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16 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

selbstmord, hospiz, erbe, villa, geschwister

Ludwigshöhe

Hans Pleschinski
Fester Einband: 578 Seiten
Erschienen bei Beck, C H, 22.08.2008
ISBN 9783406576898
Genre: Romane

Rezension:  
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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

russland, tschernischevskij, oktoberrevolution, politik, literatur

Die Gabe

Vladimir Nabokov
Flexibler Einband
Erschienen bei Rowohlt TB., 01.05.1999
ISBN 9783499139024
Genre: Romane

Rezension:

Je öfter ich Nabokov lese, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass mir nur die Hälfte seines Werkes liegt. Leider kann man es nicht nach den bekannten Perioden einteilen. Nach dem grandiosen "Leben des Sebastian Knight" (The Real Life of Sebastian Knight")- dem ersten Roman, den er auf Englisch verfasste - war ich angefixt, wechselte dann ins russische Frühwerk - "Einladung zur Enthauptung" (Priglaschenie na kasn') - eine seltsame Erfahrung. Also wieder zurück zum englischen Spätwerk - "Verzweiflung" ("Despair") - eine noch seltsamere Erfahrung. So verstaubten die nächsten fälligen Nabokovs im Regal. Ein Versäumnis, das mir jetzt wieder ganz deutlich vor Augen getreten ist, nach der Lektüre von Nabokovs letztem auf Russisch geschriebenen Roman "Die Gabe" ("Dar"). In dem 600 Seiten und fünf Kapitel umfassenden Erzählwerk wird von dem russischen Emigranten Fjodor Godunow-Tscherdynzev berichtet, der im Berlin der Zwanziger Jahre ein kärgliches Dasein fristet, das er vollständig dem bohèmienhaften Leben und dem Schreiben unterordnet. Nabokov schildert im ersten Kapitel den Einzug Fjodors bei der Zimmerwirtin Klara Stoboi, dann erfahren wir einiges über die Kindheit Fjodors und zwar anhand seiner erfolglos publizierten und etwas unbeholfenen Gedichte. Fjodor stammt aus gutem Hause, ist eigentlich Graf, aber durch die Oktoberrevolution vollständig verarmt und in die Diaspora gezwungen. Sein Vater, dessen Leben das zweite Kapitel skizziert, ist ein berühmter russischer Naturforscher, der die halbe Welt bereist hat und bei Ausbruch der russischen Unruhen in den Weiten Asiens verschwand.

Fjodor lebt nun von der Hand in den Mund, gibt Stunden in den zahlreichen Sprachen, die er wegen seiner aristokratischen Erziehung beherrscht, und lehnt gerne auch mal einen Übersetzungsauftrag ab, weil ihm Übersetzungen ins Deutsche so sehr zuwider sind. Überhaupt ist festzustellen, dass Fjodor mit Deutschland nichts anfangen kann (es gibt einen sehr schönen Abschnitt, in dem er in der Straßenbahn sitzt und die ganzen Nachteile der Deutschen aufzählt), sondern dem verlorenen Paradies des zaristischen Russland nachhängt.
Ein erstes Romanprojekt über den eigenen Vater scheitert, doch nach einiger Zeit hat Fjodor die grandiose Idee das Leben des russischen Hardcore-Utilitaristen Nikolaj Tschernischevskij nachzuzeichnen, der mit seinem Roman "Was tun?" (Schto delat') und seiner protonaturalistischen Ästhetik zu einem der Säulenheiligen des sozialistischen Realismus wurde. Das vierte Kapitel referiert Fjodors Buch, das erwartungsgemäß voller Spott ist und im fünften Kapitel eine große Debatte in russischen Emigrantenkreisen hervorruft.

Nabokov ist sprachlich ein wahrer Meister. Kompositorisch ist er sicher gewöhnungsbedürftig, man muss den verschlungen Arabesken des Denkens seiner Hauptfiguren folgen und sich ab und an darauf einstellen, dass sich die letzten fünf Seiten nicht wirklich zugetragen haben, sondern ein fiktives Gespräch im Kopf Fjodors waren.
Nabokov ist außerdem sehr belesen und ein großer Kenner (nicht nur, aber vor allem) der russischen Literatur. Ein ausführlicher Anhang macht die vielen Anspielungen, die sich in dieser Hinsicht in Nabokovs Texten finden bei den Rowohlt Taschenbüchern dankenswerterweise leicht nachvollziehbar. Es schadet aber auch nichts, zusätzlich noch eine russische Literaturgeschichte neben sich liegen zu haben. Über die Berliner Bohème lernt man bei Nabokov nichts, zu sehr ist sein Blickwinkel eingeengt auf die russische Emigrantenszene, die international besser vernetzt ist als mit der ortsansässigen deutschen Kunstszene.

Nabokov zu lesen ist immer ein Spiel, es ist nichts für den ökonomischen Leser, nichts für jemanden der keine Exkurse mag. Allerdings sind die Exkurse bei Nabokov fundiert und kurzweilig. Und (s.o.) man sollte natürlich gerade zum Einstieg die weniger symbolhaften Texte erwischen. Vielleicht werden sich mir bei einer Zweitlektüre auch noch die anderen besser erschließen, für den Augenblick bin ich glücklicher mit der süffigen und angenehm dünkelhaften Prosa, wie sie in "Die Gabe" zur Vollendung gebracht ist.

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Tags: emigration, literatur, oktoberrevolution, politik, russland, tschernischevskij   (6)
 

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72 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

liebe, england, krieg, ian mcewan, verrat

Atonement

Ian McEwan ,
Flexibler Einband: 371 Seiten
Erschienen bei Vintage, 02.05.2002
ISBN 9780099429791
Genre: Romane

Rezension:  
Tags: phantasie, pubertät, schuld, sühne, zweiter weltkrieg   (5)
 

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16 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

geld, raub, wirtschaft, moral, millionen

Millionen

Frank Cottrell Boyce , Salah Naoura
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Carlsen, 25.10.2006
ISBN 9783551355676
Genre: Kinderbuch

Rezension:  
Tags: geld, glück, moral, tod   (4)
 

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kurzprosa, christoph ransmayr, der weg nach surabaya, uni, fischer verlag

Der Weg nach Surabaya

Christoph Ransmayr
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 01.03.1999
ISBN 9783596142125
Genre: Romane

Rezension:

"Der Weg nach Surabaya" versammelt Reportagen, Dankesreden und andere kleine Prosa, die Christoph Ransmayr zu verschiedenen Gelegenheiten über 25 Jahre hinweg veröffentlicht hat. Die Reportagen erschienen in Zeitschriften wie Geo, Merian oder TransAtlantik und sind daher vor allem Reiseberichte. Die Dankesreden zu einigen seiner Prämierungen umfassen unter anderem den kleinen titelgebenden Text, der von einer Lastwagenfahrt in Indonesien erzählt, auf der Christoph Ransmayr den Reisenden in einer Sprache vorliest, die sie im Gegensatz zu ihm verstehen. Ein skurriles fait divers mit genügend Platz für Gedanken zur Kommunikation.

Besonders haben mir die Reportagen gefallen. Den Einstieg macht ein Bericht über Hooge, die kleinste der Halligen, und ihre Geschichte. Ransmayr befragt einfache Leute ebenso wie die örtlichen Würdenträger, und es gelingt ihm, aus seinen Beobachtungen immer nachdenklich stimmende Pointen herauszuarbeiten. So ist der Bericht über Hooge unter anderem eine Reflexion auf die Unumkehrbarkeit der Zeit. Ähnliches gilt für den Bericht über die Kontruktion der Talsperren im österreichischen Kaprun, mit deren Ingenieur Ernst Rotter sich Ransmayr lange unterhalten hat. Jener äußert dabei den denkwürdigen Satz: "Seltsam, in der Mitte des Lebens zu stehen und dabei zu wissen, dass alles, was noch kommt, nur das Kleinere und Unbedeutendere sein kann." Was Ransmayr über diese Portraits gelingt, ist nicht zuletzt, eine Weisheit des Volkes zu übermitteln, die nicht immer und nicht überall, manchmal aber eben doch in ganz erstaunlichem Maße vorhanden ist. Er idealisiert dabei nicht das einfache Dorfleben - weit davon entfernt und ganz im Gegenteil. So ist zum Beispiel sein Portrait von "Habach. Ein Andachtsbild aus Oberbayern" alles andere als schmeichelhaft. Aber einfache Vorurteile werden auch hier nicht bedient, vor allem wenn Einsiedler wie Josef Werwein aus Habach in einer späteren Reportage über die Rolle des Fernsehens an den verschiedensten Orten Europas wieder vor- und zu Wort kommen und dabei ganz anders wirken...

Ransmayr ist befasst mit den Rändern, aber manchmal eben auch mit dem Typischen, das irgendwie randständig und exzentrisch wirkt. Sicherlich kann man nicht sagen, dass alle Texte gleich stark oder gleich pointiert sind, das ist in einem solchen Sammelband, dessen Texte außerdem zu sehr verschiedenen historischen Momenten (1979-1996) entstanden sind, auch kaum zu erwarten. Ransmayrs Prosa besticht aber auch in diesen Miniaturen mit derselben Überlegtheit und Sachlichkeit, die ich aus seinen Romanen kenne und über alles liebe.

Mein Lieblingsstück ist das einer Busreise zur exilierten Habsburger Kaiserin Zita anlässlich ihres 90. Geburtstags, in dem er mit einer unglaublichen Subtilität und ohne Häme die österreichische Obsession mit der untergegangenen Donaumonarchie greifbar werden lässt. Ransmayr verwebt hier überaus geschickt die Selbstbeobachtung mit der Beobachtung der wallfahrenden Monarchisten und garniert das ganze noch mit einer Zusammenfassung der Geschichte des Hauses Habsburg, der Geschehnisse um das österreichische Habsburgergesetz und mit einer Unterhaltung mit dem Historiker Friedrich Heer, der seine persönliche Analyse dieses ganzen kulturell so eminent wichtigen Komplexes vorträgt. Ransmayr ist ein spür- und sichtbarer, dabei aber immer erstaunlich unparteiischer Chronist, eine Leistung, die ich gar nicht genug würdigen kann.

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Tags: europa, kleine prosa, randständigkeit, reise   (4)
 

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53 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 10 Rezensionen

schule, mobbing, freundschaft, sprache, moby dick

Nennt mich nicht Ismael!

Michael Gerard Bauer
Fester Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Hanser, 09.02.2008
ISBN 9783446230378
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Ishmael Leseur leidet unter seinem Namen, denn er ist, seit er in der neunten Klasse ist ein ständiger Quell des Hohns von Seiten des Klassenbullys Barry Bagsley. Ishmael ist ein typisches Opfer, bis James Scobie in die Klasse kommt, ein kleiner gedrungener Junge mit auffälligen Ticks, einer irritierenden Ordnungsmanie und einer messerscharfen Sprache. Und: Er kann seit einer Operation, bei der ihm ein Gehirntumor entfernt wurde, keine Angst mehr fühlen. Mit James Hilfe gelingt es Ishmael, sich aus seiner Außenseiterposition herauszuarbeiten, doch als James eines Tages nicht mehr im Unterricht erscheint, schikaniert Barry Bagsley seine Lieblingsopfer wieder schlimmer als jemals zuvor. Und Ishmael ist in der Lage, Angst zu spüren. Hat er von seiner Zeit mit James auch gelernt, wie man diese Angst ohne Hirn-OP überwinden kann?

Michael Gerard Bauer gehört zu einer ganzen Reihe sehr geschickter und literarisch durchaus anspruchsvoller australischer Jugendbuchautoren. Nach einigen begeisterten Rezensionen und ein paar enthusiastischen persönlichen Tipps, musste ich einfach sehen, was an ihm dran ist.
"Don't call me Ishmael" ist ein ausgezeichnetes Jugendbuch, der Zeigefinger bleibt auch in brenzligen Situationen unten, die Sprache ist heutig, aber nicht aufgesetzt jugendlich, die Charaktere sind liebenswert mit all ihren Schwächen. Inhaltlich ist das Buch in den großen Linien zwar recht erwartbar, den Unterschied machen aber dessen Aufteilung und die Fähigkeit Bauers, Ishmaels Entwicklung glaubwürdig, das heißt nicht zu glanzvoll darzustellen und trotzdem ein fast vollkommenes Happy End hinzulegen. Vielleicht wäre das - auch in einem Jugendbuch - nicht ganz so vollständig nötig gewesen, insgesamt hat es mich allerdings nicht gestört. Ein Autor, den man im Auge behalten muss, dieses zweite Buch war sicher noch nicht sein letztes Wort.

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Tags: gewalt, macht, mut, schule, sprache   (5)
 

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monogamie, ehe, religion, verantwortung

The English Harem

Anthony McCarten
Flexibler Einband: 398 Seiten
Erschienen bei Trafalgar Square, 02.02.2007
ISBN 1846880009
Genre: Comics

Rezension:

Die 20jährige Kassiererin Tracy Pringle verliert ihren Job, weil sie vor lauter Tagträumerei einen unter ihrer Nase stattfindenden Ladendiebstahl übersieht. Sie muss schleunigst neue Arbeit finden, um die prekäre finanzielle Situation zu Hause nicht noch zu verschärfen: Ihr Vater Eric ist arbeitslos, seit bei der Explosion eines Gastanks sein Fußgelenk zerschmettert wurde, und ihrer hart arbeitenden Mutter kann nicht noch mehr Last aufgebürdet werden, als sie als Erzieherin in einer Vorschuleinrichtung ohnehin schon trägt.
Tracy macht sich auf und findet dank ihrer Hartnäckigkeit einen Job in dem vegetarischen Restaurant "Taste of Persia", das von dem etwa 50jährigen Sam Sahar geführt wird. Tracy wird schnell zu einem unverzichtbaren Mitglied der Belegschaft des Restaurants. Auch mit Sam, dessen Frau Yvette ebenfalls im "Taste of Persia" bedient, versteht sie sich immer besser. Als eines Tages Sams kleiner Sohn Mohamad im "Taste of Persia" erscheint, macht Tracy allerdings ein paar Entdeckungen: Yvette ist nicht die Mutter von Sams Kindern, die gehören der schönen Firouzeh, ehemalige Frau von Sams jüngerem Bruder, der bei einem Bombenattentat im Irak ums Leben gekommen ist. Außerdem sind die Kinder eigentlich Sams Neffen. Und Yvette ist auch nicht Sams einzige Frau, Firouzeh ist ebenfalls mit ihm verheiratet.
Nach einer anfänglichen Verwirrung gewöhnt sich Tracy an dieses häusliche Arrangement und mehr als das. Denn nach und nach beginnt sie sich in den charmanten und weltgewandten Sam zu verlieben. Das bleibt von ihrer Umwelt nicht unbemerkt und sowohl Tracys Eltern als auch ihr ehemaliger Liebhaber Ricky Innes sind nicht gerade begeistert, als sie erfahren, dass Tracy Sams dritte Frau zu werden gedenkt. Die Gegenmaßnahmen, die ergriffen werden, zeitigen allerdings eine Menge unvorhergesehener Komplikationen.

Anthony McCarten legt mit "The English Harem" großartige und intelligente Unterhaltung vor. Ein Buch, das man kaum beiseite legen kann, voller überraschender Wendungen und allmählicher Enthüllungen. Auf sehr clevere Weise wird der Finger in die moralisierende Wunde der seriellen Monogamie gelegt. McCarten zeigt in verdichteter, aber keineswegs komplizierter oder übermäßig konstruierter Weise die Lügen und Beschönigungen, von denen dieses für die westliche Welt so selbstverständliche Konstrukt lebt. Er zeigt die Vorurteile und Obsessionen einer Gesellschaft, die gerade in diesem Punkt keine Abweichung dulden kann und sich eine eigentlich nicht sehr extravagante Familie zu einem höchst unmoralischen Swingerclub ausfantasiert.

Die Zwischentöne gelingen McCarten dabei besonders gut, etwa wenn er die voruteilsstarren Ost-/West-Fronten auflöst, indem sich plötzlich die englische Arbeiterfamilie mit der traditionell muslimischen Familie aus dem theokratischen Iran einig darüber ist, dass die Ehe zwischen Sam und Tracy nicht zu akzeptiern sei. Oder indem der übereifrige Mitarbeiter der Londoner Social Services Sebastian Partridge durch einen verführerischen Ausschnitt dazu gebracht wird, die moralische Unbedenklichkeit des Vielfrauenhaushalts vor Gericht zu bezeugen.

Rätselhaft blieb mir eigentlich nur, warum trotz allen Wissens um die Vorurteile der Umgebung, die Sahars so unglaublich störrisch auf der Benennung ihrer Beziehung als "Ehe" bestehen. In allen anderen Beziehungen sind die Figuren sehr reflektiert und voll praktischer Weisheit gezeichnet, in dieser einen Beziehung geht die Symbolik der Benennung offenbar vor dem problemlosen Zusammenleben.

McCarten macht aber durch seine Auflösung der Handlung diese Überlegungen fast schon obsolet, denn am Ende hätte auch ein weniger aufgeladenes Vokabular den Gang der Dinge nicht verändert.

Ein wirklich gelungener Roman eines jungen Schriftstellers, auf dessen weitere Bücher ich nun sehr gespannt bin.

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Tags: ehe, monogamie, religion, verantwortung   (4)
 

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31 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

schottland, außenseiter, kindheit, mord, eltern

Die Spur des Teufels

John Burnside , Bernhard Robben
Fester Einband: 254 Seiten
Erschienen bei Knaus, A, 11.02.2008
ISBN 9783813502961
Genre: Romane

Rezension:

An einem Wintertag vor langer Zeit soll im Städtchen Coldhaven an der schottischen Ostküste der Teufel dem Meer entstiegen sein, die Stadt durchwandert und sie dann in Richtung des Landesinneren wieder verlassen haben. Mit dieser Legende beginnt John Burnsides Erzählung "Die Spur des Teufels". Und ich sage es gleich zu Anfang, leider ist mir der erzählerische Grund für diese Anekdote auf den ganzen 255 Seiten nicht recht klar geworden.
Michael Gardiner ist der Sohn eines weltberühmten Fotografen und einer Künstlerin, die sich nach Coldhaven zurückgezogen haben, die aber von der Dorfbevölkerung als Zugezogene nicht angenommen, ja regelrecht schikaniert werden. Auch der kleine Michael hat es in der Schule nicht leicht. Vor allem Malcolm Kennedy entwickelt sich immer mehr zu einer kaltblütigen Nemesis für den jungen Michael. Als dieser Jahrzehnte später (er ist inzwischen unglücklich mit der schönen Amanda verheiratet) von einem eigenartigen Mord- bzw. Unglücksfall liest, in den die Schwester Malcolm Kennedys, Moira, verwickelt ist, kehren die Erinnerungen an die Kindheit bei Michael wieder. Vor einigen Jahren hatte er nämlich mit Moira eine Affäre, und dies praktisch unmittelbar im Anschluss an den Tod ihres Bruders Malcolm.

"Die Spur des Teufels" ist ein eigenartiges Buch, aber nicht im guten Sinne. Sie lässt sich an wie eine Art Thriller. Man ahnt, dass Michael in irgendeiner Beziehung zum Todesfall Moiras und ihrer beiden Kinder stehen muss und wird auch sogleich mit einigen Details versorgt, die einen in dieser Annahme bestätigen. Es handelt sich dabei um eine recht herkömmliche Geschichte um einen vom Klassenbully gequälten Einzelgänger, der irgendwann Rache nimmt. Das liest sich alles recht flüssig, ist aber - wie erwähnt - nicht sonderlich originell. Die Story vom nicht anerkannten Zugezogenen und seinen Leiden in einem von Gott und wie wir wissen sogar dem Teufel verlassenen Nest lesen wir hier zum n-ten Male. Und wir kennen bessere Varianten.

Schlimmer wird es im zweiten Teil des Buches, in dem sich Michael Gardiner auf eine metaphysische Sühnefahrt mit der 14-jährigen überlebenden Tochter Moiras begibt. Hier brechen dann auch die Rückblenden ab und wir sehen uns eigentlich nur noch mit populärphilosophischen Überlegungen und einer keuschen Art Lolita-Geschichte konfrontiert.

Das Gute an dem Buch ist, dass es kurz ist und sich gut lesen lässt. Schlecht ist die mäßige Originalität, die zusammengeschusterte Art des Erzählens, die manche Details länglich auswalzt, andere nur andeutet, insgesamt aber leider kein Interesse an den Geschehnissen oder den Figuren zu wecken vermag. Die Kulisse Coldhavens bleibt abgeschmackt und altbekanntes Landbevölkerungs-Klischee. Und die Erkenntnisse über Natur und Herkunft des Teufels sind von einer fast schon erschütternden Banalität.

Kein unlesbares, kein abgrundtief schlechtes, einfach ein belangloses Buch.

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Tags: außenseiter, isolation, thriller   (3)
 

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18 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

irak, flucht, kurden, emigration, gotteskrieger

Das dunkle Schiff

Sherko Fatah
Fester Einband: 420 Seiten
Erschienen bei Jung u. Jung, 18.02.2008
ISBN 9783902497369
Genre: Romane

Rezension:

Kerim wächst im Irak der Kuwaitkrise als ältester Sohn eines nominell alevitischen, de facto aber atheistischen Restaurantbesitzers auf. Erzählt wird seine Lebensgeschichte, in der er zunächst ein verhätschelter und übergewichtiger Stammhalter ist. Nachdem aber sein Vater aus recht undurchsichtigen Gründen von den Handlangern Saddams ermordet wird, muss Kerim das Restaurant übernehmen. Das tägliche Einerlei hat er schnell satt. Er träumt davon, es seinem Onkel Tarik gleichzutun und nach Deutschland auszuwandern. Die Gelegenheit dazu ergibt sich unter eigenartigen Umständen: Als er auf dem Weg zu seinen Großeltern ist, wird er eines Tages von islamistischen Fundamentalisten gekidnappt, denen er sich nach kurzer Gefangenschaft halb aus Angst, halb aus Faszination anschließt. Es folgt eine Zeit, von der die Leser erst nach und nach erfahren, am Ende löst sich Kerim jedoch von den "Gotteskriegern" und nicht nur das, er stiehlt ihre gesamte Barschaft, als sie während einer Razzia durch die Amerikaner im allgemeinen Tumult kurz unbeaufsichtigt ist. Ausgestattet mit diesem kleinen Vermögen kehrt er zunächst zu seiner Familie zurück und nimmt das Geschäft wieder auf, doch längst ist in ihm der Entschluss gereift, mit Hilfe des gestohlenen Geldes die Auswanderung nach Deutschland zu bezahlen.

Ich hatte von Sherko Fatah bis zu seiner Nominierung zum diesjährigen Deutschen Buchpreis nichts gehört, dabei ist "Das dunkle Schiff" nicht der erste Roman, mit dem er Aufsehen erregt. Bereits 2001 erhielt er für seinen Erstling "Im Grenzland" den Aspekte-Literaturpreis.

"Das dunkle Schiff" geistert als moderner Abenteuerroman mit all seinen Varianten durch die Feuilletons: Da ist die Rede vom Schelmenroman, gar vom Entwicklungsroman, kaum eine Tradition scheint zu gewaltig für dieses Buch. Tatsächlich ist "Das dunkle Schiff" ein süffig zu lesender, dabei formell nicht wahnsinnig innovativer Roman über die Lebensgeschichte eines Emigranten. Abgesehen von den Rückblenden in Kerims Zeit bei den "Gotteskriegern" wird hier schön chronologisch ein Leben erzählt. Und ich möchte behaupten, das wäre nicht weiter interessant - wäre da nicht die Hauptfigur.

Kerim ist kein Schelm, er ist auch kein "Wilhelm Meister", wenn sein Leben auch ein bewegtes ist. Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass es im Roman keine Entwicklung gibt, die gibt es in Hülle und Fülle, und sie ist beileibe nicht nur äußerlich. Doch Kerim wird vom dicken, feigen Kind zum dicken, feigen und frustrierten Erwachsenen, zum dünnen, gläubigen Erwachsenen, zum Auswanderer, zum naiven Opfer der eigenen Passivität. Und auch das trifft es nicht vollkommen, denn Kerim ist bis zu seinem 22. Lebensjahr weitaus aktiver und wagemutiger als der durchschnittliche Mitteleuropäer. Er hat auch viel mehr erlebt und viel mehr Verantwortung getragen. Er hat sich auch verändert.

Das Geheimnis der Figur liegt aber in ihrer Gewöhnlichkeit. Kerim ist eigentlich ein Spießer, Antrieb seiner Handlungen ist eine diffuse Feigheit und das fast vegetative Interesse am eigenen Vorteil. Das Buch ist in fünf Teile unterteilt und in jedem der Teile macht sich Kerim eines feigen Verrats schuldig - nicht böswillig, einfach aus Schwäche und Selbstschutz, doch nichtsdestoweniger folgenreich für die Opfer (und für den Leser) von großer Abscheulichkeit. Man ist an solche Protagonisten nicht gewöhnt. Man ist an die Helden und an die Feigen, an die Schwachen und an die Berechnenden gewöhnt, aber nicht an die Gewöhnlichen, die in Situationen geraten, in denen für Moral kein Platz ist, und die ihr Leben, nachdem sie moralisch eklatant gefehlt haben, vielleicht auch nur aus einer Laune heraus, einfach weiterleben und das immer noch als ganz normale Menschen: Fatah zeigt in unglaublich geschickter Weise, auf welcher "moralischen" Grundlage Menschen gewöhnlich handeln.

Das Großartige an dem Buch ist, dass Kerim trotz seines oft haarsträubenden Verhaltens nie unsympathisch wirkt. Das gelingt durch die klare und lapidare Erzählweise Fatahs, der die Lesenden mit Kerim in gewisse Situationen führt, in denen für lange Reflexion meist keine Zeit bleibt. Die Verfehlungen werden aus dem Bauch heraus begangen und später nicht einmal verdrängt, sondern durchaus als Verfehlungen akzeptiert. Weder Figur noch Leser sehen eine wirkliche Alternative zu diesem Handeln. Fatah gelingt auf diese Weise der Entwurf eines unglaublich memorablen Charakters.

Gerade deshalb überzeugt mich das Ende des Buches nicht, das sich von seiner Hauptfigur passagenweise entfernt und hier oft hölzern und unbeholfen wirkt. Allerdings sehe ich die Schwierigkeit, in die der Handlungsverlauf eine so spontan angelegte Figur bei diesem Ende führen muss. So halte ich den fünften Teil des Buches zwar nicht für glücklich, aber immerhin für konsequent. Und da ich hier nicht alles verraten kann, gilt: selber lesen.

Ohne die Konkurrenz schon gelesen zu haben, wünsche ich Sherko Fatah das Vorrücken auf die Shortlist am 17. September.

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Tags: emigration, irak, moral, religion, schuld   (5)
 

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33 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

soziologie, gesellschaft, geschmack, habitus, kultur

Die feinen Unterschiede

Pierre Bourdieu , Achim Russer , Bernd Schwibs
Flexibler Einband: 910 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 19.07.2011
ISBN 9783518282588
Genre: Klassiker

Rezension:  
Tags: feld, geschmack, habitus, soziologie, symbolisches kapital   (5)
 

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51 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

alternative history, österreichische literatur, nachkriegszeit, mechanik, lager

Morbus Kitahara

Christoph Ransmayr
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 01.10.1997
ISBN 9783596137824
Genre: Romane

Rezension:

Christoph Ransmayr präsentiert in diesem Roman von 1995 eine [i]alternative history[/i]-Geschichte: Was wäre wenn nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Deutschland nicht in den Marshall-Plan einbezogen, sondern deindustrialisiert worden wäre. Dieses Gespenst ist unter dem Namen "Morgenthau-Plan" bekannt und berüchtigt, der in "Morbus Kitahara" allerdings nirgends ausdrücklich erwähnt wird.

Drei Figuren begleiten wir durch eine Welt, die zivilisatorisch zurückfällt, von Tauschhandel und Fischfang lebt, in der das Standrecht nur solange nicht herrscht, wie es dem Militär der Besatzungsmächte nicht zupass kommt.
Drei Figuren leben in dieser Welt: Bering ist der Sohn des Schmieds, der Vögel liebt und dessen erste Sprache die der Hühner ist, bevor er in die Welt der Menschen kommt und dort mit der harten Nachkriegsrealität seines heimkehrenden, geistig und physisch zerstörten Vaters konfrontiert wird. Ambras ist der "Hundekönig" und der Verwalter des Steinbruchs von Moor, so heißt die fiktive Ortschaft in den Alpen, in der die Handlung hauptsächlich angesiedelt ist.
Ambras ist Überlebender eines Lagers und von den dort erlittenen Folterungen schwer gezeichnet. "Hundekönig" wird er genannt, weil er in einer verlassenen Villa am Moorer Seeufer zusammen mit einem Rudel entlaufener und bissiger Hunde lebt, die er sich gefügig gemacht hat und die ihn wie eine Privatarmee umgeben und beschützen.
Lily ist die Tochter eines Kriegsverbrechers, der kurz vor seiner Auswanderung nach Brasilien in Moor von ehemaligen Lagerinsassen erkannt und gelyncht wurde. Sie lebt vom Tauschhandel mit Kriegsreliquien, Smaragden und Munition aus einem vergessenen Depot in den Bergen.
Bering repariert eines Tages das einzige Auto im Dorf, das dem Hundekönig gehört. Dieser nimmt in daraufhin als Leibwächter und persönlichen Diener bei sich auf. Bering verliebt sich in Lily, die häufig in der von Ambras annektierten Villa Flora verkehrt. Lily liebt weder Ambras noch Bering, mit dem sie nur während eines Rockkonzertes einmal ein paar zärtliche Momente erlebt. Ansonsten scheinen die drei viel zu sehr mit ihrem Schicksal und der zerstörten Welt beschäftigt zu sein. Tatsächlich wirken sie seelen- und gefühllos, kümmern sich um die Ausführung von Befehlen - Ambras um die der Besatzer, Bering um die Ambras' - sowie um das wirtschaftliche Überleben in dieser unwirtlichen Welt (hierfür steht vor allem Lily), in der für Moral oder Skrupel kein Platz zu sein scheint.
Der titelgebende Morbus Kitahara, die allmähliche Verfinsterung des Blicks, befällt Bering und ein auf das menschliche Auge fixierter Armeesanitäter erklärt ihm, was es damit auf sich hat: Morbus Kitahara entsteht durch das zu lange Fixieren eines Objekts, verschwindet aber normalerweise irgendwann von selbst wieder. Morbus Kitahara ist natürlich auch symbolisch zu verstehen, auf die Ausblendung bestimmter Bereiche des Lebens, die zu einer Verfinsterung der Moral führt.

Christoph Ransmayr verehre ich seit einigen Jahren schon sehr, vor allem für seinen großartigen Romanerstling "Die Schrecken des Eises und der Finsternis", in dem es um die Entdeckung des arktischen Franz-Josef-Landes durch eine österreichische Polarexpedition und um deren moderne Spiegelung geht. Mit "Die letzte Welt", einem Roman über die Exiljahre Ovids, der vom Feuilleton gefeiert wurde, wurde Ransmayr einem breiteren Publikum bekannt.
Ransmayr nimmt sich für seine Romane immer sehr viel Zeit, er hat, wenn ich richtig zähle, erst vier Romane veröffentlicht, von denen ich nun drei gelesen habe, die ich alle für sehr bemerkenswert halte, für sprachlich ansprechend, für überaus durchdacht, dabei aber keineswegs verkopft oder totsymbolisiert.
Ich weiß, dass ein Großteil des Feuilletons diese Meinung gerade in Bezug auf "Morbus Kitahara" nicht geteilt hat, dass der Roman als zu artifiziell und blutleer beschrieben wurde. Sich aber über ein "zu" zu streiten, ist stets schwierig. Nach meiner Empfindung ist dieses Buch ein sehr gelungenes, originell in der Wahl des Themas, stilistisch dabei sehr zugänglich, wenn auch nicht inhaltlich banal. Das Schicksal der drei Überlebenden des Krieges wird spannend beschrieben, man verliert nie das Interesse an den unter so feindlichen Umständen gestrandeten Figuren, die von der Vergangenheit in allem, was sie tun, geprägt sind, allerdings nicht in dem Sinne, dass sie moralisch aus ihr gelernt hätten. Die Figuren sind im Krieg und in der Gleichgültigkeit, die das eigene Leiden mit sich bringt, vollständig erstarrt. Und auch als sich Berings Blick wieder etwas lichtet, bedeutet dies nicht, dass er sich von seiner im letzten Drittel des Buches immer wieder thematisierten Wut gelöst hätte.

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Tags: alternative history, moral, nachkriegszeit   (3)
 

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9 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

wells, science fiction, zeitreise, physik

Die Rückkehr der Zeitmaschine

Egon Friedell
Flexibler Einband: 87 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 27.01.2009
ISBN 9783257201772
Genre: Science-Fiction

Rezension:  
Tags: physik, science fiction, wells, zeitreise   (4)
 

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

jemen, entführung, reiesbericht, orient

Leeres Viertel

Michael Roes
Flexibler Einband
Erschienen bei btb
ISBN 9783442722266
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

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6 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

russland, perestroika, sexualität, putin, zahlenmystik

Die Dialektik der Übergangsperiode von Nirgendwoher nach Nirgendwohin

Viktor Pelewin , Andreas Tretner
Flexibler Einband: 347 Seiten
Erschienen bei btb Verlag (TB), 03.07.2006
ISBN 9783442734948
Genre: Romane

Rezension:  
Tags: esoterik, perestroika, putin, russland, sexualität, zahlenmystik   (6)
 

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

preußen, mésalliance, ständegesellschaft, bourgeoisie

Frau Jenny Treibel

Theodor Fontane
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 01.11.2001
ISBN 9783548234250
Genre: Romane

Rezension:  
Tags: bourgeoisie, mésalliance, preußen, ständegesellschaft   (4)
 

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(30)

54 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

troja, antike, achilles, drama, amazonen

Penthesilea

Heinrich von Kleist , H Appelt , M Nutz
Flexibler Einband
Erschienen bei Reclam, Philipp, 01.01.1986
ISBN 9783150013052
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:

Heinrich von Kleist erzählt hier eine Episode aus dem Trojanischen Krieg auf seine ganz eigene Weise: Penthesilea, schöne Königin der Amazonen, wird nicht von Achill erschlagen, sondern umgekehrt. Allerdings geht dem ein ständiges Hin und Her voraus, das der Tatsache geschuldet ist, dass die Amazonen sich auf kriegerischem Wege ihren Bedarf an Männern verschaffen, diese also nicht einfach totschlagen können. Penthesileas Mutter Ortrere hat dieser nun auf ihrem Sterbebett gesagt, dass Achill der Mann für sie sei, und so kämpft Penthesilea bis zur Selbstaufgabe um ihn. Sie wird zunächst von Achill überwunden, der sich in sie verliebt und - auf das Bitten von Penthesileas engster Vertrauter Prothoe hin - vorspielt, er selbst sei der Besiegte. In diesem Glauben erläutert Penthesilea die Sitten der Amazonen und erklärt Achill, dass sie nie die Absicht hatte ihn zu erschlagen, sondern dass sie ihn nur besiegen musste, um ihn dann in einer feierlichen Zeremonie zu ihrem Auserwählten machen zu können.
Während diese Erklärungen statthaben wendet sich allerdings das Blatt auf dem Schlachtfeld wieder und die Amazonen befreien ihre Königin. In der allgemeinen Verwirrung erfährt Penthesilea die Wahrheit und gerät daraufhin so sehr in Zorn, dass sie Achill, der sich ihr nur zum Schein auf dem Schlachtfeld geschlagen geben will, auf grausame Weise hinmetzelt. In einer abschließenden Szene stirbt Penthesilea am Schmerz um den verlorenen Liebsten.

Heinrich von Kleist gehört zu meinen erklärten Lieblingen. "Penthesilea" ist eines seiner eher sperrigen Dramen, was vor allem an der Form liegt. Weite Teile der Handlung bestehen aus referierten Schlachtszenen und Mauerschauen. Außerdem ist die - nur als Mauerschau beschriebene - Zerfleischung Achills nichts für schwache Nerven. Die Inszenierung der "Penthesilea" gilt daher immer noch als besondere Herausforderung.

Abgesehen davon ist die Umkehr des antiken Stoffes natürlich sehr interessant. Die Subversion, die darin steckt, ist eine zweischneidige. Sicherlich werden die Amazonen als gleichwertige Gegnerinnen beschrieben, die sich zwischen zwei verfeindete Heere stellen und diese zugleich bekämpfen - eine nicht geringe kriegerische Leistung. Jedoch ist das Drama bei den Erfolgen der Frauen nicht ganz eindeutig: Geben sie sich tatsächlich mit ein paar hübschen Jünglingen zufrieden, die sie gleich mit inihre Hauptstadt Themiscyra nehmen können, oder stellen sie sich der Herausforderung, die ein Sieg über die wirklich großen Helden, wie eben Achill, darstellt?
Penthesileas Entscheidung für letzteres ist dabei als fixe Idee gekennzeichnet. Sie will nicht, wie dies wohl bei vergleichbaren männlichen Heldengestalten der Fall wäre, Ehre erlangen, indem sie Achill überwindet. Sie möchte vor allem den strahlenden Helden zum Gegenstand ihrer Leidenschaft machen. Penthesilea ist hier - und freilich auch in der Zerfleischungsszene - ganz als Instinktwesen gekennzeichnet, dass seine Emotionen nicht unter Kontrolle hat.

Doch das ist nur die eine Seite. In der Szene, als Penthesilea sich selbst siegreich wähnt, fällt sie keineswegs gleich über ihren Achill her, sondern verlangt - mit dem bemerkenswerten Satz "Hab ich, beim Styx, jetzt nichts zu tun, als plaudern?" - ihr Heer zu mustern. Und auch das Ende, in dem sie nicht durch eine Waffe, sondern durch eigenen Willen stirbt, ist dadurch Ausdruck einer außerordentlichen Fähigkeit zur Beherrschung der eigenen Gefühle.
Insofern ist Penthesilea nicht einfach eine Frau ganz nach weiblichem Klischee, sondern immer auch ernstzunehmende Partnerin und Gegnerin, auf Augenhöhe mit den Männern - und das wohlgemerkt in einem Drama von 1807! Und sind wir ehrlich, auch die männlichen Soldaten kommen bei Kleist gewöhnlich alles andere als ungebrochen heroisch weg.

"Penthesilea" ist eine Pflichtlektüre nicht nur für Kleist-Fans, sondern für alle Liebhaber ausgefeilter psychologischer Literatur.

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Tags: antike, begierde, gender, krieg, troja   (5)
 

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korsika, liebe, vendetta, militär, banditen

Colomba

Prosper Mérimée , Brigitte Knapp-Meier , Brigitte Knapp-Meier , Dirk Hoeges
Flexibler Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Reclam, Philipp, 01.01.1988
ISBN 9783150012444
Genre: Klassiker

Rezension:

Lydia Nevil ist eine blasierte höhere Tochter der englischen Gesellschaft. Ihr Vater - Sir Thomas Nevil, Colonel im Ruhestand - bereist mit ihr Europa, doch nichts gefällt ihr recht, alles hat schon einmal jemand erlebt oder gesehen, wodurch es für Miss Nevil uninteressant wird. So ergreift sie ungewöhnlich fügsam ihre Chance, auf Vorschalg ihres Vaters mit nach Korsika zu fahren; von dieser im 19. Jahrhundert noch wenig bereisten Insel, verspricht sie sich urwüchsige Abenteuer und ungesehene Einblicke in eine archaische Kultur, die sie später stolz ihren englischen Freundinnen erzählen kann. Dennoch ist sie nicht ganz erfreut, als sie auf der Überfahrt den schneidigen Leutnant Orso della Rebbia kennenlernt; mit Leutnants möchte sie eigentlich nichts zu tun haben, das verbietet ihr Standesdünkel. Nach und nach erliegt sie aber den passablen Manieren und dem schmucken Aussehen des Leutnants, der aufgrund einer Familienangelegenheit nach Korsika reisen muss, über die er sich zunächst ausschweigt. In Ajaccio angekommen verweilt Orso allerdings auffällig lange bei den Nevils und scheint es gar nicht eilig zu haben, in sein Heimatdorf Pietranera zu gelangen. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn er fürchtet in eine der berüchtigten Vendettas seiner Heimat verwickelt zu werden. Sein Vater ist vor kurzem unter mysteriösen Umständen erschossen worden und seine ganze Familie und deren Bundesgenossen erwarten nun die Rache an den zwar mangels Beweisen nicht rechtskräftig überführten, aber dennoch in deren Augen unzweifelhaft schudigen Erzfeinden der Familie Barricini. Der sanftmütige und zivilisierte Orso möchte eigentlich nicht zur Selbstjustiz greifen und Miss Lydia bestärkt ihn darin, auch weil sie sich durch die Zivilisierung eines wilden Korsen ein besonderes Renommee verspricht, wenn sie diese Geschichte später in der Heimat erzählen kann.
Da Orso weiter säumt, erscheint eines Tages eine wunderschöne Frau mit kastanienbraunen Haaren und dunkelblauen Augen. Sie ist keine andere als Orsos Schwester Colomba, die ihren Bruder zur Raison, das heißt zur Aufnahme der Familienfehde bringen will. Miss Lydia will dies nicht glauben und verspricht Orso ihre Unterstützung. Bald schon reisen die della Rebbias nach Pietranera ab, wohin ihnen einige Zeit später auch die Nevils folgen wollen. Inzwischen aber nimmt das Familiendrama seinen Lauf - und Colomba erweist sich dabei als ebenso gerissen wie manipulativ...

Prosper Mérimée ist ein bedeutender französischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Berühmt gemacht hat ihn vor allem seine Vorlage zu Georges Bizets Oper "Carmen", doch er hat auch viele weitere Novellen geschrieben, die sowohl realistische als auch phantastische Elemente beinhalten.

Colomba ist aus einem Guss geschrieben. Die etwas zickige Lydia Nevil, der gutmütige und innerlich zerrissene Orso, sowie die geheimnisvolle Colomba sind differenziert angelegte Charaktere, die stets Lust auf den Fortgang der Geschichte machen. Diese ist sowohl unterhaltsam als auch voller Kenntnisse über korsische Bräuche und Lebensart, dabei nie platt, sondern stets ausgewogen das Für und Wider der Handlungsweisen der Protagonisten abwägend. Colomba, soviel sei verraten, bleibt bis zum Schluss eine sehr ambivalente Figur, die von der Rache auch dann nicht lassen kann, als sie eigentlich bereits vollzogen ist. Die "zivilisiereten" Orso und Lydia erscheinen ihr gegenüber fast schon übermäßig skrupulös und unfähig sich von Konventionen zu lösen. Die Kunst Mérimées liegt ganz eindeutig darin, diese Spannung zu halten und den Gegensatz der Lebensauffassungen in seinen Figuren ohne übertrieben Partei zu nehmen darzustellen.
Ein wunderbares Lesevergnügen für alle, die gern Räuberpistolen auf hohem Niveau mögen.

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Tags: ehre, korsika, militär, rache   (4)
 

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klassiker, liebe, heathcliff, england, tragik

Wuthering Heights

Emily Brontë
Flexibler Einband
Erschienen bei Penguin
ISBN 9780140623338
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

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freundschaft, liebe, geheimnis, außenseiter, 1974

Karnstedt verschwindet

Alexander Häusser
Fester Einband: 172 Seiten
Erschienen bei Knaus, A, 16.02.2007
ISBN 9783813502930
Genre: Romane

Rezension:

Karnstedt wird mit einer physiologischen Besonderheit geboren: Er hat am gesamten Körper kein einziges Haar. Das macht ihn zu etwas Fremdem und damit zum Außenseiter und zum Ziel der Gemeinheiten des Klassenbullys Tummer. Der einzige, der zu Karnstedt hält, ist Simon Welde, ein schmächtiger Klassenstreber. Die beiden sind durch die gesamte Schulzeit hindurch beste Freunde, bis sich Simon in eine ältere Frau verliebt, die zu allem Überfluss etwas mit Tummer hat. Das darf natürlich keiner wissen, da beide noch minderjährig sind. Simons Sehnsucht wird von dem cleveren Karnstedt befriedigt, doch seine Motive sind nicht ganz uneigennützig. Auf der Abiturfahrt droht die Situation zu eskalieren und es kommt zum Bruch zwischen Karnstedt und Simon.
Zwanzig Jahre später erhält Simon den Auftrag, den Nachlass Karnstedts abzuwickeln. Dieser ist unter mysteriösen Umständen ins Wasser gegangen und hat testamentarisch verfügt, dass Simon sich um sein Haus und seine Habseligkeiten kümmern soll. Simon rekonstruiert, während er sich diesem Wunsch fügt, die gemeinsame Vergangenheit mit Karnstedt und gelangt nach und nach zu einigen erschütternden Erkenntnissen.

Ein kleiner Roman, keine 200 Seiten lang, Alexander Häusser beschränkt sich auf wenige Situationen im Leben seiner Figuren, die sie und ihr Handeln aber recht plastisch werden lassen. Was mir gefehlt hat, war der Grund, aus dem Simon sich tatsächlich 20 Jahre lang nicht mehr bei Karnstedt meldet, obwohl es, wie wir erfahren, in seiner Hand gelegen hätte. Vielleicht ist Simons Schwächlichkeit, die ihn buchstäblich in allem Mittelmaß bleiben lässt, der Grund dafür? Eine Reflexion dieses Handelns findet im Buch jedenfalls nicht statt.

Das ist aber schon das einzig Schlechte, was man über dieses kleine Prosastückchen sagen kann, und ob man es wirklich sagen kann, ist ja auch dahingestellt, einem anderen Leser mag die Schilderung Simons als Motivation für sein Handeln ausreichen.

Häusser schreibt eine nicht sehr charakteristische, aber gut lesbare Sprache, die Handlung ist spannend wie ein Krimi und endet auch mit einer Kriminalhandlung. Das Thema "Außenseitertum" ist zudem eines, über das ich immer wieder gern lese, gerade wie man sich in jungen Jahren darin einrichtet. Für Simon, so macht Häusser deutlich, ist die Freundschaft mit Karnstedt wohl nur ein Ersatz für die Freundschaften, die er nicht haben kann. Für Karnstedt ist es anders. Und damit komme ich wieder auf meine Kritik zurück, denn tatsächlich ist es nicht ganz ersichtlich, warum Simon Karnstedts Wunsch entspricht, als er ihn zum Nachlassverwalter macht. Ist Karnstedt für ihn doch ein "richtiger" Freund gewesen? So gibt er es zumindest dem dänischen Anwalt Karnstedts gegenüber zu Protokoll, aber überzeugt mich als Leser diese Begründung? Nicht vollständig.

Es ist vielleicht doch eine Schwäche des Buches, dass es sich auf eine Figur fokussiert, die so wenig reflektiert ist, der aber auch so wenig widerfährt. Karnstedt und seine Beharrlichkeit, sein Festhalten an der Freundschaft zu Simon, werden nur aus der Perspektive Simons erzählt, und die Figur erscheint so als außerordentlich selbstsicher und manipulativ.
Simon hingegen zieht sich in die Gewöhnlichkeit zurück und seine Reflexion setzt im Grunde erst auf den letzten Seiten des Buches ein. Ihre Auswirkungen können wir uns als Leser nur ausmalen.

Was soll ich sagen? Sicher ein lesenswertes Buch, das mir aber einfach einen Tick zu sehr auf der sicheren Seite bleiben wollte.

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Tags: außenseiter, coming of age, evolution, liebe   (4)
 

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freiheit, jugendbuch, könig artus, ehre, löwe

Iwein Löwenritter

Felicitas Hoppe , Michael Sowa , Michael Sowa
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei FISCHER KJB, 11.03.2008
ISBN 9783596852598
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Felicitas Hoppe gehört seit einigen Jahren bereits zu den gefeierten jüngeren deutschsprachigen Autorinnen. Mit "Iwein Löwenritter" hat sie ihr erstes Jugendbuch vorgelegt.

Erzählt wird der bekannte Stoff aus dem Artuskreis, der zunächst von Chrétien de Troyes, im deutschen Hochmittelater dann in der Version Hartmanns von Aue für die kontinentale Leserschaft schriftlilch fixiert wurde. Iwein ist der beste Ritter am Hofe Artus' langweilt sich aber trotz seines großen Ansehens sehr und zieht deshalb aus, um Abenteuer zu erleben. Im Land nebenan gewinnt er auf seiner ersten [i]aventiure[/i] einen Zweikampf gegen den Hüter der Gewitterquelle, entkommt mithilfe der klugen Lunete seinen Verfolgern und gewinnt nach und nach das Herz der schönen Laudine, der Ehefrau des Hüters der Gewitterquelle. So wird er zum Herrscher über das "Land Nebenan" und lebt in Frieden, bis König Artus, dessen Haushofmeister Keie und Iweins bester Freund Gawein ausziehen, um Iwein zu suchen. Gawein vermisst Iwein sehr und appeliert an dessen Ehrgeiz und Freiheitsdrang, indem er ihn beschwört, mit ihm auf weitere Abenteuerfahrt zu gehen. Laudine willigt schweren Herzens ein, doch verlangt sie Iweins Rückkehr nach Ablauf eines Jahres, da ihre Liebe sonst schweren Schaden nehmen müsse. Es kommt, wie es kommen muss, Iwein und Gawein gehen als die tapferen und hochdekorierten "Blauen Zwillinge" in die Geschichte ein, doch Iwein vergisst sein Versprechen und kehrt zu spät ins "Land Nebenan" zurück - mit schwerwiegenden Folgen. Laudine will ihn nicht wiedersehen, Iwein wird vor Schmerz wahnsinnig und irrt gramgebeugt durch die Wildnis, um die Erinnerung an die glücklichen Tage zu verdrängen. Doch die Frau mit den weißen Händen holt ihn ins Leben zurück, da sie seine Hilfe benötigt und nach vollbrachter Tat verschreibt sich Iwein nur noch einem Ziel: Durch Tapferkeit und Verlässlichkeit die Verzeihung Laudines zu erlangen.

Felicitas Hoppe erzählt in einem sehr geschmeidigen Märchenton die Erlebnisse Iweins. Als Fan mittelalterlicher Epik und ihrer phantastischen Stoffe, konnte mich dieses Buch sehr überzeugen, wie ich überhaupt finde, dass sich diese Stoffe ausgezeichnet für Kinder eignen. Die Erzählstrukturen sind wenig komplex, die Charaktere leicht zu durchschauen, falls sie überhaupt Tiefe gewinnen. Die verhandelten Themen sind von exemplarischer Bedeutung, im vorliegenden Fall können etwa die grenzen der persönlichen Freiheit bzw. Loyalitätsstrukturen wudnerbar einfach diskutiert werden.
Der Verlag hat das Buch allerdnigs zum Jugendbuch gemacht, zum Selbstlesen ab 12 Jahren. das finde ich eindeutig zu alt. Ich halte es für ein ausgezeichnetes Vorlesebuch, mit kurzen Kapiteln und einer leicht verständlichen Sprache. Bei dieser Verwendung sehe ich kein Problem für Kinder ab dem Schulalter.

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Tags: artussage, ehre, freiheit, jugendbuch   (4)
 

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klassiker, moral, gerechtigkeit, schuld, kriminalroman

Stopfkuchen

Wilhelm Raabe
Flexibler Einband
Erschienen bei Reclam, Philipp, 01.12.1986
ISBN 9783150093931
Genre: Romane

Rezension:

Eduard kehrt nach vielen Jahren im südafrikanischen Ausland auf einen besuch nach Hause zurück und muss feststellen, dasss sein Jugendfreund, der Landbriefträger Störzer gestorben ist. Bewegt schwelgt er in Erinnerungen und gedenkt auch eines anderen Jugendfreundes, des langsamen, verfressenen und faulen, aber gutmütigen Heinrich Schaumanns, genannt "Stopfkuchen". Und er denkt an ihre Besuche auf der "Roten Schanze" einem vom Deutsch-Französischen Krieg her fortifizierten und fruchtbaren Stücks Land, das der finstere Bauer Quakatz mit seiner Tochter Valentine und einer Meute Hunde bewohnte. Quakatz, so ging in der Jugendzeit Eduards das Gerücht, habe den Viehhändler Kienbaum im Streit erschlagen, wenn er auch mangels beweisen niemals verurteilt wurde und die Tat Zeit seines Lebens bestritt.
heinrich hat Valentine inzwischen geheiratet und haust auf der "Roten Schanze" in einem arkadischen Zustand. Eduard beschließt ihn dort zu besuchen. Von diesem Nachmittag berichtet der Roman in nicht chronologischer Form, stets in die Vergangenheit der Freunde und in die Zukunft Eduards springend, der die Gespräche dieses Nachmittags auf seiner Schiffsreise zurück nach Pretoria aufzeichnet. Zentrum des Nachmittags ist die Aufarbeitung der Lebensgeschichten und die Aufklärung des Mordes an Kienbaum. Es stellt sich nämlich heraus, dass Stopfkuchen seit lager Zeit die Wahrheit kennt.

"Mein bestes Werk, denn hier habe ich die menschliche Kanaille am festesten gepackt." (Raabe)

Das scheint es mir gut zu treffen und lässt sich vor allem an der Figur des Landbriefträgers Störzer zeigen. Im Grunde wird nämlich Störzer zur eigentlichen Hauptfigur, sein einsames Begräbnis am Ende fast zum tragischeren Ereignis als das einsame Leben des Andreas Quakatz. Störzer ist eine getretene, subalterne Figur, die in einem Moment der Unbeherrschtheit drei Leben zerstört. Der einzige Moment des Aufbegehrens nach einem Leben in stiller Duldsamkeit wird zur in ihrem Ausmaß unbegreiflichen Katastrophe. Eine wirklich bewegende Figur.

Die sehr ausufernde, dem Volk aufs Maul schauende erzählweise des Romans machte mir die Lektüre im übrigen nicht ganz leicht. Die viele wörtliche Rede von Figuren, die gern nicht auf den Punkt kommen bzw. dem Punkt aus den verschiedensten Gründen ausweichen, war manchmal schon ein bisschen ermüdend zu lesen. Doch irgendwie besteht in dieser mäandrierenden Fülle des Textes auch ein gewisser Teil seines Reizes. Raabe scheint mir in diesem Text von 1890 schon auf einem sehr naturalistischen Pfad zu wandeln.

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Tags: gerechtigkeit, kriminalroman, moral, naturalismus, realismus, schuld   (6)
 

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bücherverbrennung, nationalsozialismus, drittes reich, deutsche literatur, 10.mai 1933

Das Buch der verbrannten Bücher

Volker Weidermann
Fester Einband: 253 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 06.03.2008
ISBN 9783462039627
Genre: Sachbücher

Rezension:

Volker Weidermann, Feuilletonchef der FAS, hat vor ein paar Jahren schon einmal so ein Buch wie dieses geschrieben, nur dass jenes sich eine bestimmte Zeitspanne vorgenommen hatte, nämlich das literarische Nachkriegsdeutschland. Ich habe dieses "Lichtjahre" nie gelesen, war aber wenig erstaunt, dass es genauso angefeindet wurde wie das "Buch der verbrannten Bücher".

In seinem neuesten Buch geht es um die 131 Autoren umfassende Liste des Bibliothekars Wolfgang Herrmann, die als Vorlage für die großen Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 diente. Punkt um Punkt arbeitet Weidermann diese Liste ab, stellt die Autor/innen kurz vor, geht auf die verbrannten Werke - Autor/innen gerieten nur zu einem Teil mit ihrem Gesamtwerk auf die Liste der zu vernichtenden Bücher - und den weiteren Werdegang der so Verfemten.
Ein interessanter und informativer Ansatz, wie ich finde, der außerdem im Idealfall von einem Feuilletonisten verfolgt werden muss. Vom Forschungsstandpunkt aus gesehen, dh als Fachbuch, taugt "Das Buch der verbrannten Bücher" nichts. Weidermann hat sicherlich die meisten der Bücher, die er behandelt, wenigstens angelesen, aber eine wissenschaftliche Leistung erbringt er hier nicht. Das will er meines Erachtens aber auch gar nicht. Vielmehr dient das Buch dazu, der interessierten Leserschaft diese vergessenen Schriftsteller/innen mit ihren guten und ihren schlechten Leistungen ins Gedächtnis zu rufen. Weidermann will neugierig machen und wählt hierfür den Weg des Feuilletons und der Anekdote, also einen Weg, den er gut kennt. Ein Feuilleton ist so gut wie sein Thema, dieses Thema ist breit angelegt und natürlich bietet nicht jeder einzelne der verbrannten Dichter genügend Stoff, um sich in amüsanter Weise mit ihm auseinanderzusetzen. Doch an den besten Stellen, dh bei den Kuriositäten dieser Sammlung, an denen es keinen Mangel gibt, ist das Buch genau das, was es sein will: unterhaltsam und feuilletonistisch informativ. Man kann sich auf die, wahrscheinlich aus Standardwerken zusammenkompilierten, Daten verlassen, der Mehrwert besteht in den Urteilen des Zeitungsmenschen, in den Empfehlungen und den Anekdoten, die er zum Besten gibt.

Das ist alles eine genial einfache Idee, die so sehr auch noch nicht beackert ist. Die kurzen Abschnitte, die man gern auch nicht chronologisch lesen kann, sind kleinen Appetithappen für zwischendurch, die im besten Fall Appetit auf mehr machen. Sicherlich wäre es zu diesem Zweck auch ganz gut gewesen, nicht nur eine Liste von primär-, sondern auch von Sekundärliteratur ans Ende des Buches zu stellen. Aber wahrscheinlich ging Weidermanns Forscherdrang nicht einmal dafür weit genug, um hier etwas einigermaßen Brauchbares zusammenstellen zu können.

Was mir eigentlich am meisten fehlte, waren Erklärungsversuche für die so unglaublich heterogene Zusammenstellung der Liste, die vom völkischen Jagddichter bis zum Lieblingsfeind der Nazis Remarque, alles nur Denkbare umfasst; und in dieser Undifferenziertheit eine Trouvaille für sich ist. Hier hätte ich mir dann doch ein bisschen mehr Forschergeist von Herrn Weidermann gewünscht. Aber das kann nun ein anderer erledigen, der vielleicht durch dieses Büchlein überhaupt darauf aufmerksam geworden ist, wie kurios die Liste Wolfgang herrmanns war. Er oder sie können mir vielleicht auch irgendwann erklären, welchen Stellenwert diese Liste in der Kulturpolitik der Nazis hatte. War sie einfach schnell zur Hand, da man etwas brauchte oder folgt sie tatsächlich irgendwelchen undurchschaubaren Regeln?

Alles in allem dennoch ein gelungenes Buch, über das man eigentlich nur schimpfen darf, wenn man in der Lage ist zu zeigen, dass es genügend fundiertere Bücher zur gleichen Thematik gibt. Mir fällt keines ein.

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Tags: bücherverbrennung, feuilleton, nationalsozialimus   (3)
 

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wien, einsamkeit, österreich, roman, alleinsein

Die Arbeit der Nacht

Thomas Glavinic
Fester Einband: 394 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 05.08.2006
ISBN 9783446207622
Genre: Romane

Rezension:

Eines Morgens wacht Jonas auf und ist allein auf der Welt. Alle zeichen der Zivilisation stehen noch, Autos fahren, Strom und Wasser fließen, nur die Menschen sind eben weg. In dieser Situation beginnt Jonas zunächst das heimatliche Österreich und die deutsche Grenzregion abzufahren - überall das gleiche Bild. Irgendwann verfällt er auf die Idee sich selbst im Schlaf zu filmen. Und da erlebt er eine Überraschung: Er scheint nachts nicht zu schlafen, sondern vollbringt rätselhafte Handlungen. Will der Schläfer, wie Jonas dieses andere Ego, an das er sich im Wachzustand nicht erinnert, bald nennt, Jonas etwas mitteilen? Ist die Arbeit, die er nachts verrichtet vielleicht der Schlüssel zu der menschenleeren Welt, in der sich Jonas befindet?

Thomas Glavinic gehört zu den bekanntesten zeitgenössischen jungen Schriftstellern im deutschsprachigen Raum. 2007 war er mit dem umstrittenen "Das bin doch ich" für den Deutschen Buchpreis nominiert. "Die Arbeit der Nacht" ist ein älteres Werk, das ihm 2004 den Durchbruch beim Publikum brachte. Es ist sicher, dass Glavinic einer jener Schriftsteller ist, die ihr Handwerk beherrschen, die wissen, wie man Spannung aufbaut und die eine sehr flüssige, geschmeidige Sprache schreiben. Insofern sind die 400 Seiten keine harte Arbeit.

Aber genügt es, eine Idee zu haben, sie technisch einwandfrei in Spannungsbögen zu gießen und sie sprachlich ansprechend umzusetzen, um am Ende ein gutes Buch zu haben? Ich meine nein. " Die Arbeit der Nacht" führt am Ende ins Nichts, weder erfährt man, warum alle Menschen verschwunden sind, noch, was es mit den rätselhaften nächtlichen Handlungen auf sich hat. Alle Ahnungen, die man während der Lektüre kurzzeitig hat, verlaufen ins Leere und bleiben im Vagen. Als Spannungsliteratur ist dieser Plot ein grandioser Schuss in den Ofen, denn er lässt den Leser unbefriedigt wie selten zurück.

Was könnte sonst HIntergrund dieser Geschichte sein? Eine philosophische Reflexion über Einsamkeit, bzw. den Menschen als zoon politikon? Denkbar wäre das sicher, aber hier erweisen sich Glavinics Kenntnisse als zu gering. Vielleicht hat er irgendwo schreiben gelernt, aber von Philosophie hat er nicht die leiseste Ahnung. Alle diesbezüglichen Passagen wirken fad und unreflektiert.

So ist die Arbeit der Nacht ein lockeres Blendwerk, bei dem der Autor es am Ende nicht versteht, seiner interessanten Grundidee auch nur den Hauch eines lesenswerten Drehs mitzugeben. Ein Buch wie Zuckerwatte light und in diesem Jahr das erste wirkliche Ärgernis.

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norwegen, oslo, familie, zirkus, freundschaft

Der Halbbruder

Lars Saabye Christensen
Fester Einband: 767 Seiten
Erschienen bei btb, 06.08.2003
ISBN 9783442751082
Genre: Romane

Rezension:

Am 8. Mai 1945 wird Vera Jepsen in Oslo Opfer einer Vergewaltigung und dabei schwanger. Weil sie nach dem Zwischenfall in eine 8-monatige Stummheit verfällt, merkt das zunächst niemand und als es Mutter und Großmutter bemerken ist es zu spät für eine Abtreibung. So wird Fred geboren. Einige Jahre später fährt ein kleiner dicker Mann mit einem Buick vor und macht Vera den Hof. Er bringt sie zum Lachen und so heiraten Vera Jepsen und Arnold Nilsen kurze Zeit später. Frucht dieser Verbindung ist Barnum Nilsen, der ähnlich klein ist wie sein Vater (über 1,51 kommt er nicht hinaus) und unter dieser Tatsache und seinem gleichzeitigen engelhaften Aussehen (er ist ein kleiner blondgelockter Knabe) leidet.
Fred und Barnum sind ein ungleiches Brüderpaar. Während Barnum von den Frauen geliebt und von den Jungs in seiner Klasse gehänselt wird, ist Fred ein zugeknöpfter Mensch, der wegen seiner Legasthenie viele Probleme in der Schule hat, wegen seiner düsteren und morbiden Art allerdings von allen gefürchtet, selbst von den Schlägern geachtet wird.
Erzählt wird die Lebensgeschichte des Brüderpaars, dessen einer anfängt zu schreiben und zu trinken, dessen anderer immer wieder verschwindet – auf der Suche nach seinem Vater, den er unbedingt ausfindig machen will, was ihm am Ende auch gelingt.

Lars Saabye Christensen ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller Norwegens. Für „Der Halbbruder“ wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Tatsächlich ist das Buch ein Familienpanorama, wie ich es lange nicht gelesen habe. Die Zufälle sind ein bisschen unwahrscheinlich, die Figuren immer ein bisschen übertrieben, doch das tut dem Lesevergnügen kaum einen Abbruch. Denn die Figuren sind plastisch geschildert und der Text steckt voller Weisheiten über das Leben steckt, die er sehr gut illustriert, aber den Figuren auch immer wieder sentenzhaft in den Mund legt.

Ich möchte sagen: So wie Lars Saabye Christensen sollte John Irving schreiben, wenn er als Schriftsteller ernst genommen werden wollte. Das Kunststück, das Christensen nämlich gelingt, Irving hingegen eher selten, ist das Einbauen unwahrscheinlichster Zufälle, die trotzdem kaum einmal reißerisch wirken. Das gelingt einerseits, weil Christensen ein sehr bedächtiger und überlegter Erzähler ist, der es schafft, Unwahrscheinlichkeiten nicht zu Kulminations- oder Wendepunkten eines Lebens zu stilisieren. Vielmehr gewinnt man bei ihm den Eindruck, dass auch sehr einschneidende Ereignisse häufig keinen oder nur eine kurzzeitigen Effekt auf das Leben haben.

Ein Buch, zu dem ich im Grunde nur applaudieren kann.

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Tags: familie, krieg, sinnsuche   (3)
 

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liebe, dreiecksbeziehung, der verschlossene garten, frankreich, geschichte

Der verschlossene Garten

Undine Gruenter
Flexibler Einband: 222 Seiten
Erschienen bei bloomsbury taschenbuch, 01.05.2006
ISBN 9783833301612
Genre: Romane

Rezension:

Der 60jährige, aber relativ jugendliche Soudain führt eine Beziehung mit der 30 Jahre jüngeren Equilibre. Gemeinsam schotten sie sich nicht gerade von der Außenwelt ab, führen aber ein zurückgezogenes Leben zu zweit (wenn man von dem Hund Primavera einmal absieht) in einem Landhäuschen am Ufer der Marne.
Das Idyll wird gestört von dem ca. 40jährigen Saint-Polar einem bohèmehaften Rechtsanwalt, den Soudain eines Tages mit nach Hause bringt. Equilibre und er verlieben sich, haben eine Affäre, schließlich zieht Saint-Polar zu den beiden ins Häuschen. Diese ménage à trois geht aber nicht lange gut, bald entscheidet sich Equilibre - gegen beide.

Das Buch von Undine Gruenter liest sich nicht oder nur selten wie ein Roman. Es ist vielmehr eine Art Essay über die Liebe, die verschiedenen Vorstellungen von ihr, und ihre Erfolgsaussichten. Alles ist geschrieben als ein Monolog Soudains, der als nicht gefühlloser, aber sehr ruhiger und analytischer Chronist die Vorgänge um Equilibre beobachtet. Gegen Ende des Buches gibt es schließlich auch noch eine Art Typologie, welche Hauptfigur welcher Auffassung der Liebe zuzuordnen sei.

Was soll ich sagen? Warum schreiben Schrifsteller/innen, wenn sie einen Essay über die Liebe schreiben wollen, nicht einfach einen Essay, sondern kommen mir mit einem solchen Proteus, der im Grunde keine Geschichte erzählt. Über die einzelnen Vorgänge im Landhaus erfahren wir so gut wie nichts, auch kaum etwas über die Vorgeschichte der einzelnen Figuren. Alles wird im Zeitraffer geschildert, stets von außen, und selbst wenn einer der seltenen Dialoge den Text auflockert, wirkt er hölzern und gestelzt, immer im Dienste des höheren philosophischen Ziels.

Dabei ist es gar nicht so leicht zu formulieren, was man aus dem vorliegenden Text eigentlich über die Liebe lernen soll. Dass sie sich ändert? Dass sie Isolation schlecht aushält? Dass eine gewisse Fixierung aber kaum zu vermeiden ist? Dass Treue als Prinzip nicht taugt, als Lebensweise aber schon?

Ich kann es nicht beantworten, der Essay hätte mir wahrscheinlich nicht sehr gefallen, der Roman tut es auch nicht, er hudelt zu sehr über alle Handlung hinweg und begeht ganz lehrbuchhaft den Fehler des telling not showing. Soudain erzählt die ganze Zeit, zeigt aber nichts, sondern zergliedert auch noch das geringste Fünkchen Ereignis, was sich im Laufe des Textes hochrappelt.

Zugute halten kann ich dem Buch lediglich, dass er keine Altmännervariation über das Thema des Altersunterschieds in der Liebe ist. Andererseits wäre es vielleicht auch mal ganz interessant gewesen, Altmännerphantasien nicht nur von alten Männern wie Schlink, Walser oder Frisch zu lesen, sondern von einer Frau. Sei's drum.

Kein Buch für mich, ein sehr deutsches Buch, möchte ich sagen, wenn [url=http://www.zeit.de/2003/14/L-Gruenter]Undine Gruenter[/url] selbst auch die letzten Jahre ihres Lebens in Frankreich verbracht hat. Die Autorin ist übrigens vor einigen Jahren ziemlich jung verstorben und war die Lebensgefährtin des konservativen Kulturtheoretikers Karl-Heinz Bohrer.

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Tags: dreiecksbeziehung, liebe   (2)
 
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