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arabischer frühling, cia, nordafrika, spionage

Die Kairo-Affäre

Olen Steinhauer , Rudolf Hermstein
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Heyne, 08.09.2015
ISBN 9783453438149
Genre: Krimi und Thriller

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agoraphobie, beklemmend, filmisch, hörbuch, mord, mörder, mysteriös, new york, the woman in the window, thriller, tod, usa

The Woman in the Window - Was hat sie wirklich gesehen?

A. J. Finn , Christoph Göhler , Nina Kunzendorf
Sonstiges Audio-Format
Erschienen bei Random House Audio, 19.03.2018
ISBN 9783837141481
Genre: Krimi und Thriller

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49 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 25 Rezensionen

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Fiona: Den Toten verpflichtet

Harry Bingham , Kristof Kurz
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 26.06.2018
ISBN 9783499291357
Genre: Krimi und Thriller

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blogger, fremdenhass, gesellschaft, krimi, politik, wohnblock

Der Schuss

Christian Linker
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 08.09.2017
ISBN 9783423740272
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Das ist ja typisch, denkt Tatjana. Alle Zeitungen schreiben über den Mord an Emil, aber keiner traut sich zu schreiben, dass der Mörder Türke ist. Was die Zeitungen schreiben und was nicht, weiß sie natürlich nicht aus der Zeitung, sie ist ja nicht blöd. So was zu lesen wäre Schwachsinn, wo doch da nur Lügen drinstehen. Presse, Radio,Fernsehen, die sind ja alle von der Regierung gesteuert. Gott sei dank gibt es Facebook. (Auszug Seite 73)


Meine Straße, mein Zuhause, mein Block

In dem spannenden Jugendroman "Der Schuss" geht es um den siebzehnjährigen Robin Fuchs, der zufällig Zeuge eines Mordes wird. Der Teenager lebt mit seiner jüngeren Schwester Mel und seiner Mutter in einem Block in einer Hochhaussiedlung am Rande einer deutschen Großstadt. Nach dem Tod des Vaters hat er die Schule geschmissen und für den gleichaltrigen Hakan Topal gedealt. Er wurde straffällig und bekam eine Bewährungsstrafe. Um diese nicht zu gefährden, versucht er sich aus allem rauszuhalten und will eigentlich auch aus dem Drogengeschäft aussteigen.

Eines Abends sieht er, wie Emil Becker, ein Anhänger der „Deutschen Alternativen Partei“, bei dem Versuch, einem Journalisten belastendes Material zu übergeben, von rechtsextremen Mitgliedern der Partei erstochen wird. Auch der Journalist und Blogger, Magnus Mahlmann wird bei dem Gerangel in der Garage schwer verletzt, kann aber flüchten. Robin hilft dem Schwerverletzten, indem er Erste Hilfe leistet und anonym einen Krankenwagen ruft. Bevor er sich aus dem Staub macht, kann ihm der Journalist aber noch einen Stick geben.


Blogger im Koma

Während Magnus im Krankenhaus in einem künstlichen Koma liegt, gelingt es den Rechtsextremen, den Mord Hakan Topal in die Schuhe zu schieben und der Drogendealer wird als Tatverdächtiger verhaftet. Fast alle Bewohner des Blocks sind der Meinung, dass Hakan, dem nie etwas nachgewiesen werden konnte, endlich seine gerechte Strafe bekommt. Fred Kuschinski ist ein etwas älterer Freund aus Kindertagen, der mittlerweile mit der DAP für den Bundestag kandidiert. Der charismatische Politiker nutzt die Situation aus, um Fremdenhass zu schüren und initiiert tägliche Mahnwachen. Diese werden von vielen Anwohnern und auch von Robins Schwester Mel besucht. Robin ist in einem Zwiespalt. Soll er sich weiter raushalten oder die Wahrheit ans Licht bringen?

Meine Mutter wäre sicher stolz auf mich. Sich raushalten und bloß nicht die Klappe aufmachen, das ist bei uns nämlich so eine Art Familienmotto.  (Seite 6)

Indem Autor "Christian Linker" sein zumeist jugendliches Figurenpersonal abwechselnd von Kapitel zu Kapitel berichten lässt, werden verschieden Blickwinkel beleuchtet und man kann die Gedankenwelt von fast zehn Charakteren gut nachvollziehen. Robin als Protagonist erzählt als Einziger in der Ich-Form und das bringt besonders seine Beweggründe nahe. Am Beispiel Mel wird deutlich, wie grade junge Menschen mit Hetzkampagnen und Halbwahrheiten für die rechte Szene begeistert werden können. Der jugendliche Leser kann sich leicht mit den Figuren identifizieren. Der Autor erzählt authentisch und hat einen leicht lesbaren, hochaktuellen Krimi geschaffen, indem auch die Trostlosigkeit der wohnlichen Gegebenheiten gut wiedergegeben wird.


Plädoyer für Zivilcourage

Die DAP hat mit der AFD nicht nur das Wort alternativ im Namen gemeinsam. Teilweise geraten Linkers Warnungen etwas zu plakativ, denn ich glaube, dass die AFD viel subtiler und damit gefährlicher agiert. Die Figur des Schlägers „Schädel“ war mir etwas zu eindimensional gelungen. Er wird als gnadenloser Glatzkopf beschrieben, der keine Empathie oder Impulskontrolle zeigt und mit einem Stacheldraht verstärktem Baseballschläger auftrumpft. Mit der Figur des Fred hat Linker allerdings einen ambivalenten Charakter geschaffen. Dieser führt mitreißende Reden, er spricht die Leute an und ist clever und gerissen genug, andere für seine Zwecke zu manipulieren. Der sympathische Robin dagegen ist orientierungslos und auf der Suche nach Identität und Sinn, hat aber sein Gefühl für Richtig und Falsch noch nicht verloren. Es wird ganz deutlich, dass es ihm an Vorbildern oder Identifikationsfiguren fehlt. Da er sich im Laufe der Geschichte entwickelt, handelt es sich bei dem Krimi auch um einen Coming-of-Age-Roman und ein Plädoyer für Zivilcourage.


Über den Autor

Der Roman „Der Schuss“ kam kurz vor der Bundestagswahl 2017 raus und so muss man Christian Linker mit Blick auf die Ergebnisse der AFD schon prophetisches Talent bescheinigen. Die Figur des Magnus Mahlmann kam übrigens bereits 2005 in seinen Roman "Das Heldenprojekt" vor, in dem der investigative Journalist sich mit einer kleinen rechtsextremen Partei anlegte. Und jetzt war einfach mal wieder Zeit, dieses Thema aufzugreifen, befand der studierte Theologe.

 

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Tags: blogger, fremdenhass, wohnblock   (3)
 

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70er, 80er, japan, krimi, mord, mordserie, osaka, ruhig, spannung, thriller, tropen verlag, unaufgeregt, unterschwellig spannend, verbrechen, zwielichtige geschäfte

Unter der Mitternachtssonne

Keigo Higashino , Ursula Gräfe
Fester Einband: 720 Seiten
Erschienen bei Tropen, 10.03.2018
ISBN 9783608503487
Genre: Krimi und Thriller

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adoption, band 1, dänemark, gut gezeichnete figuren, jeppe korner, jeppe kørner, kopenhagen, krimi, krokodilwächter, manuskript, messer, mord, schnitte, thriller, verlust

Krokodilwächter

Katrine Engberg , Ulrich Sonnenberg
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 28.03.2018
ISBN 9783257070286
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Einen Krimi zu schreiben ist ungefähr ähnlich schwierig wie der Versuch, einen Zopf aus Spinnweben zu flechten; tausend Fäden kleben an den Fingern und reißen, wenn man sich nicht konzentriert. (Auszug Seite 333)


"Krokodilwächter" ist der Auftaktband einer neuen dänischen Spannungsreihe. Und der Anfang hat es schon in sich! Der betagte Gregers Hermansen wohnt in dem Haus der ehemaligen Professorin Esther de Laurenti in der Kopenhagener Innenstadt. Die leicht exzentrische Esther lebt mit zwei Möpsen zusammen und bessert mit der Vermietung der restlichen Wohnungen ihre Rente auf. Ihre Tage verbringt sie mit zu viel Rotwein und sie hat angefangen, an einem Kriminalroman zu schreiben. Eines Morgens stolpert Gregers beim Müllrausbringen buchstäblich über die Leiche der grausam ermordeten Julie in der Wohnung unter ihm. Die Studentin wurde mit zahlreichen Messerstichen im Gesicht schrecklich zugerichtet und Gregers erleidet einen Herzinfarkt.

Vom Kopenhagener Polizeihauptquartier kommen die Polizeiassistenten Jeppe Kørner und Anette Werner und beginnen mit ihren Ermittlungen. Julie war erst vor kurzem mit ihrer Freundin Caroline aus dem ländlichen Jütland in die Großstadt gezogen.


Romanvorlage für einen Mord

Die Spurensicherung ergibt, dass Julie sich gewehrt haben muss und trotz der vielen Schnitte an einem Schlag mit einem schweren Gegenstand starb. Die Hinweise deuten in verschiedene Richtungen. Da ist der junge Theatergarderobier Kristoffer, der Esther Gesangsstunden gab und sich sehr in Julie verliebt hatte. Sie hatte diese Gefühle aber nicht erwidert, sondern einen älteren Mann auf der Straße kennen gelernt, um den sie ein großes Geheimnis machte. Auch diese Spur verläuft im Sand. Die Professorin gerät in Verdacht, da die Vorgehensweise des Mordes direkt aus ihrem Romanmanuskript zu kommen scheint. Wer kannte das Manuskript, hatte es als Vorlage für den Mord benutzt und dann ein Foto der Leiche ins Netz gestellt? Esther hatte erst die ersten drei Kapitel fertiggestellt und online in einer Schreibgruppe veröffentlicht. Die alte Dame kämpft mit Schuldgefühlen, denn es war ihr erster Roman und sie hatte darin ihr Umfeld mit eingebaut und ihre jugendliche Untermieterin zum Opfer werden lassen. Grade als die Untersuchungen auf der Stelle treten, geschieht ein weiterer Mord. Dieser war für mich wie ein Paukenschlag.

Sie musste ihn fragen, wie gut er sie eigentlich gekannt hatte. Sie musste ihr ganzes Projekt neu bewerten. Sie musste sich entscheiden, ob sie der Polizei erzählen sollte, dass sie Julie ermordet hatte. (Seite 65)


Das Figurenpersonal

Als Leser bleibt man ganz nahe bei dem Ermittlungsteam und das lese ich immer wieder gerne. Ich mag es, wenn die Polizeiarbeit so detailliert beschrieben wird und man mitraten und miträtseln kann. Katrine Engberg nimmt sich viel Zeit, die beiden Hauptcharaktere zu entwickeln, was ja bei einem Serienstart durchaus Sinn macht. Auch wenn sie bei dem Versuch, die Figuren lebendig zu machen und sie als Menschen mit Stärken und Schwächen darzustellen, nicht ganz ohne Klischees auskommt.

Die beiden Polizeiassistenten, die seit acht Jahren zusammen arbeiten, sind sehr unterschiedlich und werden trotz oder vielleicht grade deswegen oft als Team zusammengestellt. Die zupackende Anette ist meistens direkter und frei heraus. Der sensible Jeppe dagegen ist diplomatischer und agiert bedächtiger. Er leidet unter der kürzlichen Trennung von seiner Ehefrau und kämpft dadurch mit vielen körperlichen Symptomen. Wobei der ständig an sich und seiner Potenz zweifelnde Polizeiassistent schon an mancher Stelle etwas zu dick aufgetragen wirkt. Da Jeppe im gesamten Handlungsverlauf mehr Raum einnimmt, könnte ich mir vorstellen, dass im nächsten Band vielleicht Anette mehr in den Vordergrund rückt. Der große Pluspunkt ist aber die Figur Esther. Die einsame Professorin, die von einer Karriere als Kriminalschriftstellerin träumt, wird in ihrer Gefühlswelt sehr einfühlsam von der Autorin beschrieben.


Dichtung und Wahrheit

Die Kapitel des Buches sind nach den Ermittlungstagen aufgeteilt, unterbrochen durch die Einschübe von Esthers Manuskriptseiten. Diese werden in einer anderen Schriftart dargestellt und der Vergleich mit dem eigentlichen Thriller lässt die Klasse der Autorin Katrine Engberg erst richtig erkennen. Sie hat eine genaue Beobachtungsgabe für die kleinen zwischenmenschlichen Szenen und zeichnet sich durch sensible Personenzeichnungen aus. Das Besondere an diesem Debüt, das mir großen Spaß gemacht hat und sich aus dem Wust an Skandinavischen Thrillern heraushebt, ist die Sprache mit fein ausgewählten Worten. Es ist kein spektakuläres Buch, sondern ein grundsolider Thriller, bei dem der ruhige Schreibstil irgendwie unaufgeregt und nie reißerisch wirkt. Die Spannung ergibt sich am Anfang durch die undurchsichtige Verquickung von Fiktion und Realität. Der gut konstruierte Plot unterhält mit raffinierten Wendungen, die viel Raum für Spekulationen lassen und einigen Humoreinschüben.

„Sag mal, befinden wir uns mitten in einem beschissenen Kriminalroman?“ „Keine Ahnung, Jeppe, ist das so?“ (Seite 276)

Erst wenn zum Ende hin alle Fäden mehr oder weniger plausibel zusammengeführt werden, macht auch der Titel einen Sinn. Ein „Krokodilwächter“ ist eine afrikanischer Vogelart, die angeblich die Mäuler der Krokodile von Parasiten freihält und daher vom Krokodil geduldet wird.

Ich muss noch etwas zu dem aufwendig gestalteten Cover sagen, weil man das auf dem Foto gar nicht so genau erkennt. Im Schutzumschlag sind tatsächlich Schlitze, die den blutroten Leineneinband durchscheinen lassen. Sehr schön gemacht!

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Tags: band 1, kopenhagen, manuskript   (3)
 

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anwältin, debüt, der zopf, haare, indien, italien, kanada, krankheit, leben und schicksal, leserunde, mut, perücke, religion, sizilien, unberührbare

Der Zopf

Laetitia Colombani , Claudia Marquardt , Andrea Sawatzki , Valery Tscheplanowa
Audio CD
Erschienen bei Argon, 21.03.2018
ISBN 9783839816196
Genre: Romane

Rezension:

Die Grundidee des Romans, drei Geschichten von unterschiedlichen Frauen wie die Stränge eines Haarzopfes zusammen zu führen, fand ich sehr charmant. Die Umsetzung ist für mich leider nur bedingt gelungen.

 

Die Inderin Smita lebt mit Ehemann und Tochter in bitterster Armut in einem kleinen Dorf in der nordindischen Provinz. Als "Dalits" gehören sie keiner Kaste an und besitzen keine Rechte. Doch Smita will sich mit dem Schicksal als „Unberührbare“ nicht abfinden und setzt alles daran, dass es ihrer Tochter mal besser geht. Sie wagt zusammen mit ihrer Tochter die Flucht Richtung Delhi.

In Palermo will die Sizilianerin Guilia die bankrotte Perückenfabrik ihrer Familie retten, während ihr Vater nach einem Unfall im Sterben liegt.

In Montreal versucht die erfolgreiche Anwältin und alleinerziehende Mutter von 3 Kindern Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Als Sarah an Brustkrebs erkrankt, macht sie sich verletz- und angreifbar.

 

Abwechselnd wird aus der Sicht der einzelnen Frauen erzählt und hier wurden passend drei Sprecherinnen gewählt, die ihre Sache sehr gut machen. Andrea Sawatzki gibt der Anwältin Sarah eine selbstbewusste Stimme, Eva Gosciejewicz bringt mit ihrer jugendlichen, temperamentvollen Art Leben in Giulia. Die leise, fast flüsternde Stimme der Schauspielerin Valery Tscheplanowa passt gut zu Smita, ist nicht so mein Fall, da sie fast gar keine tonalen Unterschiede macht. Eine Arbeiterin in der Perückenfabrik fungiert noch als eine Art Erzählerin, die zwischendurch in wenigen Sätzen die einzelnen Stränge miteinander verbindet. Diese Passagen haben sich mir nicht erschlossen und erschienen fast ohne tieferen Sinn.

 

Ich konnte mit den Protagonistinnen nicht wirklich mitfühlen, da sie viel zu schablonenhaft gestaltet waren. Anfänglich dachte ich aufgrund der Überzeichnungen sogar, die Episoden gehörten in verschiedene Zeitebenen. So muss zum Beispiel die Inderin mit ihren bloßen Händen die Exkremente ihrer Nachbarn beseitigen, während ihr Mann Ratten zur Nahrungsaufnahme fängt. Die karriereorientierte Anwältin im modernen Kanada wird derart taff als Abziehbild ohne Tiefgang, die sich im Beruf ständig in der Männerdomäne behaupten muss, dargestellt. Auch bei der Charakterisierung der hübschen etwas naiven Sizilianerin Giulia und ihrer Familienwelt, die noch sehr der Tradition behaftet sind, bedient sich die Autorin jedes Klischees und spart auch nicht mit kitschigen Liebesszenen. 

 

Das seichte Hörbuch ist nicht sehr lang und so wird alles nur in gefälliger, einfacher Sprache angerissen. Ich fand keinen Bezug dazu, dafür bleiben die drei Erzählungen zu sehr an der Oberfläche. Leider war die Geschichte auch zu langweilig, weil zu vorhersehbar. Es gibt keine überraschenden Wendungen, der Klappentext verrät schon alles. Wörtliche Rede sucht man fast vergeblich. Alles wird erzählt und das gab mir nie das Gefühl, dabei zu sein.


Zum Schluss spendet Smita im berühmten Tirupati-Tempel dem Gott Vishnu ihre langen Haare. Mit dem Import von qualitativ hochwertigem indischem Haar kann Giulia ihr Familienunternehmen retten und Sarah findet durch die besonders exklusive Perücke indischen Haares ihr Selbstbewusstsein und so ihren Kampfeswillen zurück. Und damit driftet dieser vorhersehbare Kitschroman endgültig in die Banalität ab.

 

Der Zopf ist das Debüt der französischen Schauspielerin und Regisseurin Laetitia Colombani. Die Filmrechte sind bereits verkauft.

 

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Tags: anwältin, indien, perücke, sizilien   (4)
 

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band 6, bennie griessel, benny griessel, deon meyer, krimis, krimis & thriller, kunst, kunstexpertin, kunstschmuggel, reihe, rembrandt, serie, südafrika, teil 6 der reihe., thriller

Die Amerikanerin

Deon Meyer , Stefanie Schäfer
Fester Einband: 209 Seiten
Erschienen bei Rütten & Loening Berlin, 09.03.2018
ISBN 9783352009143
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Dem ersten Polizeifahrzeug bot sich ein merkwürdiger Anblick, einzigartig für diesen südlichen Punkt Afrikas: Dreizehn Frauen standen in der ausklingenden Dunkelheit vor Tagesanbruch im Halbkreis um die Leiche und sangen Kirchenlieder, während der Taxifahrer daneben saß und zuschaute. Auszug Seite 12


Die gebleichte Leiche

In der Nähe von Kapstadt wird die Leiche einer weißen Frau aufgefunden. Sie wurde nackt auf einer Aussichtsplattform am Sir Lowry’s Pass drapiert. Todesursache war ein heftiger Schlag auf den Hinterkopf. Die Ermittlungen der örtlichen Polizei laufen auf der Stelle, auch weil die Leiche mit reichlich Bleiche gewaschen und damit sämtliche DNA-Spuren zerstört wurden.

Erst als ein Hotelangestellter sie als Gast des Hotels identifiziert, kommt Bewegung in die Sache. Bei der Toten handelt es sich um Alicia Lewis, eine renommierte amerikanische Kunstexpertin. Sie hatte sich auf die Fahndung nach verlorenen und gestohlenen Kunstwerken spezialisiert.

Aufgrund dieser Brisanz werden Bennie Griessel und Vaughn Cupido von der Valke, eine Spezialeinheit der südafrikanischen Mordkommission mit dem Fall betraut.


Ein unkalkulierbares Risiko

Bennie Griessel trägt sich mit Hochzeitsplänen. Den Antrag hat er seiner Freundin Alexa noch nicht gestellt. Erst mal will er einen adäquaten Verlobungsring kaufen, was mangels Geld gar kein leichtes Unterfangen darstellt. Zusammen mit Kollege und Freund Vaughn Cupido, der der Sache eher skeptisch gegenübersteht und in der Ehe ein unkalkulierbares Risiko sieht, begeben sie sich zu einem Pfandleiher. Ausgerechnet hier ergibt sich eine erste Spur. Ein unfassbar wertvolles Gemälde eines Schülers des holländischen Malers Rembrandt soll in Südafrika aufgetaucht sein.


Griessel und Cupido kannten diese verängstigte Reaktion schon, seitdem sie Constables im Streifendienst gewesen waren – die Körpersprache eines in flagranti Ertappten. Es folgte ein Moment, in dem sich keiner bewegte. Jäger und Beute standen einander gegenüber und schätzten sich ab, bevor die Jagd begann. Auszug Seite 21


Die Spur führt in die Niederlande vor 362 Jahren

Der Leser begleitet die beiden Kapteins Griessel und Cupido bei ihren schrittweisen Ermittlungen. Diese finden heraus, dass die in London lebende Lewis auf der Suche nach einem lange verschollenen Gemälde eines niederländischen Malers war. Anscheinend hatte sie einen Hinweis bekommen, dass dieses Kunstwerk sich am Kap befinden soll. Lewis hatte sogar ihren gut dotierten Job gekündigt und war nach Südafrika gekommen um sich mit einem Ahnenforscher zu treffen.


Der Professor verkündete den Namen „Carel Fabritius“ wie der Moderator eines Boxkampfs einen Fighter, für den er einen Riesenapplaus erwartet. Es folgte ein ungemütlicher Augenblick, in dem tödliche Stille herrschte. Die Ermittler reagierten nicht, da sie noch nie von Fabritius gehört hatten. Auszug Seite 105


Es geht um Carel Fabritius, einen Schüler des niederländischen Malers Rembrandt, den die beiden Polizisten nicht kennen. Dabei hat Pulitzer-Preisträgerin Donna Tartt in ihrem weltberühmten Roman „Der Distelfink“ Fabritius ein Denkmal gesetzt. Der fesselnde Plot wird immer wieder unterbrochen durch einen Handlungsstrang, in dem ein Mann in Delft vor seinen Verfolgern flüchtet. Dieser klärt sich erst ganz zum Schluss bei der überraschenden Auflösung.


Deon Meyer hat einen handwerklich soliden Thriller erschaffen, der flott zu lesen ist und, typisch für ihn, auch immer einen Einblick in die südafrikanische Gesellschaft gibt. Dabei empfand ich diesen Krimi weniger schwermütig und melancholisch als andere Werke des südafrikanischen Schriftstellers. Besonders die trockenen Dialoge haben mich begeistert. Mit bewundernswert leichter Hand skizziert er sein Figurenpersonal. Sämtliche Charaktere werden glaubwürdig und authentisch wiedergegeben. Man spürt, dass ihm alle Figuren wichtig sind und deshalb sind sie sehr menschlich mit all ihren Eigenheiten gezeichnet. Auch die Schauplätze sind mit wenigen aber treffenden Worten, detailgenau beschrieben, so dass ich immer ein Bild vor Augen hatte.



Projektarbeit

Der südafrikanische Autor ist eigentlich für längere Krimis bekannt. Deshalb erstaunt es, dass er hier mit nur knapp 200 Seiten daherkommt. In einem Nachwort erklärt er die Gründe: Es handelt sich um eine Novelle, die er für die Spannende Boekenweek 2017 in den Niederlanden schrieb. Es war für ihn eine Ehre aber auch aufregendes Neuland, dieses Format des Geschenkbuches zu erstellen und er tritt damit in die Fußstapfen vieler literarischer Größen. Da dieser sechste Teil auch dazu dient, Griessels Privatleben ein Stück weiter zu bringen, wollte Meyer diese Entwicklung nicht nur dem niederländischen Publikum vorbehalten.

Ich hatte noch keinen Teil aus der Bennie-Griessel-Reihe gelesen, aber diese Novelle macht große Lust darauf.


Der „Easy Rider“ der südafrikanischen Literaturszene ist 1958 geboren und lebt mit seiner Familie in der Nähe von Kapstadt. Der 1,90 große Hüne mit einer Leidenschaft für Motorräder schreibt seine Romane auf Afrikaans, bevor sie ins Englische und dann in circa 25 weitere Sprachen übersetzt werden.


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gentlemen, hörspiel, postzugraub

Die Gentlemen bitten zur Kasse

Henry Kolarz , Horst Tappert , Sándor Ferenczy , Gerhart Lippert
Audio CD
Erschienen bei Der Audio Verlag, 09.02.2018
ISBN 9783742404510
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Dickes Ding – kein Job für Kaninchen

Am 8. August 1963 ging in Großbritannien der wohl spektakulärste Postzugraub aller Zeiten über die Bühne. Nach generalstabsmäßiger Planung und Durchführung brachte es den Tätern die Rekordsumme von über zwei Millionen Pfund ein. Und es war ausgerechnet der schmächtige, armselige Twinky, der in einem Pub in Whitechapel dem stets sorgfältig gekleideten Archibald Arrow die folgende Idee unterbreitete:

Täglich werden mit dem Postzug ihrer königlichen Majestät von England größere Mengen abgenutzter, nicht notierter Scheine im Werte von ca. zwei Millionen Pfund von Glasgow nach London gebracht, um dort vernichtet zu werden. Während der neunstündigen Fahrt sind keine Reisende an Bord, nur Pakete und Briefe sowie siebzig bis achtzig Mann unbewaffnetes Personal. Für seinen Tipp beansprucht Twinky einen Anteil von 10 %.

Der sieben Mal vorbestrafte Arrow, Inhaber eines Friseursalon ist erst skeptisch, dann zieht er den Ganoven Michael Donegan ins Vertrauen. Dieser wird von allen nur „der Major“ genannt. Sein Antiquitätengeschäft, dass er zusammen mit seinem Schwager Geoffrey Black führt, hat einen guten Ruf und die wenigsten Kunden wissen, dass er bereits drei Mal im Gefängnis saß. Er ist ein großer Stratege, der sich nicht mit kleineren Diebstählen abgibt. Denn eins ist klar: Der Postzugraub „…ist ein dickes Ding und kein Job für Kaninchen!“

Archy und der Major stellen eine Bande zusammen und die illustre Runde trifft sich im East End Club. Dabei sind unter anderen Harry McIntosh, der sich mit der Herstellung von falschen Portraits für Touristen über Wasser hält. Weiter Ronald Cameron, ein ehemaliger Funker und Bankräuber, dann Andrew Elton, nach jahrelangem Gefängnisaufenthalt als Buchmacher auf der Hunderennbahn tätig. Patrick Kinsey ist Perückenmacher und der immer gut gekleidete Thomas Webster, Teilhaber eines Wettbüros. Zum Schluss noch George Slowfoot, ein Rennfahrer mit den Allüren eines Playboys und vielen Vorstrafen.

Die Truppe braucht noch einen Spezialisten, der sich mit Eisenbahnsignalen auskennt. Donegan erfährt durch Mona, einer alten Freundin, der er viel zu verdanken hat, von dem Elektriker Walter Lloyd. Da dieser zu den Fulham Boys gehört und das keine gute Gegend ist, lässt der Major ihn durch einen Privatdetektiv checken. Dabei stellt sich raus, dass Lloyd ein ordentlicher Mann mit nur drei Vorstrafen wegen Einbruchs ist. Der einzige Haken dabei ist, dass er neben einem vollen Anteil noch zwei seiner Leute, nämlich seinen Schwager Alfred Frost und Arthur Finegan, mit ins Geschäft nimmt.


Betriebskapital muss her

Um Streitigkeiten zu vermeiden, wird vereinbart, dass für den Job und alle Vorbereitungen „der Major“ das Sagen hat, für alles Weitere ist dann Archy der Boss. Die Gentlemen benötigen ca. 50.000 Pfund für die Vorbereitungen und so wird ein älterer Plan in die Tat umgesetzt. Der Gehaltstransport der Airport- Angestellten soll auf dem kurzen Weg von der Bankfiliale zu dem Bürogebäude am Londoner Flughafen überfallen werden. So macht sich eines Morgens um 9 Uhr eine kleine Mannschaft mit acht Mann, Slowfoot am Steuer, mit falschen Schnurrbärten, Bartkoteletten und Perücken auf den Weg. Alles läuft wie am Schnürchen. Kurz vor dem Überfall ziehen sich alle Strumpfmasken über den Kopf. Die uniformierten Wachleute werden überrumpelt, die Geldkassette an sich genommen und Augenzeugen mit Regenschirmen bedroht. Unglücklicherweise gibt der gekränkte Twinky, nachdem er einen Vorschuss nicht bekommt, anonym einen Tipp an die Polizei. Danach haben die Gentlemen vor Scotland Yard keine Ruhe mehr, es kann Ihnen aber nichts bewiesen werden.


Der große Plan

Die Gentlemen beginnen mit der Ausarbeitung der Details anhand einer genauen Abbildung einer Modelleisenbahn in Kinseys Keller. Der Plan sieht vor, die Lok mit dem Geldwaggon vom Rest des Zuges abzuhängen. An einer Brücke soll der Geldwaggon aufgebrochen und blitzschnell entladen werden. Lloyd findet einen alten Rangierlokführer, dem er weismacht, es ging um eine Wette und dieser zeigt ihm die nötigen Handgriffe, um die Waggons auseinanderzukoppeln.

Bis zum Überfall müssen sich alle unauffällig verhalten und für den Tag einwandfreie Alibis besorgen. Arrow kauft ein einsames Landhaus in der Nähe von Oakley, wo die vierzehn Männer sich ungestört bei blickdichten Vorhängen aufhalten können. Tag und Nacht werden Handschuhe getragen und der Major verbietet allen den Gebrauch von Schusswaffen. Cameron beschafft, das heißt, er stiehlt, zwei Range Rover und einen 3-Tonner.


Die Weichen sind gestellt

Niemand ahnt, dass an diesem Tag ein ungewöhnlich hoher Betrag auf die Reise geschickt wird. Mit Walkie-Talkies, in Drillich-Anzügen und Wollmützen über dem Kopf machen sich die Männer auf den Weg. Lloyds Aufgabe ist es, die Telefondrähte zu den Farmhäusern abzukneifen und das Signal umzustellen.

Als der Postzug kurz an der Signalbrücke stoppt, springen sie mit Eisenstangen hervor und überwältigen das Personal. Der sich heftig wehrende Lokführer muss niedergeschlagen werden und wird dann gezwungen, die Lok bis zur Brücke zu fahren. Mit Brechstangen wird die verschlossene und versiegelte Waggontür geöffnet. Die Postsäcke werden auf den 3-Tonner geladen und dann fahren die drei Wagen ohne Licht davon.


Fazit:

Hier endet das 50-minütige Hörspiel und man erfährt nichts über die weiteren Vorkommnisse. Sind die Gentlemen davongekommen? Das Hörbuch nach einer Bearbeitung von Hörspielregisseur Sándor Ferenczy ist sehr komprimiert und hätte für mich noch länger gehen können. Trotzdem wird sehr flott und nachvollziehbar über den tatsächlich größten Zugraub der britischen Kriminalgeschichte berichtet. Ich habe den Inhalt des kurzweiligen Hörbuchs sehr ausführlich wiedergegeben, damit man einen kleinen Eindruck von der Sprache bekommt.

Das Hörspiel, nach einem Bericht des Sternreporters  Henry Kolarz  im Jahr 1968 konzipiert, hat nichts von seinem Charme verloren und kommt ohne große Brutalitäten aus. Das ist sicherlich dem Stil der kultivierten Gentlemen-Gangster geschuldet. Der Hörer lauscht abwechselnd einem Erzähler, der durch die Geschichte führt und dem Blickwinkel des Hauptakteurs Donegan, der rückblickend seine Geschichte schildert. Neben der Untermalung mit Geräuschen und dem für die damalige Zeit typisch reduzierten Soundtrack punktet der Krimi mit viel Humor in den Dialogen, die das Hörspiel sehr lebendig machen und dem Hörer das Gefühl geben, mit dabei zu sein.

Unter anderen spricht Horst Tappert den kühlen Strategen „Major“. Bevor Tappert international als Oberinspektor Stephan Derrick bekannt wurde, hatte er seinen Durchbruch bereits 1966 im Fernsehen mit "Die Gentlemen bitten zur Kasse". Der legendäre Krimi-Dreiteiler ist genau wie das Hörspiel an die wahren Begebenheiten des Postzugraubs angelehnt.


Randnotizen

Der „Major“, in der Realität Bruce Reynolds, hielt sich nach mehreren Gefängnisaufenthalten als Buchautor und mit Interviews über Wasser und überreichte 1998 den Fernsehpreis "Telestar" an seinen deutschen Darsteller Horst Tappert. Er verstarb 2013, genau wie der für mich bekannteste Postzugräuber Ronald Biggs, der im Hörbspiel durch Arthur Finegan, einen der Fulham Boys dargestellt wird.

Funfact: Der Tag des legendären Postraubzugs, der 8. August 1963, war Ronald Biggs 34. Geburtstag!

AdR: Die Bande erbeutete £ 2.631.684. Das sind nach heutigem Wert etwa 49 Millionen Pfund Sterling bzw. 56 Millionen Euro!

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Totenfang

Simon Beckett , Sabine Längsfeld , Karen Witthuhn , Johannes Steck
Audio CD
Erschienen bei Argon, 21.09.2017
ISBN 9783839893487
Genre: Krimi und Thriller

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band 6, berlin, berlin in den zwanziger jahren, cabaret des bösen, gymnasium, leo wechsler, mord, varieté-theater

Nachts am Askanischen Platz

Susanne Goga
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 09.02.2018
ISBN 9783423217132
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Man hatte den Toten auf den Schulhof getragen, auf eine Plane gelegt und bis zum Kinn zugedeckt. Leo war bewusst, dass der eine oder andere schockiert sein würde – die Sekretärin wurde als Erste gerufen, damit sie es rasch hinter sich bringen würde. Ein Schupo stand bereit, um ihr im Falle einer Ohnmacht beizustehen. (Auszug Seite 46)

 

Der Tote auf dem Schulgelände

Das Berlin der goldenen 1920er Jahre bildet die Kulisse für Susanne Gogas Serie um den Kriminalkommissar Leo Wechsler. In dem sechsten Teil der Reihe ermittelt die Polizei im Falle eines unbekannten Toten, der auf einem Schulgelände entdeckt wird. Der schäbig gekleidete Mann, der im Geräteschuppen des Berliner Gymnasiums im Januar 1928 erwürgt aufgefunden wird, kann erst mal nicht identifiziert werden. Bei der Obduktion wird festgestellt, dass der Leichnam diverse Narben, Brüche und eine verheilte Schusswunde aufweist. Diese Merkmale sowie der unterernährte Zustand deuten auf Kriegsverletzungen hin. Viele ehemalige Soldaten waren nach dem 1. Weltkrieg in Gefangenschaft geraten und danach traumatisiert nicht mehr auf die Beine gekommen.

Für Leo Wechsler und seine Kollegen Robert Walther und Jacob Sonnenschein gestalten sich die Recherchen mühsam. Einziger Hinweis ist eine russisch sprechende, hilflos wirkende Frau. Diese hatte einige Tage zuvor verzweifelt in dem neben der Schule befindlichen Theater nach ihrem Verlobten, einem Mann namens Fjodor, gesucht.


Das Cabaret des Bösen

Der Fokus der Ermittlungen richtet sich nun auf das Varieté-Theater, in dem Schauerstücke aufgeführt werden. Das „Cabaret des Bösen“ ist ein Grusel- und Horrortheater, zurückgehend auf ein Pariser Vorbild und bietet ein besonders makabres Unterhaltungsprogramm. Den leicht anrüchigen Ruf verstärkt das Aussehen des Theaterdirektor Louis Lemasque noch. Dieser charismatische wie zwielichtige Mann versteckt sein durch eine Kriegsverletzung grausam entstelltes Gesicht nicht durch eine Maske oder einen Bart.

Die Suche nach der mysteriösen Russin führt unter anderem in eine Barackensiedlung am Tempelhofer Feld, wo russische Flüchtlinge unter einfachen Verhältnissen untergebracht sind und zum Schlesischen Bahnhof, wo sich eine Anlaufstelle für jüdische Flüchtlinge aus dem Osten befindet.

Wechsler will einer Spur nach Stuttgart nachgehen und lässt sich von Kriminalkommissar Ernst Gennat die für die damalige Zeit nicht alltägliche Dienstreise per Zug genehmigen. Der engagierte Oberkommissar ist sehr eingespannt und hat wenig Zeit für sein Privatleben. Trotzdem spürt er, dass sein halbwüchsiger Sohn Georg sich von ihm entfernt. Aber erst durch die Beobachtungen seiner Frau Clara kommt raus, dass Georg seit einiger Zeit heimlich und hinter dem Rücken seiner Familie mit der Hitlerjugend sympathisiert.

Mit der Figur des Oberkommissars Leo Wechsler ist der Autorin ein sympathischer, integrer sowie feinfühliger Charakter gelungen. Der intelligente Leo ist bei seinen Kollegen und Vorgesetzten gleichermaßen beliebt und angesehen. Er handelt überlegt und behält auch in Problemsituationen, wie die mit seinem Sohn, die Nerven und reagiert meistens souverän. Der ehemalige Witwer mit zwei Kindern ist wieder sehr glücklich in zweiter Ehe mit der Buchhändlerin Clara verheiratet. Abgründe sucht man hier vergeblich. Mir ist er ein bisschen zu glatt gelungen, aber trotzdem hat er das Zeug zum beliebten Serienermittler, von dem ich gerne in weiteren Fällen lesen würde.

Susanne Goga hat in einem angenehmen, emphatischen und sehr flüssigen Schreibstil einen vielschichtigen Krimiplot mit viel klassischer Detektivarbeit erschaffen, der durchaus zu unterhalten und zu fesseln vermag. Aus dem Thema des gruseligen Horrortheaters hätte man vielleicht mehr machen können. Nach einem ziemlich makabren Prolog ist davon nicht mehr viel zu spüren. Der Krimi endet in einem spannenden Showdown und hätte vielleicht noch die eine oder andere Wendung vertragen.


Nasenjoseph

Susanne Goga hat akribisch recherchiert und die Atmosphäre im Berlin der 1920er Jahre hervorragend und präzise dargestellt. Noch geht es einigermaßen friedlich zu, doch die ersten Anzeichen der Nationalsozialisten tauchen am Horizont auf. Goga thematisiert unter anderem die Schicksale der Kriegsversehrten und arbeitet auch einige historisch belegte Charaktere ein, wie den Schönheitschirurg Professor Jacques Joseph. Der als Nasenjoseph bekannt gewordene plastische Chirurg war äußerst erfolgreich auf dem Gebiet der Gesichtsrekonstruktionen an oft grausam entstellten Kriegsverletzten. Auch der schon zu Lebzeiten zur Legende gewordene Kriminalrat Ernst Gennat darf hier nicht fehlen. Der schwergewichtige Buddha vom Alexanderplatz gilt als Wegbereiter der modernen Polizeiarbeit. Informativ fand ich den im Anhang gegebenen Überblick über die im Roman auftauchenden real existierenden, historischen Persönlichkeiten.


Fazit

Es wundert nicht, dass es mittlerweile eine ganze Anzahl von Krimis gibt, die in Berlin in dieser brisanten Zeit spielen. Berlin war damals eine der bedeutendsten Metropolen Europas mit einer immensen Anziehungskraft. Ich kann „Nachts am Askanischen Platz“ nur jedem empfehlen, der Interesse an dieser vielfältigen Epoche hat. Die Einbindung des historischen Kontextes gelingt der Autorin perfekt ohne zu plakativ zu wirken. Die Darstellung der damaligen Lebensverhältnissen fügt sich homogen in den Krimiplot ein, ohne dass historische Fakten aufgedrängt werden. Goga versteht es, Zeitgeschichte geschickt mit einem Kriminalfall zu verknüpfen, auch wenn ich das an anderer Stelle schon mal schillernder gelesen habe.


Susanne Goga

Benedict Cumberbatch wäre ihre Traumbesetzung für die Figur des Leo Wechsler. Das verriet die in Mönchengladbach lebende Autorin und freie literarische Übersetzerin. Für ihre historischen Romane wurde sie mit diversen Preisen ausgezeichnet. Am Berlin der Weimarer Zeit fasziniert sie, dass sich dort alle guten und schlechten Entwicklungen dieser Jahre potenzierten. Für das nötige Lokalkolorit ihrer Milieuschilderungen wälzte sie Fotobände, alte Telefonbücher und Stadtpläne und erkundigte sich bei Polizeiexperten sowie Historikern.

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band 2, kleeblatt, krimi, lappland, molly blom, mord, narzissmus, polarkrei, pol der unzulänglichkeit, psychopathen, psychose, sam berger, schweden, serienmörder, winter

Sechs mal zwei

Arne Dahl , Kerstin Schöps
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.09.2017
ISBN 9783492058117
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Es macht mich wirklich traurig, dass mir niemand glaubt. Oder, noch schlimmer, dass man glaubt, ich sei verrückt. Ich habe ja den Tonfall der Beamten gehört, als sie hier waren. Ich hörte, wie sie laut über ihren Witz vom „Hausbock“ lachten, während sie in ihren Streifenwagen stiegen. Als wäre ich nicht in der Lage, den Unterschied zwischen dem verhaltensauffälligen Nachwuchs eines Käfers und einem gefährlichen, bösartigen erwachsenen Mann zu hören. Als würde ich diese Geräusche verwechseln. (Auszug Seite 9)


Die Kleeblatt-Morde

Jessica Johnsson ist bei der Polizei als durchgeknallte Verschwörungstheoretikern bekannt, eine die unter Verfolgungswahn leidet und mit absurden Anschuldigungen nervt. Aber in dem Brief, den sie der Stockholmer Polizistin Desiré „Deer“ Rosenkvist schickt, sind Details von einem alten Mordfall enthalten, die eigentlich niemand wissen kann. Und Jessica Johnsson behauptet, man hätte den Falschen verhaftet. Es war Rosenkvists erster Mordfall zusammen mit ihrem damaligen Kollegen Kriminalkommissar Sam Berger. In dem besonders grausamen Fall, in dem eine Mutter und ihr kleiner Sohn ermordet wurden, hatte man eine Kleeblatt-Zeichnung auf dem Gesäß des Opfers gefunden.


Deer gelingt es, Sam zu kontaktieren. Dieser hatte nach der Ermordung einer Kollegin und guten Freundin zwei Wochen zuvor einen Zusammenbruch erlitten. Molly Blom hatte sich um den angeschlagenen Sam gekümmert und auch dafür verstecken gesorgt, dass sie untertauchen, da der Geheimdienst Säpo ihnen den Mord anhängen will. Momentan sie sich in zwei Hütten in einem Nationalpark an Schwedens Pol der Unzugänglichkeit, den abgelegensten Ort des Landes.


Trotz der Bedrohung durch den Geheimdienst machen sich die beiden auf den Weg, um rauszufinden, ob an der Sache was dran ist. Doch der Besuch bei Jessica Johnsson endet in einem Desaster. Während des Gesprächs werden die beiden überwältigt und finden sich niedergeschlagen und gefesselt im Keller wieder, von Jessica keine Spur. Dafür jede Menge Blut und ein Stück Haut mit einer Kleeblatt-Zeichnung.


Berger-Blom-Team

Auch in dem zweiten Teil der Berger-Blom-Reihe verwebt Arne Dahl wieder souverän Rätsel um Rätsel zu einem raffinierten aber auch ziemlich verwirrendem Handlungskonstrukt. Mit jeder neuen Erkenntnis wird alles bisher Geschehene wieder umgeworfen. Dieses habe ich in dieser Häufigkeit selten erlebt. Mit dem Gefühl, etwas überlesen zu haben, musste ich immer wieder zurückblättern und den Handlungsverlauf rekonstruieren. Das macht es am Anfang schwer, sich in dem Geschehen zurechtzufinden. Den ersten Band Sieben minus eins sollte man nicht nur gelesen, sondern die Zusammenhänge auch noch einigermaßen parat haben. Sonst bleibt man bei diesem hoch komplexen Plot schnell auf der Strecke.


Dramaturgisch wirkungsvoll werden viele Dinge nur angedeutet und Seiten später folgt die Erklärung. Um Spannung zu erzeugen hält Arne Dahl häufig mit Informationen hinter dem Berg, aber diese Methode hat er für meinen Geschmack etwas zu routiniert eingesetzt. Erst spät fügen sich die einzelnen Erzählfragmente zu einem harmonischen Ganzen und dann macht der Thriller auch richtig Spaß.


Auch gelingt es Dahl wieder vortrefflich, bestimmte Stimmungen zu erzeugen. In filmreifen Szenen beschreibt er die winterlich kalte Atmosphäre Nordschwedens, zum Beispiel die Einsamkeit der zwei verschneiten Hütten am klirrend kalten Polarkreis bei 30 Grad Minus.


Die Charaktere

Nachdem sich der eigensinnige Sam Berger und Molly Blom, die hochintelligente, geradezu legendäre Undercoveragentin der Säpo im ersten Band kennen lernten und als Team zusammenrauften, sind sie jetzt zusammen auf der Flucht vor dem Geheimdienst und wollen eine Detektei gründen. Trotzdem weiß der geschwächte Sam nicht, ob er Molly vertrauen kann, denn diese scheint nicht mit offenen Karten zu spielen und ist eine Expertin darin, ein Pokerface zu wahren. Das Misstrauen gegenüber der undurchschaubaren Agentin erhöht die Spannung noch. Leider gönnt der Autor seinen beiden Protagonisten in diesem Band keine wirklich neuen Facetten. Und dann ist da noch die grundsolide Deer. Die Ehefrau und Mutter wirkt gegen die beiden sperrigen Figuren sehr normal und bodenständig.


Fazit

Wenn man den Realitätssinn mal außer Acht lässt, wird man auch mit diesem zweiten Band blendend unterhalten. Der schwedische Bestseller-Autor versteht sein Handwerk, erzählt seinen gut durchdachten Plot flüssig und routiniert, die Sprache ist anspruchsvoll und wohlgeformt. Für mich ein gelungener zweiter Teil der Berger-Blom-Serie, der am Ende noch mit einer Überraschung aufwartet und damit neugierig auf den nächsten Teil macht.



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Tags: band 2, berger-blom, hütte, kleeblatt, pol der unzulänglichkeit, schweden   (6)
 

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familie, familiere zusammenhalt, lebensgeschichte, maine, selbstzerstörung, vater-tochter beziehung, vater-tochter-beziehung

Vater des Regens

Lily King , Sabine Roth
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 29.08.2016
ISBN 9783406698057
Genre: Romane

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hörbuch, prag, roman, usa, zauberei

Der Trick

Emanuel Bergmann , Stefan Kaminski
Audio CD
Erschienen bei Diogenes, 24.02.2016
ISBN 9783257803686
Genre: Romane

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bomben, medienhetze, nachtclub-tänzerin, puppe, sidney

Die unbekannte Terroristin

Richard Flanagan , Eva Bonné
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Piper, 02.11.2017
ISBN 9783492311878
Genre: Romane

Rezension:

Sie hatte gerade ein Schuhgeschäft verlassen und stand wieder in der Mall, als sie eine riesige Videowand vor einem Elektronik-Großmarkt bemerkte. Eine Menschenmenge verließ das Stadion in Homebush, es musste sich um den Bombenfund vom Vortag handeln. Dann kam ein geöffneter Kinderrucksack ins Bild, in der Nahaufnahme war der Sprengsatz deutlich zu erkennen. Aber erst, als bewaffnete Polizisten vor Tariqs Wohngebäude in Deckung gingen, schenkte die Puppe der Videowand ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Auszug Seite 99



Geplanter Anschlag im Stadion

Die Bevölkerung von Sidney leidet unter einer Hitzewelle als im Olympiastadion drei nicht gezündete Bomben gefunden werden. Gina Davies, die als Stripteasetänzerin in einem Club ihr Geld verdient und von allen nur „Die Puppe“ genannt wird, stürzt sich in die Feierlichkeiten des Mardi Gras, des Faschingsdienstags. Hier lernt sie den gutaussehenden, arabisch-stämmigen Tariq kennen und verbringt die Nacht mit ihm in seiner Wohnung. Am anderen Morgen ist Tariq verschwunden und in den Fernsehnachrichten werden neue Erkenntnisse über die Bomben im Olympiastadion gesendet. Auf den veröffentlichen Bildern einer Überwachungskamera von dem mutmaßlichen Attentäter mit weiblicher Begleitung erkennt die schockierte Gina sich und Tariq. Aufgebracht und verunsichert vertraut sie sich ihrer besten Freundin Wilder an und die rät ihr, die Sache bei der Polizei aufzuklären, die die unbekannte Frau bisher nur als Zeugin sucht. Inzwischen hat sie jedoch der abgehalfterte Journalist Richard Cody, der im Club unlängst von Gina abgewiesen wurde, auf dem Foto erkannt und wittert die Story seines Lebens.



Die Treibjagd beginnt

Der schmierige, ehemalige Starmoderator zerrt immer neue Details aus Ginas Leben an die Öffentlichkeit, während er Ungereimtheiten einfach unter den Tisch fallen lässt. Die Puppe, inzwischen identifiziert und im Visier der Ermittler und der Geheimdienste begegnet sich selbst ständig auf allen Fernsehkanälen und Anzeigentafeln in der Stadt. Sie gerät, nachdem sie Tariq nicht erreichen kann, langsam in Panik. Dabei verpasst sie den Moment, sich zu stellen und begibt sich kopflos auf die Flucht. Presse und Fernsehen stehen unter Druck, immer spektakulärere Nachrichten für die sensationslüsterne, panische Öffentlichkeit zu liefern. In dieser nicht mehr aufzuhaltenden Dynamik wird die Puppe in die Enge getrieben und man ahnt, dass das nicht gut ausgehen kann und auf eine Katastrophe zuläuft.



Die australische Katharina Blum

Als ich den Klappentext las, musste ich sofort an „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Heinrich Böll denken. Seine große Erzählung von 1974, in der die Hauptfigur, eine junge hübsche Frau, auch „ein einfaches Mädchen“ durch Zufall und völlig unschuldig in die Mühlen der Sensationsmache einer Boulevardzeitung gerät, hat nichts von seiner Aktualität verloren. Auch bei Richard Flanagan geht es um unlautere Formen journalistischer Berichterstattung und ihre Folgen. Sein Roman „Die unbekannte Terroristin“ ist im Original schon vor 10 Jahren in Australien erschienen, als man den Begriff „Fake News“ noch nicht kannte. Auch bei Böll kommen keine Terroristen vor, sondern nur des Terrorismus verdächtige.


„Vielleicht ist das Ganze ja“ sagte er, „nur so eine blöde Verwechslung.“ Richard Cody dachte nach und zerriss dabei einen Briefumschlag zu kleinen Fetzen. „Ich meine, sie geht mit einem Typen mit“, fuhr Todd Birchall fort, „und soll dann an allem schuld sein, vom Einsturz des World Trade Center bis zu Kylie Minogues Krebs. Das ist doch komisch, ich meine, warum sollte eine wie sie zur Massenmörderin werden?“ Auzug Seite 190



Über die Protagonistin Gina

Gina wird fast in der ganzen Romanhandlung nur Die Puppe genannt. Das fand ich gewöhnungsbedürftig und verstärkt zumindest anfänglich die Distanz, die man zu der 26-jährigen Frau empfindet. Auch wirkt sie erst mal etwas oberflächlich und nur auf ihre Außenwirkung fixiert. Mit ihrer Vorliebe für teure Designerklamotten und Luxushandtaschen will sie sich von den anderen Mädchen abgrenzen. Ihre Kolleginnen wissen nicht viel von ihrem Privatleben. Gina ist ein sehr realistischer Mensch, der ohne große Illusionen lebt. Die bis dato unbescholtene Stripperin stammt aus einfachen, lieblosen Verhältnissen und träumt von einem besseren Leben. Deshalb spart sie ganz pragmatisch auf eine Eigentumswohnung und die 50.000 Dollar dafür hat sie schon fast zusammen. Jeder Tag nach der Arbeit beginnt mit einem Ritual. Sie bedeckt ihren nackten Körper mit den gesparten Dollarscheinen, die sie in ihrer kleinen Wohnung versteckt hält.



„Die Vorstellung, eine Australierin – eine von uns – könnte zu so etwas fähig sein, ist zu schockierend, Richard.“ „In der Tat, Larry. Und wenn die Zuschauer heute Abend unsere Sondersendung Die unbekannte Terroristin einschalten, werden sie erst recht schockiert sein. So, wie ich es war. Es ist traurig, es ist verstörend, und es läuft auf Six, heute Abend um halb sieben.“ Auszug Seite 282



Der einzige, der ihr helfen will, ist der Ex-Geliebte ihrer besten Freundin Wilder. Der Drogenfahnder Nick zweifelt an der Schuld der Puppe, doch seine Bemühungen um Schadensbegrenzungen verlaufen ins Leere, da er über nicht genug Einfluss verfügt und die Wahrheit nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Die Polizei muss Erfolge vorweisen und die Politiker stehen unter einem enormen Druck, da ist Gina einfach das Bauernopfer, die Personifizierung der Angst für die Öffentlichkeit.



Fazit

Wie es Richard Flanagan gelingt, auf hohem sprachlichem Niveau zu beschreiben, wie die aufgeputschte, verunsicherte Bevölkerung Sidneys in eine kollektive, von skrupellosen Journalisten geschürten Hysterie gerät, hat mich beeindruckt. Der Autor bedient sich eines Zynismus, schreibt dann wieder fast philosophisch über die Liebe und dann wieder recht derb. Wenn Ginas Situation immer auswegloser wird und sich die Schlinge immer mehr zuzieht, ist das sehr fesselnd und intensiv geschildert. Dabei bewegt sich Flanagan mit schlafwandlerischer Sicherheit in den unterschiedlichen Milieus. So entsteht zum Beispiel ein stimmiges Bild von der Großstadt Sidney.



Richard Flanagan ist ein australischer Schriftsteller, der 1961 in Tasmanien geboren wurde und hier mit seiner Frau und den drei Kindern lebt. Er studierte Geschichte an der University von Oxford. Für seinen Roman „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ erhielt er 2014 den Man-Booker-Preis.

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Hologrammatica

Tom Hillenbrand
Flexibler Einband: 560 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 15.02.2018
ISBN 9783462051490
Genre: Science-Fiction

Rezension:

In alten Filmen haben Privatdetektive stets verschiedene Visitenkarten zur Hand, damit sie sich als Gott-weiß-wer ausgeben können. Ich hingegen habe an die fünfzig Holomasques gespeichert, die ich jederzeit überstülpen kann – Elektroinstallateur, Verkehrspolizist, Penner und so weiter. Sie sind natürlich gehackt, damit ich sie ohne Brassard tragen kann, auch wenn das ein bisschen illegal ist. Auszug Seite 65


Der moderne Privatdetektiv

Im Jahr 2088 arbeitet der Londoner Galahad Singh als eine Art Privatdetektiv. Er hat sich als Quästor darauf spezialisiert, verschwundene Menschen zu finden, was im ausgehendem 21. Jahrhundert gar kein leichtes Unterfangen ist. Durch den Klimawandel sind große Teile der Erde abgesoffen und es hat eine weltweite Völkerwanderung bevorzugt Richtung Sibirien gegeben. Wer von der durch eine Seuche stark dezimierten Erdbevölkerung die mitunter horrenden Temperaturen von 40° Celsius in der Nacht nicht aushält und über genügend Geld verfügt, kann die Erde verlassen und sein Glück im All suchen. Durch neue Technologien ist es mittlerweile sehr einfach, eine neue Identität anzunehmen. Zum einen kann man sein Aussehen durch Holofilter verändern.


Alles nur Fassade

Hologramme sind zum Alltag geworden. Ein holographisches Netz ermöglicht es, visuelle Filter über die graue, schmutzige Realität zu legen. Alles was nicht den optischen Ansprüchen genügt, wird holographiert. Eine Brille benutzt man nur noch, um die Realität ohne Holofilter zu erkennen. Doch es gibt noch eine andere Möglichkeit. Durch die Technologie des Mind Uploading gelingt es, seine eigene Identität in fremde Körper zu laden. Hierbei wird ein winziger Quantencomputer ins Hirn implantiert, der es ermöglicht, in einen Wunschkörper zu wechseln. Wenn auch nur für kurze Zeit, dann droht der Braincrash, wenn das Cogit nicht wieder in den Stammkörper zurück transferiert wird.


Im vorliegendem Fall soll Singh die Computerexpertin Juliette Perotte aufspüren, die höchstwahrscheinlich gekidnappt wurde. Die hochintelligente Tochter reicher Eltern arbeitete an einer Verschlüsselungstechnik für digitale Gehirne, die sogenannten Cogits. Singh findet in Paris, dem Wohnort der 37-jährigen heraus, dass Perotte mit einem geheimen Projekt beschäftigt war, bei dem sie nach einer Möglichkeit forschte, den Braincrash zu verhindern. Offenbar hatte sie sich in einem riskantem Spiel einer Gruppe von „Deathern“ angeschlossen. Das sind Adrenalinjunkies, die ihre eigene Identität in fremde Gefäße laden und diese Körper dann auf unterschiedlichste Arten umbringen, um den Moment des Todes immer wieder in anderen Varianten zu erleben. Auf der atemlosen Suche nach den Hintergründen und nicht zuletzt als er von Leuten mit riesigen schwarzen Schwertern angegriffen wird, begibt sich der Privatermittler Singh in Gefahr. Er scheint es mit einem übermächtigen Gegner zu tun zu haben, möglicherweise sogar mit einer Künstlichen Intelligenz.


In einem anderen fast surrealen Handlungsstrang findet sich eine Frau auf einer einsamen Insel wieder.

Viel mehr möchte ich über den vielschichtigen, vor phantastischen Ideen sprühenden Plot gar nicht verraten.


Prota

Tom Hillenbrand hat eine immens spannende Mischung aus klassischer Detektivgeschichte und Science-Fiction geschaffen. Dazu gehört auch sein cleverer Protagonist und Ich-Erzähler Galahad Singh, ein relativ bodenständiger Detektiv mit indischen Wurzeln, dessen Lieblingsgetränk der Old Fashioned ist und der in seiner Freizeit am liebsten Saxofon mit einem holographischen John Coltrane als Musiklehrer spielt. Uploads sind ihm suspekt, statt eines digitalen Hirns benutzt er lieber seine grauen Zellen. Der sympathische Singh hat eine schwierige Beziehung zu seinem Vater. Grund dafür ist sicherlich das Verschwinden seines Bruders Percy vor etlichen Jahren, als beide noch Kinder waren. Kein Wunder, dass es ihn komplett aus der Bahn wirft, als er Hinweise erhält, dass Percy noch am Leben ist. Aber aufkommende Depressionen behandelt man mittlerweile auf Knopfdruck mit einem eingepflanzten Dispenser. Auch in brenzligen Situationen verliert der smarte Singh seinen sarkastischen Humor und seine Selbstironie nicht. Großartig auch die Selbstgespräche mit dem „Komitee der Selbste“, wenn er sich nicht zwischen unterschiedlichen Perspektiven entscheiden kann.



Die Welt im Jahre 2088

Wie schon in seinem mit mehreren Preisen ausgezeichneten Krimi „Drohnenland“ hat der Autor eine rasante Zukunftsvision erschaffen, die mich begeistert und die ich verschlungen habe. Indem er den jetzigen Stand der technischen Entwicklungen konsequent und sehr kreativ weiterentwickelt, kann man sich diese nahe Zukunft tatsächlich problemlos so vorstellen. Tom Hillenbrand hat mit großem Einfallsreichtum und überbordender Phantasie ein absolut glaubwürdiges Setting erschaffen, dem man anmerkt, wie sehr ihm die geschaffene Welt am Herzen liegt. Die komplexe Story erfordert volle Aufmerksamkeit. Wobei ich das Glossar am Ende des Buches, in dem einige technologischen Begriffe erläutert werden, gar nicht benutzt habe, da sich alles aus dem Kontext ergibt.


Die Story wird flüssig und rasant mit vielen überraschenden Wendungen erzählt und scheut auch nicht vor filmreifen Action-Szenen. Sehr gut gefallen hat mir auch der immer wieder aufblitzende trockene Humor.



Das mit den Milchtüten ist ein etwas makabrer Scherz, den heutzutage keiner mehr versteht. Vor über hundert Jahren war es üblich, die Gesichter von vermissten Kindern auf Getränkekartons zu drucken. Warum man das tat, erschließt sich mir nicht. Die Polizei war offenbar der Meinung, es würde zu sachdienlichen Hinweisen führen, wenn sich schlaftrunkende Menschen morgens beim Müsliessen von einem verschwundenen Kind anstarren lassen. Klingt bekloppt, aber so war's. Deshalb nennen wir unsere Vermissten ebenfalls Milchtüten. Auszug Seite 16



Hologrammatica war für mich viel mehr als eine klassische Kriminalgeschichte, eingebettet in einem abgefahrenen Science-Fiction-Thriller, sondern eine Gesellschaftskritik mit philosophischen Einschüben und sogar ein Beitrag zur Gender-Thematik. Der homosexuelle Galahad lernt während seiner Ermittlungen Francesco kennen und verliebt sich, wobei nicht klar ist, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, da dieser in einem Gefäß steckt. Das dessen tatsächliche Identität ein Geheimnis bleibt, führt zumindest bei Galahad anfänglich zu Irritationen, spielt aber im Endeffekt keine große Rolle. Es geht auch um die ganz großen Themen, wie den uralten Wunschtraum der Menschen nach Unsterblichkeit.


Nach „Drohnenland“ waren meine Erwartungen an „Hologrammatica“ sehr hoch und sie wurden noch komplett übertroffen.


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Tags: computerexpertin, digitale gehirne, holografie, privatermittler, zukunftsthriller   (5)
 

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berlin, die 1920er jahre, die burg, doppelleben, goldene 20er jahre, historischer krimi, juden, kerstin ehmer, krimi, mord, nachtclubs, polizei, verlag: pendragon, zwanziger jahre, zwischenkriegszeit

Der weiße Affe

Kerstin Ehmer
Fester Einband
Erschienen bei Pendragon, 30.08.2017
ISBN 9783865325846
Genre: Krimi und Thriller

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christentum, geheimnisvoll, hörbuch, israel, kirche, religion, scifi, thriller, verschwörungsthriller

Das Jesus-Video

Andreas Eschbach
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei Lübbe Audio, 18.07.2014
ISBN B00KQT24YA
Genre: Krimi und Thriller

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Durst

Jo Nesbø , Günther Frauenlob
Fester Einband: 624 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 15.09.2017
ISBN 9783550081729
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

„Meinst du, dass der Mörder tief in seinem Inneren verraten will, wer er ist?“ Harry antwortete nicht. „Nicht, wer er ist, aber was“, sagte Katrine. „Er zeigt Flagge.“ „Darf ich fragen, was das bedeutet?“ „Bitte“, sagte Katrine. „Frag unseren Experten für Serienmorde.“


Harry starrte auf den Bildschirm. Es war jetzt nicht mehr das Echo eines Schreis. Es war ein Schrei. Der Schrei des Dämons. „Das bedeutet…“, sagte Harry, entzündete das Feuerzeug, hielt die Flamme vor die Zigarette und nahm einen tiefen Zug.

„Dass er spielen will.“ (Auszug Seite 151)

 

Mörderisches Tinder

In Oslo wird eine junge Frau nach einem Date brutal ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden. Die Polizei hat es mit einem höchst komplexen Fall zu tun, denn sie finden keine Einbruchspuren. Tatwaffe scheint ein altertümliches Eisengebiss zu sein und dem Opfer fehlt ein halber Liter Blut. Als eine zweite Frau auf ähnliche Weise getötet wird, deutet das auf einen Serientäter. Auch sie suchte mit der Tinder-App nach Kontakten. Die Ermittlungen unter der Leitung von Katrine Bratt stecken in einer Sackgasse. Auch die Presse verstärkt mit ihrer Berichterstattung den Druck zum „Vampiristenfall“.

Und der Experte für Serienmorde hat den Polizeidienst quittiert. Seit drei Jahren gibt Harry Hole als Dozent an der Polizeihochschule Vorlesungen, ist mit seiner großen Liebe Rakel verheiratet und führt mit ihr und ihrem Sohn Oleg ein stabiles, mehr oder minder glückliches Leben. Denn da sind ja noch die bedrückenden Alpträume, die den trockenen Alkoholiker immer wieder heimsuchen.


Die Legende ist zurück

Holes alter Chef und Erzfeind Mikael Belheim hat Angst um seine Karriere und will HH wieder im Team haben. Der ehrgeizige Polizeichef setzt ihn mit dem Wissen um Olegs Drogen-Vergangenheit unter Druck und trifft damit einen wunden Punkt bei Harry, dem seine kleine Familie sehr wichtig ist. Er scheint sein Leben im Griff zu haben, ist umgänglicher geworden und hat dem Alkohol abgeschworen. Das alles will er nicht wieder aufs Spiel setzen. Trotzdem entscheidet er sich dafür und bildet parallel zu der Ermittlungsgruppe um Bratt ein kleines Team, zu dem auch ein Vampirismus-Experte gehört, der Psychologe Hallstein Smith und der junge Polizeianwärter Anders Wyller.

Denn Hole hat einen Verdacht bezüglich des Täters. Er denkt an einen lang gesuchten Sexualstraftäter, den er nie fassen konnte. Die Art und Weise wie der gerissene Täter vorgeht, entspricht nicht komplett seinem bekannten Muster und deutet auf einen zweiten Täter hin. Durch seine exzessive Arbeitsweise verfällt HH schnell wieder in altbekannte Verhaltensmuster. Das verstärkt sich noch, als Rakel lebensgefährlich erkrankt, denn es reißt dem abgeklärten Ermittler praktisch den Boden unter den Füßen weg und setzt ihm sehr zu.


Sie versuchte, seinen Blick festzuhalten, ihn festzuhalten. Aber kaum merkbar, so wie die Farbe des Meeres sich von Grün zu Blau verändert, geschah es. Sein Blick richtete sich wieder nach innen. Und sie wusste, dass er, noch bevor das Lachen verstummt war, wieder von ihnen wegtrieb, hinein ins Dunkel. (Seite 180)


Serienmorde

Wenn ich den Klappentext gelesen hätte, ohne zu wissen, dass der Autor Jo Nesbø heißt, hätte ich mich gelangweilt und auch etwas angeekelt abgewendet. Nicht schon wieder Serienmorde und immer größere Kreativität in der Schilderung abartiger Gewaltverbrechen. Auch die Etablierung von Tinder, diese moderne Online-Platform, bei der man problemlos und schnell Kontakte knüpfen kann für eine Nacht oder mehr, wirkt kalkuliert. Aber es ist halt ein Nesbø und der elfte Fall für Harry Hole und es passiert das, was immer passiert, wenn ich einen Thriller des norwegischen Starautors lese. Schon nach wenigen Seiten stellt sich ein Sog ein und ich klebe an den Seiten. Was also unterscheidet einen Harry-Hole-Thriller von anderen Krimis dieser Art?


in Erklärungsversuch

Vier Jahre nach „Koma“ ist Jo Nesbø ein knallharter und explizit brutaler Thriller gelungen, mitreißend geschrieben und stilistisch und dramaturgisch auf hohem Niveau. Er beherrscht das Spiel mit vielen Verdachtsmomenten, Cliffhangern sowie überraschenden Wendungen perfekt und mischt diese in „Durst“ noch gekonnt mit Horrorelementen. Das können auch andere Autoren, aber Nesbø ist wirklich der Meister der falschen Fährten und Irreführungen. Typisch für den Autor erweisen sich die Dinge oft anders, als sie den Anschein haben.

Für mich ist Nesbø einfach ein literarischer Krimiautor, sein intensiver Schreibstil entfacht ein fesselndes Kopfkino. Durch sein außergewöhnliches Talent spielt er mit der Sprache und ist in vielen Passagen hoch philosophisch.

Man trifft eine Menge alter Bekannter wieder, alle authentisch und facettenreich gestaltet, die aber auch konsequent weiterentwickelt werden. Und mittendrin der Protagonist Harry Hole, dieser ambivalente, kantige und höchst widersprüchliche Charakter.

Viele Perspektivwechsel in diesem ausgeklügelten Plot, die auch einen Blick hinter die Fassade des Täters ermöglichen, erhöhen die Spannung. Bis zum spannenden Showdown auf schmelzendem Eis mit einem angeschlagenem Einzelgänger Harry, dessen ohnehin schon ziemlich lädierter Körper weiter gezeichnet wird.


Fazit

Jo Nesbø überrascht mich immer wieder mit seinem Einfallsreichtum und ja man ahnt es schon, der Titel „Durst“ bezieht sich sowohl auf den Vampiristen als auch auf Harrys Achillesferse, den Alkohol.

 

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Tags: band 11, blut, tinder, vampirismus   (4)
 

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Lautlose Nacht

Rosamund Lupton , Christine Blum
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 11.11.2016
ISBN 9783423261210
Genre: Romane

Rezension:

Die Kälte war ein Schock. Sie hatte gedacht, Kälte sei weiß wie Schnee oder vielleicht blau wie der Punkt auf einem Kaltwasserhahn. Aber diese Kälte entsprang einem Ort der Nacht und war schwarz, ohne jegliche Farbe oder Licht.
Ein gellendes Kreischen ertönte, dann begriff sie, dass es der Wind war, der Neuschnee über den festgefahrenen Schnee am Boden trieb, weiße Geister, die über Straße und Ödnis tanzten. (Auszug Seite 198)


Spannender Roadtrip

Die englische Astrophysikerin Yasmin Alfredson fliegt mir ihrer zehnjährigen Tochter Ruby nach Alaska, um ihren Mann zu besuchen. Matt Alfredson arbeitet dort als Naturfilmer und soll sich zuletzt in einem kleinen Inupiat-Dorf am Polarkreis aufgehalten haben. Als die beiden in Fairbanks am Flughafen ankommen, erfahren sie durch die Polizei, dass bei einer katastrophalen Explosion alle Dorfbewohner ums Leben gekommen sind. Obwohl alles darauf hindeutet, dass auch Matt unter den Opfern ist, will Yasmin das nicht wahrhaben.

Da alle Flüge gestrichen wurden, macht sie sich gegen alle Widerstände auf den lebensgefährlichen Weg über den Highway nach Anaktue, um nach ihrem verschollenen Mann zu suchen. Ihre Tochter nimmt sie mit, denn sie kann die Kleine nicht da lassen, da Ruby gehörlos ist. Die beiden finden in einem gutmütigen Trucker eine Mitfahrgelegenheit. Bei einer kurzen Pause auf einem Rasthof erfährt Yasmin von anderen Truckern, dass sich unter Anaktue Tausende Tonnen Schieferöl befinden sollen. Die Dorfbewohner lehnen aber die Fracking-Pläne, ein umstrittenes Verfahren der Erdgas- und Erdölförderung ab. Als ihr Fahrer ausfällt, kapert Yasmin einfach den Sattelzug und macht sich mit ihrer Tochter auf den Höllenritt durch die Eiswüste. Das ist der Ausgangspunkt dieses spannenden Roadtrips.


Extremsituationen

In dieser Extremsituation, bedingt durch die eisige Kälte und endlose Dunkelheit steuert Yasmin den 50-Tonnen-Truck auf fünf Achsen über vereiste Flüsse, durch Schneestürme und Lawinen und der daneben verlaufenen Transalaska-Pipeline. Zwischendurch muss sie immer wieder aussteigen und die Eisklumpen von den Reifen abschlagen sowie die Scheinwerfer säubern.


Beim Kriechen stieß sie an den Hammer, der ihr aus der Tasche gefallen war. Sie hob ihn auf und wühlte sich unter den Laster. Hier war es windgeschützt. Ihre Augen waren zugefroren – die Wimpern klebten zusammen und ließen sich nicht mehr trennen. Sie rieb sich das Gesicht am Ärmel, wieder und wieder, aber es half nichts. Das einzig Warme, was sie besaß, war ihr Atem. (Seite 221)


Verschlimmert wird die Situation noch durch einen bedrohlichen Verfolger. Ein unbekannter Tankwagen hält sich immer im gleichen Abstand hinter ihnen auf. Steven Spielberg lässt grüßen! Ich musste sofort an seinen Kult-Thriller ‚Duell‘ aus den 70er Jahren denken, in dem ein Reisender ohne erkennbaren Grund von einem anonymen Tankwagen verfolgt und drangsaliert wird. In Alaska zieht auch noch ein orkanartiger Schneesturm auf, der die Temperaturen unter minus vierzig Grad fallen lässt. Das ist derart gefährlich, dass die erfahrenen Trucker, die auf der Eispiste unterwegs sind, eine Pause einlegen. Nur Yasmin verlässt die Straße nicht und fährt weiter und begibt sich und ihre Tochter in große Gefahr. Außerdem erhält Ruby auf ihrem Notebook kryptische Mails mit toten Tieren.


Rubys Welt

Während die beiden der Eishölle des tosenden Polarsturms trotzen, werden einige Rückblicke auf die kriselnde Beziehung von Yasmin und Matt geworfen. Richtig interessant wird es durch die Erzählperspektive der gehörlosen Ruby, die immer abwechselnd eingeschoben werden. Passagen aus Kindersicht finde ich oft nicht authentisch. Aber hier ist der Einblick in die Welt der aufgeweckten Zehnjährigen wirklich gelungen und Rubys Handicap bringt neue und interessante Elemente in den Handlungsverlauf.

Zu ihrem Vater hat sie eine engere Beziehung als zu der strengeren Mutter. Yasmin ermahnt sie ständig, ihre mühsam erlernte Stimme zu benutzen. Matt dagegen akzeptiert, dass ihr das unangenehm ist, und hat ihr das Twittern beigebracht und will mit ihr einen Blog starten. Das Notebook hat sie immer dabei, denn es hilft ihr bei der Kommunikation mit anderen. Ruby twittert in regelmäßigen Abständen, wie sich Sprache anfühlt, wenn man sie gebärden muss. Sie sinniert darüber, wie Worte, die man nicht hört und nicht laut ausspricht, schmecken oder riechen könnten. Dadurch gelingt es der Autorin, Gehörlosigkeit nicht als Behinderung, sondern als eine andere Form der Wahrnehmung zu begreifen.


Fazit

Große Realitätsnähe kann man der Autorin wahrlich nicht vorwerfen. Dafür ist der Plot auch an einigen Stellen zu konstruiert. Der Thriller ist auch nichts für den hartgesottenen Liebhaber des hardboiled Krimis, dazu ist die Spannung zu kuschelig und die Dramaturgie an einigen Stellen zu berechnend. Trotzdem ist Rosamund Lupton mit ‚Lautlose Nacht‘ ein ansprechender Mainstream-Thriller gelungen, der seine Spannung aus dem aussichtslosen Kampf gegen das unwirtliche Klima zieht.


Die Autorin punktet mit spektakulären Schauplätzen und findet in ausgereifter Sprache immer neue und fast schon poetische Bilder, die nicht nur die Bedrohung und Gefahr durch die Naturgewalten, sondern auch deren Schönheit beschreiben. Die gnadenlose Kälte, Weite und Stille Alaskas kann man geradezu nachfühlen. Ihr gelingt es hervorragend, die riesigen Dimensionen Alaskas lebendig werden zu lassen. Ohne Anzeichen von Zivilisation, das Fehlen von jeglichen Gerüchen und Farben wirkt die arktische Tundra mitunter furchterregend.


Die Autorin hat sich über viele unterschiedliche Themen gut informiert. Die Gebärdensprache, die Inupiag-Kultur, die Natur und Tiere Alaskas oder die Machenschaften der Ölkonzerne am Polarkreis werden geschickt in den Krimiplot eingewebt, ohne ihn zu überfrachten.


Rosamund Lupton wurde 1964 in England geboren und lebt aktuell mit ihrer Familie in London. Nach einem Studium in Cambridge arbeitete sie als Literaturkritikerin und schrieb zahlreiche Drehbücher. Ihr Debütroman ‚Liebste Tess‘ war ein New York Times-Bestseller. Der vorliegende Thriller heißt im Original ‚The Quality of Silence‘.

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Tags: alaska, fracking, gebärdensprache, gehörlosikeit, inuit, truck   (6)
 

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Totenkalt

Stuart MacBride , Andreas Jäger
Flexibler Einband
Erschienen bei Goldmann, 17.07.2017
ISBN 9783442485666
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein schwarzer Plastik-Müllbeutel entfaltet sich knisternd und flattert einen Moment lang über ihm wie der Flügel einer riesigen Fledermaus. Dann wird er ihm mit einem Ruck über den Kopf gezogen. Das ratschende Geräusch von Paketklebeband zerreißt die Stille. Und jetzt endlich bringt er die Luft zum Schreien auf. (Auszug Seite 7)


Verbannung in die Provinz

Im zehnten Teil der Serie um den Ermittler Logan McRae ist dieser aus dem dreckigen, düsteren Aberdeen in die schottische Provinz verbannt worden. Er muss wieder in Uniform in einem kleinen, verschlafenen Nest seinen Dienst schieben.

In dem Hafenstädtchen Banff wird in einem Waldgebiet eine übel zugerichtete Leiche gefunden. Nackt, gefesselt und vor dem Tod brutal misshandelt mit einer Plastiktüte über dem Kopf deutet alles auf ein Verbrechen im Gangstermilieu hin. Es ist aber nicht der seit einigen Tagen vermisste Martin Milne sondern sein Geschäftspartner. Parallelen zeigen sich zu einer ermordeten Studentin, die erschlagen im Wald aufgefunden worden war. Aus Aberdeen kommt eine Sonderermittlungsgruppe rund um DC Inspector Roberta Steel als Verstärkung. Und so trifft Sergeant Logan McRae wieder auf seine ehemalige Chefin.

Vielmehr kann man über den äußerst verflochtenen Plot gar nicht verraten. Dieser zerfällt in zahlreiche kleine Subplots, wobei der eigentliche Kriminalfall dabei in den Hintergrund rückt. Die im Klappentext erwähnte erschlagene Studentin kommt zum Beispiel erst wieder auf den letzten Seiten vor.


Private Schicksalsschläge

Das Hauptaugenmerk liegt auf Logan McRae, dem Protagonisten dieser Serie und seine privaten Dramen. Stuart MacBride entwickelt sehr viel Einfallsreichtum und lässt McRae körperlich wie seelisch einiges einstecken. Seine Freundin Samantha liegt seit fünf Jahren im Koma und die lebenserhaltenden Maschinen sollen jetzt abgeschaltet werden.

Um für die hohen Kosten ihrer Behandlung aufzukommen, hatte sich McRae mit dem Unterweltkönig Hamish Mowat eingelassen. Als dieser jetzt verstirbt und McRae als Hauptbegünstigter in dessen Testament aufgeführt wird, passt das dem potenziellen Nachfolger nicht. Der sadistische Reuben Kennedy trachtet McRae nach dem Leben, der auch noch damit beschäftigt ist, vor den Kollegen seine Beziehung zu den Kriminellen zu verschleiern.

Und dann ist da noch der Chef der Dienstaufsicht, Chief Superintendent Napier, der den Fall eines Kinderschänders untersucht und Logan um Hilfe bittet, indem er Roberta Steel ausspioniert. Zwischen Logan und seiner ehemaligen Chefin besteht so eine Art Hassliebe. Während die laute, derbe und unfassbar ordinäre Roberta mal wieder alles versucht, um den fähigen Ermittler auszunutzen, ist sie andrerseits auch diejenige, die ihm bei seiner Trauer um Samantha beisteht. Und schließlich hatte Logan durch Samenspende Roberta und ihrer Frau zu zwei Kindern verholfen.


Resümee

Totenkalt ist eine abgeschlossene Geschichte einer zehnteiligen Serie und der Schwerpunkt liegt auch hier wieder auf der überzeugenden Schilderung des Polizeialltags. Ein großes Figurenensemble tummelt sich durch die Handlung. Alle werden vom Autor mit vielen Eigenheiten überspitzt dargestellt. Neben der Überzeichnung seiner Charaktere setzt MacBride Vulgarität als Stilmittel ein. Steel putzt ihre Untergebenen ständig mit sexistischen Bemerkungen runter, die grundsätzlich im genitalen Bereich angesiedelt sind. Trotzdem wachsen einem die Figuren in ihrer individuellen Verrücktheit ans Herz.

Viele Bezüge zu vorangegangenen Teilen machen es dem Neueinsteiger nicht leicht, in die Story reinzufinden. Ich kannte die ersten beiden Bände und konnte mich allerdings an den Plot nicht mehr richtig erinnern, aber daran, dass das Wetter eine gewichtige Rolle spielte. Die Atmosphäre des nasskalten Wetters wird auch in diesem Band gut eingefangen.


Stuart MacBride glänzt in diesem Werk wieder mit vielen unkonventionellen und abgedrehten Wendungen. Ich mag auch den absurden und aberwitzigen Humor, muss aber auch gestehen, dass aufgrund der Vielzahl der Erzählebenen der Spannungsbogen fehlte und ich mich doch teilweise durch die fast 630 Seiten gequält habe.

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Tags: band 10, schottland   (2)
 

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Mord am Waterberg

Almut Hielscher , Uta König
Flexibler Einband: 232 Seiten
Erschienen bei Pro-Talk , 15.07.2017
ISBN 9783939990406
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Da steht es Schwarz auf Weiß: Raubmord. Anna ist tot. Katrin beginnt zu begreifen. Vor zwei Tagen hatte die Nachricht etwas Unwirkliches. Sie kam von so weit her. Anna sollte tot sein? Mitten in der Nacht hatte ihr der Landesdirektor des Deutschen Entwicklungsdienstes das Unfassbare mitgeteilt und darum gebeten, dass ein Familienmitglied nach Namibia komme. (Auszug Seite 8)

 

Tod einer Entwicklungshelferin

Es ist ein trauriger Grund, den Katrin Sattler, eine Buchhändlerin aus Stuttgart, nach Namibia führt. Sie will den Leichnam ihrer jüngeren Schwester nach Hause holen. Anna Sattler, die als Entwicklungshelferin am Fuße des Waterbergs gearbeitet hatte, war in ihrem Haus erschlagen aufgefunden worden. Der des Raubmordes verdächtige 17-jährige Jugendliche bestreitet die Tat.

Auch in Katrin wächst die Überzeugung, dass die Polizei den Falschen verhaftet hat und sie fühlt sich verpflichtet, den wahren Täter zu finden. Sie übernachtet im Haus ihrer Schwester und findet dort Briefe der längst verstorbenen Großtante vor, die vor mehr als 80 Jahren nach Namibia auswanderte und die von ihrem Leben auf einer Farm erzählen. Auch Annas Tagebuch gibt Katrin einige Aufschlüsse über ihr Leben.


Das dunkle Erbe der Kolonialgeschichte

Anna hatte ihre Arbeit in einem Kulturzentrum mit großem Enthusiasmus geführt und sich leidenschaftlich für eine Verbesserung der Beziehungen zwischen Hereros und Deutschen eingesetzt. Die Hereros hatten unter der deutschen Kolonialherrschaft großes Leid erfahren und auch Generationen später sind die Schrecken des Völkermordes und die Ausbeutung durch die Kolonialherren noch fest in den Köpfen der Einheimischen fixiert.

Annas Engagement stieß nicht nur auf Begeisterung bei der Dorfgemeinschaft, zum Beispiel hatte sie sich bemüht, Onkel Jonas das Handwerk zu legen, einem alten Weißen, der Geld zu Wucherzinsen an die verarmte Bevölkerung verleiht. Ein Motiv hätte auch Annas Chef, der Manager des Zentrums, den sie der Geldunterschlagung bezichtigt hatte. Aber der deutsche Entwicklungsdienst in Windhoek will von Korruption nichts wissen oder unternehmen. Weiter findet Katrin heraus, dass ihre Schwester ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann hatte und dass dessen eifersüchtige Ehefrau Voodoo-Zauber ausübte.

Bei ihren Nachforschungen schlägt Katrin Misstrauen und offene Feindseligkeiten entgegen und nach einigen Drohanrufen und einem Einbruch in ihrem Haus muss sie erkennen, dass sie sich zunehmend in Gefahr begibt. Gleichzeitig wird sie durch die Briefe der Tante mit der Vergangenheit ihrer Familie konfrontiert.


Ambitioniertes Debüt

Obwohl ich die Thematik sehr interessant finde, habe ich leider keinen richtigen Bezug zu der Geschichte gefunden. Dass die beiden Autorinnen versuchen, in ihrem Debüt anhand einer Kriminalgeschichte auf die Zustände in Namibia und die Nachwirkungen seiner Geschichte hinzuweisen, ist aller ehrenwert und sehr ambitioniert. Leider ist dies nicht wirklich gelungen und konnte mich gar nicht erreichen. Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht. In schlichter Sprache werden Dialoge geführt, die ich als künstlich empfunden habe und die nur der Information des Lesers sorgen sollten. Meinem Empfinden nach wollen die Autorinnen viel zu viele Themen unterbringen, deshalb wird alles nur oberflächlich gestreift und tiefe Einblicke können so gar nicht entstehen. Die Charakterisierungen wirken holzschnittartig und besonders zu Katrin fand ich keinen Zugang oder konnte mich nicht in sie hineinversetzen. Dabei sollen Rückschauen in die Kindheit einen Blick in die Psyche ermöglichen. Katrin war die größere, vernünftige Schwester, die sich immer um die jüngere, abenteuerliche Schwester gekümmert hatte. Da sie Anna in Afrika nie besucht hatte und kaum etwas von ihrem Leben wusste, fühlt sie sich in dieser von Schuldgefühlen getragenen Situation praktisch verpflichtet, da zu bleiben.


Die ganze Story krankt an den Ungereimtheiten im Plot. Wenig inspirierend, dass Katrin fast sämtliche wichtige Erkenntnisse aus dem Tagebuch zieht. Als dieses Tagebuch bei dem Einbruch gestohlen wird, findet sie ein weiteres im Papiermüll.

Am wenigsten hat mich das Setting überzeugt. Einzelne Schauplätze werden beschrieben, die sich aber irgendwie nicht zu einem stimmigen Ganzen vereinen. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich eine Vorstellung, wie es da aussieht. Es entstanden keine Bilder vor der im Klappentext beschriebenen atemberaubenden Schönheit vor meinen Augen. Auch nicht von den Hereros, die versuchen Tradition und Moderne in Einklang zu bringen. Für mich ist Mord am „Waterberg“ mehr eine Reportage über die Auswirkungen der gewaltvollen deutsch-namibischen Kolonialvergangenheit als eine Kriminalgeschichte. Dafür sind die etwas mehr als 200 Seiten vielleicht auch zu knapp, vor allen Dingen, wenn zum Schluss noch eine Liebesgeschichte für Katrin aufgedrückt wird.

Im Anschluss findet man eine geschichtliche Dokumentation der Ereignisse von Deutsch-Südwest-Afrika bis zur Republik Namibia in Form einer Zeitlinie von 1842 bis 2017.


Zwei Autorinnen

Almut Hielscher wurde 1943 geboren und arbeitete unter anderem 8 Jahre beim STERN sowie 15 Jahre beim SPIEGEL. Sie kann auf einige persönliche Erfahrungen in Südafrika zurückblicken, denn sie war mehrere Jahre als Korrespondentin für Afrika mit Sitz in Johannesburg tätig und hat auch für den Deutschen Entwicklungsdienst (DED) in Namibia gearbeitet.

Uta König wurde 1947 geboren und absolvierte Studium und Journalisten-Ausbildung in Paris. Die langjährige STERN-Reporterin wechselte 1995 zum Fernsehen und hat beim NDR seitdem mehr als 50 Reportagen und Dokumentarfilme gemacht. 1998 bekam sie den Grimme-Preis für die beste Dokumentation. Beide Autorinnen leben in München.



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Tags: entwicklungshilfe, kolonialzeit, namibia, völkermord   (4)
 

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band 3, beirut, botschaft, klara walldeen, schweden

Der Freund

Joakim Zander , Ursel Allenstein , Nina Hoyer
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 01.09.2017
ISBN 9783499273636
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Jacob erträgt die Aufnahme nur wenige Sekunden lang, sie ist zu unverblümt. Zu drastisch und widerwärtig. Seine Finger zittern, als er den Deckel des Laptops zuschlägt, um nicht mehr davon sehen zu müssen. Er vergräbt sein Gesicht in den Händen. „Was haben Sie getan?“, fragt er schluchzend. „Und warum?“ (Auszug Seite 120)


Ein Student aus Uppsala lalalalalalala

Jacob Seger ist ein ehrgeiziger, schwedischer Student. Als angehender Diplomat macht er ein Praktikumsjahr in der schwedischen Botschaft in Beirut. Es gibt aber nicht so viel zu tun und er ist sich oft selbst überlassen. Auf der Dachparty einer Nachbarin lernt er Yassim kennen und verliebt sich sofort in den arabischen Kriegsfotografen. Es beginnt eine leidenschaftliche Beziehung. Yassim gibt sich geheimnisvoll und ist oft wochenlang unterwegs und lässt nichts von sich hören. Eine Agentin des schwedischen Geheimdienstes nimmt Kontakt zu Jacob auf und behauptet, Yassim wäre ein Terrorist, sogar ein Drahtzieher, der Anschläge in Europa vorbereitet. Die mysteriöse Myriam Awad hatte Jacob eine Falle gestellt und mit diesem Druckmittel in der Hand will sie ihn zwingen seinen Freund auszuspionieren. Jacob ist hin- und hergerissen und weiß nicht, was er glauben soll. Als er einen Kurierdienst für Yassim erledigen soll, indem er einen USB-Stick außer Landes nach Europa schmuggelt, fällt ihm in seiner Not nur die schwedische Anwältin für Menschenrechte Gabriella Seichelmann ein, die er im Fernsehen gesehen hat und bittet sie um Hilfe.

Währenddessen wird die ehemalige EU-Referentin Klara Walldéen Zeugin, wie ihre Freundin Gabriella verhaftet wird. Im Rahmen eines Anti-Terror-Einsatzes wird sie direkt vor ihrer Kanzlei in Stockholm festgenommen. Die schockierte Klara will der Freundin helfen und sich anstelle von Gabi mit einem geheimen Informanten in Brüssel treffen, aber bevor sie begreift, um was es geht, gerät sie in Gefahr und zwischen die Fronten der Geheimdienste.


Beirut, die Stadt der Gegensätze

Der dritte Band von Joakim Zander verbindet wieder Ereignisse aus dem aktuellen Zeitgeschehen, wie die Terroranschläge im Jahr 2015 in Paris mit einer spannenden, fiktionalen Geschichte. Abwechselnd wird in beiden Erzählsträngen in kurzem Kapiteln und hohem Tempo erzählt. Wenn im letzten Drittel die beiden Handlungsstränge miteinander verknüpft werden und Jacob und Klara in Brüssel aufeinander treffen, wird die Geschichte deutlich rasanter mit jeder Menge Action in Form von Schießereien und Verfolgungsjagden.

Im ersten Drittel des Politthrillers beschäftigt sich der Autor sehr detailliert und empathisch mit Jacob und seinen Erlebnissen. Seine Gefühle, Gedanken und Wünsche nehmen einen großen Raum ein und sein Zwiespalt wird glaubhaft dargestellt. Dieser Handlungsstrang beinhaltet nicht sehr viel Thrill, trotzdem war er für mich sehr interessant und fesselnd. Der Leser erlebt durch Jacobs Augen den schillernden Schauplatz Beirut, dessen faszinierende Atmosphäre der Autor gekonnt einfängt. Es gelingt ihm, ein Bild dieses zerrissenen Landes der totalen Gegensätze wiederzugeben. Wir begleiten Jacob durch die flirrende Beiruter Nachtwelt und erleben mit ihm die Unruhen der unterschiedlichen Religionsgruppen und der syrischen Flüchtlinge. Demonstrationen und Protestaktionen sind an der Tagesordnung. Auch die gesellschaftliche Stellung der Homosexuellen in dem arabischen Land wir thematisiert.

Yassim meint den eingezäunten Beach-Club auf der anderen Seite der Corniche, der zur Universität ge-hört, ein Aushängeschild der Privilegierten. Nichts bringt Beiruts doppeltes Gesicht besser auf den Punkt als die Einschusslöcher in den Umkleidekabinen der exklusiven, überteuerten Strandclubs. Hedonismus und Gewalt in einem ewigen Tanz entlang des privatisierten Küstenstreifens. (Seite 175)  


Die Charaktere

Der strebsame Jacob kommt aus einfachen Verhältnissen, die er hinter sich lassen möchte. Er hat dafür sogar seinen Namen geändert. Sein Ziel, im diplomatischen Dienst Karriere zu machen, hat er fest vor Augen. Es enttäuscht ihn, dass man in der Botschaft keine wichtigen Aufgaben für ihn hat. Als er dann Yassim kennenlernt, kreisen seine Gedanken nur noch um seinen Freund und wann sie sich wiedersehen und seine Zeit ist geprägt von Aufregung. Der brisante Auftrag, den er Yassim zuliebe erledigen will, überfordert den naiven Studenten jedoch.

Yassim bleibt bis zum Schluss eine undurchschaubare Figur und das erhöht die Spannung natürlich noch.

Klara ist aufgrund der Ereignisse aus den letzten beiden Bänden und nach dem Tod ihres geliebten Großvaters angeschlagen. Als es darauf ankommt, findet sie aber zu alter Stärke zurück. Der Handlungsstrang um Klara ist nicht ganz so dynamisch, auch wenn der Autor hier versucht, die Verhaftung von Gabi durch ein Spezialeinsatzkommando besonders spektakulär zu gestalten.


Fazit

Beim dritten Band der Klara-Walldéen-Reihe. „Der Freund“ handelt es sich um eine abgeschlossene Geschichte, die man problemlos lesen kann ohne Kenntnis der zwei Vorgängerbände „Der Schwimmer“ und „Der Bruder“. Zander bleibt sich in der Thematik treu und es geht um den Nahen Osten und um seine Lieblingsthemen Terrorismus und Spionage. Diesmal sind es nur zwei leicht zeitversetzte Erzählperspektiven. Das hat der Spannung gut getan, denn der dritte Band ist nicht so komplex und verlangt daher nicht ganz so viel Konzentration, glänzt aber mit vielen unerwarteten Wendungen. Der Autor kann seine Erfahrungen in der internationalen Diplomatie mit einbringen und spiegelt die Wirklichkeit glaubwürdig wider. Besonders geglückt empfinde ich wieder seine intensiven Beschreibungen der jeweiligen Schauplätze.

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Tags: band 3, beirut, botschaft, klara walldeen, schweden   (5)
 

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band 3, berlin 1931, brooklyn, gereon rath, kadewe

Goldstein

Volker Kutscher , David Nathan , David Nathan
Audio CD
Erschienen bei Argon, 04.10.2010
ISBN 9783839810392
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Machtkampf in der Berliner Unterwelt

Volker Kutscher führt den Leser in diesem dritten Teil seiner Reihe um den Berliner Kriminalkommissar Gereon Rath ins Jahr 1931. Die Berliner Polizeibehörden werden vom FBI über den Besuch des jüdischen Gangsters Abraham Goldstein aus Brooklyn informiert und Rath bekommt die Aufgabe, diesen zu beschatten. Während Gereon sich auf seinem Observierungsposten im Hotel Excelsior langweilt, bewegt sich der titelgebende berüchtigte Verbrecher Goldstein frei und bewaffnet in der Stadt.

Es scheint sich ein Krieg in der Berliner Unterwelt zwischen den konkurrierenden Ringverbänden der Berolina und den Nordpiraten zu entwickeln, denn mehrere brutale Morde erschrecken Berlin. Rath wird zusätzlich von dem Unterweltboss Johann Marlow zu einer privaten Ermittlung gezwungen. Er soll den verschwundenen roten Hugo, ein hohes Tier der Unterwelt suchen. Auch privat hat der Kriminalkommissar wieder seine Konflikte mit Freundin Charlie Ritter auszutragen, die grade ihren juristischen Vorbereitungsdienst beim Amtsgericht leistet, wobei sie es mit kriminellen Jugendlichen zu tun hat. Hierbei lernt sie Alex kennen, eine junge Obdachlose, die ohne Fahrschein in der S-Bahn erwischt wurde.

 

Nachts im Kaufhaus

Benny und Alex sind zwei Straßenkinder, die sich nachts in große Kaufhäuser einschließen lassen um in Ruhe die Schmuckabteilungen auszurauben und die Beute nachher an einen Hehler weiter zu verkaufen. Doch in dieser Nacht im KaDeWe werden die beiden von der Polizei erwischt und auf der Flucht kommt Benny ums Leben. Alex wird dabei Zeuge, wie ein Polizist Benny absichtlich von der Balustrade abstürzen lässt. Kurz darauf wird ihr Hehler gefoltert und ermordet aufgefunden.

Nach diesem dramatischen Anfang war ich sofort wieder gefangen und in die Zeit der Weimarer Republik versetzt. Dann ebbt der Spannungsbogen etwas ab und der Autor nimmt sich viel Zeit, um die Wirren dieser Zeit mit ihren Gangsterbanden, Ringvereinen und dem Rotlichtmilieu einzufangen. Wirtschaftliche Schwierigkeiten und wachsende Kriminalität bestimmen mittlerweile den Berliner Alltag. Stand in den ersten beiden Bänden noch die kommunistisch/sozialistische Bewegung im Vordergrund, geht es jetzt mit dem Schwerpunkt aufkommender Nationalsozialismus und die Verfolgung der Juden weiter.

 

Fazit

Rath, der nicht immer ganz polizeikonform handelnde Kommissar steht in diesem Krimi gar nicht so im Vordergrund. Mit 'Goldstein hat Kutscher eine interessante, schillernde Figur zur Hauptperson gewählt. Einerseits brutaler Killer zeigt dieser charismatische, ambivalente Mann von Welt noch die größten Anwandlungen von Menschlichkeit. Kutscher beschreibt eindrucksvoll die noch unterschwellige Bedrohung durch die Nazis und besonders mit dem heutigen Wissen um die weiteren Vorgänge für die Menschen jüdischen Glaubens, fühlt man große Beklommenheit.
Auch das Ringen der Menschen um Integrität hat Platz in diesem gut recherchierten, spannenden Krimi über ein Deutschland auf dem Weg in den Faschismus.

David Nathan liest gewohnt gekonnt und souverän.

 

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Das Walmesser

C. R. Neilson , Ulrich Thiele
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Heyne, 28.12.2016
ISBN 9783453419674
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ich starrte auf das Messer und wünschte, es würde einfach wieder verschwinden. Ich wünschte, ich könnte mich erinnern, woher ich es hatte. Wozu es gebraucht worden war.

Auf dem Dalavegur – der Straße, die ich gerade entlangging – fühlte ich mich plötzlich viel zu exponiert. Das blutbesudelte Messer in der Hand, stand ich auf dem Gehsteig und konnte nur erahnen, an wie vielen Gardinen bereits gezupft wurde, da meine Schritte durch die Nacht hallten. Auszug Seite 13


Böses Erwachen

Der Krimi des schottischen Schriftstellers C.R. Neilson entführt uns auf die Färöer, ein zu Dänemark gehörendes Archipel von 18 Inseln im Nordatlantik. Hier in der Hauptstadt Tórshavn wacht der Ich-Erzähler John Callum nach einer durchzechten Nacht im Freien auf. Er liegt in einem desolaten Zustand auf einem der Steinklötze am Hafen und ist nicht in der Lage, sich vollständig an den vorherigen Abend zu erinnern. Das blutverschmierte Messer in seiner Tasche kann er sich überhaupt nicht erklären und ist schockiert, als er von einem Mord erfährt. Auf den Färörern, mit einer extrem niedrigen Kriminalitätsrate von nur einem Mord in den letzten dreißig Jahren, ist ein Mensch erstochen worden.


Rückblende

Nach diesem fesselndem Auftakt dreht der Autor die Zeit erst mal drei Monate zurück und man erfährt rückblickend die Geschehnisse bis zu diesem bösen Erwachen. John Callum, ein Lehrer aus Schottland, hat es in diesen entlegenen Winkel der Welt verschlagen, um einen Neuanfang zu wagen. Schnell findet er bei einem freundlichen Färinger Ehepaar eine Übernachtungsmöglichkeit und Arbeit in einer Fischfabrik. Callum ist nicht wählerisch und die einfache, aber körperlich harte Arbeit scheint ihn von seinen Problemen abzulenken. Denn es sind nicht nur die ungewohnt hellen Sommernächte, die ihm zu schaffen machen, auch seine immer wieder kehrenden Albträume lassen ihn nachts nicht schlafen. Diese erschütternden Träume voller Gewalt werden in kurzen Kapiteln immer wieder dazwischen geschoben und lassen erahnen, dass der Protagonist vor den Schatten seiner Vergangenheit fliehen musste. Der Autor gibt nur stückchenweise etwas aus Callums schuldhafter Geschichte preis und erst ganz zum Schluss wird diese gelüftet. Hier ist der Roman mehr Drama als Krimi.


Dafür lernt man mit Callum die Insel kennen, denn in seiner Freizeit durchstreift er mit einem befreundeten französischen Fotografen die sumpfigen Ebenen mit den vielen Wasserfällen und Fjorden. Oder er geht in eine der vielen Pubs. Hier lernt er auch Karis Lisberg kennen, eine junge, temperamentvolle Künstlerin, in die er sich verliebt.


Mit der Hauptfigur hat der Autor eine ambivalente Figur geschaffen, dessen inneren Dämone viel Raum einnehmen. Er ist nicht auf Ärger aus, geht aber Streitigkeiten auch nicht aus dem Weg, sei es mit Arbeitskollegen oder mit dem Ex-Freund von Karis. Dabei machte es für mich einen zusätzlichen Reiz aus, dass er, aufgrund seiner alkoholbedingten Amnesie es selbst nicht ausschließt, der Mörder zu sein, und man ihm deshalb bis zum Schluss nicht richtig traut.


Atemberaubende Landschaft

Der Autor nimmt sich richtig viel Zeit, denn erst nach ca. zweihundert Seiten befinden wir uns wieder an der Ausgangsposition. Das muss man mögen und sich darauf einlassen, denn Neilson beschreibt ausgiebig und detailverliebt die überwältigende, färöische Natur. In bildhafter, wortgewaltiger Sprache schafft er es, die einzigartige Landschaft mit all ihren Widrigkeiten darzustellen. Das wechselhafte aber fast durchweg feuchte Wetter mit viel Wind und Nebel dominiert den gesamten Alltag. In diesem rauen Klima leben die Färinger, ein bescheidener, freundlicher Menschenschlag, der vom Fischfang und der Schafzucht lebt und die Tristesse durch viele bunte Häuser mit Rasendächern zu durchbrechen versucht. Die Einwohner sind auch sehr gottesfürchtig und die Affäre zwischen John und Karis gefällt weder ihrem Vater, einem Pastor, noch ihrem Ex-Freund.


CSI aus Dänemark

Zur Unterstützung der einfachen Inselpolizei, die bisher nur mit Verkehrsvergehen oder Vandalismus zu tun hatte, kommen Spezialisten aus dem Königreich Dänemark. Die beiden Kriminalbeamten und die Expertin der Spurensicherung fühlen sich in ihrer selbstgefälligen Art den Insulanern überlegen, sollten aber den ansässigen Inspektor Broddi Tunheim nicht unterschätzen. Dieser ist der einzige, der nicht ganz von Callums Schuld überzeugt ist und mit unkonventionellen Methoden helfen will. John wird verhaftet, muss aber aus Mangel an Beweisen wieder aus der Untersuchungshaft entlassen werden. Jetzt steht er natürlich komplett als Außenseiter da.


Blutige Waljagd

Es gelingt Neilson sogar, die traditionelle, aber weltweit umstrittene Grindwaljagd ganz homogen in den spannenden Showdown einzufügen ohne zu werten oder zu urteilen. Bei dem Grinddarap, ein wichtiger kultureller Aspekt des Landes, werden die Tiere zu Hunderten in eine Bucht getrieben und dort abgeschlachtet. Das detailliert geschilderte Schauspiel der blutigen Waljagd, bei der sich das ganze Meer rot verfärbt, setzte mir sehr zu und war nur schwer zu ertragen. Für die Färinger gehört das zur Nahrungsbeschaffung und am nächsten Tag wird das Fleisch unter den Einheimischen gerecht aufgeteilt.


„Unsere Wale werden schnell getötet. Tiergerecht. Es geht nicht tiergerechter, als das Rückenmark durchzuschneiden. Es geht nicht schneller. Findest du es besser, wenn man den Kühen einen Bolzen in den Kopf schießt? Die Wale haben wenigstens ihr ganzes Leben in Freiheit gelebt und nicht in Käfigen wie die Hühner in diesen Fabriken.“ Auszug Seite 182


Fazit

Freunde rasanter Krimis werden hier keinen großen Spaß empfinden, dafür ist dieser schwermütige, düstere Krimi, dessen zweite Hauptfigur die raue, ursprüngliche Natur ist, einfach auch zu sehr Reiseführer. Gerade die niedrige Kriminalitätsrate auf den Färörern hat C.R. Neilson gereizt, seinen Kriminalroman 'Das Walmesser' genau hier anzusiedeln. Für meinen Geschmack hätten es etwas weniger Traumsequenzen sein dürfen, aber davon ab fand ich den Krimi handwerklich perfekt gemacht und ich habe die Atmosphäre sehr genossen. Durch die Augen seiner Hauptfigur betrachtet der Autor als Außenstehender die Färöer und macht damit sehr neugierig auf dieses fremde Land.

Und ich habe noch nie einen Roman gelesen, in dem soviel gesoffen wurde.


C.R. Neilson ist das Pseudonym von Craig Robertson, einem schottischen Schriftsteller, der jahrelang als Journalist tätig war und von dem bereits einige Kriminalromane in Deutschland erschienen sind.


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Tags: alkohol, alpträume, färöer inseln, waljagd   (4)
 
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