Nikolaus_Klammer

Nikolaus_Klammers Bibliothek

35 Bücher, 10 Rezensionen

Zu Nikolaus_Klammers Profil Zur Autorenseite
Filtern nach
35 Ergebnisse
Wähle einen Buchstaben, um nur die Titel anzuzeigen, die mit diesem beginnen.



LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

5 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

tratsch, langeweile, klatsch, meer, verrat

Blick auf den Hafen

Elizabeth Taylor , Bettina Abarbanell
Fester Einband: 380 Seiten
Erschienen bei Dörlemann, 17.08.2011
ISBN 9783908777663
Genre: Romane

Rezension:  
Tags: 40er, blicke, england, gesellschaft, großbritannien, hafen, kleinstad, meer, nachkriegsliteratur, untreue   (10)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

geschichte, berlin, belletristik, verschwörung, krimi

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren / Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren - Teil 2

Nikolaus Klammer
Flexibler Einband: 228 Seiten
Erschienen bei epubli, 11.09.2017
ISBN 9783745019186
Genre: Romane

Rezension:  
Tags: belletristik, berlin, die 1920er jahre, geschichte, krimi, phantastik, roman, teil 2, trilogie, verschwörung   (10)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

russen, belletristik, 20er jahre, paris, mord

Die Rückkehr des Buddha: Roman

Gaito Gasdanow
E-Buch Text: 224 Seiten
Erschienen bei Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 01.02.2016
ISBN 9783446251878
Genre: Sonstiges

Rezension:  
Tags: 20er jahre, belletristik, dystopie, exil, literatur des 20. jahrhunderts, mord, paris, roman, russen   (9)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

7 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

belletristik, 20er jahre, 20. jahrhundert, literatur, beziehung

Faber oder Die verlorenen Jahre

Jakob Wassermann , Insa Wilke
Fester Einband: 450 Seiten
Erschienen bei Manesse, 26.09.2016
ISBN 9783717524168
Genre: Romane

Rezension:  
Tags: 20er jahre, 20. jahrhundert, belletristik, deutsche literatu, roman, verlorene generation, weimar   (7)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(8)

23 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

musik, kurzgeschichten, beziehung, erzählunge, venedig

Bei Anbruch der Nacht

Kazuo Ishiguro , Barbara Schaden
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Blessing, Karl, 24.08.2009
ISBN 9783896674098
Genre: Romane

Rezension:  
Tags: beziehung, eh, englische literatur, erzählunge, humor, jaz, kurzgeschichten, lieb, musik, musiker, nacht, zeitgenössisch   (12)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

1. weltkrie, ungarn, geschichte, historischer roma, zyklus

In Stücke gerissen

Miklós Bánffy , Andreas Oplatka
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 09.12.2016
ISBN 9783423145411
Genre: Klassiker

Rezension:  
Tags: 1. weltkrie, 20. jahrunder, familendram, geschichte, historischer roma, roma, ungarn, zyklus   (8)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

feuer, hardboiled, detektiv, brand, lew archer

Der Untergrundmann

Ross Macdonald
E-Buch Text: 358 Seiten
Erschienen bei Diogenes Verlag AG, 01.12.2016
ISBN 9783257607574
Genre: Sonstiges

Rezension:  
Tags: amerika, brand, detektiv, feuer, generationenkonflikt, hardboiled, kalifornien, krimi, lew archer, mord   (10)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

ungarn, geschichte, belletristik, 20. jahrhundert, klassiker

Verschwundene Schätze

Miklós Bánffy , Andreas Oplatka
Flexibler Einband: 576 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 01.01.2015
ISBN 9783423143752
Genre: Historische Romane

Rezension:  
Tags: 20. jahrhundert, adel, belletristik, klassiker, politik, siebenbürgen, ungarn   (7)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

japan, rätsel, krimi, mord

Ich habe ihn getötet

Keigo Higashino , Ursula Gräfe
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Piper, 02.11.2017
ISBN 9783492310574
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:  
Tags: japan, krimi, mord, rätsel   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(6)

7 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

fantasy, london, krimi, mystery

Der Galgen von Tyburn: Roman (Die Flüsse-von-London-Reihe (Peter Grant))

Ben Aaronovitch
E-Buch Text: 416 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 05.05.2017
ISBN 9783423429849
Genre: Sonstiges

Rezension:  
Tags: fantasy, london, mystery   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

ungarn, 20. jahrhundert, klassiker, gesellschaft, adel

Die Schrift in Flammen

Miklós Bánffy , Andreas Oplatka
Flexibler Einband: 800 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 01.06.2014
ISBN 9783423143202
Genre: Klassiker

Rezension:  
Tags: 20. jahrhundert, adel, gesellschaft, klassiker, politik, schmöker, siebenbürgen, ungarn   (8)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(29)

92 Bibliotheken, 7 Leser, 6 Gruppen, 5 Rezensionen

usa, roman, weltausstellung, chicago, kapitalismus

Gegen den Tag

Thomas Pynchon , Nikolaus Stingl , Dirk van Gunsteren
Fester Einband: 1.600 Seiten
Erschienen bei Rowohlt, 02.05.2008
ISBN 9783498053062
Genre: Fantasy

Rezension:

Ich schreibe nicht nur gerne selbst dicke Romane, ich schätze es auch, sie zu lesen. Und in meinem Urlaub nehme ich mir immer ein besonders dickes vor. Jedes Jahr aufs Neue bilde ich mir ein, die freien Tage seien endlos, die Abende warm und die Nächte hell und kurz. Ich hätte alle Zeit der Welt. Freilich ist es nicht so, es ist aber ein Traum, den ein Blick auf den Kalender zerstört: Die Tage reihen sich wie Dominosteine aneinander, einmal angestoßen, fallen sie um so schneller. Und plötzlich liegt der letzte vor mir auf dem Tisch, unbegreiflich im Nachhinein, wie eilig die Zeit verging. Es ist Herbst, kühle, feuchte Tage künden ihn, Winde jagen tiefhängende, graue Wolken über abgeerntete Felder. In den Läden kann man wieder Federweißen und bald auch Nikoläuse erwerben, im Radio singen Green Day: „Wake me when september ends“. Der Alltag beginnt von Neuem und ein fettes, halb gelesenes Buch thront lastend auf dem Nachttisch wie eine Mahnung. Aber wenn ich es aufschlage, duftet es noch nach Hitze und Sommerflieder, riecht nach einem verloren Paradies.

Gibt es Schöneres als ein Buch, dessen Autor mich an der Hand nimmt und mir eine bisher ungekannte Welt zeigt, sie mir wortreich und spannend beschreibt, bis ich mich in ihr heimisch fühle, mich in ihr verliere und ich den Moment fürchte, an dem ich sie vielleicht für immer verlassen muss? Noch nach Jahren denke ich liebevoll an diese Werke und tauche sehnsuchtsvoll in Erinnerungen ein, die sich anfühlen, als hätte ich die Orte der Romane besucht, mit ihren Figuren gelebt und gelitten und ihre Abenteuer und Leben geteilt.

„Zwischen den Palästen“ von Nagib Machfus ist solch ein Roman, Mervyn Peakes „Gormenghast“ oder „Kristin Lavranstochter“ von Sigrid Undset, um nur drei zu nennen; alle sind Werke mit tausend, zweitausend Seiten oder mehr. Das Eintauchen in diese so unterschiedlichen Welten, in die in staubiger Hitze erstarrten Gassen und Hinterhöfe Kairos, das labyrintische, bedrohliche Schloss der in leere Riten erstarrten Fürsten von Groan oder das entbehrungsreiche, karge Leben im frühmittelalterlich eisigen Norwegen ist so vollkommen, dass man den heimlich getrunkenen Alkohol aus dem Mund von Abd al-Gawwad riecht, sich vor der Berührung des fetten Kochs Swelter ekelt oder mit Kristin um ihre Kinder weint. All diese Bücher fordern dem Leser zu Anfang reichlich Geduld ab, aber wenn man die ersten 100 Seiten gelesen hat, ist man für den Rest seines Lebens gefangen und sie lassen einen nie mehr los.

Manche dieser endlosen Bücher sperren sich jedoch auch nach vierhundert Seiten noch und machen das Lesen zum Kampf. Als Beispiele seien hier die „100 Jahre“ von Oppermann, Marcel Proust oder meine diesjährige Ferienlektüre genannt. In diesem Sommer machte ich mich an den Roman „Gegen den Tag“ des geheimnisumwitterten Autors Thomas Pynchon, der nicht nur aufgrund seiner 1600 Seiten eine schwergewichtige Lektüre ist, die das Lesen im Bett zu einer lebensbedrohlichen Angelegenheit macht. Es ist ein Buch, das geradezu danach schreit, als E-Book veröffentlicht zu werden, um dem Leser einiges an Last abzunehmen; Rowohlt sieht das jedoch anders. Man müsste den Verlag wegen der zu erwartenden Sehnenscheidenentzündungen beim krampfhaften Halten des Buches verklagen.

Ohne mich mit dem Autor vergleichen zu wollen oder zu können, ist seine Auffassung von Literatur der meinen wahrscheinlich sehr ähnlich. Obwohl „Gegen den Tag“ zusammen mit dem erheblich kürzeren „Natürliche Mängel“ zu den leichter konsumierbaren Büchern des Amerikaners zählt, macht Pynchon, ein Phantom, von dem es keine Fotos und keine Biografie gibt, es dem Leser mal wieder nicht einfach: Das Buch hat eine durchgehende Handlung, keine Hauptfigur und es ist nicht spannend. Dabei springt so munter zwischen den trivialeren Literaturgenres hin und her, dass es beim Lesen schwindeln macht.

Da niemand einen Autoren besser loben kann als er selbst, sei Pynchon nun das Wort überlassen:

„Gegen den Tag umspannt den Zeitraum zwischen der Weltausstellung in Chicago 1893 und den Jahren kurz nach dem Ersten Weltkrieg und führt von den Arbeiterunruhen in Colorado über das New York der Jahrhundertwende, London und Göttingen, Venedig und Wien, den Balkan, Zentralasien, Sibirien zur Zeit des Tunguska-Ereignisses und Mexiko während der Revolution ins Paris der Nachkriegszeit, Hollywood während der Stummfilmära und an ein, zwei Orte, die auf keiner Landkarte zu finden sind. Während sich die weltweite Katastrophe schon am Horizont abzeichnet, beherrschen hemmungslose kapitalistische Gier, falsche Religiosität, tiefe Geistlosigkeit und böse Absichten an hohen Stellen das Bild. Derweil treibt Thomas Pynchon sein Spiel. Figuren unterbrechen ihr Tun, um größtenteils alberne Liedchen zu singen. Seltsame und abseitige Sexualpraktiken werden ausgeübt, obskure Sprachen gesprochen, und das nicht immer idiomatisch richtig. Kontrafaktische Ereignisse finden statt. Vielleicht ist dies nicht die Welt, aber mit ein, zwei kleinen Änderungen könnte sie es sein.“

Wer sich auf den Kampf mit dem endlosen Buch einlässt, wird ihn – falls er ihn gewinnt – bestimmt nicht bedauern. Für alle anderen ist „Gegen den Tag“ ein Ärgernis.

Und im nächsten Sommer, der wieder endlos und ewig sein wird, lese ich endlich „Krieg und Frieden".

  (1)
Tags: abenteuer, belletristik, us, zeitgenössisc   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(47)

119 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 32 Rezensionen

bücher, bibliothek, drachen, fantasy, elfen

Die flammende Welt

Genevieve Cogman , André Taggeselle
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 16.03.2017
ISBN 9783404208449
Genre: Fantasy

Rezension:  
Tags: buch, fantasy, parallelwelt   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(0)

3 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

der preis der leidenschaft, barbara beuys

Der Preis der Leidenschaft

Barbara Beuys
Flexibler Einband: 561 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 23.02.2009
ISBN 9783458351184
Genre: Biografien

Rezension:  
Tags: biografie, china, dichtung, sachbuch geschichte   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Die Nacht von San Rocco

Cesare Pavese , Charlotte Birnbaum
Fester Einband: 281 Seiten
Erschienen bei Claassen, 01.07.1992
ISBN 9783546000093
Genre: Romane

Rezension:

Es wird andere Tage geben,
andere Stimmen werden sein.
Ganz alleine wirst du lächeln.
Cesare Pavese, The cats will know

Manchmal brauche ich eben ein wenig Halt in diesem leeren Kosmos, dieser gleichgültigen, im wörtlichen Sinn Gott-losen Welt, in der mich die Dinge nicht beobachten, mich nicht beachten, ja, nicht einmal ignorieren. Gut und Böse, Trauer, Freude, Liebe, Wut, gar eine Moral: Sie werde ich unter ihnen vergeblich suchen. Wenn ich einmal ermüdet sterbe, werde ich mich wandeln; endlich ebenfalls in ein leeres, gleichgültiges Ding.

Wenn mich die nüchterne Interesselosigkeit der Welt niederdrückt und die abweisende Kälte der am Nachthimmel funkelnden Sterne deprimiert, wird mir mal wieder deutlich, wie einsam ich in diesem Universum bin. Dann erwachen Selbstmitleid und der Künstler in mir, denn andere Konsequenzen erschrecken mich. Ich beginne ungeschickt wie ein Mensch der Steinzeit, meine Fingerabrücke auf den Oberflächen der Dinge zu hinterlassen, sie zu prägen. Auch wenn sie nur ein schnell vergehender Fettglanz sind, ich habe sie doch berührt. Ich schaffe mir Totems und Idole, personifiziere Gegenstände und Ideen, eine Religion: Ein Nagel ist ein Nagel, aber vier Nägel ergeben bereits ein Kreuz.

Wenn ich die Jahreszeiten personifiziere, um sie persönlich ansprechen oder beschimpfen zu können, denke ich mir den Sommer immer als eine ältere Frau, die dem Glanz und der Schönheit ihrer Jugend hinterher weint. Die Sommerfrau dieses Jahres ist bisher eine strenge, alles unter ihrer Wucht erdrückende Herrscherin, zumindest hier unten im seenreichen südlichen Deutschland zwischen der hier noch jungen und rassigen Frau Donau und den stolzen, arroganten Alpengipfeln, nahe jener pfahlbürgerlichen Renaissancestadt, deren Bewohner von ihr behaupten, sie wäre die nördlichste Italiens - als wäre damit irgendetwas bewiesen. Frau Sommer ist in diesem Jahr eine Domina, die ein SM-Spielchen mit Zuckerbrot und Peitsche aufführt, wobei sie lieber die Peitsche schwingt und - um es mit einer der drolligen Formulierungen des Wetterberichts auszudrücken - "markantes" Wetter mit sich bringt. Endlose, hitzige Sonnentage, dazwischen heftige Gewitter. Sie fallen kaum ins Gewicht, die aber nicht für Abkühlung sorgen, sondern die Luft weiter mit klebriger Schwüle schwängern. Dann drückt wieder die Last des Thermometers auf uns.

Habe ich dich nun in die richtige Stimmung gebracht, lieber von mir imaginierter Leser, der für mich nur als seltener Pixelstrich auf dem glatten, spiegelnden Bildschirm meines Netbooks erscheint, während ich im Schatten meines Kirschbaums schreibe? Dann folgt jetzt eine

Sommerlektüre-Empfehlung

Habe ich eigentlich schon einmal Cesare Pavese (1908 - 1950) gelobt, aus dessen letzten Gedicht vor seiner Selbsttötung an einem weiteren schwülen Sommertag die oben zitierten, mich immer wieder aufs Neue erschütternden Zeilen stammen?

Seltsam, obwohl der große italienische Dichter einer der prägenden Autoren für mich ist, habe ich ihn bislang wirklich in meinem Blog vernachlässigt. Das ist eine geradezu sträfliche Unterlassung. Ich kenne eigentlich keinen weiteren Schriftsteller, der seine Prosa und seine Gedichte so konsequent und konzentriert geschrieben hat und dem es so eindringlich gelingt, komplette Geschichten mit ein paar lakonischen Worten und alleine zwischen den Zeilen zu erzählen.

Das wird vor allem bei seinen Kurzgeschichten deutlich, die als zweibändige Taschenbuchausgabe bei Claasen und in drei Bänden antiquarisch z. B. von Fischer erhältlich sind. Meist spielen sie in endlosen, bewegungslosen Sommertagen in den Hügeln des Monferrato, einem bäuerlichen, patriarchalischen Regeln unterworfenen Land, das sich sanft hinter der zu Paveses Lebzeiten noch grauen Arbeiterstadt Turin über der Po-Ebene erhebt, wo "bitterer Reis" und Mückenschwärme gezüchtet werden, die wie schwelende Gewitterwolken über die Dörfer herfallen. Hier oben ist die Welt noch eine archaische. Sie ist voll von Geiseln, Idolen und Totems, überall sind Tabus und halbvergessene Mythen zu finden. Es ist eine Welt, in der Individuen gebrochen werden wie das vertrocknende Getreide auf den von einer unbarmherzigen Sonne beschienenen Feldern; auf der das Blut so dunkel und schwer fließt wie der Wein, der hier gekeltert wird.

Davon zu erzählen, gelingt Pavese in unnachahmlicher Weise auf manchmal nur zwei, drei Seiten Text. Wer Blut geleckt hat und mehr will, sollte sich an seine kurzen, aber konzentrierten Romane halten, deren poetische Titel schon Bände sprechen und zusammenfassen, was ich eben wortreich ausführte: "Der junge Mond", "Der Teufel auf den Hügeln", "Die einsamen Frauen", "Der schöne Sommer", "Unter Bauern". In seinen Kurzgeschichten und Erzählungen ist Pavese allerdings auf dem absoluten Höhepunkt seines Schaffens. Wer also nicht die Aufmerksamkeitsspanne besitzt, einem längeren Erzählfaden zu folgen, aber zwischen Sonnenliege, Eincremen und Baden im Meer nicht den üblichen Liebes-Vampir-SM-Thriller, sondern Literatur von Weltrang lesen möchte, ist bei Paveses kurzen Texten gut aufgehoben.

Und um diesen heftigen Flirt mit dem Selbstmitleid mit Paveses letztem Tagebucheintrag vom Tag seines Todes zu enden:

All das ist ekelhaft.
Nicht Worte. Eine Geste. Ich werde nicht mehr schreiben.


  (1)
Tags: belletristik, erzählungen, italien, kurzgeschichten   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

6 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

literatur, dystopie, science fiction

Schwarze Spiegel

Arno Schmidt , Oliver Jahn , Oliver Jahn
Flexibler Einband: 154 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 27.09.2006
ISBN 9783518188712
Genre: Sachbücher

Rezension:

Alle Dichter wollen weniger gelobt und fleißiger gelesen sein.
Gotthold Ephraim Lessing

Es widerstrebt mir, den scheinheiligen Tanz ums goldene Kalb und den Feuilleton-, Medien-, Verlags- und Buchhandelsrummel um runde Geburts- oder Sterbedaten unserer Dichter und Denker mitzumachen. Man lobt sie routiniert und wohlvorbereitet an ihren Jubiläen, um dann bereits ein paar Tage später die nächste Sau durchs mediale Dorf zu hetzen (Dieses zweifelhafte Vergnügen haben demnächst William S. Burroughs und Elke Lasker-Schüler). Die Erinnerungen und Ehrungen werden des überschwänglichen Feierns müde wie Christbaumschmuck im Januar eiligst zurück in den Keller geräumt, bis die nächste runde Zahl droht.

Aber zum 100. Geburtstag von Arno Schmidt (1914 - 1979) muss ich eine Ausnahme machen, weil er mir wirklich am und machmal auf dem Herzen liegt: Schließlich ist Schmidt der herausragendste und humorvollste, der intelligenteste und zugleich provozierendste Autor, Essayist und Übersetzer, der von uns Deutschen nach dem 2. Weltkrieg mit Nichtbeachtung und Interesselosigkeit abgestraft wurde. Hierzulande werden keine unbequemen Autoren mehr eingesperrt oder mitsamt ihren Bücher verbrannt, man ignoriert sie einfach, ordnet sie bequem in ihren historischen Kontext ein (1) und vergisst sie. Oder man wirft ihnen - auch das ist typisch deutsch - "Nestbeschmutzung" vor; was den Autor noch nachhaltiger vernichtet, als ihn einfach zu erschießen. Arno Schmidt passierte beides. Er wurde als genialer Außenseiter zu einer wenig beachteten Fußnote im Kapitel "Nachkriegsliteratur der BRD" degradiert und sein bitterböser Kulturpessimismus und sein verzweifeltes Aufreiben am Deutschen Untertanenwesen als defätistisches Nachhakeln eingestuft.

Sicherlich war an dem fehlenden Nachruhm auch der ärgerliche Streit um die Rechte an seinem Werk schuld. Das führte dazu, dass eine Zeitlang nur atemberaubend teure Nachdrucke der in den 50er und 60er Jahren im Fischer-Verlag veröffentlichten Bücher oder zu ebenfalls gesalzenen Preisen die von der Arno-Schmidt-Stiftung herausgegebenen Gesamtausgaben erhältlich waren.(2) Und ich gebe es zu: Es ist nicht leicht, Arno Schmidts Welt zu betreten, er macht es dem Leser und auch sich selbst nicht einfach. Keiner schreibt wie er. Schmidt ragt wie ein Monolith aus den seichten Vorgebirgen der deutschen Nachkriegsliteratur. Er ist einzig, aber nicht artig. Sein - formulieren wir es mal euphemistisch - eigenwilliger Umgang mit Grammatik und Zeichensetzung, seine am stream of consciousness und den Wielandschen und Jean-Paulschen satzungethümen Bleistiftwüsten geschulter synästhetischer, oft monologsicher Stil, in dem manchmal jedes Wort und oft auch jedes Komma eine Anspielung an ein- bis zwei mitgedachte Literaturquellen und unbewusste freudianische Fehlleistungen sind, seine - der Generation, zu der er gehört, geschuldeten - sexuellen Fixierungen (man kann von einer Vorliebe für Alt-Herren-Witze reden) wirken wie eine fest verschlossene Tür in sein Gedankengebäude, die nur mit äußerster Anstrengung und aller Geduld und Aufmerksamkeit geöffnet werden kann. Das lohnt sich allerdings. Hat man sich erst einmal an die anspielungsreiche und exzentrische Ausdrucksweise gewöhnt, kann Schmidt süchtig machen. Und diese Liebe hält ein ganzes Leben an.

Zum Einstieg in sein überbordendes Werk sei hier seine feine kleine Erzählung "Schwarze Spiegel" angeführt, eine erstaunlich klassische Science-Fiction-Geschichte, von der es in der zeitgenössischen deutschen Literatur viel zu wenige gibt, weil hierzulande Genrewerke nicht ernst genommen werden. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase liest sich diese Anti-Utopie flüssig und spannend und enthält doch alles, was ein Schmidt-Œuvre ausmacht. Eine weitere gute Möglichkeit, Schmidt kennenzulernen, sind seine Radioessays über meist vergessene Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, in denen er die Ergebnisse seiner literaturarchäologischen Arbeiten als appetitanregende Häppchen serviert. Dass Johann Karl Wezel oder Karl Philipp Moritz heute wieder gelesen werden, ist der Schmidtschen Radio-Werbung zu verdanken, einige seiner weiteren, äußerst lesenswerten Entdeckungen gibt es beim 2001-Verlag in der Reihe "Haidnische Alterthümer". Arno Schmidt war auch ein fleißiger Übersetzer englischer und angloamerikanischer Literatur. Hier seien eine kongeniale, stellenweise neudichtende Poe-Übertragung erwähnt, seine Verdienste um John Fenimore Cooper, Jules Verne oder auch Karl May, die in Deutschland als Jugendbuchautoren verschätzt und deren Werke verstümmelt wurden oder seine zugegebenermaßen exzentrischen Bulwer-Lytton-Übersetzungen, die allerdings nur antiquarisch erhältlich sind.(4)

Obwohl es Arno Schmidt zeit seines Lebens nicht einfach fiel, von seinem literarischen Schaffen zu leben und er im Alter immer zynischer und bitterer wurde, gibt es doch eine Sache, um die ich ihn aufrichtig neide. Er fand in dem außerordentlich intelligenten und belesenen Millionär Jan Philipp Reemtsma (5) einen Förderer, der ihn mit einem Geldbetrag unterstützte und damit aller materieller Sorgen enthob. Schmidt konnte sich in seinen letzten Lebensjahren in seine Zettelkästen und seine Literatur vergraben und ich nehme an, dass er genau dort glücklich war.

Wenn ich nicht unbedingt muss, dränge ich mich keinem mehr auf : ich habe im Zimmer weit größere Freiheit;
und die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare.
Arno Schmidt, Julia, oder die Gemälde

-----------------

(1) Arno Schmidt gilt vielen als eher zweitraniger James-Joyce-Epigone, der oft noch schlechter lesbar ist als sein Vorbild.

(2) Man versuche nur einmal, von Schmidts Haupt- und Meisterwerk "Zettels Traum" eine für Normalverdiener erschwingliche Ausgabe zu erhalten.

(3) Ich lese gerade in der Übertragung von Schmidt mit wachsender Begeisterung "Was wird er damit machen" von Edward Bulwer-Lytton. Diese alte zweibändige dtv-Ausgabe habe ich in einem Tübinger Antiquariat entdeckt. Bei mobileread gibt es - freilich in zeitgenössischen Übertragungen - einige weitere der Romane des viktorianischen Autors, den Schmidt sehr verehrte.

(4) Es sei an dieser Stelle wärmstens sein brilliantes Buch "Im Keller" empfohlen, in dem er die Erfahrungen beschreibt, die er während und nach seiner Entführung machte.

  (2)
Tags: dystopie, literatur, science fiction   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

literatur, 1. weltkrieg, amerika, frauenroman

In ein fernes Land

Elizabeth von Arnim , Angelika Beck
Fester Einband: 517 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 03.10.1995
ISBN 9783458167549
Genre: Romane

Rezension:  
Tags: 1. weltkrieg, amerika, frauenroman, literatur   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

10 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

buch

Das grüne Gesicht

Gustav Meyrink
Fester Einband: 294 Seiten
Erschienen bei Vitalis, 01.03.2010
ISBN 9783899190403
Genre: Fantasy

Rezension:  
Tags: 20er jahr, horror, phantastik   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Unter Wasser

Chris Inken Soppa
Flexibler Einband
Erschienen bei edition karo, 27.04.2010
ISBN 9783937881560
Genre: Romane

Rezension:

Dieser von einem Berliner Literaturverlag in der edition karo herausgegebene Roman der Konstanzer Journalistin und Autorin Chris Inken Soppa wurde mir von dem Schriftsteller und Lebenskünstler Hans-Dieter Heun empfohlen. Er erzählte mir, er habe das Buch atemlos und angeregt in einem Zug durchgelesen. Mein Freund Heun ist zwar ein Vielschreiber, aber alles andere als ein Vielleser. Wenn er mir also begeistert ein Buch geradezu aufzwingt, dann hat seine Meinung Gewicht. Die Autorin selbst war von meiner Kritik, die ich sie vor der geplanten Veröffentlichung lesen ließ, alles andere als begeistert. Ich war deshalb lange mit mir uneinig, ob ich sie hier veröffentlichen sollte, habe mich jedoch endlich doch dazu entschieden, weil ich meine, dass eine Schriftstellerin auch mit etwas kritischeren Stellungnahmen umgehen können sollte. Zudem ist eine ehrliche Kritik m. E. eher dazu geeignet, den einen oder anderen zum Lesen des Buches zu animieren, als eine offensichtliche und überzogene Lobpreisung.

*

Der Ich-Erzähler Thomas berichtet in „Unter Wasser“ vordergründig die Geschichte seiner Begegnung mit der religiösen Nora; es ist eine vorsichtig tastende Beziehung, die durch die eigenen menschlichen Unzulänglichkeiten und Traumata und nicht zuletzt auch wegen beider familiärer Umfelder zum Scheitern verurteilt scheint. Unter der Oberfläche dieser Liebesgeschichte nutzt Thomas den Text für eine Abrechnung mit seiner Vergangenheit, in der in seiner Jugend eine gut verdrängte Tat verborgen liegt, die ihn immer wieder ans Wasser des Bodensees und zur Selbstaufgabe, im Höhepunkt des Romans zu einer missglückten Selbsttötung treibt. Dabei hält Thomas immer viel Abstand zum Leser. Er beobachtete den meist antriebslosen, manchmal hinterhältigen und in vielerlei Hinsicht gebrochenen „Helden“ voller innerer Narben, der weniger handelt, als vielmehr gehandelt wird, mit Unverständnis und Kopfschütteln. Da konnten auch die anderen Figuren wenig retten. Bis auf ein im letzten Drittel des Buches recht unmotiviert auftauchendes Obdachlosenpaar und eine Tante als deus ex machina sind sie alle recht unsympatisch gezeichnet und wirken wie aus einer Familienaufstellung herausgelöste Stereotype, denen es kaum gelingt, eigene Konturen zu entwickeln. Das ist sicherlich auch ein wenig ironisch und karikierend gemeint, der Leser jedoch möchte gerade den personalen Erzähler gerne adoptieren und sich mit ihm vergleichen. Dieser Weg wird ihm von der Autorin konsequent und bewusst verbaut.

Während des Lesens stellte sich immer wieder die Frage, an wen Thomas sich mit seiner stellenweise masochistischen Selbstdarstellung eigentlich richtet, wem er das alles offenlegt; schließlich gibt er sogar eine Tat zu, für die er nicht belangt wurde. Diese Frage blieb bis zum Schluss unbeantwortet. Auch wann er schreibt, während der Geschehnisse oder erst danach, ist nicht schlüssig, der Abstand zum Erzählten ist in den Kapiteln unterschiedlich groß. Dennoch las sich alles in der Tat flüssig und interessant und ich war neugierig, wohin mich Thomas, bzw. die Autorin, führen würden und Soppa gelingt es auch, den Roman abgerundet zu einem befriedigenden Ende zu bringen, das den Konflikt in einer klassischen Katharsis auflöst.

Obwohl „Unter Wasser“ also in seinen besten Kapiteln an ein Werk von Martin Walser aus den späten 70ern erinnert und in seinen schlechtesten an einen Konstanzer Tatort, also eine Leseempfehlung verdient, muss der Kritiker doch anmerken, dass er selten einen schlechter lektorierten Roman als diesen in den Händen hielt, wenn er denn überhaupt ein Lektorat erfahren hat. Es finden sich recht häufig Druckfehler, im deutschen völlig ungebräuchliche Fremdwörter („ruminative“ Vorwürfe, S. 87) und schräge bis unsinnige Sätze, die kein Verlag so hätte stehen lassen dürfen. („..der schmalen, aber teuer wirkenden Uhr an ihrem Zeigefinger.“, S.30 - „...wo sich verstecken, ohne unentdeckt zu bleiben?“, S. 123 - „Ihre ungleichen Augenfarben fixierten mich im Zentrum zweier zornig schwarzer Pupillen.“, S. 171. Die Auszeichnungen stammen von mir.)

Um es deutlich zu sagen: Dies ist nicht der Autorin, sondern allein dem Verlag zuzuschreiben, der äußerst schlampig gearbeitet hat und den kleinen Roman-Diamanten eintrübt. Es steht zu hoffen, dass eine 2. Auflage, die das Buch verdient hat, solche Fehler ausmerzt.

Dann wird es ein Vergnügen und ein Gewinn sein, ihn zu lesen.


  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Das Wahrlügen. Erzählungen Aus dem Französischen von Lydia Babilas. aus dem Nachlaß Gerhard Löwenthal

Louis Aragon
Fester Einband
Erschienen bei Claassen, Düsseldorf, 01.01.1983
ISBN B0050P4EDE
Genre: Sonstiges

Rezension:

Es klingt nach einer Binsenweisheit: Autoren sind Geschichtenerzähler.

Gerade wenn sie behaupten, sie gäben die Wirklichkeit wieder oder erzählten nun die ungeschminkte Wahrheit, ist Vorsicht geboten. Freilich hat jeder Text ganz zwangsläufig einen autobiografischen Anteil, wie sich auch etwas von mir in einer Stachelbeer-Aprikosen-Marmelade befindet, die ich koche. Aber der Autor versteckt und verbirgt sich, spielt Vexierspiele und Charaden. Was er als erzählenswert betrachtet, presst er durch das engmaschige Netz seiner Persönlichkeit und Meinungen. Nur manchmal ist ihm das bewusst, häufiger arbeitet beim Schreiben sein Unterbewusstes für ihn: Er lügt, ohne sich der Lüge bewusst zu sein. Oft weiß sein Publikum das und fordert es auch von ihm. Ein schönes Beispiel dafür sind die „Papillon“-Bücher von Henri Charrière. Sobald er in seinen Erinnerungen nach unzähligen Abenteuern und Fluchtversuchen die Teufelsinsel verlassen hat (auch die Verfilmung endet hier) und von einer überprüfbaren, näher am Jetzt liegenden Zeit erzählt, wird alles auffallend langweilig, was er noch zu berichten weiß. Wir lieben das Buch für seine Lügen, nicht für seine Tatsachen.

Das darf dem Autor aber nicht zum Vorwurf werden, denn er hat gar keine andere Wahl. Selbst wenn er sich müht, die Dinge so abzubilden, wie sie sind, sind sie doch nur die Schattenbilder, die ein flackerndes Lagerfeuer an die unregelmäßigen Wände der Höhle wirft. Ohne weiter Platon bemühen zu wollen: Erzähltes ist die Abstraktion einer Abstraktion. Der Leser kann nie das sehen, was der Autor sah - und wer weiß schon, ob die Augen des Schriftstellers wirklich die gleichen Dinge sehen. Vielleicht ist seine Welt so weit von der meinen entfernt, dass nur mehr die Sprache eine unzulängliche, wacklige Brücke zwischen ihm und mir bilden kann.

Trotzdem ist die Erzählung des Autors auf einer anderen Ebene ebenso wahr, wie sie – objektiv – falsch ist. Wahrheit kann auch durch Lügen entstehen; zum Beispiel, wenn es darum geht, über die eigene Kindheit zu berichten. Zu unzulänglich sind die Erinnerungen, zu groß die Lücken. Zu oft täuschen uns die Berichte Älterer, Zeiten und Orte vermischen sich, wichtige Menschen verlieren sich zu undeutlichen Konturen und jeder Befragte erinnert sich anders.

Ein Beispiel: Der - von mir mal abgesehen - einzige Künstler in meiner nahen und auch ferneren Verwandtschaft war ein äußerst erfolgloser Kunstmaler, der Werner Nebler hieß und dessen Atelierwohnung in der Annastraße ich als Fünf- oder Sechsjähriger am Ende der 60er Jahre – näher lässt sich das nicht mehr einschränken – mit meiner heute dementen Mutter besuchte. Es ist das einzige Zusammentreffen mit ihm, an das ich mich erinnere. Er ist nur wenige Jahre später verstorben.

Ich musste den dürren, kleinen und kahlen Mann mit den spitzen, rosigen Ohren „Onkel Nebler“ nennen, obwohl er mein Großcousin 2. Grades war und ich ihn sonst nur zum Geburtstag meines Vaters sah. "Onkel" Nebler - ich wusste nicht einmal seinen Vornamen. Seine abgehakten, dabei ausufernden Bewegungen erinnerten mich an einen Kakadu. Nebler war ein klassischer Hungerkünstler, der zu Familienfeiern kleine See- und Waldstücke verschenkte, die er zu diesem Zweck eigens anfertigte. Jeder in meiner Familie hat noch den einen oder anderen „echten Nebler“ in der Wohnung hängen oder verschämt hinter Kisten auf dem Dachboden verborgen. Wertvoll werden diese Bilder allerdings nie mehr, sie sind nicht einmal besonders geschickt gemalt.

Eine Zeitlang pinselte er für das Capitol-Kino hinter dem Merkurbrunnen großformatige Filmplakate auf Sperrholzgrund, die über dem Kinoeingang in einem eigenen Rahmen weithin sichtbar Werbung für den gezeigten Streifen machten. Obwohl das Capitol inzwischen den Multiplexkinos gewichen und in eine Tanzbar umgewandelt wurde, gibt es diesen Rahmen über den Türen noch immer. Er benutzte für seine Plakate die Standfotos aus den Filmen, ergänzte sie durch exotische Hintergründe eigenen Entwurfs, den Filmtitel, die Hauptdarsteller und die Vorführzeiten. Offenbar machte er jedoch Mitte der Fünfziger den Fehler, Gordon Scott als Tarzan nur mit einem Lendenschurz bekleidet darzustellen. Die Moralvorstellungen der Augsburger ließen das damals nicht zu und so verlor er diesen Job. Also dilettierte er weiter seine röhrenden Hirsche, seine schönen Zigeunerinnen und seine heimlich trinkenden Mönche, die sich allesamt kaum verkauften.

Onkel Nebler, den die Erwachsenen grundsätzlich "der Nebler, Werner" nannten, mit einer kurzen Pause nach dem Familiennamen und das "Werner" wie eine Frage formuliert, wohnte während des Krieges im Haus meiner Großeltern väterlicherseits. Als Opa als Soldat an der Front war, gebar meine Großmutter nach zehn Monaten meinen Onkel, der 17 Jahre jünger ist als mein Vater. Er sieht ihm und auch dem Großvater nicht ähnlich...

Die Atelierwohnung im Dachjuchhe (das Wort ist eine Neuentdeckung, ich habe es gerade bei Dieter Kühn gefunden) war eng und niedrig; angefangene Bilder lehnten gegen die Dachschrägen. Für mich als Kind war das Beeindruckendste in dem Atelier eine H0-Dampflock mit drei Waggons, die auf ihren Schienen direkt auf dem schmutzigen Parkett eine große Ellipse um die Staffelei zogen. Das Werk, an dem er im Brennpunkt der Gleise malte, war eine Ansicht des Hamburger Hafens. Ich wurde eine Weile mit ihm im staubigen Atelier allein gelassen, während meine Mutter mit seiner Frau ins Café Bertele ging. Große, hohe Fenster gewährten einen wunderschönen Blick über die bunten Dächer der Innenstadt auf die strenge evangelische Moritzkirche. Das war ein Ausblick, der mich mehr faszinierte als die flachen Ölgemälde, die penetrant nach Petroleum und Ölfarben stanken, ein Geruch, der auch an Onkel Nebler hing, als wäre er ein Teil von ihm. Ich setzte mich zu ihm an einen über und über mit Farbresten bekleckerten Tisch, machte mich dabei ordentlich schmutzig und sah ihm beim Malen zu und der Dampflok beim Rundenziehen zu. Irgendwann drehte er sich zu mir, legte seine Palette und den Pinsel zur Seite und wühlte in den Taschen seines Malermantels. Lange kramte er, förderte Kreidestückchen, Radierer, Kohle zu Tage. Dann drückte mir ein kleines Geldstück in die Hand und vergaß mich. Er wandte sich zurück zu dem winzigen Kirchturm im Hintergrund seines Bildes, den er mit ein paar flüchtigen Farbpunkten skizzierte. Ich fand es erstaunlich, wie es ihm gelang, mit so wenigen Strichen diesem Turm eine glaubwürdige Existenz zu geben.

Als wir später die enge Holztreppe hinunterstiegen, die ebenfalls nach dem Atelier und dazu noch nach Bohnerwachs stank, fragte meine Mutter, was der Onkel Nebler mir geschenkt hätte. Erst jetzt öffnete ich meine schwitzige Kinderfaust, in der sich ein silbriges 50-Pfennig-Stück befand. Meine Mutter sagte: „Das musst du in Ehren halten, für den Onkel Nebler ist das viel Geld. Er ist so ein armer Mann. Das kann er sich als Künstler eigentlich überhaupt nicht leisten.“ Ich war beeindruckt und schloss meine Faust wieder. Ich entschied mich, auf keinen Fall Künstler zu werden. Am nächsten Tag kaufte ich mir für die 50 Pfennig fünf Päckchen mit Tiersammelbildern. Die meisten hatte ich leider schon.

Diese Geschichte habe ich noch nie erzählt. Aber ist sie auch wahr?

Nun, der Onkel hieß nicht Werner Nebler, so, wie ich nicht Nikolaus Klammer heiße. Er war zwar Kunstmaler und er hatte auch ein Atelier in Augsburg in der Annastraße, aber ich kann mich nicht an den Besuch erinnern, von dem mir einmal meine Mutter berichtet hat. Sie trank übrigens niemals Kaffee. Das mit der Eisenbahn auf dem Boden hat mir meine ältere Schwester erzählt. Was ich mit dem Geldstück machte? Ich habe keine Ahnung. Wahrscheinlich wurde es in meinem rosa Plastiksparschwein für später verwahrt. Nebler und seine Frau, die putzen ging, waren arm, nahe am Bettelstab und mein Vater hat tatsächlich noch ein paar Ölschinken von ihm auf dem Dachboden aufbewahrt, die er ihm aus Mitleid abgekauft hat. Wie der Maler aussah? Ich habe keine Vorstellung, denn ich habe kein Foto von ihm gefunden. Die anderen Geschichten? Mein Onkel, das Kino, Tarzan? Das waren Familiensagen, teilweise leise geraunt. Die habe ich irgendwann gehört, ich habe sie nicht erlebt. Ob sie wahr sind? Ob ich jetzt die Wahrheit erzählt habe? Wer weiß...

Dennoch ist diese Geschichte nicht gelogen: Sie spiegelt die Zeit, das Denken und nicht zuletzt mich als Kind wieder. Es entstand ein Wahrlügen. Wer Näheres wissen will, dem sei dieser viel zu wenig gelesene französische Dichter (1897 - 1982) empfohlen.

AragonLouis Aragon
Das Wahr-Lügen
(Fischer TB, 1983, leider nur mehr antiquarisch erhältlich)

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(15)

45 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 0 Rezensionen

klassiker, roman, geschichte, 20er jahre, arzt

Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald , Lutz-W. Wolff , Lutz-W. Wolff
Flexibler Einband: 528 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 01.12.2011
ISBN 9783423140577
Genre: Klassiker

Rezension:  
Tags: 20er jahre, beziehung, ehe, klassiker, riviera, roman   (6)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

emanzipatio, klassiker, frauenliteratur

Isidora

George Sand
Flexibler Einband: 76 Seiten
Erschienen bei CreateSpace Independent Publishing Platform, 03.01.2015
ISBN 9781505897784
Genre: Sonstiges

Rezension:  
Tags: emanzipatio, frauenliteratur, klassiker   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(10)

20 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Das Bettlermädchen

Alice Munro , Hildegard Petry
Flexibler Einband: 345 Seiten
Erschienen bei Berliner Taschenbuch Verlag BVT, 01.01.2005
ISBN 9783833302503
Genre: Romane

Rezension:

Habe ich doch tatsächlich nach der Vergabe des Literaturnobelpreises an die kanadische Autorin Alice Munro neugierig in meiner hinteren Wohnzimmerbücherwand gesucht und wurde an ungünstiger Stelle hinter dem Sofa zwischen weiteren prominenten Namen fündig.

Beim Herausziehen des Bandes musste ich erst einmal eine ordentliche Staubschicht vom Kopfschnitt blasen. Das verwendete billige Papier ist an den Rändern gelb nachgedunkelt und daher wirkt das Taschenbuch wesentlich älter als die dreißig Jahre, die es trotz vieler Umzüge die meiste Zeit relativ ungestört und in Frieden in dem Regal ruhte, nur ab und an etwas nach rechts oder nach unten rutschen musste, weil ein neuer Band alphabetisch korrekt eingeordnet sein wollte.*

Mein leicht ramponiertes Taschenbuch des Werks stammt aus dem Jahre 1983 und ich habe es wohl Mitte der 80er gelesen, was an den gleichmäßigen Knicken im Buchrücken erkennbar ist. Damals pflegte ich diese Marotte, ein Buch exakt alle 50 Seiten aufzuknicken und ich will jetzt keine Kommentare über neurotische Zwangshandlungen hören.

Der Band, der zwar 1998 und 2005 noch eine Neuauflage bekam, ist heute, wenn überhaupt, nur noch antiquarisch erhältlich und wird bei Amazon als zerlesenes Exemplar ernsthaft für 30 € (!) angeboten.** Es ist aber zu erwarten, dass es demnächst zu einem Nachdruck kommt. Mit einem Nobelpreisträger ist nur zeitnah Verdienst zu machen; in zwei Wochen ist er vom Publikum bereits wieder vergessen. Oder wer kauft heute noch Bücher von Mo Yan oder gar Tomas Tranströmer (falls sich überhaupt noch jemand an den Lyriker erinnert)?

Mir geht es ähnlich: Ich hatte jahrzehntelang kein Interesse an der Muro, obwohl sie mir doch mit ihrem Beharren auf der kurzen Form sympathisch ist, die ja im Gegensatz zum Roman eigentlich eine zeitgemäße, aktuelle ist. Sie hat einen einzigen, ebenfalls nur antiquarisch erhältlichen Roman geschrieben: "Kleine Aussichten"***

Wäre die Autorin nicht plötzlich durch das schwedische Kommitee geadelt worden, hätte ich "Das Bettlermädchen" aus Platzgründen demnächst im Bücherschrank im Augsburger Hofgarten ausgesetzt.

Alice Muro
Das Bettlermädchen
Ullstein-Taschenbuch, 1983

Auf der Rückseite dieses extrem billig produzierten, broschierten Bandes, der außer der Titelstory noch neun weitere Kurzgeschichten um ihre Protagonisten Rose und Flo versammelt, also auch als Episodenroman gelesen werden kann, wird die Munro noch als junger, aufstrebender Stern beschrieben. Es werden Joyce Carol Oates (deren Literatur, wenngleich leicht trivialer, der Munro'schen doch recht nahe kommt) und eine Journalistin der Zeit zitiert. Die erste lobt sie mit Worten, als würde sie über sich selbst schreiben (was sie vielleicht auch tat), die andere schmeißt mit den üblichen nichtssagenden Worthülsen aus meinem Kritikerhandbuch um sich: "Wie kann man lieben, wie kann man leben, warum handelt man so und nicht anders? Es sind beunruhigende Erzählungen voller Zweifel und Melancholie, aber auch voll Selbstironie und Witz." Darüber zeigt ein Schwarzweißfoto die inzwischen greise Autorin als energische Vierzigjährige, deren 'Frisur' sich seit damals nur farblich verändert hat.

Warum ich das erzähle? Nun, ich kann mich absolut nicht mehr an diese zehn Geschichten erinnern. Nicht einmal eine Ahnung oder ein Geschmack sind übrig. Viele Bücher hinterlassen auch nach Jahrzehnten einen Stempel im Gedächtnis, "dass man ihre Luft noch atmet, in ihrem Rhythmus noch schwingt, auch wenn ihr Inhalt, Fabel und Szene längst in der Erinnerung verblasst ist", um einmal den großen Jakob Wassermann zu zitieren. Muros Short-Storys erreichten das bei mir nicht, sie drückten mir keinen Stempel auf. Ich habe sie gelesen und vergessen, sogar das Buch verschwand aus meiner Erinnerung, bis ich es in meinem Regal wiederfand. Ich habe probeweise die erste Geschichte "Eine fürstliche Abreibung" gelesen, doch ihr Inhalt war absolut neu für mich: Sie erzählt vom erfolglosen Versuch Flos, erzieherisch auf ihre Stieftochter Rose einzuwirken und leidet ansonsten darunter, die erste einer Reihe zu sein, also erst einmal eine Vielzahl an Figuren einführen zu müssen.

Daher werde ich meinen Essay

Ausführliche Handreichung, wie man eine Kritik schreibt,
ohne das Buch gelesen zu haben

den ich eigentlich heute mit seinem zweiten Teil fortsetzen wollte, abwandeln müssen:

Ausführliche Handreichung, wie man eine Kritik schreibt,
ohne das Buch gelesen zu haben,
oder sich absolut nicht mehr erinnern kann,
das Buch jemals gelesen zu haben

Genau das habe ich heute getan.

____

* Inzwischen scheue ich bereits den Kauf von Autoren, deren Namen mit 'A' oder 'B' beginnen, weil ich sonst zwei Stunden mit Bücherrutschen beschäftigt bin.

** Falls jemand diesen Band für 29,99 € + Porto bei mir erwerben will: E-Mail mit Adresse genügt.

*** Dieser Satz taucht in allen Agenturmeldungen und Kommentaren auf, er hat allerdings immer ein verächtlich machendes, herablassendes Wörtchen mehr, das deutlich macht, dass Kurzgeschichten in Deutschland nicht geschätzt werden, weil das Vorurteil besteht, der Autor hätte sich keine Mühe gegeben: "Alice Munro hat nur einen Roman geschrieben". Hierzulande zählen allein Romane; der Deutsche Leser achtet wie immer auf das Preis-Leistungs-Verhältnis, das ihm nur bei fetten Erzählungen oder bei einer von einem unfähigen Ghostwriter verfassten Sch***-Autobiografie wie der von Herrn Becker stimmig scheint.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

italien, reiseliteratur, gardasee, sachbuch

Mein Gardasee

Godehard Schramm
Fester Einband: 206 Seiten
Erschienen bei Herbig, F A, 01.03.1999
ISBN 9783776620788
Genre: Sonstiges

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

faust, sturm und drang, klassiker

Fausts Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich M Klinger
Flexibler Einband
Erschienen bei Reclam, Philipp, 01.01.1998
ISBN 9783150035245
Genre: Klassiker

Rezension:

„Man vergisst in Deutschland nichts geschwinder als gute, weise und verständige Bücher.“

F. M. Klinger

Es passiert mir immer wieder. Manchen Fallen kann ich nicht entgehen und wenn ich ehrlich bin, will ich es auch nicht: Mit fast Arno-Schmidt'scher Lust stürze ich mich auf einen abseitigen vergessenen Autoren, entdecke ihn für mich persönlich, lese begeistert eines seiner Werke, das ich dem entlegenen Winkel eines Antiquariats dem Staube entriss. Klar, dass ich alles von ihm lesen will! Nur um anschließend feststellen zu müssen, dass an den Rest seines Œuvres – wenn überhaupt - allein mit erheblichem zeitlichen oder finanziellem Aufwand heranzukommen ist.

Ein solcher Fall ist Friedrich Maximilian Klinger, von dessen Werk es bei Cotta die letzte einigermaßen vollständige Gesamtausgabe (für normale Leser unbezahlbar) im Jahre 1879 gab, einem Autor immerhin, dessen Theaterstück „Sturm und Drang“ einer ganzen Literaturepoche den Namen gibt.

Klinger (1752 - 1831) gehörte in seinen jungen Jahren zum Frankfurter Kreis Goethes und folgte diesem nach Weimar, seine Universitätsausbildung zum Rechtsgelehrten abbrechend, um als freier Künstler zu arbeiten und schnell zu scheitern. Im Fürstentum stand er den gesellschaftlichen Ambitionen des späteren Geheimen Legationsrats im Wege und fiel ihm wie Lenz oder Kaufmann bald so lästig, dass er ihn aus seinem Gesichtsfeld entfernen ließ. 1776 kam es zum endgültigen Bruch mit dem Dichterfürsten. Nach einigen Wirren gelang Klinger ab 1780 eine militärische Karriere in der russischen Armee, in der er immerhin bis zum Generalmajor aufstieg. Dadurch fand er auch wieder Gnade bei Goethe und führte mit ihm ab 1811 einen regen Briefwechsel. Klinger liegt in St. Petersburg beerdigt.

Neben seiner bürgerlichen Karriere – seinem Brotberuf – war er ein fleißiger, weiterhin ausschließlich Deutsch schreibender Autor. Neben den populären Dramen veröffentlichte Klinger dicke Bände mit Gedanken und Maximen, die recht behäbige und staatstragende Aphorismensammlungen und zu Recht vergessen sind und neun „philosophische“ Romane, von denen der bekannteste Faust's Leben, Thaten und Höllenfahrt ist, alle sind Werke in spätaufklärerischer Manier, angefüllt mit voltaireschen und rousseauschen Gedanken und Weltanschauungen. Zumindest die ersten, noch ganz vom Feuer des Sturm und Drangs erwärmten Bände lassen sich auch heute noch gut lesen, werden jedoch von Roman zu Roman kälter, schwerer und langweiliger. Vielleicht hat Klinger dies selbst bemerkt, denn ursprünglich hatte er zwölf Doppel-Romane geplant und den neunten, dessen Titel Das zu frühe Erwachen des Genius der Menschheit allein schon abschreckend wirkt, nie vollendet.

Selbstverständlich wusste jeder, dass Goethe seit Jahrzehnten an seinem opus magnum schrieb, was Klinger jedoch nicht hinderte, als erster 1779 ein Werk über die deutscheste aller mittelalterlichen Sagenfiguren zu veröffentlichen. Vielleicht war dies auch der wahre Grund seines Bruchs mit Goethe.* Klingers äußerst pessimister, zutiefst am Charakter des Menschen zweifelnder Faust war das erste Werk, das ich von ihm las. Ich fand den Roman im zerfledderten III. Band einer Werksauswahl, die ich 1987 vom Ramschtisch eines Berliner Antiquariats mitnahm. Faust begegnet in dem Werk, vom Teufel und anderen Höllengestalten (Leviathan) begleitet, nie guten Menschen, sondern nur Heuchlern, die auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, egal ob es sich um Eremiten, Äbtissinen, den Papst (Alexander VI.) oder Faust selbst handelt, die alle mit viel Getöse zur Hölle fahren. Hier sorgt nicht Gott, sondern Satan für Gerechtigkeit:

„Der Teufel stund in Riesengestalt vor ihm. Seine Augen glühten wie vollgefüllte Sturmwolken, auf denen sich die untergehende Sonne abspiegelt. Der Gang seines Atems glich dem Schnauben des zornigen Löwens. Der Boden ächzte unter seinem ehernen Fuße, der Sturm sauste in seinen fliegenden Haaren, die um sein Haupt schwebten, wie der Schweif um den drohenden Kometen. Faust lag vor ihm, wie ein Wurm, der fürchterliche Anblick hatte seine Sinne gelähmt, und alle Kraft seines Geistes gebrochen. Dann faßte ihn Leviathan mit einem Hohngelächter, das über die Fläche der Erde hinzischte, zerriß den Bebenden, wie der mutwillige Knabe eine Fliege zerreißt, streute den Rumpf und die blutenden Glieder mit Ekel und Unwillen auf das Feld, und fuhr mit seiner Seele zur Hölle.“

Der Antiquariatsband enthielt auch noch den ersten Teil des zugehörigen Zwillingsromans Geschichte Giafars des Barmeciden, der mir persönlich noch besser gefiel. Giafar, der aus den Tausend-und-Eine-Nacht-Erzählungen bekannte Großwesir Hārūn ar-Rašīds (Bitte nicht mit dem bitterbösen Dschafar aus Disneys "Aladdin" verwechseln!), ist eine Art morgenländischer "Hiob". Er glaubt unerschütterlich an das Gute im Menschen und in seinem Kalifen Harun, auch wenn ihm der Teufel beständig das Gegenteil demonstriert.

Klinger2Mit dem Giafar begann allerdings mein Leiden. Obwohl Klinger interessanterweise in der damals noch existierenden DDR häufiger als im Westen gedruckt wurde und ich in Ostberlin eine günstige Werkauswahl besorgen konnte, war ausgerechnet der Giafar nirgendwo aufzutreiben. Ich musste 25 Jahre warten, bis ich ihn zuende lesen konnte. Heute findet er sich als digitale Ausgabe im Internet und kann – wie auch die meisten der anderen Romane Klingers – auf jedem E-Book-Reader gelesen werden. Und genau das sollte man tun: Gerade die beiden ersten "philosophischen" Romane von F. M. Klinger muss man einfach gelesen haben.

----

* Auch von Lessing und Lenz gibt es Entwürfe für Faustdramen. Heinrich Heine erhielt einmal eine Audienz bei Goethe. Als dieser ihn fragte, an was er arbeite, antwortete Heine, er schreibe einen Faust. Heutzutage hätte Heine ihm wahrscheinlich den Stinkefinger gezeigt. Der Dichterfürst überlegte kurz, dann ließ ihn rausschmeißen.
Heines letztes Werk ist übrigens in der Tat eine Faustadaption, aber da war Goethe schon lange tot...

  (2)
Tags: faust, klassiker, sturm und drang   (3)
 
35 Ergebnisse