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Stumme Herzen

Carla Guelfenbein , Angelica Ammar
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 27.04.2017
ISBN 9783103972375
Genre: Romane

Rezension:

Die lateinamerikanische Literatur hat mich schon immer begeistert. Die außergewöhnlichen Romane von Autoren und Autorinnen wie Isabel Allende, Gabriel García Márquez, Paulo Coelho und vor allem Antonio Skármeta haben für mich einen ganz besonderen Stellenwert. Nun ist noch eine weitere Schriftstellerin hinzugekommen, deren Werke mich sehr ansprechen: Die Chilenin Carla Guelfenbein berührt durch einen einzigartigen, sehr poetischen Schreibstil, der die Leser mit ihren Geschichten verschmelzen lässt. Worte – so mächtig und doch so federleicht – schleichen sich in die Gedanken und hallen noch lange nach, wenn das Buch beendet ist. Lebensklug und mit tiefgreifenden Einsichten in die Befindlichkeiten der Menschen erzählt Guelfenbein von großen Gefühlen, verpassten Chancen und stetem Neubeginn, der Bestandteil unserer Natur ist. Dabei bedient sich die Sprachvirtuosin einer klaren, melodisch-harmonischen Ausdrucksweise, die ihre Romane zu einem Lesegenuß ersten Ranges macht.

Ein verhängnisvoller Sturz

Die betagte Schriftstellerin Vera Sigall hat sich von der Welt zurückgezogen und lebt allein mit ihren beiden Hunden in ihrem Haus in Santiago de Chile. Nur ihr Nachbar, der junge Architekt Daniel Estévez, schafft es, Kontakt zu ihr aufzubauen und ihr Vertrauen zu gewinnen – sehr zum Missfallen seiner Karriere-Gattin Gracia, die die beinahe familiäre Bindung der beiden mit Unverständnis zur Kenntnis nimmt. Als er Vera eines Tages bewusstlos am Fuße ihrer Treppe auffindet, ist Daniel schockiert: Er kann nicht fassen, dass die agile Dame ohne ersichtlichen Grund so schwer gestürzt ist. Er glaubt nicht an einen Unfall oder ein Mißgeschick, doch das behält er zunächst für sich.

Er hat genügend eigene Probleme, die sich nicht so einfach in Luft auflösen: Seine Ehe mit Gracia ist in einer Krise. Als sie ein Paar wurden, hatte Daniel mit seinem Entwurf eines Museums einen hart umkämpften Wettbewerb gewonnen und war zum aufsteigenden Stern der Architektenbranche avanciert. Doch als das prestigeträchtige Projekt auf Eis gelegt wurde, geriet auch seine vielversprechende Karriere ins Stocken, ein absolutes No-Go für Gracia, für die Erfolg das Wichtigste im Leben ist. Als Daniel ihr von seinem Traum erzählt, ein Restaurant auf den Klippen zu entwerfen und zu betreiben, ist sie mehr als entsetzt, denn in ihren Augen ist das kein Job für einen richtigen Mann.

Sterne und Planeten

Zeitgleich ist Emilia Husson, eine französische Studentin mit chilenischen Wurzeln, nach Santiago de Chile gekommen, um dort mittels Stipendium das Gesamtwerk von Vera Sigall zu erforschen. Der berühmte Dichter Horacio Infante, der als Gastdozent an ihrer Universität lehrt, hatte sie überzeugt, ihre Abschlussarbeit über Sigall zu schreiben und ihr darüber hinaus die Erlaubnis verschafft, in der Bibliothek Bombal Zugang zu all ihren Romanen zu erhalten. Als Tochter zweier Astronomen ist Emilia besonders an der Bedeutung der Sterne und Planeten in Sigalls Erzählungen interessiert, doch das hält sie zunächst geheim, da es ihres Erachtens selbst für Literaturwissenschaftler zu abgehoben sein könnte.

Als Infante Emilia zu einem gemeinsamen Lunch mit seiner Tochter einlädt, lernt sie dort zu ihrer Überraschung auch Vera Sigall kennen. Emilia bemerkt sofort, dass zwischen Sigall und Infante etwas Unausgesprochenes liegt, ein inniges, unsichtbares Band, das die beiden verbindet. Umso erstaunter ist sie, als sie wenig später unabsichtlich Zeugin eines lauten und zornigen Streits der beiden wird, den sie nicht einordnen kann.

Eine schicksalhafte Begegnung

Für Emilia bricht eine Welt zusammen, als sie erfährt, dass Vera nach einem folgenschweren Sturz im Koma liegt. Sie schafft es nicht mehr, sich auf ihre Recherchen zu konzentrieren und fährt ins Krankenhaus, um Vera nahe zu sein. Sie verbringt Stunde um Stunde im Wartesaal, weil sie keinen Zugang zum Krankenzimmer erhält. Dort sitzt Daniel, der alles versucht, um die schwer verletzte Schriftstellerin durch Vorlesen und Erzählen wieder ins Leben zurückzuholen.

Bald wird er auf Emilia aufmerksam, die auf ihn einen seltsam verlorenen Eindruck macht. Sie wirkt wie ein Wesen aus einer anderen Welt, das ganz in sich versunken ist. Und sein Eindruck täuscht ihn nicht: Die scheue Emilia hat ein Problem im Umgang mit Menschen, jeglicher körperlicher Kontakt ist ihr zuwider. Und trotz alledem verlieben sich die beiden und vertrauen sich einander an: Emilia erzählt Daniel, dass sie bei ihren Recherchen auf etwas äußerst Mysteriöses zwischen Sigall und Infante gestoßen ist, das bisher noch niemandem aufgefallen ist. Im Gegenzug berichtet Daniel Emilia, dass er nicht glaubt, dass Sigalls Sturz ein Unfall war und er daher die Polizei eingeschaltet hat.

Beide recherchieren schließlich gemeinsam und finden heraus, dass ein Obdachloser kurz vor Veras Sturz in der Nähe ihres Hauses gesehen wurde. Auch Infante soll Vera kurz vor ihrem angeblichen Unfall noch besucht haben. Als Daniel jedoch zu seinem Entsetzen entdeckt, wer Vera tatsächlich an dem Unglückstag besucht hat, kann er es nicht fassen und glaubt an einen Irrtum. Währenddessen macht Emilia eine weitere Entdeckung und erhält schließlich private, nur für ihre Augen bestimmte Aufzeichnungen von Infante, die die ganze Tragik seiner und Veras Geschichte enthüllen und den berühmten Dichter und die Schriftstellerin in ein völlig anderes Licht rücken…

Ein großartiger Roman über Liebe, Verrat und Vergebung

Mit Stumme Herzen ist Carla Guelfenbein ein erstklassiger, ausdrucksstarker Roman gelungen, der nachdenklich stimmt. Die aus drei Teilen bestehende Geschichte, deren Kapital jeweils abwechselnd aus der Perspektive von Daniel, Emilia und Horatio Infante erzählt werden, thematisiert zum einen die tragische Liebe des berühmten Dichters und der legendären Schriftstellerin in all ihren Facetten – leidenschaftlich, alltagsabsorbiert und schließlich zerstört durch einen Verrat, der unverzeihlich scheint. Doch was, wenn der sogenannte Verrat aus Liebe geschah? Die Frage klingt wie ein Paradoxum, doch in dieser Geschichte ist sie mehr als berechtigt. Haben nicht Stolz und ein übergroßes Ego zu einem existentiellen Dilemma geführt, von dem sich einer der Protagonisten (mehr sei an dieser Stelle nicht offenbart) erst im hohen Alter durch Einsicht und Vergebung befreien kann? Am Ende wird dieser Figur schmerzlich bewusst, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt – was bleibt sind Erinnerungen an eine Liebe, die zu fragil war für die Ewigkeit.

Zum anderen erzählt Guelfenbein die ungewöhnliche Liebesgeschichte der beiden Außenseiter Daniel und Emilia. Die behutsame Annäherung der beiden liebenswert verschrobenen Charaktere, die ihren ganz eigenen Charme hat, ist das genaue Gegenteil der ungezügelten Love Story von Horatio und Vera. Daniel und Emilia versuchen, ihren Platz in einer Gesellschaft zu finden, in der Individualität und Andersartigkeit keine Chance haben und begegnen einander in einem Moment, in dem alles düster scheint. Wie sie zueinander finden, erzählt Guelfenbein auf wunderbare Weise, wie es mit den Liebenden weitergeht, lässt sie offen. Am Ende findet sich alles zusammen, nur um dann wieder auseinander zu driften. Schicksal? Nein. Nur der Lauf des Lebens.

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erzählungen, wiederentdeckung, kurzgeschichten, short stories, alter

Für dich würde ich sterben

F. Scott Fitzgerald , Anne Margaret Daniel , Gregor Runge , Andrea Stumpf
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 11.04.2017
ISBN 9783455000078
Genre: Romane

Rezension:

Er war der schillernde Paradiesvogel unter den Schriftstellern der Amerikanischen Moderne. Sein Romanklassiker Der große Gatsby machte ihn unsterblich und katapultierte ihn – wenn auch erst nach seinem Tod – auf den Olymp der weltbesten Literaten: F. Scott Fitzgerald, dessen glamouröses, exzessives Party-Leben mit Flapper-Gattin Zelda ebenso legendär war wie sein künstlerisches Schaffen, hat der Nachwelt ein einzigartiges literarisches Erbe hinterlassen. Werke wie Zärtlich ist die Nacht, Diesseits vom Paradies, Die Schönen und Verdammten, Die Liebe des letzten Tycoons und nicht zuletzt die brillante Kurzgeschichtensammlung Flappers and Philosophers reflektieren die gesamte Bandbreite seines Könnens und zeugen von beeindruckender sprachlicher Ausdruckskraft.

Fitzgeralds außergewöhnlicher Erzählstil und seine unvergleichlichen Protagonisten zeichnen ihn als exzellenten, kritischen Chronisten des Jazz Age aus. Kein anderer fing den Zeitgeist der wilden 20er Jahre, die Blütezeit des künstlerischen Schaffens, die von wirtschaftlichem Wohlstand geprägt war, so gekonnt ein wie er. Niemand ging mit der moralischen Dekadenz, dem damit einhergehenden Werteverfall und der zunehmenden Oberflächlichkeit härter ins Gericht als dieser beeindruckende Autor, der die pervertierte Interpretation des amerikanischen Traums von Luxus und Überfluss der Schönen und Reichen dieser Zeit schonungslos offenlegte. Was seine Werke zeitlos macht, ist seine Sicht der menschlichen Natur, für die Erfolg und Geld zu den wichtigsten Maximen geworden sind, die die Sinnleere der Schnelllebigkeit füllen sollen. Dies hat sich – damals wie heute – als Trugschluss erwiesen.

18 neue literarische Erbstücke

Nunmehr sind 18 neu entdeckte Erzählungen Fitzgeralds – 14 Erzählungen, 3 Filmexposés (Gracie auf See, Ballettschuhe, Liebe kostet Nerven) und 1 Fragment (Auszeit von der Liebe) – unter dem Titel Für dich würde ich sterben erschienen, die eine völlig andere Seite des Ausnahme-Schriftstellers zeigen und die von Maturität und literarischer Weiterentwicklung zeugen. Fitzgerald wollte diese Geschichten unbedingt veröffentlicht bzw. verfilmt wissen, doch Verleger und Filmproduzenten taten sich schwer mit seinen gereiften Erzählungen/Filmscripts, denn sie passten ihres Erachtens nicht zu seinem alten Stil, mit dem er berühmt geworden war. Stories ohne ausschweifende, glamouröse Parties, ohne Luxus, ohne schöne Protagonistinnen und Protagonisten, die in tragischer Liebe zueinander entbrennen, passten nicht in die Schublade, in die sie Fitzgerald gesteckt hatten. Doch der Autor blieb sich treu und ließ sich trotz seines verblassenden Ruhms und seiner unbefriedigenden Arbeit in Hollywood schriftstellerisch nicht verbiegen. Das ist ein großes Glück für seine Leser, die sonst nie in den Genuss dieser wunderbaren Geschichten gekommen wären.

Ein neuer Quell

"/…/Ich müsste entweder zaubern können oder ein Zeilenschinder sein, wenn ich drei Jahrzehnte lang ein und dasselbe produzieren könnte./…/Ich weiß, was von mir erwartet wird, aber der Brunnen ist am Versiegen, und ich halte es für klüger, ihn nicht weiter auszuschöpfen, sondern einen neuen Brunnen, einen neuen Quell zu erschließen."

Dies schrieb Fitzgerald 1939 an Kenneth Littauer, Redakteur der Zeitschrift Collier‘s. Seine jetzt von Anne Margaret Daniel herausgegebenen letzten unveröffentlichten Erzählungen zeigen, dass er diesen neuen Quell gefunden hatte. Doch was ist so anders an diesen Stories, dass man sie zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlichten wollte? Die Frauen und Männer seiner Geschichten sind – wenigstens zum Teil – immer noch schön, begehrenswert und zuweilen auch jung, der amerikanische Traum hat zwar seinen Glamour, nicht aber seine Anziehungskraft verloren, und Liebe ist immer noch das Elixir, das die Menschen antreibt und ihnen höchstes Glück und tiefste Verzweiflung beschert. Die Antwort liegt auf der Hand: Die Geschichten sind in all ihrer Brillanz, Kuriosität, Exzentrik, Komik und Lebensklugheit sehr down-to-earth. Als Leser gelingt es nicht mehr, in eine verlockende Glitzerwelt abzutauchen und sich den verheißungsvollen Traum von Rags to Riches – wenn auch nur kurzzeitigzu eigen zu machen.

Kurioses, Komisches, Ernstes und Romantisches im gereiften Fitzgerald-Style

In seinen letzten Geschichten zeigt Fitzgerald ein breit gefächertes literarisches Portfolio. Keine Story gleicht der anderen, bei einigen kann man kaum glauben, dass sie von Fitzgerald sind. Letzteres trifft insbesondere auf Gracie auf See zu, in der er die reiche, tolpatschige Gracie karikiert, deren ramponiertes Image Werbefachmann George wieder aufpolieren und darüber hinaus einen Ehemann für sie finden soll. Gracies peinliche Auftritte und die eingebauten Slapstick-Einlagen sind Fitzgerald wirklich gelungen – das Skript hätte meines Erachtens einen gelungenen Film abgegeben.

In Spielschulden begegnen wir einem abgezockten, desillusionierten Verleger, der alles veröffentlicht, was auch nur ansatzweise Geld verspricht, bis er eines Tages die Quittung für seine Oberflächlichkeit und Geldgier erhält. Die Geschichte Böser Traum spielt in einer psychiatrischen Klinik, in der ein Gesunder systematisch krank gemacht wird. Hier konnte Fitzgerald – so scheint es – aufgrund der oftmaligen Aufenthalte seiner Frau Zelda in solchen Kliniken auf eigene Erfahrungswerte zurückgreifen. Das Klinikszenario, die äußerst realitätsnahe Darstellung der Ärzte und der Verrückten und das Verschwimmen der Grenze zwischen Wahn und Normalität ist Fitzgerald wirklich exzellent gelungen. Gleiches gilt für die ebenfalls in einem Krankenhaus spielende Geschichte Wirbelsturm in stillen Gefilden, wo Assistenzarzt Dr. Bill Craig den Fehler seines Lebens begeht, als er die schöne Schwesternschülerin Benjamina, genannt Trouble, vor allen blossstellt. Im Gegensatz zu Böser Traum ist diese Story sehr komisch und hat ausgesprochenen Wortwitz. Am Ende kann man nicht umhin, leise in sich hinein zu schmunzeln, denn Trouble hat ihren Namen nicht umsonst.

In Zusammen unterwegs zeigen sich ebenfalls einige Parallelen zu Fitzgeralds Leben, denn hier überwirft sich ein berühmter Drehbuchautor, Chris Cooper, mit einem Produzenten, der seinen neuen Stil nicht akzeptieren will, um seinen eigenen Weg zu gehen und mit der schönen und klugen Judith Downs, die er auf einer abenteuerlichen Zugfahrt kennengelernt hat, ein neues Leben fernab von Hollywood zu beginnen. Darüber hinaus gefällt mir auch die Kurzgeschichte Danke für das Feuer sehr, in der eine Handlungsreisende für Mieder und Hüfthalter eine äußerst merkwürdige Erscheinung in der Kirche hat. Sehr bemerkenswert sind auch die beiden Geschichten Daumen hoch und Zahnarztbehandlung, die beide im Amerikanischen Bürgerkrieg spielen. Diese zwei völlig unterschiedlichen Fassungen einer Basisgeschichte dechiffrieren den Mythos einer Epoche und zeigen sie in all ihrer Brutalität und Menschenverachtung.

Meine Lieblingsgeschichte ist die gleichnamige Titelstory Für dich würde ich sterben. Ich muss zugeben, ich hatte eine absolut romantische Love Story erwartet und war verblüfft, was tatsächlich dahinter steckt. Sie spielt in North Carolina, wo eine Filmcrew zwecks Dreharbeiten in einem Hotel abgestiegen ist. Schauspielerin Atlanta erwidert die Gefühle von Kameramann Roger nicht und fühlt sich von der Ausstrahlung eines mysteriösen Fremden magisch angezogen. Dieser entpuppt sich als zivilrechtlich gesuchter „Selbstmord-Carley“, dessen Freundinnen sich bisher alle aus verzweifelter Liebe zu ihm das Leben genommen haben. Atlanta kann dies in keiner Weise nachvollziehen, denn Carley ist weder schön noch außergewöhnlich. Doch auch sie verfällt seinem Charme – genauso wie Isabelle, Carleys ständige Begleitung, die die Beziehung der beiden mit Argwohn beobachtet. Als beide Frauen zur gleichen Zeit spurlos verschwinden, geht man vom Schlimmsten aus, aber für moderne Frauen ist Suizid wegen eines Mannes nun wirklich keine Lösung…

Von der Essenz des amerikanischen Traums

Fitzgeralds Erzählungen, von denen ich hier nur einige meiner Favoriten kurz vorgestellt habe, sind in all ihrer Diversität ein wirklicher Lesegenuss. Von dem einst auf bodenständigen moralischen Fundamenten basierenden amerikanischen Traum, der von Geld und Macht korrumpiert wurde und der stets ein durchscheinendes Thema in Fitzgeralds Werken war, hat er die stärkste Maxime und wichtigste Essenz in den Vordergrund gerückt: Hoffnung. Jenseits des Glamours ist sie geblieben und lässt in den Menschen den notwendigen Mut zu einem Neuanfang wachsen, der sie antreibt und sie ihrem individuellen Lebenstraum jeden Tag ein wenig näherbringt.

Mein Fazit: Ein Buchjuwel und Must Read – nicht nur für Fitzgerald-Fans!

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Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers

Barbara Landes
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Ebersbach & Simon, 08.08.2016
ISBN 9783869151311
Genre: Romane

Rezension:

„Alles geben die Götter, die unendlichen, ihren Lieblingen ganz, alle Freuden, die unendlichen, alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.“ Dieses kurze Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe kam mir nach Lektüre der brillanten Romanbiografie von Barbara Landes sofort in den Sinn. Somit muss die amerikanische Ausnahme-Schriftstellerin Carson McCullers, die Protagonistin des Buchs, wahrlich ein Liebling der Götter gewesen sein, denn ihr viel zu kurzes Leben glich einer rasanten emotionalen Achterbahnfahrt, die von Liebe, Schmerz, Verlust und schwerer Krankheit geprägt war. Mit hoher Detailtreue lässt Landes das Leben der außergewöhnlichen Literatin Revue passieren, bei der sich privates Glück, Erfolg und künstlerische Selbstverwirklichung nie in Einklang bringen ließen. Dies führte unweigerlich zu einer schleichenden Selbstzerstörung, die sie mit Alkohol forcierte, bis ihre immer fragiler werdende körperliche Konstitution, geschwächt durch gravierende gesundheitliche Einschläge, schließlich ihr Ende einläuteten.

Wunderkind wider Willen

Schon vor Lula Carson Smiths Geburt ist ihre Mutter Marguerite, die auf einen Sohn hofft, überzeugt, dass ihr Kind etwas ganz Besonderes wird. Auch als sie eine Tochter zur Welt bringt, kann sie dies nicht von ihrer Überzeugung abbringen, dass ihr Wunderkind es einmal sehr weit bringt. Vater Lamar, ein etablierter Uhrmacher in Columbus/Georgia, hält nichts von den Voraussagungen seiner Frau – ihm ist wichtig, dass seine Kleine behütet aufwächst. Doch dann zeigt Lula in ganz jungen Jahren plötzlich ein Talent, das alle verblüfft: Sie beginnt Klavier zu spielen, einfach so, als beherrschte sie es schon seit Jahren. Das ist Wasser auf die Mühlen ihrer Mutter, die ihre Wunderkind-Theorie bestätigt sieht und Lula sofort zum Klavierunterricht anmeldet.

Lula liebt die Musik und geht ganz darin auf, doch ansonsten ist sie eher eine Außenseiterin. Sie ist keine Southern Belle, sondern eher schlaksig und ist mit 13 bereits größer als mancher Junge. Sie hadert mit den großen Erwartungen ihrer Mutter und ist oftmals peinlich berührt, wenn sie sie mal wieder vor allen in den Himmel lobt. Aber Fieberschübe und damit einhergehende ernstzunehmende gesundheitliche Probleme bremsen die hohen Ambitionen aus: Die völlig entkräftete Lula ist gezwungen, für geraume Zeit das Bett zu hüten. Um sie aufzumuntern, schenkt ihr Vater ihr eine Schreibmaschine und setzt damit, ohne es zu ahnen, eine alles verändernde Wende in ihrem Leben in Gang.

New York: Anfänge als Schriftstellerin

Nach ihrer Genesung setzt Lula, die von nun an nur noch Carson genannt werden will, den Klavierunterricht fort, bis schließlich ihr großer Traum (oder treffender, der Traum ihrer Mutter) in greifbare Nähe rückt – ein Studium an der berühmten New Yorker Juilliard Musikschule. Um das Schulgeld zusammenzubekommen, versetzt ihr Vater einen wertvollen Ring ihrer Großmutter, doch Carson verliert die 600 Dollar bereits am ersten Tag in der Subway im Big Apple. Ein Wink des Schicksals? Stattdessen belegt sie einen Creative Writing Kurs an der Columbia Universität, was sie ihren Eltern aber nicht mitteilt. Carson hält sich mit Gelegenheitsjobs finanziell über Wasser und schreibt an ihren ersten Kurzgeschichten. Ihre Dozentin, die ihr literarisches Talent schnell erkennt, fördert sie und schafft es schließlich, ihre Stories an etablierte Magazine zu verkaufen.

Früher Erfolg und schicksalhafte Liebe

Mit Hochdruck versucht sich Carson an ihrem ersten Roman, und dann funkt auch noch die Liebe dazwischen: Der gut aussehende Sergeant James Reeves McCullers wird eine der Obsessionen ihres Lebens. Auch Reeves will Schriftsteller werden und sieht sich mit Carson an seiner Seite am Ziel seiner Träume. Gleiches gilt für Carson, die endlich ihren Seelenverwandten gefunden zu haben scheint. Die beiden heiraten, und Carson vollendet mit nie gekanntem Arbeitseifer ihr Debütwerk. Und es geschieht das Undenkbare: Gleich mit ihrem ersten Roman Das Herz ist ein einsamer Jäger avanciert sie zum literarischen Newcomer ihrer Zeit. Der frühe Erfolg im Alter von nur 23 Jahren lässt sie auf Wolken schweben und entzieht ihr gleichermaßen den Boden unter den Füßen. Und wieder hypt man sie als wundersame Neuentdeckung und bugsiert sie damit erneut in eine Rolle, die ihr absolut widerstrebt.

Wildes Künstlerleben

Allerdings genießt sie auch die Vorteile, die ein Leben als schriftstellerischer Shooting Star zu bieten hat: Sie gründet eine Künstler-WG, das Februarhaus in Brooklyn Heights, in dem sie gemeinsam mit renommierten Literaten und Künstlern wie W. H. Auden, Tennessee Williams, Christopher Isherwood, Salvador Dalí und Gala u.v.m. ein unkonventionelles, exzessives Leben führt. Dabei rückt Reeves immer mehr in den Hintergrund. Er hasst es, nur der Mann an ihrer Seite zu sein und greift immer häufiger zur Flasche, denn seine eigene schriftstellerische Karriere liegt brach. Hinzu kommen Carsons romantische Gefühle für Annemarie Schwarzenbach, Mitglied der Entourage um Erika Mann, die jedoch ihre Liebe nicht erwidert. Als Reeves Carson gegenüber handgreiflich wird, lässt sie sich scheiden, nur um ihn vier Jahre später ein weiteres Mal zu heiraten.

Doch nichts ist mehr, wie es einmal war. Ihr wildes Leben, gepaart mit übersteigertem Arbeitswahn und übermäßigem Alkohol- und Drogenkonsum, fordert seinen Tribut: Mehrere Schlaganfälle (der erste mit 24) und daraus resultierende schwere gesundheitliche Probleme machen aus ihr ein körperliches Wrack. Mit nur 50 Jahren ist sie am Ende ihres Lebens angelangt – ein Leben, das ihr größtes Glück, größten Erfolg und größten Schmerz bescherte.

Exzellente Romanbiografie über eine einzigartige, tormentierte Literatin

Ich habe selten eine so eindrucksvolle Künstlerbiografie gelesen wie diese. Geschickt webt Landes Facts & Fiction zusammen. Dass die Autorin das Leben von Carson McCullers bis ins kleinste recherchiert hat, wird schnell klar, wenn man McCullers‘ unvollendete Autobiografie Illumination and Night Glare gelesen hat, die ich sehr empfehle. Einiges hat die Autorin allerdings auch hinzuerdacht – so wie die Figur des ehemaligen Schriftstellers und jetzigen Lektors Ben Jacksen, der nach Carsons Tod ihre Grabrede halten soll und damit völlig überfordert ist. Er sieht sich dieser Aufgabe nicht gewachsen, obwohl ihm Carson „zwei Mal das Leben rettete“, doch am Ende findet er genau die richtigen Worte voller Poesie und Weisheit, die die Essenz von Carsons Wesen treffen.

In zwei Erzählsträngen lässt uns Landes an McCullers‘ tragischem Lebensweg teilhaben. Zum einen sehen wir sie in der Retrospektive durch Bens Augen, dem sie sein existentielles Dilemma mehr als einmal verdeutlicht und der durch sie wieder Halt findet. Zum anderen betrachten wir sie mittels des anonymen Erzählers, der uns durch alle Lebenshöhen und -tiefen dieser einzigartigen Schriftstellerin führt, so dass sie uns am Ende seltsam vertraut ist. Mit ihrer beeindruckenden Rückschau auf das überschwängliche Leben der tormentierten Literatin gelingt Landes das, was sie selbst als ihre schwerste Aufgabe bezeichnete: McCullers, ihrem Leben und ihrem Werk gerecht zu werden.

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Hôtel Atlantique

Valerie Jakob
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Wunderlich, 22.04.2017
ISBN 9783805251341
Genre: Romane

Rezension:

Valerie Jakobs Debütroman Hôtel Atlantique ist eine Klasse für sich. Die facettenreiche Geschichte lässt sich in kein Schema pressen, denn sie beinhaltet krimieske, geschichtliche und soziale Aspekte, die die Autorin geschickt miteinander verwoben hat. Obwohl man aufgrund des Klappentextes einen sommerleichten Krimi vermuten könnte, der an der französischen Atlantikküste spielt, hat das Buch einiges mehr zu bieten: Die gehaltvolle Story handelt zwar primär von einem mysteriösen Todesfall, thematisiert aber ebenso ein düsteres Kapitel der deutsch-französischen Vergangenheit auf sehr bewegende Weise und befasst sich darüber hinaus mit der derzeitigen brisanten gesellschaftspolitischen Situation Frankreichs. Diese außergewöhnliche Kombination hält, was sie verspricht und lanciert zugleich eine ganz besondere Protagonistin, die hoffentlich mit ihrem jungen pfiffigen Adlatus noch viele weitere Fälle lösen wird.

Auf frischer Tat

Die französische Ex-Kommissarin Delphine Gueron zieht nach ihrer Pensionierung von Paris zurück in ihren Heimatort, das idyllische St. Julien de la mer nahe des exklusiven Biarritz. Sie genießt die Ruhe und das Meer und ist froh, den Trubel der französischen Großstadt hinter sich gelassen zu haben. Sie beschließt, ihren Garten aufzuhübschen, doch noch bevor sie damit beginnen kann, erwischt sie des Nachts einen Einbrecher auf frischer Tat, der ihren Schuppen durchforstet: Der 15-jährige Karim Amandier ist mehr als schockiert, als er eine Waffe auf sich gerichtet sieht – und dies auch noch von einer älteren Dame, die in keiner Weise verängstigt, sondern entschlossen ist, sie auch zu benutzen. Delphine tut der zitternde Junge leid, und sie bietet ihm einen Deal an: Wenn er sich bereit erklärt, ihr für eine gewisse Zeit bei der Haus- und Gartenarbeit zu helfen, wird sie von einer Anzeige absehen. Karim stimmt widerwillig zu, aber er hat auch keine andere Wahl. Der Kleinkriminelle algerischer Abstammung hatte schon mehrfach Ärger mit der Polizei, was seine alleinerziehende Mutter schier zur Verzweiflung treibt.

Ein mysteriöser Todesfall

Nach dieser unerwarteten Aufregung kehrt wieder Ruhe in Delphines beschaulichen Alltag ein. Sie freut sich ganz besonders auf ihre allwöchentlichen Treffen mit ihrer besten Freundin Aurélie de Montvignon im mondänen Belle Époque Hôtel Atlantique. Beim gemeinsamen Tee und köstlichen Petits Fours tauschen sich die vermögende Witwe Aurélie, die in einem märchenhaften, über der Steilküste thronenden Anwesen residiert, und Single Delphine über alles und jeden aus. Als Aurélie eines Nachmittags nicht, wie üblich, zur vereinbarten Uhrzeit erscheint, ist Delphine sofort beunruhigt, denn ihre Freundin, die sich für ihr gemeinsames Treffen stets ein Zimmer im Hotel anmietet, ist gewöhnlich überpünktlich. Als sie draußen einen Menschenauflauf sieht, weiß sie, dass etwas Furchtbares passiert ist. Nach einem Sturz vom Balkon ihrer Suite liegt Aurélie tot im Innenhof des Hotels. Man vermutet einen tragischen Unfall oder gar Suizid, doch Delphine will von alledem nichts hören: Aurélie war weder gebrechlich noch selbstmordgefährdet, somit machen beide Theorien in ihren Augen keinen Sinn.

Auf eigene Faust

Der mit dem Fall beauftragte Kommissar Lucien Benazet, den Delphine bereits seit langem kennt, vertraut dem Instinkt der Ex-Kommissarin, doch ihm sind die Hände gebunden, denn die Obduktion ergibt nichts, woraus man schließen könnte, dass Aurélie Gewalt angetan wurde. Aber Delphine, die noch immer unter Schock steht, will sich damit nicht zufriedengeben und beschließt, auf eigene Faust zu ermitteln. Bei ihren Recherchen ist ihr Karim, der ihr mittlerweile sehr ans Herz gewachsen ist, eine große Hilfe. Der Halbwüchsige, der über eine exzellente Beobachtungsgabe verfügt, liefert einen wichtigen Hinweis, dessen Tragweite er sich zunächst gar nicht bewusst ist. Doch auch hier führt die Spur – so scheint es zunächst – ins Nichts.

Delphine ermittelt schließlich im nahen Umfeld von Aurélie und stößt hier gleich auf mehrere Personen, die ihr undurchsichtig erscheinen: Der mysteriöse, äußerst schweigsame Richard Lebrun, ein enger Freund der Famile, der in Aurélies Villa wohnt und dessen enge Verbindung zu ihr aus seiner tragisch-dunklen Vergangenheit nach Ende des 2. Weltkriegs resultiert, sowie Damien de Montvignon, Aurélies verhasster Neffe, ein abgezockter Banker, der mit seiner luxusverwöhnten Frau Antoinette nach Aurélies Tod auf eine große Erbschaft hofft.

Sie alle geraten ins Visier von Delphines Ermittlungen, die auch dank Karim immer ein Stück weiter vorangehen. Sie ahnt jedoch nicht im geringsten, in welcher Gefahr sie – und Karim – schweben, denn der wahre Täter, der glaubt, das perfekte Verbrechen begangen zu haben, will um jeden Preis verhindern, dass Delphine ihn entlarvt und schreckt dabei vor nichts zurück, um sein tödliches Geheimnis zu bewahren…

Facettenreicher Roman mit ungewöhnlichem Ermittlerduo

Mit Hôtel Atlantique ist Valerie Jakob ein absolut überzeugendes literarisches Erstlingswerk gelungen, das Lust auf mehr macht. Der mysteriöse Kriminalfall, mit dessen Auflösung man am Ende in keiner Weise rechnet, ist klug erdacht und wird gekonnt in geschichtliche und gesellschaftspolitische Szenarien eingebettet. Insbesondere der geschichtliche Teil, der in die deutsch-französische Vergangenheit zurückführt und Fakten und Wahrheiten offenbart, die mir in diesem grausamen Ausmaß nicht bekannt waren, hat mich sehr schockiert und bewegt. Die Autorin hat äußerst detailliert recherchiert, wie man ihrer anschließenden Danksagung entnehmen kann. Das hier von Jakob aufgeführte, 2004 im Piper Verlag erschienene Buch Kinder der Schande werde ich demnächst vor diesem Hintergrund lesen.

Darüber hinaus hat Jakob mit der eigenwilligen Ex-Kommissarin Delphine Gueron und dem aufgeweckten Karim ein eigentümliches, aber sehr bemerkenswertes Ermittlerduo erschaffen, das in keiner Weise klischeehaft ist. Ihre Kommissarin ist – zum Glück – keine Powerfrau im Laura Croft Stil, sondern gehört zur alten Garde ihrer Profession – jedoch keinesfalls zum alten Eisen. Sie muss sich nichts mehr beweisen, keine strikten Polizei-Regeln befolgen und kann sich bei ihren persönlichen Recherchen ganz auf ihren Instinkt verlassen, der sie nur selten trügt.

Mit der Figur des kleinkriminellen Franko-Algeriers Karim und seinem spannungsgeladenen Umfeld rückt sie ein sozialpolitisches Pulverfass Frankreichs in den Vordergrund, das nicht zu unterschätzen ist. Karims Probleme, als Sohn eines Algeriers nicht auf die schiefe Bahn zu geraten und seinen Platz in der französischen Gesellschaft zu finden, zeigen deutlich, wie brisant dieses Thema gerade auch angesichts der derzeitigen Lage in unserem Nachbarland ist.

Alles in allem ist der Roman eine äußerst beachtenswerte, spannende und berührende Mélange aus Krimi, geschichtlichem Hintergrund und Gesellschaftskritik – all dies vor der traumhaften Kulisse der französischen Atlantikküste, die ein ganz besonderes Flair hat. Daher mein Fazit: Sehr lesens- und empfehlenswert!

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wuli top 20, ch: niveau 2017

Nachts ist das Meer nur ein Geräusch

Andrew Miller
E-Buch Text: 368 Seiten
Erschienen bei Paul Zsolnay Verlag, 20.02.2017
ISBN 9783552058477
Genre: Romane

Rezension:

Sonderbar. Brillant geschrieben und doch seltsam befremdlich. Das war mein erster Eindruck nach Lektüre des neuen Romans von Andrew Miller Nachts ist das Meer nur ein Geräusch. Gleichwohl konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen – und das, obwohl die Protagonistin mehr als gewöhnungsbedürftig ist und sich mir fast bis zum Ende der Geschichte nicht erschlossen hat. Nichtsdestotrotz ertappte ich mich dabei, wie ich des Öfteren über diesen unnahbaren fiktiven Charakter nachdenken musste, zu dem ich – bis auf einen ganz kurzen Moment – keinen wirklichen Zugang finden konnte. Die weibliche Hauptfigur ist eine echte Herausforderung, der sich die Leser – wie auch die weiteren Protagonisten des Romans – stellen müssen, auch wenn es beinahe unmöglich ist. Ihr verzweifelter Kampf mit sich selbst verlangt auch uns einiges ab: Ob sie ihn für sich gewinnen kann und will, bleibt am Ende einzig und allein ihre Entscheidung.

Sturz ins Leben

Als die junge eigenbrötlerische Naturwissenschaftlerin Maud Stamp vom Deck eines aufgebockten Segelbootes sieben Meter in die Tiefe stürzt, rechnet Tim Rathbone, Student aus gutem Hause und – wie sie – Mitglied des Uni-Segelclubs, mit dem schlimmsten. Regungslos liegt sie auf den harten Ziegelsteinen, nur um kurz danach zur Überraschung aller wieder aufzustehen. Doch nach einigen Schritten kollabiert sie erneut. Der unter Schock stehende Tim kann nicht fassen, was er da sieht. Er begleitet Maud ins Krankenhaus und ist beeindruckt von ihrem unbändigen Überlebenswillen. Er kümmert sich um die verschlossene, distanzierte Forscherin, die seine Fürsorge – wenn auch teilnahmslos – annimmt. Sie beginnen eine Affäre, die nur seitens Tim von Zuneigung und Leidenschaft erfüllt ist. Als die beiden beschließen zusammenzuziehen, hegt Tim für einen kurzen Moment Zweifel an seiner Entscheidung: Mauds Gefühlskälte und ihre Art, die Liebesbeziehung der beiden und insbesondere ihre gemeinsamen Nächte als Pflichtveranstaltung anzusehen, machen ihm zu schaffen. Doch er ist zuversichtlich, dass Maud schon aus sich herausgehen wird, wenn sie erst einmal ein gemeinsames Zuhause haben.

Eine komische Nudel

Doch Maud bleibt Maud. Als Tim sie seinen Eltern vorstellt, sind diese nicht begeistert. Das überrascht ihn in keiner Weise, denn ihm ist bewusst, wie merkwürdig Maud mit ihrer verschrobenen, gleichgültigen Art auf ihre Umgebung wirkt. Während sein Bruder Magnus sie als komische Nudel bezeichnet, tituliert sie eine Freundin der Familie sogar als Bruja, Hexe. Einen ähnlichen Eindruck vermittelt Maud auch bei der Jobsuche: Man hält sie für arrogant und nicht teamfähig. Sogar von autistischen Zügen ist die Rede. Trotzdem gelingt es ihr, eine gut bezahlte Anstellung bei Fenniman Laboratories zu erhalten, die von nun an ihr ganzer Lebensinhalt wird. Während Tim den Hausmann gibt und krampfhaft versucht, sein Hobby, das Gitarrespielen, zum Beruf zu machen, geht Maud ganz in ihrer Forschung auf. Das ändert sich auch nicht, als sie erfährt, dass sie schwanger ist. Sie macht mit ihrem Leben weiter wie bisher und kann Tims Enthusiasmus nicht teilen.

Der schlimmste Verlust

Als Tochter Zoe geboren wird, könnte Tim nicht glücklicher sein. Er vergöttert die Kleine und ist ein Bilderbuchvater. Maud hingegen kann keine echten Muttergefühle entwickeln. Sie nimmt schnellstmöglich wieder ihre Arbeit auf und überlässt Tim Zoes Erziehung. Als Zoe eingeschult wird, kommt es zum ersten handfesten Streit der beiden: Maud sieht nicht ein, warum sie dabei sein soll, Tim wirft ihr vor, nicht im geringsten an ihrer Tochter interessiert zu sein. Maud lenkt ein, doch ihre Beziehung bekommt erste Risse. Tim beginnt eine Affäre mit der verheirateten Bella, weil er Mauds Lieblosigkeit nicht länger ertragen kann. Doch dann passiert etwas Furchtbares: Als ein betrunkener Busfahrer Tims Auto mit Zoe an Bord frontal rammt, kommt die Kleine ums Leben, Tim überlebt schwerverletzt. Er zerbricht fast am Tod seiner Tochter, während Maud so weitermacht wie bisher. Tim hat endgültig genug und verlässt sie. Maud nimmt das Scheitern ihrer Beziehung teilnahmslos hin und geht wieder zur Arbeit. Ihre Kollegen sind schockiert und auch ihr Chef ist fassungslos: Er besteht darauf, dass sie zu Hause bleibt und gewährt ihr einen längeren Urlaub.

Ein einsamer Kampf

Zuhause weiß Maud nichts mit sich anzufangen. Sie fühlt sich seltsam fremd und heimatlos in ihrer gewohnten Umgebung. Es zieht sie ans Meer und zu ihrem Segelboot Lodestar. Ihre schleichende Entwurzelung wird ihr schmerzlich bewusst, und sie beschließt, ohne Begleitung von England über den Atlantik zu segeln, obwohl sie nicht viel Erfahrung hat. Sie ahnt nicht, dass der Kampf, der sie auf dem Meer – allein mit den Elementen – erwartet, über ihre Kräfte gehen und ihr alles abverlangen wird. Doch noch härter als die Konfrontation mit der unbezähmbaren Naturgewalt des Ozeans ist ihre schonungslose Begegnung mit dem eigenen Ich, der sie sich nicht entziehen kann und die sie fast den Verstand verlieren lässt. Als ein schwerer Sturm aufkommt, zeigt sich noch einmal ihr fast übermenschlicher Überlebenswille, aber reicht er aus, um sie erneut ins Leben zurück zu manövrieren?

Außergewöhnlicher Roman über das Schicksal einer unnahbaren Einzelgängerin

Diese einzigartige Geschichte hat mich trotz der merkwürdig lethargischen Protagonistin in ihren Bann gezogen. Ich wollte Maud so gerne verstehen, doch gelungen ist es mir nicht. Als sie ganz am Ende für einen flüchtigen Moment ihr Innerstes offenbart, schwankt man zwischen Mitleid und Gleichgültigkeit. Ihre Erkenntnis kommt viel zu spät, um auf der Gefühlsebene noch etwas retten zu können. Eine Erklärung für ihr sonderbares Verhalten erhalten wir nicht – es ist an uns, sie zu dechiffrieren. Zu gerne stellen wir uns als Leser dabei auf die Seite von Mauds Kontrahenten – Tim, Tims Eltern, seine Freunde -, weil es so viel leichter ist, als auch nur den Versuch zu machen, sie zu verstehen.

Hier zeigt sich für mich auch die einmalige schriftstellerische Leistung von Andrew Miller, der nicht nur eine bemerkenswerte Geschichte erdacht, sondern mit Maud auch eine Figur geschaffen hat, die es in ihrer Singularität sicherlich in der Literatur in dieser Form nicht oft gibt. Sie ist eine Provokation und ein Ärgernis. Aber warum eigentlich? Weil sie nicht unserer Vorstellung einer Frau und Mutter entspricht? Weil sie sich traut, sie selbst zu sein, obwohl sie weiß, wie bizarr man sie findet? Oder weil sie nicht die typische Trauerreaktion zeigt, die man beim Verlust eines Kindes von ihr erwartet? Am Ende des Romans musste ich mir eingestehen, dass es genau diese Dinge waren, die auch mich irritierten. Und ich habe den Spieß herumgedreht und mich gefragt, warum Tim sich nicht mal ansatzweise die Mühe gemacht hat, das Gespräch mit Maud zu suchen, um sie mit ihrem Verhalten zu konfrontieren. Die Antwort darauf ist simpel: Es ist leichter, wütend zu sein, viel leichter, eine Affäre zu beginnen, als einem Problem auf den Grund zu gehen.

Nachts ist das Meer nur ein Geräusch ist nicht nur ein ganz besonderer Roman über Liebe, Verlust, Einsamkeit und Trauer. Schonungslos hält er auch einer Gesellschaft den Spiegel vor, die alles und jeden ausgrenzt, der anders ist und nicht ins Schema passt. Millers Buch regt auf ganz besondere Weise zur Selbstreflexion an, daher mein Fazit: Ein brillanter Roman und ein absolutes Must Read!

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5 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

krankheit, malerei, liebe, südamerika, biographie

Frida

Slavenka Drakulic , Katharina Wolf-Grießhaber
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 29.06.2007
ISBN 9783552054080
Genre: Romane

Rezension:

Nachdem mich Slavenka Drakulićs Roman Dora und der Minotaurus, der im letzten Jahr erschienen ist, begeistert hat, habe ich mir ihre früheren Werke angeschaut und bin hier auf ein wahres Buchjuwel gestoßen. In Frida erzählt die kroatische Autorin die Lebens- und Leidensgeschichte der mexikanischen Malerin Frida Kahlo de Rivera auf eindrucksvolle und berührende Weise. Es ist ein steiniger, sehr beschwerlicher Weg, geprägt von großem Schmerz, aber auch von großer Liebe, auf dem wir die surrealistische Künstlerin bis zu ihrem viel zu frühen Ende begleiten. Gleich zu Beginn der aus Fridas Perspektive erzählten biografischen Rückblende naht das Ende. Nach einer Beinamputation ans Bett gefesselt und auf der Schwelle des Todes lässt die 47-jährige Protagonistin ihr Leben Revue passieren. Was sie erdulden musste, ist mehr als ein Mensch ertragen kann – und doch entspringt aus dem allgegenwärtigen Schmerz eine Kreativität, die ihresgleichen sucht und ihr Ausnahmetalent in einem von Männern dominierten Metier illuminiert.

Lieblingskind mit Überlebenswillen

Mit ihren vier Schwestern wächst Frida als Tochter eines Fotografen recht behütet auf. Sie ist das Lieblingskind ihres Vaters, denn sie hat scheinbar schon im Kindesalter seinen Schöpfergeist geerbt und begleitet ihn gerne auf seinen Fototouren. Doch dann schlägt das Schicksal zum ersten Mal mit aller Härte zu: Mit sechs Jahren erkrankt sie an Kinderlähmung, ein grausames Schicksal für die quirlige Frida, doch sie kämpft und überlebt – nicht zuletzt dank einer imaginären Freundin, die sie in ihren einsamen Stunden ihrer Fantasie entspringen lässt und die sie bis zu ihrer Genesung begleitet. Doch ihr Leben ist danach nicht mehr dasselbe: Ihr Bein wird extrem dünn und bleibt verkürzt, so dass sie ihr Leben lang hinken wird. Tapfer versucht sie, mit dem Spott der Kinder zurechtzukommen, die ihr Hinkebein hinterherrufen und sich bei jeder Gelegenheit über sie lustig machen.

Ein folgenschwerer Unfall

Aber Frida beißt sich durch und ihr Leben verläuft wieder in normalen Bahnen. Als einzige ihrer Schwestern besucht sie die weiterführende Schule – eine Tatsache, die ihren Vater sehr stolz macht. Ihre Mutter, eine Analphabetin, kann dies jedoch in keiner Weise nachvollziehen, denn in ihren Augen hat Bildung für Mädchen keinen Wert. Die 18-jährige Frida geht indes unbeirrt ihren Weg und genießt das unbeschwerte Zusammensein mit ihrem ersten Freund Alex, bis das Schicksal ein weiteres Mal zuschlägt: Bei einem tragischen Busunfall bohrt sich eine Metallstange durch ihren Körper und verursacht schwerste Verletzungen, die sie ein Jahr lang in einem Gipskorsett ans Bett fesseln. Frida ist am Boden zerstört, sie kann nicht fassen, dass es sie ein weiteres Mal getroffen hat.

Ein neuer Lebenssinn

Während ihr Vater in Depressionen verfällt, weil er sein Lieblingsmädchen nicht leiden sehen kann, versucht ihre Mutter, sie abzulenken. Sie schenkt ihr eine Sitzstaffelei, Pinsel und Farben, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Und es funktioniert: Frida beginnt zu malen und katalysiert ihre ständigen Schmerzen in ihre Schaffenskraft. Aus dem anfänglichen Hobby wird eine Leidenschaft, eine Obsession, die sie am Leben hält. Dass sie als Künstlerin ein einzigartiges Talent besitzt, erkennt auch der berühmte mexikanische Maler Diego de Rivera, den Frida auf einer Veranstaltung kennenlernt. Der 20 Jahre ältere Frauenheld und Bonvivant ist jedoch nicht nur von Fridas Werken begeistert, und so kommt es, wie es kommen muss: Die beiden beginnen eine Affäre, die schließlich in einer Ehe mündet. Frida liebt Diego und vertraut ihm bedingungslos – er ist der einzige, der mit ihren körperlichen Unzulänglichkeiten umgehen kann und vor dem sie sich nicht schämt.

Liebe und Desillusion

Doch schon bald nach ihrer Heirat muss sie zu ihrer großen Enttäuschung erkennen, dass er nicht für die Monogamie gemacht ist. Er betrügt sie nach Strich und Faden mit vielen schönen Frauen, die ihm Modell sitzen und prahlt auch noch damit. Frida macht ihm Szenen, doch am Ende verzeiht sie ihm doch immer wieder. Ihr immer geringer werdendes Selbstbewusstsein und ihr wahres gedemütigtes Ich versteckt sie hinter einer extravaganten Fassade aus exotischer Kleidung und auffallender Schminke. Ihre Malerei vernachlässigt sie gänzlich, ihr Talent redet sie sich selbst als unbedeutendes Hobby klein. Als ihr auch noch das Mutterglück versagt bleibt, zerfällt ihr Leben in Scherben. Doch aus Angst vor der Einsamkeit erträgt sie diese Ehe, die schon längst keine mehr ist und verbündet sich sogar mit Diegos Geliebten, um ihn nicht zu verlieren.

Kapitulation

Als Frida jedoch herausfindet, dass ihre Lieblingsschwester Cristina sie ebenfalls mit ihrem Mann hintergeht, hat sie endgültig genug – diesen Verrat kann und will sie nicht akzeptieren. Sie verlässt ihn, nimmt sich Liebhaber und beginnt zu trinken. Aber die Malerei rettet sie ein zweites Mal: Sie wagt einen erneuten Karriereanlauf und hat großen Erfolg, der ihr jedoch nicht viel bedeutet. Abermals führt sie ihr Weg zurück zu Diego, der scheinbar ebenso auf sie angewiesen ist wie sie auf ihn. Sie gibt sich mit einem oberflächlichen Traum von Liebe zufrieden, obwohl sie weiß, dass sie mehr verdient. Als ihr durch den Unfall bedingter körperlicher Verfall immer weiter voranschreitet, ist sie verzweifelt, doch aufgeben liegt nicht in ihrer Natur. Erst eine Beinamputation zwingt sie zur Kapitulation und zu dem, was ihr am meisten widerstrebt – loszulassen…

In Fridas Kopf: Brillanter Roman über das Leben einer Ausnahmekünstlerin

Mit Frida ist Slavenka Drakulić eine brillant erdachte Introspektion einer singulären Malerin gelungen, die unter die Haut geht. Gekonnt vermittelt uns die Autorin die Illusion, in Fridas Gedankenwelt einzutauchen und gewährt so einen aufschlussreichen Einblick in das Seelenleben der tormentierten Künstlerin, die schon zu Lebzeiten Legendenstatus hatte. In Fridas Lebensgeschichte hat Drakulić immer wieder Kurzbeschreibungen ihrer berühmtesten Bilder mit einfließen lassen, die sie in bestimmten Lebensphasen gemalt hat. Dies hat mir besonders gut gefallen, denn man erhält somit eine entschlüsselte Sichtweise auf ihre Werke, insbesondere auf ihre Selbstporträts.

Drakulićs exzellent recherchierter Roman, ihre ganz spezielle Mischung aus Facts & Fiction und ihr einzigartiger Schreibstil bringen uns auf sehr einfühlsame, ausdrucksvolle und beseelte Weise eine großartige Malerin näher, die ihrem Schmerz in ihrer Kunst Ausdruck verlieh und ihre Kreativität zum Katalysator stilisierte. Ihr unbändiger Überlebenswille, ihr selbst gewählter (Aus-)Weg, sich in all ihrer Unzulänglichkeit als exotisches Individuum neu zu erfinden, mag man als Flucht vor der Realität betrachten, aber es gehörte zweifellos unendlich viel Mut dazu, sich in ihrer Situation zu exponieren. Und an Courage hat es der bewundernswerten Malerin nie gefehlt – ein Motor, der sie – ebenso wie ihr künstlerischer Ausdruckswille –  antrieb und ihre Werke gleichsam zu Überlebenskunst machen.

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170 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 73 Rezensionen

alter, liebe, tod, frankreich, liebe im alter

Und jetzt lass uns tanzen

Karine Lambert , Pauline Kurbasik
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Diana, 06.03.2017
ISBN 9783453291911
Genre: Liebesromane

Rezension:

Die Liebe trifft uns immer dann, wenn wir es am wenigsten erwarten. Zu banal? Gleichwohl absolut zutreffend auf Marguerite und Marcel, die Protagonisten des wunderbaren Romans von Karine Lambert Und jetzt lass uns tanzen, denn die beiden einsamen Seelen trifft Amors Pfeil aus heiterem Himmel – und das, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Die 78-jährige Marguerite Delorme, wohlhabende Notarswitwe, ist der Inbegriff der fügsamen Ehefrau und Mutter. Ihre arrangierte, lieb- und leidenschaftslose Ehe mit dem angesehenen Notar Henri, die nach 55 pflichtbewussten Jahren durch seinen plötzlichen Tod ein jähes Ende findet, ist nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Sie, die sich nie als Individuum wahrnahm und stets die Bedürfnisse und Interessen ihres Mannes und ihres Sohnes Frédéric über ihre eigenen stellte, weiß nun nichts mit sich anzufangen. Henri, der immer alle Entscheidungen traf und ihr Leben bis ins kleinste Detail durchplante, lebt nicht mehr und nun ist es an ihr, aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwachen. Doch das ist gar nicht so einfach, denn ihre Einsamkeit macht ihr schwer zu schaffen – einzig ihr aufgeweckter Enkel Ludovic vermag es, etwas Licht in ihren grauen Alltag zu bringen.

Plötzlich Witwe

Sohn Frédéric, der an Spießigkeit und Borniertheit selbst seinen verstorbenen Vater noch übertrifft, übernimmt nun dessen Rolle und versucht, über das Leben seiner immer fragiler werdenden Mutter zu bestimmen. Doch Marguerite hat genug davon, sich unterdrücken und vorschreiben zu lassen. wie ihr Leben zu verlaufen hat. Da kommt der Vorschlag ihres Arztes, sich doch mal eine Thermalkur in dem kleinen Pyrenäenort Bagnères de Bigorre zu gönnen, gerade recht. Obwohl sie anfangs noch recht unsicher ist und sich vor dem Alleinreisen fürchtet, gewinnt sie schnell an Selbstvertrauen. Sie genießt ihren Aufenthalt und die Anwendungen in der erlesenen Kurklinik und nimmt sich und ihren Körper zum ersten Mal richtig wahr, obwohl sie mit ihrem Alter hadert. Sie blüht auf und fühlt sich ganz sie selbst.

Zurück ins Leben?

Dies trifft jedoch in keiner Weise auf den 73-jährigen Algerienfranzosen Marcel Guedj zu, dessen Tochter Manou ihm diese Kur förmlich aufzwingen musste. Durch einen Schwimmunfall hatte er seine Frau Nora nach 50 liebevollen Ehejahren auf tragische Weise verloren und findet seitdem nicht mehr ins Leben zurück. Der ehemalige Tierpfleger, dessen bester Freund Nashorn Hector ist, fühlt sich in der Klinik mehr als fehl am Platz. Die ganzen alten Leute, zu denen er sich nicht zählt. und die wohltuenden Anwendungen sind ihm zuwider, das gesunde Essen ist dem Schokoladenfan ein Graus. Der freiheitsliebende Naturfreund hasst es, sich nach der Uhr zu richten und macht lieber lange Spaziergänge als in einer solchen Institution eingesperrt zu sein.

Mektoub

Als er eines Tages auf Marguerite trifft, ändert sich alles. Obwohl der temperamentvolle, offene Marcel und die scheue, introvertierte Marguerite auf den ersten Blick nichts gemein haben, fühlen sie sich auf unerklärliche Weise zueinander hingezogen. Es entwickelt sich eine innige Liebesbeziehung zwischen den beiden, die sie völlig überrascht und ihnen eine ganz neue Welt eröffnet. Marcel lässt Marguerite sein, wie sie all die Jahre nicht sein durfte. Sie machen Ausflüge und tanzen zusammen nach Marcels geliebter Chaâbi-Musik und Marguerites Line Renauds Chansons. Sie lassen es sich gut gehen, reisen nach Paris und sind dankbar für die zweite Chance, die das Schicksal (Mektoub in Marcels Heimatsprache) ihnen gewährt hat.

Die zweite große Liebe

Während Marcels Tochter Manou sich für ihren Vater und sein neues Glück freut, ist Marguerites Sohn Frédéric außer sich. Er zweifelt am Geisteszustand seiner Mutter und beabsichtigt, sie ihn ein Heim zu stecken. Als Marguerite einen kleinen Haushaltsunfall hat, sieht sich Frédéric im Recht und lässt seine Mutter einweisen. Wider Erwarten fügt sich Marguerite ihrem Schicksal – sie ist noch geschwächt und fühlt sich außerstande, einen Versuch zur Gegenwehr zu starten. Doch sie hat nicht mit Marcel gerechnet, der alles daran setzt, um die zweite große Liebe seines Lebens zurückzuholen…

Ein wunderschöner Roman über eine späte Amour Tendre

Dieser zauberhafte Roman ist das beste Mittel gegen Angst vor dem Alter. Er beschwingt, stimmt glücklich, amüsiert mit subtiler Situationskomik und hält uns vor Augen, wie das Leben trotz zunehmender altersbedingter Unpässlichkeiten durch eine neue, innige und zärtliche Liebe nochmals auf den Kopf gestellt werden kann. Denn die größten Geschenke des Alters sind die Freiheit und die Liebe: Die Freiheit, so zu sein, wie man ist, ohne sich verstellen zu müssen und sich darum zu scheren, was die Leute sagen. Die Liebe, weil sie die Einsamkeit durchbricht und die Seele strahlen lässt.

Die Geschichte um Marguerite und Marcel ist deshalb so berührend, weil sie von großer Einfühlungsgabe, bewegender Emotionalität und von profundem menschlichem Verständnis zeugt. Als Leser durchleben wir zunächst die dunklen, einsamen Stunden mit den Protagonisten, in denen sie in ihrem Alleinsein nichts mehr vom Leben erwarten. Umso schöner ist es dann, sie angesichts ihres neu gefundenen Glücks plötzlich aufblühen zu sehen. Gerne begleiten wir die liebgewonnenen Senioren ein Stück auf ihrem Weg und hoffen mit ihnen, dass sie diese späte Liebe noch lange genießen werden.

Mein Fazit: Einer der außergewöhnlichsten Romane dieses Jahres! Unbedingt lesenswert!

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52 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

ehe, schriftsteller, familie, schreiben, englisch

Eine englische Ehe

Claire Fuller , Susanne Höbel
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.03.2017
ISBN 9783492057912
Genre: Romane

Rezension:

Was würde passieren, wenn wir in ein Leben schlittern, das wir nie gewollt haben? Wenn wir unsere Freiheiten und Träume für eine Beziehung begraben, die in keiner Weise hält, was sie anfänglich versprochen hat. Fügen wir uns unserem Schicksal und erfüllen unsere Rolle oder brechen wir aus unserem selbst gewählten Gefängnis aus? Diesen existentiellen Fragen widmet sich die britische Autorin Claire Fuller in ihrem neuen Roman Eine englische Ehe auf eindrucksvolle Weise. Den Weg, den sie ihre Protagonistin Ingrid Torgensen beschreiten lässt, ist ein steiniger, ihrem Traum von einem selbstbestimmten Leben folgt ein bitteres Erwachen. Dabei sieht es für sie und ihre beste Freundin Louise zunächst so vielversprechend aus. Die beiden Literaturstudentinnen träumen von einer unabhängigen Existenz mit wechselnden Lovern, von einem unkonventionellen Job (am liebsten Schriftstellerin) und vielen Reisen in exotische Länder. Auf keinen Fall möchten sie so werden wie ihre Mütter, die für sie mit Heim und Herd der Inbegriff der Spießigkeit sind.

Verlorene Freiheit

Als sich Ingrid jedoch in den attraktiven, doppelt so alten Literaturprofessor Gil Coleman verliebt, gerät ihre Gefühlswelt ins Wanken und ihr beschworenes Lebensziel rückt in weite Ferne. Sie schlägt die eindringlichen Warnungen ihrer Freundin Louise in den Wind und lässt sich auf eine Affäre mit ihm ein. Als diese publik wird und Ingrid ein Kind erwartet, müssen beide wegen des Skandals die Uni verlassen – ein doppelter Schlag für Ingrid, die ihren Abschluss nicht mehr machen kann. Doch Gil bleibt positiv und will sich von nun an nur noch der Schriftstellerei widmen. Als ihre Tochter Nan auf die Welt kommt, beginnt für Ingrid ein Leben, das sie nie gewollt hat. So sehr sie sich auch bemüht, sie schafft es nicht, Muttergefühle zu entwickeln. Die Rolle der Ehefrau und Mutter erscheint ihr, der Freiheitsliebenden, seltsam fremd. Sie fühlt sich isoliert und allein in ihrem kleinen Haus an der englischen Küste – nur beim Schwimmen im Meer kann sie für eine kleine Weile sie selbst sein.

Verborgene Briefe

Als ihre zweite Tochter, Flora, auf die Welt kommt, wird die Situation für Ingrid immer unerträglicher. Das Geld ist knapp, denn Gils Durchbruch als Schriftsteller lässt auf sich warten. Ihr Mann betrügt sie mit anderen Frauen und ist in keiner Weise der Vater, den man sich für seine Kinder wünscht. Doch dann gelingt ihm endlich ein Bestseller – dank Ingrid – und ihre Geldsorgen lösen sich in Luft auf. Sein Buch Aus dem Liebesleben eines Mannes beschert ihm einen Skandalerfolg und er wird zum gern gesehenen Dauergast in Talkshows. Damit steigt auch die Anzahl seiner weiblichen, zumeist recht jungen Verehrerinnen, denen er fast nie widerstehen kann. Ingrid ist verzweifelt, doch sie scheut die direkte Konfrontation mit Gil. In den vielen Nächten, in denen sie nicht schlafen kann, schreibt sie ihm sehr persönliche Briefe, die alles Unaussprechliche beinhalten. Diese versteckt sie in den unterschiedlichsten Büchern in Gils großer Bibliothek.

Unheimliche Erscheinung 

Eines Tages verschwindet Ingrid spurlos. Gil und seine Kinder sind verzweifelt. Nach intensiver medienwirksamer Suche geht man von einem tragischen Schwimmunfall aus und stellt die Suche ein. Während Nan, die Pragmatische, versucht, die Situation als gegeben hinzunehmen und die Mutter zu ersetzen, kann Flora dieses traumatische Erlebnis nur schwer verkraften. Auch für Gil bricht eine Welt zusammen: Er macht sich schwere Vorwürfe, verkriecht sich in seinem Haus und schreibt kein weiteres Buch mehr. Doch dann – 12 Jahre später – geschieht etwas Seltsames: Aus dem Fenster einer Buchhandlung sieht Gil Ingrid die Straße entlanggehen. Er traut seinen Augen nicht und folgt ihr, doch ehe er sich versieht, ist sie wieder verschwunden. Als seine Kinder davon erfahren, sind sie besorgt: Während Nan am Geisteszustand ihres kranken Vaters zweifelt, ist Flora alarmiert. Sie hatte immer die leise Hoffnung, dass ihre Mutter noch am Leben ist und begibt sich auf Spurensuche, ohne zu ahnen, dass die wichtigsten Hinweise in der Bibliothek ihres Vaters versteckt sind…

Brillanter, lebenskluger Roman mit unerwartetem Ende

Claire Fullers Geschichte hat zweifellos Sogwirkung. Sie wird in zwei sich abwechselnden Handlungssträngen erzählt: Der erste Handlungsstrang spielt in der Gegenwart des Romans, eröffnet die Geschichte und setzt 12 Jahre nach dem Verschwinden von Ingrid an. Parallel hierzu präsentiert uns Fuller im zweiten Handlungsstrang Ingrids sehr persönliche Briefe und lässt uns in ihre Gedanken- und Gefühlswelt eintauchen, die sie stets vor ihrem Mann verborgen hielt. Diese schonungslosen Einblicke in das Seelenleben der Protagonistin, in ihre Träume, Wünsche und Hoffnungen, die sich alle nicht erfüllten, haben mich sehr berührt. Allerdings konnte ich nicht umhin, mich zu fragen, warum es einer derart freiheitsliebenden Frau nicht gelingt, sich ihrem Mann zu offenbaren bzw. eine Konfrontation mit ihm zu suchen. Natürlich ist Coleman ein Womanizer, ein charmanter, manipulativer Mann, dem sie schon aufgrund ihres jungen Alters und ihrer mangelnden Erfahrung nicht gewachsen ist. Andererseits sind seine zahlreichen Affären Grund genug, um eine Beziehung zu beenden, die nie wirklich funktioniert hat.

Die Entscheidung, die Ingrid am Ende trifft und die sich – zu meiner großen Überraschung – am Ende ganz ohne viel Pathos offenbart, bleibt trotz alledem mysteriöser Natur. An dieser Stelle möchte ich aber nicht mehr verraten. Festzuhalten bleibt, dass mich dieser wirklich brillante Roman sehr nachdenklich gestimmt hat, denn die Geschichte der Protagonistin ist erschreckend realitätsnah. Ihre Briefe gehen zu Herzen, rütteln auf und machen doch oft sprachlos und wütend angesichts ihrer Nachgiebigkeit und Unentschlossenheit. Obwohl ihr Dilemma nur allzu menschlich ist, da sie anfänglich aufgrund ihres Alters noch über keine ausreichende Menschenkenntnis und Weitsicht verfügen kann, fällt es im weiteren Verlauf des Romans immer schwerer, sie zu verstehen. Und dann ist sie auch schon verschwunden. Doch ganz zum Schluss eröffnet sich uns etwas, das wir klammheimlich gehofft haben und trotz alledem kaum glauben können. Aber lest selbst! Das Buch wird euch begeistern. Mein Fazit: Ein großartiger Roman, der noch lange im Gedächtnis bleibt.

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15 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

kleinstadtgeschichten, sucht, alkohl, humor

Das Haus der Hildy Good

Ann Leary , Sabine Thiele
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Droemer Taschenbuch, 01.03.2017
ISBN 9783426305706
Genre: Romane

Rezension:

Die Romane von Ann Leary haben ihren ganz eigenen Charme. Sie sprühen vor Ironie, sind witzig und sehr unterhaltsam, obwohl sie oftmals tragisch-dramatische Züge tragen. Gleiches gilt auch für ihr Buch Das Haus der Hildy Good, das gerade erschienen ist und mich wirklich begeistert hat. Dies liegt nicht nur an der ausgefallenen Story, die in der kleinen, idyllischen Küstenstadt Wendover (Massachusetts) spielt, sondern vor allem an der ungewöhnlichen Protagonistin Hilda, genannt Hildy, Good, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird. Die 60-jährige (Anti-)Heldin ist d i e Top-Immobilienmaklerin der Stadt und ein renommiertes Mitglied der kleinen Community. Sie ist eine Nachfahrin von Sarah Good, die in den bizarren Salem-Prozessen als Hexe verurteilt und hingerichtet wurde. Wendovers Einwohner sind überzeugt, dass auch Hildy übersinnliche Fähigkeiten besitzt, doch sie hält dies für Unfug. Hildy hat einfach ein untrügliches Gespür für Menschen – und Häuser. Sie kann nach Besichtigung eines Hauses meistens genau sagen, wie der Mensch gestrickt ist, der es bewohnt und liegt fast immer richtig.

Erfolgreiche Immobilienmaklerin mit dunklem Geheimnis

Doch Hildy hat ein Problem, das sie selbst nach einem Unfall, den sie verursachte, nicht als solches erkennt. Sie trinkt in mehr als ungesundem Maße, so dass sich ihre Töchter Tess und Emily gezwungen sahen, sie zwecks Entziehungskur einweisen zu lassen. Nun ist Hildy zurück – von ihrer Alkoholsucht geheilt, wie alle hoffen -, doch sie denkt gar nicht daran, sich ihr Leben vorschreiben zu lassen. Die Sorgen ihrer Töchter, die sie für maßlos übertrieben hält, prallen an ihr ab. Um den Schein zu wahren, macht sie gute Miene zum bösen Spiel: Auf allen Parties und offiziellen Anlässen trinkt sie stets nur Wasser, daheim in ihrem Keller jedoch genießt sie ein paar Gläschen (oder besser Flaschen) Wein, geht nackt im Mondschein baden und fühlt sich lebendig und frei. Dass ihre Blackouts sich häufen und sie sich immer öfter an nichts mehr erinnern kann, beunruhigt sie nicht.

Auch wenn sie es sich nicht eingestehen kann, sieht es hinter ihrer Fassade der erfolgreichen Maklerin ganz anders aus. Ihre Geschäfte laufen seit der Konkurrenz von Sotheby’s nicht mehr so gut wie zu ihren Glanztagen: Sie muss sich jede Immobilie hart erkämpfen, obwohl sie zu den Top Playern zählt. Nach der Trennung von ihrem Mann Scott lebt sie allein in ihrem Haus und kämpft gegen die erdrückende Einsamkeit und die Erinnerungen an ein traumatisches Erlebnis, den tragischen Tod ihrer Mutter, die sie immer wieder heimsuchen. Da hilft auch die Zuneigung und Freundschaft ihres ehemaligen Lovers, Frank Getchell, nicht, der Hildy immer noch liebt. Er weiß, wie es wirklich um sie steht und tut alles, um sie zu beschützen.

Eine neue Freundin?

Als Rebecca, die Frau eines schwerreichen Hedgefonds-Begründers, mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen ein wunderschönes Anwesen in Wendover bezieht, ist Hildy positiv überrascht, denn Rebecca unterscheidet sich wohltuend von den geschwätzigen Community-Mitgliedern. Sie ist ernst, verschlossen und zurückhaltend und hat so gar nichts gemein mit den überkandidelten Ladys, die Hildy kennt. Die beiden haben sofort einen Draht zueinander, und es dauert nicht lange, bis sie sich regelmäßig in Hildys Haus treffen, Wein zusammen trinken und sich austauschen. Hildy fühlt sich wohl in Rebeccas Gesellschaft und hat nach langer Zeit wieder einmal das Gefühl, eine Freundin gefunden zu haben.

Fataler Blackout

Doch auch Hildys neue Bekannte hat ihre Geheimnisse. Mit wachsendem Unbehagen nimmt Hildy Notiz von Rebeccas übersteigerter Zuneigung zu ihrem – verheirateten – Psychiater, Peter Newbold, den Hildy schon sehr lange kennt und schätzt. Aber Hildy hält sich zurück, will sich nicht einmischen und widmet sich wieder ihrem scheinbar einzigen verlässlichen Freund, dem Alkohol. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse: Jake, der behinderte Junge der Dwights, verschwindet genau in der Nacht spurlos, als Hildy sich trotz mehrerer Drinks mal wieder hinters Steuer setzt. Als sie morgens zu sich kommt, ist ihr Auto verbeult und blutverschmiert. Sie erkennt – vielleicht zum ersten Mal – wie es um sie steht und kämpft mit aller Macht gegen die Abwärtsspirale, die nur sie allein durchbrechen kann…

Tragisch-komischer Roman mit einer ungewöhnlichen Protagonistin

Die dramatische Geschichte der Hildy Good erzählt Ann Leary aus der Ich-Perspektive ihrer außergewöhnlichen Protagonistin. Und Hildy ist überzeugend! Zunächst teilt man als Leser ihre Abwertung der Sorge ihrer Töchter, denn Tess und Emily sind nicht gerade als Sympathieträgerinnen angelegt. Doch schon bald stellt man fest, wie wenig verlässlich die unkonventionelle Antiheldin ist: Ihre für Alkoholiker typischen Diminuitive (ein oder zwei Gläschen), ihre Erinnerungslücken, ihre Widersprüche und ständigen Verharmlosungsversuche, wenn es um ihr Problem geht, das für sie keines ist, lassen den Leser ihre Sicht der Dinge hinterfragen. Er ist gezwungen, sich ein eigenes Bild zu machen, was sehr schwer fällt, denn so ganz wird man aus Hildy nicht schlau: Ihre Einsamkeit ist bedrückend, ihre Liebe zu Baby-Enkel Grady rührend, ihre Freundschaft zu Rebecca warmherzig, ihre Leidenschaft für Frank nach all den Jahren noch immer verzehrend, doch als ihre Alkoholexzesse, die zunächst so harmlos scheinen, eskalieren, überwiegen die Negativattribute.

Mit Das Haus der Hildy Good ist Ann Leary ist einzigartiger Roman gelungen, der nachdenklich stimmt, aber zugleich auch sehr komisch ist. Amüsiert betrachten wir die Kleinstadtbewohner aus Hildys Blickwinkel – insbesondere die gewöhnungsbedürftige Powerfrau Wendy ist oftmals ungewollt witzig. Auch Alt-Hippie Frank, Hildys Verflossener, der Reden nicht für wichtig hält und Geiz scheinbar erfunden hat, ist wunderbar kauzig. Doch Leary zieht ihre Figuren nie ins Lächerliche, sie zeichnet sie mit liebevoller Nachsicht. Die Figur der Rebecca ist allerdings sehr ambigue angelegt. Wie Hildy vertrauen wir ihr zunächst blind, nur um dann später entsetzt festzustellen, wie sie in Wirklichkeit ist. All diese Aspekte machen den Roman zu etwas ganz Besonderem, das in Erinnerung bleibt. Daher mein Fazit: Eine äußerst unterhaltsame Lektüre mit dramatischer Wendung – unbedingt lesenswert!

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44 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

selbstmord, bojangles, glück, debüt, musik

Warten auf Bojangles

Olivier Bourdeaut , Norma Cassau
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.03.2017
ISBN 9783492057820
Genre: Romane

Rezension:

Es gibt Geschichten, die treffen mitten ins Herz. Sie drehen die Welt auf den Kopf und lassen sie für eine kleine Weile stillstehen. Olivier Bourdeauts Debütroman Warten auf Bojangles fällt in diese Kategorie. Er beschwingt, macht glücklich und feiert das Leben und die Liebe. Und doch ist er zuweilen voller Traurigkeit und Melancholie – so wie das Lied Mr. Bojangles, wunderbar interpretiert von Nina Simone, das uns bis zum Ende der Erzählung begleitet. Im Fokus dieser aus zwei Perspektiven geschilderten tragisch-schönen Story steht die bedingungslose Liebe des Protagonisten Georges zu seiner Frau. Als er die extravagante Lady mit dem Federhut zum ersten Mal auf einer Party ekstatisch tanzen sieht, ist es um ihn geschehen. Er verfällt ihr hoffnungslos, obwohl eine innere Stimme ihm sagt, dass etwas mit ihr ganz und gar nicht stimmt.

Die Frau mit dem Federhut

Doch Georges, dessen Karriere stetig bergauf geht, hat genug von der tagtäglichen Monotonie und entscheidet sich für die Frau, die sein bis dato wohlgeordnetes Leben in ein bodenloses Chaos verwandelt. Er geht ganz auf sie ein und versucht, ihre psychische Instabilität und die damit einhergehenden Phasen zwischen Euphorie und Depression mit einem ausgelassenen, übersteigerten Lifestyle aufzufangen. Er nennt sie nie länger als zwei Tage beim gleichen Namen, feiert mit ihr und vielen Gästen opulente Parties, tanzt mit ihr zu der einzigen Platte, die sie liebt, Mr. Bojangles, mixt spritzige Cocktails und nimmt jede ihrer noch so wahnwitzigen Ideen auf.

Als ihr Sohn auf die Welt kommt, wird sie ruhiger, und Georges hofft, dass sich ihre psychischen Probleme dadurch vielleicht von selbst lösen. Doch weit gefehlt: Sie bindet den Kleinen in ihr exzentrisches Leben ein und lässt ihn an allen Events teilhaben. Als er seine Erlebnisse in der Schule erzählt, glaubt ihm niemand. Er wird zum Außenseiter, doch das macht ihm nichts, denn was sind schon die Witze seiner Schulkameraden gegen die tollen Einfälle seiner Maman? Aber auch der kleine Sohn, der seine Mutter bedingungslos liebt, entdeckt mit dem sicheren Instinkt eines Kindes, dass sie nicht so ist wie andere Mütter. Er nimmt ihre oftmals verstörenden Stimmungsschwankungen wahr und versucht, sie, wie sein Vater, vor sich und der Welt zu beschützen.

Gefährlicher Wahn

Als seine Eltern ihn nach wiederkehrenden Dissonanzen mit der Schulleitung schließlich aus der Schule nehmen, um ihn privat zu unterrichten, ist er glücklich, denn endlich können er und seine Eltern nach Spanien in ihr traumhaftes Domizil, das Wolkenschloss, fahren, wann immer sie wollen. Doch das Leben im Partytime-Modus und das innige Glück der drei ist nicht von Dauer: Vater und Sohn bemerken mit wachsender Sorge, wie ihre geliebte Frau und Mutter immer öfter außer Kontrolle gerät und in ihre eigene Welt versinkt. Darüber hinaus plagen sie finanzielle Probleme, denn Georges‘ sorgloses Geldausgeben fordert seinen Tribut. Doch noch bevor er eine Lösung finden kann, bringt sich seine Frau durch eine abstruse Aktion in höchste Lebensgefahr und setzt damit eine verhängnisvolle Abwärtsspirale in Gang, nach der nichts mehr so ist wie vorher…

Ein sehr berührender, warmherziger Roman über eine außergewöhnliche Liebe

Es gibt so viele Adjektive, um diesen wunderbaren Roman zu beschreiben – verrückt, amüsant, traurig, rührend, gefühlvoll, romantisch, skurril – jedes passt auf seine ganz eigene Weise. Olivier Bourdeaut beschreibt das durch die Krankheit der Mutter bedingte, täglich wechselnde Gefühlschaos einer in jeder Hinsicht unkonventionellen kleinen Familie sehr eindringlich und bewegend. Aus der Perspektive des Vaters Georges und seines kleinen Sohnes erhalten wir aufschlussreiche Einblicke in das Seelenleben der beiden, in dem Hoffnung und Verzweiflung nahe beieinander liegen. Während Georges tief im Inneren stets hofft, dass es seiner Frau bald bessergeht und alles tut, damit sie nicht völlig die Bodenhaftung verliert, erkennt er mit wachsender Besorgnis, wie sehr ihr Zustand seinem Sohn zu schaffen macht.

Die Kapitel, die Bourdeaut aus Sicht des Sohnes erzählt, gehen ganz besonders ans Herz. Der Kleine liebt seine Maman sehr und gibt sein Bestes, um sie glücklich zu sehen. Zunächst genießt er die lustigen Spiele, die tollen Partys und die täglichen Verrücktheiten mit seiner Mutter, die ihn vergöttert und wie einen Mini-Erwachsenen behandelt. Für ihn ist das Leben mit seinen Eltern ein einziges Abenteuer, bei dem er jeden Tag etwas Aufregendes erlebt (dies gilt im Übrigen auch für den Leser, der den dreien schmunzelnd und vergnügt durch ihren amüsanten Alltag folgt). Als die depressiven Phasen seiner Mutter jedoch überwiegen, ist er völlig überfordert. Er kann nicht verstehen, warum seine Maman plötzlich grundlos weint und tröstet sie so gut er kann. Die Szene, wo der Kleine seiner Mutter hilflos übers Gesicht streicht, als sie wieder einmal einen Zusammenbruch hat, ist mir sehr ans Herz gegangen.

Bourdeauts Roman hat mich zum Lachen und zum Weinen gebracht. Dies liegt vor allem an der einzigartigen Fähigkeit des Autors, den Menschen tief in die Seele zu schauen und ihre widersprüchlichen Gefühle in liebevolle Worte zu fassen. Warten auf Bojangles ist eine rührende Hymne an die Liebe, die das Leben in all seiner Tragik zu einem grandiosen Ereignis macht. Mein Fazit: D a s literarische Highlight des Jahres – unbedingt lesenswert!

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71 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 44 Rezensionen

bordeaux, krimi, aquitaine, frankreich, luc verlain

Retour

Alexander Oetker
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 17.03.2017
ISBN 9783455000092
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein spannender frankophiler Kriminalroman mit viel Lokalkolorit – packend, bewegend und spritzig zugleich? Debütautor Alexander Oetker zeigt, wie es geht und legt mit Retour ein erfolgversprechendes Erstlingswerk vor, dessen Protagonist alle Attribute eines Kultkommissars besitzt. Commissaire Luc Verlain, Bon Vivant und Ladies‘ Man, liebt seinen Job als Leiter der 2. Pariser Mordkommission und genießt sein Leben in der pulsierenden französischen Metropole in vollen Zügen. Er hat ein Faible für exquisites Essen, Schweizer Zigaretten, schnelle Autos und schöne Frauen, die er gerne des Öfteren wechselt, denn eine feste Beziehung kommt für den überzeugten Junggesellen nicht in Frage.

Sorgenvolle Rückkehr

Als sein Vater, ein Austernfischer, unheilbar an Krebs erkrankt, ist es vorbei mit Lucs locker-leichtem Lebensstil. Da er ihn in seinem fragilen Zustand nicht allein lassen möchte, bittet Luc um zeitweilige Versetzung in seine alte Heimat Bordeaux (Region Aquitaine), die er vor ca. 15 Jahren als junger Polizist verlassen hatte, weil sie ihm zu provinziell und spießig erschien und er in Paris Karriere machen wollte, was ihm dann auch gelang. Sein Weg zurück nach Hause erfüllt ihn mit Unbehagen: Der nahende Tod seines Vaters bestürzt ihn, alte Erinnerungen, die er nur zu gerne beiseite geschoben hatte, kommen wieder hoch. Aber kaum angekommen, fühlt er sich, als wäre es nie weg gewesen. Alles ist so vertraut – die Umgebung, das Meer, die Menschen, die ihn freudig begrüßen, sogar seine Lieblingsläden sind noch da: Jacques‘ kleine Boulangerie und sein Lieblingsrestaurant La Plage, wo Patron Gaston mit seiner deutschen Frau noch immer lokale Köstlichkeiten serviert.

Mord am Strand

Aber viel Zeit zur Wiedereingewöhnung bleibt Luc nicht. Sein alter und neuer Chef Preud’homme erwartet seinen ehemaligen Lieblingsschüler schon voller Vorfreude, um ihn seinem neuen Team vorzustellen: Commandante Anouk Filipetti, die Luc auf Anhieb sympathisch und sehr attraktiv findet, Brigadier Hugo Pannetier, ehemaliges Mitglied der Spezialpolizei und der Mann fürs Grobe und Commissaire Etxeberria, gleichgestellter Leiter der Abteilung. Alle heißen ihn herzlich willkommen, bis auf Etxeberria, der keinen Hehl daraus macht, wie wütend er darüber ist, dass man ihm Luc vor die Nase gesetzt hat. Er fühlt sich übergangen und steht seinem neuen Kollegen äußerst feindselig gegenüber.

Doch dann geschieht ein Mord in der beschaulichen Region, der alle Eitelkeiten in den Hintergrund rücken lässt. Am Morgen nach einem Fest findet man die 17-jährige Caroline Derval tot am Strand. Luc und seinem Team bietet sich ein Bild des Grauens: Das Mädchen wurde brutal erschlagen – alles deutet auf eine Tat im Affekt. Während Carolines Mutter und ihr Stiefbruder Thomas die Todesnachricht tief erschüttert aufnehmen, hat ihr Vater, ein gewalttätiger Rassist, sofort den Schuldigen parat: Carolines Ex-Freund, der vorbestrafte Algerier Hakim, der die Trennung nie verwinden konnte.

Hexenjagd

Commissaire Etxeberria springt nur zu gern auf diesen Zug auf und lässt Hakim ohne Rücksprache mit Luc verhaften, nachdem man Blut auf der Kleidung des Jungen gefunden hatte. Luc ist außer sich und geht in die offene Konfrontation mit seinem Kollegen. Dieser ist jedoch völlig uneinsichtig und informiert – unüberlegt und vorschnell – die Presse über Hakims Verhaftung. Damit bringt er eine Lawine ins Rollen, denn als man Hakim mangels Beweisen wieder auf freien Fuß setzt, beginnt eine gnadenlose Hexenjagd auf den Jungen, der verzweifelt seine Unschuld beteuert. Luc und sein Team geraten in Lebensgefahr, als sie versuchen, Hakim vor dem aufgebrachten Mob zu beschützen und den wahren Täter zu entlarven, der scheinbar keine einzige Spur hinterlassen hat…

Spannender frankophiler Kriminalroman mit spritzigem Lokalkolorit

Mit Retour ist Alexander Oetker ein vielversprechender Start seiner Krimireihe um Commissaire Luc Verlain geglückt (Band 2 soll bereits in Arbeit sein). Auch wenn Verlain zunächst wie das personifizierte Männer-Klischee daherkommt, so ist Oetkers Protagonist doch weit davon entfernt, ein Stereotyp zu sein, denn auch bei ihm ist nicht alles easy-going. Unter seiner charmanten Oberfläche brodelt es des Öfteren, ein Trauma verfolgt ihn seit Jahren und lässt ihn nicht los. Mitzuerleben, wie sich Verlain weiterentwickelt ist ebenso spannend wie der rätselhafte Mordfall, den es zu lösen gilt.

Auch die anderen Figuren sind Oetker gut gelungen, allen voran Lucs Bordeaux-Team: Die selbstbewusste, natürliche Anouk, die das krasse Gegenteil von Verlains verwöhnten Geliebten ist, der bodenständige Hugo, der für seinen Job lebt und der gewöhnungsbedürftige Querkopf Etxeberria, der nicht nur Verlain mit seinen überhasteten Entscheidungen und Vorurteilen gehörig auf die Nerven geht.

Die Story ist spannend und dramatisch, plätschert aber zugleich auch so leicht und spritzig daher, dass Urlaubsstimmung aufkommt. Eine solche Dualität umzusetzen, ist prinzipiell schwierig, doch Oetker gelingt diese Gratwanderung. Bei Lektüre merkt man schnell, wie sehr Frankreich – und die französische Lebensart – dem Autor am Herzen liegen und wie gut er das Land, die politische Situation und die sozialen Verhältnisse dort kennt. Erschreckend real fängt er auch die steigende fremdenfeindliche Stimmung in Frankreichs sozialen Brennpunkten ein, die beängstigt.

All diese Aspekte machen den Roman zu einem fesselnden Leseerlebnis und zum verheißungsvollen Beginn einer neuen Romanserie, deren Erfolg meines Erachtens schon vorprogrammiert ist. Mein Fazit: Sehr empfehlenswert!

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25 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

gesellschaft, krimi, psychologie, historischer kriminalfall

Das Gewicht des Wassers

Anita Shreve , Mechtild Ciletti
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.07.2006
ISBN 9783492261869
Genre: Romane

Rezension:

In meiner neuen Blog-Rubrik Books to remember – Bücher, die in Erinnerung bleiben möchte ich euch Romane vorstellen, die zu meinen Lieblingswerken zählen, die mich begeistert, bewegt, gefesselt, zum Lachen und zum Weinen gebracht haben und die ich von Zeit zu Zeit immer wieder gerne lese. Ein solches Buch ist auch Das Gewicht des Wassers von Anita Shreve. Die amerikanische Autorin zählt zu meinen literarischen Favoriten. Ich habe alle ihre Romane gelesen und bin immer wieder aufs Neue angetan von ihrem einzigartigen Schreibstil und ihrer sprachlichen Ausdruckskraft. Ihre Geschichten sind ausgefallen, dramatisch, romantisch, spannend, schockierend und berührend – sie schwirren noch lange in den Gedanken, selbst wenn man sich schon längst einer neuen Lektüre zugewandt hat. All diese Attribute machen Shreves Romane für mich zu ganz besonderen Lesehighlights, die ihresgleichen suchen.

Ein lang zurückliegendes Verbrechen

Die Fotoreporterin Jean soll für eine Zeitung die grausamen Morde an zwei norwegischen Immigrantinnen, die 1873 die kleine Insel Smuttynose vor der Küste Neuenglands erschütterten, erneut recherchieren und mit der Kamera dokumentieren. Anethe und Karen Christensen waren damals mit einer Axt regelrecht niedergemetzelt worden. Eine dritte Frau, Maren Hontvedt, überlebte den Angriff schwer verletzt, weil sie sich in einer Höhle versteckte. Als Täter hatte man in Windeseile Louis Wagner, einen 28-jährigen preußischen Einwanderer und Hilfsarbeiter, ausgemacht, der jedoch bis zu seiner Hinrichtung vehement seine Unschuld beteuerte.

Jean verbindet ihren Auftrag mit einem Segeltörn zu den Isles of Shoals gemeinsam mit ihrem Mann Thomas, einem berühmten Dichter, ihrer fünfjährigen Tochter Billie, ihrem Schwager Rich und seiner neuen Freundin Adaline. Ihr ist zwar klar, dass es auf Smuttynose nicht mehr viel zu fotografieren gibt, denn nach einem Brand existieren von dem Mordhaus nicht mal mehr die Grundmauern, aber sie hofft, in den lokalen Archiven weitergehende Informationen über die Mordnacht und den für die damalige Zeit spektakulären Prozess zu finden.

Die Suche nach der Wahrheit

Jean freut sich auf die gemeinsame Zeit mit ihrer Familie, doch schon nach kurzer Zeit macht sich Ernücherung breit. Ihr wird klar, wie verfahren ihre Ehe mit Thomas ist, dessen Alkoholkonsum ein besorgniserregendes Ausmaß angenommen hat. Sie haben sich nicht mehr viel zu sagen, nur Tochter Billie scheint die beiden noch zusammenzuhalten. Erste Konflikte und Spannungen treten auf, die sich auf engstem Raum noch verstärken. Rich, durchtrainierter Bonvivant und das krasse Gegenteil seines blassen Bruders, hat kein Verständnis für Thomas‘ selbstzerstörerische Ader und hält zu Jean, während Thomas für Jeans Geschmack viel zu häufig die Nähe von Richs attraktiver Begleiterin Adaline sucht.

In Portsmouth angekommen, begibt sich Jean als erstes in die städtische Bibliothek und hat Glück im ersten Anlauf: Die Archivschriften der Isles of Shoals sind gerade eingetroffen – allerdings komplett durcheinander und unsortiert, doch das tut Jeans Freude keinen Abbruch. Sie sichtet Seite um Seite und versinkt in ihren Recherchen. Schließlich stößt sie auf etwas, was sie nie auch nur zu finden hoffte: Die privaten Aufzeichnungen von Maren Hontvedt, die einzig Überlebende, die ihr Leben und die Mordnacht, die sie schwer traumatisierte, Revue passieren lässt. Da Jean weiß, dass man ihr nie erlauben würde, diese Unterlagen, auf die noch niemand vor ihr aufmerksam geworden ist, mitzunehmen, stiehlt sie sie kurzerhand.

Im Auge des Sturms

Zurück auf dem Boot nimmt Jean mit wachsendem Missfallen zur Kenntnis, wie gut Thomas, Adaline und Billie sich verstehen und wie sehr sie es genießen, Zeit miteinander zu verbringen. Im Gegenzug wendet sie sich verstärkt Rich zu und wird immer abweisender zu Adaline und Thomas, der den Grund für ihren Unmut in keiner Weise nachvollziehen kann. Doch Marens Lebensgeschichte zieht Jean zunehmend in ihren Bann: Ihre arrangierte, lieblose Ehe mit ihrem Mann John, ihre abgöttische Liebe zu ihrem Bruder Evan, ihre Abneigung gegenüber ihrer Schwester Karen und ihre Zurückhaltung gegenüber der naiven Schwägerin Anethe offenbaren ein schwelendes Beziehungsgeflecht, von dem kein Außenstehender wusste. Als Jean schließlich kurz davor ist, den wahren Tätet anhand von Marens Aufzeichnungen zu entlarven, geraten sie und ihre Familie mit ihrem Segelboot in einen schweren Sturm, der ihr Leben auf tragische Weise für immer verändert…

Bewegende Beziehungstragödie mit Schauereffekten

In zwei Handlungssträngen erzählt Shreve sowohl Jeans als auch Marens tragische Geschichte und generiert einen Spannungsbogen mit wohl dosierten Schauereffekten, der bis zur überraschenden, hochdramatischen Auflösung fesselt. Der Roman ist Beziehungstragödie und Thriller zugleich, der darüber hinaus von der Autorin detailliert recherchierte und sehr aufschlussreiche historische Informationen über das karge und entbehrungsreiche Leben der norwegischen Fischer, die nach Amerika immigrierten, beinhaltet.

Die Axtmorde auf Smuttynose im Jahre 1873 sind tatsächlich geschehen, die Stories um Jean und Maren hat die Autorin sehr klug und äußerst packend dazu erdacht. Diese gelungene Mischung aus Facts & Fiction macht das Besondere dieses brillant geschriebenen Romans aus. Auch die Protagonisten sind sehr einprägsam: Die bodenständige Jean, die mit ihrer Ehekrise und ihrer Eifersucht überfordert ist, der von einem schrecklichen Erlebnis traumatisierte Dichter Thomas Janes, der versucht, seine Verzweiflung im Alkohol zu ertränken und nicht zuletzt Maren, deren spartanisches Leben mit ihrem ungeliebten Ehemann John in der Einöde und Kargheit der neuen Heimat zu einem Albtraum wird.

Die Konstellation der Hauptfiguren – in der Gegenwart und in der Vergangenheit – machen die aufkommenden Spannungen für den Leser spürbar. Der schwere Sturm und das aufbrausende Meer, die in der Mordnacht tobten und auch den gegenwärtigen Segeltörn auf tragische Weise beenden, reflektieren das aufgewühlte Seelenleben der Protagonisten. Die Naturgewalten sind zudem Vorboten der schrecklichen Ereignisse, die folgen und nach denen nichts mehr so ist wie vorher.

Nach Lektüre des Romans fragt man sich als Leser unweigerlich, wie es wohl weitergeht. Eine Antwort lässt sich nur schwerlich finden. Allerdings begegnet uns der unglückliche Poet Thomas Janes noch ein weiteres Mal: In Shreves Roman Der weiße Klang der Wellen (The Last Time They Met), der ebenso wie Das Gewicht des Wassers ein Must Read ist.

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262 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 126 Rezensionen

thriller, entführung, helen callaghan, dear amy, psychothriller

Dear Amy - Er wird mich töten, wenn Du mich nicht findest

Helen Callaghan , Heike Reissig
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Knaur, 10.01.2017
ISBN 9783426654200
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Dieser Debütroman der britisch-amerikanischen Schriftstellerin Helen Callaghan war nach langer Zeit mal wieder ein Thriller, der mir eine schlaflose Nacht beschert hat. Ich wollte nur kurz den Anfang lesen, doch daraus wurde nichts. Die Story hat mich von der ersten Seite an derart gepackt, dass ich sie bis zum explosiven Finale nicht mehr aus der Hand legen konnte. Nicht umsonst hat man Dear Amy der Kategorie Premium Crime zugeordnet, denn diese qualitativ hochwertige und dramatische Geschichte mit ihren mysteriösen Wendungen und ihrer spektakulären Auflösung ist für mich bis jetzt definitiv d a s Highlight unter den Neuerscheinungen dieses Genres in 2017.

Mysteriöses Verschwinden einer Schülerin

Die Protagonistin des Romans ist die engagierte Lehrerin Margot Lewis, die am St. Hilda’s College in Cambridge klassische Philologie lehrt. Darüber hinaus führt sie bei der lokalen Zeitung The Examiner sehr erfolgreich die sogenannte Kummerkasten-Kolumne Dear Amy, wo sie insbesondere Heranwachsenden alle – wenn auch noch so abstrusen – Fragen des Lebens beantwortet. Als eine ihrer Schülerinnen, die 15-jährige Katie Browne, vom einen auf den anderen Tag spurlos verschwindet, ist Margot alarmiert. Da Katie als Problemkind gilt, liegt für die Polizei nahe, dass sie von zuhause ausgerissen ist, und somit hat der Fall für sie auch keine echte Priorität. Aber Margot will das nicht glauben, irgendetwas sagt ihr, dass Katie entführt wurde.

Briefe einer Toten?

Als sie eines Tages die Leserbriefe ihrer Kolumne durchgeht, stockt ihr der Atem: In einem Brief, geschrieben in einer kindlichen Schrift, fleht sie ein Mädchen um Hilfe an. Sie sei von einem fremden Mann entführt worden und fürchte nun um ihr Leben. Das Unheimliche daran ist jedoch der Name der Absenderin: Bethan Avery, ein Mädchen, das vor ca. 20 Jahren ebenso spurlose verschwand wie Katie und nach langer Suche schließlich für tot erklärt wurde, da man als Indiz ein blutiges Nachthemd gefunden hatte. Wie Katie war auch Bethan ein Problemkind, das als Tochter einer alleinerziehenden Drogensüchtigen zumeist bei ihrer Oma Peggy lebte. Als diese als Notfall ins Krankenhaus kam, wurde Bethan von einer Betreuerin sofort zu ihr gebracht, danach jedoch nie wieder gesehen.

Margot ist völlig aufgewühlt, aber nach einer Weile sagt sie sich, dass es sich hierbei nur um einen geschmacklosen Scherz handeln kann. Doch dann erhält sie weitere unheimliche Briefe von derselben Absenderin, die sie nicht loslassen und Panikattacken bei ihr auslösen. Sie beschließt, zur Polizei zu gehen, aber dort glaubt ihr niemand. Man hält es für mehr als unwahrscheinlich, dass die Briefe echt sind bzw. Bethan nach all den Jahren noch am Leben ist.

Unerwartete Hilfe

Als Margot schon beinahe aufgeben will, erhält sie eine Mail von Dr. Martin Forrester vom Institut für Kriminologie. Er bietet an, die Schrift der Briefe mit Bethans Tagebucheintragungen vergleichen und auf Authentizität prüfen zu lassen. Margot willigt ein, ihn zu treffen und übergibt ihm die Briefe. Ihr wird aber sehr schnell klar, dass auch Dr. Forrester berechtigte Zweifel an der Echtheit hat, denn wie sollte es Bethan nach so langer Zeit endlich gelungen sein, einen Brief hinter dem Rücken ihres Entführers zu versenden? Aber Dr. Forresters Gefühl sagt ihm, dass Margot Recht hat und hier etwas ganz und gar nicht stimmen kann. Er recherchiert auf eigene Faust weiter und schaltet zudem eine namhafte Psychologin ein. Die Polizei wird daraufhin hellhörig und stellt ebenfalls weitere Nachforschungen an.

Als Margot einen weiteren Brief erhält, in dem die mysteriöse Absenderin den Namen des Entführers offenbart, verliert sie komplett die Fassung. Ihre Panikattacken häufen sich, sie scheint nicht mehr sie selbst. Die beiden Entführungsfälle vereinnahmen sie zusehends, sie wird immer nervöser und hat rätselhafte Blackouts. Dr. Forrester erkennt, wie schlecht es um sie steht und möchte ihr um jeden Preis helfen. Aber Margot traut niemandem mehr, ihre einzige Sorge gilt Katie, die sie unbedingt retten will. Doch Margots Zustand ist besorgniserregend, sie hat sich nicht mehr unter Kontrolle, so dass Dr. Forrester, der sich in sie verliebt hat, schließlich nur einen – äußerst gefährlichen Ausweg – sieht, um Katie zu retten und das Geheimnis um Bethan zu entschlüsseln…

Grandioser Thriller mit spektakulärer Auflösung

Mit Dear Amy ist Helen Callaghan ein grandioses Romandebüt gelungen. In unterschiedlichen Handlungssträngen und aus unterschiedlichen Perspektiven (Margot, Katie, Entführer etc.) erzählt sie uns eine Geschichte, die anfangs schlicht unglaublich, am Ende jedoch so klar ist, dass man es als Leser kaum fassen kann. Wir (ver)zweifeln mit Margot, leiden mit Katie und tauchen darüber hinaus in die bizarre Gedankenwelt des Entführers ein, der scheinbar keine Fehler macht und mit allem davonkommt.

Während wir Margot zu Beginn als starke Persönlichkeit wahrnehmen, müssen wir im Laufe des Romans feststellen, dass sie immer undurchsichtiger und unglaubwürdiger wird. Wir können uns ihrer nicht mehr sicher sein und wissen – wie sie – nicht mehr, wem wir überhaupt trauen können. Da kommt Dr. Forrester als Fels in der Brandung gerade recht, doch ist es nicht gerade er, der uns an Margots Zurechnungsfähigkeit zweifeln lässt? Ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem Leser beginnt, das uns vereinnahmt und bis zum finalen Show-down nicht mehr loslässt.

Das ist ein Thriller ganz nach meinem Geschmack: Eine klug konzipierte, außergewöhnliche Geschichte, realitätsnahe Protagonisten und Hochspannung bis zur letzten Seite. Daher mein Fazit: Ein brillanter Pageturner, den man gelesen haben muss!

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Villa America

Liza Klaussmann , Michaela Grabinger
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Droemer Taschenbuch, 02.05.2017
ISBN 9783426305454
Genre: Romane

Rezension:

Sie waren der Inbegriff der Reichen und Schönen in den Goldenen Zwanzigern und zelebrierten das Leben und den Luxus. Ihr exquisiter Stil und ihr Sinn für Kunst und Literatur waren ebenso einzigartig wie ihre legendären Parties, die sie mit dem Who is Who der literarischen und künstlerischen Größen in ihrem exklusiven südfranzösischen Domizil, Villa America, glamourös feierten. Und doch waren die Murphys, die im Fokus von Liza Klaussmanns zweitem Roman stehen, hinter der Glitzerfassade eine bodenständige amerikanische Expatriate-Familie: Yale-Absolvent Gerald, Sohn eines reichen Lederwarenhändlers aus New York, und Sara, geb. Wiborg, Tochter eines vermögenden Tintenherstellers, führten mit ihren drei Kindern Patrick, Boath und Honoria trotz ihres immensen Wohlstandes ein relativ normales Leben, das jedoch von zwei tragischen Schicksalsschlägen erschüttert wurde, die beide nie verkrafteten.

Die Priviligierten

In drei Teilen (Teil 1: Das Erwachen – Teil 2: Die goldene Schale – Teil 3: Was gefunden wurde) mit verschiedenen Handlungssträngen und aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt Klaussmann die Geschichte des berühmtesten VIP-Paares seiner Zeit auf sehr berührende Weise. Sie beginnt jedoch nicht in medias res, sondern setzt bei der Kindheit und Jugend der beiden Protagonisten an, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Während der introvertierte, feinfühlige Gerald von einem schikanösen Kindermädchen erzogen wird und sehr unter der Lieblosigkeit und Strenge seines erfolgreichen Vaters leidet, wachsen Sarah und ihre zwei Schwestern wohlbehütet und umsorgt auf. Ihre Mutter, eine bekannte High Society Lady, lässt es ihnen an nichts fehlen und führt sie in die feine Gesellschaft ein, wo sie Ausschau nach einem passenden Ehemann halten sollen. Doch Sarah liebt ihre Freiheit und ist auch im Alter von 29 noch unverheiratet – ein absolutes No-Go in der damaligen Zeit.

Ehe mit Hindernissen

Da sich Geralds und Saras Familien kennen, treffen sich die beiden des Öfteren im Urlaub in den exklusiven Hamptons. Aus der anfänglichen Freundschaft erwächst eine tiefe Zuneigung und schließlich Liebe. Beide sind sehr literatur- und kunstinteressiert, äußerst ästhetisch-orientiert und teilen ihre Begeistung für ausgefallene Dinge. Als sie schließlich ihren Eltern von ihren Heiratsabsichten berichten, sind diese nicht begeistert: Saras Familie möchte keinen Schwiegersohn aus einer Händlerfamilie, und Geralds Vater ist mit den Entscheidungen seines Sohnes prinzipiell nie einverstanden, weil ihm in seinen Augen jeglicher Geschäftssinn und die gebührende Lebenshärte fehlt. Doch beide setzen sich durch und beschließen nach ihrer Heirat und Geburt ihrer drei Kinder, den USA den Rücken zu kehren.

Glückliche Ex-Patriates

Sie ziehen nach Paris, wo Gerald sich endlich seiner heißgeliebten Malerei widmen kann, ohne dafür von seinem Vater gedemütigt zu werden. Dort machen sie schnell Bekanntschaft mit der literarischen und künstlerischen Ex-Patriate-Bohème: Sie treffen u.a. auf F. Scott Fitzgerald und seine Frau Zelda, Ernest Hemingway, John Dos Passos, Jean Cocteau, Pablo Picasso, Dorothy Parker und Cole Porter, ein enger Studienfreund von Gerald. Als sie schließlich eine luxuriöse Villa am südfranzösischen Cap d’Antibes beziehen, die sie Villa America nennen, wird diese schnell zum kulturellen Dreh- und Angelpunkt der Schriftsteller- und Künstlerszene: Die Murphy-Parties sind nicht zu übertreffen, eine Einladung gleicht einem Ritterschlag. Gerald und Sara unterscheiden sich wohltuend von der reichen Schickeria, denn sie sind äußerst belesen und künstlerisch sehr gebildet, so dass ein Gedankenaustausch mit ihnen für die Schriftsteller, Maler und Musiker immer sehr inspirierend ist. Doch auch der Spaß darf natürlich nicht zu kurz kommen: Saras Kostümparties sind ein Hit, für die Skandale sorgen die Gäste – sei es nun der sturzbetrunkene Fitzgerald, der die Gäste anpöbelt, seine oftmals theatralische Gattin Zelda, die in einem pinken Tütü Rad schlägt oder Hemingway, bei dem Eifersuchtsszenen mit seinen wechselnden Ehefrauen an der Tagesordnung sind.

Eine folgenschwere Begegnung

Zu dieser bunten Gesellschaft stößt eines Tages der scheue Pilot Owen Chambers, der nach seinem Einsatz im 1. Weltkrieg nunmehr für ein kleines Gehalt Luxusgüter transportiert. Durch Zufall lernen er und die Murphys sich kennen und schätzen. Besonders er und Gerald fühlen sich sofort eng verbunden. Die Murphys geben ihm Transportaufträge und laden ihn auch zu ihren Parties ein. Dass Owen auf Männer steht, wird schnell deutlich, man ist jedoch diskret und tolerant genug, um daraus kein Thema zu machen. Gerald, dessen feminine Seite schon oftmals Anlass zu Spekulationen gab, fühlt sich mehr und mehr zu Owen hingezogen, der seine Gefühle – wenn auch zögerlich – erwidert. Sie beginnen schließlich eine Affäre in aller Heimlichkeit, doch beide können ihr Glück nicht genießen, denn zu sehr plagt sie das schlechte Gewissen wegen Sara. Sie merkt natürlich, dass etwas im Gange ist, doch ihre tiefe Liebe zu Gerald ist für sie entscheidend. Als dann ihre Familie von zwei tragischen Schicksalsschlägen erschüttert wird, die Gerald und Sara kaum verkraften können, trifft Owen eine folgenschwere Entscheidung, nach der nichts mehr so ist wie vorher…

Ein beeindruckender Roman über das Leben eines berühmten It-Paares

Mit Villa America ist Liza Klaussmann ein eindrucksvoller Roman über das Leben und Schicksal der berühmten Murphys gelungen. Ihr äußerst detailliert recherchiertes Werk ist nicht nur eine großartig erzählte Rückschau auf das Leben der beiden Protagonisten, sondern lässt auch die glamourösen 20er Jahre voll sprühender Lebensfreude und Esprit wieder lebendig werden. Die glorreichen Parties des It-Paares beschreibt die Autorin derart lebhaft, dass man meint, mitten im Geschehen zu sein, was ein wahrer Lesegenuss ist. Es gelingt der Schriftstellerin meisterhaft, den Leser am Ende des Romans mit dem Gefühl zurückzulassen, alle Personen des Buches schon lange und gut gekannt zu haben. Und genau auf diese Weise entfalten Facts & Fiction ihre ganz besondere Wirkung.

Da tut es auch gar nichts zur Sache, dass Klausssmann Pilot Owen Chambers frei erfunden hat. Da schon sehr früh Gerüchte kursierten, dass Gerald eventuell homosexuell sein könnte, kreierte Klaussmann Owen als Murphys männliches Pendant. Chambers ist darüber hinaus eine tragische Figur, dessen schicksalhafte Lebensgeschichte in separaten Handlungssträngen erzählt wird – ein weiteres Highlight dieser erstklassig komponierten Geschichte, die nach Lektüre noch lange nachhallt. Mein Fazit: Ein absolutes Must Read!

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181 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 99 Rezensionen

mata hari, spionage, paulo coelho, spionin, roman

Die Spionin

Paulo Coelho , Maralde Meyer-Minnemann
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 23.11.2016
ISBN 9783257069778
Genre: Romane

Rezension:

Als Protagonistin seines neuesten Romans Die Spionin hat der brasilianische Bestsellerautor Paulo Coelho eine schillernde und undurchsichtige Frauenfigur gewählt, die ihren eigenen Mythos schuf und die Gesellschaft wie kaum eine andere polarisierte. Die Geschichte der niederländischen Hutmacher-Tochter Margaretha Zelle, die als exotische Tänzerin unter dem Künstlernamen Mata Hari (javanisch: Auge des Tages/Sonne) alle in ihren Bann zog und als glamouröse Kurtisane mächtiger Männer ein Luxusleben führte, ist ebenso abenteuerlich wie tragisch. Für die einen war sie die sinnliche Verkörperung eines unbezähmbaren Freigeistes und einer emanzipierten Frau, die nach ihren eigenen Regeln lebte und sich in einer von Männern dominierten Welt behauptete. Für die anderen war sie eine manipulative Lügnerin und Exhibitionistin, die sich auf der Bühne auszog und sich für Geld, Schmuck und teure Kleider prostituierte.

Lichtgestalt im Schatten

Doch wer bzw. wie war sie wirklich? Dass die Lichtgestalt hinter all dem Glanz ein Schattendasein fristete, scheint undenkbar. Hier setzt Coelho an und stellt auf seine ganz spezielle Weise die diversen Facetten des nebulösen Charaktermosaiks der Femme Fatale heraus. Mittels eines aus drei Teilen bestehenden fiktiven Briefromans erzählt er vom ungewöhnlichen Aufstieg und fatalen Niedergang der freiheitsliebenden Diva: Zum einen aus Sicht der Ich-Erzählerin Margaretha/Mata, die aus dem Gefängnis in einem Brief an ihren glücklosen Anwalt Maître Clunet ihr Leben Revue passieren lässt (Teil 1 und Teil 2) – zum anderen aus Sicht des zweiten Ich-Erzählers, ihres o.g. Verteidigers, der verzweifelt versucht, sie zu retten (Teil 3). Es ist ein bewegtes, aufregendes, gefährliches, aber auch oberflächliches Leben, an dem Coelho uns teilhaben lässt, für das die berühmte Schlüsselfigur am Ende den höchsten Preis zahlen muss.

Trauma und Flucht

Margaretha Zelles Lebensgeschichte beginnt zunächst recht beschaulich. Sie wurde 1876 im niederländischen Leeuwarden geboren, wo ihre Eltern eine Hutmacherei betreiben. Die erfolgreichen Börsenspekulationen ihres Vaters ermöglichen ihnen anfänglich eine sorgenfreie Existenz, die kleine Margaretha wächst rundum behütet auf. Als die Mutter jedoch krank wird und stirbt, ändert sich alles. Margaretha wird auf eine Schule in Leiden geschickt – dort wird sie ein traumatisches Erlebnis für immer verändern: Der Direktor der Schule vergewaltigt sie im Alter von 16 Jahren, und nichts ist mehr wie vorher. Sie beschließt, dem spießigen, kleinbürgerlichen Milieu zu entfliehen und sieht nur einen Ausweg aus ihrem Dilemma: Die Ehe mit einem adäquaten Mann, der ihr die Welt zu Füßen legt.

Alptraum einer Ehe

Und so antwortet sie auf eine Annonce des mehr als doppelt so alten Rudolph MacLeod, ein Offizier aus Niederländisch-Ostindien, der auch tatsächlich anbeißt. Sie heiratet ihn, zieht mit ihm nach Java und bekommt zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn, der jedoch auf tragische Weise ums Leben kommt. Ihre Ehe, von der sie sich so viel erhofft hatte, erweist sich als Alptraum: Ihr Mann trinkt, betrügt, schlägt und vergewaltigt sie. Zunächst erduldet sie alles, doch nach einem grausamen Erlebnis, das sie tief erschüttert, hat sie genug. Sie verlässt ihren Mann und ihre Tochter, um in Europa nochmals von vorne zu beginnen.

Schillernder Neubeginn

Margaretha erfindet sich neu, sogar ihren Namen legt sie ab. Sie weiß um ihre Wirkung auf Männer und strebt als geheimnisvolle Mata Hari eine Karriere als glamouröse orientalische Tänzerin in Paris an. Mit dramatischen Kostümen, opulentem Schmuck und sinnlichen Tänzen, an deren Ende sie sich vollständig entkleidet, setzt sie sich gekonnt in Szene und avanciert schließlich zum Star. Auftritte im Olympia und mit den namhaften Folies Bergères lassen sie zu einer – wenn auch skandalösen – Berühmtheit werden. Ihre Gönner – mächtige, reiche Männer aus Politik und anderen einflusssreichen Kreisen – geben sich die Klinke in die Hand und lassen sie im Luxus schwelgen. Doch wo bleibt das Glück? Der Liebe hat sie nach ihrer Vergewaltigung abgeschworen, Sex ist für sie nur Mittel zum Zweck. Für sie ist alles ein großes Spiel, sich selbst sieht sie als Kriegerin, die stets alles unter Kontrolle hat und nur gewinnen kann. Sie manipuliert Männer wie Frauen und bekommt am Ende immer das, was sie will. Auch ihren Mythos kreiert sie selbst: Die rätselhafte verführerische Exotin, um deren Vergangenheit sich viele Gerüchte ranken und die jeden auf geheimnisvolle Art in ihren Bann zieht.

Gefährliches Spiel

Doch als der Erste Weltkrieg ausbricht, wendet sich das Blatt. Mata wird von französischer und deutscher Seite animiert, als Spionin tätig zu werden. Nicht ahnend, in welche Gefahr sie sich begibt, erklärt sie sich – auf beiden Seiten – dazu bereit, obwohl sie in keiner Weise die Absicht hat, zu spionieren. Sie beschließt, lediglich Klatsch und Tratsch weiterzugeben, der ihr bei ihren Treffen mit den Mächtigen, Reichen und Schönen zu Ohren kommt. Aber sie unterschätzt ihre Gegenspieler, und so kommt es wie es kommen muss.: Man verhaftet sie als Doppelagentin wegen Hochverrats. Mata ist fest davon überzeugt, dass ihr nichts passieren kann und sich einer ihrer reichen Gönner bestimmt für sie einsetzt. Doch alle ziehen sich zurück, am Ende ist sie ganz auf sich allein gestellt. Nur ihr Verteidiger Clunet setzt alles daran, ihr Leben zu retten, aber Matas Hang zur Unwahrheit setzt eine fatale Abwärtsspirale in Gang, die am Ende den höchsten Tribut fordert…

Brillante Retrospektive einer freiheitsliebenden Femme Fatale

Mit Die Spionin ist Paulo Coelho eine brillante Retrospektive einer unkonventionellen Frau und Künstlerin gelungen, die ihrer Zeit weit voraus war und die für ihr selbstbestimmtes, freies Leben schließlich teuer bezahlte. Coelho hat exzellent recherchiert: Er erforschte nicht nur Mata Haris Leben en detail, sondern studierte auch insbesondere ihre Gerichtsakten. Die berührende Lebensbeichte der rätselhaften Femme Fatale, die gleichzeitig auch eine bestechend scharfe Selbstanalyse ist, hat Coelho so realitätsnah komponiert, dass man vergisst, dass es sich hierbei um Fiktion handelt. Mit großem Einfühlungsvermögen versetzt er sich in die Gedankenwelt dieses weiblichen Libertins und lässt uns teilhaben an ihren Träumen, ihrem grausamen Erwachen, ihrem Neubeginn, ihrem kometenhaften Aufstieg und schließlich auch an ihrem tragischen Niedergang.

Es ist eine Gratwanderung, die Coelho jedoch meisterhaft gelingt: Sein Vermischen von Facts & Fiction macht den Roman zu einem ganz besonderen Leseerlebnis, an dessen Ende wir nicht umhin kommen, Margaretha/Mata zu bewundern – für ihr unermüdliches Streben nach Freiheit in einer patriarchalischen Gesellschaft, für ihren Mut, ihre Macht als Frau zu ihren eigenen Gunsten zu nutzen, für ihre Kühnheit, über alle gesellschaftlichen Regeln hinweg ihr eigenes Leben nach ihren Vorstellungen zu gestalten, auch wenn es für Frauen damals wenig schicklich war.  Und die nonkonforme Rebellin geht ihren Weg unbeirrt bis zum Schluss, um ihrem Schicksal – scheinbar furchtlos – noch ein letztes Mal die Stirn zu bieten.

Mein Fazit: Ein brillanter Roman – sehr lesens- und empfehlenswert!

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80 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 29 Rezensionen

frankreich, spannung, thriller, psychologe, michel bussi

Das verlorene Kind

Michel Bussi , Barbara Reitz , Eliane Hagedorn
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Rütten & Loening Berlin, 15.08.2016
ISBN 9783352008863
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Seit Bussis Roman Das Mädchen mit den blauen Augen bin ich ein großer Fan des französischen Schriftstellers und habe alle seine Bücher gelesen. Seine Erzählungen sind immer sehr außergewöhnlich, ungeheuer spannend und haben eine Sogwirkung, wie ich sie bei anderen Autoren selten erlebt habe. Es ist äußerst schwierig, seine Werke einem Genre zuzuordnen, denn sie vereinen viele Facetten: Sie sind Thriller, Familiendramen und gesellschaftskritische Betrachtungen, die die Leser in ihren Bann ziehen und sie in ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel verwickeln. Immer wenn man glaubt, den Plot durchschauen zu können, öffnet sich eine weitere unvorhersehbare Tür, hinter der sich ein neuer Aspekt verbirgt. Somit wird der Spanungsbogen stets weiter aufgebaut, bis Bussi uns am Ende des Romans eine völlig überraschende Auflösung präsentiert, die uns perplex zurücklässt. Und genau hierin liegt auch das Erfolgsgeheimnis des brillanten französischen Schriftstellers, der für mich zu den vielversprechendsten literarischen Entdeckungen der letzten Jahre zählt.

Ein allzu fantasievolles Kind?

Als Schulpsychologe Vasile Dragonman gebeten wird, den kleinen Malone Moulin zu begutachten, dessen allzu fantasievolle und merkwürdige Erzählungen eine Krankenschwester seiner Vorschule hellhörig werden ließen, ist es für ihn zunächst ein Fall wie jeder andere. Doch als er auf den Kleinen trifft und hört, was er in seiner kindlichen Art zu sagen hat, traut er seinen Ohren nicht: Malone behauptet, seine Mutter sei nicht seine richtige Mama, sein Vater nicht sein richtiger Papa. Darüber hinaus erzählt er Vasile von den Orten, an denen er angeblich früher gelebt und von Dingen, die er gesehen hat: Ein Schloss mit vier Türmen, eine Rakete, ein Piratenschiff und ein Menschenfresser mit einem silbernen Ohrring und einem Totenkopf-Tattoo.

Vasile lassen die Geschichten des Kleinen und auch die Bilder, die er für ihn malt, nicht mehr los. Bar jeder Logik glaubt er Malone und wendet sich zunächst an dessen Klassenlehrerin, Clotilde Bruyère, die von Schulpsychologen gar nichts hält. Für sie ist Malone einfach ein kleiner Träumer, der gern Dinge erfindet, um auf sich aufmerksam zu machen. Doch Vasile lässt sich nicht abwimmeln, und so bleibt Clotilde nichts anderes übrig, als Malones Eltern einzubestellen. Während seine Mutter Amanda äußerst zurückhaltend und befremdet auf die Mitteilung der Lehrerin reagiert, ist sein Vater Dimitri außer sich vor Wut über die Einschaltung des Psychologen und verbietet sich jegliche Einmischung.

Ein Fall für die Polizei?

Als die Schule Malones Fall nach Überprüfung des Familienbuchs der Moulins als erledigt betrachtet, wendet sich Vasile auf Anraten einer Freundin an die Polizei. Doch Commandante Marianne Augresse hat eigentlich gar keine Zeit, um sich näher mit Vasiles Schilderung von Malones Geschichten zu befassen. Nach einem bewaffneten Raubüberfall mit zwei Opfern sind zwei Täter tot und ein dritter ist schwer verletzt auf der Flucht. Darüber hinaus vermutet man, dass ein vierter, sehr brutaler Täter untergetaucht ist. Man fahndet mit Hochdruck nach den Killern, doch von ihnen fehlt jede Spur. Somit hört sich Marianne Vasiles Erläuterungen auch nur zwischen Tür und Angel an, um ihrer gemeinsamen Freundin Angie einen Gefallen zu tun. Sie hält Malones Aussagen für kindliche Spinnereien, doch Vasile lässt nicht locker.

Nachdem er ihr dann in einem weiteren Gespräch auch noch mitteilt, dass Malone nach eigenen Aussagen die bizarren Stories von seinem heißgeliebten Kuscheltier Gouti erzählt bekommt, ist sie drauf und dran, Vasile freundlich aber bestimmt abzuweisen. Doch dann entdeckt Vasile durch Zufall einen Mini-MP3-Player in Goutis Bauch, auf dem mit verfremdeter Stimme sieben Geschichten für Malone aufgesprochen wurden. Er überlässt ihn Marianne zur Auswertung, aber sie ist genervt und widmet sich wieder dem alles dominierenden Raubüberfall, der absolute Priorität genießt.

Eine tödliche Falle

Vasile forscht auf eigene Faust weiter und erstellt eine Karte mit den Orten aus Malones Erzählungen und Bildern. Auch eine bedrohliche anonyme SMS kann ihn nicht davon abhalten, die Suche nach Malones wahrer Identität fortzusetzen. Nach langen Recherchen führt ihn sein Weg schließlich zu einer äußerst abgelegenen Gegend bei Le Havre, wo er sich auf Spurensuche begibt. Als er endlich Beweise für Malones Behauptungen gefunden zu haben scheint, muss er zu seinem Entsetzen feststellen, dass man ihn in eine tödliche Falle gelockt hat…

Eindrucksvoller psychologischer Thriller mit unerwarteten Wendungen

Mit Das verlorene Kind ist Michel Bussi ein nervenaufreibender psychologischer Thriller der Extraklasse gelungen. In seinem Roman, der sich aus unterschiedlichen Erzählsträngen zusammensetzt, spielt der Autor gekonnt mit den unterschiedlichen Wahrnehmungen der einzelnen Figuren, die versuchen, Malones kindliche Aussagen zu dechiffrieren. Am eindrucksvollsten ist die Geschichte immer dann, wenn uns Bussi in die Gedanken des kleinen Malone eintauchen und uns die Welt mit seinen Augen sehen lässt. Diese Kapitel sind sehr anrührend und ziehen uns noch tiefer in das Geschehen hinein, so dass wir – wie Vasile – unbedingt herausfinden möchten, wer Malone in Wirklichkeit ist.

Doch wieder und wieder wird uns dabei bewusst, wie fragil und formbar das Gedächtnis und die Erinnerungen eines kleinen Kindes sind, wie wenig wir ihnen trauen können und auf was für ein unsicheres Terrain wir uns begeben, wenn wir ihnen wortgetreu folgen. Alle diese Aspekte machen den Roman zu einem ganz besonderen Werk, das durch eine aufwühlende, dramatische Story besticht, deren kleiner Protagonist noch lange im Gedächtnis bleibt. Mein Fazit: Ein hochspannender, klug konzipierter Pageturner – sehr lesenswert!

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

krimi, weihnachten, london, henry rathbone, london underground

Der Weihnachtsverdacht

Anne Perry , Regina Schirp
Fester Einband: 191 Seiten
Erschienen bei Heyne, 24.10.2011
ISBN 9783453408920
Genre: Historische Romane

Rezension:

Das Genre Historische Romane trifft nur sehr selten meinen Geschmack, da müssen es wirklich schon spezielle, sehr gute Bücher sein.  Wenn ich Werke aus diesem Segment auswähle, dann sind es zumeist historische Krimis, denn hier gibt es einige brillante und bemerkenswerte Romane mit Lokalkolorit, die ich sehr mag. Hierzu gehören auch die Erzählungen von Anne Perry, die alle im viktorianischen London spielen und immer ein Lesegenuss der ganz besonderen Art sind. Ihr Buch, Der Weihnachtsverdacht, zählt zu den beliebten Christmas Novels der Autorin, von denen ich bisher keinen Band versäumt habe, denn sie sind immer eine äußerst fesselnde Feiertagslektüre. Auch dieses Mal entführt uns Perry wieder ins vorweihnachtliche London, wo uns ein mysteriöser, spannender Fall erwartet.

Ein gefährliches Versprechen

Henry Rathbone verspricht seinem verzweifelten Freund James Wentworth, dessen Sohn Lucien ausfindig zu machen, der in schlechte Gesellschaft geraten und in der Unterwelt der pulsierenden Metropole spurlos verschwunden ist. Wentworth hatte zuvor alles versucht, um Lucien aus dem Sumpf von Alkohol- und Opiumexzessen zu befreien und ihn vor weiteren Ausschweifungen zu bewahren, doch nichts konnte den genusssüchtigen attraktiven Frauenhelden zur Rückkehr bewegen. Obwohl Rathbone keine große Hoffnung hat, Lucien zu finden, geschweige denn, ihn wieder in die Obhut seines Vaters zu katapultieren, macht er sich auf die Suche. Doch wo soll ein Gentleman wie er beginnen? Er hat weder Beziehungen zur Londoner Unterwelt noch kennt er dubiose Gestalten, die eventuell wissen könnten, wo sich Wentworths Sohn aufhält.

Zwei kuriose Gehilfen

Da fällt ihm Hester Monk ein, die vor einigen Jahren beinahe seine Schwiegertochter geworden wäre, sich aber dann gegen seinen Sohn Oliver, einen berühmten Anwalt, entschieden hatte, weil die beiden letztendlich doch zu verschieden waren. Hester, eine engagierte und patente Krankenschwester, arbeitet in einer Klinik, wo sie sich primär um die Sozialschwachen und hier insbesondere um Prostituierte kümmert. Henry hofft, entweder von Hester oder eventuell von ihren Patientinnen einen Hinweis auf Luciens Aufenthaltsort zu erhalten. Doch zu Henrys Enttäuschung ist Hester momentan unabkömmlich, da sich die Notfälle in der Klinik häufen, so dass er lediglich auf den Buchhalter Squeaky Robinson trifft. Doch bei ihm ist Henry genau an der richtigen Adresse, denn Squeaky war ein ehemaliger Bordellbesitzer, bevor ihm dank Hester der Absprung gelang. Squeaky hat noch beste Kontakte zur Londoner Unterwelt, die er allerdings nur ungern reaktivieren möchte, weil er mit seinem alten Leben abgeschlossen hat. Doch Henrys Entschlossenheit imponiert ihm, und so bietet er ihm seine Hilfe an. Ein alter Freund von Squeaky ist dabei allerdings unerlässlich: Crow, ein Armendoktor, der vorwiegend Obdachlose, Kleinkriminelle und Prostituierte behandelt und der Londons dunkle Viertel ebenfalls sehr gut kennt.

Abstieg in die Unterwelt

Und so machen sich Squeaky und Crow auf, um Lucien zu finden. Doch das gestaltet sich äußerst schwierig, denn niemand will reden. Sie erfahren lediglich, dass Lucien ständig unter Drogen und unter dem Einfluss seiner verdorbenen schönen Geliebten Sadie stehen soll, der er hörig ist und die ihn mit in den Abgrund gezogen hat. Mehr erfahren sie nicht, denn alle schweigen wie ein Grab. Squeaky und Crow beschließen daraufhin, Henry zu empfehlen, die Suche abzubrechen, da sie das Milieu gut genug kennen, um zu wissen, dass Lucien entweder nicht gefunden werden will oder schon tot ist. Doch sie haben die Rechnung ohne Henry gemacht, der keinesfalls bereit ist, jetzt schon aufzugeben. Und so bleibt den beiden nichts anderes übrig, als mit Henry an ihrer Seite ein weiteres Mal auf die Suche zu gehen. Mit Hilfe der jungen Kellnerin Bessy werden sie durch Zufall auf einen bizarren Doppelmord aufmerksam, in den Lucien und Sadie offenbar verwickelt sind. Und so geraten sie immer tiefer in die Abgründe Londons, die sie am Ende ihrer düsteren Odyssee zum gefürchteten Schattenmann führen, der alle Fäden in der Hand zu halten scheint…

Ein spannendes Abenteuer in Londons Schattenwelt

Anne Perrys historische Romane sind sehr lesenswert. Nie gleicht eine Geschichte der anderen, jede Erzählung hat ihr ganz eigenes Momentum. Ihre Charaktere heben sich wohltuend von den genreüblichen Stereotypen ab: Sie sind normal, außergewöhnlich, manchmal etwas hausbacken, manchmal leicht schrill und ausgefallen – aber immer very British. Dies ist auch bei dem hier vorgestellten Roman nicht anders. Das Team, das hier das mysteriöse Verschwinden von Lucien Wentworth ergründet, passt auf den ersten Blick so gar nicht zusammen. Und doch sind Upper Class Gentleman Henry, der ehemalige Bordellbesitzer Squeaky und der zwielichte Doktor Crow ein perfektes Gespann, das sich trotz aller Unterschiede zusammenrauft und sich in ein riskantes Unterfangen stürzt. Ihr lebensgefährliches Abtauchen in Londons dunkelstes Labyrinth ist ein packendes, sehr unterhaltsames Abenteuer, das wieder einmal mehr beweist, dass Anne Perry eine der besten Autorinnen dieses Genres ist.

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246 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 59 Rezensionen

menschenhandel, frankreich, krimi, charlotte link, bulgarien

Die Entscheidung

Charlotte Link
Fester Einband: 580 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 05.09.2016
ISBN 9783764504410
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Charlotte Link zählt für mich zu den besten zeitgenössischen Kriminalautorinnen. Ich habe bisher alle ihre Romane verschlungen und bin jedes Mal überrascht, wie unterschiedlich ihre Werke sind, obwohl sie schon eine Vielzahl veröffentlicht hat. Keine Geschichte gleicht der anderen, und ihre Protagonisten sind weit davon entfernt, den für das Genre üblichen Klischees bzw. Stereotypen zu entsprechen. Ihr spezieller Erzählstil, mehrere Handlungsstränge letztendlich zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen und den Leser dabei gekonnt immer wieder auf falsche Fährten zu führen, trägt meines Erachtens maßgeblich dazu bei, dass jedes ihrer Bücher in nur kurzer Zeit den Sprung auf die Bestseller-Listen schafft. Gleiches gilt auch für ihren neuesten Thriller Die Entscheidung, der mich absolut gefesselt und mir wieder Stunden hochspannender Unterhaltung beschert hat.

Im Dilemma

Simon Lemberger freut sich darauf, Weihnachten mit seinen beiden Kindern im Ferienhaus seines Vaters in La Cadière/Südfrankreich zu verbringen. Doch die Kids sagen trotz fester Zusage kurzfristig ab, weil sie den hippen Freund ihrer Mutter ihrem spießigen Vater vorziehen. Simon ist enttäuscht und wütend, aber er traut sich nicht, seiner Ex-Frau Maya, die so gerne über seinen Kopf hinweg entscheidet, und seinen wankelmütigen Sprösslingen einmal so richtig die Meinung zu sagen. Er geht Konflikten lieber aus dem Weg, da er es sich mit niemandem verderben möchte.

Seine neue Partnerin, Kristina Dembrowski, hat er mit dieser Einstellung bereits vergrault. Sie ist es leid, nur die Frau im Hintergrund zu sein, denn Simon hatte bisher immer noch nicht den Mut, sie seiner Familie und seinen Freunden offiziell vorzustellen. Als Simon Kristina eröffnet, dass er Weihnachten lieber allein mit seinen Kindern feiern möchte, um sie nicht mit seiner neuen Lebensgefährtin zu überfordern, reicht es ihr endgültig, und sie beschließt, ihm keine zweite Chance zu geben. Simon, dessen Weihnachts- und Beziehungspläne sich von jetzt auf gleich in Rauch aufgelöst haben, hadert mit sich und seiner Situation.

Eine folgenschwere Begegnung

Auf einem seiner Strandspaziergänge eilt Simon der verängstigten und bis auf die Knochen abgemagerten Französin Nathalie Boudon zur Hilfe. Die scheinbar obdachlose und entkräftete junge Frau war aus lauter Verzweiflung in ein Apartment eingebrochen, um dort wenigstens für einige Tage ein Dach über dem Kopf zu haben. Er beruhigt den aufgebrachten Hausmeister, zahlt ihre Mietschulden und nimmt sie bei sich auf – eine folgenschwere Entscheidung, denn Nathalie ist auf der Flucht vor der Polizei. Doch mehr ist aus ihr nicht herauszubekommen. Als sie merkt, dass sie Simon trauen kann, fasst sie sich schließlich ein Herz und erzählt ihm, was passiert ist. Nachdem sie es vor Hunger nicht mehr ausgehalten hatte, war sie in Lyon mit einem Unbekannten in seine Wohnung gegangen, der ihr Essen versprochen hatte, anschließend jedoch über sie hergefallen ist. In ihrer Panik hatte sie ihm eine Flasche über den Kopf geschlagen, worauf er regungslos liegen blieb. In der Annahme, er sei tot, verließ sie fluchtartig seine Wohnung, ohne ihre Tasche und ihr Handy mitzunehmen.

Die Gejagten

Obwohl Simon eigentlich nichts lieber täte, als Nathalie mit etwas Geld wieder vor die Tür zu setzen, entschließt er sich, ihr noch ein letztes Mal zu helfen und mit ihr nach Lyon in die Wohnung des Angreifers zu fahren, um ihre Handtasche zu holen. Ein wahnwitziger Plan, wie er erst viel zu spät erkennt, denn der Mann ist tatsächlich tot – jedoch nicht von einem Schlag auf den Kopf, sondern durch brutale Folterung. Nathalie schwört, nichts damit zu tun zu haben, doch Simon kommen erste Zweifel. Und ehe sich beide versehen, geraten sie ins Visier brutaler Menschenhändler, die vor nichts zurückschrecken, um Nathalie in ihre Gewalt zu bringen. Simon ahnt, dass Nathalie ihm nicht die ganze Wahrheit erzählt hat. Als sie endlich mit offenen Karten spielt, ist es viel zu spät, denn die Killer sind ihnen längst auf der Spur…

Hochspannender Thriller um ein brisantes Thema

Das brisante Thema Menschenhandel steht im Fokus von Links spannungsgeladener Geschichte. Und, wie immer, hat sie exzellent recherchiert: Beängstigend realitätsnah katapultiert sie uns in die Welt dieser kriminellen Banden, die Menschen zu Ware degradieren und sie jeglicher Würde berauben. So wird denn auch in zwei weiteren Handlungssträngen dieses Romans das tragische Schicksal der jungen Bulgarin Selina geschildert, die in die Fänge einer solchen Organisation gerät, und ebenso das mysteriöse Verschwinden des bulgarischen Mädchens Ninka beleuchtet. die auf eine Modelkarriere im Westen hoffte.

Am Ende gelingt es der Autorin wieder einmal auf brillante Weise, die unterschiedlichen Erzählfäden so zu verknüpfen, dass sich auf einmal der Gesamtkontext und alle Zusammenhänge für uns wie von selbst erschließen. Bis es allerdings soweit ist, müssen wir dem rasanten Tempo dieses hochexplosiven Thrillers, den man nicht aus der Hand legen kann, folgen, einige falsche Fährten entlarven und zu guter Letzt beim nervenaufreibenden Showdown wieder einmal feststellen, wie trügerisch Vertrauen sein kann. Mein Fazit: Ein absolutes Must Read!

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60 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

wien, buchhandlung, kindermädchen, arthur schnitzler, liebe

Ein Winter in Wien

Petra Hartlieb
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Kindler, 21.09.2016
ISBN 9783463400860
Genre: Romane

Rezension:

Wer diesen Roman nicht gelesen hat, dem entgeht nicht nur die wohl zauberhafteste Liebesgeschichte des Winters, sondern auch ein Lesegenuss sondergleichen, denn Petra Hartliebs neuestes Werk Ein Winter in Wien ist einfach ein hinreißendes Buchjuwel. Es spielt in der österreichischen Hauptstadt um 1910 im gehobenen Währinger Cottage-Viertel, wo der angesehene Dramatiker und Erzähler Dr. Arthur Schnitzler, der mit Werken wie Liebelei, Reigen, Freiwild, Das weite Land u.v.m. zu einem der renommiertesten Vertreter der Wiener Moderne zählte, mit Ehefrau Olga und den beiden Kindern Heinrich, genannt Heini, 9, und Lili, 2, lebt.

Das neue Kindermädchen

Nachdem das alte Kindermädchen Hedi zwecks Heirat gekündigt hat, tritt die junge Marie Haidinger die Stelle im Haus der Schnitzlers an. Marie kann ihr Glück kaum fassen, denn zum ersten Mal scheint es das Leben gut mit ihr zu meinen. Nach einer arbeitsreichen und lieblosen Kindheit hatte sie ihr gewalttätiger Vater im Alter von nur 12 Jahren als Magd an einen Bauern verkauft, um einen Esser weniger zu haben. Doch nach einem traumatischen Erlebnis flüchtet Marie schon nach kurzer Zeit und will in all ihrer Ausweglosigkeit ihrem Leben ein Ende setzen. Die Kellnerin Josephine rettet sie in letzter Minute und besorgt ihr Arbeit in einem Wirtshaus. Marie ist angewidert von ihrer neuen Aufgabe, aber schon bald gelingt ihr ein kleiner gesellschaftlicher Aufstieg: Sie wird Küchenmädchen bei einer Bankiersfamilie. Doch sie hat sich zu früh gefreut: Man schikaniert sie von früh bis spät und zu guter Letzt verliert sie sogar ihren Job.

Endlich zuhause

Bevor Marie jedoch erneut um ihre Existenz bangen muss, bietet sich ihr die Chance auf eine Stelle als Kindermädchen bei den Schnitzlers, die sie zu ihrer großen Freude auch erhält. Und endlich fühlt sie sich angekommen und zuhause: Die Köchin und Haushälterin Anna ist nett und fürsorglich, das Dienstmädchen Sophie ist ein wenig schroff, aber umgänglich. Und auch mit den Kindern kommt sie wunderbar klar: Die kleine Lili mag sie auf Anhieb, Wirbelwind Heini ist zunächst etwas reserviert, doch schnell wächst Marie auch ihm ans Herz. Und auch über ihren Arbeitgeber kann sie nicht klagen: Dr. Schnitzler ist äußerst freundlich und geht sehr liebevoll mit den Kindern um. Nur seine Frau Olga könnte netter sein: Sie steht Marie sehr skeptisch gegenüber und hält sie als Kindermädchen für viel zu jung.

Ein Buchhändler namens Oskar

Eines Tages soll Marie in der alteingesessenen Buchhandlung Friedrich Stock ein Buch für Dr. Schnitzler abholen. Dort begegnet sie dem jungen Buchhändler Oskar Novak, der sofort ganz verzaubert von ihr ist. Auch Marie findet ihn sympathisch, ist jedoch äußerst zurückhaltend, wie es sich für eine junge Frau in ihrer Stellung geziemt. Da Dr. Schnitzler des Öfteren Bücher bei Stock bestellt, kreuzen sich ihre Wege immer wieder, und Oskar macht Marie zu ihrer großen Freude hin und wieder kleine Buchgeschenke. Marie ist fasziniert – von der Literatur und von Oskar – und willigt sogar ein, mit ihm an ihren freien Tagen spazieren zu gehen. Sie genießt die gemeinsame Zeit mit ihm und könnte nicht glücklicher sein.

Spurlos verschwunden

Doch dann passiert etwas, das Marie völlig aus der Bahn wirft: Bei einem Besuch des Christkindl-Marktes gemeinsam mit Heini verliert sie den überaktiven Jungen aus den Augen. Er verschwindet spurlos in der Menge, und Marie ist am Boden zerstört, denn sie kann ihn nirgends finden. Sie traut sich nicht mehr nach Hause und sieht in ihrer Verzweiflung nur einen schrecklichen Ausweg…

Ein wundervoller historischer Roman mit liebenswerten Protagonisten

Petra Hartliebs Roman hat mich von der ersten Seite an begeistert. Sie lässt nicht nur das vibrierende Wien um 1910 auf beeindruckende Weise lebendig werden, sondern hat mit Marie und Oskar zwei liebenswerte Protagonisten geschaffen, die dem Leser ans Herz wachsen. Mittels der tragischen Lebensgeschichten von Marie und Oskar zeichnet Hartlieb zudem ein aufschlussreiches Porträt der sozialen Zustände einer Epoche, in der Glanz und Schatten eng beieinander lagen. Dies gelingt der Autorin, ohne dabei in Kitsch oder Tränenhascherei zu verfallen. Sie visualisiert die tiefste Armut der Unterschicht und die Opulenz der Oberen mit ihrer singulären Erzählkunst und gewährt uns mit Marie, Oskar und den Schnitzlers informative – und allzu menschliche – Einblicke in beide Welten. Dieser Aspekt hat mir sehr gefallen. Dies gilt ebenso für die wunderschöne Liebesgeschichte der beiden Hauptfiguren, die herrlich romantisch ist. Mein Fazit: Ein ganz zauberhaftes Buch, das unbedingt nach einer Fortsetzung verlangt!

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5 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

breton, boheme, obsession, geliebte und mus, paris

Dora und der Minotaurus

Slavenka Drakulic , Katharina Wolf-Grießhaber
Fester Einband: 236 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 19.09.2016
ISBN 9783351036430
Genre: Romane

Rezension:

Pablo Picassos Kunst war legendär. Dies trifft in gleichem Maße auch auf seine Frauengeschichten zu, denn seine weiblichen Verehrerinnen lagen dem charismatischen Malergenie reihenweise zu Füßen. Einige Auserwählte stilisierte er zu seinen Musen, die er jedoch nach gewisser Zeit durch jüngere Gespielinnen ersetzte, wenn sein Interesse erloschen war. Das gleiche Schicksal ereilte auch Dora Maar, eine sehr talentierte surrealistische Fotografin, Malerin und extravagante Persönlichkeit der Pariser Avantgarde, die ihre Karriere und schließlich sich selbst für den egozentrischen Künstler aufgab. Diese verhängnisvolle Beziehung thematisiert die kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulić in ihrem neuen Roman Dora und der Minotaurus auf einzigartige Weise. Sie gibt Maar, die stets im Schatten des überlebensgroßen Egomanen stand und auf sein attraktives Anhängsel reduziert wurde, eine Stimme und lässt uns erahnen, wie es im Inneren der äußerlich kontrollierten, aber tief zerissenen Frau aussah. Dies gelingt der Autorin derart überzeugend, dass man fast vergisst, dass der Roman Fiktion ist, obwohl Drakulić im Vorwort angibt, dass der folgende Text Fragmente aus Maars Notizbuch seien. Dies lässt sich aber nicht abschließend verifizieren.

Das schüchterne Mädchen, das nie lächelt

Die Geschichte wird in der Ich-Form von Protagonistin Dora Maar (eigentlich Henriette Theodora Markovitch) erzählt, die ihr Leben in aufschlussreichen Rückblicken Revue passieren lässt. Als Tochter einer Französin und eines kroatischen Architekten wächst sie zunächst in Paris auf, doch schon nach kurzer Zeit siedelt die Familie nach Buenos Aires/Argentinien um, wo ihr Vater Josif einen vielversprechenden neuen Job annimmt, der seine Karriere beflügeln soll. Doch ihre Mutter Julie kann sich mit der fremden Heimat in keiner Weise anfreunden, die Menschen sind ihr, die sich als Mitglied der aufstrebenden Bourgoisie betrachtet, nicht fein genug – ihre Kultur und ihre Traditionen, allen voran der Tango und die damit verbundene Sinnlichkeit, lehnt sie als moralisch verwerflich ab. Es gelingt ihr allerdings nicht, Dora ihren strengen Regeln zu unterwerfen, denn als Heranwachsende taucht das schüchterne Mädchen, das nie lächelt, ein in die Welt der puren südamerikanischen Lebensfreude. Ihr Vater, von dem Dora das Bodenständige geerbt hat, lässt sie gewähren, doch ihre Mutter ist entsetzt: Sie kehrt mit Dora umgehend nach Paris zurück, um sie dem schändlichen Einfluss dieser in ihren Augen primitiven Menschen zu entziehen.

Die aufstrebende Fotografin

Nach einem Studium der Fotografie und Malerei ändert die ambitionierte Kreative ihren Namen in Dora Maar. Sie will ihr introvertiertes, entwurzeltes und einsames Ich hinter sich lassen, an ihrer Karriere arbeiten und unabhängig sein. Und dies gelingt ihr auch: Mit der finanziellen Unterstützung ihres Vaters richtet sie sich ein eigenes Atelier ein und lernt die schillernden Persönlichkeiten der Avantgarde wie Henri Cartier-Bresson, André Breton und den Philosophen Georges Bataille kennen, mit dem sie eine Affäre beginnt.  Als Fotografin macht sich Dora u.a. mit sogenannter Straßenfotografie – außergewöhnliche Fotos von gesellschaftlichen Außenseitern, Obdachlosen und anderen Menschen auf der Schattenseite des Lebens – einen Namen. Aber auch Erotik- und Modefotos hat sie im Repertoire. Hinter der Kamera fühlt sich Dora sicher, hinter ihr versteckt sie sich. Durch ihr Auge kann sie das Wesen eines Menschen ausmachen und in einer Momentaufnahme festhalten – eine ganz besondere Gabe, deren sie sich auch bewusst ist. Sie reist viel und lernt die Welt kennen, doch zuhause fühlt sie sich nirgendwo. Es fällt ihr sichtlich schwer, Wurzeln zu schlagen und sich zu definieren: Ihr wahres unsicheres Ich verbirgt sie hinter einer kontrollierten Maske aus Arroganz und Stolz.

Die unterwürfige Muse

Als Dora im Alter von 29 Jahren im Pariser Szene-Café Les Deux Magots das um viele Jahre ältere Malergenie Pablo Picasso kennenlernt, ist es bei ihr keinesfalls Liebe auf den ersten Blick. Picasso hingegen findet Dora mit ihren schwarzen langen Haaren und grünen Augen sofort faszinierend. Obwohl Dora Picasso nicht sehr attraktiv findet, kann sie sich seiner Ausstrahlung und magnetisierenden Anziehungskraft nicht entziehen. Sie lässt sich auf eine Affäre mit ihm ein, die zu ihrer Überraschung in eine Beziehung mündet. Dass er wegen ständig wechselnder Frauengeschichten berühmt-berüchtigt und für seinen Machismo und Geiz bekannt ist, ignoriert Dora – ganz beseelt von dem Gedanken, dass ihre Liebe ihn ändern kann. Sie ist zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich glücklich, denn Picasso macht sie nicht nur zu seinem Lieblingsmodell, sondern auch zu seiner Muse. Sie wird Teil seiner ihn bewundernden Entourage und genießt das Leben an seiner Seite. Schließlich inspiriert sie ihn sogar zu einem seiner großartigsten Werke, Guernica, dessen Entstehungsgeschichte sie mit ihrer Kamera dokumentiert.

Doch nach einiger Zeit gibt es immer mehr Dinge, die ihr übel aufstoßen. Je sicherer er sich ihrer Liebe ist, desto öfter behandelt er sie wie einen Fußabtreter. Die ihr zugedachte Rolle als Muse beinhaltet, dass sie ihn vergöttert, eine eigenständige Partnerin ist ihm zuwider. Er lehnt ihren Job als Fotografin ab, denn Fotografie ist in seinen Augen keine Kunst. Ihm zuliebe hängt sie schließlich sogar das geliebte Fotografieren an den Nagel und widmet sich der Malerei, obwohl sie hieran nicht viel Freude hat.

Gegen jegliche Vernunft akzeptiert Dora auch seine ständig wechselnden Geliebten und redet sich ein, dass er ja doch immer wieder zu ihr zurückgekehrt. Obwohl ihr bewusst ist, dass sie sich ständig verleugnet und jeden Tag ein Stück mehr von sich aufgibt, hält sie an ihrer Beziehung zu Picasso fest, der nicht mal mehr Mitleid für sie empfindet. Ihre Wut- und Weinanfälle münden schließlich in einem bizarren Wahn, dessen Endstation die Psychiatrie ist. Dora hofft auf Picassos Unterstützung in dieser schweren Zeit, doch er hat längst schon eine neue junge Muse im Visier. In ihrer tiefen Verzweiflung fasst sie einen Plan, der ihr Leben für immer verändern wird…

Im Bann des Minotaurus: Leben mit einem Mythos

Dora Maars Lebensrückschau, die Drakulić ohne Beschönigung bzw. Romantisierung konzipiert hat, ist eine Klasse für sich. Aufgrund der eindringlichen Ich-Erzählung hat der Leser das Gefühl, in Doras vielschichtige Gedankenwelt einzutauchen, ohne dabei jedoch die Distanz zu verlieren. So sehr wir manches Mal auch ihre Ansichten verstehen können, umso entsetzter müssen wir die Selbstaufgabe der talentierten Künstlerin miterleben, die sich trotz besseren Wissens einem Mann unterwirft, für den sie nicht mehr als austauschbares schmückendes Beiwerk ist. Obwohl sie in der Lage ist, sich und ihr Verhalten messerscharf zu analysieren, gelingt es ihr nicht, sich aus dem Bann des Egozentrikers zu befreien, dem sie nicht das Geringste bedeutet.

Als er ihr sein Bild Dora und der Minotaurus als Wiederspieglung ihrer Beziehung widmet, ist sie entsetzt, denn das Bild zeigt eine ihr sehr ähnliche Frau beim Liebesakt mit dem mythischen Minotaurus, ein Ungeheuer mit menschlichem Körper und Stierkopf. Die Frau mit dem stolzen Blick ergibt sich völlig unterwürfig der animalischen Kraft des Monstrums. Auch andere Bilder, auf denen Picasso sie darstellt, sind nicht schmeichelhaft: Er porträtiert sie oftmals als weinende Frau bzw. als jämmerliche Erscheinung, was einmal mehr deutlich macht, wie wenig er sie respektiert. Und trotz allem glorifiziert sie ihn und kann sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. Als Leser ist man angesichts dieser Selbstnegierung fassungslos, doch man kann sich ebenso wenig von dieser fesselnden Geschichte lösen.

Brillanter Roman über die Agonie einer außergewöhnlichen Künstlerin

Dieser brillante Roman ist eine exzellent recherchierte Komposition. Die tragische Lebensgeschichte von Dora Maar hat mich sehr berührt und zum Nachdenken angeregt. Sie zeigt auf, wie schnell ein Mensch – trotz Intelligenz und Weitsicht – in eine obsessive Abwärtsspirale hineingeraten und sehenden Auges seinem Untergang entgegengehen kann. Dies als gewagte Utopie abzutun, wäre Hochmut – das muss schließlich auch Dora Maar schmerzlich erkennen, die felsenfest davon überzeugt war, nie so zu enden wie Picassos Verflossene. Ein Trugbild aus Hybris und Vermessenheit, für das sie einen hohen Preis bezahlte.

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31 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

Licht und Zorn

Lauren Groff , Stefanie Jacobs
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin, 22.08.2016
ISBN 9783446253162
Genre: Romane

Rezension:

Lauren Groffs Roman Licht und Zorn zählte 2015 zu den meist diskutierten literarischen Werken in den Vereinigten Staaten – und das nicht nur, weil US-Präsident Obama ihn als sein Lieblingsbuch des Jahres bezeichnete. Dabei ist die Thematik auf den ersten Blick nicht außergewöhnlich: In zwei separaten Teilen skizziert die Autorin das Porträt einer 24-jährigen Ehe – zum einen aus Sicht des Mannes, zum anderen aus Sicht der Frau. Wie Groff dies allerdings schriftstellerisch umsetzt, ist großartig: Ihr einzigartiges Gespür für Sprache, ihr Spiel mit antiken Mythen und ihr evidentes Verständnis von klassischer Tragödie (und Komödie) machen den Roman zu einem Leseerlebnis der besonderen Art. Denn die Geschichte hat viel mehr zu bieten als nur eine Aneinanderreihung von Eheszenen mit glücklichen, zornigen und traurigen Momenten: Die detaillierten Psychogramme der Ehepartner lassen tief blicken, doch trauen können wir ihnen nicht. Und so müssen wir als Leser selbst ergründen, wie die Wahrheit hinter der Fassade des Traumpaars ausgesehen haben könnte. Aber dies ist alles andere als einfach, denn ehe wir uns versehen, finden wir uns im zweiten Teil des Romans mitten in einem Ehethriller wieder, der uns in Atem hält und uns alles in Frage stellen lässt, was wir bisher über die Protagonisten zu wissen glaubten.

Die charismatische Lichtgestalt

Teil 1 wird aus Sicht des Ehemannes, Lancelot „Lotto“ Satterwhite, erzählt. Gutaussehend, charmant und mit einem von seiner Mutter stets geförderten künstlerischen Talent ist der nach einem sagenumwobenen Ritter benannte Sohn eines reichen Mineralwasserindustriellen aus Florida nicht nur für seine Eltern eine wahre Lichtgestalt. Dem „Golden Boy“, der zu Höherem berufen zu sein scheint, darf es an nichts fehlen, ihm stehen alle Türen offen. Doch nach dem plötzlichen Tod seines Vaters, der Lotto völlig verstört zurücklässt, gerät er auf die schiefe Bahn. Dies ändert sich erst, als seine Mutter ihn auf ein College in New Hampshire schickt und er dort die Schauspielerei für sich entdeckt. Sein Talent hält sich zwar in Grenzen, doch seine Aura überstrahlt alles. Schnell avanciert er zum Star der Truppe und spielt zur Überraschung seiner Lehrer sogar die klassischen Rollen.

Vor diesem Hintergrund nimmt auch die Zahl seiner weiblichen Verehrerinnen stetig zu, und Lotto kann keiner widerstehen: Er wechselt seine Freundinnen schneller als seine Hemden, bis er die kühle, unnahbar-schöne Mathilde Yoder nach einem seiner gefeierten Auftritte kennenlernt. Sie ist für ihn der Inbegriff einer Frau: Die perfekte Inkarnation von Schönheit und Reinheit, eine Heilige, die er anbetet. Als er dann nach der ersten Nacht festzustellen glaubt, dass er ihr erster Mann war, ist sein Glück perfekt. Nichts kann sein Bild von Mathilde trüben, für ihre passive Aggression und ihren unter der Oberfläche gefährlich leise brodelnden Zorn ist er blind. Mit nur 22 heiratet er sie – gegen den Willen seiner Mutter, die Mathilde von vornherein misstraut und ihm daraufhin jegliche finanzielle Unterstützung verweigert.

Doch Scheitern ist in Lottos Leben nicht vorgesehen. Als ihm der Durchbruch als Schauspieler nicht gelingt, wird er mit einer eines Nachts aus schierer Verzweiflung verfassten Tragödie zum gefeierten Dramatiker. Und was noch viel wichtiger ist: Seine Ehe mit Mathilde hat allen Widrigkeiten zum Trotz standgehalten, denn sie ist stark, getragen von gegenseitiger Liebe. Er bereut keine Sekunde, den Kontakt zu seiner Mutter abgebrochen zu haben, da sie Mathilde von Beginn an feindlich gegenüberstand. Außerdem scheint Mathilde zufrieden mit ihrer Rolle als Frau im Hintergrund, die in finanziell schwierigen Zeiten Geld für beide verdient, sein Leben bestens managt und sich nie beklagt. Doch dann erfährt er durch Zufall etwas Unglaubliches über Mathilde, das seine Welt und sein Bild von ihr völlig ins Wanken bringt…

Die zornige „Eiskönigin“

In Teil 2 erzählt uns Lottos Frau, Mathilde Yoder, ihre Geschichte. Und was wir über sie erfahren, schockiert und erschüttert uns, denn die wahre Mathilde hat so gar nichts gemeinsam mit dem verklärten Bild, das uns ihr Gatte in Teil 1 von seiner Frau übermittelt. Wir erfahren, wie sie durch eine Tragödie zu der Frau geworden ist, die sie ist: Eine reservierte Einzelgängerin ohne Freunde, die niemanden an sich herankommen lässt und die man hinter ihrem Rücken Eiskönigin nennt, weil sie kalt und unnahbar auf ihre Umgebung wirkt. Obwohl Mathilde gefühlsmäßig abgestumpft ist, gelingt es Lotto, zu ihr durchzudringen, auch wenn sie ihn anfänglich aus schierer Berechnung geheiratet hat. Lotto allein vermag von Beginn an, sie als den guten Menschen zu sehen, der sie so gerne geworden wäre. Dies gibt ihr nicht nur die Kraft, um weiterzumachen, sondern auch die Fähigkeit, einen Menschen zu lieben.

Doch zu groß ist ihr Zorn auf die Welt und ihr Selbsthass, als dass sie ihr Leben genießen könnte. Mehr und mehr entdeckt sie – patriarchalische – Facetten an ihrem Mann, die ihr übel aufstoßen. Zudem missfällt ihr seine enge Beziehung zu einem jungen Künstler, die sie zwar nicht einordnen kann, aber um jeden Preis torpedieren möchte. Auch Lottos Verhalten ihr gegenüber hat sich aus ihrer Sicht seltsam verändert. Er zieht sich immer mehr von ihr zurück und ist äußerst schweigsam. Verlustängste steigen in ihr auf, denn sie vermutet, dass er sie verlassen will. Doch noch bevor sie agieren kann, schlägt das Schicksal ein weiteres Mal zu…

Ein einzigartiges Ehedrama mit fesselndem Perspektivenspiel

Mit Licht und Zorn ist Lauren Groff ein beispielloses Ehedrama gelungen, das zugleich berührt und verstört. In ihre Geschichte webt die Autorin viele Elemente der klassischen griechischen Tragödie mit ein – so ist z.B. der scheinbar allwissende Erzähler, dessen Kommentare in eckigen Klammern zu finden sind, durchaus mit dem antiken Chor vergleichbar. Nachdem ihr Protagonist Lotto sich als Dramatiker etabliert hat, erzählt Groff sein weiteres Leben anhand seiner Werke, die oftmals Bezug zu großen antiken Tragödien bzw. mythischen Hintergrund haben. Das ist nicht nur ungewöhnlich und aufschlussreich, sondern zeigt auch, wie versiert die Autorin auf diesem Gebiet ist und wie klug sie die Dramen im Hinblick auf den weiteren Verlauf des Romans konzipiert hat.

Sehr beeindruckt hat mich Groffs Perspektivenspiel und ihr singulärer Erzählstil, der uns – so scheint es zunächst – tief unter die Oberfläche ihrer Protagonisten katapultiert. Während Lotto immer ein wenig seicht, überschwenglich und manchmal auch lethargisch daherkommt, verlangt uns Mathilde einiges ab. Doch am Ende sind wir uns nicht wirklich sicher, welcher Wahrheit wir trauen können. Die einzige Erkenntnis, die wir nach Lektüre dieses Lehrstücks zwischenmenschlicher Beziehungen gewinnen können, ist, wie wenig wir manchmal vom anderen wissen, wie viel wir ausblenden bzw. nicht sehen wollen und wie sehr wir uns oftmals in das Bild verlieben, das wir uns von unserem Partner gemacht haben, auch wenn es vielleicht nicht der Realität entspricht. Doch gerade aus diesem Unwissen heraus, dessen wir uns ja gar nicht bewusst sind, kann, so zeigt uns Groff, eine tiefe Liebe entstehen, die Bestand hat und beflügelt. Ein kleiner Trost, der uns am Ende des Ehedramas dann doch nicht ganz ohne Hoffnung zurücklässt. Mein Fazit: Einer der besten Romane des Jahres  – absolut lesenswert!

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Mord am Montmartre

Cara Black , Karl-Heinz Ebnet
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.09.2016
ISBN 9783492308601
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nach längerer Zeit habe ich mal wieder eine Krimireihe entdeckt, die mir vom ersten Band an gefallen hat – und dies nicht nur, weil sie in meiner Lieblingsstadt Paris und darüber hinaus – wie in dem hier vorgestellten Roman Mord am Montmartre – in meinem favorisierten Viertel spielt. Die von der amerikanischen Bestsellerautorin Cara Black konzipierte Romanserie hat meines Erachtens alles, was gute und fesselnde Thriller ausmacht: Eine packende Story mit unvorhersehbarem Ende, viele nebulöse und falsche Fährten, die es dem Leser schwer machen, den Täter zu entlarven und eine ganz spezielle Protagonistin, die nicht dem Superwoman-Ideal entspricht. Nachdem ihr Vater, ein ehemaliger Polizist und Detektiv, bei einem Sprengstoffanschlag auf tragische Weise ums Leben kam, übernimmt die Privatermittlerin Aimée Leduc gemeinsam mit dem kleinwüchsigen Computerspezialisten René seine Detektei Leduc Détective, die sich auf Computersicherheit spezialisiert hat. Während Aimée in ihrem Job aufgeht und auch dank René immer mehr Aufträge für ihre Detektei an Land ziehen kann, steht ihre Beziehung zu Guy vor dem Aus. Der angesehene Augenarzt hat keinerlei Verständnis für Aimées Arbeitseifer und ihr daraus resultierendes privates Chaos, obwohl er selbst als Mitglied von Ärzte ohne Grenzen beruflich sehr eingespannt ist. Er verlässt sie vom einen auf den anderen Tag, womit Aimée nur sehr schwer umgehen kann.

Mysteriöser Mord an einem Polizisten

Da kommt der Anruf ihrer besten Freundin Laure, eine Streifenpolizistin, die sie zur Abschiedsfeier eines alten Kollegen einlädt, gerade recht. Während Laures Vater als hochdekorierter Polizist in den Ruhestand ging, quittierte Aimées Vater den Dienst aufgrund von Korruptionsvorwürfen – ein Verdacht, den Aimée immer noch auszuräumen versucht. Doch dies konnte ihre Freundschaft zu Laure nie trüben, und so genießt sie den feuchtfröhlichen Abend gemeinsam mit ihrer Freundin und den alten Kollegen ihrer beiden Väter. Die Party findet ein jähes Ende, als Laures Partner, Jacques Gagnard, sie bittet, ihn zu einem Treffen mit einem Informanten zu begleiten. Laure hält dies für keine gute Idee und versucht, ihn davon abzubringen. Aimée bekommt mit, wie sich die beiden draußen lautstark streiten, aber Laure versichert ihr, dass alles in Ordnung sei und sie mit Gagnard nur ganz kurz wohin müsse. Als Laure nicht zurückkehrt, macht sich Aimée große Sorgen und beschließt, sie zu suchen. Durch Zufall findet sie die beiden ganz in der Nähe über den Dächern der Stadt, wo sich ihr ein grauenvolles Bild bietet: Gagnard wurde mit mehreren Schüssen niedergestreckt und liegt im Sterben, Laure hat schwerste Kopfverletzungen und kann sich an nichts erinnern.

Ein schrecklicher Verdacht

Als die Polizei Schmauchspuren an Laures Händen findet, wird sie zur Verdächtigen Nr. 1. Aimée kann sich nicht vorstellen, dass ihre Freundin ihren Partner erschossen haben soll und nimmt sich gemeinsam mit René des Falles an – sehr zum Ärger der ermittelnden Beamten, die sich jegliche Einmischung verbieten. Und so setzt Aimée zunächst all ihre Hoffnung auf Laures Verteidiger, Maître Delambre. Doch der junge Anwalt hat seine Mandantin aufgrund der scheinbar unwiderlegbaren Beweise bereits vorverurteilt und ist nicht sehr motiviert. Als dann auch noch die Ex-Frau von Gagnard Laure in einem Presseinterview schwer belastet, wird es eng für Aimées Freundin, die mittlerweile ins Koma gefallen ist und sich nicht mehr verteidigen kann.

Aber Aimée bleibt hartnäckig und recherchiert in alle Richtungen. Schon bald stößt sie auf einige seltsam verschlossene Zeugen: Zoé Tardou, die ihre Dach-Wohnung nie verlässt, der kleine Paul, der von seiner alkoholkranken Mutter vernachlässigt wird und sich heimlich aufs Dach schleicht, die Prostituierte Chlochlo, die mehr weiß, als sie zugibt und schließlich der Barbesitzer Zette, dem ebenfalls nicht nach Reden zumute ist. Sie alle schweben nach einem Gespräch mit Aimée plötzlich in Lebensgefahr. Als einer von ihnen brutal ermordet wird, weiß Aimée, dass sie auf der richtigen Spur ist. Diese führt in allerhöchste Kreise und zu scheinbar übermächtigen Gegnern, die immer einen Schritt voraus sind. Aimée läuft die Zeit davon, und so entschließt sie sich, das höchstmögliche Risiko einzugehen, um Laure zu entlasten und die wahren Täter und ihre Hintermänner zur Strecke zu bringen…

Erstklassiger, sehr lesenswerter Thriller mit Lokalkolorit

Cara Black ist mit Mord am Montmartre ein wirklich sehr guter Thriller gelungen, der nicht in der Tradition der heute so üblichen blutrünstigenden Reißer steht, sondern mit einer glaubwürdigen, hochspannenden Story überzeugt, die sowohl gesellschaftskritische als auch politische Aspekte beinhaltet. Darüber hinaus lässt die Autorin die Leser in das Künstlerviertel Montmartre mit all seinen Facetten abtauchen und gewährt mit viel Liebe zum Detail aufschlussreiche Einblicke in das geschichtsträchtige Quartier, das nach wie vor die Bohème anzieht. So entstaubt sie nicht nur alte Klischées, sondern zeigt auch die Brennpunkte, die sich hinter dem Glamour der Butte verbergen.

Die Protagonisten und Nebenfiguren sind äußerst gut erdacht und fernab jeglicher Stereotypen. Vor allem die Bad Guys sind beängstigend realitätsnah. Aimée Leduc, die chaotische Privatermittlerin mit dem untrüglichen Instinkt, wird dem Leser schnell vertraut. Sie ist weder ein Supercop noch eine sexy Detektivin, die mit High Heels den bösen Jungs hinterherstöckelt, sondern eine ganz normale Frau, die in ihrem Job nicht immer alles richtig macht: Sie irrt, geht falschen Spuren nach und zweifelt des Öfteren an ihrer Menschenkenntnis. Und sie hadert vor allem mit ihrem nicht funktionierenden Privatleben, das bei ihrem Job stets hinten ansteht. Das alles macht sie zu einer eher unspektukulären Heldin, der wir aber gerade deshalb gerne folgen. Mein Fazit: Ein exzellenter, sehr lesenswerter Thriller!

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valparaíso, hamburg, südamerika, schiff, ch: niveau 2016

Der Hydrograf

Allard Schröder , Andreas Gressmann
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei mareverlag, 04.10.2016
ISBN 9783866482623
Genre: Romane

Rezension:

Dem niederländischen Schriftsteller Allard Schröder ist mit seinem Buch Der Hydrograf ein ganz außergewöhnliches Werk gelungen, das mit seiner Sprachgewalt und vielschichtigen Symbolik beeindruckt. Ganz langsam entfaltet dieser leise Roman seine Wirkung und gewährt unerwartete und oftmals verstörende Einblicke in die existentiellen Tiefen und Abgründe seiner Protagonisten, deren ganze Komplexität am Ende sichtbar wird. Die Hauptfigur dieser ausgefallenen Geschichte, die im Jahre 1913 spielt, ist der Meeresforscher und Physiker Graf Franz von Karsch-Kurwitz, der als Privatdozent am Ozeanographischen Institut in Hamburg arbeitet. Ohne seine Familie und Freunde zu informieren, schifft er eines Tages auf dem Viermaster Posen in Richtung Valparaíso/Chile mit keinem bestimmten Ziel ein. Die Selbstlüge, die er sich im Hinblick auf den Zweck dieser Reise auftischt, ist, dass er wissenschaftliche Beobachtungen durchführen und diesbezügliche Daten zusammenstellen will. Doch schnell muss er sich eingestehen, dass dies nur ein vorgeschobener Grund ist, denn in Wahrheit flüchtet der junge Forscher vor seinem in Monotonie erstarrten und pflichtbeherrschten Leben, das an ihm vorbeizieht, während er nur ein teilnahmsloser Zuschauer ist. Darüber hinaus ist auch seine arrangierte Ehe mit Agnes Saënz, eine junge Frau, für die er nicht das Geringste empfindet, eine weitere triftige Veranlassung, um sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen. 

Flucht ohne Ziel

Doch schon zu Beginn der Reise wird Franz klar, dass er all seine wissenschaftlichen Untersuchungen nur halbherzig macht, weil seine Arbeit für ihn sinnlos geworden ist. Das Meer, das als Hydrograf eigentlich sein Element sein müsste, hat ebenfalls keine große Bedeutung mehr für ihn. Und so verbringt er seine Tage an Bord zwischen Lebensüberdruss, Selbstekel und unerträglicher Langeweile, wovon auch seine Mitreisenden ihn nicht ablenken können. Im Gegenteil: Der aus Triest stammende Salpeterhändler Amilcar Moser, der auf einer Geschäftsreise nach Chile ist und sich selbst als Mann der Tatsachen beschreibt, geht Franz mit seinem ständigen „Die-Zeiten-werden-sich-bald-zu-meinen-Gunsten-ändern“ Gerede gehörig auf die Nerven. Insgeheim bewundert Franz allerdings die Einstellung des Bonvivants, der sein Leben und die Frauen zu genießen vermag. Auch mit dem Lehrer Dr. Ernst Todtleben, der auf dem Weg zu seinem neuen Job am Deutschen Gymnasium in Santiago de Chile ist, kann Franz nicht viel anfangen. Die hochtrabenden philosophischen Ausführungen von Todtleben sind ihm ein Gräuel – dies resultiert allerdings aus einem tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplex, denn Franz hält sich in jeder Hinsicht für mittelmäßig und wenig talentiert.

Gefährliche Begegnung

Und so plätschert die Reise für Franz ziel- und ereignislos dahin, bis in Lissabon die schöne und geheimnisvolle Tänzerin Asta Maris an Bord kommt, die alle drei Männer in ihren Bann zieht. Sie bringt die Gefühlswelt des beherrschten, stets auf Kontrolle bedachten Franz völlig ins Wanken: Eifersüchtig muss er zusehen, wie sie sich mit dem offenbar recht biederen Todtleben anfreundet. Doch als letzterer nach einem Landgang mit der attraktiven Blondine nicht mehr zurückkehrt und später schwer verletzt aufgefunden wird, kommen Franz erste Zweifel an der undurchsichtigen Dame. Aber er kann sich trotz allem ihrer Faszination nicht lange entziehen. Bald muss er jedoch feststellen, dass nichts so ist, wie es scheint und dass jeder ein düsteres Geheimnis hütet, welches auf keinen Fall ans Licht kommen darf. Dies trifft jedoch nicht nur auf Asta Maris und Todtleben zu, sondern auch auf Franz, dem schließlich keine andere Wahl mehr bleibt, als sich den Dämonen seiner Vergangenheit zu stellen…

Parabelhafter Roman mit vielschichtiger Symbolik

In seinem parabelhaften und symbolträchtigen Roman Der Hydrograf erzählt Allard Schröder die Geschichte eines jungen Wissenschaftlers, der angesichts einer für ihn unerträglichen Stagnation in seinem Leben die Flucht nach vorne antritt und sich auf eine Reise ins Unbekannte begibt. Diese Reise, die als existentielle Wiederbelebung angedacht war, wird jedoch zu einem beängstigenden Trip in sein Innerstes, die ihm, dem Verstandsdominierten, sehr viel abverlangt. Zur Verdeutlichung dieser Seelenexpedition bedient sich Allard Schröder zweier Archetypen – Schiff und Meer. Das Schiff bzw. die Reise als Symbol für das Streben nach Veränderung und Neuanfang ist hier sehr passend gewählt. Dies gilt in gleicher Weise für das Meer, das als Symbol für das Unterbewusste steht.1 In dieser Geschichte fungiert es als Spiegel des Gemütszustandes der ambivalenten Protagonisten: Aufbrausend wie ihre emotionalen Achterbahnfahrten und still wie ihre Lebensflauten, die sie nicht zu überwinden vermögen. Diese Einblicke, die uns Schröder in die Abgründe der menschlichen Natur gewährt, sind verstörend. Sein unvergleichlicher Erzählstil und seine sprachliche Brillanz machen den Roman zu einer ganz besonderen Lektüre. Daher mein Fazit: Sehr empfehlenswert!

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Die Muse

Jonathan Galassi , Uljana Wolf
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 25.08.2016
ISBN 9783100022943
Genre: Romane

Rezension:

Dieser Debütroman des amerikanischen Schriftstellers, Poeten und Verlegers Jonathan Galassi hat mich begeistert. Allein schon wegen des pointierten, hervorragend formulierten und in jeder Hinsicht wahrhaftigen Vorwortes lohnt es sich, das Buch zu lesen, denn es verheißt eine einzigartige Geschichte – und hält sein Versprechen auf bestmögliche Weise. Die Story beginnt im New York der 60er Jahre und gewährt einen sehr unterhaltsamen und aufschlussreichen Blick hinter die Kulissen des Verlagswesens mit seinen exzentrischen Gentleman-Verlegern, launenhaften Autoren und unscheinbaren, aber brillanten Lektoren, die mit Instinkt und einem besonderen Gespür für außergewöhnliche Manuskripte die Literaturwelt nachhaltig veränderten. Protagonist des Romans ist der introvertierte Enddreißiger Paul Dukach, der sich ganz der Literatur und insbesondere der Lyrik verschrieben hat. Als Schöngeist ist er in seiner Familie ein Außenseiter, denn er lässt sich nicht in das Männlichkeitsideal pressen, das sein strenger Vater schon seinen Brüdern auferlegt hat, die alle erfolgreiche Sportler sind.

Ein schöngeistiger Außenseiter

Schon früh geht Paul seinen eigenen Weg und nimmt während seines Studiums einen Aushilfsjob im Buchladen Pages von Morgan Dickerman an, die eine Art Ersatzmutter für ihn wird. Sie ist es auch, die sein Talent erkennt und ihn an Literatur und ihre vielfältigen (Stil-)Richtungen heranführt. Vor allem aber initiiert sie seine Liebe zur Lyrik, als sie ihm den Gedichtband Striptease der gefeierten und divahaften Dichterin, Ida Perkins, schenkt. Paul ist fasziniert von Idas innovativen, teilweise schockierend direkten Stil und verschlingt jedes ihrer Werke – eine Obsession, die fortan einen großen Teil seines Lebens bestimmt, denn es spricht sich schnell herum, dass der scheue Nerd d e r Experte ist, wenn es um Ida Perkins geht. Obwohl die renommierte Poetin als unzugänglich, arrogant und äußerst reserviert gilt, sind ihre schonungslos offenen Gedichte in aller Munde. Die Verlage reißen sich um die Göttin der Dichtkunst, die zum Superstar der Lyrik avanciert und auch mit ihrem für die damalige Zeit skandalösen Privatleben – vier Ehen und zahlreiche Geliebte – für Schlagzeilen sorgt.

Ein großmäuliger Mentor

Durch Morgans Beziehungen gelingt es Paul schließlich, einen Job bei einem der angesagtesten Independent-Verlage, Purcell & Stern (P&S), als Lekor zu erhalten. Obwohl sein Chef, der laute, großmäulige und aufschneiderische Verlagsinhaber Homer Stern, sehr gewöhnungsbedürftig ist, könnte Paul keinen besseren Lehrmeister und Mentor haben. Der überlebensgroße, nicht sehr belesene Verleger-Casanova mit einem Faible für kubanische Zigarren und Mercedes-Cabrios zeigt seinem Schützling auf seine ganz eigene Weise, worauf es in diesem speziellen Business ankommt. Und Paul lernt schnell: Gemeinsam mit seinen erfahrenen Kollegen – Romanautoren, Literaturkritikern und Querdenkern – entdeckt er viele neuartige, erfolgversprechende Autoren, die den Verlag als eine wichtige Instanz auf dem umkämpften Büchermarkt etablieren. Darüber hinaus erkennt er aber auch, worauf es neben aller Kompetenz und Liebe zur Literatur bei diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten noch ankommt: Sich von den Befindlichkeiten, Intrigen und Extravaganzen der Entscheidungsträger und Schriftsteller nicht beeindrucken lassen, sondern unbeirrt seinen eigenen Weg zu gehen und seinem Instinkt zu vertrauen. Und so wird Paul langsam aber sicher zu Sterns rechter Hand und Nr. 2 des Verlages.

Ein verhasster Konkurrent

Als Paul eines Tages Sterns direkten Konkurrenten, Sterling Wainwright, Eigentümer des renommierten Impetus-Verlages,  kennen- und schätzen lernt, ist sein Chef alles andere als begeistert, denn die beiden hassen sich bis aufs Blut – nur ihre gemeinsame Liebe zu Ida Perkins verbindet sie. Stern ist ganz besonders neidisch darauf, dass Perkins bei Wainwright unter Vertrag steht, was aber nicht überrascht, denn sie ist seine Cousine – eine Tatsache, die Stern widerwillig akzeptiert, denn auch für ihn ist die Familie heilig. Trotz Sterns Einwände und Bedenken schätzt Paul die regelmäßigen Treffen mit dem feinfühligen, erfahrenen und einflussreichen Geschäftsmann Wainwright sehr. Und tatsächlich gelingt ihm das Unmögliche: Ungeachtet der Dauerfehde der beiden ungleichen Wettbewerber schafft er es, mit beiden Mentoren ein freundschaftliches Verhältnis aufzubauen, ohne den jeweils anderen vor den Kopf zu stoßen. Paul ist in seinem Element und fühlt sich zum ersten Mal akzeptiert und angenommen.

Schicksalhafte Begegnung mit einer Göttin

Als Wainwright Paul eines Tages die Notizbücher von Perkins‘ ehemaligen, mittlerweile verstorbenen Liebhaber und Literaten, Arnold Outerbridge, überlässt, ist er zunächst ratlos, denn sie sind in einer Geheimsprache verfasst, die er nicht entschlüsseln kann. Als ihm dies schließlich nach langem Tüfteln doch gelingt, ist er enttäuscht: Die Notizbücher scheinen nichts als banale Termine zu enthalten. Als Wainwright ihm vor diesem Hintergrund ein Treffen mit Perkins an ihrem Rückzugsort, einem alten Palazzo in Venedig, vorschlägt, sieht sich Paul am Ziel seiner Träume. Was er nicht ahnt, ist, dass das Gespräch mit der in Würde gealterten Diva sein Leben für immer verändern wird, denn sie überlässt ihm ihr letztes Manuskript, das ihr gut gehütetes Lebensgeheimnis offenbart und sowohl ihr nahestehende Freunde als auch die Literaturwelt überraschen und verstören wird…

Ein überragendes literarisches Debüt mit unvergleichlichen Charakteren und einem Blick hinter die Kulissen der kapriziösen Verlagswelt

Galassis Erstlingswerk zählt für mich zu den besten Romanen des Jahres. Ich habe selten einen so fundierten, informativen und lehrreichen Einblick in die Verlagswelt erhalten wie in diesem literarischen Debüt. Angefangen von den 60er Jahren, in denen Bücher noch kostbare Preziosen waren, die wertgeschätzt wurden, bis hin zum unumgänglichen digitalen Umbruch, der das Verlagswesen mit Büchern als Massenware und E-Readern „entzauberte“, zeigt uns der Autor mit viel Insiderwissen, wie dieses ganz spezielle Business funktioniert, wie Verleger und Entscheidungsträger ticken und wie nachhaltige Trends und Veränderungen schließlich einen Wandel hervorbrachten, den man in seiner Dimension nicht voraussehen konnte.

Darüber hinaus hat Galassi Protagonisten erschaffen, über die man liebend gerne noch viel mehr erfahren hätte. Seine Dichterikone Ida Perkins ist ihm so lebensecht gelungen, dass viele Leser (mich eingeschlossen) sie gegoogelt haben, um zu erfahren, ob sie eine reale Person war, was aber nicht der Fall ist. Ihre Gedichte, die natürlich auch vom Autor stammen, sind ebenfalls eine Klasse für sich. Sie sind Poesie par excellence – unvergleichliche Verse, die beim ersten Lesen etwas befremdlich anmuten, die sich aber dann nach Auflösung am Ende wunderbar in das Gesamtbild einfügen. Auch mit dem Hauptcharakter Paul Dukach ist Galassi ein außergewöhnlicher Protagonist geglückt, der sehr wirklichkeitsnah und dessen Liebe zur Literatur spürbar ist. Gleiches gilt für weitere Charaktere seines Romans wie den großspurigen Homer Stern, den feinsinnigen Wainwright oder die vielen mehr oder weniger zartbesaiteten Verlagskollegen von Paul, die uns alle am Ende des Romans sehr vertraut geworden sind. Mein Fazit: Dieses Buch ist Leseabenteuer und Lesegenuss zugleich. Absolut lesenswert!

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45 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 15 Rezensionen

liebe, zweite chance, glück, sammlung, doppelgänger

Das Bild aus meinem Traum

Antoine Laurain , Sina de Malafosse
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Atlantik Verlag, 14.10.2016
ISBN 9783455650457
Genre: Romane

Rezension:

Nachdem mich bereits Antoine Laurains vorangegangene Romane Liebe mit zwei Unbekannten und Der Hut des Präsidenten mit ihrer Poesie und Ausdrucksstärke fasziniert haben, ist es ihm nun mit seinem dritten Roman Das Bild aus meinem Traum erneut gelungen, mich mit seinem Charme und Zauber einzufangen. Dies liegt nicht nur an der wunderbaren Geschichte, die mit Originalität und Romantik betört, sondern vor allem an Laurains Sprache, die – klangvoll und inhaltsreich – mitten ins Herz trifft. Und wieder ist es ein ganz spezielles Objekt, das das Leben eines in ungeliebter Alltagsmonotonie erstarrten Menschen auf beinahe magische Weise verändert. Der Protagonist des Romans, Pierre-François Chaumont, ein 46-jähriger Patentanwalt, lebt weniger für seinen Beruf, dafür aber umso mehr für seine Passion: Das Sammeln kostbarer Antiquitäten, eine fast obsessive Leidenschaft, die er von seinem Lieblingsonkel Edgar geerbt hat. Seine Ehe mit Charlotte, die seine Begeisterung für schöne Dinge in keiner Weise teilt und die von ihm ersteigerten Objekte in sein Arbeitszimmer „verbannt“, steckt in einer Krise – lieb- und sprachlos leben sie nebeneinander her.

Das geheimnisvolle Porträt

Das Einzige, was sein trübes Dasein erhellt, sind die regelmäßigen Besuche des Pariser Auktionshauses Drouot, wo er Ausschau nach Preziosen für seine Sammlung hält. Eines Tages entdeckt er dort ein Porträt eines Adligen aus dem 18. Jahrhundert, das ihm zum Verwechseln ähnlich sieht. Das Bild übt eine unerklärliche, geheimnisvolle Anziehungskraft auf ihn aus, so dass er alles daran setzt, es zu ersteigern, was ihm schließlich auch mit einem horrend hohen Angebot gelingt. Seine Frau Charlotte ist entsetzt, als sie erfährt, wie viel Geld ihr Mann wieder für sein in ihren Augen sinnloses Hobby ausgegeben hat, und das Porträt scheint einen weiteren Graben zwischen beiden aufzutun. Doch François hat längst aufgehört, von Charlottes ständiger Nörgelei Notiz zu nehmen. Er macht sich lieber akribisch daran, den Namen und die Herkunft des Adligen auf dem Porträt herauszufinden, den niemand zu kennen scheint und dessen frappierende Ähnlichkeit mit ihm sowohl Charlotte als auch seine Freunde vehement verneinen. Von besonderem Interesse ist für ihn das Wappen, das eine schwarze Katze, ein Schwert und die Hexenpflanze zeigt.

Ein neues Leben

Schließlich wird er zu seinem Erstaunen sogar fündig: Kurzum lässt er sein altes Leben hinter sich und macht sich auf den Weg nach Rivaille, ein kleines Dorf in Burgund, wo er den Ursprung des mysteriösen Wappens und der dazugehörigen Adelslinie vermutet. Als er in einem Bistro einkehrt, blickt er in die erschrocken-erstaunten Gesichter der Dörfler, die ihn für den vor vier Jahren verschwundenen Grafen von Mandragore, Aimé-Charles de Rivaille, halten. François ist perplex, kann sich aber nicht dazu durchringen, seine wahre Identität zu offenbaren – denn zu verlockend, zu verwegen ist die Chance auf ein neues Leben. Als er dann noch Mélaine, die Gräfin von Mandragore, kennenlernt, die ihn für ihren Gatten hält, und ihr hoffnungslos verfällt, scheint sein Schicksal besiegelt. Seine alte Existenz ruht in der Vergangenheit, der Liebe seines Lebens gehört die Zukunft.

Doch während er sinnliche Stunden mit Mélaine genießt, haben Charlotte und seine Freunde angesichts seines Verschwindens die Polizei eingeschaltet. Der für Presse und Öffentlichkeit merkwürdig anmutende Fall wird medial ausgeschlachtet: Man stellt die wildesten Vermutungen an, die schließlich auch bis zu François durchdringen. Dieser will sein altes Leben auf gar keinen Fall zurück – wohl aber seine Antiquitäten, die untrennbar mit ihm verbunden sind und sich noch in seiner alten Wohnung in Paris befinden. Und so fasst er einen verwegenen Plan, um sowohl seine große Liebe als auch seine Preziosen für immer an seiner Seite zu haben…

Ein kostbarer Roman mit viel Charme, Esprit und Lebensklugheit

Antoine Laurain ist ein Sprachvirtuose mit poetischer Finesse, wie es ihn heute nur noch selten gibt. Seine einzigartigen Geschichten, die er mit angenehmer Leichtigkeit erzählt, nehmen sofort gefangen und hallen noch nach, wenn der Roman längst beendet ist. Wie eine berührende Symphonie, deren Klänge uns noch eine Zeit lang begleiten, reflektieren wir diese Geschichte erst im Nachhinein in all ihrer Komplexität. Mit Das Bild aus meinem Traum ist Laurain ein weiteres Glanzstück gelungen. Mit viel Feingefühl lässt er uns in die Seele seines Protagonisten, Pierre-François Chaumont, schauen, dessen triste Existenz angesichts seines unerfüllenden Jobs und seiner leidenschaftslosen Ehe stagniert, bis sich ihm plötzlich und unerwartet die Chance auf ein neues Glück bietet. Er ergreift sie – doch was kommt danach? Kann er sein altes Leben wie ein Kleidungsstück ablegen? Lassen sich das momentane Glück und die stürmische Liebe trotz ihrer Flüchtigkeit bewahren? Und so tauchen unter der Oberfläche immer wieder auch existentielle Fragen auf, die uns die Tiefe des Romans offenbaren und uns vor Augen führen, wie fremdbestimmt und fragil wir oftmals in unserem Menschsein sind. Aber Laurain zeigt uns auch, wie leicht es trotz allem sein kann, diese Erstarrtheit zu durchbrechen, seinem Leben eine neue Richtung zu geben und sich von Liebe berauschen zu lassen. Es sind die Glücksmomente, die zählen, und es sind wir Menschen, die sie möglich machen.

Mein Fazit: Ein ganz wunderbarer Roman mit einer poetisch-sinnlichen Sprache, die betört! Sehr, sehr lesenswert!

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