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Vier Tage in Kabul

Anna Tell , Ulla Ackermann
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 21.08.2018
ISBN 9783499273841
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein erstaunlicher und wirklich packender Politkrimi ist der schwedischen Autorin Anna Tell mit ihrem Romandebüt „Vier Tage in Kabul“ gelungen, der im August bei Rowohlt als erster Band der Reihe „Die Unterhändlerin“ erschien. Die Handlung mag ja fiktiv sein, aber sie wirkt ungemein real. Anna Tell weiß ja auch, worüber sie schreibt: Als hauptberufliche Politologin und Kriminalkommissarin war sie selbst 20 Jahre lang als Polizei- und Militärberaterin sowie Unterhändlerin im In- und Ausland im Einsatz.
Um einen solchen Einsatz als ISAF-Ausbilderin und Unterhändlerin bei der militärisch ausgerüsteten Polizei Afghanistans geht es in Anna Tells Krimidebüt: Zwei schwedische Diplomaten wurden in Kabul entführt, eine Lösegeldforderung liegt vor. Verhandlungsspezialistin Amanda Lund, gerade in Afghanistan zur Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte stationiert, erhält aus Stockholm den Auftrag, in diesem Fall mit den Entführern zu verhandeln und die Geiseln frei zu bekommen. Wegen des heiklen politischen Verhältnisses zwischen Schweden und Afghanistan darf dieser Fall nicht öffentlich werden. Bei der Stockholmer Reichskriminalpolizei leitet Bill Ekman diesen Einsatz, der gleichzeitig den Mord an einem jungen Diplomaten untersucht, der erst kürzlich aus Kabul zurückkam. Hinweise deuten auf einen Zusammenhang beider Fälle. Das schwedische Außenministerium ist in höchster Aufregung, da der Staatsbesuch des afghanischen Präsidenten kurz bevorsteht, weshalb sich der Staatssekretär in die Ermittlungsarbeit einmischt.
Wer in „Vier Tage in Kabul“ einen aktionsreichen Kriegsroman mit einer „schießwütigen“ Superheldin à la Lara Croft erwartet, liegt falsch: Amanda Lund gibt auf knapp 390 Seiten keinen einzigen Schuss ab! Autorin Anna Tell kennt die Gefahr solcher Einsätze in Kriegsgebieten, aber auch die Nüchternheit ihres Berufes, eingebunden in hierarchische Abhängigkeiten. Ihr Roman ist vielleicht deshalb recht realistisch und in der Sprache auffallend nüchtern. Ihre Figuren sind keineswegs Superhelden, sondern normale Menschen mit ganz normalen Problemen: Amanda spürt während ihres Einsatzes die ersten Anzeigen einer Schwangerschaft, geschwängert von einem verheirateten Mann. Ihr Chef Bill Ekman gefährdet seine Ehe, da er, wie seine Frau es ihm vorwirft, mit seinem Beruf verheiratet ist. Der schwedische Botschafter in Kabul muss seine Homosexualität verheimlichen.
„Vier Tage in Kabul“ ist sicher kein literarisches Meisterwerk, das einen Buchpreis verdient hätte, aber im besten Sinn gute und spannende Unterhaltung, dazu noch interessant, ist doch Afghanistan nicht gerade ein typischer Schauplatz für europäische Thriller. Wir lernen – zumindest ansatzweise – dieses Land in seiner desaströsen politischen Zerrissenheit kennen, wir begegnen dem täglichen Terror auf der Straße. Europäer halten sich bevorzugt in sicheren Häusern und Hotels auf, fahren in gepanzerten Limousinen – wie auch der schwedische Botschafter, der bald in einem dieser Hotels ermordet wird.
Natürlich gelingt es der kampferprobten Polizistin Amanda Lund am vierten Tag, die beiden Geiseln lebend zu befreien. Dies zu schreiben, ist kein Geheimnisverrat. Auch die Identität des Mörders ist keine Überraschung. Doch beides zu wissen oder zu vermuten macht den Krimi nicht weniger spannend. Denn im Kern geht es um andere Themen: Da ist der Gegensatz zwischen der modernen und gleichberechtigten schwedischen Frau und den afghanischen Polizisten, deren Kommandanten sie Befehle erteilen darf. Oder die politisch gewollte Zusammenarbeit zwischen afghanischen und schwedischen Einheiten, die von afghanischer Seite auch gern sabotiert wird. Oder die Widersprüche zwischen aufklärender Polizeiarbeit und der politisch begründeten Verschleierungstaktik von Regierungsstellen. „Man muss der Gerechtigkeit zu ihrem Recht verhelfen“, lässt sich die Unterhändlerin und Polizistin Amanda Lund allerdings in ihrer Arbeit nicht ablenken. Schon jetzt dürfen wir uns auf ein zweites Abenteuer mit der schwedischen Unterhändlerin freuen: „Fünf Nächte im Kosovo“ ist für März 2019 angekündigt.

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123 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 78 Rezensionen

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Königskinder

Alex Capus
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 20.08.2018
ISBN 9783446260092
Genre: Romane

Rezension:

Was kann eine Geschichte mit dem für heutige Zeit ungewöhnlichen Titel „Königskinder“ anderes sein als ein Märchen? Tatsächlich mutet dieser im August beim Hanser-Verlag erschienene und unbedingt lesenswerte Kurzroman des Schweizer Schriftstellers Alex Capus (57) wie eine der vielen Geschichten aus „Tausendundeine Nacht“ an, wenn auch in moderner Erzählweise.
Im Roman ist es eine lange Winternacht, in der Max und Tina mit ihrem Auto im dichten Schneetreiben auf einem verschneiten Gebirgspass von der Straße gerutscht sind und nun auf den nächsten Morgen und die Schneefräse warten müssen. Um sich die Stunden, vielleicht aber auch die Angst vor Einsamkeit und Hilflosigkeit in bitterer Kälte zu vertreiben, erzählt Max seiner Tina eine berührende Liebesgeschichte, die 1779 im Greyzerland beginnt und während der Französischen Revolution am Versailler Hof des Königs Ludwig XVI. endet. Es ist die Geschichte des 22-jährigen Waisen und bettelarmen Hirtenjungen Jacob und seiner Liebsten, der 19-jährigen Marie-Françoise, Tochter des reichsten Bauern im Ort.
Wie schon in der klassischen Ballade „Es waren zwei Königskinder“ dürfen auch in dieser Geschichte die beiden Liebenden nicht zusammenkommen. Es sei eine wahre, historisch belegte Geschichte, versichert Max seiner Tina mehrmals, die bei allzu märchenhaften Szenen diese kritisch hinterfragt. „Entscheidend ist nicht, ob die Geschichte wahr ist. Wichtig ist, dass sie stimmt“, wehrt Max dann ab und erzählt weiter: Jacob verdingt sich für acht Jahre beim französischen Militär, später wird er von Prinzessin Elisabeth, der jüngeren Schwester Ludwigs XVI., in Versailles als Kuhhirte verpflichtet. Um ihm sein „Hemvé“ zu vertreiben, will die Prinzessin die sich liebenden „Königskinder“ nach Jahren der Trennung endlich vereinen: Sie lässt Marie aus der Schweiz holen, beide heiraten, bekommen eine Tochter und leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage.
Alex Capus verbindet beide Handlungsstränge, den heutigen und den historischen, so elegant, dass kaum Brüche zwischen den Jahrhunderten spürbar sind. Er nutzt die Nachfragen Tinas vielmehr, um historische Fakten zu erläutern. Capus lässt in warmherzigem, angenehm zu lesendem Sprachstil das Leben des ausgehenden 18. Jahrhunderts in der Schweiz und am Versailler Hof lebendig werden, wenn auch ohne Anspruch auf Korrektheit. Wichtiger scheinen dem Autor seine Figuren zu sein, deren Charaktere und Handeln er liebevoll und mitfühlend zeichnet.
Gewiss, „Königskinder“ mag modernen Lesern an manchen Stellen allzu märchenhaft erscheinen, wenn Jacob und Marie inmitten der Revolutionswirren auf ihrem Bauernhof wie auf einem paradiesischen Eiland glücklich sind. Aber ist es nicht Liebe und Zuneigung, die uns Menschen [und unserer Familie] in schwierigen und schweren Zeiten, während die Gesellschaft um uns herum sich aufzulösen beginnt, den nötigen Zusammenhalt und Trost gibt? „Königskinder“ ist ein Buch voller Liebe, das gerade in unserer so politisch unruhigen und unsicheren Zeit von vielen Menschen gelesen werden sollte als Anregung zum gegenseitigen Zuhören - wie Tina ihrem Max zuhört, auch wenn sie dabei kritisch bleibt. Das Ehepaar kabbelt sich nur bei Kleinigkeiten, schreibt Capus gleich zu Beginn seines beachtenswerten Kurzromans. „Aber in den großen Dingen des Lebens – den Dingen, auf die es wirklich ankam – waren sie sich schon immer einig gewesen.“

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Arrowood - In den Gassen von London

Mick Finlay , Kerstin Fricke
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 01.08.2018
ISBN 9783959671743
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Historische Kriminalromane liegen im Trend. So überrascht es nicht, dass auch der schottische Autor Mick Finlay sein Krimidebüt „Arrowood – In den Gassen von London“, auf Deutsch im August beim Verlag Harper Collins als Taschenbuch erschienen, ins Jahr 1895 verlegt. Doch Finlay hat eine nette literarische Überraschung: Seine Hauptfigur, der Privatermittler William Arrowood ist gewissermaßen der „Antiheld“ einer Epoche, in der ganz London vom berühmten Meisterdetektiv Sherlock Holmes begeistert ist, jener von Arthur Canon Doyle geschaffenen Kunstfigur.
In Finlays Krimi erzählt uns Arrowoods Assistent Norman Barnett von den Ermittlungen seines Arbeitgebers. Deutliche Parallelen zu Holmes' Freund und Mitarbeiter Dr. Watson, der dessen Erfolge in der Zeitung rühmt, sind unverkennbar. Doch während Holmes von der Öffentlichkeit gefeiert wird und von der Polizei zu schwierigsten Kriminalfällen hinzugezogen wird, muss sich William Arrowood, ein arbeitslos gewordener Zeitungsreporter, mit eher zweitklassigen Fällen abmühen und für jene Auftraggeber arbeiten, die sich einen Holmes finanziell nicht leisten können.
Zu seinem großen Ärger ist Arrowood immer wieder gezwungen, sich mit Holmes vergleichen lassen zu müssen, spricht er diesem doch jegliche Genialität ab. Im Gegenteil: Er beschuldigt Holmes sogar, oberflächlich zu arbeiten und nur zufällig zu richtigen Ergebnissen zu kommen, während er, Arrowood, der doch die Theorien Darwins verinnerlicht hat, die Psyche aller am Fall Beteiligten durchleuchtet und Indizien sorgsam abwägt. Dies wisse niemand ausreichend zu würdigen, ist Arrowood betrübt.
Auch sein aktueller Fall scheint nicht geeignet zu sein, Arrowood berühmt zu machen, obwohl der anfangs noch einfach erscheinende Auftrag, einen vermissten jungen Franzosen zu finden, im weiteren Verlauf viele Geheimnisse birgt und die Zahl der Ermordeten wächst. Die Merkwürdigkeiten häufen sich und Arrowood entfernt sich immer mehr vom eigentlichen Auftrag, dass ihn sogar sein ergebener Assistent Barnett mahnt, darauf zurückzukommen. Doch es ist zu spät: Arrowood steckt mit seinen Ermittlungen längst in den Tiefen der Londoner Unterwelt, deren Verbindungen bis in höchste Regierungskreise reichen.
Mick Finlays schriftstellerisches Debüt ist eine unterhaltsame, locker geschriebene Lektüre in klassisch-britischem Stil, voller Zeitkolorit und Humor - mit interessanten Charakteren, die gerade wegen ihrer Makel so sympathisch sind. Auch sein William Arrowood ist nicht perfekt, also genau das Gegenstück zu Sherlock Holmes: Arrowood ist keine elegante Erscheinung, sondern recht korpulent, ist nicht wie sein in der Baker Street lebender Kollege wohlhabend, sondern bewohnt, in ärmlichen Verhältnissen in schlechter Wohngegend lebend, gemeinsam mit seiner Schwester Ettie einige Zimmer hinter einem Ladengeschäft.
Natürlich löst auch Finlays „Antiheld“ schließlich seinen stellenweise unübersichtlich wirkenden Fall durch Kombinationsgabe, wenn ihm auch gelegentlich zur eigenen Überraschung Zufall oder Schicksal zu Hilfe kommen. „Nobody is perfect“ gilt eben auch für William Arrowood und seinen Assistenten, der sich sogar manchmal verprügeln lassen muss. Aber genau dies macht sie beide uns Lesern so sympathisch. Wir dürfen uns wohl schon jetzt auf einen zweiten Band freuen, denn in Großbritannien erschien dieser bereits im Februar mit dem Titel „The murder pit“.

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Was bin ich? Wie bin ich? Wozu bin ich?

Hermann Rühle
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei dielus edition, 15.08.2018
ISBN 9783981938340
Genre: Sachbücher

Rezension:

"Wer bin ich – und wenn ja, wie viele“ betitelte vor gut zehn Jahren der Philosoph und Autor Richard David Precht seinen damaligen Bestseller. Genau dieser Frage, die Philosophen von jeher und uns Normalbürger spätestens seit der Aufklärung immer wieder beschäftigt, geht auch der Augsburger Psychologe und Führungskräfte-Coach Hermann Rühle (74) in seinem Buch „Was bin ich? Wie bin ich? Wozu bin ich?“ nach, das Mitte August bei dielus edition erschien, einem jungen Leipziger Verlag für Ratgeberliteratur. Nach der Lektüre dieses 240 Seiten starken Buches sollte eine Antwort auf die Frage gefunden sein: „Bin ich, wer ich bin?“

Man könne Menschen nicht durchschauen, erklärt der Autor gleich zu Beginn, aber beobachten und sich mit Hilfe theoretischen Wissens erklären, warum sich Menschen so und nicht anders verhalten. Rühle hat also seine Mitmenschen aus verschiedenen Blickwinkeln beim beruflichen wie privaten Rollenspiel und beim bunten Treiben auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten beobachtet. „Warum hauen Männer auf den Putz und machen sich zum Affen und Frauen eher nicht?“ fragt er in lockerem, flapsigem Ton beispielsweise, lässt allerdings auch das weibliche Geschlecht als „Trophäenfrau“ und „Boxenluder“ nicht ungeschoren davonkommen. Wenn geltungshungrige Hähne mit geschwollenem Kamm auf dem Misthaufen spazieren, schauen die Hennen genau hin, denn „ist der Hahnenkamm kräftig rot gefärbt, kann sie davon ausgehen, dass der dazugehörige Kerl gesund ist“. Mit dem einfachen Satz „Der Mensch ist aus dem Urwald, aber der Urwald nicht aus dem Menschen“ bringt Rühle unser menschliches Problem auf den Punkt. Er betrachtet uns Menschen als „nackte Affen“, wie es schon vor 50 Jahren der britische Verhaltensforscher Desmond Morris in seinem gleichnamigen Bestseller eindrucksvoll tat.

Doch Hermann Rühle macht es nicht auf eine belehrende, sondern auf so humorige, leicht und locker lesbare Art, dass sein populärwissenschaftliches Buch zu lesen ein Vergnügen ist. Man spürt, dass der Autor nicht nur fachkundiger Psychiater, sondern durch seine vorangegangene Tätigkeit als Industrie-Kaufmann und seinen jetzt schon langjährigen Beruf als Coach von Führungskräften aus Industrie und Wirtschaft ein Lebenspraktiker mit breit gefächertem Erfahrungssprektrum ist.

Rühle will uns deshalb mit seinem Sachbuch auch gar nicht belehren, sondern er verhilft uns schleichend und unmerklich zur Selbsterkenntnis. Fast scheint er sich für sein Buch entschuldigen zu wollen. „In Wahrheit schreibe ich vor allem für mich selbst“, zitiert er den Schriftsteller Haruki Murakami aus dessen Buch „Von Beruf Schriftsteller“ (2016) und gibt selbst schon in seinem Vorwort vor, sein Buch eher für sich selbst geschrieben zu haben. Sollten wir uns also bei unserer Lektüre hin- und wieder ertappt fühlen, scheint dies vom Autor gar nicht gewollt. Oder etwa doch? Spricht er uns doch in den Überschriften zu den neun Kapiteln direkt an und fragt uns abschließend: „Haben Sie Ihre Identität gefunden?“

Jedem Abschnitt folgen eine Liste mit den wichtigsten Kernfragen sowie einige freie Zeilen für eigene Notizen zum jeweiligen Thema. Rühles Buch ist also nicht nur eine interessante, zudem noch recht unterhaltsame Lektüre, sondern zugleich ein Instrument zur Selbsterkundung. Durch diese Selbsterkenntnis soll der Leser an Selbstsicherheit und Durchsetzungsvermögen gewinnen (verspricht zumindest der Klappentext). Ob dies am Ende gelingt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber auch unabhängig davon ist Rühles Buch gute Unterhaltung, bei der man - die Fähigkeit zur kritischen Selbsterkenntnis vorausgesetzt - gelegentlich sogar über sich selbst schmunzeln darf.

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13 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 8 Rezensionen

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Der Stammhalter

Alexander Münninghoff , Andreas Ecke
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 20.07.2018
ISBN 9783406727320
Genre: Biografien

Rezension:

Eine solche Familiengeschichte kann sich ein Autor fiktiver Romane kaum ausdenken; das muss man einfach erlebt haben: Auf eine Zeitspanne von hundert Jahren oder drei Generationen blickt der niederländische, 1944 noch in Posen geborene Journalist und Autor Alexander Münninghoff (74) in seiner Autobiografie „Der Stammhalter“ zurück, deren holländisches Original (2015) zweifach prämiert wurde, in den Niederlanden gerade als zehnteilige TV-Serie verfilmt wird und im Juli beim C.H. Beck-Verlag in deutscher Übersetzung erschien. Es ist eine abenteuerliche Familiensaga über den teils historisch bedingten, größtenteils aber selbst verschuldeten Niedergang seiner einst wohlhabenden Industriellenfamilie.
Mitten im Ersten Weltkrieg baut sich Großvater Joannes Münninghoff als Niederländer im lettischen Riga ein mächtiges Industrie-Imperium, wozu vermutlich auch der Waffenhandel gehört, sowie ein weit verzweigtes Netzwerk in den deutsch-baltischen Adel auf. Mit Ehefrau Erica, einer russischen Gräfin, führt er in den Jahren zwischen den Kriegen ein entsprechend mondänes Leben auf eigenem Gutshof. Erst durch die sowjetische Okkupation verliert die Familie alles und muss in die Niederlande zurückkehren. Joan ist es in diesen Jahren nicht gelungen, seinen Erstgeborenen Frans zu einem echten Niederländer zu machen, um ihn zum Stammhalter seines in den Niederlanden neu geschaffenen Imperiums zu machen, das er sich dank seiner alten Verbindungen in höchste katholische und politische Gesellschaftskreise sowie nicht immer mit legalen Mitteln aufbauen konnte.
Denn Frans Münninghoff fühlt sich trotz niederländischer Staatsangehörigkeit als echter Deutscher, bedingt durch seine Jugend im deutsch-baltischen Adel. Er tritt als der Waffen-SS bei, kämpft an der Ostfront und heiratet gegen den ausdrücklichen Willen seines Vaters eine Deutsche. Da Frans demnach nicht zum Erben taugt, sieht Joan bald seinen Enkel Alexander als Stammhalter. Doch seine Mutter, inzwischen von Frans geschieden, flieht mit ihrem kleinen Sohn nach Deutschland zu ihrer Mutter. Allerdings lässt ihn sein Großvater in die Niederlande entführen, wo der „Stammhalter“ zunächst beim Vater Frans aufwächst.
Alexander Münninghoff beschreibt einerseits spannend, andererseits sachlich den Niedergang seiner Familie, die durch familiäre Verbindungen nach Dänemark, Russland und in den deutsch-baltischen Adels und nach Wohlstandsleben in Lettland nun in den wirren Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg erfolglos versucht, in den Niederlanden neue Wurzeln zu schlagen. Aber gerade diese Wurzellosigkeit des Autors, der zudem fern der leiblichen Mutter und ungeliebt vom Vater von Kindesbeinen an auf sich allein gestellt ist, macht es ihm wohl möglich, mit erstaunlichem Abstand und völlig unaufgeregt, gelegentlich sogar mit humoristischem oder satirischem Unterton, den Lebensweg seiner beiden Vorfahren und ihres familiären Umfeldes wie fremde Personen in den geschichtlichen Turbulenzen des 20. Jahrhunderts zu beschreiben. Vieles ist von ihm selbst beobachtet, vieles aus Briefen angelesen, manches von Angehörigen zugetragen. Münninghoff lässt die Leser seiner Autobiographie nachempfinden, wie sich seine Familie spätestens nach dem Tod ihres Patriarchen, seines Großvaters, allmählich auflöst und die in einst besseren Zeiten noch eingeschworene Gemeinschaft zerfällt.
Nicht immer ist es als unbeteiligter Leser einfach, dem Geschehen in jeder Konsequenz zu folgen und alle Ereignisse in ihren chronologischen oder causalen Zusammenhang zu stellen, da Münninghoff allzu viele Nebenfiguren – entfernte Verwandte und Freunde, Schul- oder Kriegskameraden – in seine Familiengeschichte einbezieht. Manche Fakten, die für seine eigene Biografie und die seiner Familie wichtig sein mögen, sind für uns unbeteiligte Leser verzichtbar. Der Spannungsbogen wäre dichter gewesen, hätte der Autor auf solche Abschweifungen verzichtet. Davon abgesehen, ist „Der Stammhalter“ eine lesenswerte Autobiographie und Familiengeschichte auch für deutsche Leser, zumal vor allem das politische Verhältnis in den Nachkriegsjahren zwischen den Niederlanden und Belgien auf der einen und Deutschland als einstige Besatzungsmacht auf der anderen Seite treffend geschildert wird.

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39 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 16 Rezensionen

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Das Verschwinden des Josef Mengele

Olivier Guez , Nicola Denis
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 10.08.2018
ISBN 9783351037284
Genre: Romane

Rezension:

„Nur mit der Form des Romans konnte ich dem makabren Leben des Nazi-Arztes möglichst nahekommen“, schreibt der französische Journalist und Schriftsteller Olivier Guez (44) im Quellennachweis seines 2017 in Frankreich mit dem Prix Renaudot prämierten Romans „Das Verschwinden des Josef Mengele“, der jetzt im August beim Aufbau-Verlag erschien. Nur so gelingt es Guez, der sich als Co-Autor des Drehbuches zum Spielfilm „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (2015) schon Jahre zuvor intensiv mit der strafrechtlichen Verfolgung der nach dem Krieg außer Landes geflohenen Nazi-Kriegsverbrecher und Auschwitz-Mörder beschäftigt hatte, in diesem Buch nicht nur die abstrakte Figur deutscher Geschichte und den „Todesengel von Auschwitz“ zu beschreiben, sondern Josef Mengele (1911-1979) auch als Menschen zwischen Todesangst und Arroganz während seines 35 Jahre dauernden erbärmlichen Lebens in lateinamerikanischen Verstecken zu zeigen.
Anhand unzähliger Quellen schildert Guez sehr anschaulich die ersten Jahre Mengeles in Argentinien unter dem Schutz eines Zirkels ebenfalls geflohener Nazi-Größen, die sich bereits dem autokratischen Perón-Regime angedient haben. Mengele führt ein sorgenfreies Leben, ist doch die Bundesrepublik mehr mit dem Neuaufbau als mit internationaler Kriegsverbrecherjagd befasst. Dies ändert sich erst, als der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer Anfang der Sechziger zur Jagd auf die Kriegsverbrecher bläst und die Auschwitz-Prozesse stattfinden.
Im Roman begleiten wir Mengele in den nun folgenden Jahren des Versteckens, seines totalen Angewiesenseins auf Helfer. Wir erleben fast in der Art eines Tagebuchs seine ständige Angst vor Verrat, sein Heimweh nach Günzburg, gleichzeitig aber auch sein reueloses geistiges Verharren in der Nazi-Ideologie. Während um Mengele herum eine neue Welt entsteht, seine Nazi-Kameraden sich nach und nach den veränderten politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen anpassen und ein bürgerliches Leben führen, preist Mengele unverbrüchlich die Rassenideologie Adolf Hitlers, den er noch immer als „größten Deutschen“ verehrt.
Guez ist mit seinem Roman etwas Neues gelungen: Während wir Nachgeborenen Josef Mengele als abstrakte Person aus historisch-wissenschaftlicher Literatur kennen, präsentiert uns der Autor den „Todesengel von Auschwitz“ als Menschen mit Eigenschaften und Gefühlen, einen Menschen zwischen Ehrgeiz und krankhaftem Wahn, von dem sich zuletzt auch die eigene Familie lossagt. Seine 1985 entdeckten Gebeine überlässt sie der brasilianischen Forensik zur Forschung – ausgerechnet die Gebeine jenes skrupellosen und ehrgeizigen Mediziners, der mehr als 70 Jahre zuvor an lebenden und ermordeten Opfern eigenhändig wissenschaftliche Experimente vorgenommen hatte.
So spannend sich der Roman auf seinen 224 Seiten auch liest, so interessant die auf unzähligen Fakten aufgebaute Handlung auch geschrieben ist, dürfen wir beim Lesen trotzdem nicht vergessen: Das Buch ist nur ein Roman! Genau darin aber steckt die Gefahr: Der Autor überlässt allein uns, zwischen Fakten und Fiktion unterscheiden zu müssen. Aber wer von uns Lesern, wenn nicht ausdrücklich fachlich gebildet, ist dazu wirklich in der Lage?

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41 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 25 Rezensionen

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Der Bote

Ingar Johnsrud , Daniela Stilzebach
Flexibler Einband
Erschienen bei Blanvalet, 14.05.2018
ISBN 9783764505882
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nach Erscheinen des ersten Bandes („Der Hirte“, Verlag Blanvalet, 2017) seiner Thriller-Trilogie um den Osloer Hauptkommissar Fredrik Beier und dessen Kollegin Kafa Iqbal wurde der norwegische Autor Ingar Johnsrud (44) in Deutschland von Kritikern prompt als neuer Stern am skandinavischen Thriller-Himmel und sogar als Nachfolger von Stieg Larsson oder Henning Mankell gerühmt. Ich mochte damals diesem Urteil nicht folgen, zu verwirrend war mir die Handlung, zu klischeehaft die Charaktere. Im Mai erschien nun „Der Bote“ als zweiter Band, der eineinhalb Jahre nach dem „Hirten“ in Oslo spielt, sich aber trotz vereinzelter Rückblicke durchaus ohne Vorkenntnisse als in sich abgeschlossener Thriller lesen lässt. Diesen „Boten“ fand ich etwas besser, zumal er gleich zwei Genres in einem Band vereint – das des Psychothrillers und des Politthrillers.
In einer Osloer Villa wird die Leiche eines kürzlich verstorbenen Mannes gefunden. Der Tote wird identifiziert, sollte allerdings nach amtlichen Angaben schon vor 20 Jahren bei einem Militäreinsatz umgekommen sein. Kurz darauf wird in einem Abwasserschacht am anderen Ende der Stadt die Leiche eines Mannes entdeckt, die schwere Folterspuren aufweist. Die Ermittlungsarbeit von Hauptkommissar Fredrik Beier wird aus unerklärlichen Gründen behindert, Akten werden gesperrt, Beweismittel verschwinden. Natürlich mischt der Geheimdienst heimlich im Hintergrund mit.
Wie schon im „Hirten“ verbindet Ingar Johnsrud auch im „Boten“ wieder die aktuellen Geschehnisse mit Ereignissen aus der Vergangenheit. Diesmal ist die geheime Militäraktion der Norweger im Jahr 1992 auf der russischen Halbinsel Kola Anlass für die aktuelle Mordserie. Immer im Wechsel zwischen heute und damals bringt uns Johnsrud kapitelweise die einzelnen Charaktere näher und hilft uns, deren Handeln mehr und mehr zu verstehen.
Schien mir der „Hirte“ noch allzu verwirrend, ist die Geschichte im „Boten“ übersichtlicher strukturiert und lässt sich leichter nachvollziehen. Allerdings ist auch dieser Thriller kein Buch, das sich beiläufig lesen lässt. Nur bei intensiver Lektüre kann man die Atmosphäre besser in sich aufnehmen, lassen sich die Handlung, die Zusammenhänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie die Charaktere und deren Handeln besser verstehen.
„Der Bote“ ist zweifellos ein spannender Thriller, die in sich verschachtelte Handlung konsequent und logisch aufgebaut. Aber Ingar Johnsrud gleich als neuen Stern am skandinavischen Thriller-Himmel zu bezeichnen, erscheint mir dann doch zu gewagt, denn seine Trilogie ist nach allzu bekanntem Muster „gestrickt“: Die Stimmung ist wie bei anderen nordischen Autoren natürlich düster und eisig wie das skandinavische Winterwetter. Nicht nur die Verdächtigen sind Psychopathen, sondern auch sein Hauptkommissar Fredrik Beier und dessen Kollegin Kafa Iqbar. Überall kaputte Typen und kaputte Familien, wo man hinschaut. Gibt es keine normalen Menschen mehr auf unserer Welt? Diese und andere wiederkehrende Klischees machen Johnsruds Thriller leider austauschbar. Man muss schon ein ausgesprochener Thriller-Fan sein, um vom „Boten“ über die Maßen begeistert zu sein. Solche Fans dürfen sich dann auf den dritten Band der Trilogie freuen, der in Norwegen kürzlich erschienen und auf Deutsch wohl im Frühsommer 2019 bei Blanvalet zu erwarten ist.

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34 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 15 Rezensionen

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Der rote Stier

Rex Stout , Conny Lösch , Jürgen Dollase
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 21.04.2018
ISBN 9783608981124
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Vielleicht nicht unbedingt auf gleichem Niveau wie „Es klingelte an der Tür“ (März 2017) oder „Zu viele Köche“ (November 2017), aber voller Geist und Witz immer noch um Längen besser als die bluttriefenden Psychothriller heutiger Zeit ist der schon vor 80 Jahren erstmals erschienene, im April bei Klett-Cotta nun als dritter Band der Neuausgabe veröffentlichte Krimi „Der rote Stier“ des amerikanischen Bestseller-Autors Rex Stout (1886-1975). Obwohl Stout eher als politischer Schriftsteller bekannt ist, der seine vielschichtige Kritik an Staat und Gesellschaft in spannende Kriminalfälle um den Orchideen züchtenden Meisterdetektiv Nero Wolfe verpackte, geht es diesmal eher um gutes, vielleicht auch nicht so gutes Essen. Aber auch darin ist übergewichtige Nero Wolfe, der üblicherweise sein Haus nicht verlässt, dafür seinen „Laufburschen“ Archie Goodwin hat, ein Meister auch dieses Faches.
Diesmal hat Nero Wolfe ganz gegen seine Gewohnheit sein Apartement verlassen, um einige seiner seltenen und selbst gezüchteten Orchideen auf einer landwirtschaftlichen Ausstellung zu präsentieren. Auf der Hinfahrt baut sein junger Assistent und Chauffeur Archie einen Unfall, was beide zu unfreiwilligem Aufenthalt im Landhaus von Thomas Pratt zwingt, dem Eigentümer einer ersten US-Fast-Food-Kette. Pratt hat gerade den berühmtesten Zuchtbullen der USA überteuert gekauft, um ihn auf einer Galaparty seinen VIP-Gästen werbewirksam als Beefsteak zu servieren. Doch in derselben Nacht findet man eine Leiche in der Koppel, angeblich das Opfer des Bullen, doch Wolfe ahnt schon einen Mordfall. Während Wolfe's Ermittlungen, mit denen er vom Vater des Opfers beauftragt wird, verendet der Bulle überraschend an Milzbrand und sein Kadaver wird sofort verbrannt. Am anderen Tag findet man auf dem Ausstellungsgelände eine weitere Leiche unter Stroh versteckt.
Die Aufklärungsarbeit gestaltet sich schwierig für den Meisterdetektiv: Immer, wenn er ein Indiz für die von ihm geheim gehaltene Theorie gefunden zu haben glaubt, kommt ihm das Beweismittel abhanden. Aber wie soll er den Täter ohne Beweismittel entlarven? Schließlich greift Nero Wolfe zu einem überraschenden Bluff – natürlich mit erhofftem Erfolg.
Sein Assistent Archie Goodwin erzählt uns diese Geschichte wieder auf die ihm eigene humorvolle, oft witzige Art. Obwohl er absolut loyal zu seinem Chef steht, nimmt er sogar Wolfe nicht immer ganz ernst, mokiert sich über dessen Marotten, lästert aber auch über die anderen Personen wie über sich selbst und springt nicht einmal mit seiner neuen Freundin allzu charmant um, wie es sich heute kein Mann mehr erlauben dürfte.
Diese Erzählweise lässt den Krimi locker erscheinen, obwohl doch eine Menge Politik- und Sozialkritik in ihm steckt. Da ist zunächst der Spott über die für Außenstehende albern erscheinenden Übertreibungen der [amerikanischen] Viehzüchter mit ihrem kultigen Verhalten, das dem einer Sekte fast ähnelt. Zudem kritisiert der Autor vehement die in den USA aufkommende Fast-Food-Versorgung, wenige Jahre bevor die erste McDonald-Filiale eröffnet wird, wobei Stout schon 1938 den damaligen Hamburger-Produzenten zutraut, alles Mögliche in ihre Frikadellen reinzupacken, nur nicht gutes Fleisch. Etwas politisch wird Stout dann doch noch, wenn er die unprofessionelle Arbeit der Polizei karikiert oder Archie Goodwin bei dessen Kurzaufenthalt in der Gefängniszelle spontan eine Gefangenen-Gewerkschaft zur Verbesserung der Verhältnisse in amerikanischen Gefängnissen gründen lässt.
Zwar sind alle Krimis von Rex Stout natürlich Fiktion, aber in allen Romanen zeigt er auf bestimmte Missstände, so auch im „roten Stier“. Allerdings: Diesem Krimi merkt man sein Alter an. Denn in den nachfolgenden 80 Jahren hat sich dann doch einiges in Staat und Gesellschaft verändert – auch in den USA. Sogar zum Guten. Aber besser als viele heutige Krimis ist Rex Stouts lesenswerter Roman von 1938 in zeitgemäßer Neuübersetzung allemal.

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21 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 12 Rezensionen

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Commissaire Le Floch und der Brunnen der Toten

Jean-François Parot , Michael Killisch-Horn
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Blessing, 19.03.2018
ISBN 9783896675729
Genre: Historische Romane

Rezension:

Die französische, 13-bändige Krimireihe um den jungen Commissaire Nicolas Le Floch, der im Paris des Jahres 1761 zur Zeit Ludwigs XV. und der beginnenden Aufklärung geheimnisvolle Morde aufzudecken hat, sei „ein literarischer Genuss“, schrieb ich im Herbst 2017 über den mit 20-jähriger Verzögerung erstmals auf Deutsch veröffentlichten Band „Commissaire Le Floch & und das Geheimnis der Weißmäntel“ des im Mai verstorbenen französischen Schriftstellers Jean-François Parot (1946–2018). Mein Fazit damals: „Le Floch macht süchtig!“ Nach Lektüre dieses zweiten Bandes „Commissaire Le Floch & der Brunnen der Toten“, im März wieder im Blessing-Verlag erschienen, kann ich mein damaliges Urteil mit bestem Gewissen bestätigen.
Wieder soll der junge Commissaire Nicolas Le Floch im Auftrag des Pariser Polizeipräfekten Sartine einen überaus heiklen Fall klären: Der Sohn des Grafen de Ruissec wurde in seinem Zimmer tot aufgefunden. Offensichtlich war es Selbstmord. Doch Le Floch kommen anhand einiger Indizien erste Zweifel. Während der Graf dennoch vom Selbstmord seines Sohnes ausgeht, scheint die Mutter anderer Meinung zu sein. Sie bittet den Commissaire um ein heimliches Treffen in einem Pariser Kloster. Doch dazu kommt es nicht mehr: Le Floch findet die Gräfin in der Kirche ermordet im „Brunnen der Toten“.
Wie schon im ersten Fall „stolpert“ Le Floch geradezu während seiner Ermittlungsarbeit über weitere Leichen. Was wie einem vermeintlichen Selbstmord begonnen hatte, der sich bald tatsächlich als Mord erwies, weitet sich im Laufe der Ermittlungen zu einem komplizierten, mehrmals verwobenen politischen Komplott und Intrigenspiel aus - bis hinein ins Schloss Versailles, wo der bei einigen politischen Gruppen verhasste König Ludwig XV. residiert. Auch des Königs bislang favorisierte Mätresse, die Madame de Pompadour, mischt dabei mit, da sie ihre Position am Hof gefährdet sieht.
Das Faszinierende an Jean-François Parots wirklich lesenswerter Krimireihe ist die fast dokumentarische Beschreibung des ausgehenden 18. Jahrhunderts in Paris: Nicht nur einige seiner handelnden Personen - vom Polizeichef Antoine de Sartine über den Henker Charles Henri Sanson bis zu Madame de Pompadour und König Ludwig XV. - lebten damals wirklich. Auch die Örtlichkeiten im historischen Paris, das Alltagsleben der verschiedenen Gesellschaftsschichten ist dokumentarisch bis in Einzelheiten genau, aber dennoch unaufdringlich, fast beiläufig geschildert. Jean-François Parots Detailkenntnis verwundert nicht, war er doch nicht nur Schriftsteller, sondern auch ein auf das 18. Jahrhundert spezialisierter Historiker.
Nicht nur das gesellschaftliche und politische Umfeld ist auch in diesem zweiten Band wieder so überaus lebendig erzählt, dass man beim Lesen sogar Historisches lernen kann. Auch des Parots Formulierungskunst, wie man sie in modernen Romanen kaum noch findet, und die den unterschiedlichen Charakteren vom adligen Höfling bis zur Bordellchefin angepasste Ausdrucksform (ein erneutes Lob dem Übersetzer Michael von Killisch-Horn!) geben uns Lesern das richtige Empfinden für eine längst vergangene Zeit. Nichts in diesen Romanen wirkt ausgedacht, alles scheint so wirklichkeitsecht. Wem diese ersten zwei Bände gefallen haben, darf sich schon bis Ende Oktober auf den dritten Band „Commissaire Le Floch & das Phantom der Rue Royale“ freuen. Allen anderen empfehle ich, bis Oktober diese ersten zwei Bände unbedingt gelesen zu haben.

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66 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 53 Rezensionen

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Der Sprengmeister

Henning Mankell , Verena Reichel , Annika Ernst
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 23.07.2018
ISBN 9783552059016
Genre: Romane

Rezension:

Wer von Bestseller-Autor Henning Mankell (1948-2015) nur die Wallander-Krimis kennt, durch die der schwedische Schriftsteller in den Neunziger Jahren international bekannt wurde, wird bei Lektüre seines 1973 veröffentlichten Debütromans „Der Sprengmeister“, der vor wenigen Tagen im Paul Zsolnay Verlag erstmals auf Deutsch erschienen ist, sicherlich seine Probleme haben. Sogar erfahrene Mankell-Leser, die noch andere Romane von ihm kennen, dürften staunen: „Der Sprengmeister“ ist ganz anders!
Es ist auf 192 Seiten die Lebensgeschichte eines fiktiven schwedischen Sprengmeisters Oskar Johannes Johansson (1888-1969), die Geschichte eines einfachen Mannes, „der in die Luft flog, aber irgendwie davonkam“. Wie durch ein Wunder hatte Oskar eine Sprengung in unmittelbarer Nähe schwerstverletzt überlebt. Ein ganzes Jahr brauchte er zur Genesung, dann arbeitete er als Sprengmeister weiter.
Wir lernen Oskar erst in seinen Jahren als Rentner kennen, im Winter allein in der Stadt lebend, im Sommerhalbjahr einsam in einer winzigen Hütte auf einer kleinen Insel, wo ihn der Erzähler gelegentlich besucht. Durch wortkarge Dialoge und kurze Erinnerungssplitter erfahren wir aus Oskars ärmlichem Arbeiterleben, ahnen seine unerfüllten Träume. Die Weltgeschichte schreitet fort, er kann sie nicht ändern. Als junger Arbeiter wartete er noch auf die Revolution, um die Rechte des Proletariats zu stärken. Die Revolution blieb aus. Oskars politische Einstellung schwankt zwischen Kommunismus und Sozialismus. Er ist ein ungebildet, aber interessiert. Selbst als 80-Jähriger hört er im Radio noch den Schulfunk.
Oskar war Arbeiter. „Wie sein Vater. Wie sein Großvater. Sie waren Kanalbauer, Schleusenwärter, Latrinenarbeiter und Sprengmeister. [Großvater] Johannes, der Vater und Oskar.“ Geliebt hatte er Elly. Doch sie verließ ihn, von einem anderen geschwängert, während Oskar nach dem Unfall im Krankenhaus lag. Von ihr träumt er noch immer. Geheiratet hat er ihre Schwester. Mit Elvira wurde er glücklich. Der Sohn betreibt einen Waschsalon, nennt sich Direktor. Das gefällt Oskar nicht.
„Der Sprengmeister“ ist keine chronologisch erzählte Geschichte, sondern eine Sammlung kurzer, in der Zeit ihrer Handlung wechselnder Absätze, die sich der Leser wie bunte Puzzle-Steine selbst zu einem Lebensmosaik zusammensetzen muss. „Die Erzählung wird anekdotisch, besteht aus Fragmenten“, heißt es im Text. „Aber in der Wirklichkeit hängen die Dinge zusammen.“ Der Leser muss sich konzentrieren – und seiner Phantasie Raum geben, denn „unter der Oberfläche liegt die Geschichte“, ähnlich einem Eisberg, wie ein Kapitel überschrieben ist. „Die Erzählung bildet Oskars Einsilbigkeit ab, mit Rissen und Lücken.“
Seinen „Sprengmeister“ schrieb Mankell 1972 als 24-Jähriger. Damals war er in der 68er-Bewegung aktiv und protestierte gegen den Vietnam-Krieg, den portugiesischen Kolonialkrieg in Afrika und das Apartheid-Regime in Südafrika. Er wollte die Welt verbessern und begann als politischer Schriftsteller, der er bis ins Alter blieb. Auch 25 Jahre nach Erscheinen seines Romans habe er nichts ändern müssen, schrieb Mankell 1997 im Nachwort. „Der Sprengmeister“ ist gewiss kein leicht lesbarer Roman. Aber dank der deutschen Ausgabe erst drei Jahre nach Mankells Tod, wirkt ausgerechnet dieses Debüt wie sein politisches Testament oder Manifest.

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33 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 16 Rezensionen

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Die Stimmlosen

Melanie Metzenthin
Flexibler Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Tinte & Feder, 17.07.2018
ISBN 9782919801343
Genre: Historische Romane

Rezension:

„Historisch interessant, packend und berührend, zugleich trotz der Dramatik der beschriebenen Jahre immer wieder erfrischend und hoffnungsfroh stimmend“, schrieb ich über das mit über 40.000 verkauften Exemplaren erfolgreiche Buch „Im Lautlosen“ (2017) von Melanie Metzenthin (49), bekannt als Autorin einiger im Mittelalter spielender Romane und Ärztin in Hamburg. Diesen Satz wiederhole ich auch gern für den jetzt im Juli ebenfalls im Amazon-Verlag Tinte & Feder erschienenen zweiten Band „Die Stimmlosen“.
Hatte Metzenthin im ersten Band das Leben des jungen Arztehepaares Richard und Paula Hellmer in Hamburg während der Nazi-Diktatur lebensnah und anschaulich geschildert, beschreibt sie nun deren Alltagsleben in den ersten Nachkriegsjahren. Der Krieg ist vorbei, die Hansestadt liegt in Trümmern. Leben andere mangels Wohnraum auf der Straße, geht es Richard und Paula noch gut: Mit der Großfamilie und Freund Fritz bewohnen sie zu elft die sechs Zimmer des unzerstört gebliebenen Elternhauses. Lebensmittel gibt es nur auf Bezugsschein, doch die Läden bleiben oft leer. Im Kältewinter 1946/1947 fehlt es an warmer Kleidung, so dass viele Menschen in ihren Notunterkünften oder direkt auf der Straße erfrieren. Aber es fallen keine Bomben mehr und die Nazi-Herrschaft ist vorbei. So kann es eigentlich nur besser werden – hoffen Richard und Paula.
Doch Richard, der im Dritten Reich als Psychiater immer wieder gegen das Regime gearbeitet und damit sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte, um behinderte Menschen vor dem angeordneten Vernichtungstod zu retten, muss erschreckend feststellen, dass die alten Nazi-Seilschaften unter Juristen und Ärzten sich trotz britischer Besetzung nahtlos in die neuen Machtstrukturen eingegliedert haben. In einem Prozess gegen seinen früheren Chefarzt Krüger, der während des Nazi-Regimes leicht behinderte Kinder hat sterilisieren und 22 stark behinderte als „unwertes Leben“ bewusst in den Tod geschickt hatte, sagt Richard, der solche Kinder durch gefälschte Atteste hatte retten wollen, jetzt als Zeuge der Anklage aus, sieht sich aber unerwartet zur eigenen Rechtfertigung gezwungen.
Wie schon im ersten Band zeichnet Metzenthin auch in „Die Stimmlosen“ – gemeint sind die Rechtschaffenen und unter den Nazis Entrechteten, die auch in der Nachkriegszeit kein Stimmrecht haben – ein anhand historischer Ereignisse, Dokumentationen und Augenzeugenberichten sachlich korrekt recherchiertes, dennoch locker geschriebenes, dadurch auch für Nachgeborene leicht verständliches Nachkriegsporträt über Menschlichkeit, Versöhnung und Nächstenliebe, über das alltägliche Leben in Trümmern, über die Alltagssorgen unserer Eltern und Großeltern – bis zum Einsetzen des Wirtschaftswunders in den 1950er Jahren. In Sprache und lebendigen Dialogen trifft Metzenthin den richtigen Ton, der ihre Geschichte so authentisch erscheinen lässt.
Etwas zu langatmig und melodramatisch wirken nur die langen Passagen um die tot geglaubte, dann doch nach 30 Jahren unerwartet wieder auftretenden britischen Mutter von Richards Freund Fritz. Diese Mutter scheint eher als dramaturgisches Mittel eingefügt zu sein, lässt deshalb die sonst durch Wirklichkeitsnähe überzeugende Handlung in diesem Punkt etwas märchenhaft erscheinen. Die Autorin hätte besser getan, darauf zu verzichten.
Dennoch ist der Roman „Die Stimmlosen“ absolut lesenswert und für die heutige Generation der Enkel zu empfehlen: Es wird der normale Alltag der Nachkriegsjahre in seinen oft scheinbar unwichtigen, zu jener Zeit aber lebensbestimmenden Kleinigkeiten beschrieben, wie es kein Schulunterricht zu vermitteln vermag. Auch die Schilderung alter Nazi-Seilschaften in der Nachkriegszeit vor 70 Jahren ist beachtenswert, hat sich doch Vergleichbares nur 40 Jahre später, also zu unserer Zeit, nach Zusammenbruch der DDR im Fall der Stasi-Seilschaften wiederholt.

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13 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

Den Himmel finden

Erri De Luca , Annette Kopetzki
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 11.05.2018
ISBN 9783471351710
Genre: Romane

Rezension:

War Jesus ein Mensch, also ein normaler Mann mittleren Alters? Oder war er der Sohn Gottes? In seiner ungewöhnlichen, überaus tiefsinnigen und in der Sprache poetischen Erzählung „Den Himmel finden“, erschienen im Mai beim List-Verlag, versucht der italienische Schriftsteller Erri de Luca (68) die Antwort zu finden. Auf knapp 200 Seiten lässt uns der Autor seinen Protagonisten, einen namenlosen Bildhauer und Restaurator aus einem ebenso unbedeutenden Bergdorf, seine erstaunliche Geschichte erzählen.

Nach einem Streit mit seinen Freunden, mit denen er hilflosen Flüchtlingen auf unbekannten Bergpfaden über die Grenze geholfen hatte, verlässt der Erzähler sein Heimatdorf und sucht sich anderenorts Aufträge als Restaurator. Eines Tages erhält er von einem Priester die ungewöhnliche Aufgabe, eine lebensgroße Marmorstatue des gekreuzigten Jesus zu „entkleiden“. Der einstige Bildhauer hatte seine Skulptur nach eigenem Körper lebensecht geformt. Später war aber das Geschlechtsteil, die männliche „Natur“, wie es in der Erzählung heißt, schamvoll mit neuem Marmor überdeckt worden. Jetzt, nach Jahrzehnten der Verhüllung, soll der Penis des Gekreuzigten wieder freigelegt werden. Der Erzähler scheut sich zunächst vor dieser Arbeit, nimmt sich aber, nachdem auch der Bischof seine Zustimmung gegeben hat, dieses ehrenvollen Auftrags an.

Der Restaurator geht der Geschichte dieser Skulptur nach, sichtet alte Dokumente und findet sogar Bilder der nackten Statue. Darauf entdeckt er, dass der Penis des Gekreuzigten leicht erigiert war, wie es in den Minuten vor dem Tod durch Blutstauung ganz natürlich ist. So beschließt der Restaurator, Jesus nicht als theologische „Kultfigur“, sondern als leibhaftigen, lebensechten Mann darzustellen, zumal der ursprüngliche Bildhauer dies ebenso getan hatte, wie der Restaurator bei weiterer Untersuchung der Skulptur feststellt. Um seinen Auftrag perfekt ausführen zu können, beschäftigt sich der eher ungläubige Restaurator jetzt intensiv mit der Person des Gekreuzigten. Er fragt nicht nur den Priester nach Jesus aus, sondern auch einen Rabbiner und einen Moslem, die Jesus nicht als Gottes Sohn, wohl aber als Propheten kennen.

Während seiner intensiven Arbeit findet unser naturverbundener Restaurator, der nie zuvor sein Bergdorf verlassen hatte, zum wahren, zum natürlichen Glauben, zum Urchristentum. Für ihn sind christliche Tugenden wie Liebe und Barmherzigkeit selbstverständliche Eigenschaften eines reinen, unverdorbenen Menschen, der unser Restaurator zeitlebens war. Statt wie seine Freunde von den Flüchtlingen Geld zu nehmen, war für ihn diese Hilfe ein Akt der Barmherzigkeit. Während andere, vom Priester zuvor befragte Restauratoren im Auftrag der „Entkleidung“ eine Möglichkeit zur Steigerung eigenen Ansehens und Bekanntheitsgrades gesehen hatten, will unser Erzähler aus Ehrfurcht eher auf diesen Auftrag verzichten. Es geht ihm nicht um Prestige und schnöden Mammon.

Manche Kritiker von Erri de Luca halten seine Bücher wegen ihrer Bibelnähe für „theologischen Kitsch“. Dennoch zählt er zu den auflagenstärksten und preisgekrönzen Autoren Italiens. Auch sein Kurzroman „Den Himmel finden“ beschäftigt sich mit der Bibel und ist wahrlich keine Unterhaltungslektüre. Das Buch wird nicht jedem Leser gleichermaßen gefallen. Es kommt beim Lesen auf die eigene Offenheit für theologische Fragen an. Wer sich dafür interessiert, der wird an diesem Kurzroman seine Freude haben – schon allein wegen der poetischen, einfühlsamen Erzählung, wie der namenlose Restaurator während seiner Arbeit die Gefühle und Schmerzen jenes Mannes bei seiner Kreuzigung und dessen Wandel vom Mann zum anbetungswürdigen Heiligen nachzuempfinden versucht.

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37 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 21 Rezensionen

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Die rote Frau

Alex Beer
Fester Einband
Erschienen bei Limes, 21.05.2018
ISBN 9783809026761
Genre: Historische Romane

Rezension:

„Der Krieg mochte vorbei sei, doch das Toben hatte gerade erst begonnen." So endet der erste Band „Der zweite Reiter“ einer 2017 begonnenen Krimi-Reihe um Kriminalinspektor August Emmerich, verfasst von Alex Beer. Pseudonym der österreichischen Schriftstellerin Daniela Larcher (41). In dieser Situation der politischen und gesellschaftlichen Wirren im Wien des Jahres 1920, einer Stadt der Extreme zwischen bitterer Not, politischen Unruhen und wildem Nachtleben, beginnt denn auch Beers wieder empfehlenswerter, im Mai beim Limes-Verlag veröffentlichter zweiter Band „Die rote Frau“.
Kriminalinspektor August Emmerich ist endlich mit seinem jungen, noch lebensunerfahrenen Assistenten Ferdinand Winter in die Mordkommission versetzt worden, wird dort aber wegen seiner Kriegsverletzung in die Schreibstube versetzt. Erst nach schneller Lösung eines Gefälligkeitsauftrags setzt ihn sein Vorgesetzter Gonska als verdeckter Ermittler auf einen brisanten politischen Mordfall an. Emmerich hat nur vier Tage Zeit bis zur Rückkehr seines Chefs. Doch natürlich gelingt es dem gewieften Ermittler dank seines ungewöhnlichen und unerschrockenen Vorgehens, einem perfiden Mordkomplott auf die Spur zu kommen und den Fall zu lösen.
Wie im ersten Band gelingt es der Autorin auch diesmal, das Wien des Nachkriegsjahres 1920 wieder lebendig werden zu lassen. Man hört fast die alte Straßenbahn durch die teilweise heruntergekommenen Stadtviertel rumpeln, man riecht den Essensgeruch aus den Suppenküchen für Notleidende oder das Karbid der Abendbeleuchtung, man schmeckt den Staub und Unrat allerorts und sieht allgegenwärtige Armut, Hunger und Krankheiten, die nicht selten zum Tod führen. Auch die ungefestigte politische Situation nach dem verlorenen Krieg erlebt der Leser eindringlich, die Gefährdung der jungen Republik durch einen möglichen Putsch, der sowohl von links als auch von rechts möglich ist. Obwohl Monarchie und Adel seit Kriegsende abgeschafft sind, muss der im Waisenhaus aufgewachsene Emmerich bestürzt feststellen, dass sich kaum etwas an den sozialen Verhältnissen geändert hat: Jene, die vorher arm waren, sind es noch heute, wurden zudem im Krieg „verheizt“, und der alte Adel wurde durch Geldadel ersetzt. Das Elend auf den Straßen versucht die boomende Filmindustrie mit ihrer märchenhaften Scheinwelt vergessen zu machen.
Fesselnder als die Lösung der von Emmerich schnell in Zusammenhang gebrachten Mordfälle ist die aus unzähligen Puzzle-Steinen von der Autorin eindrucksvoll zusammengesetzte Situations- und Milieu-Schilderung. In der gelungenen Verbindung von Historie und Fiktion warnt Alex Beer erkennbar vor dem heute wieder wachsenden Rechtspopulismus. So lässt sich der letzte Satz dieses Bandes nicht nur als Hinweis auf eine willkommene Fortsetzung dieser Buchreihe deuten, sondern auch als politische Warnung: „Diese Geschichte war noch nicht zu Ende.“

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80 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 71 Rezensionen

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Der einsame Bote

Gard Sveen , Günther Frauenlob
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 08.06.2018
ISBN 9783471351505
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der Psychothriller „Der einsame Bote“ des norwegischen Bestseller-Autors Gard Sveen (49), der seit fünf Jahren als neuer Stern am skandinavischen Thriller-Himmel gehandelt wird, wird mein letzter Band aus dieser Reihe um Kommissar Tommy Bergmann gewesen sein. Schon bei Sveens erstem, mehrfach ausgezeichneten Debüt „Der letzte Pilger“ (2016) hatte ich bemängelt, die Handlung sei verwirrend und es gebe bessere als diesen zum „besten Krimi Skandinaviens“ gekürten Thriller. Beim zweiten Band „Teufelskälte“ (2017) stellte ich fest: „In diesem düsteren Thriller sind einfach alle irgendwie krank, jeder auf seine Weise - die möglichen Täter, der Kommissar, seine Kollegin. Bei Gard Sveen herrscht nur Dunkelheit und Wahnsinn.“
Meine damalige Kritik halte ich auch beim neuen, im Juni beim List-Verlag erschienenen dritten Band „Der einsame Bote“ aufrecht, dessen obskure Handlung für Quereinsteiger nicht mehr nachzuvollziehen ist und selbst bei Kennern beider Vorgängerbände anfangs nur Unverständnis und Verwirrung aufkommen lässt. Erst in der zweiten Hälfte der sehr konstruiert wirkenden Handlung kam endlich Spannung auf.
Tommy Bergmann, der psychisch gestörte und sich selbst hassende Kommissar, nimmt sich trotz einer Abmahnung eines aus seiner Sicht noch ungelösten Falles an: Die seit Monaten vermisste 13-jährigen Amanda wurde für tot erklärt, der Mörder angeblich verbrannt und beerdigt, der Fall damit offiziell abgeschlossen. Bergmann sieht sich bei seinen Nachforschungen deshalb von den Kollegen im Stich gelassen. Als auch er fast aufgeben will, stößt er endlich auf die Spur einer mysteriösen Sekte. Ihr Anführer Rostow ist überzeugt, sogar einen Mörder erlösen zu können, wenn dieser ein junges Mädchen opfert – ein im Sternzeichen Widder geborenes, noch nicht 14-jähriges Mädchen wie Amanda oder auch Matthea, die sechsjährige Tochter von Bergmanns ebenfalls psychisch angeschlagener Kollegin Susanne Bech.
Dieser Fall nimmt Bezug auf eine vorangegangene, Jahre zurückliegende Mordserie, bei der mehrere Mädchen und auch Frauen erst aufs Grauenvollste verstümmelt, dann ermordet wurden. Frühere Bezugspunkte nimmt der Autor nun in die Handlung seines dritten Bandes ohne weitere Erläuterungen auf, zudem verwirren ständige Szenenwechsel, so dass man sich beim Lesen allzu sehr konzentrieren muss, um überhaupt sinnvolle Zusammenhänge herstellen zu können. Die eigentlich zur Unterhaltung dienende spannende Lektüre artet somit in Arbeit aus, die den erwarteten Spannungsfluss hemmt und dem Leser die Freude am Buch nehmen kann.
Dazu kommt die ewig düstere Stimmung dieses Thrillers, dem ironische, sarkastische oder jegliche aufmunternde Passagen fehlen, durch die sich andere, auch skandinavische Psychothriller meistens auszeichnen, um dem Leser kleine Erholungspausen zu gönnen. Bei Gard Sveen herrscht auf 300 Seiten ausnahmslos Düsternis und Psycho-Wahnsinn.
Zusätzlich stört die wirklichkeitsfremde Arbeitsweise von Tommy Bergmann und seiner Kollegin Susanne Bech, die beide in völligem Alleingang – nicht nur in Norwegen, sondern sogar im fernen Litauen – versuchen, als Einzelkämpfer den tatsächlich noch unaufgeklärten Fall zu lösen. So unglaubwürdig wie die ganze Handlung ist auch der nur als völlig realitätsfern und völlig absurd zu bezeichnende Schluss dieses Thrillers.
Konnte man den ersten Band „Der letzte Pilger“ vielleicht noch als spannend und wegen mehrfacher Auszeichnungen und Belobigungen als vielversprechendes Debüt des bis dahin unbekannten Thriller-Autors Gard Sveen akzeptieren, ist nach dem schon etwas enttäuschenden zweiten Band „Teufelskälte“ jetzt bei „Der einsame Bote“ aus meiner Sicht das Urteil „nicht empfehlenswert“ durchaus angemessen.

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88 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 40 Rezensionen

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Unter der Mitternachtssonne

Keigo Higashino , Ursula Gräfe
Fester Einband: 720 Seiten
Erschienen bei Tropen, 10.03.2018
ISBN 9783608503487
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

ABGEBROCHEN - Der japanische Thriller "Unter der Mitternachtssonne" von Keigo Higashino hat mir überhaupt nicht gefallen, weshalb ich die Lektüre jetzt nach einigen Kapiteln abgebrochen habe: Mit jedem Kapitel wurden neue Handlungsstränge mit neuen Personen ins Spiel gebracht. Die zunehmende Zahl japanischer Namen war mir allmählich zu verwirrend und die Handlungssprünge so irritierend, dass ich keinen "roten Faden" mehr ausmachen konnte und fast den Überblick verlor. Jedes Mal, wenn ich dachte, "jetzt geht's aber endlich los", fing wieder ein neues Kapitel mit neuen Personen an. Nein danke, dafür ist mir meine Zeit zu kostbar!

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46 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

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Cyril Avery

John Boyne , Werner Löcher-Lawrence
Fester Einband: 736 Seiten
Erschienen bei Piper, 02.05.2018
ISBN 9783492058537
Genre: Romane

Rezension:

Ein gewaltiges und nachhaltig wirkendes Meisterwerk ist dem irischen Bestseller-Autor John Boyne (47) mit seinem hervorragenden Roman „Cyril Avery“ gelungen, der im Mai im Piper-Verlag erschien. In leichtem Erzählton nimmt sich Boyne auf 740 Seiten eines auch in unserer doch scheinbar so aufgeklärten Gesellschaft noch immer für viele schwierigen und heiklen Themas an – der Homosexualität und Homophobie. Unbegreiflich ist es deshalb, dass der Verlag in Klappentext des Buches nicht ein einziges Mal diese Begriffe nennt, sondern nur oberflächlich in eine Handlung einführt, die dem Autor doch nur als Mittel zum Zweck dient.
Boynes Hauptfigur Cyril Avery ist schwul. In seiner ersten Lebenshälfte wird Cyril von der Gesellschaft als Krimineller verachtet, in der zweiten als Aussätziger gemieden. In einem für dieses Thema erstaunlich lockeren, oft humorvollen, manchmal ironisch-lakonischen Sprachstil – auch dem Übersetzer Werner Löcher-Lawrence gebührt hier ein großes Lob! – gelingt es dem Autor, uns dieses komplexe Thema auf eine sehr tiefgehende, trotzdem leicht verständliche und empathische Weise nahezubringen, uns am Denken und Fühlen homosexueller Männer, an ihren leidvollen Erfahrungen im Wandel der Zeit teilhaben zu lassen.
In leicht lesbarer Schilderung des unruhigen und aufreibenden Lebens des Iren Cyril Avery lernen wir das katholische Irland von 1945 bis in die Sechziger Jahre kennen, in dem Staat und Politik noch von der Kirche gelenkt werden. Wir begegnen religiösem Eifer, einer oft damit einhergehenden Doppelmoral und provinzieller Rückständigkeit. Einerseits steht dort Homosexualität unter Strafe, und Schwule werden öffentlich von der Polizei gejagt. Andererseits wird Liebe unter Männern als schlechtes Gedankengut abgetan oder schlicht ignoriert. „In Irland gibt es keine Homosexuelle“, lässt Boyne einen Arzt in den Sechziger Jahren feststellen. Cyrils zweite Station ist das liberale Holland der Siebziger Jahre. Dort findet er endlich einen festen Partner, zu dem er sich öffentlich bekennen darf. Doch er sieht auch die Kehrseite solcher Freizügigkeit – die Sexsklaverei mit Strichjungen. In den Vereinigten Staaten der Achtziger Jahre wiederum versetzt der todbringende Aids-Virus die Gesellschaft in Schrecken – eine „Schwulenseuche“, wie der Großteil der Gesellschaft glaubt. Auch dort werden Homosexuelle wieder pauschal ausgegrenzt und geächtet. „Reagan kann Schwule nicht ausstehen. Er wird nicht mal zugeben, dass es sie gibt“, wird dem Präsidenten nachgesagt.
Erst im neuen Jahrhundert – viele Jahre nach seiner Rückkehr in die irische Heimat – erfährt Cyril Avery endlich als 70-Jähriger, nur wenige Wochen vor seinem Tod, seinen seelischen Frieden. Nach einer Volksabstimmung ist seit 2015 die gleichgeschlechtliche Ehe in Irland gesetzlich erlaubt.
John Boynes Roman ist ein emotionales, beherztes Plädoyer für Toleranz gegenüber Minderheiten, egal ob sexuell, ethnisch oder religiös begründet. Ihm ist es mit „Cyril Avery“ auf eindrucksvolle Art gelungen, das sonst eher in Sachbüchern oder wissenschaftlichen Werken behandelte Thema gleichgeschlechtlicher Liebe in einer spannenden Handlung darzustellen, die jeden ansprechen und viele zum weiteren Nachdenken anregen dürfte.

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38 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 16 Rezensionen

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Das Kaff

Jan Böttcher
Fester Einband: 269 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 09.03.2018
ISBN 9783351037161
Genre: Romane

Rezension:

„Das Kaff“ ist ein humorvoller, zugleich bissiger, zweifellos mit autobiographischen Motiven durchsetzter Heimatroman, den Jan Böttcher (45) im März im Aufbau-Verlag veröffentlicht hat. Böttcher selbst wurde im niedersächsischen Städtchen Lüneburg geboren und zog zum Studium nach Berlin, wo er noch heute lebt. Jenes norddeutsche „Kaff“, in das der Erzähler, der aufstrebende Architekt Michael Schürtz aus Berlin, wegen eines Großauftrags nach 20-jähriger Abwesenheit zurückkehrt, ist viel kleiner als Lüneburg, eher ein großes Dorf mit ein paar Läden, mit Kneipen und Imbissbuden und sogar noch einem Kino, doch dürften Beobachtungen und Erfahrungen seines Protagonisten denen des Autors ähneln.

Als Heranwachsender hatte Schürtz sein kleinbürgerliches Elternhaus nach einem Streit mit den Eltern verlassen und war nach Berlin gezogen. Wie wohl jeden Jüngling hatte ihn die große Welt gelockt, das Unbekannte, das Abenteuer, die ungeahnten Möglichkeiten der Metropole. Nach dem Besuch der Abendschule hatte er es zum Architekten geschafft. Doch seine Berliner Partner hatten ihn ausgetrickst, sein Vertrauen missbraucht, weshalb Schürtz plötzlich allein stand und um jeden Auftrag kämpfen musste. Die Reihenhaussiedlung in seinem Heimatort war die Rettung. Oder war die Heimat seine Rettung?

Von der Großstadt „verdorben“ mokiert sich Schürtz anfangs recht arrogant über die Kleinbürger, angefangen bei Bruder und Schwester, mit denen er sich schon in der Jugend nicht verstanden hatte. Doch mit jedem weiteren Tag im Kaff wird der Erzähler von längst verdrängten Jugenderinnerungen eingefangen. „An Erinnerungen hat mich immer genervt, dass man sie nicht beherrschen kann“, ärgert sich Schürtz. Tatsächlich spürt er in sich die Veränderung: Wollte er zunächst nur unerkannt sein Bauprojekt durchziehen, besucht er in einer plötzlichen Anwandlung seinen alten Verein, wo er einst ein guter Fußballer war.

Er nimmt alte Freundschaften wieder auf. Die inzwischen alt gewordenen Clubkameraden bitten ihn, die Jugendmannschaft zu trainieren. Zunächst zögernd, findet er zusehends Gefallen an seiner neuen Aufgabe: „Das war ein Bild, das ich vergessen hatte. Das Team, die Mannschaft. Teil eines Ganzen zu sein.“ Schürtz fühlt sich im Team der Kaff-Bewohner wieder aufgenommen. Diese Geborgenheit findet ihren Höhepunkt, als er sich in Clara verliebt, die den „Heimatlosen“ schließlich bei sich aufnimmt.

Böttchers Heimatroman ist nicht schnulzig, nicht romantisch verklärt: Es stimmt schon lange nicht mehr alles in Schürtz' Geburtsort. Der Erzähler urteilt kritisch über jene Mitbewohner, die wie sein eigener Bruder mehr zu sein vorgeben. Er erkennt aber auch Qualitäten der schlicht erscheinenden Menschen wie die der eigenen Schwester oder des alten Tischlers, der noch immer jedes Holzstück ohne Ausschuss fehlerfrei bearbeitet.

Böttchers lesenswerter Roman „erzählt mit viel Witz und leiser Wehmut von der Rückkehr ins Kaff als Rückkehr zum Ich“, wird Schriftsteller-Kollege Benedict Wells im Buchdeckel völlig zu Recht zitiert. Es stimmt wohl, dass man vieles als junger Mensch zuvor Bemängelte mit zeitlichem Abstand und erwachsen geworden oft in einem anderen Licht sieht. So verwundert es nicht mehr, wenn am Ende ausgerechnet Schürtz selbst ein verwahrlostes Waldgrundstück eigenhändig wieder in jenen Fußballplatz zurückverwandelt, auf dem er selbst einst gespielt hatte. Der „Flüchtling“ Schürtz ist wieder zuhause.

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 3 Rezensionen

flucht, literatur, zweiter weltkrieg

Nichts, um sein Haupt zu betten

Françoise Frenkel , Elisabeth Edl , Patrick Modiano
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 25.07.2016
ISBN 9783446252714
Genre: Biografien

Rezension:

Erinnerungen an ein früheres, gefahrvolles Leben in Deutschland zu Zeiten des Nazi-Regimes die meisten erst Jahrzehnte später mit zeitlichem Abstand von jüdischen Emigranten oder politisch Verfolgten als Buch veröffentlicht kennen wir unzählige. Etwas ganz anderes sind die Erinnerungen der polnischen Jüdin Françoise Frenkel (1889-1975), die nach ihrer erst im dritten Versuch geglückten Flucht von Frankreich in die Schweiz in den unmittelbar nachfolgenden Monaten am Ufer des Vierwaldstätter Sees ihre Erlebnisse niederschrieb. Diese Aufzeichnungen erschienen bereits 1945 in einem Schweizer Verlag – und gerieten in Vergessenheit. Erst 70 Jahre später wurde ein Exemplar dieser französischsprachigen Originalausgabe auf einem Trödelmarkt in Frankreich wiederentdeckt und 2015, ergänzt um ein sehr persönliches Vorwort von Nobelpreisträger Patrick Modiano sowie zahlreiche Fotos, erneut veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung erschien erstmals im Sommer 2016 unter dem Titel „Nichts, um sein Haupt zu betten“ und nun im Februar 2018 als Taschenbuch im btb-Verlag.

Françoise Frenkel, die eigentlich Frymeta Idesa Frenkel hieß, verließ einst ihre polnische Familie im Landkreis Lodz, um in Paris zu studieren. Aus Liebe zur französischen Kultur, Sprache und Literatur eröffnete sie 1921 eher zufällig in Berlin eine Buchhandlung mit ausschließlich französischsprachigen Zeitungen und Büchern. Bald entwickelte sich die Buchhandlung zu einem Treffpunkt französischer Schriftsteller auf Leserreise und intellektuell gebildeter Deutscher. Frenkel hatte sich in wenigen Jahren in Berlin einen Namen als Botschafterin französischer Kultur gemacht. Die Schilderung ihrer Berliner Jahre zwischen 1921 und 1939, jener Jahre der schrittweisen politischen Veränderung in der einst so weltoffenen Reichshauptstadt, ist auf eine Art ebenso faszinierend wie die nachfolgenden Schilderungen ihrer Jahre des Exils erschütternd sind.

Im August 1939 sah sich Frenkel nach zunehmender Behinderung durch die Nazis gezwungen, in Berlin alles aufzugeben, mit nur wenigen Koffern erst nach Paris und nach dessen deutscher Besetzung in den Süden nach Nizza zu fliehen. Als auch dort die Razzien durch das kollaborierende Vichy-System zunahmen, wurde sie von französischen Bekannten in wechselnden Verstecken, in Hinterzimmern und sogar einem Kloster verborgen, bis ihr endlich 1943 die Flucht in die Freiheit gelang.

Die Aufzeichnungen Frenkels, unmittelbar nach gelungener Flucht verfasst, leben von ihrer Authentizität. Da wird nichts verfälscht, nichts aus späterer „Besserwisserei“ tendenziös dargestellt. Diese Jahre der Heimatlosigkeit mit schließlich dreimaligem Fluchtversuch schildert Frenkel sehr bewegend in allen Einzelheiten. Sie beschreibt tagebuchartig ihre Ängste in den Nächten, ihre Selbstmordgedanken, aber auch ihre Träume und Hoffnungen auf Friedenszeiten. Sie charakterisiert Franzosen als „Menschen guten Willens“, die ihr behilflich waren, auch die teils selbstlosen, teils windigen Fluchthelfer, aber ebenso die Beamten, Polizisten, Milizen und andere Kollaborateure. Wir lernen diese Menschen mit ihren Stärken und Schwächen kennen. Frenkel schildert den alltäglichen Verlauf eines Lebens auf der Flucht oder im Verborgenen, wie es damals in Frankreich für ausländische und erst recht für jüdische Flüchtlinge Alltag war. Das Buch „Nichts, um sein Haupt zu betten“ bewegt auch noch nach 70 Jahren seine Leser, da es eine authentische und unverfälschte Schilderung jener Jahre ist.

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128 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 92 Rezensionen

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Ans Meer

René Freund
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 14.05.2018
ISBN 9783552063631
Genre: Romane

Rezension:

Ein zeitgenössisches Märchen für Erwachsene ist der wunderbare, im literarischen Umfeld bemerkenswerte, knapp 150 Seiten dünne Kurzroman „Ans Meer“ des österreichischen Schriftstellers René Freund (51), der seine Leser wie schon im vorigen Roman „Niemand weiß, wie spät es ist“ (2016) wieder auf eine „ungewöhnliche Reise mit überraschendem Ziel“ mitnimmt. Diesmal begleiten wir Linienbusfahrer Anton, von seinen Fahrgästen liebevoll Bärli genannt, auf seinem Roadtrip der besonderen Art. Es geht in den Süden, ans Meer.
Tagein, tagaus fährt Anton seinen alten Linienbus, bringt Dorfbewohner und Schulkinder in die Stadt und wieder zurück. Ziemlich eintönig ist dieses Leben. Dabei war Busfahrer einst sein Lebenstraum. Jetzt bleibt ihm nur, den einsteigenden Schulkindern wenigstens das anständige Grüßen beizubringen, wenn sie morgens „in einer Art Wachkomazustand ihren Schulen entgegen dämmern“. Denn wer anständig grüßen kann, tut sich im Leben erheblich leichter, weiß Anton. „Ohne Gruß würde man niemals einen Partner finden, ohne vorhergehendes Grüßen kann man auch keine Kinder zeugen, Jedenfalls würde es ziemlich unhöflich aussehen.“
„Ans Meer“ ist ein freundlich stimmender, ein sehr warmherziger Roman, der uns Mut machen will, unserem Leben die schönen Seiten abzugewinnen. Den Mut zu haben, vom eingetretenen Lebenspfad abzuweichen. Als eines Tages die vom Tod gezeichnete, krebskranke Carla den Wunsch äußert, nur noch ein einziges Mal ans Meer fahren und ihren Geburtsort San Marco aufsuchen zu dürfen, trifft Anton eine Entscheidung, die sein Leben verändern wird. „Wir fahren jetzt ans Meer“, verkündet er den verdutzten Fahrgästen.
Dieser charmante Roman ist eine liebenswerte Erzählung, die ähnlich den klassischen Märchen mit ihrem philosophischem Kern uns zum Nachdenken anregt. Wir erleben Anton, der, frisch in seine Nachbarin Doris verliebt, ihr mit seiner Tat einerseits imponieren will - mag sie doch Männer, die etwas wagen -, andererseits enttäuscht vor ihr wegläuft, hatte doch erst in vergangener Nacht ein anderer Mann auf ihrem Balkon gehustet. Befreien kann sich Anton auch endlich von seiner dominanten Mutter, deren andauernde Kontrollanrufe er auf dieser Fahrt schließlich wegdrückt.
René Freund macht als Autor seinem Namen alle Ehre: Er erweist sich in dieser märchenhaften Geschichte als wahrer Freund seiner Charaktere und bringt auch die Handlung zum glücklichen Ende: Doris folgt im Auto des Bruders – er war der Mann, der auf ihrem Balkon gehustet hatte - ihrem geliebten Anton in den Süden, bis beide, endlich glücklich vereint, den Weg gemeinsam fortsetzen. Wie jedes Märchen hat auch dieses eine Botschaft für uns: Wir sollten gelegentlich Mut zeigen und Entscheidungen wagen, selbst wenn sie ungewöhnlich erscheinen und Risiken bergen. Auch Anton muss sich letztlich wegen Entführung seiner Mitreisenden vor Gericht verantworten. Er sitzt seine dreimonatige Gefängnisstrafe leichten Herzens ab, kann er sich doch nach diesem Abenteuer der Liebe seiner Doris und der Freundschaft seiner Reisegefährten sicher sein, die jenseits des vergitterten Fensters auf ihn warten. Nur eine ist nicht mehr dabei: Carla. Sie starb während seiner kurzen Haft – nach ihrem Besuch am Meer. Anton hatte seine Entscheidung, von der eingefahrenen Lebenslinienfahrt abzuweichen, gerade noch zum rechten Zeitpunkt getroffen.

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37 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 7 Rezensionen

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Der Gott jenes Sommers

Ralf Rothmann
Fester Einband: 254 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 07.05.2018
ISBN 9783518427934
Genre: Romane

Rezension:

Mit zwiespältigem Gefühl bleiben wohl viele Leser nach Lektüre des im Mai bei Suhrkamp erschienenen Romans „Der Gott jenes Sommers“ von Ralf Rothmann zurück. Immerhin war der vorangegangene, in 25 Sprachen übersetzte Band „Im Frühling sterben“ (2015) über die Dramen am Rande der Schlachtfelder des Zweiten Weltkrieges ein viel gelobter Bestseller, weshalb die Erwartungen an diesen Folgeband vielleicht zu hoch waren.
„Der Gott jenes Sommers“ beschreibt am Beispiel einer Familie und ihres Umfeldes in Schleswig-Holstein das Alltagsleben wohl vieler Deutscher in den letzten Kriegsmonaten vor dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches – ein Leben voller Verblendung und Denunziation, von Verzweiflung und einem Dasein nach dem Motto „Rette sich, wer kann“. Die Handlung wird aus Sicht der 12-jährigen Luisa Norff geschildert, die nach Bombardierung ihrer Heimatstadt Kiel im Frühjahr 1945 mit Eltern und 19-jähriger Schwester Billie auf das nahe Gut geflohen ist, das ihrem Schwager Vinzent, einem hochrangigen SS-Offizier, gehört, der mit Luisas wesentlich älteren Halbschwester Gudrun aus Mutters erster Ehe verheiratet ist. Hier versucht Luisa die letzten Monate ihrer Kindheit an der Grenze zur Pubertät zu genießen. Der Alltag auf dem Gutshof, verwaltet vom Ehepaar Thamling, geht abseits des Kriegsgeschehens noch seinen üblichen Gang. Nur aus ihrem Fenster sieht Luisa das brennende Kiel. Beim verbotenen Durchstreifen des Waldes erkennt sie in einem Barackenlager verhärmte Gestalten – Kriegsgefangene, die zum Torfstechen versklavt sind; nach Kriegsende wird man dort ein Massengrab finden. Immer mehr Flüchtlinge aus dem Osten werden in Nebengebäuden, Ställen und Scheunen auf dem Gutshof untergebracht. Täglich neue Beobachtungen lassen bei der Zwölfjährigen, die sich in die Welt der Bücher flüchtet, immer wieder Fragen aufkommen, auf die sie nur ansatzweise oder keine Antworten erhält.
Beeindruckend im Sprachstil beschreibt der 1953 in Schleswig geborene Autor die Lebensumstände letzter Kriegsmonate in seiner Heimat Schleswig-Holstein. Doch wirkt das Erzählte auf ältere und erfahrene Leser ziemlich abgedroschen. Rothmann verarbeitet allseits bekannte Klischees sowohl in seinen Charakteren als auch in geschilderten Situationen wie jenem Tanzabend in der einst Juden gehörenden Prunkvilla des Nazi-Schwagers Vinzent: Wehrmachtsoffiziere und Nazi-Größen offenbaren hier, den eigenen Untergang vor Augen, den Verlust jeglicher Moral. Ähnlich dekadente Szenen und Stimmungsbeschreibungen sind allzu bekannt aus früherer Literatur oder Filmen. Auch die in dieser Szene zitierte Aufforderung "Genießt den Krieg, der Frieden wird fürchterlich", ein unter NS-Funktionären damals geläufiges und viel zitiertes Motto, ist längst abgedroschen. Insofern bietet Rothmanns Roman dem älteren Leser nichts Neues, allenfalls vielleicht jüngeren Lesern.
Ein interessanter Baustein ist allerdings der fiktive, von Rothmann kapitelweise eingestreute Bericht des Schreibers Bredelin Merxheim in barockem Deutsch über die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648). Merxheim lässt inmitten der Kriegswirren eine Kapelle bauen, um seinen nach Brandschatzung, Raub, Mord und Vergewaltigung verlorenen Mitmenschen in Gott wieder einen Halt zu geben. Auch Luisa Norff will nach Ende der Schreckensjahre im Kloster Halt finden und Nonne werden: An ihrem erst 13. Geburtstag ist das junge Mädchen überzeugt, nach dem Mord am britischen Piloten, der Hinrichtung des Schwagers, dem Selbstmord des Vaters, dem Verschwinden der Schwester und ihrer Vergewaltigung durch den eigenen Schwager das weltliche Dasein bereits in allen Facetten gelebt und erlebt zu haben.

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Inspector Chopra und der Juwelenraub

Vaseem Khan , Peter Friedrich
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 09.02.2018
ISBN 9783548289564
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Mit seinen teils humorigen, teils informativen Krimis um den in Ruhestand versetzten Inspector Ashwin Chopra und dessen jungen Elefantenbullen Ganesha entführt uns der britische Schriftsteller Vaseem Khan (45) nach Mumbay, die größte Stadt Indiens, und damit in eine für uns Deutsche ziemlich fremde Welt, die sogar der indischstämmige Autor selbst erst als 26-Jähriger kennenlernte. Nach „Ein Elefant für Inspector Chopra“ (2017) veröffentlichte der Ullstein-Verlag nun im Februar den zweiten Band „Inspector Chopra und der Juwelenraub“. In Großbritannien sind seit 2015 bereits fünf Bände dieser Krimireihe erschienen.
Der Inhalt dieses zweiten Bandes ist schnell erzählt: In Mumbay werden die britischen Kronjuwelen ausgestellt, darunter der sagenumwobene Koh-I-Noor-Diamant aus Indien. Ausgerechnet an dem Tag, als Chopra mit Ehefrau Poppy diese Ausstellung besucht, wird dieser Diamant gestohlen. Um den politischen Skandal schnell herunterzuspielen, verhaftet die Polizei den für die Ausstellung verantwortlichen Sicherheitschef mit der Anschuldigung, Anführer der Diebesbande zu sein. Dieser fleht nun seinen Ex-Kollegen Chopra an, die wahren Täter zu finden. Chopra, der sich seit seiner Pensionierung einen ausgezeichneten Ruf als Privatdetektiv erarbeitet hat, nimmt sich des Falles an.
In seinen Krimis um Inspector Chopra, dem Anhänger der Lehren Mahatma Gandhis, schildert uns Autor Vaseem Khan sehr anschaulich und in Einzelheiten eindrucksvoll das moderne Indien und dessen Metropole Mumbay. Seine Romane werfen einen kritischen, wenn auch augenzwinkernd liebevollen Blick auf die heutige, noch immer in Kasten gegliederte Gesellschaft und führen uns in die Paläste der Superreichen ebenso wie in die dreckigsten Slums am Rand der Millionenstadt. Wir lernen das brodelnde Alltagsleben ebenso kennen wie landestypische Gerichte. Der Autor übt auch mehrfach harte Kritik am Land seiner Vorfahren, klagt die Korruption ebenso an wie die rasche Verwestlichung und damit die Aufgabe der eigenen, Jahrtausende alten Kultur. Gerade in solchen Absätzen seines zweiten Krimis wird erkennbar, wie die gesellschaftlichen Probleme des modernen Indiens den europäischen ähneln. Diese informativen Schilderungen Indiens zeichnen die Krimis von Vaseem Khan positiv aus.
Seinem Sherlock Holmes liebenden Inspector Chopra stellt Vaseem Khan den Jungelefanten Ganesha gewissermaßen als tierischen Dr. Watson zur Seite. Was als Witz gedacht ist, seine Krimis von anderen unterscheiden lässt und im ersten Band noch amüsant war, übertreibt der Autor in seinem zweiten Band allerdings maßlos. Ganze Absätze lang vermenschlicht er diesen Elefanten allzu sehr und beschreibt sogar dessen Gedanken! Dies mag zwar jenen Lesern gefallen, die Haustiere prinzipiell „süß“ finden. Doch kommt die Frage auf: Sollen Khans Romane nun niedliche Tiergeschichten oder echte Krimis sein? Der Autor scheint sich selbst nicht festlegen zu wollen. Doch genau dadurch zieht Khan seine Krimis – zumindest diesen zweiten Band – leider ins Lächerliche. Er zerstört den sonst durchaus positiven Eindruck, den man beim Lesen seiner wirklich interessanten und ernst zu nehmenden Alltagsbeschreibungen des modernen Indiens und seiner vielschichtigen Gesellschaft bekommt. Deshalb hat meine anfängliche Begeisterung über die neue Krimireihe mit dem „ungewöhnlichsten Ermittlerduo der Welt“ bei der Lektüre dieses zweiten Bandes „Inspector Chopra und der Juwelenraub“ leider sehr gelitten.

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23 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 13 Rezensionen

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Die Abenteuer der Cluny Brown

Margery Sharp , Wibke Kuhn
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Eisele Verlag, 09.03.2018
ISBN 9783961610044
Genre: Romane

Rezension:

Mit seiner im März erschienenen Neuübersetzung des 1944 erstmals veröffentlichten Romans „Die Abenteuer der Cluny Brown“ erinnert der Eisele-Verlag an die zu Unrecht in Vergessenheit geratene britische Schriftstellerin Margery Sharp (1905-1991). Die Bestseller-Autorin veröffentlichte fast 30 Romane und Erzählungen, drei Theaterstücke und ein Dutzend Kinderbücher um „Miss Bianca“, die Vorlage zu Walt Disneys Zeichentrickfilm „Bernard und Bianca – Die Mäusepolizei“. Auch manche ihrer Romane wurden verfilmt, so als erster 1946 der Roman „Cluny Brown“ unter dem Titel „Cluny Brown auf Freiersfüßen“.
Dieser amüsante und nur scheinbar lockere Roman erzählt vom Leben der als Waise bei Onkel und Tante aufgewachsenen Cluny Brown, die nicht gewillt ist, den ihr gesellschaftlich zustehenden Platz einzunehmen, sondern auf unkonventionelle Art ihren Lebensweg zu meistern versteht. Ihr Vormund, ein Klempner, schickt die 20-Jährige als Dienstmädchen auf den Landadelsssitz Friars Carmel in Devonshire. Dort trifft die junge Frau auf Sir Henry und Lady Carmel, die eigentliche Herrscherin über das Gut, sowie Sohn und Erbe Andrew, der den gleichaltrigen polnischen Intellektuellen Adam Belinski auf dem Landsitz vor den Nazis versteckt, und Andrews Londoner Freundin Betty, eine verzogene junge Dame aus reichem Hause, mit der er die Partys der Londoner Gesellschaft besucht. Während England sich auf den drohenden Krieg gegen Nazi-Deutschland vorbereitet und schon jetzt das traditionelle Gesellschaftsgefüge spürbar wankt, scheint in der englischen Provinz auf Friars Carmel die Zeit stehengeblieben zu sein. Sir Henry reitet wie seit Jahrzehnten alltäglich aus, Lady Carmels Leben erschöpft sich in der Schaffung täglich neuer Blumengestecke, das Hauspersonal bleibt an dem ihm zustehenden Platz.
Auch Cluny versieht ihre Aufgaben als Dienstmädchen, doch lässt sie sich nicht auf ihre niedere Stellung reduzieren. Sie bricht gesellschaftliche Schranken, begegnet allen Menschen auf Augenhöhe – lebensfroh und unerschrocken. Sie ist weder hübsch noch gebildet, eher naiv und unbedarft, aber ein „ehrlicher Kerl“: Sie sagt, was sie fühlt; sie sagt, was sie denkt. So gewinnt sie die Liebe des schüchternen Dorfapothekers, der sie zur Freude von Clunys Vormund heiraten will und ihr damit eine gesellschaftlich höhere Stellung ermöglichen würde.
Cluny Browns Handeln scheint für andere oft spontan und unüberlegt. Sie lässt sich nicht durch gesellschaftliche Zwänge und Konventionen leiten, sondern folgt mutig und entschlossen ihren Gefühlen, wohin auch immer sie diese bringen werden. Der 75 Jahre alte Bestseller „Die Abenteuer der Cluny Brown“ ist ein historischer Gesellschaftsroman, der durch seine Neuübersetzung in flottem Sprachstil nicht nur angenehm zu lesen ist, sondern auch inhaltlich wieder an Aktualität gewonnen hat. So amüsant und unterhaltsam er auch wirkt, ist es zugleich ein Aufruf, sich selbst zu verwirklichen, den eigenen Weg zu suchen, sich nicht von anderen beherrschen und von ihnen den Lebensweg vorgeben zu lassen. Cluny Brown versteht es - trotz unzureichender Ausbildung und Förderung - allein durch Herzensbildung, Offenheit, Ehrlichkeit und Spontanität das für sie Beste aus ihrem Leben zu machen, am Ende sogar in eine für sie völlig neue Welt und neue Zeit aufzubrechen.

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45 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 24 Rezensionen

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Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder

Henrik Siebold
Flexibler Einband: 349 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 13.04.2018
ISBN 9783746633855
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein ungewöhnlicher Kriminalist ist zweifellos der im Austauschprogramm nach Hamburg versetzte japanische Inspektor Ken Takeda, den wir nun schon bei den Ermittlungen zu seinem dritten Fall in Henrik Siebolds Roman „Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder“ erleben können – erschienen im April im Aufbau-Taschenbuchverlag. Schon in den zwei ersten Bänden „Inspektor Takeda und die Toten von Altona“ (2016) sowie „Inspektor Takeda und der leise Tod“ (2017) ließ der ausgewiesene Japan-Kenner Henrik Siebold (50), der selbst mehrere Jahre in Tokio gelebt und dort für eine japanische Tageszeitung gearbeitet hatte, die gegensätzlichen, sich so fremden Kulturen in den Personen des geschiedenen Inspektors aus Japan und dessen junger Hamburger Kollegin Claudia Harms aufeinander prallen. Immer wieder irritiert die von Männerbeziehungen enttäuschte, als Single lebende Harms mit ihrer herben Art und direkten Ausdrucksweise ihren asiatisch zurückhaltenden Kollegen, den gebildeten Feingeist, Jazz-Fan und seine Zuhörer begeisternden Saxophonisten. Dennoch entwickelt sich von Fall zu Fall trotz aller kulturbedingter mentaler Gegensätze eine enge kameradschaftliche Beziehung zwischen beiden. Während Harms spontan ihrem Ärger Luft macht, hält sich der Japaner äußerlich zurück. Seine Gefühlswelt zeigt sich abends in seinen Saxophon-Improvisationen im Jazz-Club oder ist an der Menge des einsam getrunkenen Whiskys zu messen.
Im neuen Krimi geht es um Mordfälle ohne erkennbares Motiv. Ein 17-jähriger Schüler scheint eine Frau vor die S-Bahn gestoßen zu haben. Bei seiner Festnahme gesteht er sogar lächelnd die Tat, widerruft aber bald darauf alles. Auch bei folgenden Mordfällen ist der junge Mann immer in der Nähe des Tatortes, doch handfeste Beweise gegen ihn gibt es nicht. Die Lage wird allmählich brisant, denn der Verdächtige ist der Sohn des Hamburger Innensenators, der als nächster Bürgermeister gehandelt wird. Auf Art klassischer Krimis bietet Autor Siebold uns Lesern und seinen beiden Kriminalisten immer neue Motive und Verdächtige an. Verleiten die auch in Deutschland beliebten japanischen Horror-Comics die Klassenkameraden zu ihren Taten? Oder geht es vielmehr um Grundstücksspekulationen und politische Intrigen zum Schaden des Senators? Wird der 17-Jährige etwa nur als Werkzeug gegen seinen Vater missbraucht? Es scheint ein unlösbarer Fall für Ken Takeda und Claudia Harms zu sein.
Henrik Siebolds Takeda-Krimis sind ungewöhnlich – spannend und vergnüglich zugleich: Einerseits sind es realistische Kriminalfälle mit aktuellen Hintergründen, die stellenweise durchaus Thriller-Charakter haben. Andererseits aber faszinieren Siebolds Romane durch ihre beiden Protagonisten, die sich in ihren kulturellen Unterschieden immer wieder aneinander reiben. Gerade diese Passagen sorgen immer wieder für die amüsanten Momente im Krimi. „Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder“ ist deshalb also – wie die zwei Vorgängerbände – wieder ein spannender, zugleich aber vergnüglicher und in gewisser Weise sogar schöngeistiger Krimi für erholsame Feierabendstunden, der sich wohltuend von den sonst üblichen bluttriefenden Thrillern heutiger Autoren unterscheidet.

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

Das schweigende Klassenzimmer

Dietrich Garstka
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 09.02.2018
ISBN 9783548377599
Genre: Biografien

Rezension:

Einen erschütternden Bericht über die Willkür eines totalitären und menschenverachtenden Regimes lieferte der in der Mark Brandenburg aufgewachsene Autor Dietrich Garstka (1939-2018) mit seinem 2006 erstmals veröffentlichten und seitdem mehrfach neu aufgelegten Buch „Das schweigende Klassenzimmer“. Zur Uraufführung des gleichnamigen Films auf der diesjährigen Berlinale erschien im Februar eine aktuelle Taschenbuch-Neuausgabe beim Ullstein-Verlag.
Garstka berichtet in seiner sorgfältig recherchierten Dokumentation aus eigenem Erleben, der Sichtung amtlicher Unterlagen und den Erinnerungen vieler Beteiligter in der Nach-Wende-Zeit über die Erlebnisse einer Abiturklasse, der er selbst als Schüler angehörte, im November 1956 im märkischen Storkow.
Auf die Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes reagierten die angehenden Abiturienten damals zu Beginn einer Unterrichtsstunde spontan mit einer Schweigeminute. Die für diesen DDR-Bezirk zuständigen Parteifunktionäre suchten deren Rädelsführer vergeblich. Sogar der DDR-Bildungsminister schaltete sich ein, um die Verantwortlichen zu ermitteln, und machte den Vorgang zu seiner persönlichen Angelegenheit. Doch trotz aller Drohungen und Erpressungen hielten Schüler und Eltern zusammen. Sogar die Drohung, das Gymnasium verlassen zu müssen und auf keinem DDR-Gymnasium das Abitur machen zu dürfen, damit sich den beruflichen Lebensweg zu verbauen, schüchterte die Schüler nicht ein, sondern schweißte die Abiturienten sogar noch enger zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen.
Bald kam der Plan zur Flucht nach West-Berlin auf, was damals - zur Zeit vor dem Mauerbau - noch mit dem Übergang von Ost- nach West-Berlin am Bahnhof Friedrichstraße vergleichsweise leicht möglich war. Das gegenseitige Vertrauen unter den Schülern und deren Eltern war so stark, dass sogar Mitschülerinnen, die die DDR nicht verlassen wollten, die Fluchtpläne ihrer Klassenkameraden trotz möglicher Repressalien geheim hielten. Nachdem allen 16 fluchtwilligen Abiturienten der Übergang nach West-Berlin und anschließend in die Bundesrepublik gelungen war, machten sie als Klassengemeinschaft im Westen ihr Abitur.
Der Autor Dietrich Garstka, der zu den Wortführern der Gruppe gehörte und als Erster geflohen war, gibt in seiner Dokumentation einen eindrucksvollen Bericht über den Alltag und das Zusammenleben in der DDR zur Zeit des Kalten Krieges, als Partei und Staatssicherheit meinten, den noch jungen Sozialismus gegen die Gefährdungen des westlichen Kapitalismus verteidigen und in allen Kritikern nur Staatsfeinde erkennen zu müssen. Garstka schildert die Dramatik der Geschehnisse in ihren Einzelheiten sowohl durch Wiedergabe offizieller Protokolle als auch durch Erlebnisberichte der Schüler, ihrer Eltern und der damaligen Lehrer. Es ist ein dramatischer Bericht über die Wirklichkeit der DDR-Diktatur in jenen Jahren, die nicht mit dem Jahrzehnt vor der Wende vergleichbar ist.
Gerade deshalb ist diese authentische Dokumentation ehemals junger Menschen, die sowohl die DDR in ihren Anfängen als auch später als Erwachsene die Bundesrepublik kannten, eine spannende, beklemmende und informative Lektüre nicht nur für Erwachsene. Dieses Buch ist vor allem Heranwachsenden zu empfehlen, die nur die Jahre nach der Wiedervereinigung kennen und für die die DDR nur Geschichte ist. Aus dieser Lektüre erfährt man vieles hautnah über die Willkür der DDR und vergleichbarer totalitärer Systeme.
In heutiger Zeit kommt die Neuauflage dieses Buches gerade recht: Auch wenn unsere Demokratie gelegentlich fehlerhaft sein oder Schwächen aufzeigen mag, lehrt uns dieses Buch doch immerhin, dass es lohnt, unsere demokratischen Freiheiten zu schätzen, was den Abiturienten von Storkow damals und den DDR-Bürgern in späteren Jahrzehnten niemals vergönnt war und von ihnen - damals wie 1989 - nur unter Repressalien und Entbehrungen, unter Verzicht auf Familie und Heimat erkämpft werden musste. Garstkas Buch „Das schweigende Klassenzimmer“ ist keineswegs eine Abrechnung mit der DDR, sondern sein Aufruf, die Freiheit des Denkens und die Würde des einzelnen Menschen zu schützen, für deren Erhalt sich mutig und unerschütterlich einzusetzen.

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27 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 7 Rezensionen

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Achtzehn Hiebe

Assaf Gavron , Barbara Linner
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 26.02.2018
ISBN 9783630875637
Genre: Romane

Rezension:

Eitan Einoch war schon die Hauptfigur in „Ein schönes Attentat“, dem 2008 veröffentlichten Debütroman des inzwischen als Bestseller-Autor gerühmten israelischen Schriftstellers Assaf Gavron (50). Zehn Jahre später spielt Eitan Einoch wieder die Hauptrolle in Gavrons neuem Roman „Achtzehn Hiebe“, im Februar beim Luchterhand-Verlag erschienen. Auch wenn auf die Ereignisse des Debütromans stellenweise Bezug genommen wird, ist der neue Roman keine Fortsetzung.
Es ist ein im heutigen Tel Aviv spielender, unterhaltsamer Krimi, dessen Vorgeschichte sich 1946 vor der Staatsgründung Israels zugetragen hat, als die Briten noch das Mandat über Palästina hatten. Inzwischen ist Eitan Einoch selbständiger Taxifahrer, der seine Fahrgäste mit Anekdoten zur Geschichte Israels unterhält. Er ist geschieden, Vater einer kleinen Tochter, um die er sich liebevoll an zwei Wochentagen kümmert. Eines Tages erhält er den Auftrag, eine liebenswerte 85-jährige Dame, die sich ihm als Lotta Perl vorstellt, täglich zum Friedhof zu fahren, wo ihr kürzlich verstorbener Jugendfreund begraben liegt. Eitan erfährt ihre Lebens- und Liebesgeschichte: Als 17-Jährige hatte sich das jüdische Mädchen verbotenerweise in einen britischen Soldaten verliebt, ebenso ihre Freundin. Nach 66 Jahren hatte sich das Quartett nun wiedergetroffen. Lotta ist überzeugt, ihr Jugendfreund sei ermordet worden. Als Eitan Einoch beginnt, gemeinsam mit seinem Freund Bar diesem Verdacht nachzugehen, finden sie Lotta Perl tot im Bett. War es Mord?
Im Laufe der locker und durchaus humorig erzählten Kriminalhandlung erfahren wir in mehreren Rückblicken Atmosphärisches und Wissenswertes aus der Zeit des Mandats: Die Briten waren bei den Juden verhasst und wurden von zionistischen Untergrundorganisationen bekämpft. Neben der Todesstrafe gab es bei den Briten auch die Prügelstrafe, die dem Roman seinen Titel gibt. Die Untergrundkämpfer revanchieren sich auf dieselbe Art, nehmen britische Soldaten gefangen und rächen sich an ihnen mit der Lederpeitsche. Eines Abends trifft es auch Lottas Freunde.
Bedauerlicherweise verzettelt sich Assaf Gavron in seinem Roman, der eigentlich interessante Ansätze hat. Doch wird in den Rückblicken ins Jahr 1946 das Alltagsleben der Juden unter britischer Verwaltung recht oberflächlich behandelt, auch kommen die verfeindeten Palästinenser überhaupt nicht vor. Es stimmt, was Lotta Perl sagt, dass sich die Liebenden nicht um Politik gekümmert haben. Dennoch hätte der israelische Autor in seinem Roman auf die Vorgeschichte seines Heimatstaates intensiver eingehen müssen. Auch die Handlung in heutiger Zeit wird bei Gavron nicht wirklich zum richtigen Krimi, sondern plätschert seitenweise fröhlich und in manchen Absätzen sogar trivial vor sich hin.
„Achtzehn Hiebe“, vom Thema her ein passender Roman zum 70.Jahrestag der Staatsgründung Israels, verspielt diese Chance. Es hätte ein spannender Krimi vor historischem Hintergrund werden können. So bleibt es ein austauschbarer Unterhaltungsroman, eine bunte Mischung aus Liebe und Verrat, Schuld und Verbrechen. Die anfängliche Spannung und Erwartung, aufgelockert durch eine Prise Humor, verflacht mit zunehmender Seitenzahl. Und: Wozu braucht es eigentlich die in Einzelheiten geschilderten Bettszenen? Sie tragen nichts zur Sache bei, sondern mindern noch das Niveau dieses Romans. Schade! Ich hatte vom neuen Buch des mehrfach ausgezeichneten Bestseller-Autor mehr erwartet.

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