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biografie, namibia, odyssee während 2. weltkriegs

Nur 24 Zeilen

Erika von Wietersheim
Fester Einband: 251 Seiten
Erschienen bei Palmato Publishing, 23.08.2017
ISBN 9783946205173
Genre: Biografien

Rezension:

Beim Auflösen der Wohnung ihrer Mutter erhält die Autorin Erika von Wietersheim einen Ordner mit hundert alten Briefen. Es sind die Briefe, die ihr Vater während des Zweiten Weltkriegs und bis Ende 1949 an ihre Mutter geschrieben hat. Die Briefe versprechen Antworten auf viele Fragen, die sich die Autorin seit dem Tod ihres Vaters stellt: Fragen zum Leben, das ihr Vater vor ihrer Geburt geführt hat, Fragen zu dem unbemerkten Einfluss, den er vermutlich auf ihr Leben hatte. Darf, soll sie die Briefe also öffnen? Die Neugier siegt schließlich, und was vor uns liegt, ist eine Biographie der Eltern der Autorin über die Zeit des Krieges, die sie aus den Briefen, teils auch aus den viel später entstandenen Memoiren des Vaters, rekonstruiert hat.

Im Vordergrund der Handlung steht die Liebesgeschichte von Kurt Falk, Erikas Vater, und Hildegard Mereis, der Mutter. Kurt, der seit 1935 im Auftrag des Auswärtigen Amtes als Deutschlehrer in Paarl, Südafrika, tätig ist, lernt dort die deutschstämmige, noch blutjunge Hildegard Mereis kennen. Die beiden verlieben sich, werden aber schon bald von den sich überschlagenden Ereignissen des hereinbrechenden Krieges getrennt. Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Polen wird die südafrikanische Regierung überraschend von der Opposition überstimmt, mit der Folge, dass Südafrika aufseiten Großbritanniens gegen Deutschland in den Krieg eintritt. Für Kurt bedeutet dies, dass ihm ab sofort die Internierung als Kriegsgefangener droht. Um dieser zu ent­gehen, entschließt er sich zur Flucht ins Deutsche Reich.
Die Irrungen und Wirrungen, die diese Flucht nach sich zieht, nehmen den größten Teil des Buches ein. Sie werfen zugleich Licht auf ein weitgehend noch unbekanntes Kapitel deutscher Geschichte im Zweiten Weltkrieg. Über das portugiesische Mosambik gelingt es Kurt schließlich, als Kohlentrimmer auf der Uhenfels anzuheuern, einem Schiff, das die Blockade der Engländer als Erstes durchbrechen soll. Doch wenige Tage vor der Ankunft der Uhenfels in Spanien wird das Schiff von den Engländern abgefangen und Kurt landet in englischer Kriegsgefangenschaft. Es folgt eine Reihe von nahezu unglaublichen Schicksalsschlägen und Verwicklungen, in deren Verlauf Kurt auf zwei weiteren Schiffen landet, wo er dem Tod einmal nur knapp entrinnt. Am Ende dieser unendlich scheinenden Reise über die Weltmeere steht schließlich eine mehrjährige Kriegsgefangenschaft im fernen Australien.  
Viele der in „Nur 24 Zeilen“ geschilderten Erlebnisse erfährt man direkt aus Kurts Brie­fen, die er, sooft es geht, an Hildegard in Kapstadt schickt. Parallel erfährt man, wie sich Hildegards Leben im fernen Kapstadt entwickelt. So grausam ist das Schicksal, dass Kurt nicht erspart bleibt, für ein paar Tage als Gefangener im Bauch der Dunera im Kapstädter Hafen zu liegen, während Hildegard mit einer Freundin auf den Kapstädter Anhöhen Spaziergänge unternimmt.
Fast zehn lange Jahre schreiben sich Kurt und Hildegard. Doch ausgerechnet, als sich der Krieg seinem Ende zuneigt, gerät die Verbindung ins Stocken; ein Wiedersehen erscheint plötzlich unwahrscheinlicher denn je. Mit viel Fingerspitzengefühl vermittelt Erika von Wietersheim diese paradoxe Entwicklung, indem sie die sehr unterschiedli­chen Perspektiven beider Eltern beleuchtet. Diese ergeben sich nicht zuletzt aus dem unterschiedlichen Verhältnis, das Hildegard und Kurt zur deutschen Kultur, ja zu ihrem „Deutschsein“ entwickeln: Hildegard in ihrer deutschfeindlichen südafrikanisch-engli­schen Umgebung, Kurt in seinem beharrlichen Festhalten im Lager an als typisch deutsch empfundenen Idealen.
Diese Betrachtungen zu Kontinuität beziehungsweise Wandel im Verhältnis zur deutschen Kultur und Herkunft bei Kurt und Hildegard gehö­ren neben den historischen, teils wenig bekannten Fakten und der mitreißenden Liebes­geschichte zu den überaus lesenswerten Aspekten von „Nur 24 Zeilen“. Wenn die Autorin dann am Ende des Buches, ausgehend von der speziellen Geschichte ihrer Eltern, die eingebettet ist in die große Weltgeschichte, über ihre eigene Identität als in Namibia geborene weiße Afrikanerin nachdenkt – mit all ihren „Widersprüchen und Möglichkeiten“ –, legt man das Buch dankbar und um viele Einsichten reicher aus der Hand.     

 

     

    

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