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38 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

familie, familiere zusammenhalt, vater-tochter-beziehung, vater-tochter beziehung, selbstzerstörung

Vater des Regens

Lily King , Sabine Roth
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 29.08.2016
ISBN 9783406698057
Genre: Romane

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4 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

zauberei, hörbuch, prag, roman, usa

Der Trick

Emanuel Bergmann , Stefan Kaminski
Audio CD
Erschienen bei Diogenes, 24.02.2016
ISBN 9783257803686
Genre: Romane

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Die unbekannte Terroristin

Richard Flanagan , Eva Bonné
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Piper, 02.11.2017
ISBN 9783492311878
Genre: Romane

Rezension:

Sie hatte gerade ein Schuhgeschäft verlassen und stand wieder in der Mall, als sie eine riesige Videowand vor einem Elektronik-Großmarkt bemerkte. Eine Menschenmenge verließ das Stadion in Homebush, es musste sich um den Bombenfund vom Vortag handeln. Dann kam ein geöffneter Kinderrucksack ins Bild, in der Nahaufnahme war der Sprengsatz deutlich zu erkennen. Aber erst, als bewaffnete Polizisten vor Tariqs Wohngebäude in Deckung gingen, schenkte die Puppe der Videowand ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Auszug Seite 99



Geplanter Anschlag im Stadion

Die Bevölkerung von Sidney leidet unter einer Hitzewelle als im Olympiastadion drei nicht gezündete Bomben gefunden werden. Gina Davies, die als Stripteasetänzerin in einem Club ihr Geld verdient und von allen nur „Die Puppe“ genannt wird, stürzt sich in die Feierlichkeiten des Mardi Gras, des Faschingsdienstags. Hier lernt sie den gutaussehenden, arabisch-stämmigen Tariq kennen und verbringt die Nacht mit ihm in seiner Wohnung. Am anderen Morgen ist Tariq verschwunden und in den Fernsehnachrichten werden neue Erkenntnisse über die Bomben im Olympiastadion gesendet. Auf den veröffentlichen Bildern einer Überwachungskamera von dem mutmaßlichen Attentäter mit weiblicher Begleitung erkennt die schockierte Gina sich und Tariq. Aufgebracht und verunsichert vertraut sie sich ihrer besten Freundin Wilder an und die rät ihr, die Sache bei der Polizei aufzuklären, die die unbekannte Frau bisher nur als Zeugin sucht. Inzwischen hat sie jedoch der abgehalfterte Journalist Richard Cody, der im Club unlängst von Gina abgewiesen wurde, auf dem Foto erkannt und wittert die Story seines Lebens.



Die Treibjagd beginnt

Der schmierige, ehemalige Starmoderator zerrt immer neue Details aus Ginas Leben an die Öffentlichkeit, während er Ungereimtheiten einfach unter den Tisch fallen lässt. Die Puppe, inzwischen identifiziert und im Visier der Ermittler und der Geheimdienste begegnet sich selbst ständig auf allen Fernsehkanälen und Anzeigentafeln in der Stadt. Sie gerät, nachdem sie Tariq nicht erreichen kann, langsam in Panik. Dabei verpasst sie den Moment, sich zu stellen und begibt sich kopflos auf die Flucht. Presse und Fernsehen stehen unter Druck, immer spektakulärere Nachrichten für die sensationslüsterne, panische Öffentlichkeit zu liefern. In dieser nicht mehr aufzuhaltenden Dynamik wird die Puppe in die Enge getrieben und man ahnt, dass das nicht gut ausgehen kann und auf eine Katastrophe zuläuft.



Die australische Katharina Blum

Als ich den Klappentext las, musste ich sofort an „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Heinrich Böll denken. Seine große Erzählung von 1974, in der die Hauptfigur, eine junge hübsche Frau, auch „ein einfaches Mädchen“ durch Zufall und völlig unschuldig in die Mühlen der Sensationsmache einer Boulevardzeitung gerät, hat nichts von seiner Aktualität verloren. Auch bei Richard Flanagan geht es um unlautere Formen journalistischer Berichterstattung und ihre Folgen. Sein Roman „Die unbekannte Terroristin“ ist im Original schon vor 10 Jahren in Australien erschienen, als man den Begriff „Fake News“ noch nicht kannte. Auch bei Böll kommen keine Terroristen vor, sondern nur des Terrorismus verdächtige.


„Vielleicht ist das Ganze ja“ sagte er, „nur so eine blöde Verwechslung.“ Richard Cody dachte nach und zerriss dabei einen Briefumschlag zu kleinen Fetzen. „Ich meine, sie geht mit einem Typen mit“, fuhr Todd Birchall fort, „und soll dann an allem schuld sein, vom Einsturz des World Trade Center bis zu Kylie Minogues Krebs. Das ist doch komisch, ich meine, warum sollte eine wie sie zur Massenmörderin werden?“ Auzug Seite 190



Über die Protagonistin Gina

Gina wird fast in der ganzen Romanhandlung nur Die Puppe genannt. Das fand ich gewöhnungsbedürftig und verstärkt zumindest anfänglich die Distanz, die man zu der 26-jährigen Frau empfindet. Auch wirkt sie erst mal etwas oberflächlich und nur auf ihre Außenwirkung fixiert. Mit ihrer Vorliebe für teure Designerklamotten und Luxushandtaschen will sie sich von den anderen Mädchen abgrenzen. Ihre Kolleginnen wissen nicht viel von ihrem Privatleben. Gina ist ein sehr realistischer Mensch, der ohne große Illusionen lebt. Die bis dato unbescholtene Stripperin stammt aus einfachen, lieblosen Verhältnissen und träumt von einem besseren Leben. Deshalb spart sie ganz pragmatisch auf eine Eigentumswohnung und die 50.000 Dollar dafür hat sie schon fast zusammen. Jeder Tag nach der Arbeit beginnt mit einem Ritual. Sie bedeckt ihren nackten Körper mit den gesparten Dollarscheinen, die sie in ihrer kleinen Wohnung versteckt hält.



„Die Vorstellung, eine Australierin – eine von uns – könnte zu so etwas fähig sein, ist zu schockierend, Richard.“ „In der Tat, Larry. Und wenn die Zuschauer heute Abend unsere Sondersendung Die unbekannte Terroristin einschalten, werden sie erst recht schockiert sein. So, wie ich es war. Es ist traurig, es ist verstörend, und es läuft auf Six, heute Abend um halb sieben.“ Auszug Seite 282



Der einzige, der ihr helfen will, ist der Ex-Geliebte ihrer besten Freundin Wilder. Der Drogenfahnder Nick zweifelt an der Schuld der Puppe, doch seine Bemühungen um Schadensbegrenzungen verlaufen ins Leere, da er über nicht genug Einfluss verfügt und die Wahrheit nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Die Polizei muss Erfolge vorweisen und die Politiker stehen unter einem enormen Druck, da ist Gina einfach das Bauernopfer, die Personifizierung der Angst für die Öffentlichkeit.



Fazit

Wie es Richard Flanagan gelingt, auf hohem sprachlichem Niveau zu beschreiben, wie die aufgeputschte, verunsicherte Bevölkerung Sidneys in eine kollektive, von skrupellosen Journalisten geschürten Hysterie gerät, hat mich beeindruckt. Der Autor bedient sich eines Zynismus, schreibt dann wieder fast philosophisch über die Liebe und dann wieder recht derb. Wenn Ginas Situation immer auswegloser wird und sich die Schlinge immer mehr zuzieht, ist das sehr fesselnd und intensiv geschildert. Dabei bewegt sich Flanagan mit schlafwandlerischer Sicherheit in den unterschiedlichen Milieus. So entsteht zum Beispiel ein stimmiges Bild von der Großstadt Sidney.



Richard Flanagan ist ein australischer Schriftsteller, der 1961 in Tasmanien geboren wurde und hier mit seiner Frau und den drei Kindern lebt. Er studierte Geschichte an der University von Oxford. Für seinen Roman „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ erhielt er 2014 den Man-Booker-Preis.

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Tags: bomben, medienhetze, nachtclub-tänzerin, puppe, sidney   (5)
 

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

geheimnisvoll, kirche, thriller

Das Jesus-Video

Andreas Eschbach
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei Lübbe Audio, 18.07.2014
ISBN B00KQT24YA
Genre: Krimi und Thriller

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251 Bibliotheken, 13 Leser, 1 Gruppe, 120 Rezensionen

harry hole, norwegen, oslo, thriller, krimi

Durst

Jo Nesbø , Günther Frauenlob
Fester Einband: 624 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 15.09.2017
ISBN 9783550081729
Genre: Krimi und Thriller

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86 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 40 Rezensionen

alaska, fracking, thriller, familie, verfolgung

Lautlose Nacht

Rosamund Lupton , Christine Blum
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 11.11.2016
ISBN 9783423261210
Genre: Romane

Rezension:

Die Kälte war ein Schock. Sie hatte gedacht, Kälte sei weiß wie Schnee oder vielleicht blau wie der Punkt auf einem Kaltwasserhahn. Aber diese Kälte entsprang einem Ort der Nacht und war schwarz, ohne jegliche Farbe oder Licht.
Ein gellendes Kreischen ertönte, dann begriff sie, dass es der Wind war, der Neuschnee über den festgefahrenen Schnee am Boden trieb, weiße Geister, die über Straße und Ödnis tanzten. (Auszug Seite 198)


Spannender Roadtrip

Die englische Astrophysikerin Yasmin Alfredson fliegt mir ihrer zehnjährigen Tochter Ruby nach Alaska, um ihren Mann zu besuchen. Matt Alfredson arbeitet dort als Naturfilmer und soll sich zuletzt in einem kleinen Inupiat-Dorf am Polarkreis aufgehalten haben. Als die beiden in Fairbanks am Flughafen ankommen, erfahren sie durch die Polizei, dass bei einer katastrophalen Explosion alle Dorfbewohner ums Leben gekommen sind. Obwohl alles darauf hindeutet, dass auch Matt unter den Opfern ist, will Yasmin das nicht wahrhaben.

Da alle Flüge gestrichen wurden, macht sie sich gegen alle Widerstände auf den lebensgefährlichen Weg über den Highway nach Anaktue, um nach ihrem verschollenen Mann zu suchen. Ihre Tochter nimmt sie mit, denn sie kann die Kleine nicht da lassen, da Ruby gehörlos ist. Die beiden finden in einem gutmütigen Trucker eine Mitfahrgelegenheit. Bei einer kurzen Pause auf einem Rasthof erfährt Yasmin von anderen Truckern, dass sich unter Anaktue Tausende Tonnen Schieferöl befinden sollen. Die Dorfbewohner lehnen aber die Fracking-Pläne, ein umstrittenes Verfahren der Erdgas- und Erdölförderung ab. Als ihr Fahrer ausfällt, kapert Yasmin einfach den Sattelzug und macht sich mit ihrer Tochter auf den Höllenritt durch die Eiswüste. Das ist der Ausgangspunkt dieses spannenden Roadtrips.


Extremsituationen

In dieser Extremsituation, bedingt durch die eisige Kälte und endlose Dunkelheit steuert Yasmin den 50-Tonnen-Truck auf fünf Achsen über vereiste Flüsse, durch Schneestürme und Lawinen und der daneben verlaufenen Transalaska-Pipeline. Zwischendurch muss sie immer wieder aussteigen und die Eisklumpen von den Reifen abschlagen sowie die Scheinwerfer säubern.


Beim Kriechen stieß sie an den Hammer, der ihr aus der Tasche gefallen war. Sie hob ihn auf und wühlte sich unter den Laster. Hier war es windgeschützt. Ihre Augen waren zugefroren – die Wimpern klebten zusammen und ließen sich nicht mehr trennen. Sie rieb sich das Gesicht am Ärmel, wieder und wieder, aber es half nichts. Das einzig Warme, was sie besaß, war ihr Atem. (Seite 221)


Verschlimmert wird die Situation noch durch einen bedrohlichen Verfolger. Ein unbekannter Tankwagen hält sich immer im gleichen Abstand hinter ihnen auf. Steven Spielberg lässt grüßen! Ich musste sofort an seinen Kult-Thriller ‚Duell‘ aus den 70er Jahren denken, in dem ein Reisender ohne erkennbaren Grund von einem anonymen Tankwagen verfolgt und drangsaliert wird. In Alaska zieht auch noch ein orkanartiger Schneesturm auf, der die Temperaturen unter minus vierzig Grad fallen lässt. Das ist derart gefährlich, dass die erfahrenen Trucker, die auf der Eispiste unterwegs sind, eine Pause einlegen. Nur Yasmin verlässt die Straße nicht und fährt weiter und begibt sich und ihre Tochter in große Gefahr. Außerdem erhält Ruby auf ihrem Notebook kryptische Mails mit toten Tieren.


Rubys Welt

Während die beiden der Eishölle des tosenden Polarsturms trotzen, werden einige Rückblicke auf die kriselnde Beziehung von Yasmin und Matt geworfen. Richtig interessant wird es durch die Erzählperspektive der gehörlosen Ruby, die immer abwechselnd eingeschoben werden. Passagen aus Kindersicht finde ich oft nicht authentisch. Aber hier ist der Einblick in die Welt der aufgeweckten Zehnjährigen wirklich gelungen und Rubys Handicap bringt neue und interessante Elemente in den Handlungsverlauf.

Zu ihrem Vater hat sie eine engere Beziehung als zu der strengeren Mutter. Yasmin ermahnt sie ständig, ihre mühsam erlernte Stimme zu benutzen. Matt dagegen akzeptiert, dass ihr das unangenehm ist, und hat ihr das Twittern beigebracht und will mit ihr einen Blog starten. Das Notebook hat sie immer dabei, denn es hilft ihr bei der Kommunikation mit anderen. Ruby twittert in regelmäßigen Abständen, wie sich Sprache anfühlt, wenn man sie gebärden muss. Sie sinniert darüber, wie Worte, die man nicht hört und nicht laut ausspricht, schmecken oder riechen könnten. Dadurch gelingt es der Autorin, Gehörlosigkeit nicht als Behinderung, sondern als eine andere Form der Wahrnehmung zu begreifen.


Fazit

Große Realitätsnähe kann man der Autorin wahrlich nicht vorwerfen. Dafür ist der Plot auch an einigen Stellen zu konstruiert. Der Thriller ist auch nichts für den hartgesottenen Liebhaber des hardboiled Krimis, dazu ist die Spannung zu kuschelig und die Dramaturgie an einigen Stellen zu berechnend. Trotzdem ist Rosamund Lupton mit ‚Lautlose Nacht‘ ein ansprechender Mainstream-Thriller gelungen, der seine Spannung aus dem aussichtslosen Kampf gegen das unwirtliche Klima zieht.


Die Autorin punktet mit spektakulären Schauplätzen und findet in ausgereifter Sprache immer neue und fast schon poetische Bilder, die nicht nur die Bedrohung und Gefahr durch die Naturgewalten, sondern auch deren Schönheit beschreiben. Die gnadenlose Kälte, Weite und Stille Alaskas kann man geradezu nachfühlen. Ihr gelingt es hervorragend, die riesigen Dimensionen Alaskas lebendig werden zu lassen. Ohne Anzeichen von Zivilisation, das Fehlen von jeglichen Gerüchen und Farben wirkt die arktische Tundra mitunter furchterregend.


Die Autorin hat sich über viele unterschiedliche Themen gut informiert. Die Gebärdensprache, die Inupiag-Kultur, die Natur und Tiere Alaskas oder die Machenschaften der Ölkonzerne am Polarkreis werden geschickt in den Krimiplot eingewebt, ohne ihn zu überfrachten.


Rosamund Lupton wurde 1964 in England geboren und lebt aktuell mit ihrer Familie in London. Nach einem Studium in Cambridge arbeitete sie als Literaturkritikerin und schrieb zahlreiche Drehbücher. Ihr Debütroman ‚Liebste Tess‘ war ein New York Times-Bestseller. Der vorliegende Thriller heißt im Original ‚The Quality of Silence‘.

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Tags: alaska, fracking, gebärdensprache, gehörlosikeit, inuit, truck   (6)
 

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53 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 30 Rezensionen

schottland, mord, krimi, thriller, ermittler

Totenkalt

Stuart MacBride , Andreas Jäger
Flexibler Einband
Erschienen bei Goldmann, 17.07.2017
ISBN 9783442485666
Genre: Krimi und Thriller

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11 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 11 Rezensionen

namibia, völkermord, waterberg, kolonialzeit, herero

Mord am Waterberg

Almut Hielscher , Uta König
Flexibler Einband: 232 Seiten
Erschienen bei Pro-Talk , 15.07.2017
ISBN 9783939990406
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Da steht es Schwarz auf Weiß: Raubmord. Anna ist tot. Katrin beginnt zu begreifen. Vor zwei Tagen hatte die Nachricht etwas Unwirkliches. Sie kam von so weit her. Anna sollte tot sein? Mitten in der Nacht hatte ihr der Landesdirektor des Deutschen Entwicklungsdienstes das Unfassbare mitgeteilt und darum gebeten, dass ein Familienmitglied nach Namibia komme. (Auszug Seite 8)

 

Tod einer Entwicklungshelferin

Es ist ein trauriger Grund, den Katrin Sattler, eine Buchhändlerin aus Stuttgart, nach Namibia führt. Sie will den Leichnam ihrer jüngeren Schwester nach Hause holen. Anna Sattler, die als Entwicklungshelferin am Fuße des Waterbergs gearbeitet hatte, war in ihrem Haus erschlagen aufgefunden worden. Der des Raubmordes verdächtige 17-jährige Jugendliche bestreitet die Tat.

Auch in Katrin wächst die Überzeugung, dass die Polizei den Falschen verhaftet hat und sie fühlt sich verpflichtet, den wahren Täter zu finden. Sie übernachtet im Haus ihrer Schwester und findet dort Briefe der längst verstorbenen Großtante vor, die vor mehr als 80 Jahren nach Namibia auswanderte und die von ihrem Leben auf einer Farm erzählen. Auch Annas Tagebuch gibt Katrin einige Aufschlüsse über ihr Leben.


Das dunkle Erbe der Kolonialgeschichte

Anna hatte ihre Arbeit in einem Kulturzentrum mit großem Enthusiasmus geführt und sich leidenschaftlich für eine Verbesserung der Beziehungen zwischen Hereros und Deutschen eingesetzt. Die Hereros hatten unter der deutschen Kolonialherrschaft großes Leid erfahren und auch Generationen später sind die Schrecken des Völkermordes und die Ausbeutung durch die Kolonialherren noch fest in den Köpfen der Einheimischen fixiert.

Annas Engagement stieß nicht nur auf Begeisterung bei der Dorfgemeinschaft, zum Beispiel hatte sie sich bemüht, Onkel Jonas das Handwerk zu legen, einem alten Weißen, der Geld zu Wucherzinsen an die verarmte Bevölkerung verleiht. Ein Motiv hätte auch Annas Chef, der Manager des Zentrums, den sie der Geldunterschlagung bezichtigt hatte. Aber der deutsche Entwicklungsdienst in Windhoek will von Korruption nichts wissen oder unternehmen. Weiter findet Katrin heraus, dass ihre Schwester ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann hatte und dass dessen eifersüchtige Ehefrau Voodoo-Zauber ausübte.

Bei ihren Nachforschungen schlägt Katrin Misstrauen und offene Feindseligkeiten entgegen und nach einigen Drohanrufen und einem Einbruch in ihrem Haus muss sie erkennen, dass sie sich zunehmend in Gefahr begibt. Gleichzeitig wird sie durch die Briefe der Tante mit der Vergangenheit ihrer Familie konfrontiert.


Ambitioniertes Debüt

Obwohl ich die Thematik sehr interessant finde, habe ich leider keinen richtigen Bezug zu der Geschichte gefunden. Dass die beiden Autorinnen versuchen, in ihrem Debüt anhand einer Kriminalgeschichte auf die Zustände in Namibia und die Nachwirkungen seiner Geschichte hinzuweisen, ist aller ehrenwert und sehr ambitioniert. Leider ist dies nicht wirklich gelungen und konnte mich gar nicht erreichen. Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht. In schlichter Sprache werden Dialoge geführt, die ich als künstlich empfunden habe und die nur der Information des Lesers sorgen sollten. Meinem Empfinden nach wollen die Autorinnen viel zu viele Themen unterbringen, deshalb wird alles nur oberflächlich gestreift und tiefe Einblicke können so gar nicht entstehen. Die Charakterisierungen wirken holzschnittartig und besonders zu Katrin fand ich keinen Zugang oder konnte mich nicht in sie hineinversetzen. Dabei sollen Rückschauen in die Kindheit einen Blick in die Psyche ermöglichen. Katrin war die größere, vernünftige Schwester, die sich immer um die jüngere, abenteuerliche Schwester gekümmert hatte. Da sie Anna in Afrika nie besucht hatte und kaum etwas von ihrem Leben wusste, fühlt sie sich in dieser von Schuldgefühlen getragenen Situation praktisch verpflichtet, da zu bleiben.


Die ganze Story krankt an den Ungereimtheiten im Plot. Wenig inspirierend, dass Katrin fast sämtliche wichtige Erkenntnisse aus dem Tagebuch zieht. Als dieses Tagebuch bei dem Einbruch gestohlen wird, findet sie ein weiteres im Papiermüll.

Am wenigsten hat mich das Setting überzeugt. Einzelne Schauplätze werden beschrieben, die sich aber irgendwie nicht zu einem stimmigen Ganzen vereinen. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich eine Vorstellung, wie es da aussieht. Es entstanden keine Bilder vor der im Klappentext beschriebenen atemberaubenden Schönheit vor meinen Augen. Auch nicht von den Hereros, die versuchen Tradition und Moderne in Einklang zu bringen. Für mich ist Mord am „Waterberg“ mehr eine Reportage über die Auswirkungen der gewaltvollen deutsch-namibischen Kolonialvergangenheit als eine Kriminalgeschichte. Dafür sind die etwas mehr als 200 Seiten vielleicht auch zu knapp, vor allen Dingen, wenn zum Schluss noch eine Liebesgeschichte für Katrin aufgedrückt wird.

Im Anschluss findet man eine geschichtliche Dokumentation der Ereignisse von Deutsch-Südwest-Afrika bis zur Republik Namibia in Form einer Zeitlinie von 1842 bis 2017.


Zwei Autorinnen

Almut Hielscher wurde 1943 geboren und arbeitete unter anderem 8 Jahre beim STERN sowie 15 Jahre beim SPIEGEL. Sie kann auf einige persönliche Erfahrungen in Südafrika zurückblicken, denn sie war mehrere Jahre als Korrespondentin für Afrika mit Sitz in Johannesburg tätig und hat auch für den Deutschen Entwicklungsdienst (DED) in Namibia gearbeitet.

Uta König wurde 1947 geboren und absolvierte Studium und Journalisten-Ausbildung in Paris. Die langjährige STERN-Reporterin wechselte 1995 zum Fernsehen und hat beim NDR seitdem mehr als 50 Reportagen und Dokumentarfilme gemacht. 1998 bekam sie den Grimme-Preis für die beste Dokumentation. Beide Autorinnen leben in München.



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Tags: entwicklungshilfe, kolonialzeit, namibia, völkermord   (4)
 

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16 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Der Freund

Joakim Zander , Ursel Allenstein , Nina Hoyer
Flexibler Einband: 464 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 01.09.2017
ISBN 9783499273636
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:  
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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

kadewe, band 3, gereon rath, berlin 1931, brooklyn

Goldstein

Volker Kutscher , David Nathan , David Nathan
Audio CD
Erschienen bei Argon, 04.10.2010
ISBN 9783839810392
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Machtkampf in der Berliner Unterwelt

Volker Kutscher führt den Leser in diesem dritten Teil seiner Reihe um den Berliner Kriminalkommissar Gereon Rath ins Jahr 1931. Die Berliner Polizeibehörden werden vom FBI über den Besuch des jüdischen Gangsters Abraham Goldstein aus Brooklyn informiert und Rath bekommt die Aufgabe, diesen zu beschatten. Während Gereon sich auf seinem Observierungsposten im Hotel Excelsior langweilt, bewegt sich der titelgebende berüchtigte Verbrecher Goldstein frei und bewaffnet in der Stadt.

Es scheint sich ein Krieg in der Berliner Unterwelt zwischen den konkurrierenden Ringverbänden der Berolina und den Nordpiraten zu entwickeln, denn mehrere brutale Morde erschrecken Berlin. Rath wird zusätzlich von dem Unterweltboss Johann Marlow zu einer privaten Ermittlung gezwungen. Er soll den verschwundenen roten Hugo, ein hohes Tier der Unterwelt suchen. Auch privat hat der Kriminalkommissar wieder seine Konflikte mit Freundin Charlie Ritter auszutragen, die grade ihren juristischen Vorbereitungsdienst beim Amtsgericht leistet, wobei sie es mit kriminellen Jugendlichen zu tun hat. Hierbei lernt sie Alex kennen, eine junge Obdachlose, die ohne Fahrschein in der S-Bahn erwischt wurde.

 

Nachts im Kaufhaus

Benny und Alex sind zwei Straßenkinder, die sich nachts in große Kaufhäuser einschließen lassen um in Ruhe die Schmuckabteilungen auszurauben und die Beute nachher an einen Hehler weiter zu verkaufen. Doch in dieser Nacht im KaDeWe werden die beiden von der Polizei erwischt und auf der Flucht kommt Benny ums Leben. Alex wird dabei Zeuge, wie ein Polizist Benny absichtlich von der Balustrade abstürzen lässt. Kurz darauf wird ihr Hehler gefoltert und ermordet aufgefunden.

Nach diesem dramatischen Anfang war ich sofort wieder gefangen und in die Zeit der Weimarer Republik versetzt. Dann ebbt der Spannungsbogen etwas ab und der Autor nimmt sich viel Zeit, um die Wirren dieser Zeit mit ihren Gangsterbanden, Ringvereinen und dem Rotlichtmilieu einzufangen. Wirtschaftliche Schwierigkeiten und wachsende Kriminalität bestimmen mittlerweile den Berliner Alltag. Stand in den ersten beiden Bänden noch die kommunistisch/sozialistische Bewegung im Vordergrund, geht es jetzt mit dem Schwerpunkt aufkommender Nationalsozialismus und die Verfolgung der Juden weiter.

 

Fazit

Rath, der nicht immer ganz polizeikonform handelnde Kommissar steht in diesem Krimi gar nicht so im Vordergrund. Mit 'Goldstein hat Kutscher eine interessante, schillernde Figur zur Hauptperson gewählt. Einerseits brutaler Killer zeigt dieser charismatische, ambivalente Mann von Welt noch die größten Anwandlungen von Menschlichkeit. Kutscher beschreibt eindrucksvoll die noch unterschwellige Bedrohung durch die Nazis und besonders mit dem heutigen Wissen um die weiteren Vorgänge für die Menschen jüdischen Glaubens, fühlt man große Beklommenheit.
Auch das Ringen der Menschen um Integrität hat Platz in diesem gut recherchierten, spannenden Krimi über ein Deutschland auf dem Weg in den Faschismus.

David Nathan liest gewohnt gekonnt und souverän.

 

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Tags: band 3, berlin 1931, brooklyn, gereon rath, kadewe   (5)
 

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41 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 15 Rezensionen

färöer inseln, waljagd, krimi, mord, färöer

Das Walmesser

C. R. Neilson , Ulrich Thiele
Flexibler Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Heyne, 28.12.2016
ISBN 9783453419674
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ich starrte auf das Messer und wünschte, es würde einfach wieder verschwinden. Ich wünschte, ich könnte mich erinnern, woher ich es hatte. Wozu es gebraucht worden war.

Auf dem Dalavegur – der Straße, die ich gerade entlangging – fühlte ich mich plötzlich viel zu exponiert. Das blutbesudelte Messer in der Hand, stand ich auf dem Gehsteig und konnte nur erahnen, an wie vielen Gardinen bereits gezupft wurde, da meine Schritte durch die Nacht hallten. Auszug Seite 13


Böses Erwachen

Der Krimi des schottischen Schriftstellers C.R. Neilson entführt uns auf die Färöer, ein zu Dänemark gehörendes Archipel von 18 Inseln im Nordatlantik. Hier in der Hauptstadt Tórshavn wacht der Ich-Erzähler John Callum nach einer durchzechten Nacht im Freien auf. Er liegt in einem desolaten Zustand auf einem der Steinklötze am Hafen und ist nicht in der Lage, sich vollständig an den vorherigen Abend zu erinnern. Das blutverschmierte Messer in seiner Tasche kann er sich überhaupt nicht erklären und ist schockiert, als er von einem Mord erfährt. Auf den Färörern, mit einer extrem niedrigen Kriminalitätsrate von nur einem Mord in den letzten dreißig Jahren, ist ein Mensch erstochen worden.


Rückblende

Nach diesem fesselndem Auftakt dreht der Autor die Zeit erst mal drei Monate zurück und man erfährt rückblickend die Geschehnisse bis zu diesem bösen Erwachen. John Callum, ein Lehrer aus Schottland, hat es in diesen entlegenen Winkel der Welt verschlagen, um einen Neuanfang zu wagen. Schnell findet er bei einem freundlichen Färinger Ehepaar eine Übernachtungsmöglichkeit und Arbeit in einer Fischfabrik. Callum ist nicht wählerisch und die einfache, aber körperlich harte Arbeit scheint ihn von seinen Problemen abzulenken. Denn es sind nicht nur die ungewohnt hellen Sommernächte, die ihm zu schaffen machen, auch seine immer wieder kehrenden Albträume lassen ihn nachts nicht schlafen. Diese erschütternden Träume voller Gewalt werden in kurzen Kapiteln immer wieder dazwischen geschoben und lassen erahnen, dass der Protagonist vor den Schatten seiner Vergangenheit fliehen musste. Der Autor gibt nur stückchenweise etwas aus Callums schuldhafter Geschichte preis und erst ganz zum Schluss wird diese gelüftet. Hier ist der Roman mehr Drama als Krimi.


Dafür lernt man mit Callum die Insel kennen, denn in seiner Freizeit durchstreift er mit einem befreundeten französischen Fotografen die sumpfigen Ebenen mit den vielen Wasserfällen und Fjorden. Oder er geht in eine der vielen Pubs. Hier lernt er auch Karis Lisberg kennen, eine junge, temperamentvolle Künstlerin, in die er sich verliebt.


Mit der Hauptfigur hat der Autor eine ambivalente Figur geschaffen, dessen inneren Dämone viel Raum einnehmen. Er ist nicht auf Ärger aus, geht aber Streitigkeiten auch nicht aus dem Weg, sei es mit Arbeitskollegen oder mit dem Ex-Freund von Karis. Dabei machte es für mich einen zusätzlichen Reiz aus, dass er, aufgrund seiner alkoholbedingten Amnesie es selbst nicht ausschließt, der Mörder zu sein, und man ihm deshalb bis zum Schluss nicht richtig traut.


Atemberaubende Landschaft

Der Autor nimmt sich richtig viel Zeit, denn erst nach ca. zweihundert Seiten befinden wir uns wieder an der Ausgangsposition. Das muss man mögen und sich darauf einlassen, denn Neilson beschreibt ausgiebig und detailverliebt die überwältigende, färöische Natur. In bildhafter, wortgewaltiger Sprache schafft er es, die einzigartige Landschaft mit all ihren Widrigkeiten darzustellen. Das wechselhafte aber fast durchweg feuchte Wetter mit viel Wind und Nebel dominiert den gesamten Alltag. In diesem rauen Klima leben die Färinger, ein bescheidener, freundlicher Menschenschlag, der vom Fischfang und der Schafzucht lebt und die Tristesse durch viele bunte Häuser mit Rasendächern zu durchbrechen versucht. Die Einwohner sind auch sehr gottesfürchtig und die Affäre zwischen John und Karis gefällt weder ihrem Vater, einem Pastor, noch ihrem Ex-Freund.


CSI aus Dänemark

Zur Unterstützung der einfachen Inselpolizei, die bisher nur mit Verkehrsvergehen oder Vandalismus zu tun hatte, kommen Spezialisten aus dem Königreich Dänemark. Die beiden Kriminalbeamten und die Expertin der Spurensicherung fühlen sich in ihrer selbstgefälligen Art den Insulanern überlegen, sollten aber den ansässigen Inspektor Broddi Tunheim nicht unterschätzen. Dieser ist der einzige, der nicht ganz von Callums Schuld überzeugt ist und mit unkonventionellen Methoden helfen will. John wird verhaftet, muss aber aus Mangel an Beweisen wieder aus der Untersuchungshaft entlassen werden. Jetzt steht er natürlich komplett als Außenseiter da.


Blutige Waljagd

Es gelingt Neilson sogar, die traditionelle, aber weltweit umstrittene Grindwaljagd ganz homogen in den spannenden Showdown einzufügen ohne zu werten oder zu urteilen. Bei dem Grinddarap, ein wichtiger kultureller Aspekt des Landes, werden die Tiere zu Hunderten in eine Bucht getrieben und dort abgeschlachtet. Das detailliert geschilderte Schauspiel der blutigen Waljagd, bei der sich das ganze Meer rot verfärbt, setzte mir sehr zu und war nur schwer zu ertragen. Für die Färinger gehört das zur Nahrungsbeschaffung und am nächsten Tag wird das Fleisch unter den Einheimischen gerecht aufgeteilt.


„Unsere Wale werden schnell getötet. Tiergerecht. Es geht nicht tiergerechter, als das Rückenmark durchzuschneiden. Es geht nicht schneller. Findest du es besser, wenn man den Kühen einen Bolzen in den Kopf schießt? Die Wale haben wenigstens ihr ganzes Leben in Freiheit gelebt und nicht in Käfigen wie die Hühner in diesen Fabriken.“ Auszug Seite 182


Fazit

Freunde rasanter Krimis werden hier keinen großen Spaß empfinden, dafür ist dieser schwermütige, düstere Krimi, dessen zweite Hauptfigur die raue, ursprüngliche Natur ist, einfach auch zu sehr Reiseführer. Gerade die niedrige Kriminalitätsrate auf den Färörern hat C.R. Neilson gereizt, seinen Kriminalroman 'Das Walmesser' genau hier anzusiedeln. Für meinen Geschmack hätten es etwas weniger Traumsequenzen sein dürfen, aber davon ab fand ich den Krimi handwerklich perfekt gemacht und ich habe die Atmosphäre sehr genossen. Durch die Augen seiner Hauptfigur betrachtet der Autor als Außenstehender die Färöer und macht damit sehr neugierig auf dieses fremde Land.

Und ich habe noch nie einen Roman gelesen, in dem soviel gesoffen wurde.


C.R. Neilson ist das Pseudonym von Craig Robertson, einem schottischen Schriftsteller, der jahrelang als Journalist tätig war und von dem bereits einige Kriminalromane in Deutschland erschienen sind.


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Tags: alkohol, alpträume, färöer inseln, waljagd   (4)
 

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31 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

Die unbekannte Terroristin

Richard Flanagan , Eva Bonné
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.09.2016
ISBN 9783492057103
Genre: Romane

Rezension:

Sie hatte gerade ein Schuhgeschäft verlassen und stand wieder in der Mall, als sie eine riesige Videowand vor einem Elektronik-Großmarkt bemerkte. Eine Menschenmenge verließ das Stadion in Homebush, es musste sich um den Bombenfund vom Vortag handeln. Dann kam ein geöffneter Kinderrucksack ins Bild, in der Nahaufnahme war der Sprengsatz deutlich zu erkennen. Aber erst, als bewaffnete Polizisten vor Tariqs Wohngebäude in Deckung gingen, schenkte die Puppe der Videowand ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Auszug Seite 99



Geplanter Anschlag im Stadion

Die Bevölkerung von Sidney leidet unter einer Hitzewelle als im Olympiastadion drei nicht gezündete Bomben gefunden werden. Gina Davies, die als Stripteasetänzerin in einem Club ihr Geld verdient und von allen nur „Die Puppe“ genannt wird, stürzt sich in die Feierlichkeiten des Mardi Gras, des Faschingsdienstags. Hier lernt sie den gutaussehenden, arabisch-stämmigen Tariq kennen und verbringt die Nacht mit ihm in seiner Wohnung. Am anderen Morgen ist Tariq verschwunden und in den Fernsehnachrichten werden neue Erkenntnisse über die Bomben im Olympiastadion gesendet. Auf den veröffentlichen Bildern einer Überwachungskamera von dem mutmaßlichen Attentäter mit weiblicher Begleitung erkennt die schockierte Gina sich und Tariq. Aufgebracht und verunsichert vertraut sie sich ihrer besten Freundin Wilder an und die rät ihr, die Sache bei der Polizei aufzuklären, die die unbekannte Frau bisher nur als Zeugin sucht. Inzwischen hat sie jedoch der abgehalfterte Journalist Richard Cody, der im Club unlängst von Gina abgewiesen wurde, auf dem Foto erkannt und wittert die Story seines Lebens.



Die Treibjagd beginnt

Der schmierige, ehemalige Starmoderator zerrt immer neue Details aus Ginas Leben an die Öffentlichkeit, während er Ungereimtheiten einfach unter den Tisch fallen lässt. Die Puppe, inzwischen identifiziert und im Visier der Ermittler und der Geheimdienste begegnet sich selbst ständig auf allen Fernsehkanälen und Anzeigentafeln in der Stadt. Sie gerät, nachdem sie Tariq nicht erreichen kann, langsam in Panik. Dabei verpasst sie den Moment, sich zu stellen und begibt sich kopflos auf die Flucht. Presse und Fernsehen stehen unter Druck, immer spektakulärere Nachrichten für die sensationslüsterne, panische Öffentlichkeit zu liefern. In dieser nicht mehr aufzuhaltenden Dynamik wird die Puppe in die Enge getrieben und man ahnt, dass das nicht gut ausgehen kann und auf eine Katastrophe zuläuft.



Die australische Katharina Blum

Als ich den Klappentext las, musste ich sofort an „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Heinrich Böll denken. Seine große Erzählung von 1974, in der die Hauptfigur, eine junge hübsche Frau, auch „ein einfaches Mädchen“ durch Zufall und völlig unschuldig in die Mühlen der Sensationsmache einer Boulevardzeitung gerät, hat nichts von seiner Aktualität verloren. Auch bei Richard Flanagan geht es um unlautere Formen journalistischer Berichterstattung und ihre Folgen. Sein Roman „Die unbekannte Terroristin“ ist im Original schon vor 10 Jahren in Australien erschienen, als man den Begriff „Fake News“ noch nicht kannte. Auch bei Böll kommen keine Terroristen vor, sondern nur des Terrorismus verdächtige.


„Vielleicht ist das Ganze ja“ sagte er, „nur so eine blöde Verwechslung.“ Richard Cody dachte nach und zerriss dabei einen Briefumschlag zu kleinen Fetzen. „Ich meine, sie geht mit einem Typen mit“, fuhr Todd Birchall fort, „und soll dann an allem schuld sein, vom Einsturz des World Trade Center bis zu Kylie Minogues Krebs. Das ist doch komisch, ich meine, warum sollte eine wie sie zur Massenmörderin werden?“ Auzug Seite 190



Über die Protagonistin Gina

Gina wird fast in der ganzen Romanhandlung nur Die Puppe genannt. Das fand ich gewöhnungsbedürftig und verstärkt zumindest anfänglich die Distanz, die man zu der 26-jährigen Frau empfindet. Auch wirkt sie erst mal etwas oberflächlich und nur auf ihre Außenwirkung fixiert. Mit ihrer Vorliebe für teure Designerklamotten und Luxushandtaschen will sie sich von den anderen Mädchen abgrenzen. Ihre Kolleginnen wissen nicht viel von ihrem Privatleben. Gina ist ein sehr realistischer Mensch, der ohne große Illusionen lebt. Die bis dato unbescholtene Stripperin stammt aus einfachen, lieblosen Verhältnissen und träumt von einem besseren Leben. Deshalb spart sie ganz pragmatisch auf eine Eigentumswohnung und die 50.000 Dollar dafür hat sie schon fast zusammen. Jeder Tag nach der Arbeit beginnt mit einem Ritual. Sie bedeckt ihren nackten Körper mit den gesparten Dollarscheinen, die sie in ihrer kleinen Wohnung versteckt hält.



„Die Vorstellung, eine Australierin – eine von uns – könnte zu so etwas fähig sein, ist zu schockierend, Richard.“ „In der Tat, Larry. Und wenn die Zuschauer heute Abend unsere Sondersendung Die unbekannte Terroristin einschalten, werden sie erst recht schockiert sein. So, wie ich es war. Es ist traurig, es ist verstörend, und es läuft auf Six, heute Abend um halb sieben.“ Auszug Seite 282



Der einzige, der ihr helfen will, ist der Ex-Geliebte ihrer besten Freundin Wilder. Der Drogenfahnder Nick zweifelt an der Schuld der Puppe, doch seine Bemühungen um Schadensbegrenzungen verlaufen ins Leere, da er über nicht genug Einfluss verfügt und die Wahrheit nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Die Polizei muss Erfolge vorweisen und die Politiker stehen unter einem enormen Druck, da ist Gina einfach das Bauernopfer, die Personifizierung der Angst für die Öffentlichkeit.



Fazit

Wie es Richard Flanagan gelingt, auf hohem sprachlichem Niveau zu beschreiben, wie die aufgeputschte, verunsicherte Bevölkerung Sidneys in eine kollektive, von skrupellosen Journalisten geschürten Hysterie gerät, hat mich beeindruckt. Der Autor bedient sich eines Zynismus, schreibt dann wieder fast philosophisch über die Liebe und dann wieder recht derb. Wenn Ginas Situation immer auswegloser wird und sich die Schlinge immer mehr zuzieht, ist das sehr fesselnd und intensiv geschildert. Dabei bewegt sich Flanagan mit schlafwandlerischer Sicherheit in den unterschiedlichen Milieus. So entsteht zum Beispiel ein stimmiges Bild von der Großstadt Sidney.



Richard Flanagan ist ein australischer Schriftsteller, der 1961 in Tasmanien geboren wurde und hier mit seiner Frau und den drei Kindern lebt. Er studierte Geschichte an der University von Oxford. Für seinen Roman „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ erhielt er 2014 den Man-Booker-Preis.

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

völkische bewegung, dorfidylle, ökobewegung, rechtsextreme organisation, kriminalgeschichte

Die Sippe

Marc-Oliver Bischoff
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei GRAFIT, 25.10.2016
ISBN 9783894254780
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Freyr sieht in die untergehende Sonne. Er kann es eigentlich nicht riskieren, den Jungen am Leben zu lassen. Kinder sind ein Sicherheitsrisiko. Sie plappern. Und es lässt sich nicht verhindern, dass sie das Dorf von Zeit zu Zeit verlassen. Dann sickern Informationen durch. Er stellt den blonden Jungen auf die Füße und dreht ihn herum. Sieht ihm tief in die Augen. „Schwöre, dass du es für dich behältst.“ „Ich schwöre, Freyr.“ „Auf Dein Leben.“ „ Auf mein Leben.“ (Auszug Seite 11)

Wo ist Sara?

Katharina Hofmann arbeitet als Krankenschwester in Hamburg. Nach einem Theaterbesuch wird sie brutal überfallen und entgeht nur knapp einer Vergewaltigung. Als sie dann auch noch in eine brenzlige Situation in einer U-Bahn gerät, bricht sie zusammen und wird für einige Wochen krankgeschrieben. Zur gleichen Zeit verschwindet ihre Schwester Sara nach einem mysteriösen Telefonanruf spurlos.
Katharina macht sich in großer Sorge auf den Weg nach Rostock, wo ihre Schwester als Gerichtsvollzieherin tätig ist. Auf der Arbeit hat Sara sich krank gemeldet und in ihrer Wohnung findet Katharina einen Hinweis auf ihren letzten beruflichen Einsatz, der sie nach Grantzow führte. Von der Polizei allein gelassen, reist Katharina in das kleine Dorf in Mecklenburg-Vorpommern und gibt sich dort erst mal als Touristin aus.

Die perfekte Idylle

In dem blitzsauberen Dorf scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Katharina entdeckt frisch restaurierte Höfe und gepflegte Werkstätten, wie eine Schmiede und eine Papiermanufaktur und auf alt getrimmte Schilder und Wegweiser. Verblüfft sieht sie Schulkinder, die alle brav in Reih und Glied aus der Schule kommen. Sie staunt über die altmodischen Kleider der Kinder und die langen Zöpfe der Mädchen. Katharina, die nach einer Autopanne feststeckt, beschließt, erst mal in Grantzow zu bleiben, wird aber nachts bei der Rückkehr ins Dorf von bewaffneten Wachposten kontrolliert. Ansonsten sind die Menschen sehr hilfsbereit, aber keiner will Sara gesehen haben. Katharina weiß nicht, was sie von den Dorfbewohnern denken soll. Handelt es sich um harmlose, traditionelle Ökobauern und Selbstversorger mit etwas altmodischer Attitüde, die einfach alternative Lebensweisen propagieren? Oder doch Neonazis, die in Sekten ähnlichen Strukturen leben und zu Gewalt gegen Andersdenkende bereit sind?


Bis auf einige Abschnitte sehen wir alles durch Katharinas Augen und man spürt ihr Unbehagen und die Situation wird immer bedrohlicher und spitzt sich zu. Denn die Dorfbewohner versuchen mit allen möglichen Mitteln, die junge Frau als neues Mitglied auf die Seite der Sippe zu ziehen. Verschiedene Andeutungen und sprachliche Ausrutscher irritieren Katharina, besonders als sie fassungslos bei einer Sonnenwendfeier den Hitlergruß sieht. Dem Leser wird die gefährliche Lage immer bewusster, je mehr man von den Menschen verachtenden und Demokratie feindlichen Ideologien der Bewohner erfährt.
Katharina weiß nicht, dass das Dorf bereits seit längerem von staatlicher Stelle beobachtet wird. Das Landeskriminalamt hat einen Horchposten im Wald und sogar einen V-Mann ins Dorf eingeschleust. Trotzdem ist es noch nicht gelungen, eine Verbindung zwischen dem Dorf und radikalen Neonazis zu belegen, auch weil hier zwei Zuständigkeiten gegeneinander arbeiten.

Katharina kommt ihr heimlicher Verdacht, bei der Sippe handle es sich möglicherweise um Neonazis, plötzlich ein bisschen kindisch und ungerecht vor. Hier sieht es doch viel eher aus wie auf einem Mittelaltermarkt als bei einem NPD-Aufmarsch. Und dass in dieser Gegend Deutschlands bei öffentlichen Veranstaltungen, bei denen es billiges Bier und kostenloses Essen gibt, der eine oder andere stramme Deutsche erscheint und aus seiner Gesinnung keinen Hehl macht, lässt sich wahrscheinlich nicht verhindern. Dafür die Schuld bei Gerd und Hiske und ihrem Stamm zu suchen, wäre unfair. (Auszug Seite 173)


Man ahnt, dass ihre Schwester Sara etwas gesehen hat, was sie nicht hätte sehen dürfen. Erst beim Showdown begreift man das ganze Ausmaß der grauenvollen Vorgänge.

Rechtsextreme Ökobewegung

Marc-Oliver Bischoff rückt in seinem gut recherchierten Kriminalroman „Die Sippe“ eine rechtsextreme Ökobewegung, die sogenannten „völkischen Siedler“ in den Fokus. Die wertkonservativen Mitglieder dieser Sekte erkennen wie die Reichsbürger unseren Staat nicht an und glauben an ein Deutschland in den Grenzen von 1937. Nach ihrer Vorstellung halten die Alliierten unser Land bis heute besetzt. Die Umsetzung des Themas ist gut gelungen und der Autor packt so ziemlich jeden Aspekt rechter Lebenswelten in seine Handlung. Über die Sonnenwendfeier mit Hitlergruß, germanische Kulte und Symbole, Großfamilien, gebärfreudige Frauen bis zu Waffendepots im Wald kommt alles vor.
Trotz einiger Logiklücken konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Die subtile Spannung und Dramatik baut sich langsam auf, auch wenn der Plot an der einen oder anderen Stelle etwas konstruiert wirkt. Bischoff arbeitet mit Plakativen, hier die böse Großstadt Hamburg, da das idyllische Bilderbuchdorf. Das Figurenpersonal agiert durchweg glaubhaft. Auch wenn ich die Charakterisierung Katharinas teilweise etwas unbefriedigend fand. Der Leser erfährt alles durch ihre Perspektive, deshalb ist sie natürlich die Ahnungslose, auch wenn ihre Naivität manchmal schwer zu ertragen war.


Bischoff schreibt gradlinig und schnörkellos und setzt sich auch kritisch mit der Rolle des Landeskriminalamtes und dem Einsatz von Informanten in die rechte Szene auseinander.

Die Realität

Ein Roman, der mich noch lange nach dem Lesen beschäftigt hat, da die brandaktuelle Geschichte er-schreckenderweise von der Realität eingeholt wurde. Wie perfide, dass auf dem Land, in abgelegenen Gegenden, in denen sich die Menschen vom Staat allein gelassen fühlen, Grundstücke gekauft werden und unter dem Deckmantel des biologischen Landbaus eine Gemeinschaft mit rassistisch-antisemitischer Weltanschauung und eigenen Strukturen zelebriert wird.


Das Buch endet mit einem Nachwort der Amadeu Antonio Stiftung, die 2014 eine Studie über „Völkische Siedler in ländlichem Raum“ erstellte. Hier wird der Leser über die historische Entwicklung der Siedlerbewegung und ihr heutiges Werken informiert. Ein interessanter Aspekt ist zum Beispiel, dass die Bewe-gung der völkischen Siedler schon älter ist als der Nationalsozialismus.


Marc-Oliver Bischoff wurde 1967 in Lemgo geboren und arbeitet heute in Ludwigsburg als Technologieberater. Erst mit 41 entdeckte er durch seinen Blog „Lauf, Du Sau“ das Schreiben für sich, aus dem später ein Buch entstand. Für seinen ersten Kriminalroman „Tödliche Fortsetzung“ wurde er mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet.

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Tags: dorfidylle, ökobewegung, rechtsextreme organisation, völkische bewegung   (4)
 

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

unfall, leben, aberglaube

Tony Soprano stirbt nicht

Antonia Baum
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 27.02.2016
ISBN 9783455405729
Genre: Romane

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197 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 59 Rezensionen

frankreich, paris, hut, präsident, magie

Der Hut des Präsidenten

Antoine Laurain , Claudia Kalscheuer
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Atlantik Verlag, 18.01.2016
ISBN 9783455650228
Genre: Romane

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26 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 11 Rezensionen

nick belsey, london, oliver harris, stalker, bilderbuch

London Stalker

Oliver Harris , Gunnar Kwisinski
Fester Einband
Erschienen bei Blessing, 13.03.2017
ISBN 9783896675606
Genre: Krimi und Thriller

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24 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 4 Rezensionen

norwegen, norwegische autoren, skandinavien, 2. weltkrieg, geschichte

Der letzte Pilger

Gard Sveen , Günther Frauenlob
Flexibler Einband: 560 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 12.05.2017
ISBN 9783548613734
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein Blitzlicht leuchtete über Tommys Kopf auf, und der Lichtstrahl einer Taschenlampe traf das Ende des Zollstocks. Tommy sah noch immer nichts Besonderes. Der Kripos-Mann tippte mit dem Zollstock noch einmal auf die Stelle. Da stellten sich die Haare auf Tommys Armen auf, und alles Blut wich aus seinem Kopf. Für einen Moment fürchtete er, das Gleichgewicht zu verlieren. „Verdammt“, sagte Abrahamsen und sprach aus, was beide dachten. „Da liegen nicht zwei Menschen, da liegen drei.“ Tommy starrte mit weit aufgerissenen, trockenen Augen in das Loch. Eine fünfte Hand drückte sich unter den Rippen durch die Erde. Langsam zählte er die kleinen Finger. Die Hand war zur Faust geballt. Eine winzig kleine Faust. „Scheiße“, flüsterte er. Ganz unten lag ein Kind. Auszug Seite 46 und 47

Beim Zelten in einem Waldgebiet in der norwegischen Nordmarka stoßen Studenten auf die Skelette von drei verscharrten Leichen. Laut Gerichtsmedizin handelt es sich um zwei Frauen, die per Kopfschuss hingerichtet wurden und ein kleines Mädchen. Das Verbrechen muss schon etliche Jahre zurückliegen und wird in den 40er Jahren zu Kriegszeiten verortet. Einige Tage nach der Veröffentlichung in der Zeitung wird der betagte Ex-Handelsminister Carl Oscar Krogh brutal ermordet in seiner Villa aufgefunden. Der hochangesehene Politiker wurde bestialisch mit zahllosen Messerstichen getötet. Der ermittelnde Kommissar im Polizeipräsidium Oslo ist Tommy Bergmann, der aufgrund von privaten Problemen freiwillig über Pfingsten Dienst schiebt. Der eigenwillige Kommissar verbeißt sich in den Fall und fragt sich, wer einen Grund und so viel Wut hat, um den ehemaligen Kriegshelden umzubringen. Da Krogh im zweiten Weltkrieg im Widerstand gegen die Deutschen gekämpft hat, sieht Bergmann das Motiv für diesen grausamen Mord in dieser Zeit begründet. Er vermutet eine Verbindung zu den skelettierten Leichen in der Nordmarka, und besonders das Schicksal des Kindes lässt ihm keine Ruhe. Bei seinen Recherchen stößt er auf den Namen Agnes Gerner, die zusammen mit der Tochter ihres Verlobten und der Haushälterin seit 1945 als vermisst gilt. Er gräbt in Kroghs Vergangenheit, aber bei den noch lebenden Zeitzeugen stößt er auf eine Mauer des Schweigens.


Ein zweiter Handlungsstrang führt den Leser in das Milieu der norwegischen Widerstandsbewegung zwischen den Kriegsjahren 1939 und 1945. Die Deutschen haben Norwegen besetzt und Agnes Gerner, die zu Beginn des Krieges aus England in ihr Heimatland Norwegen zurückkehrte, arbeitet fortan verdeckt für die Milorg, die größte norwegische Widerstandsgruppe. Agnes Gerner führt ein gefährliches Doppelleben als geheime Informantin. Die attraktive und intelligente Frau lässt sich in die innersten Zirkel einschleusen und lernt wichtige Nazigrößen aus Norwegen und Deutschland kennen. Sie verlobt sich sogar mit dem Nationalsozialisten Gustav Lande. Der Witwer hat sich in die wunderschöne Agnes verliebt und für seine Tochter wird sie eine Art Mutterersatz. Durch die engen Beziehungen zum Feind befindet sich Agnes permanent in Lebensgefahr. Zu allem Übel hat sie noch ein leidenschaftliches Verhältnis zu ihrem Verbindungsmann bei der Milorg, das natürlich auch geheim bleiben muss. Der Autor versteht es hervorragend die Bedrohlichkeit ihrer Lage darzustellen und man fiebert mit der verzweifelten Agnes mit. Ihre ständige Todesangst und die Furcht, aufgedeckt zu werden sind allgegenwärtig. In den Wirren des Krieges denkt Agnes ständig an die todbringende Ampulle in ihrer Handtasche und hofft, noch rechtzeitig ins sichere Schweden gebracht zu werden.


Dieser hochspannende Handlungsstrang kommt als klassischer Agententhriller daher mit allem, was dazu gehört: verdeckte Ermittlungen und geheime Treffpunkte, Spione und Doppelagenten, Widerstandskämpfer und Kollaborateure, Verräter und Geheimpolizisten. Der Kriminalroman wechselt immer wieder in kurzen Kapiteln zwischen den beiden Zeiten und entwickelt dadurch eine fesselnde Dynamik. Orts- und Zeitangaben über jedem Kapitel helfen dem Leser bei der Zuordnung. Dadurch dass die Geschehnisse in der Vergangenheit nach und nach erzählt werden, meint man als Leser einen Wissensvorsprung zu haben. Doch überraschende Wendungen und neue Spuren sorgen dafür, dass man bis zum Schluss im Unklaren bleibt. Parallel verfolgt man in dem Erzählstrang in der Gegenwart Bergmanns Ermittlungsarbeit, in dem immer mehr Fakten und Zusammenhänge ans Licht kommen.


Nach leichten Irritationen am Anfang des Buches, die in den permanenten Zeitsprüngen aber auch an dem Protagonisten Tommy Bergmann lag, war ich total gefesselt. Tommys Freundin hat ihn verlassen, weil er sie geschlagen hat. Er fühlt sich schuldig, tut sich mit neuen Bekanntschaften schwer, sehnt sich aber nach einer neuen Beziehung. Er trainiert in seiner Freizeit eine Mädchen-Handballmannschaft und interessiert sich aktuell für die Mutter einer seiner Schülerin. Bergmann ist ein nahe am Genre-Klischee gebauter Bulle, eigenbrötlerisch, ein schwieriger Mensch und Einzelgänger. Gleichzeitig ist er klug, hartnäckig und verbissen. Mit all seinen Fehlern wirkt er auf mich sehr menschlich und authentisch. Auch alle anderen Charaktere sind sehr genau beobachtet und glaubhaft dargestellt.


Schon nach wenigen Seiten entwickelte die Story einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Ich habe selten so etwas Spannendes gelesen. Auch außerhalb des Lesens machte ich mir Gedanken, wie alles zusammenhängen könnte. Nicht nur die komplexe Handlung mit ihren ständig wechselnden Orten und Zeiten erfordert eine hohe Aufmerksamkeit. Auch die Vielzahl an Personen und ihren unterschiedlichen Biographien beanspruchen volle Konzentration. Anders als in vielen skandinavischen Krimis werden keine sozial- oder gesellschaftskritischen Aspekte behandelt, sondern ein dunkles Kapitel der skandinavischen Zeitgeschichte. Das über 500 Seiten starke Krimi-Debüt ist eine hervorragende Mischung aus Krimi- und Agententhriller und wurde mit mehreren Preisen, u.a. als bester Kriminalroman Skandinaviens ausgezeichnet.


Gard Sveen wurde 1969 in Norwegen geboren und arbeitet aktuell im Verteidigungsministerium. Der studierte Politikwissenschaftler, der in seiner Freizeit die Fußballmannschaft seiner jüngsten Tochter trainiert, schrieb sein Debüt abends und an den Wochenenden. Zu seinem Roman angeregt wurde er durch die reale Geschichte eines führenden Widerstandskämpfers. Nachdem „Der letzte Pilger“ allein in Norwegen 50.000 Mal verkauft wurde, konnte er sich ein Sabbatjahr nehmen und schrieb den zweiten Band der Tommy Bergmann Reihe. Dieser basiert zum Teil auf der wahren Geschichte eines mutmaßlichen schwedischen Serienkillers und wurde in Norwegen bereits veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung erscheint voraussichtlich im Sommer 2017.



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555 Bibliotheken, 13 Leser, 8 Gruppen, 60 Rezensionen

thriller, dänemark, sonderdezernat q, mord, krimi

Verheißung - Der Grenzenlose

Jussi Adler-Olsen , Hannes Thiess
Fester Einband: 608 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 16.03.2015
ISBN 9783423280488
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die zwei Sätze der Mail sorgten dafür, dass die Stimmung im Büro noch weiter in den Keller ging.

Das Sonderdezernat Q war meine letzte Hoffnung. Jetzt kann ich nicht mehr.

C. Habersaat                        Auszug Seite 15


Cold Cases

In diesem sechsten Band der Reihe sitzt das Sonderdezernat Q immer noch im düsteren Keller und ist für die ungeklärten Fälle zuständig. Während Assad zumindest für ein bisschen Farbe an den Wänden sorgt, nimmt Carl Mørck einen Anruf von dem Bornholmer Polizisten Christian Habersaat entgegen, der ihn um Unterstützung bittet. Natürlich wimmelt ihn der ewig unlustige Carl mürrisch ab. Am nächsten Tag ist der alte Polizist tot.


Besessene Ermittlungen

Er hat sich bei seiner Abschiedsfeier nach vierzig Dienstjahren vor den Augen aller erschossen. Siebzehn Jahre lang hatte sich Habersaat mit dem ungeklärten Tod einer jungen, lebenslustigen Frau beschäftigt, die er selbst kopfüber in einem Baum hängend fand. Alberte Goldschmid, eine hübsche und beliebte Schülerin war mit dem Fahrrad unterwegs, wurde von einem Auto erfasst und in den Baum geschleudert. Habersaat glaubte nicht an fahrlässige Tötung mit Fahrerflucht. Doch seine obsessiv betriebenen Ermittlungen waren jahrelang ergebnislos verlaufen und hatten ihn verbittert und seine Familie, sämtliche Lebensfreude und viele Freundschaften gekostet.

Mit schlechtem Gewissen erreicht das Q-Team die dänische Insel Bornholm und sichtet Habersaats privat gesammelten Unterlagen, die sein ganzes Haus füllen. Eine Spur führt nach Öland zu einem obskuren, „Zentrum zur transzendentalen Vereinigung von Mensch und Natur“, die von einem charismatischen jungen Mann geleitet wird, der als eine Art Guru gilt.


Der Sonnenkult

In einem zweiten Handlungsstrang verfolgen wir Atu, einen Sonnenanbeter und Guru, der einer esoterischen Bewegung anhängt. Er leitet das Haus der aufgehenden Sonne, einer zu Ehren des Lichtgottes Horus im Hohen Norden neu erschaffenen Kultstätte. Pirjo, seine langjährige Weggefährtin und Organisatorin des Zentrums hat sich seit vielen Jahren seiner Welt verschrieben, immer hoffend, dass sie am Ende sein Herz gewinnen würde. Aber der charismatische Atu, der vielen Frauen zugänglich ist, sieht in Pirjo nur eine platonische Partnerin. Das hindert die krankhaft eifersüchtige und zu allem entschlossene Frau nicht daran, jede andere von ihm fernzuhalten und dabei auch, wortwörtlich über Leichen zu gehen. Die Figur Pirjo ist derart absurd überzeichnet, dass es eine großen Spaß machte, ihre Handlungen zu verfolgen. Zum Schluss, wenn beide Handlungsstränge zusammengeführt werden, begeben sich Carl und Assad bei einem spannenden Showdown in große Lebensgefahr.


Fazit

Ich fand den Anfang sehr bedrückend und packend, und auch den Erzählstrang um Pirjo spannend mit vielen überraschenden Wendungen. Die Ausführungen um den dubiosen Sonnenkult hätte man etwas straffen können, aber ich fand das Abtauchen in die Abgründe neoreligiöser Heilversprecher und was Menschen auf der Suche nach Glück und Zufriedenheit alles aufgeben sehr interessant. Carl wird wieder von seinem Cousin beschuldigt, beim angeblichen Mord an dessen Vater geholfen zu haben und es ergeben sich neue Hinweise im Druckluftnagler Fall. Der Fall, bei dem Carl damals angeschossen wurde und sein Kollege Hardy schwer verletzt, wird aber nur angerissen und verläuft dann im Sand. Es ist schon klar, dass Adler-Olsen das noch in den drei finalen Bänden aufgreifen wird, hier störte es nur den Erzählfluss. Auch wenn die Interaktionen zwischen Carl, Assad und Rose diesen Thriller wieder sehr beleben, entwickeln sich die Figuren hier leider kaum weiter. Die Vergangenheit von Rose und Assad bleibt weiter im Dunkeln und es werden nur ein paar kleine Details verraten.


Der dänische Autor Jussi Adler-Olsen hat zahlreiche nationale und internationale Preise erhalten. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt mit einer Auflage von mehr als zehn Millionen Exemplaren. Er war in unterschiedlichen Berufen tätig, bevor 1997 sein erster Thriller erschien. Der Durchbruch gelang ihm 2007 in Dänemark mit „Erbarmen“ dem ersten Band um das Sonderdezernat Q.

Inzwischen wurden drei seiner Romane erfolgreich verfilmt.


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Tags: band 6, bornholm, eifersucht, fahrrad, schülerin, sonnenkult   (6)
 

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

russische mafia, tennis, britischer geheimdienst, überläufer, geldwäsche

Verräter wie wir

John le Carré , Sabine Roth
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 15.07.2016
ISBN 9783548288079
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

John Le Carrés Spionagethriller sind bestens für Filmadaptionen geeignet, wie zahlreiche erfolgreiche Verfilmungen beweisen. In 'Verräter wie wir' des britischen Schriftstellers aus dem Jahr 2010 geht es um einen hochrangigen russischen Mafiosi, der nach Großbritannien überlaufen möchte.


Perry Makepiece, ein britischer Oxford-Dozent und seine Freundin Gail Perkins, eine erfolgreiche Anwältin lernen im Urlaub in Antigua beim Tennisspielen eben diesen Dima kennen. Wie sich später herausstellt, ist er „Nummer Eins Geldwäscher von ganzer Welt“, genauer gesagt von einem Syndikat von sieben Wory-Bruderschaften. Ein Wory ist ein Mitglied der Mafia, die in den früheren russischen Gefangenenlagern entstanden ist. Nach der Ermordung seines Schützlings, der sich beim neuen Anführer des Syndikats, dem sogenannten „Prinzen“ unbeliebt gemacht hatte, sieht sich Dima ebenfalls auf der Abschussliste und fürchtet um sein Leben und das seiner Familie. Deshalb will er sich nun nach Großbritannien absetzen und bietet dem britischen Geheimdienst im Gegenzug für Asyl umfangreiche Informationen über die Geldwäscheaktivitäten des Syndikats an. Der potentielle Überläufer bittet Perry, den er Professor nennt und für einen Mann des Fairplays hält, Kontakt mit dem britischen Geheimdienst herzustellen. Der etwas naive, zurückhaltende Perry, der sich mit Anfang 30 Jahren in einer Art Sinnkrise befindet, ist von dem charismatischen Oligarchen Dima und seiner Welt fasziniert und willigt ein. Währenddessen hat sich Gail mit den Kindern, besonders mit der 16-jährigen Natascha angefreundet, die Gail ihre heimliche Schwangerschaft anvertraut.


Aufgrund der Brisanz reagiert der MI6 erst mal zögerlich und überträgt dem altgedienten Agenten Hector Meredith diese inoffizielle Operation. Ohne Rückhalt seines Vorgesetzten fehlt dem Geheimagenten der Abteilung Sonderprojekte das Personal. Er beruft Luke Weaver in sein Team, einen Agenten, der nach einigen Fehlern in der Vergangenheit nichts mehr zu verlieren hat. Dima besteht auf der Beteiligung von Perry und Gail und das unbedarfte Akademikerpaar fühlt sich moralisch verpflichtet. Nach einer erneuten Kontaktaufnahme bei dem Finale der French Open 2009 in Paris fliehen Perry und Gail mit Dimas gesamter Entourage in einer dramatischen Aktion in die Schweiz. Während sie in einem entlegenen Dorf im Berner Oberland untertauchen, wird die Flucht nach England vorbereitet. Der MI6 mauert jedoch weiterhin, denn ob die Briten den Überläufer aufnehmen, ist längst nicht so sicher, wie Hector glauben machen will. Zahlreiche westliche Geschäftsleute und korrupte Spitzenpolitiker, sogar der ehemalige Leiter des britischen Geheimdienstes scheinen in die international organisierte Kriminalität verwickelt zu sein. Das Ende kommt dann leider wie erwartet, die bösen Vorahnungen trügen nicht.


Am Anfang zog mich die Sprache sehr in den Bann und ich war sehr angetan von dem intelligenten Dialogwitz und dem ironischen Plauderton. John Le Carré lässt sich viel Zeit mit der Entfaltung seines Plots und beschäftigt sich ausgiebig und detaillastig mit Monologen, Überlegungen und Bedenken. Der Autor benötigt wirklich eine lange Anlaufzeit und die Geschichte dümpelt gemächlich vor sich hin. In der ersten Hälfte des Thrillers erzählen Perry und Gail minutiös und sehr sachlich fast im Verhörstil den Mitarbeitern des MI6 alles über die erste Kontaktaufnahme. In der zweiten Hälfte ist es Luke, dessen Erläuterungen und Gedanken wir bei der Durchführung des Tauschgeschäfts begleiten.


Obwohl der Autor von Beginn an eine Atmosphäre der latenten Gefahr und Ungewissheit erzeugt, wird es erst zur Mitte der Geschichte richtig fesselnd. Bei den French Open in Paris entwickelt sich eine subtile Dramatik und hier zeigt sich die ganze Klasse des britischen Autors. Schauplätze und Personen werden äußerst präzise dargestellt, sodass ich das Gefühl hatte, ich bin mitten zwischen den bekannten und prominenten Personen in den VIP-Loungen der Tenniscourts und jubel Roger Federer bei seinem Sieg zu. Der damals 79-jährige Autor hat das Milieu aus Politik, Wirtschaft und Luxusgesellschaft hervorragend recherchiert.


Eine Geschichte, die ihren Reiz daraus entwickelt, dass ganz normale Menschen zufällig in eine sich fatal entwickelnde Geschichte geraten, aus der es kein Entkommen mehr gibt. Man fiebert mit den beiden Amateurspionen mit, die plötzlich zwischen Russenmafia und Geheimdienste und in einen Sog aus Kriminalität und Gefahr geraten.



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Tags: britischer geheimdienst, geldwäsche, russische mafia, tennis, überläufer   (5)
 

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324 Bibliotheken, 6 Leser, 2 Gruppen, 49 Rezensionen

thriller, dänemark, kopenhagen, sonderdezernat q, mord

Selfies

Jussi Adler-Olsen , Hannes Thiess
Fester Einband: 576 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 10.03.2017
ISBN 9783423281072
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Annelie zog sich aus und legte sich aufs Bett, zitternd und wie berauscht von dem Adrenalincocktail, der ihr durch die Adern schoss, seit sie Michelle im Nordwestviertel überfahren hatte. Für jemanden wie sie, die fast fünfzig Jahre lang als personifizierte Wohlanständigkeit durchs Leben gegangen war, ein völlig neues Gefühl. Woher hätte sie auch wissen sollen, was für einen Kick es einem gab, wenn man sich zum Richter über Leben und Tod aufschwang? Auszug Seite 147


Im bereits siebten Fall von Jussi Adler-Olsens Serie um Kommissar Carl Mørck ermitteln die Beamten des Sonderdezernats Q diesmal rund um einen aktuellen Mord. Eine ältere Dame wird in einem Park erschlagen aufgefunden. Verschieden Aspekte deuten auf einen unaufgeklärten Mordfall an einer Grundschullehrerin vor etlichen Jahren hin, die unter ähnlichen Umständen ums Leben gekommen ist. Des weiteren werden einige junge Frauen überfahren und der Täter beginnt jedes Mal Fahrerflucht.


Der Fall Rose

Doch im Mittelpunkt dieses Thrillers steht Carls Assistentin Rose. Seit dem Habersaat-Fall im letzten Buch „Verheißung“, bei dem sich das Team einer Hypnose unterziehen musste, wird sie von dunklen Erinnerungen an ihre Vergangenheit heimgesucht. Von Carl und Assad unbemerkt kämpft Rose seit dieser Zeit gegen eine Depression an, kann aber den Zusammenbruch nicht verhindern und landet schließlich in der Psychiatrie. Nach und nach werden die Hintergründe für ihre inneren Dämonen enthüllt. Zu erfahren wie Rose zeitlebens von ihrem sadistischen Vater schikaniert wurde und sich an seinem Tod mitschuldig fühlt, ist sehr emotional. Dieser persönliche Teil hätte für mich noch mehr Raum einnehmen können, geht leider fast in dem unübersichtlichen Gespann von Handlungssträngen unter.


Fälle-Wirrwarr

Denn es gibt nicht nur mehrere zusammenhanglose Erzählstränge, die man als Leser parallel verfolgen muss. Zu allem Überfluss hat sich auch noch ein aufdringliches Fernsehteam an die Fersen des Q-Teams geheftet und Carl muss sich mal wieder mit seinem Chef herumschlagen, der die Anzahl der aufgeklärten Fälle missinterpretiert und Personal abbauen will.


Bei dem Fahrerflucht-Fall weiß man von vorne herein, wer dahinter steckt. Eine Sozialarbeiterin in den mittleren Jahren, Typ „Graue Maus“, die zeitlebens immer sehr korrekt gelebt hat. Nachdem Annelie von ihrer Krebs-Diagnose erfährt, schwillt der schon länger schwelende Hass auf junge, arrogante Frauen an, die sich auf Kosten des Staates ein schönes Leben machen. Aber besonders als sich die „Unfälle“ häufen und ein ums andere Mal wiederholen, nimmt das dem Thriller viel an Suspense. Typisch für den dänischen Autor greift er mal wieder ein sozialkritisches Thema auf. Aber die zwischen den Zeilen und auch mit dem Titel „Selfies“ mitschwingende Kritik an der Selbstdarstellung und Selbstverliebtheit vieler Menschen wird durch die überzeichnete und klischeehafte Darstellung der einzelnen Charaktere wieder zunichte gemacht. Haarsträubend und realitätsfern, als die drei Mädels, die sich auf dem Sozialamt kennen gelernt haben, ihrerseits die Ermordung der verhassten Beraterin planen.


Denn völlig überraschend hatte sich ihre Todesangst in den Tagen nach der Diagnose in eine lodernde Wut verwandelt. Eine Wut, die anfangs noch dumpf und diffus war, dann aber sehr schnell ein Ziel gefunden hatte: jene jungen Frauen, die die Gesellschaft so schamlos ausnahmen, sie alle nach Strich und Faden verarschten und Annelie kostbare Zeit und Energie raubten. Auszug Seite 96


Fazit

Im Prolog wird die braune Vergangenheit von Roses betagter Nachbarin kurz angerissen und dann erst zum Schluss wieder aufgegriffen. Für meinen Geschmack wurden die einzelnen Handlungsstränge fast gewaltsam zusammengeführt. Da alle Fälle irgendwie miteinander verbunden sind, mussten einige Zufälle herhalten und darunter leidet natürlich die Glaubwürdigkeit.

Selfies ist ein solider Thriller, der bei weitem nicht so düster daherkommt wie vorhergehende Bände der Reihe. Trotz einiger Längen und der aufgeführten Kritikpunkte habe ich ihn gerne gelesen, denn Adler-Olsen kann mitreißend schreiben und verfügt über viel Ideenreichtum. Auch der Wortwitz zwischen Vizekommissar Carl Mørck, laut seinem Chef „ein echt sturer und bissiger Hund, den wir da in der Meute haben“ und seinem muslimischen Sidekick Assad hat mich wieder gut unterhalten. Für Fans der Reihe ein Muss, aber Adler-Olsen hat schon mit besseren Plots überzeugt. In diesem Fall leidet der Spannungsbogen durch die Vielzahl der zerklüfteten Handlungsstränge und mich hat auch die einseitige Darstellung der „Sozialhilfeempfänger“ gestört. Political Correctness sieht anders aus.


Zehn Bände Sonderdezernat Q

Die Reihe ist auf zehn Bände angelegt und der Autor verriet, dass in den nächsten beiden Bänden jeweils Assad und Carl im Mittelpunkt stehen werden und es dann ein finales Werk geben wird.


Jussi Adler-Olsen wurde 1950 in Kopenhagen geboren. Er studierte Medizin, Soziologie, politische Geschichte, Filmwissenschaften und war unter anderem als Koordinator der dänischen Friedensbewegung tätig. Der Vater eines Sohnes lebt in der Nähe von Kopenhagen, wo er seinem Hobby, das Renovieren von alten Häusern nachgeht. Bekannt ist, dass sein Vater Psychiater war und Jussi in mehreren Anstalten aufwuchs. Er erzählt oft, dass die Anstalten mit ihren Serienkillern und Psychopathen die Schule seines Lebens waren. Hier lernte er auch einen Herrn Mørck kennen, einen Totschläger, der ihm mal ein Kätzchen schenkte und der ihm für seine Figur des Serienermittlers nicht nur den Nachnamen lieferte.





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Tags: band 7, depression, rache, rose, sozialhilfeempfänger   (5)
 

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Eierlikörtage

Hendrik Groen , Wibke Kuhn , Felix von Manteuffel
Audio CD
Erschienen bei OSTERWOLDaudio, 01.09.2016
ISBN 9783869523286
Genre: Romane

Rezension:  
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berlin, aktivisten, bank, entführung, finanzwelt

Das Spiel der Anderen

Carlo Feber
Flexibler Einband
Erschienen bei GRAFIT, 09.05.2016
ISBN 9783894254728
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ich reiße den Mund weit auf, werfe den Kopf zurück und hacke mit den Zähnen in den Geldhaufen. Ein roter Zehner rutscht von meinen Lippen. Aber ein Zwanziger bleibt mir an der Zuge kleben. Langsam zerbeiße ich den Schein. Hört ihr das Papier knistern? Fetzen haften an meinem Gaumen wie fades Knäckebrot, das nicht rutschen will. Wie alter Rauch hängt mir beim Runterwürgen der pappige Scheißgeschmack auf der Zunge. Immer noch auf den Knien richte ich den Oberkörper auf und fische einen Zweihunderter aus dem Napf. „Soll ich den auch noch fressen?“ Auszug Seite 5


Vier junge Menschen haben genug von der Ausbeutung des Planeten durch die kriminelle Finanzwelt. Um die schmutzigen Geschäfte der German Global Credit Bank am Potsdamer Platz in Berlin aufzudecken, verfolgen sie einen Plan. Die vier Politaktivisten Marie-Luise, genannt Malu, ihr Freund Leon, der Libanese Habibi und der Hacker Sanctus haben monatelang alles akribisch vorbereitet. Die Vorstände der global agierenden Bank sollen entführt werden und dadurch zum öffentlichen Eingeständnis ihrer kriminellen Machenschaften gezwungen werden. Die Bevölkerung soll über die illegalen Geschäftspraktiken der Bank informiert werden, deren Verdienste zu Lasten von Mensch und Umwelt gehen. Das erinnert mich ein bisschen an die Radikalität der RAF in den 70er Jahren, aber der Bewusstseinswandel in der Bevölkerung soll möglichst ohne Blutvergießen geschehen.

Und die Entführung des Vorstandsvorsitzenden Harald Lengsfeld, die Nummer eins auf der Angriffsliste, verläuft dann auch wie am Schnürchen. Doch danach geht alles schief. Der zweite Bankvorstand Joachim Fokker, den die vier Freunde als nächstes Kidnappingopfer auserkoren hatten, wird zeitgleich ermordet in seinem total ausgebrannten Mercedes SLS Coupé aufgefunden. Anscheinend hat sich irgendjemand in ihre Pläne gehackt und verfolgt diese jetzt als Trittbrettfahrer. Des Weiteren erweist sich der im Keller unter Leons Skateboardladen gefangen gehaltene Banker Lengsfeld als zäher Bursche, der an harte Verhandlungen gewöhnt, sich nicht so leicht einschüchtern lässt. Er zeigt überraschenderweise kaum Angst und konfrontiert seine Entführer damit, einen von ihnen, nämlich Leon, erkannt zu haben.

Das angespannte Quartett darf jetzt nicht kopflos oder übereilt agieren, sondern muss improvisieren. Der in der Hacker-Szene berühmte Sanctus hatte sich vor einem Jahr mit gefälschtem Lebenslauf als Systemadministrator in die Bank eingeschleust. Als Head of Data will er sich jetzt nicht auffällig verhalten, denn er fürchtet die Aufdeckung seiner Systemmanipulationen durch den IT-Kollegen Hellcamp. Malu versucht indessen herauszufinden, wer mit ihren Plänen ein anderes Spiel spielt und hat auch schon eine Vermutung.

Im Berliner LKA laufen die Ermittlungen inzwischen auf Hochtouren. Das Innenministerium hat Sicherheitsstufe drei zur Gefahrenabwehr und zum Schutz der öffentlichen Sicherheit ausgerufen. Kriminalrätin Dr. Vera Werchteshaus bildet zwei separate Sokos. Während die junge Polizeihauptkommissarin Kara Menzel und ihr Kollege Oberkommissar Jörg Olvers im Mordfall Fokker ermitteln, übernimmt den Entführungsfall Lengsfeld eine andere Abteilung.

Die dritte Vorstandsvorsitzende, Gerlinde Schindhelm, gewährt ihnen nur zögerlich Einblicke in die Arbeitsabläufe der Bank. Die für die Konzernsicherheit zuständige Bankmanagerin setzt mehr auf die von ihr eingesetzten Londoner Sicherheitsexperten des Kerberos-Ten-Teams. Da der ermordete Joachim Fokker zuletzt von den außen an der Bank befindlichen Sicherheitskameras aufgenommen wurde, konzentrieren sich die beiden Kommissare erst mal auf die direkte Verbindung der Tiefgarage mit der Vorstandsetage. Schnell finden sie in dem ehemaligen Abteilungsleiter Georg Ducasse einen Verdächtigen. Der Ingenieur war für technische Gutachten großer Industrievorhaben zuständig und für die Bank in Usbekistan tätig. Nachdem er fünf Wochen in usbekischer Gefangenschaft gelitten hatte, streitet er um Entschädigung. Er hatte als letzter einen Termin mit dem für Personalfragen zuständigem Fokker.

Aus einem eingehendem Erpresserbrief wird schnell deutlich, dass es sich um einen Trittbrettfahrer handeln muss. Sanctus liest aus dem Brief versteckte Botschaften heraus, die sich an die vier wirklichen Entführer richten. Die Polizei hat derweil einen schwierigen Stand. Man erwartet schnelle Ergebnisse, aber aufgrund der Nachrichtensperre werden Kara und Jörg wichtige Daten nicht zugänglich gemacht. Kara Menzel ist der große Sympathieträger und agiert umsichtig und mit Verstand. Als sie ihren schwedischen Freund Thure von der Rikspolisen um Rat fragt, warnt er sie explizit vor den Mitarbeitern des Kerberos-Ten-Teams.


Carlo Feber hält sich in seinem Politthriller 'Das Spiel der anderen' nicht lange mit Erklärungen auf. Sofort findet sich der Leser mitten in der Geschichte wieder und man springt von einer Szenerie zur nächsten.

Auch die Charaktere werden nicht groß eingeführt. Das Figurenpersonal ist nicht ganz frei von Klischees, aber durchweg glaubwürdig und authentisch dargestellt. Ich konnte sie mir alle gut vorstellen, den Hacker Sanctus mit seinem Samuraizopf oder den hartgesottenen Banker Lengsfeld, der oft als Finanzexperte in Talkshows mit seinem selbstgerechten Tonfall nervt. Dazu passend wohnt sein Sohn natürlich in einer Luxuswohnung mit Blick auf den Berliner Lietzensee.

Der in der Pfalz geborene Autor lebt mittlerweile in Berlin und man merkt seinen detaillierten Schilderungen an, dass er sich hier auskennt. Ob die Beschreibungen der unkonventionellen Hipster mit Bart und schrägen Klamotten im Berliner Friedrichshain oder die deprimierende Tristesse in Berlin-Niederschöneweide, wo noch die Backsteinmauern an DDR-Zeiten erinnern und billig sanierte Werkhallen an Künstler vermietet werden. Das alles ergibt ein stimmiges Setting. Die Sprache ist anspruchsvoll und modern mit vielen Anglizismen und Netzjargon.

In unterschiedlichen Erzählperspektiven verfolgt man die vier jungen Politaktivisten oder die Ermittlungsarbeit der Polizei. Am Anfang empfand ich bei dem flotten Erzähltempo eine fast atemlose Spannung und konnte den Thriller nur schwer aus der Hand legen. Ein Pageturner, der seinen Namen verdient. Diese rasante Spannung kann der Autor natürlich nicht durchgehend halten und in der Mitte hatte ich einen kleine Hänger. Oder wie es auf Seite 251 heißt: Kara rauchte der Kopf. Mir auch bei all den Verwicklungen, Machtspielchen und falschen Machenschaften. Der Autor verlangt dem Leser ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Konzentration ab. Zum Schluss läuft der lesenswerte Thriller noch auf ein spannendes, actionbetontes Finale zu, das noch mit einigen Überraschungen und unvorhersehbaren Wendungen aufwartet.


Carlo Feber beschäftigt sich in seinem fesselnden Politthriller kritisch mit der Finanzwelt, in dem er die Machenschaften einer Bank darstellt und die politischen Abgründe aufzeigt. Auch den Einfluss der Wirtschaft auf die Politik nimmt er dabei ins Visier.

Der studierte Politologe ist 1965 in der Pfalz geboren, lebt heute in Berlin. Hier gibt er auch Schreibseminare. Als Schriftsteller arbeitet er mit verschiedenen Pseudonymen in unterschiedlichen Genres und auch als Ghostwriter.


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Tags: aktivisten, bank, berlin, entführung, finanzwelt   (5)
 

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hercule poirot, hörbuch, schnitzeljagd, ariadne oliver, krimi

Das Geheimnis von Greenshore Garden

Agatha Christie , Eike Schönfeld , Wolfgang Condrus
Audio CD
Erschienen bei Der Hörverlag, 13.07.2015
ISBN 9783844519044
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die berühmte Kriminalschriftstellerin Ariadne Oliver soll auf einem Landsitz in Devon während eines Sommerfestes eine fiktive Mörderjagd inszenieren. Für ein beträchtliches Honorar hat Ariadne eine Schnitzeljagd mit falschen Indizien, Verdächtigen und Opfer arrangiert, doch ihr Bauchgefühl sagt ihr, „dass sie manipuliert und eingewickelt wurde.“ Aus Angst, dass tatsächlich etwas passieren wird, bittet Sie ihren guten Freund Hercule Poirot um Hilfe. Und der belgische Meisterdetektiv, auf Ariadnes Intuition vertrauend, ist auch viel zu neugierig und reist aus London an. Auf dem Weg nimmt er zwei junge Anhalterinnen mit, die in der naheliegenden Jugendherberge absteigen. Poirot, der offiziell die Preise überreichen soll, übernachtet auf dem Landsitz Greenshore House, in dessen Gärten das Fest stattfindet.

Auf dem Anwesen lernt er den Besitzer Sir George Stubbs und seine erheblich jüngere, schöne Frau Hattie kennen. Hattie, die als etwas zurückgeblieben und leicht beeinflussbar gilt, war ihm von Amy Folliat vorgestellt worden. Diese stammt aus der Familie der ehemaligen Besitzer und lebt nach dem Tod ihrer beiden Söhne im Zweiten Weltkrieg im Pförtnerhaus des Anwesens.

Am Tage des Festes ist Hattie sehr aufgebracht, als sie erfährt, dass ihr Vetter, von dem sie sich sehr zu fürchten scheint, seinen Besuch ankündigt. Poirot und Mrs. Oliver können das Verbrechen nicht verhindern und entdecken während des Krimispiels Marlene Tucker erdrosselt im Bootshaus. Das Mädchen aus dem Dorf sollte das Opfer spielen und wurde ermordet. Zur gleichen Zeit verschwindet auch noch die Hausherrin Lady Hattie Stubbs spurlos. Ein Motiv ist nicht ersichtlich, obwohl eine Handvoll Verdächtiger einiges zu verbergen haben, wie zum Beispiel der Vetter, der zeitgleich mit Hatties Verschwinden auftaucht, oder Amanda Brewis, die in ihren Chef George Stubbs verliebte Sekretärin. Erst Monate später nach einem weiteren Todesfall geht dem brillanten Detektiv ein Licht auf und er kann sich in gewohnter Manier alles zusammenreimen und scharf kombinierend den Täter zur Strecke bringen. Hier spielt ein kleiner Säulentempel, ein sogenannter Folly, der auf dem Grundstück zwar hübsch aber ziemlich deplatziert wirkt, eine entscheidende Rolle.


Typisch für die britische Schriftstellerin Agatha Christie wird ein großes Figurenpersonal aufgeboten und es vergeht einige Zeit, bis der Mord geschieht.


Ein kurzweiliger, typisch englischer Gartenkrimi, gediegen und nostalgisch, aber dadurch mit einem gewissen Charme, bei dem mich besonders die skurrilen Charaktere amüsiert haben. Die Queen of Crime wirft einen humorigen Blick auf die versnobten Eigenschaften der damaligen Gesellschaft. Sei es der hochtrabende, scharfsinnige Hercule Poirot mit seinen Macken oder die leicht schrullige Ariadne Oliver, Christies Alter Ego mit Adlerprofil und den ewig wild zerzausten Haaren im praktisch ländlichen Tweed-Kostüm.

Am Ende des Hörbuchs gibt es noch ein Nachwort von Mathew Prichard, dem Enkel von Agatha Christie und er erzählt einiges über die Beziehung zu seiner „Nima“. Man erfährt, dass es sich bei Greenshore House um Christies Ferienhaus Greenway House in Devon handelt, in dem sie bis zu ihrem Tod 1976 viele Sommermonate verbrachte und das sie häufig in ihren Krimis unterbrachte. Mittlerweile ist es der Öffentlichkeit als Christie-Museum zugänglich.

Bei „Das Geheimnis von Greenshore Garden“ handelt es sich um eine bislang unveröffentlichte Novelle, die die Starautorin Mitte der 1950er Jahre schrieb und später zu dem mehrfach verfilmten Kriminalroman „Wiedersehen mit Mrs. Oliver“ ausbaute. Die Novelle, die im Original „Hercule Poirot and the Greenshore Folly heißt, blieb fast 60 Jahre in der Schublade, bevor sie publiziert wurde und ist erstmals 2015 auf Deutsch erschienen.


Das Hörbuch wird souverän von Wolfgang Condrus eingelesen, dessen wohl modulierende Stimme vielen sicher als deutsche Synchronstimme von Mark Harmon (u.a. Leroy Jethro Gibbs aus der amerikanischen Serie Navy CIS) bekannt sein dürfte.


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Tags: ariadne oliver, garten, hercule poirot, hörbuch, landsitz, schnitzeljagd   (6)
 

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hörbuch, freundschaft, farmer, roman, nickolas butler

Shotgun Lovesongs

Nickolas Butler , , ,
Audio CD
Erschienen bei Hörbuch Hamburg, 27.09.2013
ISBN 9783899038736
Genre: Romane

Rezension:

Shotgun Lovesongs erzählt von fünf Freunden, die in Little Wing, einem kleinen Ort im Mittleren Westen der USA aufgewachsen sind. Auch wenn ihre Lebenswege unterschiedlich verlaufen, verlieren sie sich nie ganz aus den Augen. Henry und Beth, schon seit ihrer Jugend ein Paar, sind glücklich miteinander verheiratet und Eltern von zwei Kindern. Sie haben ihren Heimatort nie verlassen und fühlen sich trotz finanzieller Probleme auf dem Land sehr wohl. Für Henry, den tüchtigen Farmer wird es immer schwieriger, seine Familie mit der Farm zu ernähren. Engster Freund ist Leland, ein international erfolgreicher Musiker. Lee hatte mit seinem Album Shotgun Lovesongs den Durchbruch geschafft. Zwischen seinen Welttourneen zieht es den umschwärmten Rockstar immer wieder zurück nach Little Wing zu Henry und Beth oder in sein eigenes Haus, denn nur hier kommt er wirklich zur Ruhe. Alle drei unterstützen Ronny, einem ehemaligen Rodeo-Star und Ex-Alkoholiker. Nach einem schweren Unfall ist er mental gehandicapt und findet in Little Wing in einem mittlerweile ruhigen Leben bei seinen Freunden Halt. Dann ist da noch Kip, der erfolgreiche Geschäftsmann, der mit Börsengeschäften in Chicago sein Geld verdient hat. Auch ihn zieht es wieder zurück in seine Heimatstadt, wo er zusammen mit seiner Frau von vorn anfangen möchte. Er übernimmt sich finanziell beim Kauf einer alten Mühle. Die Anerkennung seiner Jugendfreunde suchend, will er diese renovieren.


Abwechselnd erzählen die fünf Freunde Episoden der gemeinsamen Geschichte aus ihrer jeweiligen Sicht, wobei sich Rückblenden und Gegenwartsschilderungen abwechseln. Die verschiedenen Perspektiven ermöglichen einen unterschiedlichen Blickwinkel, aber selten wird man mit neuen Aspekten konfrontiert. Die Figuren erleben einiges, das trägt aber nicht unbedingt zum Fortgang der Geschichte bei. Besonders Le's Gedanken nehmen einen großen Raum ein, seine Einsamkeit und Verbitterung. Die Sehnsucht nach Heimat und einem Ort, wo er hingehört und er selbst sein kann, wird ausführlich thematisiert.

Die einzelnen Charaktere sind überzeugend und sympathisch gezeichnet, bleiben aber zu sehr an der Oberfläche. Außer vielleicht Kip, der kommt nicht ganz so gut weg. Ein sentimentales, warmherziges Hörbuch über Freundschaft und Heimat. Dass es in manchen Teilen etwas langatmig daherkommt und ein bisschen so dahinplätschert, hat mich gar nicht so gestört. Da ich bei Hörbüchern, die ich meistens auf dem Arbeitsweg im Auto höre, andere Prioritäten setze und es nicht unbedingt nervenzerreißend spannend sein muss. Dazu passt die etwas melancholische Stimmung, die über der ganzen unaufgeregten Geschichte liegt. Es ist ganz nett und unterhaltsam, aber eben nicht mehr. Die großen Themen wie Freundschaft, Heimat, Wurzeln und die Bedeutung der Musik werden nicht besonders tiefgründig dargebracht. Die Gedanken und Erkenntnisse der Protagonisten sind mir teilweise zu banal und auch ein wenig belanglos, werden aber bedeutender dargestellt.

Die Geschichte hat durchaus Potenzial, ich hatte mir allerdings auch wegen dem wunderschönen Cover mehr erwartet. Das kann auch Butlers Schreibstil nicht auffangen, der direkt und schnörkellos daherkommt. An manchen Stellen fand ich die Geschehnisse nur unvollständig ausgearbeitet.


Bei dem Hörbuch handelt es sich um eine gekürzte Lesung, die von fünf bekannten Schauspielern eingelesen wird. Florian Lukas, Barnaby Metschurat, Andreas Döhler, Karoline Schuch und Fabian Busch geben den einzelnen Charakteren eine Stimme und machen ihre Sache sehr gut.


Nickolas Butler ist selbst in einer Provinzstadt in Wisconsin aufgewachsen, und das merkt man seinem Debüt auch an. Die bildhaften Landschaftsbeschreibungen und die teilweise verklärte Darstellung des ländlichen Lebens sind wirklich gut gelungen und ummanteln die Geschichte mit einer wohligen Atmosphäre.


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Tags: farmer, freundschaft, heimat, hörbuch, rockstar   (5)
 

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island, thriller, mord, adoption, krimi

DNA

Yrsa Sigurdardottir , Anika Wolff
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei btb, 26.09.2016
ISBN 9783442756568
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Diese Tür ist sonst nie geschlossen.

Elísa geht auf die Tür zu, langsam und vorsichtig. Ihre Zehen kleben auf dem kalten Parkett, und die Angst wächst mit jedem Schritt. Sie legt ein Ohr an die weiße Tür. Zuerst ist nichts zu hören, doch dann schreckt sie zurück. In der Küche werden Stühle gerückt.

Was tun? Ihr Körper will zurück ins Bett kriechen und sich die Decke über den Kopf ziehen. Der nächtliche Besucher wird sicher bald aus der Küche herauskommen. Ihr Hab und Gut könnte Elísa nicht gleichgültiger sein. Der Einbrecher soll ruhig alles nehmen, was er will, wenn er sich bloß schnell aus dem Staub macht. Auszug Seite 24


In Reykjavik dringt nachts ein Mann in ein Familienhaus ein und überfällt eine dreifache Mutter. Während die beiden Söhne in ihrem Zimmer eingesperrt sind, muss die 7jährige Tochter versteckt unter dem Bett miterleben, wie ihre Mutter brutal ermordet wird. Das traumatisierte Mädchen wird daraufhin in einem Kinderhaus von der Psychologin Freyja und ihrem Team behutsam befragt. Als einzige Tatzeugin schwebt die kleine Margrét eventuell auch in Gefahr. Da die Polizei in Reykjavik momentan Probleme mit ihrer derzeitigen Führungsebene hat, übernimmt der bis dahin unerfahrene Huldar erstmals die Leitung eines Mordfalls. Die Zusammenarbeit gestaltet sich schwierig, denn Freyja und Huldar kennen sich von einem kürzlich stattgefundenen One-Night-Stand. Dass Huldar sich als Tischler Jonas ausgab und am anderen Morgen einfach kommentarlos verschwand, verbessert die Stimmung nicht grade. Aber für persönliche Befindlichkeiten ist eigentlich gar keine Zeit, denn es geschieht ein weiterer Mord. Eine allein lebende, pensionierte Biologielehrerin wird auf ähnlich unvorstellbar grausame Weise getötet. An beiden Tatorten findet die Kripo schwer deutbare Zahlenbotschaften.

Obwohl die Ermittlungen auf Hochtouren laufen, können die Beamten weder Hinweise auf ein Motiv noch auf Gemeinsamkeiten zwischen den Mordfällen entdecken.

Und dann ist da noch Karl, ein junger Hobby-Funker, der kryptische Zahlenfolgen von einem isländischen Sender empfängt. Diese dubiosen Botschaften scheinen etwas mit den Morden und mit ihm zu tun zu haben und so beginnt Karl auf eigene Faust zu recherchieren.

Der aktuellen Handlung wird ein Prolog vorangestellt, in dem ca. dreißig Jahre zuvor drei Geschwister durch das Jugendamt zu ihrem eigenen Schutz in unterschiedliche Familien untergebracht werden sollen. Aufgrund einer schrecklichen, nicht näher beschriebenen Familientragödie sollen die zukünftigen Adoptiveltern zum Schweigen über die Herkunft der Kinder verpflichtet werden.


Das beschauliche Island gilt seit Jahren laut Global Peace Index als die friedlichste Nation der Welt. Und waren es nicht die Isländer, die im letzten Sommer durch ihre besonders herzliche Art die ganze Fußball-Europameisterschaft in Frankreich geprägt haben? Dann frage ich mich, was in dem Kopf der Autorin vorgeht, die auch Kinderbücher schreibt und sich solch finstere Geschichten ausdenkt. Dass ein kleines Mädchen mitansehen muss, wie ihre Mutter zu Tode gefoltert wird, war für mich schon starker Tobak und am Rande des Erträglichen. Warum muss es eigentlich in Krimis und Thrillers immer perverser zugehen, der Trend zu immer bestialischeren Morden gehen? Die Autorin erspart dem Leser zwar allzu genaue Beschreibungen der widerlichen Details, aber trotzdem hatte ich im Kopfkino grauenhafte Bilder und verstörende Szenen vor Augen.

Der Anfang ist wirklich nichts für schwache Nerven, brutal, aber auch gut erzählt. Der Autorin gelingt es hervorragend, eine spannende, beklemmende Atmosphäre zu kreieren. Vielleicht hat es mich auch so angefasst, weil der Mörder die Frauen in ihren eigenen vier Wänden überfällt, in denen man sich ja eigentlich sicher und geborgen fühlen sollte. Den Fokus legt Yrsa Sigurdardóttir in ihrem flüssig geschriebenen Reihenauftakt auf einen genial konstruierten und intelligenten Plot. Sie nimmt sich auch viel Zeit, ihre Figuren dem Leser vorzustellen, trotzdem bleiben ihre Beschreibungen für mich nur an der Oberfläche, zum Beispiel erfährt man, dass Huldar sich das Rauchen abgewöhnt und ständig Nikotinkaugummis kaut. Einen großen Raum nehmen seine Frauengeschichten ein. Aber da DNA der Auftaktband zu einer neuen Serie um den Kriminalkommissar Huldar und die Kinderpsychologin Freyja sein soll, lernen wir die Charaktere bestimmt noch besser kennen. Ich sehe bei beiden durchaus Entwicklungspotential. Die privaten Kinkerlitzchen zwischen ihnen lockern den düsteren Stoff ein wenig auf, auch wenn es die Handlung ein ums andere Mal etwas verschleppt.

Am genauesten wird noch das Innenleben von Karl beleuchtet. Seit seine Adoptivmutter verstarb, fühlt sich der junge Chemiestudent, der nur zwei enge Freunde hat, sehr einsam. Auch zu seinem Bruder hat er keine enge Beziehung und seit dieser im Ausland lebt, kaum noch Kontakt. Sein großes Hobby ist der Amateur-Funk, den er mit großem Equipment im Keller betreibt.


Das aus verschiedenen Perspektiven erzählte Handlungsgeflecht ist voller Überraschungen und Wendungen, an einigen Stellen etwas konstruiert. So ist es zum Beispiel unwahrscheinlich, dass ein Nerd wie Karl die seltsamen Zahlenfolgen eher entschlüsselt als die Experten von der Kripo.


Die Auflösung hat mich als versierten Krimileser dann wirklich überrascht. Man vermutet die ganze Zeit, dass die Mordserie mit den Geschehnissen in der Vergangenheit zusammen hängt, aber auf die Lösung wäre ich nie gekommen, obwohl die Hinweise da waren und es auch logisch und konsequent aufgelöst wird. Trotz der angesprochenen Kritikpunkte empfand ich einen großen Lesegenuss. Ein absoluter Hingucker war für mich das aufwendig gestaltete Cover, das das Grauen des Thrillers gut wiedergibt. Auf weißem Grund prangen über Namen und Buchtitel zwei Streifen erhabenes, mit Blutspritzern versehenes Isolierband.


Yrsa Sigurdardóttir wurde 1963 geboren. Die studierte Bauingenieurin übt ihren Beruf weiter aus. Auch als 2005 ihr erster Kriminalroman um die Anwältin Dora Gudmundsdottir erscheint. Eine Reihe, die sich auch in Deutschland großer Beliebtheit erfreut. In vielen ihrer Bücher ist ihre Affinität für das Mystische zu spüren.


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