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The John Lennon Letters: Erinnerungen in Briefen

John Lennon , Hunter Davies
E-Buch Text: 416 Seiten
Erschienen bei Piper ebooks, 06.12.2012
ISBN 9783492961363
Genre: Sonstiges

Rezension:

Biografien über John Lennon gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Doch dieser Klotz an Buch lässt die meisten Bücher weit hinter sich.
Natürlich handelt es sich hier nicht um eine Biografie im klassischen Sinne. Es ist vielmehr eine unglaublich sorgfältig und liebevoll edierte Sammlung von Briefen. Aber auch Postkarten an Freunde und Feinde, Notizen an Bandkollegen und Konkurrenten, Karikaturen und Zeichnungen, Liebesbriefe an seine Frauen und Gedanken über sich selbst und sein Leben finden sich darin.

Der Herausgeber dieses Buches, Hunter Davies, ist der erste Biograph der Beatles gewesen und kannte John Lennon seit Mitte der sechziger Jahre. Seit dreißig Jahren sucht Hunter Davies weltweit nach Schriftstücken von John Lennon. Das Ergebnis dieser jahrelangen akribischen Suche wurde nun erstmals veröffentlicht und schlägt mit fast 500 Seiten zu Buche. Zum besseren Verständnis hat der Biograf wichtige erläuternde Texte zu den einzelnen Schriftstücken verfasst, die einen noch nie da gewesenen direkten Zugang zur Person John Lennons liefern. Er fügt die jeweiligen Briefe in einen großen Zusammenhang und erläutert dabei die auftretenden Personen, Anlässe und Ereignisse. So erfahren wir von John Lennons intellektuellem Geist und poetischer Begabung, von seinem privaten Leben als Beatle, als Komponist und Sänger, als Schriftsteller, Zeichner und Friedensaktivist:
Nie war John Lennon so persönlich wie hier.

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Der Meister und Magarita

Michael Bulgakow
Fester Einband: 458 Seiten
Erschienen bei buchclub 65 , Berlin 1985, 01.01.1985
ISBN B0046HK90E
Genre: Sonstiges

Rezension:

Das Buch „Meister und Margarita“ ist ursprünglich in den 1960er Jahren in einer stark zensierten Fassung erschienen und avancierte damals nicht nur im Osten zum Kultbuch. Als Bulgakow mit 49 Jahren starb, hatte er die letzten zwölf Jahre an seinem Lebenswerk „Meister und Margarita“ geschrieben.

In den drei verschiedenen Erzählebenen wimmelt es nur so von satirischen Anspielungen, allegorischen Bildern, aberwitzigen Plots und phantastischen Ereignissen. Hier wird nicht nur mit dem damaligen korrupten und bürokratischen sowjetischen Alltag abgerechnet. Auch Duckmäuser, Spießer und der Kulturbetrieb schlechthin bekommen satirische Ohrfeigen.

Ein Lyriker und ein Kritiker halten einen Disput. Der Lyriker hat ein Gedicht über Pontius Pilatus verfasst, mit dem der Kritiker überhaupt nicht einverstanden ist. Während die beiden ihren Disput über dieses Gedicht austrage, mischt sich ein mysteriöser Fremder in das Gespräch mit ein. Er behauptet, er wäre damals dabei gewesen. Die Geschichte, die er erzählt, weicht ein wenig von der überlieferten Version ab und dennoch, keiner glaubt ihm. Als dann aber der Tod des Kritikers auf genau auf die Art und Weise eintritt, wie es der Fremde vorhersagte, beginnt der Boden der Realität des Lyrikers zu schwanken.

In der Irrenanstalt, in der sich der Lyriker wiederfindet, wird er von jemandem aufgesucht, der sich selbst nur als "Meister" bezeichnet. Der Meister war hier eingewiesen worden, weil er ein Buch über Pontius Pilatus geschrieben hatte, das ihm nur Scherereien einbrachte. Einzig seine große Liebe, Margarita, hatte an ihn geglaubt.

Der Meister ist der einzige, der der Erzählung des Lyrikers glaubt - und in der geschilderten Person sofort Voland, den Satan, erkennt.
Margarita wird in dieser Zeit von einem seltsamen Mann angesprochen - und zur Ballkönigin auf des Satans Mitternachtsball gemacht. Ihre Belohnung hierfür: sie darf sich etwas wünschen. Und wünscht sich den Meister frei und zurück.

Das Meisterwerk des magischen Realismus liegt nun endlich in der längst überfälligen Neuübersetzung vor. Der mittlerweile leider etwas in Vergessenheit geratene russische Autor Michael Bulgakow entführt den Leser mit seiner allegorischen, phantasievollen und satirische Schilderung in die stalinistische Zeit der sowjetischen Gesellschaft der 1930er Jahre und sie hat gerade in der heutigen Putin-Ära nichts, aber auch wirklich nichts von ihrer Aktualität verloren.

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berichte, wissen, reisen, erlebnisse

Rumgurken

Tex Rubinowitz , any.way , Walter Hellmann
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 01.06.2012
ISBN 9783499257759
Genre: Romane

Rezension:

„Wenn ich wegfuhr, nannte ich das Wegfahren oder vom Acker machen, in den 1970er Jahren war ja alles Mobile landwirtschaftlich konnotiert – pflanz dich, verdufte, mach dich vom Acker, schwing die Hufe, lass rüberwachsen.“
Gleich zu Anfang des Buches erklärt uns der Autor, Karikaturisten, Maler und Musiker warum sein neues Buch „Rumgurken“ betitelt wurde. Eine weitere Erklärung ist natürlich auch der beigefügte Untertitel: „Reisen ohne Plan, aber mit Ziel“. Und so finden sich hier scheinbar lose zusammengefügte Berichte übers Reisen durch verschiedene Regionen dieser Welt. Die Feder führt ein wacher, analytischer, sarkastischer und hinterlistiger Geist, der gekonnt den geografischen Ausgangspunkt seiner Reisen verlässt, um sich ganz ohne Kompass in Assoziationen, Überlegungen und philosophischen Betrachtungen wiederzufinden. Dem wohnt natürlich auch immer wieder mal berechtigte Ideologie und Konsumkritik inne.

„Rumgurken“ ist wahrlich kein effizienter Reiseführer, will er ja auch gar nicht sein, sondern ein amüsantes Lesevergnügen über planlose und irrwitzige Reisetouren durch Finnland, Bhutan, Usbekistan, Teneriffa; aber auch in Klagenfurt wird „herumgegurkt“.
Diese eigenwilligen Reiseberichte sind launige Texte mit popkulturellem und kulturgeschichtlichem Hintergrund, mal tiefsinnig, mal kurzweilig, häufig mit selbstironischem Unterton.

„Rumgurken“ verrät dabei auch wirkungsvolle Tricks eines Reisenden im Umgang mit den Widrigkeiten der Fremde und trifft dabei stets ins Schwarze. Sie sind für den Daheimgebliebenen genauso amüsant wie für den Reisenden. Natürlich haben die Texte einen ergiebigen Subjektivitätsanspruch, ersparen uns glücklicherweise dröge Landschaftsbeschreibungen und unverbindliche Allgemeinplätze und das ist gerade das, was dieses Buch auszeichnet.

Ein skurriles Lesevergnügen nicht nur für Titanic- Max- Goldt- und- Helge- Timmerberg- Leser.

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Als ich im Sterben lag

William Faulkner
E-Buch Text: 256 Seiten
Erschienen bei Rowohlt (com), 02.07.2012
ISBN 9783644019713
Genre: Klassiker

Rezension:

Schauplatz des nun in einer Neuübersetzung vorliegenden Klassikers von William Faulkner ist, wie in vielen seiner Romane, der im amerikanischen Süden angesiedelte fiktive Ort Yoknapatawpha County.

Addie Bundren, eine arme Farmersfrau liegt im Streben. In ihrem eindrucksvollen Monolog, in dem die Sterbende über ihr armseliges Leben reflektiert und dabei zu erstaunlichen Erkenntnissen gelangt: „Ich erinnere mich, dass mein Vater immer sagte, der Sinn des Lebens sei, sich bereit zu machen für ein langes Totsein“, kann man eine gewisse Gelassenheit der sterbenden Addie erahnen.
Am Ende ihres Lebens macht sich nun der Ehemann Anse mit seinen vier Söhnen auf den beschwerlichen Weg, die Tote in ihre Heimat zu überführen.
Sie wünschte sich im Familiengrab ihrer Eltern beerdigt zu werden.
Die mit einem Maultierkarren angetretene Reise in die Ewigkeit wächst sich zu einer bedrohlichen Katastrophe aus, einer fatalen Tour de Farce.
Eine verheerende Panne, Unfälle und sinflutartige Regenfälle, die den stetig ansteigenden Fluss die Brücken einreißen lassen, über die der Weg nach Jefferson hätte führen sollen, kennen kein Erbarmen mit den geschundenen Figuren dieses grotesken Trauerzugs. Der fortschreitende Verwesungsprozess des Leichnams macht diese makabere Expedition zu einem gruseligen und unheimlichen Geleit des Todes.

William Faulkner, dessen Todestag sich am 07.Juli 2012 zum 50. Mal jährte, ist und bleibt der Monolith und Grundstein der amerikanischen Moderne. Seine Schreibweise sprengte jede bis dahin gekannte Tradition des Romans und sucht in ihrer multiperspektivischen und montagehaften Erzählweise seinesgleichen.
Der Autor verleiht jedem seiner fünfzehn in diesem Roman erscheinenden Protagonisten einen ganz eigenen Charakter, eine eigene Stimme und eine subjektive Sicht der Vorfälle. Daraus entsteht ein kaldeidoskopartig zusammengesetztes Gesamtbild einer unfassbaren Geschichte.

„Als ich im Sterben lag“ ist symbolisch aufgeladen wie ein bedrohliches Sommergewitter und lässt den vielstimmigen und äußerst kunstvoll konstruierten Roman wie ein Vexierbild, einen verrückten Totentanz erscheinen.
Ein morbider, komisch-tragischer Mythos voll flirrender Hitze, schwüler Atmosphäre im Moment des Werdens und Vergehens.

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26 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

liebe, lieben, linda, karl ove kausgard, norwegische literatur

Lieben

Karl Ove Knausgård , Paul Berf
Fester Einband: 762 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 12.03.2012
ISBN 9783630873701
Genre: Romane

Rezension:

Nun ist er also erschienen, der zweite Band der auf sechs Bände angelegten Autobiografie des norwegischen Autors Karl Ove Knausgard. Wie bereits im ersten Band „Sterben“ besteht auch „Lieben“ aus der Erzählstimme der eigenen Persönlichkeit und handelt von nichts Geringerem als dem Leben selbst. Mittelpunkt des ersten Bandes von Knausgard war die Auseinandersetzung mit seinem Vater und der eigenen Herkunft. In Lieben schildert der Mittvierziger Knausgard nun sein Leben als Vater und seinen Beziehungs- und Familienalltag, die Suche nach seiner Identität als Schriftsteller und die schwierige Balance zwischen dem zurückgezogenen Leben als Schreiber und dem manchmal entbehrungsreichen Leben als Familienvater. Dabei erspart er dem Leser kein Detail seiner inneren und äußeren Lebenswahrnehmung und ist erfrischend ungeordnet in Zeit und Thema. Knausgard erscheint in diesem Buch wie ein Freund, mit dem man eben über alles sprechen kann, und berichtet schonungslos und unverstellt von seinen Erfahrungen. Alles ist authentisch und realistisch dargestellt, nichts scheint erfunden und der Brennpunkt dieses autobiografischen Romans ist die Kluft zwischen der Vorstellung, die man als Mensch von der Realität hat und der erfahrbaren Wirklichkeit. „Das Leben, das ich führte war folglich nicht meines. Ich versuchte es zu meinem zu machen. Das war mein Kampf, den ich ausfocht, denn das wollte ich doch.“ Dadurch wirkt Knausgards Schreiben so berauschend und ergreifend.
Er erzählt von seinem Scheitern, von seiner tiefen Verunsicherung als Mensch und Schriftsteller, von seiner Sehnsucht nach dem Alleinsein. Von seiner verlorenen Fähigkeit, Fiktives zu schreiben, die seiner Meinung nach daher rührt, dass wir überall in unserem Leben nur noch von Fiktionen umgeben sind. Und somit ist dieses Buch erhaben über etwaige Vorwürfe der Indiskretion, des emotionalen Voyeurismus und der alltäglichen Banalitäten, die so mancher kritische Zeitgenosse hegen könnte. Doch sind es nicht nur die Schilderungen des Alltags mit seinen Routinen und der hohe Grad der Selbstreflexion, die so mitreißen, sondern auch die immer wieder überraschenden Einwürfe aus Gedanken und philosophischen Überlegungen zu einer Fülle von Themen: wie die Gesellschaft das Individuum in der Lebensplanung einschränkt, es uns aber als Freiheit verkauft wird; wie Genetik, Erziehung und Milieu auf die Persönlichkeitsbildung einwirken; über die menschliche Wärme einer Filmszene von Charlie Chaplin; über Musik; die hohe Kunst der Lyrik Hölderlins; über die Selbstauslöschung von Dostojewski; über Heidegger, aber auch über die Einfachheit der Dinge; was einen Mensch ausmacht; wie Kultur und Moral uns beeinflussen; über Konsumverweigerung; über unseren Anteil an der Welt und die Verbundenheit der Menschen untereinander und über den Sinn und Wert des Lebens. „ Es ist nicht so, dass wir gleich geboren werden und die Lebensbedingungen unsere Lebensläufe uns gleich machen, es verhält sich umgekehrt, wir werden verschieden geboren, und die Lebensbedingungen gleichen unsere Leben aneinander an.“ Oder wie Jean-Jacques Rousseau bereits vor fast dreihundert Jahren in seinen „Bekenntnissen“ schrieb und der in seiner schonungslosen Offenheit durchaus eine gewisse Affinität aufweist: “Der Mensch ist frei geboren und liegt doch in Ketten.“

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umwelt, natur, insel, kampf, ökologie

Wenn das Schlachten vorbei ist

T. C. Boyle , Dirk van Gunsteren
Fester Einband
Erschienen bei Hanser, Carl, 06.02.2012
ISBN 9783446237346
Genre: Romane

Rezension:

Im neuen Roman, der den martialischen Titel „Wenn das Schlachten vorbei ist“ trägt, widmet sich der amerikanische Autor T.C. Boyle ganz dem Umweltschutz.

Geschildert wird das Aufeinanderprallen zweier unterschiedlicher Umweltschützer, die in ihrer Radikalität etwas Fanatisches aufweisen. Es ist der Kampf zwischen der für die Naturschutzbehörde arbeitenden Biologin Alma Boyd Takesue und dem radikalen Tierschützer Dave La Joy. Schauplatz ist die im Pazifik gelegene Insel Anacapa, eine der Kanalinsel vor der Küste Kaliforniens. Alma Boyd hat es sich zum beruflichen Ziel gesetzt, die Lebenswelt der Kanalinseln wieder in ihren Urzustand zu versetzen. Da der Mensch aber viele Tierarten eingeschleppt hat, die dort eigentlich nichts verloren haben und eine Bedrohung für die dort ursprünglich ansässige Tierwelt darstellen, hegt sie den wahnwitzigen Plan unzählige Ratten und tausende Schweine auszumerzen. Dieses Schlachten ruft Dave La Joy auf den Plan, der sich zusammen mit Anise Reed daran macht, notfalls eben auch mit illegalen Methoden diese Tiere zu retten. Eine verheerende Kumulation von Interessenkonflikten beginnt zu eskalieren und der Fanatismus entflammt, während die Natur sich auf ihre Weise rächt.

In seinem gewohnt brillanten Erzählstil dokumentiert T.C. Boyle die stets amoklaufende Wirklichkeit seiner Protagonisten und fährt dabei ungeheure Kulissen und Zusammenhänge auf. Der amerikanische Autor hat sich nun aber endgültig zum Großromancier vom Schlage eines Balzac, Dickens oder Thomas Mann etabliert. Der einstige „schrille Satiriker im moralischen Gewand“ wendet sich auch hier seinem favorisierten Thema zu, dem Einfluss des Menschen auf Natur und Umwelt.
Dabei navigiert er wie immer scharfsinnig und routiniert zwischen wissenschaftlichen Fakten und literarischen Anspielungen und vermittelt unterhaltsam die komplexen Zusammenhänge zwischen Kultur und Natur, Natur und Artenschutz.
Dennoch beschleicht einen T.C. Boyle-Kenner irgendwie das Gefühl hier eine Wiederholung des bekannten Sujets vorzufinden, dem etwas die Bissigkeit und der sprühende Sarkasmus fehlen. Darüber hinaus aber haben wir es mit einem irrwitzigen Konglomerat unterschiedlichster Charaktere und Individuen zu tun, die sich durch den menschlichen Dschungel aus Neurosen und anderen Befindlichkeiten eine Schneise schlagen.

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musik, new york, familie, pulitzer-preis, new york; san francisco

Der größere Teil der Welt

Jennifer Egan , Heide Zeltmann
Buch: 386 Seiten
Erschienen bei Schöffling, 03.02.2012
ISBN 9783895612244
Genre: Romane

Rezension:

Die US-amerikanische Autorin hat für den Roman „Der größere Teil der Welt“ den Pulitzerpreis 2011 erhalten und wurde damit in die erste Liga der zeitgenössischen amerikanischen Literatur katapultiert.
„Der größere Teil der Welt“ ist ein Konglomerat von Personen und Geschichten. In dreizehn miteinander verflochtenen Kapiteln begegnet dem Leser / der Leserin eine Fülle von Ereignissen auf unter-schiedlichsten Zeitebenen.

Das Leben des Musikproduzenten Bennie Salazar und seiner Assistentin Sasha aus dem exzentrischen Milieu der Musikindustrie, bilden die Schnittstelle des Buches. Weitere Protagonisten sind Helden und Gestrandete, Abgestürzte und Gescheiterte der Musikbranche. Gleich ob Musiker, PR-Agentinnen, Produzenten, Büroassistentinnen, Groupies, sie alle sind gebrandmarkt von den egozentrischen und gierigen Machenschaften der Musikindustrie. Temporeich und virtuos spannt Jennifer Egan den Bogen von den 1970ern in San Francisco über die 90er in New York bis hin in eine nicht mehr allzu ferne digitale Zukunft. Dabei geht sie auch der Frage nach, wie sich unsere Welt im digitalen Zeitalter verändern könnte.
Die Erzählperspektiven und Erzählformen wechseln stets unvermutet und unvorhersehbar. Randfiguren treten aus dem Schatten der Nebenhandlung plötzlich ins Rampenlicht. Jede dieser Figuren hat eine eigene Ausdrucksform und die diversen Szene - und Perspektiven-Wechsel hinterlassen jeweils einen ganz bestimmten Eindruck, wie es eben Songs und Lieder tun. Dabei wird der Lesefluss nie unterbrochen: im Gegenteil, gerade durch die unkonventionelle Art des Handlungsgerüstes entwickelt der Roman einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Mit spielerischer Leichtigkeit werden die verschiedenen Facetten der Charaktere an den unterschiedlichsten Plätzen dieser Welt beleuchtet und festgehalten. Man merkt, dass die Autorin weiß wovon sie schreibt. Die mosaikhafte Komplexität, die Motive aus Musik, Literatur und Kunst und die philosophischen Andeutungen wirken nie angestrengt oder unnötig kompliziert.
Jennifer Egan erzählt mal nüchtern, mal nachdenklich, mal humorvoll -aber immer mit viel Groove von Liebe, Freundschaft und Verlust.

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wissenschaften, universum

Vor dem Urknall

Brian Clegg , Hubert Mania
Fester Einband: 345 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 16.01.2012
ISBN 9783498009397
Genre: Sachbücher

Rezension:

Sind es nun Schleifen oder Fäden, Teilchen oder Wellen, die das Universum zusammenhalten und das Leben entstehen lassen?
Oder ist es alles zusammen? Alles ist möglich. Es gibt so viele Theorien über die Entstehungsgeschichte des Universums wie es sichtbare Sterne am Himmel gibt. Unser Verstand sucht ständig nach Erklärungen, nach Wurzeln in Religion, Spiritualität, Quantenphysik und dem Universum. Doch immer dann, wenn es scheint, als hätten wir ein Mysterium aufgeklärt, eine Theorie darüber, wie ein Universum ins Sein explodiert sein könnte, fördert jede Forschung und weitere Erklärung nur erneut ein neues Mysterium zutage. Weil dem Verstand letztlich nicht einleuchten will, inwiefern mit Singularität, Quantenzustand, Relativitätstheorie, Gehirn, Bewusstsein und Gott irgendetwas letztgültig erklärt sein soll. So verhält es sich auch mit dem Urknall; denn mal angenommen es gab einen Urknall, dann stellt sich natürlich sofort die Frage was davor war. Dieser Frage geht auch der profilierte englische Wissenschaftsjournalist nach. Da uns der Autor hier glücklicherweise nicht, wie so viele anderen Fachleute auf diesem Gebiet, vorzugaukeln versucht, solche Fragen wie: Warum gab es diesen Anfang? Wer oder was hat ihn ausgelöst? Oder was war davor? beantworten zu können, nehmen ein Großteil dieses Buches die kosmologischen Erklärungsversuche der Menschheit ein. Clegg schreibt verständlich und leichthändig über die Mühen der Wissenschaft den Weltraum zu erklären, die unfassbare Größe zu messen und den Anfang von Raum und Zeit zu erfassen. Dabei gelingt es ihm sehr unterhaltsam und kurzweilig, die Schöpfungsmythen verschiedener Kulturen und deren Ähnlichkeit mit den heutigen Theorien zu beleuchten. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er sich dabei nicht in allzu vielen unverständlichen Fachausdrücken und ellenlangen Formulierungen verliert. Der heutige Stand der Wissenschaft befindet sich ja in einer Zwickmühle: Die Beobachtungen der Astronomie mögen zwar auf die Existenz eines Urknalls verweisen; doch davon ausgehend steht auch fest, dass sich die Urknalltheorie und die beiden fundamentalen Theorien der Physik (die Quantenmechanik und die Allgemeine Relativitätstheorie) nicht wirklich miteinander vereinbaren lassen. Da bei der Theorie eines Urknalls die physikalischen Größen wie Dichte und Temperatur unendliche Werte annehmen, spricht man nun von Singularität. „Die Singularität des Urknalls ist eine Scheintatsache, ein Ausdruck ungenügender Naturgesetze.“ So kommt auch der Autor zu dem recht einleuchtenden Fazit, dass es durchaus möglich sein kann, dass das Universum überhaupt keinen Anfang hat. Brian Clegg favorisiert daher eine Art zyklisches Universum: Die Welt, das Universum entsteht immer wieder neu, dehnt sich aus und stürzt in sich zusammen, um wieder neu zu entstehen. - Eine Erklärung, die man auch als Laie irgendwie plausibel finden kann. Wie sagte doch der amerikanische US-Komiker und Schauspieler Woody Allen passend dazu: „ Ich bin sehr froh darüber, dass sich das Universum nun erklären lässt, ich dachte schon es läge an mir.“ Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

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136 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 23 Rezensionen

freundschaft, england, erinnerung, vergangenheit, liebe

Vom Ende einer Geschichte

Julian Barnes , Gertraude Krueger
Fester Einband: 181 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 01.12.2011
ISBN 9783462044331
Genre: Romane

Rezension:

Wir sind was wir wahrnehmen. Das ist stets subjektiv und selektiv.
Weil Erinnerungen eben subjektiv sind, müssen sie nicht unbedingt der historischen Wahrheit entsprechen.
Julian Barnes stellt sich dieser Erfahrung in diesem Buch auf seine bestechend kluge und sprachlich konzentrierte Art und Weise und regt den Leser damit sehr zum Nachdenken an. Und dennoch - bei allem Tiefgang und aller Nachdenklichkeit - ist der Roman schwungvoll und leichthändig, amüsant und voller Mitgefühl für seine Protagonisten. „Wer die Zeit leugnet, der sagt: Vierzig ist gar nichts, mit fünfzig steht man in der Blüte des Lebens, sechzig ist dass neue vierzig und dergleichen mehr. So viel weiß ich nun schon: Es gibt eine objektive Zeit, aber auch eine subjektive Zeit, und die trägt man innen am Handgelenk, direkt am Puls. Und diese persönliche Zeit ist die wahre Zeit, und ihr Maß ist das persönliche Verhältnis zur Erinnerung.“.

Anthony Webster erinnert sich oder sagen wir, er muss sich erinnern:
Er hat sein Leben als Beamter in einer städtischen Kurverwaltung verbracht.
In Kindheit und Jugend stilisierte er sich mit seinen drei Freunden zu subversiven Rebellen der frühen 1960er Jahre. Jede bürgerliche Konvention verachtend, erlebten die Jugendlichen in ihrer Wildheit aber auch Naivität, die aufregende Welt der Literatur, philosophische Grundsatzdiskussionen und erste sexuelle Erfahrungen. Doch mit dem Selbstmord des Schulfreundes Adrian bekam die behütete College-Welt erste Risse.
Im Brief einer Notarin, der Anthony knappe vierzig Jahre später erreicht, wird ihm mitgeteilt, dass ein Tagebuch seines Schulfreundes Adrian aufgetaucht ist.
Beide hatten einst eine innige Beziehung zu Veronica. Um sich Klarheit über seine Vergangenheit zu verschaffen, beginnt Tony, mittlerweile geschiedener Pensionär, in seinen lückenhaften und unvollkommenen Erinnerungen zu wühlen. Als er nach vierzig Jahren wegen des Tagebuches in Kontakt mit Veronica tritt, wird er regelrecht von seiner eigenen Lebensgeschichte überrollt.

Als Leser beginnt man sich mit den Fragmenten und Täuschungen seiner eigenen Lebensgeschichte zu befassen und bekommt ein Gespür dafür, dass ja jedes Bild, dessen wir uns erinnern und das daraus resultierende Selbstbild, sich permanent wandeln kann und häufig nur eine Version von vielen der erlebten Wirklichkeit ist .

Julian Barnes stellt in “Vom Ende einer Geschichte“ meisterlich Altvertrautes in Frage und schreibt ganz ohne Pathos und Plattitüden von der Unbekümmertheit und der Schwere des menschlichen Daseins: klug, differenziert und leichthändig. Jetzt endlich, er war bereits einige Male heißer Anwärter, hat er für diesen Roman den Booker Preis 2011 erhalten.

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Ein Haus in der Wildnis

Annie Proulx , Melanie Walz
Fester Einband: 283 Seiten
Erschienen bei Luchterhand Literaturverlag, 07.11.2011
ISBN 9783630872483
Genre: Biografien

Rezension:

Vor mehr als sechs Jahren beschloss die kanadisch-amerikanische Schriftstellerin Annie Proulx in der Wildnis von Wyoming in den Vereinigten Staaten ein Haus zu bauen.

Als sie das in der Einsamkeit gelegene Grundstück kaufte, war sie bereits siebzig Jahre alt. Annie Proulx hat darüber ein Buch geschrieben, was nun unter dem Titel “Ein Haus in der Wildnis“ erschienen ist.
Die Planung des waghalsigen Bauprojektes und der kräfteraubende Hausbau sind zwar Knotenpunkt des Buches, doch es ist auch ein sehr persönliches Erinnerungsbuch über ihre Familie, ihre Kindheit, über die Natur und die Beziehung zwischen Mensch und Tier geworden. In ihrer selbstauferlegten Zurückgezogenheit reflektiert sie sehr klug über historische Ereignisse, wie beispielsweise die Geschichte der Indianer. Sorgfältig und akribisch schildert Annie Proulx die Verwirklichung ihres Traums vom Eigenheim und lässt dabei den Leser an ihren Erinnerungen teilhaben. Es ist schon sehr beeindruckend, welche Strapazen die siebzigjährige Autorin auf sich nahm und welche Ausdauer und Kraft sie für dieses Projekt aufbringen musste.
Nicht nur die Suche nach Handwerkern, die bereit waren in dieser völligen Abgeschiedenheit zu arbeiten, auch die für die Gegend extremen Klimaschwankungen, das ungenießbare Wasser aus dem Brunnen, der fehlende Strom und Telefonanschluss und die Unwägbarkeit des Geländes sind nur einige der Hindernisse, die dabei aus dem Weg geräumt werden mussten.

Besonders ergreifend aber sind ihre Beobachtungen über das Verhalten von Wildtieren und die warmherzigen Erinnerungsbeschreibungen aus ihrer Kindheit. Also nicht nur ein Buch für Häuslebauer.

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afrika, sand, wüste, nordafrika, mine

Sand

Wolfgang Herrndorf ,
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Berlin, 15.11.2011
ISBN 9783871347344
Genre: Romane

Rezension:

Im vergangenen Jahr geriet Wolfgang Herrndorf mit „Tschick“ auf die Bestsellerlisten. Seit September 2010 veröffentlicht der Schriftsteller nach Diagnose eines Hirntumors sein Tagebuch. Ergreifend und schwer auszuhalten und dennoch ohne Sentimentalitäten. Nun ist sein dritter Roman „Sand“ erschienen. „Sand“ zeigt Herrndorf auf der Höhe seines Schaffens. Gekonnt breitet der virtuose Sprachartist ein großes erzählerisches Panorama vor uns aus.

Man schreibt das Jahr 1972: Bei den Olympischen Spielen in München nehmen Terroristen des „Schwarzen September“ Mitglieder der israelischen Delegation als Geiseln. In einem Land im Maghreb in Nordafrika, unschwer als Marokko zu erkennen, leben Künstler und Literaten, die berauschende Partys feiern. Des Weiteren bevölkern Agenten, Schmuggler und zynische Geschäftemacher die imaginären Bühnen des Romans.

Zeitgleich werden vier Mitglieder einer internationalen Hippiekommune in einer Oase tot aufgefunden. Zwei Kommissare, Polidario und Canisades, ermitteln halbherzig. Polidario wird täglich von heftigen Kopfschmerzen geplagt (ein Hinweis auf die Erkrankung des Autors?) während sich Canisades dem Zynismus ergibt. Dann gibt es noch einen Koffer voll wertlosen Geldes, eine Vielzahl von Personen in rätselhaften Zusammenhängen und eine Tankstelle, an der sich die Fäden der Handlungen verknüpfen.

Das alles ist in eine Kulturlandschaft der 70er Jahre eingebettet, chaotisch, gewalttätig, korrupt und dekadent.
Herrndorfs Abschweifungen, vertrackte Versatzstücke und Slapstickeffekte im Spiel der Mehrdeutigkeiten und Irrwege fordern den Leser heraus. Gerade weil Erwartungen nicht erfüllt werden und Handlungen ins Ungewisse führen, ist es ein Genuss der intelligenten, gewitzten und wortverliebten intendierten Erzählweise zu folgen. Mit einem Brennglaseffekt geht der Autor bis an die Grenze des Ist-Zustandes der Sprache.
Ist „Sand“ nun ein postmoderner Gesellschaftsroman? Ein exotischer Thriller? Eine gleichnishafte Buchstabendüne? Ein kryptischer Spionagethriller? Ein zerrinnendes Sehnsuchtsjournal?

Auf alle Fälle wohl das Opus magnum" des Schriftstellers.

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20 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

kontinentaldrift, forscher, pole, eis

Alles Land

Jo Lendle
Fester Einband: 376 Seiten
Erschienen bei DVA, 05.09.2011
ISBN 9783421045256
Genre: Romane

Rezension:

Das Konzept, dass am Ende des Paläozoikums, dem ältesten der drei Erdzeitalter und daher auch Erdaltertum genannt, alle Kontinente in einem Superkontinent vereinigt waren, geht zurück auf Alfred Wegener. Diese Entdeckung erweiterte er später zu seinem berühmten Buch „Die Entstehung der Kontinente und Ozeane“, das 1915 erstmals erschien. Alfred Wegener benutzte anfänglich den Begriff „Urkontinent“, der aber später in „ Pangäa“ (Alles Land) umgewandelt wurde.
Somit war „Pangäa“ der letzte globale Superkontinent der Erdgeschichte und zerbrach durch plattentektonische Vorgänge im Jura – also vor etwa 150 Millionen Jahren.

Alfred Wegener studierte Physik, Meteorologie und Astronomie, war Polarforscher, entwickelte schon sehr früh die Theorie der Kontinentaldrift, für die er heftig angefeindet wurde und die ihm damals niemand glauben wollte. Er war ein Einzelgänger und Getriebener, der die Einsamkeit liebte und extreme Überlebenssituationen nie scheute, denn nur so ist es wohl zu erklären dass er drei Grönlandfahrten unternahm, auch noch als Familienvater.

Jo Lendle hat aus dem aufregenden, aber kurzen Leben des letzten großen Polarforschers Alfred Wegener einen fesselnden Abenteuerroman erschaffen, der durch stilistische Brillanz und eine klare Sprache überzeugt. Der Autor hat die offiziellen Expeditionsberichte studiert, die Erinnerungen von Wegeners Familie gesichtet, Briefe, Tagebücher und Notizen begutachtet und dennoch den Fakten auch einiges an Fiktion beigemischt - und das macht gerade die Stärke dieses Romans aus, Von der frühen Kinderstube in der großen Berliner Pastorenfamilie, dem Marburger Studentenleben, den abscheulichen Erlebnissen im ersten Weltkrieg bis hin zu dem getriebenen Polarforscher Alfred Wegener in der Arktis lässt Jo Lendle sehr lebendig und anschaulich, das Leben des Forschers Revue passieren. Besonders viel Raum nehmen dabei die harten und unerbittlichen Überlebenskämpfe im kalten Polareis ein. Hier zeigt sich besonders das schriftstellerische Können des Autors. Man kann förmlich den entbehrungsreichen Todeskampf im ewigen Eis miterleben: Frost und Einöde, Schmerzen und fiebrige Dämmerzustände, das tagelange Warten auf besseres Wetter in feuchten Schlafsäcken, die Dunkelheit, das niemals enden wollende Schneetreiben, die unmenschlichen Strapazen und die grenzenlose Einsamkeit, Schneeblindheit und tagelange Begegnungen mit der Todesangst. Immer weiter muss es gehen und der Leser kann nicht aufhören, weil er wissen will wie es enden wird. Und am Schluss hat man knapp vierhundert Seiten verschlungen und weiß dass man hier einen Abenteuerroman der besten Schule gelesen hat. In vielen der atemberaubenden Szenen des Romans, fühlt man sich an die atmosphärische Dichte eines Robert Louis Stevenson, Jack London, Herman Melville oder Edgar Allan Poe erinnert.

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

interview, england, bilder, indien, fotos

George Harrison

Olivia Harrison , Mark Holborn , Martin Scorsese , Martin Scorsese
Fester Einband: 399 Seiten
Erschienen bei Knesebeck, 01.10.2011
ISBN 9783868734164
Genre: Biografien

Rezension:

„Jeder Mensch muss selbst den Weg zur inneren Erleuchtung finden. Ich glaube, dass das der einzige Grund für unsere Existenz auf diesem Planeten ist.“ Diese Aussage des am 29. November 2001 verstorbenen George Harrison ist der eigentliche Antrieb seines aufregenden und abwechslungsreichen Lebens gewesen.

Kein geringerer als der Oscar - prämierte Regisseur Martin Scorsese, dem eine innige Freundschaft mit George Harrison verband und der bereits durch fundierte Musikerdokumentationen (Bob Dylan, Rolling Stones etc.) für Furore sorgte, hat nun dem Ex-Beatle ein filmisches Denkmal gesetzt. Dem Film, der bei uns im Dezember erscheinen wird, geht nun diese liebevoll gestaltete und reichlich illustrierte Biografie im Bildbandformat voran.
Erstmals hat Olivia Harrison, die das Erbe von George betreut, Fotografien, Briefe, Tagebücher und Notizen aus dem Nachlass zusammengestellt. Herausgekommen ist dabei ein sehr persönliches Porträt mit den wichtigsten Stationen seiner Lebensgeschichte und seines umfangreichen musikalischen Schaffens. Beginnend mit den Fotografien aus dem Liverpool der Nachkriegszeit, bis hin zu einigen privaten Fotoaufnahmen aus seinem Parkanwesen „Friar Park“, das er mit Olivia Harrison und deren Sohn Damian bewohnte, verzeichnet dieser informative und aufschlussreiche Bildband alle wichtigen Momente, Menschen und Erfahrungen aus seinem Leben. Auch wenn hier einige private Fotos und Skizzen abgelichtet sind, ist dieses Buch nicht voyeuristisches oder indiskret. „Living in the Material World“ erweist sich als gelungene Reminiszenz und Hommage an einen unvergessenen Menschen. Ergänzt werden die Fotografien durch aussagekräftige Zitate von Freunden, Familienmitglieder und Musikerkollegen. Text und Bild, die sich hier stets aufeinander beziehen und ergänzen, bewirken dadurch ein integratives Gesamtverständnis.

George Harrison war eben nicht nur Musiker - so geniale Songs wie „All Things Must Pass“, „Here Comes The Sun“, „While My Guitar Gently Weeps“, „My Sweet Lord“, „Something“ oder „I Got My Mind Set On You“, um nur einige zu nennen gingen auf sein Konto - sondern auch ein Suchender, eine spirituelle Ikone, aber auch engagierter Umweltaktivist, Kommentator und Kritiker seiner Zeit. Als loyaler und spontaner, freigiebiger und authentischer, humorvoller und verständnisvoller Mensch ist er seinen Zeitzeugen in Erinnerung geblieben.

Die Bildbiografie „Living in the Material World“ legt davon Zeugnis ab und lässt nicht nur die Herzen von Beatles-Fans höher schlagen, sondern erschließt klischeefrei den persönlichen Kosmos dieses wunderbaren Menschen, der leider viel zu früh von uns gegangen ist.

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52 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 18 Rezensionen

roman, new orleans, john kennedy toole, cornelia funke, astrid lindgren

Die Verschwörung der Idioten

John Kennedy Toole , ,
Fester Einband: 450 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 30.12.2012
ISBN 9783608939002
Genre: Romane

Rezension:

Grotesk, anarchisch, wahnwitzig: John Kennedy Tooles bereits 1982 auf Deutsch erschienener Roman, ist nun in einer neuen Übersetzung des schweizer Literaten Alex Capus zu neuem Leben erwacht. John Kennedy Toole hat während seiner Militärzeit 1963 an diesem Buch gearbeitet und suchte nach Fertigstellung verzweifelt nach einem Verleger. Er hielt seinen Roman für ein Meisterwerk, verfiel ob der wiederholten Absagen der Verlage in Depressionen und begann zu trinken. Im März 1969 verübte er Selbstmord. Erst 1980 sollte seine Mutter einen Verlag für die „Verschwörung der Idioten“ finden, kurz darauf wurde das Buch von den Kritikern als Meisterwerk gefeiert und Toole erhielt posthum den renommierten Pulitzer-Preis.

Ignatius Reilly „Der Fettwanst mit der grünen Mütze“, wie er von den konservativen Bürgern von New Orleans der sechziger Jahre genannt wird, ist ein Sonderling und ein „Wirrkopf von Gottes Gnaden“. Er schreibt an einem „Tagebuch eines Jungproletariers oder mein Kampf gegen die Faulheit “, streitet gern und wettert wütend gegen Gott und die Welt. Der egozentrische Ignatius lebt bei seiner verwitweten Mutter und ist in seiner Überheblichkeit und verschrobenen Weltsicht genauso unnachahmlich wie in seiner Faulheit und totalen Verweigerung von Arbeit. Er liebt es stattdessen, sich philosophierend und vollgestopft mit allerlei Süßwaren, seiner Streitkultur zu widmen. Bis zu dem Tag, als seine Mutter ihn energisch dazu auffordert endlich einer Arbeit nachzugehen. Nun stolpert er auf seiner Odyssee durch die Arbeitswelt von einer grotesken Situation in die nächste.

„Die Verschwörung der Idioten“ ist ein skurriler und ironischer Abgesang auf Amerika, der mit allerlei rasanten und überaus amüsanten Beschreibungen aufwartet.
Diese herrlich schrullige Typenkomödie besticht durch die eher szenenartig aneinander gefügten Handlungsstränge, die immer wieder durch kurze Episoden mit Briefen und Aufzeichnungen aus Ignatius Tagebuch zusammengehalten werden. Durch die gekonnten Wortspiele und bildhaften Darstellungen bekommt der Leser einen tiefen Einblick in das wirre Weltbild eines der originellsten Antihelden der amerikanischen Literatur. Ein Muss für alle, die den frühen John Irving verehren, aber auch für Liebhaber von David Foster Wallace.

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36 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

eis, antarktis, klima, tourismus, gletscher

EisTau

Ilija Trojanow
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 29.08.2011
ISBN 9783446237575
Genre: Romane

Rezension:

Ein Gletscherforscher, ein Kreuzfahrtschiff, die Antarktis und eine leidenschaftliche Affäre: Ilija Trojanow zieht in seinem neuen Roman „Eis Tau“ alle Register seines Könnens.

Als der Glaziologe Zeno in einem besonders heißen Sommer das langsame Sterben seines Forschungsobjektes erfasst, das Schmelzen eines gewaltigen Alpengletschers, schmeißt er frustriert seinen Job an der Universität hin. Daraufhin heuert er als Fremdenführer auf einem Kreuzfahrtschiff zu einer Antarktisreise an, um den Touristen die dortigen Wunder zu erklären.
Nur allzu schnell begegnet Zeno der Ignoranz, der mangelnden Achtung und der dumpfen Vergnügungssucht der Touristen. Der Wissenschaftler ist auf der einen Seite berührt von der Schönheit der Eiswelten, andererseits beschämt, sich nun als Gletscherforscher und Touristenführer in der Antarktis zu verdingen. Auch Paulina ist von dem ewigen Eis verzaubert und fühlt sich zudem von Zeno magisch angezogen. Der Kapitän des Kreuzfahrtschiffes kündigt alsbald ein Kunsthappening an. Der populäre Künstler Dan Quentin wird mit den Passagieren eine Kunstperformance im Eis inszenieren. Zeno beschließt, etwas gegen dieses großangelegte Spektakel zu unternehmen, ein Vorhaben mit tragischem Ende.

Die Kunstaktion, die eigentlich auf die Gefahren für die unberührte Natur hinweisen soll, ist eine zusätzliche Belastung für die Eislandschaft und ihre Bewohner und ein symbolischer Hinweis auf so manche an rein wirtschaftlichen Interessen orientierte Naturrettungsaktion.
„Eis Tau“ ist zudem eine poetische Parabel über den organisierten Massentourismus und die immer näher rückenden Naturkatastrophen, über die Ausbeutung intakter Ökosysteme durch den Menschen.
Schonungslos und gekonnt wird hier die saturierte Gleichgültigkeit der Touristen und die Erfolgsgier der Medien der Faszination und Erhabenheit der noch relativ unberührten Landschaft der Antarktis gegenübergestellt.

Trojanows Roman besticht durch sprachliche Schönheit und Eleganz, hat ein sehr ernstes Thema zum Inhalt, bleibt unterhaltsam und ist spannend zu lesen. Weil sich die Figuren und Charaktere stets auf dem schmalen Grat zwischen dem Universellen und dem Individuellen bewegen, wird dieses literarische Mahnmal, dass ebenso komische wie ergreifende Passagen enthält, zu einem Buch, dass uns wirklich alle angeht.

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55 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 16 Rezensionen

kurzgeschichten, humor, erzählungen, small country, nick hornby

Small Country

Nick Hornby , Ulrich Blumenbach , Clara Drechsler , Harald Hellmann
Fester Einband: 158 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 15.09.2011
ISBN 9783462043211
Genre: Romane

Rezension:

Das Umschlagsbild des neuen Buchs mit Erzählungen von Nick Hornby ziert ein Dartpfeil, der in einer Dartscheibe, im sogenannten „Bulleye“ steckt. Und genau so verhält es sich mit den vier Kurzgeschichten: Jede dieser Stories ist ein Volltreffer.

Alles was den britischen Autor auszeichnet findet sich in „Small Country“ wieder. Ganz normale Menschen geraten in absurde Situationen oder nicht ganz normale Menschen in scheinbar gewöhnliche Alltags-situationen, ganz wie man es betrachten will. Hornby erzählt geradeaus ohne um den heißen Brei zu reden.

Er beschreibt die kleinen Absurditäten und Peinlichkeiten des Lebens, ohne dabei selbst peinlich zu werden oder gar sich über seine Figuren lustig zu machen. Inhaltlich sind natürlich wieder die klassischen Hornby -Themen vertreten: Jugend, Fußball, Erwachsenwerden und Popmusik. Diese höchst amüsanten und schrägen Stories überzeugen durch die erfrischende Unbedarftheit und den unbestechlichen Humor.
Des Autors Ideenreichtum scheint unbegrenzt und seine Umsetzung ist immer authentisch, auch wenn manche Begebenheiten fast schon fantastisch anmuten.

In „Small Country“ lesen wir, wie man sich als Mutter fühlt, wenn man ausgerechnet von der Nachbarin erfährt, dass der eigene Sohn in einem Pornofilm mitspielt.
Wie man als Fußball untauglicher Teenie im kleinsten, fiktiven Land Europas mit Hilfe von Schachstrategien doch noch kleine Fußball-Erfolge feiern kann. Wie der Kauf eines uralten Videogerätes einen in die Zukunft sehen lässt und warum das „Weiße Rauschen“ ein erschreckender Hinweis sein kann. Wie es einem muskelbepackten Wachposten ergeht, der im elitären Kunstbetrieb mit einer gewagten Jesusdarstellung konfrontiert wird.
Leider ist man viel zu schnell mit den Erzählungen durch und möchte eigentlich noch weitere Geschichten aus dem absurden Theater des Lebens lesen.

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Mond

Bernd Brunner , Bernd Brunner
Buch: 319 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 29.08.2011
ISBN 9783888977329
Genre: Sachbücher

Rezension:

Wenn man in einer sehr bekannten Internetsuchmaschine das Wort Mond eingibt, erscheinen sage und schreibe 50.200.000 Ergebnisse. Das zeigt, was es wohl für ein Kraftakt gewesen sein muss, ein solch kompaktes Buch entstehen zu lassen.
Auf knapp 300 Seiten findet sich hier ein enormer Materialreichtum aus den verschiedensten Epochen und Kulturen. Der Autor berichtet von abenteuerlichen Theorien über die Entstehung des Mondes, von mondbegeisterten Schriftstellern, Astrologen und Astronauten, von Mondguckern und Mondsüchtigen, von esoterischen Praktiken und wissenschaftlichen Forschungen und Erkenntnissen, von den Mondmythen unterschiedlicher Kulturen bis hin zu den Seleniten, den hypothetischen Mondbewohnern.

Auch vierzig Jahre nach der ersten bemannten Mondfahrt ist unser Erdtrabant noch immer Projektionsfläche für Wünsche, Ängste und Hoffnungen. Der Autor Bernd Brunner macht sich in vielerlei Facetten seine Gedanken über den Satellit „Luna“.
Die zahlreichen Illustrationen begleiten dabei sehr anschaulich seine Erklärungen und Ergebnisse.

Die Verschwörungstheoretiker, die noch immer nicht den bemannten Mondflug anerkennen, finden sich hier genauso wie die Zusammenhänge von Mondphasen und der Zeitrechnung des Menschen; der Gregorianische Kalender löste auch deswegen den Julianischen ab, weil der heidnische Mond Einzug in die Welt der katholischen Kirche und des Kalenders fand.

Staunend erfährt man, dass der Mond, der heute rund 400.000 km entfernt ist und sich jedes Jahr um einige Zentimeter von uns entfernt, vor zwei Milliarden Jahren nur knapp 40.000 Kilometer entfernt war. Welch gigantischer Anblick muss es damals wohl gewesen sein und welch enorme Kräfte, rund 1000-mal stärker als heute, wirkten auf die Gezeiten ein. Schon bald stellt man sich die Frage, was wohl aus der Erde geworden wäre bzw. wie anders sich manche Lebensformen, darunter auch der Mensch, entwickelt hätten. Somit trägt dieses Buch auch dazu bei, sich mal wieder bewusst zu werden, welch einmalige Lebensbedingungen wir hier auf der Erde vorfinden und wie fahrlässig wir damit umgehen.

Dieses Buch ist, wenn auch an wenigen Stellen etwas bunt zusammen gewürfelt,
ein höchst interessantes und sehr spannendes populär wissenschaftliches Lesevergnügen, das man garantiert nicht auf den Mond schießen möchte.

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45 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

sohn, vater, tod, rückblick, familie

Tinkers

Paul Harding , Silvia Morawetz
Fester Einband: 188 Seiten
Erschienen bei Luchterhand Literaturverlag, 29.08.2011
ISBN 9783630873671
Genre: Romane

Rezension:

Am Ende seines Lebens, vom Krebs gezeichnet, reist der Uhrmacher George Washington Crosby nochmals in Gedanken durch seine Lebenszeit.
Er lässt Erinnerungen vorbeiziehen, die auch die Landschaften seiner Kindheit in Maine heraufbeschwören. Er durchlebt die Wunden und Schmerzen seines Lebens als Junge in ärmlichen familiären Verhältnissen ebenso wie die Schönheit der ungezähmten Natur, in der er groß geworden ist.

Sein Vater Howard zog einst als „Tinker“, als Kesselflicker und fahrender Händler mit Maultierkarren übers Land. Howard litt unter epileptischen Anfällen. Als seine über die Armut erbitterte Frau ihn in die Nervenheilanstalt einliefern lassen will, verlässt Howard seine Familie. George war damals gerade mal zehn Jahre alt. Erst Jahrzehnte später sollten sich Vater und Sohn wiedersehen.
Erst spät im Laufe seines Lebens entdeckte Georges die Uhrmacherei, die fortan seine größte Leidenschaft werden sollte. Das tickende Innenleben der Chronometer wird ihn bis ans Ende des Lebens faszinieren.

Alle diese Erinnerungen und berührenden Geschichten bilden kleine Mosaiksteinchen des bewegten und intensiven Lebens von George Washington Crosby, die sich zu einem poetischen und atmosphärischen Roman verdichten. „Tinkers“ ist ein sprachliches Glanzstück, ein Porträt eines außergewöhnlichen Menschen aus einer längst untergegangenen Zeit. Dieses Lebensbuch ist eine bezaubernde Meditation über Mensch und Natur, über Zeit und Verlust, über die Liebe und die Erinnerung.

Paul Harding erhielt zu Recht den begehrten Pulitzer-Preis für Literatur im Jahr 2010.
Die begehrte Auszeichnung wurde ihm mit der Begründung überreicht, dass dieser Roman eine „kraftvolle Feier auf das Leben“ sei. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

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sektengründer, deutsch-neuguinea, abenteuer, strand, glückssucher

Das Paradies des August Engelhardt

Marc Buhl
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Eichborn, 25.02.2011
ISBN 9783821861487
Genre: Romane

Rezension:

August Engelhardt wurde 1875 in Nürnberg geboren, absolvierte eine Apothekenhelferlehre und schloss sich mit vierundzwanzig Jahren der Vereinigung „Jungborn“ für naturnahes Leben an. Die Grundprinzipien dieser Gruppierung waren Vegetarismus und Nudismus. Als die Vereinigung im strengen wilhelminischen Deutschland wegen gesetzeswidriger Unsittlichkeit aufgelöst wurde, reiste Engelhardt im Herbst 1902 nach Deutsch-Neuguinea, um dort seine Vorstellungen eines naturverbundenen Lebens zu realisieren. So ließ er sich als einziger Weißer auf der Insel Kakabon im Pazifik nieder, wo er eine Kokosplantage von 75 ha erwarb. Dort verzichtete er vollständig auf Kleidung, ernährte sich ausschließlich vegetarisch, vorrangig von Kokosnüssen und entwickelte eine Philosophie, die zunehmend religiöse Züge annahm. Schon bald fand sich in dem Musiker Max Lützow ein erster Anhänger, der dem Brief Engelhardts folgte und zur Insel reiste.
Die dortigen Eingeborenen achteten und respektierten ihn. Der wenig später von Engelhardt gegründete Sonnenorden lebte nach der Maxime, dass die Sonne der verehrungswürdigste Quell allen Lebens sei und die Kokosnuss die Frucht ist, die der Sonne am nächsten wächst und darum die vollkommenste Nahrung des Menschen.. Diese Anschauung, Kokovorismus genannt, gipfelte in Engelhardts Aussage, der ständige Verzehr von Kokosnüssen führe den Menschen in einen gottähnlichen Zustand der Unsterblichkeit: „Licht ist Geist und Wärme ist Liebe. Er lebte in Gott, dem Gott des Lichts, Vater Helios, und betete ihn an, hüpfend, statt vor ihm auf den Knien herumzurutschen, wie es die Christen in den Ländern des Winters taten.“

Doch was harmonisch begann, sollte sich bald ins Gegenteil verkehren. Als weitere Menschen aus Deutschland anreisten, bekam die Utopie der Siedlungsgemeinschaft erste Risse. Der Sonnenorden mit der romantischen Vorstellung eines Daseins im Frieden mit der Natur begann am menschlichen Streben nach Macht und Anerkennung zu zerbröckeln. Und als noch Liebe, Neid und Eifersucht mitmischten ist er ausgeträumt, der Traum von Freiheit und Unabhängigkeit. Basierend auf den historischen Personen und den kuriosen Fakten entwirft Marc Buhl ein fesselndes und einfühlsames Bild des Aussteigers und ersten Hippies August Engelhardt. Der Autor schildert eine farbenprächtige Geschichte voller Abenteuer, schillernder Figuren und haarsträubender Ereignisse. Augenblicklich wird man in die hier geschilderte Welt hineingezogen; in die Welt eines Romantikers und Menschheitsbeglückers, der sich durch nichts und niemanden abschrecken ließ. Die Ausdauer der Hauptperson ist bemerkenswert und seine Fähigkeit alle möglichen Qualen zu ertragen, kaum zu glauben. Ein Buch dass durchaus neben großen literarischen Abenteuerromanen wie Defoes: „Robinson Crusoe“, T.C. Boyles: „Wassermusik“ oder Kehlmanns „Vermessung der Welt“ bestehen kann.

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50 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 8 Rezensionen

tod, sterben, vater, karl ove knausgard, familie

Sterben

Karl Ove Knausgård , Paul Berf
Fester Einband: 574 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 08.03.2011
ISBN 9783630873510
Genre: Romane

Rezension:

„Sterben“ ist der erste von sechs Bänden eines autobiographisch angelegten Romanzyklus. Der norwegische Autor Karl Ove Knausgard legt Rechenschaft ab, stellt schonungslos sein eigenes Leben vor und lässt glücklicherweise dabei die Hosen an. „Sterben“ widmet sich vorrangig den Kindheits- und Jugenderinnerungen und beschreibt detailliert das schwierige Verhältnis zu seinem Vater und dessen frühen Tod. Gewöhnliches und Ungewöhnliches findet sich hier gleichermaßen. Es ist eine klassische, rebellierend verlaufende Adoleszenzgeschichte von Musik, Pickeln, Bier, dem Anderssein wollen und den ersten sexuellen Beunruhigungen. Das Ungewöhnliche daran ist, mit welchem Mut der Autor sich offenbart, ohne peinlich zu werden und wie er sich den Ungehemmtheiten stellt, die nur allzu oft in späteren Jahren als Banalitäten entlarvt werden. Gerade dieses schriftstellerische Verfahren, Kindheit und Jugend aufrichtig mit der heutigen Individualität und Lebensreife des Autors in Beziehung zu setzen und zu versöhnen, macht den Reiz des Buches aus. Denn dieser Wechsel zwischen unspektakulären autobiografischen Betrachtungen aus der Vergangenheit und der ergreifenden Offenheit, dabei über das Leben in den drastischen Momenten der Gegenwart zu philosophieren, Betrachtungen über den Tod mit einzubeziehen, entwickelt einen unglaublichen Sog.
Die Erinnerungen bilden einen gleichmäßigen Strom, durch dessen Fließen der Autor unterschwellig das Unterbewusstsein des Lesers berührt.
Besonders die Schilderungen und Reflexionen über Kunst, Tod und Vergebung zeigen das Können des Autors. Die kunstgeschichtlichen Betrachtungen zu Edward Munch verdienen besondere Hervorhebung. Die Kunstfertigkeit, mit der der Mittvierziger Knausgard hier sein Leben beschreibt, mit all der Nachdenklichkeit und Verletztheit, weckt Erinnerungen an eigene Erlebnisse; manchmal beschleicht einen das Gefühl, als lese man in seinem eigenen Leben. Die bewegenden Momente, seien sie auch noch so beiläufig, machen deutlich, dass wir die Summe vergangener Erfahrungen sind, dass wir aus Denken, Fühlen, Reden und Handeln das entwickelt haben, womit wir uns heute identifizieren und was zu unserer Wirklichkeit geworden ist: kämpfen, scheitern, aufgeben, sterben, um neu anzufangen. Der Mensch ist geworden, was er erlebt, ist aber niemals fertig; und als Werdender, kann er jederzeit die Richtung und den Blickwinkel seines Lebens ändern.

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17 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

yakuza, japan, yakushima, tokio

Number 9 Dream

David Mitchell , Volker Oldenburg
Fester Einband: 536 Seiten
Erschienen bei Rowohlt, 08.03.2011
ISBN 9783498045135
Genre: Romane

Rezension:

Der neunzehnjährige Eiji Miyake kommt aus dem ländlichen Japan nach Tokio, um seinen Vater zu suchen, der die Familie früh verlassen hat.
Auch zu seiner Mutter, die seit Jahren Alkoholikerin ist, hatte er lange Zeit keinen Kontakt mehr. Mit seiner Zwillingsschwester wuchs Eiji bei der Großmutter auf. Bei der Suche nach Informationen zu seinem Vater, verstrickt sich der neunzehnjährige Eiji in unterschiedlichen Bewusstseinserlebnissen. In Tokio befindet er sich nun in einem Irrgarten voll rätselhafter Zeichen, wovon eines der Song von John Lennon „Number 9 Dream“ ist.

Der ohne erkennbare Grenze zwischen Realität und Fantasie abwechselnde Roman, schildert den aberwitzigen Trip des Jungen durch berauschende Traumgebilde, surrealen PC-Spiel-Identitäten und digitalen Cyberwelten.
Was den englischen Autor David Mitchell vor allem auszeichnet, sind seine komplexen Romanstrukturen, die originell miteinander verwoben sind.

Mit seiner überbordende Fantasie, dem schwindelerregenden Einfallsreichtum und seiner experimentierfreudigen Erzählweise weckt er beim Leser nur allzu gerne falsche Hoffnungen und legt Fährten, die im Nirwana enden. Die atemberaubenden Weltentwürfe und abstrusen Ereignisse zeigen wieder einmal die bemerkenswerten Qualitäten des Autors. Mit temporeicher Handlung und polyphonen Dialogebenen schmiedet er stets eine Kausalkette von Ursache und Wirkung.
Das fordert dem Leser erhöhte Aufmerksamkeit ab und ist natürlich nicht immer einfach zu lesen, aber wenn man sich darauf einlässt, wird man regelrecht mitgerissen und Augen reibend stellt man sich die Zeilen aus dem titelgebenden John Lennon Song: „Was it in a dream, was it just a dream? I know, yes I know - Seemed so very real, it seemed so real to me.”

“Number 9 Dream ist eine kaleidoskopische Mischung aus Cyber-Thriller, Fantasy und Matrixroman. Nicht nur Haruki Murakami Lesern empfohlen.

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96 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 14 Rezensionen

internat, irland, pubertät, freundschaft, dublin

Skippy stirbt

Paul Murray , Martina Tichy , Rudolf Hermstein , Martina Tichy
Buch: 779 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 10.01.2011
ISBN 9783888977008
Genre: Romane

Rezension:

Schauplatz ist das katholische Internat Seabrook College in Dublin.
Der übergewichtige Ruprecht teilt sich ein Turmzimmer mit der Daniel, der wegen seiner vorstehenden Zähne Skippy genannt wird. Eigentlich interessiert sich niemand so richtig für die beiden doch während eines Doughnuts Wettessens mit Ruprecht stirbt Skippy gleich zu Anfang des Buches. Soviel sei verraten: das viel zu frühe Ableben des sympathischen Daniel hat ganz andere Gründe. Der Rest des Romans entlarvt nun Seite für Seite die Hintergründe, die zu diesem viel zu frühen Tod geführt haben. Und genau darin liegt die Qualität des Romans: nur vordergründig handelt es sich hier um einen Internatsgeschichte, die vom Erwachsenwerden, von Schülerstreichen und ersten Freundinnen erzählt. Denn irgendwann bleibt einem das Lachen im Halse stecken und das ganze Grauen wird aufgedeckt. Von Unterdrückung und Überwachung katholischer Priester und ihren rigiden Erziehungsmethoden durch Demütigungen und Kränkungen bis hin zu sexuellen Kindesmissbrauch.

Paul Murray rechnet ab und das mit guten Grund.
Dem Autor gelingt eine treffende und detaillierte Schilderung der verheerenden Zustände vieler Schulen und Internate im 21. Jahrhundert. „Skippy stirbt“ ist in drei Teile unterteilt: „Hopeland“, „Heartland“ und Ghostland“ und beschreibt ungeschminkt die Geschichte des Alltags von Schülern eines Internats. Auch wenn der Roman in Dublin spielt und Irlands Weg im Umbruch zwischen Tradition und Moderne, zwischen Identitätsverlust und Neuorientierung zum Thema hat, könnte diese „Coming of Age“ Geschichte durchaus an jedem anderen Ort dieser Welt spielen. Die stimmigen Darstellungen und Zusammenhänge werden klug, warmherzig und drastisch vor Augen geführt.
Paul Murray setzt auf eine direkte und klare Sprache und verliert sich dabei nicht in Andeutungen und unnötigen Ausschmückungen.
Hier wird von schwierigen familiären Verhältnissen, von Drogen, Magersucht und sexuellen Übergriffen genauso direkt und unprätentiös erzählt wie von den Hoffnungen, von Loyalität, erster Liebe und freundschaftlichem Zusammenhalt. Skippy stirbt ist eine spannende Geschichte vom Erwachsenwerden, von Wahrheit und Lüge und der Scheinheiligkeit der Gottesmänner. Ein Roman von satirischer Schärfe und lebensechtem Tiefgang.

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85 Bibliotheken, 3 Leser, 4 Gruppen, 23 Rezensionen

new york, kiffen, chronic city, astronautin, manhattan

Chronic City

Jonathan Lethem , Johann Ch Maass , Michael Zöllner , Johann Ch Maass
Fester Einband: 490 Seiten
Erschienen bei Tropen, 21.02.2011
ISBN 9783608501070
Genre: Romane

Rezension:

Chronic City ist der mittlerweile achte Roman des in Deutschland noch immer recht unbekannten amerikanischen Autors Jonathan Lethem.
Im Mittelpunkt stehen Chase Insteadman, ein ehemaliger TV-Serien Kinderstar, der eine sehr ferne Fernbeziehung zu seiner im Weltall festsitzenden Astronautin und Freundin Janice Trumball hat. So erhält er immer wieder mal Liebesbriefe aus dem All. Auf der Erde aber hat er ein heimliches Verhältnis mit Oona Laszlo, die ihr Geld als Ghostwriterin verdient und Autobiografien für Randexistenzen schreibt. Chase spricht nebenbei Audiokommentare für DVD-Veröffentlichungen recht obskurer Filmwerke. Dort, in den baufälligen Hallen der Produktionsfirma, lernt Chase Perkus Tooth kennen. Perkus Tooth ist ein früh gealterter Bohemien, der früher mit seiner Kunst in Manhatten für Aufsehen sorgte, jetzt aber als aussortierter und reichlich kiffender Rockjournalist sein Leben fristet. Da verwundert es nicht, dass er ständig mit rasenden Kopfschmerzen zu kämpfen hat. Beide sind gern gesehene Gäste auf rauschhaften High Society Partys und mondänen Abendveranstaltungen Manhattans, bei denen auch schon mal Lou Reed oder Laurie Anderson auftauchen können. Dann gibt es da noch einen alles fressenden Tiger, der durchaus eine Metapher für eine Tunnelbohrmaschine sein könnte und das Kaldron – eine merkwürdige Keramik, nach der sich Chase und Perkus im Internet umtun. Es ist ein Gefäß mit strahlender Anziehungskraft, welches in der Machtzentrale des Bürgermeisters steht. Auf sehr filmische und musikalische Art erzählt Jonathan Lethem von den nächtlichen Ausschweifungen der New Yorker Gesellschaft.
Die schillernden Charaktere lassen einen sofort an das New York des schwulen Dandys Quentin Crisp oder die Dekadenz eines Tom Wolfe denken, aber auch an Dorothy Parker oder Paul Auster. „Chronic City ist ein pralles und überbordendes Buch über Schein und Realität, über Medien und Manipulation, über Täuschung und Sehnsucht und das ist alles wild durcheinander gewürfelt. Daher kann man dieses Buch auf sehr verschiedene Arten lesen und interpretieren. Wahrscheinlich ist es aber auch eine Abrechnung mit den Finanzmärkten und dem entfesselten Kapitalismus ebenso wie ein Roman über den Kunstbetrieb, Vermarktung und über das Klauen von Ideen und Identitäten.
Dennoch wirken der Eskapismus dieser geschilderten Welt, die skurrilen Einfälle und Exzentrik dieser Gesellschaften nicht wirklich neu und etwas recycelt.

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34 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

mord, schwarzer humor, scrabble, kunst, wahnsinn

Fischnapping

Tim Binding , Ulrike Wasel , Klaus Timmermann
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Mare Verlag, 14.02.2011
ISBN 9783866481329
Genre: Romane

Rezension:

Bereits mit dem vor zwei Jahren erschienenen Buch „Cliffhanger“ hat uns der britische Autor Tim Binding schon ziemlich an der Nase herumgeführt.
Jetzt treibt er es mit „Fishnapping“ auf die Spitze. Er hält uns zum Besten, gibt erneut ordentlich Butter bei die Fische und dass ist so abenteuerlich, aberwitzig und vergnüglich, dass man nicht mehr aufhören will zu rätseln, geschweige denn zu lesen. Nicht umsonst ist dem Autor bereits der Titel als König der Krimi-Komödie verliehen worden. In „Fishnapping“ wimmelt es wieder von skurrilen Figuren, die in hanebüchene Situationen geraten. Da endet so manche Szene im Slapstick, doch die Spannung geht dabei glücklicherweise nicht verloren.

Da „Fishnapping“ die Geschichte von „Cliffhanger“ weiter erzählt, ein paar Worte zur Handlung: In „Cliffhanger“ schubste Al Greenwood seine vermeintliche Frau im gelben Regenmantel von den Klippen. Als er allerdings nach der Tat nach Hause kam, saß sie auf dem Sofa vor dem Kamin. Somit konnte sie nicht das Opfer gewesen sein. Blöderweise hielt sich die Frau des auf diesen Fall angesetzten Kommissars Rump ebenfalls im gelben „Friesennerz“ ganz in der Nähe auf. Al ist sich nun sicher, dass er die Frau des Kommissars ermordet hat, hinter Gittern muss er allerdings wegen des Mordes an seiner unehelichen Tochter.

„Fishnapping“ beginnt nun mit dem Moment, als sich seine Frau eines Besseren besinnt und den Mord an der Tochter gesteht. Al wird entlassen und die Frage, wen er denn nun damals die Klippen hinunter schubste, stellt sich ihm aufs Neue. Die Frau des Kommissars, die tot geglaubte Michaela Rump jedenfalls ist quicklebendig. Ausgerechnet jetzt kehrt auch noch die zweite Tochter aus Australien zurück, um den Tod ihres Verlobten aufzuklären. Der Verlobte war damals bei einer Bergwanderung mit Al verunglückt.

„Fishnapping“ ist eine wunderbar an den Haaren herbeigezogene Krimikomödie, bei der Kenner des schwarzen, englischen Humors auf ihre Kosten kommen. Auch wenn einige Zusammenhänge etwas zu dick aufgetragen sind und manches Frauenbild klischeehaft erscheinen mag, überraschen die zahlreichen Verwicklungen und Wendungen und die Pointen zappeln nicht lange im Netz der Erzählkunst. Wohl aber der namensgebende Koi-Karpfen, der aus erpresserischen Absichten heraus entführt werden soll und auch bereits in „Cliffhanger“ eine nicht unwesentliche Rolle gespielt hat.

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64 Bibliotheken, 3 Leser, 3 Gruppen, 15 Rezensionen

brüder, new york, blind, usa, amerika

Homer & Langley

E.L. Doctorow , Gertraude Krueger
Fester Einband: 219 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 30.12.2010
ISBN 9783462042986
Genre: Romane

Rezension:

Wie bereits in seinen Romanen „Ragtime“ und „Der Marsch“ ist auch der neue Roman des achtzigjährigen amerikanischen Schriftsteller E.L. Doctorow in einen historischen Kontext eingebettet.
Homer und Langley, Söhne der wohlhabenden New Yorker Patrizierfamilie Collyer, sind
nach ihrem Tod im Jahre 1947 tatsächlich in die Schlagzeilen geraten. Als man damals einem Hinweis nachging und das von den Collyer-Brüdern bewohnte Haus räumte, mussten sage und schreibe über hundert Tonnen Müll entsorgt werden. Dieser Roman verbindet meisterhaft historische Fakten um die Legendenbildung des seltsamen Bruderpaares mit der Geschichte der Vereinigten Staaten des beginnenden 20. Jahrhunderts.
Die chronologisch erzählte Geschichte, die unaufgeregt und stringent aus der Perspektive Homers geschildert wird, lässt mit dem Beginn des ersten Weltkrieges, die Katastrophe über die Familie hereinbrechen.
Langley kehrt aus den Schützengräben nach Hause zurück, traumatisiert und von einem Senfgasangriff gezeichnet. Homer verliert wenig später durch eine Krankheit sein Augenlicht und die Eltern werden von der Spanische Grippe, der verheerendsten Pandemie des 20. Jahrhunderts, dahingerafft.

So leben Homer und Langley fortan zurückgezogen und von der Außenwelt abgenabelt im Haus ihrer Eltern. Von den anfänglichen Versuchen ein Tanzcafe zu betreiben kommen sie schnell wieder ab. Ein unfreiwilliger Kontakt mit der New Yorker Mafia beschleunigt ihre Entwicklung zu einer anarchischen und nihilistischen Lebenseinstellung der Verweigerung. Eines Tages jedoch nistet sich für kurze Zeit eine Hippie-Kommune ein und das Chaos nimmt neue Dimensionen an. Dabei erliegt Homer den Verführungskünsten einer jungen Frau, für die er auch so etwas wie Gefühle entwickelt und die ihn für kurze Zeit sein Alter vergessen lässt.
Die beiden Einsiedler können kaum noch ihre Alltagsaufgaben organisieren, die exzessive Sammelwut und das Horten von Gegenständen nehmen zusehends krankhafte Züge an. Homer und Langley verschanzen sich in den Gemäuern ihrer Wahrnehmung.
Unfähig zwischen Brauchbarem und Unbrauchbarem, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden, türmen sich Bücher, Musikinstrumente, Bügeleisen, Schreibmaschinen, Radios und Fernsehgeräte oft in mehrfacher Ausführung in den Gängen und Räumen des Hauses.
Die Ohnmacht gegenüber der gesamten Welt da draußen, mit der die beiden stets im Streit liegen, zeigt sich besonders in Bergen von unbezahlten Rechnungen, Mahnbescheiden und Gerichtsvorladungen. Darüber hinaus arbeitet Langley noch an der Idee einer Traumzeitung, von der nur eine einzige Ausgabe erscheinen soll. Dafür sichtet er täglich bis zu zehn Zeitungen und sieht sich mit der wahnwitzigen Idee konfrontiert, aus ganzen Jahrgängen von Tageszeitungen die entscheidenden Vorfälle herauszusuchen, die zeitlos sind. So stapeln sich zu den Zeitungstürmen noch zusätzlich angelegte vorläufige Ordner, nach verschiedensten Kategorien und schlagzeilenträchtigen Reportagen sortiert.

Dem Autor gelingt es meisterhaft diese beiden seltsamen Außenseiter und Antihelden als „Archivare“ einer untergegangenen Epoche darzustellen. Wie er diese Geschichte dem Vergessen entreißt, den Collier-Brüdern eine Stimme gibt und ihnen Würde verleiht, indem er Geschichte und Fiktion in Weltliteratur verwandelt, ist absolut lesenswert.
Ein traurig-schauriges Bravourstück von der Kehrseite des „American Way of Life“

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