Phantasienreisen

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9 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

horror, fremdsprachige bücher, filmvorlage

It

Stephen King
Flexibler Einband: 1.392 Seiten
Erschienen bei Hodder & Stoughton General Division, 04.10.2007
ISBN 9780340951453
Genre: Sonstiges

Rezension:  
Tags: filmvorlage, horror   (2)
 

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kurzgeschichten, filmvorlage, science fiction

Stories of Your Life and Others by Ted Chiang (21-May-2015) Paperback


Flexibler Einband
Erschienen bei null, 01.01.1600
ISBN B011T7TNCS
Genre: Sonstiges

Rezension:  
Tags: filmvorlage, kurzgeschichten, science fiction   (3)
 

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356 Bibliotheken, 19 Leser, 1 Gruppe, 127 Rezensionen

bienen, roman, bienensterben, natur, hoffnung

Die Geschichte der Bienen

Maja Lunde , Ursel Allenstein
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei btb, 20.03.2017
ISBN 9783442756841
Genre: Romane

Rezension:

Drei Protagonisten, aus drei unterschiedlichen Generationen, auf drei unterschiedlichen Kontinenten. So verschieden diese drei Leben sind, ist ihnen doch eines gemeinsam: Ihre Leben sind eng mit dem der Bienen verbunden.

Da ist zum einen William aus dem englischen Hertfordshire der 1850er Jahre. Williams Zukunft schien einst vielversprechend: Er wollte eusoziale Insekten wie Ameisen und Bienen studieren, ein bedeutender Forscher werden wie sein Mentor Professor Rahm. Doch die Liebe und die harte Realität holten ihn ein: Statt von der Biologie ist sein Leben nun bestimmt vom Familienleben mit Ehefrau, sieben Töchtern und einem Sohn; die wissenschaftlichen Ambitionen kaltherzig vom eigenen Mentor erstickt. Nach einer tiefen Depression, an der die Familie zu zerbrechen drohte, eröffnet sich William aber schließlich doch noch eine Chance, seine Träume zu verwirklichen und sich der Erforschung der Bienen zu widmen.

Rund 150 Jahre später begegnen wir in Ohio dem Imker George. Während sich um George herum alle Imker auf Optimierung und Quantität konzentrieren, ist George sehr darum bemüht, nicht auf den Zug der rein kommerziellen Imkerei aufzuspringen. George ist Imker mit Leib und Seele; die Imkerei hat in seiner Familie Tradition und so hält er an den gewohnten Arbeitsweisen fest, denn er sieht, dass die „moderne“, optimierte Imkerei zwar gut für den Umsatz der Imker ist, aber nicht für das Leben der Bienenvölker. Doch nicht nur die Konkurrenz stellt eine Bedrohung für Georges Familienbetrieb dar, denn sehr zu Goerges Ärger strebt Sohn Tom nach einer Karriere als Journalist. Und dann wären da noch die Berichte aus anderen Bundesstaaten, denen zufolge ganze Bienenvölker einfach verschwinden …

Wie uns bereits aus Dokumentationen wie „More Than Honey“ und durch Albert Einsteins Warnung bewusst ist, zieht das Ende der Bienen unweigerlich das Aussterben von Pflanzen- und Tierarten nach sich – und schließlich auch das Ende der Menschheit. Trotzdem halten Politik und Konzerne wie BASF oder Monsanto an Mitteln und Vorgehensweisen fest, die die Existenz der Bienen gefährden. Protagonistin Tao muss im China des Jahres 2098 wie der Rest der Menschheit den Preis dafür zahlen. Die Bienen sind ausgestorben und die Folgen schockierend: Kriege um Ressourcen, Nahrungsmittelknappheit, verwahrloste Ortschaften, Armut, Obdachlosigkeit, Kriminalität … Ein Leben für die Menschen der Zukunft gibt es nicht – es ist lediglich ein Existieren. Menschen wie Tao arbeiten tagtäglich, damit die verbliebene Menschheit wenigstens eine Grundversorgung hat. Mit Hand und Pinsel bestäuben Tao und andere jede Blüte jedes einzelnen Baumes. Täglich 12 Stunden lang. Eine knochenharte Arbeit; Freizeit oder Urlaub sind extrem rarer Luxus. Selbst Kinder werden zu dieser Arbeit herangezogen – zur Schule gehen die Kinder nur bis sie acht Jahre alt sind und der Unterricht ist nichts anderes als eine Vorbereitung auf die harte Arbeit als Bestäuber. Tao fürchtet schon jetzt den Tag, an dem ihr dreijähriger Sohn Wei-Wen die Schule verlassen muss und der Kindheit beraubt wird. Doch nach einem Ausflug in die Natur müssen Tao und ihr Mann nicht nur um die Kindheit Wei-Wens bangen, sondern um sein Leben.

Die Zukunft, die Autorin Maja Lunde in „Die Geschichte der Bienen“ aufzeigt, ist schockierend – selbst wenn einem die Bedeutung der Bienen für die Flora und Fauna und damit auch für die Menschheit bewusst ist. Taos Alltag und die Welt des ausklingenden 21. Jahrhunderts zu beobachten, ließ mich sprachlos, wütend und traurig werden. Zu Beginn des Romans war es daher besonders Taos Geschichte, die ich ganz gebannt verfolgte. Leider wurde ihre persönliche Geschichte bzw. die Geschichte Wei-Wens sehr vorhersehbar. Die Geschehnisse hätten so zwar einen guten Anlass gegeben, um politische und ökologische Entwicklungen aufzugreifen und so einen ganzheitlicheren Blick auf die Welt ohne Bienen zu werfen. Leider wurde diese Chance aber verschenkt und wir verfolgen stattdessen Tao bei der Suche nach Antworten, die uns als Leser vom ersten Moment klar sind.

Mit fortlaufender Geschichte waren es dann folglich die Leben von William und George, die ich mit größerem Interesse verfolgte. Zu sehen, wie William nach der Anerkennung seines (ehemaligen) Mentors lechzt, obwohl er weiß, dass dieser für ihn stets nur Spott und Hohn bereithält, zerriss mir fast das Herz – anfangs, weil mir William so leidtat und ich ihm gerne etwas Selbstvertrauen geschenkt hätte, später aus Frust über dieses schon selbstverletzende Verhalten, das William damit an den Tag legte. Wie gern wollte ich ihm die Augen öffnen für all das Gute, das eigentlich direkt vor seiner Nase zu finden war.

Regelrecht ins Herz schloss ich jedoch George, denn auch wenn er selten in der Lage ist, zu zeigen, was ihn beschäftigt oder was ihn freut, hat er im Grunde das Herz am rechten Fleck und ist sensibler, als er sich selbst eingestehen würde. Die interpersonellen Spannungen und Problemen zwischen George und seinem Sohn sind einerseits so klassisch und andererseits gerade in einer Generation, die durch gesellschaftliche und technologische Umbrüche geprägt ist, umso brisanter und aktuell, was es mir besonders leicht machte, mich in diese Familie hineinzuversetzen – sowohl in den an der Tradition festhaltenden Vater als auch in den seine eigenen Träume verfolgenden Sohn. Es ist ihre Geschichte, zu der ich die engste Bindung aufbauen konnte und die mich auch nach Ende der Lektüre noch am meisten beschäftigte. Denn die Generationen von George und Tom sind auch unsere Generationen – ihre Geschichte ist unsere Geschichte: Eine Geschichte über den schmalen Grat, der uns von einer Zukunft wie Taos trennt. Werden wir ihn überschreiten, uns in die Katastrophe stürzen? Oder finden wir rechtzeitig einen Halt, ein Sicherungsseil, an dem wir uns zurückziehen können? Werden wir weiter auf Risiko spielen oder über unseren eigenen Horizont hinausblicken, um die kleinen gestreiften Insekten und damit auch uns selbst zu schützen?

Fazit:

Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ erzählt anhand von Einzelschicksalen und ohne moralischen Zeigefinger von dem engen Verhältnis zwischen Biene und Mensch, von dem empfindlichen Gleichgewicht, das letztlich in unserer Hand liegt. Ein emotionaler, informativer und sensibilisierender Roman, den ich nur zu gern allen CEOs der Argrar- und Chemiekonzerne als Pflichtlektüre in die Hand drücken möchte.

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Tags: bienen, generationenroman, roman, umwelt   (4)
 

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406 Bibliotheken, 5 Leser, 6 Gruppen, 37 Rezensionen

kunst, musik, künstler, leid, medien

Vincent

Joey Goebel , ,
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 27.03.2007
ISBN 9783257236477
Genre: Romane

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10 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

fantasy, jugendbuch, cormac, corc, butterfly

Fremdes Leben

Dennis Frey
E-Buch Text: 256 Seiten
Erschienen bei Papierverzierer Verlag, 30.06.2016
ISBN 9783959622998
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Dennis Freys Fantasyroman „Fremdes Leben“ beginnt mit dem Ende. Nun ja, nicht ganz, aber mit einem Ende. Denn Cormac Flynn hat mit seinem Leben abgeschlossen. Wir treffen ihn an den Klippen, von wo aus er sich aus dieser Welt verabschieden möchte. Niemand ist da, der ihn aufhalten könnte und so lässt Cormac sich fallen. Doch was er sich als Ende seines misslungenen Lebens vorstellte, ist tatsächlich ein Anfang, denn Cormac erwacht in seinem alten Kinderzimmer, im Körper seines 15-jährigen Ichs, neben seinem Bett eine mysteriöse Gestalt ohne Namen und ohne Augen. Das fremde Wesen an seinem Bett ist es auch, das Cormac zurück ins Leben und zurück in die Vergangenheit gebracht hat. Kurzerhand tauft Cormac ihn – passenderweise – auf den Namen Mephisto. Und wie der Faust’sche Mephisto so scheint auch dieser hier ein ominöser, etwas zwielichtiger Geselle zu sein, dessen wahre Absichten er gekonnt verbirgt. Doch mit seiner verschmitzten, charmant-sarkastischen Art hat dieser Mephisto auch etwas entwaffnend Sympathisches an sich – und so wird Mephisto für Cormac und den Leser zu einem Charakter, dem man zwar nicht blind vertraut, den man aber doch zu lieben und zu schätzen lernt. Cormac selbst dagegen, ist zunächst kein Sympathieträger, weder in seiner Welt noch für den Leser. Zurück in seiner Jugend lässt Cormac schnell erahnen, warum er in seinem alten Leben nicht glücklich wurde: Als 15-Jähriger hat Cormac gerade die Schule gewechselt und findet dort keinen Anschluss; die Schulrowdies machen sich vom ersten Tag an ein Spaß daraus, ihn zu mobben und Cormac zieht sich von jeglichem sozialem Leben zurück, er verkriecht sich in einem Schneckenhaus und weist jeden zurück, der versucht, einen Schritt auf ihn zuzumachen. Kurz: Cormac sperrt jegliches Quäntchen Glück und Freude aus seinem Leben aus. Doch das Schicksal bzw. die übernatürlichen Mächte haben ihre eigenen Pläne. Durch eine Hinterlist stirbt Cormac – und wird anschließend erneut als 15-Jähriger wiedergeboren. Mephisto hat Cormac in einen Kreislauf aus Wiedergeburten gesteckt. Jeder Reboot ist eine Chance, alles anders, besser zu machen, aber jeder Reboot stellt Cormac auch vor neue Herausforderungen, denn mit jedem weiteren Leben scheinen sowohl Glück als auch Pech exponentiell zuzunehmen. Als Cormac eines Tages elementare Magie freisetzt, gerät das Gleichgewicht in der Welt schließlich völlig aus den Fugen und der Leser fragt sich, ob und wie Cormac dieses Gleichgewicht herstellen und den Kreislauf der Wiedergeburten beenden kann, aber auch was Mephisto mit all dem zu tun hat und auf wessen Seite er wirklich steht.

Interessant bei dieser Lektüre ist es vor allem, zu sehen, wie unterschiedlich Cormacs Leben verlaufen und welch überraschende Wendungen sich immer wieder auftun. Obwohl Cormac jedes Mal zum selben Zeitpunkt in sein jugendliches Leben zurückkehrt, ist er doch nie derselbe – sein Charakter wird in jedem Leben beeinflusst und prägt so Cormacs Wesen und die zwischenmenschlichen Beziehungen im nächsten Leben. Cormac gewinnt Selbstvertrauen, verliert seine Schüchternheit gegenüber Mädchen und lernt, sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren. Manche Leben halten für Cormac dadurch viele positive Erlebnisse bereit, er gewinnt Freunde, Respekt und findet Liebe. Aber es gibt bestimmte Konstanten in Cormacs Leben, Fixpunkte seines über allen Leben schwebenden Schicksals – und eine dieser Konstanten hat es darauf abgesehen, Cormacs Leben zu zerstören. So beobachtet der Leser auch, wie aus einem inzwischen offenen und selbstbewussten Cormac wieder ein zynischer, verbitterter Cormac wird. Autor Dennis Frey ist damit eine komplexe Charakterentwicklung gelungen, die zugleich glaubhaft wie faszinierend das Verhältnis zwischen Identität, Umwelt und dem Verlauf des Lebens aufzeigt. Leben ist, was du draus machst! Diese Wandlungen in Cormacs Wesen sorgen aber auch dafür, dass der Leser immer wieder zwischen Sympathie und Antipathie gegenüber dem Protagonisten schwankt – mal strapaziert Cormac mit seinem Selbstmitleid, mal mit Groll und Hass die Geduld des Lesers. Über kurz oder lang kann der Leser Cormac aber nur Respekt zollen für seine Weiterentwicklung. Etwas einfacher machen es dem Leser andere Charaktere des Buches: Mephisto wird schnell zu einem besonderen Gefährten, der für Witz und Esprit sorgt; das Mädchen Alice hingegen stellt den Leser zwar wie Mephisto vor so manches Rätsel, hat aber eine so aufrichtige, liebenswerte Art an sich, dass man mit ihr gerne mehr Zeit verbringen würde.

Doch es sind nicht nur die Charaktere, die überzeugen, sondern auch die Story, die Themen wie Mobbing, Courage, Identität, Schicksal oder das Gleichgewicht bzw. den Kampf zwischen Gut und Böse aufgreift. Erzählt wird all das auf eine sehr abwechslungsreiche, spannungsgeladene Art und eine sehr visuelle Erzählweise, die es mir sogar möglich machte, im vollen Berufspendlerzug alles um mich herum auszublenden und die Szenen vom ersten Satz durchweg filmgleich vor dem geistigen Auge zu erfahren – und das gelingt mir in der Regel bei maximal einem Buch pro Jahr!

Fazit:

Außergewöhnliche Charaktere, die schwer zu durchschauen oder keine typischen Sympathieträger sind, überraschende Wendungen, Ereignisse, die Rätsel aufgeben, eine zunehmende Komplexität der Geschichte, klassische literarische Themen, gesellschaftliche Fragestellungen, eine Prise Sarkasmus und so manche Parallele zum Faust-Stoff – all das vereint Dennis Frey in „Fremdes Leben“ auf sehr ausgewogene, unterhaltsame und packende Weise. Gerne mehr davon!

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Tags: fantasy, jugendbuch, magie   (3)
 

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6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

napoleon, klassiker, gesellschaft, jean valjean, religion

Les Miserables (Classics)

Victor Hugo
E-Buch Text: 1.232 Seiten
Erschienen bei Penguin, 24.04.2003
ISBN 9780141921518
Genre: Sonstiges

Rezension:  
Tags: frankreich, gesellschaft, klassiker, liebe, napoleon, rebellion, religion, revolution   (8)
 

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19 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

fantasy, magie, drachen, zauberer, leserunde

Das magische Erbe der Ryujin (Ryujin Saga)

Stephan Lethaus
Flexibler Einband: 656 Seiten
Erschienen bei CreateSpace Independent Publishing Platform, 15.06.2016
ISBN 9781533272966
Genre: Sonstiges

Rezension:

Im Laufe des letzten Jahres habe ich wenig Fantasy gelesen. Das liegt nicht daran, dass mich das Genre weniger interessiert als früher. Keineswegs! Doch immer, wenn ich in den vergangenen Monaten in den Fantasy-Abteilungen der Buchhandlungen und den Programmen der großen Verlage stöberte, hatte ich das Gefühl, alles schon gesehen und gelesen zu haben: Die Cover hatten eine fast schon deckungsgleiche Ähnlichkeit; die Titel und Klappentexte lasen sich gleich und wirkten beliebig austauschbar. Umso neugieriger machte mich daher Autor Stephan Lethaus mit seinem Serienauftakt „Das magische Erbe der Ryūjin“. Das grüne Cover mit dem Wappen der magischen Welt Skaiyles ist eine wunderbar ausgewogene Kombination aus Schlichtheit und feinen Details – und hebt sich durch den Verzicht auf Waffen oder fantastische Wesen stark von aktuellen Covertrends ab. Auch die Inhaltsangabe versprach ein spannendes Leseerlebnis: Einerseits finden sich klassische Fantasyelemente wie Drachen und das Thema der Heldenreise wieder, andererseits treffen eine mittelalterliche, fantastische Welt und die hochtechnologisierte Zukunft „unserer“ Welt aufeinander. Das alles wird erzählt mit einer guten Prise Humor, wie bereits der erste Satz des Klappentextes suggerierte: „Hast Du schon einmal versucht, mit einem Drachen ernsthaft über den Sinn des Tötens zu diskutieren?“

All das klang nach einer erfrischenden Abwechslung im Vergleich zu den aktuellen „Cash Cow“-Fantasytrends.

Und ich wurde nicht enttäuscht!

Stephan Lethaus‘ Romandebüt „Das magische Erbe der Ryūjin“ startet bereits rasant und spannungsgeladen in die Handlung, es gibt kein ewiges Vorgeplänkel und von der ersten Seite an sind Magie und Bedrohung sprübar. Wir treffen auf Zlas, die Nichte des Kaisers Theobaldus, die – zusammen mit ihrem Baby – vor dem skrupellosen Magier Mortemani fliehen muss. Lange kann sie sich vor dem mächtigen Mortemani jedoch nicht verstecken, schafft es aber zumindest ihren kleinen Sohn als Findelkind vor einer Burg auszusetzen und ihm so das Leben zu retten. In diesem kurzen, fast schon cineastisch-erzählten Auftakt schafft es Autor Stephan Lethaus sofort, eine tiefe Verbindung zu Zlas herzustellen. Obwohl wir nur wenig über die Nichte des Kaisers erfahren, können wir uns durch ihre Handlungen, Denkweisen und Aussagen ein sehr präzises Bild von ihr machen und erfahren – ganz ohne trockene Fakten – wie Zlas wirklich ist. Dadurch fällt es ausgesprochen leicht, schnell mit ihr zu fühlen und um sie zu bangen. Doch dann ein harter Cut – und wir müssen uns von der liebgewonnenen Zlas verabschieden.

Ein Sprung 17 Jahre in die Zukunft: Aus Zlas‘ Sohn ist inzwischen ein junger, feinfühliger Mann namens Rob geworden, der als Stallbursche auf der Burg Skargness arbeitet und ein außergewöhnlich gutes Gespür für Tiere hat. Als auf der Burg ein großes Turnier stattfindet, soll auch das Band zwischen Menschen und Drachen neu gestärkt werden: Dazu soll sich der arrogante und hitzköpfige Sohn des Burgherren mit dem jungen Drachen Fuku Riu verbinden und so das Erbe der ursprünglichen Drachenmagier, der einstigen Ryūjin, aufrechterhalten. Doch bei der Zeremonie spürt Fuku Riu, dass nicht der Sohn des Burgherren, sondern Rob der für die Drachenmagie Auserwählte ist. Das unerwartete Duo Fuku und Rob stößt beim Burgherren und seinem Sohn natürlich auf wenig Akzeptanz. Doch als wäre diese neue Situation für Rob und den ungestümen, vorwitzigen Fuku nicht schon schwierig genug, müssen die beiden, die noch nicht miteinander vertraut sind, fliehen, denn die Anhänger der reinen Magie haben es darauf abgesehen, die Drachenmagie auszulöschen – und nachdem der Sohn des Burgherren nicht zum Drachenmagier avancieren konnte, ist es für die Anhänger der reinen Magie ein Leichtes, die Politik auf ihre Seite zu ziehen: Alle Drachenmagier werden als vogelfrei erklärt …

Zeitgleich wird die Systemanalytikerin Mi Lou aus dem Vancouver des Jahres 2055 nach Skaiyles teleportiert. Die junge Frau, die gerade erst ihren Vater verloren hat, bringt ihre ganz eigenen Probleme mit in die magische Welt und ist wie Rob und Fuku auf der Flucht …

Stephan Lethaus hat mit seinem Serienauftakt komplexe, gut durchdachte und spannende Welten geschaffen, die geschickt miteinander verwoben sind: In Skaiyles ist die Gesellschaft technologisch gesehen rückständig, dafür finden wir unterschiedliche Formen von Magie und eine Unmenge mythischer Wesen vor, deren Entdeckung mal unheimlich, mal faszinierend ist; im Vancouver des Jahres 2055 ist indes das gesamte Leben von Technologie, insbesondere künstlicher Intelligenzen und Bionik, dominiert – mit Hilfe von Chips werden die mentalen Fähigkeiten der Menschen erweitert, doch gleichzeitig ist die ganze Welt erschreckend gläsern geworden. Ich gebe zu: Anfangs war ich skeptisch, wie diese beiden so unterschiedlichen Welten miteinander verknüpft werden können und fürchtete, dass sich der Autor womöglich in dieser schwierigen Aufgabe verliert. Doch Stephan Lethaus gelingt die Symbiose dieser Welten perfekt und tatsächlich sind sich beide Welten ähnlicher, als es auf den ersten Blick scheint.

Auch hinsichtlich der Dramaturgie hat Stephan Lethaus ein ideales Gleichgewicht zwischen actiongeladenen Szenen und Stellen zur Konzentration auf die Charaktere gefunden. Dabei arbeitet der Autor mit einer sehr visuellen Schilderung der Ereignisse, ohne sich jedoch in Metaphern oder Unmengen an Details zu verlieren. Insbesondere die Magierduelle beim großen Turnier auf Burg Skargness sind ein Kopfkinogenuss und die spannungsgeladene Flucht von Fuku und Rob verfolgte mich sogar bis in meine Träume!

Unsere drei Protagonisten Rob, Fuku und Mi Lou ergeben ein herrliches Trio unterschiedlichster Charaktere: Rob ist eher zurückhaltend, mit so manchem Selbstzweifel und schüchtern, macht aber im Verlauf der Geschichte eine beeindruckende Weiterentwicklung durch – ebenso sein Drache Fuku, der anfangs diverse Spitzen gegen Rob ablässt, einfach weil Fuku noch zu wenig Ahnung von Menschen hat. Wie Rob lernt auch Fuku durch die besonderen Umstände schnell dazu, wird feinfühliger gegenüber seinem neuen Freund, wodurch sie schnell zu einem starken Team werden. Nichtsdestotrotz verliert Fuku nie seinen Humor, lockert dadurch so manche Situation auf und ist vor allem auch schrecklich liebenswert! Mi Lou dagegen ist zu Beginn der Geschichte zu perfekt: Sie ist klug, schön, hat Ahnung von IT, hat Survivalkenntnisse, ist sehr erfahren im Meditieren, aber auch versiert in Kampftechniken und trägt stets eine Ninja-Ausrüstung mit sich (man weiß ja nie, was einen erwartet). All das hilft ihr sehr beim Überleben in Skaiyles. Mir persönlich wurde es Mi Lou dadurch aber auch etwas zu einfach gemacht und ich wünschte mir ein wenig mehr Ecken und Kanten, die leider erst zum Ende des Buches zum Vorschein kamen. Doch das ist wahrlich Meckern auf hohem Niveau und angesichts der fesselnden Geschichte vernachlässigbar.

Fazit:

Mit „Das magische Erbe der Ryūjin“ hat Stephan Lethaus einen packenden Serienauftakt geschaffen, der mehr als neugierig auf die weitere Entwicklung der Geschichte und der Charaktere macht. Ein großartiges Debüt, das gekonnt Fantasy und Science Fiction verbindet.

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Tags: drachen, fantasy, magie, magier, reihe, science fiction, serie   (7)
 

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409 Bibliotheken, 10 Leser, 1 Gruppe, 110 Rezensionen

frankreich, zweiter weltkrieg, schwestern, resistance, 2. weltkrieg

Die Nachtigall

Kristin Hannah , Karolina Fell
Fester Einband: 608 Seiten
Erschienen bei Rütten & Loening Berlin, 19.09.2016
ISBN 9783352008856
Genre: Romane

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Tags: frankreich, schwestern, weltkrieg, zweiter weltkrieg   (4)
 

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311 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

dystopie, klassiker, george orwell, 1984, big brother

Nineteen Eighty-Four

George Orwell
Flexibler Einband: 325 Seiten
Erschienen bei Penguin Books Ltd, 23.06.2008
ISBN 9780141036144
Genre: Klassiker

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Tags: dystopie, klassiker, kontrolle, manipulation, totalitarismus, überwachung   (6)
 

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52 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 14 Rezensionen

mondfinsternis, anthologie, blutmond, burgruine, kurzgeschichten

Roter Mond - 9 fantastische Geschichten

Birgit Otten (Hrsg.)
E-Buch Text: 136 Seiten
Erschienen bei BookRix, 20.04.2016
ISBN 9783739649597
Genre: Sonstiges

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3 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Out of Oz [Paperback]

Gregory Maguire
Flexibler Einband
Erschienen bei Headline Review, 07.06.2012
ISBN B008MO4EN0
Genre: Sonstiges

Rezension:  
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14 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

kunst, theater, wissenschaft, frankenstein, jugend

Frankensteins Erben

Jens-Ulrich Davids
E-Buch Text: 366 Seiten
Erschienen bei Endeavour Press, 12.04.2016
ISBN B01CVSVAKW
Genre: Sonstiges

Rezension:

Für Perikles „Peh“ Krause steht alles auf dem Spiel: Dem Dozenten der Universität in Oldenburg wird nicht nur endlich eine Festanstellung in Aussicht gestellt, sondern auch die Junior-Professur in einem neu einzurichtenden Studiengang in Darstellendem Spiel. Doch was auf den ersten Blick nach einem tollen Fortschritt in der Karriere des bislang beruflich wie privat wenig erfolgreichen Mittvierzigern wirkt, erweist sich für Peh als Alles-oder-Nichts-Auftrag. Denn Peh bekommt die neue Position nur, wenn er bis zum Sommer des kommenden Jahres mit einer Gruppe Studenten ein Theaterstück auf die Beine gestellt hat, dass die Uni-Belegschaft durchweg begeistert – gelingt das nicht, kann Peh seine Sachen packen und sich für immer von der Uni Oldenburg verabschieden. Zwar hat Peh schon einige Erfahrungen als Leiter der Uni-Theatergruppe gesammelt, doch würde nichts, was er bisher inszenierte, den Anforderungen des Uni-Präsendenten und des Dozentenkollegiums genügen, denn die wünschen sich für das nun entscheidende Theaterstück etwas, das klassisch ist, aber auch modern, das auf einem Roman basiert, gesellschaftlich und politisch hoch aktuell und brisant ist, das aber auch zeitlos ist und unterhält, etwas, das Religion, aber auch Naturwissenschaften aufgreift, das dieses hat und jenes tut … Dank seines Freundes Ronald wird Peh bewusst, dass Mary Shelleys „Frankenstein“ den schier endlosen Anforderungen der Uni-Kollegen gerecht werden würde. Doch der Weg der Inszenierung ist steinig: Schauspieler und Möchtegern-Revoluzzer Anton bremst die Gruppe regelmäßig aus; seine Freundin Tamar verdreht Peh den Kopf, inszeniert sich am liebsten selbst und spielt ihre eigene Spielchen mit dem vor sexueller Anziehung geblendeten Peh. Und dann ist Peh selbst sein größtes Problem, denn der Theatergruppenleiter verfügt über keinerlei Durchsetzungsvermögen, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen; er lebt und agiert auf fast schon phlegmatische Weise passiv – keine guten Voraussetzungen angesichts des Drucks lastet.

Nein, ein wirklicher Romanheld ist unser Protagonis Peh wahrlich nicht und so manches Mal möchte man ihm einen kleinen Stoß in die richtige Richtung geben, ihm den Kopf waschen – was auch schon Pehs bester Freund Ronald auf erfrischend direkte und schonungslose Art regelmäßig erledigt. Vor allem wenn es um Tamar geht, strapaziert Peh leicht die Geduld des Leser. Während er sie für seine Muse hält und sich nur allzu bereit auf ihre Flirtereien einlässt, merkt er nicht, wie sie seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit ausnutzt und lediglich mit seinen Gefühlen (und seiner Libido) spielt. Sie genießt es, wie er sie anhimmelt, und kostest es aus, Macht über ihn zu haben. Und Peh, der arme Tropf, realisiert es nicht, ja, er macht sich sogar Hoffnungen auf eine gemeinsame Beziehung. Als Leserin möchte man eingreifen und dem ewigen Junggesellen die Augen öffnen. Da das aber leider nicht möglich ist, ärgert man sich wieder und wieder über so viel Naivität – aber auch darüber, dass „Frankensteins Erben“ als Roman mit Schwerpunkt auf Theater und Kunst nicht ohne das ausgelutschte Klischee der Affären zwischen Lehrbeauftragtem und Studentin auskommt.

Denn mit Ausnahme dieser unnötigen Liaison ist „Frankensteins Erben“ wirklich ein außergewöhnlicher Roman. Passend zur Theaterthematik ist die Handlung in fünf Akte untergliedert und die Szenenein- und -ausstiege kommen zuweilen sehr filmhaft daher: Vor allem die Wechsel zu Pehs Telefonaten mit seinem Vater und den abendlichen Gesprächen mit Kumpel Ronald erfolgen rasch und ohne großes Vorgeplänkel; es gibt keine einleitenden Worte zu Ort oder Zeit, sondern der Leser steigt wie ein Besucher einfach mitten in ihre Unterhaltungen ein. Das ist gerade zu Beginn im Kontrast zu den kunst- und theaterwissenschaftlichen Erörterungen der Studenten sehr erfrischend.

Letzteres ließ mich während des Lesens immer etwas zwiespältig zurück. Jens-Ulrich Davids gibt viele Einblicke in die theaterpädagogische Praxis, die sich wohl doch sehr von dem unterscheiden dürfte, wie sich Nicht-Theatermenschen eine Stückentwicklung vorstellen, und die mich an meine eigenen Theaterprojekte während des Bachelorstudiums erinnerten. Auch hat der Autor Fragestellungen und Themen aus Kunst und Theater gut mit der Gesellschaft und dem Privatleben der Charaktere verknüpft. Allerdings wurde Davids hier oft zu ausschweifend. Selbst ich, die über theaterwissenschaftlichen Hintergrund verfügt, konnte nicht immer allen Gedankengängen und Gesprächsverläufen folgen, weshalb ich mir vorstellen kann, dass es Leser ohne Vorwissen oder besonderem Interesse an Kunst und Theater schwer haben dürften, dem ständigen, ausufernden fachlichen bzw. philosophischen Diskurs der Charaktere nachzuvollziehen. Hinzu kommt, dass der Autor in den Diskursen seiner Figuren häufig den Fokus verliert – viele Themen und Fragestellungen werden wieder und wieder aufgegriffen, führen aber nie zu Ergebnissen, sodass sich der Inhalt ständig im Kreis dreht und unnötige Längen entstehen. An anderern Stellen springen die Charaktere von einer Thematik zur nächsten, ohne dabei auch nur ein Thema wirklich abgeschlossen zu haben. Ich konnte mich daher nicht des Eindrucks erwehren, dass Jens-Ulrich Davids mit seinem Roman sehr viel gewollt hatte, es aber für diese Geschichte und den Umfang des Buches einfach zu viel war. Der Autor greift spannende Fragen und Problematiken auf, die sich aber in ihrem Bemühen um Aufmerksamkeit und Aufrütteln der Leserschaft gegenseitig ausbooten.

Dieser starke Fokus auf gesellschaftliche und theater- bzw. kunsttheoretische Themen ist darüber hinaus auch zu Lasten der Charaktere gegangen. Nicht nur erscheinen manche Verhaltensweisen wenig nachvollziehbar – beispielsweise warum Anton weiter in der Theatergruppe spielt, wenn er das alles doch für sinnlos und Kinderkram hält -, auch bleibt der überwiegende Teil der Theatergruppe eine graue Masse ohne Individuen. Dabei haben manche Charaktere durchaus Potenzial, wie sich zum Beispiel bei Lönsi zeigt, der zum Ende hin nicht nur greifbarer und sympathischer wird, sondern auch eine nicht unwichtige Rolle in Pehs Weiterentwicklung spielt. An Pehs Vater, dem Davids eine sehr individuelle Note gegeben und außergewöhnliche Eigenheiten zugeschrieben hat, zeigt sich zudem, dass der Autor durchaus vielschichtige und im Gedächtnis bleibende Figuren schaffen kann. Schade, dass nicht alle Charaktere so gut ausgearbeitet wurden wie Pehs Vater.

Die Stärke von „Frankensteins Erben“ liegt indes in der Auseinandersetzung mit Mary Shelleys Klassiker. Die Erörterungen und Recherchen der Studenten zu „Frankenstein“ hat Jens-Ulrich Davids spannend, authentisch und vielseitig geschildert und weckt damit die Lust, Shelleys Roman zu lesen. Perfekt abgerundet wird dies durch mysteriöse Auftritte des Geists der Mary Shelley. In diesen Szenen lässt Davids seine Leser „Frankenstein“ durch die Augen seiner Schöpferin sehen und stellt die Frage, inwieweit das Bild, das die Mehrheit von einem Klassiker oder dessen Autor hat, bzw. wie Literaturwissenschaftler und Lehrer die Klassiker interpretieren, tatsächlich der Wirklichkeit entspricht.

Fazit:

Wer für das Theater brennt und leidenschaftlich gern theater- oder kunstwissenschaftliche Diskussionen führt, der wird Jens-Ulrich Davids „Frankensteins Erben“ lieben. Andere Leser dürften aber wohl Schwierigkeiten haben, den Diskursen der Charaktere zu folgen, werden aber nach der Lektüre des Romans voller Neugier an Mary Shelleys berühmtes Werk herangehen.

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Tags: klassiker, kunst, theater, wissenschaft   (4)
 

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215 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 46 Rezensionen

liebe, kuss, unsichtbar, paris, suche

Der kleinste Kuss der Welt

Mathias Malzieu ,
Flexibler Einband: 156 Seiten
Erschienen bei carl's books, 31.08.2015
ISBN 9783570585474
Genre: Fantasy

Rezension:

Es gibt Geschichten, die derart skurril oder absurd sind, dass sie aus der Feder der meisten Autoren nur peinlich trashig würden. Nur wenige Autoren vermögen es, selbst die merkwürdigste Idee zu einer magisch-schönen Geschichte zu verwandeln. Einer dieser Wunder-Schriftsteller ist Mathias Malzieu, der mit seinem Edward-Scissorhands-ähnlichen Roman „Die Mechanik des Herzens“ ganze Leserscharen in seinen Bann zog und längst kein Geheimtipp mehr ist.

Mit „Der kleinste Kuss der Welt“ liegt seit Ende August dieses Jahres der dritte ins Deutsche übersetzte Roman des Musikers und Autors vor – und wie die beiden Vorgänger steckt auch dieser voller Magie, Poesie, Liebe und Skurrilitäten. Im Mittelpunkt steht auch dieses Mal wieder ein verliebter Mann, der dieses Mal jedoch kein Mensch mit Kuckucksuhrenherz ist oder in der Metamorphose zum Vogel steckt – nein, dieses Mal ist unser Ich-Erzähler ein Erfinder, der just von seiner Liebsten sitzengelassen wurde und nun wieder von vorne anfangen muss. Während eines Tanzabends begegnet er einer betörend schönen und geheimnisvollen Frau – doch als er sie küsst, wird sie unsichtbar und verschwindet. Unser nun neu-verliebter, romantischer Erfinder will sich damit nicht zufrieden geben und setzt sich in den Kopf, die unbekannte Unsichtbare wiederzufinden. Unterstützung erhält er dabei von einem alten Detektiv und dessen Papagei. Papagei? Ja, Papagei – aber natürlich kein gewöhnlicher, sondern einer, der Frauen anhand von Stimme, Orgasmen, Geruch und den Empfindungen des verliebten Mannes ausfindig machen kann. Das hört sich merkwürdig an und tatsächlich dachte ich anfangs: „Monsieur Malzieu, jetzt haben Sie es aber gehörig übertrieben mit Ihrer übersprudelnden Fantasie. Wie soll ich das denn ernst nehmen können?“ Doch wie ich eingangs erwähnte, gehört Mathias Malzieu zu dieser seltenen Gattung von Autoren, die jeder Idee einen großartigen Zauber verleihen können. Und so gelingt es dem Frontmann der Band Dionysos auch in diesem Fall, zu überzeugen und etwas von der Verliebtheit des Protagonisten auf uns Leser zu übertragen. Das liegt vor allem an Malzieus unverkennbarem, poetischen – und von Sonja Finck wieder hervorragend ins Deutsche übertragenem – Stil, der selbst die unangenehmsten Ereignisse zauberhaft und wunderschön klingen lässt, aber auch an seinen kreativen Wortschöpfungen, außergewöhnlichen Metaphern und nicht zuletzt seinen wie immer einzigartigen Plot- und Charakterideen. Malzieus Bücher zu lesen, ist immer, als wäre man trunken vor Liebe und Endorphin-Zaubertränken – man verfällt von der ersten Seite an dem Charme des Schreibstils und lässt sich blindlings von ihm forttragen.

Verglichen mit „Die Mechanik des Herzens“ konnte mich „Der kleinste Kuss der Welt“ aber trotz all dieser stilistischen Wunderbarkeiten nicht durchgehend packen. Ich mag die Idee, die Figuren, von denen ich vor allem Apothekerin Louisa ins Herz schloss und auch das Ende … irgendwie zumindest, denn einerseits habe ich mir genau diese Auflösung gewünscht, andererseits war ich fast ein wenig enttäuscht, dass mir mein Wunschende gewährt wurde (sind wir Leser nicht ein merkwürdiges Völkchen?). Doch so intensiv mitgefiebert, verzweifelt, geflucht, geschwärmt und mich gefreut wie bei „Die Mechanik des Herzens“ habe ich mich leider nicht. Allerdings liegt das nicht an „Der kleinste Kuss der Welt“ selbst. Das „Problem“ ist einfach der durch und durch perfekte Vorgänger, den man wohl nicht oder höchstens sehr schwer übertrumpfen kann. Abgesehen davon war „Die Mechanik des Herzens“ viel komplexer: Erstreckt sich die Handlung in „Der kleinste Kuss der Welt“ lediglich über ein paar Monate, begleiteten wir den Protagonisten aus „Die Mechanik des Herzens“ fast ein ganzes Leben lang – klar, dass man zu Charakteren, denen man beim Aufwachsen zusehen kann, eine stärkere Bindung aufbaut. Daher ist meine weniger intensive Leseliebe keineswegs auf die Qualität „Der kleinste Kuss der Welt“ zurückzuführen und der Roman um den Erfinder und seine unsichtbare Geliebte ist die Lektüre mehr als wert. 

Wer es wie ich liebt, wenn Autoren und andere Kreative ihre einzelnen Projekte miteinander verbinden, hat bei „Der kleinste Kuss der Welt“ übrigens gleich doppelten Grund zur Freude: Zum einen hat die Covergestaltung erneut der einfach nur grandiose Benjamin Lacombe übernommen, was Malzieus Bücher zu einer optischen Einheit macht; zum anderen wird in einer Szene in „Der kleinste Kuss der Welt“ der von Mathias Malzieu/ Dionysos erfundene Tanz Bird’n’Roll getanzt, zu dem Dionysos einen Song komponierte, welcher wiederum auf Malzieus Roman „Metamorphose am Rande des Himmels“ beruht. Allein deswegen lohnt es sich, Malzieus Gesamtwerk weiter zu verfolgen – ich bin überzeugt, uns wird in den kommenden Jahren noch viel Wunderbares aus seiner Feder erwarten.

Fazit:

Poesie, Liebe und Erotik pur, dazu ein Schuss Skurrilität – Mathias Malzieus „Romanrezept“ ist erneut aufgegangen und sorgt für puren Lesegenuss.

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Tags: erfinder, frankreich, französische literatur, liebe, poetisch, skurril   (6)
 

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33 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 25 Rezensionen

thriller, kunstraub, kunst, genter altar, verschwörung

Das Geheimnis des Genter Altars

Klaus-Jürgen Wrede
Flexibler Einband: 444 Seiten
Erschienen bei Acabus Verlag, 03.08.2015
ISBN 9783862823673
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Eines muss ich gleich vorweg gestehen: Beim normalen Stöbern durch Buchhandlung und Co. wäre ich an „Das Geheimnis des Genter Altars“ womöglich ohne mit der Wimper zu zucken vorbeigegangen. Krimis und Thriller sind nicht gerade Genres, in die ich mich öfters voller Euphorie hineinstürze und in Buchhandlungen ignoriere ich diesen Bereich für gewöhnlich. Auf „Das Geheimnis des Genter Altars“ wurde ich lediglich durch den Namen des Autors neugierig: Klaus-Jürgen Wrede. Die (Viel-)Spieler unter euch werden nun vielleicht wissend nicken, für alle anderen an dieser Stelle ein kurzes Briefing: Klaus-Jürgen Wrede ist der Autor der sehr erfolgreichen Spiele-Serie „Carcassonne“, die unangefochtener Favorit in unserer heimischen Spielesammlung ist. Nicht verwunderlich also, dass ich wissen wollte, ob Klaus-Jürgen Wrede mich mit einem Roman ebenfalls zu fesseln vermag.

Nun, mit der carcassonne’chen Idylle hat „Das Geheimnis des Genter Altars“ als Thriller natürlich nichts gemeinsam. Trotzdem durfte ich mich als Liebhaber des Spiels während der Lektüre über den ein oder anderen Querverweis zu Carcassonne freuen. Gut unterhalten fühlte ich mich außerdem, denn es wird gemordet und gefoltert, gejagt und geflohen; es gibt Action, eine riesige Ladung an historischen Fakten und Mythen, aber auch eine aufkeimende Liebe.

Doch worum geht es in Wredes Romandebüt eigentlich?

Kameramann Daniel findet seinen Nachbarn, Kollegen und Freund Jury tot in dessen durchwühlter Wohnung. Als Daniel später mit der Polizei an den Tatort zurückkehrt, ist Jurys Leiche jedoch verschwunden. Stattdessen trifft Daniel aber kurz darauf auf Mara – Jurys Schwester, die nach einer ominösen Nachricht Jurys aus Amsterdam anreiste. Statt darauf zu warten, dass die Ermittlungen der Polizei Licht ins Dunkel bringen, beginnen Mara und Daniel eigene Nachforschungen. Schnell entdecken sie Dateien und eine Botschaft, die Jury für sie kurz vor seinem Tod hinterlassen hat. Schlauer werden sie daraus jedoch kaum, stattdessen tauchen immer mehr Fragen auf, denn alles deutet darauf hin, dass Jury einem großen Geheimnis auf der Spur war, einem Geheimnis, das mit dem legendären Genter Altar zusammenhängt. Kurzerhand nimmt Daniel ein paar Tage Urlaub und bricht mit Mara nach Belgien auf, in der Hoffnung, dort das Rätsel um Jury und den Altar lösen zu können. Eh sie sich’s vesehen, geraten die beiden ins Visier der Menschen, die es bereits auf Jury abgesehen hatten. Sie werden verwickelt in die Aufklärung eines der größten Kunstraube der Geschichte, eines Falls, der bereits Jurys und Maras Vater das Leben kostete und dessen Objekt – eine Tafel des Genter Altars – ein Geheimnis birgt, zu dessen Aufklärung Mara und Daniel zunächst die Rätsel und Geheimnisse von Kunst- und Bauwerken aus mehreren Jahrhunderten aufdecken müssen.

Für mich als Leserin war die Aufklärung des Geheimnisses des Genter Altars das Element, welches mich beim Lesen am meisten fesselte. Mit jedem Fortschritt, den Mara und Daniel machten, wurde ich neugieriger, was es mit der 1934 gestohlenen Tafel auf sich hat, gleichzeitig schwirrte mir immer mehr der Kopf, weil sich das Rätsel geografisch und kunsthistorisch immer weiter ausdehnte und so manches Mal fragte ich mich, ob ein Geheimnis, das in einem Bild versteckt wurde, in der Realität wirklich auf so komplexe und mysteriöse Weise mit anderen Kunstwerken und Orten verflicht wäre und wie wahrscheinlich es wäre, dass nach so vielen Jahrhunderten – der Altar entstand im 15. Jahrhundert – ein derart verstricktes Rätsel auch nur ansatzweise gelöst werden könnte. Zugegeben, ich bezweifel, dass das möglich wäre, nichtsdestotrotz macht es Spaß, wieder und wieder mit Mara und Daniel zu grübeln, auch wenn ich gestehen muss, dass die beiden mir immer Welten voraus waren. Hin und wieder konnte ich ihren Gedankengängen und Schlussfolgerungen nicht mehr folgen und was Mara und Daniel an Allgemeinwissen vorzuweisen haben, ließ mich erstaunt und, ja, gelegentlich auch ungläubig zurück. Überhaupt entsteht beim Lesen oft der Eindruck, dass unseren beiden Helden – trotz aller lebensbedrohlichen Situationen, die sie durchleben müssen – das Glück oft in die Hände spielt: Ihr Allgemeinwissen und ihre Logikfähigkeiten ergänzen einander perfekt, sodass sie selbst nach kürzester Zeit Passwörter ermitteln und geheime Codes knacken können; sie kennen immer irgendwen, der irgendwen kennt, der ihnen in dem mysteriösen Fall durch technische Ausrüstung, Codierkenntnisse oder Fachwissen weiterhelfen kann; alle wichtigen Leute haben sofort Zeit für Daniel und Mara; überhaupt ist der Alltag eher nebensächlich, Daniel kann von heute auf morgen Urlaub nehmen und bekommt sogar von seinem Chef die Schlüssel für sein zufällig in Belgien liegendes Ferienhaus. Ihr merkt schon: Irgendwie scheint alles allzu zufällig zu sein. Vielleser denken dann natürlich schnell, dass der Autor ein schlechter Geschichtenerzähler ist und würden „Das Geheimnis des Genter Altars“ vielleicht unvollendet beiseite legen. Aber: Tut das nicht und lest weiter! Denn die allzu zufälligen Zufälle entspringen nicht schlechter Schriftstellerei, sondern weben sich – bis auf wenige Ausnahmen – geschickt in das mysteriöse Netz um den Genter Altar ein, denn natürlich ist auch in Klaus-Jürgen Wredes Thriller nicht jeder das, was er vorgibt zu sein.

Dennoch merkt man dem Roman an, dass er ein Debüt ist: Die Dialoge sind oft noch zu hölzern, wirken unnatürlich. Im Laufe des Buches entwickelt sich Wredes Schreibstil jedoch deutlich weiter. Darüber hinaus sind die Passagen, die in der Vergangenheit spielen, überaus gelungen und stecken voller Atmosphäre, sodass ich in diesen Teilen der Geschichte gerne noch länger verweilt hätte.

Insgesamt bietet „Das Geheimnis des Genter Altars“ trotz mancher Imperfektionen eine spannende Geschichte, die vor allem durch die umfangreichen (kunst-)historischen Hintergründe und Informationen überzeugt. Wer gerne knobelt oder Schnitzeljagden mag, ist bei diesem Roman an der richtigen Adresse. Aber auch Actionliebhaber dürften in Anbetracht der diversen Verfolgungsjagden auf ihre Kosten kommen.

Fazit:

Aus rein literarischer Sicht ist das erste Buch aus der Feder des Spieleautors Klaus-Jürgen Wrede zwar durchaus ausbaufähig, doch die Fülle an (kunst-)historischen Informationen und Legenden in Verbindung mit einer actionreichen Handlung machen „Das Geheimnis des Genter Altars“ zu einer unterhaltsamen und informativen Lektüre für alle, die beim Lesen eines Buches auch gerne selber miträtseln.

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Tags: geheimnis, gent, kunst, kunsthistorik, kunstraub, legenden, rätsel, templer, thriller, verschwörung   (10)
 

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119 Bibliotheken, 0 Leser, 5 Gruppen, 15 Rezensionen

schweden, emanzipation, vergewaltigung, frauen, liebe

Daisy Sisters

Henning Mankell , Heidrun Hoppe
Flexibler Einband: 560 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 01.05.2011
ISBN 9783423212885
Genre: Romane

Rezension:

Etwa eine Woche ist es nun her, dass ich Henning Mankells Roman „Daisy Sisters“ las und noch immer bin ich hin- und hergerissen. Ich schätze Henning Mankell sehr, als Autor ebenso wie als sozial engagierten Menschen, und seine Bücher haben in meinem Regal einen angestammten Platz. In der Tat war Mankell sogar der erste Schriftsteller, den ich für mich als „Lieblingsautor“ betiteln konnte. Das heißt jedoch nicht, dass ich blind alles lobe, was er schreibt. Seinen Roman „Tiefe“ habe ich beispielsweise einst abgebrochen. Doch was mir nun mit „Daisy Sisters“ passierte, kannte ich im Zusammenhang mit Mankell-Lektüre bislang nicht: Ein Sich-Hingezogen-Fühlen von Mankells Kunst des Geschichtenerzählens und ein gleichzeitiges Abgestoßen-Werden von der unerträglichsten Protagonistin, der ich in diesem Lesejahr begegnet bin.

Doch von Anfang an.

Schweden im Jahr 1941. Die 17-jährige Elna trifft sich zum ersten Mal mit ihrer langjährigen Brieffreundin Vivi. Während der gemeinsamen Radtour fahren die „Daisy Sisters“, wie sich Vivi und Elna nennen, an die norwegische Grenze, wo sie zwei Soldaten kennenlernen. An einem Abend haben es die Männer darauf abgesehen, die beiden Freundinnen abzufüllen. Doch während Vivi den Alkohol recht gut verträgt und durchaus noch Herr ihres Körpers und Verstandes ist, setzt Elna der Alkohol extrem zu. Damit spielt sie den Plänen der Soldaten in die Hände und wird vergewaltigt. Es ist Elnas erstes Mal und sie wird prompt schwanger. Nach einem gescheiterten Abtreibungsversuch, der sie fast das Leben gekostet hätte, bringt Elna schließlich ihre Tochter Eivor auf die Welt. In ihr soll sich Elnas Schicksal wiederholen – und zwar mehr als einmal.

Als Jugendliche wird Eivor von ihrer ersten Liebe vergewaltigt, doch bleibt ihr eine Schwangerschaft erspart. Aber als sie Jahre später kurz davor steht, einen Job bei ihrer Traumfirma anzutreten, „vergisst“ ihr Freund Jacob, zu verhüten. Es ist das erste Mal, dass sie ungeschützten Geschlechtsverkehr haben – und natürlich wird Eivor schwanger. Statt des Traumjobs fristet sie nun als 19-Jährige ein Dasein als Hausfrau und Mutter, die nahezu nie die heimischen vier Wände verlässt und kein eigenes Leben mehr hat. Als Eivors Sohn älter ist, möchte sie die Verwirklichung ihres Traums nachholen. Jacob, mit dem sie inzwischen verheiratet ist (nicht aus Liebe, sondern wegen des gesellschaftlichen Anstands), erweist sich bei seinem Frauenbild jedoch als äußert rückständig. Damit Eivor nicht arbeiten gehen kann, sieht er nur einen Ausweg: Sie muss erneut schwanger werden. Also vergewaltigt Jacob seine eigene Frau. Auch dieses Mal wird sie schwanger.

Im Laufe der Jahre findet Eivor immerhin genug Stärke, um sich von Jacob scheiden zu lassen. Doch als sie ihre Jugendliebe (und damit ihren ersten Vergewaltiger) wiedersieht, lässt sie sich gutgläubig auf einen gemeinsamen Urlaub ein – der natürlich in einer gemeinsamen Nacht und einer weiteren ungewollten Schwangerschaft endet.

Ihr merkt schon: Elna und Eivor scheinen irgendwie das Pech gepachtet zu haben. Mir persönlich waren die Zufälle jedoch allzu zufällig und dadurch unglaubwürdig. Es ist weniger die Tatsache, dass beide Frauen vergewaltigt werden, sondern es sind vielmehr die Schwangerschaften, die mich die Geschichte irgendwann nicht mehr richtig ernst nehmen ließen. Eivor hat nur viermal in ihrem Leben ungeschützten Geschlechtsverkehr – und in drei dieser vier Fälle wird sie schwanger. Seien wir ehrlich: Wie wahrscheinlich ist das schon? Abgesehen davon hat mich Elnas Geschichte zwar sehr mitgenommen, doch konnte ich einfach keinerlei Mitgefühl für ihre Tochter Eivor aufbringen, denn für mich war sie von Anfang an einfach unausstehlich. Als Jugendliche und auch als Erwachsene provoziert sie ständig Streit mit Mutter Elna, beleidigt sie sogar – dabei tut Elna nie etwas Falsches und Böses, sondern versucht lediglich, ihrer Tochter zu einem besseren Leben zu verhelfen. Hinzu kommt, dass Eivor sich als Teenie zwar sehr rebellisch zeigt, aber nach dem Auszug aus der elterlichen Wohnung eigentlich überhaupt nicht weiß, was sie denkt oder will. Sie behauptet, von einem Job als Schneiderin in der großen Textilfirma Algots zu träumen und ist völlig davon überzeugt, dass sie diese Stelle auch bekommt. Doch tut Eivor sehr lange gar nichts, um diesem Traum ansatzweise näher zu kommen. Stattdessen betrinkt sie sich jedes Wochenende und fährt mit oberflächlichen Bekanntschaften sinnlos in einer Autokolonne Stunde für Stunde im Kreis um einen städtischen Platz. Sie hat keine wirkliche Meinung und wenn, versucht sie nicht einmal, diese durchzusetzen; sie trinkt und raucht, obwohl ihr das eigentlich gar nicht schmeckt; tut und sagt Dinge, die sie nicht möchte, nur weil es bequemer ist, anderen nicht zu widersprechen – nicht einmal bei der Freizeitplanung. Später, nachdem sie Mutter ist, entwickelt Eivor sich zwar ein wenig weiter, doch ist sie noch immer nicht in der Lage, für ihr eigenes Leben Verantwortung zu übernehmen. Dass sie ihre beruflichen Träume nie verwirklichen kann, sieht sie allein in den Schwangerschaften begründet. Tatsächlich verbaut Eivor sich ihre Chancen auf Veränderung aber immer wieder auch selbst, indem sie allzu schnell irgendwelche banalen Ausflüchte sucht, mit denen sie jede Aussicht auf Weiterbildung oder gute Jobs beerdigen kann. Gleichzeitig ergibt sie sich widerstandslos den Launen der Männer: Die Männer, die ihr etwas bedeuten oder bedeutet haben, schlagen und vergewaltigen sie wieder und wieder – und was tut Eivor? Sie redet sich das schön, gibt sich selbst die Schuld oder nimmt sich vor, sich nicht mehr auf diese Männer einzulassen, tut es dann aber doch mit der Rechtfertigung gegenüber sich selbst, dass die Männer sich doch sicher geändert haben und dass das, was ihr angetan wurde, der Vergangenheit angehört. Ich weiß, diese Art Frau gibt es wirklich, doch wenn mir als Leserin das Schicksal eines Protagonisten nahe gehen soll, ich jedoch nicht einmal für einen winzigen Augenblick so etwas wie Sympathie oder Mitleid empfinde, sondern diese Person nur permanent wachrütteln möchte, ist das Lesen für mich eher mit Frust als Genuss verbunden. Zwischenzeitlich war ich von Eivor derart genervt, dass ich das Buch für mehrere Tage zur Seite legen musste, obwohl meine Neugier an diesem Generationenroman ungebrochen war.

Statt Eivors Geschichte zu lesen, die ca. 75 Prozent des Buches einnimmt, hätte ich lieber mehr über das Leben ihrer Mutter Elna erfahren oder den Lebensweg von Elnas Freundin Vivi verfolgt. Und ja, selbst über Elnas und Eivors Nachbarn, den Alkoholiker Anders, hätte ich gerne mehr gelesen – im Gegensatz zu Eivor hat der wenigstens einen wirklichen Charakter! Doch trotz dieses frustrierenden Leseerlebnisses würde ich „Daisy Sisters“ nicht als schlechtes Buch bezeichnen. Denn Henning Mankell schreibt auf gewohnt hohem Niveau und liefert sehr genaue Portraits von der Gesellschaft in den einzelnen Jahrzehnten, davon, was es heißt, in diesen Zeiten Frau zu sein, und nicht zuletzt Portraits der beiden Frauen Elna und Eivor. Wer also kein Problem mit charakterschwachen Protagonisten und allzu zufälligen Zufällen hat, der sollte zu „Daisy Sisters“ greifen. Für wen jedoch halbwegs sympathische Charakere eine Voraussetzung sind, um ein Buch genießen zu können, der sollte sich wohl besser anderen Lektüren widmen. Henning Mankell hat schließlich genug andere, bessere Bücher geschrieben.

Fazit:

Mit „Daisy Sisters“ hat Henning Mankell zwar erneut sein famoses Schreibtalent unter Beweis gestellt, doch macht Protagonistin Eivor das Lesen zu einer großen Geduldsprobe, die ich nur mit viel Mühe durchgestanden habe.

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Tags: familiengeschichte, frauenschicksal, generationenroman, schweden   (4)
 

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sommergeschichte;

Dahlenberger

Florian Wacker
Fester Einband: 220 Seiten
Erschienen bei Verlagshaus Jacoby & Stuart GmbH, 02.07.2015
ISBN 9783942787697
Genre: Romane

Rezension:  
Tags: sommergeschichte;   (1)
 

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sklaverei, südstaaten, sklaven, frauenrechte, amerika

Die Erfindung der Flügel

Sue Monk Kidd , Astrid Mania
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei btb, 19.01.2015
ISBN 9783442754854
Genre: Romane

Rezension:

Vor mehr als zehn Jahren begeisterte Sue Monk Kidd mit ihrem Südstaaten-Roman “The Secret Life of Bees”/ “Die Bienenhüterin” die Leser diesseits und jenseits des Atlantiks. Mit “Die Erfindung der Flügel” liegt nun ein weiteres Buch der US-Autorin vor, in welchem sie sich den gesellschaftlichen Unterschieden zwischen der schwarzen und weißen US-Bevölkerung widmet. Im Fokus der Geschichte stehen Hetty “Handful” Grimké und Sarah Grimké, denen wir erstmals im Alter von 10 bzw. 11 Jahren begegnen. Sarah ist die Tochter eines hochangesehenen Juristen und Plantagenbesitzers in Charleston, Hetty eine Sklavin der Familie und das “Geschenk” der Eltern zu Sarahs 11. Geburtstag!

Sarah, die bereits als Kind eine Gegnerin der Sklaverei und das schwarze Schaf der Familie Grimké ist, versucht, sich gegen dieses groteske Geschenk zu wehren. Sie lehnt Hetty ab, erzürnt damit jedoch nur ihre Mutter, die dies nicht akzeptiert und Sarah auf ihr Zimmer schickt. Daher greift Sarah zu einem juristischen Mittel: Da Hetty nun als ihr Eigentum gilt, ist es Sarah von Rechts wegen gestattet, ihr die Freiheit zu schenken. Also verfasst Sarah eine entsprechende Erklärung – die am nächsten Morgen zerrissen vor ihrer Zimmertür liegt. Enttäuscht gibt die Elfjährige den Kampf gegen ihre konservative Familie auf und versucht stattdessen, Hetty das Leben (sofern es sich als solches bezeichnen lässt) so erträglich wie möglich zu machen. Heimlich bringt sie ihr das Lesen bei und zwischen den Mädchen entwickelt sich ein fast freundschaftliches Verhältnis. Natürlich kann das jedoch nicht ewig gut gehen. Eines Tages kommen die Grimkés hinter Sarahs und Hettys Leseunterricht und ergreifen entsprechende Maßnahmen, um dieses “unsittliche” Verhalten zu unterbinden: Schreib- und Lesematerialien werden aus Sarahs Zimmer entfernt und fortan ist der wissensdurstigen, ambitionierten Sarah der Zutritt zur geliebten Bibliothek ihres Vaters verboten. Bald darauf erwartet das Mädchen der nächste Schlag: Als sie ihrer Familie eröffnet, dass sie Anwältin werden möchte, erntet sie dafür Spott und Wut. Ihr Vater sowie ihr Bruder Thomas, die einst verkündeten, dass Sarah den wohl besten Anwalt abgeben würde, wenn sie ein Mann wäre, lachen nun über diesen Traum des Mädchens – undenkbar, dass eine Frau in der Rechtswissenschaft tätig ist! Dies ist der Moment, in dem Sarah endgültig resigniert – Hettys Traum von Freiheit und Sarahs Traum, mehr als nur Ehefrau und Mutter zu werden, erscheinen unerfüllbar. Beide müssen sich in das ihnen vorgeschriebene Schicksal fügen, beider Leben liegen in Fesseln.

“Sie war gefangen, so wie ich, wenn auch von ihren geistigen Schranken und den geistigen Schranken all der Menschen rings um sie, und nicht vom Gesetz. Mr Vesey hatte in der afrikanischen Kirche immer wieder gesagt: Gebt acht, denn ihr könnt zweifach versklavt werden, einmal mit eurem Körper, und einmal mit eurem Geist.
Das versuchte ich ihr zu erklären. Ich sagte: ‘Mein Körper mag ein Sklave sein, aber nicht mein Geist. Bei dir ist es umgekehrt.'” (S. 237)

In den folgenden Jahren gelingt es den beiden Mädchen nicht, die einstige Vertrautheit aufrecht zu erhalten. Hetty tritt in die Fußstapfen ihrer Mutter und wird Näherin der Grimkés – aufgrund ihres großen Talents genießen Hetty und ihre Mutter dabei auch ein etwas höheres Ansehen als die anderen Sklaven. Sarah dagegen geht gänzlich in ihrer Rolle als Patin ihrer kleinen Schwester Angelina auf, der sie vermittelt, dass alle Menschen gleich sind und gleiche Rechte genießen sollten, aber auch, dass Angelina stets für ihre Ziele einstehen und sich im Gegensatz zu ihrer Schwester nicht dem gesellschaftlichen Diktat fügen soll. Doch obwohl Hetty und Sarah nicht mehr viel verbindet, hat beide die kurze Freundschaft zueinander auf ewig geprägt und Sarah wird eines Tages als eine Vorreiterin im Kampf für die Gleichberechtigung in die Geschichte eingehen – sowohl, was die Gleichberechtigung zwischen Weißen und Farbigen betrifft, als auch hinsichtlich der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Dass bzw. wie Sarah diesen steinigen Weg gemeistert hat, hat mir in Sue Monk Kidds Roman am meisten imponiert. Obwohl “Die Erfindung der Flügel” abwechselnd aus Sicht von Hetty und Sarah erzählt wird, ist es doch Sarah, deren Geschichte in mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Tatsächlich fußt Sue Monk Kidds Geschichte auf wahren Begebenheiten: In Charleston gab es im 19. Jahrhundert wirklich eine Familie Grimké, deren Töchter Sarah und Angelina die ersten offiziellen Rednerinnen der Anti-Sklaverei-Bewegung und bedeutende Frauenrechtlerinnen waren. Auch dass Sarah als Kind die Sklavin Hetty geschenkt bekam, der sie das Lesen beibrachte, ist historisch belegt. Die echte Hetty verstarb jedoch bereits in jungen Jahren in Folge einer Krankheit. Sue Monk Kidds Roman geht daher der Frage nach, welchen Einfluss Hettys und Sarahs freundschaftliche Verhältnis auf Sarahs spätere Aktivität gehabt haben mochte und schafft mit Hettys fiktiv fortgesetztem Leben zugleich ein Pendant zu Sarahs Lebenswirklichkeit.

“Ein Sklave sollte wie der Heilige Geist sein – man sieht ihn nicht, man hört ihn nicht, aber er schwebt immer eifrig um einen herum.” (S. 13)

“Die Erfindung der Flügel” folgt dabei keinem festen Handlungsstrang, konzentriert sich nicht auf einen Schwerpunkt, sondern erweist sich vielmehr als Gesellschaftsportrait. Sue Monk Kidd schildert nicht einfach nur Sarahs und Hettys Leben, sondern eröffnet den Lesern auch, warum selbst einflussreiche Männer, die eigentlich gegen Sklaverei sind, nicht bereit sind, für die Rechte der Schwarzen einzutreten, sie gewährt einen Einblick in den Alltag und die Befreiungsversuche der Sklaven, in das vordiktierte Leben der Frauen, aber auch in die konservative Denkweise, die selbst bei den fortschrittlichsten Gesellschaftskreisen immer wieder zu Tage tritt. Am Ende bleibt der Leser mit dem Wunsch zurück, mehr über die Grimké-Schwestern Sarah und Angelina zu erfahren – praktischerweise liefert Sue Monk Kidd hierfür gleich Lektüreempfehlungen.

Dennoch konnte mich “Die Erfindung der Flügel” nicht so intensiv in seinen Bann ziehen wie einst “Die Bienenhüterin”. Letzteres war ein Buch, dass mich in sich aufsog und in eine warme, von Honig überzogene Welt entführte; ersteres kommt im Vergleich dazu nüchterner daher, da “Die Erfindung der Flügel” einen simpleren, weniger atmosphärischen Schreibstil aufweist. Daneben überzeugte mich die Darstellung von Sarahs Mutter nicht gänzlich. Sue Monk Kidd erwähnt sowohl innerhalb der Geschichte als auch in den Anmerkungen, dass Mrs. Grimké für ihre Grausamkeit gegenüber ihren Sklaven bekannt war. In der Tat verhält sich Mrs. Grimké im Roman ihren eigenen Kindern gegenüber kalt und hart und ist wahrlich auch zu ihren Sklaven nicht nett. Doch vergleicht man das im Buch beschriebene Verhalten Mrs. Grimkés mit den Schilderungen des Sklavenalltags in anderen historischen Quellen (beispielsweise Solomon Northups Biografie), so erscheint Mrs. Grimké doch recht milde. Beispielsweise lässt sie sich von Hettys Mutter des Öfteren leicht um den Finger wickeln und harte körperliche Bestrafungen sind eher eine Ausnahme als die Regel. Dass Sarahs Mutter außerordentlich streng gewesen sein sollte, ist daher nur schwer zu glauben.

Des Weiteren stören ein paar sprachliche Kleinigkeiten. So wurde in der deutschen Übersetzung auf die Punkte nach “Mr.” und “Mrs.” verzichtet, die Anreden wurden also an das britische Englisch angepasst, obwohl die Handlung in den USA spielt und das Buch von einer US-Autorin stammt. Des Weiteren mangelt es dem Slang an Kontinuität. Bei Hettys Mutter wird beispielsweise das Wort “nicht” mal korrekt geschrieben, mal zu einem “nich” gekürzt; ähnlich verhält es sich mit “ist”/”is” und anderen Wörtern. Ob das nun auf die Übersetzung durch Astrid Mania zurückzuführen ist oder der Slang bereits im Original nicht einheitlich ist, kann ich an dieser Stelle jedoch nicht beantworten. Zugegeben, das alles sind Feinheiten, doch fielen sie mir während der Lektüre wiederholt auf und trübten so ein wenig den Lesegenuss.

Fazit:

Sue Monk Kidds “Die Erfindung der Flügel” kann zwar nicht so begeistern wie “Die Bienenhüterin”, liefert aber ein vielschichtiges Portrait der US-amerikanischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und errichtet zwei historisch bedeutenden, aber längst vergessenen Frauen ein würdiges Denkmal, das zum Weiterrecherchieren anregt.

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Tags: abolitionismus, frauenrechte, grimké-schwestern, sklaverei, usa   (5)
 

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The Pact

Jodi Picoult
E-Buch Text: 512 Seiten
Erschienen bei HarperCollins e-books, 05.11.2008
ISBN B001KDQ4KQ
Genre: Sonstiges

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eremit, tagebuch, sibirien, stille, natur

In den Wäldern Sibiriens

Sylvain Tesson , Claudia Kalscheuer
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Knaus, 03.03.2014
ISBN 9783813505641
Genre: Sachbücher

Rezension:  
Tags: einsamkeit, einsiedler, eremit, erfahrung, natur, russland, sachbuch, sibirien, stille, tagebuch   (10)
 

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umweltschutz, maulwurf, kinderbuch, natur, bilderbuch

Maulwurfstadt

Torben Kuhlmann , Torben Kuhlmann
Fester Einband: 32 Seiten
Erschienen bei NordSüd Verlag, 20.01.2015
ISBN 9783314102745
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Ein Maulwurf schafft sich unter einer idyllischen Wiese ein neues Zuhause. Dort lebt er ein einfaches Leben – es gibt keinen Luxus, aber alles, was der Maulwurf braucht. Im Laufe der Zeit gesellen sich jedoch immer mehr seiner Artgenossen hinzu. Gemeinsam entwickeln sie ihre Grabungstechniken weiter, bis sie ihre Arbeit schließlich nicht mehr mit ihren Pfoten ausüben müssen, sondern von großen Maschinen vornehmen lassen. Mit dem technischen Fortschritt wird auch das Leben in der unterirdischen Stadt immer komplexer. Die Maulwürfe richten sich in ihren Behausungen zunehmend komfortabler ein, während das Stadtbild von Leuchtreklamen und überfüllten Straßen geprägt ist. Das einst ruhige, schlichte Leben weicht Lärm, Hektik und Konsum. Doch nicht nur unter der Erde hat sich im Laufe der Jahre alles verändert, denn das hochentwickelte Leben unter Tage hat auf der einst grünen Wiese katastrophale Spuren hinterlassen.

In seinem zweiten Buch, das nun beim Zürcher Verlag NordSüd erschienen ist, hält uns Torben Kuhlmann den Spiegel vor: Welches Recht nehmen wir uns heraus, mit unseren Ressourcen kurzsichtig und verantwortungslos umzugehen? Wieso werden materielle Dinge, kurzzeitige Freuden und Nutzen der naturgegebenen Schönheit und sogar den Lebensgrundlagen übergeordnet? Und lässt sich der Schaden, den die Menschen der Erde noch immer zufügen, je wiedergutmachen? Inwieweit ist er reversibel?

Natürlich sind Umweltschutz und Nachhaltigkeit keine neuen, revolutionären Themen, doch sind sie von unveränderter Aktualität, denn trotz aller Bemühung der vergangenen Jahrzehnte wird der Regenwald weiter abgeholzt, Riffe zerstört, Tiere ihrer Lebensräume beraubt und – wie im Fall des Frackings – noch immer Techniken mit unabsehbaren Risiken implementiert. Torben Kuhlmanns “Maulwurfstadt” möchte ich daher nur allzu gern zur Pflichtlektüre für politische und wirtschaftliche Akteure machen, denn es ist fast schon unglaublich, wie es dem Hamburger Illustrator gelingt, einen solchen Sachverhalt auf nur 32 Seiten anschaulich, pointiert und authentisch darzustellen – und das nahezu ohne Worte! Lediglich am Anfang und am Ende stößt der Leser bzw. Betrachter auf ein paar erläuternde Zeilen, alles andere erfahren wir allein durch die Bilder. Und die sind zum Verständnis der Geschichte auch vollkommen ausreichend! An keiner Stelle bleibt der Betrachter mit Fragen zurück und so gräbt man sich förmlich selbst hinein in die Maulwurf’sche Welt, immer tiefer und tiefer, bis man – den Maulwürfen gleich – vergisst, dass es auch ein “über der Erde” gibt. Dabei überzeugen Torben Kuhlmanns Bilder – wie schon in seinem Debüt “Lindbergh” – mit atemberaubendem Ideen- und Detailreichtum: Im Erdreich tummeln sich die Regenwürmer und Maden, aus einem Zimmer hängt ein Nintendo-Controller und die Bahnwaggons fahren nicht nur horizontal, sondern auch vertikal durchs Erdreich. Besonders beeindruckend kommt jedoch eine Draufsicht auf einen Maulwurf’schen Schacht daher, die allein beim Betrachten Schwindelgefühle auslöst.

Hervorhebenswert sind zudem die roten Fäden, die Torben Kuhlmann von “Lindbergh” zu “Maulwurfstadt” gesponnen hat: In beiden Büchern sind Tiere die handelnden Figuren, dominieren warme, gedeckte Farben die Bilder und ergänzen gezeichnete Fotos und Zeitungsartikel die Geschichte. So sind “Lindbergh” und “Maulwurfstadt” stilistisch wunderbar miteinander verbunden. Gleichzeitig bilden diese Elemente Alleinstellungsmerkmale, mit denen sich Kuhlmanns Bücher von der großen, bunten Masse der Bilderbücher abheben und zusammen mit den zeitlosen Geschichten zu einzigartigen Schätzen im heimischen Bücherregal werden.

Fazit:

Mit seinem zweiten Buch “Maulwurfstadt” hat Torben Kuhlmann eine eindrucksvolle Fabel über unsere moderne Gesellschaft und unseren Umgang mit unserem Planeten geschaffen, die Jung und Alt gleichermaßen begeistern wird. Ein Buch, das in jede gute Hausbibliothek gehört und das ideale Geschenk für Klein und Groß ist – und natürlich für sich selbst.

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Tags: erde, maulwürfe, nachhaltigkeit, natur, umwelt, umweltschutz   (6)
 

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tiere, tierliebe, regenbogenland, fantasy, verbundenheit

Die Schatten von Sev-Janar

Anke Höhl-Kayser
Flexibler Einband: 228 Seiten
Erschienen bei p.machinery Michael Haitel, 22.01.2014
ISBN 9783942533959
Genre: Sonstiges

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Tags: fantasy, hund, tiere, tiergeschichte, tod, trauer   (6)
 

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spiritualität, liebe, roman, selbstfindung, reise

Aleph

Paulo Coelho , Maralde Meyer-Minnemann
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 28.08.2013
ISBN 9783257242423
Genre: Romane

Rezension:  
Tags: autobiografie, frühere leben, selbstfindung, spiritualität   (4)
 

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klassiker, weihnachten, erzählung

Der Weihnachtsabend

Charles Dickens , Flix null , Eike Schönfeld , Flix
Fester Einband: 147 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 15.09.2014
ISBN 9783458200109
Genre: Sonstiges

Rezension:  
Tags: erzählung, klassiker, weihnachten   (3)
 

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graphic novel, klassiker, comic

Moby Dick

Herman Melville , Olivier Jouvray , Pierre Alary
Fester Einband: 124 Seiten
Erschienen bei Splitter-Verlag, 01.12.2014
ISBN 9783958390430
Genre: Comics

Rezension:

Graphic Novel-Adaptionen von Klassikern sind etwas Wunderbares: Wer das Original noch nicht gelesen hat, kann sich durch die Comicversion zunächst an den Stoff herantasten und wird sich bei Gefallen höchstwahrscheinlich noch der ursprünglichen Geschichte widmen, was den Klassikern ein kleines Revival bescheren kann; wer den Klassiker hingegen schon kennt, dem bieten Graphic Novels einen ganz neuen Zugang, vielleicht sogar eine neue Perspektive und neue Interpretationsansätze. Im Falle von “Moby Dick” reihe ich mich in die erste Gruppe ein. Die Geschichte um Kapitän Ahab, der regelrecht besessen davon ist, den großen weißen Wal zu fangen und für dieses Ziel sogar bereit ist, das Leben seiner Mannschaft zu opfern, hatte mich bislang nie genug reizt, um mich Herman Melvilles Roman zu widmen. Zwar war ich nicht uninteressiert, doch die Neugier reichte nicht aus, um mich dem Wälzer in seiner ungekürzten Form zu widmen, insbesondere da Melvilles Buch allzu oft für Längen und Abschweifungen kritisiert wurde. Eine gekürzte Romanfassung kam für mich indes nie Frage. So schob ich die Auseinandersetzung mit “Moby Dick” viele Jahre vor mir her. Als ich dann vor wenigen Monaten von Olivier Jouvrays und Pierre Alarys Comicversion erfuhr, sah ich daher die ideale Möglichkeit, die Geschichte um die Besatzung der Pequod zu erfahren, ohne mich dabei gleich für  mehrere Hundert, eventuell enttäuschende Seiten zu verpflichten. Nun, nach der Lektüre der Graphic Novel, kann ich nicht anders, als alsbald Melvilles Original zu lesen! Denn ich als Leserin wurde in die Geschichte hineingesogen wie die Schiffe in den Malstrom. Jouvray und Alary zeigen in “Moby Dick” ihr Talent für atmosphärische Bilder. Sie machen sich die Farbtemperaturen des Lichtes zunutze, fangen es in ihren Panels ein und verleihen so jeder Szene einen eigenen Charakter. Bereits auf den ersten drei Seiten fühlte ich die Sonnenstrahlen auf meiner Haut, spürte das wogende Meer unter mir und hörte in der Ferne die Möwen schreien – natürlich gibt es so weit auf dem offenen Meer gar keine Möwen, doch die von Pierre Alary gezeichneten Bilder mit ihren fast schon cineastischen Ausschnitten und Perspektiven sowie den lebendigen Mimiken der Figuren lassen die Geschichte vor dem (geistigen) Auge wie einen Film abspielen.

Neben der optisch famosen Umsetzung kann “Moby Dick” aber auch dramaturgisch überzeugen. Dem für Adaption und Text verantwortlichen Olivier Jouvray ist es gelungen, die Handlung aufs Wesentliche herunterzubrechen, ohne dass dies auf Kosten der Figuren oder Spannung geht. In Jouvrays und Alarys Graphic Novel gibt es kein Bild, das zu viel ist – die Handlung bleibt durchgängig am Laufen, gleichzeitig wird genug Raum gegeben, um den Leser in die einzelne Settings einzuführen und mit den Charakteren vertraut zu werden. Ob Matrose Ismael, Harpunier Queequeg, Offizier Starbuck oder Kapitän Ahab – Jouvray widmet jedem von ihnen genug Szenen, in denen der Leser sie kennenlernen kann, und verleiht ihnen eine Tiefe, die ich diesem Ausmaß in Comics selten erfahren habe. Nach den nur 123 Seiten der Graphic Novel hatte ich das Gefühl, Ismael, Queequeg, Starbuck und Ahab besser zu kennen als so manche Charaktere aus 500-Seiten-Romanen! Queequeg, der menschgewordene Fels in der Brandung, und Starbuck, der sich als Einziger offen gegen Ahabs Verhalten ausspricht, schloss ich in dieser kurzen Zeit besonders in mein Herz und nur zu gern hätte ich ihre persönlichen Lebensgeschichten vor der Jagd auf Moby Dick erfahren. Als die 123. Seite umgeblättert war, fiel mir der Abschied demnach trotz der Grausamkeit der Waljagd und der Skrupellosigkeit Ahabs schwer. Ich will zurück aufs Meer, noch einmal mit Ismael, Queequeg und Starbuck segeln – und das werde ich auch, allerdings für ein paar hundert Seiten mehr und unter Führung von Hermann Melvilles Worten. Jouvray und Alary bleibt an dieser Stelle daher mein Dank dafür, dass sie mir die atemberaubende Geschichte um Kapitän Ahab und den weißen Wal nahegebracht und in mir eine leidenschaftliche Neugier auf das Original entbrannt haben. Merci!

Fazit:

Eine optisch wie inhaltlich grandios in Szene gesetzte Adaption des Melville-Klassikers, die sich neuen wie alten Mitreisenden der Pequod gleichermaßen anbietet.

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Tags: comic, graphic novel, klassiker   (3)
 

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monster, anthologie, kurzgeschichten, drachen, lustig

Missverstandene Monster

Pointecker , Mortimer M. Müller , Borrmann , Ulrik van Doorn
E-Buch Text: 224 Seiten
Erschienen bei OHNEOHREN, 01.09.2014
ISBN 9783903006157
Genre: Humor

Rezension:

Monster sind hässlich, unheimlich, eklig und wollen nur Böses, richtig? Falsch. Natürlich gibt es sie, die Wesen, die nur skrupellos spuken. Aber es existieren auch niedliche und friedliche Monster. Letztlich wollen all diese Wesen aber nur eins: ihr Leben leben. Denn das Dasein eines Monsters ist keineswegs easy-peasy! Manche Monster wollen einfach nicht erschrecken und streben nach einer anderen Existenz, andere haben sogar Angst vor Kindern, wieder andere beklagen den Verlust oder das Fehlen ihres Schrecktalents oder die schlechten Arbeitsbedingungen - tja, und die Pubertät ist für einen Monsterteenie auch nicht gerade die sorgenfreiste Zeit. Kein Wunder also, dass es selbst in der Monstergesellschaft mittlerweile viele therapeutische Angebote gibt: Ob Gruppen- oder Einzeltherapie - für jedes monströse Problem findet sich die passende Behandlung. Und da kommen nun wir Menschen und tun nichts anderes, als über die Monster zu meckern und zu fluchen! Das muss sich ändern. Wir müssen mehr Toleranz und Verständnis gegenüber den Drachen, Todesfeen, Trollen, Irrlichtern, vielbeinigen, schleimigen, pelzigen, scharfzähnigen Wesen zeigen! Die Monsterologen Anke Höhl-Kayser, Mortimer M. Müller, John R. Borrmann, Ulrik van Doorn, Nina C. Egli, Laura Dümpelfeld, Sophia Berg, Marcus Haas, Andrea Bienek, Helen B. Kraft, Corinna Schattauer, Susanne Haberland, Daniel Schlegel, Tina Alba, Tanja Rast, Robert von Cube, Dennis Bienkowski, Katharina F. Bode, Felicitas Heine und Rike Winthert haben daher in ihrem Monstererfahrungsschatz gekramt und diverse Fallbeispiele zu Tage gefördert, die unter der Feder von Ingrid Pointecker in der Anthologie "Missverstandene Monster" gebündelt wurden. Sie gewähren uns tiefe Einblicke in die Vielschichtigkeit der Monstergattungen, zeigen uns den Alltag und die Sorgen der unterschiedlichsten Wesen. Dabei wird deutlich, dass wir Menschen an den Problemen dieser Spezies nicht immer ganz unschuldig sind. An mancher Stelle fragt man sich gar, wer die wahren Monster sind - diese Wesen oder wir Menschen? Bestes Beispiel dafür ist die Geschichte von Robert von Cube ("Ribbli"), die uns Lesern die Abscheulichkeiten in den Versuchslaboren vor Augen führt.

Mit so manchem Wesen bekommt man dabei auch großes Mitleid. In "Willo, das Irrlicht" erzählt uns beispielsweise Nina C. Egli die traurige Lebensgeschichte eines in den Sümpfen lebenden Irrlichts. Wieder und wieder hofft Willo auf Gäste und gibt sich tagtäglich Mühe, das Zuhause für Besucher einladend zu gestalten. Gelegentlich kündigen sich auch tatsächliche Reisende an. Freudig leuchtet Willo den Besuchern entgegen - doch dann ganz plötzlich versinken diese immer im Moor und Willo bleibt wieder allein zurück. Es zerbricht einem das Herz, zu lesen, wie sehr diese Einsamkeit und ständige Enttäuschung das arme Irrlicht schmerzt. Drachin Tarasque hingegen, deren "Protestbrief" von Mortimer M. Müller bereitgestellt wurde, kam einst nach Frankreich in der Aussicht auf ein schönes Leben. Drache Fuchur (ja, genau jener Glücksdrache aus Michael Endes "Die unendliche Geschichte") empfahl ihr die Region um Nerluc. Doch dort begegnet man Tarasque nur mit Ablehnung und Gewalt. Als Leser wird man sprachlos ob dieses herzlosen Verhaltens der Menschen. Gleichzeitig legt Tarasque aber ein so loses Mundwerk an den Tag, dass sie uns damit unweigerlich auch immer zum Schmunzeln bringt. Liebe Tarasque, solltest du noch immer auf der Suche nach einem friedlichen Zuhause sein - bei mir bist du jederzeit willkommen!

Sehr ins Herz geschlossen habe ich auch das kleine Wesen, das aus Mirandas Keller auftauchte (Tanja Rast: "Das aus dem Keller"). Es ist so unglaublich goldig und drollig, dass man sich ihm sofort annehmen möchte! Doch mehr möchte ich hier nicht über Mirandas Monster verraten - lernt es selbst kennen, ihr werdet in ihm einen wunderbaren Freund finden! Apropos Freundschaft: Auch Spinnen können gute Freunde sein und haben zudem einen guten Musikgeschmack, wie uns Tina Alba in "Arachne organophilia" verrät.

Da die Geschichten über die "Missverstandenen Monster" ebenso vielseitig sind wie die Vorlieben von uns Lesern, wird natürlich jeder Leser an den Geschichten unterschiedlich stark Gefallen finden. Auch ich ging aus der ein oder anderen Begegnung mit den Monstern ein wenig unzufrieden heraus, weil ich das Gefühl hatte, dass mir zum Beispiel noch Informationen fehlten oder die Ereignisse noch nicht wirklich ihr Ende erreicht haben. Hinzu kam auch gelegentliche Verwirrung, beispielsweise angesichts des unter Drachen sehr verbreiteten Namens Tarasque. In andere Erlebnisse hingegen wurde ich sehr stark involviert. Beispielsweise lädt uns Anke Höhl-Kayser in "Dank sei den Stinkmorcheln" zu einer Runde Gassi-Gehen mit Sabine und ihrem Hund Flocke ein. Gut gelaunt machte ich mich also mit Sabine auf den Weg und hoffte auf einen gemütlichen Abendspaziergang. Doch Pustekuchen! Denn Sabine musste natürlich durch das finstere Nordwäldchen gehen - als wäre das nicht schon unheimlich genug, stießen wir dann auch noch auf Hundekadaver! DAS war wirklich abartig. Wie ich da lebend und ohne Schockfolgeschäden hinauskam? Das müsst ihr schon selbst nachlesen.

Fazit:

Eine Kurzgeschichtensammlung, die Monster in all ihren Facetten portraitiert, den Mensch-Monster-Dialog fördert und die Leser auf ein Emotionskarussell setzt, auf dem sie lachen, grübeln, weinen, sich fürchten und ekeln können.

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Tags: anthologie, kurzgeschichten, monster   (3)
 
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