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elena ferrante, elena ferrantes, erinnerung, erster teil einer saga, eva mattes, familien, freiheit, freundinnen, freundschaft, geniale freundin, gesellschaft, hörbuch, italien, neapel, neapolitanische saga

Meine geniale Freundin

Elena Ferrante , Karin Krieger , Eva Mattes
Sonstiges Audio-Format
Erschienen bei Der Hörverlag, 01.09.2016
ISBN 9783844523522
Genre: Romane

Rezension:

Obwohl mich der vierte Teil von Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga nur mittelmäßig begeistert hatte, wie in meiner Besprechung von Die Geschichte des verlorenen Kindes nachzulesen ist, war ich trotzdem auf den ersten Band neugierig, und daher besorgte ich mir die von Eva Mattes gelesene Hörbuchfassung von Meine geniale Freundin in der Städtischen Bücherei. Dieser erste Teil beginnt so, wie der letzte endet: Die erfolgreiche Schriftstellerin Elena Greco erhält einen Anruf von Gennaro, dem Sohn von Raffaella (Lila) Cerullo: Seine Mutter ist seit zwei Wochen spurlos verschwunden, so als hätte sie sich in Luft aufgelöst. Zu dem Zeitpunkt, als dies geschieht, sind beide Frauen 66 Jahre alt und kennen sich schon ihr ganzes Leben. Elena weiß sofort, was es mit dem Verschwinden ihrer Freundin auf sich hat: Lila hat einen schon lange gehegten Plan in die Tat umgesetzt, nämlich den, sich aus der Welt zurückzuziehen, ohne auch nur ein Staubkörnchen von sich zu hinterlassen. Elena wundert sich nur wenig, denn sie kennt Lila besser als sonst jemand, aber sie findet, dass Lila wieder einmal übertreibt, und  sie fasst einen Entschluss:

Mal sehen, wer diesmal das letzte Wort behält, sagte ich mir. Ich schaltete den Computer ein und begann, unsere Geschichte aufzuschreiben, in allen Einzelheiten, mit allem, was mir in Erinnerung geblieben ist.

 Das Ergebnis sind die vier Bände der Neapolitanischen Saga.

Die Freundschaft der beiden Mädchen beginnt, als sie Anfang der 1950er-Jahre in die Grundschule des Rione, eines Armenviertels bei Neapel, kommen.  Schnell wird der Lehrerin, Maestra Oliviero, klar, dass die Mädchen, vor allem aber Lila, überdurchschnittlich begabt sind, und sie beginnt, die beiden zu fördern. Während Elenas Eltern zähneknirschend und unter finanziellen Opfern den Empfehlungen der Maestra folgen und ihre Tochter später in die Mittelschule und aufs Gymnasium schicken, bleibt Lila dieser Weg versperrt: Sie, die immer die mutigere und starrköpfigere von den beiden war, fügt sich nach einem kurzen Ausflug in eine berufsbildende Schule den Wünschen ihres Vaters und beginnt mit ihrem älteren Bruder Rino gemeinsam in der Schusterwerkstatt der Familie Schuhe zu reparieren. Hatte sie vorher die örtliche Bibliothek leergelesen und davon geträumt, mit Elena gemeinsam ein Buch wie Betty und ihre Schwestern zu schreiben und dadurch reich zu werden, setzt sie jetzt alle ihre Energien daran, durch das Anfertigen von Schuhen nach eigenen Entwürfen aus der bescheidenen Schusterwerkstatt der Familie eine erfolgreiche Schuhmanufaktur zu machen.

Meine Meinung: ‚Meine geniale Freundin‘ nennt Lila Elena, während sie im Alter von 16 Jahren gerade dabei sind, ein Hochzeitskleid für Lila auszusuchen, und sie nimmt Elena das Versprechen ab, zu studieren und das zu erreichen, was sie beide sich vorgenommen haben. Für mich ist das eine der traurigsten Szenen, die ich in einem Buch je gelesen habe, und sie hat mich nicht nur traurig, sondern auch wütend gemacht.  Auf Bildung verzichten zu müssen, weil man aus einer armen Familie kommt oder ein Mädchen ist, etwas Ungerechteres kann ich mir nicht vorstellen! Elena ist klug und begabt, aber sie hat, nicht ganz zu unrecht, das Gefühl, dass sie es ohne Lilas Hilfe nicht schaffen kann. Gleichzeitig sieht sie einen inneren Zusammenhang zwischen ihrem Schicksal und dem ihrer Freundin:

‚Es war, als wäre die Freude oder der Schmerz der Einen wie durch einen bösen Zauber die Voraussetzung für den Schmerz oder die Freude der Anderen. Auch unser Äußeres schien diesem Auf und Ab zu unterliegen.‘

Lila versucht in einer Mischung aus Trotz und Schicksalsergebenheit, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Elena ist dabei eine genaue, schonungslose und ehrliche Beobachterin sowohl ihrer eigenen Entwicklung als auch der Entwicklung ihrer Freundin. Die Erzählerin ergeht sich aber nicht in endlosen psychologischen Analysen, sie beschränkt sich auf die Fakten und die knappe Beschreibung ihrer eigenen Gefühle. Die Interpretation dessen, was die Geschehnisse für die Mädchen bedeuten und was die Gründe für ihre Handlungen und Entscheidungen sind,  bleibt weitgehend den Leser*innen überlassen, und ich glaube, dass mich die Geschichte genau deshalb so berührt hat. Ein weiteres wichtiges Element sind für mich die rätselhaften Geschehnisse: das Verschwinden von Puppen, das am Anfang der Freundschaft steht, und Lilas Verschwinden im Alter von 66 Jahren. Sie bilden ein Gegengewicht zum betonten Realismus  und verleihen der Erzählung Magie, ohne sie ins Esoterische abgleiten zu lassen. Eva Mattes liefert dabei ein tolles Hörerlebnis, das der Geschichte vollkommen gerecht wird. 

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Tags: eva mattes, italien, neapel, neapolitanische saga   (4)
 

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cinque terre, ehebruch, familie, familiengeschichte, fremdgehen, geschwister, hoffnung, italien, liebe, mare, mare verlag, roman, scheidung, schmerz, trennung

Vier Schwestern

Joanna King , Juliane Zaubitzer
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei mareverlag, 13.02.2018
ISBN 9783866482685
Genre: Romane

Rezension:

Joanna King, das ist für Hörer*innen des österreichischen Radiosenders FM4 die angenehme Stimme, die die englischsprachigen Nachrichten präsentiert. Vor kurzem hat die aus Neuseeland stammende Journalistin, die auch für den Inhalt dieser Nachrichten verantwortlich zeichnet, ihren ersten Roman veröffentlicht.  Vier Schwestern, so der deutsche Titel ihres Debütromans Absence, treffen sich 18 Jahre nach der Scheidung ihrer Eltern  in Corniglia, einem Ort der Cinque Terre an der italienischen Riviera. Die Idee für das Treffen hatte Rose, die mit ihrem Ehemann Sam, einem erfolgreichen Architekten, in Florenz lebt. Jess, die Älteste, macht für zwei Wochen Urlaub von ihrer Karriere als Anwältin, ihrem Mann und ihrem 9jährigen Sohn in Neuseeland, und Ngaio, die Zweitälteste, ist gemeinsam mit ihrem Mann Haig ebenfalls aus Neuseeland angereist. Erzählt wird die Geschichte aus dem Blickwinkel der Jüngsten, einer in London lebenden Tänzerin, deren Namen wir nicht erfahren. Sie ist Rose immer schon besonders nahe gestanden, und daher weiß sie als Einzige der Schwestern über ein Ereignis aus der Zeit knapp nach der Scheidung der Eltern Bescheid, das Rose noch heute mit sich herumschleppt. Gleichzeitig ist Rose die Einzige, der die Jüngste von ihrem Verhältnis mit Adrian erzählt hat, einem Regisseur mit Frau und Kind in London.

Als Rose nach der ersten gemeinsamen Urlaubswoche plötzlich spurlos verschwindet, sind die anderen zunächst bemüht, sich keine allzu großen Sorgen zu machen, aber nach einigen Stunden schlägt das Rätselraten doch in Panik um, und sie beschließen, mit Sam Kontakt aufzunehmen. Dieser lehnt es ab, die Polizei einzuschalten, und verspricht, von Florenz aus etwas in der Sache zu unternehmen und am nächsten Tag nach Corniglia zu kommen. Die Jüngste hat ihr Handy ständig in Griffweite: Einerseits wartet sie auf Nachricht von Rose, andererseits hofft sie auch, dass Adrian sich meldet.

Meine Meinung: Die Ausgangssituation von Vier Schwestern würde sich ebenso gut für einen unbeschwerten Frauenroman wie für einen Psychothriller eignen, aber der Autorin gelingt etwas anderes: Sie liefert ein Kammerspiel, das auch ein tiefgründiges Theaterstück  à la Tennessee Williams oder einen französischen Film mit Anklängen an Der Swimmingpool abgeben würde. Die Haupthandlung konzentriert sich auf zwei Orte der Cinque Terre und wenige Tage, mit einigen Rückblenden in Form von Erinnerungen der Erzählerin, die letzten Kapitel haben den Charakter eines Epilogs. Die Rivalitäten und kleinen Gehässigkeiten zwischen den Schwestern, die unterschiedlichen Wahrnehmungen der vier Töchter zur Scheidung der Eltern und die widersprüchlichen Beurteilungen der jeweiligen Partner der anderen erzeugen beim Lesen eine Atmosphäre, als würde man bei einer Familienfeier mit am Tisch sitzen, bei der dicke Luft herrscht. Die Runde weckt vielleicht unangenehme Erinnerungen an die eigene Familie, aber man ist fasziniert von der aufgestauten Energie, neugierig auf Geheimnisse aus der Vergangenheit und gespannt, wie es weitergeht. Dann klärt sich das Verschwinden von Rose plötzlich auf. Diese durchaus überraschende Wendung ist ein mit gekonntem literarischem Understatement gelieferter Twist. Dieser mischt die Karten vollkommen neu, sorgt aber nicht für mehr Harmonie, und das Spiel geht munter weiter. 

Ich durfte den Roman im englischen Original lesen, das im deutschen Sprachraum nicht erhältlich ist, und möchte mich bei der Autorin für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar herzlich bedanken. 


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Die Geschichte des verlorenen Kindes

Elena Ferrante , Karin Krieger , Eva Mattes
Sonstiges Audio-Format
Erschienen bei Der Hörverlag, 12.02.2018
ISBN 9783844525847
Genre: Romane

Rezension:

2011 erschien Meine geniale Freundin, der erste Band von Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga, vor wenigen Wochen kam der vierte Band der Serie in deutscher Übersetzung als Die Geschichte des verlorenen Kindes in die Buchhandlungen. Ich hatte zwar die ersten drei Teile nicht gelesen, wollte mir dieses Buch aber trotzdem nicht entgehen lassen, war es doch von der Kritik hochgelobt und 2016 für den Man Booker International Prize nominiert worden. Die Hörbuchfassung wird von Eva Mattes gelesen, ein weiteres starkes Argument für die Geschichte. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich beim Hörverlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplar herzlichst bedanken.

Die Neapolitanische Saga, das sind die Lebenserinnerungen von Elena Greco, einer linken Intellektuellen und Schriftstellerin. Sie stammt aus  dem Rione, einem Armenviertel bei Neapel, wo sie in den 1950er-Jahren gemeinsam mit ihrer besten Freundin Raffaella Cerullo, genannt Lila, zur Schule gegangen ist. Dem Hörbuch ist eine kleine Broschüre beigelegt, eine Art „Was bisher geschah“ der ersten 3 Teile, es war also nicht schwer, den Einstieg zu schaffen. Die Geschichte des verlorenen Kindes nimmt den Faden in den späten 1970er-Jahren auf, als Lila und Elena Anfang 30 sind.  Die beiden waren in der Schule Klassenbeste gewesen, aber während Elena Neapel verlassen, studiert und Karriere gemacht hatte, ist Lila nie wirklich aus der Stadt hinausgekommen. Sie hatte sehr jung geheiratet und einen Sohn bekommen, und nach dem Scheitern ihrer Ehe und einer Affäre mit Nino Sarratore, für den sowohl sie als auch Elena schon als Mädchen geschwärmt hatten, ist sie dabei, mit ihrem neuen Mann Enzo eine Firma aufzubauen. Elena hatte einen Universitätsprofessor aus Florenz geheiratet und zwei Töchter zur Welt gebracht, aber jetzt hat auch sie sich mit dem verheirateten Nino Sarratore eingelassen und ist nach Neapel zurückgekehrt. Innerhalb weniger Monate bekommen beide Freundinnen nochmals jeweils eine Tochter, und ab diesem Zeitpunkt wird die Verbindung zwischen den beiden Frauen wieder sehr eng.  Die Erzählung spannt den Bogen bis ins Jahr 2010, wo die Geschichte so endet, wie es im Prolog des ersten Bandes vorweggenommen worden war.

Meine Meinung: Im letzten Teil einer Serie einzusteigen ist natürlich ein Risiko, gleichzeitig hat es den Vorteil, dass man die Geschichte unvoreingenommen lesen und beurteilen kann. Gleich vorweg: Ich würde niemandem empfehlen, meinem Beispiel zu folgen, nicht deswegen, weil der Einstieg zu schwierig wäre oder man die anderen Teile spoilern würde, sondern deswegen, weil ich vermute, dass die Beschreibung der Geschehnisse in den 1970er- und 1980er-Jahren nicht zum Besten gehört, was Elena Ferrante zu Papier gebracht hat. Ich habe nach dem letzten Kapitel von Band 4 auch in den ersten Band, also den Beginn der Geschichte, hineingehört, und dieser hat mich sofort gefangen genommen. Im Prolog von Band 1 lässt die Autorin die fiktive Schriftstellerin die Erzählung mit folgenden Worten beginnen: 

Ich schaltete den Computer ein und begann, unsere Geschichte aufzuschreiben, in allen Einzelheiten, mit allem, was mir in Erinnerung geblieben ist. (Aus: Elena Ferrante, Meine geniale Freundin)

Das tut sie nun, und es ist ihr trotz der nüchternen, unsentimentalen Erzählweise sofort gelungen, mich in das Neapel der 1950er-Jahre mitzunehmen und mich das Schicksal der beiden Mädchen gespannt und mit Empathie verfolgen zu lassen. Bei der Geschichte des verlorenen Kindes dauerte es lange, bis sich dieses Interesse an den Charakteren und ihren Schicksalen einstellte. Bei dem hier beschriebenen Lebensabschnitt hat  ‚in allen Einzelheiten, mit allem, was mir in Erinnerung geblieben ist‘ für mich nicht funktioniert. Über viele Seiten erzählt Elena von ihrer Beziehung zu Nino, dem mühsamen Hin und Her einer Affäre mit einem verheirateten Mann, der sich nicht zwischen alter und neuer Familie entscheiden kann und, wie auch Elenas Freundin Lila immer wieder anmerkt, schlicht und einfach ein Arschloch ist. Elena, die gebildete linke Feministin, tut genau das, was unzählige Frauen vor und nach ihr getan haben, sie lässt sich emotional manipulieren und hofft, dass Nino sich für sie und die gemeinsame Tochter entscheidet. Und sie berichtet davon, schonungslos und mit der Genauigkeit einer soziologischen Fallstudie. Elena Ferrantes Romane werden genau dafür gelobt, dass sie nämlich das Seelenleben von Frauen offen, ehrlich und ohne Scham darlegen, und dem kann ich auch zustimmen.  Allerdings fand ich die Schilderungen streckenweise so lapidar, wenn auch in allen Details ausgeführt, dass ich kein echtes Interesse für das Schicksal der Protagonistinnen aufbringen konnte.  Auch die Schilderung von Mordanschlägen der Camorra oder von realen Ereignissen wie dem Erdbeben von 1980 und sogar die Geschichte des verlorenen Kindes machten auf mich emotional nicht mehr Eindruck  als entsprechende Berichte in Tageszeitungen. Hätte ich nicht die Möglichkeit gehabt, das Hörbuch einfach nebenbei weiterlaufen zu lassen, ich denke, ich wäre über die Hälfte des Buches nicht hinausgekommen. Das wäre schade gewesen, denn das Ende hat mich sehr berührt. Es nimmt die Motive des ersten Bandes der Saga wieder auf und sorgt dafür, dass sich der Kreis schließt, während die Geschichte gleichzeitig ein wenig geheimnisvoll bleibt. Wären die vier Bände als ein Buch erschienen, wäre mein Fazit wohl: Die Geschichte der Freundschaft zwischen zwei Frauen als Spiegel der sozialen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen in Süditalien, auf beeindruckende und berührende Weise dargelegt, allerdings mit einigen Längen.  

Natürlich habe ich mir die Frage gestellt, ob Eva Mattes den Roman anders lesen und ihm auf diese Weise eine größere Emotionalität verleihen hätte können, aber ich denke, dass das den Intentionen der Autorin widersprochen hätte. Auf dem Cover des Hörbuchs wird dazu ein Kommentar aus der Süddeutschen Zeitung zitiert: Wenn die Erzählerin ihre Geschichte ursprünglich auf Deutsch vor sich hin gesprochen hätte, dann hätte dies sich wohl angehört wie diese Lesung von Eva Mattes.



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Tags: camorra, neapel   (2)
 

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Liebe geht immer

Myriam Klatt
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 09.03.2018
ISBN 9783746633930
Genre: Liebesromane

Rezension:

Charlotte Mai hat einen netten Job bei einem kleinen TV-Sender, eine nette Wohnung in Berlin Kreuzberg und eine nette alte Nachbarin, die zufällig ebenfalls Mai heißt. Sie träumt von einer Karriere als Moderatorin und würde auch nicht nein sagen, wenn sie von ihrem Freund Oliver, der auch ihr Chef bei Kiez TV ist, einen Heiratsantrag bekäme. Aber eines Tages platzt der Traum.  Sie sei für einen Moderatorinnenjob zu dick, lässt Oliver sie wissen, und, um seiner Meinung Nachdruck zu verleihen, folgt gleich auch noch die Kündigung. Der Sender müsse sparen und schließlich könne sie ja zu ihm ziehen. Danke nein, denkt sich Charlotte, und sagt: ‚F… dich!‘ 

So locker-flockig beginnt Myriam Klatts soeben erschienener Romanerstling Liebe geht immer, und in flottem Erzähltempo geht es weiter.Charlottes esoterische Freundin Matilda hat nicht nur die Kündigung in den Sternen gesehen, sie kann Charlotte auch einen neuen Job vermitteln. Beim Internet-TV-Channel Friendz bekommt sie  den Auftrag, Restaurants zu testen, und gleich auch einen neuen Namen: aus Lotte wird Charlie. Jetzt wird sie’s allen zeigen, und sie weiß, was dafür zu tun ist: ‚Wenn ich Karriere machen will, dann muss ich meinen Arsch hochkriegen, und zwar besser jetzt als gleich‘, sagt sie sich und beginnt ein Selbstoptimierungsprogramm ‚mit der Strenge eines Fräulein Rottenmeiers auf Koks‘. Sie beginnt, Chinesisch zu lernen, schließt sich einer Laufgruppe an, in der sie schnell neue Freunde findet, und rascher, als der Kursleiterin lieb ist, lernt sie bei einem Motivationsseminar ‚Nein‘ sagen. Außerdem trifft sie Lars, der im Gegensatz zu ihr ein ausgezeichneter Koch ist. Hier gibt’s den Trailer zur Geschichte.

Meine Meinung: Myriam Klatts Debütroman ist ChickLit mit Mehrwert. Die Geschichte liest sich ein bisschen wie eine Mischung aus Helen Fieldings Bridget Jones, Hera LindsSuperweib und Susanne Fröhlichs Moppel Ich. Zwischen den einzelnen Kapiteln der Ich-Erzählung gibt es ‚Dr. Hagenbecks Selbsthilfe-Tipps‚, und die lassen sich nicht von der Hand weisen. Sie werfen aber auch die Frage auf: Wer ist dieser Dr. Hagenbeck eigentlich, und woher kommen die Ratschläge?

Dr. Hagenbecks Identität wird erst ganz zum Schluss verraten, und auf dem Weg dort hin hat die Autorin einige Einfälle, die für Abwechslung sorgen: Charlies Begleiter auf der Reise zum besseren Ich ist ein Kater, der ständig einen anderen Namen verpasst bekommt, und ihr neuer Chef Adrian ist nicht nur ein herzensguter Idealist, er spricht auch gerne in Bildern, allerdings nicht in den üblichen: ‚Das kommt gar nicht in die Vase‘, sagt er zum Beispiel, oder ‚auch wenn Paris vielleicht nicht an einem Tag gebaut worden ist, muss man trotzdem gucken, dass man in die Höschen kommt.‘  Die Zunft der Motivationstrainer und Lebensberater kommt in der Geschichte nicht besonders gut weg, aber auch das erhöht den Unterhaltungswert. Bezaubernd fand ich die Figur der alten Nachbarin, die unabhängig von Tageszeit und Anlass immer elegant gekleidet auftaucht und positive Energien versprüht. Sie trägt ganz wesentlich dazu bei, den Roman zu einem vergnüglichen Wohlfühlbuch zu machen, zur perfekten Lektüre für ein gemütliches Wochenende, die auch den einen oder anderen Denkanstoß enthält. Ich bedanke mich für das Rezensionsexemplar und freue mich auf viele weitere Romane der Autorin!

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Was alles war

Annette Mingels
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Penguin, 13.08.2018
ISBN 9783328102571
Genre: Romane

Rezension:


Susa wurde gleich nach ihrer Geburt von ihrer Mutter zur Adoption freigegeben und gemeinsam mit einer ebenfalls adoptierten Schwester Maike von liebevollen Adoptiveltern großgezogen. Jetzt arbeitet sie als Meeresbiologin und hat gerade Henryk kennengelernt, einen verwitweten Universitätsprofessor mit zwei Töchtern, als sich ihre biologische Mutter Viola bei ihr meldet. Susa trifft sich zwar mit ihr, kann mit der selbstverliebten Weltenbummlerin aber wenig anfangen. Ihre Kindheit war glücklich und sie hat ein ausgezeichnetes Verhältnis zu ihren Eltern, daher hat sie ihre Herkunftsfamilie nie vermisst, sie freut sich aber, ihre zwei Halbbrüder kennenzulernen, die ebenfalls nicht bei Viola aufgewachsen sind.


Wenige Jahre später ist Susa mit Henryk verheiratet und versorgt neben den beiden Mädchen Rena und Paula auch das gemeinsame Baby Leve. Zu Viola hält sie losen Kontakt und ihrem Bruder Cosmo fühlt sie sich verbunden. Als Susas Vater an Krebs stirbt, fällt es ihr sehr schwer, mit dem Verlust fertig zu werden, und der Wunsch, ihren biologischen Vater zu suchen, einen Amerikaner, der von ihrer Existenz keine Ahnung hat, wird immer stärker. Im Autorentrailer auf  YouTube erzählt Annette Mingels, was die Geschichte mit ihrem eigenen Leben zu tun hat und was für sie eine Familie ausmacht.


Meine Meinung: Auf den ersten Seiten war es nicht einfach für mich, in den Roman hineinzufinden. Die Sprache kam mir etwas holprig vor, keine geschliffen formulierten Sätze, stattdessen ein eher notizhafter Stil. Aber schon nach kurzem war die anfängliche Skepsis verschwunden. Annette Mingels erzählt eine Geschichte, die sich auch in der Realität genau so abspielen könnte,  in Szenen, die sich jeden Tag dutzende Male genau so wiederholen, und sie findet dafür die richtigen Worte und den richtigen Rhythmus. Es gibt keine großen Dramen und überraschenden Wendungen,  nur  alltägliche Gespräche, Konflikte, Freuden und Probleme, dazwischen die eine oder andere E-Mail, in der sich Susa mit Viola oder Cosmo austauscht, ohne dass sie einander schockieren oder absichtlich verletzen wollen. Diese Unaufgeregtheit in der Erzählweise hat die Geschichte für mich umso glaubwürdiger und berührender gemacht, und manchmal musste ich das Buch weglegen und tief durchatmen. Trotzdem oder gerade deswegen wünsche ich dem Roman noch viele begeisterte Leserinnen.

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Tags: adoption, herkunftsfamilie, patchworkfamilie, stiefkinder   (4)
 

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crime, england, geheimagentin, geheimdienst, graham greene, großbritannien, kalter krieg, liebe, literatur, london, love story, mi5, plot twist, schriftsteller, secret service

Sweet Tooth

Ian McEwan
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Random House, 09.05.2013
ISBN 9780099582038
Genre: Romane

Rezension:

Serena Frome, Tochter eines anglikanischen Bischofs, ist noch keine 25, bildhübsch und belesen und hat einen Abschluss in Mathematik von der Universität Cambridge. Ihren neuen Job beim britischen Geheimdienst MI5 verdankt sie aber nicht ihren akademischen Leistungen, sondern ihrem um drei Jahrzehnte älteren Geliebten Tony Canning. Hätte Ian McEwan den Beginn seines Romans Sweet Tooth (auf Deutsch: Honig)  im 21. Jahrhundert angesiedelt, würden Serena zu Beginn ihrer Tätigkeit ein anspruchsvolles Trainingsprogramm für Geheimagentinnen und im Anschluss daran eine Karriere im Kampf gegen rechten oder linken Terror oder gegen Islamismus erwarten. Serena tritt ihren Dienst aber im Jahr 1972 an, und daher verbringt sie ihre Tage mit dem Tippen und Ablegen von Akten, und ihr erster Auftrag außerhalb der Büromauern besteht darin, gemeinsam mit ihrer Kollegin Shirley Shilling eine vom Geheimdienst gemietete Wohnung zu reinigen, um die Spuren des letzten Einsatzes zu beseitigen. Dort findet sie einen Zettel mit einem Hinweis auf Tony, der sich in der Zwischenzeit sowohl von ihr als auch von seiner Ehefrau getrennt hat.

Auch der nächste Auftrag ist nicht besonders spektakulär, kommt aber zumindest Serenas Interesse für Literatur entgegen: Im Rahmen des Projekts Sweet Tooth (in der deutschen Übersetzung Operation Honig) besucht sie getarnt als Mitarbeiterin einer Stiftung den noch unbekannten Schriftsteller Thomas Haley und bietet ihm finanzielle  Unterstützung an, die es ihm ermöglichen soll, sich ganz aufs Schreiben zu konzentrieren.  Die Kandidaten für ein derartiges Stipendium sind sorgfältig ausgewählt: Es werden nur Autoren ins Programm aufgenommen, von denen der MI5 annehmen kann, dass ihre zukünftigen Bücher eine pro-westliche, antikommunistische Ideologie transportieren werden. Wer sie wirklich finanziert, erfahren die Stipendiaten nicht. Wie nicht anders zu erwarten, verliebt sich Serena in Tom, kann sich aber trotzdem oder gerade deswegen nicht dazu durchringen, ihm die Wahrheit zu erzählen.

Meine Meinung: Die Geschichte, an die sich Serena viele Jahrzehnte später erinnert, ist zwar im Geheimdienstmilieu angesiedelt, aber eher eine Beziehungs- als eine Spionagegeschichte. Sie lässt das London der frühen 1970er-Jahre wiederauferstehen: Die Tochter aus gutem Hause wohnt in einem möblierten Zimmer,  kann dank der Pille gefahrlos Liebschaften eingehen, spaziert durch die Carnaby Street und raucht mit dem Hippyfreund ihrer Schwester auch schon mal einen Joint.  Beim MI5 ist man mit dem Kalten Krieg und den Anschlägen in Nordirland beschäftigt und friert in wegen der Ölkrise ungeheizten Büros. Man macht sich Gedanken über den EU-Beitritt Großbritanniens, zweifelt an den Vorteilen des Zukunftsprojekts Channel Tunnel und freut sich, wenn die linken Gewerkschaften Rückenwind verlieren. 

Die Sprache, in der Serena all das erzählt, ist ebenso elegant und kultiviert wie sie selbst, und Ian McEwan nimmt für die Geschichte doch auch Anleihen bei seinen Kollegen aus dem Geheimdienstgenre. Ian Flemming wird ausdrücklich erwähnt, und eine Anspielung auf Graham Greene ist wohl der „vierte Mann“, von dem wiederholt die Rede ist. Auch die Atmosphäre der Geschichte hat mich teilweise an Graham Greene erinnert, aber während Greenes Charaktere häufig von Gewissenskonflikten geplagt werden, bleiben bei dieser Geschichte alle, einschließlich Serena, emotional ein wenig unbeteiligt. Wenn eine Liebe scheitert, wendet sie sich nach kurzer Trauerphase der nächsten zu, und die Gefühle aller Beteiligten sind gerade stark genug, um die Geschichte glaubhaft voranzutreiben. Das gibt dem Roman eine augenzwinkernde Leichtigkeit, die den Twist am Ende nur logisch erscheinen lässt. Dieser ist zwar keine ganz neue schriftstellerische Erfindung, aber gekonnt umgesetzt. 



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Tags: geheimdienst, graham greene, london   (3)
 

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25 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

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Die störrische Braut

Anne Tyler , Sabine Schwenk
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Penguin, 09.01.2018
ISBN 9783328101819
Genre: Romane

Rezension:

Vinegar Girl, also Essigmädchen, ist der Originaltitel eines Romans, in dem die amerikanische Schriftstellerin Anne Tyler die Geschichte von Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung nacherzählt. Auf Deutsch ist die Geschichte unter dem nicht ganz so einfallsreichen Titel Die störrische Braut erschienen, dem Unterhaltungswert tut das aber keinen Abbruch.

Mit Zucker fängt man mehr Fliegen als mit Essig, sagt ein Sprichwort. „Aber warum sollte man Fliegen fangen wollen?“, fragt sich Pjotr, der weißrussische Assistent von Dr. Battista, und hat daher keine Einwände, als sein Chef ihn mit seiner gar nicht süßen Tochter Kate verheiraten will, damit er der drohenden Ausweisung aus den USA entgeht und weiter an einem Forschungsprojekt mitarbeiten kann, dem Dr. Battista viel mehr Aufmerksamkeit widmet als seinen beiden Töchtern. Diesen steht der verwitwete Wissenschaftler im Alltag liebevoll, aber meist etwas rat- bis hilflos gegenüber und verlässt sich gerne darauf, dass so manches Problem bereits wie von Zauberhand – oder vielleicht doch von Kate? – gelöst wurde, wenn er endlich Zeit hat.

Der Widerspenstigen Zähmung erfolgt hier auf eine Weise, die den Kampf um weibliche Selbstbestimmung in einem traditionsgeprägten männlichen Umfeld sehr glaubwürdig ins Heute übertragen darstellt. Dr. Battista und sein Assistent Pjotr sind keine rücksichtslosen männlichen Tyrannen, sie haben nur einfach Wichtigeres zu tun, als sich mit weiblichen Problemen wie Kindererziehung, Haushaltsführung oder gar Liebe auseinanderzusetzen. Es gilt, das Wohlergehen von Labormäusen sicherzustellen und der Einwanderungsbehörde ein Schnippchen zu schlagen. Dem ist alles Andere unterzuordnen, das muss doch jeder und vor allem jede verstehen!

Es geht nicht um einen Schlagabtausch à la Elizabeth Taylor und Richard Burton wie  in Franco Zeffirellis Verfilmung des Originals, sondern um die Frage: „Wie kriegen wir das für alle einigermaßen hin?“ Klingt nicht besonders spektakulär, wird von der Autorin aber mit viel Realitätssinn und Empathie für ihre Charaktere sehr gekonnt dargestellt. Wer bereit ist, sich auf eine Geschichte einzulassen, über deren Ausgang von der ersten Seite an kein Zweifel bestehen kann, den erwartet ein Lesevergnügen zwischen Wortwitz, Situationskomik und leisen Zwischentönen.

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117 Bibliotheken, 8 Leser, 2 Gruppen, 20 Rezensionen

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Unter der Drachenwand

Arno Geiger
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 10.01.2018
ISBN 9783446258129
Genre: Romane

Rezension:  
Tags: antikriegsroman, mondsee   (2)
 

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89 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 9 Rezensionen

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London Killing

Oliver Harris , Wolfgang Müller
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Heyne, 10.06.2013
ISBN 9783453437173
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Es gibt Geschichten, die ab dem ersten Absatz dafür sorgen, dass mein Kopfkino auf schwarzweiß umstellt. The Hollow Man von Oliver Harris ist eine solche Geschichte. Detective Constable Nicholas Belsey von der Metropolitan Police wacht nach einer Nacht, an deren Verlauf er sich erst allmählich dunkel erinnern kann, mit aufgeschlagener Lippe und Dreck im Mund im Hampstead Heath Park in einer der teuersten Gegenden Londons auf. Sein Handy und seine Uhr sind weg, ebenso seine Kreditkarten, aber die waren ohnehin schon seit ein paar Tagen gesperrt. Seine Dienstmarke findet er  nach der Rückkehr aufs Revier in seinem Schreibtisch. Das Disziplinarverfahren wegen des zu Schrott gefahrenen Streifenwagens ist unvermeidlich, er ist hochverschuldet und ohne Bleibe. Es ist also nichts mehr zu retten, aber um klar im Kopf zu werden, macht er erst einmal ganz normal Dienst. Die Bishops Avenue ist die teuerste Straße im Viertel  ‚und deshalb eine der teuersten der Welt‚. Dort hat Alexis Devereux, ein russischer Oligarch, in seiner Luxusvilla einen Abschiedsbrief hinterlassen und ist verschwunden. Nick Belsey nimmt nicht nur die Ermittlungen auf und findet bald die Leiche, er quartiert sich auch in der Villa ein und entwickelt einen Plan: Mit Devereux‘ letzter Million, geparkt auf einem anonymen Sparbuch bei einer österreichischen Bank, möchte er sich absetzen und ein neues Leben beginnen. Dafür muss er nur schnell 1.500 Pfund zur Gründung einer eigenen Briefkastenfirma auftreiben und einen Flug nach irgendwo buchen. Bevor er das Ticket endlich in der Tasche hat wird er Zeuge der Morde an einem als Escort Girl jobbenden Schulmädchen und einem nicht mehr ganz so smarten Finanzjongleur, verliebt sich in eine investigative Journalistin und stößt immer wieder auf das Projekt Boudicca, an dem der Oligarch zuletzt beteiligt war.

Meine Meinung: Wer wie ich die Dublin Murder Squad von Tana French und Ken Bruens Jack Taylor mag, der wird dieses Buch und vor allem die Hauptfigur lieben. Nick Belsey ist bei weitem kein britischer Gentleman, aber ein Sohn seiner Stadt und seiner Zeit. Er ist ein kaputter Zocker ohne moralische Skrupel,  aber er kann auch total verkatert kühl kalkulieren und blitzschnell reagieren, und auch wenn er vor allem an sich denkt, hilft er nebenbei doch der Wahrheit und der Gerechtigkeit auf die Sprünge. Mit anderen Worten: Nick Belsey ist ein cooler, draufgängerischer und auch sympathischer Typ, und das macht die temporeiche Story sehr unterhaltsam. Ihre Glaubwürdigkeit verdankt die spannende Geschichte mit unerwartetem Ausgang der Tatsache, dass sie ein realistisches Bild der Gesellschaft zeichnet und dass Belsey sowohl als Ermittler als auch als Gauner auf sein Knowhow über Verbrechen und Ermittlungsmethoden zurückgreift. Bemerkenswert fand ich  die Namensauswahl, die der Autor getroffen hat. Der  russische Oligarch hat einen französischen Namen, der Finanzjongleur heißt Piers Buckingham, und die Namensgeberin des geheimnisvollen Projekts ist die legendäre keltische Königin Boudicca. Ich habe den Roman als Audiobook im englischen Original gehört, routiniert gelesen von Toby Longworth. Einen Eindruck von der gut gelungenen deutschen Übersetzung habe ich durch eine Leseprobe gewonnen. 

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Alles über Beziehungen

Doris Knecht
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 24.07.2018
ISBN 9783499272851
Genre: Romane

Rezension:

‚Reiche, weiße Menschen haben auch Probleme‘, so beginnt Doris Knechts Roman Alles über Beziehungen, und da ich weiß, wie die Autorin diese Erste-Welt-Probleme üblicherweise abhandelt,  zog ich das Buch trotz sommerlichem Cover letzte Woche aus meinem SUB, um mir im Vorweihnachtstrubel auf unterhaltsame Weise vor Augen führen zu lassen, was alles eigentlich gar nicht wichtig ist und wo es dann doch an die Substanz geht.

Viktor Kirchners gesamtes Leben war und ist von Frauen dominiert: zwei Schwestern, drei Lebensabschnittspartnerinnen und fünf Töchter. Dazu noch jede Menge Geliebte, aber die haben im ersten Teil des Buches mit der Überschrift Vorher nur die Rolle von Statistinnen und kommen folgerichtig nur als Anmerkungen in Klammern vor. Dann, in dem Moment, als Viktors Lebensgefährtin Magda eine Reiche-weiße-Leute-SMS bekommt, ändert sich das,  und Nachher ist scheinbar alles anders. 

Das erste Drittel des Buches könnte auch „Alles über Viktors Beziehungen“ heißen. Die diversen Begegnungen werden aus seinem Blickwinkel und vielleicht deswegen bemerkenswert unerotisch geschildert, und irgendwann dachte ich mir, schön langsam wird es aber langweilig, der Typ ist keine Romanfigur, sondern ein Cliché. Wirklich interessant und auch spannend wurde die Geschichte für mich erst, als sich die Erzählung der Sichtweise der Frauen in Viktors Leben zuwendet. Da geht es dann plötzlich nicht mehr um Sex, sondern tatsächlich um Beziehungen. Beziehungen in unterschiedlichsten Ausformungen, von im Alltag gelebt bis nur in der Phantasie vorhanden, präzise in wenigen Sätzen skizziert, sodass ich auf der letzten Seite – und nach der letzten Überraschung – das Gefühl hatte, jetzt wirklich alles über Beziehungen erfahren zu haben.

Meine Meinung: Eine einigermaßen realistische Geschichte mit Aktualitätsbezug in einer nicht ganz ohne Stereotype aber treffend portraitierten Upper Class-Welt. Kurzweilige Unterhaltung mit Tiefgang, ein Buch, das man einfach zur Entspannung lesen kann, weil es über weite Strecken nicht so unter die Haut geht wie die Vorgängerromane Besser und Wald. 

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Ich, Eleanor Oliphant

Gail Honeyman , Alexandra Kranefeld
Fester Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Ehrenwirth, 24.04.2017
ISBN 9783431039788
Genre: Romane

Rezension:

Eleanor Oliphant hat sich ihr Leben konsequent nach rationalen Kriterien eingerichtet. Zu Beginn der Geschichte ist die Ich-Erzählerin in Gail Honeymans Debütroman fast 30, arbeitet seit neun Jahren als Debitorenbuchhalterin in einer Grafikdesign-Agentur in Glasgow, wohnt in einer funktionell eingerichteten Sozialwohnung und trägt praktische Kleidung und schwarze Schuhe mit Klettverschlüssen. Sie arbeitet effizient und lebt kostengünstig und vernünftig, nur am Freitag kauft sie eine Pizza Margherita, eine Flasche Chianti und zwei Flaschen Wodka, die sie sehr gleichmäßig über das Wochenende verteilt trinkt, ‚sodass ich nie ganz nüchtern, aber auch nicht betrunken bin. Bis Montag ist es lange hin.‘

Aber Eleanor Oliphant hat auch einen Universitätsabschluss in Altphilologie, Narben im Gesicht und eine Mutter, die sie zwar nie besucht, die aber pünktlich jeden Mittwochabend anruft.  Dann lernt sie innerhalb kurzer Zeit drei Männer kennen: Johnnie Lomond, den Leadsänger einer Band, den sie sofort als Den Richtigen erkennt, Raymond, einen neuen Kollegen, der ihren Bürocomputer von einem Virus befreit, und Sammy, einen alten Mann, dem sie gemeinsam mit Raymond eher zufällig das Leben rettet. Langsam beginnt sie, ihr Leben zu ändern. Der erste Schritt dabei ist ein Brazilian Waxing, das sie nicht wirklich zufrieden stellt.

Meine Meinung: ‚Ach Gott, was für eine schreckliche Person, die interessiert mich gar nicht‘, dachte ich schon nach wenigen Minuten des Hörbuches, und damit ist über die Qualität des Romans schon viel gesagt: Mit einigen Absätzen ist es Gail Honeyman gelungen, in mir genau die beabsichtigten Gefühle und Eindrücke zu wecken. Kopfschüttelnd habe ich der schrulligen Eigenbrötlerin dabei zugeschaut, wie sie sich durch unmögliches Benehmen und schroffe Kommentare oder auch fast kindliche Naivität überall selbst ins Out manövriert. Dass sie ganz offensichtlich hochintelligent und sehr gebildet ist, hilft ihr nur wenig. Messerscharfer Verstand gepaart mit null sozialer Kompetenz war noch nie eine gute Kombination. Gleichzeitig fand ich Eleanors rationale Überlegungen und Beobachtungen zu allem und jedem, vom Trinkgeld-Geben bis zu Datingritualen und der Wahl der passenden Absatzhöhe, nicht nur unterhaltsam, sondern auch absolut zutreffend.

Natürlich besteht von Anfang an kein Zweifel daran, dass hinter Eleanors Schrulligkeit ein massives Trauma stecken muss, und die alptraumhaften Telefongespräche mit ihrer Mutter erinnern uns regelmäßig daran. Auch wenn das etwas konstruiert erscheinen mag, der Spannungsaufbau ist gelungen und sorgt dafür, dass man unbedingt weiterlesen möchte, um herausfinden, was denn damals passiert ist. Dabei kann man sicher sein, dass auch auf den nächsten Seiten wieder Begegnungen mit meist netten, wenn auch manchmal etwas überforderten Menschen sowie lustige Dialoge und Monologe der Ich-Erzählerin warten, aber auch der nächste Anruf von Mummy. 

Ich habe das Buch als Audiobook im englischen Original, gesprochen von Cathleen McCarron, gehört, die gekonnt zwischen Eleanors gepflegtem Englisch und dem schottischen Akzent der Menschen in ihrer Umgebung wechselt und auch der Mutter am Telefon die passende Stimme verleiht. Einen Eindruck von der gelungenen deutschen Übersetzung von Alexandra Kraftfeld konnte ich durch eine XXL-Leseprobe gewinnen. Ein Buch, das ich in jeder Version vorbehaltlos empfehlen kann.

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