden, denn auch ich spürte sofort eine Art schmerzlichen Verlustes, dass ich die Welt des Nachtzirkus' auf immer verlassen sollte. 


Ja, ich bin ein Rêveur.


Es gibt Bücher, die werden von einer komplexen Handlung voller unerwarteten Wendungen vorangetrieben, und die Spannung peitscht einen sozusagen durch die Seiten. Und dann gibt es Bücher wie dieses, in deren zauberhafte Atmosphäre man sich bedingungslos fallen lassen muss. "Der Nachtzirkus" ist in der Tat wie ein auf Papier gebannter Traum, in dem die Dinge nicht immer chronologisch verlaufen oder auf den ersten Blick Sinn ergeben, aber immer einen Hauch von Magie verströmen.


Die schiere Originalität hat mich umgehauen. Alles ist möglich, und der Leser entdeckt immer wieder Neues am Zirkus der Träume. Der Klappentext wird dem Buch wirklich nicht gerecht, obwohl ich es schwierig finden würde, einen besseren zu schreiben!


Ich konnte das Buch wirklich kaum weglegen, denn ich fühlte mich wie ein Kind, das das erste Mal einen Jahrmarkt besucht und es kaum erwarten kann, alle Stände zu besuchen und alle Süßigkeiten zu kosten. Aber ich könnte mir vorstellen, dass das Buch nicht für jeden Leser 'funktioniert', daher würde ich eine Leseprobe empfehlen.


Die Charaktere fand ich wunderbar. Sie sind so vielfältig und zauberhaft wie der Zirkus selbst, und auch die Nebencharaktere werden mit liebevollen Details geschildert. Die Liebesgeschichte steht für einen Großteil des Buches weniger im Zentrum, als man nach dem Klappentext erwarten würde, aber sie ist dennoch wunderschön und unverzichtbar für die Geschehnisse. Besonders gegen Ende bekommt sie immer mehr Bedeutung.


Ich habe das Buch hauptsächlich auf englisch gelesen und auch das Hörbuch im Original gehört. Für meine Rezension habe ich dennoch ein paar Kapitel auf deutsch gelesen, um die Übersetzung beurteilen zu können, und ich muss sagen: die ist zwar durchaus gut, aber dennoch geht ein Teil des sprachlichen Zaubers verloren. Denn Erin Morgenstern hat wirklich eine ganz außergewöhnliche literarische 'Stimme', die manchmal so schön ist, dass ich einen Satz einfach mehrmals lesen musste, und es ist schwierig oder eher unmöglich, so etwas in der Übersetzung perfekt zu bewahren.


Zitat:
"The striped canvas sides of the tent stiffen, the soft surface hardening as the fabric changes to paper. Words appear over the walls, typeset letters overlapping hand-written text. Celia can make out snatches of Shakespearean sonnets and fragments of hymns to Greek goddesses as the poetry fills the tent. It covers the walls and the ceiling and spreads out over the floor. And then the tent begins to open, the paper folding and tearing. The black stripes stretch out into empty space as their white counterparts brighten, reaching upward and breaking apart into branches. 
»Do you like it?« Marco asks, once the movement settles and they stand within a darkened forest of softly glowing, poem-covered trees."


Das Hörbuch habe ich, wie gesagt, im englischen Original gehört und fand es einfach wunderbar. Jim Dale ist meiner Meinung nach die perfekte Stimme für diese Geschichte, denn er findet immer wieder neue stimmliche Nuancen für die verschiedenen Charaktere und vermittelt die Atmosphäre so großartig, dass sich ein echtes Gänsehaut-Gefühl einstellt. Normalerweise höre ich Hörbücher eigentlich nie mehrmals, aber dieses werde ich sicher irgendwann nochmal hören.


Fazit:
Vergesst den im Klappentext versprochenen Wettkampf auf Leben und Tod am besten erstmal. Auch die Liebesgeschichte verläuft dann doch ganz anders, als dieser erwarten lässt. Aber das heißt mitnichten, dass das Buch nicht gut wäre.


Es lebt weniger von seiner Handlung als von seiner dichten, im wahrsten Sinne des Wortes fantastischen Atmosphäre. Ob man es liebt oder hasst, hängt sicher davon ab, inwieweit man sämtliche Erwartungen ablegen und sich einfach in die Geschichte fallenlassen kann, aber in meinen Augen lohnt es sich, wenn man es tut. Ich war voll und ganz verzaubert und bin unglaublich beeindruckt von der atemberaubenden Originalität.

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104 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 27 Rezensionen

dystopie, träume, jugendbuch, traum, gooddreams

GoodDreams

Claudia Pietschmann
Fester Einband: 360 Seiten
Erschienen bei Arena, 07.07.2016
ISBN 9783401601519
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Die Grundidee fand ich sehr spannend und originell: in einer unbestimmten Zukunft gibt es eine große Energiekrise, die Arbeitslosigkeit steigt ins Unermessliche und die Menschen flüchten sich in Träume - allerdings nicht unbedingt in ihre eigenen. Denn nachdem Facebook pleite gegangen ist, hat sich eine andere Plattform zur neuen Nummer 1 der sozialen Medien emporgeschwungen: GoodDreams, wo man Videos seiner eigenen Träume hoch- und die Videos anderer Träumer herunterladen kann. Anleitungen zum Klarträumen und Traumrekorder zum Aufzeichnen der Träume machen das ganz leicht. Die Profiträumer kassieren sogar Geld und Lebensmittelgutscheine, wenn ihre Träume oft genug gelikt werden.


Leider hatte ich aber schnell den Eindruck, dass diese hochinteressante Idee auf eher schwachen Beinen steht, denn die Welt erschien mir nur oberflächlich durchdacht. Erdöl gibt es halt nicht mehr, weil die Araber und die Russen alles für sich selbst behalten, und Sonnen- und Windenergie funktionieren nicht mehr, weil das Klima unberechenbar geworden ist. Viel mehr Erklärung gibt es nicht, und das fand ich doch etwas dünn.


War es zum Beispiel ein schleichender Prozess, oder gab es irgendeine Art von Katastrophe? Mal klingt es so, als wäre es einfach eine unausweichliche Folge des fortschreitenden Klimawandels, aber dann wird zum Beispiel auch gesagt, dass Touristen in den Hotels von Okinawa gestrandet sind, weil die Flüge unbezahlbar wurden - und das hieße ja, dass es sehr überraschend passiert sein muss.


Außerdem fand ich die Auswirkungen dieser Energiekrise oft unlogisch. Einerseits hat kaum noch jemand Geld, um das Licht oder gar einen Kühlschrank einzuschalten, andererseits müssen die Menschen doch ständig im Internet hängen, wenn GoodDreams wirklich so eine wirtschaftliche Macht sein soll, wie es dargestellt wird. Es wird gesagt, dass einem technische Geräte hinterhergeschmissen werden, während Lebensmittel fast unbezahlbar sind, aber dennoch besitzen die meisten Menschen anscheinend entweder gar keinen eigenen Computer oder nur einen ziemlich abgewrackten.


Kurz gesagt, der Weltentwurf hat mich leider nicht überzeugt, und deswegen konnte ich mich auf die Geschichte nicht vollständig einlassen. Zwar kam zwischendurch durchaus Spannung auf und es war dann auch unterhaltsam, aber so richtig mitreißen konnte es mich nicht, weil es für mich nicht in sich stimmig war.


Auch die Charaktere haben zwiespältige Gefühle in mir hervorgerufen, obwohl ich sie alle im Grunde sehr vielversprechend und interessant fand.


Im Mittelpunkt steht Leah, die mit ihrem Zwillingsbruder Mika und ihrem todkranken Vater zusammenlebt. In den letzten Jahren hat Mika die kleine Familie als Profiträumer über Wasser gehalten, aber seit seine Freundin ihn verlassen hat, kann er nicht mehr schlafen und daher auch nicht mehr träumen. Leah hingegen hat mit dem Träumen schlechte Erfahrungen gemacht und will daher nicht versuchen, damit Geld zu verdienen.


Am Anfang kam sie mir naiv und selbstsüchtig vor, denn sie schiebt ihrem Bruder alle Verantwortung fürs Geldverdienen zu. Dass er auf sie oft sehr wütend wurde, konnte ich zunächst sogar nachvollziehen, später fand ich ihn unangebracht aggressiv. Leah macht im Laufe der Geschichte zwar eine große Wandlung durch und lernt, mehr Verantwortung zu übernehmen und sich mehr zuzutrauen, dies fand ich allerdings recht sprunghaft, und ähnlich erging es mir auch mit den anderen Charakteren. Ein hilfsbereiter Charakter kann plötzlich besitzergreifend und hinterlistig sein, um dann später wieder hilfsbereit zu werden, und das innerhalb weniger Tage.


Die Liebesgeschichte ging mir ein bisschen zu plötzlich, ich hatte nicht das Gefühl, dass die beiden sich überhaupt genug kannten, um tiefe Gefühle zu entwickeln. Außerdem fand ich schade, dass er sie immer wieder als hilfloses, schwaches, kindliches Mädchen sieht, das er beschützen muss!


Der Schreibstil ist eher einfach, liest sich aber locker und angenehm.


Fazit:
Die Grundidee fand ich wahnsinnig spannend, leider flaute meine Begeisterung jedoch schnell ab. Die Ansätze sind alle da, die Charaktere haben durchaus viel Potential, aber die Umsetzung scheiterte für mich vor allem daran, dass mir der Weltentwurf einfach nicht vollständig und logisch durchdacht schien - und das ist mir bei dieser Art von Geschichte, die in einer dystopisch angehauchten Zukunft spielt, sehr wichtig, um sie glaubhaft finden zu können.

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4 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Zeit

Rüdiger Safranski
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 23.03.2017
ISBN 9783596036851
Genre: Sachbücher

Rezension:


Safranski spricht die unterschiedlichsten Themen an, die mal mehr, mal weniger offensichtlich mit der Zeit und ihren Facetten zu tun haben. Darunter ist manches, über das man sich vielleicht selber schon Gedanken gemacht hat, aber auch vieles, für das man sich erst einmal frei machen muss von festgefahrenen Vorstellungen - von dem, was man bisher schlicht als so unumstößlich und unveränderlich angesehen hat, dass es das Nachdenken nicht zu lohnen schien.


Zitat aus dem Kapitel 'Zeit der Langeweile':
"In dem Maße, wie die Ereignisse ausdünnen, wird die Zeit auffällig. Es ist, als käme sie aus ihrem Versteck, denn für unsere gewöhnliche Wahrnehmung ist sie hinter den Ereignissen verborgen und wird nie so direkt und aufdringlich erlebt. Ein Riss also im Vorhang, und dahinter gähnt die Zeit."


Der Autor lädt ein, um die Ecke zu denken, einen anderen Blickwinkel einzunehmen, den Gedanken über die Zeit ganz bewusst Zeit einzuräumen. Man sollte sich vom Klappentext aber nicht verleiten lassen, ein seicht-erbauliches Büchlein für den Kaffeetisch zu erwarten: es erfordert aktives Mitdenken, denn allzu einfach macht es einem dieses Werk nicht. Obwohl ich sonst eine rasche Leserin bin, habe ich ein paar Wochen dafür gebraucht; für mich ist es kein Buch, durch das man nebenher durchhetzen kann. Sätze wie den folgenden musste ich mehrfach lesen und in Gedanken in ihre Einzelteile zerpflücken, um wirklich zu verstehen, was sie aussagen:


Zitat aus dem Kapitel 'Lebenszeit und Weltzeit':
"Ähnlich hat Edmund Husserl das Erlebnis von Gegenwärtigkeit phänomenologisch als ein Zugleich von Protention und Retention analysiert: Nur deshalb fällt uns die Zeit nicht in Zeitpunkte auseinander und nur deshalb können wir sie als sukzessives Kontinuum erleben, weil im jeweiligen Moment das soeben Vergangene noch präsent ist (Retention) und man zugleich erwartend angezogen wird vom Künftigen (Protention)."


Aber die Mühe lohnt sich meines Erachtens, denn Safranski nimmt einen mit auf eine sehr umfassende Reise, die das Thema "Zeit" in all ihren Aspekten abdeckt.


In ruhigem Tonfall und anspruchsvoller, dennoch oft heiterer und unterhaltsamer Sprache teilt er seine Gedanken und Überlegungen mit, durchwebt sie aber stets mit Querverweisen, Zitaten und Quellenangaben. Er lässt sie alle zu Wort kommen: Dichter und Schriftsteller, Philosophen, Wissenschaftler, Psychologen - sprich, Denker und große Geister jeglicher Couleur, seien es nun Kafka, Heidegger, Einstein, Demokrit oder sogar literarische Figuren wie Hamlet.


Gelegentlich fand ich die Häufung anderer Quellen ermüdend. Zwar sind sie hilfreich, wenn man sich zu einem Thema weitergehend informieren will, aber ich hatte manchmal den Eindruck, dass Safranksi eigene Worte unter dem Berg von Zitaten begraben wurden, dann hätte ich lieber mehr über seine ganz persönliche Meinung erfahren. Selten verliert er sich auch ein wenig in Allgemeinplätzen, die dem sonstigen Niveau nicht gerecht werden.


Frank Arnold ist meines Erachtens eine gute Wahl für die Hörbuchumsetzung: seine Stimme klingt konzentriert und präzise, aber dennoch lebendig, mit einem sehr angenehmen Sprachrhythmus, dem man gut folgen kann, ohne dass es ermüdend wird oder man den Faden verliert.


Das Hörbuch ist als Download sowohl in einer gekürzten wie einer ungekürzten Version erhältlich, als Audio-CD nur in der gekürzten, die die Essenz des Buches aber ebenfalls gut wiedergibt. 


Fazit:
"Zeit" ist kein Selbsthilfebuch; es gibt keine praktischen Tipps zur Entschleunigung des Alltags oder Ähnliches. Es ist eine philosophische Rundreise durch das Wesen der Zeit und all ihre Aspekte (von der Langeweile bis zur Unfähigkeit, sich den eigenen Tod vorzustellen), und als Reiseführer fungieren nicht nur Safranski selber, sondern auch eine Vielzahl an großen Denkern, die er ausführlich und mit Quellenangaben zitiert.


In meinen Augen ist es kein einfaches Buch, sondern eines, bei dem man sich anstrengen muss, um allen Gedankengängen zu folgen und sich seine eigenen Gedanken dazu zu machen. Ein gewisses Grundinteresse an Philosophie, Literatur und Wissenschaft sollte man mitbringen! 

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214 Bibliotheken, 22 Leser, 0 Gruppen, 64 Rezensionen

barcelona, spanien, carlos ruiz zafón, zafón, der friedhof der vergessenen bücher

Das Labyrinth der Lichter

Carlos Ruiz Zafón , Peter Schwaar
Fester Einband: 944 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 16.03.2017
ISBN 9783100022837
Genre: Romane

Rezension:


'Das Labyrinth der Lichter' ist der vierte Band der Reihe 'Der Friedhof der vergessenen Bücher', nach 'Der Schatten des Windes', 'Das Spiel des Engels' und 'Der Gefangene des Himmels'.  Aber wie Carlos Ruiz Zafón in einem Interview mit dem Fischer-Verlag erklärte:


"Jeder Band versteht sich als ein unabhängiger Eingang zum Friedhof der Vergessenen Bücher. Wo immer man beginnt, durch welche der vier Türen man auch tritt, wird man eine eigene Welt vorfinden."


Da dieses Buch tatsächlich mein erstes des Autors war, ich also vollkommen ohne Vorwissen und Vorbereitung in diese zauberhafte Welt stolperte, kann ich guten Gewissens bezeugen: ja, man kann 'Das Labyrinth der Lichter' wirklich als eigenständiges Werk lesen - und lieben! -, aber man fühlt sich manchmal wie Alice, die kopfüber und unversehens ins Kaninchenloch stürzt. Mir schwirrte oft der Kopf, mir war ganz schwindlig vor lauter Namen und Orten und Entwicklungen und Andeutungen, und dennoch wollte ich immer weiterlesen und weiterlesen. Im Rückblick fällt es mir schwer zu glauben, dass dieser Wälzer stolze 944 Seiten auf die Waage bringt, denn die Geschichte wurde mir niemals langweilig und ich habe sie in nur fünf Tagen verschlungen... Und mir die anderen Bücher der Reihe schon gekauft, da ich jetzt unbedingt alle der möglichen Türen und Welten erkunden will.  Dennoch ist es ein Buch zum Mitdenken, denn zum nebenher Konsumieren ohne Sinn und Verstand ist es viel zu schade.


Es ist schwer, in Worte zu fassen, was die Magie dieses Buches ausmacht, denn die ist vielfältig und wandelbar. Mal ist es ein bedrückender und dennoch faszinierender Einblick in die Lebenswirklichkeit der Menschen zur Zeit des Franco-Regimes in Spanien, dann wieder ein überschwänglicher Lobgesang auf die Literatur oder ein spannender historischer Kriminalfall. Aber die Sprache, die ist immer ein Gedicht und die Atmosphäre eine Offenbarung - auch oder gerade dann, wenn die Grenzen zwischen Traum und Albtraum zerfließen und die sprachliche Schönheit das Düstere oder sogar Morbide beschreibt.


Man könnte das Buch auf jeder beliebigen Seite aufschlagen und würde dort immer eine zitierwürdige Stelle finden. Ich werde jetzt mal die Probe aufs Exempel statuieren:


"Da erschütterte eine neue Explosion das Gebäude, und das Buch fiel ins Leere. Alicia schaute über den Rand hinaus und sah es in den Abgrund flattern. Der Widerschein der Flammen auf den Wolken warf Lichtbündel herunter, die sich in die Finsternis ergossen. Ungläubig kniff Alicia die Augen zusammen. Wenn der Anblick sie nicht trog, war das Buch zuoberst auf einer riesigen Spirale gelandet, die sich um ein unendliches Labyrinth aus Gängen, Passagen, Bögen und Galerien wand, das an eine große Kathedrale erinnerte. Aber im Gegensatz zu den Kathedralen, die sie kannte, bestand diese nicht aus Steinen. Sie bestand aus Büchern."


Der Autor schont seine Charaktere nicht. Auch denen, die einem ans Leserherz wachsen, passieren furchtbare Dinge, oder sie begehen sogar selber grausame Taten. Aber die Gewalt wird in meinen Augen nie zum Selbstzweck, und die andere Seite der Medaille ist der großartige Humor, der mich mehr als einmal laut zum Lachen brachte.


Man erreicht nie den Punkt, wo man zweifelsfrei behaupten könnte, einen Charakter wirklich bis ins Letzte zu kennen, denn sie sind alle so komplex und zwiespältig, wie Menschen nun einmal sind. Und das ist auch gut so, obwohl es manchmal geradezu wehtut, machtlos zusehen zu müssen, wie sich einer davon ins Unglück stürzt...


Es geht immer mal wieder um die Liebe, wenn auch nicht immer die romantische, und das wird meines Erachtens niemals kitschig - gerade weil die berührendsten Szenen oft die sind, die ohne große Gesten auskommen. Und auch hier gehen Glück und Leid mehr als einmal Hand in Hand, so wie ich ohnehin den Eindruck hatte, dass bei Carlos Ruiz Zafón alles immer auch sein Gegenteil enthält.


Das Ende ist in meinen Augen ein Geniestreich, mit dem der Autor ein Stück weit die vierte Wand durchbricht. 'Das Labyrinth der Lichter' enthält quasi seine eigene Entstehungsgeschichte.


Fazit:
'Das Labyrinth der Lichter' ist so ein Buch, das ich am liebsten sofort wieder vergessen würde. Nicht etwa, weil es schlecht wäre, ganz im Gegenteil - ich wünschte, ich könnte es noch einmal zum ersten Mal lesen, um die Schönheit der Sprache, die wunderbaren Charaktere und die unglaublich vielschichtige Handlung neu und mit unverstelltem Blick zu entdecken.


Es ist Teil einer vierbändigen Reihe, dern Bände man aber alle auch einzeln lesen kann, und ich werde mich jetzt daran machen, auch die anderen drei Bände zu lesen. Carlos Ruiz Zafón hatte sich schon nach wenigen Seiten einen Ehrenplatz in der Liste meiner Lieblingsautoren verdient.

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alexander der große, fantasy, magie, makedonien, jugendbuch

Schattenkrone - Royal Blood

Eleanor Herman , Christine Strüh , Anna Julia Strüh
Fester Einband: 592 Seiten
Erschienen bei FISCHER FJB, 23.02.2017
ISBN 9783841422309
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Zwar ist viel über Alexander den Großen bekannt, jedoch nur relativ wenig über seine Jugend. Gerade deswegen fand ich die Idee sehr spannend, daraus ein Jugendbuch zu machen, das historische Fakten mit Mythen, Sagen und Magie verbindet! Fantasy ist im Genre Jugendbuch ein Dauerbrenner, aber historische Fantasy? 


Und man merkt schnell, dass Eleanor Herman weiß, wovon sie spricht! Kein Wunder, denn sie ist Historikerin, hat schon mehrere historische Sachbücher geschrieben und im Fernsehen historische Dokumentationen moderiert. Auch für ihre Jugendbuchreihe über den jungen Alexander hat sie umfassend recherchiert und sogar in Begleitung eines Archäologen die Originalschauplätze besucht. 


Für mich waren die Einblicke in Leben und Kultur der Zeit das wahre Highlight des Buches: Wie kleideten sich die Menschen in Makedonien im Jahr 340 v.Chr., was aßen sie, welche Feste feierten sie? Woran glaubten sie? Ich war oft überrascht, was damals tatsächlich alles schon bekannt war, was ich für wesentlich neuere Erfindungen gehalten hatte! Ein paar Dinge habe ich ungläubig im Internet ein wenig recherchiert und musste feststellen: tatsächlich, die Menschen kannten damals schon Kajalstift, eine Art von Beton und biologische Kriegsführung. 


Die Mischung aus Fantasy und Geschichte fand ich sehr ansprechend und originell, aber leider konnte mich nicht alles in diesem Buch so mühelos überzeugen. 


Die Geschichte wird aus nicht weniger als sieben Blickwinkeln erzählt. Am königlichen Hof leben der junge Alexander, seine Mutter Olympias, seine Halbschwester Cynane und sein bester Freund Hephaistion. Die junge Katerina und ihr bester Freund Jacob stammen aus dem ländlichen Erissa und sind in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, aber das große 'Blutturnier', an dem Jacob teilnehmen will, führt auch sie in die Hauptstadt. Zuletzt gibt es noch die lydische Prinzessin Zofia, die ihren Wachmann Cosmas liebt, aber Alexander heiraten soll. 


Dadurch, dass die Geschichte immer wieder zwischen den Charakteren hin- und herspringt, hatte ich nicht das Gefühl, sie wirklich gut und umfassend kennenzulernen. Die meisten blieben für mich bis zum Schluss eher flach, obwohl sie alle sehr viel Potential haben. Die Autorin erzählt mir zwar, was sie fühlen, zeigt es mir aber nur selten so, dass ich mitfühlen und mitleiden kann. 


Natürlich kommt eine Geschichte für junge Leser(innen) nicht ohne Liebe aus - aber weil ich Probleme hatte, mit den Charakteren mitzufühlen, berührten mich auch die Liebesgeschichten nur selten. Außerdem kommt eine davon sehr überraschend, ohne dass die beiden Jugendlichen tatsächlich viel Zeit miteinander verbracht hätten! 


Der Schreibstil hat seine großartigen und seine weniger großartigen Momente. Mal schafft es die Autorin, eine Szene mit ganz viel Atmosphäre so bunt und lebendig zu schildern, dass ich sie fast schon vor mir sehen kann, und dann findet sie auch wunderbare Worte. Dann gibt es wiederum Szenen, die mit extrem einfachen, kurzen Sätzen erzählt werden - und gerade in diesen Szenen habe ich mit der Erzählzeit gehadert, denn die Geschichte ist im Präsenz geschrieben, also der Gegenwartsform. Diese verträgt sich in meinen Augen nur schlecht mit dem historischen Hintergrund, und auch Namensabkürzungen wie "Roxie" wirkten auf mich zu modern. 


Aber am meisten gestört habe ich mich leider daran, dass ich vieles nicht schlüssig oder glaubhaft fand. Wenn ein Charakter dringend in einen Raum muss, in dem etwas Geheimes aufbewahrt wird, dann ist das Gitter am Fenster eben locker. Oder zwei Wachen unterhalten sich in Hörweite lautstark und überdeutlich über wissenswerte Dinge und zeigen sich dann noch gegenseitig ohne ersichtlichen Grund die Geheimtür. 


Auch die zeitlichen Abläufe fand ich öfter verwirrend. Dann hatte ich das Gefühl, eigentlich wären höchstens zwei oder drei Tage vergangen, aber dann stellt sich heraus, dass ein Charaktere eine große Strecke zurückgelegt hat oder etwas gelernt hat, was sich nicht in so kurzer Zeit lernen lässt. 


Trotz aller Kritik hatte ich die Kapitel immer recht schnell durch, und manchmal fand ich die Geschichte durchaus spannend. Oft man es mir aber so vor, dass eine Szene im Grunde aus Sicht des falschen Charakters geschildert wird! Zum Beispiel sieht der Leser das große 'Blutturnier' nicht aus Sicht von Heph oder Jacob, die dabei mitkämpfen, sondern aus Sicht von Alexander, der das Turnier von der Zuschauertribüne aus verfolgt.

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628 Bibliotheken, 17 Leser, 1 Gruppe, 33 Rezensionen

mittelalter, thriller, fluch, ursula poznanski, saeculum

Saeculum

Ursula Poznanski
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Loewe, 17.06.2013
ISBN 9783785577837
Genre: Jugendbuch

Rezension:



Ein harmloses Rollenspiel sollte es werden: ein paar Tage im einsamen Wald, mal leben wie im Mittelalter, Schwertkämpfe und spannende Aufgaben, die es zu erfüllen gilt. Kein moderner Kram wie Zahnpasta oder Handys. Aber es dauert nicht lange, bis das Spiel immer mehr zum Albtraum wird - der Fluch aus einer uralten Sage scheint sich nach und nach zu erfüllen. Gräber öffnen sich, des Nachts hören die Jugendlichen furchtbare Schreie, Mitspieler werden verletzt...


Als Leser fragt man sich dabei natürlich die ganze Zeit: gibt es diesen Fluch wirklich; ist es der Geist von Tristram, der umgeht und Opfer fordert? Oder steckt doch ein Mensch hinter dem perfiden Spiel? Die Autorin hat es geschafft, dass ich mal von dem einen, mal von dem anderen überzeugt war.


Erst nach etwa 350 Seiten hatte ich einen Geistesblitz und habe einen Teil der Auflösung erraten, vieles hat mich am Ende aber dann doch noch überrascht - denn da kapiert man erst, wie komplex das Ganze eigentlich ist, und dass unzählige kleine Details und Andeutungen, über die man vielleicht einfach drübergelesen oder ihnen keine größere Bedeutung beigemessen hat, tatsächlich ein Teil dieses Puzzles sind.


Ich fand die Geschichte von vorne bis hinten unheimlich spannend, denn man fragt sich ständig: was kommt als nächstes? Gegen Ende zieht Ursula Poznansik die Daumenschrauben dann noch mal kräftig an!


 Allerdings sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass "Saeculum" ein Jugendthriller ist, der für Leser ab 14 Jahren gedacht ist. Obwohl die Geschichte nicht ohne Blutvergießen abläuft, ist sie wohl nichts für Fans von Hardcore-Thrillern


Originell fand ich auch, dass das Buch in einer eigentlich sehr friedlichen Szene angesiedelt ist, nämlich der der Mittelalter-Liverollenspieler. Wer's nicht kennt: man kleidet sich in mittelalterliche Kleidung, trifft sich mit Gleichgesinnten und schlüpft für die Dauer des Spiels in die Rolle eines Menschen, wie er im Mittelalter gelebt haben könnte. Zwar gibt es auch Schaukämpfe, aber die sind halt wirklich nur Schau und sollten allerhöchstens blaue Flecken hervorrufen. Die Autorin hat sich scheinbar wirklich gut und weitreichend informiert, so dass man einen kleinen Blick in diese Welt werfen kann.


Die Charaktere fand ich wunderbar geschrieben. Ein paar davon bleiben eher am Rand, aber die meisten werden lebendig und vielschichtig geschildert, mit all ihren Marotten und Schrullen. Da gibt es zum Beispiel das kugelrunde 'Steinchen', auch bekannt als 'Kuno vom Fass', der sich als witzig, gutmütig und loyal herausstellt, die wunderschöne Lisbeth, die sich im Spiel 'Geruscha' nennt und ihre Schönheit manchmal eher als Fluch denn als Segen sieht, oder Harfenspielerin Iris, die schon vor irgendetwas Angst zu haben scheint, bevor die ersten Dinge schiefgehen.


Im Mittelpunkt steht Bastian, alias 'Tomen Sehnenschneider', der so etwas noch nie mitgemacht hat und eigentlich nur da ist, um die Rollenspielerin Sandra zu beeindrucken. Denn eigentlich ist er fleißiger Medizinstudent und versucht, es seinem herrischen Vater und dessen unmöglich hohen Ansprüchen recht zu machen. Bastian war mir sehr sympathisch, und mir hat gut gefallen, wie er sich im Laufe des Buches weiterentwickelt und seine eigenen Stärken und Schwächen kennenlernt.


Unter den Jugendlichen gibt es auch ein paar Pärchen, und Bastian macht sich ja Hoffnungen auf seine Sandra - aber die Liebesgeschichten entwickeln sich nicht unbedingt immer so, wie man es am Anfang erwarten würde, und zu kitschig wird es in meinen Augen auch nie.


Am Schreibstil merkt man schon ein bisschen, dass es ein Jugendbuch ist, denn der ist eher einfach, aber er hat mir dennoch sehr gut gefallen. Er liest sich locker und bringt Stimmungen und Emotionen großartig rüber.


Fazit:
Fünf Tage mal so tun, als würde man im Mittelalter leben, mitten im einsamen Wald - was für eine Gruppe von jungen Rollenspielern als spannender Abenteuerurlaub beginnt, gerät schnell außer Kontrolle, als sich ein uralter Fluch scheinbar Stück für Stück erfüllt.


Als Jugendthriller verzichtet "Saeculum" zwar nicht auf Gewalt, aber auf bluttriefende Beschreibungen derselben. Für manche Thrillerfans ist das Buch damit sicher zu harmlos, ich fand es aber auch als erwachsene Leserin spannend und vor allem sehr clever konstruiert. Es ist eines dieser Bücher, bei denen man erst im Nachhinein begreift, wie viele Hinweise die Autorin versteckt hat!


Ich fand es originell und spannend, mit überzeugenden Charakteren und einem Schreibstil, der zwar eher einfach ist, aber dennoch sehr ansprechend und wirkungsvoll.

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44 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

wildhexe, wildfir, kinder, feuerprobe, kinderbuch

Wildhexe - Die Feuerprobe

Lene Kaaberbøl , Friederike Buchinger
Flexibler Einband: 192 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 22.04.2016
ISBN 9783423626231
Genre: Kinderbuch

Rezension:


Lene Kaaberbøl erzählt eine wunderbar fantasievolle Geschichte für kleine Leser und Leserinnen ab 11 Jahren, und sicher auch den ein oder anderen älteren Bücherwurm. (Denn gute Kinderbücher sind doch alterslos!)


Man begegnet guten Wildhexen, der bösen Hexe Chimära, jede Menge großen und kleinen Tieren... Und der 12-jährigen Clara, die sich manchmal ganz schwach und dumm vorkommt und sich deshalb nur wenig zutraut. Deswegen fühlt sie sich auch mehr als ein bisschen überfordert, als ein riesiger schwarzer Kater sie eines Morgens aus heiterem Himmel anfällt und das irgendwie dazu führt, dass ihre Mutter und ihre Tante ihr eröffnen, sie sei eine Wildhexe, die mit Tieren sprechen und auf den Wilden Wegen wandern kann. Als wäre das noch nicht genug, hat es auch noch die grausame Chimära auf sie abgesehen!


In die Geschichte sind viele kindgerechte Themen verpackt, denn Clara muss nicht nur lernen, ihren Wildsinn zu beherrschen, sondern auch, sich mehr zuzutrauen und sich mit einer Rivalin zu versöhnen. Denn, so muss Clara feststellen, manchmal sind Leute fies zu einem, weil sie selber vor etwas Angst haben.


Aber das Buch kommt jetzt nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daher, sondern ist immer einfallsreich, magisch und superspannend! Clara ist ein liebenswertes Mädchen, mit dem Kinder bestimmt richtig gut mitfiebern können. Ansonsten lernt man vor allem ihre Tante Isa kennen, die irgendwo im Nirgendwo lebt, immer ein paar verletzte oder kranke Tiere im Haus hat, die sie aufpäppelt, und sich gut mit Kräutern und Magie auskennt. Dann gibt es noch Kahla, die etwa in Claras Alter ist und gerade bei Tante Isa in die Hexenlehre geht, und sie ist erst ziemlich gemein. Aber man merkt, dass Kahla eben auch unsicher ist, weil da jetzt plötzlich noch ein anderes Lehrmädchen ist, das Isas Aufmerksamkeit beansprucht.


Der Schreibstil liest sich einfach und flüssig, hat aber dennoch auch tolle Beschreibungen, wie die Dinge aussehen, klingen, riechen oder schmecken, so dass man sich immer lebendig vorstellen kann, was gerade passiert.


Fazit:
"Die Feuerprobe" ist ein schöner Auftakt für eine Fantasyreihe für junge Leserinnen. Die Geschichte ist spannend und fantasievoll, und die 12-jährige Heldin lernt ganz viel fürs Leben, ohne dass es langweilig wird. Mit 192 Seiten ist das Buch auch für kleinere Leseratten gut zu schaffen und eignet sich sicher auf gut zum Vorlesen.

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96 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 46 Rezensionen

helgoland, thriller, spannung, orkan, anna krüger

Hell-Go-Land

Tim Erzberg
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 22.08.2016
ISBN 9783959670463
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Mit Helgoland verbinden die meisten Menschen wohl eher gemütliche Urlaubsatmosphäre (inkl. Strandspaziergang, Heilbad und Matjesbrötchen) als einen zunehmend düsteren Albtraum (inkl. Sturmfront, Ausgangssperre und Blut im Einmachglas).


Insofern ist die Wahl des Schauplatzes für diesen Thriller originell - und stimmig, denn nach dem Lesen kann ich nur sagen: Helgoland im Winter ist geradezu der perfekte Ort für so eine Geschichte! Außerhalb der Urlaubssaison fahren die Fähren ohnehin nur zweimal in der Woche, und bei Unwetter, was wohl nicht selten vorkommt, ist die Insel sogar vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten. Jeder kennt jeden auf so einer kleinen Insel, und einer davon soll ein skrupelloses Monster sein...? Gänsehaut vorprogrammiert. Ein Großteil der Spannung entsteht alleine schon durch die klaustrophobische, unheilvolle Atmosphäre.


So lebendig, grandios und stimmungsvoll das sturmumtoste Helgoland beschrieben wird, desto blass bleiben jedoch leider manche der Charaktere.


Die Geschichte wird aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt. In der Gegenwart sieht der Leser die Geschehnisse vor allem aus Sicht der Polizistin Anna Krüger, an die ein unbekannter Täter grausige Präsente schickt, und aus Sicht der Putzfrau Katharina Loos, die einen unheilvollen Verdacht hat, was ihren Arbeitgeber betrifft, und auf eigene Faust ermittelt. Außerdem fließen immer mal wieder Gespräche zwischen Täter und Opfer in die Geschichte ein, reduziert auf den reinen Dialog.


Auch Annas Erinnerungen spielen eine große Rolle. Schnell wird dem Leser klar: vor 8 Jahren muss ihr etwas Furchtbares angetan worden sein auf Helgoland. Etwas, für das ihr nie Gerechtigkeit zuteil wurde, ganz im Gegenteil. Lange wird alles nur angedeutet, und als Anna es dann doch mal jemandem erzählt, bricht der Autor die Szene einfach ab und blendet über zur nächsten - aber das verhindert nicht, dass man sich doch recht schnell einen Teil dessen, was geschehen ist, denken kann.


Die Charaktere haben alle viel Potential und auch interessante Eigenheiten. (So hat Anna zum Beispiel ihrer Migräne den Namen Stalin gegeben und spricht gelegentlich mit ihr.) Aber wirkliche Sympathie habe ich weder mit ihr noch mit den anderen Charakteren entwickelt, und sie blieben für mich merkwürdig farblos. 


Die drei Polizisten sind mit der Situation hoffnungslos überfordert und ermitteln fast stümperhaft, was aber zugegebenermaßen verständlich ist. Kein angeschlossenes Labor, keine Experten für Spurensicherung... Im Grunde sind sie nur eine Dorfpolizei, die normalerweise alles ans Festland weitergibt, was wirkliche Ermittlungen erfordert - nur, dass das jetzt wegen des Sturms eben nicht geht. Nicht nachvollziehen konnte ich hingegen, dass Anna ihren Kollegen ohne ersichtlichen Grund wichtige Dinge vorenthält, wie z.B., dass sie eine Reihe von beunruhigenden SMS erhalten hat. Ein Versuch des Autors, zusätzliche Spannung zu erzeugen, indem er Anna isoliert?


Der aufmerksame Leser kann schon früh zumindest eine Ahnung entwickeln, wer hinter den blutigen Post-Sendungen steckt, trotz falscher Fährten - allerdings bleibt spannend, warum derjenige tut, was er tut. Die Auflösung und das Motiv des Täters konnten mich am Schluss aber nur so halbwegs überzeugen.


Im Großen und Ganzen gefiel mir der Schreibstil gut, mit kleinen Abstrichen:


Immer wieder findet der Autor tolle Bilder und eine großartige Sprachmelodie, oft baut er eine wunderbar dichte, düstere Atmosphäre auf, die alle Sinne anspricht  - gelegentlich driftet er aber auch ab ins Melodramatische.


Zitat - Anna blickt hinab aufs Meer und bekommt Migräne:
Eisig war es und sah doch aus, als würde es dort unten von einem Höllenfeuer zum Kochen gebracht. Im Augenblick der Begegnung mit dem zornigen Gott des Meeres waren sie aufgeflammt, hatte es hinter ihren Augen zu pochen begonnen. Zunächst hatte es sich angefühlt, als packe eine eisige Faust ihren Sehnerv und zöge ihn mit Gewalt in den Schädel. 


Abschließend möchte ich sagen, dass mich das Buch trotz der angesprochenen Kritikpunkte gut unterhalten hat und dass ich es auch sehr spannend fand.


Fazit:
Der heimliche Star des Buches ist für mich die Insel Helgoland selbst, denn der Autor beschreibt sie packend und eindringlich - und zeigt sie dabei in einem ganz anderen Licht, als man sie aus Ferienprospekten kennt. Brutale Winterstürme und die damit einhergehende vollkommene Isolation vom Festland bilden die Kulisse für einen Thriller, der seinem Potential in meinen Augen nicht vollständig gerecht wird (besonders die Darstellung der Charaktere hat noch Luft nach oben), aber dennoch hochspannend ist.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Hexbreaker (Hexworld) (Volume 1)

Jordan L. Hawk
Flexibler Einband: 244 Seiten
Erschienen bei CreateSpace Independent Publishing Platform, 05.05.2016
ISBN 9781530911523
Genre: Sonstiges

Rezension:


Erstmal zwei Hinweise: 1.) Das Buch ist zum Zeitpunkt dieser Rezension noch nicht auf deutsch erschienen. 2.) Es enthält detailliert beschriebenen einvernehmlichen Sex zwischen zwei Männern. 


Nur noch ein Kapitel! 


Das dachte ich mir kurz nach Mitternacht. Einen Wimpernschlag später war es auf einmal 3 Uhr früh, aber an dieser spannenden Stelle konnte ich unmöglich abbrechen... Die Nacht durchzumachen, um das Buch in einem Rutsch fertig zu lesen, erschien mir in dem Moment als die einzig logische Konsequenz - und nein, ich bereue gar nichts, denn das Buch hat mir von der ersten bis zur letzten Seite sehr viel Spaß gemacht. (Die Augenringe werden in ein paar Tagen verschwunden sein. Hoffe ich.)


Ich lese sehr selten Liebesgeschichten und noch seltener Erotik. Ehrlich gesagt langweilt es mich, wenn die Handlung nur der Aufhänger ist für Kitsch oder Sex! Umso erfreuter bin ich, wenn ich ein Buch finde, das alles vereint: eine originelle Geschichte, lebendige Charaktere, einen schönen Schreibstil, eine Prise Humor und Romantik, die wirklich ans Herz geht. Für mich bot "Hexbreaker" genau diese seltene, wunderbare Mischung.


Das Buch spielt Ende des 19. Jahrhunderts in einer magischen Version unserer Welt. Kurz gesagt: es gibt normale Menschen, es gibt Hexen und Hexer, und es gibt Vertraute. Letztere sind Gestaltwandler, die eine bestimmte Tiergestalt annehmen können und vom Wesen her viel mit diesem Tier gemeinsam haben. Gehen ein Vertrauter und ein Hexer einen magischen Bund fürs Leben ein, dann verstärken sich die Fähigkeiten des Hexers ungemein, was nicht nur Prestige und Macht bedeutet, sondern auch berufliche Möglichkeiten und somit Geld. Eigentlich hat jeder Vertraute einen seelenverwandten Magier, der für ihn bestimmt ist, aber es kommt allzu oft vor, dass ein Vertrauter eingefangen und gewaltsam gezwungen wird, den Bund mit einem anderen Magier einzugehen... Denn die Vertrauten werden von manchen Magiern behandelt wie Eigentum oder Haustiere.


Die Welt erschien mir gut durchdacht, mit historischem Flair und einem wirklich ungewöhnlichem Magiesystem!


Ja, es ist Fantasy, es ist eine Liebesgeschichte, aber es ist auch ein spannender Krimi mit unerwarteten Wendungen. Denn Copper Tom Halloran und Vertrauter Cicero müssen einen Kriminalfall klären, und zwar schnell. Menschen, die an sich harmlose Zauber konsumiert haben, drehen vollkommen unvermittelt durch und fallen den Nächstbesten mit Zähnen und Klauen an - buchstäblich, und das erinnert Tom an etwas in seiner eigenen Vergangenheit. Hier spielt einiges eine Rolle: Anarchisten, ein Schwarzhandel mit Vertrauten, magische Verbrechen, die Rechte von Minderheiten...


Die Hauptcharaktere sind mir schnell ans Herz gewachsen, denn beide sind auf ihre eigene Art liebenswert: der ruhige, ernsthafte Tom und der charmante, extravagante Cicero. Natürlich begegnen sie einander anfangs mit gegenseitigem Misstrauen, natürlich kann sich die Liebesgeschichte nicht ohne Probleme und Rückschläge entwickeln, natürlich bedienen die beiden schon so ein bisschen die Klischées, aber darüber hinaus ist die Geschichte kein bisschen abgedroschen, sondern sehr einfallsreich. Alle Charaktere sind vielschichtig, lebensecht und glaubhaft, und ich freue mich schon darauf, einige davon in den nächsten Bänden näher kennenzulernen.


Der Schreibstil hat mich voll und ganz überzeugt, mit einer sehr dichten Atmosphäre, großartigen Bildern und einfach einer gewissen Qualität. Auch die Sexszenen fand ich zwar durchaus explizit, dabei aber keineswegs peinlich oder stillos, sondern sehr ansprechend!


Die Liebesgeschichte fand ich wunderschön und rührend. Ja, manchmal ist sie vielleicht ein kleines bisschen kitschig, aber es hält sich wirklich noch im Rahmen und wird auch immer wieder durch ein wenig Humor aufgelockert.


Das (ungekürzte) Hörbuch fand ich sehr gut gelungen, und vor allem Tristan James als Sprecher ist gut gewählt, denn er spricht die verschiedenen Charaktere so, dass man sie gut unterscheiden kann. Auch die erotischen Szenen spricht er angenehm, ohne dass es klingt wie aus einem schlechten Porno!


Fazit:
Gay Romance (homoerotische Liebesgeschichte), historische Fantasy und Krimi - "Hexbreaker" ist eine gelungene Mischung, und das sage ich als Leserin, die normalerweise weder Liebesgeschichten noch Erotik besonders gerne liest. Die Erotikszenen sind explizit, aber die Geschichte, die Ende des 19. Jahrhunderts in einer magischen Version unserer Welt spielt, ist eben nicht "nur" erotisch, sondern darüber hinaus originell, komplex und spannend.


...und ja, sehr romantisch und ein bisschen kitschig, aber trotzdem sehr ungewöhnlich und interessant. Ich als Liebesgeschichten-Muffel fand die Liebesgeschichte richtig süß!

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279 Bibliotheken, 6 Leser, 2 Gruppen, 11 Rezensionen

new york, straßenkinder, tod, drogen, jugendliche

Asphalt Tribe

Morton Rhue , Werner Schmitz
Flexibler Einband: 221 Seiten
Erschienen bei Ravensburger Buchverlag, 21.03.2017
ISBN 9783473582129
Genre: Jugendbuch

Rezension:


Der Autor wird den meisten wohl noch aus der Schule bekannt sein! Aus seiner Feder stammt das vielfach preisgekrönte und gerne als Lektüre verwendete Buch "Die Welle", in dem es um ein missglücktes soziales Experiment geht, mit dem ein Lehrer seinen Schülern eigentlich nur zeigen wollte, wie es zum Holocaust kommen konnte... Mit fatalem Ergebnis. (Das ist in der Realität übrigens tatsächlich passiert, an einer amerikanischen Schule in den späten 60er Jahren!)


Aber auch in seinen anderen Werken greift Morton Rhue oft brisante Themen auf, die Jugendliche betreffen: Amoklauf, Jugendkriminalität, brutale Erziehungscamps in den USA, Islamismus und Radikalisierung...


In "Aspalt Tribe" geht es um Straßenkinder - und zwar nicht in den Slums irgendeines Entwicklungslandes, sondern in einer durchschnittlichen amerikanischen Großstadt. Denn Jugendobdachlosigkeit ist auch in Wohlstandsländern ein (oft nur wenig beachtetes) Problem! Auch in Deutschland.


Morton Rhue erzählt die Geschichte einer kleinen Gruppe obdachloser Jugendlicher, die sich zusammengetan haben, um sich gegenseitig Schutz, Trost und Hilfe zu spenden, und die dabei allzu oft ums blanke Überleben kämpfen müssen. Die meisten von ihnen sind vor Vernachlässigung, Misshandlung oder Missbrauch geflohen, schlafen lieber bei Minus 20 Grad auf der Straße und verkaufen ihren Körper, statt zurückzugehen in ein Elternhaus, in dem sie die Hölle erlebt haben. Sie trauen Erwachsenen nicht mehr, auch nicht der netten Sozialarbeiterin, die ihnen nur helfen will.


Das ist sicher keine lustige Geschichte und der Autor beschönigt nichts, aber er verzichtet darauf, die schlimmen Dinge, die die Jungen und Mädchen erleben, sensationsgeil auszuschlachten und zum Beispiel genauer zu beschreiben, wie sie sich prostituieren. Das hat das Buch gar nicht nötig, denn es ist auch so schon bedrückend genug und regt zum Nachdenken an. "Maybe" berichtet relativ ruhig über die Geschehnisse - und das ist an sich schon verstörend, denn es zeigt, wie sehr sie mit ihren 15 Jahren schon abgestumpft ist. Sie ist traurig, wenn ein Mitglied ihres Stamms tot im Park gefunden wird, aber nicht einmal sonderlich überrascht...


Dennoch fand ich das Buch spannend und bewegend, und das Thema wurde in meinen Augen mit Mitgefühl und Respekt umgesetzt.


Die Kids benutzen "Straßennamen" wie 2Moro, Maggot oder Rainbow und sprechen nicht gerne über ihre Vergangenheit. Deswegen erfährt der Lesende echte Namen und Hintergrundgeschichten meist erst dann, wenn ein Kapitel des Buches mit einem kurzen Steckbrief eröffnet wird, der unvermeidlich mit einem sachlichen Eintrag über den Tod des Jugendlichen endet... Denn das kommt mehr als einmal vor.


Man könnte sagen, dass viele der Charaktere dadurch in gewisser Weise unnahbar bleiben, aber ich habe trotzdem mit den Kindern und Jugendlichen mitgefühlt, denn man spürt deren Leid immer zwischen den Zeilen. Die Erzählerin "Maybe" lernt man mit jeder Seite besser kennen, und man kann sich ihren Gefühlen kaum entziehen. Sie ist sehr glaubhaft und auch ihre Sprache erschien mir passend für ihr Alter und ihre Hintergrundgeschichte.


Am Schreibstil merkt man, dass sich das Buch an jugendliche Lesende richtet, denn der ist sehr einfach und klar strukturiert. Aber es ist meiner Meinung nach dennoch ein Buch, das auch für erwachsene Leser lohnend ist, denn es ist ein Thema, das es wert ist, einmal darüber nachzudenken.


Zitat:
Jewel schluchzte weiter. Er würgte und stöhnte ein bisschen, hustete und schniefte, dann schluchzte er wieder auf. Das war kein körperlicher Schmerz. Es war ein anderer Schmerz. Der Schmerz dieses verdammten, frierenden, hungrigen, schmutzigen Lebens, bei dem kein Mensch sich dafür interessierte, ob man tot oder lebendig war. Bei dem man nicht einmal einen Namen hatte. Nicht einmal eine Nummer. Nur etwas Fleisch, das an irgendwelchen Knochen hing. Das darauf wartete, gefüttert oder nicht gefüttert zu werden. Zu schlafen oder nicht zu schlafen. Zu leben oder nicht mehr zu leben. 


Fazit:
Jugendobdachlosigkeit mitten in einer amerikanischen Großstadt: Maybe, 2Moro, Maggot, Jewel, Rainbow, OG und Tears schlafen bei Minusgraden auf dem Asphalt, essen aus dem Müll, verkaufen ihre Körper, nehmen Drogen, und trotzdem kommt ihnen all das immer noch besser vor, als zurückzugehen in ein Elternhaus, wo sie geschlagen, beschimpft oder missbraucht wurden.


Morton Rhue greift das Thema mit viel Fingerspitzengefühl auf, ohne das Leid der Jugendlichen zur Unterhaltung der Leser auszuschlachten, aber auch ohne Beschönigung. Vom Schreibstil her ist es ganz deutlich ein Jugendbuch, aber eines, das auch interessant für erwachsene Leser sein kann.

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alaska, fracking, eis, familie, verfolgung

Lautlose Nacht

Rosamund Lupton , Christine Blum
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 11.11.2016
ISBN 9783423261210
Genre: Romane

Rezension:


Der Klappentext klingt nach einem rasanten Thriller, aber wenn ich jetzt an "Lautlose Nacht" zurückdenke, kommt mir als erstes die kristalline Klarheit der Geschichte in den Sinn: zeitlos, schwerelos, oft beinahe poetisch, und dennoch mit einer ganz eigenen Art von Spannung.

Denn Rosamund Lupton erzählt mit dichter Atmosphäre von der archaischen Gnadenlosigkeit der Eiswüste, der Unbedeutsamkeit des Menschen in der unendlichen Weite der Polarnacht, der Qualität der Stille, aber es ist auch eine packende Geschichte von Verrat und Tod, Flucht und Jagd. Kein Thriller, aber durchaus ein fesselnder Roman, den ich nicht mehr weglegen konnte.

Zugegeben, die Geschichte ist nicht immer hunderprozentig glaubwürdig. Denn im Mittelpunkt stehen Yasmin und Ruby, eine junge Mutter und ihre gehörlose Tochter, die sich aufmachen, mitten im arktischen Winter im Norden Alaskas nach Matt zu suchen - Rubys Vater, der angeblich bei einem Brand zu Tode gekommen sein soll, was sie aber nicht glauben wollen. Die beiden überwinden die unglaublichsten Gefahren, und Yasmin, die in ihrem Leben noch nie einen LKW gefahren hat, steuert einen 40-Tonner über vereiste Flüsse, durch Lawinen und Schneestürme... Im echten Leben wäre ihr das schwere Gefährt wohl schon nach 500 Metern in den Graben gerutscht.

Aber das hat mich weit weniger gestört, als ich selber erwartet hätte, denn dadurch verstärkte sich für mich das Gefühl, ein spannendes modernes  Märchen zu lesen.

Die Autorin spricht viele interessante, ganz unterschiedliche Themen an: Fracking (ein sehr umstrittenes Verfahren der Erdgas- und Erdölförderung), Gehörlosigkeit (nicht als Behinderung, sondern als andere und ebenso reiche Form der Wahrnehmung), die aussterbende Kultur der Inupiat, (indigener Ureinwohner der Polarregionen Nordamerikas) und vieles mehr. Die Mischung fand ich sehr originell und gelungen. 

Die Geschichte wird zum Teil in der Ich-Perspektive aus Rubys Sicht erzählt, und durch sie gewinnt man einen wunderbaren Einblick in das Leben eines gehörlosen Kindes. Obwohl sie sich weigert, laut zu sprechen, empfindet sie sich nicht als sprachlos, denn sie sieht ihre Gebärdensprache als ihre Stimme. Ihre Sicht auf die Welt ist keine eingeschränkte - nur eine andersartige. Genau das ist aber ein häufiger Streitpunkt zwischen ihr und ihrer Mutter, denn Yasmin glaubt, Ruby müsse sich an die Welt der Sprechenden anpassen, um in ihr bestehen zu können.

Ehrlich gesagt fand ich dieses Thema fast spannender als die Frage, ob Matt  noch lebt und was wirklich hinter der Brandkatastrophe steckt, die ihn angeblich getötet hat! Das Sahnehäubchen waren für mich die Tweets, in denen Ruby beschreibt, wie sie verschiedene Wörter wahrnimmt.

Zitat:
@Words_No_Sounds
650 Follower
LÄRM: Sieht aus wie eine blinkende Neonwerbung, fühlt sich an wie herunterrieselnder Schutt, schmeckt wie die ausgeatmete Luft anderer Leute.

Auch Yasmin ist in meinen Augen ein gut geschriebener, komplexer Charakter. Die anderen Charaktere bleiben eher blass, aber das liegt meines Erachtens daran, dass sich die Handlung zu großen Teilen ausschließlich um Yasmin und Ruby dreht, denn die verbringen viel Zeit ganz alleine im Cockpit eines Trucks.

Zitat:
Die Kälte war ein Schock. Sie hatte gedacht, Kälte sei weiß wie Schnee oder vielleicht blau wie der Punkt auf einem Kaltwasserhahn. Aber diese Kälte entsprang einem Ort der Nacht und war schwarz, ohne jegliche Farbe oder Licht. Ein gellendes Kreischen ertönte, dann begriff sie, dass es der Wind war, der Neuschnee über den festgefahrenen Schnee am Boden trieb, weiße Geister, die über Straße und Ödnis tanzten. 

Den Schreibstil fand ich wunderbar, mit starken und dabei oft lyrischen Bildern. Für mich sind besonders die Passagen sehr gelungen, die aus Rubys Sicht erzählt werden. Oft finde ich in Büchern die "Stimmen" von Kindern nicht glaubhaft oder authentisch, aber Rosamund Lupton hat mich mit Ruby überzeugt. 

Fazit:
"Lautlose Nacht" ist in meinen Augen vielleicht kein Thriller, aber dennoch auf ganz eigene Art und Weise spannend. Die Autorin erzählt von einer Extremsituation, beschreibt aber nicht nur Bedrohung und Gefahr sehr fesselnd, sondern auch die einzigartige, harsche Schönheit Nordalaskas im Polarwinter - und die Geschichte, wie sich eine Mutter und ihre kleine gehörlose Tochter in der endlosen Stille aneinander annähern, denn das Schweigen der Tochter und ihr Beharren auf der Gebärdensprache waren bisher ein steter Streitpunkt.

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thriller, alaska, royce scott buckingha, kaltgestellt, kalt gestellt

Kaltgestellt

Royce Scott Buckingham , Wulf Bergner
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 19.09.2016
ISBN 9783734102318
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Am Anfang war ich von dem Buch sehr angetan - mir gefiel der böse, leicht schräge Humor und der arme gescheiterte Anwalt Stuart "Stu" Stark war mir sympathisch und tat mir leid. Ich freute mich auf einen spannenden Thriller, in dem der scheinbar besiegte Underdog sich gegen seine Widersacher durchsetzt und den Tag rettet, und der Klappentext versprach darüber hinaus den elementarsten aller Kämpfe: moderner Mensch gegen archaische Natur.

Leider kommt hier ein Aber. Ein dickes Aber.

Aber mehr und mehr gewann ich den Eindruck, dass "Kaltgestellt" eigentlich gar kein Thriller ist, sondern bestenfalls ein humorvoller Roman mit sparsam eingestreuten Thriller-Elementen. Das möchte ich jetzt natürlich noch begründen:

Von einem Thriller erwarte ich eine ganz bestimmte Art von Hochspannung, sozusagen psychologische Daumenschrauben, gekrönt von einem unerwarteten und dennoch schlüssigen Ende.

Die Hochspannung wollte sich für mich jedoch nicht so recht aufbauen. Das Buch beginnt relativ langsam mit Stuarts Hintergrundgeschichte, und danach geht es in einem Großteil der Kapitel um seinen Überlebenskampf in der Wildnis (während Frau und Partner zuhause ausnutzen, dass er nicht da ist). Das liest sich zwar interessant, aber eher wie eine Selbstfindungsgeschichte als ein Thriller, und nach ~100 Seiten Selbstfindung hatte ich auch genug davon. Der Klappentext suggeriert, Stuart würde verbissen trainieren, um sich an denen zu rächen, die ihn verraten haben, aber tatsächlich ist ihm bis fast zum Schluss gar nicht bewusst, dass er verraten wurde, denn er glaubt an ein Versehen!

In meinen Augen noch fataler: die Auflösung ist unglaublich vorhersehbar. Dermaßen vorhersehbar sogar, dass ich erst davon ausging, das müsse zum perfiden Masterplan des Autors gehören. Die Spannung würde schon noch daraus entstehen, dass der Leser zuschaut, wie auch Stuart dahinterkommt und zum Gegenschlag ausholt - aber Fehlanzeige. Sogar, wenn er sozusagen mit der Nase darauf gestoßen wird, bleibt Stuart blind und taub, bis es wirklich absolut nicht mehr anders geht - und dann wurden die Geschehnisse meines Erachtens ein bisschen absurd.

Stuarts Entwicklung war für mich einfach nicht glaubhaft. Die körperliche Entwicklung vom verweichlichten Anwalt zum gestählten Wildnisexperten fand ich ja noch plausibel, denn diese erstreckt sich über einen Zeitraum von mehreren Monaten. Die mentale Entwicklung vom allzu gutgläubigen, naiven Softie zum knallharten Alphatier kam mir dann jedoch zu plötzlich.

Abgesehen von Stuart spielen sein Partner Clay und seine Frau Kate die wichtigsten Rollen. Aber Clay war für mich ein sehr eindimensionaler Charakter, der sich im Laufe des Buches nicht großartig weiterentwickelte, und Kates Entwicklung bestand daraus, dass sie sich mehr und mehr Clays Lebenseinstellung annäherte - und das erstaunlich schnell und unreflektiert. Zwischendurch hatte ich den Eindruck, die fehlende Spannung solle mit verruchtem Sex kaschiert werden, was für mich allerdings nicht funktionierte...

Der Schreibstil hat mir an sich gut gefallen. Wie anfangs schon gesagt, mir gefiel der Humor, und auch die Formulierungen und der Sprachrhythmus kamen mir gelungen vor.

Fazit:
In den ersten Kapiteln war ich noch begeistert, doch dann folgte der Absturz... Spannung baute sich für mich kaum auf, das Ende fand ich unsäglich vorhersehbar, und auch die Charaktere konnten mich nur wenig überzeugen. denn die blieben entweder flach oder entwickelten sich allzu abrupt und unglaubwürdig.  Wirklich schade, denn Schreibstil und Humor sprechen mich eigentlich sehr an!

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