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84 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 13 Rezensionen

frankfurt, historischer roman, krimi, mittelalter, galgen

Die Verbrechen von Frankfurt - Galgentochter

Ines Thorn , ,
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 01.04.2008
ISBN 9783499246036
Genre: Historische Romane

Rezension:

Das Ablaufen mehrerer Zeitebenen war anfangs sehr durchdacht und es war leicht zu hinterfragen, warum dies als Stilmittel eingesetzt wurde.
Es ging ja darum den Charakter von Agnes so darzustellen, dass sie nur ein Ergebnis ihrer eigenen Vorgeschichte ist. Schwer gedemütigt unter ihrer eigenen Mutter, dazu die (geduldete) Vergewaltigung durch den Gewandschneider, die nachfolgende Schwangerschaft, Aufnahme in einem Priesterhaus, der ihr das Kind tötet, weil er denkt, er habe ihr den Teufel ausgetrieben und schluss endlich Sebastian, der ihr eine Liebe vorspielt, nur um an den von ihm heiß begehrten Mohnsaft zu bekommen.

Ihre Suche nach Reinheit (Allein ihr Name ist dafür ja schon ein Synonym: "Die Keusche" oder "Die Reine"), ihre Suche nach einem selbstbestimmtem Leben, all das steht unter keinem guten Stern, und somit war es wichtig die Vorgeschichte mit einzubeziehen. Nur, zum Ende hin wurde es aufgedröselt und irgendwie fand ich es fast ein wenig verwirrend zwischen dem Jetzt wieder ins Jetzt zu springen und nicht in eine etwas längere Vergangenheit. Zumal mir das Ende zu schnell abgehandelt wurde... Natürlich macht ihr Selbstmord Sinn, aber gehört zu einem Leben in Reinheit nicht auch sich den Dingen zu stellen, die man als seine schlimmsten Sünden bezeichnet?

Im übrigen, die Verarbeitung von historischen Elementen war teilweise sehr gelungen, ich habe mir viele Dinge zu diesem historischen Roman angelesen in der Bibliothek, u.a. dass ein Jahr nach dem in Roman angepeilten Datum 1536 der Stadtrat von Frankfurt dem Schmalkaldischen Bund beitrat - mich würde der weitere Verlauf auch in den nachfolgenden Büchern interessieren; gerade, weil mir auch diese zeit-politischen Gegebenheiten gut erläutert erschienen.

Was ich wiederum sehr gelungen fand, war das Einsetzen von Rezepten in der Figur der Gustelies. Am liebsten würde ich die ganzen Rezepte abtippen und selbst einmal ausprobieren - außer das Kalbshirn... hust

Die Figur der Hella wurde am Ende sehr sympathisch, die kleineren Konflikte mit Gustelies haben dazu beigetragen; ich kann das Gefühl sehr gut nachvollziehen seine Mutter nicht mehr als Frau, sondern eben "nur" als Mutter zu sehen - ohne Sexualität, ohne eigene Wünsche. Meiner eigenen Mutter werfe ich so was nicht vor, aber ich verstehe den Konflikt sehr gut, der dahinter steht.

Auch, wenn mir die Emanzipation der Figur Hella manchmal zu weit geht (Sie erklärt ihrem Mann auf dem Galgenberg vor dem Leichenbeschauer und dem Meidcus, was sie zu dem Fall denkt), so bleibt sie doch sehr lebendig und sehr logisch in ihren Äußerungen.

Am Ende bleibt zu sagen: Ein sehr schöner, gut und flüssig zu lesender Roman. Einziger Wehrmutstropfen: Viel zu abrupt beendet und mit der plötzlichen Veränderung der Zeitebenen etwas verwirrend.

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Tags: bewertung: 3 von 5 sternen, historischer roman   (2)
 

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

klassiker, realismus, gesellschaft, deutschland, bewertung: 1 von 5 sternen

Mathilde Möhring

Theodor Fontane
Flexibler Einband: 121 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 01.08.1995
ISBN 9783746652672
Genre: Klassiker

Rezension:

Allein der letzte Satz Vater Möhrings an seine Tochter Mathilde, bevor er verstirbt, ist ein Credo, welches man auf das gesamte Buch anwenden kann: "Mathilde, halte dich propper."

Wir bewegen uns im Kleinbürgertum des Berlins um den Anfang oder Mitte des 19.Jahrhunderts. Mathilde und ihre Mutter leben zusammen, vermieten eines ihrer Zimmer an Untermieter, um ein wenig mehr Geld in die Kasse zu bekommen. Da tritt Hugo auf, ein Dauerstudent, mehr bequem und faul als fleißig und zielstrebig, in seinem Studium der Juristerei.
Mathilde wittert ihre Chance auf einen sozialen Aufstieg, sieht sie sich doch, anders als ihre Mutter, nicht als schlechte, kleine Familie, sondern als eine aufstrebende, kluge Bürgerstochter. Und sie schafft es, sie erzieht Hugo, verlobt sich mit ihm, er tritt sogar eine Stelle als Bürgermeister in einer Kleinstadt (Woldenstein) an. Doch dann verstirbt Hugo.

Dies ist alles, was auf den 120 Seiten des Romans passieren... nämlich genau genommen ziemlich wenig. Der Spannungsbogen ist nie bemerkbar, manchmal verliert sich Fontane in den Beschreibungen der Umgebung, so dass man sich immer wieder während der Lektüre fragt: "Ob jetzt vielleicht irgend etwas Unvorhersehbares passiert - diese Hoffnung wird enttäuscht. Auch für eine Milieustudie halte ich dieses Werk nicht; es vermittelt keinen Überblick über das Leben der Familie Möhring, sondern beschreibt nur die Suche nach neuem Aufstieg, nach einem besseren Leben.

Für mich ist dieser Fontane-Roman entbehrlich. Er steigert sich nicht, bzw. stilistisch betrachtet auch nicht erbaulich - hier ist Fontane weit unter seinen Möglichkeiten geblieben.

Fazit: Eine für mich eher anstrengende, als lohnende Lektüre.

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Tags: bewertung: 1 von 5 sternen, klassiker, unilektüre   (3)
 

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21 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

roman, belletristik, bewertung: 5 von 5 sternen, kurz-roman

Ohne Blut

Alessandro Baricco , Anja Nattefort
Fester Einband: 104 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 25.08.2003
ISBN 9783446203471
Genre: Romane

Rezension:

Nachdem mich Caias Rezension so angesprochen hat, habe ich dieses Büchlein von gerade einmal hundert Seiten in der Bibliothek bestellt. Ich habe zwei Stunden zum Auslesen gebraucht und bin bis vor einigen Minuten noch in Überlegungen bezüglich dieses Buches getroffen. Es lässt mich nicht los, diese Geschichte um Schuld und Sühne. Diese Geschichte mit der Frage nach dem "historischen" und dem "wirklichen" Ende eines Krieges.

Nina (... Mich würde das italienische Original interessieren, ob der im ersten Teil jungen, im zweiten Teil älteren Frau wirklich ein Name gegeben wurde. "Nina" ist ja auch das Wort für "Mädchen, Mädel"....) versteckt sich in einem Erdloch, über ihr verdorbenes Obst, Arbeitsgeräte, Möbel. Versteckt wurde sie, versteckt vor denjenigen, die ihren Vater töten und ihren kleinen Bruder. Sie tun es, weil er große Verbrechen begangen hat, die für diese Menschen nicht genug gesühnt wurden. Im Gegenteil, der Krieg ist "vorbei", die Menschen versuchen zu vergessen, aber diese vom Krieg unmittelbar Betroffenen haben noch kein Ende des Krieges "gesehen". Sie rächen sich; Tito, ein junger Bursche von vielleicht 20 Jahren schützt, ohne zu wissen warum, das Leben der kleinen Nina.
Jahre später wird sie ihn wieder treffen und mit den Fragen konfrontieren, die sie schon seit ihrer Kindheit nicht mehr loslassen: Warum nahm man ihrem Vater das Recht auf ein Gerichtsverfahren? Warum tötete man ihren Bruder? Warum hat er sie verschont? Warum haben sie überhaupt getötet?

Dieses Buch erzielt seine Wirkung, in dem es dem Leser an all den Taten teilhaben lässt. Man ist stiller Zuschauer mehrerer Morde. Man schaut zu, wie Ninas Vater stirbt, wie der Junge stirbt und doch ist da noch der Lichtblick - Nina überlebt. Ob ihr Leben damit eine bessere Wende genommen hat, muss der Einzelne entscheiden.
Dieses Büchlein glänzt durch eine schöne, dennoch sehr einfache Sprache. Keine Verschachtlungen, wenig Stuckatur, wenig Zierendes. Die bloße Geschichte wird einem präsentiert, und obwohl nur wenig zu den Charakteren gesagt wird, so scheint es, weiß man doch mehr über sie, als einem wirklich lieb ist.

Fazit: Wieder einmal eine Rosine. Ein kurzes, schönes, nachdenklich - machendes Werk.

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Tags: bewertung: 5 von 5 sternen, kurz-roman   (2)
 

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47 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

tod, erzählung, schache, schach, alter

Ein Tag mit Herrn Jules

Diane Broeckhoven , Isabel Hessel
Flexibler Einband: 92 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Taschenbuch, 02.10.2006
ISBN 9783499243677
Genre: Romane

Rezension:

Ich habe dieses Buch für einen Euro als Mängelexemplar gekauft. Warum? Der Klappentext hat mich einfach angesprochen; der Umgang mit den Tod ist nicht zuletzt in unserer Wohlstandsgesellschaft mit ihrem Wunsch nach der eigenen "Unsterblichkeit" ein eher tabuisiertes Thema. Die Autorin, Diana Broeckhoven, hat einen offenen, und dennoch stillen Umgang mit diesem Thema gesucht.

Alice steht, wie jeden Morgen, erst auf, als der Kaffeegeruch ihr Bett erreicht. Es ist ihr Morgenritual - Jules macht das Frühstück, die einzige Aufgabe, die er im Haushalt übernimmt, und weckt sie erst dann, wenn der Kaffee fertig ist. An diesem Morgen ist es anders. Sie steht auf und sieht ihren Mann auf der Couch sitzend... Er ist tot. Sie reagiert nicht hysterisch bzw. hochemotional, sondern sie überlegt, ob sie Notare, Bestatter und ihren gemeinsamen Sohn informieren soll, entscheidet sich aber dagegen. In Ruhe will sie Abschied nehmen, in Ruhe ihm erzählen, dass trotz seiner Verfehlungen es immer eine Liebe zwischen ihnen gab.
Dieses Unterfangen, sich zu verabschieden, wird vom Nachbarsjungen, dem autistischen David, vermeintlich gestört. Dabei ist dieser genauso an feste Rituale gebunden wie Jules und Alice.

Ein kurzes, aber ein schönes Buch über das Leben und das Sterben, über das Altern, über feste Rituale und vor allem über die Liebe. Ja, Jules hatte eine Geliebte, Olga, aber sie, Alice, verzeiht ihm; sie sagt ihm nicht im Leben, dass sie es weiß, sondern erst, als er in Ruhe gegangen ist. Erst dann bricht sie ihr Schweigen.

Wenn auch stilistisch nicht sonderlich anspruchsvoll, ist diese Geschichte dennoch schön flüssig zu lesen; es lässt einem nicht mehr los, stimmt einem nachdenklich und das ist es, was dieses Büchlein ausmacht: Kurz, aber g'schmackig, wie die Kärntner sagen.

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Tags: bewertung: 4 von 5 sternen, kurz-roman, tod und leben und altern   (3)
 

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schneiderei, paris, nachkriegs-roman, alltag, bewertung: 2 von 5 sternen

Was gibt's Neues vom Krieg

Robert Bober , Tobias Scheffel
Fester Einband: 221 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 03.02.2006
ISBN 9783888974144
Genre: Romane

Rezension:

Ich hatte noch nie eine so divergierende Aussage bei einem Buch, wie bei diesem, ob es mir gefällt oder nicht.

1946 in einer kleinen Schneiderei in Paris. In dieser Schneiderei arbeiten unterschiedliche Figuren mit unterschiedlichen Hintergründen; ihnen gemeinsam ist zumeist der jüdische Hintergrund. Da ist Maurice Abramowitz, von fast allen nur "Abramoauschwitz" genannt, Zurückgekehrter aus einem Konzentrationslager. Da sind die zwei Elternteile, deren Kinder in einer Ferienkolonie sind, die ihnen regelmäßig schreiben von einer heilen Welt mit gemeinsamen Bastelstunden und Freundschaften, die immer wieder von der Realität belastet werden, indem man sie z.B. Lieder der ungarischen Partisanen auswendig lernen lässt. Da ist deren Sohn, Raphael, guter Zeichner, der später Fotograf wird und immer wieder mit dem Faschismus, auch während seiner Arbeit konfrontiert wird. Da ist genauso Charles, der Frau und beide Töchter durch die nationalsozialistischen Interventionen in Frankreich verloren hat.

Es werden lauter Einzelschicksale beleuchtet, die immer wieder mit der Schneiderei als Zentrum verbunden sind; mehr oder weniger gekonnt gibt der Autor den Hintergrund der Protagonisten preis. Mal um ihr Verhalten zu erklären und mal, weil er eine Lücke füllen musste, die er durch seinen Schreibstil hinterlassen hat.
Was ich damit meine? Das ganze Buch ist dröge, fast langweilig. Auch, wenn der Autor versucht durch die Hintergrundgeschichte den Figuren Leben einzuhauchen, so bleiben sie doch fragmentarisch, blass und farblos. Identifikationsfaktor gleich Null. Sie wirken wie Pappfiguren. Es gibt kaum emotionale Tiefe und wenn, wirkt sie so fehl am Platze, weil sie nicht in das Konzept passt.

Warum ich dennoch dazu tendiere dieses Buch sogar zu empfehlen ist, weil es nicht nur Längen, sondern durchaus auch Kapitel hat, die durch ihre schöne Sprache auffallen. Da wirkt es fast poetisch, flüssig und schön und man spürt dem Charakter, nämlich Joseph heißt der Gute, der immer wieder in diesen Kapiteln vorkommt, die gefühlte Gefühllosigkeit an. Man leidet fast mit und man unterstützt seine Entscheidung.
Jedoch... sind das nur zwei wirklich glänzende Kapitel.
Immer wieder wechselt der Autor ohne Ankündigung die Perspektive; er verliert sich teilweise in Details, um zu erklären, wie eine Nähmaschine funktioniert. Man weiß nie genau, wer gerade in den Dialog miteinander tritt und ich werde das Gefühl nicht los, dass es dem Autor manchmal nur darum ging, dass Thema Shoah irgendwie anzubringen, um es als das Grundthema des Buches darzustellen. Sicherlich, die Hintergrundgeschichte einiger Charaktere passt zu diesem Thema, aber manchmal fragt sich meiner einer, ob dem Autor nicht besser daran gelegen wäre die Geschichten der Figuren für sich sprechen zu lassen.
Wozu dieser zweifelhafte, durchschaubare Rahmen?

Ich für meine Begriffe kann dieses Buch nicht uneingeschränkt empfehlen. Ich hatte mehrmals Lust es wegzulegen und habe es dennoch beendet, einfach weil ich mir dachte: "Da muss doch noch was kommen!" Kam aber nicht, es blieb dröge, langweilig.

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Tags: bewertung: 2 von 5 sternen, nachkriegs-roman   (2)
 

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21 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

england, krimi, historischer roman, spionage, walsingham. elisabeth i

Das Jungfrauenspiel

Sandra Lessmann
Fester Einband: 427 Seiten
Erschienen bei Droemer Knaur, 21.09.2007
ISBN 9783426197660
Genre: Historische Romane

Rezension:

Gestern kam "Das Jungfrauenspiel" als Wanderbuch mit der Post... und heute um 16:30 Uhr habe ich diesen historischen Roman wieder zugeschlagen. Einigermaßen unterhalten. Und doch lässt mich einiges aufstoßen, vor allem der große Kitschfaktor und damit zusammenhängend, der Realismus in der Geschichte.

Marianna (Bei der Suche nach der Herkunft ihres Namens, bin ich auf einen nordisch - keltischen Ursprung gestoßen, aber auch auf einen hebräischen. Und trotzdem: Der Name erscheint mir unpassend für die Zeit um 1580/1590.) ist Gemahlin eines Mannes, der auf der Folterbank sein Leben lassen muss, weil er im Verdacht stand wieder einmal die englische Krone betrogen zu haben. Er wird nach einem Spion befragt, dem "Greif", worauf er keine Antwort geben kann. Marianna, zusammen mit ihrem Gemahl nach Calais geflüchtet, versucht währenddessen ihren Sohn Nathaniel zu befreien, der bei einem grausamen und unbarmherzigen Vormund sein Leben fristen muss. Dies schlägt fehl; sie wird verhaftet und wird auch noch Zeuge, wie der sie festgenommene "Polizist" hingemetzelt wird. Von da an mimt sie die Spionin im Hause ihres Onkels, immer gefährdet entdeckt zu werden, auf der Suche nach dem "Greifen". Dabei verliebt sie sich in den Höfling James Danvers und muss bald erkennen, dass dieser ein doppeltes Gesicht hat...

Die Geschichte bleibt spannend; man hat immer wieder den Spannungsbogen vor Augen, wie er sich hebt, während man damit beschäftigt ist mitzurätseln, wer nun der "Greif" ist. Die dabei immer wieder etwas "heftigen" Szenen, wie die Folterungen ihres Mannes Roger oder aber auch die Schändung Judiths und ihrem traurigen Ende passen in diese doch sehr traurige Geschichte, die eine düstere Atmosphäre umgibt.

Spannend ist die Geschichte, aber auch kitschig und unrealistisch, wenn es um das logische Handeln von Figuren geht. Ein Beispiel:

Marianna wird davon konfrontiert, dass Jimmy sie belogen hat. Er hat sich ihr nie richtig offenbart, er hat jemanden gespielt, der er nicht ist und sie dabei auch noch fast getötet. Und nach genau drei Seiten hat sie ihm verziehen und plant, leidenschaftlich an ihn geschmiegt die Flucht.

Auch sind die Charaktere teilweise etwas blass. Nathaniels Alter bleibt unbekannt; über Marianna weiß man nichts mehr, als dass sie kupferrotes Haar hat und Verwandte in Beverly hat bzw. eine Liebschaft, bei der Nat entstanden ist. Man weiß ansonsten nichts - über ihre Statur, ihre Kleidung, ihren Stand, ihre Vergangenheit. Die Figur bleibt ständig blass und auch relativ wahllos in ihren Handlungen. Sie verurteilt das Eine, kommt aber nicht umhin selbst dieses "Eine" zu tun. Eine sehr seltsame Figur.

Wie Gepflogenheiten, z.B. die Folterungen, oder aber auch Merkmale dieser Zeit in die Handlung eingewoben werden, ist geradezu schön. Man erfährt viel, auch z.B. etwas über den Degen, über die Folter, über das höfische Leben, über die Erziehungsmethoden. Die Erklärungen der Autorin wirken dahingehend auch nicht aufdringlich, wie ihr Schreibstil insgesamt auch nicht aufdringlich ist. Der Schreibstil bleibt immer flüssig, immer konstant gut und die Geschichte verliert nie an Fahrt.

Insgesamt: Ein kurzweiliger, schön geschriebener Roman mit Schwächen in den Charakteren und deren Lösungen.

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Tags: bewertung: 2 von 5 sternen, historischer roman   (2)
 

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43 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

zamonien, fantasy, bewertung: 5 von 5 sternen, lila, humor

Die Stadt der träumenden Bücher

Walter Moers
Fester Einband: 475 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.01.2007
ISBN 9783492249973
Genre: Fantasy

Rezension:

Schon vor ca. einem Jahr habe ich mir "Die Stadt der träumenden Bücher" in einem Anfall von Bibliophilie gekauft... und es dann, aufgrund vom anderen Lesestoff erst einmal in meinen Stapel ungelesener Bücher getan. Vorgestern habe ich es im Regal gesucht, gefunden und innerhalb von zwei Tagen ausgelesen. Was mit einem doch etwas langsamen Einstieg anfing (Was sagte man über "Ritter Hempel"? "Man muss sich erst durch das langweilige Kapitel über Lanzenpflege quälen, aber dann wird es richtig gut."), steigerte sich dann während Hildegunsts von Mythenmetz' unfreiwillige Reise durch das Labyrinth. Von da an hatte mich das Buch gepackt und ich reiste mit der, doch etwas verschrobenen, leicht naiven Echse zu den Buchlingen, bekämpfte die Harpyre und fand schließlich Schloss Schattenhall.

Die Figuren dieses Romans, allen voran die Bücher sind sehr liebevoll gezeichnet (im wahrsten Sinne des Wortes; die Zeichnungen, die das Buch enthielt, gefielen mir außerordentlich gut); meine Favoriten sind die Buchlinge, vor allem Golgo und Danzelot (Nummer zwei).

Diese kleinen Details machen die Handlung aus, die Moers immer wieder filigran einarbeitet: z.B., ist euch mal aufgefallen, wie vielen "großen Dichtern" er ein Denkmahl gesetzt hat? Ojahnn Golgo von Fonthewang ist ein Anagramm und steht z.B. für den Klassiker Goethe, aber auch Schiller, Shakespeare, Gryphius usw. haben ihren Weg in den Roman gefunden.
Oder aber die doch sehr detailgetreue Stadtzeichnung von Buchhaim wird mir im Gedächtnis bleiben, klingt sie doch nach einem Schatz für jeden Buchnarren / -närrin.

Das beinhaltet eigentlich alles: Unterhaltung und Spannung, leichte Einflüsse eines Kriminalromans, aber vor allem ist es ein wunderschöner Fantasy-Roman, der von einem ganz eigenen "Orm" getragen ist, allein schon durch die Fülle der Figuren wie Hildegunst, die Buchlinge, der Schattenkönig, Colophonius Regenschein...

Mich hat es ausgenommen gut unterhalten, bis auf den Einstieg, aber der ist im Nachhinein leicht zu verkraften. Gute Unterhaltung, für mich aber (trotz der 474 Seiten) zu kurz. Davon hätte ich gerne mehr - was bedeutet, sämtliche Werke von Moers landen auf meiner Wunschliste.

  (8)
Tags: bewertung: 5 von 5 sternen, fantasy   (2)
 

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15 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

drama, tod, klassiker, gier, allegorie

Jedermann

Hugo von Hofmannsthal , Andreas Thomasberger , Andreas Thomasberger
Flexibler Einband: 95 Seiten
Erschienen bei Reclam, Philipp, 01.01.2000
ISBN 9783150180372
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:

Ich bin etwas verwundert; gehört dieses Stück doch zu den s.g. Klassikern unter den Dramen, obwohl aus der eher neueren Epoche (1911 erschienen, ab 1920 regelmäßig bei den Salzburger Festspielen aufgeführt). Kennen gelernt habe ich es nicht in meiner Schulzeit, sondern während meiner Studienzeit, die ich in Österreich verbringe, wo dieses Drama in den Kanon dessen gehört, was "jeder Student einmal gelesen haben muss". Man kann über diese Aussage "Muss man(n)/Frau einmal gelesen haben" geteilter Meinung sein, aber für dieses Stück trifft das ohne weiteres zu.

Gott bemerkt, dass er von den Menschen nicht mehr geschätzt wird und so beauftragt er den Tod eines gewissen Menschen abzuholen, den Jedermann. Dieser ist kein primitiver Geizhals, sondern ein kluger, gebildeter, aber habgieriger, sündig-lebender Mensch, ohne großen Glauben und Vertrauen in etwas, was nicht mit materiellen Werten zu tun hat. Als der Tod sich ihm offenbart, bittet er um eine Stunde Aufschub, um jemanden zu finden, der ihn vor den "Thron des Allmächtigen" begleiten kann, um bezeugen, dass er ein "guter" Mensch im Leben gewesen ist. Und er findet auch jemanden, nämlich den Glauben. Der Teufel, sich schon seiner Sache sicher, dass er diese Seele mit ihn die Hölle nehmen kann, stößt auf einen Jedermann, der schon den göttlichen Segen hat, trotz eines schadhaften Lebens, weil er wieder zum Glauben gefunden hat.

Die Thematik dieses Stückes ist aktueller denn je. Menschen leben ein nicht gutes, ein korruptes, andere Menschen ausbeutendes Leben und finden Platz in Gottes Schoß bzw. glauben diesen zu haben, weil sie regelmäßig bei der Kollekte gut gespendet haben (Übertrieben formuliert).

Dieses Stück hat mich allerdings nicht so positiv überrasch wegen der Thematik, sondern auch weil Hofmannsthals Umsetzung so gelungen ist. Die Personifikationen von Jedermanns Werke, seiner Liebe, seinem Glauben, die er für sich selbst sprechen lässt, sind sprachlich wunderbar aufbereitet. Das ganze Stück wird gereimt und so wird ein leichter, schneller Lesefluss erreicht. Man muss sich erst einmal reinfinden, gibt es auch viele Anspielungen auf andere Dramen, die Hofmannsthal persifliert, aber letzt endlich ist dies ein wirklich unterhaltsames Stück mit einer interessant aufbereiteten Thematik.

Für mich wirklich ein Kanonstück.

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Tags: bewertung: 5 von 5 sternen, drama, klassiker   (3)
 

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59 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

heinrich heine, deutschland, wintermärchen, klassiker, köln

Deutschland. Ein Wintermärchen

Heinrich Heine
Flexibler Einband
Erschienen bei Hamburger Lesehefte
ISBN 9783872911636
Genre: Klassiker

Rezension:

Das 1844 bei Hoffmann und Campe erschienene satirische Versepos "Deutschland. Ein Wintermärchen" handelt von einer Liebe. Und von einer Abrechnung. Heinrich Heine liebt sein Land, liebt Deutschland, vor allem seine Heimatstadt Hamburg und dessen Wappenfigur Hammonia. Aber er muss auch abrechnen mit diesem Land. Mit dem deutschen Philistertum, mit der preußischen Zensur, dem Chauvinismus und Militarismus, mit den Bürgern, die erscheinen, als hätten sie den "Stock nicht mehr im Hintern, sondern ihn stark verinnerlicht." Er erzählt von Freiheitsbestrebungen, sieht Frankreich und dessen Revolution von 1789 als Vorbild, Napoleon als große Figur dieser "Staatsveränderung"; er erzählt von Nationalismus, von den Farben Schwarz-Rot-Gold und gleichzeitig räumt er auf mit den restaurativen Tendenzen im Staat, die sich lieber bemühen einen im Mittelalter unterbrochenen Dombau zu beenden, um die Vergangenheit zu beschwören als ihre Waffen zu nehmen und nach vorne zu schauen.

Man reist mit Heine aus Frankreich durch Elsass-Lothringen, durch den Teutoburger Wald, durch Minden und Brückeburg nach Hamburg, um die Mutter zu besuchen; dort wird miteinander gespeist, man unterhält sich und gibt doch nur unausreichend Auskunft. Heine spaziert durch Hamburg und trifft im Dirnenviertel auf ein wunderschönes Mädchen, er verbringt die Nacht mit ihr und sie offenbart ihm die Zukunft der Deutschen, die er nicht verraten kann, und die, selbst wenn er sie offenbarte so oder so durch die Zensur entfernt werden würde.

Dies ist nicht nur eine Reise durch West- und Norddeutschland, bei der man Wahrzeichen einer Stadt schon erkennt, bevor sie namentlich erwähnt werden (z.B. der "riesige" Dom von Köln), sondern es geht Heine um viel mehr in diesem nur in Jamben verfassten Werk. Es ist ein Porträt. Ein Porträt der Gesellschaft seiner Zeit; die nur bruchstückhaften, aber dennoch aussagekräftigen Beschreibungen sagen sehr viel aus. Heine beschreibt Kirchenmänner, die "Wasser predigen und Wein trinken", er beschreibt den hohen, preußischen Militarismus mit seinem Wahrzeichen, dem Adler, den er "am liebsten erwürgen würde". Heine bildet nicht nur Gruppen wieder, sondern auch politische Strömungen, andere Künstler wie Körner oder Bartholdy und immer wieder wird der Unterschied spürbar; zwischen der romantischen Wahrnehmung Deutschlands mit seinen "Schankstuben und hübschen Weibern" und den abergläubischen, fehlgeleiteten, politischen Tendenzen der Restauration.

Ich gestehe ganz ehrlich, ohne die Anmerkungen wäre es schwierig gewesen einige Symbole zu entziffern oder auch Anspielungen auf zeitgenössische Werke zu verstehen, wenn Heine z.B. Liedzeilen aus den "kriegerischen" Liedern Theodor Körners einbaut. Das Werk ist durchzogen von Wortspielen, Wortwitzen, Übertreibungen, Ironie und Sarkasmus, die ein großes Lesevergnügen bereiten, wenn man weiß, was genau jetzt verunglimpft wird.
Und selbst wenn nicht, dieses Werk ist durchzogen von großer Bedächtigkeit für eine größere Rolle des Dichters für das politische Geschehen in seinem Land und auch die der Anderen sich zu engagieren.

Auch wenn dieses Werk nicht leicht lesbar ist und man bestimmt seine Zeit braucht um hinein zu finden, so ist es doch eine "gute Sache", wenn man entdeckt, was Heine einem hier gegeben hat.

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Tags: bewertung: 4 von 5 sternen, klassiker, versepos   (3)
 

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(72)

104 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

konzentrationslager, zuschauer, medien, satire, tv

Reality-Show

Amélie Nothomb , Brigitte Große
Fester Einband: 169 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 01.03.2007
ISBN 9783257065770
Genre: Romane

Rezension:

Ich mag Bücher, die versuchen geltende Wertvorstellungen, Sitten und Gebräuche sowie gängige Tabus zu sprengen bzw. aufzubrechen. Gerade darin bemisst sich für mich der Wert von Literatur: Gängige Probleme bzw. gängige Diskussionsthemata, auf die man im Alltag trifft, anzusprechen, sie zu pervertieren, sie zu ironisieren, um so beim Leser einen Denkprozess hervorzurufen.

Das Konzept von "Reality-Show" gefiel mir, ist es doch eine Tatsache, dass in Zeiten von Big Brother, wo Menschen sich beim Urinieren, Vögeln (Entschuldigt den Ausdruck) und Tratschen zuschauen, die Hemmschwelle, ein Tabu betreffend, gesunken sind. Jeder hat, zumindest bei der ersten Staffel dieses Formates darüber diskutiert: "Wer fliegt raus? Wer kommt wem zusammen?" ohne darüber zu diskutieren, was für Folgen es hat, wenn Menschen 24-Stunden lang beobachtet werden und sich dann in ein "reales" Leben verabschieden, in dem jeder sie jetzt kennt, jeder die Vorlieben kennt und jeder weiß, wann und wo sich die Person einen Pickel ausdrückt (Ich überspitze es).
Nur, glaube ich, hat sich die Autorin, von der ich bisher nichts gelesen habe, mit ihrer Idee etwas übernommen; ihre Satire, was es eigentlich werden sollte, rutscht ab und an so ins Lachhafte, Lächerliche ab, dass man nicht mehr über den Inhalt weiter nachdenkt.

Man stelle sich das vor: Ein Fernsehprodukt ist die Show "Konzentration", bei der ahnungslose Menschen von den Straßen geholt in ein KZ gebracht werden, wo nach den selben Bedingungen, wie vor 60/70 Jahren gelebt, geprügelt, gedemütigt, getötet wird. Mit einem Unterschied: Täglich laufen bis zu über 20 Kameras mit und dokumentieren peinlich genau jedes Tabu, jede Vergewaltigung, jede Misshandlung. Und das Publikum schaut zu, die Quoten erfreuen sich einer Höhe, wie sie zuvor unbekannt war und immer wieder lassen sich die Fernsehmacher etwas Neues einfallen; bis ihnen die Idee kommt das Publikum entscheiden zu lassen, wer sterben soll.

Die Handlung ist gut und schön; auch der Schreibstil ist gut entwickelt, flüssig zu lesen und dialoglastig, was in den Fall sehr passend ist. Aber was die Autorin mit ihren Figuren und deren Botschaften fabriziert hat, ist geradezu fahrlässig. Zwei Stereotypen. Einmal weiß: Pannonica, die natürlich seelengute, intelligente, reine Persönlichkeit, die sich gegen die schwarze Persönlichkeit des Kapo Zdena durchsetzen muss. Zwei Frauen, zwei Seiten einer Medaille. Die eine ist hineingeraten und macht das Publikum verantwortlich und will nur leben; die andere will begehrt und geliebt werden.
Wie schön ist es, dass es so nach Stereotypen funktioniert. Wie schön ist es, dass das Böse immer Schwarz und das Gute immer weiß sein müssen. Und dementsprechend entlädt sich auch die Handlung, die Pointe ist kurz, das Happy End wirkt unpassend (Wenn auch gut interpretierbar als passendes Ende: Das ganze Leben ist eine Show à la Hollywood, und die meisten Hollywood-Streifen enden nun einmal glücklich... ;=)) und irgendwie ist man mit der ganzen Geschichte unzufrieden.

Fazit: Idee gut, Umsetzung ging reichlich daneben. Dabei ist der Schreibstil eigentlich angenehm; es war nicht das letzte Buch der Autorin für mich, aber als Einstieg war dies einfach nicht das Nonplusultra.

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Tags: bewertung: 2 von 5 sternen, real-satire   (2)
 

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45 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

freundschaft, hoffnung, enkeltochter, frankreich, alter mann

Monsieur Linh und die Gabe der Hoffnung

Philippe Claudel , Christiane Seiler
Fester Einband: 126 Seiten
Erschienen bei Kindler, 21.07.2006
ISBN 9783463404981
Genre: Romane

Rezension:

Vielleicht stand ich zu sehr unter dem Eindruck von "Reise im Mondlicht", was ein unübertroffen geistreiches Stück Literatur ist, als ich dieses Werk anfing. Vielleicht habe ich auch zuviel erwartet: einen besseren Stil, liebevollere Charaktere und eine Pointe, die zwar sehr gut geschrieben, aber nicht halb so innovativ ist. Was es auch immer war... dieses Buch konnte mich nicht begeistern.

Monsieur Linh wird mit einem Schiff aus seiner Heimat weggebracht, in der er alles verloren hat - Familie, Freunde, Haus und Hof. Mit ihm geht seine Enkeltochter Sang-dui, die Gütige, die niemals Schreiende. Schnell wird deutlich, dass Monsieur Linh einige Probleme hat sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Er versteht die Sprache nicht und wird ständig mit den negativen Erinnerungen an seine Heimat konfrontiert. Dann lernt er seinen einzigen Kontakt zur Außenwelt kennen, Monsieur Bark, der "dicke Mann". Beide sprechen die Sprache des anderen nicht, beide teilen nur eine Gemeinsamkeit: Ihnen ist vieles widerfahren, viel Schreckliches. Beide haben ihre Familien verloren und deswegen besteht zwischen ihnen ein dünnes Band der Freundschaft. Dieses wird am Ende beinahe zerrissen, als Herr Linh in eine Einrichtung eingewiesen wird, in der "alte, kalte, blocklose Alte in blauen Morgenmantel auf Krücken oder mit Gehgestellen sich bewegen". Er flüchtet und findet den dicken Mann und dann kommt eine Pointe, wie sie nur in einer Parabel stecken kann.

Ich bin ehrlich, die Pointe hat mich überrascht und sie ist auch ein positiver Aspekt an dieser Geschichte. Nur mitreißend fand ich die Erzählung nicht. Sie ist "zu rund", wie ein Rezensent der FAZ geschrieben hat - Der Stil ist "zu perfekt", und deswegen für meinen Geschmack langweilig, nicht überzeugend.

Die Geschichte und die Pointe sind gut, die Umsetzung der Handlung allerdings gefällt mir nicht. Für mich keine großartige Empfehlung, die ich hier aussprechen kann.

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Tags: ewertung: 2 von 5 sternen, roman, sinnsuche   (3)
 

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101 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

alkohol, familie, einsamkeit, schwestern, new york

Easter Parade

Richard Yates , Anette Grube
Fester Einband: 296 Seiten
Erschienen bei DVA, 16.02.2007
ISBN 9783421042613
Genre: Romane

Rezension:

1976 erschien "Easter Parade", Anfang 2007 erschien es in Deutschland bei DVA; nicht zuletzt durch das positive Feedback Elke Heidenreichs' in ihrer Literatursendung "Lesen!" erreichte dieses Buch Bestsellerstatus und wurde in sämtlichen großen Tageszeitungen (FAZ, DIE ZEIT, taz, NZZ, Süddeutsche Zeitung...) fast ausnahmslos positiv besprochen. Und daher bleibt immer die Frage, ob der "normale" Leser sich diesen Beifallsstürmen anschließen kann...

... in diesem Fall kann ich es. Auf höchst scharfe Weise zerstört Richard Yates die Illusion des American Dream, die Illusion, dass ein Leben aus Zufällen, aus eigener Kraft gesteuert und besonders reich gelebt werden kann. Er führt vor Augen, was passiert, wenn die "Anlagen" nicht stimmen - wenn Kindheit und Jugend als reine Posse zurückbleiben.

Sarah und Emily Grimes, zwei Schwestern, die von ihrer alkoholkranken Mutter von Stadt zu Stadt, von Schule zu Schule geschleift werden. Man weiß nie genau, wonach die Mutter sucht. Ist es DER Job, DIE Karriere? Auf allen Wegen scheitert sie, bleibt stets die Suchende; sie erzieht ihre Kinder anti-autoritär, nicht als Mutter, nicht als Verantwortliche. Sie sollen sie Pookie nennen. Was wie ein Name für eine Indianerin klingt, ist nur wiederum ein Ausdruck für ihre Rollensuche. Sie will nicht Mutter sein, sie will auch nicht eine Rabenmutter sein; sie will nicht arbeitslos sein, aber auch nicht mit einem Job behaftet, der ihr weder Glück noch viel Geld bringt.
Die Grimes-Schwestern entwickeln sich unterschiedlich. Sarah heiratet früh einen jungen Mann aus gutem Hause, der sich schnell als brutaler, schlagender Ehemann herausstellt. Und doch bleibt sie, nach der Aufzucht dreier gemeinsamer Kinder bei ihm, und findet sich gebrochen und depressiv als Alkoholikerin wieder.
Emily dagegen führte zwei Ehen, beide zerbrachen; sie hatte ein Stipendium, war Journalistin, liebte mehrere Männer, hatte Affären und wird dennoch nicht glücklich. Ähnlich wie ihre Mutter ist sie auf der Suche, aber nicht nach dem Karriereglück, sondern der Liebe, die sie von ihrer Traurigkeit lösen kann.

Was Richard Yates auf knapp 300 Seiten formuliert, lässt einem sehr nachdenklich zurück. Dieses Buch hat manchmal Längen, manchmal hat man das Gefühl, die Geschichte plätschert. Es werden zwei Leben beschrieben und es könnte langweilig wirken, weil nur wenig passiert, was nicht vorhersehbar ist.
Aber das ist es gerade. Man spürt den nahenden Abgrund, man spürt, dass dies nicht gut gehen kann. Und es endet für alle Figuren nicht positiv, und obwohl dies ersichtlich ist, hofft man.

Für mich ein nachdenklicher machender, sehr lang anhaltender Roman. Obwohl ich ihn schon vor zwei Stunden aus der Hand gelegt habe, hat er mich noch nicht losgelassen. Ein wirklich gutes, kritisches Buch mit einer anhaltend flüssigen, wunderbar zu lesenden Sprache.

Mein Interesse für Richard Yates ist geweckt und ich danke Robert Ford für das Wiederentdecken dieses "Klassiker der Moderne" (FAZ).

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Tags: bewertung: 5 von 5 sternen, roman, zerstörung des american dream   (3)
 

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43 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

atombombe, hiroshima, jugendbuch, japan, krieg

Als die erste Atombombe fiel

Hermann Vinke
Flexibler Einband: 186 Seiten
Erschienen bei Ravensburger Buchverlag
ISBN 9783473580620
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Ein japanischer Erziehungswissenschaftler Arata Osada sammelte während des Anfangs der 50er Jahre zunächst für persönliche Forschungen 3000 Berichte japanischer Kinder, die die erste der beiden Atombomben, abgeworfen am 6.August 1945 durch die Enola Gay unter der Leitung von Oberst Paul Tibbets und auf Befehl des damaligen Präsidenten Truman, überlebt hatten. Als er jedoch erkannte, was gerade "die Bombe mit den Kindern von Hiroshima angerichtet hatte", konnte er die Berichte nicht einfach für die Schublade belassen. Er wählte aus den 3000 Berichten 105 Berichte aus, die er weder nach Rechtschreibung noch nach Satzkonstruktionsfehlern berichtigte und brachte diese Sammlung 1951 unter dem Titel "Genbaku no Ko" (Kinder der Atombombe) heraus, trotz einer von den amerikanischen Besatzern verhängten Nachrichtensperre bzw. einer starken Zensur.

Insgesamt 20 Berichte hat Hermann Vinke für sein Jugendbuch "Als die erste Atombombe fiel" (erstmals 1980 erschienen) ausgewählt, trotz der Gedanken, ob man diese "grauenhaften Einzelheiten und der tiefen Verzweiflung" überhaupt Jugendlichen zeigen möchte oder auch darf. Unterlegt sind die Berichte der Kinder von Hiroshima mit Bildern und Sachtexten, die die Thematik für einen jungen, nicht geschichtsversierten Jugendlichen erklärbar machen sollen; u.a. z.B. wird ein Interview mit Major Paul Tibbets abgedruckt, welches er im August 1981 der Zeitschrift 'metall' gab oder aber es wird die Situation der koreanischen Minderheitsbevölkerung während und auch nach des 2. Weltkrieges geschildert und deren schlechte Versorgung nach dem Atombombenangriff.

Meiner Ansicht nach wurde mit diesem Buch ein Auftrag im Sinne der Friedenserziehung erfüllt. Das Buch hat nicht nur erzählende, sondern auch eine dokumentarische Komponente, die es dem Leser einfacher machen sich in bestimmte Dinge mehr zu vertiefen bzw. Hintergründe zu verstehen oder auch die japanische Lebensweise zu verstehen. Dabei wird man geschüttelt, entweder vor Ekel oder aber, vor allem als Leser des Interviews von Paul Tibbets, vor Unverständnis. Dieses Buch soll verstehen lernen und eine Grundlage zur Friedenserziehung bieten. Und dafür muss ich dem Herausgeber ein Lob aussprechen, es ist ihm gelungen die Waage zu halten zwischen starker "Dramatisierung" und sachdienlicher Argumentation. Die Berichte der Kinder sind starke, emotionale Berichte; Berichte natürlich, die ohne eine gewisse "Schrecklichkeit" nicht auskommen. Damit ist nicht nur die Bilder gemeint, die sich den Kindern einprägen (Menschen, von denen man nur noch Schatten sieht z.B.), sondern auch die Ängste, die sehr authentisch und realistisch beschrieben werden - die Suche nach den Eltern, die Angst vor dem Sterben in den Flammen, der Umgang mit den Verlust von Bekannten und Freunden...

Mit diesem Buch ist ein Schritt in die richtige Richtung gegangen, um nicht nur Aufklärung, sondern auch Dialog und Verständigung zu betreiben im Sinne davon, dass es "nie wieder Hiroshimas gibt".

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Tags: bewertung: 4 von 5 sternen, jugendbuch, zeitdokument   (3)
 

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319 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

klassiker, liebe, drama, schullektüre, fragment

Woyzeck. Leonce und Lena

Georg Büchner
Geheftet
Erschienen bei Hamburger Lesehefte, 01.05.2008
ISBN 9783872911476
Genre: Romane

Rezension:

Ich bin ein sehr ungeduldiger Mensch und ich mag auch keine offenen Enden und deswegen war für mich das Wort "Fragment" irgendwie... leicht beängstigend. Die Reihenfolge der Szenen ist nicht geklärt, auch nicht, ob diese geschriebenen Szenen auch wirklich in das Endmanuskript sollten oder auch nur eine Vorauswahl sind.
Ich mag eigentlich keine unfertigen Sachen. In diesem Fall wirklich nur "eigentlich".

Im Gegensatz zu euch hat mir "Woyzeck" sehr gut gefallen; das Stück bietet sehr viel Raum für Interpretationen. Man darf niemals vergessen, welche politische Gesinnung Büchner vertrat und schon erkennt man, wenn auch nur ansatzweise, kleine Kritik"partikelchen" - Marie wird gemieden von der Gesellschaft und als Hure beschimpft aufgrund eines unehelichen Kindes. Woyzecks Sold scheint nicht für deren gemeinsame Grundversorgung zu reichen, aus diesem Grund macht er bei einem medizinischen Versuch mit und isst wochenlang nur Erbsen, was ihn schluss endlich in den Wahnsinn treibt (Er glaubt unter dem Waldboden, von wo er Stecken schneiden muss, Freimaurergespräche zu hören). Des Weiteren wird Marie untreu und Woyzeck ist außer sich vor Zorn und
ersticht sie. Und erkennt schluss endlich, dass er die Schuld nicht von sich weisen kann; sie wird ihn verfolgen und so ertränkt er sich.

Es gibt viele Interpretationen, ich habe eine für mich sehr "Befriedigende" gefunden. Woyzeck handelt nicht. Ist jemanden dies aufgefallen? Er geht, er rennt durch's Leben, aber handelt nicht selbst, denkt kaum selbst, was auch verdeutlicht wird, indem man feststellt, dass Woyzeck keine Monologe hat, wie sonst bei Dramen aus dieser Zeit üblich. Er handelt nicht, er wird also kein Täter, sondern immer Opfer sein; auch, als er Marie ersticht, so ist immer wieder der Hintergedanke dabei "Sie hat ihn betrogen, sie ist selbst Schuld!" und somit bleibt auch die Opfertheorie. Wovon Woyzeck ein Opfer ist, erkennt man an der Position des Arztes und des Hauptmannes, der ihn mehr und mehr Aufgaben gibt als Laufbursche, aber von ihm fordert, er möge doch langsam gehen, langsam laufen, "er habe doch Zeit".

Die Sprache des Dramas gefällt mir sehr gut, sie ist leicht und flüssig lesbar und passt auch ins Milieu, in das Büchner seine Figuren angesiedelt hat - kleinbürgerlich bis randgesellschaftlich. Das alle Figuren nicht gut heraus gearbeitet sind, z.B. ist es Woyzecks Kinder oder doch von einem Anderen, kann man leider zum Vorwurf machen und muss es darauf schieben, dass es nun einmal ein Fragment ist.

Ein sehr gutes, gut lesbares und gute Thematiken aufgreifendes Drama. Mir hat es sehr gut gefallen.

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Tags: bewertung: 5 von 5 sternen, drama, fragment, klassiker, tragödie   (5)
 

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96 Bibliotheken, 2 Leser, 3 Gruppen, 9 Rezensionen

italien, rom, ungarn, liebe, ungarische literatur

Reise im Mondlicht

Antal Szerb
Flexibler Einband: 260 Seiten
Erschienen bei dtv, 01.12.2003
ISBN 9783423243704
Genre: Liebesromane

Rezension:

"Reise im Mondlicht" ist eine Rosine.

Was ich damit meine? Diese Erzählung des ungarischen Autorin Antal Szerb ist so wunderschön melodiös, stilvoll, nachdenklich-machend, dass ich mich gar nicht traue dieses Werk allen zu empfehlen.

Dieses Werk ist eine Reise. Nicht nur durch Italien, nicht nur durch Frankreich, es ist auch eine Reise in die eigene Gedankenwelt, in die eigenen Empfindungen und Todeswünsche. Der Protagonist wünscht sich den Tod, zuerst nur unterschwellig, dann symbolisch, dann verkörpert durch seinen Jugendfreund Tamas. Er ist auf der Suche, dieser Michaely; auf der Suche nach Liebe, nach der inneren Ruhe, nach dem Tod. Dies ist nicht nur eine Liebesgeschichte, eine gescheiterte im Endeffekt, sondern auch ein Roman über die Suche nach dem Zustand des Glücklichseins, den der Protagonist nicht erreicht bzw. erreichen kann.

Es geht aber nicht nur um gut verpackte, philosophische Gedankengänge über den Tod (bei den Etruskern oder in der griechischen Mythologie), sondern auch um das Leben - um das Leben einfacher Leute in Italien. Antal Szerb beschreibt melodiös, also sehr ruhig und mit viel Liebe zum Detail die italienische Landschaft, die Dörfer, die dort lebenden sehr einfach gestrickten Menschen. Wenn er z.B. Gubbio beschreibt, sind seine Vergleiche immer treffsicher und vor allem immer verbunden mit etwas Interessantem über diesen Ort; er schreibt u.a., dass der Legende nach in Gubbio einmal ein fresssüchtiger Wolf umging, Schafe und beinahe Menschen riss, und Fran von Assisi hatte sich aufgemacht diesem Wolf einen Handel vorzuschlagen - Der Wolf würde von den Bürgern verpflegt werden und dafür lasse er sie in Ruhe. Der Wolf geht auf den Handel ein. Passend dazu fügt Antal Szerb ein, dass man "heute noch im dunklen Mondlicht den Wolf sehe, wie er durch die Stadt laufe mit einem Körbchen um den Hals".
Das Wissen um Legenden, Anekdoten oder mythologische Besonderheiten werden aber so filigran eingebaut, nicht aufdrängend oder belehrend, sondern so, dass man ein ganz differenziertes Bild aufbaut von Italien und dessen Landschaft.

Dieser Roman hat viele Aspekte und es entspricht nicht meinem Wunsch alles aufzuzählen, weil jeder in diesem Roman etwas für sich finden kann. Egal, ob dies Landschaftsbeschreibungen, das Todesthema, der feine Witz und die Ironie oder aber die melodiöse, wunderschöne Sprache ist.
Mich haben all diese Punkte begeistert; dieser Roman ist weder zu lang, noch zu kurz, aber dennoch denke ich wehmütig an die letzte Seite zurück und frage mich, warum ich "diese Welt" wieder verlassen musste...

Der Roman ist eine Rosine. Einfach ein wirklich schönes, einmaliges Leseerlebnis.

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Tags: bewertung: 5 von 5 sternen, roman, sinnsuche   (3)
 

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42 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

krieg, fronturlaub, schutt, 2. weltkrieg, ss

Zeit zu leben und Zeit zu sterben

Erich Maria Remarque
Flexibler Einband: 414 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 01.01.1989
ISBN 9783462027266
Genre: Romane

Rezension:

In diesem Roman arbeitet Remarque mit der zentralen Frage, inwieweit der einzelne Soldat eine Mitschuld trägt, am Kriegsvoranschreiten, am Kampf gegen vielleicht unschuldige Menschen bzw. den Tod Unschuldiger. Der Protagonist Ernst Gruber stellt sich diese Frage während eines dreiwöchigen Heimaturlaubes, bei dem er feststellen muss, dass auch seine Heimat nicht durch den Krieg verschont worden ist, schlimmer noch scheint der Krieg "sich in den Hirnen und Herzen festzusetzen". Er suchte nach einer Insel der Hoffnung, nach Ruhe um seine innere Zerrissenheit, die den langsamen Bruch mit der nationalsozialistischen Ideologie bedeutet, wegzubekommen und findet nur Zerstörung, Tod und Verlust vor. Auch er sucht, nämlich nach seinen Eltern, die entweder tot, vermisst oder abtransportiert worden sind. Auf der Suche nach ihnen trifft er alte Bekannte, darunter seinen ehemaligen Religionslehrer Pohlmann, der still und vom Regime unterdrückt in einer heruntergekommenen Wohnung lebt und Widerstand leistet, in dem er einen jüdischen Flüchtling versteckt.
Auch trifft er auf ehemalige Schulkameraden und man findet zwei Klassen: Die der Verlierer, der Kriegsteilnehmer, die ohne Arme oder Beine bzw. ohne Familien in Deutschland ausharren, ob sie nicht als Kanonenfutter noch an die Front geschickt werden, oder aber die Aufsteiger, die Gewinner in diesem Regime; dazu gehört Alfons, der Gruber selbstlos mit Lebensmitteln und Alkohol versorgt und dafür nichts anderes erwartet, als eine gewisse Aufmerksamkeit. Und doch ist dieser Alfons eine der hässlichsten Figuren; befreundet mit allen, die ihn einen Vorteil verschaffen, darunter Gestapo-Angehörige, Leute von SS und SD, die von Gräueltaten in Polen und Russland berichten, nebenher beim Kaffee und was diese Figur nicht im mindesten berührt, mehr noch stimmt er diesem leid zu indem er sagt: "Das sind doch Untermenschen!"

Die Atmosphäre dieses Buches ist melancholisch-düster; es ist keine offensichtliche Düsternis wie "In westen nichts Neues", wo das ganze noch mit Erklärungen der Kriegsgräuel untermauert wird, aber beim Lesen schleicht sich langsam das Gefühl ein, dass dies nicht positiv enden kann, auch wenn Gruber in Elizabeth eine neue Liebe findet; er heiratet sie, verlebt eine kurze, von Hoffnungen und Träumen getränkte Zeit, die je zerstört wird, als er wieder an die Front muss. Nicht erst da packen ihn die Selbstzweifel, ob sein Handeln richtig ist. Ob er nicht genauso Mörder ist. Und schließlich handelt er...

Dieses Buch ist mit "Im Westen nichts Neues" nur teilweise zu vergleichen. Die Kriegsgräuel werden nur anfangs erläutert bzw. zum Ende und das eigentliche Thema ist die psychische Entwicklung von Gruber, vom befehlstreuen Soldaten zum nachdenklichen, kritischen Menschen. Er findet in Elizabeth eine Liebe, auch wenn diese nur auf Einsamkeit aufbaut, so weiß Remarque, wie er das gemeinsame Verhältnis beschreiben muss. Er entblößt die beiden Figuren nicht, es wirkt auch in keinster Weise kitschig, wenn er sie kuscheln und träumen lässt. Remarque hat hier einen sehr schönen Gegensatz gebaut; auf der einen Seite die unmenschliche Seite des Krieges mit Ruinen, Flüchtlingen usw. und auf der anderen Seite die zarten Bande der Liebe, die Gruber Halt geben.

Es ist schwierig dieses Werk irgendwie einzuordnen, weil ich ein Werk so nicht als "gut" oder "schlecht" bezeichnen kann. Ich würde einmal so sagen, wer sich hier einen groß-aufgemachten Soldaten-Kriegs-Roman erwartet, wird enttäuscht werden. Das Buch ist eher still, zum Großteil, und hat eher seine Stärke in der Analyse von Situationen. Und doch gibt es aktionsgeladene Szenen, wenn Gruber auf der Suche nach seiner Elizabeth durch die noch soeben bombardierte Stadt läuft und sich in einem Bombenkrater verstecken muss, um nicht getroffen zu werden.

Mir hat dieses Remarque-Werk gefallen; es zeigt eine ganz andere Seite von ihm. Auf der einen Seite ist der Anti-Kriegsroman und natürlich sind auch in "Zeit zu leben und Zeit zu sterben" solche Elemente enthalten, aber auf der anderen Seite ist es diese Liebesgeschichte, die einen in Bann hält. Ein sehr schöner Roman, mit vielen Aspekten und auch einer sehr schönen Sprache.

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Tags: anti-kriegsroman, bewertung: 4 von 5 sternen, remarque!, roman, zeitdokument   (5)
 

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18 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

berlin, 1945, kriegsende, tagebuch, frauen

Eine Frau in Berlin

Anonyma
Fester Einband: 291 Seiten
Erschienen bei Eichborn, 01.04.2003
ISBN 9783821847375
Genre: Romane

Rezension:

"Wer erfahren will, wie es wirklich war, wird sich an die Frauen halten müssen. Denn die Männer haben sich in den Ruinen als "das schwächere Geschlecht" gezeigt." mit diesen Satz könnte man die "Geschichte" bzw. eher Dokumentation der anonymen ungefähr 30-jährigen Autorin zusammenfassen. Sie berichtet, sie notiert mit einer kühlen, lakonischen und distanzierten Art von Entbehrungen, von Plünderungen, von Gedanken über die alte Regierung Adolf Hitler, über den Untergang der sonst so gut-funktionierenden Gesellschaft. Sie charakterisiert die Nachkriegsgesellschaft, sie moralisiert nicht, erwartet keine Form von Mitgefühl, ist doch z.B. "Schg." (Schändung) ein normales Alltagsgeschäft. Sie rettet sich durch die russische Besatzung in dem sie sich einen "Wolf sucht, der ihr den Rest Wölfe vom Leib hält" - Bei solchen Sätzen läuft es einem kalt den Rücken runter. Sie emotionalisiert nicht und wirkt damit emotionaler als sonst irgendein Bericht.

"Von jenem Selbstmitleid, an dem die geschlagenen Deutschen litten, fehlt hier jede Spur. Illusionslose Kaltblütigkeit, unbestechliche Reflexion, schonungslose Beobachtung und makabrer Humor zeichnen das Tagebuch aus." kann man auf A&M lesen und dem möchte ich mich anschließen. Vielleicht ist dies kein literarisches Zeugnis, bestehen die Sätze doch teilweise nur aus Satzfragmenten, aus Notizen, kurzen Beobachtungen. Und doch, diese Beobachtungen mögen kurz sein und doch treffen sie ins Schwarze, dass es wehtut: "Eine Frau kommt mit einer Schubkarre, darin liegt wohl eine 60-jährige Frau, tot, die Augen geöffnet, milchig weiß-leuchtend; die Haut hängt in Falten und die Lippen haben einen blauen Schimmer. Es achtet niemand darauf, wie früher die Leute auch nicht auf die Müllabfuhr geachtet haben."

Fazit:

Ein Zeitdokument, zweifellos. Aber ein unvergesslichess Zeitdokument, was einen deutlichen Nachgeschmack hinterlässt: Irgendwo zwischen Fassungslosigkeit und Hochachtung vor dieser Persönlichkeit.

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Tags: autobiografie, bewertung: 5 von 5 sternen, zeitdokument   (3)
 

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1.765 Bibliotheken, 4 Leser, 7 Gruppen, 79 Rezensionen

komödie, klassiker, irrenanstalt, wissenschaft, drama

Die Physiker

Friedrich Dürrenmatt
Flexibler Einband: 96 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 30.09.1998
ISBN 9783257230475
Genre: Klassiker

Rezension:

In Dürrenmatts 1961 erstmals erschienenen und 1962 erstmals uraufgeführten Drama "Die Physiker" wird man mit der Grundfrage, welche Verantwortlichkeit ein Wissenschaftler für seine Entdeckung hat, konfrontiert. Sind Wissenschaftler überhaupt dazu in der Lage die weitere Entwicklung ihres Produktes zu überschauen? Dürfen sie wissenschaftlichen Fortschritt zurückhalten, mit dem Wissen, dass ihre neuste Errungenschaft für Menschen nicht nur Fortschritt, sondern auch Leid hervorbringt? Und inwiefern hat ein Wissenschaftler Verantwortung zu übernehmen für seine Entdeckung?

Und doch lässt sich in dieser Komödie mehr finden; es ist ein stetiges Spiel mit Maskeraden, mit der Verrücktheit der Menschen, mit dem Versteckspiel vor der Realität. Zwei der drei Hauptfiguren, Newton (alias Alec Jasper Kilton), der einmal von sich behauptet auch Einstein zu sein und Einstein (alias Joseph Eisler) behaupten von sich Mitglieder von Geheimorganisationen zu sein, die dem Physiker Johann Wilhelm Möbius, der vorgibt ihm erscheine König Salomo, in die herrschaftliche Irrenanstalt gefolgt sind, um seine physikalischen Entdeckungen für ihre politischen Institutionen ausnutzen zu können. Möbius hingegen versteckt sich vor der Welt, hat er doch bemerkt, welche Form der Macht er entdeckt hat - Nicht nur im Sinne des Fortschrittes, sondern auch für die Entwicklung des menschlichen Lebens. Er vertreibt auch so seine Familie, spielt den Irren und doch weiß man als Leser nie, ob diese nun neu zugeschriebenen Rollen real sind oder ob dies auch wieder eine "Verrücktheit", also eine weitere Erscheinungsform von deren Krankheitsbildern ist.

Die Pointe ist nur die letzte Station für eine Komödie voll von Versteckspielen, Fragen, die das Leben betreffen, Personen, wo man nicht einschätzen kann, ob sie verrückt sind, oder ob das Verrückte nicht sie sind, sondern die Menschen, die sich einer Macht annehmen, die von einer vermeintlichen großen Idee getragen ist. Das Beste an diesem Theaterstück ist nicht nur die sehr angenehme, flüssige Sprache, auch die Aktualität des Dramas (Nicht nur im Bezug auf Kernphysik, sondern auch z.B. das Clonen mit der Frage, welcher Wissenschaftler die Verantwortung für die Folgen dieses "Reproduktionswahnes" übernimmt?) lässt es zu einer angenehmen, nachdenklich-machenden Lektüre werden.

Mein Fazit: Eine kurze, aber nachdrückliche Lektüre in einfacher Sprache aber mit "schweren" moralischen Fragen.

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Tags: bewertung: 5 von 5 sternen, drama, tragikomödie   (3)
 

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56 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 5 Rezensionen

vineta, liebe, ostsee, untergang, historischer roman

Die Glocken von Vineta

Charlotte Lyne
Flexibler Einband: 672 Seiten
Erschienen bei Blanvalet Taschenbuch Verlag, 01.12.2007
ISBN 9783442367160
Genre: Historische Romane

Rezension:

Zu der Buchgestaltung: Ich hatte keinen "großartigen" haptischen Effekt bei den geprägten Lettern. Um ehrlich zu sein, fand ich die Buchgestaltung, vor allem die Schriftart um "Die Glocken von Vineta" etwas... kitschig. Allerdings die Umschlaggestaltung mit der Karte am Rand war dann wieder eher nach meinem Geschmack, vor allem weil es wunderbar zu der doch "geheimnisvollen" Atmosphäre passte, die Vineta bis heute noch hat.

Zu dem Klappentext möchte ich sagen, dass ich ihn für weniger gelungen finde. Er verrät die Hälfte der Geschichte, auch wird eine Charakterentwicklung vorweggenommen, nämlich von der liebevollen zu einer konfliktreichen und spannungsgeladenen Brüder-Beziehung zwischen Bole und Warti.

Kommen wir zur Geschichte und da fehlt mir wenig Negatives für die Gestaltung ein. Der Schreibstil der Autorin ist flüssig, voller kleiner Details. Besonders stark wird der Erzählstil, wenn es darum geht politische Strukturen oder kulturelle Hintergründe in die Geschichte einzubauen. So wird der immer im Hintergrund erwähnte blutige Erbfolgekrieg in Dänemark eingebracht, genauso wie religiöse Spannungen zwischen Wenden und Katholiken, die schließlich den Wendenkreuzzug zur Folge haben und auch die historischen Persönlichkeiten werden eingeführt, wie Waldemar I. (der Große, König von Dänemark, 1157 - 1182) oder aber (Abt) Bernhard von Clairvaux (Kreuzzugsprediger, Mystiker, Abt, 1090 - 1153).
Nicht nur die historischen Persönlichkeiten, sondern auch die fiktiven sind sehr schön beschrieben und in ihren Handlungen fast immer logisch nachvollziehbar. Allerdings werden manchmal Wendungen vollzogen, die mir als Leser nicht ganz klar waren, wohin sie führen sollen. Z.B. diese, fast erzwungen, wirkende Liebesgeschichte zwischen Natalia und Anton. Mir war ab und an nicht ganz klar, warum im 12.Jahrhundert, egal wie modern die Denkweise für die damalige Zeit war, eine Frau ihr warmes Haus, mit einem guten Ehemann, guter Versorgung et cetera aufgeben sollte für einen... der nichts im Leben hat, außer sein späteres Christentum und sein Wissen über Deiche.
Vielleicht ist das der Unterschied zwischen der Liebe aus Dankbarkeit (zu Warti) und der Liebe aus Leidenschaft (zu Anton)? Nur eine Interpretationsidee von mir.
Mein Lieblingscharakter, auch wenn das wahrscheinlich kaum zu glauben ist, ist Thore Einarm, der immer wieder Latein-Zitate wiedergebende Däne. Ich weiß nicht warum, aber in ihm finden wir auch ein bisschen Humor, der die Handlung gut würzt.

Der Schreibstil gefällt mir ausnahmslos gut, die Vergleiche und Beschreibungen von Vineta oder Nowograd sind wirklich schön gestaltet. Der Spannungsbogen war immer da; teilweise flaute er immer wieder ab, aber man hatte immer wieder den Satz von Wanda im Hinterkopf: "Das Meer werde sich auftun und Vineta verschlingen.", der eine immer wiederkehrende Spannung mitbrachte.

Vineta, und ob die Daten historisch korrekt verwertet sind, möchte ich, auch als angehende Geschichtslehrerin nicht beurteilen. Es obliegt mir nicht die Recherche der Autorin anzuzweifeln, da extra auch im Nachwort erwähnt wird, dass dies nur ein Szenario ist, wie es hätte sein können.

Wie dem auch sei. Ein schöne, entspannende Lektüre mit etwas viel Romantik für meinen Geschmack, aber dafür entschädigt der Schreibstil allemal. Mir hat es sehr gut gefallen.

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Tags: bewertung: 3 von 5 sternen, historischer roman   (2)
 

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bewertung: 4 von 5 sternen, parabel

Und plötzlich stumm

Kenzaburô Ôe
Flexibler Einband: 31 Seiten
Erschienen bei Aufbau-Verlag
ISBN 9783351023256
Genre: Romane

Rezension:

In dieser gerade einmal 31-Seiten lange Erzählung schildert der Autor die kurze Begegnung zweier Kulturen - Der dörflichen Gemeinschaft japanischer Bauern und die der amerikanischen Besatzungstruppen, repräsentiert durch fünf GIs und deren japanischen Dolmetscher, die auf der Durchreise zu sein scheinen und in diesem Dorf eine Rest einlegen wollen. Man nimmt von Anfang an eine Spannung zwischen diesen Gruppen wahr, ist es doch den Bauern nicht gestattet, wie sonst in ihrer Kultur üblich, mit den Soldaten zu speisen oder aber mit ihnen zu sprechen. Und so werden sie eher misstrauisch beäugt; später löst sich diese Stimmung. Die Soldaten sind ganz angetan von "einem Mädchen im Kimono und sie machen sich Notizen und fotografieren sie" und die Kinder ihrerseits erfreuen sich an den von den Soldaten verschenktem "eingewickelten Zuckerzeugs".

Erst ein, eigentlich lächerlicher Vorfall bricht die bisher eher friedliche Stimmung; die Schuhe des Dolmetschers scheinen verschwunden, auch bei einer Hausdurchsuchung im gesamten Dorf werden sie nicht gefunden; die Situation eskaliert und in einem Streit mit dem Gemeindevorsteher gibt der Dolmetscher den Befehl zu schießen. Der Gemeindevorsteher (Keiner der Personen hat einen Namen.) bricht tot zusammen und wird von seiner Frau und deren gemeinsamen Sohn, "der darauf stumm wurde", betrauert.

In der Nacht rächen sich die Dorfbewohner auf ihre Weise; der Sohn wird zum Mitwisser eines Mordes und verliert so seine Unschuld und sein Vertrauen in eine ländlich-schöne japanische Welt. Er wurde "plötzlich stumm" - mit soviel Grausamkeit und Traurigkeit konfrontiert verweigert er sich der kindlichen Naivität, verweigert er sich einer Gefühlsregung beim Mord an dem Dolmetscher und geht am nächsten Morgen wieder normal wie die anderen Dorfbewohner auch ihren Beschäftigungen nach; sie ignorieren die Fremden, gehen weder auf ihre Gesten noch auf ihr Sprechen ein. Diese müssen sich dann zurückziehen.

Diese knappe-lakonische Geschichte, die eine Parabel darstellt, wirft die Grundsatzfrage auf, wie schnell und aus welchen banalen Gründen heraus Gewalt entsteht. Auch dokumentiert sie die Formen der Gewalt, droht doch der Dolmetscher beim Nichtwiderfinden der Schuhe mit Repressalien gegen die Frauen des Dorfes oder aber damit, dieses Dorf der Hehlerei mit Militärwaffen zu bezichtigen. Alle Macht hat dieser Dolmetscher inne; die Soldaten verstehen die Dorfleute und deren Sprache nicht, handeln nur auf seinen Befehl. Und so missbraucht er diese Gewalt zur Erpressung. Man könnte jetzt einigermaßen grob interpretieren: Die Macht, repräsentiert durch den japanischen Dolmetscher z.B. für das kaiserlich-traditionelle Japan, wird von der unschuldigen Landbevölkerung gestürzt, während die amerikanischen Besatzungssoldaten nur als Befehlsentgegennehmer verstanden werden. Etwas weit hergeholte Interpretation, aber eine mögliche.

Ich kann nur sagen, diese Erzählung hat mich nicht losgelassen; ich habe sehr lange darüber nachgedacht, was die Parabel / das Gleichnis hier kritisiert und kam auf mehrere Möglichkeiten. Ein Buch, was man nicht so schnell aus der Hand legen kann, auch wenn die Erzählung an sich wenig aus liebevoll-gestalteten Charakteren besteht, weil durch deren Anonymität (fehlende Namen) und fehlende Beschreibung ihres äußeren Erscheinungsbildes, man keinen Bezug zunächst zu ihnen aufbauen kann. Und dennoch fühlt man mit, denkt man mit, weil die Geschichte an sich nur von einer eher stark angespannten Atmosphäre begleitet wird.

Mein persönliches Fazit: Zwar eine kurze, aber doch eine sehr intensive und nachdenklich-machende Erzählung.

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Tags: bewertung: 4 von 5 sternen, parabel   (2)
 

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180 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 18 Rezensionen

freundschaft, nationalsozialismus, briefe, briefroman, juden

Adressat unbekannt

Kressmann Taylor , Dorothee Böhm
Flexibler Einband: 61 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Taschenbuch, 22.06.2011
ISBN 9783499230936
Genre: Klassiker

Rezension:

(Katherine) Kressmann Taylor hat "Adress unknown" 1938 erstmals als Fortsetzungsgeschichte im Magazin "Story" veröffentlicht, deren Auflage innerhalb von zehn Tagen ausverkauft war. 1939 veröffentlichte der Verlag Simon and Schuster das "Büchlein" (Ingrid Müller-Münch in der Frankfurter Rundschau, 2001) als vollständige Ausgabe. Und doch dürfte jedem auffallen, auch nachdem das Buch erst 1992 wieder entdeckt und gedruckt wurde, dass der Name Kressmann Taylor nicht Programm ist in der amerikanischen Literaturgeschichte; sie wird in keinem der Fachbücher zur amerikanischen Literaturgeschichte jemals erwähnt und so bleibt die Autorin selbst, über die nicht mehr bekannt ist als dass sie verheiratet (war/ist) und drei Kinder hat(te) sowie in den USA lebt(e) und als Werbetexterin gearbeitet hat, auch im Dunkeln.

Die Geschichte des Briefromans lässt sich kurz zusammenfassen: Max Eisenstein und Martin Schulse sind Geschäftspartner und Freunde. In San Francisco haben sie eine gemeinsame Kunstgalerie aufgebaut; jedoch zieht Martin mit seiner Frau Elsa und den Kindern zurück nach Deutschland Anfangs schreiben sie sich noch sehr intime, zart-verbundene Zeilen wie "Wir werden auf dich, den lieben Onkel Max trinken und an dich denken!" bis Max, ein Jude, eine deutliche antisemitische Stimmung in Deutschland mitbekommt - Nicht durch Berichte von Freunden sondern auch in den Briefen von Martin. Zuerst zweifelt Martin selbst noch an dieser Regierung, bezeichnet Hitler dennoch als "guten Schock für Deutschland", den es nötig hat um "zu erwachen". Er konstatiert: "Dem Himmel sei dank, dass er [Hitler] ein wahrer Führer ist und nicht ein Engel des Todes."
Martin scheint eingenommen von dem neuen System, dass einer Familie, vor allem seinen Söhnen, einen Aufstieg beschert; sie werden regelmäßig von einem Baron besucht, sein Sohn ist einer der "Besten" im Jungvolk und selbst seine Frau Elsa, wieder einmal mit einem Kind schwanger, schwärmt "von dem neuen Führer, den sie so verehrt".
Er äußert seine Überzeugung gegenüber Max, der ihn "so oder so nicht verstehe, weil er nur an die Ungerechtigkeit gegenüber seines Volkes denkt"; kurzum: Er bittet ihn ihn nicht mehr zu schreiben und verweigert sogar die Hilfe der Schwester von Max' als sie von SA-Schergen verfolgt um hilfesuchend vor seiner Tür steht.
Von da an beginnt die Pointe, beginnt die Rache des "Juden Max" an seinem ehemaligen Freund...

Dieses Buch ist nur 64 Seiten lang und besteht aus 19 Briefen und einem Telegramm; die Länge ist nicht wichtig, der Inhalt ist es und der hat es in sich. Kressmann Taylor weiß, wie sie die Sprache einsetzen muss, damit man zwar erst langsam, aber dann in all seiner Heftigkeit die Umkehrung von Martin bemerkt. Werden anfangs noch die Briefe mit "Mein lieber Freund Max" begonnen, so starten sie schluss endlich mit "Heil Hitler!". Kein Wort ist zuviel, kein Wort zu wenig. Der Leser wird mit der Pointe fast erschlagen; mir blieb der Mund offen stehen, ich hatte glänzende Augen. Warum? Weil ich mir folgendes dachte: Endlich! Endlich gibt es einen Menschen, einen Protagonisten, der nicht sein Haupt senkt und von einer Freundschaft Abschied nimmt. Er nimmt keine Freundschaftskündigung hin, er reißt seinen ehemaligen Freund ins Verderben. Und ich muss sagen: Endlich ein Stück ausgleichende Gerechtigkeit.

Fazit: Ein sehr bedrückendes, nachdenklich machendes Stück Literatur und Zeitdokument; auch, wenn es nur 64 Seiten hat - Sie werden einen erschlagen und aufrütteln.

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Tags: bewertung: 5 von 5 sternen, brief-roman, zeitdokument   (3)
 

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roma, tschechoslowakei, frauenschicksal, (verkauft), kommunismus

Zoli

Colum McCann
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Rowohlt, 18.01.2007
ISBN 9783498044893
Genre: Romane

Rezension:

„Zoli“ erzählt eine Lebensgeschichte. Nicht nur die der weiblichen Figur Zoli (Marienka) Novotna, eine Roma-Frau, sondern auch die Geschichte ihres Volkes, ihrer Verfolgung während des 2.Weltkrieges und Holocausts, ihre Instrumentalisierung für die slowakischen Kommunisten und schluss endlich ihre erzwungenen Assimilation. Von der Politik der Faschisten als „Untermenschen“ betrachtet und verfolgt, später glorifiziert als die natürlichste aller Lebensformen durch die Kommunisten, um ihnen dennoch später das Recht auf ihre eigene rumfahrende Kultur zu nehmen. Viele politische Ansätze sind in diesem Buch, viel allgemeine Kritik daran Menschen ihr Recht auf eigene Kultur und Bräuche zu nehmen. Sie vom fahrenden Volk aus Gutmütigkeit und Erlaubniswille der Oberen zu sesshaften Menschen zu machen.

Und doch ist dies nicht der einzige Aspekt dieses Romans, der zu gefallen weiß. Es ist vor allem die Viel-Perspektivigkeit, die der irische Autor Column McCann einsetzt, um ein breit gefächertes Bild einer Roma-Lebensweise zu erhalten. Er lässt Zoli selbst sprechen, zuerst „glühendes“ und später ausgestoßenes Mitglied der Roma; ihren Geliebten Stephen Swann, der sie verrät, der Slowake sein möchte und doch niemals über sein irisch-gefärbtes Slowakisch hinauskommt. Und er lässt Zolis Lieder sprechen, voll von Metaphoriken aus der Natur, von Tieren und Pflanzen und vor allem von den Wünschen eines jungen Menschen ihrem Platz in der Familie zu finden, den sie sehr rasch wieder verliert. Es ist auch die Geschichte einer Flucht, über die Slowakei, nach Ungarn, weiter nach Österreich – Von der Familie verlassen, vom Geliebten verraten, vom Glauben an den Sozialismus enttäuscht. Präsentiert wird eine starke Heldin, eine Heldin vor allem, die sich trotz der „westlichen“ Übermacht niemals unterkriegen lässt und trotz ihrer eigenen Isolation eine starke Persönlichkeit bleibt. Eine Kämpferin.

Der ORF hat in einer Kritik dem Autor zu viele Klischees vorgeworfen: Er würde damit spielen sich an dem Wort „Zigeuner“ aufzuhängen, außerdem stelle er dar, sie wären fasziniert von allem, würden stehlen etc.pp. Ich möchte folgendes sagen: Natürlich verwendet er Klischees, aber nicht ohne den Hintergrund zu erläutern. Wie vielleicht dem geneigten Rezensenten vom ORF bekannt ist, wenn er es gelesen hat, erklärt Zoli, dass Zigeuner so etwas wie Besitz nicht kennen. Sie unterscheiden nicht zwischen einem Bauern und dem ihrigen Besitz, ganz getreu dem Motto: „Allen gehört die Welt.“

Die Sprache McCanns ist zauberhaft, wirklich zauberhaft.
Man fiebert mit, mit der anfangs jungen, am Ende alten Heldin. Man fiebert mit bei ihren Gedichten, bei ihrer Ausstoßung, bei ihrer Flucht nach Österreich…

Zolis Geschichte wirkt wie ein riesiges Gemälde, ein Porträt einer Kultur, die fast schon vergangen scheint und doch an hochaktuellen Themen messbar ist. Ich habe die Lektüre wirklich genossen und muss dem SPIEGEL wirklich recht geben: „Die Weltliteratur hat eine neue Heldin!“

Fazit:

Ein Gemälde über die Kultur der Roma, ein Stück Geschichte, ein Stück Liebe zur Sprache – Einfach schön zu lesen!

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Tags: bewertung: 5 von 5 sternen, biografie   (2)
 

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krebs, mutter, tochter, kühlschrank, tod

Sehen wir uns morgen?

Alice Kuipers , Anna Strüh , Christine Strüh
Fester Einband: 441 Seiten
Erschienen bei Krüger, Frankfurt
ISBN 9783810510631
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Es ist eine Mogelpackung. Buchseiten sind nur zu einem 1/3 genutzt, das Papier ist dicker, um auch den Farbdruck wirken zu lassen, den ich persönlich sehr unnötig finde. Anfangs war ich sehr skeptisch - Diese Idee mit Post-Its eine Geschichte zu gestalten ist innovativ, ohne Zweifel, und fordert den Leser sich die Beschreibungen des Alltagslebens, die Figuren selbst und auch die räumlichen Verhältnisse vorzustellen, aber im Grunde genommen ist das eine "Chatgeschichte". Mutter schreibt etwas, Tochter antwortet. "Ist das wirklich kreativ?", habe ich mich beim Durchblättern gefragt.

Es geht zunächst um alltägliche Dinge wie Taschengeld, Pünktlichkeit, auch um den ersten Freund, Einkaufslisten etc.pp. Claires Mutter ist Ärztin in einer Geburtsklinik und selten bis nie zu Hause; Claire selbst ist 15, hat gerade ihren ersten Freund Michael und übernachtet des Nachts bei ihrem Vater oder ihrer Freundin Emma. Anfangs beschweren sie sich sich nicht zu sehen, die Tochter Claire mehr als die Mutter. Alles scheint normal... bis die Diagnose Brustkrebs die Mutter erreicht. Fortan geht um mehr auf diesen Zetteln: Um Einkäufe, die die gesunde Ernährung der krbeskranken Muttr unterstützen sollen, um Claires Gefühlsleben, also ihre gesamte Hilflosigkeit und ihre beinahe andauernde Aufdringlichkeit ihrer Mutter zu helfen. Die Mutter fängt an zu kämpfen, besucht Selbsthilfegruppen und akzeptiert schluss endlich, dass es für sie entweder keine Rettung mehr gibt oder sie eben überlebt.

Ich gestehe, ich hatte vor allem im vierten Teil (P.S. Ich habe dich lieb) einmal eine Träne in den Augen. Die gesamte Geschichte wird sehr berührend erzählt, man fiebert und hofft mit. Auch, wenn das Lesevergnügen nur ein kurzes ist, man erhofft sich immer eine Rettung für die Mutter (Das Buch hat 448 Seiten, wo allerdings nur jede zweite Seite bedruckt ist und auch nur zu jeweils vielleicht 1/3 bedruckt, dementsprechend habe ich nur zwei Stunden, ungefähr, gebraucht) und muss doch dann einsehen, dass das Leben selbst entscheidet, wie es kommt und geht.

Fazit: Eine sehr traurige, dennoch lebensbejahende Erzählung aus Post It's bestehend; dennoch, die Mogelpackung finde ich nicht passend - Warum nicht drei Post It's auf einer Seite? Ach ja, das würde Platz sparen...

Ansonsten eine sehr traurig-schöne Geschichte mal mit einer neuen Herangehensweise.

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Tags: belletristik, bewertung: 4 von 5 sternen, post-it's-geschichte   (3)
 

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krimi, münchen, mord, bayern, serienmörder

Kalteis

Andrea Maria Schenkel
Flexibler Einband: 154 Seiten
Erschienen bei Edition Nautilus, 01.08.2007
ISBN 9783894015497
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Andrea Maria Schenkels Tatsachenroman "Kalteis" ist der Nachfolger zu "Tannöd", wieder einmal aufgebaut auf einer realen Geschichte, aber mit einer fiktionalen Aufbereitung. Die Geschichte selbst wird nur über Zeugenaussagen, Vermisstenanzeigen und die "Verfolgung" einer der späteren Opfer - Kathie - erzählt. Damit kommen wir zum ersten Kritikpunkt: Die Idee, die nicht zuletzt durch Truman Capote begründet wurde, einen "Krimi" auf realen Hintergründen aufzubauen, sie so auch wertungsfrei und in allen ihren Facetten zu gestalten, ist ja innovativ, aber als Krimi würde ich das nie und nimmer bezeichnen, dafür kommt zu wenig Spannung auf. Es würde vor allem bedeuten, dass die Beweiskette, wie man zum Täter kam lückenlos ist bzw. zumindest logisch ist: "Okay, dadurch haben sie ihn bekommen", vor allem in Zeiten ohne DNA-Analyse.

Positiv ist mir allerdings aufgefallen, dass sich die Autorin um Unschaulichkeit bemüht, das München der 30er Jahre darzustellen; sie übernimmt den bayrischen Dialekt, lässt Beschreibungen einer dörflichen Szenerie einfließen und nicht zuletzt ist die Hauptfigur auch ein Klischee dieser Zeit: Eine junge Frau will in die große Stadt um arbeiten zu können, weg von ihrem kleinbürgerlichen Elternhaus; sie findet sich in einer Gasthausrunde immer wieder mit den gleichen Damen zusammen, die sich von Männern aushalten lassen und sich dementsprechend prostituieren. Voll von Wünschen und Hoffnungen eine gute Anstellung zu finden, Freiheit zu haben und vor allem mit Männern verkehren... Dieser Aspekt macht diesen "Tatsachenroman" spannend.

Aber der Rest... die Handlunbg reiht sich aneinander, man wird von Klischee zu Klischee getrieben, von Mord zu Mord, ohne das wirklich klar wird, wie der Täter überführt wird etc. Zumal das Büchlein mit 152 Seiten irgendwie sehr kurz gehalten wird.

Fazit: Was Nettes für zwischendurch, für mich allerdings weder ein Krimi noch ein Thriller. Es fehlte an Spannung.

Fazit: Unterhaltend war es, aber irgendwie kam nie das "Aha"-Gefühl.

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Tags: bewertung: 2 von 5 sternen, krimi   (2)
 
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