SalanderLisbeth

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Eierlikörtage

Hendrik Groen , Wibke Kuhn , Felix von Manteuffel
Audio CD
Erschienen bei OSTERWOLDaudio, 01.09.2016
ISBN 9783869523286
Genre: Romane

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6 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Das Spiel der Anderen

Carlo Feber
Flexibler Einband
Erschienen bei GRAFIT, 09.05.2016
ISBN 9783894254728
Genre: Krimi und Thriller

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

hercule poirot, schnitzeljagd, ariadne oliver, krimi, garten

Das Geheimnis von Greenshore Garden

Agatha Christie , Eike Schönfeld , Wolfgang Condrus
Audio CD
Erschienen bei Der Hörverlag, 13.07.2015
ISBN 9783844519044
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die berühmte Kriminalschriftstellerin Ariadne Oliver soll auf einem Landsitz in Devon während eines Sommerfestes eine fiktive Mörderjagd inszenieren. Für ein beträchtliches Honorar hat Ariadne eine Schnitzeljagd mit falschen Indizien, Verdächtigen und Opfer arrangiert, doch ihr Bauchgefühl sagt ihr, „dass sie manipuliert und eingewickelt wurde.“ Aus Angst, dass tatsächlich etwas passieren wird, bittet Sie ihren guten Freund Hercule Poirot um Hilfe. Und der belgische Meisterdetektiv, auf Ariadnes Intuition vertrauend, ist auch viel zu neugierig und reist aus London an. Auf dem Weg nimmt er zwei junge Anhalterinnen mit, die in der naheliegenden Jugendherberge absteigen. Poirot, der offiziell die Preise überreichen soll, übernachtet auf dem Landsitz Greenshore House, in dessen Gärten das Fest stattfindet.

Auf dem Anwesen lernt er den Besitzer Sir George Stubbs und seine erheblich jüngere, schöne Frau Hattie kennen. Hattie, die als etwas zurückgeblieben und leicht beeinflussbar gilt, war ihm von Amy Folliat vorgestellt worden. Diese stammt aus der Familie der ehemaligen Besitzer und lebt nach dem Tod ihrer beiden Söhne im Zweiten Weltkrieg im Pförtnerhaus des Anwesens.

Am Tage des Festes ist Hattie sehr aufgebracht, als sie erfährt, dass ihr Vetter, von dem sie sich sehr zu fürchten scheint, seinen Besuch ankündigt. Poirot und Mrs. Oliver können das Verbrechen nicht verhindern und entdecken während des Krimispiels Marlene Tucker erdrosselt im Bootshaus. Das Mädchen aus dem Dorf sollte das Opfer spielen und wurde ermordet. Zur gleichen Zeit verschwindet auch noch die Hausherrin Lady Hattie Stubbs spurlos. Ein Motiv ist nicht ersichtlich, obwohl eine Handvoll Verdächtiger einiges zu verbergen haben, wie zum Beispiel der Vetter, der zeitgleich mit Hatties Verschwinden auftaucht, oder Amanda Brewis, die in ihren Chef George Stubbs verliebte Sekretärin. Erst Monate später nach einem weiteren Todesfall geht dem brillanten Detektiv ein Licht auf und er kann sich in gewohnter Manier alles zusammenreimen und scharf kombinierend den Täter zur Strecke bringen. Hier spielt ein kleiner Säulentempel, ein sogenannter Folly, der auf dem Grundstück zwar hübsch aber ziemlich deplatziert wirkt, eine entscheidende Rolle.


Typisch für die britische Schriftstellerin Agatha Christie wird ein großes Figurenpersonal aufgeboten und es vergeht einige Zeit, bis der Mord geschieht.


Ein kurzweiliger, typisch englischer Gartenkrimi, gediegen und nostalgisch, aber dadurch mit einem gewissen Charme, bei dem mich besonders die skurrilen Charaktere amüsiert haben. Die Queen of Crime wirft einen humorigen Blick auf die versnobten Eigenschaften der damaligen Gesellschaft. Sei es der hochtrabende, scharfsinnige Hercule Poirot mit seinen Macken oder die leicht schrullige Ariadne Oliver, Christies Alter Ego mit Adlerprofil und den ewig wild zerzausten Haaren im praktisch ländlichen Tweed-Kostüm.

Am Ende des Hörbuchs gibt es noch ein Nachwort von Mathew Prichard, dem Enkel von Agatha Christie und er erzählt einiges über die Beziehung zu seiner „Nima“. Man erfährt, dass es sich bei Greenshore House um Christies Ferienhaus Greenway House in Devon handelt, in dem sie bis zu ihrem Tod 1976 viele Sommermonate verbrachte und das sie häufig in ihren Krimis unterbrachte. Mittlerweile ist es der Öffentlichkeit als Christie-Museum zugänglich.

Bei „Das Geheimnis von Greenshore Garden“ handelt es sich um eine bislang unveröffentlichte Novelle, die die Starautorin Mitte der 1950er Jahre schrieb und später zu dem mehrfach verfilmten Kriminalroman „Wiedersehen mit Mrs. Oliver“ ausbaute. Die Novelle, die im Original „Hercule Poirot and the Greenshore Folly heißt, blieb fast 60 Jahre in der Schublade, bevor sie publiziert wurde und ist erstmals 2015 auf Deutsch erschienen.


Das Hörbuch wird souverän von Wolfgang Condrus eingelesen, dessen wohl modulierende Stimme vielen sicher als deutsche Synchronstimme von Mark Harmon (u.a. Leroy Jethro Gibbs aus der amerikanischen Serie Navy CIS) bekannt sein dürfte.


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Tags: ariadne oliver, garten, hercule poirot, landsitz, schnitzeljagd   (5)
 

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hörbuch, shotgun lovesongs, freundschaft, roman, nickolas butler

Shotgun Lovesongs

Nickolas Butler , , ,
Audio CD
Erschienen bei Hörbuch Hamburg, 27.09.2013
ISBN 9783899038736
Genre: Romane

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239 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 102 Rezensionen

island, thriller, mord, krimi, psychologin

DNA

Yrsa Sigurdardóttir , Anika Wolff
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei btb, 26.09.2016
ISBN 9783442756568
Genre: Krimi und Thriller

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207 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 90 Rezensionen

new york, familie, geschwister, usa, erbschaft

Das Nest

Cynthia D'Aprix Sweeney , Nicolai Schweder-Schreiner
Fester Einband: 410 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 13.02.2017
ISBN 9783608980004
Genre: Romane

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101 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 45 Rezensionen

australien, dürre, thriller, hitze, mord

The Dry

Jane Harper , Ulrike Wasel , Klaus Timmermann
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 21.10.2016
ISBN 9783499290268
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Natürlich war der Tod auf der Farm nichts Neues, und die Schmeißfliegen waren nicht wählerisch. Sie machten keinen Unterschied zwischen einem Kadaver und einer Leiche. Die Dürre hatte den Fliegen den Sommer über ein reichhaltiges Angebot beschert. Sie fanden starre Augen und klebrige Wunden, wenn die Farmer von Kiewarra wieder einmal ihre Gewehre auf abgemagertes Vieh richten mussten. Kein Regen hieß: kein Futter. Und  kein Futter bedeutete harte Entscheidungen in einer Gegend, die Tag für Tag unter einem sengenden Himmel flirrte. (Auszug Seite 7)


Aaron Falk kehrt zur Beerdigung seines Jugendfreundes Luke Hadler in seinen Heimatort zurück. Er ist hier im Outback aufgewachsen, lebt und arbeitet inzwischen seit 20 Jahren in Melbourne als Polizist. In dem kleinen Städtchen Kiewarra leiden die Farmer unter einer Jahrhunderthitze und kämpfen gegen die anhaltende Dürre um ihre wirtschaftliche Existenz. In dieser Ausnahmesituation soll der verzweifelte Luke durchgedreht sein und erst seine Frau Karen, seinen Sohn Billy und dann sich selbst erschossen haben. Lukes Eltern, Gerry und Barb Hadler glauben nicht an den erweiterten Suizid und bitten den ehemaligen Jugendfreund ihres Sohnes um Hilfe. Aaron Falk ist in Melbourne als Beamter der Steuerfahndung eher Schreibtischtäter und will eigentlich schnell wieder weg. Andrerseits hatten die Hadlers ihn immer wie ihren eigenen Sohn behandelt, und auch ihn lässt die Frage, warum Luke und seine Familie sterben mussten, nicht mehr los. Die Indizien sind nicht eindeutig und selbst der örtliche Polizist Sergeant Raco zweifelt an der offiziellen Version. Wenn Luke wirklich seine Frau und Sohn brutal getötet hat, warum hat er das Baby Charlotte verschont?

Aaron fragt sich, ob die Tragödie etwas mit dem Tod Ellie Deacons vor zwanzig Jahren zu tun hat. Die 16jährige gemeinsame Freundin von Luke und Aaron war tot im Fluss aufgefunden worden. Das Verbrechen wurde nie aufgeklärt, aber die Einwohner von Kiewarra haben keinesfalls vergessen, dass Aaron damals verdächtigt wurde, seine Freundin ermordet zu haben und nach vielen Schikanen deshalb mit seinem Vater den Ort verlassen musste. Jetzt schlägt ihm wieder Verachtung, Wut und Misstrauen entgegen.


Für mich war das Thriller-Debüt der Journalistin Jane Harper eine totale Überraschung. Von der ersten Seite fesselte sie mich mit ihrer bildgewaltigen Sprache. Die Geschichte, die in einer wirtschaftlich schwer angeschlagenem Kleinstadt angesiedelt ist, zog mich in den Bann. Die Hitze und die Trockenheit unter der die Farmer und Tiere leiden, aber auch die Kleingeistigkeit mancher Bewohner und die Vorurteile gegenüber Falk stehen im Mittelpunkt. Die Dürre als allgegenwärtiges Thema findet sich selbst auf den Bildern der Schulkindern wieder.


Alle hatten sie dieselben Visionen von frischer, sauberer Luft und netten Nachbarn, die man alle kannte. Die Kinder würden Gemüse aus dem eigenen Garten essen und lernen, was ein Tag mit ehrlicher Arbeit wert ist. Wenn sie dann ankamen und die leeren Umzugswagen davonfuhren, schauten sie sich um und nahmen sprachlos die ungeheure Weite des offenen Landes wahr. Das war das Erste, was sie verunsicherte. Platz gab es reichlich. Genug, um sich darin zu verlieren. Aus dem Fenster zu schauen und keine andere Menschenseele zwischen dir und dem Horizont zu sehen, konnte eine ungewohnte und irritierende Erfahrung sein. (Auszug Seite 215, 216)


Die angespannte Atmosphäre und auch das Leid zu beschreiben gelingt der Autorin wirklich perfekt. Man sitzt neben Aaron Falk in der Trauerhalle und spürt die misstrauische Blicke der alten Bewohner. Man fühlt seine Enttäuschung als er den Fluss aufsucht, an dem er in seiner Jugend viel Zeit verbracht hat und in dem Ellie Deacon ertrank.


Falk versuchte, tief einzuatmen, doch die Luft fühlte sich warm und widerlich im Mund an. Seine eigene Naivität verhöhnte ihn wie aufflackernder Wahnsinn. Wie hatte er sich bloß einbilden können, dass zwischen diesen Farmen, wo tote Tiere auf den Weiden lagen, noch frisches Wasser floss? Wie konnte er stumm nicken, wenn das Wort Dürre fiel, und nicht begreifen, dass der Fluss versiegt war? (Auszug Seite 123)


Für Fans temporeicher Action dürfte 'The Dry' keine befriedigende Lektüre sein. Dafür nimmt sich Jane Harper viel Zeit für ein einzigartiges, atmosphärisch dichtes Setting und setzt auf gut ausgestaltete, glaubhafte Charaktere. Es ist weniger ein Thriller als eine im besten Sinne altmodisch klassische Kriminalgeschichte, denn Jane Harper erzählt bedächtig aber fesselnd über Polizeiarbeit in einer Kleinstadt. Immer wieder wird die Handlung von kursiv gehaltenen Rückblenden unterbrochen, die über das Ereignis aus der Vergangenheit berichten. Das macht einen großen Spannungsbogen aus und gibt dem Leser die Möglichkeit mit zu rätseln. In den Rückblenden wird sehr lebendig und über vier Jugendliche berichtet, die ihre Probleme mit Schule, erste Liebe und Familie haben. Es geht sehr lebensecht um Unsicherheiten und Missverständnisse. Die Dialoge sind sehr stimmig, kein Wort zu viel. Luke und Aaron hatten sich damals gegenseitig ein Alibi gegeben, und das war anscheinend eine Lüge.

Jane Harper entwirft klug und mit psychologischer Raffinesse ihre Figuren. Die Hauptfigur Aaron Falk ist ein sympathischer, kluger und bescheidener Zeitgenosse. Er kehrt mit einem beklemmenden Gefühl an den Ort seiner Jugend zurück, denn er hat das Geschehene nie richtig überwunden. Die Umstände zwingen ihn, sich mit seiner Vergangenheit auseinander zu setzen, denn die damalige Tragödie war einschneidend für sein Leben. Zusammen mit dem unerfahrenen aber engagierten Raco bildet er ein gutes Team, dem die Einwohner von Kiewarra es sehr schwer machen.

Wenn zum Schluss der Fall sein logisches, wenn auch überraschendes Ende findet, hat die in Melbourne lebende Jane Harper ein fantastisches Debüt vorgelegt. Sie wurde in Großbritannien geboren und wuchs in Australien auf. Nach ihrem Studium arbeitete sie jahrelang als Journalistin, bevor sie sich nach der Auszeichnung einer veröffentlichten Kurzgeschichte dem Leben als Schriftstellerin widmete.


Bei dem entstehenden Kopfkino verwundert es nicht, dass sich die Hollywoodschauspielerin Reese Witherspoon schon die Filmrechte von 'The Dry' gesichert haben soll. Es ist eine Geschichte über Heimat, Freundschaft und Lüge und mein Highlight des Jahres!


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Tags: australien, dürre, jahrhunderthitze, kleinstadt   (4)
 

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49 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 17 Rezensionen

berlin, krimi, gereon rath, nationalsozialismus, geheime staatspolizei

Lunapark

Volker Kutscher
Fester Einband: 560 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 10.11.2016
ISBN 9783462049237
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein blaues Auge schaute ihn an. Kein kompletter Augapfel, eher eine Halbschale, gleichwohl perfekt gerundet. Rath musste unwillkürlich an das blutige Auge denken, das im Mülleimer des Sturmlokals gelegen hatte, und ihm wurde flau im Magen. Doch dieses Auge hier war anders. Hart und unerbittlich. „Daran ist er gestorben?“ Karthaus nickte. „Wie zum Teufel, Doktor, bekommt jemand ein Glasauge in seine Luftröhre?“ „Eine interessante Frage, Kommissar“, sagte der Gerichtsmediziner, „die zu beantworten dann wohl ihre Aufgabe sein dürft.“ Auszug Seite 111


Der Tote, der 1934 in Berlin unter einer Eisenbahnbrücke gefunden wird, trägt eine braune SA-Uniform und scheint auf brutalste Weise totgeschlagen zu sein. Der alarmierte Kommissar Gereon Rath trifft am Tatort auf seinen ehemaligen Untergebenen Reinhold Gräf. Dieser hat die Zeichen der Zeit erkannt und hofft mit seinem Wechsel zur Geheimen Staatspolizei auf einen Karrieresprung. Da über dem Opfer an der Mauer eine kommunistische Parole prangt, fühlt sich die Gestapo hier zuständig. Während Gräf den Täter nur in Kommunistenkreisen sucht, zweifelt Rath an den politischen Motiven und ermittelt auf eigene Faust. Dabei entdeckt er Verbindungen zu Berliner Verbrecherbanden. Der Ringverein „Nordpiraten“ wurde zwar zerschlagen, hat aber seine kriminellen Aktivitäten als SA-Sturm getarnt fortgesetzt. Nachdem ein zweiter SA-Mann erschlagen aufgefunden wird, findet Gereon eine Spur, die in den Lunapark führt. In dem seit einiger Zeit geschlossenem Vergnügungspark haben Kriminelle und Regimegegner Unterschlupf gefunden. Auch der Großkriminelle Dr. Johann Marlow hat ein Interesse daran, dass der Täter von der Bildfläche verschwindet, und er setzt den Kommissar unter Druck, damit dieser den Konkurrenten für ihn eliminiert.

Lunapark ist der sechste Band um den von Köln nach Berlin gewechselten Kommissar Gereon Rath. Der erste Teil „Der nasse Fisch“ spielt 1929 und fünf Jahre später ist von der Dekadenz einer schillernden Metropole nichts mehr zu spüren. Der Autor beschreibt sehr glaubhaft und präzise, wie der Nationalsozialismus, seit einem Jahr an der Macht, sich langsam auch in den Alltag der Familie Rath einschleicht. Das ist spannend und mit dem Wissen von heute auch ziemlich beklemmend zu beobachten. Der politisch desinteressierte Kommissar bekommt zunehmend Probleme mit dem Regime, er laviert um den Hitler-Gruß herum und glaubt an ein baldiges Ende der Nazizeit. Zusätzlich gerät Rath in ein moralisches Dilemma, denn das Auftauchen von Dr. M bringt seine nicht ganz saubere Vergangenheit wieder zum Vorschein. Er spürt, dass die Nähe zu dem Gangsterboss für ihn und seine Familie immer gefährlicher wird. Mit Ehefrau Charly kann oder will er darüber nicht offen reden und verstrickt sich immer mehr in ein Netz aus Heimlichkeiten und Lügen. Charlotte Rath, mit der Rolle der Hausfrau unzufrieden, fängt als Referendarin bei einem Rechtsanwalt an. Sie erkennt deutlich die Gefahren der Hitler-Regierung und hält auch mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. So passt es ihr auch nicht, dass Ziehsohn Fritze zur Hitlerjugend möchte. Doch das ehemalige Heimkind fühlt sich in der Gruppe anderer Jungen wohl. Bestürzt verfolgt man, wie der aufgeweckte Junge begierig alles aufnimmt, was in der HJ vermittelt wird. Charly dagegen bringt sich in Schwierigkeiten, als sie Kommunisten unterstützt und feststellen muss, wie hilflos der einzelne Bürger der Willkür der Nazi-Schergen ausgeliefert ist. Das sorgt für viel Konfliktstoff zwischen den Eheleuten und anhand der kleinen Familie gelingt es dem Autor, ein Spiegelbild der Gesellschaft darzustellen.


Mit Handschellen waren sie für den Transport ans Gestänge des Lkw gekettet worden, und Charly hatte sich gefragt, ob die wohl aus Polizeibeständen stammten. Vor einem Jahr war die halbe SA noch als Hilfspolizei im Einsatz gewesen. Inzwischen führte sie sich eher wie eine Parallelpolizei auf. Charly und der ganzen Festgesellschaft war das widerfahren, wovor sich die Deutschen, selbst die braven und regimetreuen, am meisten fürchteten: von der SA ohne Grund oder bestenfalls mit fadenscheiniger Begründung in Schutzhaft genommen zu werden. Ohne irgendetwas dagegen tun zu können. Auszug Seite 177


Wie in den vorherigen fünf Bänden hat Volker Kutscher auch hier wieder akribisch recherchiert um historische Fakten mit einer fiktiven, spannenden Kriminalgeschichte zu kombinieren. Mit vielen stimmigen Details kreiert er ein atmosphärisch dichtes Bild des Alltags im Deutschland der 30er Jahre kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Historisch belegte Ereignisse wie der Röhm-Putsch oder die Verhaftung von Konrad Adenauer werden gekonnt in die Erzählung eingeflochten. Aber das Besondere an diesem sechsten Teil ist die bedrohliche Atmosphäre, die der Autor eingefangen hat. Für mich waren die düsteren Aussichten in Deutschland förmlich zum Greifen nah. Gebannt verfolgt man, wie die Zustände sich immer mehr zuspitzen, fast schmerzhaft ist es zu beobachten, wie die mittlerweile liebgewordenen Figuren sich in Gefahr begeben. Als Leser taucht man völlig ab in diese angespannte Zeit, in der politisch Andersdenkende, Juden und Homosexuelle bereits verfolgt, verhaftet und gefoltert werden und kann das Buch nicht mehr aus der Hand legen.


Der Lunapark, direkt am Halensee gelegen, war ein beliebter Ausflugsort der Berliner und wurde kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten geschlossen. Das vermeintlich dekadente Treiben in dem „Schandfleck des Westens“ ging ihnen gegen den Strich.

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Tags: band 6, berlin, drittes reich, geheime staatspolizei, glasauge, nationalsozialismus, ringverein, vergnügungspark   (8)
 

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245 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 119 Rezensionen

thriller, wald, junggesellinnenabschied, spannung, ruth ware

Im dunklen, dunklen Wald

Ruth Ware , Stefanie Ochel
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 23.09.2016
ISBN 9783423261234
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Aus irgendeinem Grund lief mir bei seinen Worten ein Schauder über den Rücken. Vielleicht waren es die Baumstämme, die wie stumme Wächter in der zunehmenden Dunkelheit standen. Oder vielleicht war es die Nachwirkung der Kälte, die Tom und Melanie von draußen mit hereingebracht hatten. Was es auch war, wir hatten London im Herbst verlassen, und nun schien es hier, so viel weiter nördlich, als wäre über Nacht der Winter eingekehrt. Das lag nicht nur an den eng zusammenstehenden Kiefern, die mit ihren dichten Nadeln kein Licht durchließen, oder an der kalten, klaren Luft, die baldigen Frost verhieß. Bald würde die Nacht hereinbrechen, und das Haus fühlte sich immer mehr an wie ein gläserner Käfig, der sein Licht blind in die dämmernde Nacht strahlte, wie eine einsame Laterne. Auszug Seite 43


Die 26jährige Nora wacht schwerverletzt im Krankenhaus auf. Ihr Zimmer wird von Polizisten bewacht, es ist von Toten die Rede. Während sie sich langsam von ihren Verletzungen erholt, versucht sie verzweifelt, sich die Geschehnisse ins Gedächtnis zu rufen. Völlig unerwartet hatte sie eine Einladung zu einem Junggesellinnenabschied ihrer ehemals besten Freundin Clare bekommen. Da nach einem Vorfall vor über 10 Jahren der Kontakt abgebrochen war, hatte sie die Einladung in das Wochenendhaus im Norden Englands nur zögernd angenommen. Sie fährt mit Nina, einer weiteren früheren Schulfreundin zur Feier in das abgelegene Haus im Wald. Die Partylocation entpuppt sich als ein hochmoderner, minimalistisch eingerichteter Kasten aus Glas und Stahl. Hier treffen sie auf die anderen Gäste, eine überschaubare Schar von 6 Personen. Da ist Clare, die attraktive, sehr selbstbewusste, fast schon narzisstische Braut und ihre Trauzeugin Flo, eine Perfektionistin, die alles organisiert hat. Sie wirkt psychisch instabil und himmelt Clare an. Dann der einzige Mann, der leicht arrogante, schwule Theaterschriftsteller Tom und Melanie, eine junge Mutter, die zum ersten Mal ohne ihr kleines Baby unterwegs ist. Nora ist schockiert, als sie begreift, dass Clares Bräutigam James ihre frühere große Liebe ist. Der Leser erfährt alles peu à peu aus Noras bruchstückhaften Erinnerungen und man ahnt schon, dass der Schlüssel der Geschehnisse in Clares und Noras gemeinsamer Vergangenheit liegt.


'Im dunklen, dunklen Wald' ist kein handlungsgetriebenes Buch. Ruth Ware setzt in ihrem Debüt ganz auf das klaustrophobische Setting und nimmt sich viel Zeit für die beklemmende Atmosphäre. Das rundherum verglaste, von dunklen Kiefern umgebene Ferienhaus wirkt wie ein gläserner Käfig, in dem die Gäste das unbehagliche Gefühl vermittelt bekommen, beobachtet zu werden und sich wie auf einer Bühne präsentieren. Die Autorin greift tief in die Trickkiste, um die Atmosphäre so bedrohlich wie möglich zu gestalten, einschließlich rätselhafter Fußspuren im frischen Schnee, es gibt keinen Handyempfang und dann fällt auch noch das Festnetz aus. Dies mag einfallslos und banal klingen und funktioniert auch nicht so richtig. Da der Thriller im eher ruhigen Tempo daherkommt, liegt hier für mich das Problem. Meiner Meinung nach hätte sich aus dem Szenario, das jetzt auch nicht so innovativ und neu ist, mehr Suspense ergeben müssen. Die Szenen, die dann spannend sein sollen, wirken zu konstruiert und die gefährlichen Situationen zu inszeniert. Beispielsweise will Nora, noch bevor die Party überhaupt losgeht, erst mal joggen gehen.


„Ein bisschen Zeit hast du vermutlich schon noch“, meinte Flo und blickte durch das Fenster hinaus in die zunehmende Dämmerung. „Aber du solltest dich beeilen. Wenn es hier erst mal dunkel wird, wird es wirklich sehr, sehr dunkel.“ Auszug Seite 61


Ein weiteres Manko sehe ich leider in den stereotypen Protagonisten, die auch keine Entwicklung erleben. Die Autorin hat den einzelnen Figuren keine charakterlichen Tiefen gegönnt und sie wenig ausgestaltet. Aus diesem Grunde bekommt der Leser absolut keinen Bezug zu ihnen und man empfindet wenig Sympathie. Flo frisiert und kleidet sich ähnlich wie die von ihr angebetete Clare und man ahnt schon, dass das noch mal ein wichtiger Punkt werden könnte. Melanie, mit den Gedanken ständig bei ihrem Kind, verlässt die Party früh und das würde man ihr am liebsten gleichtun. Es ist wie auf einer Feier, auf der man sich nicht wohlfühlt und nur noch bleibt, weil man nichts verpassen möchte. Einzig Nina, die taffe Ärztin brasilianischer Herkunft, bringt ab und zu mit ihren flapsigen Bemerkungen und trockenem Humor ein bisschen Schwung in die Sache. Tom und Melanie agieren nur als Randfiguren und sind für den Handlungsverlauf komplett entbehrlich.


Einzig die Ich-Erzählerin und Protagonistin Nora wird etwas näher beleuchtet. Ihr Beruf als Schriftstellerin erlaubt ihr ein äußerst zurückgezogenes Leben in einer winzigen Wohnung mit wenig Sozialkontakten. Nora, die in der Schulzeit immer im Schatten der selbstbewussten Clare stand, wirkt oft verunsichert und fügt sich dem Gruppenzwang. Auf der Party wird sie bei komischen Spielchen öfter gedemütigt, so dass man sich fragt, warum sie diese nicht verlässt. Zwischen den Gästen, die sich ja kaum kennen, entwickelt sich bei Alkohol, Drogen und komischen Spielchen wie Tontaubenschießen eine unheilvolle, angespannte Stimmung.


Leider hat der Schluss für den gewieften Leser auch keine wirkliche Überraschung parat. Man hat die ganze Zeit Vermutungen und ist dann enttäuscht, weil es genau so platt daherkommt. Trotzdem lässt sich der Psychothriller aufgrund kurzer Kapitel und einer leichten Schreibweise flüssig lesen und trotz einiger Längen ist auf jeden Fall Potenzial vorhanden.


Ich finde hier das Cover sehr gelungen, die grellen blutroten Buchstaben plakativ über dem verschwommenen düsteren Wald. Das hat mich sehr angesprochen.


Ruth Ware wuchs in Sussex, im Süden Englands auf. Heute lebt sie mit ihrer Familie in London. 'Im dunklen, dunklen Wald' ist ihr Debütroman. Inzwischen ist ihr zweites Buch 'The woman in cabin 10' erschienen und sie arbeitet an ihrem dritten Psychothriller.

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Tags: glashaus, junggesellinnenabschied, party, wald   (4)
 

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39 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

spannend bis zum ende, schweden, jugendlich, radikalisierung

Der Bruder

Joakim Zander , Nina Hoyer , Ursel Allenstein , Hauptmann & Kompanie, Werbeagentur
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 24.06.2016
ISBN 9783499268892
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:  
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226 Bibliotheken, 6 Leser, 2 Gruppen, 99 Rezensionen

krimi, arne dahl, schweden, entführung, schwedenkrimi

Sieben minus eins

Arne Dahl , Kerstin Schöps
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.09.2016
ISBN 9783492057707
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Der Beamte mit den hellgrünen Augen wankte aus der Dunkelheit ins Freie. Er war kreidebleich. Seine Dienstwaffe fiel auf den Boden der Veranda. Erst als er zusammenbrach, verwandelte sich der Laut wieder in einen Schrei. Aber noch immer klang er nicht menschlich. Das Blut des Mannes vermischte sich mit dem Wasser auf den Holzplanken, während ihn zwei Kollegen in Sicherheit brachten. In seinen Oberarmen steckten Messerklingen. (Auszug Seite 11 )

 
Bei der Erstürmung eines Sommerhauses wird ein Polizist schwer verletzt, doch die Beamten der Kripo Stockholm kommen zu spät. Von der seit Wochen verschwundenen 15-jährigen Ellen keine Spur, dafür jede Menge Blutspuren in dem weit verzweigten Keller. Kriminalkommissar Sam Berger vermutet, dass es bereits frühere Opfer des Täters gibt und findet Zusammenhänge zu weiteren Vermisstenfällen junger Mädchen in der Vergangenheit.
Da er jedoch diverse Hinweise, die in seine eigene Jugend zurückreichen, verheimlicht, stößt er mit seiner Serientäterthese bei seinem Chef auf wenig Verständnis. Bei seinen eigenmächtigen Nachforschungen entdeckt der beharrliche Berger anhand von Pressefotos eine Frau, die an sämtlichen Tatorten auftauchte. Während des Verhörs, bei dem man noch ermittelt, ob diese Frau, die als Nathalie Fredén verhaftet wird, Mittäterin oder Gehilfin des Serientäters ist, überschlagen sich plötzlich die Ereignisse. Berger selbst gerät als Verdächtiger ins Visier der Geheimpolizei und muss sich gegen die Säpo-Agentin Molly Blom behaupten.
 
 
Obwohl ich ein großer Fan der skandinavischen Kriminalliteratur bin und mir Arne Dahl natürlich ein Begriff ist, hatte ich tatsächlich bisher noch nichts von ihm gelesen. Der Anfang ist sehr spannend und verwirrend. Ohne große Einleitung findet man sich gleich zu Beginn mitten im Geschehen wieder und zwar in dem schaurigen Kellerverlies. Aber grade diese Orientierungslosigkeit machte für mich einen großen Reiz aus und ich konnte das Buch zumindest am Anfang nicht mehr aus der Hand legen. Die dramatische Verhörszene ist eine der Schlüsselpunkte des Thrillers. Zwei Menschen sitzen sich am Tisch gegenüber, dann kippt die Situation plötzlich, die Machtverhältnisse wechseln zwischen den beiden und der verhörende Kommissar wird selbst zum Verhörten.
 
Sieben minus eins ist der Beginn einer neuen Thrillerserie, in der sich das Ermittlerduo Sam Berger und Molly Blom erst mal zusammenraufen muss. In ihrer gemeinsamen Schulzeit liegt der Schlüssel für diese Geschichte, in der Mobbing und seine Auswirkungen der Ausgangspunkt ist.
Mir als passioniertem Krimileser passiert es mittlerweile selten, aber Dahl schafft es, mit vielen unerwarteten Wendungen zu überraschen. So hat mich zum Beispiel total verblüfft, wie der Autor seine Heldin Molly Blom einführt. Dahl spielt routiniert mit den Erwartungen der Leser, um sie wenig später ins Leere laufen zu lassen und alles erscheint immer wieder in einem völlig anderen Licht.
Realitätsnähe oder Gesellschaftskritik sucht man in diesem gut durchdachten Krimiplot vergebens. Dafür punktet Dahl mit vielen grausigen Einfällen, mit denen er die Geschichte vorantreibt. Auch hat er sich große Mühe mit der Konstruktion raffinierter Mordmaschinen und Folterwerkzeuge gegeben. Die Geschichte liest sich flüssig und durchweg spannend, da versteht der Autor sein Handwerk. Die Handlungen der beiden Hauptpersonen waren teilweise sehr sprunghaft und nicht immer sofort nachvollziehbar, aber wenn man sich darauf einlässt und die Logik manchmal außer Acht lässt, erfährt man ein großes Lesevergnügen.
 
Dahl spielt mit vielen Klischees, zum Beispiel finden die ganzen Ermittlungen – typisch für einen düsten schwedischen Thriller – im Dauerregen statt.
 
Seine Hauptfiguren sind Kriminalkommissar Samuel Berger, ein eigenwilliger Bulle mit weichem Kern, verbissen und traumatisiert. Seit seiner Scheidung fühlt er sich einsam und seine Frau hält auch noch die beiden Kinder von ihm fern. Sein Verhältnis zu Frauen ist schwierig. Seit seiner Jugend faszinieren ihn und übrigens auch den Täter Uhren und er besitzt mehrere wertvolle Armbanduhren, die er abwechselnd trägt. Diese mechanisch aufzuziehenden Uhren strukturieren seinen Alltag. Durch permanente Alleingänge und gefährliche Aktionen bringt er sich und seine Kollegen in Lebensgefahr.
Da auch Molly Blom einen eigenwilligen Charakter hat, sorgt das für viele Konflikte. Sie ist ein sehr kontrollierter Mensch, fast schon soziopathisch, dem Ordnung und Struktur sehr wichtig sind. Auf der anderen Seite besitzt sie ein großes Talent, in andere Rollen zu schlüpfen. Durch ein traumatisches Erlebnis in ihrer Kindheit vertraut sie niemandem mehr und verlässt sich nur noch auf sich selbst.
 
 
Arne Dahl ist das Pseudonym des Literaturwissenschaftlers und Kritikers Jan Arnold, der unter anderem auch für die Schwedische Akademie arbeitet, die den Nobelpreis vergibt. Er ist 1963 geboren und lebt in Stockholm. Berühmt wurde er mit seiner 10-teiligen Serie um eine Spezialeinheit der Schwedischen Polizei, zuständig für internationale Verbrechen. Die sogenannte A-Gruppe um die Hauptfiguren Paul Hjelm und Kerstin Holm zählt zu den weltweit erfolgreichsten, inzwischen auch verfilmten Serien. Als er 2011 mit einer neuen Thriller-Serie mit einem grenzüberschreitend operierendes Ermittlerteam der Europol an die vorherigen zehn Teile anschließt, setzt er sich auch hier mit dem globalisierten Verbrechen auseinander.
 
Doch diese Thriller um Europas Eliteermittler wurden mittlerweile von der Realität eingeholt. Wie Arne Dahl in einem Interview bekannte, hatte er genug von der organisierten Kriminalität und Gewalt in der globalisierten Welt. Als er mit der Serie anfing, war er noch überzeugt, dass man mit einem „europäischen FBI“ dagegen vorgehen kann. Müde geworden aufgrund der mafiösen Strukturen in diversen Ländern, beschloss er, seine Geschichten kleiner zu machen. Der Bestseller-Autor verließ seine bisher so erfolgreichen Krimi-Pfade und kehrt mit Sieben minus eins Schauplatz Schweden zurück. Da er mehr Zeit in die Geschichte investieren wollte, bedurfte es eines ganz neuen Ansatzes und so belebte er den Charakter des einsamen, niedergeschlagenen Kommissars wieder neu. Ein Ermittlertyp, der ja nicht grade selten in Krimis auftaucht und von Arne Dahl bisher vermieden wurde.
 
Den schaurigen Cliffhanger zum Schluss hätte es für mich gar nicht gebraucht, um neugierig auf weitere Teile zu sein. Der Auftakt zur neuen Reihe hat mich bestens unterhalten.

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Tags: 1. band, bootshaus, entführung, keller, schweden, serientäter, uhren   (7)
 

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thriller, mark billingham, mord, england, fesselnd

Die Lügen der Anderen

Mark Billingham ,
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Heyne, 08.02.2016
ISBN 9783453438330
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:  
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schweden, patrick hedström, seri, fjällbacka, missbrauch

Die Schneelöwin

Camilla Läckberg , Katrin Frey
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 18.11.2016
ISBN 9783548288680
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die junge Viktoria verschwand vor Monaten spurlos von einem Reiterhof. Als sie jetzt plötzlich wieder auf einer Straße auftaucht, wird sie von einem Auto erfasst und erliegt ihren schweren Verletzungen. Da ihr Körper zahlreiche schlimme Misshandlungen aufweist und die Polizei Verbindungen zu anderen vermissten Mädchen entdeckt, laufen die Ermittlungen nach einem Serientäter auf Hochtouren. Dieser schaurige Prolog und das für Schweden-Krimi typische, aufwendig gestaltete Cover einer eisigen Winterlandschaft versprach einen spannenden Lesegenuss.

'Die Schneelöwin' ist bereits das neunte Buch einer Krimi-Reihe, das die schwedische Erfolgsautorin Camilla Läckberg um den Kommissar Patrik Hedström und seine Ehefrau, die Schriftstellerin Erica Falck, erneut in ihrer Heimatstadt Fjällbacka ansiedelt.

Während Patrik und sein Team sich um die Aufklärung der verschwundenen Mädchen bemühen, interviewt Erica eine seit Jahren inhaftierte Frau für ihr neues Buch über reale Kriminalfälle. Laila verbüßt eine langjährige Haftstrafe wegen der Ermordung ihres Mannes, der die schwierige Tochter im Keller ankettete, hat sich aber bisher zu ihrer verzweifelten Tat nicht geäußert.

Action-Szenen sind nicht das Metier der Autorin. Sie baut vielmehr Spannung auf, indem sie den Leser neugierig auf die ungewöhnlichen Geschehnisse macht. Ihre Stärken liegen in der Beschreibung verschiedener komplizierter Familienverhältnisse und der Zeichnung einer Vielzahl von Personen. Die einzelnen Charaktere sind teilweise sehr klischeehaft, beispielsweise ist der unfähige Vorgesetzte Millberg für meinen Geschmack in seiner Faulheit und Eitelkeit viel zu dick aufgetragen.

Die Sprache ist einfach und manche Formulierungen schrammen das ein oder andere Mal am Kitsch vorbei, zum Beispiel ist immer mal wieder vom Kind die Rede, ‘dass das Böse in sich trägt’. Auch einige Dialoge sind derart hölzern und scheinen nur zur Information für den Leser kreiert zu sein.

Wie in den Vorgängerbänden sorgt Erica mit ihren Alleingängen für die nötige Dramatik. Camilla Läckberg versteht es immer wieder, dramatische Familiengeschichten in einen spannenden Thriller zu verpacken. Auch in 'Die Schneelöwin' geht sie nach diesem bewährten Schema vor, sie spinnt die privaten Themen ihrer Figuren weiter. Hier liegt auch das große Problem des Romans:
Die privaten alltäglichen Sorgen im Leben der Protagonisten nehmen einen großen Teil ein. Neueinsteiger, die die Entwicklung des Stammpersonals bisher nicht verfolgten, tun sich eventuell schwer in die Geschichte hineinzukommen. Der Roman ist vordergründig ein Familien-Roman mit Thriller-Elementen, bei dem die Beziehungskisten und die Kinder im Vordergrund stehen, aber das schätzen, lieben und erwarten ihre zahlreichen Fans ja.

Neben dem Hauptstrang gibt es immer wieder recht kurze Blicke in die Vergangenheit von Laila, die aufgrund ihrer Knappheit recht fesselnd sind und Raum für Spekulationen lassen. Der Krimiplot ist recht verzwickt angelegt und bietet zum Schluss noch einige überraschende Wendungen. Dass nicht alle offenen Fragen geklärt werden, wird nicht jedem Leser gefallen.

Das Zielpublikum sind sicherlich junge Frauen, bestenfalls mit Kindern. :-)



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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

rom, papst franziskus, korruption, müll, heilige jahr

Die Nacht von Rom

Giancarlo De Cataldo , Carlo Bonini
Buch: 320 Seiten
Erschienen bei Folio, 30.08.2016
ISBN 9783852567006
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Hinter den abgedunkelten Scheiben des schwarzen Audi A6 beobachtete Sebastiano Laurenti, wie die Stadt im Chaos versank. Rom brannte. Vor fünf Tagen hatte die Stadt kapituliert. Lahmgelegt von einem wilden Streik der Verkehrsbetriebe. Erstickt von nicht abtransportiertem Müll. Verpestet vom Gestank der Müllsäcke, die die wütenden Römer an den Straßenecken angezündet hatten. Die Dinge hatte ein Mädchen aus Tor Sapienza ins Rollen gebracht, sie hatte zwei Schwarze angezeigt, die sie vergewaltigt hätten. Die Bewohner der Vorstädte waren sofort auf die Barrikaden gestiegen. Rom brannte. (Auszug Seite 9)

Als Papst Franziskus im Frühjahr 2015 das Heilige Jahr der Barmherzigkeit ausruft, wittern viele Römer das große Geschäft, das sich mit Millionen von Touristen verdienen lässt. Bauunternehmer, Immobilienhaie und das organisierte Verbrechen setzen alles dran, öffentliche Aufträge zu manipulieren, um von dem Pilgerboom zu profitieren. Korrupte Kommunalpolitiker halten die Hand auf und auch der Vatikan hat seine Finger im Spiel.

Der Obermafiosi Samurai, ein faschistischer Kriminelle mit einem Faible für alles Japanische, zieht vom Gefängnis aus Tee trinkend die Fäden. Zwischen seinem Erben, dem smarten, eleganten Sebastiano Laurenti und dem skrupellosen Fabio Desideri entbrennt ein Krieg über seine Nachfolge. Müllberge und Straßenschlachten werden von der Mafia als Druckmittel benutzt und Chaos bricht in der italienischen Metropole aus. Den wenigen Aufrichtigen wird das Leben schwer gemacht. Alle Fraktionen sägen am Stuhl des Römer Bürgermeisters Martin Giardino, der unter anderem wegen seiner peniblen Art, nur ‚Der Deutsche‘ genannt wird.

Anfänglich hatte ich mit dem realitätsnahen Mafiathriller meine Schwierigkeiten. Ich fand ihn sehr sperrig und anstrengend zu lesen. Nicht nur wegen der Vielzahl an Protagonisten, die das Autorenduo De Cataldo und Bonini auflaufen lässt, erfordert er höchste Aufmerksamkeit. Eine hilfreiche Auflistung aller wichtigen handelnden Personen ließ mich immer wieder zum Anfang zurückblättern. Vielleicht lag es auch an der Übersetzung, hin und wieder stolperte ich über holprige Sätze und mir unbekannte Wörter wie zum Beispiel ‚Maulfürze‘ oder ‚die Finanz war ihm auf den Fersen‘. Eventuell handelt es sich auch um in Österreich gebräuchliche Ausdrücke, denn der Band wurde von Karin Fleischanderl für den Wiener Folio-Verlag übersetzt.

Der rasante Politthriller ist eigentlich mehr eine informative Reportage über die Verstrickungen von Mafia, Politik und katholischer Kirche. Dazu passt, dass es keine Anführungszeichen bei der direkten Rede gibt. Das fand ich etwas gewöhnungsbedürftig, aber dadurch verstärkt sich die Wirkung einer nüchternen Chronik, und die Botschaft über Italiens bittere, grausame Realität wird eindringlich dargestellt. Aber mehr und mehr zog mich die fesselnde Geschichte in den Bann und der nüchterne, knappe Stil und die protokollartige Wiedergabe begannen mich zu faszinieren. Was dem Autorenduo perfekt gelingt, sind die einzelnen Milieu-Beschreibungen und die Darstellung der engen Verflechtungen zwischen denen aus den Palästen, die aus der Zwischenwelt, die von der Straße und dem Chor. Das sind die einzelnen Überschriften über der Liste der wichtigen handelnden Personen am Anfang des Buches.

Die vielen Charaktere sind gut ausgearbeitet, die teilweise klischeehafte Überzeichnung sicher gewollt und daher verzeihbar. Der eloquente Sebastiano Laurenti, eigentlich kein schlechter Kerl, ist nur durch ein böses Schicksal in diese Lage gekommen und denkt ständig über seinen Ausstieg nach. Er verliebt sich in die schöne, ehrgeizige Stadträtin Chiara Visone. Die redegewandte, charmante Parteichefin war früher mit dem altgedienten, linken Parteikommunisten Adriano Polimeni liiert. Er ist einer der wenigen ‚Guten‘ und versucht zusammen mit Monsignor Giovanni Daré dem Bösen die Stirn zu bieten. Auch andere Figuren wie der schmierige Politiker Temistocle Malgradi, der sich als angeblicher Vertrauter des Bürgermeisters verdingt oder der koksende Baulöwe Danilo Mariani mit seinen fettigen Haaren konnte ich mir gut vorstellen.

– Auf wie viel kommen wir?
– Die Bürojungen bekommen tausend im Monat. Die Vorsitzenden der Ausschüsse mitunter drei-, viertausend. Hängt davon ab. Dazu kommen die Extras für die schwierigen Beschlüsse. Nun, wie ich schon sagte, nur ein paar Trottel von den Cinque Stelle werden dagegen sein, aber wir arbeiten daran. Jabba, wenn du willst, kannst du die Liste der Bauarbeiten vorlesen. (Seite 83
)

Rom ist der Schauplatz dieses Mafia-Thrillers und da kennen sich die beiden Autoren Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini gut aus. Sie sind vertraut mit den politischen Hintergründen in Rom und wissen Bescheid über die Machenschaften hinter den Kulissen. De Cataldo  hat sich als Richter an einem Römer Schwurgericht mit dem Organisiertem Verbrechen auseinandergesetzt, Bonini arbeitet als investigativer Journalist einer Tageszeitung.

De Cataldo hat schon in einigen Werken die italienischen Verhältnisse beschrieben, sein Kriminalroman ‚Romanzo criminale‘ wurde mehrfach erfolgreich verfilmt. Die Nacht von Rom ist die Fortsetzung des erfolgreichen Thrillers Suburra, bei dem die beiden Autoren schon zusammen gearbeitet haben. In Suburra  beschäftigten sie sich intensiv mit der Korruption in Italien. Allerdings ist der vorliegende Politthriller mit knapp 300 Seiten schmaler und nicht ganz so komplex, daher für Laien in italienischer Politik leichter zu konsumieren.

In einem Interview bestreitet De Cataldo augenzwinkernd, dass seine Figuren auf realen Vorbildern beruhen. Doch wer sich mit dem italienischen Polittheater auskennt, wird die ein- oder andere Anspielung erkennen. Der Autor gibt weiter zu, dass es in der Wirklichkeit im kriminellen Bereich nicht ganz so schlimm gekommen sei. Auch das Heilige Jahr sei bis jetzt erstaunlich sauber verlaufen, was man Papst Franziskus zu verdanken hat. Der in der Realität inzwischen inhaftierte Mafiosi Massimo Carminati bezeichnete sich einmal in einem abgehörten Gespräch als Figur der „Zwischenwelt“, in der sich alle träfen. Denn auch die Leute in der Oberwelt brauchten mal jemand aus der Unterwelt, der Dinge für sie erledigt, die sonst keiner machen kann.

In Die Nacht von Rom werfen die beiden Insider in kurzen, knappen Kapiteln ein Schlaglicht auf Italien. Wer sich nur ein wenig mit der aktuellen Politik in Italien auskennt, wird an der spannenden Mischung aus Fiktion und Realität seine Freude haben. Mir fehlte ein bisschen die Spannungskurve, aber den Vorgänger Suburra würde ich auf jeden Fall noch gerne lesen.

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Tags: heilige jahr, korruption, mafia, müll, papst franziskus, politik, rom   (7)
 

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10 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

tel aviv, studentin, new york, verschweigen, geheimnis

Wir sehen uns am Meer

Dorit Rabinyan , Helene Seidler , Luise Helm
Audio CD
Erschienen bei Argon, 11.08.2016
ISBN 9783839815007
Genre: Romane

Rezension:

In New York lernt die israelische Studentin Liat zufällig den Künstler Chilmi kennen. Die jüdische Endzwanzigerin kommt aus Tel Aviv und wohnt während eines 6-monatigen Stipendiums in der Wohnung von Freunden. Der Palästinenser Chilmi wuchs in den besetzten Gebieten des Westjordanlandes in Ramallah auf und verdient sein Geld als Maler. Trotz unterschiedlicher ethnischer Wurzeln und moralischer Wertevorstellungen fühlen die beiden sich zueinander hingezogen und werden ein Liebespaar. Aber es ist nur eine Liebe auf Zeit. Für Liat, die ihr Rückflugticket schon in der Tasche hat, steht mit dem Ablauf ihres Visums schweren Herzens auch das Ende ihrer Liebesbeziehung fest. Ohnehin ist diese moderne Romeo und Julia Geschichte nur möglich, weil die beiden sich fernab ihrer Heimat begegnen. In den verfeindeten Ländern leben sie nur wenige Kilometer voneinander entfernt, aber in vollkommen unterschiedlichen Welten. Während sie in den Wintermonaten durch die Straßen von New York streifen, versuchen sie, den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu verdrängen. Das gelingt nicht immer und die anerzogenen Einstellungen und Vorurteile lassen die beiden oft auseinander driften. Es wird über die Ein- oder Zwei-Staaten Lösung diskutiert und über die politische Situation in Israel/Palästina gestritten. Die Konflikte werden besonders deutlich, als Chilmi von seinen Erfahrungen in israelischer Gefangenschaft berichtet und Liat dabei an ihre Zeit als Soldatin denkt.


Besonders Liat, die Ich-Erzählerin sieht keine Perspektive für ihre Liebe, die sie ängstlich vor ihrer Verwandtschaft und ihren New Yorker Freunden verheimlicht. Sie stammt aus einer konservativen Familie und hat eine enge Beziehung zu ihren strenggläubigen, jüdischen Eltern und ihrer verheirateten Schwester. Liat sieht keine andere Möglichkeit, als nach Israel zurückzukehren und mit einem jüdischen Mann eine Familie zu gründen. Chilmi ist dagegen weltoffener und liberaler erzogen und geht mit ihrer Beziehung offener und selbstverständlicher, vielleicht auch naiver um. Als sein Bruder ihn in New York besucht, weiht er ihn ein und stellt ihm Liat bei einem gemeinsamen Essen vor. Dabei kommt es zu einer Auseinandersetzung, in der sich Liat von ihm provoziert fühlt und empört und enttäuscht feststellen muss, dass Chilmi sie nicht unterstützt.

Hier liegt für mich das Problem dieser Liebesgeschichte. Es war für mich überhaupt nicht ersichtlich, was die beiden aneinander finden und ich fand, dass sie gar nicht zusammen passen. Ich fragte mich, ob diese Liebe auch unter normalen Umständen gescheitert wäre. Natürlich kann ich Liats innere Konflikte verstehen, aber mir fehlte irgendwie ein Aufbegehren gegen die Konventionen. Zu keinem Zeitpunkt wird um die Liebe gekämpft, scheinen die Hindernisse unüberwindbar und das Scheitern wird einfach so hingenommen. Liat ist die ganze Zeit weinerlich, oft zickig und feige, lässt sich von dem herzlichen, liebevollen und kreativen Chilmi umsorgen, steht aber gar nicht zu ihrer Liebe. Damit ihre Familie auf keinen Fall von der Liaison erfährt, verleugnet sie den chaotischen Träumer mehrmals und verletzt ihn dadurch sehr.


Dies ist der 3. Roman der Israelin Dorit Rabinyan und sie erzählt sehr bildhaft und in einer sehr schönen, poetischen Sprache. An manchen Stellen war es mir aber etwas zu blumig und ausschweifend erzählt, sie verliert sich in ausführlichen Beschreibungen und die Geschichte kommt nicht mehr voran. Obwohl sie mit ihrer intelligenten Beobachtungsgabe auf die Gesellschaft interessante Einblicke in fremde Mentalitäten bietet, war es mir auf weite Strecken mit ihrer Detailverliebtheit einfach zu langweilig.


Das Cover in den warmen, orangenen Tönen mit den stilisierten Wellen erinnert an einen Sonnenaufgang am Meer und ist mir gleich ins Auge gesprungen. Beim näheren Hinsehen entdeckt man im Hintergrund die Skyline von New York und die Beine eines Paares aus dem Bild verschwinden. Das passt wunderbar zum Titel und der Geschichte. Die Sehnsucht der beiden Protagonisten im bitterkalten New York nach der warmen Heimat wird von der Autorin mit sehr viel Einfühlungsvermögen rüber gebracht. Das Titel gebende Meer symbolisiert die Unerreichbarkeit für den Nichtschwimmer Chilmi, der noch nie am Meer war.

Das Hörbuch wird von Luise Helm, einer preisgekrönten Schauspielerin und Synchronsprecherin, bekannt als deutsche Stimme von Scarlett Johansson eingelesen. Ihre jugendliche und angenehme Stimme passt hervorragend zu der Geschichte. Die für mich unbekannte Aussprache der arabischen Wörter war zwar fremd aber absolut stimmig.


Gesellschaftsverändernd fand ich diese traurige Liebesgeschichte nicht und ich kann das Verbot für Schulen von „Wir sehen uns am Meer“ durch das israelische Bildungsministerium nicht nachvollziehen.

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Tags: künstler, liebesgeschichte, nahost-konflikt, new york, studentin, tel aviv   (6)
 

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72 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

thriller, karin slaughter, emanzipation, mörder, shooter

Cop Town - Stadt der Angst

Karin Slaughter , Klaus Berr
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 20.02.2017
ISBN 9783734104060
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Keine weiße Frau würde je mit einem schwarzen Mann fahren. Die weißen Männer wären nur zu gern mit schwarzen Frauen gefahren, aber Letztere waren nicht so dumm, zu einem Weißen ins Auto zu steigen. Und dass ein schwarzer Mann mit einem weißen fuhr, war völlig ausgeschlossen. Vielleicht war dies auch der Grund, warum Atlanta den Statistiken zufolge eine der gewalttätigsten, kriminellsten Städte Amerikas war. Soweit Maggie es beurteilen konnte, waren schwarze und weiße Beamte sich nur insofern einig, als sie unisono der Ansicht waren, dass Frauen nicht in Uniform gehörten. Auszug Pos. 972

In Atlanta im Jahr 1974 werden kurz hintereinander mehrere Polizisten erschossen. Der von allen nur 'Shooter' genannte Killer richtet seine Opfer mit gezielten Kopfschüssen hin. Zeitgleich beginnt die junge Kate Murphy hochmotiviert ihren Dienst bei der Atlanta Police. Sie stammt aus einer gutsituierten, jüdischen Familie, aber nachdem ihr Ehemann in Vietnam verstarb, will oder muss sie endlich auf eigenen Füßen stehen. An ihrem ersten Tag wird sie Jimmy Lawson an die Seite gestellt, der grade seinen Partner durch den Copkiller verloren hat. Kate lernt seine resolute Schwester Maggie Lawson kennen, die schon länger bei der ‚Truppe‘ arbeitet. Obwohl die taffe Maggie aus einer klassischen Cop-Familie stammt, kämpft sie wie alle Frauen täglich gegen Ressentiments und Machogehabe ihrer sexistischen Kollegen.

Der Leser begleitet die hübsche Kate bei ihren ersten Tagen durch viele schwierige und demütigende Situationen. Zum Beispiel ist ihre Uniform viel zu lang, die Schuhe zu groß und die Polizeimütze passt nicht richtig auf ihren Kopf. Die Darstellung fand ich etwas lächerlich, aber laut Recherche der Autorin gab es zu der Zeit noch keine Dienstkleidung für Frauen. Der Wandel der Zeit Mitte der 1970er Jahre ist noch nicht in der Südstaatenmetropole angekommen. Hier regiert noch die Vetternwirtschaft und trotz eines schwarzen Bürgermeisters existiert im PD immer noch die strikte Trennung zwischen Weiß und Schwarz.

Als ein weiterer Cop ermordet wird, eskaliert die Situation. Die Männer des Atlanta Police Department begeben sich kopflos auf die Jagd nach dem 'Shooter'. In ihrer maßlosen Wut ist ihnen jedes Mittel recht, einen Verdächtigen zu präsentieren. Laut einhelliger Meinung der meisten Cops haben Frauen bei der Ermittlungsarbeit nichts zu suchen. Besonders Maggies brutaler Onkel und Vorgesetzter Terry Lawson verspottet sie und spart nicht mit Demütigungen und Diskriminierungen. Es sind dann aber Maggie und Kate, die sich trotz aller Gegensätze angenähert haben und die, trotz Behinderung durch die Männer, eine erste Spur zu dem Killer finden. Kates gravierende Wandlung vom weinerlichen Neuling zur selbstbewussten Polizistin gerät etwas zu schnell, da die Handlung sich auf über 500 Seiten nur über 4 Tage erstreckt.

Die in Atlanta lebende Autorin Karin Slaughter schickt ihren Leser in diesem Stand-Alone, abseits von ihrer erfolgreichen Grant County Reihe, auf eine Zeitreise in die 1970er Jahre. Sie legt dabei den Fokus auf die tägliche Polizeiarbeit und auf die Anfeindungen der männlichen Cops und der Frauen untereinander. Diesen Aspekt fand ich sehr interessant und dabei hat sie gut recherchiert. Sexismus und Rassismus bestimmen den Alltag in dieser Zeit in den Südstaaten, und der Verdacht der Homosexualität ist das Schlimmste für einen Mann. Die Geschichte um den Copkiller rückt dadurch in den Hintergrund und verliert an Spannung.

Bis auf die Hauptcharaktere sind die anderen Figuren stereotyp und austauschbar. Die Männer werden durchgehend als versoffene, rassistische, homophobe und gewalttätige Cops dargestellt. Hier hätte ich mir eine etwas differenzierte Charakterisierung gewünscht. Karin Slaughter ist auch nicht als Autorin für zarte Gemüter bekannt, trotzdem war die derbe teils vulgäre Sprache, die sie benutzt, für mich oft am Rande des Erträglichen und einfach zu dick aufgetragen.

Oder vielleicht war es auch die Art gewesen, wie Bud Deacon sich die Hand vorn in die Hose gesteckt hatte. Oder der Gestank nach Kotze, den Jett Elliott verströmt hatte. Oder Cal Vicks Unfähigkeit, bei einer Frau irgendwoanders hinzustarren als auf den Busen. Oder die Art, wie Chip Bixby Kate angeglotzt hatte, als wollte er sie im nächsten Augenblick in den Wald zerren und sie vergewaltigen. Auszug Pos. 3511

Leider hat mich der aus mehreren Perspektiven erzählter Roman Cop Town nicht vollständig überzeugt, da er in weiten Teilen auf der Stelle tritt. Es ist weniger ein Thriller, als eine Geschichte über zwei Frauen, die lernen müssen, sich in einer Männergesellschaft zu behaupten.

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

paddy meehan, journalismus, 80er jahre, kokain, glasgow

Die tote Stunde

Denise Mina ,
Flexibler Einband: 420 Seiten
Erschienen bei Heyne, 13.06.2016
ISBN 9783453434929
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die hübsche Blondine stand in der Tür zum Wohnzimmer und lauschte. Sie hatte einen schlanken Hals und feine Gesichtszüge, die Spitzen ihrer kinnlangen Haare waren rosa von Blut. Als sie Paddy im Spiegel sah, strich sie sich mit ihren schlanken Fingern die Haare hinters Ohr und gab so den Blick auf ihren blutigen Kiefer frei. Ein dünner scharlachroter Streifen verlief von ihrem Mundwinkel zum Kinn und weiter über ihren Hals bis zum Schlüsselbein, wo er den großen Lady-Di-Spitzenkragen ihrer weißen Bluse tränkte. Auszug Seite 14


Denise Mina entführt den Leser in 'Die tote Stunde' in das Glasgow der 80er Jahre. Die junge Nachwuchs-Reporterin Paddy Meehan arbeitet bei den Scottish Daily News in der unbeliebten Nachtschicht und muss mit ihrem geringen Einkommen auch noch Eltern und Geschwister ernähren. Mit ihrem Fahrer Billy hört sie den Polizeifunk ab, um den Ermittlern zu den Einsatzorten zu folgen und kleine Polizeimeldungen zu schreiben. In einer bitterkalten Februarnacht wird sie in einer wohlhabenden Gegend Zeugin eines Falles von häuslicher Gewalt. Obwohl sie noch einen kurzen Blick auf die blutende Frau erhaschen kann, lässt sie sich genau wie die Polizisten vor Ort von dem eleganten Mann an der Tür abwimmeln. Sie nimmt sogar den 50 Pfund Schein an, da sie das Geld gut gebrauchen kann. Als sie am anderen Morgen erfährt, dass die Frau totgeschlagen wurde, meldet sie sich von Schuldgefühlen getrieben samt Bestechungsgeld bei der Polizei. Da ihre Aussage dort aber kein gesteigertes Interesse findet, beschließt sie, den Fall selbst aufzuklären.

Der Schlüssel zu diesem Verbrechen scheint die bildhübsche Schwester der Toten zu sein. Das verwöhnte Partygirl Kate ist in einem zweiten Handlungsstrang mit einem Kilo Kokain und total zugedröhnt auf der Flucht. Sie ist damit das absolute Gegenteil zu der Hauptfigur, der 21jährigen Paddy Meehan, die in ihrem Leben ständig kämpfen muss. Unsere dickköpfige Heldin ist schlau, eigenwillig, oft unsicher und kämpft ständig als Frustesserin mit den Pfunden und muss sich als einzige weibliche Journalistin in einer Männerdomäne durchsetzen.


Der Redaktionsalltag und die Familiensituation stehen im Mittelpunkt und nehmen einen großen Raum ein. Paddy ist die Alleinverdienerin, seit der Vater arbeitslos ist. Ihre katholische Familie kommt aus Irland und gilt schon deshalb als Außenseiter. Sie hängt sehr an ihrer älteren Schwester Mary Ann, deren Frömmigkeit sie nicht teilt. Ihrer strenggläubigen Mutter Trisha zuliebe, begleitet Paddy sie zu einer religiösen Bühnenshow in die Stadt mit Bands und Comedians. In der Garage hat sie sich einen Rückzugsort mit Ofen und Sessel eingerichtet und will hier einen Roman schreiben.

Die mollige Paddy Meehan in ihrem grünen Second-Hand-Ledermantel mit ihren Schwächen und Fehlern ist eine authentische Figur und das große Plus dieses Krimis. Auch die anderen Charaktere sind sehr lebensecht und realistisch gelungen und kommen ohne große Klischees aus.

Obwohl der Kriminalfall ungewöhnlich und spannend beginnt, hatte ich anfänglich Schwierigkeiten in die Geschichte reinzukommen. Überrascht musste ich feststellen, dass es sich bei dem vorliegenden Kriminalroman um die Übersetzung eines 10 Jahre alten Mittelteil einer Trilogie handelt. Die ständigen Hinweise auf den ersten Teil und die Geschichte um den „echten“ Patrick Paddy Meehan, einem Kleinganoven, der als Opfer eines Justizirrtums sieben Jahre einsaß und auch die holprige Übersetzung störten ein ums andere Mal den Lesefluss. Über große Strecken fehlte mir der Spannungsbogen und obwohl sich Paddy noch in große Gefahr begibt, kommt die Auflösung dann auch ziemlich unspektakulär daher.


Es war ihr erstes „Witwenschütteln“. Der Besuch bei der Familie eines Opfers und der Versuch, den Hinterbliebenen ein Foto des Toten abzuschwatzen oder zu stehlen, war das Schmutzigste und Furchtbarste, was ein junger Journalist tun musste. Selbst die Hartgesottenen unter den erfahrenen Journalisten erinnerten sich mit einem Schaudern an ihre ersten Versuche beim Witwenschütteln. Auszug Seite 89


Minas Kriminal-Geschichte ist vielmehr eine präzise, schottische Milieu-Studie aus einer Industriestadt in den 80ern. Die Menschen bangen um ihre Arbeit und fühlen sich durch die Wirtschaftspolitik Margret Thatchers um ihre Zukunft gebracht. Es ist auch die Zeit des großen Zeitungssterbens.

Während die ganz große Politik im Hintergrund bleibt, zeigt Denise Mina die Welt des kleinen Mannes. Wenn ihr detaillierter, düsterer Blick auf die Bewohner der Arbeiterviertel fällt, entsteht ein stimmiges Bild. Hier zeigt sich die ganze Klasse der in Schottland sehr erfolgreichen, preisgekrönten Krimiautorin, die hier zu lande kaum bekannt ist. Die promovierte Rechtswissenschaftlerin mit einem Lehrauftrag in Kriminologie schrieb bereits diverse Kriminalromane, verfasste einige Comics und ein Theaterstück.


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Tags: 80er jahre, band 2, glasgow, journalismus, kokain, paddy meehan   (6)
 

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

chemiekonzern, paris, wuli top 20, gesellschaft, frankreich-roman

Die Schuld der anderen

Gila Lustiger
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag Taschenbuch, 01.09.2016
ISBN 9783833310430
Genre: Romane

Rezension:

Nun war er wieder da. Unter Strom. Mitten im Geschehen. Das gnadenlose Raubtier Rappaport, das ungesehen den endlosen Flur entlangstreifte, flink Treppen hinunterhuschte und, die Gunst des Augenblicks nutzend, die Halle durchquerte, als alle gerade damit beschäftigt waren, eine Gruppe Jugendlicher in die Ausnüchterungszelle zu verfrachten. Die fünf Kids randalierten und wollten sich nicht bändigen lassen? Umso besser. Auszug Seite 67

Der brutale Mord an der jungen Prostituierten Emilie Thevenin vor fast 30 Jahren in Paris wurde nie aufgeklärt. Als man jetzt im Jahrhundertsommer mit Hilfe einer DNA-Analyse den vermeintlichen Täter überführt, kommen dem engagiertem Journalisten Marc Rappaport Zweifel an der Schuld des Verdächtigen. Nach Rücksprache mit seinem Chefredakteur fährt der ehrgeizige Reporter zwecks Recherche nach Charfeuil, die Kleinstadt, in der Emilie aufwuchs. Wieso schlitterte die junge Frau, die mit 18 Jahren aus der Enge der Kleinstadt floh, um in Paris zu studieren, in die Prostitution? Hier in der Provinz deckt unser Held nach und nach einen Skandal viel größeren Ausmaßes auf. Emilies an Krebs verstorbener Vater arbeitete bei dem Chemiekonzern Nutrissor. Dieser hatte jahrelang wissentlich die Gesundheit seiner Arbeiter aufs Spiel gesetzt, in dem er krebserzeugende Stoffe kostengünstig einsetzte. Das alles mit der Rückendeckung der Politiker, denn schließlich ging es um Arbeitsplätze.

Diese Begebenheit geht auf einen realen Fall zurück, der sich Anfang der 80er Jahre bei dem Futtermittelhersteller Adisseo ereignet hatte. Das Provinzunternehmen wurde der groben Fahrlässigkeit bezichtigt und für den Nierenkrebs mehrerer Mitarbeiter verantwortlich zu Schadensersatzzahlungen verurteilt.

Der komplexe, intelligente Plot ist sehr spannend und weiß absolut zu fesseln, dient aber genau genommen auch als Mittel für die Schriftstellerin, um zahlreiche gesellschaftliche Probleme Frankreichs aufzudecken. Wie sie in einem Interview bekannte, war die Struktur des Krimis für sie ein Korsett, an das sie sich halten konnte, wenn ihre Beschreibungen zu ausufernd wurden und sie zur Handlung zurück trieb.

Die in Frankfurt geborene Autorin und studierte Germanistin weiß wovon sie spricht, denn sie lebt seit fast 30 Jahren in ihrer Wahlheimat in Paris. Sie verfügt über eine gute Beobachtungsgabe und legt den Finger in die Wunde. Indem sie das Leben in den Industrie-Kleinstädten und Vororten mit Immigrationshintergrund und hoher Arbeitslosigkeit perfekt beschreibt, die Zustände in den Banlieues, die wachsende Jugendkriminalität, die Prostitution und die Korruption in der Politik, taucht sie schonungslos in die Abgründe der französischen Gesellschaft ein und versteht es die Kluft, die die Gesellschaft immer weiter spaltet, aufzuzeigen.

Wie der Titel schon verrät, geht es viel um die Schuldfrage in der Geschichte. Die Hauptfigur Marc ist ein melancholischer Einzelgänger um die 40. Er wirkt irgendwie zerrissen, da er zwischen allen Stühlen sitzt. Sein verstorbener Großvater, an dem er sehr gehangen hat, war ein gerissener Großindustrieller, der seinen Reichtum zum Teil aus Kriegsgewinnen in Afrika erwirtschaftet hat. Der angesehene Arnaud Delorme hatte ein gespanntes Verhältnis zu Marcs Vater, einem jüdischen Intellektuellen aus einer armen Akademiker-Familie. Unser Held ist als integrer Journalist mit hohen Idealen auf Enthüllungsgeschichten spezialisiert und macht Jagd auf die „bösen Jungs“. Andererseits möchte er aber auch nicht auf die ererbten Annehmlichkeiten verzichten. Trotz seiner handfesten Prinzipien wird er im Laufe der Geschichte um der Gerechtigkeit Willen einen der wenigen Politiker, die er achtet, in den Schmutz ziehen, seinen besten Freund belügen und sich seiner Zeitung bedienen. Grade diese Widersprüche lassen den Protagonisten aber sehr authentisch, menschlich und auch sympathisch erscheinen.


Er, Marc ging nicht nur zur Arbeit. Er hatte sich vom System schlucken und umkrempeln lassen. Sein Beruf hatte ihn so verändert, dass er sich gar nicht mehr richtig erinnern konnte, je anders auf die Wirklichkeit geblickt zu haben, als mit den abgefeimten Augen eines abgefeimten Zeitungsfritzen. Auszug Seite 105


Gila Lustiger wirft mit viel literarischem Können und sprachlich auf hohem Niveau einen entlarvenden Blick auf die Verhältnisse der 'Grande Nation'. Dadurch ist ihr ein großer Gesellschaftsroman gelungen, der viel mehr ist als ein normaler Politthriller. Die tragische Wendung zum Schluss lässt den Titel 'Die Schuld der anderen' noch mal in seiner ganzen Bedeutung erschließen. Ein rund herum gelungenes Leseerlebnis, das aufzeigt, dass die Grenzen der Schuld fließend sind.



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Tags: chemiekonzern, gesellschaft, journalist, paris, prostitution   (5)
 

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77 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 43 Rezensionen

krimi, oslo, widerstandskämpfer, norwegen, 2. weltkrieg

Der letzte Pilger

Gard Sveen , Günther Frauenlob
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 26.02.2016
ISBN 9783471351161
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:  
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109 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 32 Rezensionen

münchen, mord, krimi, anwältin, obdachlose

Eisenberg

Andreas Föhr
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Knaur, 01.06.2016
ISBN 9783426653968
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Arm der Toten, der auf Schwinds Seite lag, zeichnete sich unter dem Tuch ab, und es schien, dass er am Handgelenk abrupt aufhörte. „Es sieht so aus, als hätte sie keine Hände.“

„Da greifen wir jetzt aber ein bisschen vor.“

„Sind die Hände gefunden worden?“ Das Thema beschäftigte Schwind, und er wollte Stangs langatmige Einführungszeremonie nicht abwarten. „Was sind Sie bloß so ungeduldig?“

„Beantworten Sie doch einfach meine Frage. Wurden die Hände...“

„Gefunden wäre das falsche Wort“, unterbrach ihn Stang ungehalten, denn er hasste es, wenn jemand den ritualisierten Ablauf seiner Obduktionen durcheinanderbrachte. Er zog ein Gesicht, als habe man ihm den ganzen Spaß verdorben, murmelte: „Also weg damit“, und gebot der jungen Ärztin mit herrischer Geste, das Tuch zu entfernen. (Auszug Seite 11)


In München wird an einem Abschnitt der Isar, dem sogenanntem Flaucher die brutal ermordete und verstümmelte Leiche einer jungen Studentin gefunden. Ein mutmaßlicher Täter wird schnell aufgrund von DNA-Spuren im Obdachlosenmilieu ermittelt. Der Fall findet das Interesse von Dr. Rachel Eisenberg, eine auf Strafrecht spezialisierte Anwältin, die sich zwar kein großes Honorar, aber eine gewisse Medienpräsenz erhofft. Als sie den Angeklagten im Stadelheimer Gefängnis sieht, ist sie geschockt. Der verwahrloste Tatverdächtige ist der ehemalige Physikprofessor Heiko Gerlach, ihre erste große Liebe, mit dem sie vor 18 Jahren als Studentin liiert war. Aufgrund privater Probleme ist der Angeklagte in die Obdachlosigkeit gerutscht. Rachel sieht einige Ungereimtheiten in der Anklageschrift und übernimmt die Verteidigung. Doch während des Haftprüfungstermins legt Gerlach plötzlich ein Geständnis ab und entzieht Eisenberg das Mandat. Für die Anwältin kommt aber der lebensuntüchtige Geistesmensch nicht als brutaler Mörder in Frage, sie findet einige entlastende Beweise und ermittelt auf eigene Faust.


In einem zweiten Handlungsstrang verfolgt der Leser die spannende Flucht einer Frau mit ihrer Tochter aus dem Kosovo. Leonora Shkodra und Valentina versuchen im dichten Schneetreiben ihren Verfolgern zu entkommen und stoßen an der Grenze auf zwei dubiose Polizisten. Diese Nebenhandlung endet ca. in der Mitte des Buches mit einem Cliffhanger und der Leser sieht sich mit vielen Fragen und Unklarheiten konfrontiert. Erst am Ende werden diese beiden Handlungsstränge in dem gut konstruierten Plot schlüssig zusammen geführt und in einem packenden dramatischen Finale gelöst.


Die Hauptfigur ist die namensgebende Dr. Rachel Eisenberg, eine kluge, engagierte Anwältin, die zusammen mit ihrem Noch-Ehemann Sascha eine renommierte Kanzlei in München führt. Privat sind die beiden allerdings getrennt und Rachel lebt allein mit der gemeinsamen pubertierenden Tochter zusammen. Das birgt natürlich jede Menge Konfliktstoff, aber Föhr findet hier die perfekte Dosis, so dass die Privatgeschichten nicht zu sehr ins Gewicht fallen und den eigentlichen Kriminalfall überschatten. Mit der Figur Rachel Eisenberg steht und fällt die Geschichte und sie wird sehr lebensecht mit allen Ecken und Kanten dargestellt. Ich sehe sie jedenfalls bildlich vor mir, wenn sie in Designer-Jeans und Lackpumps das Beste für ihre Mandanten rausholen möchte und resolut auch schon mal zu unorthodoxen Mitteln greift. Sie ist taff, hat das Herz am rechten Fleck, verliert aber auch schon mal die Nerven und kündigt eine langsamen Angestellten fristlos. Heiko Gerlach ist eine ziemlich komplexe Figur, der für den Leser bis zum Schluss ziemlich undurchschaubar bleibt.


Andreas Föhr hat sich bereits neben vielen Drehbüchern fürs Fernsehen mit seiner Serie um die zwei Polizisten Wallner und Kreuthner einen Namen gemacht. Von diesen Regionalkrimis, die im ländlichen Bayern spielen, habe ich allerdings keinen gelesen. In „Eisenberg“ hat der Bestseller-Autor mit der Top-Anwältin Rachel Eisenberg jetzt eine neue starke Frauenfigur installiert und man merkt, dass der gelernte Jurist weiß, wovon er spricht. Grade die Beschreibungen hinter den Kulissen mit dem Geplänkel zwischen Richtern und Anwälten sind ihm sehr gelungen und haben mich köstlich amüsiert. Die Hackordnung zeigt sich schon morgens vor Dienstbeginn im Café gegenüber dem Strafjustizzentrums, wenn genau feststeht, wer wo seinen Kaffee serviert bekommt. Hier tauschen etliche Münchner Anwälte, Verteidiger und Richter den neuesten Klatsch aus. Eine fesselnde Gerichtsszene hat mich im besten Sinne an John Grisham erinnert.


Der Autor versteht sein Handwerk und es gelingt ihm, seinen Leser mit falschen Fährten und neuen Entwicklungen über 500 Seiten zu fesseln. Aufgrund immer neuer Indizien und wechselnder Verdächtiger hält er den Spannungsbogen bis zum Schluss. Überhaupt ist der ganze Kriminalroman wortgewandt geschrieben, mit vielen knackigen, humorvollen Dialogen. Die Auflösung zum Schluss war für mich allerdings schon starker Tobak und dass Computer-Passwörter durch Ausprobieren geknackt werden, gibt es auch nur in Krimis. Davon abgesehen für mich ein gelungener Serienauftakt mit einer Protagonistin voller Potenzial und viel Münchner Lokalkolorit.



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Tags: anwältin, band 1, justiz, münchen, obdachloser   (5)
 

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berlin, krimi, gereon rath, 1929, deutschland

Der nasse Fisch

Volker Kutscher
Flexibler Einband: 560 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 25.08.2008
ISBN 9783462040227
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Der Schmerz machte ihn halb wahnsinnig, er musste sich zusammenreißen. Das Geräusch der Tropfen nicht beachten, so laut es auch war. Tropfen, die auf einen harten, feuchten Boden fielen. Er wusste, dass es sein eigenes Blut war, das da auf den Beton tropfte. (Auszug Seite 11)
 
 
Volker Kutscher entführt uns in seinem Kriminalroman Der nasse  Fisch in das Berlin des Jahres 1929. Sein Hauptprotagonist Gereon Rath fängt in Berlin als Kommissar bei der Sitte an. Er stammt ursprünglich aus Köln, hat dort aber im Dienst den Sohn eines bedeutenden Verlegers erschossen. Nach einer Hetzkampagne durch die Medien wurde er dank der Beziehungen seines Vaters nach Berlin „strafversetzt“. In der Hauptstadt muss der ehemalige Mordermittler sich unter anderem während der schweren Unruhen am 1. Mai erst mal profilieren. Die Maiunruhen, bei denen es durch die überforderte Polizei zu zahlreichen unbeteiligten Opfern kommt, werden später als Blutmai in die Geschichtsbücher eingehen.
 
 
Die Maiunruhen hielten auch am dritten Tag an. Immer wieder kam es zu Zusammenstößen zwischen Kommunisten und Schupos, immer wieder fielen Schüsse. Auf den Straßen um Wedding und in Neukölln herrschte Krieg. Aus dem Baumaterial in der Hermannstraße waren Barrikaden errichtet worden, in einigen Straßenzügen sämtliche Straßenlaternen durch Steinwürfe außer Betrieb gesetzt. (Seite 67)
 
 
Als im Landwehrkanal die Leiche eines schwer misshandelten, unbekannten Mannes gefunden wird, meint der ehrgeizige Rath, diesen zu kennen. Er nutzt die Chance zur Mordkommission zu wechseln und ermittelt auf eigene Faust. Seine Recherchen führen ihn ins Berliner Nachtleben. Er findet eine Verbindung zu russischen Emigranten, die hinter geschmuggeltem Gold her sind, um damit Waffen zu kaufen. Da auch das organisierte Verbrechen hinter dem Gold her ist, begibt sich Rath in große Gefahr. Er verstrickt sich immer mehr in den Fall, erschießt in Notwehr einen Verfolger und versteckt die Leiche. Aufgrund seiner Vergangenheit in Köln versucht er die Tat zu vertuschen.
 
In seinem Auftaktband der bisher sechsteiligen Reihe versteht es der Autor Volker Kutscher, ein schillerndes Portrait Berlins und der Weimarer Republik zu zeigen. Berlin galt damals als amerikanischste Stadt Europas, eine moderne, pulsierende Metropole. An der Seite des Neuberliners Gereon Rath erlebt der Leser eine Hauptstadt voller politischer und sozialer Spannungen und Umbrüche sowie ungezügelter Vergnügungssüchte. Die neuen Freiheiten ließen aber auch das Verbrechen erblühen. Berlin bildet die spannende Kulisse einer Gangstergeschichte mit den Umbrüchen dieser Zeit.
Der ambitionierte Autor hat wirklich akribisch recherchiert und den Zeitgeist der 30er Jahre gut wiedergegeben. Durch die umfassende historische Genauigkeit vermittelt er ein lebendiges Bild der Zeit und Schauplätze. Er benutzt das Vokabular der Zeit und setzt den Berliner Dialekt dosiert ein. Viele moderne Ansätze, wie zum Beispiel die sexuelle Freizügigkeit oder die Emanzipation der Frau, sind von unserer heutigen Zeit gar nicht so weit entfernt, wurden aber durch die Katastrophe des Dritten Reiches erst mal gestoppt. Der Nationalsozialismus mit seinen Symbolen taucht bisher nur ab und zu am Rande auf. Noch ahnen die Zeitgenossen um den in politischen Dingen völlig desinteressierte Rath noch nichts von der drohenden Katastrophe. Kutscher betont aber, dass es sich nicht um ein Geschichtsbuch handelt, bis auf wenige Ausnahmen ist sein Figurenpersonal auch rein fiktiv.
 
 
Mit seinem Protagonist ist Kutscher ein durchaus vielschichtiger, ambivalenter Charakter gelungen. Der gerissene Rath nimmt es oft mit der Wahrheit nicht so genau, hat aber immer die Gerechtigkeit im Sinn. Um den Fall aufzuklären, überschreitet er immer wieder Grenzen, arbeitet oft am Rande der Legalität, unter anderem auch mit Berliner Unterweltgrößen zusammen. Als seine Recherchen ihn in illegale Nachtclubs führen, nimmt er sogar Kokain, um nicht aufzufallen. Gereon verliebt sich in Charly, eine Stenotypistin der Mordkommission, was ihn nicht daran hindert, ihr Insiderwissen für seine eigenmächtigen Ermittlungen zu missbrauchen. Als ein nasser Fisch wird zu der Zeit übrigens ein ungelöster Fall genannt, passt aber auch auf den sich manchmal geschickt durchlavierenden Rath.
 
 
Das Besondere an diesem komplexen Krimi ist nicht unbedingt der Plot, der zwar wendungsreich aber in gemächlichem Tempo daherkommt, teilweise ausschweifend erzählt wird und zum Schluss in einem etwas konstruierten Actionfinale mündet. Faszinierend fand ich, wie der Autor dem Leser anhand des politisch naiven Polizisten Rath aufzeigt, wie die politische Zerrissenheit, die Arbeitslosigkeit oder die Ängste vor den Kommunisten den Weg in eine Diktatur erst ermöglichten.
 

Kutscher erzählt flüssig, routiniert und spannend den Untergang der Weimarer Republik und ich bin sehr neugierig, wie es mit allen weitergeht.

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Tags: band 1, berlin, gereon rath, gold, kommunismus, russen, waffenhandel, weimarer republik   (8)
 

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entführung, familie, mord, la réunion, urlaub

Beim Leben meiner Tochter

Michel Bussi , Eliane Hagedorn , Barbara Reitz
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 16.05.2016
ISBN 9783746631936
Genre: Romane

Rezension:

Die französische Familie Bellion macht samt der sechsjährigen Tochter Josapha Urlaub auf der paradiesischen Insel La Réunion. Nachdem Liane eines Nachmittags spurlos verschwindet, findet man ihr Hotelzimmer verwüstet und voller Blut vor. In den Fokus der Ermittlungen gerät ihr Ehemann Martial, der sich in Widersprüche verwickelt und dadurch verdächtig macht. Doch bevor er durch die Gendarmerie verhaftet werden kann, gelingt es ihm, zu entkommen. Es beginnt eine spannende Hetzjagd über die ganze Insel, denn Martial hat auf der Flucht seine kleine Tochter dabei.


Für mich war es das erste Buch, dass ich von Michel Bussi gelesen habe. Eigentlich als Roman ausgeschrieben, war ich nicht nur über die fesselnde Handlung überrascht. Auch andere Attribute wie unerwartete Wendungen, Tempo und Cliffhanger sind vorhanden, die ihn als Krimi klassifizieren.

Das Buch ist sehr flüssig mit einfachen Worten geschrieben und die kurzen Kapitel tun ihr übriges, so dass man nur so durch die Seiten fliegt. Die Zeitangaben über den Kapiteln erhöhen das Tempo und die geschickten Perspektivenwechsel erhöhen die Spannung.

Der französische Autor beschreibt das Leben auf dieser traumhaften Insel im Indischen Ozean mit Palmen und türkisblauem Wasser, mit Wasserfällen, einem Garten Eden und einem Vulkan sehr detailliert und schafft damit eine subtropische Atmosphäre. Das macht auch den Reiz dieser Geschichte aus: Grausame Verbrechen vor malerischer Kulisse mit Südseeflair. Man kann sich den Urlaub in dem Luxushotel mit Sonnenbaden am Pool und Cocktails an der Bar richtig gut vorstellen. Leider fehlt es mir hier ein wenig an Tiefe und Emotionen. Alles fliegt wie in einem Popcorn-Film an mir vorbei, ohne mich wirklich zu berühren.


Die einzelnen Charaktere sind nur oberflächlich skizziert und blieben mir größtenteils fremd. Die Erzählperspektive der kleinen Josapha ist durchaus ein guter Kniff, aber die geäußerten Gedanken und Gefühle passen nicht zu einem sechsjährigen Mädchen und wirken zu abgeklärt.

Während der Flucht erfährt der Leser immer mehr Einzelheiten aus der Vergangenheit der Protagonisten. Diese verunsichern den Leser und werfen neue Fragen nach dem Tathergang auf. Man weiß bis zum Schluss nicht, wem man trauen kann.


Das Ende ist dann auch ein bisschen abstrus und konstruiert, aber als entspannte Urlaubslektüre auf der Sonnenliege ideal.


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Tags: entführung, familie, insel, la réunion, urlaub   (5)
 

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einsamkeit, liebe, verlust, familie, tod

Vom Ende der Einsamkeit

Benedict Wells
Fester Einband: 355 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 24.02.2016
ISBN 9783257069587
Genre: Romane

Rezension:

„Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich“ Erster Satz Seite 9


Die drei Geschwister Jules, Liz und Marty verleben in den 80er Jahren eine glückliche Kindheit in München. Diese unbeschwerte Zeit wird jäh unterbrochen, als ihre Eltern tödlich verunglücken und die drei Waisen getrennt voneinander in einem einfachen Internat auf dem Land untergebracht werden. Eine Katastrophe, die den 10jährigen Jules und seine beiden älteren Geschwister total aus der Bahn wirft. Jeder von ihnen geht mit dem frühen Verlust anders um und sie entfremden sich voneinander. Sie verlieren sich auch über längere Zeit aus den Augen, da sie auf unterschiedliche Lebensentwürfe setzen.


Aus dem draufgängerischen, übermütigen Jules wird ein ängstlicher, in sich gekehrter Junge, der die Liebe seines Vaters zur Fotografie fast schon pflichtgemäß übernimmt, da sein Vater ihm kurz vor seinem Tod eine Kamera geschenkt hatte. Der ältere Bruder Marty wird zum einzelgängerischen Freak, er stilisiert sich intellektuell mit Zopf, Brille und schwarzer Kleidung zum Nerd. Später bringt er es mit einer Computerfirma zu Wohlstand, ohne jedoch von seinen angewöhnten Zwangshandlungen lassen zu können. Liz, die ältere, attraktive Schwester liebte es, als Kind im Mittelpunkt zu stehen. Ihre Mutter ließ sie gewähren, wenn sie sich selbstbewusst als Prinzessin oder Wildfang inszenierte. Nun flüchtet sie sich in einen erhöhten Drogen-, Alkohol- und Männerkonsum und tänzelt dabei öfter am Abgrund. Auch wenn sie später etwas zur Ruhe kommt, bleibt sie exzentrisch und bindungsunfähig. Bevor sie verlassen werden kann, verlässt sie lieber alle anderen. Besonders Jules fühlt sich sehr einsam, als er mit 11 Jahren auf die gleichaltrige, schweigsame Alva trifft. Auch die blasse, rothaarige Alva kämpft mit einem Verlust und die beiden werden beste Freunde. Aber es müssen noch einige Hindernisse überwunden werden, bis sie endlich als Paar zueinanderfinden. Erst nach einigen Rückschlägen und Enttäuschungen erkennt Jules, wer seine große Liebe und Seelenverwandte ist. Jules und Alva gründen eine Familie und bekommen Zwillinge. In beiden Kindern, dem ängstlichen Jungen und dem mutigen Mädchen erkennt Jules sich wieder.


Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind, dachte ich. Man weiß nie, wann er zuschlagen wird. Auzug Seite 136


Leider kann das Leben immer wieder grausam zuschlagen, was Jules und Alva bald schmerzlich erfahren müssen. Dieser erneute Schicksalsschlag lässt die ungleichen Geschwister wieder enger zusammen rücken. Als es darauf ankommt, sind sie füreinander da, um sich emotionalen Halt zu bieten. Auch wenn diese Tragödie vorher schon angedeutet wurde, berührten mich diese Szenen sehr.


Der Ich-Erzähler Jules Moreau erzählt in Rückblenden von seiner Kindheit bis hin zur Gegenwart. Er wacht nach einem schweren Motorradunfall nach 2 Tagen aus dem Koma auf. Im Krankenhaus liegend, erinnert sich der Mittdreißiger an entscheidende Phasen seines Lebens. Beginnend im Jahr 1980 mit dem letzten gemeinsamen Familienurlaub in Südfrankreich setzt sich Jules auch damit auseinander, wie es zu dem Motorradunfall kam. Er beschreibt sehr stimmig die behütete Welt der Kinder sowie die dunklen Internats-Jahre. Hier kann der Autor, der selbst seine gesamte Schulzeit im Internat verbrachte, aus eigenen Erfahrungen schöpfen. Er erzählt, wie das Auseinanderdriften der Familie nach dem frühen Unfalltod der Eltern sich auf ihr weiteres Leben auswirkt und Einfluss auf ihr weiteres Schicksal nimmt. Doch traurig oder deprimiert wird man nicht aus der Geschichte entlassen, da zum Schluss ein hoffnungsvoller und Mut machender Abschluss die Geschichte gelungen abrundet.


"Das Leben ist kein Nullsummenspiel. Es schuldet einem nichts, und die Dinge passieren, wie sie passieren. Manchmal gerecht, so dass alles einen Sinn ergibt, manchmal so ungerecht, dass man an allem zweifelt." (S. 299)


Es war mein erster Roman von Benedict Wells und aufgrund des ganzen Hypes war ich sehr gespannt. Ich wurde nicht enttäuscht. Mein Leseexemplar ist von Klebezetteln übersät und meine Augen wurden das ein oder andere Mal feucht. Die Geschichte ist wundervoll sensibel geschrieben in einer poetischen, nie kitschigen Sprache und kommt ohne Sentimentalitäten aus. Die melancholische Familiengeschichte über Verlust und Trauer, Hoffnung und Liebe hat mich mitgerissen und sehr berührt, traurig aber auch froh gemacht und das ein oder andere Mal erheitert. Ich finde es sehr beeindruckend, wie einfühlsam Benedict Wells über viele Themen wie Einsamkeit oder die Suche nach Identität, nach Liebe und Freundschaft nachdenkt. Wells beschreibt emotional und bewegend das Überwinden von Schmerz und das Unabwendbare im Leben. Indem er klug beobachtet und die innere Entwicklung seiner Figuren beleuchtet, ist er ihnen ganz nah und erfasst so die Tiefe seiner Charaktere. „Vom Ende der Einsamkeit“ ist ein leises Buch, dass trotz dem in der Kindheit erlebten Unglücksfall und späterer Schicksalschläge ohne Dramatik auskommt, sondern die Versöhnung mit der Vergangenheit in stillen Worten schildert.


Ich kann über den jungen Autor nur staunen, der mit Anfang 20 über so viel Lebensweisheit verfügt und mit einer Lässigkeit gewichtige Fragen von philosophischer Tiefe behandelt. Benedict Wells hat sich viel Zeit genommen und nach 7 Jahren Arbeit einen Bestseller erschaffen. Eines der wenigen Bücher, welches ich irgendwann noch mal lesen werde.


Der in München geborene Autor machte 2003 sein Abitur und lebt seitdem in Berlin. Während er sich ganz dem Schreiben widmete, hielt er sich mit Nebenjobs über Wasser. Bereits mit seinem 2008 erschienenen Debüt „Becks letzter Sommer“ sorgte er für viel Furore. Der Roman wurde vielfach ausgezeichnet und 2015 fürs Kino verfilmt. „Vom Ende der Einsamkeit“ ist sein vierter Roman und landete wie alle anderen auf den Bestseller-Listen. Das Ausnahme-Talent debütierte als jüngster Autor beim Diogenes Verlag.



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smoothie, roman firnkranz, smoothies, ernährung, obst

Meine grünen Smoothies

Roman Firnkranz
Flexibler Einband: 144 Seiten
Erschienen bei riva, 11.04.2016
ISBN 9783868838046
Genre: Sachbücher

Rezension:

Grüne Smoothies, der Mix aus grünem Blattgemüsen und Früchten sind ja seit einiger Zeit der neue Gesundheitstrend und beliebtes Lifestyle-Produkt. Der Österreicher Roman Firnkranz, ein Ernährungstrainer beschäftigt sich schon länger auf seiner Website mit dem Thema. Mit seinem Buch „Meine grünen Smoothies“ wendet er sich auf 144 Seiten im Besonderen an Grüne-Smoothies-Einsteiger. Das flexible Softcover-Buch ist hochwertig und in frischen Farben modern gestaltet. Es ist in mehreren Kapiteln unterteilt und fängt nach einem kurzen Vorwort des Autors mit einer detaillierten Einführung zur gesundheitlichen Wirkung an.


Das 1. Kapitel heißt dann auch Grüne Smoothies verstehen und man erfährt alle wichtige Fakten über die grüne Smoothies und welche Wirkung das Pflanzengrün auf den Körper hat. Nach jedem Kapitel gibt es noch mal zusammengefasst ein grün unterlegtes Fazit. Interessant fand ich das Kapitel über die „Mutter der grünen Smoothies“, die Russin Victoria Boutenko, die beim Studium der Ernährungsgewohnheiten der Schimpansen, die Wirkung des Pflanzengrüns entdeckte.

In dem 2. Kapitel Grüne Smoothies in sechs einfachen Schritten gibt es eine genaue Anleitung um den perfekten grünen Smoothie zu mixen. Hier findet man u.a. auch fundierte Ratschläge über das Equipment, über die besten wie auch ungeeigneten Zutaten für Einsteiger und wo man diese besorgen und lagern kann. Bei dem Abschnitt über alternative Besorgungsmöglichkeiten war der Hinweis auf „Mundraub.org„ für öffentlich zugängliche Bäume und Sträucher neu und interessant für mich.

Dann folgt das Besondere und Innovative an diesem Buch: Eine 30-Tage-Challenge mit 30 Rezepten. Diese Rezepte sind wirklich sehr einfach gehalten und lecker. Der Grünanteil bei den Rezepten wird schrittweise gesteigert. Die Zutaten sind schnell und unkompliziert zu besorgen und für die erste Woche gibt es einen Einkaufszettel als zusätzliche Hilfe. Das kam mir sehr entgegen, ich musste aber leider feststellen, dass so manche von den frisch eingekauften Zutaten nicht eine Woche haltbar sind.

Hier gibt es auch einige Motivationshilfen und Tipps, um nicht wieder in alte Verhaltensmuster zu rutschen. Schön fand ich den Tipp, mit kleinen Schritten anzufangen und nachfolgend einige Beispiele:


Wenn Sie mehr Muskeln aufbauen wollen, dann starten Sie mit einem Liegestütz pro Tag.

Wenn Sie sich gesünder ernähren wollen, dann starten Sie mit einem Glas grünem Smoothie pro Tag.


Dann folgen einige Erfahrungsberichte und immer wieder Aufgaben, die beim Durchhalten helfen sollen. Für mich kristallisierte sich die tägliche Beschaffung der frischen Zutaten als Problem heraus. Auch den Smoothie als vollständige Mahlzeit als Brei zu löffeln, leuchtet mir zwar ein, ist aber so gar nicht mein Ding.

Am Ende werden noch mal einige Fragen bezüglich spezieller Lebenssituationen und ungewöhnlicher Herausforderungen von dem sympathischen Autor erläutert.


Fazit: Ein informatives, übersichtliches Nachschlagewerk über eine unkomplizierte Möglichkeit, sich gesünder zu ernähren mit vielen leckeren Rezepten speziell für Anfänger.




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Tags: ernährung, gesundheit, obst, pflanzengrün, smoothie   (5)
 

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amsterdam, mord, krimi, rotlichtmilieu, pieter posthumus

Das Haus der verlorenen Seelen

Britta Bolt
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 10.03.2016
ISBN 9783455405637
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Pieter Posthumus hatte noch nie so viel Blut gesehen.
„Mein Gott“, sagte jemand hinter ihm. Eine Hand in seinem Rücken schob ihn ins Zimmer.
„Du bist das doch gewöhnt“ „Normalerweise sehen wir die Leichen nicht“, sagte Posthumus.
„Nicht so.“ (Auszug Seite 9) Anfang



Nach dem gelungenem Debüt „Das Büro der einsamen Toten“ geht nun die Reihe um Pieter Posthumus mit „Das Haus der verlorenen Seelen“ weiter. Pieter, der als Beamter der Stadt Amsterdam für eine würdige Beerdigung von anonymen Leichen zuständig ist, wird diesmal zufällig Zeuge eines brutalen Gewaltverbrechens.
PP sitzt in seinem Stammlokal Dolle Hond, als in der benachbarten Pension ein junger Moldawier tot in einer riesigen Blutlache aufgefunden wird. Die Vermieterin Marloes Vermolen hat aus dem ehemaligen Gästehaus ihrer Eltern am Rande des Rotlichtviertels ein Heim für gestrandete junge Menschen gemacht. Der ermordete Zig, dem sie nach einer Stricher- und Drogenkarriere wieder auf die Beine half, war ihr Lieblingsschützling gewesen. Marloes, eine schrille, exzentrische Frau mit einer Vorliebe für bunte, wallende Gewänder, die blutüberströmt, total verwirrt und um Hilfe bittend im Dolle Hond auftaucht, wird schnell zur Hauptverdächtigen. Es ist ausgerechnet PP, der einen Zusammenhang zu einem länger zurückliegenden Mordfall entdeckt. Als er seine Erkenntnisse der Polizei mitteilt, ahnt er nicht, dass er damit den Grund liefert, Marloes als Verdächtige eines Doppelmordes zu verhaften. PP, von Marloes Schuld nicht überzeugt, kann gar nicht anders als der Sache auf den Grund zu gehen und auf eigene Faust zu ermitteln.
Der zweite Band um den ungewöhnlichen Ermittler Pieter Posthumus knüpft nahtlos an das Erstlingswerk an. Ein paar Mal wird sogar auf den ersten Teil Bezug genommen und einige offenen Fragen geklärt.
 
Nachdem mir der erste Fall des Autorenduos, Britta Böhler und Rodney Bolt alias Britta Bolt so gut gefallen hatte, war ich sehr gespannt auf den vorliegenden Roman. Und ich wurde nicht enttäuscht. Ich war sofort wieder mitten in Amsterdam. Und sie waren alle wieder da. Der beharrliche, gutmütige,  PP, der immer noch mit dem Fahrrad durch sein Viertel kurvt, weiter seine Exfreundin Anna, die gute Seele und Wirtin des Dolle Hond und immer noch (heimlich) seine große Liebe, Cornelius, der Künstler, der die Gedichte für die anonymen Toten schreibt, etc. Selbst Frau Pling sitzt wieder an ihrem Lieblingsplatz am Geldspielautomaten.
Britta Bolt haben wirklich ein Händchen für liebenswerte, schräge Vögel, die alle bis auf die kleinsten Nebenrollen sehr authentisch und menschlich gezeichnet sind. Besonders gut gelungen ist der sympathische Eigenbrötler und Hobbykoch PP.


 
Er würde dafür sorgen, dass der Fall bei ihm landete. Seinen Kollegen war es egal. Nur Posthumus ging die Bücherregale seiner „Klienten“ – so nannte er die Toten – durch, begutachtete ihre Musiksammlungen und blätterte in privaten Briefen, um ihren Abschied von der Welt persönlicher zu gestalten. Seine Kollegin Maya nannte ihn deshalb einen makabren Schnüffler. (Auszug Seite 15)



Der Hauptdarsteller ist aber die Stadt Amsterdam, die die beiden Autoren, die seit 1990 hier leben, mit ihren Vierteln, Grachten und Kaffehäusern liebevoll und atmosphärisch dicht beschreiben, wobei nicht mit gesellschaftlicher Kritik gespart wird.



Die Häuser von De Wallen drängten sich dicht an die Rückseite der Kirche. Kleinkinder spielten fröhlich in einer Kindertagesstätte, die flankiert war von den Mädchen in ihren Fenstern. Sie waren schon bei der Arbeit, obwohl es erst kurz nach elf war. Kein Wunder, dass manche Leute, so entsetzt über Amsterdam waren, dachte Posthumus, während er sich durch die schmale Gasse schlängelte. Aber ansehen wollten sie es sich natürlich trotzdem. Junge Männer mit rosigen Wangen, begleitet von ihren offenkundig verlegenen oder gelangweilten Freundinnen. Gruppen von Tagesausflüglern mittleren Alters in Anoraks. Sie hatten Spaß an dem kleinen Nervenkitzel, die moralische Empörung auf ein missbilligendes Zungenschnalzen reduziert. (Auszug Seite 205, 206)


Pieter mit seinem untrüglichen Gespür für Ungereimtheiten findet bei dem Ermordeten Merkwürdiges auf einem Gemälde, eine Kopie von Vermeers Dienstmagd mit Milchkrug, welches der talentierte Zig hinterlassen hat. Seine Ermittlungen führen ihn daher nicht nur durch das Rotlichtviertel oder in dubiose Fitnesscenter, sondern auch ins Rijks-Museum. Mir hat dieser Handlungsstrang um die alten Holländischen Meister besonders gut gefallen. Der Leser ist immer an Pieters Seite und kann miträtseln in diesem spannenden verzwickten Fall. Für mich war dieser leise, kluge Krimi, der auf unnötige Gewaltszenen verzichtet, ein Highlight, der sich wohltuend von dem üblichen Krimieinerlei abhebt.
Das wunderschön gestaltete Cover der deutschen Ausgabe zeigt einen Totenkopf in dem typischen holländischen Delfter Blau und passt damit gut zu Band 1 der Reihe, der einen Revolver in dem gleichen Look ziert.
 
Ich freue mich schon auf den bereits in den Niederlanden erschienenen 3. Teil der als Trilogie angelegten Pieter Posthumus Reihe.

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Tags: amsterdam, band 2, rijksmuseum, rotlichtmilieu   (4)
 
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