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schreiben, der stift und das papier, tagebuch, hanns-josef ortheil, autobiografie

Der Stift und das Papier

Hanns-Josef Ortheil
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 09.11.2015
ISBN 9783630874784
Genre: Romane

Rezension:

Manchmal wird das Schreiben und damit auch das Autordasein aus der Not geboren. So ist es bei Hanns-Josef Ortheil im Extremen gewesen und so ist es bei den meisten in wenngleich abgeschwächter Form. Auch für mich ist Schreiben stets ein sicherer Rahmen, ein Rückzugsort gewesen, wo ich aus der großen, weiten Welt Sinn für mich im kleinen Stil machen konnte.

Hanns-Josef Ortheil ist „das Kind, das schreibt“. Während er die ersten Jahre seines Lebens stumm gewesen ist. Genau wie seine Mutter, der es nach dem Verlust dreier Kinder die Sprache für lange Jahre verschlagen hatte, spricht Hanns-Josef als junges Kind nicht. Kurz bevor er eingeschult werden soll, beginnt zunächst sein Vater ein Projekt, das später auch die Mutter, die zu dem Zeitpunkt bereits wieder spricht, wenn auch nur wenig, auf ihre Weise unterstützen wird: Eine Schreibschule der besonderen Art: Ohne universitäre Anleitung oder Vorbildung nach gewissen Normen oder sonstwas lehrt der Vater dem Jungen die Welt der Worte. Wohlgemerkt der Worte und nicht der Buchstaben! Denn das Erlernen einzelner Buchstaben macht für den Jungen einfach keinen Sinn, aber Worte, die haben Sinn und Bedeutung. Tja und genau darum geht es in „Der Stift und das Papier“. Um die Geschichte, wie der Junge, der einst nicht gesprochen hat, nun über das geschriebene Wort auch das gesprochene entdeckt. „Roman einer Passion“ lautet der Untertitel, doch ist das hier ein Roman? Und wenn ja, was für einer? Ist es nicht eine Autobiografie bis zum jungen Erwachsenenalter? Ein autobiografischer Roman? Ein Künstlerroman über den späteren Autor? Ein Entwicklungs- oder Bildungsroman, der uns die Entwicklung vom „Kind, das schreibt“ zum Autor nachvollziehen lässt? Irgendwie alles ein bisschen.

Anleitung zum Schreiben

Daneben ist das Buch aber noch mehr und geht über die Geschichte von einem Jungen, Hanns-Josef Ortheil (den man wirklich mit Doppel-N schreibt), hinaus und lässt auch uns Leser an der zunächst nur väterlichen Schreibschule, später elterlichen Schreibschule, teilhaben. Somit ist „Der Stift und das Papier: Roman einer Passion“ auch ein Handbuch, ein Leitfaden und ein Wegweiser für Schreibinteressierte und Schreibwütige. Wer das Buch überall mit hinnimmt, weil es eins der Lieblingsbücher geworden ist (ja!), mag es auch als Vademecum bezeichnen.

Der Vater im Buch (großer Hemingway-Fan, Geodät, Logiker mit genauen Vorstellungen von allem und der Welt, mit striktem moralischen Kompass sowie einer gehörigen Prise Begeisterungsfähigkeit) erinnert mich gleich zu Beginn, als ich all das in Klammern Geschrieben (bis auf Geodät) noch nicht weiß, ein bisschen an meinen eigenen Vater. Der ist Ingenieur gewesen (jetzt im wohl verdienten Ruhestand), wollte aber eigentlich mal Karikaturist oder Pilot werden. Ein kreativer Logiker vielleicht? Oder ein logisch veranlagter Kreativer? Wie auch immer. Entzündet wurde die Erinnerung oder der Vergleich mit dieser fabelhaften Textstelle:

Papa streicht mit der Hand über das milchige, dünne Papier. Er prüft, ob es auch wirklich fest und straff sitzt. Ich sitze neben ihm und streiche jetzt auch über das merkwürdige, fremde Papier. Es bedeckt den Tisch wie eine Haut. […] Jedenfalls fühlt sich dieses Papier sehr gut an, und es sieht auch nicht so abweisend und streng aus wie normales weißes Papier.

Gemeint ist Pauspapier, das der Vater für die Arbeit benötigt. Ich habe seit jeher eine besondere Vorliebe für kariertes Papier zum Schreiben und Millimeterpapier, weil das bei uns immer vorhanden war. Daneben hat mein Vater manchmal großflächiges Papier, das als Schreibtischunterlage diente, mit nach Hause gebracht. Da konnte man sich ganz anders entfalten als auf liniertem Papier (das hasse ich) oder „normalem weißen Papier“.

Es dauert eine Weile, bis ich alle Stifte gut gespitzt habe. Sie liegen jetzt dicht nebeneinander, wie eine Mannschaft, die zu einem Spiel antreten soll. Papa nimmt einen Stift nach dem andern in die rechte Hand und zieht mit jedem eine gerade Linie. Die Linien verlaufen genau untereinander und sind etwa gleich lang. Dann legt er die Stifte wieder hin und lässt mich ebenfalls lauter Linien untereinanderziehen. Plötzlich bemerke ich, dass die Stifte nicht gleich, sondern sehr verschieden sind. Einige sind hart und kratzen über das Papier, andere sind aber zu weich und dick, so dass keine dünnen, feinen, sondern breite und verschmierte Linien entstehen. Papa zeigt mir, dass auf jedem Stift einige Buchstaben und Zahlen stehen: HB, 2B, 3B … Dann zieht er noch einmal mit jedem Stift eine Linie und schreibt die Buchstaben und Zahlen, die zu dem Stift gehören, neben die Linie. Er sagt, ich solle so wie er noch einmal alle Stifte benutzen und Linien ziehen, aber ganz vorsichtig, „hauchdünn“. Als er „hauchdünn“ sagt, zieht er die Schultern etwas hoch.

Und ja, Ihr habt es erraten. Ich liebe es mit Bleistift zu schreiben. Bis vor der Lektüre hätte ich auch nicht den Finger darauf legen können, warum. Aber es ist genau die besondere Haptik vom Bleistift auf Papier. Das Geräusch, das leichte Absplittern von Graphit, wenn man etwas stärker aufdrückt, das Durchdrücken/die Spuren, die dabei auf der Rückseite des Papiers entstehen und der ganz eigentümliche Geruch von Bleistift. Und ja, zugegeben, auch der Geschmack … Ich bin ein Bleistiftkauer, wenn ich nachdenke.

So sieht man mich nicht nur beim Schreiben, sondern auch beim Korrigieren (hier Bachelorarbeit) stets mit Bleistift.

Daneben mag ich Füllfederhalter. Die altmodischen. Die ohne Patronen. Also die, welche aus dem Fass direkt mit Tinte befüllt werden. Die auf Englisch so liebevoll „fountain pen“ genannt werden – wörtlich: Springbrunnenstift. Hat doch was? (Die einem beim Schreiben so schön die Hände einsauen.)

Meine Mutter ging das Schreiben, Zeichnen und andere verwandte Gestaltungsformen stets etwas chaotischer an als mein Vater. Sie hat mich, daran erinnere ich mich gut, noch vor dem Einschulalter regelmäßig mit Schreib- und Malmaterial aller Art versorgt. Der riesige Wohnzimmertisch, der eigentlich Esstisch war, wurde zum kreativen Refugium. Hier hat sie buntes Tonpapier, Kleber, Wachsmalkreiden und was nicht alles verteilt und dann hieß es: „Nun mach mal“. Ich hatte völlig freie Hand und konnte kritzeln, malen, kleben, zusammenfügen, was ich wollte. Dabei konnte ich die unterschiedlichen Eigenschaften von Papier und Stiften genau erkunden und erproben, so dass ich eigene Lieblinge entwickeln konnte. Filzstifte finde ich zum Beispiel doof, aber Tuschefarben und Buntstifte sind was Feines. Der feste Tonkarton erlaubt auch das Schreiben und Malen mit harten Stiften, ohne dass er reißt. Kombiniert man Komplementärfarben oder mischt Farben, entstehen tolle Kontraste oder interessante Farbspiele.

In Zeiten wie diesen, in denen immer mehr ABC-Schützen das Handschreiben schon gar nicht mehr beigebracht wird oder eine lapidare handgeschriebene Druckschrift anerzogen wird, sind gutes Schreibwerkzeug und ein Freiraum (meist zuhause) für kreatives Gestalten und vor allem Erkunden sowie Entdecken nach individuellen Vorstellungen besonders wichtig. Also danke, Mutti. Jeder sollte ab und an mal Stifte in die Hand nehmen, nur um festzustellen, wie der Kopf dabei ganz anders „synapsiert“.

Genau dieses Tempo der Schrift mit Hilfe der Maschine irritiert mich. Ich nehme mir deshalb vor, niemals mit zehn Fingern, sondern immer nur mit den beiden Zeigefingern zu schreiben. Dann eilt das Tippen meinem Denken nicht davon, sondern begleitet es. (Bis heute habe ich mich an diese Art des Tippens gehalten, selbst an einem Laptop tippe ich mit zwei Fingern, was unter lauter gut erzogenen Zehnfinger-Tippern, zum Beispiel in ICE-Zügen, einen skurrilen, altmodischen Eindruck macht.)

Egal! Denn:

Versuche ich nämlich, einen eigenen, gerade entstehenden Text zu tippen, so lenkt mich das Tippen jedes Mal ab. […] Ist der Text auf diese Weise getippt, scheinen die Hämmerchen mir zuzurufen: „Na und? Wie geht es weiter? Auf, los, mach doch!“

Tatsächlich haben Schreibmaschinen im Besonderen sowie auch Laptops in abgeschwächter Weise einen eigenen Schreibkopf, wie mir scheint. Das gilt aber auch für andere Medien:

Eine Postkarte ist viel besser als ein Telefongespräch. Ein solches Gespräch dauert höchstens ein paar Minuten und geht rasch vorüber. Da man sich während des Gesprächs beeilen muss, gerät man in Panik und redet lauter Unsortiertes. Man stammelt, wiederholt sich und spricht, wenn man steckenbleibt, über das Wetter.

Für mich ist das Schreiben (im Gegensatz zum Texten – ich unterscheide da strikt, wie zwischen Schriftsteller und Autor oder Texter und Autor) keine Pflicht, sondern Genuss, meist sogar Sucht.

Nein, das Schreiben ist keine „Arbeit“, sondern eine Abwechslung, schließlich kann ich ja nicht laufend gehen, stehen, essen, trinken, weitergehen, stehen, sehen, essen, trinken, laufen, schnaufen … Das wäre furchtbar langweilig und eintönig. Erst das Schreiben bringt in das Leben die nötige Abwechslung, viele Gedanken und auch reichlich Freude.

Kein Wunder also, dass für Hanns-Josef Ortheil sowie für mich das Schreiben ein Muss ist und mehr noch: ein Wollen.

Jetzt, am Ende dieses langen Textes, weiß ich, warum das Schreiben zu meinem einzigen, wie für mich geschaffenen Metier geworden ist: Es versetzt mich in meine stumme Kindheit zurück, und es macht aus mir „das Kind, das schreibt“. Schreiben ist für mich ein durch und durch kindlicher Akt, der aus dem stummen Dunkel in eine lebendige, helle Gegenwart führt. Höre ich damit auf, erlischt diese Empfindung sofort. So dass ich – möglichst bald und möglichst ohne längere Unterbrechung – wieder mit dem Schreiben beginnen muss.

Zusammenfassung

„Der Stift und das Papier: Roman einer Passion“ von Hanns-Josef Ortheil Buch über das Schreiben und vom Autorsein und -werden gebundenes Buch mit Schutzumschlag empf. VK-Preis: € 21,99 [D], € 22,70 [A], CHF 29,90 erschienen am 9.11.2015
ISBN: 978-3-630-87478-4

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Tags: autobiografie, schreiben   (2)
 

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flucht, krieg, flüchtling, medien, schlepperboot

Tausend Meilen über das Meer

Annabel Wahba
Flexibler Einband: 200 Seiten
Erschienen bei cbj, 12.09.2016
ISBN 9783570403358
Genre: Jugendbuch

Rezension:

„Nach einer wahren Geschichte“ steht auf dem Buchrücken von Annabel Wahbas Jugendroman „Tausend Meilen über das Meer: Die Flucht des Karim Deeb“. Das Schlüsselwort ist „nach“. Denn während sich die Geschichte eingehend mit der Flucht eines syrischen Jungen aus Homs befassen möchte, sollte dem Leser klar sein, dass Karim, der in Wirklichkeit anders heißt, wie dem Nachwort zu entnehmen ist, das Buch nicht selbst geschrieben hat.

Verfasserin ist die ZEIT-Redakteurin Annabel Wahba, die Karim für das Buch interviewt hat. Karim lebt seit 2013 in Deutschland und ist über den Seeweg von Ägypten aus geflüchtet. Die beschwerliche Reise mit überfüllten Schiffen, zu wenig Essen und Trinken sowie gefährlichen Nacht-und-Nebel-Aktionen wird im Buch ebenso beschrieben, wie der Eingewöhnungsprozess in Deutschland. Karim kann in Deutschland wieder zur Schule gehen und ist nicht ständig mit kriegerischen Auseinandersetzungen konfrontiert. Dennoch ist sein Alltag nicht ohne Probleme. Eine Facebook-Nachricht, die ihm ein Mädchen mit einem Foto von sich mit nacktem Oberkörper geschickt hat, lässt Karim aufgrund zahlreicher Missverständnisse (er hätte das Bild in Umlauf gebracht), beinahe von der Schule fliegen. Dabei hat er Millie nie darum gebeten, das Foto zu machen, auf dem man zwar ihre Brüste, nicht aber ihr Gesicht sehen kann. Weitergeleitet hatte er es nur einer Klassenkameradin. Matija sollte ihm erklären, was die dazugehörige Nachricht „Ich will, dass du mir meine Unschuld nimmst“, zu bedeuten hätte. Danach hatte Karim das Bild sogleich gelöscht. Nicht, dass es noch sein strenger Onkel Amir finden würde! Offenbar hatte aber Matija, die Millie ohnehin nicht leiden kann, das Bild dann zirkulieren lassen.

Eigentlich mutet es seltsam an, dass Facebook Karim beinahe zum Verhängnis wird. Schließlich kennt er sich ganz gut mit dem sozialen Netzwerk aus:

In Palmyra verbrachte ich Stunden im Internetcafé, um Facebook-Seiten von Assad-Anhängern zu hacken. Sie verbreiteten falsche Nachrichten über die Lage in Homs und beleidigten die FSA [Freie Syrische Armee]. Ich habe diese Posts gelöscht oder die Seiten ganz geschlossen. Das Know-how dazu habe ich mir selber Stück für Stück im Internet beigebracht. Du musst als Hacker natürlich dafür sorgen, dass du nicht erwischt wirst. Ich legte mir für Facebook ein Pseudonym zu und veränderte mit ein paar Einstellungen am Rechner sowohl meine IP-Adresse als auch die Geräte-ID, sodass der Geheimdienst, der das syrische Netz überwacht, meinen Standort nicht ermitteln konnte.

Die Formulierung „nach einer wahren Geschichte“ ist eine juristische Absicherung der Autorin. Denn nicht alle im Buch vertretenen Charaktere (deren Namen auch geändert wurden), haben ihr Verständnis gegeben, darin vorzukommen. In einigen Fällen wäre es auch nur schwer oder gar unmöglich gewesen, dieses Einverständnis einzuholen. Freunde von Karim sind im Krieg  gestorben. Von anderen Bekannten und Verwandten ist nicht klar, wo sie sich aufhalten usw. Somit ist es für den Leser also unmöglich, das im Buch Geschriebene zu überprüfen. Es kann nur so, wie es niedergeschrieben wurde, hingenommen werden. Schließlich handelt es sich um einen Roman, der irgendwo zwischen Fiktion und Dokumentation anzusiedeln ist. Damit steht Karims Geschichte exemplarisch für einen syrischen Flüchtling. Uns wird erzählt, wie er die Geschehnisse in Syrien, Ägypten und schließlich in Deutschland wahrgenommen hat.

Frau Wahba hat sich bewusst dagegen entschieden, eine Dokumentation aus dem Buch zu machen. Als Leser sind wir daher aufgerufen, kritisch zu bleiben, bei allem Leid, dass Karim und anderen Flüchtlingen weltweit widerfahren ist und nach wie vor leider widerfährt – oder vielleicht gerade deswegen sollten wir kritisch bleiben. Schließlich tobt der Krieg in Syrien, aber auch in den nahe gelegenen Ländern Jemen, Irak, Libyen, Afghanistan etc. nach wie vor. Terrororganisationen haben bewusst Menschen nach Europa als „Flüchtlinge“ eingeschleust und damit das Leid der gebeutelten Bevölkerung für ihre Zwecke missbraucht. Der „Arabische Frühling“, ein Begriff, der zunehmende Proteste in einigen Ländern Nordafrikas und der arabischen Welt bezeichnet, ist vielerorts fehlgeschlagen. Was als Aufstand der Zivilbevölkerung gegen die Regierungen ihren Anfang nahm, kippte bald in militärische Auseinandersetzungen, die auch vor Einflussnahme von außen nicht geschützt waren. Hinzu kommen Hinweise, dass womöglich auch die Aufstände bereits von außen angestachelt wurden.

Annabel Wahba vermeidet jedoch bewusst, diese Kontexteinordnung ihrer Geschichte. Sie schaut nicht mit einem Weitwinkelobjektiv auf die Geschehnisse in Syrien (und anderen Ländern). Stattdessen bleibt es im Buch bei der Geschichte vom „syrischen Bürgerkrieg“, der auch im Buch vornehmlich als Kampf einer unterdrückten Bevölkerung gegen den „Diktator Baschar al-Assad“ porträtiert wird. Im Vordergrund stehen unterschiedliche Religionsgruppen (Sunniten/Wahabiten vs. Schiiten/Alawiten) – ein Glaubenskrieg. Nur am Rande wird Bezug genommen auf das „Aufbegehren“ in Libyen, auf die militärische Unterstützung von „Rebellen“ wie der Freien Syrischen Armee durch Saudi-Arabien. Dass Saudi-Arabien selbst alles andere als eine Demokratie ist, sondern im Gegenteil als Keimgrund für die extremistische Bewegung des Wahabismus gilt, wird dabei jedoch nicht erwähnt.

Annabel Wahba zieht es vor, eine sehr selektive Geschichte zu erzählen, die vieles auslässt bzw. im Ungewissen lässt und geht damit womöglich an dem selbst gesetzten Ziel „die Beweggründe für die Flucht“ verständlich zu machen und den Flüchtlingen „nahe zu kommen“ sowie „sich in ihre Lage zu versetzen“ vorbei.

So zeichnet das Buch ein Bild in Schwarz-Weiß: der Diktator Baschar al-Assad ist böse, die Rebellen – vor allem die Freie Syrische Armee – sind gut. Hinzu kommen die üblichen Klischees: Syrien ist ein muslimisches Land, die Frauen tragen alle Kopftücher und können großteils nicht schwimmen. Dabei ist Syrien ein säkulares Land, in dem es auch eine christliche Glaubensgemeinschaft gibt (auch in Karims Heimatstadt Homs). In Damaskus, der Hauptstadt, gibt es sogar Weihnachtsdörfer in der Adventszeit, die auch im letzten Jahr wieder die geschmückten Straßen zierten, nachdem es aufgrund des Kriegs im Land in den Jahren zuvor schwierig war, solche Feierlichkeiten einzurichten. Jedenfalls handelt es sich bei Syrien nicht um eine Theokratie per se (im Gegensatz etwa zum Königreich Saudi-Arabien). Der Diktator (dessen „Name nur heimlich ausgesprochen werden darf“) wurde im Jahr 2014 wiedergewählt und setzte sich dabei gegen eine Reihe von Kandidaten durch, während einige andere erst gar nicht zur Wahl standen. Die sogenannten Rebellen haben die Wahlen in den von ihnen kontrollierten Gebieten großteils boykottiert bzw. verhindert.

Die sogenannten Rebellen sind bewaffnete Gruppen und nicht einfach nur Oppositionsparteien. Sie werden sowohl von den USA, als auch von so „menschenfreundlichen“ Ländern wie Saudi-Arabien (hier lesen wir komischerweise nie „Diktatur“ oder „Gottesstaat“), mit Waffen, Munition und Söldnern versorgt. Von „moderat“, wie in vielen Medien zu lesen ist, kann also bei den Rebellen nicht die Rede sein. Stattdessen sind viele Mitglieder der Freien Syrischen Armee und anderen sogenannten Rebellengruppen zu ISIS bzw. Jabhat al-Nusra übergelaufen.

Doch von all dem erfahren wir im Buch nicht. Wir erfahren nicht, dass in Syrien weit mehr als „nur“ ein Bürgerkrieg tobt. Stattdessen will man uns weismachen, dass sich die Menschen in Libyen „wehren“. Seit das Land 2011 in einer US-amerikanischen angeführten Militäraktion unter anderem auch von europäischen Ländern zurück ins Mittelalter gebombt wurde (das lesen wir freilich wieder nicht), zählt das heute mehrfach geteilte Libyen zu den Failed States.

Die Autorin beharrt in einem von mir geführten Interview darauf, dass zum Zeitpunkt der Flucht, von 2011 bis 2013, nicht klar war, wie die Kräfteverhältnisse waren, wer, wen, wo, wie militärisch und finanziell unterstützt hätte. Die Mehrheit der Zivilbevölkerung wäre in der Annahme gewesen, es handle sich tatsächlich um ein internes Aufbegehren, nicht um einen extern angeführten Coup – weder in Libyen, noch in Ägypten oder Syrien. ISIS oder den Islamischen Staat hätte es zu dem Zeitpunkt in Syrien noch gar nicht gegeben. Dabei geht die Terrormiliz nachweislich auf al-Qaida (im Irak) zurück. Al-Qaida spielte eine Schlüsselrolle im Zweiten Irak-Krieg bzw. während des Dritten Golfkriegs ab 2003 und wurde zuvor, in den 1980er Jahren, vom US-amerikanischen Geheimdienst CIA unterstützt. Heute hat sich ISIS weitestgehend von al-Qaida losgesagt bzw. wird als deren Nachfolgeorganisation gehandelt. Vor allem in den letzten Jahren hat ISIS häufig den Namen gewechselt. Laut Schätzungen (Stand 2015) stammt ein Großteil der IS-Kämpfer aus Tunesien, gefolgt von Saudi-Arabien, Jordanien, Marokko und der Türkei.

Wie es bereits im Irakkrieg ab 2001 nicht um Massenvernichtungswaffen ging (so viel ist heute bewiesen), ging es auch in Libyen nicht wirklich um solche und auch die notorischen chemischen Waffen (vieles deutet mittlerweile daraufhin, dass Rebellen Giftgas verwendet haben) in Syrien wirken blass angesichts eines womöglich für Staaten wie die USA, Russland, Frankreich, Deutschland und Großbritannien viel wichtigeren Grunds: Öl.

Die reichen Ölvorkommen des Iraks und der Bedarf industrialisierter/westlicher Länder daran haben damals und auch bereits in der Vergangenheit am Golf für Krieg gesorgt. Dass die USA und Russland in einem Stellvertreterkrieg in Syrien den Kalten Krieg wieder aufwärmen, liegt also vielleicht auch am Öl?! Diese Zusammenhänge sind jedoch nicht nur in vielen Medienoutlets unterberichtet, sondern bleiben auch im Buch außen vor.

Schade, dass dadurch dem Buch jegliche politische Perspektive und jegliche bildende Funktion genommen wurde, indem man sich für den einfachen Weg entschieden hat, schlichtweg das aufs Papier zu bringen, was man eben von einer Quelle, Karim, erzählt bekommen hat. Mit dem Stempel „nach einer wahren Geschichte“ wird suggeriert, dass die Schilderungen im Buch den Fakten entsprechen. Obwohl Frau Wahba das Autorsein strikt vom Journalistensein getrennt sehen will, ist mir in der Recherche zumindest ein von ihr verfasster ZEIT-Artikel übel aufgestoßen, indem sie sich auf das umstrittene „Syrische Netzwerk für Menschenrechte“ beruft:

Das Syrische Netzwerk für Menschenrechte, dessen Recherchen auch das US-Außenministerium für seine Länderberichte nutzt, führt eine Liste mit mehr als 65.000 Namen [von in Syrien verschwundener Menschen].

Das Syrische Netzwerk für Menschenrechte, welches aus England von sage und schreibe einem einzelnen Mann geführt wird: Rami Abdul Rahman, einem bekannten Assad-Gegner, der lange nicht in seiner Heimat Syrien war und dementsprechend wenig über den Zustand der Menschenrechte dort wissen kann, gilt als unzuverlässige Quellen, die unter anderem auf Angaben, der ebenfalls umstrittenen Weißen Helme zurückgreift.

Alles in allem hinterlässt das Buch einen zwar einfühlsamen Eindruck von einem Einzelschicksal, jedoch mit einem bitteren Beigeschmack, der viele Fragen offen lässt und den informierten Leser zu Zweifeln anregt, wie ernstzunehmen das Niedergeschriebene tatsächlich ist. Das ist besonders schade, da dadurch das natürliche Mitgefühl für Flüchtlinge eher getrübt als verbessert wird – so geht es jedenfalls mir.

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Tags: flucht, flüchtling, krieg, medien, syrienkrieg   (5)
 

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krebs, tod, sterben, medizin, rezension

Bevor ich jetzt gehe

Paul Kalanithi , Gaby Wurster
Fester Einband: 200 Seiten
Erschienen bei Knaus, 11.04.2016
ISBN 9783813507256
Genre: Biografien

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kurzgeschichten, erzählung, dostojewski, dostojewski klassiker

Das Krokodil

Christiane Pöhlmann , ,
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Manesse, 02.03.2015
ISBN 9783717523628
Genre: Romane

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Tags: dostojewski, dostojewski klassiker, erzählung, kurzgeschichten   (4)
 

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Das Buch der Antworten auf Fragen, die Sie nie stellen würden (aber Ihre Kinder womöglich schon)

Gemma Elwin Harris , Susanne Gerold
Fester Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Riemann Verlag, 18.03.2013
ISBN 9783570501511
Genre: Sachbücher

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schreiben, schreibübungen, autobiografie

Sich ins Leben schreiben: Der Weg zur Selbstentfaltung

Liane Dirks
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Kösel, 02.11.2015
ISBN 9783466346158
Genre: Sachbücher

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Tags: autobiografie, schreibübungen   (2)
 

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schreibübungen

Was wäre wenn...?

Anne Bernays , Pamela Painter
Flexibler Einband: 218 Seiten
Erschienen bei Alexander, 14.12.2011
ISBN 9783895810824
Genre: Sachbücher

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uwe steimle

Steimles Welt

Uwe Steimle
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Gütersloher Verlagshaus, 29.06.2015
ISBN 9783579065991
Genre: Sachbücher

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tagebuch, dostojewski, blog, schriftsteller, russische literatur

A Writer's Diary by Fyodor Dostoevsky (2009-03-17)

Fjodor M. Dostojewski
Flexibler Einband
Erschienen bei Northwestern University Press, 01.01.1757
ISBN B01K3K34RM
Genre: Sonstiges

Rezension:

Manch einer mag sich wundern, wie ich bei einem Autor, der von 1821 bis 1881 gelebt hat, zu der scheinbar wahnwitzigen Aussage komme, er sei der erste Blogger gewesen. Doch tatsächlich lässt sich das Unterfangen, was Fjodor Michailowitsch Dostojewski mit „Дневник писателя“, zu deutsch „Tagebuch eines Schriftstellers“ oder auf englisch „A writer’s diary„, unternommen hat, so am besten beschreiben, wie ich finde. Im Folgenden möchte ich erklären, warum und Dir gleichzeitig ein Buch vorstellen, das mich seit Februar in seinen Bann zieht und nun wohl zweifelsohne zu meinen Lieblingsbücher gehört.

Kommentar, Chronik, Tagebuch, Kritik, Entwurf – ein Blog?

Obwohl ich Russisch in der Schule hatte (sogar bis zum Abitur), stand für mich schon vor dem Buchkauf fest: „Дневник писателя“ werde ich in der Übersetzung lesen. Nur welche Fassung, die deutsche oder die englische? Nach ein wenig Recherche, entschied ich mich für die englische Übersetzung von Kenneth Lantz. Der Grund? Der Herr ist Professor für Russische Literatur an der Universität für Toronto und die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist sein Steckenpferd. Anders als so mancher Verlagsübersetzer, der vieles einfach mal so in seine Muttersprache überträgt, haben wir es hier mit einem tatsächlichen Slawisten zu tun, das war mir wichtig. Obwohl mein Russisch bis heute locker dazu reicht, einen Tee zu bestellen, über das Wetter zu plaudern und sonst wie Smalltalk zu betreiben, traue ich mich an große Werke der Literatur in russischer Originalsprache dann doch nicht heran. Der Wetterbericht und Goethe sind ja auch zwei paar Schuhe, nicht wahr? Eben.

Ein anderer Grund: Die Übersetzung von Kenneth Lantz, obwohl sie eine gekürzte Fassung ist, ist mit zahlreichen Anmerkungen und einem gut recherchierten Vorwort versehen. Bei diesem wohl brisantesten Buch von Dostojewski kommt man nicht umher, dem Leser im Vorhinein ein paar Hinweise und Denkanstöße mit auf den Weg zu geben. Da geht es um historische Kontexte und natürlich um die bekannte, leidige Kontroverse: War Dostojewski Antisemit?

Tatsächlich werden im Buch zahlreiche Themen behandelt. Zeitgeschehen, von Kriminalfällen, die den Autor beschäftigt haben über kriegerische Auseinandersetzungen bis hin zu pamphletartigen Politbekenntnissen und nachdenklichen, theoretischen Überlegungen, wird fein säuberlich seziert. Ähnlich wenig zimperlich verfährt Dostojewski mit Schriftstellerkollegen und bespricht zum Beispiel „Anna Karenina“ von Leo Tolstoi. Dabei erstreckt sich das Buch über einen zeitlichen Rahmen von 1873 bis 1881 und befindet sich damit am Ende von Dostojewskis Schaffen. Es endet auch irgendwie abrupt und lässt die Frage offen, ob es, wäre Dostojewski nicht am 9. Februar 1881 gestorben, fortgesetzt worden wäre. Womöglich.

Daneben finden wir im Buch zahlreiche Geschichtenskizzen und Figurüberlegungen, die wohl Einfluss auf sein späteres Werk „Die Brüder Karamasow“ gehabt haben dürften. Interessant ist außerdem, dass Dostojewski sich hin und wieder die Zeit nimmt, auf Leserbriefe und Zeitungskritiken zu antworten. Auch das finden wir in „A writer’s diary“, das weit mehr als nur ein Tagebuch ist, wie man bereits erahnen kann. Das Werk wurde monatsweise in mehr oder minder regelmäßigen Abständen (mit Unterbrechungen) in Zeitschriftenform veröffentlicht. Denn WordPress, Blogger & Co gab es damals ja noch nicht. Ansonsten wären diese Formate ideal für das chronologisch fortlaufende Werk gewesen, wie ich meine. Man muss sich jedoch einmal vor Augen führen, wie ausgefallen dieses literarische Konzept zur damaligen Zeit gewesen sein muss, so ganz ohne roten Faden, außer dass eben der Autor derselbe bleibt!

Zu dem zunächst seltsam anmutenden Blog-Vergleich bin ich gekommen, als ich überlegte, wo eigentlich dieser Blog hier einzuordnen ist. Anders als mein Projekt Histamin-Pir.at gibt es auch hier, wie bei Dostojewskis Tagebuchprojekt, keinen offensichtlichen Zusammenhang zwischen den einzelnen Artikeln, oder doch?

Eine Texter-Kollegin, die ich sehr schätze – Lilli Koisser – erklärt auf ihrem Blog für Texter sehr anschaulich und mit aller Deutlichkeit, was einen Texter-Blog ausmachen sollte. Er muss vor allem eins haben: Eine Nische. Und obwohl ich diese Seite hier auch zur Kunden-Akquise nutze bzw. um mich als Texter im Netz zu präsentieren, befolge ich diesen Rat ganz und gar nicht 🙂 Hier auf dem Blog geht’s tatsächlich um mich als Schreiberling (schweres Don’t!). Was beschäftigt mich? Was hilft mir im Berufsalltag? Was lese ich gerade? Irgendwie geht’s um Gott und die Welt. Schreiben als Tätigkeit und die Gedanken, die dem vorausgehen, spinnen den roten Faden der Website. Denn so sieht mein Berufsalltag aus: Er ist sehr vielseitig. Ich schreibe für Agenturen, für andere Blogs, für Ratgeberseiten und beginne dann auch noch eigene Projekte, nur für mich. Der lose Zusammenhang zeigt sich als Buchstabensalat.

Und, war Dostojewski da so anders (nicht, dass ich behaupte, mit dem gleichen Talent gesegnet zu sein!)? Hat der sich seinen Kopf darüber zerbrochen, wie er sich marketingtechnisch, SEO-optimiert positionieren würde oder hat er einfach nur die ursprünglichste Form eines Blogs in der Auseinandersetzung mit seinem Umfeld geführt? Ging es ihm nicht einfach auch um Austausch? Schließlich war auch er nicht nur Autor, sondern auch Journalist. Allzu viele Blogs haben heute mit dem, wie Bloggen einst begonnen hat, nichts mehr zu tun. Sie schreiben den Leser nicht mehr an, sondern schreiben ihm etwas vor oder halten ihm Produkte unter die Nase, mit dem unmissverständlichen Tenor: Du brauchst das! Kauf es!

Und ich nutze sie auch – Affiliate-Links. Aber was immer da verlinkt ist, brauchst Du nicht. Das rede ich Dir auch nicht ein. Du wirst ohne nicht umkommen und mit nicht zum perfekten Menschen. Aber es gefällt mir und vielleicht auch Dir, so wie zum Beispiel das angesprochene Buch von Dostojewski. Es hat mir etwas gegeben und vielleicht auch Dir. Lass es mich wissen! Darum geht’s. Und es sind diese zwei Motive: Selbstreflexion und der Austausch mit der Leserschaft, die einen Blog und auch „A writer’s diary“, meiner Meinung nach, ausmachen. Also schauen wir mal rein.
Food for thought: Zitate aus „A writer’s diary“

Während ich das letzte halbe Jahr in „A writer’s diary“ bis Seite 533 gelesen habe, hat mich mein eigenes Notiz- und irgendwie auch Tagebuch stets begleitet. Einige Passagen habe ich mir direkt rausgeschrieben, andere lediglich mit bunten Klebezettelchen im Buch selbst markiert. Die Passagen, die mich besonders bewegt haben, gibt es im Folgenden als kleine Zitatesammlung:

"We all know that entire trains of thought can sometimes pass through our heads in an instant, like sensations of some sort, without being translated into human language, never mind literary language."

Das obige Zitat fand ich besonders interessant (der erste Eintrag in meinem Notizbuch). Das aus dem Munde des Mannes, der Meister des Kettensatzes ist, der manchmal keinen Punkt zu kennen scheint und überhaupt als Genie des Bewusstseinsstroms gilt! Da wird einem vieles klar oder nicht?

"Reality is transfigured passing through art."

Die Umgestaltung der Wirklichkeit durch Kunst ist die Aufgabe eines jeden Kreativen. Den Satz mal sacken lassen oder auf einem Streifen ins Federmäppchen legen! Vergiss es nie.

An anderer Stelle plädiert Dostojewski dafür, aus dem gleichen Material mehr als nur ein Werk zu machen. Ich habe es bereits hier erwähnt: Es gibt Themen, die sich durch unser Schaffen ziehen und meist schöpfen wir immer wieder aus der gleichen Quelle für immer neue Ergebnisse. Ist so. Bei mir ist das u. a. Sterben, bei Dostojewski ist das u. a. Suizid, aber sicherlich aus völlig unterschiedlichen Gründen. Während Dostojewski durch das Studium der menschlichen Seele und von Zeitungsartikeln als schwer religiöser Mensch zu ergründen versucht, warum jemand den Wunsch verspüren könnte, sich umzubringen, geht es bei mir oft um das Prozessuale des Sterbens, um das Vergängliche im Leben – um die Frage, was bleibt und wo gehen wir hin?

So ist Dostojewski beispielsweise der Meinung, der Teufel sei ein Agnostiker. Und scheint auf „mein Thema“ so zu antworten:

"I am a happy man who isn’t satisfied with everything."

Seine Charakterstudie eines Selbstmörders hält fest, dass diese Menschen meist von ungeduldiger Erschöpfung (impatient fatigue) geplagt werden und sich durch ein furchtbares, quälendes Ausmaß von angeekeltem und zynischem Unglauben (terrible, agonizing amount of disgusted and cynical unbelief) (in andere Menschen) auszeichnen. Somit haben sie offensichtlich jedes Vertrauen in Wahrheit und allen Glauben an Pflicht verloren und der Überdruss von Leben ermüdet sie. Das scheint vor allem auf wohlwollende, freundliche und ehrliche Menschen zuzutreffen. Doch Selbstmordgedanken machen noch keinen Suizid. So schreibt Dostojewski:

"I think that many suicides and murders have been committed simply because the person had already taken the pistol into his hand."

Wie sonst können die gleichen Umstände und Voraussetzungen zu unterschiedlichen Ergebnissen führen? Das wird zum Beispiel in „Crime and Punishment“ oder „Verbrechen und Strafe“ deutlich, als Raskolnikow nicht nur eine geizige Pfandleiherin umbringt, um der Frage nach einem „gerechtfertigten/erlaubten Verbrechen“ nachzugehen, sondern auch ihre zufällig erscheinende Halbschwester tötet, was weder geplant noch gewollt war, aber er hatte die Axt nun mal schon in der Hand und er hatte bereits getötet. Außerdem: Sie wäre eine Zeugin gewesen.

Um den Roman „Verbrechen und Strafe“ zu verstehen, muss man übrigens unbedingt (!!!) den Epilog lesen. Sonst wird die Intention des Autors nicht klar.

Noch eins zum Thema Selbstmord und dann werden wir politisch.

"Only with faith in the immortality of the soul you can understand the sense of earthly being. Without that suicide becomes a necessity for any intellectual being."

Einer der wichtigsten Sätze – insbesondere vor dem Hintergrund aktueller Geschehnisse in der Welt – ist der folgende, der offenbar auf das Phänomen „Ah, das ist weit weg …“ anspielt:

"At what distance does love for humanity end?"

Das Wort Kasino-Kapitalismus finden wir unweigerlich beim Autor von „Der Spieler“ in leichter Abwandlung wieder – „stock-exchange gambling“ – im 19. Jahrhundert. Ich werde nicht müde, darauf hinzuweisen, dass Dostojewski diesen Roman nicht (nur) aufgrund von etwaiger Spielsucht, sondern tatsächlich als Kritik am Finanzsystem geschrieben hat. Oh, und er hatte eine ausgesprochene Abneigung gegen Finanzen! Er war übrigens auch nur so hochverschuldet bzw. willig am Roulettetisch sein Glück zu versuchen, weil er einen riesigen Schuldenberg von seinem älteren Bruder vererbt bekommen hatte, der nun abbezahlt werden musste, ein Fakt, der nur allzu gern unterschlagen wird.

Eine wunderbare Definition von „Kultur“ (lat. colere = pflegen, bebauen, cultura = Ackerbau, Pflege) liefert Dostojewski im Folgenden, auch wenn es nicht als Begrifferklärung hierfür explizit gemacht wird:

"When a nation loses the urge for general individual self-betterment in that spirit in which it originated, then all „social institutions“ begin to die out, for there is nothing more to preserve."

Generell haben viele Passagen an Aktualität nicht verloren, sondern nur gewonnen. Manche Textstellen lesen sich erstaunlicherweise so als wären sie gestern geschrieben worden. Diese hier in ihrer Vollständigkeit wiederzugeben, würde jedoch den Rahmen sprengen. Wer diesen überraschenden und schockierenden Aha-Effekt erleben möchte (Was, das hat der Ende des 19. Jahrhunderts schon gesagt?!), liest am besten selbst mal rein.

Bevor ich diesen Beitrag beende, gibt es jedoch noch eine Frage zu beantworten, die ich eingangs aufgeworfen habe. Was ist dran: Dostojewski und der Judenhass? Denn das ist ja, was heute gemeinhin mit Antisemitismus gemeint wird.
Dostojewski und Antisemitismus

Bereits in der Einleitung nimmt sich Kenneth Lantz dem Thema selbst an und weist auf ein paar, zugegebenermaßen sehr harsch formulierte Passagen im Buch hin. So würden die Juden, würden sie je über Russland herrschen, die Russen versklaven, massakrieren und komplett ausrotten, „as they did more than once with alien peoples in times of old in their ancient history“. Juden, Jiddisch, Israeliten – all diese Terme werden synonym durcheinandergeworfen und teils mit drastischen Zuschreibungen versehen. Dabei ist die Rede von einem abstrakten „Yiddism“, von einem gewissen Geist – selten von konkreten Menschen. Die auch heute noch allzu häufige Verknüpfung von Finanzwesen, Kapitalismus, Ausbeutung und Internationalisten mit Juden findet sich ebenso bereits bei Dostojewski. So streitbar das klingen mag, wäre es dennoch falsch, den Autor als Judenhasser per se abzustempeln. Warum?

Wie bereits Lantz in der Einleitung anmerkt, ist Folgendes im Falle von Dostojewski hervorzuheben:

"Dostoevsky does not draw the conclusion that those whom the Jews would enslave or exterminate would be justified in expelling or exterminating the Jews first."

Er ruft also zu keinem Zeitpunkt zu Beschimpfungen, Gewalttaten oder sonstigem gegen Juden auf. Ein Kapitel im Speziellen beweist sogar so ziemlich das Gegenteil. Ich meine das Kapitel „The Funeral of ‚The Universal Man'“. Hier wird die Beerdigung eines deutschen Arztes beschrieben, der in M. praktizierte und Protestant war. Nun, warum erzähle ich das und was hat das mit der aufgeworfenen Frage zu tun? Dostojewski selbst erzählt von dieser Beerdigung auch nur, weil er einen Leserbrief erhalten hat, in welchem selbige beschrieben wird und zwar von einer Jüdin. Daran ist ja immer noch nichts Besonderes. Und doch soll diese Episode nicht unerwähnt bleiben. Denn was Dostojewski an diesem sehr gutherzigen Arzt so herausragend fand, war der Respekt, der ihm auf seinem letzten Weg entgegengebracht wurde. Die Leserin schreibt in ihrem Brief:

"A pastor and a Jewish rabbi spoke at his [the doctor’s] graveside, and both wept; but he just lay there in his old, worn uniform coat with an old handkerchief tied around his head – that dear head; and it seemed that he was sleeping, so fresh was the color of his face …"

Dostojewski selbst eilt Kritikern voraus und stellt selbst fest, es handle sich um einen „isolated case“. Am Ende nimmt er denselben isolierten Fall jedoch als Musterbeispiel dafür, wie unterschiedliche Religionsgruppen und Ethnien friedlich und glücklich miteinander leben könnten und schreibt:

"All this is very simple; only one thing seems complicated: just to become convinced that without these same isolated instances you will never arrive at a total; everything may be about to fall apart, but it is these people who can bring it together. They are the ones who inspire ideas; they are the ones who give us faith; they provide a living example, and so a proof as well. And there’s certainly no need to wait until everyone, or at least very many people, are as good as they are: we need very few such people in order to save the world, so powerful are they. And if such is the case, then how can we not hope?"

Jemand, der sich derart über das Zusammentreffen von Pfarrer, Rabbi und allen anderen Bewohnern eines ganzen Ortes bei der Beerdigung eines wohltätigen Menschen freut, der diese Verständigung als beispielhaft für Nächstenliebe, und mehr noch, als zukunftsweisend, beschreibt, der wirkt auf mich nicht wie ein Antisemit. Trotzdem sind auch die anderen angesprochenen Textstellen im Buch vorhanden.

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