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Ich musste sie kaputtmachen

Stephan Harbort
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Droste Vlg, 19.02.2004
ISBN 9783770011742
Genre: Sachbücher

Rezension:

Nach “Killerinstinkt“, “Killerfrauen“, “Aus reiner Mordlust“, “Das HANNiBAL-Syndrom“ und “Die Maske des Mörders“ ist dieses Buch, nämlich “Ich musste sie kaputt machen!“ für mich sowohl zum Lesen als auch zum Rezensieren die größte Herausforderung gewesen. In den anderen genannten Büchern erläutert Stephan Harbort anhand mehrerer SerientäterINNEN jeweils ein Thema. In diesem Buch definiert er anhand mehrerer Morde den als “Jahrhundertmörder“ in die Kriminalgeschichte eingegangene Joachim Georg Kroll.

     Der Düsseldorfer Kriminalhauptkommissar und Sachbuchautor Stephan Harbort untersuchte alle deutschen Serienmörderprofile seit 1945, außerdem hat er die Bezeichnung “Serienmörder“ auch international mitgeprägt. Deshalb ist ihm auch der Fall Kroll bestens bekannt. Man kennt Harbort als Gastredner in verschiedenen Fernsehsendungen mit kriminalistischen Themen und als Gast in verschiedenen Talk-Shows.

 

 

 

Niemand im Gerichtsaal vernahm Joachim Kroll als ein Mann, der mehr als 20 Jahre lang mordete, die deutsche Justiz an der Nase herumführte. Insgesamt konnte man ihm 8 von 11 Morden sowie einen versuchten Mord nachweisen, die er auch alle gestand.

 

Das Opfer Krolls versuchten Mordes, eine zum Tatzeitpunkt  20-jährige Frau, beschrieb ihn während der polizeilichen Vernehmung als klein, schmächtig, abstehende Ohren, stechender Blick, Stirnglatze, 3-Tage-Bart, insgesamt eine ungepflegte Erscheinung. Außerdem sprach er laut Aussagen anderer Zeugen und Nachbarn außer einem >>Morjen<< oder >>Tach<< stets sehr wenig, und wenn, dann in unvollendeten Sätzen, außerdem leise und unverständlich, manchmal nuschelte er.

 

Sein  Lebens- und Leidensweg begann bereits in frühester Kindheit. Im Jahr 1933 geboren, wuchs er mit seinen Eltern, sein Vater war Bergmann, seine Mutter Hausfrau, und mit mehreren Geschwistern auf. Seine Eltern waren auch für die damaligen Verhältnisse arm, obwohl sein Vater berufstätig war, in einer der vielen Wohnungen, in denen sie wohnten, teilten sich mehrere Kinder ein Zimmer, Joachim Kroll schlief gemeinsam mit manchen seiner Geschwister in der Küche.

     Zu dieser Zeit (Mitte des 20. Jahrhunderts) war es noch üblich, dass der Mann Alleinverdiener war, und somit gleichzeitig auch das Familienoberhaupt. Eine alleinstehende und/oder geschiedene Frau mit Kindern wurde gesellschaftlich verpöhnt, weshalb so manche Ehefrau, Hausfrau und zugleich Mutter es missbilligend duldete, wenn der Vater die Kinder mit Gewalt für ihre (Un-)Taten bestrafte. Manche Väter gebrauchten dabei auch Gegenstände, und manche Kinder lernten dabei mehr als nur den Ledergürtel kennen. So auch Joachim Kroll.

     Manchmal hörte seine Mutter ihm ein paar Minuten lang zu, was allerdings sehr selten der Fall war, schließlich war sie Hausfrau und hatte noch mehrere Kinder zu versorgen. Außerdem wurden seine Geschwister üblicherweise vorgezogen bzw. sie hatten sich vorgedrängt, und er hatte hinten anzustehen.

 

Dem Schulunterricht konnte er nie wirklich folgen, und er nässte bis spät ins Erwachsenenalter öfter ins Bett, weshalb sein Vater ihm bereits im Kindesalter prognostizierte, ein Versager, ein Taugenichts zu werden. Seine Geschwister ordneten sich dieser Meinung unter, die ihn folglich entweder mobbten, auch musste er die Fehler seiner Geschwister ausbaden, oder sie beachteten ihn gar nicht erst.

     Ohne Schulabschluss zog es ihn in die Welt hinaus, er wollte seinen Peinigern entfliehen. Nur hatte er ohne erlernten Beruf auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance – das Arbeitsamt gab es damals nicht, höchstens die “Stütze“, wie man sie damals mundartlich nannte.

      Zwar entwickelte er bereits in seiner Kindheit Interesse an elektronischen Geräten wie Radios und Fernseher, die er auch reparieren konnte und somit immer mal wieder jemandem einen Gefallen tat. Nur blieb ihm seine ersehnte Lehre zum Radio- und Fernsehtechniker ohne Schulabschluss erspart. Auch hatte er ein Händchen für Motoren, konnte also auch Motorräder reparieren, nur konnte er auch damit beruflich nichts anfangen. Zeit seines Lebens schlug er sich also als Hilfsarbeiter mit Gelegenheitsjobs durch.  Immer wieder landete er als Hilfsarbeiter bei Bauern, wo er auch das Töten und das Ausweiden von Tieren gelernt hatte. Doch auch während seiner etlichen Arbeitsstellen hätte man ihn, wenn er nicht als >>faul!<< gegolten hätte, überhaupt nicht beachtet, konnte nirgendwo Anschluss finden.

 

Da man ihn im Elternhaus auch als Mensch nicht wahrgenommen hatte, wurde er logischerweise auch zu Hause nicht sexuell aufgeklärt. Egal um was es ging: er hatte nur eine Vorstellung von allem. Somit war sein Sexualleben ebenso primitiv wie sein Lebenswandel. Sexualität kannte er nämlich aus Erotik-Zeitschriften wie den “St. Pauli Nachrichten“ und dergleichen. Seine ersten sexuellen Erfahrungen mit Mädchen und mit Frauen sollten auf sich warten lassen, deshalb probierte er sich selbst zunächst an Kühen, um herauszufinden, wie sich eine Vagina überhaupt anfühlt, was anderen Menschen an Sex überhaupt so wichtig ist - er wollte dazugehören.

     Seine erste sexuelle Erfahrung mit einem Mädchen hatte er kurz vor seinem 21. Geburtstag – und er hatte sich im Nachhinein gewünscht, diese Erfahrung nicht gemacht zu haben. Sie war damals 17 Jahre alt, nicht hässlich und im Umgang mit Jungs und mit Männern nicht unerfahren. Kroll ging mit ihr aus, von ihr erfuhr er Zuneigung, er verliebte sich sofort in sie. Vor lauter Angst, dass der Traum zerplatzen könnte, bevor er überhaupt richtig angefangen hatte, kam er bereits beim Petting zum Orgasmus. Drei Tage später versuchten sie es erneut, aber wieder dasselbe Malheur. Das bereits erfahrene Mädchen konnte damit überhaupt nicht umgehen. >>Was soll das denn!<<, so ihr Kommentar. Und als es beim dritten Mal nicht besser wurde, war er nur noch die >>Pulle<<, die >>Lusche<<. Sie hatte genug: >>Jetzt reicht´s aber, du bringst es ja eh nicht. Hau ab!<<

So erging es ihm nicht nur mit diesem Mädchen, sondern auch mit anderen Mädchen, und auch mit Frauen, auch mit denjenigen, die sich nicht ihm freiwillig hingegeben hatten. im Laufe der Jahre redete er sich immer öfter ein, dass es mit den Frauen nie klappen wird, weshalb seine Opfer mit den Jahren immer jünger waren.

     Während seiner späteren Streifzüge in den verschiedensten Orten und Städten hatte er einmal auf einer Wiese einem Pärchen beim Sex beobachten können, das erregte ihn.  Außerdem fand er noch viel später zufällig einen Parkplatz, in dem ein Paar den Beischlaf im Auto vollzog, wieder war er erregt. Diesmal schlich er sich sogar ganz nah heran. Der muskulöse junge Mann bemerkte den Spanner und stieg aus dem Auto, um ihn zu vermöbeln. Es kam zum Tumult, in dem Kroll irgendwann sein Messer, das er bei sich trug, zückte und es dem Mann in die Brust stieß, der letztlich innerlich verblutete. Dieser Mann war Krolls einziges männliches Opfer.

     Alle anderen Opfer reichten altersgemäß vom Grundschulkind bis hin zur 60-jährigen Frau. Kroll hatte kein bestimmtes Beuteschema, auch hatte er keine “Unterschrift“, seine Tötungen unterschieden sich im Detail, wenngleich all seine Opfer Rötungen am Hals aufwiesen, die der jeweiligen Obduktion nach durch erwürgen herbeigebracht worden waren.

     In seinen späteren “Wohnungen“ (es waren meist nur möblierte Appartements) befriedigte er sich mittels aufblasbaren Puppen. Er würgte sie, strangulierte sie, hängte sie auf, das erregte ihn. Er gierte förmlich danach, zu sehen, wie jemand stirbt, wie er die Macht über Leben und Tod haben kann – anstatt dass jemand Macht über ihn hat. Ein anderes seiner Opfer, ein Mädchen im Vorschulalter, hatte er gewürgt und in einem Bach ertrinken lassen, und dabei zugesehen, wie es, bereits im Bach liegend, noch zappelte. Beim letzten Opfer, einer 8-jährigen aus der umliegenden Nachbarschaft, fand er letztlich seinen “Höhepunkt“: er lockte sie in seine Wohnung, schmuste mit ihr, drückte sie, bis sie tot war, nahm sie auseinander, und “vernaschte“ sie sprichwörtlich. Nachbarn hatten die Polizei alarmiert, weil das Toilettenabflussrohr durch Eingeweide verstopft war.

 

 

 

 

Stephan Harbort schreibt im Nachwort (Zitat):

 

>>Es fällt schwer, sich für das Schicksal dieser gefühlskalten und hoffnungslos überforderten Menschen zu erwärmen. Schließlich sind sie selbst und alleine schuld – jedenfalls juristisch. Aber hinter jedem `Monster` steckt auch ein Mensch. Und die Strafen, die wir verhängen und vollstrecken, sagen nicht nur etwas über die Gesinnung und das Wesen der Täter aus. Können wir es uns unter dem verfassungsmäßig garantierten und alles überstrahlenden Aspekt der Menschenwürde leisten, an diesem unbestreitbaren elend vorbeizuschauen, es zu ignorieren, bis der Tod des Delinquenten die (Er-)Lösung bringt?

Wenn wir nicht selbst zu Tätern werden wollen, müssen wir uns der Diskussion stellen. Also: wohin mit ihnen?<<

 

Joachim Georg Kroll, der einstige Sexualmörder, verstarb im Jahr 1991 einsam im Gefängnis. Ihm wurde nie die Möglichkeit gegeben, ein fertiger Mensch zu werden.  Manche/r würde mundartlich etwa urteilen "Doch: mit den Nerven und mit sich selbst!" - wohl würde aber sicher niemand sagen, dass dieser Mann sprichwörtlich “eine arme Sau“ gewesen ist, sondern, wie etwa  einige aufgebrachte Bürger damals, ein “perverses Schwein!“, dem man den Tod wünscht.

     Die Schnelllebigkeit scheint nicht zuzulassen, dass wir anderen zuhören – es sei denn, es geht um Sensationslust, und manchen anscheinend darum, andere “fertig zu machen“. Wir haben keine Zeit, manche noch nicht mal für sich selbst. Was wäre wohl aus Menschen wie Joachim Kroll geworden, wenn es den letzten Weltkrieg nicht gegeben hätte? In welcher Welt wäre Joachim Kroll aufgewachsen, wie wäre er geworden?

     Während die Kriminalistik und die Kriminalpsychologie durch neue Kenntnisse weiterentwickelt worden sind, scheint die Menschheit stehengeblieben zu sein: Wir (alle) machen es uns im Einschätzen anderer Menschen sehr einfach, wir urteilen und verurteilen. Als möglichen Selbstschutz? Die vielen heutigen Möglichkeiten, sich mitzuteilen, verleiten manche sogar dazu, möglichst viel aus ihrem Leben und möglichst viel aus ihrer Emotionswelt von und über sich preis zu geben. Stellt sich doch automatisch die Frage: Wie hätte Joachim Kroll agiert und gelebt, hätte er unsere heutigen Möglichkeiten gehabt? Vermutlich hätte er – wie andere es heutzutage auch tun – seine Opfer bereits im Internet auserkoren, vielleicht aber auch nicht, weil er sich hätte jemandem anvertrauen können, er also diese Dämonen, die ihn jahrzehntelang begleiteten und mit denen er klar kommen musste, nie kennengelernt hätte.

 

Wenn ein Joachim Kroll fragte >>Willste poppen?<<, dann genügte ihm hinsichtlich seiner primitiven und geistig unterbelichteten Art zum einen das Vokabular vollkommen, um alles auszudrücken, das Kind beim Namen zu nennen, und zum anderen war es aus seiner Sichtweise vollkommen korrekt und ehrlich, dass er vorher fragte. Allerdings war er aufgrund seiner Lebenserfahrungen nicht in der Lage, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Zwar konnte er bereits als Kind beurteilen, dass ihm die Art, wie er von allen behandelt wurde, nicht gefallen hat, allerdings wurde er von allen immer nach demselben Muster behandelt – nämlich negativ, und das hatte ihn geprägt. Und eben wegen seiner Kindheitserfahrungen kamen Wörter wie positiv und bzw. oder negativ in seinem Wortschatz erst gar nicht vor, die Kriminalbeamten mussten ihm erläutern, was gemeint ist.

    

Der Maslow-Pyramide entsprechend von unten begonnen, nämlich physiologische Bedürfnisse (Grundbedürfnisse, dazu zählt neben Essen, Trinken und Schlafen auch der Sex), Sicherheitsbedürfnisse, und soziale Bedürfnisse  hatte Joachim Kroll nie kennengelernt, ganz zu schweigen von den Individualbedürfnissen und der Selbstverwirklichung an der Spitze der Maslow`schen Pyramide. Empathie für andere, also sich auch emotional in andere Menschen hineinversetzen zu können, konnte er nie entwickeln, weil selbst nie kennen gelernt. Je älter man wird, desto immer schwieriger wird es, jemanden in die sprichwörtlich “richtige Spur“ zu bringen, denn Empathie ist kein Brettspiel, sondern Empathie entwickelt man bestenfalls zu Hause, nämlich während der prägendsten Jahre, also während der eigenen Kindheit.

     Übrigens entspricht das Profil des mundartlich “typischen Psychopathen“ eher in selteneren Fällen dem seelisch, geistig und körperlich verkümmerten Einzelgänger, auch wenngleich Joachim Kroll zu dieser Gruppe zählte. Nicht wenige Psychopathen, egal welchen Geschlechts, sind berufstätig und führen nach außen hin ein scheinbar unbeschwertes (Familien-)Leben.

     Und eben die Spur von Kroll war genau in diesem Stadium, in dem er bis zum Ende lebte, und in das er auch seine Opfer brachte: kaputt! Denn aus seiner primitiven, unterentwickelten Sichtweise hatte er nicht getötet oder gemordet, sondern, wie er sagte “kaputt gemacht.“


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Ralf Ebersoldt

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Killerinstinkt

Stephan Harbort
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 14.12.2012
ISBN 9783548374772
Genre: Sachbücher

Rezension:

Rezension “Killerinstinkt“ von Stephan Harbort

 

Bereits im Vorwort  des Buches “Killerinstinkt aus dem Jahr 2012 gibt Stephan Harbort Aufschluss, weshalb er sich den psychologischen Profilen von Serienmördern verschrieben hat. Auf den allerersten Serienmörder trifft er bereits als 27-jähriger Student, im Rahmen eines Praktikums beim 1. Kriminalkommissariat in Duisburg, wo er für Drogendelikte, Sexualstrafen und Vermisstenfälle zuständig gewesen ist.

 

Heute kennt man Stephan Harbort aus diversen Fernsehsendungen, wo er gelegentlich als Gast in einer Talkrunde oder als Gastredner in Sendungen über Kriminalfällen tätig ist.

Harbort ist im Jahr 1964 in Düsseldorf geboren, hat sein Studium zum Diplom-Verwaltungswirt an der Fachhochschule (FH) erfolgreich absolviert und arbeitet seither als Kriminalhauptkommissar in Düsseldorf, wo er von 1996 bis 2000 auch als Dozent an der FH gewesen ist. Von 1997 bis 2011 hat er als 50 Interviews mit Serienmördern in Justizvollzugsanstalten und psychiatrischen Kliniken geführt. Erkennt alle deutschen Serienmordfälle seit Ende des Zweiten Weltkrieges und hat den Begriff Serienmord auch international entscheidend mitgeprägt.

 

In seinem ersten Fall als Kriminalstudent, den er im Vorwort erläutert, geht es um zwei Mörder, die aus purer Habgier getötet haben.

Der 29-jährige Maurer Jonas Brückner und sein Freund, der 27-jährige berufslose Gelegenheitsarbeiter Jürgen Broschat, haben gemeinsam den Mord an Brückners Stiefvater geplant. Wie unter den beiden abgesprochen, sollte der Mord von Broschat ausgeübt werden. Nach einem abgesprochenen Telefonat zwischen Brückner und seinem Freund hat Brückner seinem Stiefvater erzählt, ein Freund, den er, der Stiefvater, nicht kenne, sei mit einem Auto an einer Landstraße liegengeblieben und benötige Hilfe. Er selbst könne nicht helfen, ihm gehe es nicht gut. Der lebensbejahte Stiefvater hat sich überreden lassen und ist dort hingefahren.
Wie ebenfalls abgesprochen hatte Brückner wenige Stunden zuvor am PKW des Stiefvaters den TÜV-Stempel mit einem Messer unkenntlich gemacht. Am Tatort hat sich Broschat mit einer Polizeijacke und einem Fahrradabstandhalter als Kelle ausgestattet. Als Verkehrskontrolle getarnt ist Broschat ausgestiegen und zum Wagen des Stiefvaters gegangen und hat auch ihn gebeten, auszusteigen.

Der weitere Tatplan hat vorgesehen, den Stiefvater durch Schläge zu betäuben und ihn anschließend auf nahegelegene Bahngleise zu legen und von einem Zug überrollen zu lassen, um einen Suizid vorzutäuschen. Es ist tatsächlich gelungen, dem Stiefvater eine Verkehrskontrolle vorzugaukeln, jedoch hat es Jürgen Broschat nicht geschafft, den Stiefvater bewusstlos zu schlagen. Deshalb hat er entgegen dem ursprünglichen Plan zur Pistole gegriffen und den Mann erschossen.
Brückner selbst auch seine Ex-Freundin ermordet, die mitwissentlich beim Straßenverkehrsamt einen gestohlenen PKW mit gefälschten Papieren angemeldet hat, sowie seine Stiefschwester, damit sie als weitere Erbin nicht infrage kommen sollte.

 

Wie Harbort auch im Buch “Killerinstinkt“ erwähnt, stoßen auch Kriminalbeamte während der Ermittlungen an ihre seelischen und geistigen Grenzen. Besonders dann, wenn, wie im Fall Brückner, der Täter besonders grausam vorgegangen ist und während der Vernehmung ohne jegliche Emotion und ohne jegliche Reue spricht. Harbort kommentiert seine Gedanken nach seinem ersten Mordfall so:

 

„Zum ersten Mal in meiner noch kurzen Karriere bei der Kripo hatte ich es mit einem Serienmord-Fall zu tun bekommen. Die dabei gewonnenen Eindrücke irritierten und inspirierten mich gleichermaßen. Und genau diese Widersprüchlichkeit besteuerte mein Verlangen, mich diesem Abgrund zu nähern, hineinzuschauen ins Herz der Finsternis und zu verstehen, was mir bis dahin unbegreiflich erschien. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass die Erforschung dieser außergewöhnlichen und Angst einflößenden Form der Tötungskriminalität auch in den kommenden Jahrzehnten auch mein Privatleben prägen würde. Doch schon damals spürte ich, dass ein langer und beschwerlicher Weg vor mir lag, den ich aber unbedingt gehen wollte. Ich konnte gar nicht mehr anders. Bevor ich jedoch begann, meinen beruflichen Fokus auf Serienmorde und ihren Hintergrund zu lenken, schloss ich erst einmal mein Studium ab.“

Um den Tätern eine eventuelle spätere Resozialisierung zu ermöglichen, verfremdet Harbort Namen der Täter und teilweise auch Namen der Tatorte. Er möchte weniger die Täter bloßstellen als den Lesern anhand der Taten und der namentlichen Kapitel “Black Box“, “Morbus Freitag“, “ein Vater sucht einen Mörder“, “Er holt dich heut!“, und “Charakter: Verbrecher“ ein verständliches Täterprofil vermitteln. Ebenso verfremdet er Namen von Angehörigen, wobei ihm  als Kriminalist auch deren  psychologischen Profile ebenso wichtig sind, denn eine Täterschaft im späteren Lebenslauf – man wird nicht als Mörder geboren! – ist die Folge einer langen Kette aus negativen und unverarbeiteten Erlebnisse in der Vergangenheit des Täters.

Im ersten Kapitel “Black Box“ schreibt er über den Zustand einer Angehörigen nach Verhaftung des Täters:

„Doch es bleibt immer etwas zurück. Jemand bleibt zurück. Menschen, die übersehen und vergessen werden, weil sie keine Lobby haben und kurzerhand in Sippenhaft genommen werden: die Ehepartner der Täter. Ihnen werden bisweilen sogar von den eigenen Angehörigen Mitgefühl und Mitleid verweigert, weil sie mitverantwortlich gemacht werden für Verbrechen, die sie nicht begangen haben und von denen sie nichts gewusst haben. Die Folgen dieser sozialen Ausgrenzung sind regelmäßig dramatisch.“

Denn jene Angehörige beschreibt ihren bereits verhafteten Ehegatten während der Vernehmungen als “Black Box“ – wie nach einem Flugzeugabsturz, wenn anhand der in der Black Box befindenden Daten und Fakten der Absturz rekonstruiert wird, und dabei meist schreckliche Details ans Tageslicht kommen, die ohne die Auswertung der Daten sonst für immer verborgen geblieben wären.
Ebenso überrascht und zugleich traurig und verbittert hat Elisabeth Rawski Fakten während der polizeilichen Vernehmungen und im Gerichtssaal Fakten über ihren Mann anhören müssen, die ihr während der bisher 15 Ehejahre völlig fremd geblieben sind.
Franz Rawski hat sich Jahre vor der gemeinsamen Ehe mit dem HI-Virus angesteckt. Allerdings hat er sich seit Jahren in regelmäßige ärztliche Behandlung begeben, sein Hausarzt hat gegenüber Elisabeth Rawski immer wieder bestätigt, dass er so gut eingestellt sei, dass ihm noch nicht mal mehr Spuren des Virus nachgewiesen werden konnte.

Als Werbefrau hat sie monatlich mehrere tausend Euro verdient und auch einige Jahre lang sämtliche Haushaltsausgaben verwaltet. Irgendwann hat aber Franz Rawski darauf bestanden, dass er nun für die Gelder zuständig ist. Während der Gerichtsverhandlung ist offenbart worden, dass er insgesamt 24 Bankkonten eröffnet und diese hat ins Soll treiben lassen – mit Ausgaben, die er ohne ihres Wissens getätigt hat. Schließlich hat er sie um 250.000 Euro erleichtert.

Außerdem ist er stolzer Besitzer eines Safe gewesen, in dem er – ihres Wissens nach, aber entgegen ihren Willen – eine Pistole für Silvester und einige Messer aufbewahrt hat. Während sie auf Liebesfilme steht, ist er besonders von Filmen angetan, in denen es ganz besonders brutal zugeht. Und wenn Krimi, dann muss zu seiner Befriedigung ein psychologischer Hintergrund vorhanden sein. Deshalb  haben beide die Fernsehabende überwiegend jeder für sich verbracht. Auch das hatte sie über Jahre geduldet.
Während seiner Kurzreisen Franz Rawski viel Zeit und Geld für Clubbesuche in Lokalitäten geopfert, in denen Homo- und Bisexuelle verkehren. Auch hat er immer wieder sogenannte “Cruising Areas“ aufgesucht, ein Begriff aus der Schwulenszene, der besagt, dass dort fremde Menschen meist gleichen Geschlechts kurzfristige Kontakte suchen. Auch das hat Elisabeth Rawski überhaupt nicht wahrhaben wollen, da er ihr den Beischlaf seit Jahren verweigert hat.

Zu den Gerichtsverhandlungstagen sind auch Franz Rawskis Ex-Frau  sowie ehemalig Liebschaften eingeladen worden. Auch sie haben ihn als charmanten und liebevollen Menschen beschrieben.

Nachdem zwei  Männer unterschiedlichen Alters meist an Raststätten und in der Nähe von “Cruising Areas“ aus kürzerer Distanz erschossen worden sind, und außerdem ein Raubüberfall verübt wurde, und  nachdem ihr Mann Franz Rawski verhaftet worden ist, ist für sie eine Welt zusammengebrochen. Kurzschlussreaktionen während der Taten sind auszuschließen, denn der Täter hat sich an jedem Tatort länger aufgehalten, auch Zigaretten geraucht, also auch mehrere DNA-Spuren hinterlassen.

Während jedem der Verhandlungstage hat sie immer wieder zu Herrn Gemahl  geschaut, hat nach Antworten gesucht, sich eingeredet, ihm habe man das Gehirn entnommen, auf der Anklagebank säße ein anderer Mensch. Er  hat zugenommen und sich, was sie ebenfalls nicht gemocht hat, einen Dreitagebart wachsen lassen. Im Verlauf hat er ihr etwas sagen wollen, jedoch so intensiv weinen müssen, dass die Verhandlung kurzzeitig unterbrochen worden ist. Nach Wiedereinlass in den Gerichtssaal hat er noch immer schluchzend wie immer mit „Mein Täubchen…“ zu ihr geredet. Während der Urteilsverkündung war sie jedoch nicht mehr dabei.

Harbort beschreibt den Zustand Elisabeth Rawskis so:

 

„Elisabeth Rawski hat nichts von den Mordgelüsten  ihres Mannes gewusst. Und dennoch: Es gab immer wieder Anhaltspunkte dafür, dass die schöne heile Welt Risse bekommen hatte und sich hinter der Maske des liebevollen Ehemannes ein Mensch versteckte, der dem Leben und seinen eigenen überhöhten Ansprüchen nicht gewachsen war und schließlich daran zerbrach, und der sich sehenden Auges in eine Sackgassenmanövrierte und seinen niederen Instinkten nichts mehr entgegensetzen wollte.
Seine Frau hat sich den ehelichen Problemen nicht gestellt, sondern stets einen Grund gefunden, ihren Mann gewähren zu lassen. Ausblenden und verdrängen ist eben bequemer als die Konfrontation mit der Wahrheit, die unbequem ist und viele Probleme und wenig Hoffnung macht.

Doch die schlimmste Strafe ist für Elisabeth Rawski das Alleingelassen werden. Das Alleinsein.“

 

„Franz Rawski überrascht alle Anwesenden und sagt tatsächlich etwas“, schreibt Harbort, und zitiert:

>>Wenn jemand hier im Saal sein sollte, heute oder an den vergangenen Verhandlungstagen<<, formuliert er mit fester Stimme, >>der annimmt, dass ich der Grund für seinen Kummer, sein Leid oder seine Nöte bin, würde mir das sehr leidtun und ich bitte um Vergebung. Wenn Menschen ihre Neigung verleugnen und sie in obskuren Subkulturen ausleben müssen, dann sind nicht die Schwulen und die Lesben pervers, sondern ihre Umwelt, in der sie leben müssen.<<

 

Weil aber Franz Rawski nicht weiter in sich hinein schauen lässt und ein psychiatrisches Gutachten verweigert, kann auch der dennoch bestellte Psychiater nur anhand von Fakten vermuten. „Wer diese Morde durchgeführt hat, schwingt sich zum Herrscher über Leben und Tod. Und der ist zu weiteren schwersten Delikten fähig“, stellt dieser fest.

Die Staatsanwaltschaft schließt sich dem Gutachter an und unterstellt dem Angeklagten >>Mordlust<<, er habe (Zitat) >>aus Freude an der Vernichtung eines Menschenlebens gehandelt, aus Zeitvertreib. Die Taten sind geprägt von kalter Willkür und Hinterhältigkeit, sie sind besonders ruchlos und niederträchtig.<<

>>Dass er die Taten begangen hat, steht zweifelsfrei fest.<<, so das Zitat der Vorsitzenden. Franz Rawski muss deshalb lebenslang hinter Gitter, kann nicht vorzeitig entlassen werden und ist obendrein mit Sicherungsverwahrung belegt worden. Höchststrafe.

 

Stephan Harbor stellt zunächst das Urteil infrage. Hat die Richterin nicht lediglich gesagt, dass Franz Rawski die Taten zweifelsfrei begangen hat? „Hat er tatsächlich aus >>Mordlust<< gehandelt?“  Nachdem er sich einen kriminalhistorischen Überblick verschafft hat, spekuliert er des Weiteren über Habgier als Mordmotiv. Es spricht deshalb dafür, weil Franz Rawski zum Zeitpunkt der Taten nicht nur pleite gewesen ist, sondern beruflich wie privat gescheitert.

Nur eines ist gewiss: Franz Rawski hat seine Mitmenschen für seine Zwecke manipuliert und benutzt, gebraucht – ein typisches psychopathisches Verhalten. Psychopathen sind durchaus in der Lage, sich in andere hineinzuversetzen, auch emotional, wenn es dem eigenen Zweck dient. Soziopathen ist es völlig egal, was die Opfer und die Angehörigen des Täters und die der Opfer empfinden. Sie machen ihr Ding, und fertig.

Solange aber Franz Rawski sein Geheimnis für sich behält, kann auch ein noch so fachlich kompetenter Mensch nur über Rawskis Mordmotiv spekulieren. Mit diesen Worten beendet Harbort dieses Kapitel.


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Ralf Ebersoldt

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Aus reiner Mordlust

Stephan Harbort
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.10.2013
ISBN 9783426786161
Genre: Biografien

Rezension:

Mordlust…? Was könnte das sein? Etwa der Wahn, in den man sich beim Zustechen oder beim Erschießen hineingesteigert hat, wenn man erst mal die Hemmschwelle überwunden hat? Ist etwa die sogenannte „Putativnotwehr“ oder der Notwehrexzess gemeint?

 

Kein anderer als der 1964 in Düsseldorf geborene Kriminalist und Buchautor Stephan Harbort kann zum Thema Mordlust auf Anhieb dutzende Antworten liefern. Er ist Deutschlands führender und auch international anerkannter Serienmordexperte, hat alle Serienmorde Deutschlands seit dem Zweiten Weltkrieg untersucht, und im Rahmen seiner mehr als 20-jährigen Recherchen mehr als 35.000 Seiten an Obduktionsberichten, psychiatrischen Gutachten und Verfahrensakten gelesen und ausgewertet. Außerdem spielt er eine Hauptrolle im Film „Blick in den Abgrund – Profiler im Angesicht des Bösen“ aus dem Jahr 2013.

 

 

 

Zitate aus dem Vorwort seines Buches „Aus reiner Mordlust“ aus dem Jahr 2013:

 

>>Doch wer die zeitgenössische wissenschaftliche Literatur studiert oder Datenbanken mit Schlagwörtern durchsucht, wird überrascht feststellen, dass es kaum Fundstellen gibt, die zudem wenig ergiebig sind. Ähnlich verhält es sich bei den wissenschaftlichen Disziplinen der Kriminologie, der Kriminalistik und der Kriminalpsychologie. Man findet aber einige Fallbeschreibungen, wenige Abhandlungen, aber keine belastbaren Erklärungen. Die Gründe für diese scheinbare Ignoranz sind durchaus plausibel: Die Mordlust wird in der Psychologie bzw. Psychiatrie als von der Norm abweichendes Verhalten mit Krankheitswert nicht definiert. Genau genommen gibt es diesen Kontext gar nicht. Und in der Verbrechenswirklichkeit ist dieses Phänomen so selten zu beobachten, dass es Kriminologen, Kriminalisten und Kriminalpsychologen nicht lohnenswert erscheint, sich dieser Thematik ausführlicher zu widmen.<<

 

 

>>Die Lust am Töten im Sinne des Paragraphen 211 des Strafgesetzbuches (Mord) wird ausdrücklich als sogenannter niedriger Beweggrund genannt, weil in diesen Fällen eine verachtenswerte, besondere sozialethnische Verwerflichkeit anzunehmen ist. Deshalb wird derjenige, der aus Mordlust tötet, zwingend mit lebenslänglichem Freiheitsentzug sanktioniert. Eine härtere Strafe kennt das Gesetz nicht.<<

 

 

>>Wer sich mit der Mordlust auseinandersetzen will, der muss genau hinsehen, der muss auch bereit sein, das Leid anderer Menschen zu teilen, unmenschliche Gewalt zu ertragen. Denn davon handelt dieses Buch. Es wäre eine unvollständige, vor allem eine verharmlosende Darstellung, wenn die Gewalt in all ihren Erscheinungsformen ausklammern würde, aus Pietät den Opfern und deren Angehörigen gegenüber. Insofern tut es not, eine ganzheitliche Betrachtung vorzunehmen, will man sich dem Phänomen der Mordlust tatsächlich nähern.<<

 

                                                                                                                                Stephan Harbort im April 2013

 

 

 

 

Um sich selbst und seine Protagonisten, und vor allem die Angehörigen der Opfer und die der Täter zu schützen, pseudonymisiert Harbort die Namen, und auch manche Gegenden verfremdet er etwas.

 

 

 

Im ersten Kapitel namens „Böse aus Freude“ ist der volksmündliche “Gruppenzwang“ (die Gruppendynamik) das Haupttatmotiv. Dieses Kapitel handelt von einer aus einer 13-köpfigen offenen Jugendgruppe mit losen Kontakten untereinander, alle im Alter zwischen 13 und 17 Jahren, drei davon sind Mädchen. Diese Gruppe traf sich täglich in der Kleinstadtmitte am Brunnen, und man philosophierte und imponierte damit, wie es wohl sei, einen Menschen zur Strecke zu bringen. Gesagt, getan, wurde in einer öffentlichen Toilette ein älterer Herr zunächst von hinten, und dann, als dieser sich zu wehren versuchte, von vorne, mit einem Knüppel so lange bearbeitet, bis der ältere Herr blutüberströmt liegen blieb.

Die anderen Gruppenmitglieder jubelten, als sie davon erzählt bekamen, und man versprach händeschlagend, mit niemandem darüber zu sprechen.
Doch es kam, wie es kommen musste: Man hatte “Blut geleckt“, nun musste ein Mord her, das wäre erst richtig cool. Und so wurde ein 36-jähriger Homosexueller das Opfer, er war der Gruppe einschlägig als – so später eine Aussage im Vernehmungsprotokoll – „netter Kerl“ bekannt, er besuchte die Gruppe immer mal wieder, manchmal spendierte er eine Schale Pommes. Der Mann wurde von seinen späteren Mördern zu Hause besucht und unter dem Vorwand eines vergessenen Zeltes, um das er um Transport mit seinem Auto gebeten wurde, zum Stadtrand gelockt. Leichtgläubig fuhr er die beiden jugendlichen dort hin und wurde brutal erstochen.

 

Gegenüber der Kripo argumentierte Peter, einer der beiden Täter: >>Das hat einfach Laune gemacht. Ein geiles Gefühl.<<

Und weiter: >>Wir standen an dem Abend zusammen, Thomas und die anderen. Da hat einer gemeint, man müsste echt mal einen allemachen. Das wäre noch viel geiler.<<

Kripo: >>Wer hat das gemeint?<<
Peter: >>Weiß nicht.<<

Kripo: >>Wie seid ihr auf Joachim Graunert gekommen?<<

Peter: >>Einer meinte: Am besten so `n Schwuler. Das war für alle okay.<<

 

Stephan Harbort unterscheidet das allgemeine „Rudelverhalten“ in mehrere Gruppenphasen, nämlich in die Prägungsphase, in die Diskussionsphase, in die Identifikationsphase, die Zielfindungsphase, die Rollenverteilungsphase, die Vorbereitungsphase, die Umsetzungsphase, und letztlich in die Reflexionsphase.

 

Während der „Prägungsphase“ bezieht er sich auf die beiden jugendlichen Täter und schreibt (Zitat daraus):

 

>>Die Gruppe besteht aus Personen mit ähnlichem sozialem Status und bekennt sich zu nicht gesellschaftskonformen Werten: Straftaten werden gebilligt, körperliche Gewalt gilt als akzeptiertes Mittel zur Durchsetzung gruppenspezifischer oder individueller Bedürfnisse. Das Gruppengefüge wird dominiert von Wortführern und Mitläufern. Eine alleinige Führerschaft ist eher die Ausnahme. Das Miteinander wird insbesondere gekennzeichnet von Imponiergehabe. Freundschaften entstehen in diesem Rahmen selten, es entwickelt sich vielmehr eine Zweckgemeinschaft.

Nicht selten handelt es sich um Jugendliche, die selbst Opfer von Gewalt geworden sind, meist in der eigenen Familie. Das Freizeit- und Sozialverhalten ist vornehmlich geprägt von Langeweile, Desorientierung, Misserfolgserlebnissen und Zurückweisungen. Die Gruppenzugehörigkeit indes garantiert persönliche Sicherheit, sofern die Gruppenregeln nicht verletzt werden. Häufig entstehen Vorstellungen von allgemeiner Überlegenheit, da man gesellschaftliche Konventionen negiert und Grenzen häufig folgenlos überschreitet. Prägend ist die Erkenntnis, durch die Stärke der Gruppe die eigene Unzulänglichkeit und Ohnmacht überwinden zu können. Grenzverletzungen sind erwünscht und legitimiert. Mitunter existiert ein entsprechender Ehrenkodex, der zum gegenseitigen Stillschweigen Dritten gegenüber verpflichtet.<<

 

 

 

Im zweiten Kapitel und Fall, namens „Maximalphantasie“ geht es um den zum Zeitpunkt des Interviews mit Harbort 51-jährigen Mörder, der zum Zeitpunkt der Interviews bereits 28 Jahre lang in einer psychiatrischen Klinik gelebt hat. Er hatte als 23-jähriger eine 24-jährige Studentin brutal erstochen.

Er war mit seinen Eltern, einem Buchmacher und einer Hausfrau, und außerdem mit seinem jüngeren Bruder aufgewachsen. Schon eh und je hatte er das Gefühl, dass sein Bruder bei den Eltern einen besseren Status hatte als er selbst. Bereits als 7-jähriger hatte er sich in Tagträume zurückgezogen, später sogar 3 bis 4 mal pro Tag, und sich in seiner Welt alles so vorgestellt, wie er es sich immer gewünscht hatte: Er oben und alle anderen unten.

Einmal hatte er, so berichtete er Harbort, seine Mutter mit hochrotem Kopf angeschrien und ihr gedroht, ihr den Kopf abzuhacken, sollte er seinen Willen nicht bekommen.

An Mädchen hatte er erst mit Eintritt in die Pubertät Interesse gefunden, beim Onanieren. Allerdings war er widerum bei Mädchen nicht beliebt. Entweder wurde er ignoriert oder ausgelacht und verspottet.

Alles, was ihn antrieb, waren seine Mordphantasien. Filme, in denen Frauen dominiert und aufgeschlitzt wurden, erregten ihn bereits als Jugendlicher, auch sexuell. So begab er sich stets auf die Suche (er wollte es unbedingt machen) und weitete dafür sogar seine Jagdreviere aus. Ein gewisses Beuteschema hatte er nicht, nur mit ganz jungen und mit ganz alten konnte er nichts anfangen, sie erbrachten ihm nichts. Aussehen und Kleidung waren ihm dagegen egal.

Eines Tages fuhr dann eine 24 –jährige Frau auf ihrem Fahrrad an ihm vorbei. Er fühlte sich unbeobachtet, verfolgte sie. Nachdem er sie überholt hatte, stieg er ab, wartete auf sie, schubste sie vom Fahrrad, entledigte sie ihres T-Shirts, das er über ihr Gesicht legte, obwohl die Panik in ihren Augen und ihre weit aufgerissenen Augen ihn erregten, und stach schließlich  mit einem Bowie-Messer, das er bei sich trug, mehrfach in ihre Herzgegend.

In der Therapie galt er nach Jahren als “austherapiert“, also ohne jegliche Aussicht auf Resozialisierung.

 

 

 

Das dritte Kapitel namens „Das Schweigen der Lämmer“  handelt von einem 29 Jahre alten Serienmörder. Dessen Vater, war ein – so der Täter in den Interviews mit Harbort – “Kampftrinker“, allerdings berufstätig und eben wegen des Berufslebens nur selten zu Hause. Immer wieder berichtete die Mutter dem Vater, wenn dieser denn mal zu Hause war, von seinem Fehlverhalten und von dem seines jüngeren Bruders, denn ausschließlich der Vater war für die Bestrafungen zuständig: Manchmal mit dem Teppichklopfer, manchmal mit der Reitgerte.

Als die Ehe der Eltern scheiterte, ließ die Mutter ihren älteren Sohn zurück. >>Dich will ich nicht haben, du machst mir nur Probleme. Bleib bei deinem Vater.<<, soll sie zu ihm gesagt haben. Einerseits war er über die Aussage an sich sehr traurig, darüber aber, dass sie endlich weg war, sehr erleichtert.

Bereits als 13-jähriger kam er öfters mit der Polizei in Kontakt, weil er Mofas und Fahrräder klaute. Bei Diebstählen und bei Einbrüchen trieben ihn die Neugier und der Reiz des Verbotenen.

Als 16 oder 17-jähriger entdeckte er erstmals Gewaltphantasien in sich. Er stellte sich vor, in seiner Wohnung eine Sklavin halten zu können, die ihm ausgeliefert ist und mit der er alles machen kann. Zudem inspirierten ihn Filme wie „Das Schweigen der Lämmer“.

Während der Vernehmung erzählte er: >>… Und dann fahre ich in der Nacht herum, ziellos, irgendwo, und wenn ein Mädchen kommt und mein Gefühl ist zu stark, dann hat sie halt Pech gehabt.<< Als Tatmotiv für eine seiner Taten gibt er zu Protokoll: >>Ich wollte wissen, wie das ist, wenn ein Mensch stirbt.<< Beim zweiten Opfer musste er nicht mehr überlegen, er hat es gewusst, dass er es kann.

 

 

 

„Würger gesucht! Ich stehe auf Würgen und Strangulieren, auch bis zur Bewusstlosigkeit.“ Mit diesen Worten hatte der Täter des vierten Kapitels im Internet, genauer gesagt in Sex-Chat-Rooms nach homosexuellen Kontakten gesucht. In diesen Chat-Rooms gab es keine Limits, so konnte der Täter mit anderen pathologischen Menschen Bilder und Phantasien darüber austauschen, wie es wohl sei, einen Jungen zu töten. Das Hauptthema waren Tötungsszenarien von kleinen jungen, gerade einmal vier bis zehn Jahre alt.

All dies geriet in die Ermittlungsakten, als ein 15-jähriger nackt, offenbar mit einem Gegenstand mehrfach gestochen, und erwürgt aufgefunden wird.

 

 

 

Verhaltensforscher wie Biologen haben keine wissenschaftliche Erklärung dafür, warum ausschließlich und ausgerechnet Schimpansen Nachwuchs aus anderen Rudeln, und sogar von Verwandten aus dem eigenen Rudel, töten und das Baby anschließend, obwohl es längst tot ist, durch die Luft werfen.

In jedem Menschen steckt zum Teil, nämlich in Bezug der Instinkte, immer noch ein Tier, das wissen wir alle. Kein Mensch der Welt, der “normal entwickelt“ ist, wird von jetzt auf gleich zum Mörder (nur ein nicht „normal entwickelter Mensch“sucht in einem Mord die Bestätigung seiner selbst) – die Ursachen bis zur Emotionslosigkeit zum Zeitpunkt eines Mordes (niedere Beweggründe) sind also bei fast allen Mördern in viel früheren Lebensstadien zu suchen anstatt in der Gegenwart.


Mit besten Empfehlungen
Ralf Ebersoldt

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masken, opferrollen, psychopathie, serienmörder

Die Maske des Mörders

Stephan Harbort
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 02.05.2013
ISBN 9783426786062
Genre: Biografien

Rezension:

Wir alle haben schon mindestens einen Krimi im Fernsehen gesehen,  in dem eine maskierte Person getötet hat: Den Bankräuber, den Einbrecher, oder auch den maskierten Mörder an Karneval bzw. Fasching. Wir suchen uns (Lebens- bzw. Sexual-)Partner nach einem gewissen Schema an. Auch sagen wir manchmal >>Für die (…) oder den (…) würde ich einen Mord begehen<<, meinen dies aber nicht im übertragenen Sinne.

Fast alle Mörder tragen eine Art “unsichtbare Maske“, die man insbesondere bei Serienmördern von Zeit zu Zeit erkennen kann. Serienmörder zumindest entwickeln ihr Können von Tat zu Tat, woraus sich anfängliche Fehltritte herausleiten lassen, auch entwickeln sie mit der Zeit ein Gespür für ein gewisses Beuteschema.

Unter Serienmördern findet man sowohl Soziopathen als auch Psychopathen. Schaut man im Fernsehen echte Kriminalfälle, sieht man, dass viele der Opfer nicht unbedingt so hübsch sind. Als dass sie optisch einem den Verstand rauben könnten. Dass  es Menschen sind, und dass hinter den Morden Schicksale stecken, auch die der Angehörigen,  gar keine Frage.

Der 1964 in Düsseldorf geborene Kriminalist, Buchautor und Fallanalytiker Stephan Harbort kennt sich mit derartigen unsichtbaren Masken bestens aus,  schließlich hat er 20 Jahre lang alle deutschen Serienmorde nach Beginn des Zweiten Weltkrieges einschlägig untersucht. Dafür hat er hunderte Interviews mit Serienmördern geführt, und insgesamt mehr als 35.000 Seiten Gerichtsakten, psychologische Gutachten, Briefe von Serienmördern an ihn gerichtet, und vieles anderes gelesen. Aufgrund seiner Arbeiten genießt er auch international einen sehr guten Ruf.

In seinem Buch “Die Maske des Mörders“  aus dem Jahr 2008 hat Harbort, anders als in seinen anderen Büchern, zwar wie üblich die Täterprofile hinterfragt, dabei den Focus aber auch auf die Opferprofile gelegt. Wie in diesem Buch nämlich zu lesen ist, kann sich niemand davon freisprechen, einmal das Opfer eines Serienmörders zu werden. Insbesondere diejenigen, die am meisten das Negative von sich weisen, wie wir das z.B. auch in vielen anderen Situationen des Lebens tun (Übertragung von Geschlechtskrankheiten, Unfallverhütung…, etc.), sind eher gefährdet als andere. Im Verlaufe des Buches und anhand sowohl der Täteraussagen als auch der Opferaussagen erfahren wir, warum das so ist.

 

 

 

Zunächst möchte ich einige Aussagen Harborts aus dem Vorwort des Buches zitieren, damit man einen Einblick bekommt, um welches Themengebiet es hier geht:

 

>>Angaben über Verbrechensopfer sind spärlich, auch die polizeiliche Kriminalstatistik behandelt Opfer von Verbrechensopfer eher stiefmütterlich – lediglich Geschlecht und Alter werden erfasst. Und wenn die Tat passiert ist, wird in der Regel nur noch der Täter amtlich und psychologisch betreut, das Opfer bleibt sich noch zu oft selbst überlassen.  Auch von diesem >Drama im Drama< werde ich berichten.

 

 

Obwohl die Opfer im Blickpunkt meiner Arbeit und dieses Buches stehen, ist mir schnell bewusst geworden, das ein ganzheitliches Betrachten des Gewaltphänomens >Serienmord< vonnöten ist; denn nur der Täter kann beispielsweise sagen, nach welchen Kriterien er seine Opfer ausgesucht, warum er wie auf ein bestimmtes Opferverhalten reagiert oder weshalb er die Opfer getötet bzw. nicht getötet hat. Also habe ich mit Opfern und Tätern gesprochen und dabei eine Menge gelernt. Auch dieses Wissen möchte ich in diesem Buch weitergeben.

 

..

 

Es gibt nämlich kein Opfer ohne Täter. Es gibt auch keinen Täter ohne Opfer. Beide Verbrechensteilnehmer sind untrennbar miteinander verbunden, sie reagieren aufeinander und agieren miteinander.

 

 

Nur wer hier genau hinsieht, wird erkennen und verstehen, warum und wie Verbrechen begangen werden, wird imstande sein zu schlussfolgern, ob und wie sie zu verhindern sein könnten, und wenn ja, auf welche Weise man sich gegen diese Täter schützen kann. Und es ist mir auch ein Bedürfnis, darauf hinzuweisen, dass jeder von uns Opfer eines Serienmörders werden kann. Wer sich diesem Gedanken verschließt oder wer überhaupt davon überzeugt ist, ihn umwehe und schütze der Mantel der Unangreifbarkeit, der ist dem Verbrechen näher als jeder andere.<<

 

Stephan Harbort im April 2008

 

 

 

Im ersten Kapitel namens “Im Auge des Sturms“ schreibt Harbort von einem Serienmörder aus Hamburg, der sein Jagdrevier in der Nähe eines Waldes hat. Er entledigt sich dort seiner Alltagskleidung, zieht seine “Jagdkleidung“ an (Jeans-Anzug und Turnschuhe), sein “Besteck“ (Gaspistole und Machete) trägt er am Mann.

>>Würde er sich eine Frau greifen, die nicht nach seinem Geschmack ist…,<<, so Harbort, >>…, er hätte keinen echten Genuss dabei. Es muss >klick< machen.<<
In all den Jahren hat der Täter gelernt, auf seine Chance zu warten, entspannt und gewaltbereit, vor allem aber geduldig. Eben jener Serien-Sexualmörder hat sich im Jahr 1991 ein junges Paar ausgesucht, das in seinem Revier spazieren gegangen ist. Eigentlich ist es um die junge Frau gegangen, jedoch hat der Freund und Begleiter  Widerstand geleistet, zunächst verbal, und ruhig und gelassen (>>Du machst jetzt aber keinen Quatsch…!<<), dann aber hat der Mann seine Freundin auch körperlich zu verteidigen versucht.
Mit der Folge, dass der Serienmörder dem Mann mit der Machete mehrmals auf den Kopf geschlagen hat, wodurch dieser verblutet ist, und da die Frau, die eigentlich hat Opfer werden sollen, nun zur Zeugin geworden ist, hat er auch sie getötet und beide im Wald versteckt.

Das Bemerkenswerte am Verhalten des Täters: Er hat zwei Mal nur dagestanden und nicht gewusst, wie er mit der Situation hätte umgehen sollen. Da war zum einen die Abwehr des Freundes und zum anderen die Zeugin.

Etwa zweieinhalb Jahre später sucht derselbe Mann, der bereits das Pärchen getötet hat, und zwei weitere versuchte Morde aus vor dieser Zeit auf dem Gewissen hat, erneut sein Jagdrevier auf. Diesmal erspäht er sich eine junge Radfahrerin, sie ist 19 Jahre alt.

Er bedroht sie, als sie einsam auf einer Bank sitzt, fordert ihn auf, ihn in den Wald zu begleiten,  schlägt sie unterwegs mit einem Gürtel auf den Hintern, um sie – wie Vieh - voranzutreiben. Im Wald soll sie sich ausziehen, dann fesselt er sie und verbindet ihr die Augen, zieht sich selber nackt aus und vergewaltigt sie über Stunden. Danach aber will er mit ihr kuscheln, reibt ihre vom Gürtel verursachten Wunden auf ihrem Gesäß mit Sonnenmilch ein, sagt zu ihr >>Mensch, dass es immer die Falschen trifft…!<< Zum Schluss fragt er sie, ob er noch einmal mit ihr schlafen dürfe. Abschließend lädt er sie ein, mit ihr was trinken zu gehen, worauf sie eingeht. Als sie in einem Restaurant sitzen, schaut sie in ihrem porte-monaie nach und bemerkt, dass ihr Geld durch anderes ersetzt wurde. >>Für neue Klamotten<<, hat er das ihr gegenüber und der Polizei gegenüber begründet.

 

Harbort kommentiert das so:

 

>>Wer wie (…) einem Gewaltverbrechen zum Opfer fällt, kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, die gibt es nämlich nicht mehr. Das Unbegreifliche, eigentlich so weit weg, ist eingedrungen in die Normalität des einzelnen. Urplötzlich, und es stellt alles infrage, früher oder später. Manchmal endet die Begegnung zwischen Täter und Opfer sogar tödlich. Beim Serienmörder ist dies die Regel.

Was für das Verbrechen im Allgemeinen gilt, darf auch beim Serienmord angenommen werden: Täter und Opfer sind keineswegs unabhängig, sie sind vielmehr Bestandteile eines Interaktions- und Kommunikationsprozesses, der Automatismen, Abstoßungen und Anziehungen auslöst. Das Wissen um diese Täter-Opfer-Konstellationen, bestimmte Dialogformen und ihre Wechselwirkungen kann tatsächlich dazu beitragen, Verbrechen zu vermeiden und Leben zu retten.

Und wer glaubt, er könne nicht Opfer eines Serienmörders werden, der irrt gewaltig: Das Lebensalter der Serienmord-Opfer liegt in Deutschland bei wenigen Monaten bis 97 Jahren, es trifft beiderlei Geschlechter, und die Opfer kommen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Berufsgruppen. Es kann jede(n) treffen.<<

 

Ein mehrfacher Frauenmörder hat Harbort einmal in einem Brief geschrieben: >>Attraktivität und Erscheinungsbild spielten schon eine Rolle. Nur Mädchen und Omas habe ich nicht genommen, weil zu jung oder zu alt…<<

Später schreibt Harbort im selben Kapitel. >>Warum wehren sich die Opfer in derart lebensbedrohlichen Situationen nicht?! Der sadistische Tötungsakt ist aus der Sicht des Tötens und auf die Qualen des Opfers gerichtet. Es geht dem Täter ausschließlich um Entmächtigung, Entmenschlichung, Vernichtung. Sein totbringendes Ziel bleibt dem Opfer naturgemäß nicht verborgen.

Schlimmer noch: Dieses Wissen ist Voraussetzung für das perverse Zeremoniell des Täters, er muss die Hilflosigkeit seines Opfers sehen und spüren können.<<

 

 

 

In einem anderen Kapitel ist ein 7-jähriges Mädchen in die Fängen eines Kindsmörders geraten. Jedoch hat dieser während des Erwürgens losgelassen, anders als bei anderen Mädchen. Nach 7-monatigen polizeilichen Ermittlungen und unzähligen Gesprächen mit dem Kind wird ein gesuchter Mehrfach-Sexualmörder im Ausland gefasst. Dieser ist in allen Anklagepunkten geständig, zeigt aber keine Reue.

Stephan Harbort dazu:

 

>>Geringe Gegenwehr + geringes Risiko = hohe Erfolgschance. Etwas zwei Drittel der Opfer, die von den Tätern aufgrund ihrer körperlichen und geistigen Unterlegenheit auserwählt wurden, sind weiblich und älter als 70 Jahre. Sieben von zehn Opfern wurden vergiftet, erwürgt oder erdrosselt. In jedem zweiten fall geschieht die Tat in einem besonders geschützten Bereich – in einem Krankenhaus oder der Wohnung des Opfers. Nur ein einziges Mal kannten sich Täter und Opfer über einen längeren Zeitraum.

Knapp 13 Prozent aller Serienmord-Opfer sind jünger als 14 Jahre, also der Definition nach Kinder. Allerdings sind nur in etwa der Hälfte dieser Fälle die schwächste Konstitution und der geringste Intellekt schon bei der Tatplanung das entscheidende Auswahlkriterium, um die Erfolgschancen zu maximieren und die Risiken zu minimieren.<<

Im selben Thema, nur in einem anderen Fall, schreibt Harbort:

 

>>Serienmörder sind in vielen Fällen erst dann fähig, ein Opfer zu töten, wenn es ihnen in dieser sehr intimen Situation gelingt, möglichst unempathisch zu bleiben – gefühlskalt. Einfühlungsvermögen ist eine grundsätzliche Fähigkeit des Menschen. Sie ist die Barriere zur Inhumanität und des Menschen. Wer empathisch ist, kann sich in einen anderen Menschen hineinversetzen, seine Gefühle teilen und nachvollziehen. Täter, die nicht Anteil nehmen können oder nicht Anteil nehmen wollen, sind für die körperlichen und seelischen Leiden ihrer Opfer nicht empfänglich. Sie sind in diesem Sinne gefühlstaub. Für sie existiert kein Tötungstabu. Opfer sind lediglich verfügbar, sie werden entpersonalisiert, und entindividualisiert.<<

 

Harbort berichtet  auch von einem recht jungen Serienmörder (während der Taten gerade mal 20 Jahre alt), der KEINE Sexualmorde begangen hat. Die Opferrollen, wenngleich auch ältere Frauen und ältere Männer mit Geld, waren mit denen des Sexualmörders an Kindern ähnlich: nämlich möglichst wehrlos. Die Motive in diesem Fall allerdings war das Geld. Selbiger Täter spricht allerdings auch davon, als Harbort ihn gefragt hat, was denn für ihn (den Täter) der schlimmste Anblick sei. Darauf antwortet der Täter: >>Der Anblick der Opfer während des Tötens.<< außerdem berichtet er Harbort, dass er erst habe die Familienbilder an Wänden und auf Schränken umdrehen müssen, um dann töten zu können.

Geht es also um sie selber, sind viele Soziopathen durchaus in der Lage, Ekel zu empfinden. Manch andere dagegen sind aber auch sich selber gegenüber völlig emotionslos (meist trifft dies eher auf Psychopathen zu), weil sie dies über Jahre selbst am eigenen Leib erlebt haben – meistens von Personen, die ihnen als Kind einmal etwas bedeutet haben oder von Personen, die ihnen als Schutzbefohlene unterstellt worden sind.

 

Im letzten Absatz dieses Kapitels schreibt Harbort:

 

>>Die unheilvolle Allianz von Zerstörungsbereitschaft und Gesetzlosigkeit im Täter mündet irgendwann in die Akzeptanz und das Verlangen nach rechenschaftsloser Handlungsfreiheit, mit der sich bisher unerreichte Ziele verwirklichen lassen, vor allem verbotene. Die Tötungsbereitschaft wird zu einem zentralen Bestandteil des eigenen Lebensentwurfs. Sie ist jetzt nicht mehr das äußerste, Mittel, um eigene Mittel selbstsüchtig und skrupellos zu befriedigen oder Probleme aus der Welt zu schaffen, ein für alle Mal. Und insbesondere aus diesem Grund schrecken die Täter nicht davor zurück, gezielt Opfer auszuwählen und zu töten, die sich nicht wehren können und leichte Beute sind: Kinder und ältere Menschen.<<

 

Im einen oder anderen Serienmordfall  ist es schon vorgekommen, dass auch ein behinderter Mensch Opfer eines Serienmörders geworden ist, immerhin sind nicht wenige Behinderte schlecht zu Fuß. Allerdings sind widerum sind prozentual weniger Behinderte alleine und ohne Betreuung lebend. Und diejenigen, bei denen das so ist, haben gelernt, sich entweder zu verteidigen oder sich laut bemerkbar zu machen, was viele Serienmörder widerum abschreckt, weil sie unerkannt bleiben und künftig möglichst viele weitere Taten unerkannt und ohne Rechenschaft begehen möchten, um ihren Drang weiterhin ausleben zu können.

Auch Frauen und Männer jüngerer und mittlerer Altersklassen sind schon einmal Opfer von Serienmördern geworden, allerdings passen auch sie nicht stereotypisch ins Beuteschema eines Serienmörders, sondern man könnte – salop ausgedrückt – eher sagen “als Appetitanreger“ oder “für den kleinen Hunger zwischendurch“.

 

Wer “Die Maske des Mörders“ gelesen hat, wird verstanden haben.

 

 

Mit besten Empfehlungen
Ralf Ebersoldt

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Killerfrauen

Stephan Harbort
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.03.2017
ISBN 9783426788660
Genre: Biografien

Rezension:

Geht es um Serienmorde, um Killer, um Soziopathen und Psychopathen, denken die meisten Menschen automatisch an Krieger, an Rebellen, an Krawallmacher, an Paratmacher, an Rechthaberer - stereotypisch also an Männer. Und wenn an eine Killerfrau, dann entweder an eine, die im Keller oder im Wald verwildert, ungebildet und ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt aufgewachsen ist oder an eine hübsche, sexsüchtige Psychopathin, die ihre Mitmenschen um den Finger zu wickeln weiß…, um sie anschließend wie eine Zigarette danach wegzuwerfen.

 

Wir werden im aktuellen Buch Stephan Harborts, nämlich “Killerfrauen“ aus dem Jahr 2017, erfahren, warum die Protagonistinnen und Protagonisten in Harborts Büchern nicht als Suppenkasper und nicht als Romanhelden, sondern als real  existierende Menschen zu verstehen sind.

 

 

 

Auch ein erfahrener Kriminalist wie Stephan Harbort musste im Rahmen seiner jahrelangen Studien für seine Bücher erst mehrere tausend Seiten Akten lesen bzw. studieren sowie zigtausende Stunden Interviews mit dutzenden weiblichen wie männlichen rechtlich Verurteilten der letzten Jahrzehnte führen, um darüber schreiben zu können.

Im Jahr 1964 in Düsseldorf geboren, schloss er ein Studium als Diplom-Verwaltungswirt an der Fachhochschule ab, wo er von 1996 bis 2000 auch Dozent gewesen ist, und lehrt seit 2012 als Dozent an der BTU in Cottbus. Man kennt ihn bundesweit aus diversen Fernsehserien, die mit Kriminalistik zu tun haben. Er ist Deutschlands bekanntester und international anerkannter Profiler, und er hat auch den Begriff Serienmord entscheidend mitgeprägt.

 

 

 

Gleich aus dem Vorwort des Buches zitiere ich Harborts folgende drei Absätze:

>>Tötungsdelinquenz ist anerkanntermaßen eine Männerdomäne, es gibt beispielsweise keine bzw. kaum Amokläuferinnen, Sexual-, Raub- oder Massenmörderinnen. Die aktuelle >Polizeiliche Kriminalstatistik< des Bundeskriminalamts weist für >Mord und Totschlag< lediglich 12 Prozent >weibliche Tatverdächtige< aus. Und auch beim Serienmord ist das Geschlechterverhältnis nach meinen Untersuchungen unausgewogen – nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnten hierzulande mindestens 212 Mordserien aufgeklärt werden, allerdings beträgt der Frauenanteil bei den Verurteilten nur 18 Prozent.<< (Zitatende)

 

>>Aus diesen Gründen habe ich zu Beginn meiner Untersuchungen vor 20 Jahren eine eigene Definition entwickelt und im Laufe der Zeit erfahrungsbedingt modifiziert. Danach liegt ein Serienmord vor, wenn der/die voll oder vermindert schuldfähige TäterIN alleinverantwortlich oder gemeinschaftlich mindestens zwei versuchte bzw. vollendete Tötungsdelikte begeht (…), die jeweils von einem neuen Tatentschluss getragen werden und in keinem inneren Zusammenhang entstehen.<< (Zitatende)

>>Ich behandele im vorliegenden Buch nur solche Verbrechen, die sich in der jüngeren Vergangenheit im deutschsprachigen Raum ereignet haben und sämtliche Facetten dieses spektakulären und außergewöhnlichen Deliktbereichs abbilden. Weil bisher zu Serienmörderinnen in Deutschland (zu) wenig geforscht wurde und die vorliegenden Untersuchungsergebnisse sich lediglich auf hochselektive Stichproben beschränken, habe ich alle Tötungen weiblicher Serientäter betrachtet, die sich hierzulande seit Ende des Zweiten Weltkriegs ereignet haben (Ergebnisse der Studie siehe Anhang >Kriminologie der Serienmörderin< und Nachwort).<< (Zitatende)

 

 

 

Aufgrund unseres rationalen Denkens, unseres Schubladendenkens (auch im Sinne der Abschottung) kennen wir nur wenige Stereotypen. Wir lassen also wenig zu, obwohl wir alle wissen, dass jeder Mensch ein Unikat ist. Da wäre zum Beispiel das altmodische und  klassische Heimchen am Herd, das sich unterordnet und die Kinder hütet. Wir kennen auch das “Bonobo-Weibchen“, das zwar ebenfalls die Kinder hütet und den Haushalt erledigt, allerdings – im Gegensatz zum sich unterordnenden Heimchen am Herd - auch die Familie zusammenhält, und dabei die Fäden aus dem Hintergrund heraus zieht, also subtil und leise.

 

(Liebe Frauen, ich weiß, der indirekte Vergleich mit Affen kommt nicht gut an, aber Bonobos sind nun mal schimpansenähnliche Affen, die sich allerdings von Schimpansen im Wesentlichen unterscheiden: Während Schimpansen nämlich ab Beginn der Geschlechtsreife äußerst aggressiv werden können, gibt es im Bonobo-Rudel keinen Chef, sondern eine ChefIN, außerdem erziehen ausnahmslos die Weibchen die Kinder, und Anspannungen werden nicht mit Streit beseitigt, sondern Anspannungen werden mittels Sex präventiert, also verhindert, bevor überhaupt Streit entsteht. Deswegen aber zu behaupten, dass alle Männer Schimpansen sind und alle Frauen Bonobos, wäre wieder ein Produkt des rationalen Denkens).

 

Außerdem sind die meisten Frauen sozialer eingestellt als die meisten Männer. Hinter so mancher bzw. manchem vermeintlichen “Ja“-SagerIN (also Menschen, die nach außen hin immer nur “Ja“ sagen) verbirgt sich eine hinterlistige Persönlichkeit. Auch sind die meisten Frauen im Lügen und im Verdrängen besser als die meisten Männer, und auch Mobbing zum Beispiel geht statistisch gesehen mehr von Frauen aus.

Aber auch Männer können Tratschweiber sein, sogar auf sehr ähnliche Weise wie Frauen, auch bei gleichen Themen, nur eben in anderen Zusammenhängen. Und auch Rechthaberei ist eine Eigenschaft beiderlei Geschlechter – aber ebenfalls nicht bei jedem Menschen gleichermaßen vorhanden. Auch sind (völlig geschlechtsunabhängig!) die meisten Menschen sehr einfach, glauben nur das, was sie sehen (typisches rationales Denken!). Manche sind sogar noch viel einfacher, sehen nur das, was sie sehen wollen.

 

 

 

Im ersten Kapitel des Buches geht es um die 29-jährige Jennifer Hartmann, die drei Kinder verloren hat, bei einem davon ist ein angeborener Herzfehler diagnostiziert worden, zwei weitere sind laut Diagnose und laut Obduktionsbericht am SIDS (Sudden Infant Death Syndrome, kennen wir in Deutschland auch als Plötzlicher Kindstod) verstorben.
Jennifer ist geschieden und sucht in Facebook unter ihrem Nicknamen “Betty Fly“ (daher heißt dieses Kapitel auch “Die Schmetterlingsfrau“) regelmäßig nach männlichen Sexualpartnern. Irgendwann lernt sie in Facebook einen Lektor und angehenden Buchautor kennen, der sie für seine Bücher interviewen möchte. Er bezahlt ihr 50 EUR pro Interview, zum Essen lädt er sie selbstverständlich ein, wie es sich für einen Gentleman gehört. Obwohl Roland ihr mit seinen 54 Lenzen zu alt ist, treffen die beiden sich nach einigen Mails.

Im Verlaufe der Zeit entwickelt sich zwischen den beiden eine Art väterliche Freundschaft, die Gespräche werden vertraulicher. Sie klagt ihm ihr Leid, nämlich, dass ihr Ex-Mann viel auf Montage gewesen ist und sie mit den Kindern viel allein. Außerdem hatte sie nach eigenen Angaben (Zitat): >>Eine freudlose Kindheit, Jugendsünden, Schulversäumnisse und missglückte Männerbeziehungen.>> (Ziatende)
Außerdem sei sie als kleines Mädchen über Jahre hinweg von ihrem Onkel, der später wegen Mordes an einer jungen Frau verurteilt wurde, sexuell missbraucht worden, erzählt sie.

Anlässlich ihres 30. Geburtstags verabreden sich die beiden in einem Biergarten. Dort erzählt sie ihm, was sie schon länger frustriert (Zitat): >>Diese Fuzzis glauben doch immer noch, ich hätte nicht nur Luca umgebracht. Kevin und Laura auch!<< Das sei aber nicht wahr, versichert sie, außerdem könne man ihr nichts beweisen, weil die Todesursachen doch feststehen würden, zumindest bei Kevin und bei Laura.

Sie habe den Verdacht, dass Luca, als er bei den Großeltern zu Besuch gewesen ist, im Bad vermutlich eine herunter gefallene Herztablette geschluckt hat, ihr Vater sei nämlich herzkrank.

Roland kommt die Schilderungsweise seiner Interviewpartnerin über ihre Schicksale äußerst spanisch vor, denn sie spricht viel weniger emotionslos, eher sachlich und kontrolliert, eher neutral und abstrakt.

 

Nach einer Weile wird das beiderseitige Vertrauensverhältnis immer enger. Sie besuchen gemeinsam die Gräber ihrer Kinder, dort starrt sie minutenlang vor sich hin, immer wieder von kurzen Weinkrämpfen überrumpelt.

Es kommt zu gegenseitigen Geständnissen. Nach Wochen, Monaten Jahren, gesteht sie Roland, dass ein Bekannter Luca in ihrem Auftrag getötet habe, dass müsse sie ihm, Roland, dringend erzählen. Sie müsse aber mit Racheaktionen rechnen, wenn der Bekannte wisse, dass sie jemandem davon erzählt.

Kurz darauf berichtet Roland, er widerum habe als 21-jähriger seine Schwester im Streit erwürgt und im Wald vergraben, niemand wisse bis heute davon, aber es würde ihn belasten, weshalb er es ihr beichte.


Irgendwann in einem späteren Treffen erzählt sie Roland, sie selbst habe Kevin, ihren Sohn mit dem angeborenen Herzfehler, mit einem Kissen erstickt. Ihr Kommentar darüber zu Roland (Zitat): >>Der arme Kerl wäre daran doch sowieso gestorben. Ich habe ihn doch nur erlöst!<< (Zitatende)
Am nächsten Tag schreibt sie ihm in Facebook (Zitat): >>Danke für dein Vertrauen! Es ist ein tolles Gefühl, zu wissen, dass da jemand ist!<< (Zitatende) Roland jedoch will mehr von ihr wissen. Viel mehr. Das volle Programm. Das nächste Treffen findet bei ihr zu Hause statt.

>>Was ist mit Luca? Warst du das auch?<<, will er von ihr wissen.
>>NEIN!<<, ist ihre Antwort.

Nur einen Augenblick später sagt sie aber >>Ich werde einen Teufel tun und zur Polizei gehen, denen sage, dass ich es war!<< Außerdem sagt sie: >>Und wenn die Bullen mich noch 30 Jahre lang verfolgen zu müssen, dann sollen sie doch tun, dann sollen sie mich halt irgendwann holen kommen, ist mir scheißegal Die wissen genau, dass ich es war, aber die können mir nichts, beweisen! Und das liegt daran, dass ich so clever war, dass ich so geschickt gewesen bin!<<
Des Weiteren brüstet sie sich damit, zu wissen, dass die roten Pünktchen in den Augen ihres Kindes (das sie selbst ermordet hat!) gefehlt haben, und warum das im Normalfall nach einem Erstickungstod so ist. Darauf hat Roland kommentarlos die Wohnung verlassen und Jennifer Hartmann nie mehr wieder ersucht.

Roland, der angebliche Lektor, stellt sich allerdings während der kriminalpolizeilichen Ermittlungen als verdeckten Ermittler heraus, und Jennifer Hartmann wird nach fünf Jahren Ermittlungen wegen dreifachen Kindsmordes verhaftet.

Im Rahmen der Ermittlungen kommt ihr Profil zum Vorschein. Ihr Vater, ein Gerüstbauer, war selten für sie da, weil durch zahlreiche Einbrüche und andere Delikte meist im Gefängnis. Anhaltspunkt für sie war ihre Mutter, die sie mehr verwöhnt als erzogen hat. Eine konsequente Erziehung hat sie nie kennen gelernt.

Jennifer hatte brüchige, meist kurzweilige Beziehungen mit verschiedenen Männern, obwohl sie verheiratet gewesen ist, war auch mehrfach schwanger, hat eine Fehlgeburt erlebt und selbst zweimal einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen.
Ihrer Sichtweise nach sei sie durch oder wegen ihrer Kinder gezwungen gewesen, sich mit dem jeweiligen Vater ihrer Kinder arrangieren zu müssen. Viel lieber wollte sie ein freies unbeschwertes Leben mit häufig wechselnden Sexualpartner leben. Dabei hätten ihrer Meinung nach die eigenen Kinder im Weg gestanden.

Jennifer Hartmann kann frühestens nach 20 Jahren Gefängnis eine Bewährung beantragen, mit der Voraussetzung, dass sie an sich arbeitet und ein anderer Mensch geworden ist.

Den letzten Absatz des ersten Kapitels, einen Kommentar Harborts, zitiere ich komplett:

 

>>Nach alldem besitzt Jennifer Hartmann kein Alleinstellungsmerkmal, das sie von anderen Frauen mit ähnlich negativen Lebenserfahrungen und vergleichbar poröser Persönlichkeit signifikant unterscheidet. Allerdings sind alle zuvor beschriebenen Aspekte, die aus ursächlicher Sicht relevant erscheinen, im vorliegenden Fall besonders stark ausgeprägt, auf verhängnisvolle Weise miteinander verknüpft, und über Jahrzehnte hinweg unbeeinflusst geblieben.

Hätte man dieser fatalen Fehlentwicklung rechtzeitig entgegenwirken können und wäre es Jennifer gelungen, eine eigene soziale Identität zu entwickeln, diese Frau würde heute unabhängig mitten unter uns leben und niemanden gefährden.<< (Zitatende)

 

Medien definieren die Täterin bereits im Titel, und geben den Täterinnen Kosenamen wie zum Beispiel “Racheengel“, “Todesengel“ oder auch “Engel mit den Eisaugen“ (letztere saß übrigens mehr als vier Jahre lang in Haft, wurde nach mehreren Instanzen freigesprochen, dann erneut angeklagt, lebt aber wieder in ihrem Geburtsland).

Würden Medien mit (fiktiv) “Die Todesschlitzerin vom Dingsbumssee“ betiteln, würden solche Meldungen sicher entweder von den wenigsten oder gar nicht gelesen oder gar für fake-news gehalten werden, weil sie unserem Frauenbild nicht entsprechen (nicht wollen und nicht sollen).

 

 

 

Wir sehen gleich im ersten Kapitel des Buches, dass es nicht immer die eingangs erwähnte verwilderte “Waldfee ohne jeglichen Kontakt zur Menschheit“ sein muss, die in Serie mordet. Jennifer Hartmann, “Die Schmetterlingsfrau“, hatte sogar mehrere menschliche und zwischenmenschliche Kontakte. Nur konnte sie diese aufgrund ihrer eigenen gestörten Persönlichkeit nicht lange aufrechterhalten, sie hat ihre Mitmenschen manipuliert und für eigene Zwecke missbraucht.

In einem weiteren Kapitel geht es um eine 65-jährige Frau, die nach zwei gescheiterten Ehen, die eine mit einem Säufer, die andere mit einem Schläger, nur noch ältere, vermögende Herren bevorzugt, ohne diese sexuell zu begehren.

Ein anderes Kapitel handelt von einer 32-jährigen, bildhübschen (so die Aussagen vieler) Mexikanerin, die in einem strengen, biederen Elternhaus aufgewachsen ist, ihr Vater ein Psychologe, ihre Mutter eine Dolmetscherin. Bereits während ihrer Kindheit wurde sie unterdrückt und kontrolliert, sogar ihre Berufswahl wurde ihr von ihren Eltern vorgegeben, und sie habe sich zu fügen (die Eltern haben es ihrer Sichtweise nach sicher nur gut mit ihrem Kind gemeint…). Zwei Ehen sind eben genau aus diesen Gründen, nur auf ähnliche Weise, gescheitert: von einem ihrer Ex-Männer wurde sie unterdrückt und erniedrigt, sogar als “Schlampe“ bezeichnet. Einfach so.

 

Um sich selbst abzuschotten, und aus Diskretionsgründen, anonymisiert Harbort seine Interviewpartner in all seinen Büchern, gibt ihnen Pseudonyme, und auch Daten, welche die Taten beschreiben sowie Orte und Umgebungen sind verfremdet.

 

Im Verlauf der Jahre hat Stephan Harbort seinen Schreibstil vereinfacht. Die Kapitel des hiesigen Buches wirken eher wie Geschichten, die Protagonistinnen wirken realer. Wissenschaftliche Aspekte hat er ans Ende des Buches verschoben.

Gerne einen kleinen Auszug aus “Kriminologie der Serienmörderin“ am Ende des Buches: Den niedrigsten Prozentsatz der rechtlich verurteilten Serienmörderinnen im gesamten deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz), und zwar seit Ende des Zweiten Weltkriegs, liegt bei den 41 bis 50-jährigen, der Prozentsatz beträgt 7,9 Prozent. Der Prozentsatz der 51 bis 60-jährigen rechtlich verurteilten Serienmörderinnen beträgt 10,4 Prozent. Den “zweiten Platz“ sozusagen, nämlich mit jeweils 15,8 Prozent, liegt bei den 14 bis 20-jährigen (also bei den Heranwachsenden!) und bei den 31 bis 40-jährigen Frauen.

Der Prozentsätze der 0 bis 13-jährigen und der ab 61-jährigen Frauen beträgt jeweils NULL.

 

 

 

Selbstverständlich hätte man die Geschichte von und über “Die Schmetterlingsfrau“ aus dem ersten Kapitel viel weiter umschreiben, sogar einen Roman über sie schreiben können. Man könnte eigentlich allen Protagonistinnen und Protagonisten in Harbots Büchern einen eigenen Roman widmen. Der Tenor war für mich als Rezensent allerdings, dass man nicht als Soziopath und auch nicht als Psychopath geboren wird, sondern man wird durch vielerlei Umstände und über vielerlei Umwege dazu gemacht. Meist beginnt das im Elternhaus, entwickelt sich über das engere Umfeld weiter bis hin zur Intoleranz der Gesellschaft. In ähnlicher Form sagt dies übrigens auch Stephan Harbort in einem seiner Bücher.

 

Der älteste Mord der Menschheitsgeschichte war, ist und wird übrigens der Brudermord in der Bibel sein: nämlich der von Kain an seinen Bruder Abel. In jedem von uns steckt auch nach wie vor ein Tier, das auch jederzeit abgerufen werden kann (unabhängig vom Geschlecht!) – nur eben bei dem einen Menschen nicht so leicht und bei anderen Menschen eventuell viel leichter. Jeder Mensch ist also zum Töten fähig. Wobei eine Tötung auch fahrlässig ausgeübt werden kann, ein Mord dagegen nicht. Denn ein Mord sagt so viel aus wie “Nach dir wird sowieso niemand suchen“ oder “Du, speziell du, bist es nicht wert, auf dieser Welt zu sein“ oder auch “Dich, speziell dich, hat die Menschheit nicht verdient“.

In Serie zu morden, also nach Harbort einen oder mehrere Menschen in mindestens zwei unabhängigen Fällen zu ermorden, ist dagegen eine ganz andere Hausnummer. Mehrere Menschen mit einem Mal zu ermorden, beispielsweise bei einem Anschlag oder bei einer Hinrichtung, ist kein Serienmord(!).

 

 

 

“Kennste eine(n), kennste alle“, heißt es doch so schön im Volksmund. Aber ja doch: wir kennen sie alle, die Giftmischerin!

Wird zum Beispiel in Medien über Sexismus und/oder über Feminismus diskutiert, fällt hier und da als Gegenargument auch mal das Wörtchen “Männerhasserin“. Was vermag eine Frau wie einen – mit Verlaub - “echten Mann“ zum Töten bringen, und was mögen die Motive für Frauen mit Mord(s)lust sein? Und gibt es dabei tatsächlich Parallelen zu Männern?

 

Ich versuche mal, ein großes Rätsel der Menschheitsgeschichte zu entschlüsseln: Frauen und Männer sind sich im Großen und Ganzen sehr ähnlich, unterscheiden sich allerdings in den Details (…). Eifersucht, Neid, Habgier, Hass und Rache sind jedenfalls sowohl bei Frauen als auch bei Männern die häufigsten Tötungs- bzw. Mordmotive. Wer das Buch “Killerfrauen“ gelesen hat, ist aber selbstverständlich nicht zum Frauenversteher geworden, dafür ist grundsätzlich jeder Mensch viel zu individuell.

 

 

Mit besten Empfehlungen
Ralf Ebersoldt

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Tags: frauen, krimi, kriminalistik, kriminologie, psychologie, sachbuch, serienmord, serienmörderin, thriller   (9)
 

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Das Hannibal-Syndrom

Stephan Harbort
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.02.2003
ISBN 9783492236508
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Wir alle kennen die fiktive Filmfigur Dr. Hannibal Lecter , die viele fasziniert. Auch die Rolle der FBI-Agentin im Film fasziniert viele.

Wenn Medien einen Artikel über einen gefassten Serienmörder veröffentlichen, steht zum Beispiel im Artikel “Er galt als höflich, freundlich, und umgänglich“ oder auch “Seine Nachbarn beschreiben ihn als häufig ungepflegt, und er hatte wenige bis keine soziale Kontakte“. Manche der Festgenommenen sind Gelegenheitsjobber, manch andere sind gebildet, Familienväter, gut situiert, haben einen guten Ruf, und arbeiten seit Jahren im selben Betrieb. Wie auch bei den Opfern sind auch die Berufe der Serienmörder in allen Breiten und Graden vertreten: vom einfachen Arbeiter bis hin zum Krankenpfleger, Polizeibeamte oder Mediziner – jede Berufsgruppe war schon mal dabei.

Man fragt sich, wie man ein Buch über Serienmörder schreiben könnte?! Schreibt man eventuell einen Roman, in dem der Serienmörder aus verschmähter Liebe den Verstand verliert und deshalb zum Serienmörder wird? Oder schreibt man einen Ratgeber à la “Vor diesen und solchen Menschen sollte man sich schützen“? oder etwa – im Sinne des modernen Immer-Einfacher-Werdens – einen Ratgeber namens “Soziopathie für Dummies“? Letztere beide Möglichkeiten würden meiner Ansicht nach sowohl Täter als auch Opfer als auch Angehörige jeglicher Art verspotten, dafür ist die Thematik zu ernst.

 

Stephan Harbort, 1964 in Düsseldorf geboren, ist deutscher Kriminalist und international anerkannter Fallanalytiker, der die Bezeichnung Serienmörder entscheidend mitgeprägt hat. Man kennt ihn auch als Fall-Kommentator diverser Fernsehsendungen.

Für seine Bücher hat er insgesamt mehr als 35.000 Seiten an Tatortbefund- und Obduktionsberichte, Vernehmungsprotokolle, psychologische und psychiatrische Gutachten, Anklageschriften, Gerichtsurteile ausgewertet sowie hunderte Interviews mit deutschen Serienmördern geführt.
In seinem Buch “Das HANNIBAL-Syndrom“ lässt er die Leser nicht lange zappeln, sondern beginnt mit Fakten.

 

Zwei Zitate aus dem Vorwort:

 

"Aus diesem Hollywood-Effekt - subjektiven Eindrücken und deren dramatischer Ausgestaltung wird unangebracht Gültigkeit zugeschrieben - ist eine Vielzahl von Aussagen über Serienmörder hervorgegangen, von denen wenige näherer wissenschaftlicher Betrachtung standhalten. So sollen Serienmörder zum Beispiel deutlich intelligent sein, und es soll sich bei ihnen niemals um Amerikaner afrikanischer Abstammung handeln."

"Serienmörder greifen, so wird behauptet, nur solche Opfer an, die dieselbe ethnische Zugehörigkeit haben wie sie selbst, und in ihren Taten glaubt man stets das Vorhandensein einer starken sexuellen Komponente zu erkennen." (Zitatende)

 

Gleich das erste Kapitel beginnt der mit Protokollen des Falls Gerhard Bold, der während der 1970er Jahre binnen neun Wochen eine 15-jährige und weiter drei Frauen zwischen 24 und 52 Jahren zu Tode gewürgt hatte. Eine Verurteilung wegen vierfachen Mordes war im sicher.

Dem Motiv des Frauenhasses und der sadistischen Freude am Töten wollte das Schwurgericht im Jahr 1973 allerdings nicht zustimmen. Begründung (Zitat): “Gerhard Bold hat nicht schuldhaft gehandelt. Seine Persönlichkeit ist infolge des frühkindlichen Hirnschadens und der fehlgeleitenden Sozialisation hochgradig gestört. Seine charakterliche Abnormität hat in den Belastungssituationen, die jeweils unmittelbar vor den Taten aufgetreten waren, bei ihm zu Zuständen geführt, die einer krankhaften Störung der Geistestätigkeit gleichzusetzen sind. (…) Die aus dem Angeklagten herauszubrechende Aggressivität, der Sturm des Vernichtungswillens überrannten gleichsam sein nur rudimentär vorhandenes Gewissen. Er war nicht mehr in der Lage, diese eruptiven Ausbrüche zu kontrollieren. (…) Er musste deshalb wegen fehlender Schuld freigesprochen werden. (…) Die Unterbringung des Angeklagten in einer Heil- und Pflegeanstalt wird angeordnet.“ (Zitatende)

>>Wenn man mich raus lässt, bin ich sicher, dass ich wieder eine Frau töten würde.<<, so Bold während des Interviews. Nach 15 Jahren Unterbringung in psychiatrischen Einrichtungen hatten insgesamt 17 Therapeuten mit ihm und an ihm gearbeitet. Und er mit ihnen: im April 1988 war ihm zum wiederholten Male Urlaub bewilligt worden, diesmal sogar ohne Begleitung. In der Begründung galt er als höflich, diszipliniert, kontaktfähig, intelligent, und es habe eine erfolgreiche Therapie stattgefunden mit Stärkung des Selbstwertgefühls, Verbesserung der Impulskontrolle, Fortschritten im wahrnehmen und Äußern von Gefühlen, Abbau aggressiver Tendenzen gegenüber Frauen, realitätsadäquater Einstellung gegenüber seiner Person und seiner Situation.

Noch im April 1988 wollte Bold seine Eltern besuchen. Früh morgens stieg er mit zwei Koffern ausgestattet den Zug, in einem der Koffer hatte er ein Bowie-Messer. Im Zug lauerte er einer 46-jährigen Frau auf. Als sie gerade aus der Toilette kam, ging er auf sie zu, drängte sie zurück in den Waschraum und stach mehrfach auf sie ein. Andere Reisende hörten den Vorfall. Die Frau wurde blutüberströmt in ein Abteil gebracht und versorgt, während die Polizei verständigt und Bold verhaftet wurde.


Nach Harbort sind am Verlauf einer mörderischen Karriere viele Menschen beteiligt  – auf die eine oder andere Weise. (Zitat): “Auf die moralische Anklagebank gehört auch das soziale Umfeld der Täter. Solange wir Ursache und Wirkung dieses Gewaltphänomens nicht verstehen wollen, wir uns weigern, auf menschliche Unzulänglichkeiten rechtzeitig und folgerichtig zu reagieren, bringen wir uns in Gefahr – in tödliche Gefahr. Ganz nebenbei begehen wir auch noch moralisches Harakiri. Auch der grausamste Verbrecher hat ein Recht darauf, dass Menschen da sind, die versuchen, ihn zu verstehen. Um solche Menschen zu begreifen, müssen wir in die dunkelsten Gefilde der menschlichen Seele vorstoßen. Das bedeutet emotionale Schwerstarbeit. Das kann nicht jeder, das möchte nicht jeder. Versuchen wir uns dennoch diesen Menschen zu nähern, ihre Taten zu deuten.“ (Zitatende)

Stephan Harbort unterscheidet Serienmörder in verschiedene Kategorien: Vom Serienraubmörder bis hin zum Seriensexualmörder. Auch ist seiner Ansicht nach jeder Serienmörder unterschiedlich einzustufen, weil das jeweilige Motiv ebenso unterschiedlich ist – wenngleich sich die Kindheitserfahrungen der Täter oft ähneln.

 Außerdem ist nicht jeder Serienmörder ist gleichzeitig auch ein Sexualmörder. Im Zusammenhang der Definition eines Serienmörders aus der Ansicht des FBI berichtigt Harbort, dass tatsächlich in Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkriegs lediglich durch 25 Serientäter (40,1 Prozent aller verurteilten Täter) Sexualmorde verübt wurden. “Davon entsprachen sogar nur 22,9 Prozent dem stereotypischen Persönlichkeits- und Verhaltensprofil des >>echten<< Triebtäters.“ (Zitatende).

 Gerne ein paar weitere Fakten in Form von Zahlen aus dem Buch. “Während das National Center oft he Analysis of Violent Crime (NCAVC) für den Zeitraum von Januar 1977 bis April 1992 insgesamt 331 Serienmörder zählte, was in den USA etwa 1 bis 2 Prozent aller Tötungsdelikte ausmacht, wurden in Deutschland (ausgenommen DDR) zwischen 1945 und 2000 67 Männer und acht Frauen verurteilt, die für 421 Tötungsdelikte verantwortlich gemacht werden konnten.

Mindestens 22 Mordserien (83 Opfer) blieben ungeklärt, in diesen Fällen konnte kein Tatverdächtigter ausfindig gemacht werden oder es erfolgte keine Verurteilung. Darüber hinaus standen mindestens 20 Männer unter dem dringenden Tatverdacht, mindestens 3 Opfer getötet zu haben, konnten aber lediglich wegen höchstens zweier Morde verurteilt werden.  Nicht übersehen werden dürfen weitere 91 Täter, die wegen zweifachen Raub- und/oder Sexualmords und weiterer versuchter Tötungsdelikte abgeurteilt wurden und aufgrund ihrer vielfach pathologischen Motivations- und Persönlichkeitsstruktur, ihrer speziellen Opferauswahl (regelmäßig keine Vorbeziehung) und der gerichtlicherseits angenommenen >>erheblichen Rückfallgefahr<< als potentielle beziehungsweise verhinderte Serienmörder einzustufen sind. Zudem ließ das mörderische Credo der Täter keine Zweifel aufkommen: >>Ich hätte weitergemacht<<, >>Das wäre eine Lawine geworden.<< Oder: >>Lasst mich bloß nicht raus!<<“ (Zitatende)


Im Falle der Darlegung wissenschaftlicher Fakten gebraucht Harbort zum Teil auch Fachausdrücke, die vielleicht nicht jeder versteht (könnte man aber nachlesen!). Im Zusammenhang mit Interviews mit Serientätern unterschiedlichster Art schreibt er jedoch einfach und verständlich, also menschlich, und lässt uns sogar an seinem Gefühlsleben und an seinen Gedanken teilhaben.

Auch einem erfahrenen Kriminalisten wie Stephan Harbort fällt es nicht immer leicht, in diese dunkelsten Winkel verrotteter Seelen einzudringen. Es hat ihm – wie es selbst schreibt – auch missfallen, diese Berichte der teils ekelhaften Taten zu lesen, manchmal ist er beim Lesen auch wütend geworden. Insbesondere hat ihn mitgenommen, wenn die Mordopfer entweder sehr jung waren (bei 3 Monaten jung angefangen) bis hin zur 91-jährigen Dame. Auch die Geschichten der Hinterbliebenen wie Eltern, Ehepartner, Freunde, Bekannte und Verwandte sind nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Denn wie jeder “ normale Mensch“ sind auch Kriminalbeamte Menschen, und Menschen fühlen nicht nur, sie fühlen mit anderen mit, sie können sich gedanklich wie emotional in andere reinversetzen. Man nennt das auch Empathie.

 Bei Serienmördern ist das Entscheiden nach Moral und Ethik eben nicht möglich, sie sind unterentwickelt. Manche sind geistig “normal“, wie jeder von uns, aber alle Serienmörder sind emotional unterentwickelt.

Ein Absatz, der mich persönlich ebenfalls beeindruckt hat: “Möglicherweise unternahm (…, Name eines Serienmörders im Hochsicherheitstrakt, im Interview genannt) aber auch den Versuch, seine Taten auf diese Weise vor sich selbst zu rechtfertigen. Auch unter diesem Aspekt ist vielen Serienmördern eines gemein: Sie können ihre Taten lediglich beschreiben, aber nicht erklären.“ (Zitatende)

Die Frage >>Was hast du dir dabei nur gedacht?!<< wird von manchen Kindern mit einem Schulterzucken oder von manchen Erwachsenen mit einem “Keine Ahnung…?!“ beantwortet. Kommt bekannt vor? Nicht weiter tragisch, wenn es um belanglose Entscheidungen geht, finde ich. Manchmal entscheidet man eben nach dem Kopfkino, manchmal widerum nach dem Bauchgefühl. Spätestens aber bei Entscheidungen, die andere eventuell beeinträchtigen könn(t)en, egal in welcher Form, sollte doch jeder “normal entwickelte Mensch“ (mit Verlaub: jeder Mensch in seiner Weise individuell) in der Lage sein, nach bestem Gewissen und nach Moral und Ethik gehandelt zu haben.

Tief in uns drin steckt allerdings immer noch ein Tier, das auch jederzeit abgerufen werden könnte – bei dem einen minder, beim anderen leichter, also kann jeder Mensch zum Töten animiert werden, Ergo: zum Mörder werden, wenngleich nicht automatisch zum Serienmörder.

Soziopathen können zwar emotional nicht oder nur eingeschränkt nachempfinden, was ihre Opfer fühlen. Allerdings ge- und missbrauchen sie die Gefühle der Opfer als Mittel zum eigenen Zweck, um Lücken zu finden, um ihnen Schaden zuzufügen, sie haben also ihre Opfer “studiert“. Deshalb werden manche Soziopathen als “sehr freundlich und charmant“ beschrieben, handeln aber auch manipulativ und können sehr gut lügen. Außerdem zeigen sie irgendwann im Verlauf ihrer Taten absichtlich auch Änderungen auf, um zum Beispiel der Justiz, den Medien und der Gesellschaft aufzuzeigen, dass andere viel dümmer sind als sie selbst.

Psychopathen interessieren sich gar nicht erst für die Emotionen anderer, machen im wahrsten Sinne des Wortes “ihr eigenes Ding“ – und (ge-)brauchen lediglich den Körper des Opfers/der Opfer, den sie widerum als Spiegelbild ihrer Seele missbrauchen (zum Beispiel bei der Form des Tötens und/oder darin, was danach “geschieht“). Zum Beispiel durch das Ausweiden eines toten Körpers (und anderen Abartigkeiten) reden Psychopathen sich ein, etwas “ganz Besonderes“ getan zu haben, was zuvor noch niemand getan hat, was ja – so gesehen(!) – auch stimmt. An ihrer Argumentation erkennt man die einfache und rationale Denkweise, zum Beispiel in Aussagen wie >>Ich bin nicht krank, habe ja keinen Schnupfen, oder sowas.<< Reflexion ist also nicht möglich, nicht machbar, weil entweder während der Kindheit verlernt oder erst gar nicht beigebracht bekommen, weil sie selber – auf unterschiedliche Weise – missbraucht worden sind.

 

Wer “Das HANNIBAL-Syndrom“ gelesen hat, wird endgültig verstehen.

 

 

Mit besten Empfehlungen
Ralf Ebersoldt

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Tags: menschlichkeit, psychopathie, serienmörder, soziopathie   (4)
 
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