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Die Nickel Boys

Colson Whitehead , Henning Ahrens
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 03.06.2019
ISBN 9783446262768
Genre: Romane

Rezension:

"Am Besuchstag erzählte er, es gehe ihm gut, er sei nur traurig, es sei nicht einfach, doch er gebe sich Mühe, obwohl er am liebsten gesagt hätte: Sieh nur was sie mir angetan haben, sieh nur, was sie mir angetan haben."


Elwood Curtis ist ein aufgeweckter junger Schwarzer, der im rückständigen Florida groß wird und von Gleichberechtigung, Freiheit und Freundlichkeit träumt. Er erhält die Möglichkeit, einige Kurse am College zu belegen - eine Novität in seiner Familie. Doch als er per Anhalter in einem geklauten Auto mitfährt und selbst des Autodiebstahls bezichtigt wird, endet sein bisheriges Leben abrupt - und die Hölle der Nickel-Besserungsanstalt beginnt.

Auch in seinem neuen Roman lässt sich Colson Whitehead von realen Ereignissen inspirieren, die vor einigen Jahren in Florida ans Licht kamen. Das Nickel ist eng angelehnt an die Dozier School of Boys, und die Erzählung rund um Elwood, Turner und die anderen Jungs fußt auf Zeugenberichten und Ausgrabungen. Brandheißes Material also, v.a. in Zeiten von erneut aufflammendem Rassismus und gewalttätigen Zuständen in den USA.

Doch leider erhält Whitehead von mir nur ein "ungenügend" - Thema verfehlt. Am Anfang investiert der Autor viel Energie in die Schilderung von Elwoods Leben vor dem Nickel, und genau diese detailreiche, eindrückliche Erzählung überzeugte mich davon, das Buch lesen zu wollen. Der Hauptteil des Roman spielt allerdings in der Besserungsanstalt Nickel, wo die Rassentrennung vollzogen wird wie sonst auch überall - und die schwarzen Jungs natürlich besonders viel zu leiden haben. Hauptsächlich begleitet man Elwood, aber auch Ausflüge zu Turner kommen vor. Irgendwann springt die Geschichte dann in Elwoods Zukunft nach dem Nickel - das waren die für mich langweiligsten und uninteressantesten Passagen, da sie die Geschichte im Nickel unschön durchbrachen und häufig für Verwirrung sorgten.

Die Erzählweise in der dritten Person sorgt dafür, dass die Distanz zu Elwood un Co. groß bleibt, ja eigentlich unüberbrückbar. Es gab nur zwei Stellen im Buch, die mich berührt haben - die oben zitierte, als Elwood Besuch von seiner geliebten Großmutter bekommt, und die nach dem Boxkampf, als der etwas minderbemittelte Kandidat der schwarzen Jungs weint, weil er weiß, was ihm nach seinem Sieg blüht. Ansonsten hat mich das Geschehen weder berührt noch sonderlich schockiert, denn irgendwie war ja von Anfang an klar, was man diesen Jungen dort antut. Das schriftstellerisch Großartige wäre dann der Einblick in die Psyche der Jungs gewesen - sonst kann ich auch einfach die Zeitungsberichte über die Dozier School lesen. Der Anti-Rassismus-Holzhammer samt So-erging-es-allen-Schwarzen-Keule können das in keinster Weise ersetzen und nerven nach dem zigsten Mal nur noch. Die Charaktere selbst waren so flach und uninspiriert, dass ich manchmal kaum die Namen auseinander halten konnte - nicht einmal die der beiden Protagonisten Elwood und Turner, geschweige denn die der Aufseher oder anderen, am Rande erwähnten Jungs.

Hinzu kommt der holprige, bemüht wirkende Schreibstil, der dem ganzen Geschehen eine unerträglich pathetische Note gibt und völlig sinnentleerte Sätze produziert, die nicht ins Hirn und schon gleich gar nicht ins Herz gehen. Kostprobe gefällig? "[...] all diese mühsam aufgebauten, heiß geliebten Animositäten spielten keine Rolle mehr, wenn man ein paar Stunden einen Stellvertreter-Ritus der Strapazen und der Qualen feierte." (S.169). Diesen Satz benutzt Whitehead zur Beschreibung der Stimmung bei einem Marathon in New York. Das liest sich wahnsinnig zäh, und ich hatte schnell keine Freude mehr an diesem aufgesetzt Literarischen.

Whitehead schafft es, dass mir ein knapp 200 Seiten kurzes Buch endlos erschien, durch eine Story, die immer weiter nachlässt, einen Schreibstil, der jeden Menschen mit literarischem Feingefühl quälen muss, und Charaktere, die weder im Kopf bleiben noch Gefühle vermitteln. Einen Punkt vergebe ich nur für den gelungenen Plottwist, der mich wirklich gepackt hat, und das generell spannende Thema. Die Holzhammer-Erzählweise sollte der Autor aber dringend nochmal überdenken. Leider ein ganz schöner Flop!

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All das zu verlieren

Leïla Slimani , Amelie Thoma
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 13.05.2019
ISBN 9783630875538
Genre: Romane

Rezension:

"Ich begreife einfach nicht, wie eine Frau wie du sich in eine solche Situation bringen konnte. Du hättest deine Freiheit behalten und dein Leben so leben können, wie es dir passt, ohne all die Lügen. Es erscheint mir... abwegig."


Nach außen hin führt Adèle ein Leben, dem es an nichts fehlt. Sie arbeitet als Journalistin und ist finanziell unabhängig, zusammen mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn lebt sie in einem schicken Viertel. Doch Adèle ist mit diesem Leben nicht zufrieden. Sie sucht Erfüllung in den Armen und den Betten fremder Männer, obwohl sie weiß, dass sie langsam die Kontrolle verliert und damit alles aufs Spiel setzt.

Adèle ist eine Frau, die verzweifelt nach dem Glück sucht. Sie findet es weder bei ihrer Familie, noch bei ihren zahlreichen Liebhabern, mit denen sie zunehmend brutalen Sex hat. Ihre Freundin Lauren fragt sie, warum sie sich überhaupt für die Ehe entschieden hat, wo sie doch so ausgeprägte sexuelle Bedürfnisse hat. Doch eines ist klar: Adèle sucht Schutz, vor sich selbst und der Welt, sie will sich in die vorgefertigten Muster bürgerlicher Normalität fügen - und darin hat Sexsucht nichts verloren. Das Familienleben sollte sie umhüllen wie ein Mantel, ihr Erfüllung bringen, doch die bleibt aus. Also vermutet sie das Glück anderswo, in der verlorenen Welt ungebändigter Sexualität. Doch auch dort wartet nichts auf sie, sie sehnt sich zurück zu ihrer Familie... und so beginnt die Odyssee dieser Frau, die gnadenlos und zwanghaft um sich selbst kreist.

Dieses innerliche Losgelöstsein von jeder Normalität versteht Slimani so hervorragend zu versprachlichen, dass ich manchmal völlig vergaß, dass diese Geschichte in unserer Welt spielt. Adèles Leben, ihre Gedanken sind so verstörend, dass es unmöglich erscheint, einen Bezug zur mir bekannten Realität herzustellen. Nur in den Gesprächen mit Lauren erkennt man, dass Adèle tatsächlich ein Mensch im eigentlichen Sinne ist. Diese Geschichte hatte für mich etwas immanent Bedrohliches, etwas zutiefst Aufwühlendes, das sich bis zum Ende hin nicht recht fassen lässt. Adèle entgleitet dem Leser, sie passt in keins der üblichen Muster. Was sie tut, ist nicht einfach nur ein Ausbrechen aus ihrem Leben - sonst würde sie letztendlich, als ihr Mann Richard ihre Affären entdeckt, einfach gehen. Der brutale Sex ist nicht einfach nur dazu da, dass sie sich spürt. Das sind die altbekannten Geschichten über Frauen, die mit ihrem Leben unzufrieden sind. Bei Adèle ist das Ganze grundlegender.

Ihre Sexsucht beginnt nicht erst im Erwachsenenalter, bedingt durch Wohlstandslangeweile und eine unglückliche Ehe, sondern schon sehr früh in ihrer Jugend. Die Autorin lässt immer wieder verstörende Einzelheiten einfließen, die zeigen, wie hilflos Adèle diesem inneren Drängen ausgeliefert ist. Einblicke in das Leben mit der Mutter zeigen, warum Adèle unfähig ist, sich selbst zu lieben und sich von anderen geliebt zu fühlen. Zwar ist ihr kleiner Sohn für sie eine Art Lebensmittelpunkt, sie weiß, dass sie tief in sich Liebe für ihn empfindet - verborgen hinter Angst, Wut und Hass - doch er ist ihr oft auch einfach nur lästig. Er hat Bedürfnisse, bürdet ihr gewissermaßen eine Fremdbestimmung auf, die sie nicht mit ihrer Suche nach Erfüllung vereinbaren kann. Das Kind gibt ihr nichts, so sehr sie es sich auch wünscht. Und der kleine Lucien hat mein vollstes Mitleid.

Im zweiten Teil des Buches kommt auch Adèles Mann Richard zu Wort, der ihre Affären entdeckt und die Familie daraufhin in ein einsames Landhaus verfrachtet, jeden Kontakt zum alten Leben abbricht und sie zwanghaft überwacht. Adèle arrangiert sich, doch sie weiß, ihr Leben ist leer. Nicht, dass es davor erfüllter gewesen wäre -  es gab nur mehr Ablenkung. Adèle ist eine Frau, die an der Oberfläche treibt, und wenn sie in sich hineinspürt, dann ist da nichts als Leere. 

Die Tragik dieser Geschichte ist nicht offenkundig. Es ist keine Geschichte von Emanzipation. Es ist die Geschichte einer seelisch zerrütteten Frau, die dem Leben nichts abgewinnen kann, aber auch nicht sterben will. Es ist die Geschichte zweier Menschen, die sich abgrundtief hassen, aber auch nicht ohneeinander auskommen. Slimani erklärt diese Reflexe menschlicher Herzen nicht, die Geschichte kann genauso wenig aus ihrer Haut wie die Adèle und RIchard, und so bewegt sich alles in einem endlosen, zermürbenden Kreis, der für niemanden einen Ausweg bietet. Ende offen. 

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Der Koran und die Frauen

Benjamin Idriz
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Gütersloher Verlagshaus, 22.04.2019
ISBN 9783579014630
Genre: Sachbücher

Rezension:

"Wenn nun die Irrtümer bereits bei so elementaren Vorstellungen wie die von der Entstehung der Menschheit beginnen, dann müssen sie in der Folge auf die ganze Lebenspraxis der Menschen verhängnisvolle Auswirkungen haben."


Frauenfeindlichkeit und Islam -  das scheint für viel zusammenzugehören. Und sicherlich ist es in der Lebenspraxis vieler Muslime auch tatsächlich so. Der Imam Benjamin Idriz hat es sich zur Aufgabe gemacht, dies zu ändern, und zeigt in seinem Buch anhand des Korans und diverser Hadithe, dass der Islam eine immanent frauenfreundliche Religion ist, geleitet von dem Streben nach Gerechtigkeit und Gleichheit.

Kurz und bündig, auf knapp 150 Seiten, und dadurch sehr verständlich stellt Idriz die riesige Diskrepanz dar zwischen dem, was der Koran und der Prophet offenbaren, und dem, was die klassische islamische Lehre daraus macht. Er veranschaulicht, dass der Koran zur Zeit seiner Offenbarung eine befreiende Wirkung für die Frauen hatte, und ganz klar im historischen Kontext verstanden werden muss. An keiner Stelle allerdings finden sich frauenfeindliche Suren, denn das würde dem grundlegenden Ziel des Korans diametral widersprechen: Gerechtigkeit schaffen . Idriz erklärt, dass die Frauen zu Muhammeds Zeiten den Männern gleichgestellt waren, und dass diese Errungenschaft schon in der zweiten Generation der Muslime wieder verloren gegangen ist. 

Mit großer Sach- und Fachkenntnis dekonstruiert Idriz geläufige Irrtümer bei der Koraninterpretation und -übersetzung. Er zeigt, dass das Wort Wadribuhunne! fälschlicherweise als Dann schlagt sie! interpretiert wird, obwohl der Verbstamm im gesamten restlichen Koran niemals mit schlagen konnotiert ist, sondern ausschließlich mit weggehen, verlassen. Er erklärt, dass nirgends im Koran geschrieben steht, dass die Frau während ihrer Periode unrein ist. Im Paradies warten außerdem keine 72 Jungefrauen nur für Männer, sondern engelsgleiche Wesen, die alle Menschen, die ins Paradies eingehen, begleiten. Es wird ganz deutlich, dass die geläufigen Koraninterpretationen gesellschaftlich-sozial zu verstehen sind, nicht religiös-gottesfürchtig . Muslimische Männer sichern sich so ihr Vorrecht vor der Frau, unter Berufung auf eine heilige Schrift und einen Propheten, die das exakte Gegenteil predigen.

Für mich war die Lektüre des Buches äußerst aufschlussreich. Es zeigt sich wieder einmal, wie viel von der Interpretation des Textes abhängt, und wie wenig traditionelle Vorstellungen vom Islam damit übereinstimmen, was er eigentlich ist. Wenn man sich nur einmal auf seine Grundwerte zurückbesinnt, so lösen sich praktisch alle Probleme hinsichtlich der Gleichstellung der Frau in Luft auf. Und es ist wirklich traurig, dass so viele Muslime vorgeben, nach dem Koran und den Worten des Propheten zu handeln, ohne sie zu verstehen oder sich jemals genauer damit auseinanderzusetzen. Leider bleibt zu befürchten, dass es noch ein langer und steiniger Weg ist, bis dieses Bewusstsein auch in den konservativen muslimischen Ländern ankommt, die Frauen gezielt und unverhohlen unterdrücken. 

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Der Zopf meiner Großmutter

Alina Bronsky
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 09.05.2019
ISBN 9783462051452
Genre: Romane

Rezension:

"Die Großmutter hatte es nun doch geschafft. Der Zopf fiel in meine Hände wie ein totes Tier."


Großmutter, Großvater und Enkel kommen als Auswanderer nach Deutschland und versuchen, Fuß zu fassen. Die neue Welt entgleitet der Großmutter, der Großvater verliebt sich neu, und Mäxchen muss irgendwie durch das Chaos der Erwachsenen navigieren. 

Nach meiner großen Liebe für "Baba Dunja" habe ich mich außerordentlich auf Alina Bronskys neuesten Roman gefreut - der mich letztendlich enttäuscht zurücklässt. Aus einer völlig anderen Perspektive wird hier von einer ähnlich schrägen Frau wie Baba Dunja erzählt, nur dass der Großmutter Margo jede Liebenswürdigkeit fehlt. Ihre Hasstiraden, Beschimpfungen und fehlgeleiteten Bemutterungsversuche empfand ich als äußerst anstrengend, manchmal hat mich diese Figur richtiggehend aggressiv gemacht. Ich konnte kaum Sympathie für die Frau aufbringen, die eigentlich alle tyrannisiert und absolut verblendet ist von ihren Vorstellungen von gesundem Leben. Ständig müssen Hände gewaschen und desinfiziert werden, es gibt nur weich gekochtes Gemüse und Haferschleim für Mäxchen, außerhalb essen darf er gar nicht. Dieser Tick lässt sich vielleicht durch das Trauma erklären, das auf den letzten Seiten aufgedeckt wird (auch so eine Sache - das Ende...), aber es ist doch eigentlich nicht genug, um eine Figur ausreichend zu charakterisieren. Wenn ein Charakter so einseitig bleibt, dann nervt er irgendwann nur noch.

Bronsky unternimmt zwar Versuche, auch Einblicke in die Vergangenheit der Großmutter zu gewähren, aber dadurch, dass Mäxchen die Geschichte erzählt, bleibt leider sehr vieles im Dunkeln. Ich hätte gerne mehr über Maya erfahren, über die Aufnahme Mäxchens durch die Großeltern, über die Geschichte des Großvaters, über Vera. Hintergrundinfos muss man aufmerksam herausfiltern, und selbst dann bleiben sie marginal . Das fand ich sehr schade, da mir dadurch der Zugang zu den Figuren und ihrer Geschichte verwehrt blieb. Die eigentliche Geschichte kompensiert einfach nicht, was an Substanz dahinter fehlt. Außerdem fallen Erzählzeit und erzählte Zeit so weit auseinander, dass kaum Tiefe entstehen kann.

"Der Zopf meiner Großmutter" ist zwar wieder ein humorvoll erzähltes Buch, bei dem ich den Bronsky-Beat heraushören, aber ihn eben nicht fühlen konnte. Ich hätte es sinnvoller gefunden, die Geschichte aus Sicht der Großmutter zu erzählen, um dieser Frau ein wenig in den Kopf schauen zu können. So bleibt sie für mich auch nach dem Lesen eine psychisch gestörte Frau, der ich wenig abgewinnen konnte. 

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Das wilde Leben der Cheri Matzner

Tracy Barone , Stefanie Schäfer
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 24.04.2019
ISBN 9783257070552
Genre: Romane

Rezension:

"Man brauchte ein Diagramm für meine Familie, um deutlich zu machen, wer was über wen wusste und zu welchem Zeitpunkt. Momente der Offenheit sind selten gewesen."


Der Radiologe Solomon und seine italienische Frau Cici freuen sich auf ihr Kind. Sie haben schon ein schönes Häuschen gekauft und bereiten sich auf ein trautes Leben zu dritt vor. Doch dann gibt es Komplikationen, und Cici verliert das Baby. Sie droht, für immer in einer schweren Depression zu versinken - oder Schlimmeres. Der verzweifelte Solomon sieht nur einen Ausweg und adoptiert ein kleines Mädchen, dem Cici seine ganze Liebe schenkt. Doch Cheri ist nicht so, wie ihre Adoptiveltern es gern hätten, und wird es auch ihr ganzes Leben lang nicht sein.

Ein fantastischer erster Teil leitet dieses Buch ein, in dem detailgetreu beschrieben wird, wie Solomon und Cici zueinander fanden, wie Cici nach Amerika kam, wie sie lebten und liebten. Und am wichtigsten: Wie Cheri zur Welt kam und von ihrer leiblichen Mutter zurückgelassen wurde. Ein junger Mann namens Billy Beal überzeugte seine Mutter, den Säugling aufzunehmen, in der großen Hoffnung, Cheris Mutter käme zurück. Doch das geschah nicht, und Cheri wurde unter fragwürdigen Umständen an die Matzners übergeben. 

Soweit so gut. Dieser erste Teil liest sich sehr spannend, ist wirklich berührend und einfach toll erzählt. Doch dann, nach ein paar Dutzend Seiten, kommt ein Sprung von 40 Jahren. Solomon ist bereits tot, Cheri selbst (unglücklich) verheiratet und Cici ist degradiert worden zur nervigen Randfigur in Cheris Leben. Zwar werden in Rückblenden immer wieder auch Cheris Jugendjahre beleuchtet, aber mir fehlte dazu der konkrete Bezug. Es schien, als sei Cheris "wildes Leben" schon gelaufen. Anstatt den Leser aktiv an Cheris Leben teilhaben zu lassen, hat die Autorin hier eine für mich ziemlich undynamische Erzählweise gewählt. 

Im Grunde war dieses Leben auch gar nicht wild, sondern einfach nur traurig . Von den Eltern ständig missverstanden, immer in Kontakt mit Drogen, Rebellion um der Rebellion willen, gescheiterte Beziehungen und ein von Tiefschlägen begleitetes Arbeitsleben. Doch Cheri ist nicht einfach Opfer ihres Lebens, sie gestaltet es ganz aktiv so, und das ist nicht immer sympathisch . Sie ist in allem, was sie tut, eine absolute Überfliegerin - beste Schützin im Revier (und trotzdem, oder gerade deshalb, verhasst), beste Keilschriftenexpertin der USA (jedoch von der Lehrtätigkeit suspendiert). Nichts scheint zu funktionieren in ihrem Leben, doch all ihre Leidenschaften verlaufen auch irgendwie im Sande. Sie ergibt sich kampflos in die Suspendierung, der ständig irgendwo herumgeisternde Irakkrieg ist am Ende nur noch Makulatur, ihre Expertise von niemandem gefragt. Gleichzeitig führt sie ausschließlich ungute Beziehungen . Ihre Eltern verteufelt sie (Sol wegen mangelnden Verständnisses, Cici wegen überschwänglicher Liebe), ihren Ehemann kann sie nicht mehr ausstehen und findet erst wieder zu ihm, als er kurz vor dem Tod steht, Freunde hat sie, bis auf Taya, keine. Irgendwie war mir dieser Charakter rätselhaft, und zwar nicht auf authentische Art und Weise.

Das große Thema Eltern-Kind-Beziehung wird kaum berührt. Immer wieder fließen ein paar Weisheiten ein, nach dem Motto "Was wissen wir schon über unsere Eltern?" Selbst mit 40 Jahren verhält sich Cheri noch immer wie ein kleines Kind, das denkt, die Eltern wären nichts als Eltern. Die große Erkenntnis: "Oh, sie hatten/haben ein eigenes Leben! Sie haben Gefühle! Sie haben eine Geschichte!" Schon ein wenig absurd . Außerdem hätte ich so gerne mehr über Cicis Leben erfahren, das nur kurz am Anfang des Buches geschildert und dann durch die Augen ihrer Tochter verzerrt dargestellt wird . Weniger große Zeitsprünge und eine kontinuierlich erzählte Geschichte hätten dem Buch gut getan und auch für einige Überraschungen gesorgt, die im Grunde schon vorweggenommen waren. 

Am meisten geärgert hat mich dann allerdings das Ende, das mir zu sehr nach Soap Opera schmeckte . Da zeigen sich Cheris vermeintliche Wurzeln, klären sich ominöse Veranlagungen, wird kitschige "Bin ich nun ein Produkt von Erziehung oder von Biologie"-Rhetorik ausgepackt. Alles in Cheris Leben scheint letztlich seine Begründung im Leben ihrer Vorfahren zu haben - das war mir einfach zu fatalistisch und realitätsfern. Man merkt der Geschichte deutlich an, dass sie von einer Cineastin geschrieben wurde, denn sie verliert sich zunehmend in effekthascherischen Szenen , die künstliche Spannung erzeugen und kitschige Bilder heraufbeschwören. Das hat mir wirklich sauer aufgestoßen, gerade, da das Buch so stark angefangen hat.

Auch wenn ich das Buch sehr schnell gelesen und zunächst als typisch kauzige Diogenes-Geschichte empfunden habe, lässt sie mich nach längerem Nachdenken doch sehr enttäuscht zurück. Zu schnell verliert die Autorin den Fokus und behilft sich mit strategisch platzierten Pseudo-Weisheiten, die eine tiefgründige Geschichte nicht ersetzen können. Der Kampf mit diesem Buch zeigt sich allein schon bei der Wahl des Titels : Im Original "Happy Family", beim deutschen Leseexemplar "Thanksgiving", die deutsche Originalausgabe dann "Das wilde Leben der Cheri Matzner". Da schien sich auch der Verlag nicht entscheiden zu können, um was es denn nun geht. Das ironische "Happy Family" hätte mir jedoch am besten gefallen, denn um die Dysfunktionalität der Familie ging es im Grunde, auch wenn es nicht richtig ausgearbeitet wurde. Ein Buch, das extrem stark anfängt und dann beinahe sofort nachlässt. Sehr sehr schade!

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78 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 59 Rezensionen

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Liebende

Jeong Ho-seung , Bernhard Kleinschmidt
Fester Einband: 128 Seiten
Erschienen bei O.W. Barth, 01.03.2019
ISBN 9783426292945
Genre: Sachbücher

Rezension:

"Begegnungen sind geheimnisvoll, genauso wie die Liebe. Sobald wir einander begegnen, fangen wir an, die Geschichte unseres Lebens zu schreiben."


Blauperlenauge und Schwarzperlenauge sind zwei Fisch-Windspiele, die zusammen am Dach eines abgeschiedenen buddhistischen Tempels baumeln. Sie sind einander in Liebe verbunden, doch nach vielen Jahren beginnt diese Liebe zu verblassen. Blauperlenauge ist mit ihrem statischen Leben unzufrieden, und so entschließt sie sich, ein fliegender Fisch zu werden und Schwarzperlenauge hinter sich zu lassen. Für sie beginnt ein Leben voller Abenteuer und Gefahren.

Der Untertitel kündigt es ja schon an: Es handelt sich um ein sehr poetisches kleines Büchlein, das manchmal etwas zu viel des Guten an Lebensweisheiten und Sinnsprüchen beinhaltet. Dennoch, "Liebende" war ein schönes, meditatives Leseerlebnis, bei dem man Blauperlenauge auf der Suche nach sich selbst und der wahren Liebe begleitet.

Blauperlenauge begegnet allerhand unterschiedlichen Gestalten und lernt so die verschiedenen Facetten der Liebe kennen. Auch Schmerz und Tod sind ständige Begleiter bei ihren Abenteuern - ich war doch überrascht, welch brutale Tode manche der Figuren in der Fabel sterben. Demgegenüber stehen dann immer wieder die Sanftheit der Natur und die Weisheit der Buddhas, die Blauperlenauge regelmäßig um Rat bittet.

Blauperlenauges Suche nach Identität konnte ich ziemlich gut nachvollziehen. Man denkt, draußen in der Welt sei das große Wissen, die große Liebe, das große Alles zu finden, doch eigentlich entfernt man sich immer weiter von dem Menschen, der man eigentlich ist. Die Moral von der Geschichte hat natürlich mehrere Lesarten, doch ich möchte daraus mitnehmen, dass man nicht glücklich werden kann, wenn man sich erzwungen gegen das stellt, was das eigene Herz begehrt und was man eigentlich ist. 

"Liebende" ist also eine schöne, wahre Parabel auf das, was man Liebe nennt. Hervorzuheben sind die wirklich hübschen Illustrationen, die extra für die deutsche Ausgabe angefertigt wurden. Ein guter Booksnack für meditative Abende im Bett.

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Remember Mia

Alexandra Burt , Susanne Goga-Klinkenberg
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 12.01.2018
ISBN 9783423217095
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:  
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24 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 21 Rezensionen

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Das Gewicht eines Pianos

Chris Cander , Ursula C. Sturm , Ursula C. Sturm
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 01.02.2019
ISBN 9783959672801
Genre: Romane

Rezension:

"Musik war für sie das einzige Mittel gegen ihre Traurigkeit."


Als Katya ein junges Mädchen ist, lauscht sie jede Nacht dem Deutschen, der in der Wohnung über ihr Klavier spielt. Als er stirbt, erbt sie das Piano - ein Blüthner, ihre erste große Liebe.
Clara ist Automechanikerin in einer Kleinstadt nahe L.A. Ihre Eltern sind bei einem Brand ums Leben gekommen, und ihre wichtigste Erinnerung an die beiden ist ein Blüthner-Piano, mit dem sie eine Hass-Liebe verbindet.

Der Klappentext lässt es schon vermuten - die Verbindung zwischen den beiden Frauen, deren Leben mehrere Jahrzehnte trennt, scheint das Blüthner-Klavier zu sein. Wieder mal ein Roman, in dem zwei Geschichten über ein Objekt verknüpft werden, dachte ich. Doch das Klavier, um das es hier geht, ist nicht einfach nur ein Objekt, nein, ganz im Gegenteil. Es ist ein aktiver Teil der Geschichte, beinahe ein eigener Charakter, den wir ab seiner "Geburt" begleiten. Die Symbolik des Pianos ändert sich im Laufe der Geschichte immer wieder, es ist immer präsent und für so viele Menschen von Bedeutung, dass es eben nicht einfach nur ein Klavier ist.

Clara, die Automechanikerin, lebt ein bescheidenes, durchschnittliches Leben und verlangt auch gar nicht mehr. Sie hatte schon ein paar Beziehungen, die alle zu nichts führten, und ist mit ihrer kleinen Welt recht zufrieden. Nur der allzu frühe und tragische Verlust ihrer Eltern schmerzt sie sehr. Das Blüthner, ein Geschenk ihres Vaters, kann sie nicht spielen, aber weggeben kann sie es auch nicht - es ist nach dem Brand der einzige Gegenstand, der ihr von ihrer Familie noch geblieben ist. Als sie es in einem Anfall von Frust doch inseriert, wird es prompt von Greg gekauft, dem sie es schließlich nur vermietet und mit dem sie eine abenteuerliche Reise ins Death Valley beginnt, in deren Zentrum wieder einmal das Klavier steht. 

Das Death Valley als Kulisse hat mir ausgesprochen gut gefallen. Der Autorin ist es gelungen, Bilder in meinem Kopf zu erzeugen, die eine ganz eigene Atmosphäre und Melancholie mit sich bringen. Genauso hat sie es geschafft, die Musik im Buch lebendig zu machen und  ihr Fehlen schmerzhaft hervorzuheben.

Denn für Katya, die zweite Protagonistin der Geschichte, ist die Musik alles. Genauer gesagt die Musik, die sie auf ihrem Blüthner zaubert. Es begleitet sie, seit sie neun Jahre alt ist, und sie studiert am Leningrader Konservatorium Klavier. Ihr Spiel ist bezaubernd, das hört man beim Lesen. Das Klavier lässt sie Zeit ihres Lebens nicht los, auch nicht, als sie mit ihrer Familie schließlich in die USA auswandert. Katyas Geschichte ist tragisch, doch Claras Leben erscheint als hoffnungsvolle Fortsetzung. Die Geschichten der Frauen werden in ganz unterschiedlichem Tempo erzählt - Katyas in großen Sprüngen, Claras kleinschrittig und detailliert -, was dem Roman eine sehr eigene, mitreißende Dynamik verleiht.

Eine große Stärke des Buches sind, neben den eindringlichen Landschafts- und Musikbeschreibungen, die authentischen Charaktere, die alle voller Fehler und Eigenheiten und dabei herrlich normal sind. Jeder dieser Menschen hat sein Päckchen zu tragen, und man kann die Verbindungen zwar bald erahnen, aber die konkreten Auflösungen sind dann doch sehr spannend zu lesen. Die Autorin beweist großes Geschick darin, die zentralen Ereignisse der Geschichte aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln zu beleuchten, sodass man als Leserin zwar manchmal einen Wissensvorsprung hat, die Figuren dann aber doch sehr gerne beim Ergründen der Rätsel begleitet, da ihre emotionalen Perspektiven so ehrlich und nachvollziehbar sind, dass es ein reines Vergnügen ist, dieses Buch zu lesen.

"Das Gewicht eines Pianos" eignet sich hervorragend für all jene, die zwar verknüpfte Geschichten mögen, dabei aber gut auf Kitsch, Tand und allerlei grandiose Zufälle verzichten können. Es ist keine fröhliche Geschichte, und die Figuren und ihr Schicksal lassen niemanden kalt. Aber es lohnt sich, der Reise des Blüthners von Russland nach Amerika, von Katya zu Clara zu Greg zu folgen und die Musik dieses Romans ins Herz aufzunehmen.

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37 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 29 Rezensionen

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Erhebung

Stephen King , David Nathan
Schallplatte
Erschienen bei Random House Audio, 12.11.2018
ISBN 9783837144611
Genre: Romane

Rezension:

Merkwürdiges geht vor in Scotts Leben: Er wird immer leichter, doch sein Körper verändert sich nicht. Auch Klamotten und andere Gegenstände scheinen kein Gewicht mehr zu haben, wenn er sie berührt. Langsam aber sicher kann er seinem eigenen Verschwinden zusehen. Das hindert ihn allerdings nicht daran, in Castle Rock für Gerechtigkeit und ein friedliches Miteinander einzutreten.


Bei Steven King denke ich irgendwie an Horror, oder jedenfalls an Grusel. Was mir in "Erhebung" begegnete, war allerdings eher Gesellschaftskritik mit einer Prise Übernatürlichem. 

Im Grunde geht es darum, dass Scotts lesbische, verheiratete Nachbarinnen in Castle Rock ständiger Häme ausgesetzt sind - rückständigstes, republikanischtes Amerika also. Auch Trump bekommt dabei natürlich seinen Senf weg. Scott geistert durch die Stadt und führt repetitive Gespräche über diese Art der Diskriminierung, als hätte er vorher in einer Seifenblase gelebt. Das sorgt nicht gerade für Hochspannung.

Das eigentlich Interessante an der Geschichte - Scotts Gewichtsverlust - wird einfach als Tatsache akzeptiert. Ständig erwartet man eine Art Auflösung, aber da kommt nichts. Es endet einfach nicht sehr gut für Scott, auch wenn er im Zuge seiner ominösen "Krankheit" gute Freunde findet und (anscheinend) über sich selbst hinauswächst - eine "Erhebung" eben. Was soll uns das sagen? Für mich ist das eine Parabel, hinter die ich nicht ganz steige und die mir auch zu theatralisch angelegt ist.

Als Sprecher eignet sich Nathan zwar gut, aber er konnte mich nicht so umhauen, wie das die etlichen positiven Stimmen zu seinen Vertonungen vermuten ließen. Insgesamt war dieses Hörbuch für mich kein erhebendes Erlebnis, leider. Vielleicht versuche ich es mal mit einem älteren King - irgendwann.

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Mulans Töchter

Bettine Vriesekoop , Bärbel Jänicke
Flexibler Einband: 244 Seiten
Erschienen bei Pirmoni, 17.10.2018
ISBN 9783981746051
Genre: Sachbücher

Rezension:

"Das Problem in China besteht darin, dass die Schubladen so deutlich voneinander getrennt sind. Die Rollen von Männern und Frauen sind starr und nicht untereinander austauschbar."


Mulan, im Westen v.a. bekannt aus dem gleichnamigen Disneyfilm, steht in China sinnbildlich für die starke, unabhängige Frau, die einem Mann in nichts nachsteht. Die Journalistin und langjährige China-Korrespondentin Bettine Vriesekoop hat sich auf den Weg gemacht und moderne Frauen interviewt, die aus den starren Konventionen des chinesischen Lebens ausbrechen und ihre Sexualität leben wollen. 

Literarische Einblicke in fremde Kulturen, über die viele Klischees und dafür umso weniger Wissen und Verständnis herrschen, finde ich immer sehr spannend. Noch besser wird es dann, wenn sich das Buch mit der Rolle der Frau, ihrer Emanzipation und dem Feminismus im jeweiligen Land beschäftigt. Da hatte Bettine Vriesekoop direkt meine Neugierde geweckt.

In jedem der zahlreichen Kapitel widmet sich die Journalistin einem anderen Thema, zu dem sie dann die entsprechenden Frauen interviewt. Zu den vielfältigen Themen zählen Prostitution, Sexualtherapie, Sexspielzeug, Verkupplungsmarkt, Ein-Kind-Politik,  Schönheits-OPs und Füßebinden. Die Frauen, die die Autorin für ein Gespräch gewinnen konnte, sind allesamt so interessant wie diese Themen. Doch leider merkt man, dass sie verhalten antworten, dass sie eben ein Interview führen (noch dazu mit einer Ausländerin), und dass das Vertrauen nicht allzu groß ist. Vielmals drehen sich die Gespräche im Kreis und werden schnell repetitiv , teilweise erscheinen Vriesekoops Fragen auch unzusammenhängend. Wie sie die Gespräche wiedergibt, wirkt zudem nicht sehr authentisch, da es sich oftmals einfach um Monologe der Interviewten  handelt, die von Vriesekoop offensichtlich "aufgehübscht" wurden. 

Leider bieten auch nicht alle Interviews neue Erkenntnisse. Vieles hatte man schon in anderen Kapiteln gelesen, vieles wurde danach wiederholt. Der Autorin ist es außerdem auch nicht gelungen, die teilweise widersprüchlichen Standpunkte und Aussagen sinnvoll zu verknüpfen, also einen editorischen Kommentar abzugeben und Stellung zu nehmen. Das hat mir gefehlt - eine leitende Stimme, die die Ergebnisse aus den Interviews auswertet und sinnvoll verknüpft. Der Epilog soll das wohl leisten, wirkt aber leider eher wie eine Zusammenfassung des zuvor ausführlich Geschilderten.

So verlieren die eigentlich hochinteressanten Frauen und ihre Geschichten an Mehrwert, da sie im Endeffekt einfach nicht viel aussagen. Zudem finde ich die Verknüpfung mit Mulan schwierig - muss eine Frau zum Mann werden, um für voll genommen zu werden? Dieser Irrglaube wird leider nie aufgelöst und bleibt unkommentiert im Raum stehen. 

Nichstdestotrotz hat mir die Autorin mit ihrem Sachbuch einen interessanten Überblick über die chinesische Gesellschaft, ihre historische Entwicklung und die Rolle der Frau darin vermittelt. Der tiefere Einblick allerdings fehlte.

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19 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 13 Rezensionen

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Im Blick

Marie Luise Lehner
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 16.08.2018
ISBN 9783218011099
Genre: Romane

Rezension:

"Der Club ist ein Männerraum, so wie auch die Straße ein Männerraum ist, so wie die Welt im Augenblick ein Männerraum ist."


Zwei Mädchen wachsen gemeinsam auf und lernen schon früh, Mädchen zu sein. Sie schminken sich, flirten, gehen feiern, reisen und haben Sex. Anja, die beste Freundin der Ich-Erzählerin, mit Männern, die Erzählerin mit Frauen. Doch vor den Blicken der Männer, vor ihren ungewollten Berührungen und ihren eindeutigen Zurufen sind sie beide nicht sicher. Am eigenen Leib müssen sie erfahren, dass Freiheit nicht für beide Geschlechter das Gleiche bedeutet.

Der Klappentext hat mich begeistert: Juhu, ein literarischer Beitrag zur MeToo-Debatte! Und wie wurde ich enttäuscht. Marie Luise Lehner präsentiert mit "Im Blick" ein fragmentiertes, wirres Schriftstück, ca. 200 Seiten kurz, bei dem ich bereits 50 Seiten gebraucht habe, um überhaupt die Figurenkonstellation zu verstehen. Die Ich-Erzählerin berichtet nämlich auf zwei Zeitebenen - einmal aus ihrer Jugend mit Anja, einmal aus ihrer aktuellen On-/Off-Liebesbeziehung. Dass es sich beide Male um die gleiche Erzählerin handelt, darauf muss man erstmal kommen. Ein wenig mehr Klarheit wäre mir da lieber gewesen.

Klarheit ist allerdings generell nicht die Stärke dieses Romans. Ständig fragte ich mich, ob dieses "Du", das die Erzählerin in den Passagen über ihre Liebesbeziehung anspricht, nun männlich oder weiblich ist. Das "Du" trägt Nagellack, wollte mit einer Frau Kinder bekommen, die Erzählerin bezeichnet sie beide als "Passantinnnen", spricht aber gleichzeitig von ihrer heterosexuellen Beziehung. Hä?! Was soll uns dieses Verwirrspiel zeigen? Dass die Grenzen der Identität fließend sind? Im Endeffekt ist es nur nervig .

Thema Figuren: Mir erscheinen die Personen, die die Autorin in ihrem Buch zum Leben erweckt, wie Schablonen, wie schlecht abgepauste Konturen irgendwelcher vager Realitäten. Da ist beispielsweise die Jugend der beiden Mädchen - zu klischeehaft, zu krass, viel zu wenig individualisiert, um mich zu erreichen. Die Ich-Erzählerin charakterisiert sich am ehesten noch durch ihre Meinungen, ansonsten verkörpert sie eben das stereotype Bild einer linken, lesbischen Feministin. Alle anderen Mädchen, die namentlich genannt werden, werden ausschließlich als Opfer sexueller Gewalt vorgestellt - etwas anderes scheint sie nicht auszumachen. Und dann ist da noch Konstantin, der lustige Schwule, der seine Homosexualität erst leugnet, aber doch immer so schräge Sachen trägt. Haha.

Insgesamt vermittelt die Autorin die Vorstellung, alle Frauen seien kontinuierlich Opfer sexueller Übergriffe. Wie oft der Erzählerin und ihren Freundinnen an die Brüste, an den Hintern, in den Schritt gegriffen wurde, konnte ich gar nicht mehr zählen. So gut wie alle wurden vergewaltigt. Und gleichzeitg, obwohl sie um die angeprangerte Gewalttätigkeit der Männer wissen, um die Unberechenbarkeit ihrer Handlungen (ganz unabhängig von allen Gender-/Macht-/Rollendebatten: Menschen können anderen Menschen gefährlich werden!), dröhnen sie sich in Gegenwart wildfremder Männer zu, fahren in weit entfernten Ländern mit einsamen Männern per Anhalter, setzen sich jeder erdenklichen Gefahr aus - und postulieren das am Ende als Verteidigung ihrer Freiheit. Nein, liebe Frau Lehner, das ist leider einfach nur Dummheit und ein Mangel an Selbsterhaltungstrieb. Denn man kann auch mit dem Bus ans Schwarze Meer fahren oder zu Drogen einfach mal Nein sagen, wenn man sich unsicher ist. Was gilt es denn in so einer Situation zu beweisen?

Ja, in diesem Buch kommen tatsächlich auch feministische Gedanken vor, allerdings in solch komprimierter Form, dass sie fast wie ein nachgestelltes Manifest wirken. So hatte ich mir eine literarische Auseinandersetzung mit dem Thema nicht vorgestellt. Und was sollte dieses Hin und Her mit dem Zwitterwesen, diese Pseudo-Liebesbeziehung, in der die Erzählerin wirkte wie eine andere Person? Sollte uns das zeigen, dass richtiger, einvernehmlicher Sex schön ist? Dass es auch die andere Seite der körperlichen Liebe gibt, nicht nur Übergriffe und Vergewaltigung? Was will uns dieses Buch überhaupt sagen?

Für mich, bis auf das einigermaßen intelligent formulierte Gedankengut ganz am Ende, ein enttäuschendes Buch, das in keinster Weise meine Erwartungen erfüllt hat. Zu viel Geschwurbel, zu undifferenziert, krass-feministisch und wirr. Außerdem werden absolut falsche Schlussfolgerungen gezogen - sich in Gefahr bringen heißt nicht, Freiheit genießen! Solche Literatur kann gefährlich sein, wenn sie falsch verstanden wird. Leider kein sinnvoller Beitrag zur aktuellen Debatte.

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72 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 14 Rezensionen

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Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten

Jonas Jonasson , Wibke Kuhn
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei C. Bertelsmann, 06.09.2018
ISBN 9783570103555
Genre: Romane

Rezension:

"Wir leben alle nur einmal. Das ist das Einzige, worauf man sich verlassen kann. Wie lange, das ist allerdings unterschiedlich."


Dem hundertjährigen Schweden Allan Karlsson und seinem Freund Julius Jonsson wird es langsam langweilig auf Bali. Mithilfe eines Heißluftballons fliehen sie von der Insel (und auch vor ihren horrenden Schulden), landen  dann aber unglücklicherweise in Nordkorea. Und prompt ist der mittlerweile Hunderteinjährige wieder verstrickt in politische Machtspielchen und globale Wirrnisse.

Tja, Fortsetzungen sind eben so eine Sache. Der Hundertjährige hätte definitiv keine gebraucht. Zumal er jetzt ein Hunderteinjähriger ist. Die Geschichte seiner (relativen und tatsächlichen) Jugend kennt man schon aus Teil 1, d.h. für Teil 2 bleibt ausschließlich die Perspektive des uralten Mannes. Und man weiß ja, dass die bisweilen äußerst anstrengend sein kann. Allan verkommt in diesem Buch zu einer Art Clown, der allen - einschließlich dem Leser - nur auf die Nerven geht. Dennoch ist es natürlich er, der die Geschichte mit seiner merkwürdig direkten Art vorantreibt.

Das kann recht witzige Züge annehmen, und ein paar Mal habe ich auch tatsächlich gelacht. Aber im Grunde beschäftigt sich der Autor mit Politikerbashing, und seine Infos entnimmt er ungefiltert den (Sozialen) Medien. Da werden alle Klischees breitgeklopft, die man so von den Oberhäuptern dieser Welt hat: der geistig minderbemittelte Trump, der alle Fäden ziehende Putin, der Fels in der Brandung Merkel, der kleine, dicke, bekloppte Diktator Kim Jong-Un, die süße, aber harmlose Schwedin Malmström. Naja. Das ist manchmal ganz lustig, wie Jonasson hier die weltweiten Intrigen und Machenschaften "aufdeckt", aber es ist schon auch sehr larifari. 

Auf Ebene der kleinen Leute ist Jonasson eigentlich besser. Als dann nämlich Lebensmittelverkäuferin, Sargschreinerin und Wahrsagerin Sabine ins Spiel kommt, nimmt die Geschichte nochmal Fahrt auf. Die Abstrusitäten des Alltags kann Jonasson einfach herrlich komisch porträtieren. Aber irgendwann hat man auch hier die Schnauze voll von Diskussionen über das "Tablett" (nein, es ist nicht witzig, Tablet falsch zu schreiben - und zwar das ganze Buch über!), Alkohol und Geldmangel. Da werden Pointen herauszuschinden versucht, die da einfach nicht sind.

Insgesamt eine ausreichend witzige Fortsetzung, bei der jeder "große" Politiker sein sowieso schon bekanntes Fett wegbekommt. Gebraucht hätte das kein Mensch, insbesondere weil Allan - Protagonist und Namensgeber des Ganzen - zu einer Witzfigur verkommt, die nichts weiter mehr ist als ein ziemlich bekloppter Alter. Seine Abenteuer in der (politischen) Vergangenheit sind einfach um ein Vielfaches interessanter und bringen auch die nötige historische Distanz mit sich, um darüber wirklich lachen zu können.

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38 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 31 Rezensionen

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Ida

Katharina Adler , Petra Morzé
Audio CD
Erschienen bei Argon, 25.07.2018
ISBN 9783839816523
Genre: Romane

Rezension:

"Dich kuriert nich einmal der Hitler von deiner Sturheit, oder wie?"


Ida Bauer/Adler ist in die Geschichte der Psychoanalyse eingegangen als der "Fall Dora". Als sie ihre Behandlung bei Sigmund Freud vorzeitig abbrach, sorgte das bei ihm für einiges Stirnrunzeln. Nun erzählt Katharina Adler, Idas Urgroßenkelin, die Geschichte, die hinter dieser Frau steckt, ein ganzes Leben begleitet von Krieg, Ehe, Analyse und Krankheit. 

Katharina Adler ist es gelungen, einen wunderbaren historischen Roman zu schreiben, der  mit einem hervorragenden, versierten Schreibstil glänzt und  alle guten Eigenschaften dieses Genres vereint : Witzig-tiefsinnige Dialoge in einer etwas angestaubten Sprache, der Zeitgeist des beginnenden 20. Jahrhunderts, eine unkonventionelle Frauenfigur. Idas Leben war immer bewegt, immer im Aufruhr, und daher war es immer eine Freude, der Geschichte zu folgen. 

Einige Längen haben sich bei so einem Text durchaus auch eingeschlichen, aber diese waren zu verschmerzen, gerade, weil man immer entlohnt wurde durch spannende Einblicke. Wer bei "Ida" allerdings eine detaillierte Auseinandersetzung mit Freuds Analyse erwartet, der wird enttäuscht werden. Katharina Adler geht es ganz klar darum, die Ida außerhalb des Falls Dora darzustellen. Dennoch zählten die Passagen in Freuds Praxis zu meinen Highlights, da die Autorin hier einfach wunderbar ausführt, wie lachhaft seine Analysen doch waren. Und gelacht habe ich tatsächlich einige Male.

Auch die Familie Adler (Idas Bruder Otto war ein führender Politiker der frühen österreichischen Republik) bleibt natürlich nicht von den politischen Wirren des 20. Jahrhunderts verschont. Dieser Aspekt ergänzt die Geschichte perfekt, denn so kann man sich auch mal von Ida und ihren Leiden loslösen und gebannt die Geschehnisse in Österreich verfolgen.

Ida ist nämlich alles andere als eine einfache Protagonistin. Zu großen Teilen war sie mir unsympathisch, das ständige Kranksein in ihren Kreisen ging mir auf die Nerven, das Unwohlsein, um aus der Gesellschaft zu fliehen. Nachvollziehbar war das allemal, aber es hat doch einen sehr großen Raum in der Erzählung eingenommen. Durch ihre bockige, sture und teilweise unfaire Art war mir Ida manchmal richtig zuwider. Das steht ihr, keine Frage, aber als Protagonistin ist sie definitiv keine Sympathieträgerin

Gefehlt hat mir im Endeffekt die reflektive Haltung : Was hat Freuds Behandlung in Idas Leben bewirkt, wie hat sie sie beeinflusst? Dieses Kernthema war zwar präsent und auch konkret gut umgesetzt, aber die Einbettung in Idas Lebenskontext kam doch zu kurz. 

Die Sprecherin Petra Morzé passt hervorragend zur Geschichte, gerade durch ihren österreichischen Akzent. Was ich allerdings nicht verschmerzen konnte, war die unterirdische englische Aussprache (der Name Diantha wurde zu DianSa, einen kleinen Monolog auf Englisch konnte ich kaum verstehen). Das hätte man doch sicherlich üben können. 

Insgesamt ist Katharina Adler ein 360-Grad-Porträt einer interessanten Frauengestalt gelungen, die lange Jahre als "Fall Dora" durchanalysiert und missverstanden wurde. Die Autorin stellt ein umfassendes Bild ihrer Person und all ihrer Schicksalsschläge zusammen, vergisst aber auch die schönen und hellen Momente nicht. Die historische Einbettung in diese politisch turbulente Zeit tut ihr Übriges. Ich hatte viel Freude mit dieser Geschichte.

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86 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 58 Rezensionen

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Die Gesichter

Tom Rachman , Bernhard Robben
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 31.08.2018
ISBN 9783423289696
Genre: Romane

Rezension:

"Ach, Charlie. Das solltest du inzwischen aber wissen: Niemand sieht sich selbst."


Charlie, genannt Pinch, ist der Sohn eines der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts: Bear Bavinsky. Sein Vater ist sein großes Idol, seine Mutter Natalie, die auch künsterliche Bestrebungen hegt, nimmt er kaum wahr. Als er dann als Jugendlicher selbst mit dem Malen anfängt und sein Vater eins seiner Bilder mit einer vernichtenden Kritik abtut, getraut er sich nicht, seine Leidenschaft weiter zu verfolgen. Aber auch mit der Uni-Karriere will es nicht richtig funktionieren. Sein Leben lang steht Pinch unter dem Scheffel seines beziehungsunfähigen Vaters - bis er sich auf ungeahnte Weise davon freimacht.

Wenn Charlie sich am Ende seines Lebens fragt: "Ist das eine Tragödie? Dass die Höhepunkte meines Lebens in meinem Innern stattfanden?", so blickt man auch als Leserin zurück auf dieses Leben, das gezeichnet ist von einer ungleichen, zerstörerischen Vater-Sohn-Beziehung und in dem scheinbar nie etwas gelingt. Zu großen Teilen habe ich Charlie als Jammerlappen empfunden, als Schwächling, der mit zusehends auf die Nerven ging. Ich finde, diesen Charakterzug, ebenso wie das abstoßende Äußere des Portagonisten, hat der Autor zu prägnant in den Vordergrund gestellt. Daher war Charlie für mich ein eher anstrengender Protagonist, dem ich, auf gut Deutsch gesagt, gerne mal in den Hintern getreten hätte.

Glücklicherweise b ekommt Tom Rachmann zum richtigen Zeitpunkt die Kurve und steuert seine Geschichte in eine Richtung, die viel Spannung mit sich bringt - es entspinnt sich ein kleiner Kunstkrimi mit Charlie und Bear im Mittelpunkt. Bear war für mich beinahe unerträglich in seiner herablassenden, demütigenden Art, wie er seinem jungen Sohn die Tür vor der Nase zuknallt mit den Worten "Ein Künstler wird aus dir aber niemals werden." Er hat kein Gespür für die Menschen, obwohl er sie so brillant malt (jedenfalls Teile von ihnen). Allein schon, dass er 17 Kinder mit etlichen Frauen gezeugt hat, und einen Großteil dieser Kinder einfach ignoriert, macht ihn für mich schon verachtenswert. Er hat seine künstlerischen Prinzipien, und denen unterwirft er jede Beziehung.

So entsteht ein immenses Spannungsfeld zwischen dem herrischen, machtbesessenen Vater und dem schwachen, nachgiebigen Sohn. Eine große Rolle spielt dabei auch Charlies Mutter Natalie, die zwischen den beiden Männern aufgerieben wird. Als junge Frau in Rom lernen wir sie kennen, als alte Verrückte stirbt sie in London. Der eigene Erfolg bleibt ihr verwehrt, ihr stetiger Verfall unter Bears Fuchtel ist schmerzhaft mit anzusehen.

Dass es Charlie letzten Endes auf leise, aber spektakuläre Weise gelingt, sich von Bear zu emanzipieren, ist sehr befriedigend. Die letzten hundert Seiten waren mein Highlight am Buch, denn dann wird es philosophisch und bedeutungsvoll . Zuvor ist es ein angenehmer, unterhaltsamer Künstlerroman, der das Milieu gut abbildet, aber erst gegen Ende blüht die Geschichte noch richtig auf

Tom Rachmann hat mit "Die Gesichter" einen authentischen, schön zu lesenden Roman vorgelegt, der zeigt, wie verhängnisvoll ein Leben mit einem berühmten Vater sein kann. Die Stärke des Buches liegt eindeutig in den spannenden Diskussionen über Kunst und Künstler. Da ich für Charlie allerdings meistens Mitleid empfunden habe und das kein sehr angenehmes Gefühl ist, und da die Geschichte nur langsam in Fahrt kommt, ziehe ich ein Sternchen ab.

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

china, geschichte, politik

Peking-Koma

Ma Jian , Susanne Höbel
Flexibler Einband: 928 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 01.04.2011
ISBN 9783499255649
Genre: Romane

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Frauen, die Bärbel heißen

Marie Reiners
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei FISCHER Scherz, 08.03.2018
ISBN 9783651025233
Genre: Humor

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Keyserlings Geheimnis

Klaus Modick , Detlef Bierstedt
Audio CD: 6 Seiten
Erschienen bei Audiobuch, 20.03.2018
ISBN 9783958620537
Genre: Biografien

Rezension:

Sommer 1901 am Starnberger See: Lovis Corinth macht es sich zur Aufgabe,  Eduard von Keyserling zu porträtieren, seines Zeichens Dandy und Schriftsteller aus baltischem Adel. Dieses Porträt und seine Entstehung am und um den Starnberger See herum nimmt Modick als Aufhänger für eine Reise in Keyserlings geheimnisumwobene Vergangenheit, die uns ins Baltikum, nach Wien und nach München führt.


Nach "Konzert ohne Dichter", das mich begeistern konnte, schenkt uns Modick mit "Keyserlings Geheimnis" einen zweiten Künstlerroman über einen Schriftsteller und Dichter, der zwar zu den Klassikern zählt, den mit Sicherheit aber nicht viele kennen. Auch für mich war Keyserling ein Fremder - bis mich Modick und der hervorragende Sprecher Detlef Bierstedt mit auf eine Reise genommen haben. 

In "Keyserlings Geheimnis" geschehen keine großen inhaltlichen Überraschungen, auch das Geheimnis ist schnell gelüftet, doch darum geht es auch gar nicht bei Modicks Erzählung. Mit seinen Figuren und Schauplätzen erschafft er eine so fein ziselierte, komplexe, wunderschöne Atmosphäre, dass man einfach immer weiter lauschen will. Die Charaktere erhalten Tiefe, obwohl wir sie nur über einen kurzen Zeitraum hinweg begleiten. Gerade Keyserling wird als ironischer, selbstzweiflerischer und ganz und gar nicht fehlerfreier Mensch dargestellt. Spielschulden plagen ihn genauso wie die Syphilis, die er scheinbar ungeniert an seine zahlreichen Sexualpartnerinnen weitergibt. Und doch ist er ein Sympathieträger, ein ewiger Zweifler und Systemkritiker, der sich nichts mehr ersehnt, als aus dem Zwang des baltisch-russischen Adels auszubrechen.

Das Porträt, das im Klappentext so hervorgehoben wird, nimmt wenig Platz ein in diesem Roman. Höchstens könnte man es als Aufhänger bezeichnen, vielleicht noch nicht einmal das. Modick springt durch Keyserlings Leben, erzählt Episoden und Anekdoten, und erst am Ende fügt sich alles. Hat man längere Zeit nicht gehört, so fällt es zunächst schwer, den Einstieg wieder zu finden, doch irgendwie folgt doch alles einer insgeheimen Stringenz, die sich mehr dem Herzen als dem Verstand erschließt. Und genau das macht Modicks leise, aber intensive Romane so eindrucksvoll.

Dank Detlef Bierstedt durfte ich mit "Keyserlings Geheimnis" einige schöne Hörstunden verbringen, die auch gerne noch hätten weitergehen dürfen. Solchen Geschichten könnte man ewig folgen. Das Hören lohnt sich hier!

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Tags: baltikum, eduard von keyserling, künstlerbiografie, landadel, romanbiografie   (5)
 

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sachbuch

Anteil des Redens an der Affenwerdung des Menschen

Daniel H. Rapoport
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Das Neue Berlin, 20.12.2017
ISBN 9783360013262
Genre: Sachbücher

Rezension:  
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86 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 66 Rezensionen

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Nelkenliebe

Anja Saskia Beyer
Flexibler Einband: 316 Seiten
Erschienen bei Tinte & Feder, 27.12.2017
ISBN 9781503949348
Genre: Romane

Rezension:

"Manchmal braucht man einfach Antworten auf gewisse Dinge im Leben."

Als Katharina erfährt, dass ihr Vater an einem unheilbaren Hirntumor erkrankt ist und bald sterben wird, bricht für sie eine Welt zusammen, denn sie liebt diesen Mann über alle Maßen. Er hat nur noch drei Wünsche, die er sich vor seinem Tod erfüllen möchte: eine Harley-Tour an der Ostsee, die Heirat seiner Tochter mit ihrem langjährigen Freund Arne - und die Suche nach seiner früheren portugiesischen Liebe Marisa, die ihn nach der Revolution ohne Begründung verlassen hat. Um ihm gerade diesen letzten Wunsch zu erfüllen, reist Katharina nach Portugal, um Marisa ausfindig zu machen. Und dann ist da auch noch Nuno, der Campingwagenvermieter, der ihre Gefühle gehörig durcheinander bringt...

"Nelkenliebe" wartet zunächst mit einem immer wieder wirkungsvollen und von mir sehr geschätzten Aufbau auf: Es wird aus zwei verschiedenen Zeitebenen berichtet. Zunächst einmal aus Katharinas Perspektive im Jahre 2018, wie sie mit dem bevorstehenden Tod ihres Vaters, mit Beziehungs- und Jobproblemen zu kämpfen hat. Auf ihrer Suche begegnet sie dann Menschen, die ihr immer mehr Episoden aus der Vergangenheit schildern, die dann sehr lebhaft beschrieben sind. Hier kommen verschiedene Personen zu Wort, unter anderem Marisa und Gerd, Katharinas Vater. In diesen historischen Sequenzen konnte ich einiges lernen, da ich von der portugiesischen Diktatur und der Nelkenrevolution bis dato nichts wusste. 

Auch die Suche nach Marisa war weitgehend spannend gestaltet. Die Frage nach dem Warum wird wirklich erst zum Schluss beantwortet, was zum Weiterlesen motiviert. Die Menschen, die der manchmal doch sehr naiven und im Grunde blass gebliebenen Katharina bei ihren Nachforschungen helfen, sind Arne, Gerd und natürlich der schöne Portugiese Nuno.

Und so entspinnt sich, wie man schon auf den ersten Seiten vermuten kann, eine ziemlich ausgelutschte Liebesgeschichte, die sich hauptsächlich um folgende Punkte dreht: Arne ist eigentlich ein Arsch, und das muss Katharina schmerzlich erfahren. Nuno hingegen ist super und gibt ihrem Leben wieder Schwung. Punkt. Manchmal wird von Selbstbestimmung und Selbstständigkeit gesprochen, aber das scheint Katharina in Nunos Armen auch ganz schnell wieder zu vergessen. Lieber direkt übers Heiraten nachdenken.

Mir fiel es insgesamt außerordentlich schwer, mit den Männer- und Frauenklischees in diesem Buch zurechtzukommen. Ständig wird man mit Sätzen konfrontiert wie "Frauen wollen einen Helden" oder "Das ist eine Frau, wie sie sich die Männer wünschen". Ich dachte ja eigentlich, über solche Generalisierungen seien wir hinaus. Dann auch, wie gesagt, immer wieder diese Abhängigkeit von den Männern. Kaum fasst Katharina den Entschluss, erstmal für sich zu leben, schwupp ist da Nuno und sie denkt ans Heiraten. Und ihrem Vater scheint auch nichts anderes in den Sinn zu kommen, als Katharina gut verheiratet zu wissen, damit sie nach seinem Tod versorgt ist. Wie bitte? Seit wann braucht Frau von heute noch den Mann als Versorger? Solche Frauendarstellungen stören mich ungemein. Insgesamt ist mir Gerd manchmal etwas suspekt, beispielsweise spricht er oft wie ein Kleinkind: "Ganz dolle lieb haben" und "heile machen" sind nur zwei Beispiele; und Katharina bezeichnet seine Worte dann als weise. Naja.

Großen Punktabzug bekommt das Buch von mir für die letzten 40 bis 50 Seiten. Die Aufklärung von Marisas Verschwinden erschien mir mehr als abstrus und extrem konstruiert. Und auch das Happy Happy Happy End mit Hund und Sahnetorte war mir zu zuckersüß. Auch bei Liebesromanen schätze ich einen realistischen Ausgang und nachvollziehbare Wendungen. Bis zu dem Wendepunkt in Marisas Geschichte habe ich das Buch wirklich gerne gelesen, insbesondere den historischen Teil, aber das war für mich einfach ein Totschläger. 

"Nelkenliebe" hatte mich insbesondere aufgrund seines historischen Teils angesprochen, im Bereich der Liebesgeschichte hätte ich vieles verziehen. Allerdings haben sich dann die Momente gehäuft, in denen ich das Buch vor Kitsch nicht mehr weiterlesen mochte. Ab der Hälfte wird der Roman zudem äußerst repetitiv, jede Eigenschaft und jeder Gedanke wird hundertfach wiederholt, sodass mir irgendwann einfach die Leselust vergangen ist. Wie schade! Für den gut ausgearbeiteten historischen Teil und die portugiesische Stimmung samt Fado und Pasteis gibt es aber eindeutig Pluspunkte. 


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Liv

Kevin Kuhn
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.09.2017
ISBN 9783827012722
Genre: Romane

Rezension:

"Heute müsste es endlich passieren, das große Erlebnis, das sie nie vergessen sollte. Etwas, das den letzten Wochen im Nachhinein einen echten Sinn abrang."

Liv hat sich entschieden: gegen den israelischen Militärdienst, für die Fahnenflucht ins Ausland. Erster Halt - Mexiko. Doch ihre Reise treibt sie um die Welt, immer begleitet von Smartphone, Smartwatch und tausenden Followern. Fast ein Jahrhundert früher, im Jahre 1928, erobert Franz mit seiner Kamera das pulsierende Berlin. Beide strudeln sie in die Berühmtheit, beide sind sie gefangen in unendlicher Einsamkeit. Untrennbar sind ihre Schicksale miteinander verbunden.

Liv Liv Liv Liv Liv - so begrüßt uns das außergewöhnliche Cover dieses Romans. Ganz klar also, der Fokus liegt auf Protagonistin Liv, es ist eigentlich ihre Geschichte, die hier erzählt wird. Was ihr auf ihrer Reise begegnet und zustößt, hat mich gerade zu Anfang gefesselt. Eindringlich wird geschildert wie verloren und einsam man sich an einem unbekannten Ort mit unbekannter Sprache fühlt. Wie sehr die stereotypen Backpacker, die Alternativtraveller, die Weltveränderer nerven. Wie wenig sie doch die Lieben zuhause, die Zurückgebliebenen ersetzen können. Einsam inmitten einer feiernden, lärmenden, begeisterten Masse, wo alles nur Trug und Schein ist.

Livs Kontakt in die Heimat, die ihr nach ihrer Flucht versperrt bleibt, ist ihr Smartphone. Social Media machen Simultankontakt möglich, lassen weit entfernte Freunde durch Bilder und Videos am Leben teilhaben, ermöglichen ständigen Informationsaustausch. Die Sehnsucht nach diesen Menschen scheint groß in Liv, jedenfalls habe ich das so interpretiert, denn einen wirklichen Zugang zu ihren Gefühlen verwehrt uns der Autor. Oftmals erfährt man von schlimmen Dingen oder interessanten Begebenheiten, die ihr auf ihrer Reise widerfahren, erst weit im Nachhinein, völlig aus dem Kontext gerissen, in einem knappen, mystisch verschleiernden Nebensatz. Oft schleichen sich Widersprüche ein (auf einer Yacht, auf der Liv mitfährt, bekommt jeder ein Armband, das alle Daten nur für den Nutzer zugänglich macht, gleichzeitig können aber alle Passagiere sehen, was die anderen gerade tun - selbst, dass sie Sex haben). Das ist ärgerlich und führt zu Verständnislücken, die sich nie richtig schließen. 

Liv dümpelt eben so vor sich hin, der Sinn ihrer Reise ist einzig und allein die Flucht. Die Menschen, die sie trifft, sind austauschbar, die Situationen berechenbar, das Erlebte nach einiger Zeit einfach einschläfernd. Alles, was Liv tut, teilt sie mit ihrer digitalen Fangemeinde, von der sie am einen Tag geliebt, am anderen verachtet, am nächsten bedroht wird, usw. Ihr Ruhm verselbstständigt sich, sie kann gar nicht begreifen, worauf das zurückzuführen ist. Und es ist ihr scheinbar auch egal, denn was sich dadurch nie verändert, ist ihre erdrückende Einsamkeit. Einziger Anker: ihr Freund (?) Elam in Israel, der selbst an Depressionen leidet und den sie zu unterstützen versucht. Von allen anderen Freunden und auch von ihrer Familie schottet sie sich nach und nach willentlich ab.

Und dann ist da ja noch Franz. Seine Kapitel waren ermüdend, langweilig, extrem unnachvollziehbar und eintönig. Er stromert durch Berlin, wie bei Liv ist es ein einziges Getriebensein ohne eigene Handlungsimpulse. Ihm geschehen Dinge, die manchmal nicht ganz logisch sind (mit dem Finger rührt er glühend heißen Espresso um, er schmiert sich Entwicklerflüssigkeit ins Gesicht) und bisweilen ins Surreale abdriften. Seine Existenzberechtigung in diesem Buch liegt einzig und allein bei Liv. Die tatsächliche Brücke zu ihr wird allerdings erst ganz am Ende des Romans geschlagen, alles Vorhergegangene mutet wie sinnloses Geplänkel an. Ständig sucht man die Parallelen zwischen den beiden Protagonisten: Sie sehen die Welt durch eine Linse, werden berühmt, ohne es zu ahnen oder zu wollen, streifen einsam durch die Welt. Doch Livs Geschichte hätte man auch ohne Franz verstanden. Nur das überraschende, fast schon lyrisch anmutende Ende versöhnt mich noch, da hier die wirkliche Relevanz dieser Doppelperspektive zutage tritt. 

Liv ist ein Roman, der von der Einsamkeit erzählt. Er erzählt von der digitalen und von der analogen Einsamkeit, der Einsamkeit unter Fremden, wenn wir uns doch nur nach unseren Freunden sehnen, der Einsamkeit fern der Heimat. Das sind für mich essentielle Themen, die mich auch immer wieder beschäftigen, doch verschwimmen sie im Verlauf des Buchs genauso wie Handlung, Gedanken, Logik und Chronologie. Das sind einfach zu viele Störfaktoren, um das Buch mit mehr als 3 Sternen zu bewerten.

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Die verlorene kleine Schwester

Fotini Tsalikoglou , Gesa Singer
Flexibler Einband: 200 Seiten
Erschienen bei Größenwahn Verlag, 04.10.2017
ISBN 9783957711724
Genre: Romane

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Signor Rinaldi kratzt die Kurve

Lorenzo Licalzi , Erich Wittenberg
Audio CD
Erschienen bei steinbach sprechende bücher, 27.10.2017
ISBN 9783869742878
Genre: Romane

Rezension:

Pietro Rinaldi will eigentlich nur eines: seinem Leben ein Ende setzen. Seinen eigentlich letzten Tag verbringt er mit Kaffee trinken, Fernseh schauen, lesen. Doch dann taucht plötzlich seine Tochter auf und unterbricht ihn in seinem Vorhaben, denn ihre Schwiegermutter ist Pietro zuvorgekommen mit dem Sterben. Sie und ihr Mann müssen zur Beerdigung nach Paris fahren, und Pietro wird mit der Aufgabe betraut, sich um seinen Enkel Diego zu kümmern. Der bietet seinem grantigen Opa (auf keinen Fall darf er so genannt werden!) ordentlich Paroli und überredet ihn zu einem Roadtrip durch halb Italien - zusammen mit der Flohkutsche Sid auf der Rückbank.

"Signor Rinaldi kratzt die Kurve" legt los mit bitterbösem schwarzem Humor: Pietro setzt uns auseinander, wie man sich am besten (nicht) umbringt. Er ist achtzig Jahre alt und möchte dieses Leben nach seinem Willen beenden - irgendwie ja verständlich. Und das macht ihn auf Anhieb sympathisch. Wir erfahren auch, dass Pietro Schriftsteller ist (war?), denn aus dem Schlussskapitel "Alle Leute, die mir auf den Sack gehen" aus seinem letzten Buch "Leckt mich doch alle am Arsch" erhalten wir einige Kostproben. Man kann also schon erahnen, was für einen Protagonisten wir da haben: alt, kauzig, zynisch. 

Doch nach einigen Kapiteln und einem weiteren, unvorhergesehenen Schicksalsschalg, der auch mich als Hörerin völlig überrumpelt hat, ist Pietro wie ausgewechselt. Sanft, traurig, emotional. Dieser Wechsel vollzog sich innerhalb weniger Minuten, und damit war ich nicht sehr glücklich. Ich hatte das Gefühl, plötzlich einen anderen Protagonisten vor mir zu haben. Im Laufe des Buches verbinden sich die beiden Seiten zwar, aber der Übergang war mir doch zu kantig. 

Pietros Enkel Diego, den er kaum kennt und auf den er aufpassen muss, überredet ihn dann zu einem Roadtrip mit Pietros Oldtimer, der Göttin. Hund Sid darf dabei natürlich nicht fehlen, auch wenn er Pietro "tierisch auf den Sack geht". Auf ihrer Reise treffen die beiden alte und neue Freunde, sogar Leser von Pietros Romanen, wodurch wir mehr über seine Profession erfahren. Diego war mir der liebste Charakter, denn er ist ein absolut außergewöhnlicher Teenager: aufgeschlossen, nahbar, liebevoll, und das trotz des schlimmen Schicksalsschlags. Er hilft Pietro wieder auf die Beine, ohne es zu wissen.

Doch auch die anderen Charaktere machen das Buch lesens-/hörenswert. Diegos Onkel entpuppt sich entgegen aller Befürchtungen als wunderbarer Mensch, Pietros alte Freunde Cesare und Theresa sind Gold wert, und auch Pietro selbst wurde mir im Laufe der Reise noch sympathischer. Eine rundum gelungene Charakterkonzeption, würde ich behaupten.

Leider hatte das Buch auch einige Längen, gerade zum Ende hin. Ich bin dann des Öfteren abgeschweift, hatte aber auch keine Lust, zurückzuspulen und es nochmal zu hören. Einige Kürzungen hätten der Geschichte sicherlich gut getan. Und ich hatte zwar einige schöne Hörstunden mit dem Buch, überrascht hat es mich aber nicht, denn das Ende bzw. der Verlauf der Geschichte (nach besagtem Schicksalschlag) ist mehr als vorhersehbar. Es ist also kein Buch, das für die Spannung oder den Überraschungseffekt gelesen/gehört werden sollte, sondern vielmehr für das Gefühl und die Charaktere.

Zuguterletzt muss ich noch eine Lobeshymne auf meinen neuen Lieblingssprecher Erich Wittenberg singen: Er liest lebendig, zwischentonig und variiert so gekonnt, dass immer sofort erkennbar ist, wer gerade spricht. Durch ihn wurde ich noch viel intensiver in die Geschichte gezogen, und es war sicherlich nicht mein letztes Hörbuch von ihm.

"Signor Rinaldi kratzt die Kurve" war für mich ein schönes Wohlfühlhörbuch, das lebensbejahend und berührend ist. Der Verlauf und das Ende entbehren einiges an Spannung, doch der Sprecher hielt mich bei der Stange und konnte mich absolut begeistern. 3,5/4 Sterne für dieses Hörbuch und ein Dankeschön an den Verlag!

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Wir waren hier

Nana Rademacher
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Ravensburger Buchverlag, 18.01.2016
ISBN 9783473401390
Genre: Jugendbuch

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Mein schönes falsches Leben

Hilary Freeman , Ulrike Köbele
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Loewe, 13.03.2017
ISBN 9783785584484
Genre: Jugendbuch

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Der Atem der Vögel

Klaus Böldl
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 23.03.2017
ISBN 9783103972702
Genre: Romane

Rezension:

"Hier zu wohnen erschien mir als das denkbar vollständigste Wegsein. Auf Inseln, die Unmengen von Wasser um sich und Unmengen von Himmel über sich versammeln."

Seit zwei Jahren lebt der Deutsche Philipp auf den Färöer-Inseln nördlich von Schottland. Er wohnt mit seiner Partnerin Johanna und deren Tochter Rannvá zusammen, bleibt aber im Grunde eigenbrödlerisch. Es wird oft angedeutet, dass er sich von Johanna immer mehr entfernt, jedoch mit Rannvá eine gute Beziehung pflegt. Als die beiden die Großmutter in Dänemark besuchen, bleibt Philipp allein mit sich, dem Haus und der Natur zurück.

Der Klappentext verspricht Folgendes: "Er beginnt eine Wanderung über die Inseln, die ihn immer tiefer in die Natur führt. Wird er erst im Weggehen zu sich kommen? Wird er erst im Verschwinden seinen Ort finden?" Doch es passiert - nichts. Philipp wandert weder über die Insel, noch geht er weg, noch verschwindet er. Eigentlich besteht das Buch aus zusammenhanglosen Sequenzen, die meistens irgendwo in der Stadt, im Haus oder höchstens noch auf einer Landstraße spielen, und immer instensive, detaillierte Naturbeobachtungen zum Gegenstand haben. Diese Beobachtungen sind zunächst faszinierend, haben mich sogar berührt in ihrer Tiefe, verlieren sich aber gerade gegen Ende in Wiederholungen und Belanglosigkeit. 

Die gesamte Geschichte dreht sich um Philipps Alleinsein, sein Leben mit der Einsamkeit auf den atmosphärischen Inseln - trotz seines Zusammenlebens mit Johanna und Rannvá. Dieses kann der Leser im Grunde nicht miterleben, da die beiden schon zu Beginn ihre Reise antreten. Dennoch wird klar, dass sich Johanna und Philipp entfremdet haben, dass vielleicht sogar schon ein anderer Mann da ist. Außerdem wird Philipps tiefe Bindung zu Rannvá angedeutet, seine Kindheit in P., das Verschwinden seines Kindheitsfreundes Simon, seine Verliebtheit in eine Arbeitskollegin. Mit schemenhaften Umrissen muss sich der Leser hier begnügen, im Grunde bleibt alles weit entfernt und uninteressant. Das Buch lebt von seiner Atmosphäre und seinen Einblicken in das Inselleben, nicht von seinen Figuren oder einer tatsächlichen Geschichte. Für mich ist "Der Atem der Vögel" daher kaum als Roman, sondern viel mehr als Essay zu bezeichnen. 

"Der Atem der Vögel" ist ein kurzes Stück Literatur, das insbesondere durch seine Naturbeschreibungen punkten kann. Geschichte und Charaktere bleiben auf der Strecke, der Leser muss sich mit vagen Andeutungen begnügen. Das Ende verliert sich in Wiederholungen, Aneinanderreihungen und Belanglosigkeiten, weshalb die Frage bleibt: Wozu? 3 von 5 Sternchen gebe ich für die sprachliche Ausgestaltung und die Detailverliebtheit.

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Tags: färöer inseln, inselleben   (2)
 
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