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antisemitismus, juden, historie, vorurteile

Lexikon der antisemitischen Klischees: Antijüdische Vorurteile und ihre historische Entstehung

Peter Waldbauer
Flexibler Einband: 193 Seiten
Erschienen bei Mankau, 01.03.2007
ISBN 9783938396070
Genre: Sonstiges

Rezension:

Murnau - Der Antisemitismus lebt. Als Hollywood-Star Mel Gibson im vergangenen Sommer betrunken am Steuer seines Autos aufgehalten wurde, beschimpfte er den vermeintlich jüdischen Polizisten mit dem Vorwurf, dass «Juden an allen Kriegen der Welt schuld» seien.
Dieser offen anti-semitische Ausbruch aber ist eher ungewöhnlich. Denn zu ihrer Abscheu vor Juden bekennen sich heute höchstens Verwirrte und Rechtsradikale. Seit dem Holocaust ist zumindest im Westen die offene Diskriminierung von Juden ein Tabu. Im Alltag aber wirken unzählige versteckte Vorurteile. Juden gelten vielen als Weltverschwörer und globale Strippenzieher, als raffgierig und machthungrig. Wer das «Lexikon der antisemitischen Klischees» liest, registriert rasch die brennende Aktualität der oft Jahrhunderte alten Vorurteile.
Der Autor Peter Waldbauer widmet sich in seinem kleinen Buch nicht nur anti-semitischen Hirngespinsten, zum Beispiel dem Vorwurf, Juden würden in ihr ungesäuertes Brot zum Passahfest das Blut ermordeter Christenkinder verarbeiten. Waldbauer entlarvt auch gängige Sichtweisen als abstruse Klischees.
Das beginnt schon mit der Unterstellung, der Gott der Juden sei ein rachsüchtiger Gott, der der Christen ein versöhnender: Schließlich findet sich auch der Satz «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst» zunächst im alttestamentarischen Buch Jesaja. Der Autor beschreibt, wie Jahrhunderte der Verfolgung und Ausgrenzung Juden in Geldgeschäfte und Handel drängten. Und er weist nach, dass es früher wie heute abwegig ist, eine jüdische Dominanz in der Finanzwelt zu unterstellen, gar die Vorstellung, Juden würden in den USA oder anderswo Wirtschaft und Politik manipulieren können.
Über den aktuell wachsenden linken Antisemitismus, die Fragwürdigkeit vieler angeblich nur Israel-kritischer Äußerungen oder die Judenfeindlichkeit in der islamischen Welt geht es in diesem Büchlein nicht. Der Autor, ein Börsenspezialist, beschäftigt sich mit gängigen Vorurteilen und ihrer Entstehungsgeschichte. Dabei begeht er auch mal sachliche Fehler, zum Beispiel unterstellt er, Israel würde aus dem Ausland finanziert. Dabei ist Israel eines der wenigen blühenden Wirtschaftszonen im Nahen Osten.
Manche Klischees über Juden, das macht das Buch auch deutlich, stimmen allerdings: beispielsweise die Tatsache, dass es im Westen einen weit überproportional hohen Anteil jüdischer Wissenschaftler, Ärzte, Denker, Schriftsteller und Nobelpreisträger gibt. Diese «Sonderrolle» von Juden in der Welt erklärt sich wohl auch als eine Reaktion auf die unvergleichliche Verfolgung und Diskriminierung der Juden in der Geschichte.

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bestattung, beerdigung

Der Bestattungsratgeber

Peter Waldbauer
Flexibler Einband: 200 Seiten
Erschienen bei Brandes & Apsel, 01.09.2013
ISBN 9783955580322
Genre: Sachbücher

Rezension:

Der Betriebswirt, der während seines Studiums als Gehilfe in der Bestattungsbranche gearbeitet hat, will hier vor dubiosen Geschäftemachern warnen. Er wendet sich an
Hinterbliebene und Vorsorgewillige. An den Anfang stellt er die Kosten einer Bestattung und den durchschnittlichen Verdienst des Bestatters, der ins Auge sticht. Es folgt ein Überblick über den Sterbefall, Bestattungsarten (auch Natur- und Sonderbestattungen) sowie Graborte und -arten. Dann werden Ratschläge gegeben, wie man Bestatter auswählt und wie man sanft oder hart mit ihnen verhandelt. Es folgen wirtschaftliche Angaben zu Überführung,
Feuerbestattung, Fremdleistungen, die Rechnung und ihre Fallen, Sterbegeld-
Versicherungen, Vorsorgeverträge, die Gebührenordnung und ihre Tücken sowie wichtige Adressen und Webseiten. Im Schlusswort rät er, man solle sein Geld besser für die Lebenden ausgeben.

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gastronomie, saarbrücken, saarland, sachbuch

Homo Saarlandicus. Was es heißt, ein Saarländer zu sein

Peter Waldbauer
Fester Einband: 96 Seiten
Erschienen bei Anaconda Verlag, 31.08.2015
ISBN 9783730602706
Genre: Sachbücher

Rezension:

Von Berufs wegen befasst sich Peter Waldbauer mit Ökonomie, doch jetzt hat er dem „Homo saarlandicus“ ein Denkmal gesetzt. Um es auf den Punkt zu bringen: Kein Deutscher ist sympathischer als der Saarländer.
Spricht man Peter Waldbauer auf seine Herkunft an, wird der sonst nicht wortkarge Dozent für Betriebswirtschaft und Rechnungswesen, fast ein bisschen verlegen. Ja, gibt er zu, er sei gebürtiger Pfälzer, aus Zweibrücken. „Mit zehn Jahren bin ich aber ins Saarland gezogen.“ Nach Homburg-Einöd. Nicht direkt eine Weltreise. Für ihn aber ein Riesenschritt. Weil er dann wesentliche Zeit seines Lebens, rund 30 Jahre nämlich, im schönsten aller Bundesländer lebte. So sieht Waldbauer das jedenfalls. Und sein Buch, das Anfang September erscheint und am 10. September in Saarbrücken vorgestellt wird, liest sich quasi als eine einzige große Liebeserklärung an unsere Region im Südwesten der Republik und namentlich ihre Bewohner. „Homo saarlandicus – Was es heißt, ein Saarländer zu sein “ hat der Autor es überschrieben. Und in der Tat ist es eine höchst schmeichelhafte, augenzwinkernde, bisweilen aber auch klischeetrunkene Charakterisierung des Landes und seiner Eingeborenen geworden. Die seien quasi Cousins der Franzosen, sogar im Äußeren. Selbst die notorisch hochnäsigen Pariser würden die Saarländer irgendwie als fernen Verwandten anerkennen. Seine Lebensart – „der Saarländer arbeitet, um zu leben, nicht umgekehrt“ – hebe ihn positiv von den ständig sich abrackernden Rest-Deutschen ab. Und er sei der Genießer par excellence: lieber ein kleines Auto fahren und bloß ans Elternhaus anbauen, statt beim guten Essen Abstriche zu machen. Zudem, konstatiert Waldbauer, sei der Saarländer auch angenehm bodenständig und pragmatisch. Der Homo saarlandicus löse Probleme stets mit eenem, denne er kennt, der enner kennt… „Dem offiziellen Weg“ dagegen, so Waldbauer, „misstraut er.“

Fügt man all das zusammen, erscheint der Saarländer wohl wie eine abenteuerliche Mixtur aus dem mittlerweile verrenteten frankophilen „Tatort“-Kommissar Palu, der erst mal dem Rouge zusprach, bevor er ermittelte, und dem Batschkappschwadronierer Heinz Becker. Rein äußerlich also schwerlich die attraktivste Mischung, auf jeden Fall aber sehr reizvoll.

Liest man in Waldbauers Buch freilich Sätze wie diesen, „Die Saarbrücker Bahnhofstraße ist lang, breit und mondän“, und, die Saarlouiser Altstadt erinnere an das „French Quarter in New Orleans“, beschleicht einen doch das leise Gefühl: Dieser Pfälzer macht sich einen Jux mit den Saarländern. „Nein, nein“, entgegnet Waldbauer beinahe schon empört. Man müsse das relativ zur Umgebung sehen. „Man muss schon weit fahren, um eine vergleichbare Großstadtatmosphäre wie in Saarbrücken zu finden. Saarbrücken hat richtigte Glitzerpaläste“, sagt er.

Was man dem Saarland-Freund Waldbauer sicher nicht vorhalten kann, ist, dass er keine Vergleichsmöglichkeiten hätte. Einige Jahre war er mit dem 1999 verstorbenen Börsenguru André Kostalny auf dessen weiten Vortragsreisen unterwegs, hat sich von ihm wohl auch einige Finanztricks abgeguckt. Und heute lebt Waldbauer des Berufs wegen in Schwetzingen, der Spargel-Metropole mit einem der schönsten Schlösser und Barockgärten weit und breit. Doch gerade seine arbeitsamen Mitbürger im Rhein-Neckar-Raum, so Waldbauer, hätten ihn zu seiner Liebeserklärung gereizt: „Im Vergleich zu denen ist der Saarländer zugleich weltoffener und entspannter.“ Das liest man hier natürlich gern. Lateinlehrer allerdings dürften zumindest an Waldbauers Buchtitel wenig Freude haben. „Homo saravianus“ müsste es wohl korrekterweise heißen. „Saarlandicus“ klingt aber besser. Fast wie im „Asterix“-Heft – und wie die sympathischen Ur-Franzosen, meint Waldbauer, lieben die Saarländer „ihren Status als kleines gallisches Dorf“.

 

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ausbeutung, sklaverei, agenda 2010, leiharbeit, hartz iv

Arm durch Arbeit

Markus Breitscheidel
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 10.02.2010
ISBN 9783548373126
Genre: Sachbücher

Rezension:

Also bitte! Die Arbeitsbedingungen im Niedriglohnsektor und die Übernahmechancen aus Zeitarbeitsverhältnissen sind bekannt - dafür braucht es keine Undercover-Recherche.
Dass der Autor behauptet, er habe von seinem geringen Verdienst nicht leben können und deshalb Hartz IV beantragen müssen ist wohl ein Witz.
Selbstverständlich brauchte Breitscheidel nicht zum Amt. Der Autor hatte seinen Bestseller "abgezockt und totgepflegt" 70.000 mal verkauft, was ungefähr dem gleichen Eurobetrag als Autorenhonorar entspricht. Hinzu kommen seine Einnahmen aus den zahlreichen Lesungen und PR-Terminen (Spesenerstattung ist immer viel höher als die tatsächlichen Ausgaben).
Hat er die ganzen Einnahmen vor den Behörden verschwiegen, nur um seine Rolle durchhalten zu können? Und falls ja, hat er die Unterstützung nach dem Ende seiner Undercovertätigkeit wieder zurückgezahlt? Das wären doch die viel brennenderen Fragen?
Richtig süß ist die Episode als Erntehelfer. Wer es bisher noch nicht gewusst hat, weiß es jetzt: 12 Stunden bei großer Hitze auf den Knien herumrutschen und dabei Erdbeeren pflücken ist: anstrengend!

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Richterin Barbara Salesch, 4 DVDs. Staffel.1

Barbara Salesch
DVD Video
Erschienen bei CMS Constructive Media Service, 29.09.2011
ISBN 4260093773496
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die rote Pumuckl-Frisur über der schwarzen Richterrobe lässt Barbara Salesch wie eine Karikatur erscheinen. Ein Rumpelstilzchen, das sich eingeschlichen hat auf die Bühne eines Volkstheaters und dort den Richter spielen darf, von allen akzeptiert. Wie die Märchenfigur der Brüder Grimm führt sich auch Frau Salesch bisweilen auf und steht damit kaum jenen Angeklagten nach, die eine Casting-Agentur dem Unterschichtenfernsehen vermittelt hat. In einer „Gerichtsshow“, in der Richter, Staatsanwälte und Verteidiger sich als Choleriker aufführen, bildet Frau Salesch den grotesken Höhepunkt.

Man muss es ganz klar sagen: Nein, so geht es nicht zu in deutschen Gerichtssälen, in Strafprozessen schon gar nicht. Ein Richter oder eine Richterin gebärdet sich nicht dermaßen emotional wie Frau Salesch dies tut. Ein Vorsitzender, der chronisch aus der Haut fährt, würde nicht nur schnell seine Autorität, sondern noch mehr seine Glaubwürdigkeit verlieren. Es gehört gerade zur Funktion des Richteramtes, besonders in Strafprozessen, relative Gelassenheit an den Tag zu legen und emotional distanziert zu sein. Zumindest nach außen hin, mag es unter der Robe manchmal auch anders aussehen.

Erst eine souveräne Neutralität, erlaubt es einem Richter einen Strafprozess erfolgreich zu führen. Erfolgreich in dem Sinn, dass keine Revisionsgründe geliefert werden dem Verteidiger und dem Staatsanwalt.

Ein solcher Fall läge zum Beispiel vor, könnte man dem vorsitzenden Richter Voreingenommenheit nachweisen. Mit ein Grund, weshalb sich viele Richter gegenüber dem Angeklagten recht freundlich verhalten, auch gegenüber solchen, die schwere Straftaten begannen haben. Dass mancher Straftäter sich dabei von den salbungsvollen Worten eines Richters einlullen und so leichter überführen lässt, ist ein schöner Nebeneffekt.

TV-Richterin Salesch dagegen scheint jeden Fall und jede Äußerung eines Angeklagten persönlich zu nehmen und kann den Timbre ihrer Stimme kaum kontrollieren. Dazu schwankt sie auf ihrem Richterstuhl vor und zurück, wippt zur Seite, wirft den Kopf herum, reisst ihre Brille herunter und spielt der Reihe nach sämtliche Gesichtsausdrücke durch, wie wir es von untalentierten Laiendarstellern erwarten dürfen.

Mit der Kraft ihrer Persönlichkeit versucht sie aus ihren Opfern die Wahrheit herauszuholen. Ihr Vernehmungsstil wirkt so übertrieben, wie ihre Anbiederung bei den sensationslüsternen Fernsehzuschauern peinlich ist.

Dabei weiß Barbara Salesch es eigentlich besser. Sie arbeitete zunächst als Staatsanwältin, dann als Richterin in Hamburg, sogar als Vorsitzende Richterin am Landgericht. Dort geht es noch gemäßigter und formeller zu, als an irgendeinem Amtsgericht in der Provinz, wo die Richter sich herumschlagen müssen mit juristisch eher banalen Fällen, wie Beleidigung, Körperverletzung oder Hausfriedensbruch. Kleinkriminalität, die die Staatsdiener in die Rolle von Sozialarbeitern drängt.

Zurück zur Gerichtshow. Auch Staatsanwälte schreien keine Angeklagten oder Zeugen an, schon gar nicht kurz nach Verhandlungsbeginn. Sie liefern sich keinen Privatdisput mit dem Verteidiger, versuchen nicht verzweifelt witzig zu sein oder rufen einfach in die Verhandlung hinein, sondern warten, bis ihnen der Vorsitzende das Wort erteilt.

Ein Richter oder eine Richterin schauen nicht wortlos zu, wenn die Angeklagte verbal auf die Zeugin losgeht oder die Zeugen selbst nach Lust und Laune herumkrakeelen. Erst recht nicht, wenn sich jemand, der nicht Partei ist, von der Zuschauerbank wortlaut in die Verhandlung einmischt. Wer sich in realen Gerichtssälen so verhält, dem droht schnell ein Ordnungsgeld oder sogar eine Ordnungshaft wegen ungebührlichen Verhaltens.

Irgendwann mahnt auch Frau Salesch dieses Verhalten an, doch bis dahin haben sich die Prozessteilnehmer schon eine ganze Weile unglaubwürdig aufspielen dürfen. Teilnehmer übrigens, die in der Mehrzahl nuttige Kleidung tragen, ärmelose Hemden und kurze Hosen. Ihre grell geschminkten Fratzen, kaugummikauenden Münder und Tattoos dürfen sie im Gerichtssaal um die Wette präsentieren. Jenen Paragraph der Strafprozessordung, der kurze Hosen vor Gericht verbietet, scheinen die Macher der Gerichtsshow gerade nicht greifbar zu haben.

Dass der Staatsanwalt wie von der Tarantel gestochen von seinem Sitz aufspringt, laut brüllend auf den Angeklagten zurennt und ihm vemeintliche Beweisfotos vor die Nase hält, um ein Geständnis zu erzwingen, mag sich gut in Hollywoodschinken machen und dort die Spannung steigern. Nichts zu suchen hat dies in Gerichtsshows, die vorgeben, die Realität wenigstens einigermaßen widerzuspiegeln und das Bild prägen von deutschen Gerichten in der Öffentlichkeit.

Auch wenn andere Fernseh-Formate in die gleiche Kerbe schlagen (das Jugendgericht, das Strafgericht, das Familiengericht oder Richter Alexander Hold), bei Frau Salesch spielt sich alles noch zwei Nummern größer ab.

Gerichtsprozesse entscheiden sich in der Praxis nicht dadurch, dass ein unerwartet auftauchender Zeuge in letzter Sekunde dramatisch in den Gerichtssaal stürmt und unglaubliche Aussagen macht, die dem Fall eine völlig überraschende Wendung geben.

Auch nicht durch Rechtsanwaltsgehilfen, die in Privatdetektiv-Manier auf eigene Faust ermitteln. Sie entscheiden sich in der Regel ganz nüchtern nach Aktenlage, weil erfahrene Anwälte ohnehin wissen, wo es Sinn hat, etwas abzustreiten oder zuzugeben, ob sie also „hart“ oder eher „weich“ verteidigen und deshalb meist schon vorher Deals aushandeln mit den Justizbehörden.

Zum Beispiel: Wenn der nicht vorbestrafte Angeklagte aussagt und voll geständig ist, kommt er mit einer Bewährungsstrafe davon.

Oder umgekehrt: ist die Beweislage dünn und eine Verurteilung eher unwahrscheinlich, stellt der Staatsanwalt das Verfahren gegen eine Geldbuße ein. So wird im juristischen Alltag in vielen Fällen (Mord natürlich ausgenommen) verfahren und nicht, indem alle Beteiligten im Gerichtssaal die Sau herauslassen und wer am Lautesten brüllt, bekommt Recht.

In einer Talkshow zu ihrer Rolle als Fernsehrichterin befragt, räumte Salesch ein: „Fernsehen ist etwas anderes...das hat mit Justiz und Alltag, wie ich es vorher hatte, nichts zu tun.“ Warum Barbara Salesch, die erste deutsche Fernsehrichterin, sich dann für dieses Schmierentheater hergibt, kann nur sie selbst beantworten. Nach eigenem Bekunden ergriff sie die Chance zur Fernsehkarriere, um ein neues Richterbild zu prägen. Vielleicht weiß die Antwort auch ihre damalige Präsidentin des Hamburger Landgerichts, die ihr beim „Bierabend" riet: „Das wäre was für Sie.“

1999 fing Salesch als Zivilrichterin beim Fernsehen an und wurde schnell bekannt, weil Ex-Metzger Stefan Raab einen Rechtstreit ihrer Show zu seinem Hit Maschendrahtzaun verwurstelte.

Aber Salesch erkannte bald: „Zivilrecht ist uninteressant in den Medien, wir haben in den Medien generell Strafrecht, es muß bluten... und schon guckt man zu.“

Auf das Thema Medien ist Salesch sehr focusiert, nach 1.500 Sendungen identifiziert sie sich völlig damit. Warf Sie mit der neuen Rolle auch ihre Ideale über Bord?

Jedenfalls scheint sie auf ihre Fernsehkarriere sehr stolz zu sein und bedauert, dass ihre Eltern diese nicht mehr mitbekommen haben. (Ihr Vater starb zwei Jahre vor Beginn ihrer TV-Tätigkeit, ihre Mutter erkrankte an Alzheimer.) Konsequenterweise zieht es Salesch nach ihrer Fernsehkarriere nicht mehr zurück in den realen Gerichtssaal. Mit leuchtenden Augen erzählt sie, dass sie die 2.000 Sendung anstrebe. Hoffen wir nur, dass sie sich bis dahin nicht wie Rumpelstilzchen vor Wut selbst zerreisst.

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The Big Eden, 1 DVD

Peter Dörfler , Rolf Eden
DVD Video
Erschienen bei Senator, 08.05.2012
ISBN 0886919377699
Genre: Romane

Rezension:

Rolf Eden, der sieben Kinder von sieben Frauen hat, folgt dem Playboy-Image solange er denken kann. Immer gebräunt, immer Anzug mit Einstecktuch und Seidenhemd, immer mit Rolls Royce und immer schon reich.

Der gebürtige Berliner kehrt nach dem Zweiten Weltkrieg aus Israel zurück, jobbte ohne Schulabschluss in Paris und Berlin als Kellner, Sänger und Jazz-Pianist. 1957 eröffnete er in der Nähe des Berliner Kurfürstendamm sein erstes Lokal, den "Eden-Saloon" (später "Old Eden" genannt), der zur Nightlife-Attraktion wurde in West-Berlin. Die Idee des Striptease brachte Eden aus Paris mit. Neu kam hinzu, dass er in seinen Bars Filme zeigte. Im sperrstundenfreien Berlin folgten das "New-Eden" (1961), der "Eden-Playboy-Club" (1966), das "Kabarett Schlüsselloch" (später "Blue Tattoo") und 1967 das "Big Eden".

Für kurze Zeit auch noch das "Eden Theater". 1978, auf dem Höhepunkt des Discofiebers kopierte Eden das New Yorker "Studio 54" und eröffnete die Megadisco "Discomania", welche zwei Jahre später wieder geschlossen wurde.

„Was soll`n wir reden - gehen wir ins Eden.“, warb Sascha Hehn in einem Fernsehwerbespot für das Big Eden auf dem Ku`damm. „Berlins Discothek Nummer 1“ nannte sie sich in den Achtzigern ganz unbescheiden. Es existiert noch heute, auch wenn Eden die mittlerweile zur Touristenabsteige heruntergekommene Disco 2002 verkaufte und sich geschäftlich ganz seinen 26 Mietshäusern widmet.

Die meisten seiner Nachtlokale benannte Eden nach sich. Schon damals sah er sich als Werbeträger von Etablishements, deren Betriebsart nicht immer eindeutig zu bestimmen war. Der Begriff „Tanzbar“ mag für vieles stehen: für klassische Discotheken, in denen getanzt wird (Big Eden), genauso wie für Striplokale (New Eden), wo Eden manchmal im Überschwang der Gefühle zu seinen Tanz-Girls auf die Bühne stürzte. Oder er ließ eine Striptease-Tänzerin von einem Pferd mit dem Maul ausziehen.

Nachtlokal, Discothek, Tanzbar, Bar, Cabaret. Die Grenzen waren fließend und in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts galt Eden als Nachtclub-König von Berlin. Zu den Gästen seiner Clubs zählten internationale Stars wie die Rolling Stones, Paul McCartney, Shirley MacLaine, Telly Savalas („Kojak“) oder Leonard Bernstein. Später Arnold Schwarzenegger und Brigitte Nielsen.

Dabei scheint Eden seine Nachtclubs mehr für sich privat gebraucht zu haben, denn zum Geldverdienen. Sie schienen ihm die leichteste Art, Frauen kennenzulernen, zumindest jene Sorte Frau, die Eden bevorzugt. Oft landete die Gewinnerin seiner Mißwahlen (Miss Berlin, Miss Germany, Miss Filmfestspiele, Miss Busen) erst in seinem Bett und dann in seinem Harem.

Zwei Jahre nachdem Eden seine erste Bar eröffnet hatte, begann er eine Karriere als Schauspieler. Er wirkte in etwa dreißig Filmen mit, darunter so künstlerisch-wertvolle wie "Schamlos", "Drei Lederhosen in St. Tropez", "Ich, ein Groupie" (mit Ingrid Steeger), "St. Pauli Nachrichten", "Josephine, das liebestolle Kätzchen" oder "Der Mann mit dem goldenen Pinsel".

Den Oscar gewann Eden nicht, doch dafür galt er bald als Spezialist fürs „Abschleppen“. Gerne gibt er zum Besten, dass er jenen Begriff überhaupt erst erfunden habe.

Irgendwann in den siebziger Jahren erwarb Eden seine Junggesellenbude in Berlin-Grunewald, einen 280 Quadratmeter großen Bungalow, dessen Schlaf- (oder sollen wir besser sagen „Arbeitszimmer“?) ganz im Zeichen von Edens Hobby und Beruf steht: Im Eingangsbereich ein zentraler Schalter für Licht und Musik, die Einrichtung im Sexfilm-Stil der Siebziger, schwarz-goldene Hausbar überdimensionales Bett als Spielwiese, Spannteppiche und Sofas, die Wände aus getrübtem Spiegelglas und natürlich eine verspiegelte Decke.

Dort will Eden viele seiner dreitausend Frauen verführt haben. Wieviele genau kann wohl nur Eden sagen, denn der führt über seine Affären Buch. Trotz dieser Buchführung kommt es in der Familie Eden manchmal zu Verwirrungen. Rolf, der meist fünf bis sieben Freundinnen gleichzeitig hat, teilte sich zweitweise eine Berliner Maklerin mit seinem Sohn Alexander. Damit Eden mit seinen ganzen Nummern nicht durcheinander gerät, nennt er seine Freundinnen nicht mit Namen, sondern verpasst allen das gleiche Kosewort „Cherie“.

2007 wurde Rolf Eden noch einmal rückfällig als Schauspieler und übernahm in der US-Fernsehproduktion des Women Channels eine Rolle als Frauenarzt. Praktischerweise stellte er für die Produktion sein Privathaus zur Verfügung inklusive Schlafzimmer und dem geschichtsträchtigen Bett.

Wie lässt sich das Image von Rolf Eden, dem „Sexprotz“ (Die Süddeutsche) auf den Punkt bringen? Vielleicht mit einem jüdischen Witz, der, leicht abgewandelt, auf Eden zutreffen mag:

Ein 80-jähriger Berliner sucht die Praxis eines Urologen auf und klagt über Potenzprobleme. „Aber in ihrem Alter ist das doch völlig normal.“, beruhigt ihn der Arzt. „Ja schon“, antwortet der 80-jährige, „aber mein Freund, Rolf Eden, ist genauso alt als ich und sagt, er habe noch drei Mal Sex pro Woche“. „Nun“, meint der Arzt lakonisch, „dann sagen Sie es doch auch!“

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Der Bohlenweg

Dieter Bohlen
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Heyne, 01.03.2010
ISBN 9783453601550
Genre: Sachbücher

Rezension:

Bohlen hat zwar BWL studiert, aber nicht immer so ganz aufgepasst. Auf Seite 385 unten schreibt er:

"Ich glaube, dass wir mit Daniel das Maximum erreicht und das Minimaxprinzip optimal angewendet haben. Man soll mit minimalem Einsatz das Maximum herausholen. Genau das haben wir gemacht."

Genau das hat Dieter Bohlen bestimmt nicht gemacht, weil das nämlich gar nicht möglich ist. Wer unter dem ökonomischen Prinzip das Anstreben maximalen Resultates bei minimalem Aufwand versteht, begeht den größten Fehler betriebswirtschaftlichen Denkens überhaupt. Dieses Ziel ist nicht lösbar! Die Leser mögen einmal versuchen, folgendes Ziel zu erreichen: Durcharbeiten eines Buches bei minimalem Zeitaufwand und gleichzeitiges Anstreben maximalen Lernerfolges.

Beides gleichzeitig ist nicht möglich: Entweder ist der Ertrag vorgegeben und ich versuche ihn mit minimalem Aufwand zu erreichen, oder aber ich will aus einem bestimmten Aufwand das Maximale herausholen. Beide Größen, Aufwand und Ertrag, gleichzeitig zu optimieren, ist nicht möglich. Auch nicht, wenn man Dieter Bohlen heisst.

Bohlens Stärke liegt denn auch nicht in der allgemeinen BWL, sondern im Marketing. Zweifelsohne hat er es darin zur Meisterschaft gebracht: im Marketing, nicht in der Musikkunst. Das Anpreisen seiner Produkte beherrscht er in Perfektion. Auf einem Blue System-Konzert forderte er sein Publikum ein halbes Dutzend Mal auf, seine CDs im Handel zu erwerben.

Entsprechend der Marketinglehre hat Bohlen auch alle seine Musikhits konzipiert, seien es die von Modern Talking, von Blue System, von den Superstars oder die vieler anderer Künstler, die er produziert hat:

1. Zielgruppe festlegen: am lukrativsten ist die untere bis mittlere Mittelschicht, weil die zahlenmäßig am größten ist.

2. eingängige Melodie wählen: keine komplizierten Kompositionen (Ohrwurmeffekt).

3. gefällige Titel, die leicht zu merken sind: mit Anfangsreim und vielen Vokalen

 (Cherie Cherie Lady, Lady Lai, Laila).

4. leicht verständliche Texte: Lovesongs mit wiederkehrender Thematik („dem Alltag entfliehen“).

5. englische Texte: am leichtesten zu singen und mitzusingen, international verständlich, somit größeres Marktpotenial.

6. tanzbar, damit sie in Diskotheken gespielt, häufiger gehört und dadurch nachgefragt werden (Kauf des Produkts).

7. attraktive Künstler, denn die Verpackung machts („Sex sells“).

8. romantische Covergestaltung: karibische Ferienorte (Maledivien), Sonnenuntergänge, Luxuskarrossen (Marketing-Regel aus dem Lehrbuch: Das Produkt muss in Form und Farbe den Erwartungen des Abnehmers entsprechen).

9. aus einem Erfolgshit viele ähnliche Titel herauspressen (Minimal-Maximal- Prinzip der BWL).

Bohlens Musik ist die eines kühl kalkulierenden Verstandesmenschen, eine rationale Musik. Es ist keine, Musik, die aus der Seele kommt, wie beispielsweise jene von Michael Cretu, Elton John oder Stevie Wonder, und deshalb ist Bohlen auch kein echter Künstler.

Weder autorisiert ihn seine dünne Fiestelstimme zum Sänger (auch wenn sie bei Blue System dank Studio-Technik diabolisch klang), noch lässt seine geringe Bühnenpräsenz den Entertainer erkennen. Bohlen, auf der Bühne meist einfallslos gekleidet mit Jeans oder Lederjacke, deutet das Gitarrespielen nur an; schwenkt stets mit ausgestrecktem Arm zur Decke oder ins Publikum und imitiert mit Faxen das, was seine Musik eigentlich emotional in ihm auslösen sollte. Dabei grinsen seine gemeiselten Gesichtszüge aggressiv in die Kamera. Bei langsamen Titeln, die Bohlen am Klavier vorträgt, hat man stets den Eindruck, dass er Gefühle nur heuchelt. Ergriffen ist Bohlen nie, wohl aber weiß er, was sein Publikum erwartet.

So ist es kaum verwunderlich, dass die Musik des Dieter Bohlen wie „aus der Konserve“ klingt, weil sie „auf Halde produziert“ wurde, dass ein Titel wie der andere klingt, dass der jeweilige Interpret austauschbar bleibt. Sie ähnelt einem Industrieprodukt, das, einmal technisch optimiert, immer gleich sein sollte. Deshalb hören wir bei Bohlens schnellen Titeln fast immer den gleichen (tanzbaren) Foxtrott-Rhythmus, und seine langsamen Songs erinnern in ihrem eingängigen Grundmuster an "Alle meine Entchen".

Auch verwendet Bohlen sehr oft die gleichen Textbausteine: „I can see in your eyes“, „my dreams come true“ oder „I miss you so”. Abgenutzte Worthülsen, tausendmal gehört. Lücken in Melodie und Text füllt er aus mit „baby“ oder „oh babe“. Wiederholungen sind so unvermeidbar.

Beispielsweise taucht die Textzeile aus dem ersten Modern Talking-Hit "You`re my heart, you`re my soul" wieder auf in "Take me tonight" von „Superstar“ Alexander. Dort heißt sie in leicht abgewandelter Form: „I feel it in my heart, I feel it in my soul.” Beide Zeilen gleichen sich wie ein Ei dem Anderen, auch wenn fast zwanzig Jahre und zwei verschiedene Künstler dazwischen liegen.

Heart and Soul, Herz und Schmerz; der Kitsch, aus dem die Träume sind und Lieschen Müllers Musikgeschmack.

Dieter Bohlen gibt diesen Punkt seines Schaffens auch unumwunden zu, er hat damit überhaupt kein Problem. Bohlen komponiert zuerst den Titel und sucht dann nach einem geeigneten Künstler dafür. Bei echten Künstlern ist es jedoch genau umgekehrt. Zuerst müssen sie tief empfinden und suchen dann die musikalische Ausdrucksform für ihre Gefühle, ihr Leiden oder ihre Botschaft. Bohlen hingegen komponiert abstrakt, man könnte sagen, er zäumt das Pferd vom Schwanz auf. Nur so schafft er es, in einer Nacht ein ganzes Album zu komponieren. Es ist eine reine Fleißarbeit.

Bohlen ist nicht der erste „Künstler“, der Unterhaltungsprodukte nach industriellem Schema fertigt. Romanautor John Grisham erstellt seine Justizthriller nach gleicher Masche. Schon im 19. Jahrhundert strickte die Schriftstellerin Hedwig Courths-Mahler auf diese Weise 200 Liebesromane. Weit über 700 Schmonzetten schaffte die Engänderin Barbara Cartland. Auch Georges Simenon fabrizierte seine 400 Krimis im 14 Tage-Rhythmus. Etwa die gleiche Anzahl produzierte bisher der Österreicher Thomas Brezina, der bei Kinderbüchern den Dreh raus hat.

Wenn Bohlen sich in diesem Punkt vehement wehrt, seine Titel könnten nicht alle gleich klingen, weil er Musik für ganz unterschiedliche Künstlertypen geschrieben habe: Für Blue System und Roy Black, für Bonny Tyler und Peter Alexander, für die Wildecker Herzbuben und Chris Norman; so hat er insofern recht, dass er über ein „Produktsortiment“ verfügt. Trotzdem ist allen seinen Kompositionen gemeinsam, dass das Kunstprodukt vom Ende her entwickelt wurde. Seine Titel sind alle exakt zugeschnitten auf Zielgruppen, also kommerziell.

Dank seines Marketingtalentes, seinem Gespür für den Zeitgeist und seiner Wendigkeit ist es Bohlen gelungen aus einem mittelmäßigen Produkt (seiner Musik und seiner Person) einen Hit zu machen.

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sachbuch, bergsteiger, nanga parbat, abenteuer, reinhold messner

Der nackte Berg

Reinhold Messner
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.06.2003
ISBN 9783492239219
Genre: Sachbücher

Rezension:

In der Talkshow "Nachtcafe" mit Moderator Wieland Backes wollte sich Messner einmal vor Jahren auf seine so typische Art in Szene setzen. Da Backes zu den (eher seltenen) Talkshow-Moderatoren gehört, die etwas im Kopf haben, war er nicht gewillt, sich von Messner sang- und klang- und kommentarlos zuschwallen zu lassen und stellte ihm eine Frage, die an der Psyche des Bergsteigers kratzen sollte: Ob es denn nicht sein könne, so Backes, dass Messner auch eine Mitschuld trage am Tod seines abgestürzten Bruders Günther, weil dieser sich beim gemeinsamen Aufstieg zum 8.125 Meter hohen Nanga Parbat auf seinen älteren Bruder Reinhold verlassen habe. Eine Verantwortung also, der Messner entweder nicht nachkommen wollte oder gar nicht konnte.

Jene Frage also, die Wieland Backes an Reinhold Messner stellte, ob denn bei Messner nicht auch eine gehörige Portion Selbstsucht und Eitelkeit mit im Spiel sei, die ihn zwar zu Höchstleistungen antreibe, die aber auch, wie im Falle seines Bruders, sehr gefährlich und bedenklich sei, geruhte der „Star der Berge“ in keiner Weise zu beantworten. Statt dessen nahm er einfach das gefallene Stichwort „Tod“ auf und philosophierte munter drauf los: Ja, der Tod sei ein Phänomen, das ihn ungeheuer fasziniere und vor dem er auch überhaupt keine Angst habe. Nur durch den Tod, nur durch das Ende der Fahnenstange, existiere doch überhaupt erst das Leben und wer den Tod verneine, der verneine das Leben und so weiter in der Art und mit dem Unsinn... Messner, der Philosoph. Frage nicht beantwortet.

Die genauen Umstände des Todes von Günter Messner, Reinholds jüngerem Bruder, sind nach wie vor ungeklärt. Er kam 1970 in Pakistan um und wurde erst Mitte Juli 2005 geborgen, als Gletcherleiche auf rund 4.600 Meter Höhe. Der offene Streit wegen Günthers Tod wird zwischen Messner und seinen Ex-Kameraden seit vielen Jahren erbittert geführt. Messner wirft seinen ehemaligen Kollegen Rufmord vor, weil sie seine Version des Bergunfalls anzweifeln.

Was wirklich geschah am Nanga Parbat, zwischen Messner und einem damals 24-jährigen Bruder, lässt sich von keiner Seite beweisen. Sicher ist nur, dass Günther Messner am 27. Juni 1970 dem allein zum Gipfel aufgebrochenen Reinhold spontan nachstieg. Er holte ihn ein und beide erreichten den Gipfel. Was dann passierte, bleibt Spekulation. Nach Messners Schilderung stiegen die Brüder, wegen des schlechten Gesundheitszustandes von Günther, über eine weniger steile, jedoch unerforschte Seite des Berges hinab. Irgendwo auf dem Weg nach unten wurde der hinter ihm gehende Günther, laut Bruder Reinhold, von einer Eislawine erfasst und stürzte in den Tod. Sechs Tage nach Beginn des Aufstiegs traf Messner wieder bei der Expedition ein. Seine Kameraden beschuldigten ihn, seinen Bruder allein im Berg zurück gelassen zu haben. Nach dem Unfall kam es zu schweren Auseinandersetzungen. Messner warf den Kameraden vor, ihm nicht zu Hilfe gekommen zu sein. Es kam zu vierzehn Prozessen, die Messner verlor.

Für Messner begann mit der Überschreitung des Nanga Parbat seine Weltkarriere als Bergsteiger. Seitdem hat Messner die Leiche seines Bruders drei Mal öffentlich präsentiert. Das erste Mal Ende Januar 2004, vor acht Mikrofonen. Es ging um Günthers Wadenbein und Messner sagte: „Ich will endlich meine Ruhe haben.“

Im August 2005 barg Messner in Pakistan dann den Bergstiefel seines Bruders. Messner entnahm DNA-Proben, schmuggelte sie nach Europa und verbrannte die Knochenreste am Fuße des Nanga Parbat. Ein Fotograph dokumentierte die „Feuerbestattung“ und fünfzehn Leser der Wochenzeitung Die Zeit durften als Zeugen die Trauerfeier begleiten. Als die Gerichtsmedizin Innsbruck bestätigte, dass die Gewebeproben von seinem Bruder stammten, sagte Messner: „Günther soll seine Ruhe behalten.“

Die Ruhe hielt genau ein Jahr. Im August 2006 reiste Messner mit fünfundzwanzig Angehörigen nach Pakistan und wohnte einer erneuten Feuerbestattung seines Bruders bei. Der Gletscher hatte mittlerweile den Kopf von Günther Messner freigegeben. Aber Messner ging es nicht nur um Trauerarbeit. Außer seiner Großfamilie begleitete ihn ein Dokumentarfilmer des Bayerischen Fernsehens und das Team des Filmemachers Joseph Vilsmaier (Herbstmilch, Schlafes Bruder). Messner hatte Vilsmaier dazu eingeladen, aus der Tragödie seines Bruders einen Film zu machen. Sogar die Schlusseinstellung stand schon fest: die trauernde Familie versammelt sich um den Kopf von Günther Messner, der in Flammen aufgeht.

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kurzgeschichten, woody allen, marilyn monroe, billy wilder, sachbuch

Karambolagen

Hellmuth Karasek
Flexibler Einband: 287 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 01.12.2003
ISBN 9783548364940
Genre: Sonstiges

Rezension:

Das ideenärmste Buch, das man sich vorstellen kann. Karasek zählt einfach alle prominenten Namen auf, die er in seinem Journalistenleben kurz gestreift hatte. Billy Wilder, über den er eine Biographie geschrieben hatte, gleich dreimal. Steven Spielberg, Günter Grass (zweimal), Peter Handke, Friedrich Dürrenmatt, Heinz Rühmann, Romy Schneider, Marlene Dietrich, Wolf Biermann, Helmut Kohl und andere.

Aggressives Namedropping, getragen von Geltungsbedürfnis, denn die kurzen Essays von zwei, drei Seiten sind an Banalität kaum zu überbieten. Zwei Fälle seien hierfür exemplarisch gewählt.

Seine Begegnung mit Brigitte Bardot beschränkte sich darauf, dass er sie, den Wunschtraum seiner Jugend, beim Urlaub in St. Tropez einmal am Strand von weitem gesehen habe. Von weitem!

Laut Karasek habe B.B. ihm zugenickt und gelächelt. Oder hat Karasek sich dies nur eingebildet? Haben zwanzig Jahre die Erinnerung womöglich verklärt?

Karasek schlief auch nicht im Bett von Marilyn Monroe, wie er in der Kapitelüberschrift suggeriert. (Schon gar nicht gleichzeitig mit ihr, wie mancher Leser vielleicht vermuten könnte.)

Karasek übernachtete in einer luxuriösen Bungalowsuite des Beverly Hills Hotel. Die Monroe „soll“ dort vor sechsundzwanzig Jahre auch übernachtet haben. Ob es genau die gleiche Suite-Nummer war, ist ebenso wenig bewiesen, wie die Frage, ob Maryiln Monroe in demselben Bett schlief wie Karasek.

Die Monroe könnte zwar im Hotel abgestiegen sein, aber woanders geschlafen haben. Oder das Bett könnte in den sechsundzwanzig Jahren ausgetauscht worden sein.

Zum Thema Bett berichtet Karasek noch stolz, er habe beim Dreh von Regisseur Woody Allen zusehen dürfen. Natürlich „eine sehr intime Szene, wo eine Frau und ein Mann miteinander ins Bett gingen“. Besagte Szene habe Woody Allen dann aber später aus dem fertigen Film herausgeschnitten, bedauert Karasek.

Und erst sein Schreibstil. Kein verrissener Autor des Literarischen Quartetts könnte jemals so schlecht formulieren wie Karasek. Sehen Sie sich einmal diesen Satz an (Seite 91, im Kapitel über Peter Handke, es ging um eine Tagung der Gruppe 47):

„Ich war erst zum zweiten Mal dabei und noch nicht so eingeschliffen in den Chor des als Regen über die Autoren nach der Lesung niederprasselnden Kritiker-Parlandos.“

Wo war bloß der Lekor?

„...in den Chor des als Regen über die Autoren nach der Lesung...“

Wieviele Substantive (nur durch Präpositionen getrennt) will Karasek denn noch aneinanderreihen?

 Schließen wir mit den Worten von Elke Heidenreich. Die frühere Moderatorin der ZDF-Büchersendung Lesen wurde im Focus gefragt, ob sie sich vorstellen könne, Hellmuth Karasek in ihre Sendung einzuladen.
„Nee“, antwortete sie.
Focus: „Warum nicht?“
Heidenreich: „Da hatten wir ja nun genug davon, all die Jahre. Das reicht erst mal.“

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karasek, flucht, vertreibung, autobiografie

Auf der Flucht

Hellmuth Karasek
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 13.02.2006
ISBN 9783548368177
Genre: Biografien

Rezension:

In seinen Memoiren plaudert Karasek über sich selbst und kann sich nicht so recht entscheiden, in welcher Richtung sein Pferd steht. Einerseits sei er ein „Trittbrettfahrer“ gewesen, den andere immer mitschleppten: Rudolf Augstein, Billy Wilder und natürlich Marcel Reich-Ranicki. Er sei der „Harry Klein“ des Kulturbetriebs gewesen; jener Harry, der bei Derrick den Wagen vorfährt.

Andererseits will er im Literarischen Quartett hinter den Kulissen entscheidend mitbestimmt haben, welche Bücher in der Sendung besprochen wurden. Den Rausschmiss der Kollegin Sigrid Löffler habe eigentlich er, der zahme Karasek, vorangetrieben. Grund sei Löfflers vernichtendes Urteil gewesen über den Spielberg-Film Schindlers Liste. Karaseks Leidenschaft fürs Kino ist bekannt.

Auch dass Reich-Ranicki seine Autobiografie Mein Leben schrieb, die ein fulminanter Bestseller wurde, habe Karasek maßgeblich angeregt („Das musst du aufschreiben“).

„Reich“, wie Karasek seinen Mentor nennt, hatte ihm übrigens einmal finanzielle Hilfe angeboten, als er Probleme mit dem Finanzamt hatte.

Karasek kommt auch auf seinen ehemaligen Freund Martin Walser zu sprechen. Walser verfüge über eine „erotische Lebensstrategie“ und habe sich „seine libidinöse Welt an den Bodensee geholt“, sogenannte „Literatur-Groupies“.

In seiner Biographie erfahren wir auch, dass Karasek im Vahinger Schwimmbad „über die vielen Fettbäuche der Männer erschrak“; und, dass er seine Frau betrog und sie ihn.

Erotik ist und bleibt das Lieblingsthema des Kulturprofessors, im Quartett noch relativ bescheiden: „Ein hocherotisches Buch“, jubelte Karasek, als der Roman "Mann und Frau" der Israelin Zeruya Shalev besprochen wurde. In seiner Autobiographie dann wieder so: „Ich hatte die Tochter des Hausbesitzers gewonnen und weiß noch, dass ich das erste Mal mit einem Interruptus beendete, wie Onan im Alten Testament, nur ohne Wüstensand.“

Und für alle, die jetzt Mitleid mit dem armen Karasek haben:“... und mir das Mädchen als zweites Mal eine Fellatio anbot, absolut verhütungssicher.“

Karasek schildert uns die Begegnung mit einer amerikanischen Studentin in den fünfziger Jahren in Tübingen. Er wurde von ihr zum Tee eingeladen, musste dort auf die Toilette und lässt seine Leser wissen, dass er „im Stehen pinkelte“. (Wie interessant, Herr Karasek. Das richtige Thema für seine Memoiren.)

Alsbald trat der Supergau ein, denn „die Toilette war verstopft“, Karsek spülte noch einmal und es „kamen Exkremente“, die die Kloschüssel „bis zum Rand füllten.“

Und Karasek? Was machte er, während die Studentin mit dem Tee auf ihn wartete? Sie ahnen es schon. Karasek „starrte auf die Kloake“, zog Jacke und Hemd aus und „beseitigte mit dem nackten Arm die Verstopfung.“

Also, wenn wir das nächste Mal einen Klempner brauchen - wen laden wir dann wohl zum Tee ein?

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kassenpatient, ärtzefehler, krankenhaus, götter in weiß, 2.ter klasse patient

Kliniken und Nebenwirkungen

Paul Brandenburg
Flexibler Einband: 208 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 19.02.2015
ISBN 9783596197590
Genre: Sachbücher

Rezension:

Dr. Brandenburg ist Notfallmediziner. Genauso schreibt er auch. Das Wesentliche schnell auf den Punkt gebracht; die nackte Kerninformation ist es, die zählt. Es werden nicht alle möglichen Gegen-Standpunkte ausdifferenziert, sich nicht nach allen Seiten umständlich abgesichert (einerseits...andererseits). Dies ist keine wissenschaftliche Studie, kein akademischer Schreibstil.
Nein, Dr. Brandenburg hat zu allen Themen im Buch eine klare Meinung und die äußert er unmißverständlich. Dabei mag einiges unter den Tisch fallen, mancher manches vermissen. Es ist das Recht des Autors aus seiner eigenen Erfahrung zu schöpfen. Quellen müssen vor allem von Journalisten benannt werden können, die sich von außen (als "Fremde") einem Thema nähern.

Fünf wichtige Kapitel im Buch sind: die Frage der KV (privat oder gesetzlich?), das Abrechnungssystem der Krankenhäuser (Fallpauschale), die Notaufnahme, mögliche Behandlungsfehler und die Frage, inwieweit der Patient selbst dazu beiträgt das Gesundheitssystem zu überlasten (ungesunde Lebensweise). Hier erfährt der Leser Erhellendes, Wichtiges und Neues.
Auf Unmut (vor allem bei Chefärzten) dürfte Brandenburg mit seinem Kapitel 43 stoßen (Warum wehren Ärzte sich nicht gegen die Zustände im Krankenhausbetrieb?). Zitat: "In Deutschland gibt`s in der Frühbesprechung prinzipiell einen Glassplittereinlauf".

Formulieren und schreiben kann der Autor auch. Beispielsweise: "Wie der Kommunismus scheitert aber auch die DRG-Theorie an der menschlichen Natur..."(S. 52).
Am deutlichsten zeigt er dies im letzten Kapitel seines Buches ("Sterben müssen"). Sehr berührend sind seine Erfahrungen mit dem Tod. Gegen Ende des Buches heisst es metaphorisch:
"Manchmal wartet man lange auf ihn und atmet auf, wenn er endlich da ist. Manchmal sieht man ihn gar nicht ins Zimmer kommen, auch wenn man die Tür genau bewacht."
Und der Autor bietet Trost:
"Den Weg des Sterbens müssen Sie nicht allein gehen, egal wie lang er sich ziehen mag. Nur den allerletzten Schritt, aber der ist ganz kurz."
Und dann die Schlußzeile: "Sie gehen nur vor. Wir anderen folgen Ihnen sehr bald."

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Simon Wiesenthal

Tom Segev , Markus Lemke
Fester Einband: 574 Seiten
Erschienen bei Siedler, W J, 31.08.2010
ISBN 9783886808588
Genre: Biografien

Rezension:

Eine gute Biographie, eine Fleißarbeit, die sich leicht lesen lässt. Keine Verklärung der Person Wiesenthals, auch persönliche Eitelkeiten kommen zur Sprache.

Wiesenthal, Überlebender von zwölf Konzentrationslagern und Leiter des Jüdischen Dokumentationszentrums in Wien, suchte nach dem Zweiten Weltkrieg nach ehemalige Nazigrößen. So wurde unter seiner Mitwirkung Adolf Eichmann in Buenos Aires 1960 verhaftet. Auch andere KZ-Aufseher und NS-Verbrecher spürte Wiesenthal in Südamerika, Kanada und den USA auf.

Wiesenthals Arbeit war relativ unspektakulär. Sie glich der eines passionierten Sammlers. In mühevoller Schreibtischarbeit trug Wiesenthal viele Informationen geduldig zusammen. Dabei handelte es ich überwiegend um die Erlebnisse ehemaliger Lagerinsassen über ihre Folterer, mündlich überliefert oder schriftlich protokolliert. Den darin enthaltenen Hinweisen ging der „Nazijäger“ Wiesenthal nach. Er verdankte seine Erfolge seinem photographischen Gedächtnis und der kriminalistischen Kombinationsgabe, mit der er die verschiedenen Zeugenaussagen zu einem Puzzle zusammensetzte. Durch das Auswerten unzähliger Briefe entstand eine einzigartige Sammlung, ein Archiv von Schauplätzen, Ereignissen und Namen.

Hatten sich dank dieser Sisyphusarbeit Namen und Spuren ehemaliger Täter herauskristalliert, begann für Wiesenthal erneut eine Odysee: die nervenaufreibende Auseinandersetzung mit Behörden und Dienststellen im In- und Ausland. Diese galt es nun zu überzeugen, dass fundierte Hinweise auf ehemalige Kriegsverbrecher vorlagen. Erst dann konnte er für deren Verhaftung und Auslieferung zu sorgen. Viel Detailarbeit, Geduld und Glück waren ausschlaggebend für den Erfolg.

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musik, thomas anders, sänger, hundert prozent, karriere

100 Prozent Anders

Thomas Anders , Tanja May , Thomas Anders , Thomas Anders
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei KOCH International, 19.09.2011
ISBN 9783708105178
Genre: Biografien

Rezension:

Nein, es ist keine Abrechnung mit Dieter Bohlen geworden, auch wenn sich das Thema erwartungsgemäß wie ein roter Faden durch das ganze Buch zieht. Thomas Anders ohne Modern Talking ist nun einmal nicht denkbar und Modern Talking ist eben auch - Dieter Bohlen.

Darüberhinaus gibt Anders persönliche Einblicke in sein Umfeld, seine Arbeit und seine aktuelle Karriere. Diese fusst (angesichts der Krise der Musikindustrie wegen illegaler Downloads) auf einer großen Anzahl regelmäßig zu absolvierender Lifekonzerte vorwiegend in den GUS-Staaten. Für Anders, den Künstler, ist diese Form der beruflichen Betätigung nur legitim; Bohlen, das Marketing-Genie mit der großen Klappe, bleibt auf das Medium Fernsehen zurückgeworfen.

Sehr interessant und durchaus neu sind die vielen häuslichen Eindrücke, die Anders uns vermittelt. Immer deutlicher schält sich beim Lesen heraus: Anders ist nicht nur Familienmensch, er ist, trotz zahlreicher Reisen, ein sehr häuslicher Mensch. Wohnkultur spielt eine große Rolle in diesem Buch, damit einhergehend: Esskultur und Freundeskultur. Es wird eingeladen, geschlemmt, getrunken und genossen. Luxus dient zur Erleichterung des Lebens, nicht zum Ausspielen von Macht und Überlegenheit gegenüber Konkurrenten. Anders, fern jeglicher neurotischen Erfolgsbessenheit à la Bohlen, hat seine Work-Life-Balance längst gefunden. Ein Mensch, der sich zu seinen Fehlern in der Vergangenheit nicht nur bekennt, sondern, völlig zu Recht, mit sich im Reinen ist.

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frank farian, musik, neid, weniger als 1 stern, dieter bohlen

Stupid Dieser Bohlen

Frank Farian , Dieter Kaltwasser , Reginald Rudorf
Flexibler Einband: 370 Seiten
Erschienen bei Franks Kleiner Buchverlag
ISBN 9783980953108
Genre: Sachbücher

Rezension:

Der „Diidäär“ aus Oldenburg ist zweifellos eine der zwiespältigsten Personen der deutschen Unterhaltungsbranche. Einerseits hat er sich selbst zum größten Musikproduzenten-Genie seit Mozart stilisiert, (was ihm von Teilen der Öffentlichkeit sogar abgenommen wird), andererseits weist er gravierende menschliche Defizite auf.

Wer Bohlen mit Kritik begegnet, seien es aktuelle oder ehemalige Kollegen aus der Musikbranche, wird von ihm meist sehr schnell platt gebügelt, mit dem Hinweis auf deren

a) entweder überhaupt nicht vorhandenen oder

b) nicht mehr vorhandenen oder

c) viel geringeren Erfolg.

Bei einer Größenordnung von über 160 Millionen verkauften Tonträgern und mindestens den gleichen Betrag als Eurovermögen - ein Totschlagargument. Wer Dieter am Zeug flickt, so Bohlens Sicht der Dinge, kann nur von einem motiviert sein: Er ist neidisch. Punkt. Wäre dem nicht so, würden diese „Hanseln“ doch gar nicht erst versuchen, an Bohlens Renomée zu kratzen. Wer soviel Erfolg hat, muss sich ja wohl nichts von irgendwelchen „Losern“ sagen lassen. Bohlens „Personality“, wie er sie in seinem Buch "Nichts als die Wahrheit nennt", kann nur die richtige sein, denn der Erfolg gibt Bohlen recht. Die anderen wissen halt nicht wie`s geht, weshalb ihnen Bohlen auch jeglichen Respekt versagt.

Kurzum, für Bohlen steht der Erfolg, das Materielle, (Anzahl der verkauften Tonträger/der Nummer 1-Hits in den Charts/der Zuschauer bei DSDS) an erster Stelle und wer selbst so sehr materiell ist wie Bohlen, der setzt bei anderen, das ist nur konsequent, ebenso materielle Motive voraus.

Die Produzentenkollegen Ralph Siegel und Jack White – wielange ist es her, seit sie einen Künstler in den Charts hatten? Stars wie Chris Norman oder Bonnie Tyler sollen gefälligst erst mal wieder wieder einen Hit landen, bevor sie ungefragt mitreden dürfen. Das hinter Bohlens Erfolg nachrangige Abschneiden seiner Branchenkollegen ist also, nach Bohlens Meinung, ursächlich für deren Unzufriedenheit und Frustration, die sich nur darin entladen kann, dass sie ihm, dem Poptitan am Zeug flicken.

So ist es nicht verwunderlich, dass die einzigen Menschen, die Bohlen akzeptiert, ja eventuell sogar als seine Vorbilder ansieht, Personen sind, die noch erfolgreicher sind als er: Frank Farian, was dessen Erfolg als Musikproduzent betrifft und Franz Beckenbauer, was dessen Prestige und Gefragtsein in den Medien angeht. Seit Bohlen bei Deutschland sucht den Superstar mitwirkt, gehört auch Simon Fuller dazu, der Erfinder der gleichnamigen Casting-Show. Bohlen bewundert an Fuller, dass dieser mit seiner Idee Milliardär geworden ist. Und natürlich noch Paul McCartney, das Urgestein der Popindustrie.

Dass der so vehement angestrebte Erfolg auch Menschlichkeit zulässt, dass soziale Harmonie trotz harter Konkurrenz möglich ist, solche Gedanken erscheinen Bohlen offenbar abwegig. Ein exzellentes Beispiel dafür, dass es auch anders gehen kann, ist übrigens Frank Farian.

Bohlen brüstet sich ja, um seinen Wert als bedeutender Musikproduzent zu unterstreichen, bei jeder Gelegenheit damit, über 160 Millionen Tonträger verkauft zu haben.

Nun, was soll Frank Farian da erst sagen? Farian hat über 850 Millionen Tonträger verkauft. Eine Anzahl, die sich kaum noch genau ermitteln lässt. 850 Millionen, fast eine Milliarde(!) verkaufter Tonträger. Bei weltweit über sechs Milliarden Menschen, bedeutet dies: Im Durchschnitt besitzt fast jeder achte Mensch auf diesem Planeten einen Hit von Frank Farian! Bohlen mag der clevere Hitproduzent eines Hamburger Musikverlages sein, der in den Achtzigern einen Trend konsequent zu nutzen wusste, aber Farian ist ein Genie. Farian wandelt über dem Wasser.

Egal, wie sehr Dieter Bohlen sich in seinem künftigen Musikproduzenten-Leben noch abstrampeln wird, Frank Farian kann er nie mehr einholen. Auch wenn man berücksichtigt, dass Bohlen ein Jahrzehnt jünger ist als Farian, die Differenz von rund 700 Millionen verkauften Tonträgern ist für Bohlen unmöglich zu schaffen und das weiß er auch.

Frank Farian hat in den USA, dem größten und schwierigsten Musikmarkt der Welt, ebenso viel Prestige und Erfolg wie in Deutschland, wenn nicht noch mehr. Doch wer in den USA oder England kennt Dieter Bohlen?

Bohlen ließ sich, seiner „Personality“ gemäß, vom Boulevard als Pop-Protz mit Rolls Royce, Mercedes und Millionen-Villa feiern. Home-Stories, die Bohlen nach Kräften unterstützte mit detaillierten Preisangaben über den Wert seiner Luxusgüter. Frank Farian meldet solche Autos mit Rücksicht auf den Neidkomplex in Deutschland gar nicht erst an und vom Musikkonzern CBS-Records ist zu hören, dass man dort noch nie einem so bescheidenen Menschen begegnet sei wie Frank Farian, der sich zum Mittagessen mit einem Käsebrötchen begnüge.

Bohlen besitzt einen akademischen Abschluss der Universität Göttingen, ist Diplom-Kaufmann. Farian ist gelernter Koch. Wieviel mehr Anlass als Dieter Bohlen hätte Frank Farian, sich auf seine Karriere etwas einzubilden?

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Der wahre Bankenschwindel und was man dagegen tun kann

Lanoo
Buch
Erschienen bei Books on Demand
ISBN 9783831140459
Genre: Sachbücher

Rezension:

Anders greift das herrschende Geld- und Zinssystem an und wieder geht es nicht ohne Verschwörungstheorien. Die Bundesbank, die Österreichische Nationalbank und die amerikanische Federal Reserve Bank sind laut Anders in Privatbesitz. Unser Geldsystem sei ein Schwindel, vergleichbar den Geld-Kettenbriefen, bei denen der kleine Mann der Dumme sei und man die dafür Verantwortlichen ins Gefängnis stecken müsse.

Anders ist der Meinung, dass man auf von Banken geliehenes Geld keine Zinsen zahlen müsste und natürlich sind die Profiteure des ganzen Systems „einige Bankiersfamilien“, unter diesen speziell „die Rothschild-Familie“. Anders weiß offensichtlich nicht, dass die Rothschild-Bank heute in der Finanzwelt fast keine Rolle mehr spielt. Waren die Rothschilds einst Bankiers der Fürsten und Fürsten unter den Bankiers, so sind sie heute nur noch Zwerge gegenüber den großen internationalen Finanzkonzernen. Längst sind die Zeiten vorbei, in denen die Initialen R.F. (Rothschild Freres = Gebrüder Rotschild) mit R.F. (Republique Francaise) gleichgesetzt wurden. Die nachfolgende Generation der

Rothschilds ist durch eine Reihe finanzieller Misserfolge in Verruf geraten. Die Rothschild-Beteiligungen der Erben beschränken sich nur noch auf Weinberge, Kunstschätze, Rennpferde, Paläste und Schlösser. Obwohl der Stern der Rothschilds schon lange verblasst ist, erliegt Anders dem Mythos von der „geheimen Macht“ einer jüdischen Hochfinanz. „Wie sich das der kleine Christian so vorstellt.“, hätte man im alten Wien gesagt.

Anders plädiert dafür, das zur Zeit „herrschende Geldsystem“ per Volksentscheid abzuschaffen und ein „zinsfreies“ Geldsystem einführen. Wie das im Detail funktionieren soll, ist Anders zu kompliziert zu erklären, deshalb verweist er an dieser Stelle auf sein Buch "Der Rubel muss rollen". Hierin verspricht er „die Lösung aller wirtschaftlichen, politischen und sozialen Probleme in der Welt“ und gibt den Lesern gleich eine Aufforderung mit: „Lesen Sie es, und erzählen Sie auch anderen davon!“ Die Bietigheimer Zeitung titelte daraufhin: „Vom Schlagersänger zum Finanzexperten“.

Nur soviel verrät Anders vorab, die wahre “Lösung aller Probleme in der Welt“, das sei eine „weltweite Geld- und Bodenreform“. „Geld muss zinsfrei werden, leicht an Wert abnehmen und wird damit in den Umlauf gezwungen“. Er will „Geldscheine mit Ablaufdatum“. Mit anderen Worten: Anders plädiert für eine galoppierende Inflation! „Wir brauchen zinsfreies Geld!“, fordert er und dieser Wunsch ist umso verständlicher, wenn man bedenkt, wie sich die Schulden von Christian Anders durch eben diese Zinsen seit vielen Jahren vermehrt haben dürften.

Hatte Christian Anders in der 1970er Jahren seine Multimillionen etwa zinsfrei bei der Bank angelegt? Wie muss man sich die damaligen Gespräche zwischen ihm und seinem Bankberater vorstellen?

Anders: „Hier sind sieben Millionen Mark, bitte lassen sie das Geld zinsfrei auf meinem Konto stehen! Nein, wirklich - ich möchte keine Zinsen!“ So etwa?

Und entgegnet der Banker vielleicht: „Aber Herr Anders, bei sieben Millionen Mark vermehrt sich ihre Vermögen ganz von allein. Selbst wenn wir ihnen nur ein halbes Prozent Zinsen pro Jahr auf ihrem Konto gutschreiben, macht dies bereits einen Betrag aus von...“

Anders daraufhin aufgebracht, bereit dem Bankier an die Gurgel zu gehen: „Schweigen Sie! Noch ein Wort und ich zieh` mein Geld ab und such mir `ne andere Bank.“

Der Banker ratlos: „Aber Herr Anders, die zahlen ihnen doch auch Zinsen...“

Hat Christian Anders also damals die Millionen unter der berühmten Matraze geparkt? Oder im Kofferraum seines Rolls Royce? Einmal hat Anders einen Koffer mit umgerechnet 250.000 Euro am Berliner Flughafen einfach „vergessen“, erzählte Dieter Thomas Heck. War dies ein verzweifelter Versuch, den verhassten Zinsen zu entgehen?

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Der Rubel muss rollen

Christian Anders , Christian Anders , Norbert Schenkel
Flexibler Einband: 227 Seiten
Erschienen bei Straube, Elke, 01.02.2009
ISBN 9783937699158
Genre: Sachbücher

Rezension:

Anders plädiert in seinem "Wirtschaftsbuch" für eine „Grund- und Bodenreform“: „Grund und Boden sollten jedem gehören“. Plädiert Anders für den Kommunismus? Ein paar Zeilen weiter die Bestätigung: „Grund und Boden muss der Gemeinde gehören.“ Doch Anders räumt überraschend ein: der Kommunismus habe uns ja bewiesen, dass „gemeinsamer Besitz von Grund und Boden nichts bewirkt“. Deshalb brauchen wir eine „Kombination aus privater Nutzung und gemeinschaftlichem Besitz“. Klingt wie „ein bißchen schwanger“.

Irgendwie will Anders die „Ineffektivität der Planwirtschaft“ durch Erbpachtrecht vermeiden. Vehement fordert er: „Die Spekulation mit Boden und Geld muss aufhören!“ Weiß Anders denn nicht, dass bereits jeder spekuliert, der sich Gedanken über die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung macht? Und sei es nur, dass er den Kauf eines Kleidungsstücks verschiebt bis zum Sommerschlussverkauf.

Anders prangert „Wachstum“ als Unwort des Jahres an und verweist auf die „Humanwirtschaftspartei“, deren Mitglied er ist. Diese Kleinpartei sympathisiert mit der „Freiwirtschaftslehre“ von Sivio Gesell und plädiert, kurz gesagt, für einen dritten, schon oft gesuchten Weg, zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Stolz berichtete Anders vom „sensationellen Wahlerfolg“ dieser Partei in einem kleinen Städtchen in Sachsen: 638 Stimmen oder 3,4 Prozent in der Heimatgemeinde des Kandidaten.

Vehement jammert Anders über die Schulden der Dritten Welt, über die Pro-Kopf-Verschuldung der deutschen Bevölkerung genauso wie über die Gesamtverschuldung der Bundesrepublik Deutschland, um dann Sätzen zu schreiben wie: „Die Dritte Welt finanziert die erste Welt.“ oder „Man geht daran, die Armen abzuzocken.“ Auch den Friedensnobelpreisträger Mohammed Yunus, ein Bankier in Bangladesh, der Mikrokredite an die Armen vergibt, nennt er einen „alten Abzocker“. Wie soll das gehen? Die Armen abzocken? Wer das kann, muss ein Zauberer sein.

Anders „entlarvt die Urlüge des Kapitalismus“, nämlich dass jeder „vom Tellerwäscher zum Millionär“ aufsteigen könne, obwohl er doch genau dies nachweislich geschafft hat. Anders war zwar kein Tellerwäscher, sondern Elektroinstallateur, doch dafür schaffte er es zum Multimillionär.

Anders schaffte sogar noch mehr: er schaffte es wieder zurück und hinein in eine hoffnungslose Verschuldung. Auch dies ist eine Leistung, denn große Vermögen vermehren sich ja fast von allein. Nach eigenem Bekunden will Anders umgerechnet 20 Millionen Euro besessen haben. Das wären damalige 40 Millionen Mark gewesen (die Inflationsrate seit den 1970er Jahren nicht mitgerechnet).

Dann wäre Anders` Leistung, sein Vermögen verprasst zu haben, wirklich enorm, denn der Abstieg von 40 Millionen Mark in die Schuldenfalle ist alles andere als leicht.

Nach Anders „braucht“ der Kapitalismus „Arbeitslosigkeit und Armut“, um Profite machen zu können. Das ist ja mal eine ganz neue These. Also, je weniger Geld die Menschen im Kapitalismus haben, desto höher sind die Gewinne derjenigen, die ihnen etwas verkaufen? Interessant. Weil Anders das marktwirtschaftliche System offenbar nicht verstanden hat, fordert er zum Schluss die „Beseitigung des Kapitalismus.“

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So macht Geld glücklich!

Markus Frick
Flexibler Einband: 207 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 01.04.2006
ISBN 9783548368269
Genre: Sachbücher

Rezension:

In seinem drittes Buch ist der selbsternannte Guru, deutsche Börse hin oder her, mutiert zum univeralen Lebens- und Glücksberater. Frick gibt „persönliche Erfolgsgeheimnisse“ bekannt, „wertvolle Geldanlagetipps“ (für die, die nach dem Kurssturz noch welches haben) und eine „strategische Finanz- und Lebensplanung“. Das Thema Geld kommt nur indirekt vor, vorrangig geht es ums Leben allgemein.

Mehr Spaß und Glück durch Geld und Vermögen, wer wollte das abstreiten? Frick nennt sich jetzt „Geldliebhaber“ und spricht von „realistischen“ Zielen. Trotzdem verfällt er in die alten abgedroschen Sprüche: „Lieber reich und glücklich“ (als was? als arm und unglücklich?) und wird zum Schluss wieder großkotzig: „Lesen Sie dieses Buch und Ihr Glück wird sich nicht mehr verhindern lassen!“. Allerdings nur auf dem vagen Gebiet des Glücks, wo der Erfolg objektiv viel schwieriger messbar ist als an der Börse.

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Das Geld liegt auf der Straße

Markus Frick
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 01.07.2004
ISBN 9783548365800
Genre: Sachbücher

Rezension:

Auf dem Höhepunkt des neuen Marktes saß „Börsenguru“ Markus Frick bei Wieland Backes in der Talkshow "Nachtcafé" und verkündete: „Ich kann das Geld, das ich an der Börse gemacht habe, jederzeit wieder machen, weil - ich das Wissen habe.“ Niemand widersprach ihm.

Wahnsinn! Woher hatte Frick denn das Wissen? Er war gerade Mitte zwanzig und operierte seit zwei, drei Jahren hauptberuflich an der Börse. Noch bis vor ein paar Jahren hatte Frick die sprichwörtlichen kleinen Brötchen gebacken in der Bäckerei seiner Eltern im badischen Sinsheim, wenn auch als Produktionsleiter.

Worin besteht dieses geheimnisvolle Wissen? In einem Buch mit dem „seriösen“ Titel „Ich mache Sie reich - Der Mann, der Millionäre macht“ verrät uns der Börsenmotivator wie es geht:

1. Streuen Sie Ihr Depot nicht, kaufen Sie nur zwei bis drei Aktien.

2. Setzen Sie auf Kursraketen, also „heiße“ Technologieaktien des Neuen Marktes.

3. Begrenzen Sie Ihre Verluste mit Stop-Loss-Order. Und

4. Suchen Sie sich einen spesengünstigen Online-Broker für die Abwicklung ihrer Börsengeschäfte.

Das ist alles.

Also, fassen wir noch einmal zusammen: Wie wird man laut Frick Millionär? Indem man alles auf eine Karte setzt und noch dazu auf Zockerpapiere! Der Mann hat Recht, so wird man tatsächlich Millionär; aber nur, wenn man als Milliardär anfängt.

Vermutlich hatte diese ominöse Methode bei Frick sogar geklappt. Wahrscheinlich ist er selbst genau so Millionär geworden. Am Neuen Markt waren viele Teilnehmer (Anleger kann man nicht sagen) für eine gewisse Zeit Millionär gewesen, zumindest auf dem Papier. In Phasen, wie sie die deutsche Finanzwelt seit der Gründerzeit vor über hundert Jahren nicht mehr erlebt hatte, vervielfachten sich die Aktien dieses Marktsegments innerhalb weniger Monate.

Nur, mit Können oder Wissen hatte dies nichts zu tun. Es war die Phase des „heißen Geldes“, in der jeder gewann, ob blutiger Anfänger oder erfahrener Profi, ob Küchenhilfe oder diplomierter Ingenieur, sofern er nur dabei war. Die Leistung entsprach der eines Schützen, der in ein Fass voller Heringe schießt und sich danach rühmt, getroffen zu haben; sich auf seine Schießkünste gar noch etwas einbildet.

Genau dieser Einbildung erlag auch Markus Frick. Zu einer grandiosen Selbstüberschätzung kommt bei ihm allerdings hinzu, dass er ein Sendungsbewusstsein spürt, andere zum Reichtum „bekehren“ zu wollen. Oder hatte er nur erkannt,wie leicht man die Masse der Kleinanleger abzocken kann?

Auf seiner Homepage pflegte Frick die klassische Tellerwäscher-zum Millionär-Story, gespickt mit Satzteilen wie: „karge, einfache Existenz“, „stammt aus einer Kleinstadt“, „schon als kleiner Junge für kleines Geld die Backbleche putzte“.

Wir sahen sie vor uns, die Bilder vom armen Jungen, der harte Kinderarbeit verrichten musste. Eine „karge, einfache Existenz“, in der man „für kleines Geld“ arbeitete, beklagte man in Europa zuletzt im Viktorianischen Zeitalter und Fricks Lebenslauf sollte uns wohl an Oliver Twist erinnern. Dass Markus Frick aufgewachsen ist in der goldenen Wirtschaftszeit der 1980er Jahre im Kraichgau, im Vorzeigebundesland Baden-Württemberg, dass seine Eltern eine gutgehende Bäckerei mit Filialen besaßen, verdrängen wir, denn wir sollen ja glauben - das Märchen.

Und dann? Frick schuftete und schuftete, nahm jeden Job an, den er bekam (mit 22 Jahren der jüngster Bäckermeister Deutschlands), denn er träumte von einem Leben in finanzieller Unabhängigkeit. Natürlich durfte auch das typische „Ich war schon einmal Pleite“-Schema in seiner Geschichte nicht fehlen. Auch Frick kokettierte damit, um seine Stehaufmännchen-Mentalität zu demonstrieren.

Jedenfalls hatte Frick es bald darauf geschafft, was im Neuen Markt ja durchaus möglich war und führte dies den Fernsehzuschauern auch vor. Er ließ sich im Ferrari filmen, während er die Frankfurter Bankenmeile entlang rollt, vorbei an den Glitzerfassaden der Hochhäuser. Markus Frick war angekommen.

So war das Märchen perfekt, das Frick zu verkörpern vorgab. Vom Tellerwäscher zum Millionär oder, wie in Fricks Fall, vom Bäckerlehrling zum „Börsenmotivator“, ja sogar zu „Deutschlands Stimme des Geldes“. Frick verstand sich nämlich nicht nur als Börsenguru, der heisse Anlagetipps gab, sondern noch mehr als „Geld- und Lebensberater“. Seine Vorstellung von der grauen Masse war die, dass die meisten Menschen zu träge sind, sich um etwas ernsthaft und dauernd zu bemühen. Damit könnte Frick sogar Recht haben, nur lenkte er diese Trägen dahin, dass sie seine Seminare besuchten und motivierte sie, seine teuren Börsen-Hotlines anzurufen.

Frick gab dem Affen Zucker und stellte den Zucker saftig in Rechnung. Längst hatte er den Wechsel vollzogen vom reinen „Börsenguru“ zum „Motivationstrainer“ à la Gerd Höller, Bodo Schäfer oder Christoph Daum. Frick folgt deren Philosophie und motivierte seine Mitmenschen dazu, die teuren Markus Frick-Produkte zu kaufen.

Als Lebens- und Glücksmotivator sah sich Frick vor allem in seinen Seminaren. Dort drehte sich längst nicht mehr alles um „heiße Kandidaten“, also vielversprechende Aktientipps. Normalerweise eher nüchterne Börsenseminare inszenierte Frick als Medienspektakel. Der Motivator saß nicht am Podium, er stand auf einer Bühne. Statt sachlichem Vortrag erwartete die Teilnehmer eine Bühnenshow mit aufwendigen Präsentationen. Passend dazu, verkündete Frick vorher, er sei „super gut drauf“ und erwarte ein „super schönes Seminar“. Dann lief Frick wie ein Fernsehprediger durch die Zuschauerreihen und fragte einzelne Anlegermeinungen mit dem Mikrofon ab. Überhaupt bezog er seine Seminarteilnehmer sehr mit ein. Schon zu Beginn begrüsste er jeden per Handschlag, nannte seine Teilnehmer, auch wesentlich ältere Personen, jovial mit Vornamen. Zwischendurch rannte, sprang und tanzte er durch den Saal, schüttelte Besucher kräftig durch, rieb ihnen über die Glatze, schrie und vergab auch mal leichte Ohrfeigen.

Die Fragen nach Geld und Aktien gerieten dabei fast in den Hintergrund. Er kündigte einige „Kursraketen“ an, die er später noch präsentieren werde. Zunächst jedoch erzählte er einige Börsenweisheiten: „Hören Sie nicht auf Tipps, nicht von Freunden und auch nicht im Fernsehen.“ Obwohl Frick ja genau dies tat, Tipps geben: in Seminaren, auf seiner Hotline, im Fernsehen. Aber er meinte wohl: Hören Sie nicht auf Tipps, es sei denn, sie stammen von mir.

Die Leute kamen ohnehin in erster Linie um von ihm unterhalten zu werden. Dafür zahlten sie 86 Euro Eintritt. Zweifelslos kam Frick dieser Erwartung nach. Seine Körpersprache verhieß Dynamik; Mimik und Gestik verrieten den videogeschulten Verkäufer, routiniert beherrschte er das Einmaleins der Rhetorik. Fricks Sprechweise war rhymthmisch und suggestiv. Viele seiner Sätze wiederholte er wie ein Mantra, vor Publikum genauso wie im persönlichen Interview. Seine kurzen, formelhaften Wortfolgen schienen auswendig gelernt, übergegangen in Fleisch und Blut. Nachdenken musste Frick nie. Man fühlte sich unweigerlich an einen Sektenprediger erinnert.

Eine viertel Million Menschen hatten seine Seminare bundesweit besucht und sich seiner Gehirnwäsche unterzogen, tausend allein in Wien. Wahrscheinlich kamen auch deshalb so viele, weil Frick wie kein zweiter das Märchen verkörperte vom Malocher zum Millionär, noch dazu im jugendlichen Alter.

Die meisten der Anlageexperten, denen das Börsenpublikum sonst begegnete, in Vorträgen oder am Zuschauertelefon auf ntv, waren im vorgerückten Alter. Die Hellers, Thiemes, Erhards und Berneckers dieser Welt hatten alle studiert, kamen aus der Hochfinanz der Banken und Vermögensverwaltungen und gaben sich gegenüber ihren Zuhörern eher zurückhaltend, gerade mit konkreten Anlageempfehlungen. Markus Frick dagegen kannte keine Berührungsängste, sprach die Sprache des kleinen Volkes und protzte mit seinen Erfolgen.

Auf seiner Homepage fragte Frick „Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, warum manche Leute an der Börse gewinnen und andere verlieren?“. Für 69,- Euro pro Person war man dann dabei, „wenn bei einem Dinner zu später Stunde das eine oder andere Geheimnis verraten wird.“

Waren sie nicht herrlich, die Klischees, die Frick so treffsicher bediente? Zwar waren 69,- Euro pro Person nicht die Welt, aber warum sollte man Herrn Fricks Feinschmeckergelüste finanzieren?

Natürlich zockte Frick seine Fans auch richtig ab. Für 200,- Euro konnte man Mitglied werden im Markus-Frick-Club. Er prieß eine spezielle Börsen-Software an, mit der man „Kursraketen erkennen kann“. Der Preis war für künftige Millionäre geschenkt, knapp 500,- Euro. Mit seiner Email-Hotline versprach er „satte Gewinne“. Die gab es garantiert, aber für Markus Frick, denn der kassierte für diesen „Service“ fast 900,- Euro im Jahr. Fast genauso viel kostete seine Video-Hotline und sein Börsenbrief. Frick wusste alle Medien zu nutzen und hatte für die ganz Eiligen auch noch eine „SMS-Hotline“ eingerichtet.

Konnten man mit den ganzen Tipps von Markus Frick Geld verdienen? Mit den Büchern? Den Seminaren? Den Diners? Der Club-Mitgliedschaft? Den Newslettern? Den Börsen-DVDs? Der Email-, Video- und SMS-Hotline? Diesem ganzen Börsen-Merchandising aus dem Hause Frick. War das möglich?

Im Sommer 2007 wurde Frick vorgeworfen, seinen „Investoren“ einen Verlust in dreistelliger Millionenhöhe verursacht zu haben. Er habe „im Rahmen seiner E-Mail-Hotline“ Anleger getäuscht. Frick empfahl einzelne, marktenge Papiere, die nach kurzem Höhenflug wieder einbrachen. Seine Hotline-Abonnenten hatten gekauft, auch viele Fernsehzuschauer von N24, wo „Deutschlands Stimme des Geldes“ sogar eine eigene Fernsehshow hatte: „Make Money – Die Markus Frick Show“.

Im Internet liefen Anleger Sturm, weil sie sich von „Vermögensberater“ Frick getäuscht sahen. Von „betrügerischen Empfehlungen“ war die Rede und von „Luftschlössern“. Auf dem Klageweg wollten einige seiner ehemaligen Anhänger gegen den Laienprediger vorgehen, die Berliner und die Leipziger Staatsanwaltschaft ermittelten.

Drei Rohstoffaktien, die Frick empfohlen hatte, waren abgestürzt. Und das, obwohl Frick noch im Mai 2007 zur „ersten deutschen Rohstoffkonferenz“ nach Frankfurt gerufen hatte und seinen Teilnehmerm vorher anbot, den Vorstandsvorsitzenden einer Goldminengesellschaft „persönlich nach interessanten Informationen zu fragen“. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht durfte prüfen, ob eine Marktmanipulation vorlag?

Fast genauso lief es mit der russischen Ölaktie Russoil, die Frick empfahl, indem er Übernahme- und Sibirienphantasie ins Spiel brachte. Angeblich war Frick zuvor extra nach Moskau gereist, um „Aktien aufzuspüren“ und hatte „sehr interessante und erfolgreiche Gespräche“ geführt mit den Vorständen verschiedener Unternehmen. Russoil, die laut US-Börsenaufsicht kaum über liquide Mittel verfügte, wurde nach Fricks „Kursmarketing“ mit 120 Millionen Euro bewertet.

Unter der Überschrift „Luftige Tipps vom Bäckermeister“ schilderte Die Süddeutsche, was „fast immer passiert, wenn Frick eine Aktie empfahl.“ Der Kurs steigt kurzeitig an und bricht dann ein. Zum Schluss notiert er unter dem Ausgangsniveau.

Das von Frick inszenierte Spiel nennt man in der amerikanischen Börsensprache „Scalping“ und ist natürlich strafbar. Es bedeutet, dass ein „Anlageberater“ Aktien zum Kauf empfiehlt, die er genau deswegen zuvor auf eigene Rechnung erworben hat. Aufgrund seiner häufigen Präsenz in den Medien folgte die Herde der unerfahrenen Kleinanleger seiner Empfehlung und schaffen durch ihre Käufe erst jenen Kursanstieg, den der „Guru“ angekündigt hat. Eine klassische Sich-selbst-erfüllende-Prophezeihung.

Viele „Börsengurus“ des Neuen Marktes und Börsen-Hotline-Betreiber manipulierten Aktien auf diese Art. Natürlich funktionierte dies nicht bei marktschweren Papieren wie Siemens oder Deutsche Bank. Wohl aber bei marktengen Werten oder Aktien mit extrem niedriger Notierung (Pennystocks) und geringem Handelsvolumen oder hochspekulativen Auslandsaktien (Hotstocks). Viele dieser Aktien trugen einen klangvollen Namen, um ihren schäbigen Inhalt zu übertünschen (Stargold Mines, Star Energy).

Die Methode war nicht neu und wurde schon vor hundert Jahren praktiziert. Seine Aktienkurse und damit seine Erfolge hatte sich der badische Bäckermeister also zum größten Teil selbst gebacken.

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Ich mache Sie reich. Der Mann, der Millionäre macht.

Markus Frick
Flexibler Einband: 239 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuchvlg., 01.12.2002
ISBN 9783548701110
Genre: Sonstiges

Rezension:

Auf dem Höhepunkt des neuen Marktes saß „Börsenguru“ Markus Frick bei Wieland Backes in der Talkshow "Nachtcafé" und verkündete: „Ich kann das Geld, das ich an der Börse gemacht habe, jederzeit wieder machen, weil - ich das Wissen habe.“ Niemand widersprach ihm.
Wahnsinn! Woher hatte Frick denn das Wissen? Er war gerade Mitte zwanzig und operierte seit zwei, drei Jahren hauptberuflich an der Börse. Noch bis vor ein paar Jahren hatte Frick die sprichwörtlichen kleinen Brötchen gebacken in der Bäckerei seiner Eltern im badischen Sinsheim, wenn auch als Produktionsleiter.

Worin besteht dieses geheimnisvolle Wissen? In einem Buch mit dem „seriösen“ Titel „Ich mache Sie reich - Der Mann, der Millionäre macht“ verrät uns der Börsenmotivator wie es geht:
1. Streuen Sie Ihr Depot nicht, kaufen Sie nur zwei bis drei Aktien.
2. Setzen Sie auf Kursraketen, also „heiße“ Technologieaktien des Neuen Marktes.
3. Begrenzen Sie Ihre Verluste mit Stop-Loss-Order. Und
4. Suchen Sie sich einen spesengünstigen Online-Broker für die Abwicklung ihrer Börsengeschäfte.
Das ist alles.

Also, fassen wir noch einmal zusammen: Wie wird man laut Frick Millionär? Indem man alles auf eine Karte setzt und noch dazu auf Zockerpapiere! Der Mann hat Recht, so wird man tatsächlich Millionär; aber nur, wenn man als Milliardär anfängt.

Vermutlich hatte diese ominöse Methode bei Frick sogar geklappt. Wahrscheinlich ist er selbst genau so Millionär geworden. Am Neuen Markt waren viele Teilnehmer (Anleger kann man nicht sagen) für eine gewisse Zeit Millionär gewesen, zumindest auf dem Papier. In Phasen, wie sie die deutsche Finanzwelt seit der Gründerzeit vor über hundert Jahren nicht mehr erlebt hatte, vervielfachten sich die Aktien dieses Marktsegments innerhalb weniger Monate.
Nur, mit Können oder Wissen hatte dies nichts zu tun. Es war die Phase des „heißen Geldes“, in der jeder gewann, ob blutiger Anfänger oder erfahrener Profi, ob Küchenhilfe oder diplomierter Ingenieur, sofern er nur dabei war. Die Leistung entsprach der eines Schützen, der in ein Fass voller Heringe schießt und sich danach rühmt, getroffen zu haben; sich auf seine Schießkünste gar noch etwas einbildet.

Genau dieser Einbildung erlag auch Markus Frick. Zu einer grandiosen Selbstüberschätzung kommt bei ihm allerdings hinzu, dass er ein Sendungsbewusstsein spürt, andere zum Reichtum „bekehren“ zu wollen. Oder hatte er nur erkannt,wie leicht man die Masse der Kleinanleger abzocken kann?

Auf seiner Homepage pflegte Frick die klassische Tellerwäscher-zum Millionär-Story, gespickt mit Satzteilen wie: „karge, einfache Existenz“, „stammt aus einer Kleinstadt“, „schon als kleiner Junge für kleines Geld die Backbleche putzte“.
Wir sahen sie vor uns, die Bilder vom armen Jungen, der harte Kinderarbeit verrichten musste. Eine „karge, einfache Existenz“, in der man „für kleines Geld“ arbeitete, beklagte man in Europa zuletzt im Viktorianischen Zeitalter und Fricks Lebenslauf sollte uns wohl an Oliver Twist erinnern. Dass Markus Frick aufgewachsen ist in der goldenen Wirtschaftszeit der 1980er Jahre im Kraichgau, im Vorzeigebundesland Baden-Württemberg, dass seine Eltern eine gutgehende Bäckerei mit Filialen besaßen, verdrängen wir, denn wir sollen ja glauben - das Märchen.

Und dann? Frick schuftete und schuftete, nahm jeden Job an, den er bekam (mit 22 Jahren der jüngster Bäckermeister Deutschlands), denn er träumte von einem Leben in finanzieller Unabhängigkeit. Natürlich durfte auch das typische „Ich war schon einmal Pleite“-Schema in seiner Geschichte nicht fehlen. Auch Frick kokettierte damit, um seine Stehaufmännchen-Mentalität zu demonstrieren.
Jedenfalls hatte Frick es bald darauf geschafft, was im Neuen Markt ja durchaus möglich war und führte dies den Fernsehzuschauern auch vor. Er ließ sich im Ferrari filmen, während er die Frankfurter Bankenmeile entlang rollt, vorbei an den Glitzerfassaden der Hochhäuser. Markus Frick war angekommen.

So war das Märchen perfekt, das Frick zu verkörpern vorgab. Vom Tellerwäscher zum Millionär oder, wie in Fricks Fall, vom Bäckerlehrling zum „Börsenmotivator“, ja sogar zu „Deutschlands Stimme des Geldes“. Frick verstand sich nämlich nicht nur als Börsenguru, der heisse Anlagetipps gab, sondern noch mehr als „Geld- und Lebensberater“. Seine Vorstellung von der grauen Masse war die, dass die meisten Menschen zu träge sind, sich um etwas ernsthaft und dauernd zu bemühen. Damit könnte Frick sogar Recht haben, nur lenkte er diese Trägen dahin, dass sie seine Seminare besuchten und motivierte sie, seine teuren Börsen-Hotlines anzurufen.

Frick gab dem Affen Zucker und stellte den Zucker saftig in Rechnung. Längst hatte er den Wechsel vollzogen vom reinen „Börsenguru“ zum „Motivationstrainer“ à la Gerd Höller, Bodo Schäfer oder Christoph Daum. Frick folgt deren Philosophie und motivierte seine Mitmenschen dazu, die teuren Markus Frick-Produkte zu kaufen.

Als Lebens- und Glücksmotivator sah sich Frick vor allem in seinen Seminaren. Dort drehte sich längst nicht mehr alles um „heiße Kandidaten“, also vielversprechende Aktientipps. Normalerweise eher nüchterne Börsenseminare inszenierte Frick als Medienspektakel. Der Motivator saß nicht am Podium, er stand auf einer Bühne. Statt sachlichem Vortrag erwartete die Teilnehmer eine Bühnenshow mit aufwendigen Präsentationen. Passend dazu, verkündete Frick vorher, er sei „super gut drauf“ und erwarte ein „super schönes Seminar“. Dann lief Frick wie ein Fernsehprediger durch die Zuschauerreihen und fragte einzelne Anlegermeinungen mit dem Mikrofon ab. Überhaupt bezog er seine Seminarteilnehmer sehr mit ein. Schon zu Beginn begrüsste er jeden per Handschlag, nannte seine Teilnehmer, auch wesentlich ältere Personen, jovial mit Vornamen. Zwischendurch rannte, sprang und tanzte er durch den Saal, schüttelte Besucher kräftig durch, rieb ihnen über die Glatze, schrie und vergab auch mal leichte Ohrfeigen.

Die Fragen nach Geld und Aktien gerieten dabei fast in den Hintergrund. Er kündigte einige „Kursraketen“ an, die er später noch präsentieren werde. Zunächst jedoch erzählte er einige Börsenweisheiten: „Hören Sie nicht auf Tipps, nicht von Freunden und auch nicht im Fernsehen.“ Obwohl Frick ja genau dies tat, Tipps geben: in Seminaren, auf seiner Hotline, im Fernsehen. Aber er meinte wohl: Hören Sie nicht auf Tipps, es sei denn, sie stammen von mir.

Die Leute kamen ohnehin in erster Linie um von ihm unterhalten zu werden. Dafür zahlten sie 86 Euro Eintritt. Zweifelslos kam Frick dieser Erwartung nach. Seine Körpersprache verhieß Dynamik; Mimik und Gestik verrieten den videogeschulten Verkäufer, routiniert beherrschte er das Einmaleins der Rhetorik. Fricks Sprechweise war rhymthmisch und suggestiv. Viele seiner Sätze wiederholte er wie ein Mantra, vor Publikum genauso wie im persönlichen Interview. Seine kurzen, formelhaften Wortfolgen schienen auswendig gelernt, übergegangen in Fleisch und Blut. Nachdenken musste Frick nie. Man fühlte sich unweigerlich an einen Sektenprediger erinnert.

Eine viertel Million Menschen hatten seine Seminare bundesweit besucht und sich seiner Gehirnwäsche unterzogen, tausend allein in Wien. Wahrscheinlich kamen auch deshalb so viele, weil Frick wie kein zweiter das Märchen verkörperte vom Malocher zum Millionär, noch dazu im jugendlichen Alter.
Die meisten der Anlageexperten, denen das Börsenpublikum sonst begegnete, in Vorträgen oder am Zuschauertelefon auf ntv, waren im vorgerückten Alter. Die Hellers, Thiemes, Erhards und Berneckers dieser Welt hatten alle studiert, kamen aus der Hochfinanz der Banken und Vermögensverwaltungen und gaben sich gegenüber ihren Zuhörern eher zurückhaltend, gerade mit konkreten Anlageempfehlungen. Markus Frick dagegen kannte keine Berührungsängste, sprach die Sprache des kleinen Volkes und protzte mit seinen Erfolgen.

Auf seiner Homepage fragte Frick „Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, warum manche Leute an der Börse gewinnen und andere verlieren?“. Für 69,- Euro pro Person war man dann dabei, „wenn bei einem Dinner zu später Stunde das eine oder andere Geheimnis verraten wird.“
Waren sie nicht herrlich, die Klischees, die Frick so treffsicher bediente? Zwar waren 69,- Euro pro Person nicht die Welt, aber warum sollte man Herrn Fricks Feinschmeckergelüste finanzieren?

Natürlich zockte Frick seine Fans auch richtig ab. Für 200,- Euro konnte man Mitglied werden im Markus-Frick-Club. Er prieß eine spezielle Börsen-Software an, mit der man „Kursraketen erkennen kann“. Der Preis war für künftige Millionäre geschenkt, knapp 500,- Euro. Mit seiner Email-Hotline versprach er „satte Gewinne“. Die gab es garantiert, aber für Markus Frick, denn der kassierte für diesen „Service“ fast 900,- Euro im Jahr. Fast genauso viel kostete seine Video-Hotline und sein Börsenbrief. Frick wusste alle Medien zu nutzen und hatte für die ganz Eiligen auch noch eine „SMS-Hotline“ eingerichtet.

Konnte man mit den ganzen Tipps von Markus Frick Geld verdienen? Mit den Büchern? Den Seminaren? Den Diners? Der Club-Mitgliedschaft? Den Newslettern? Den Börsen-DVDs? Der Email-, Video- und SMS-Hotline? Diesem ganzen Börsen-Merchandising aus dem Hause Frick. War das möglich?

Im Sommer 2007 wurde Frick vorgeworfen, seinen „Investoren“ einen Verlust in dreistelliger Millionenhöhe verursacht zu haben. Er habe „im Rahmen seiner E-Mail-Hotline“ Anleger getäuscht. Frick empfahl einzelne, marktenge Papiere, die nach kurzem Höhenflug wieder einbrachen. Seine Hotline-Abonnenten hatten gekauft, auch viele Fernsehzuschauer von N24, wo „Deutschlands Stimme des Geldes“ sogar eine eigene Fernsehshow hatte: „Make Money – Die Markus Frick Show“.

Im Internet liefen Anleger Sturm, weil sie sich von „Vermögensberater“ Frick getäuscht sahen. Von „betrügerischen Empfehlungen“ war die Rede und von „Luftschlössern“. Auf dem Klageweg wollten einige seiner ehemaligen Anhänger gegen den Laienprediger vorgehen, die Berliner und die Leipziger Staatsanwaltschaft ermittelten.

Drei Rohstoffaktien, die Frick empfohlen hatte, waren abgestürzt. Und das, obwohl Frick noch im Mai 2007 zur „ersten deutschen Rohstoffkonferenz“ nach Frankfurt gerufen hatte und seinen Teilnehmerm vorher anbot, den Vorstandsvorsitzenden einer Goldminengesellschaft „persönlich nach interessanten Informationen zu fragen“. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht durfte prüfen, ob eine Marktmanipulation vorlag?

Fast genauso lief es mit der russischen Ölaktie Russoil, die Frick empfahl, indem er Übernahme- und Sibirienphantasie ins Spiel brachte. Angeblich war Frick zuvor extra nach Moskau gereist, um „Aktien aufzuspüren“ und hatte „sehr interessante und erfolgreiche Gespräche“ geführt mit den Vorständen verschiedener Unternehmen. Russoil, die laut US-Börsenaufsicht kaum über liquide Mittel verfügte, wurde nach Fricks „Kursmarketing“ mit 120 Millionen Euro bewertet.

Unter der Überschrift „Luftige Tipps vom Bäckermeister“ schilderte Die Süddeutsche, was „fast immer passiert, wenn Frick eine Aktie empfahl.“ Der Kurs steigt kurzeitig an und bricht dann ein. Zum Schluss notiert er unter dem Ausgangsniveau.
Das von Frick inszenierte Spiel nennt man in der amerikanischen Börsensprache „Scalping“ und ist natürlich strafbar. Es bedeutet, dass ein „Anlageberater“ Aktien zum Kauf empfiehlt, die er genau deswegen zuvor auf eigene Rechnung erworben hat. Aufgrund seiner häufigen Präsenz in den Medien folgte die Herde der unerfahrenen Kleinanleger seiner Empfehlung und schaffen durch ihre Käufe erst jenen Kursanstieg, den der „Guru“ angekündigt hat. Eine klassische Sich-selbst-erfüllende-Prophezeihung.

Viele „Börsengurus“ des Neuen Marktes und Börsen-Hotline-Betreiber manipulierten Aktien auf diese Art. Natürlich funktionierte dies nicht bei marktschweren Papieren wie Siemens oder Deutsche Bank. Wohl aber bei marktengen Werten oder Aktien mit extrem niedriger Notierung (Pennystocks) und geringem Handelsvolumen oder hochspekulativen Auslandsaktien (Hotstocks). Viele dieser Aktien trugen einen klangvollen Namen, um ihren schäbigen Inhalt zu übertünschen (Stargold Mines, Star Energy).
Die Methode war nicht neu und wurde schon vor hundert Jahren praktiziert.
Seine Aktienkurse und damit seine Erfolge hatte sich der badische Bäckermeister also zum größten Teil selbst gebacken.

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Der Börsenschwindel

Günter Ogger
Flexibler Einband: 315 Seiten
Erschienen bei Goldmann Verlag, 01.05.2002
ISBN 9783442151783
Genre: Sachbücher

Rezension:

Im Millenium-Jahr vermochte sich Ogger seine ätzende Wirtschafts- und Gesellschaftskritik gerade noch verkneifen, aber schon 2001 spielte das Schicksal ihm voll in die Karten: Crash in der New Economy. Oggers publizistische Reaktion: „Der Börsenschwindel“.

Aktienkurse können fallen, zuweilen sogar heftig, weshalb dann gerne das Wort „Börsencrash“ verwendet wird. Eigentlich keine neue Erkenntnis, so geschehen unter anderem in den Jahren 1929, 1962, 1973, 1987, 1989, 1990 und 1998. Sogar schon 1873, der sogenannte Gründerkrach, ausgehend von Wien.

Für Ogger jedoch Grund genug, Börsen und Aktien gleich pauschal zu verdammen. Obwohl die Aktiengesellschaft und damit die Aussicht auf Profite jenseits von Zinsgewinnen ja eigentlich der Motor jeder modernen Volkswirtschaft ist. Ohne Aktien keine Aktiengesellschaften, keine moderne Wirtschaft und kein Wohlstand. Das weiß bestimmt auch Ogger, aber es meckert sich halt so schön.

 

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flur 02.02, report

Das Kartell der Kassierer

Günter Ogger
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Droemer Knaur, 01.01.1994
ISBN B002CBDYU8
Genre: Sachbücher

Rezension:

Bei Günter Ogger ist die Welt schlecht, zumindest die Bundesrepublik Deutschland. Entdeckte er schon 1992, dass deutsche Manager, von wenigen Ausnahmen abgesehen, eigentlich „Nieten in Nadelstreifen“ sind, so präsentierte er zwei Jahre später „das Kartell der Kassierer“, in dem „die Finanzbranche Jagd auf unser Geld macht“.

Natürlich macht die Finanzbranche Jagd auf unser Geld, genauso wie die Bau-, die Automobil-, die Elektronik-, die Lebensmittel-, die Medienbranche und so weiter. Die Wirtschaft macht „Jagd“ auf das Geld ihrer Kunden. Dies ist der Zweck allen Wirtschaftens: Verbrauch und Konsum, Befriedigung von Kundenbedürfnissen gegen Geld. Aber wahrscheinlich geht es Wirtschaftsjournalist Ogger gar nicht so sehr um das Anprangern von Banalitäten, sondern wieder mal um das Meckern an sich.

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Die Abgestellten

Günter Ogger
Flexibler Einband: 287 Seiten
Erschienen bei Goldmann Verlag, 12.03.2009
ISBN 9783442155484
Genre: Sachbücher

Rezension:

2007 erscheint Oggers Nachruf auf den festen Arbeitsplatz: „Die Abgestellten“. Darin prophezeit er den Büroangestellten ein düstere Zukunft, schlimmer als der Niedergang der Arbeiterklasse. Es drohen Entlassungen, Entlassungen und nochmals Entlassungen. Dazu Kürzungen, Schließungen und Stillegungen.

Folgt man Oggers Argumentation, hat man den Eindruck, uns bliebe künftig nichts anderes übrig als uns aufzuhängen. So düster beschreibt er unsere Zukunftsaussichten.

Alle öffentlichen Einrichtungen würden kostenpflichtig werden, an den privatisierten Bundesstraßen und Autobahnen werde Maut erhoben und Strom, Gas und Wasser gäbe es bald nur noch gegen Vorkasse.

Neben den Angestellten seien auch die Selbständigen kaum besser dran und zur Selbstausbeutung verdammt. Zur Abrundung gibt es natürlich wieder die üblichen Schimpfkanonen auf Manager, Gewerkschaften und Politiker sowie die aktuellen Korruptionsskandale.

Nebenbei kommt Ogger auf das öknomische Prinzip (Minimal-/ Maximalprinzip der Betriebswirtschaftslehre) zu sprechen, doch bei ihm heisst es „...maximaler Erträge bei minimalem Aufwand“, was natürlich Unsinn ist. Jeder Wirtschaftswissenschaftler weiß, dass beides gleichzeitig nicht möglich ist. Entweder ist der Ertrag vorgegeben und ich versuche ihn mit minimalem Aufwand zu erreichen, oder aber ich will aus einem bestimmten Aufwand das Maximale herausholen. Beide Größen, Aufwand und Ertrag, gleichzeitig zu optimieren, ist nicht möglich.

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geld, gesellschaft, reichtum, ratgeber, armut

Die Kunst des stilvollen Verarmens

Alexander von Schönburg
Fester Einband: 238 Seiten
Erschienen bei Rowohlt, 18.03.2005
ISBN 9783871345203
Genre: Sachbücher

Rezension:

Als Graf Alexander von Schönburg-Glauchau im Jahr 2005 "Die Kunst des stilvollen Verarmens" schrieb, war er gerade entlassen worden als Berlin-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In dem Buch jammert er gleich zu Beginn seiner goldenen Zeit nach: „...hatte Visitenkarten in der Tasche, die mich als Angestellten eines der angesehensten Medienunternehmen des Landes auswiesen...“ und: „Ich wäre also langsam, aber sicher reich geworden.“

Graf von Schönburg erschien die verbleibenden Wochen seines Angestelltendaseins „betont fröhlich“ im Büro und achtete darauf, durch sein Äußeres „den Anschein zu vermeiden“, er würde „mit seinem Schicksal hadern“. Im Gegensatz zu früher, zog er nun jeden Tag eine Kravatte an und verabschiedete sich am letzten Tag mit dem devoten Hinweiss, dass er sein Büro „besenrein“ hinterlassen habe.

Irgendwie klingt das, als habe von Schönburg bis zuletzt darauf gehofft, sein Arbeitgeber würde die Kündigung wieder zurücknehmen wegen guten Benehmens.

Trotz seines Bemühens muss der Abschied für den Grafen schmerzhaft gewesen sein. Er schwärmt von dem „weichen, schwarzen Ledersessel“, auf dem er saß, während sein Vorgesetzter die Kündigung aussprach und ihm zugleich versicherte, welcher Verlust sein Weggang für die Firma sei. Er ist dankbar, dass er für die Zeitung noch das Sommerfest des Bundespräsidenten „aufsuchen darf“ und dabei Gelegenheit hat, sich „noch einmal richtig satt zu essen“. Sogar der Regierende Bürgermeister habe ihn dieses Mal ausnahmsweise begrüsst. Für von Schönburg, der gerade seinen Job verloren hat, scheint dies ein Trost zu sein.

Doch bald nach seiner Entlassung kehrte die Realität bei dem Grafen ein, denn er lebte von der Stütze und konnte seine Strom- und Telefonrechnungen nicht mehr bezahlen. Für jemanden, der Partys mit Mick Jagger feierte, muss dieser Zustand die Hölle gewesen sein. Alexander von Schönburg stammt aus einer uralten Adelsfamilie, die zwar über die Jahrhunderte verarmte, aber noch viele Kontakte hat, auch durch seine Schwester, Fürstin Gloria von Thurn und Taxis.

Auf seinem achtzehntem Geburtstag hielt Friedrich Dürrenmatt die Festrede. Als der Graf seine Frau, Prinzessin Irina von Hessen heiratete, eine Großnichte der Queen, war Königin Sophia von Spanien zu Gast.

Doch seit man ihm Telefon und Strom abstellte, hat von Schönburg nichts mehr übrig für reiche Leute. Den Münchener Stadteil Grünwald bezeichnet er als „Reiche-Leute-Slum“, und wir dürfen vermuten, dass es jener Slum ist, in dem von Schönburg nur zu gerne wohnen würde, wenn er könnte. Indirekt gibt er das sogar zu. Er stöhnt ein wenig zynisch über die Sparsamkeit seiner Eltern (sie seien „hochqualifizierte Verarmer“) und erzählt, wie er darauf reagierte, als er endlich sein erstes Geld verdiente: durch heimliches Erste-Klasse-Reisen, durch den Kauf teuren Briefpapiers von Prantl in München, durch Übernachtung im Brenner`s Park Hotel in Baden-Baden. Auch als er in einer Londoner WG wohnte, habe er das Geld schneller ausgegeben, als er es einnahm. Von Schönburg, soviel dürfte inzwischen klar geworden sein, lebt gerne auf großen Fuss, auch wenn er jetzt eine Krise zu beklagen hat. Natürlich fällt dem Grafen dazu noch der bekannte Spruch ein, wonach in jeder Krise eine Chance stecke.

Von Schönburg will uns weiß machen, dass er kein Besitzender mehr sein möchte, denn die müssten um ihren Besitz ja ständig bangen und präsentiert uns seine „Helden der Armut“, allen voran Helmut Berger. Der Graf hegt für Berger Bewunderung, weil der einstige Weltstar vom Olymp der Superstars herabstieg, sein ganzes Vermögen verlor und jetzt in Salzburg bei seiner Mutter wohnt. Natürlich ist die Wiener Presse 'respektlos', wenn sie über den meist betrunkenen Berger berichtet, der aussieht wie ein Clochard und heute mehr dem Wahnsinn zugeneigt ist, denn der Schauspielerei.

Laut von Schönburg erhielt Berger in seinen Glanzzeiten häufig Hausverbot in den Hotels, weil er, wie im Münchener "Vier Jahreszeiten", die Lüster als Lianen benutzte und die Gobelins von den Wänden riss. Heute dagegen, lasse Berger im Lidl lediglich das Lachsfilet mitgehen. Für von Schönburg gehört Berger offenbar zu den Leuten, die „ohne Geld eine gute Figur machen“, so der Untertitel seines Kapitels.

Nach dem heruntergekommenen Weltstar kommt von Schönburg auf die Städte zu sprechen, von denen es auch „Neureiche“ und „Emporkömmlinge“ gebe. Berlin zum Beispiel und natürlich München. Einige Gebäude in der Münchener Innenstadt seien eine „Las-Vegas-hafte Rekonstruktion“ florentinischer Paläste, lästert er. Mit Pisa dagegen sympathisiert der Graf, denn dieser Stadt sei ihr eigener Bedeutungsverlust völlig gleichgültig. Eine Einstellung, die er offenbar nachzuahmen versucht.

Trost für seine missliche Lage, findet er auch bei den Engländern. Der Abstieg Englands vom einst mächtigsten und reichsten Land der Welt begann schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, schreibt er, aber: ihr „ausgeprägtes Selbstbewusstsein erlaube es ihnen, unter Anwendung geschickter Autosuggestion über ihre Situation hinwegsehen“. Irgendwie ein Widerspruch: sich selbst bewusst zu sein und sich gleichzeitig selbst zu täuschen, aber dies ist wohl genau das, was von Schönburg jetzt braucht: Realitätsflucht vor der eigenen wirtschaftlichen Situation.

Der Graf versucht dies durch „Benehmen und Sprache“ und, ebenso wie die Engländer und Ungarn, durch ein wenig Nationalitätsstolz, um „in bitteren Momenten wenigstens das Gefühl haben zu können, Teil von etwas Besonderem zu sein“. Wenn einem stupiden Geist nichts mehr einfällt, worauf er stolz sein kann, kommt er auf das zurück, wofür er am Wenigsten kann: seine Herkunft. Alexander von Schönburg ist stolz darauf, ein Adeliger zu ein, wenn auch ein Verarmter.

Soweit zum ersten Teil seines Buches. Im Zweiten predigt er den Konsumverzicht auf Teufel komm raus. Eigentlich die logische Folge seines stark reduzierten Einkommens. Dass bei dem arbeitslosen Grafen jetzt Schmalhans Küchenmeister ist, verwundert niemand. Peinlich nur, dass er nun alles, was er früher gemocht hat, als unattraktiv hinstellt, bloß weil es ihm zu teuer geworden ist. So findet er schon die Frage nach der beruflichen Tätigkeit als völlig anzüglich, weil „spießbürgerlich und überholt“. Doch hätte er wohl, stünde er noch in Lohn und Brot, sofort seine tollen Vistitenkarten gezückt, von denen er sechzig Seiten zuvor so sehr schwärmte.

Zwar kämpfe er zuweilen darum, die „laufenden Kosten zu bestreiten“, doch dafür sitze er im Gegensatz zu früher nicht mehr in einem voll gequalmten Büro. Dass von Schönburg dieses Büro selbst voll qualmte, in dem er Kette rauchte, verschweigt er.

Der Graf freut sich jetzt auch über seinen Arbeitsplatz zu Hause am Computer, während er früher viel Zeit verschwendet habe in öffentlichen Verkehrsmittel. In einem Interview mit der Welt dagegen bezeichnete er „die drei Stunden“, die er täglich im Zug verbrachte, als seine „kreativste Zeit“: „Da konnte ich lesen, nachdenken, ein Luxus...“

Von Schönburg, der jetzt „stilvoll“ verarmen will, hat Städtetipps parat, um die Lebenshaltungskosten zu drücken: Berlin und Wien seien ein „Paradies für Schnorrer“. Er präsentiert seinen „ultimativen Schnorrertipp“: „Lassen Sie sich vom Bundespräsidenten zum Bankett einladen“. Ersatzweise tue es auch eine der ausländischen Vertretungen oder eine der vielen Buchvorstellungen, Vortragsveranstaltungen, Ausstellungseröffnungen, die täglich in der Hauptstadt stattfinden.

Der Gang ins Restaurant sei ohnehin eine Qual, „eine Unsitte, zu der wir als Verarmende nicht mehr gezwungen sind“. Auch eine Einladung zum Essen bei Neureichen sei für von Schönburg der Horror, denn er erinnere sich noch gut daran, wie ihm „der penetrante Kourosgeruch des Mietbutlers“ in die Nase stieg. Für alle, die wie er nicht mehr „vom Berufsleben unterjocht“ werden, sei es doch viel angenehmer, in einer kleinen Zweizimmer-Wohnung auf der Bettkante zu sitzen und mit zwei Dutzend Gästen „Pasta mit dehydrierten Pilzen“ zu essen und „billigen Wein“ zu trinken.

Weil von Schönburg sich jetzt natürlich auch keinen Urlaub mehr leisten kann, plädiert er dafür, es wie die Italiener zu machen und die Urlaubsreise nur vorzutäuschen: Anrufbeantworter einschalten, Hund beim Nachbar abgegeben, Kühlschrank mit Essen vollstopfen und das Haus zwei Wochen nicht verlassen.

Im dritten Teil seines Buches redet von Schönburg die Vorteile des Reichtums immer weiter herunter. „Die armen Reichen“ heisst sein Kapitel. Hatte er bisher bloß gepredigt, Glücklichsein sei auch ohne Geld möglich, so steht es jetzt sogar „dem Glück im Weg“. Die meisten Reichen seien unerträglich, schimpft er und berichtet über Kinder reicher Eltern, die ihren Status zu verbergen suchten. Dass viele dieser Kinder in jungen Jahren politisch eher links orientiert und gegen ihre reichen Eltern sind, ist ein bekanntes Phänomen und gehört zu deren Trotz– und Flegeljahren.

Weil von Schönburg sein wahre Natur nie ganz unterdrücken kann, kommen immer wieder Widersprüche ans Licht. So zum Beispiel, wenn er berichtet, dass die Bank manchmal seine Daueraufträge nicht überweist. Gleichzeitig aber er es als Luxus empfinde, eine Armbanduhr zu tragen, eine schweizer Sonderanfertigung, die mehr wert sei als ein Kleinwagen. Der Satz ist deshalb so peinlich, weil ihm eine zweihundert Seiten lange Predigt vorausging, wie sehr von Schönburg, geläutert durch sein neues Leben, den Luxus jetzt angeblich verachte. Man merkt, von Schönburg würde ganz gerne protzen, wenn er es nur könnte.

Dann zählt er ein paar „Bedürfnislosigkeits-Dandys“ auf: Franz von Assisi, die heilige Clara, Siddharta, Ludwig Wittgenstein, Allen Ginsberg und sogar Ché Guevara. Nur wer kein Geld habe, könne Luxus empfinden. Seine „uneingeschränkte Bewunderung“ gehöre einem Lottospieler aus Nordrhein-Westfalen. Der gewann 9,1 Millionen Euro und verschenkte alles bis auf einen kleinen Rest. Zum Schluss schwärmt von Schönburg von Robinson Crusoe, dem Meister der Selbsttäuschung. Nur so habe dieser auf seiner einsamen Insel überleben können.

Eine beängstigende Prophezeihung hat er auch noch für uns parat: „...werden wir alle, wirklich alle, bald deutlich ärmer sein als jetzt.“ Von Schönburg meint alle, wirklich alle, also auch die, die schon jetzt ganz unten sind, die Hartz IV-Empfänger. Hier sein Rat: „Je eher man lernt, damit stilvoll und gelassen umzugehen, desto sorgenfreier wird man.“

Kommt dieser letzte Satz nicht einer Verhöhnung der sozial Schwachen gleich? Sie mögen ihrem tristen Alltag doch bitte etwas mehr Stil verleihen, dann ginge es ihnen bedeutend besser? Nach dem Ausfüllen des Wohngeldantrages vielleicht einen Sonnenuntergang bewundern? Beim Besuch der gemeinnützigen Essenstafel jene Freunde treffen, deren Lebenssituation der eigenen so sehr ähnelt?

Alexander von Schönburg vertrat schon völlig andere Ansichten. Sein erstes Buch erschien 1989. Es hieß "Das Beste vom Besten" und war ein Almanach der feinen Lebensart. Vier Jahre später folgten "Die besten Seiten des Lebens von A-Z". 1999 dann das bekanntere "Tristesse Royale". 2001 veröffentlichte er ein Theaterstück mit dem bezeichnenden Titel "Karriere".

2002 verlor er, wie beschrieben, seinen Job und 2005 erschien dann sein Bestseller "Die Kunst des stilvollen Verarmens". Zum Interview mit der TAZ traf sich der „frühere Held der Armut“ bei einem Berliner Edelitaliener. Die Zeiten des gesperrten Kontos waren wohl vorbei.

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wirtschaft, hörbuch, thriller, flugzeugabsturz

Der Absturz

Günter Ogger , Hannes Jaenicke
Audio CD
Erschienen bei Random House Audio, 17.08.2005
ISBN 9783866040014
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nun hatte Ogger zehn Jahre lang über die Zustände in deutschen Landen wirklich alles gesagt. Angeprangert, gemeckert, gemosert, gewarnt, geoggert. Was sollte jetzt noch kommen? Noch mehr Abzocke? Noch größere Skandale? Noch mehr gierige Manager und korrupte Politiker? Irgendwann war, selbst bei Ogger, die Meckerluft 'raus.

Also wechselte er flugs die literarische Gattung, weg von journalistisch-nüchterner Berichterstattung, hin zu herrlich negativer Fiktion. Weg vom Sachbuch, hin zum Roman. Oggers nächstes Projekt folgte 2005: „Der Absturz“ Ein Wirtschaftskrimi, der teilweise der Realität entliehen sein soll. Auch hier mixte Ogger noch einmal alles gründlich zusammen, was ihn seit je her faszinierte: Leuna-Affäre und vernichtete Akten im Kanzeramt, ein flüchtiger Holger Pfahl und ein milliardenschwerer Bankier in Monte Carlo, den Bürgerkrieg in Afghanistan und die türkische Mafia, Kursmanipulationen, eine Verschwörung und als Krönung: Mikrowellen-Waffen.

Ogger wäre nicht Ogger, wollte er nicht glänzen mit eitel zur Schau gestelltem Insider-Wissen. Kurzum, es gelingt ihm wieder, seine publizistische Berechtigung auf Absturz und Betrug zu gründen, auf Niedergang und Negativismus. Bei Ogger ist das Glas eben immer halb leer und nicht halb voll.

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Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull - Taschenbuch der Weltliteratur

Thomas Mann
Flexibler Einband
Erschienen bei Berlin; Weimar: Aufbau Verlag, 01.01.1984
ISBN B00273NVL8
Genre: Sonstiges

Rezension:

Der unerträgliche, geschwätzige Stil des Autors durchzieht das ganze Buch. Eine Sprache, die sich spreizt und zeigen will, zu welchen Formulierungen sie im Stande ist. Ein von der Grammatik abgesegneter Quatsch verhindert das Eintauchen in die Geschichte.

Man muss sich größtenteils zwingen zum Lesen. Immer wieder versperren ermüdende Aufzählungen von Gegenständen den Fortgang der Handlung. Das Stilmittel des `pars pro toto` ist dem "Weltautor" Mann offenbar fremd.

Taugt die eigentümlich komplizierte Redensweise der Hauptfigur immerhin noch dazu, deren Selbstverständnis und angestrebten Status zu unterstreichen, so lässt der Autor auch alle anderen Figuren, selbst junge Töchter, in gedrechselten Schachtelsätzen schwadronieren.

Mann ist in seinen geschwätzigen Stil so verliebt, dass er die Möglichkeiten einer persönlichen Charakterisierung der jeweiligen Figur komplett ignoriert. Fast jeder und jede, die auftaucht, redet im ´Krull-Stil`.

Dieser besteht darin, dass der Sprecher wähend seiner Rede auf die Metaebene wechselt, um von dort sein eigenes Sprachverhalten fortwährend zu kommentieren. So entstehen sinnlose Einschübe wie: „Es scheint mir, dass“, „so möchte ich behaupten“, „schien es mir doch angemessen zu sagen“, „scheint es meiner Pflicht zu obliegen, den Leser auf die Tatsache hinzuweisen, dass“, „wenn ich mich nicht irre“, etc.

Das maßlose Erweitern der Sätze, das Einziehen immer weiterer Unterebenen, trägt zur Verwirrung bei und erschwert die Lesbarkeit.

Die Hochstapelei - das angebliche Grundmotiv des Romans - lässt sich nur sehr eingeschränkt feststellen. Krankfeiern und banaler Diebstahl haben nichts mit Hochstapeln zu tun. Kellnern auch nicht. Ebensowenig Krulls verkappte Gigolo-Tätigkeit. Auch die militärische Ausmusterung erlangt er nicht durch die Überhöhung seines Könnens, sondern durch das Gegenteil.

Da, wo Manns Hauptfigur sich tatsächlich zu höherem aufschwingt, nimmt er einen Rollentausch vor, leistet er eine bloße Gefälligkeit. Außer die Welt zu bereisen, erlangt er durch die Annahme der fremden Identität keinen Vorteil, und selbst dieser ist nicht erschlichen, sondern mit dem Tauschpartner vereinbart. Im Gegenteil: Krull übergibt ihm sogar noch seine Ersparnisse.

Ein Hochstapler hätte Krull erst dann richtig sein können, wenn er seine Rolle als reisender Marquis auf Kosten fremder Eltern dazu benutzt hätte, eigene Unternehmungen zu wagen, wenn er bedeutende Positionen erlängt hätte, wenn er Tätigkeiten entfaltet hätte, die über die Absprache mit dem in Paris gebliebenen Kollegen hinausgegangen wären. So beschränkt sich seine Rolle darauf, dem Müßiggang zu fröhnen, Frauen mit seinem Äußeren zu beeindrucken und von unterwegs Briefe im Namen eines anderen zu schreiben.

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