Leserpreis 2018

Sigismunds Bibliothek

167 Bücher, 169 Rezensionen

Zu Sigismunds Profil
Filtern nach
167 Ergebnisse
Wähle einen Buchstaben, um nur die Titel anzuzeigen, die mit diesem beginnen.



LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

All die Nacht über uns

Gerhard Jäger
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Picus Verlag, 27.08.2018
ISBN 9783711720641
Genre: Romane

Rezension:

Vor zwei Jahren war dem Schriftsteller Gerhard Jäger mit seinem beeindruckenden Debütroman „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ ein erstaunlicher literarischer Erfolg gelungen. Den Erfolg seines zweiten, im August beim Picus-Verlag veröffentlichten Kurzromans „All die Nacht über uns“ mitzuerleben, der durchaus verdient auf die Shortlist des Österreichischen Buchpreises kam, blieb ihm schon versagt: Der Österreicher starb am 20. November im Alter von nur 52 Jahren.
„Gerhard Jäger zieht einen förmlich in seine Geschichte, man folgt ihm atemlos und ahnt nach und nach Schreckliches“, begründete die österreichische Buchpreis-Jury ihre Entscheidung. Tatsächlich ist es erstaunlich, wie es dem Autor wieder gelingt, den Leser auf allen 240 Seiten zu fesseln, obwohl – vordergründig betrachtet – eigentlich überhaupt nichts geschieht: Ein Soldat hält in regnerischer, stockdunkler Nacht einsam Wache auf seinem Turm. Und doch prasselt in diesen zwölf Stunden nicht nur der Regen mit Blitz und Donner auf ihn herab, sondern auch tiefsitzende Erinnerungen an die erschütternden Ereignisse seines Lebens und treiben ihn in die Verzweiflung, wenn nicht sogar an den Rand des Wahnsinns. Denn hier auf dem Wachturm kann der Mann seinen Erinnerungen nicht entfliehen - „der einsame Soldat auf seinem einsamen Turm, er will mit seiner Großmutter reden, über all das, über ihre Flucht, über seine Flucht, [….] vielleicht sind wir alle auf der Flucht, Flüchtende wir alle, alle flüchtig.“
In jungen Jahren entfloh er einst der bedrückenden Enge seines Heimatdorfes in die Großstadt, wo er seine spätere Ehefrau kennenlernte. Der gemeinsamen Verantwortung für den Tod ihres kleinen Sohnes durch Ertrinken entfloh er, der junge Vater, auf lange Spaziergänge in die Felder, seine Frau floh in die innere Isolation und schließlich in den Freitod. Im vergilbten Tagebuch seiner Großmutter, das er auf seinem Wachturm liest, erfährt er von der Flucht der erst 14-Jährigen aus Pommern. Heute steht er selbst in dunkler Nacht Wache, um heimatlos gewordene Flüchtlinge an der Grenze abzuhalten, die durch ihr Eindringen die Ruhe und egoitische Selbstzufriedenheit seiner Landleute stören könnten. Der kurze Roman „All die Nacht über uns“ ist die tragische Chronik eines ganzen Lebens, das in nur zwölf dunklen Stunden über den Protagonisten – und in aller Dramatik zwischen Liebe und Schmerz, Verlust und Verantwortung zugleich über uns Leser – wie der gewaltige Regensturm in dunkler Nacht herabstürzt.
Es ist wie schon in seinem Debütroman diese erstaunliche Sprachgewalt, diese Bildgewalt des Buches, die den Leser in den Sog der bedrückenden Erinnerungen und Gedanken seines Protagonisten hineinzwingt und dem man sich kaum zu entziehen vermag: Man leidet mit dem Soldaten, man ängstigt sich mit ihm, wenn Geräusche in der Dunkelheit böse Ahnungen aufkommen lassen, und man fürchtet am Ende um sein Leben. Gerhard Jäger schafft es wie kaum ein anderer, die psychischen Gewalten wie auch Naturgewalten in seinen Sätzen lebendig und erdrückend werden zu lassen.
Durch den frühen Tod dieses durch sein eigenes Schicksal geprägten Autors, der nach Berufsjahren als Behindertenbetreuer, Lehrer und Außendienstvertreter erst spät zum Schriftsteller wurde und, seit seinem Unfall (2007) querschnittgelähmt, zum Schreiben einen Sprachcomputer nutzte, ist der deutschsprachigen Buchwelt ein großartiger Literat verloren gegangen.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Die Mittelmeerreise

Hanns-Josef Ortheil
Fester Einband: 640 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 12.11.2018
ISBN 9783630875354
Genre: Biografien

Rezension:

Ein aus mehreren Gründen ungewöhnlicher Roman ist „Die Mittelmeerreise“ von Hanns-Josef Ortheil (67), im November beim Luchterhand-Verlag erschienen. Nach seiner „Moselreise“ (2010) und der „Berlinreise“ (2014) ist dies die Schilderung einer weiteren Urlaubsreise des Knaben Ortheil mit seinem Vater. Ungewöhnlich ist dieser detaillierte Reisebericht schon wegen seiner Mischung aus längeren Prosatexten des erst 15-jährigen Ortheil mit originalen Tagebucheinträgen und kurzen Essays, ergänzt durch einige zum jeweiligen Thema passende Reisenotizen des bald 60-jährigen Vaters.
Sohn und Vater reisen als einzige Passagiere im Sommer 1967 auf einem Frachtschiff von Antwerpen, vorbei an Gibraltar ins Mittelmeer, in griechische Häfen und weiter bis Istanbul. Es ist die erste Auslandsreise des Latein- und Griechisch-Schülers und angehenden Pianisten. Sowohl auf hoher See als auch in den fremden Häfen überwältigen neue, intensive Eindrücke den bislang in Köln als Einzelkind eher in Klausur lebenden Knaben. Auch die vielen Gespräche mit den charakterlich so unterschiedlichen Schiffsoffizieren, aber auch mit dem Steward Denis, nur acht Jahre älter als er, prägen den noch unerfahrenen Jungen. Denis ist es, der den jungen Ortheil in Griechenland in die ihm völlig fremde Welt von Love, Drugs and Rock'n'Roll einführt. In einer Diskothek lernt Hanns-Josef die 23-jährige Delia kennen, die ihn spontan verführt und damit emotional überfordert.
So gleicht diese Mittelmeerreise mit ihren Stürmen und überwältigenden Eindrücken für den Gymnasiasten Ortheil nicht nur der Odyssee des von ihm verehrten Dichters Homer, sondern wird für den Pubertierenden zu einer ganz persönlichen, verwirrenden Odyssee aus dem Kindesalter in die Männlichkeit. Der junge Ortheil beobachtet in seinen Reisenotizen nicht nur die Wandlung in sich selbst, seinen Weg in die Selbstständigkeit des Erwachsenen, sondern beginnt auch, seinen Vater und ständigen Begleiter – sowie aus der Ferne seine daheimgebliebene Mutter – aus neuem Blickwinkel, mit den Augen eines erwachsenen Sohnes zu sehen, der sich, statt sich wie bisher führen zu lassen, nun seinerseits um den bald 60-jährigen „alternden“ und herzschwachen Vater sorgt.
„Die Mittelmeerreise“ wird alle Freunde Ortheil'scher Bücher sicher begeistern. Doch sollte man seine autobiographischen Bände „Die Erfindung des Lebens“ (2009) und „Der Stift und das Papier“ (2015) gelesen haben, um zu wissen, wie aus dem einst stummen Kind, das sich nur schriftlich mitzuteilen wusste, jede Beobachtung notierte und später zu Erzählungen ausarbeitete, ein so sprachgewaltiger Schriftsteller wurde. Es ist die Authenzität dieses Erzählens, die die Freunde seiner Bücher immer wieder, so auch in diesem neuesten Werk, begeistert.
Wer Ortheils Bücher noch nicht kennt, mag das 635 Seiten starke Werk irgendwann, spätestens in der zweiten Hälfte wohl zu Recht langweilig finden. Spannt sich der Handlungsbogen anfangs nach dem Auslaufen und den Stürmen auf hoher See, über die ersten Landgänge bis hin zu den ersten romantischen und sexuellen Erfahrungen des 15-Jährigen mit der jungen Griechin noch auf, flacht er in der zweiten Hälfte des Buches mangels neuer Überraschungen wieder ab. Ortheils Art zu schreiben mag man oder man mag sie nicht. Doch ich schätze Ortheils "leise Art" zu schreiben, seine genaue Beobachtungsgabe und die heute bei vielen verloren gegangene Fähigkeit, sogar in Kleinigkeiten, scheinbar Nebensächlichem, noch etwas Großes zu entdecken.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(41)

45 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 39 Rezensionen

"krimi":w=7,"schweiz":w=4,"syrien":w=4,"terrorismus":w=3,"kriminalroman":w=2,"geheimdienst":w=2,"zürich":w=2,"nato":w=2,"lenz":w=2,"syrienkrieg":w=2,"liebe":w=1,"krieg":w=1,"reihe":w=1,"serie":w=1,"krimi-reihe":w=1

Lenz

Michael Theurillat
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 26.10.2018
ISBN 9783550081989
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

In welches Genre gehört eigentlich „Lenz“, der neue Roman des Schweizer Schriftstellers Michael Theurillat (57)? Ist es ein Krimi, wie der Ullstein-Verlag den im Oktober veröffentlichten sechsten Band aus der Reihe um den Züricher Kommissar Eschenbach nennt? Oder ist „Lenz“ eher ein Agenten- und Geheimdienst-Roman? Oder vielleicht sogar ein geopolitischer Politkrimi mit tagesaktuellem Bezug? „Lenz“ lässt sich in keine dieser Schubladen packen. Gerade dies macht den Roman so interessant und lesenswert.
Nach dreimonatiger Auszeit in den USA findet Kommissar Eschenbach, diensterfahrener Leiter der Züricher Kriminalpolizei, seine Dienststelle verändert vor. Seine Vertreterin Ivy Köhler hat das Team um Ermittler Claudio Jagmetti und Sekretärin Rosa inzwischen „aufgemischt“ und ein aktueller Todesfall wurde von Köhler kurzerhand zu den Akten gelegt: Der 62-jährige Walter Habicht soll Selbstmord begangen haben. Doch Eschenbach rollt den Fall wieder auf, spürt aber bald, dass ihm Nachrichten vorenthalten werden. Zu allem Überfluss fehlt ihm sein kollegialer Freund: Ewald Lenz, der langjährige Leiter des Polizeiarchivs, ist spurlos verschwunden. Bis dahin ist „Lenz“ ein Kriminalroman. Erst im weiteren Verlauf erfahren wir mehr über den toten Walter Habicht und lernen noch Isabel Cron kennen. Habicht und Cron sind wissenschaftliche Genies und mit Lenz – auch der unscheinbare Archivar hat einen IQ von 150 – über 40 Jahre seit Studienzeiten befreundet. Jetzt wird aus dem Krimi plötzlich ein Agentenroman und schließlich ein Politthriller: Was mit einem Selbstmord in Zürich begann, endet im Umfeld des Syrien-Krieges.
Autor Michael Theurillat versteht es glänzend, mit seinem spannenden Kammerspiel um nur vier Figuren – Eschenbach, Lenz, Habicht und Cron – uns Lesern die geopolitischen Hintergründe zu erklären, die zum Krieg in Syrien geführt haben: Es geht nicht um Syrien und dessen Bevölkerung, nicht um Religion und einen Bürgerkrieg. Es geht in Syrien ausschließlich um die geopolitische Vorherrschaft der Supermächte, um Erdöl und Erdgas. Es ist ein Machtspiel zwischen den USA, Russlands im Zusammenwirken mit nahöstlichen Ländern wie Saudi-Arabien und Katar, Türkei und Iran sowie um die Auswirkung auf den weltweiten, in Teilen von den Mächten für eigene Zwecke gelenkten Terrorismus.
Dies alles funktioniert nicht ohne die Manipulation der Öffentlichkeit über die Medien und sozialen Netzwerke. Nicht ohne Grund bringt Michael Theurillat eingangs das Zitat „Die Wahrheit – sofern sie sehr unwahrscheinlich erscheint – glaubt einem niemand. Sie ist besser als jede Lüge.“ Geheimdienste manipulieren die Medien und versorgen sie so lange zielgerichtet mit Fake News, bis nach endloser Wiederholung die Öffentlichkeit nur noch das als Wahrheit nimmt, was die Geheimdienste uns glauben machen wollen. Wir werden von den Herrschenden manipuliert, auch Eschenbach und noch mehr Lenz werden im Roman unbewusst von anderen gesteuert und für ihre Zwecke missbraucht.
Der neue Roman von Michael Theurillat liest sich flüssig, ist spannend, lässt den Leser stellenweise auch schmunzeln. Stören mag manche, dass beide parallel laufenden Handlungsstränge – einerseits um Eschenbachs Ermittlungsarbeit, andererseits um seinen Freund Ewald Lenz – zeitlich um wenige Tage versetzt sind. Doch ist dies zu vernachlässigen. Vielleicht andere irritierend, für mich eher interessant ist der unerwartete Bruch in der Handlung, der Bruch in der Charakterisierung der Protagonisten. Sie sind plötzlich aus Sicht der Geheimdienste ganz anders zu beurteilen. Da stellt sich tatsächlich die Frage: Wie gut kennt man seine Freunde?

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(18)

23 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 16 Rezensionen

"prager frühling":w=4,"flucht":w=2,"prag":w=2,"historischer roman":w=1,"neuanfang":w=1,"nachkriegszeit":w=1,"familienroman":w=1,"deutsche autorin":w=1,"1968":w=1,"biografischer roman":w=1,"lebensgeschicht":w=1,"flucht in den westen":w=1,"sandra brökel":w=1,"tschechoslawakei":w=1,"das hungrige krokodil":w=1

Das hungrige Krokodil

Sandra Brökel
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Pendragon, 02.02.2018
ISBN 9783865326089
Genre: Historische Romane

Rezension:

Eine beeindruckende, stellenweise auch berührende, in jedem Fall lesenswerte Romanbiografie ist „Das hungrige Krokodil“ von Sandra Brökel (46), die im Februar im Pendragon-Verlag erschien. In ihrem Debütroman schildert uns die gelernte Schreib- und Trauertherapeutin die wahre Lebensgeschichte des tschechischen Arztes Pavel Vodák (1920-2002), die ein Beispiel für das Schicksal vieler Tschechen ist.
Es ist die Geschichte von Angst und Ohnmacht vor dem „hungrigen Krokodil“, eine Geschichte von der Angst vor diktatorischen Regimen oder allgemein vor der Autokratie der Mächtigen, die Ohnmacht vor dem gewaltigen und gewalttätigen Krokodil, das nur scheinbar ruhig und träge am Ufer liegt, tatsächlich aber seine Umgebung genau im Blick hat, um plötzlich und unerwartet nach Beute zu schnappen.
Das erste Mal kam der erst 19-jährige Medizin-Student Pavel Vodák dem Krokodil im Jahr 1939 zu nahe: Ohne Vorwarnung marschierten die deutschen Truppen in die Tschechoslowakei ein und besetzten Vodáks Heimatstadt Prag. Lebten dort zuvor Tschechen und Deutsche friedlich miteinander – Vodáks Mutter ist Deutsche –, wurden sie plötzlich zu Feinden. Bei Kriegsende wird die Tschechoslowakei von den Russen besetzt und unter Zwang zum Bündnisstaat der Sowjetunion. Das „Krokodil“ hat sich in einen russischen Bären verwandelt, der jeden Gedanken nach Freiheit und Selbstbestimmung in seinen mächtigen Pranken zerquetscht. In den Folgejahren ist das Krokodil nur scheinbar gesättigt und träge. Viele Tschechen, so auch Pavel Vodák, fassen neuen Mut und werden im „Prager Frühling“ aktiv. Und wieder schnappt das Krokodil zu, verschlingt 1968 nicht nur Menschen, sondern mit ihnen auch jede Hoffnung auf Freiheit und Selbstbestimmung.
Als Unterstützer der Reformbewegung steht Vodák, längst ein erfolgreicher und international anerkannter Psychiater sowie Chefarzt eines Kinderkrankenhauses, unter Beobachtung der Geheimpolizei. In dem Wissen, damit seiner 12-jährigen Tochter Pavli jede Chance auf ein Studium genommen zu haben, entschließt er sich, im Zuge einer Urlaubsreise mit Ehefrau, Tochter und krebskranker Schwiegermutter nach Jugoslawien, dem Krokodil über Italien und Österreich nach Deutschland zu entkommen. Seine Kontakte und seine fachliche Anerkennung ermöglichen ihm einen beruflichen Neustart in Nordrhein-Westfalen. Erst 1989 konnten auch die Menschen in der Tschechoslowakei das „hungrige Krokodil“ erfolgreich besiegen. Oder haben sie es nur vertrieben?
Gemeinsam mit Vodáks Tochter Pavli, die später in Deutschland wie ihr Vater Ärztin war, arbeitete Autorin Sandra Brökel die in einer alten Arzttasche gefundenen schriftlichen Erinnerungen des Vaters auf. In ihrem Buch geht es allerdings weniger um die Biografie des Arztes Pavel Vodák, sondern vielmehr um die Frage nach Heimat, um die Identität eines Menschen, um den Mut zum Widerstand, zum Kampf für die Freiheit und Selbstbestimmung, zum Kampf für die eigenen Ideale. Dazu passt das Zitat des tschechischen Schriftstellers und späteren Staatspräsidenten Vàclav Havel: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ Pavel Vodák hat für die Flucht aus der Heimat mit Entwurzelung und Entfremdung zahlen müssen. Aber er und seine Familie bekamen damals einen kostbareren Gegenwert – körperliche und geistige Freiheit.
Gerade heute, in unserem politisch immer instabiler werdenden Europa, ist das Buch auch als Warnung zu lesen, als Aufruf zur Wachsamkeit. Denn wer die Augen verschließt, kann schon im nächsten Moment verschlungen werden. Das „hungrige Krokodil“, wie es Pavel Vodák in seinen schriftlichen Erinnerungen selbst genannt hat, kann überall auf Beute lauern.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(8)

12 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Ein notwendiges Übel

Abir Mukherjee , Jens Plassmann
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Heyne, 09.07.2018
ISBN 9783453439207
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Wie schon sein Debütroman „Ein angesehener Mann“ (2017), der in Großbritannien zum Bestseller wurde, bestätigt auch der kürzlich als Heyne-Taschenbuch veröffentlichte zweite Band „Ein notwendiges Übel“ des indisch-stämmigen Briten Abir Mukherjee (44) seiner Krimireihe um den britischen Kriminalbeamten Sam Wyndham etwas Besonderes. Zwar geht es wieder um Mord, doch ist die Ermittlungsarbeit eher Mittel zum Zweck. Einen klassischen Krimi oder gar Thriller darf man nicht erwarten. Denn „Ein notwendiges Übel“ ist viel mehr! Es ist ein wirklich lesenswerter, höchst interessanter Kultur- und Reisebericht über Land und Leute in Britisch-Indien um das Jahr 1920, wo modernes europäisches Denken und Handeln auf Jahrtausende alte indische Kultur und Tradition prallt.
Nach einjährigem Aufenthalt in Kalkutta hat sich Sam Wyndham allmählich in der britischen Kolonie eingelebt, und doch lernt er – und mit ihm wir Leser – nun eine neue Facette des auch unter den Briten noch von superreichen Maharadschas beherrschten Indiens kennen. Prinz Adhir, Thronfolger des an Diamantenvorkommen reichen Fürstentums Sambalpur, wird in Kalkutta am Rande einer vom britischen Vizekönig einberufenen Versammlung ermordet. Bei der Festnahme des als Mönch gekleideten Mörders begeht dieser vor Sams Augen unerwartet Selbstmord. Damit wäre der Mordfall eigentlich abgeschlossen. Doch Sam will die Hintergründe dieser Tat aufklären. Waren es religiöse oder politische Motive? Da die Kolonialregierung in dem unabhängigen Fürstenstaat über keine polizeilichen Befugnisse verfügt, reisen er und sein indischer Sergeant Surendranath Banerjee, von seinen britischen Polizeikollegen Surrender-not genannt, als verdeckte Ermittler ins kleine Fürstentum.
Auch im zweiten Band schildert Autor Abir Mukherjee, dessen indische Eltern in den 1960er Jahren nach England einwanderten und der selbst erst als Erwachsener das Land seiner Vorfahren kennenlernte, auf höchst unterhaltsame und ironische Art die politisch und gesellschaftlich schwierige Situation des einst von den britischen Kolonialherren besetzten Teils Indiens. Die Ermittlungen um die drei Mordfälle nur als roten Faden nutzend, beschreibt Mukherjee eindrücklich und in schillernden Einzelheiten das Land in seiner für uns so exotischen Kulisse sowie dessen Einwohner, lässt sowohl das Leben am Hof des fünftreichsten Maharadschas mit seinen Palästen und dem ansatzweise europäisch beeinflussten Leben am Fürstenhof als auch das ärmliche Alltagsleben der indischen Bevölkerung mit ihren uns fremden Sitten und Gebräuchen lebendig werden.
Das Bemerkenswerte dieser Romanreihe ist die Tatsache, dass der indisch-stämmige Autor uns europäische Leser nicht etwa aus indischer Sicht, sondern durch die Augen des jungen Briten Sam Wyndham als Erzähler in Indiens Kolonialgeschichte blicken lässt. Dadurch erreicht Mukherjee den Eindruck einer scheinbaren Objektivität.
Wieder geht es um die Unterschiede der Kulturen: Während es den Indern völlig ausreicht, die Wahrheit zu kennen, fordert der Brite Wyndham die Einhaltung britischen Rechts - für den Europäer eine Notwendigkeit, für die Inder ein zu vernachlässigendes Übel. Sie regeln solche Fälle lieber intern nach alter Tradition und Sitte.
Auch wenn dies bereits der zweite Band der lesenswerten Sam-Wyndham-Reihe ist, hat er eine in sich abgeschlossene Handlung. Vorher den ersten Band „Ein angesehener Mann“ gelesen zu haben, ist deshalb nicht zwingend erforderlich. Besser sollte man sich schon auf den dritten Band „Eine Handvoll Asche“ im Mai 2019 freuen.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(42)

47 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 38 Rezensionen

"einsamkeit":w=2,"tabor süden":w=2,"krimi":w=1,"roman":w=1,"tod":w=1,"deutschland":w=1,"reihe":w=1,"trauer":w=1,"suche":w=1,"krankheit":w=1,"düster":w=1,"münchen":w=1,"verschwinden":w=1,"alter":w=1,"suizid":w=1

Der Narr und seine Maschine

Friedrich Ani
Fester Einband: 143 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 02.10.2018
ISBN 9783518428207
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Zwei sich in unserer Welt verlierende oder schon verlorene Männer gesetzteren Alters begegnen uns im Roman „Der Narr und seine Maschine“ von Bestseller-Autor Friedrich Ani, im Oktober bei Suhrkamp erschienen. In seinem 21. Krimi um Tabor Süden schickt Ani seinen Ex-Polizeibeamten, Privatdetektiv und Eigenbrötler Süden auf die Spur des seit Tagen vermissten Cornelius Hallig, einen früher erfolgreichen Kriminalschriftsteller. Beide Männer vereint die innere Einsamkeit inmitten der brodelnden Großstadt München.
Gerade wollte Tabor Süden, der erfahrene Spezialist für Vermisstenfälle, unsere Welt ohne Abschied perspektivlos und ziellos nach seinem 20. Fall mit der Bahn verlassen, da holt ihn die Chefin der Privatdetektei aus der Bahnhofshalle in unsere, in seine Welt zurück. Er soll den seit 30 Jahren in einem Hotel lebenden Cornelius Hallig finden, der wie Süden ebenso grußlos und unerwartet verschwunden ist. Hat sich Hallig das Leben genommen? Oder hat er sich versteckt? Seine wenigen Freunde, die Mitarbeiter des Hotels, sorgen sich um ihn.
An den nun folgenden Tagen begleiten wir die beiden Männer auf ihren Wegen, beobachten wir die Einzelgänger bei ihrem einsamen Tun, folgen ihren wenigen Gesprächen. Tabor Süden versucht, Halligs Spur aufzunehmen, neugierig auf jenen Mann, dem er sich mental verwandt fühlt. Hallig folgt einer vertrauten Spur in seine Vergangenheit, besucht die inzwischen verfallene Wohnung seiner Kindertage. Er scheint sich geistig schon aus der realen Welt entfernt und einer anderen genähert zu haben.
Auf nur 140 Seiten zeigt uns Friedrich Ani zwei vom Leben gezeichnete und gebrochene Männer, vereinsamt, ohne Hoffnung, ohne Ziel, ohne Zukunft. Nur eines vereint beide: Sie wollen, jeder auf seine Weise, der Finsternis ihres Lebens, ja, ihrem bisherigen Leben entfliehen. Mit seinem Cornelius Hallig setzt Autor Friedrich Ani dem von ihm geschätzten Amerikaner Cornell Woolrich (1903-1968; „Das Fenster zum Hof“), bekannt für seine düsteren Kriminalromane, ein literarisches Denkmal. Wie Woolrich lebte auch Cornelius Hallig in Anis Kurzroman die meiste Zeit seines Lebens im Hotelzimmer, die ersten Jahre mit seiner Mutter nebenan. Und wie Woolrich lässt auch Ani seinen Hallig am Schlaganfall sterben, genau 50 Jahre nach Woolrich.
Düster und hoffnungslos wie das wahre Leben Woolrichs und dessen „schwarze“ Krimis ist auch Friedrich Anis Roman „Der Narr und seine Maschine“. Trotz der Kürze des Romans, den man schnell durchlesen könnte, wirkte die durchgängige Düsternis der Geschichte auf mich gelegentlich ermüdend, zumal die Handlung überschaubar ist und es dem Roman an Spannung, an wachsender Dramatik fehlt. Wer Friedrich Anis Bücher kennt, weiß natürlich, dass er kein Autor typischer Krimis ist, weshalb seine „Krimis“ vom Verlag richtigerweise auch nicht als solche herausgegeben werden. Es sind psychologisch ausgezeichnet aufgebaute, mit überaus interessanten, vom Leben tief gezeichneten Charakteren besetzte Romane höchsten Niveaus. Bei Ani muss man eben wissen, worauf man sich einlässt. Ich wusste es. Trotzdem war ich von diesem 21. Tabor-Süden-Roman etwas enttäuscht, zumal ich nach Anis vorangegangenem Roman „Die Ermordung des Glücks“ mehr an Handlung, mehr an Dramatik, mehr an Spannung erwartet hatte. Der 21. war mein erster Roman mit Tabor Süden – und vielleicht auch der letzte: Denn am Schluss entschwindet Süden wieder im Bahnhofsgewirr, diesmal mit Halligs alter Reiseschreibmaschine an der Hand – der Narr und seine Maschine.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(45)

61 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 42 Rezensionen

"nordkorea":w=5,"korea":w=3,"usa":w=2,"folter":w=2,"cia":w=2,"thriller":w=1,"amerika":w=1,"flucht":w=1,"entführung":w=1,"china":w=1,"geheimdienst":w=1,"schmuggel":w=1,"kidnapping":w=1,"thriller-roman":w=1,"entführungen":w=1

Stern des Nordens

D.B. John , Sabine Längsfeld , Karen Witthuhn
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Wunderlich, 25.09.2018
ISBN 9783805200325
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nordkorea ist in der Weltpolitik isoliert und für die Öffentlichkeit weitestgehend unbekannt. Entsprechend spielt der Herrschaftsbereich der Kim-Dynastie auch in unserer Unterhaltungsliteratur keine Rolle. Umso bemerkenswerter und faszinierender ist der authentische, bereits in mehrere Sprachen übersetzte Politthriller „Stern des Nordens“ des Briten D. B. John, der im September beim Verlag Wunderlich/Rowohlt erschien und unbedingt lesenswert ist. In drei verschiedenen Handlungssträngen, die John am Ende geschickt verbindet, lernen wir das wohlsituierte Leben der nordkoreanischen Funktionärskaste in Pjöngjang kennen, das erbärmliche Vegetieren der Landbevölkerung nahe dem Hungertod sowie die Angst der USA vor nordkoreanischer Raketenbedrohung und das klägliche Ringen der CIA um Informationen.
Als Leser begleiten wir in der Hauptstadt den Parteifunktionär Cho und dessen Familie, die in treuer Ergebenheit zum „Geliebten Führer“ Kim Jong-il ein gutes Leben führt. Cho macht Karriere, wird sogar Unterhändler in den USA. Erst seine Abstammung, die bei weiterer Beförderung des einstigen Waisenkindes aufgedeckt wird, macht ihn trotz höchster Verdienste urplötzlich zum Staatsfeind. Parallel dazu lernen wir in der Provinz die Bäuerin Moon kennen, die wie als Markthändlerin ums Überleben kämpft. Als eine der Marktfrauen verhaftet wird, entwickelt sich Moon, die trotz aller Indoktrination durch die Partei in einer verborgenen Ecke ihres Herzens sich noch etwas Selbstbewusstsein bewahren konnte, zur furchtlosen Stimme des Widerstands. Beim Bankett in den USA trifft Funktionär Cho die Halbkoreanerin Jenna, offiziell Wissenschaftlerin und Korea-Expertin, neuerdings Undercover-Agentin des CIA. Sie will nicht nur ihre vor zwölf Jahren von den Nordkoreanern entführte Zwillingsschwester aus den Fängen Kim Jong-ils befreien, sondern soll in Nordkorea zwecks Informationsbeschaffung hochrangige Überläufer anwerben.
Der Politthriller „Stern des Nordens“ ist auf den ersten Blick ein spannender Agentenkrimi. Doch nicht nur der Handlungsort Nordkorea macht ihn zum ungewöhnlichen und lesenswerten Buch, sondern die vom Autor D. B. John geschaffene Authentizität der Handlung, über die wir einen tiefen Einblick in das uns unbekannte Land bekommen. Unzählige Details zeigen die besondere Sachkenntnis des Autors: John hatte 2012 als einer der Wenigen die seltene Gelegenheit, Nordkorea zu besuchen. Seitdem beschäftigte er sich mit der auch im Buch-Anhang gelisteten Fachliteratur. Zudem lebte er viele Jahre in Südkorea. Schließlich wurde er als Korea-Kenner zum Co-Autor des 2015 erschienenen New-York-Times-Bestseller "Schwarze Magnolie: Wie ich aus Nordkorea entkam" der Nordkoreanerin Hyeon-seo Lee, die 1997 während der großen Hungersnot über die chinesische Grenze geflohen war.
„Stern des Nordens“ ist unbestritten ein spannender Politthriller, als Drehbuchvorlage für einen Hollywood-Blockbuster bestens geeignet. Vor allem aber ist dieser Roman eine Wissenssammlung, aus der wir unwissenden Leser viele Details über dieses Land erfahren, die im Anhang durch entsprechende Fachliteratur verifiziert werden. In diesem Wissen verzeiht man dem Autor auch gern stellenweise Längen zugunsten der Sachinformation. Auch sieht man klaglos über das etwas allzu filmreife Finale hinweg, wenn Agentin Jenna im Sonderzug des Diktators wie eine Lara Croft mit der ‎Kalaschnikow AK-47 um sich schießt, dessen Leibgarde niedermetzelt und mit dieser Aktion schließlich den Herztod des „Geliebten Führers“ herbeiführt.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(36)

88 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 22 Rezensionen

"satire":w=8,"flüchtlinge":w=4,"afrika":w=3,"timur vermes":w=3,"roman":w=2,"deutschland":w=2,"politik":w=2,"dystopie":w=2,"migration":w=2,"flüchtlingslager":w=2,"gesellschaftskritik":w=1,"2018":w=1,"journalistin":w=1,"tv":w=1,"deutscher autor":w=1

Die Hungrigen und die Satten

Timur Vermes
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Eichborn, 27.08.2018
ISBN 9783847906605
Genre: Romane

Rezension:

Vor sechs Jahren hatte sich der Journalist und Schriftsteller Timur Vermes (51) mit seiner inzwischen verfilmten Gesellschaftssatire „Er ist wieder da“ (2012) über den auferstandenen Nazi-Führer Adolf Hitler und den heute in Deutschland gegenwärtig erwachenden Rechtsradikalismus in die Bestsellerlisten geschrieben. Mit seinem zweiten Roman „Die Hungrigen und die Satten“, im August beim Eichborn-Verlag erschienen, versetzt er uns nun in eine nicht allzu ferne Zukunft.
Der Begriff „Kanzler“ ist inzwischen durch „Merkel“ ersetzt, allerdings ist der jetzige Merkel ein Mann. Das Flüchtlingsproblem scheint gelöst: Die europäischen Grenzen sind abgeschottet, südlich der Sahara wurden mit europäischem Geld riesige Lager eingerichtet, in denen sich Millionen Menschen unter ärmlichsten Verhältnissen eingerichtet haben. Die Flüchtlinge warten und warten, wissen allerdings nicht worauf. Da erscheint ihnen in Nadeche Hackenbusch, einer deutschen Trashshow-Moderatorin, ebenso dumm wie clever, ein wahrer „Engel im Elend“, wie auch ihre Doku-Soap im Privatfernsehen heißt. Hackenbusch nutzt den Einsatz im Flüchtlingslager und das Mitleid der Zuschauermillionen, ihren eigenen Marktwert zu steigern und ihre Show zum Quotenhit mit rapide steigenden Werbeeinnahmen zu machen. Im Lager verliebt sie sich in den smarten, aber ebenso cleveren Flüchtling Lionel, der es seinerseits versteht, Hackenbuschs Profilierungssucht zum eigenen Vorteil zu nutzen. In einem Zug von 150 000 Lagerbewohnern machen sich „die Schöne und der Flüchtling“, gut organisiert und mit Wasser und Nahrung von einer mafiösen Schlepperbande bestens versorgt, auf den Fußmarsch nach Deutschland. Wieder einmal viel zu spät steht die deutsche Regierung vor einem gewaltigen Flüchtlingsproblem. Niemand ist auf diesen biblisch anmutenden „Zug durch die Wüste ins gelobte Land“ vorbereitet.
Die Handlung des Romans spielt in der Zukunft , doch sind die von Timur Vermes aufgezeigten Fragen und Probleme keineswegs fiktiv, sondern vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise 2015 immer noch höchst real. Schon damals hatte die deutsche Regierung das drohende Problem jahrelang verschlafen, die EU-Grenzländer Italien und Griechenland allein gelassen – mit den bekannten Folgen.
Bissig und rücksichtslos beschreibt Timur Vermes in seinem trotz mancher Längen lesenswerten Roman die Trägheit der „Satten“, die sich, ohne sorgsam vorbereitet zu sein, hektisch und verzweifelt der „Hungrigen“ zu erwehren suchen. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man – und man kann es tatsächlich! – beim Lesen herzlich lachen oder doch zumindest schmunzeln. Vermes zieht nicht nur über die Regierenden her, sondern macht auch uns Bürger verantwortlich. Politiker denken statt an die Menschen nur an den eigenen Machterhalt und den ihrer Partei. Sogar der Einsatz militärischer Gewalt ist eine Option. Und unsere träge und sonst sorglose Gesellschaft spaltet sich in Plüschtiere verteilende Gutmenschen, in militante Organisatoren von Bürgerwehren und rechtsradikale Polit-Profiteure einer in der Bevölkerung wachsenden Unsicherheit und Panik.
Der Autor kritisiert nicht „die anderen“, sondern hält uns allen den Spiegel vor, niemand bleibt ungeschoren. Lacht man gerade über eine Szene, vergeht einem das Lachen gleich wieder: Was im ersten Moment witzig erscheint, erweist sich beim zweiten Blick doch als Realität. Der Roman „Die Satten und die Hungrigen“ ist wirklich gut, lässt sich gut lesen, unterhält und stimmt gleichzeitig nachdenklich. Doch um 100 bis 200 Seiten straffer, hätte er mehr Tempo und noch mehr Biss.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(6)

17 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

"novelle":w=1,"romantische geschichte":w=1,"atmosphärisch dicht erzählt":w=1,"hochtalentiert":w=1,"süd-korea":w=1,"sehr gut erzählt":w=1

Ein Winter in Sokcho

Elisa Shua Dusapin , Andreas Jandl
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 14.09.2018
ISBN 9783351050511
Genre: Romane

Rezension:

Ihr Debütroman „Ein Winter in Sokcho“ sei „ein kleines Meisterwerk“ urteilte schon vor zwei Jahren die Jury bei Vergabe des Robert-Walser-Preises an die Autorin Elisa Shua Dusapin. Die französische Zeitung „Le Figaro Littéraire“ nannte das nur 144 Seiten starke Buch, das in deutscher Übersetzung im September beim Verlag Blumenbar, einem Imprint des Aufbau-Verlages erschien, einen „Roman von einzigartiger Schönheit“. Tatsächlich ist dieser Kurzroman, der in seiner Erstfassung vor wenigen Jahren von der Autorin nur als Studienarbeit am Literaturinstitut Biel (Schweiz) gedacht war, in seiner nun publizierten Fassung so ungewöhnlich, so zartfühlend und liebevoll von der heute 26-Jährigen geschrieben, dass er seine Preise verdient hat und er unbedingt zu empfehlen ist.
Wie Elisa Shua Dusapin ist auch ihre Protagonistin, eine junge Mitarbeiterin einer kleinen Pension im südkoreanischen Küstenort Sokcho, die Tochter eines französischen Vaters und einer südkoreanischen Mutter. Die vermutung dürfte deshalb berechtigt sein, dass autobiographische Elemente, persönlicher Erfahrungen und Gefühle Dusapins in ihrem Kurzroman eingearbeitet sind. Das Studium in Seoul war der einzige Ausflug der Ich-Erzählerin in die schillernde weite Welt. Doch nun ist die junge Frau zur Unterstützung ihrer allein lebenden Mutter nach Sokcho zurückgekehrt. In diesem eiskalten Winter hat sich nun ein junger Mann, Comic-Zeichner Yan Kerrand aus der Normandie, in der Pension eingemietet. Während die junge Frau, mit einem recht oberflächlichen Koreaner befreundet, sich nach der weiten Welt sehnt, sucht der junge Zeichner die Stille und Einsamkeit an der Grenze zu Nordkorea. Doch mit jedem Gespräch, jedem Spaziergang kommen sich die beiden jungen Menschen aus so unterschiedlichen Welten tastend näher. Beide suchen einen Neuanfang, jeder auf seine Weise.
Es macht beim Lesen einfach Freude, die beiden im Lauf der wenigen Wintermonate zu begleiten, zu beobachten. Feinfühlig schildert die Autorin die zögerlichen Annäherungsversuche der asiatisch-zurückhaltenden jungen Frau und des mit Frauen und der Liebe anscheinend noch unerfahrenen Mannes. In seinen Comics zeichnet er fast nur Männer, an Frauenbildnissen scheitert er. Solche Skizzen landen im Papierkorb. Erst als die Ich-Erzählerin ihre eigene Scheu überwindet, gelingt es ihr, Kerrand aus seinem Pensionszimmer zu locken. Bezaubernd beschreibt Dusapin in kleinen Gesten und Szenen das vorsichtige Herantasten der beiden.
Nebenbei wird auch das Leid der jungen Halbkoreanerin offenbar, die als unehelich geborene Tochter eines Franzosen auch nach über 20 Jahren noch immer der Nachbarschaft Gesprächsstoff bietet und nicht einmal in ihrer Heimatstadt Sokcho als Koreanerin anerkannt wird. In Begleitung ihres französischen Gastes spricht man sie sogar auf Englisch an wie jede beliebige Touristin. Auch dies ist wohl ein Grund, weshalb die junge Frau ihre Heimat gern verlassen und nach Frankreich gehen würde.
Diese liebenswerte, zartfühlend geschriebene Romanze von Elisa Shua Dusapin gleicht einer kunstvollen Miniatur - so schön, so leicht, so zerbrechlich. Die Lektüre dieses Kurzromans wirkt noch lange nach, wie es heute nur wenigen Büchern noch gelingt. Dem Roman geht es nicht um Handlung, sondern um Gefühle, um das zumeist Unausgesprochene. „Ein Winter in Sokcho“ wärmt einem beim Lesen das Herz. In ihrem schon 2017 geführten Interview mit ZEIT Online meinte Dusapin: „Die vielen Preise und die Anerkennung [für den Roman] könnten mir das Gefühl geben, dass ich es geschafft habe. Dass ich Schriftstellerin bin.“ Die Zukunft wird es zeigen, doch dieses Debüt ist vielversprechend.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(93)

150 Bibliotheken, 2 Leser, 3 Gruppen, 83 Rezensionen

"auschwitz":w=11,"frankfurt":w=8,"nationalsozialismus":w=5,"auschwitz-prozess":w=5,"schuld":w=4,"prozess":w=4,"auschwitzprozess":w=4,"60er jahre":w=3,"wirtschaftswunder":w=3,"deutsches haus":w=3,"roman":w=2,"familie":w=2,"geschichte":w=2,"nachkriegszeit":w=2,"polen":w=2

Deutsches Haus

Annette Hess
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 21.09.2018
ISBN 9783550050244
Genre: Romane

Rezension:

Nach ihren erfolgreichen TV-Serien „Weissensee“ und „Kuhdamm 56/59“ hat es Grimme-Preisträgerin Annette Hess (51) nun auch mit ihrem ersten Roman „Deutsches Haus“, erschienen im September beim Ullstein-Verlag, dank meisterhafter Erzählkunst wieder geschafft, nicht nur die Stimmung der Sechziger Jahre in der noch jungen Bundesrepublik anschaulich wiederzugeben, sondern vor allem den Nachgeborenen die besondere Problematik jener Dekade sowie die politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung zwischen den Generationen verständlich zu machen.
In Frankfurt wird 1963 der erste Auschwitz-Prozess unter Leitung des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer (1903-1968) vorbereitet. Unerwartet wird die junge Dolmetscherin Eva, Tochter der Wirtsleute Bruhns, von der Staatsanwaltschaft zur Übersetzung der Aussagen polnischer Zeugen angefordert. Sowohl ihre im Nazi-Regime verstrickten Eltern, heute Inhaber der gutgehenden Wirtschaft „Deutsches Haus“, als auch ihr streng konservativer Verlobter, künftiger Erbe eines großen Versandhandels, sind strikt dagegen. Doch Eva widersetzt sich und nimmt den Auftrag an. Im Laufe des Prozesses erfährt die junge Frau, die als unschuldiges Kleinkind die Kriegsjahre erlebt hat, zum ersten Mal vom KZ Auschwitz und vom Holocaust. Sie ahnt nicht die Folgen dieses und nachfolgender Prozesse für die westdeutsche Bevölkerung und ihr eigenes Leben. Am Ende bricht sie mit ihrem Elternhaus und löst die Verlobung.
Im Roman geht es um die Auseinandersetzung zwischen der damals über die Kriegsgräuel schweigende Elterngeneration und die kritisch nachfragende Generation ihrer Kinder. Auch im „Deutschen Haus“ haben Evas Eltern die Kriegsjahre verdrängt, wollen vom Auschwitz-Prozess nichts wissen, sondern widmen sich ausschließlich ihrer vielversprechenden Zukunft im deutschen Wirtschaftswunder. Annette Hess beschreibt dies treffend in einem Satz: „Nicht sprechen. Nicht bewegen. Die Luft anhalten, bis es vorübergeht. Und niemand wird zu Schaden kommen.“
Überhaupt ist es der Autorin hervorragend gelungen, die Stimmung in der industriell und wirtschaftlich wieder aus Trümmern erstarkenden Bundesrepublik in jener Zeit zu beschreiben: Die Öffentlichkeit hält den Prozess mehrheitlich für Verschwendung von Steuergeld; Mitläufer des Nazi-Regimes wie Evas Eltern beschwören, nichts von Gräueltaten gewusst zu haben und sogar die Angeklagten streiten alles ab. Statt in Untersuchungshaft zu sitzen, gehen sie an verhandlungsfreien Tagen ihrem Beruf nach. Bei deren Ankunft im Gerichtsgebäude nehmen die Saaldiener zur Begrüßung militärische Haltung ein. Fast scheint es außerhalb des Gerichtsaals, als hätten nicht die Angeklagten sich vor Gericht zu verantworten, sondern die dem Holocaust entkommenen Zeugen.
Annette Hess lässt in ihrem Roman alle Seiten zu Wort kommen. So verteidigt sich Evas Mutter vor ihrer Tochter: „Wir sind keine Helden. Man hat früher nicht aufbegehrt, das kann man mit der heutigen Zeit nicht vergleichen.“ Und Eva hält dem damals beliebten Argument, „die anderen“ seien doch für alles verantwortlich, verzweifelt entgegen: „Ihr wart ein Tel des Ganzen. Ihr wart auch die! Ihr habt nicht gemordet, aber ihr habt es zugelassen.“
Der Roman „Deutsches Haus“ ist locker geschrieben, mag vordergründig als leicht lesbarer historischer Roman erscheinen. Doch in heutiger Zeit des wieder erstarkenden Rechtsradikalismus' ist er eine deutliche Warnung. Auf die ängstliche Frage ihres kleinen Bruders, was Vati und Mutti denn gemacht hätten, antwortet Eva nur: „Nichts.“

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(9)

14 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 7 Rezensionen

Das innere Ausland

Thommie Bayer
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.08.2018
ISBN 9783492057271
Genre: Romane

Rezension:

Wenn draußen der Herbststurm tobt, das Wetter ungemütlich ist und die Temperaturen gegen Null gehen, machen Sie es doch wie Andreas und Malin in Thommie Bayers (65) aktuellem Roman „Das innere Ausland“, erschienen im August beim Piper-Verlag. Feuern Sie abends den Kamin an, setzen Sie sich in Ihre Bücherecke und lesen Sie diesen so wunderbar unaufgeregten, berührenden, geradezu Herz erwärmenden Roman. Obwohl man nicht von einer spannungsreichen Handlung sprechen kann, fesselt dieser Roman durch seinen Sprachstil, seine Dialoge und oft mehr durch das beredte Schweigen seiner Protagonisten.
Die aufregendsten Kapitel ihres Lebens scheinen der 64-jährige Andreas und die über 40-jährige Malin schon hinter sich zu haben. Andreas Vollmann, der sowohl beruflich als Schlafwagenschaffner als auch in seinem Privatleben meistens mit sich allein war, bewohnt jetzt als Pensionär mit seiner ebenfalls unverheirateten jüngeren Schwester Nina ein Haus in Südfrankreich. Beide haben sich nicht nur ins wirkliche, sondern – wie der Titel des Romans es sagt – ins „innere Ausland“ zurückgezogen, mit ihrem bisherigen Leben abgeschlossen. Beide haben nur noch sich – Bruder und Schwester. Er wohnt im Vorder-, sie im Hinterhaus, die Küche nutzen beide gemeinsam. Beide leben in völliger Harmonie, nehmen auf einander Rücksicht, scheinen zufrieden, alles Notwendige scheint längst gesagt. Oder doch nicht? Denn für Andreas unerwartet stirbt Nina an Krebs. Sie hatte es ihrem Bruder verschwiegen. Wenig später platzt eine fremde Frau in Andreas' Einsamkeit. Es ist Malin, Ninas Tochter. Auch von ihr hatte Andreas nie zuvor gehört. Selbst Malin hatte erst nach dem Tod ihrer Mutter von deren Existenz erfahren. Malin zieht in Ninas Haushälfte ein, wo sie auf unbestimmte Zeit bleiben will. Mit der Zeit erkennt Andreas an seiner Nichte viele Charakterzüge und Eigenarten seiner verstorbenen Schwester. Malin offenbart ihm nach Tagen wachsenden Vertrauens die unbekannte Seite seiner Schwester, die sie selbst nur aus einem hinterlassenen Brief ihrer Mutter erfahren hat. Andreas, dessen Leben ohne seine Schwester sinnlos erscheint, und Malin, die sich gerade von ihrem Verlobten getrennt und ihre Pflegeeltern verlassen hat, erkennen eine zweite Chance, die das Schicksal ihnen beiden gewährt. Und sie ergreifen diese Chance.
Wir Leser begleiten Andreas zunächst in seiner Einsamkeit allein im Haus, sehen ihn kochen, Kaffee aufbrühen oder den Tisch decken. Selbst die Schilderung des Alltäglichen liest sich bei Thommie Bayern angenehm. Dann erscheint Malin, die zunächst Unruhe in diese Einsamkeit bringt, selbst aber Ruhe sucht. Auch hier werden wir Zeuge, wie sich beide erst auf Abstand beobachten, sich schließlich näherkommen und zuletzt erkennen müssen, dass sie die letzten Hinterbliebenen ihrer Familie sind. Sie lernen sich zu schätzen und ihre Eigenarten zu akzeptieren.
Thommie Bayer versteht es, mit einer der jeweiligen Stimmung angepassten Wortwahl uns an den Empfindungen seiner Protagonisten teilhaben, sogar mitfühlen zu lassen. „Das innere Ausland“ ist ein bewegender, nachdenklich stimmender, angenehm leiser Roman, der von vielen gelesen werden sollte. In der heutigen, oft übermäßig aufgeregten und von politischen Wirren überladenen Zeit, hat dieser ruhige und doch tiefgehende Roman eine fast therapeutische Wirkung.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(7)

17 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

Das KALA-Experiment

Karl Olsberg
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.08.2018
ISBN 9783492312707
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Spannend ist der im August beim Piper-Verlag als Taschenbuch erschienene Roman „Das Kala-Experiment“ von Karl Olsberg durchaus. Allerdings darf man den geschilderten Sachverhalt nicht kritisch hinterfragen, um die künstlich aufgeblasene Illusion nicht zum Platzen zu bringen. Wenn man die ellenlange Werksliste des unter dem Pseudonym Karl Olsberg schreibenden Unternehmensberaters Karl Freiherr von Wendt (58) seit seinem Romandebüt im Jahr 2007 durchzählt, darf man, ohne die Bücher selbst gelesen zu haben, allein aus der Vielzahl der Werke folgern, dass es dem Autor wohl nicht bei jedem Werk auf literarischen Anspruch ankommen dürfte. Das „Das Kala-Experiment“ ist jedenfalls nur ein auf Action zielender, im Kern aber recht oberflächlicher Roman, der das vom Verlag verliehene Prädikat „Thriller“ wirklich nicht verdient.
Worum geht es? Wenige Tage nach seinem Video-Interview mit einer Bloggerin begeht der weltbekannte deutsche Physiker Ichting plötzlich Selbstmord. Die Bloggerin Nina geht aber von Mord aus und betätigt sich nun als investigative Journalistin. Bald kommt sie, wenn auch anfangs unwissentlich, einem physikalischen Projekt in den USA, dem Kala-Experiment, auf die Spur. Durch dieses Experiment zur Energiegewinnung versucht der steinreiche und skrupellose Inhaber von Allied Industries, aktuell Wissenschaftsberater eines im Buch ungenannten Präsidenten Trump, noch reicher zu werden. Auch als Leser kommt man der Sache kapitelweise näher: Die am Projekt beteiligten Fachleute haben – einige Tage unserer Zeit voraus – ein Wurmloch durch Raum und Zeit in die Vergangenheit erzeugt, was zu unerklärlichen Erscheinungen in unserer Gegenwart führt: Da ist ein unerwartet auf der Kasseler Autobahn erscheinendes Auto Verursacher eines tödlichen Unfalls, Fahrerin und Kind sind tot, doch dieselben zwei werden immer noch gesund daheim angetroffen. Da kommt eine alte Frau in den USA quicklebendig zu einer Trauerfeier in die Kirche und sieht sich selbst als betrauerte Leiche. So reiht sich weltweit ein unerklärliches Phänomen an das andere.
Der Autor versucht, uns mit seinem Roman vor der Gefahr zu warnen, wenn Forscher und skrupellose Unternehmer zusammenarbeiten und bisherige Grenzen der Forschung überwinden, ohne sich über mögliche Risiken für die Menschheit Gedanken zu machen. Man denke nur an die friedliche Nutzung der Kernenergie und den Bau der Atombombe.
So weit, so gut. Hinterfragt man allerdings die Handlung kritisch, dann scheitert der Roman an fehlender Logik. Denn wenn das Kala-Experiment tatsächlich schon in der Zukunft – nämlich am kommenden Donnerstag um 11:45 Uhr – stattgefunden hat und wir jetzt schon dessen Auswirkungen erlebt haben, warum haben unsere Protagonisten dann Angst vor dem Weltuntergang? Mehr als jetzt geschehen ist, kann doch nicht mehr geschehen. Weshalb sollte unsere Welt also am Donnerstag untergehen?
Ich gebe offen zu, diesen Roman von Karl Olsberg zügig durchgelesen zu haben, da ein gewisser Spannungsfaktor leicht verführt. Ist dieser Roman also empfehlenswert? Nein, ist er nicht. Aber er ist trotz gewisser Spannung eine entspannende Feierabendlektüre. Man darf den Roman gern lesen - solange man kein besseres Buch zur Hand hat. Die Kernidee des Romans jedoch, vor unkontrollierbaren Gefahren wissenschaftlicher Experimente zu warnen, ist nachvollziehbar und richtig. Diese Idee lohnt weiteres Nachdenken.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(39)

49 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 38 Rezensionen

"roman":w=3,"karl may":w=3,"orient":w=2,"kara ben nemsi":w=2,"abenteuer":w=1,"deutschland":w=1,"reise":w=1,"biografie":w=1,"italien":w=1,"buch":w=1,"rezension":w=1,"satire":w=1,"schriftsteller":w=1,"münchen":w=1,"reisebericht":w=1

Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste

Philipp Schwenke
Fester Einband: 608 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 07.09.2018
ISBN 9783462051070
Genre: Romane

Rezension:

Winnetou, Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi sind Namen literarischer Helden, die selbst heutigen Harry-Potter-Fans noch bekannt sind, selbst wenn sie diese populären Abenteuerromane des ausgehenden 19. Jahrhunderts nie gelesen haben. Doch kaum bekannt ist heutigen Lesern das wechselvolle Leben ihres Erfinders, des sächsischen Schriftstellers Karl May (1842-1912). Dies dürfte sich nun ändern. Mit seinem beeindruckenden Debütroman „Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste“, im September bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, hat Journalist Philipp Schwenke (40) diesem mit über 200 Millionen Auflage meistgelesenen und in fast 50 Sprachen häufigsten übersetzten deutschsprachigen Schriftsteller mehr als hundert Jahre nach dem Tod ein zeitgemäßes Denkmal gesetzt. Dieser Roman über Mays tragischste Lebensphase zwischen 1899 und 1902 ist eine durchaus kritische, zugleich aber liebe- und humorvolle Betrachtung der aus der Not damaliger Umstände sich ergebenden Wandlung Mays von einem sich selbst überschätzenden, schizophrenen Phantasten zum selbst ernannten Friedensapostel. War schon Mays früheres Leben eine einzige Lüge, so nutzt er auch diese ihm aufgezwungene Läuterung nur zur Wahrung seines eigenen Rufs und Ruhms.
In Schwenkes Roman begleiten wir Karl May um die Jahrhundertwende auf seiner ersten Überseereise in den Orient. Über Jahrzehnte hatte er in seinen Romanen den begeisterten Lesern vorgegaukelt, alle geschilderten Abenteuer auf unzähligen Reisen durch Amerika und den Orient selbst erlebt zu haben. Tatsächlich hatte er nie seine sächsische Heimat verlassen. Seine Leser aber sahen in May den bärenstarken Fährtenleser, Winnetous Blutsbruder Old Shatterhand und den unbesiegbaren Abenteurer Kara Ben Nemsi (Karl, Sohn der Deutschen), der von sich behauptete, 800 Sprachen und Dialekte zu beherrschen. Doch Ende der 1890er Jahre erscheinen in ersten Zeitungsartikeln Zweifel an Mays Glaubwürdigkeit, aus der während Mays Orientreise zu einer bis dahin beispiellosen Kampagne der Sensationspresse ausweitet.
Um sich rechtfertigen zu können, tatsächlich im Orient gewesen zu sein, reist May nun mit dem Reiseführer in der Hand durch die arabische Welt, Sumatra und Ceylon und verschickt an die Zeitungen in Deutschland ständig Postkarten. Doch die reale Welt ist eine ganz andere, von den Kolonialmächten England und Frankreich längst europäisch beeinflusst, als jene abenteuerliche, in seinen Romanen erdachte. Als May auch noch erkennen muss, dass er selbst rein gar nichts mit seinen Figuren Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi gemein hat, er aber sogar bis Sumatra vom Journalisten georg Scharffenstein verfolgt wird, verfällt der Gejagte in Wahnvorstellungen und erleidet einen Nervenzusammenbruch. Durch dieses „Flimmern der Wahrheit über der Wüste“ wird der Phantast geläutert: Im Fieberwahn verlässt Old Shatterhand den Körper des Schriftstellers. Aber: „Was bleibt von ihm, wenn man Old Shatterhand abzieht? Nur noch Karl May, Sträf- und Schreiberling“. Zur Wahrung seines Images gibt sich May nach seiner Rückkehr in Sachsen als Menschenfreund, der niemals seine Leser belügen, sondern sie mit seinen Romanen im Kampf des Guten gegen das Böse nur zu „Edelmenschen“ erziehen wollte.
Der Autor und bekennende May-Fan Philipp Schwenke hat in unzähligen Dokumenten der Karl-May-Gesellschaft, in Fachliteratur, Briefen und Tagebüchern recherchiert. Ihm ist eine authentische, glaubwürdige, trotz allem locker lesbare und augenzwinkernde Biografie gelungen, die „auf Tatsachen und auf alternativen Tatsachen beruht - auf Tatsachen, die auf jeden Fall wahrer sind als alles, was Karl May selbst je behauptet hat.“ So traurig Karl Mays Leben auch geendet haben mag: Mancher ältere Fan wird nach Lektüre von Schwenkes Debüt sicher seine längst vergilbten May-Ausgaben zur Hand nehmen. Denn wie schreibt der Autor in seinem Epilog ganz richtig? „Und wenn wir auf Karls Reise eines gelernt haben, dann doch dieses: wie wenig es lohnt, sich eine herrlich geratene Überzeugung später durch Tatsachen verderben zu lassen.“ Howgh, ich habe gesprochen!

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(94)

121 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 80 Rezensionen

"afghanistan":w=9,"kabul":w=9,"schweden":w=8,"thriller":w=5,"mord":w=4,"entführung":w=4,"krimi":w=3,"spannung":w=3,"politik":w=3,"stockholm":w=3,"botschaft":w=3,"unterhändler":w=3,"amanda lund":w=3,"sex":w=2,"erpressung":w=2

Vier Tage in Kabul

Anna Tell , Ulla Ackermann
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 21.08.2018
ISBN 9783499273841
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein erstaunlicher und wirklich packender Politkrimi ist der schwedischen Autorin Anna Tell mit ihrem Romandebüt „Vier Tage in Kabul“ gelungen, der im August bei Rowohlt als erster Band der Reihe „Die Unterhändlerin“ erschien. Die Handlung mag ja fiktiv sein, aber sie wirkt ungemein real. Anna Tell weiß ja auch, worüber sie schreibt: Als hauptberufliche Politologin und Kriminalkommissarin war sie selbst 20 Jahre lang als Polizei- und Militärberaterin sowie Unterhändlerin im In- und Ausland im Einsatz.
Um einen solchen Einsatz als ISAF-Ausbilderin und Unterhändlerin bei der militärisch ausgerüsteten Polizei Afghanistans geht es in Anna Tells Krimidebüt: Zwei schwedische Diplomaten wurden in Kabul entführt, eine Lösegeldforderung liegt vor. Verhandlungsspezialistin Amanda Lund, gerade in Afghanistan zur Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte stationiert, erhält aus Stockholm den Auftrag, in diesem Fall mit den Entführern zu verhandeln und die Geiseln frei zu bekommen. Wegen des heiklen politischen Verhältnisses zwischen Schweden und Afghanistan darf dieser Fall nicht öffentlich werden. Bei der Stockholmer Reichskriminalpolizei leitet Bill Ekman diesen Einsatz, der gleichzeitig den Mord an einem jungen Diplomaten untersucht, der erst kürzlich aus Kabul zurückkam. Hinweise deuten auf einen Zusammenhang beider Fälle. Das schwedische Außenministerium ist in höchster Aufregung, da der Staatsbesuch des afghanischen Präsidenten kurz bevorsteht, weshalb sich der Staatssekretär in die Ermittlungsarbeit einmischt.
Wer in „Vier Tage in Kabul“ einen aktionsreichen Kriegsroman mit einer „schießwütigen“ Superheldin à la Lara Croft erwartet, liegt falsch: Amanda Lund gibt auf knapp 390 Seiten keinen einzigen Schuss ab! Autorin Anna Tell kennt die Gefahr solcher Einsätze in Kriegsgebieten, aber auch die Nüchternheit ihres Berufes, eingebunden in hierarchische Abhängigkeiten. Ihr Roman ist vielleicht deshalb recht realistisch und in der Sprache auffallend nüchtern. Ihre Figuren sind keineswegs Superhelden, sondern normale Menschen mit ganz normalen Problemen: Amanda spürt während ihres Einsatzes die ersten Anzeigen einer Schwangerschaft, geschwängert von einem verheirateten Mann. Ihr Chef Bill Ekman gefährdet seine Ehe, da er, wie seine Frau es ihm vorwirft, mit seinem Beruf verheiratet ist. Der schwedische Botschafter in Kabul muss seine Homosexualität verheimlichen.
„Vier Tage in Kabul“ ist sicher kein literarisches Meisterwerk, das einen Buchpreis verdient hätte, aber im besten Sinn gute und spannende Unterhaltung, dazu noch interessant, ist doch Afghanistan nicht gerade ein typischer Schauplatz für europäische Thriller. Wir lernen – zumindest ansatzweise – dieses Land in seiner desaströsen politischen Zerrissenheit kennen, wir begegnen dem täglichen Terror auf der Straße. Europäer halten sich bevorzugt in sicheren Häusern und Hotels auf, fahren in gepanzerten Limousinen – wie auch der schwedische Botschafter, der bald in einem dieser Hotels ermordet wird.
Natürlich gelingt es der kampferprobten Polizistin Amanda Lund am vierten Tag, die beiden Geiseln lebend zu befreien. Dies zu schreiben, ist kein Geheimnisverrat. Auch die Identität des Mörders ist keine Überraschung. Doch beides zu wissen oder zu vermuten macht den Krimi nicht weniger spannend. Denn im Kern geht es um andere Themen: Da ist der Gegensatz zwischen der modernen und gleichberechtigten schwedischen Frau und den afghanischen Polizisten, deren Kommandanten sie Befehle erteilen darf. Oder die politisch gewollte Zusammenarbeit zwischen afghanischen und schwedischen Einheiten, die von afghanischer Seite auch gern sabotiert wird. Oder die Widersprüche zwischen aufklärender Polizeiarbeit und der politisch begründeten Verschleierungstaktik von Regierungsstellen. „Man muss der Gerechtigkeit zu ihrem Recht verhelfen“, lässt sich die Unterhändlerin und Polizistin Amanda Lund allerdings in ihrer Arbeit nicht ablenken. Schon jetzt dürfen wir uns auf ein zweites Abenteuer mit der schwedischen Unterhändlerin freuen: „Fünf Nächte im Kosovo“ ist für März 2019 angekündigt.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(110)

161 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 96 Rezensionen

"schweiz":w=9,"französische revolution":w=9,"versailles":w=5,"roman":w=4,"frankreich":w=4,"liebe":w=3,"liebesgeschichte":w=3,"eingeschneit":w=3,"kuhhirte":w=3,"erzählung":w=2,"verbotene liebe":w=2,"wahre begebenheit":w=2,"vorablesen":w=2,"königskinder":w=2,"alex capus":w=2

Königskinder

Alex Capus
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 20.08.2018
ISBN 9783446260092
Genre: Romane

Rezension:

Was kann eine Geschichte mit dem für heutige Zeit ungewöhnlichen Titel „Königskinder“ anderes sein als ein Märchen? Tatsächlich mutet dieser im August beim Hanser-Verlag erschienene und unbedingt lesenswerte Kurzroman des Schweizer Schriftstellers Alex Capus (57) wie eine der vielen Geschichten aus „Tausendundeine Nacht“ an, wenn auch in moderner Erzählweise.
Im Roman ist es eine lange Winternacht, in der Max und Tina mit ihrem Auto im dichten Schneetreiben auf einem verschneiten Gebirgspass von der Straße gerutscht sind und nun auf den nächsten Morgen und die Schneefräse warten müssen. Um sich die Stunden, vielleicht aber auch die Angst vor Einsamkeit und Hilflosigkeit in bitterer Kälte zu vertreiben, erzählt Max seiner Tina eine berührende Liebesgeschichte, die 1779 im Greyzerland beginnt und während der Französischen Revolution am Versailler Hof des Königs Ludwig XVI. endet. Es ist die Geschichte des 22-jährigen Waisen und bettelarmen Hirtenjungen Jacob und seiner Liebsten, der 19-jährigen Marie-Françoise, Tochter des reichsten Bauern im Ort.
Wie schon in der klassischen Ballade „Es waren zwei Königskinder“ dürfen auch in dieser Geschichte die beiden Liebenden nicht zusammenkommen. Es sei eine wahre, historisch belegte Geschichte, versichert Max seiner Tina mehrmals, die bei allzu märchenhaften Szenen diese kritisch hinterfragt. „Entscheidend ist nicht, ob die Geschichte wahr ist. Wichtig ist, dass sie stimmt“, wehrt Max dann ab und erzählt weiter: Jacob verdingt sich für acht Jahre beim französischen Militär, später wird er von Prinzessin Elisabeth, der jüngeren Schwester Ludwigs XVI., in Versailles als Kuhhirte verpflichtet. Um ihm sein „Hemvé“ zu vertreiben, will die Prinzessin die sich liebenden „Königskinder“ nach Jahren der Trennung endlich vereinen: Sie lässt Marie aus der Schweiz holen, beide heiraten, bekommen eine Tochter und leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage.
Alex Capus verbindet beide Handlungsstränge, den heutigen und den historischen, so elegant, dass kaum Brüche zwischen den Jahrhunderten spürbar sind. Er nutzt die Nachfragen Tinas vielmehr, um historische Fakten zu erläutern. Capus lässt in warmherzigem, angenehm zu lesendem Sprachstil das Leben des ausgehenden 18. Jahrhunderts in der Schweiz und am Versailler Hof lebendig werden, wenn auch ohne Anspruch auf Korrektheit. Wichtiger scheinen dem Autor seine Figuren zu sein, deren Charaktere und Handeln er liebevoll und mitfühlend zeichnet.
Gewiss, „Königskinder“ mag modernen Lesern an manchen Stellen allzu märchenhaft erscheinen, wenn Jacob und Marie inmitten der Revolutionswirren auf ihrem Bauernhof wie auf einem paradiesischen Eiland glücklich sind. Aber ist es nicht Liebe und Zuneigung, die uns Menschen [und unserer Familie] in schwierigen und schweren Zeiten, während die Gesellschaft um uns herum sich aufzulösen beginnt, den nötigen Zusammenhalt und Trost gibt? „Königskinder“ ist ein Buch voller Liebe, das gerade in unserer so politisch unruhigen und unsicheren Zeit von vielen Menschen gelesen werden sollte als Anregung zum gegenseitigen Zuhören - wie Tina ihrem Max zuhört, auch wenn sie dabei kritisch bleibt. Das Ehepaar kabbelt sich nur bei Kleinigkeiten, schreibt Capus gleich zu Beginn seines beachtenswerten Kurzromans. „Aber in den großen Dingen des Lebens – den Dingen, auf die es wirklich ankam – waren sie sich schon immer einig gewesen.“

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(29)

43 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 23 Rezensionen

"london":w=3,"arrowood - in den gassen von london":w=2,"krimi":w=1,"kriminalroman":w=1,"19. jahrhundert":w=1,"düster":w=1,"morde":w=1,"detektiv":w=1,"privatdetektiv":w=1,"historischer krimi":w=1,"unterwelt":w=1,"konkurrenz":w=1,"mordermittlung":w=1,"hist. krimi":w=1,"laster":w=1

Arrowood - In den Gassen von London

Mick Finlay , Kerstin Fricke
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei HarperCollins, 01.08.2018
ISBN 9783959671743
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Historische Kriminalromane liegen im Trend. So überrascht es nicht, dass auch der schottische Autor Mick Finlay sein Krimidebüt „Arrowood – In den Gassen von London“, auf Deutsch im August beim Verlag Harper Collins als Taschenbuch erschienen, ins Jahr 1895 verlegt. Doch Finlay hat eine nette literarische Überraschung: Seine Hauptfigur, der Privatermittler William Arrowood ist gewissermaßen der „Antiheld“ einer Epoche, in der ganz London vom berühmten Meisterdetektiv Sherlock Holmes begeistert ist, jener von Arthur Canon Doyle geschaffenen Kunstfigur.
In Finlays Krimi erzählt uns Arrowoods Assistent Norman Barnett von den Ermittlungen seines Arbeitgebers. Deutliche Parallelen zu Holmes' Freund und Mitarbeiter Dr. Watson, der dessen Erfolge in der Zeitung rühmt, sind unverkennbar. Doch während Holmes von der Öffentlichkeit gefeiert wird und von der Polizei zu schwierigsten Kriminalfällen hinzugezogen wird, muss sich William Arrowood, ein arbeitslos gewordener Zeitungsreporter, mit eher zweitklassigen Fällen abmühen und für jene Auftraggeber arbeiten, die sich einen Holmes finanziell nicht leisten können.
Zu seinem großen Ärger ist Arrowood immer wieder gezwungen, sich mit Holmes vergleichen lassen zu müssen, spricht er diesem doch jegliche Genialität ab. Im Gegenteil: Er beschuldigt Holmes sogar, oberflächlich zu arbeiten und nur zufällig zu richtigen Ergebnissen zu kommen, während er, Arrowood, der doch die Theorien Darwins verinnerlicht hat, die Psyche aller am Fall Beteiligten durchleuchtet und Indizien sorgsam abwägt. Dies wisse niemand ausreichend zu würdigen, ist Arrowood betrübt.
Auch sein aktueller Fall scheint nicht geeignet zu sein, Arrowood berühmt zu machen, obwohl der anfangs noch einfach erscheinende Auftrag, einen vermissten jungen Franzosen zu finden, im weiteren Verlauf viele Geheimnisse birgt und die Zahl der Ermordeten wächst. Die Merkwürdigkeiten häufen sich und Arrowood entfernt sich immer mehr vom eigentlichen Auftrag, dass ihn sogar sein ergebener Assistent Barnett mahnt, darauf zurückzukommen. Doch es ist zu spät: Arrowood steckt mit seinen Ermittlungen längst in den Tiefen der Londoner Unterwelt, deren Verbindungen bis in höchste Regierungskreise reichen.
Mick Finlays schriftstellerisches Debüt ist eine unterhaltsame, locker geschriebene Lektüre in klassisch-britischem Stil, voller Zeitkolorit und Humor - mit interessanten Charakteren, die gerade wegen ihrer Makel so sympathisch sind. Auch sein William Arrowood ist nicht perfekt, also genau das Gegenstück zu Sherlock Holmes: Arrowood ist keine elegante Erscheinung, sondern recht korpulent, ist nicht wie sein in der Baker Street lebender Kollege wohlhabend, sondern bewohnt, in ärmlichen Verhältnissen in schlechter Wohngegend lebend, gemeinsam mit seiner Schwester Ettie einige Zimmer hinter einem Ladengeschäft.
Natürlich löst auch Finlays „Antiheld“ schließlich seinen stellenweise unübersichtlich wirkenden Fall durch Kombinationsgabe, wenn ihm auch gelegentlich zur eigenen Überraschung Zufall oder Schicksal zu Hilfe kommen. „Nobody is perfect“ gilt eben auch für William Arrowood und seinen Assistenten, der sich sogar manchmal verprügeln lassen muss. Aber genau dies macht sie beide uns Lesern so sympathisch. Wir dürfen uns wohl schon jetzt auf einen zweiten Band freuen, denn in Großbritannien erschien dieser bereits im Februar mit dem Titel „The murder pit“.

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Was bin ich? Wie bin ich? Wozu bin ich?

Hermann Rühle
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei dielus edition, 15.08.2018
ISBN 9783981938340
Genre: Sachbücher

Rezension:

"Wer bin ich – und wenn ja, wie viele“ betitelte vor gut zehn Jahren der Philosoph und Autor Richard David Precht seinen damaligen Bestseller. Genau dieser Frage, die Philosophen von jeher und uns Normalbürger spätestens seit der Aufklärung immer wieder beschäftigt, geht auch der Augsburger Psychologe und Führungskräfte-Coach Hermann Rühle (74) in seinem Buch „Was bin ich? Wie bin ich? Wozu bin ich?“ nach, das Mitte August bei dielus edition erschien, einem jungen Leipziger Verlag für Ratgeberliteratur. Nach der Lektüre dieses 240 Seiten starken Buches sollte eine Antwort auf die Frage gefunden sein: „Bin ich, wer ich bin?“

Man könne Menschen nicht durchschauen, erklärt der Autor gleich zu Beginn, aber beobachten und sich mit Hilfe theoretischen Wissens erklären, warum sich Menschen so und nicht anders verhalten. Rühle hat also seine Mitmenschen aus verschiedenen Blickwinkeln beim beruflichen wie privaten Rollenspiel und beim bunten Treiben auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten beobachtet. „Warum hauen Männer auf den Putz und machen sich zum Affen und Frauen eher nicht?“ fragt er in lockerem, flapsigem Ton beispielsweise, lässt allerdings auch das weibliche Geschlecht als „Trophäenfrau“ und „Boxenluder“ nicht ungeschoren davonkommen. Wenn geltungshungrige Hähne mit geschwollenem Kamm auf dem Misthaufen spazieren, schauen die Hennen genau hin, denn „ist der Hahnenkamm kräftig rot gefärbt, kann sie davon ausgehen, dass der dazugehörige Kerl gesund ist“. Mit dem einfachen Satz „Der Mensch ist aus dem Urwald, aber der Urwald nicht aus dem Menschen“ bringt Rühle unser menschliches Problem auf den Punkt. Er betrachtet uns Menschen als „nackte Affen“, wie es schon vor 50 Jahren der britische Verhaltensforscher Desmond Morris in seinem gleichnamigen Bestseller eindrucksvoll tat.

Doch Hermann Rühle macht es nicht auf eine belehrende, sondern auf so humorige, leicht und locker lesbare Art, dass sein populärwissenschaftliches Buch zu lesen ein Vergnügen ist. Man spürt, dass der Autor nicht nur fachkundiger Psychiater, sondern durch seine vorangegangene Tätigkeit als Industrie-Kaufmann und seinen jetzt schon langjährigen Beruf als Coach von Führungskräften aus Industrie und Wirtschaft ein Lebenspraktiker mit breit gefächertem Erfahrungssprektrum ist.

Rühle will uns deshalb mit seinem Sachbuch auch gar nicht belehren, sondern er verhilft uns schleichend und unmerklich zur Selbsterkenntnis. Fast scheint er sich für sein Buch entschuldigen zu wollen. „In Wahrheit schreibe ich vor allem für mich selbst“, zitiert er den Schriftsteller Haruki Murakami aus dessen Buch „Von Beruf Schriftsteller“ (2016) und gibt selbst schon in seinem Vorwort vor, sein Buch eher für sich selbst geschrieben zu haben. Sollten wir uns also bei unserer Lektüre hin- und wieder ertappt fühlen, scheint dies vom Autor gar nicht gewollt. Oder etwa doch? Spricht er uns doch in den Überschriften zu den neun Kapiteln direkt an und fragt uns abschließend: „Haben Sie Ihre Identität gefunden?“

Jedem Abschnitt folgen eine Liste mit den wichtigsten Kernfragen sowie einige freie Zeilen für eigene Notizen zum jeweiligen Thema. Rühles Buch ist also nicht nur eine interessante, zudem noch recht unterhaltsame Lektüre, sondern zugleich ein Instrument zur Selbsterkundung. Durch diese Selbsterkenntnis soll der Leser an Selbstsicherheit und Durchsetzungsvermögen gewinnen (verspricht zumindest der Klappentext). Ob dies am Ende gelingt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber auch unabhängig davon ist Rühles Buch gute Unterhaltung, bei der man - die Fähigkeit zur kritischen Selbsterkenntnis vorausgesetzt - gelegentlich sogar über sich selbst schmunzeln darf.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(10)

19 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 9 Rezensionen

"niederlande":w=1,"lettland":w=1,"familienbiofrafie":w=1

Der Stammhalter

Alexander Münninghoff , Andreas Ecke
Fester Einband: 334 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 10.12.2018
ISBN 9783406727320
Genre: Biografien

Rezension:

Eine solche Familiengeschichte kann sich ein Autor fiktiver Romane kaum ausdenken; das muss man einfach erlebt haben: Auf eine Zeitspanne von hundert Jahren oder drei Generationen blickt der niederländische, 1944 noch in Posen geborene Journalist und Autor Alexander Münninghoff (74) in seiner Autobiografie „Der Stammhalter“ zurück, deren holländisches Original (2015) zweifach prämiert wurde, in den Niederlanden gerade als zehnteilige TV-Serie verfilmt wird und im Juli beim C.H. Beck-Verlag in deutscher Übersetzung erschien. Es ist eine abenteuerliche Familiensaga über den teils historisch bedingten, größtenteils aber selbst verschuldeten Niedergang seiner einst wohlhabenden Industriellenfamilie.
Mitten im Ersten Weltkrieg baut sich Großvater Joannes Münninghoff als Niederländer im lettischen Riga ein mächtiges Industrie-Imperium, wozu vermutlich auch der Waffenhandel gehört, sowie ein weit verzweigtes Netzwerk in den deutsch-baltischen Adel auf. Mit Ehefrau Erica, einer russischen Gräfin, führt er in den Jahren zwischen den Kriegen ein entsprechend mondänes Leben auf eigenem Gutshof. Erst durch die sowjetische Okkupation verliert die Familie alles und muss in die Niederlande zurückkehren. Joan ist es in diesen Jahren nicht gelungen, seinen Erstgeborenen Frans zu einem echten Niederländer zu machen, um ihn zum Stammhalter seines in den Niederlanden neu geschaffenen Imperiums zu machen, das er sich dank seiner alten Verbindungen in höchste katholische und politische Gesellschaftskreise sowie nicht immer mit legalen Mitteln aufbauen konnte.
Denn Frans Münninghoff fühlt sich trotz niederländischer Staatsangehörigkeit als echter Deutscher, bedingt durch seine Jugend im deutsch-baltischen Adel. Er tritt als der Waffen-SS bei, kämpft an der Ostfront und heiratet gegen den ausdrücklichen Willen seines Vaters eine Deutsche. Da Frans demnach nicht zum Erben taugt, sieht Joan bald seinen Enkel Alexander als Stammhalter. Doch seine Mutter, inzwischen von Frans geschieden, flieht mit ihrem kleinen Sohn nach Deutschland zu ihrer Mutter. Allerdings lässt ihn sein Großvater in die Niederlande entführen, wo der „Stammhalter“ zunächst beim Vater Frans aufwächst.
Alexander Münninghoff beschreibt einerseits spannend, andererseits sachlich den Niedergang seiner Familie, die durch familiäre Verbindungen nach Dänemark, Russland und in den deutsch-baltischen Adels und nach Wohlstandsleben in Lettland nun in den wirren Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg erfolglos versucht, in den Niederlanden neue Wurzeln zu schlagen. Aber gerade diese Wurzellosigkeit des Autors, der zudem fern der leiblichen Mutter und ungeliebt vom Vater von Kindesbeinen an auf sich allein gestellt ist, macht es ihm wohl möglich, mit erstaunlichem Abstand und völlig unaufgeregt, gelegentlich sogar mit humoristischem oder satirischem Unterton, den Lebensweg seiner beiden Vorfahren und ihres familiären Umfeldes wie fremde Personen in den geschichtlichen Turbulenzen des 20. Jahrhunderts zu beschreiben. Vieles ist von ihm selbst beobachtet, vieles aus Briefen angelesen, manches von Angehörigen zugetragen. Münninghoff lässt die Leser seiner Autobiographie nachempfinden, wie sich seine Familie spätestens nach dem Tod ihres Patriarchen, seines Großvaters, allmählich auflöst und die in einst besseren Zeiten noch eingeschworene Gemeinschaft zerfällt.
Nicht immer ist es als unbeteiligter Leser einfach, dem Geschehen in jeder Konsequenz zu folgen und alle Ereignisse in ihren chronologischen oder causalen Zusammenhang zu stellen, da Münninghoff allzu viele Nebenfiguren – entfernte Verwandte und Freunde, Schul- oder Kriegskameraden – in seine Familiengeschichte einbezieht. Manche Fakten, die für seine eigene Biografie und die seiner Familie wichtig sein mögen, sind für uns unbeteiligte Leser verzichtbar. Der Spannungsbogen wäre dichter gewesen, hätte der Autor auf solche Abschweifungen verzichtet. Davon abgesehen, ist „Der Stammhalter“ eine lesenswerte Autobiographie und Familiengeschichte auch für deutsche Leser, zumal vor allem das politische Verhältnis in den Nachkriegsjahren zwischen den Niederlanden und Belgien auf der einen und Deutschland als einstige Besatzungsmacht auf der anderen Seite treffend geschildert wird.

  (2)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(38)

65 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 24 Rezensionen

"argentinien":w=3,"brasilien":w=2,"josef mengele":w=2,"peron":w=2,"nationalsozialismus":w=1,"hist. roman":w=1,"mossad":w=1,"adolf eichmann":w=1,"ns-verbrechen":w=1,"konzentrationslager auschwitz":w=1,"evita":w=1,"adenauer-ära":w=1,"lagerarzt":w=1,"simon wiesenthal":w=1,"mörder auf der flucht":w=1

Das Verschwinden des Josef Mengele

Olivier Guez , Nicola Denis
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 10.08.2018
ISBN 9783351037284
Genre: Romane

Rezension:

„Nur mit der Form des Romans konnte ich dem makabren Leben des Nazi-Arztes möglichst nahekommen“, schreibt der französische Journalist und Schriftsteller Olivier Guez (44) im Quellennachweis seines 2017 in Frankreich mit dem Prix Renaudot prämierten Romans „Das Verschwinden des Josef Mengele“, der jetzt im August beim Aufbau-Verlag erschien. Nur so gelingt es Guez, der sich als Co-Autor des Drehbuches zum Spielfilm „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (2015) schon Jahre zuvor intensiv mit der strafrechtlichen Verfolgung der nach dem Krieg außer Landes geflohenen Nazi-Kriegsverbrecher und Auschwitz-Mörder beschäftigt hatte, in diesem Buch nicht nur die abstrakte Figur deutscher Geschichte und den „Todesengel von Auschwitz“ zu beschreiben, sondern Josef Mengele (1911-1979) auch als Menschen zwischen Todesangst und Arroganz während seines 35 Jahre dauernden erbärmlichen Lebens in lateinamerikanischen Verstecken zu zeigen.
Anhand unzähliger Quellen schildert Guez sehr anschaulich die ersten Jahre Mengeles in Argentinien unter dem Schutz eines Zirkels ebenfalls geflohener Nazi-Größen, die sich bereits dem autokratischen Perón-Regime angedient haben. Mengele führt ein sorgenfreies Leben, ist doch die Bundesrepublik mehr mit dem Neuaufbau als mit internationaler Kriegsverbrecherjagd befasst. Dies ändert sich erst, als der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer Anfang der Sechziger zur Jagd auf die Kriegsverbrecher bläst und die Auschwitz-Prozesse stattfinden.
Im Roman begleiten wir Mengele in den nun folgenden Jahren des Versteckens, seines totalen Angewiesenseins auf Helfer. Wir erleben fast in der Art eines Tagebuchs seine ständige Angst vor Verrat, sein Heimweh nach Günzburg, gleichzeitig aber auch sein reueloses geistiges Verharren in der Nazi-Ideologie. Während um Mengele herum eine neue Welt entsteht, seine Nazi-Kameraden sich nach und nach den veränderten politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen anpassen und ein bürgerliches Leben führen, preist Mengele unverbrüchlich die Rassenideologie Adolf Hitlers, den er noch immer als „größten Deutschen“ verehrt.
Guez ist mit seinem Roman etwas Neues gelungen: Während wir Nachgeborenen Josef Mengele als abstrakte Person aus historisch-wissenschaftlicher Literatur kennen, präsentiert uns der Autor den „Todesengel von Auschwitz“ als Menschen mit Eigenschaften und Gefühlen, einen Menschen zwischen Ehrgeiz und krankhaftem Wahn, von dem sich zuletzt auch die eigene Familie lossagt. Seine 1985 entdeckten Gebeine überlässt sie der brasilianischen Forensik zur Forschung – ausgerechnet die Gebeine jenes skrupellosen und ehrgeizigen Mediziners, der mehr als 70 Jahre zuvor an lebenden und ermordeten Opfern eigenhändig wissenschaftliche Experimente vorgenommen hatte.
So spannend sich der Roman auf seinen 224 Seiten auch liest, so interessant die auf unzähligen Fakten aufgebaute Handlung auch geschrieben ist, dürfen wir beim Lesen trotzdem nicht vergessen: Das Buch ist nur ein Roman! Genau darin aber steckt die Gefahr: Der Autor überlässt allein uns, zwischen Fakten und Fiktion unterscheiden zu müssen. Aber wer von uns Lesern, wenn nicht ausdrücklich fachlich gebildet, ist dazu wirklich in der Lage?

  (1)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(34)

48 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 28 Rezensionen

"thriller":w=2,"band 2":w=1,"thriller-roman":w=1,"fortstzung":w=1

Der Bote

Ingar Johnsrud , Daniela Stilzebach
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 14.05.2018
ISBN 9783764505882
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nach Erscheinen des ersten Bandes („Der Hirte“, Verlag Blanvalet, 2017) seiner Thriller-Trilogie um den Osloer Hauptkommissar Fredrik Beier und dessen Kollegin Kafa Iqbal wurde der norwegische Autor Ingar Johnsrud (44) in Deutschland von Kritikern prompt als neuer Stern am skandinavischen Thriller-Himmel und sogar als Nachfolger von Stieg Larsson oder Henning Mankell gerühmt. Ich mochte damals diesem Urteil nicht folgen, zu verwirrend war mir die Handlung, zu klischeehaft die Charaktere. Im Mai erschien nun „Der Bote“ als zweiter Band, der eineinhalb Jahre nach dem „Hirten“ in Oslo spielt, sich aber trotz vereinzelter Rückblicke durchaus ohne Vorkenntnisse als in sich abgeschlossener Thriller lesen lässt. Diesen „Boten“ fand ich etwas besser, zumal er gleich zwei Genres in einem Band vereint – das des Psychothrillers und des Politthrillers.
In einer Osloer Villa wird die Leiche eines kürzlich verstorbenen Mannes gefunden. Der Tote wird identifiziert, sollte allerdings nach amtlichen Angaben schon vor 20 Jahren bei einem Militäreinsatz umgekommen sein. Kurz darauf wird in einem Abwasserschacht am anderen Ende der Stadt die Leiche eines Mannes entdeckt, die schwere Folterspuren aufweist. Die Ermittlungsarbeit von Hauptkommissar Fredrik Beier wird aus unerklärlichen Gründen behindert, Akten werden gesperrt, Beweismittel verschwinden. Natürlich mischt der Geheimdienst heimlich im Hintergrund mit.
Wie schon im „Hirten“ verbindet Ingar Johnsrud auch im „Boten“ wieder die aktuellen Geschehnisse mit Ereignissen aus der Vergangenheit. Diesmal ist die geheime Militäraktion der Norweger im Jahr 1992 auf der russischen Halbinsel Kola Anlass für die aktuelle Mordserie. Immer im Wechsel zwischen heute und damals bringt uns Johnsrud kapitelweise die einzelnen Charaktere näher und hilft uns, deren Handeln mehr und mehr zu verstehen.
Schien mir der „Hirte“ noch allzu verwirrend, ist die Geschichte im „Boten“ übersichtlicher strukturiert und lässt sich leichter nachvollziehen. Allerdings ist auch dieser Thriller kein Buch, das sich beiläufig lesen lässt. Nur bei intensiver Lektüre kann man die Atmosphäre besser in sich aufnehmen, lassen sich die Handlung, die Zusammenhänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie die Charaktere und deren Handeln besser verstehen.
„Der Bote“ ist zweifellos ein spannender Thriller, die in sich verschachtelte Handlung konsequent und logisch aufgebaut. Aber Ingar Johnsrud gleich als neuen Stern am skandinavischen Thriller-Himmel zu bezeichnen, erscheint mir dann doch zu gewagt, denn seine Trilogie ist nach allzu bekanntem Muster „gestrickt“: Die Stimmung ist wie bei anderen nordischen Autoren natürlich düster und eisig wie das skandinavische Winterwetter. Nicht nur die Verdächtigen sind Psychopathen, sondern auch sein Hauptkommissar Fredrik Beier und dessen Kollegin Kafa Iqbar. Überall kaputte Typen und kaputte Familien, wo man hinschaut. Gibt es keine normalen Menschen mehr auf unserer Welt? Diese und andere wiederkehrende Klischees machen Johnsruds Thriller leider austauschbar. Man muss schon ein ausgesprochener Thriller-Fan sein, um vom „Boten“ über die Maßen begeistert zu sein. Solche Fans dürfen sich dann auf den dritten Band der Trilogie freuen, der in Norwegen kürzlich erschienen und auf Deutsch wohl im Frühsommer 2019 bei Blanvalet zu erwarten ist.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(20)

35 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 18 Rezensionen

"krimi":w=4,"usa":w=2,"klassiker":w=2,"orchideen":w=2,"mord":w=1,"reihe":w=1,"amerika":w=1,"serie":w=1,"reise":w=1,"detektiv":w=1,"fortsetzung":w=1,"privatdetektiv":w=1,"band 3":w=1,"historischer krimi":w=1,"grillen":w=1

Der rote Stier

Rex Stout , Conny Lösch , Jürgen Dollase
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 21.04.2018
ISBN 9783608981124
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Vielleicht nicht unbedingt auf gleichem Niveau wie „Es klingelte an der Tür“ (März 2017) oder „Zu viele Köche“ (November 2017), aber voller Geist und Witz immer noch um Längen besser als die bluttriefenden Psychothriller heutiger Zeit ist der schon vor 80 Jahren erstmals erschienene, im April bei Klett-Cotta nun als dritter Band der Neuausgabe veröffentlichte Krimi „Der rote Stier“ des amerikanischen Bestseller-Autors Rex Stout (1886-1975). Obwohl Stout eher als politischer Schriftsteller bekannt ist, der seine vielschichtige Kritik an Staat und Gesellschaft in spannende Kriminalfälle um den Orchideen züchtenden Meisterdetektiv Nero Wolfe verpackte, geht es diesmal eher um gutes, vielleicht auch nicht so gutes Essen. Aber auch darin ist übergewichtige Nero Wolfe, der üblicherweise sein Haus nicht verlässt, dafür seinen „Laufburschen“ Archie Goodwin hat, ein Meister auch dieses Faches.
Diesmal hat Nero Wolfe ganz gegen seine Gewohnheit sein Apartement verlassen, um einige seiner seltenen und selbst gezüchteten Orchideen auf einer landwirtschaftlichen Ausstellung zu präsentieren. Auf der Hinfahrt baut sein junger Assistent und Chauffeur Archie einen Unfall, was beide zu unfreiwilligem Aufenthalt im Landhaus von Thomas Pratt zwingt, dem Eigentümer einer ersten US-Fast-Food-Kette. Pratt hat gerade den berühmtesten Zuchtbullen der USA überteuert gekauft, um ihn auf einer Galaparty seinen VIP-Gästen werbewirksam als Beefsteak zu servieren. Doch in derselben Nacht findet man eine Leiche in der Koppel, angeblich das Opfer des Bullen, doch Wolfe ahnt schon einen Mordfall. Während Wolfe's Ermittlungen, mit denen er vom Vater des Opfers beauftragt wird, verendet der Bulle überraschend an Milzbrand und sein Kadaver wird sofort verbrannt. Am anderen Tag findet man auf dem Ausstellungsgelände eine weitere Leiche unter Stroh versteckt.
Die Aufklärungsarbeit gestaltet sich schwierig für den Meisterdetektiv: Immer, wenn er ein Indiz für die von ihm geheim gehaltene Theorie gefunden zu haben glaubt, kommt ihm das Beweismittel abhanden. Aber wie soll er den Täter ohne Beweismittel entlarven? Schließlich greift Nero Wolfe zu einem überraschenden Bluff – natürlich mit erhofftem Erfolg.
Sein Assistent Archie Goodwin erzählt uns diese Geschichte wieder auf die ihm eigene humorvolle, oft witzige Art. Obwohl er absolut loyal zu seinem Chef steht, nimmt er sogar Wolfe nicht immer ganz ernst, mokiert sich über dessen Marotten, lästert aber auch über die anderen Personen wie über sich selbst und springt nicht einmal mit seiner neuen Freundin allzu charmant um, wie es sich heute kein Mann mehr erlauben dürfte.
Diese Erzählweise lässt den Krimi locker erscheinen, obwohl doch eine Menge Politik- und Sozialkritik in ihm steckt. Da ist zunächst der Spott über die für Außenstehende albern erscheinenden Übertreibungen der [amerikanischen] Viehzüchter mit ihrem kultigen Verhalten, das dem einer Sekte fast ähnelt. Zudem kritisiert der Autor vehement die in den USA aufkommende Fast-Food-Versorgung, wenige Jahre bevor die erste McDonald-Filiale eröffnet wird, wobei Stout schon 1938 den damaligen Hamburger-Produzenten zutraut, alles Mögliche in ihre Frikadellen reinzupacken, nur nicht gutes Fleisch. Etwas politisch wird Stout dann doch noch, wenn er die unprofessionelle Arbeit der Polizei karikiert oder Archie Goodwin bei dessen Kurzaufenthalt in der Gefängniszelle spontan eine Gefangenen-Gewerkschaft zur Verbesserung der Verhältnisse in amerikanischen Gefängnissen gründen lässt.
Zwar sind alle Krimis von Rex Stout natürlich Fiktion, aber in allen Romanen zeigt er auf bestimmte Missstände, so auch im „roten Stier“. Allerdings: Diesem Krimi merkt man sein Alter an. Denn in den nachfolgenden 80 Jahren hat sich dann doch einiges in Staat und Gesellschaft verändert – auch in den USA. Sogar zum Guten. Aber besser als viele heutige Krimis ist Rex Stouts lesenswerter Roman von 1938 in zeitgemäßer Neuübersetzung allemal.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(15)

21 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 12 Rezensionen

"paris":w=4,"krimi":w=3,"mord":w=1,"frankreich":w=1,"historisch":w=1,"spionage":w=1,"historischer krimi":w=1,"18. jahrhundert":w=1,"ermitteln":w=1,"versailles":w=1,"madame de pompadour":w=1,"hofintrigen":w=1,"louis xv":w=1,"historische krimi":w=1,"chatelet":w=1

Commissaire Le Floch und der Brunnen der Toten

Jean-François Parot , Michael Killisch-Horn
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Blessing, 19.03.2018
ISBN 9783896675729
Genre: Historische Romane

Rezension:

Die französische, 13-bändige Krimireihe um den jungen Commissaire Nicolas Le Floch, der im Paris des Jahres 1761 zur Zeit Ludwigs XV. und der beginnenden Aufklärung geheimnisvolle Morde aufzudecken hat, sei „ein literarischer Genuss“, schrieb ich im Herbst 2017 über den mit 20-jähriger Verzögerung erstmals auf Deutsch veröffentlichten Band „Commissaire Le Floch & und das Geheimnis der Weißmäntel“ des im Mai verstorbenen französischen Schriftstellers Jean-François Parot (1946–2018). Mein Fazit damals: „Le Floch macht süchtig!“ Nach Lektüre dieses zweiten Bandes „Commissaire Le Floch & der Brunnen der Toten“, im März wieder im Blessing-Verlag erschienen, kann ich mein damaliges Urteil mit bestem Gewissen bestätigen.
Wieder soll der junge Commissaire Nicolas Le Floch im Auftrag des Pariser Polizeipräfekten Sartine einen überaus heiklen Fall klären: Der Sohn des Grafen de Ruissec wurde in seinem Zimmer tot aufgefunden. Offensichtlich war es Selbstmord. Doch Le Floch kommen anhand einiger Indizien erste Zweifel. Während der Graf dennoch vom Selbstmord seines Sohnes ausgeht, scheint die Mutter anderer Meinung zu sein. Sie bittet den Commissaire um ein heimliches Treffen in einem Pariser Kloster. Doch dazu kommt es nicht mehr: Le Floch findet die Gräfin in der Kirche ermordet im „Brunnen der Toten“.
Wie schon im ersten Fall „stolpert“ Le Floch geradezu während seiner Ermittlungsarbeit über weitere Leichen. Was wie einem vermeintlichen Selbstmord begonnen hatte, der sich bald tatsächlich als Mord erwies, weitet sich im Laufe der Ermittlungen zu einem komplizierten, mehrmals verwobenen politischen Komplott und Intrigenspiel aus - bis hinein ins Schloss Versailles, wo der bei einigen politischen Gruppen verhasste König Ludwig XV. residiert. Auch des Königs bislang favorisierte Mätresse, die Madame de Pompadour, mischt dabei mit, da sie ihre Position am Hof gefährdet sieht.
Das Faszinierende an Jean-François Parots wirklich lesenswerter Krimireihe ist die fast dokumentarische Beschreibung des ausgehenden 18. Jahrhunderts in Paris: Nicht nur einige seiner handelnden Personen - vom Polizeichef Antoine de Sartine über den Henker Charles Henri Sanson bis zu Madame de Pompadour und König Ludwig XV. - lebten damals wirklich. Auch die Örtlichkeiten im historischen Paris, das Alltagsleben der verschiedenen Gesellschaftsschichten ist dokumentarisch bis in Einzelheiten genau, aber dennoch unaufdringlich, fast beiläufig geschildert. Jean-François Parots Detailkenntnis verwundert nicht, war er doch nicht nur Schriftsteller, sondern auch ein auf das 18. Jahrhundert spezialisierter Historiker.
Nicht nur das gesellschaftliche und politische Umfeld ist auch in diesem zweiten Band wieder so überaus lebendig erzählt, dass man beim Lesen sogar Historisches lernen kann. Auch des Parots Formulierungskunst, wie man sie in modernen Romanen kaum noch findet, und die den unterschiedlichen Charakteren vom adligen Höfling bis zur Bordellchefin angepasste Ausdrucksform (ein erneutes Lob dem Übersetzer Michael von Killisch-Horn!) geben uns Lesern das richtige Empfinden für eine längst vergangene Zeit. Nichts in diesen Romanen wirkt ausgedacht, alles scheint so wirklichkeitsecht. Wem diese ersten zwei Bände gefallen haben, darf sich schon bis Ende Oktober auf den dritten Band „Commissaire Le Floch & das Phantom der Rue Royale“ freuen. Allen anderen empfehle ich, bis Oktober diese ersten zwei Bände unbedingt gelesen zu haben.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(59)

67 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 54 Rezensionen

"schweden":w=3,"politik":w=1,"biographie":w=1,"gesellschaftskritik":w=1,"zeitgeschichte":w=1,"debüt":w=1,"kommunismus":w=1,"arbeiter":w=1,"mankell":w=1,"sozialdemokratie":w=1,"arbeiterschicht":w=1,"arbeiterleben":w=1

Der Sprengmeister

Henning Mankell , Verena Reichel , Annika Ernst
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 23.07.2018
ISBN 9783552059016
Genre: Romane

Rezension:

Wer von Bestseller-Autor Henning Mankell (1948-2015) nur die Wallander-Krimis kennt, durch die der schwedische Schriftsteller in den Neunziger Jahren international bekannt wurde, wird bei Lektüre seines 1973 veröffentlichten Debütromans „Der Sprengmeister“, der vor wenigen Tagen im Paul Zsolnay Verlag erstmals auf Deutsch erschienen ist, sicherlich seine Probleme haben. Sogar erfahrene Mankell-Leser, die noch andere Romane von ihm kennen, dürften staunen: „Der Sprengmeister“ ist ganz anders!
Es ist auf 192 Seiten die Lebensgeschichte eines fiktiven schwedischen Sprengmeisters Oskar Johannes Johansson (1888-1969), die Geschichte eines einfachen Mannes, „der in die Luft flog, aber irgendwie davonkam“. Wie durch ein Wunder hatte Oskar eine Sprengung in unmittelbarer Nähe schwerstverletzt überlebt. Ein ganzes Jahr brauchte er zur Genesung, dann arbeitete er als Sprengmeister weiter.
Wir lernen Oskar erst in seinen Jahren als Rentner kennen, im Winter allein in der Stadt lebend, im Sommerhalbjahr einsam in einer winzigen Hütte auf einer kleinen Insel, wo ihn der Erzähler gelegentlich besucht. Durch wortkarge Dialoge und kurze Erinnerungssplitter erfahren wir aus Oskars ärmlichem Arbeiterleben, ahnen seine unerfüllten Träume. Die Weltgeschichte schreitet fort, er kann sie nicht ändern. Als junger Arbeiter wartete er noch auf die Revolution, um die Rechte des Proletariats zu stärken. Die Revolution blieb aus. Oskars politische Einstellung schwankt zwischen Kommunismus und Sozialismus. Er ist ein ungebildet, aber interessiert. Selbst als 80-Jähriger hört er im Radio noch den Schulfunk.
Oskar war Arbeiter. „Wie sein Vater. Wie sein Großvater. Sie waren Kanalbauer, Schleusenwärter, Latrinenarbeiter und Sprengmeister. [Großvater] Johannes, der Vater und Oskar.“ Geliebt hatte er Elly. Doch sie verließ ihn, von einem anderen geschwängert, während Oskar nach dem Unfall im Krankenhaus lag. Von ihr träumt er noch immer. Geheiratet hat er ihre Schwester. Mit Elvira wurde er glücklich. Der Sohn betreibt einen Waschsalon, nennt sich Direktor. Das gefällt Oskar nicht.
„Der Sprengmeister“ ist keine chronologisch erzählte Geschichte, sondern eine Sammlung kurzer, in der Zeit ihrer Handlung wechselnder Absätze, die sich der Leser wie bunte Puzzle-Steine selbst zu einem Lebensmosaik zusammensetzen muss. „Die Erzählung wird anekdotisch, besteht aus Fragmenten“, heißt es im Text. „Aber in der Wirklichkeit hängen die Dinge zusammen.“ Der Leser muss sich konzentrieren – und seiner Phantasie Raum geben, denn „unter der Oberfläche liegt die Geschichte“, ähnlich einem Eisberg, wie ein Kapitel überschrieben ist. „Die Erzählung bildet Oskars Einsilbigkeit ab, mit Rissen und Lücken.“
Seinen „Sprengmeister“ schrieb Mankell 1972 als 24-Jähriger. Damals war er in der 68er-Bewegung aktiv und protestierte gegen den Vietnam-Krieg, den portugiesischen Kolonialkrieg in Afrika und das Apartheid-Regime in Südafrika. Er wollte die Welt verbessern und begann als politischer Schriftsteller, der er bis ins Alter blieb. Auch 25 Jahre nach Erscheinen seines Romans habe er nichts ändern müssen, schrieb Mankell 1997 im Nachwort. „Der Sprengmeister“ ist gewiss kein leicht lesbarer Roman. Aber dank der deutschen Ausgabe erst drei Jahre nach Mankells Tod, wirkt ausgerechnet dieses Debüt wie sein politisches Testament oder Manifest.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(20)

42 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 16 Rezensionen

"armut":w=1,"medizin":w=1,"nachkriegszeit":w=1,"metzenthin":w=1,"medizinische versorgung":w=1

Die Stimmlosen

Melanie Metzenthin
Flexibler Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Tinte & Feder, 17.07.2018
ISBN 9782919801343
Genre: Historische Romane

Rezension:

„Historisch interessant, packend und berührend, zugleich trotz der Dramatik der beschriebenen Jahre immer wieder erfrischend und hoffnungsfroh stimmend“, schrieb ich über das mit über 40.000 verkauften Exemplaren erfolgreiche Buch „Im Lautlosen“ (2017) von Melanie Metzenthin (49), bekannt als Autorin einiger im Mittelalter spielender Romane und Ärztin in Hamburg. Diesen Satz wiederhole ich auch gern für den jetzt im Juli ebenfalls im Amazon-Verlag Tinte & Feder erschienenen zweiten Band „Die Stimmlosen“.
Hatte Metzenthin im ersten Band das Leben des jungen Arztehepaares Richard und Paula Hellmer in Hamburg während der Nazi-Diktatur lebensnah und anschaulich geschildert, beschreibt sie nun deren Alltagsleben in den ersten Nachkriegsjahren. Der Krieg ist vorbei, die Hansestadt liegt in Trümmern. Leben andere mangels Wohnraum auf der Straße, geht es Richard und Paula noch gut: Mit der Großfamilie und Freund Fritz bewohnen sie zu elft die sechs Zimmer des unzerstört gebliebenen Elternhauses. Lebensmittel gibt es nur auf Bezugsschein, doch die Läden bleiben oft leer. Im Kältewinter 1946/1947 fehlt es an warmer Kleidung, so dass viele Menschen in ihren Notunterkünften oder direkt auf der Straße erfrieren. Aber es fallen keine Bomben mehr und die Nazi-Herrschaft ist vorbei. So kann es eigentlich nur besser werden – hoffen Richard und Paula.
Doch Richard, der im Dritten Reich als Psychiater immer wieder gegen das Regime gearbeitet und damit sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte, um behinderte Menschen vor dem angeordneten Vernichtungstod zu retten, muss erschreckend feststellen, dass die alten Nazi-Seilschaften unter Juristen und Ärzten sich trotz britischer Besetzung nahtlos in die neuen Machtstrukturen eingegliedert haben. In einem Prozess gegen seinen früheren Chefarzt Krüger, der während des Nazi-Regimes leicht behinderte Kinder hat sterilisieren und 22 stark behinderte als „unwertes Leben“ bewusst in den Tod geschickt hatte, sagt Richard, der solche Kinder durch gefälschte Atteste hatte retten wollen, jetzt als Zeuge der Anklage aus, sieht sich aber unerwartet zur eigenen Rechtfertigung gezwungen.
Wie schon im ersten Band zeichnet Metzenthin auch in „Die Stimmlosen“ – gemeint sind die Rechtschaffenen und unter den Nazis Entrechteten, die auch in der Nachkriegszeit kein Stimmrecht haben – ein anhand historischer Ereignisse, Dokumentationen und Augenzeugenberichten sachlich korrekt recherchiertes, dennoch locker geschriebenes, dadurch auch für Nachgeborene leicht verständliches Nachkriegsporträt über Menschlichkeit, Versöhnung und Nächstenliebe, über das alltägliche Leben in Trümmern, über die Alltagssorgen unserer Eltern und Großeltern – bis zum Einsetzen des Wirtschaftswunders in den 1950er Jahren. In Sprache und lebendigen Dialogen trifft Metzenthin den richtigen Ton, der ihre Geschichte so authentisch erscheinen lässt.
Etwas zu langatmig und melodramatisch wirken nur die langen Passagen um die tot geglaubte, dann doch nach 30 Jahren unerwartet wieder auftretenden britischen Mutter von Richards Freund Fritz. Diese Mutter scheint eher als dramaturgisches Mittel eingefügt zu sein, lässt deshalb die sonst durch Wirklichkeitsnähe überzeugende Handlung in diesem Punkt etwas märchenhaft erscheinen. Die Autorin hätte besser getan, darauf zu verzichten.
Dennoch ist der Roman „Die Stimmlosen“ absolut lesenswert und für die heutige Generation der Enkel zu empfehlen: Es wird der normale Alltag der Nachkriegsjahre in seinen oft scheinbar unwichtigen, zu jener Zeit aber lebensbestimmenden Kleinigkeiten beschrieben, wie es kein Schulunterricht zu vermitteln vermag. Auch die Schilderung alter Nazi-Seilschaften in der Nachkriegszeit vor 70 Jahren ist beachtenswert, hat sich doch Vergleichbares nur 40 Jahre später, also zu unserer Zeit, nach Zusammenbruch der DDR im Fall der Stasi-Seilschaften wiederholt.

  (0)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(5)

12 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

Den Himmel finden

Erri De Luca , Annette Kopetzki
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 11.05.2018
ISBN 9783471351710
Genre: Romane

Rezension:

War Jesus ein Mensch, also ein normaler Mann mittleren Alters? Oder war er der Sohn Gottes? In seiner ungewöhnlichen, überaus tiefsinnigen und in der Sprache poetischen Erzählung „Den Himmel finden“, erschienen im Mai beim List-Verlag, versucht der italienische Schriftsteller Erri de Luca (68) die Antwort zu finden. Auf knapp 200 Seiten lässt uns der Autor seinen Protagonisten, einen namenlosen Bildhauer und Restaurator aus einem ebenso unbedeutenden Bergdorf, seine erstaunliche Geschichte erzählen.

Nach einem Streit mit seinen Freunden, mit denen er hilflosen Flüchtlingen auf unbekannten Bergpfaden über die Grenze geholfen hatte, verlässt der Erzähler sein Heimatdorf und sucht sich anderenorts Aufträge als Restaurator. Eines Tages erhält er von einem Priester die ungewöhnliche Aufgabe, eine lebensgroße Marmorstatue des gekreuzigten Jesus zu „entkleiden“. Der einstige Bildhauer hatte seine Skulptur nach eigenem Körper lebensecht geformt. Später war aber das Geschlechtsteil, die männliche „Natur“, wie es in der Erzählung heißt, schamvoll mit neuem Marmor überdeckt worden. Jetzt, nach Jahrzehnten der Verhüllung, soll der Penis des Gekreuzigten wieder freigelegt werden. Der Erzähler scheut sich zunächst vor dieser Arbeit, nimmt sich aber, nachdem auch der Bischof seine Zustimmung gegeben hat, dieses ehrenvollen Auftrags an.

Der Restaurator geht der Geschichte dieser Skulptur nach, sichtet alte Dokumente und findet sogar Bilder der nackten Statue. Darauf entdeckt er, dass der Penis des Gekreuzigten leicht erigiert war, wie es in den Minuten vor dem Tod durch Blutstauung ganz natürlich ist. So beschließt der Restaurator, Jesus nicht als theologische „Kultfigur“, sondern als leibhaftigen, lebensechten Mann darzustellen, zumal der ursprüngliche Bildhauer dies ebenso getan hatte, wie der Restaurator bei weiterer Untersuchung der Skulptur feststellt. Um seinen Auftrag perfekt ausführen zu können, beschäftigt sich der eher ungläubige Restaurator jetzt intensiv mit der Person des Gekreuzigten. Er fragt nicht nur den Priester nach Jesus aus, sondern auch einen Rabbiner und einen Moslem, die Jesus nicht als Gottes Sohn, wohl aber als Propheten kennen.

Während seiner intensiven Arbeit findet unser naturverbundener Restaurator, der nie zuvor sein Bergdorf verlassen hatte, zum wahren, zum natürlichen Glauben, zum Urchristentum. Für ihn sind christliche Tugenden wie Liebe und Barmherzigkeit selbstverständliche Eigenschaften eines reinen, unverdorbenen Menschen, der unser Restaurator zeitlebens war. Statt wie seine Freunde von den Flüchtlingen Geld zu nehmen, war für ihn diese Hilfe ein Akt der Barmherzigkeit. Während andere, vom Priester zuvor befragte Restauratoren im Auftrag der „Entkleidung“ eine Möglichkeit zur Steigerung eigenen Ansehens und Bekanntheitsgrades gesehen hatten, will unser Erzähler aus Ehrfurcht eher auf diesen Auftrag verzichten. Es geht ihm nicht um Prestige und schnöden Mammon.

Manche Kritiker von Erri de Luca halten seine Bücher wegen ihrer Bibelnähe für „theologischen Kitsch“. Dennoch zählt er zu den auflagenstärksten und preisgekrönzen Autoren Italiens. Auch sein Kurzroman „Den Himmel finden“ beschäftigt sich mit der Bibel und ist wahrlich keine Unterhaltungslektüre. Das Buch wird nicht jedem Leser gleichermaßen gefallen. Es kommt beim Lesen auf die eigene Offenheit für theologische Fragen an. Wer sich dafür interessiert, der wird an diesem Kurzroman seine Freude haben – schon allein wegen der poetischen, einfühlsamen Erzählung, wie der namenlose Restaurator während seiner Arbeit die Gefühle und Schmerzen jenes Mannes bei seiner Kreuzigung und dessen Wandel vom Mann zum anbetungswürdigen Heiligen nachzuempfinden versucht.

  (0)
Tags:  
 
167 Ergebnisse

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist! Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach!

Hol dir mehr von LovelyBooks

Mit der Verwendung von LovelyBooks erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir und unsere Partner Cookies zu Zwecken wie der Personalisierung von Inhalten und für Werbung einsetzen.