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63 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 31 Rezensionen

england, krieg, erster weltkrieg, liebe, frauen

Der letzte Sommer

Helen Simonson , Michaela Grabinger
Fester Einband: 540 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 19.07.2016
ISBN 9783832198268
Genre: Romane

Rezension:

Helen Simonson entführt den Leser in einen scheinbar goldenen Sommer. Ein kleines Städtchen in Sussex, Rye, ist der Ort der Handlung. Doch es ist der Sommer 1914 und schon im Herbst desselben Jahres wird nichts mehr so sein, wie es einmal war.
Doch noch wirkt alles sehr friedlich. Für die junge Lehrerin Beatrice Nash bedeutet Rye den Ausgangspunkt ihres unabhängigen Lebens. Nach dem Tod ihres Vaters und einer schwierigen Zeit bei seinen Verwandten, hat sie in Rye eine Stelle als Lateinlehrerin gefunden. Ihre Gönner sind John und Agatha Kent. John ist ein hoher Beamter im Außenministerium und Agatha seine selbstbewusste und sehr fortschrittlich denkende Gattin. John Kent unterstützt seine Frau wo immer es ihm möglich ist.
Zur Familie Kent gehören auch die beiden Neffen, Hugh und Daniel. Hugh ist ruhig, ernst und vernünftig. Er hat beinahe seine Ausbildung zum Chirurgen abgeschlossen. Daniel ist exaltiert und verträumt, er sieht sich in der Zukunft als Dichter.

Obwohl manche in Rye eine Lateinlehrerin mit schiefen Blicken bedenken, lebt sich Beatrice rasche ein. Nach und nach lernen sowohl sie als auch der Leser die Bewohner Ryes kennen. Die sommerliche Idylle wird durch die ersten Berichte kriegerischer Auseinandersetzungen am Kontinent empfindlich gestört. Doch Anfangs ist alles sehr weit weg. Es werden zwar Freiwilligenheere aufgestellt und die Damen beginnen Spendenaktionen, doch noch ist der Krieg an sich etwas Unvorstellbares. Als die ersten belgischen Flüchtlinge England erreichen und von den Gräueltaten deutscher Soldaten berichten, bekommt der Krieg ein weniger heroisches Gesicht. Hugh meldet sich daraufhin zum Heer. Er will seine medizinischen Kenntnisse einsetzen und Leben retten. Die Flüchtlinge werden zwar aufgenommen, aber doch schief angesehen. Sie stören das gewohnte tägliche Leben empfindlich.
Als der Krieg mehr und mehr in den Mittelpunkt rückt, werden auch das sommerliche Hopfenfest und das Stadtfest in seinen Dienst gestellt. Während manche wirklich nur helfen wollen, sehen andere die einmalige Gelegenheit, sich zu profilieren.
Hugh, Daniel, Beatrice, John und Agatha Kent müssen einschneidende Veränderungen in ihrem Leben hinnehmen. Die Leichtigkeit und das scheinbar ziellose Tagträumen der jüngeren Generation finden ein abruptes Ende.

Helen Simonson hat ein Buch der leisen Töne geschrieben. Ihre Figuren sind ungemein lebensecht, da sie alle über positive und negative Charaktereigenschaften verfügen. Niemand ist gänzlich gut oder böse. Doch gerade dadurch versteht man vieles besser. Im Grunde versuchen alle mit den veränderten Lebensbedingungen zurechtzukommen. Die eine Figur wird einem dabei sympathischer, die andere unsympathischer, doch niemand wird zum Bösewicht an sich. Die Veränderungen in der Gesellschaft stellen auch den fortschrittlichsten Geist mehr als einmal auf die Probe.
Besonders stark ist der Kontrast zwischen Anfang und Ende des Buches. Anfangs erlebt man einen friedlichen Sommer in Südengland, am Ende ist man in den belgischen Schützengräben. Die Not und Verzweiflung sind regelrecht spürbar. Die Komitees der Damen im fernen England erscheinen beinahe lächerlich.
Helen Simonson erzählt in "Der letzte Sommer" eine beinahe zeitlose Geschichte. Es geht um Unabhängigkeit, Liebe, gesellschaftliche Veränderungen, Flucht und um nicht weniger als Krieg und Frieden. Ihre Schilderungen, wie die Menschen all dies überstehen, wie sie dadurch stärker werden oder daran zerbrechen, sind einfühlsam und berührend. Sie verzichtet in ihrem Roman auf jede Art lauter Effekte. Es ist ein stilles Buch, das in aller Ruhe gelesen werden will, aber gerade dadurch seine volle Wirkung entfaltet.

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134 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 90 Rezensionen

thriller, erotik, mord, kunst, london

Maestra

L.S. Hilton , Wibke Kuhn
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Piper, 02.05.2016
ISBN 9783492060516
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

L.S. Hilton hat eine Hauptfigur erschaffen, die einen ziemlich verwirrt zurücklässt. Judith Rashleigh ist jung, klug, ehrgeizig, schön und skrupellos. Diese Eigenschaften sollten ihr sowohl den beruflichen als auch den persönlichen Lebensweg beträchtlich erleichtern. Doch dem ist ganz und gar nicht so.
Zum Zeitpunkt als wir Judith kennenlernen, arbeitet sie in einem der beiden renommiertesten Auktionshäuser Londons. Obwohl sie einen exzellenten Sudienabschluss vorzuweisen hat, wird sie von ihren Vorgesetzten als Mädchen für alles eingesetzt. Ihre Kindheit, die von einer alkoholkranken Mutter und Armut geprägt war, können als Auslöser für Judiths glühenden Ehrgeiz angesehen werden, aus ihrem Leben, insbesondere in materieller Sicht, etwas zu machen. Da Geld immer knapp ist, nimmt sie einen Nebenjob in einer zwielichtigen Bar an; dort soll sie gut betuchten Männern Gesellschaft leisten. Für Judith äußerst leicht verdientes Geld.
Als ein Gemälde des berühmten englischen Malers George Stubbs, das Judith als Fälschung erkannt hat, als echter Stubbs versteigert werden soll, sieht Judith ihren großen Moment gekommen. Sie weist ihren Vorgesetzten auf die Fälschung hin, doch anstatt belobigt zu werden, wird sie kurzerhand gefeuert. Ihr wird praktisch der Boden unter den Füßen weggerissen. Mit einem Schlag verliert sie ihre Zukunft. Ein weiterer Berufsweg in der Kunstszene ist nach dieser Kündigung unmöglich.

Judith bleibt nur noch ihr Nebenjob in der Bar. Als einer ihrer Stammkunden sie einlädt, ihn an die Cote d'Azur zu begleiten, willigt sie sofort ein. Dort, umgeben von purem Luxus, findet Judith ihre Welt. Sie kanalisiert ihren Hass, ihre Wut und ihre Enttäuschung; sie schwört ihrem ehemaligen Arbeitgeber Rache, koste es, was es wolle. Als ihr Gönner unter delikaten Umständen stirbt, ist Judith wie ausgewechselt. Vorbei ist es mit der gebildeten, jungen Frau, die sich in der Kunstwelt nach oben arbeiten wollte. Von nun an lebt Judith ihr Leben auf des Messers Schneide. Sexuell setzt sie sich keine Grenzen, sie liebt ihre sexuellen Abenteuer und Eroberungen. Jeder Mann, der sie Reichtum und Macht näher bringen könnte, wird von ihr gezielt ausgesucht und eingesetzt. Ihr Weg führt sie nach Italien. Dort holt sie die Vergangenheit in Form eines Kunsthändlers und des gefälschten Stubbs'wieder ein. Und dort begeht Judith auch ihren ersten Mord. Kühl, durchdacht und ohne Skrupel entledigt sie sich des Mannes, der unbewusst in der Vergangenheit ihre Karriere in der Kunstwelt zerstörte und der nun ihrer Zukunft im Weg gestanden wäre.

Es soll nicht bei diesem einen Mord bleiben. Judith mordet mit einer Präzision, die einen Profikiller vor Neid erblassen lassen würde.

Obwohl ich eigentlich eine Schwäche für die Bösewichte in Literatur und Film habe und sie für die faszinierenderen Charaktere halte, bin ich mir bei Judith nicht schlüssig. Sie ist weder sympathisch noch unsympathisch, sie ermordet einfach jeden, der ihr nur ansatzweise in die Quere kommen könnte. Dabei bleibt sie dem Leser seltsam fremd. Manche ihrer Taten lassen sich nur schwer nachvollziehen. Auch in der Handlung gibt es einige Sprünge, die nicht völlig logisch sind. Mit zumindest bleiben einige Punkte unklar. Meiner Meinung nach hätte L.S. Hilton auch sehr viel mehr aus dem Kunstthema machen können. Über weite Strecken gerät es zu sehr in Vergessenheit. Alles in allem ein Roman, der meinen Erwartungen nicht gerecht wird und einen eher schalen Nachgeschmack hinterlässt.

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63 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 30 Rezensionen

hemingway, biografie, f. scott fitzgerald, 1920er jahre, cote d'azur

Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte

Emily Walton
Fester Einband: 168 Seiten
Erschienen bei Braumüller Verlag, 01.03.2016
ISBN 9783992001521
Genre: Biografien

Rezension:

Dieses Buch ist ein Juwel!

Das wäre kurz gefasst meine Rezension zu Emily Waltons "Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte". Hauptfigur in diesem Roman ist der titelgebende F. Scott Fitzgerald. Im Jahre 1926 ist er mit seiner Frau Zelda und ihrer kleinen Tochter Scottie schon einige Zeit in Frankreich. In diesem Sommer nun will er den Roman schreiben, der ihn als besten Schriftsteller Amerikas etabliert. Zu diesem Zweck übersiedelt die Familie von Paris nach Juan-les-Pins, einen kleinen Küstenort. Ohne die Ablenkungen durch Partys, zügellose Feiern und Alkohol, ist sich Fitzgerald sicher, im Herbst seinem Verleger ein wahres Meisterwerk überreichen zu können.
Juan-les-Pins scheint der ideale Ort dafür zu sein. Sara und Gerald Murphy, ein reiches amerikanisches Ehepaar, Freunde der Fitzgeralds, hat sich dort ein privates Reich erschaffen. Die angesagtesten Künstler dieser Zeit sind bei ihnen willkommen und verbringen regelmäßig ihre Zeit dort. Archibald und Ada MacLeish, Ernest Hemingway, Pablo Picasso und Dorothy Parker gehören ihrem exklusiven, aber erstaunlich umgänglichen Kreis an. Doch genau jener Kreis an starken Persönlichkeiten wirft Fitzgerald aus der Bahn. Er kann nur glücklich und zufreiden sein, wenn er der absolute Mittelpunkt jeder Gesellschaft ist. Ist er das nicht, gibt er sich ungehemmt dem Alkohol hin, wird unausstehlich und neigt zu groben Streichen. Mit dem Fortschreiten des Sommers, in dem sich auch Zeldas Gesundheit ständig verschlechtert, stockt auch mehr und mehr sein literarisches Schaffen. Bis es schließlich ganz zum Erliegen kommt.

Emily Walton erzählt leicht und flüssig. Mit wenigen Sätzen charakterisiert sie diese unsterblichen Persönlichkeiten, zeichnet sie eine ganze Epoche. Die besondere Stimmung unter den "Expats" im Frankreich der 20er Jahre fängt sie gekonnt ein. Obwohl das Buch nur 168 Seiten hat, sein einziger Fehler übrigens, es hätte gerne noch sehr viel länger sein dürfen, kann man nach der Lektüre ein aussagekräftiges und komplexes Porträt Fitzgeralds gestalten. Die gesamte Lektüre ist ein wahrer Genuss. Emily Walton schürt auch den Wunsch, wieder in den Werken dieser legendären Schriftsteller zu lesen. Ihr Schreibstil hat mich stark an Edith Wharton und Sybille Bedford erinnert. All diesen Schrfitstellerinnen ist gemein, dass sie eine Epoche, ihr Flair und ihre Stimmung mühelos vermitteln können.

Für "Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte" kann man nur eine bedingungslose und euphorische Leseempfehlung aussprechen!

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82 Bibliotheken, 7 Leser, 1 Gruppe, 10 Rezensionen

götter, american gods, mythologie, fantasy, neil gaiman

American Gods

Neil Gaiman , Hannes Riffel
Flexibler Einband: 624 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 15.05.2015
ISBN 9783847905875
Genre: Fantasy

Rezension:

Neil Gaiman hat mit "American Gods" ein Buch geschrieben, das alle Dimensionen sprengt. Der nun vorliegende Director's Cut ist die ungekürzte Originalversion, die zum ersten Mal in dieser Form veröffentlicht worden ist. "American Gods" lässt sich nicht auf ein Genre beschränken; enthalten sind Roman, Krimi, Fantasy, Mythologie und Reiseliteratur.
Hauptfigur ist Shadow, der nach drei Jahren im Gefängnis frühzeitig entlassen wird. Von Anfang an ist er eine geheimnisvolle Figur; sein Name ist Shadow, sonst nichts, die Beschreibung seines Aussehens beschränkt sich auf die Hinweise, dass er groß und kräftig ist, selbst der Grund seines Gefängnisaufenthaltes wird nur angedeutet. Shadow will keinen Ärger. Sein einziges Ziel ist die Rückkehr zu seiner Frau Laura. Unmittelbar vor seiner Entlassung wird er darüber informiert, dass Laura bei einem Verkehrsunfall gestorben ist. Vollkommen betäubt macht er sich auf den Weg nach Hause. Doch am Flughafen trifft er Wednesday, einen älteren Herrn, der großes Interesse an Shadow bekundet und ihm unbedingt einen Job anbieten will. Obwohl Shadow alles tut, um ihm aus dem Weg zu gehen, taucht Wednesday immer wieder an seiner Seite auf. Schließlich akzeptiert Shadow das Jobangebot Wednesdays; er soll als Bodyguard, Chauffeur, Mädchen für alles fungieren.

Wednesday nimmt Shadow auf eine Reise quer durch die USA mit. Sie treffen auf die sonderbarsten Personen; meistens ältere, leicht abgerissene Herrschaften, denen etwas Seltsames anhaftet. Wednesday ist dabei, eine große Schlacht zu organisieren, in der es um nicht weniger als die Seele Amerikas geht. Mit der Zeit wird Shadow in die Pläne eingeweiht. Dabei offenbart sich Wednesday als Odin persönlich und die skurrilen Typen, die sie quer im Land aufsuchen als alte Götter, die mit den frühen Einwanderern aus allen Erdteilen nach Amerika kamen: Osteuropa, Irland, Ägypten, Westafrika, Karibik,... Nun sind sie in Vergessenheit geraten, kaum jemand erinnert sich noch an sie. Um ihr Überleben sicherzustellen, soll es zum offenen Kampf gegen die neuen Götter kommen. Diese neuen Götter haben Verbündete, die ähnlich wie Geheimdienste agieren. Gleichzeitig verlagert sich ein Teil der Handlung "hinter die Kulissen", wobei angedeutet wird, dass unsere reale Welt mehr Schein als Sein ist.
Die große Schlacht findet letzten Endes statt; doch unter ganz anderen Voraussetzungen als zuvor gedacht, denn kein Geringerer als Loki ist der Mastermind hinter dem großen Plan. Und Shadow erlebt dabei mehr als eine Überraschung.

"American Gods" müsste man wahrscheinlich mindestens zweimal hintereinander lesen, um die Fülle an Geschichten, Personen und Ereignissen aufzudröseln, zu verdauen und wirklich zu verstehen. Gleichzeitig müsste man ein Mythologie Lexikon parallel lesen, um alle Götter identifizieren zu können und ihre Bedeutung für den Roman klarer erfassen zu können. Trotz dieser Fülle fesselt Neil Gaiman den Leser an seine Geschichte. Schon auf den ersten Seiten erschafft er eine dermaßen unheilvolle Stimmung, dass der Leser erahnt, dass wirklich Großes auf ihn zukommen wird. Neil Gaiman lässt seine Götter so auftreten, wie man sie aus antiken Sagen kennt: egoistisch, von ihrer Sonderstellung berauscht, leicht größenwahnsinnig und den Menschen nicht sonderlich zugetan. Doch genau mit diesen Eigenschaften erschafft man Hauptfiguren, die fesseln und überzeugen. Ebenso schillernd und unterschiedlich wie die Personen sind auch die Orte des Romans: heruntergekommene Spelunken und karge Gebirgslandschaften wechseln sich mit einem malerischen Ort namens Lakewood ab, der als Ideal einer Kleinstadt gelten kann.
Und so ganz nebenbei bereist man noch unzählige Bundesstaaten der USA. Die Reise durch die Südstaaten, im besonderen Tennessee, wird so verlockend geschildert, dass man am liebsten sofort dorthin aufbrechen möchte.
"Americcan Gods" kann man nicht unbedingt als leichte Lektüre bezeichnen. Obwohl ich Shadow und Wednesday auf ihrer Reise durchaus folgen konnte, glaube ich trotzdem nicht, dass ich alles verstanden habe. Die Welt, die Neil Gaiman entwirft, ist viel zu komplex, als dass man sie vollständig erfassen könnte. Ich finde seinen Stil einfach großartig, sowohl packend als auch sperrig, flüssig und aufgesplittert.

Meine Lieblingsätzez aus dem Buch, die irgendwie auch die Gedankengänge des Autors perfekt spiegeln, lauten folgendermaßen:
"Mr. Nancy entriegelte die Sturmläden und öffnete die Fenster. Im Haus roch es muffig und feucht und auch ein wenig süßlich, als spukten hier die Geister von längst verstorbenen Keksen herum."

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61 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

new york, familie, liebesroman, neuanfang, erotik

Sonnenaufgang über New York

Ruthie Knox , Marion Herbert
Flexibler Einband: 500 Seiten
Erschienen bei LYX ein Imprint der Bastei Lübbe AG, 06.08.2015
ISBN 9783802597732
Genre: Liebesromane

Rezension:

May Erickson ist ein typisches Mädchen vom Lande. Behütet aufgewachsen in einer kleinen Stadt in Wisconsin, ist sie selbstverständlich, wie fast jeder Einwohner dieses Bundesstaates, eingefleischter Fan der Green Bay Packers. Als sich vor vier Jahren der Reserve-Quarterback ebenjener Green Bay Packers in May verliebte, überraschte dies so manchen. Der lieben, durchschnittlichen May hätte man ja vieles zugetraut, aber nicht unbedingt eine Liaison mit Dan "Thor" Einarsson persönlich.
Jetzt, vier Jahre später, ist Dan Quarterback der New York Mets und May ist ihm nach langer Fernbeziehung nach New York gefolgt. Als er ihr bei einem Wohltätigkeitsdinner den unromantischsten Heiratsantrag aller Zeiten macht, sieht May rot und rammt ihm vor laufender Kamera eine Gabel in die Hand. Als sie am nächsten Tag aus der von Fotografen belagerten Wohnung zu fliehen versucht, wird ihr zu allem Pech auch noch die Handtasche gestohlen. Damit sind Ausweise, Geld, Kreditkarte und Handy weg.

May ist verzweifelt; sie ist alleine in einer Stadt, der sie so gar nichts abgewinnen kann. Ihre Familie verbringt das Wochenende in einer abgelegenen Hütte in Michigan und ist für sie somit nicht erreichbar. Mehr oder weniger unbewusst landet sie in einer Kneipe namens Pulvermacher's. Diese Kneipe ist für jeden Bewohner Wisconsins eine Heimat fern der Heimat. Die zum Träumen neigende May hofft, dort einen sympathischen, freundlichen und hilfsbereiten Green Bay Packers Fan zu treffen, der ihr irgendwie weiterhelfen kann. Stattdessen trifft sie Ben, der zwar ursprünglich aus Wisconsin stammt, ansonsten aber unfreundlich, mürrisch und eigenbrötlerisch wirkt; dies nun nicht zu Unrecht, denn das Leben ist mit ihm nicht gerade sanft umgesprungen. Zunächst unwillig, lässt er sich doch auf ein Gespräch mit May ein.
Doch dieses zufällige Aufeinandertreffen löst eine wahre Kettenreaktion aus. Am Ende einer turbulenten Woche werden sich die Leben von May und Ben komplett verändert haben.

Ruthie Knox schafft für ihre beiden Hauptfiguren May und Ben eine wunderbare Ausgangslage. Beide haben viel erlebt, haben einiges zu verkraften und sind auf eine sehr individuelle Art und Weise sympathisch und lebensecht. Dennoch bleibt ihre Geschichte holprig; beide reagieren oftmals unverständlich. Ich hatte zwei-, dreimal den Eindruck, dass Ruthie Knox diese unerwarteten Reaktionen nur deshalb einführt, weil sie nicht bereit war, May und Ben ihr Eigenleben zu schenken. Mit diesen relativ ruckhaften Eingriffen brachte sie aber meiner Meinung nach, immer das gesamte Buch ins Stolpern.
Einen undankbaren Part hatte bis zuletzt Dan "Thor" Einarsson. Sein einziger Fehler war und blieb ein unromantischer Heiratsantrag. Ansonsten ist er verständnisvoll, bereit, May zu verzeihen, ein guter Freund und nebenbei ein Quarterback der NFL, der aussieht wie ein nordischer Gott. Schwer, ihm etwas vorzuwerfen. Eigentlich ist er fast zu perfekt, um als Gegenpol zu dienen.
Dennoch mochte ich die Art und Weise wie Ruthie Knox ihren Figuren Leben einhaucht, Geschichten entwickelt und erzählt. "Sonnenaufgang über New York" wird nicht mein letztes Buch von ihr sein.

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11 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

kinder, liebschaften, neue liebe, roman, hilma wolitzer

Charmanter Mann aus Erstbesitz

Hilma Wolitzer ,
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 27.07.2015
ISBN 9783552062955
Genre: Romane

Rezension:

Edward hatte mit Bee die Liebe seines Lebens gefunden.
Als er mit Anfang vierzig, nach einer gescheiterten Verlobung und zahlreichen losen Affären, bei der Hochzeit gemeinsamer Freunde Bee kennenlernte, hatte er keine Ahnung, dass die geschiedene Mutter zweier Kinder sein ganzes Leben verändern würde. Doch für sie zog der eingefleischte New Yorker Edward in einen ruhigen Vorort, lernte was es heißt, Stiefvater zu sein, baute sich gemeinsam mit Bee ein neues soziales und kulturelles Umfeld auf. Einziger Wermutstropfen in ihrem Glück war, dass sie kein gemeinsames Kind mehr bekommen hatten. Doch ansonsten erlebten sie zwanzig Jahre familiären Glücks, zwanzig Jahre voller Harmonie, Sicherheit und Vertrauen.
Dann, nach kurzer schwerer Krankheit, stirbt Bee. Plötzlich ist Edward alleine, alleine in einem Haus, das von ihrem gemeinsamen Leben geprägt ist. Gesellschaft leistet ihm nun in erster Linie Bingo, der alte Familienhund. Die Kinder sind bereits ausgezogen, alte Freunde zwar immer erreichbar, aber eben nicht unmittelbarer Teil des Alltags. Halt gibt Edward zunächst sein Beruf; er ist mit Herz und Seele Lehrer, doch die Einsamkeit hat Einzug in sein Leben gehalten. Nach angemessener Zeit versuchen Freunde ihn bei gemeinsamen Essen zu verkuppeln, die Kinder schalten eine Kontaktanzeige. Obwohl alle in bester Absicht handeln, reagiert Edward auf diese Vorhaben sehr verhalten. Er erkennt zwar seine Einsamkeit, schreckt aber vor dem Gedanken, eine neue Frau in sein Leben zu lassen, zurück.

Dennoch beantwortet er einzelne Zuschriften, die er auf seine Kontaktanzeige erhalten hat. Mit einigen der Frauen trifft er sich. Doch diese Treffen bleiben einmalige Angelegenheiten, sie schwanken zwischen skurril, peinlich, traurig und seltsam. Letzten Endes erfüllen sie aber ihren Zweck insofern, dass Edward wieder am Leben teilnimmt. Nur mit einer neuen Frau scheint es nicht zu klappen. Auch seine Vergangenheit meldet sich wieder, in Form einer alten Bekannten, die sein Leben wie schon damals, gehörig durcheinander wirbelt.

Hilma Wolitzer hat mit "Charmanter Mann aus Erstbesitz" einen ganz wunderbaren Roman geschrieben; einen Roman der leisen Töne. Der Leser trifft Edward zum ersten Mal beim Bügeln, wenige Monate nach dem Tod seiner Frau. Das Bügeln beruhigt ihn, er schwelgt dabei in Erinnerungen an Bee. In kurzen eingestreuten Episoden erfährt man mehr über das Leben von Bee, Edward, ihren Kindern und Bees Mutter Gladys. Parallel dazu ist diese Situation Ausgangspunkt von Edwards Leben nach dem Tod von Bee. Berührende, schöne und traurige Begebenheiten wechseln sich ab und ergeben ein sehr vielschichtiges Bild. Das Bild einer Familie, die herrlich normal ist, in der keine außergewöhnlichen Katastrophen passieren, sondern das Lebens seine Gesetze diktiert und mit den daraus resultierenden Gefühlen und menschlichen Konstellationen umgegangen werden muss. Edward und seine Familie sind einem in vielen kleinen Dingen vertraut.
"Charmanter Mann aus Erstbesitz" ist Unterhaltung vom Besten. Sowohl Sprache als auch Handlung haben mich überzeugt. Edward, als Hauptfigur, ist ruhig, kultiviert und lebendig, er wird seiner Rolle als Zentrum des Romans mühelos gerecht. Alle anderen Figuren ergänzen ihn perfekt und ergeben somit ein harmonisches Ganzes.
Es wäre durchaus spannend, irgendwann mehr von der Familie Schuyler zu erfahren.

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99 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 17 Rezensionen

iran, couchsurfing, reisen, reisebericht, reise

Couchsurfing im Iran

Stephan Orth
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei MALIK, 09.03.2015
ISBN 9783890294544
Genre: Biografien

Rezension:

Stephan Orth besucht ein Land, das wohl bei den wenigsten als Urlaubsziel in Erwägung gezogen wird: den Iran. Noch dazu ist er als Couchsurfer unterwegs. Eine Art des Reisens, bei der man sich am besten gleich auf einige Überraschungen einstellt.
Man beginnt diese Reise mit Stephan Orth am Flughafen von Teheran, wo die Passagiere mehr als in anderen Ländern merken, dass hier so manches anders läuft: Aufforderungen wie "Respected Ladies: Observe the Islamic dress code", eine andere Zeitrechnung, das europäische Handy akzeptiert die Jahreszahl 1393 nicht und die allgegenwärtige Präsenz von Khomeini und Chamenei begrüßen den ankommenden Ausländer, gepaart mit einer echten und tiefempfundenen Freundlichkeit der Iraner.

Stephan Orth ist nicht zum ersten Mal im Iran und wie auch bei seiner vorhergegangenen Reise ist er als Couchsurfer unterwegs. Eine Art des Reisens, die im Iran zwar offiziell verboten ist, aber laut seinen Schilderungen von so vielen praktiziert wird, dass sie wohl doch von offizieller Seite toleriert wird.
Sein erklärtes Ziel ist es, mit den Iranern praktisch zu verschmelzen. Er will den echten Iran kennenlernen, er will wissen wie der durchschnittliche Iraner denkt, lebt, arbeitet und wovon er träumt. Durch seine Kontakte als Couchsurfer kommt er mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt: Studenten, Händlern, Lehrern, Veteranen, Großfamilien und sogar mit einer Gruppe BDSM-Praktizierender.
Er bereist das Land mittels Flugzeug, Taxi und Motorrad. Einmal versucht er sich als Tramp, was nicht recht funktionieren will, da immer sofort ein hilfsbereiter Iraner anhält und ihn zu sich nach Hause einlädt. Auf diese Weise ist an ein Weiterkommen im Iran kaum zu denken.

Zwei Dinge sind für Stephan Orth besonders irritierend. zum einen, dass im Iran noch immer mit ungebrochener Begeisterung Modern Talking gehört wird und zum anderen, dass der Iran wohl das einzige Land ist, wo ein Deutscher freudestrahlend auf Hitler angesprochen wird und auch mit dem Hitlergruß begrüßt wird. Die Iraner sind ausgesprochen stolz auf die gemeinsamen Vorfahren aus grauer Vorzeit, die sie mit den Deutschen verbinden.
Alles in allem genießt Stephan Orth seinen Aufenthalt im Iran rundum. Nur manchmal wird ihm die bedingungslose Freundlichkeit der Gastgeber etwas zu viel. Denn für einen echten Iraner findet Gastfreundschaft rund um die Uhr statt. Eine stille Stunde für sich allein, gibt es praktisch nicht. Nur bei mancher Begegnung mit der offiziellen Seite des Iran, so zum Beispiel bei der Visumsverlängerung, geht sein Puls dann doch etwas in die Höhe.

Als Leser erhält man einen Einblick in ein Land, das sich hier ganz anders präsentiert als man es durch Nachrichtensendungen, Zeitungen und Reportagen gewöhnt ist. Manchmal beschleicht einen schon der Verdacht, dass das fast schon zu schön ist, um wahr zu sein.Auf jeden Fall erweitert es den Blickwinkel auf ein faszinierendes Land mit einer alten Kultur und Geschichte, das im letzten Jahrhundert großes Pech mit seinen Regierenden hatte, lapidar ausgedrückt.
Auch Stephan Orths Bilder sind eine angenehme Ausnahme. Sie zeigen nämlich lächelnde und lachende Iraner.

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407 Bibliotheken, 7 Leser, 0 Gruppen, 82 Rezensionen

kindheit, neil gaiman, magie, fantasy, freundschaft

Der Ozean am Ende der Straße

Neil Gaiman , Hannes Riffel
Fester Einband: 238 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 08.10.2014
ISBN 9783847905790
Genre: Fantasy

Rezension:

Ein Mann um die 50, der bis zum Ende des Buches namenlos bleibt, kehrt zur Beerdigung eines Familienmitgliedes, dessen Identität ebenso wenig genannt wird, in sein Heimatdorf im ländlichen England zurück. Nach dem Gottesdienst und vor dem, den Konventionen geschuldeten Beisammensein mit anderen Familienmitgliedern und Freunden, braucht er dringend Abstand. Er setzt sich in sein Auto und fährt blind los. Erst als er sein Ziel erreicht, wird ihm klar, wohin ihn sein Weg geführt hat. Er befindet sich bei der abgelegenen Farm der Familie Hempstock. Dort übermannen ihn alte, lang verdrängte Erinnerungen. Auf einer Bank bei einem Ententeich, der ein ganzer Ozean ist, kehrt er zurück zu seinem siebenjährigen Selbst.

Der siebenjährige Junge war ein zutiefst unglückliches Kind, der das große Haus der Familie mit dem verwilderten Garten und seine Bücher liebte. Seine Eltern, seine jüngere Schwester und er sind auf den ersten Blick eine ganz und gar durchschnittliche Familie, doch hinter der schönen Fassade plagen die Eltern Geldsorgen, eine mögliche Untreue des Vaters steht im Raum und manche Aspekte der Kindererziehung, die insbesondere den Jungen betreffen, grenzen an Kindesmisshandlung.
Doch dann lernt der kleine Junge die Frauen der Familie Hempstock kennen, Großmutter, Mutter und Lettie, die elfjährige Tochter. Männer sind in der Familie Hempstock kein Thema. Die, die es gab sind gegangen und nicht wiedergekommen. Seltsames geschieht rund um diese Frauen, die Grenzen von Raum und Zeit existieren auf ihrem Land nicht. Da die Großmutter den Vollmond der Erntezeit liebt, sieht man nachts von der Rückseite ihrer Farm aus immer diesen Erntemond. Der Ententeich bei der Farm enthält laut Lettie einen ganzen Ozean, der mit den Hempstocks aus ihrer alten Heimat gekommen ist. Als das Böse um sich greift, Menschen beeinflusst, Zwietracht sät und der Vater des kleinen Jungen bei einer Disziplinierungsmaßnahme beinahe zu weit geht, schreiten die Hempstock-Frauen ein. Sie bieten dem Jungen Schutz und Zuflucht. Wesen aus alten Mythen und Legenden, etwas, das älter ist als die Zeit, versuchen an die Macht zu kommen, doch die Hempstocks scheinen über all jenen zu stehen, sie zu beherrschen.

Man kann Neil Gaimans Buch auf zwei Arten lesen. Als die Geschichte eines traumatisierten Jungen, der mit der Realität nicht zurechtkommt und sich in eine Fantasiewelt flüchtet oder als die Geschichte eines kleinen Jungen, in dessen unmittelbarer Nähe mehr passiert als mit unserer Schulweisheit zu erklären ist. Ich habe mich für die zweite Sichtweise entschieden. Dann liest man ein unglaublich intensives, melancholisches Buch. Man spürt die Angst und Verzweiflung des Jungen. Die Frauen der Familie Hempstock sind eine Urgewalt, an dener der Leser keinerlei Zweifel hegt. Neil Gaiman gelingt es, alle Grenzen aufzuheben, er katapultiert den Jungen und den Leser in eine Welt, in der alles möglich ist. Er erklärt wenig. Die Intensität des Buches beruht auch darauf, dass der Leser von Neil Gaiman in und durch eine Welt geführt wird, die vollkommen fremd ist. Ich habe noch nichts Ähnliches gelesen.
"Der Ozean am Ende der Straße" ist eine großartige Entdeckung.

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80 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

london, geheimnis, gesellschaft, fantasieroman, poppy

Winterflammen

Kristen Callihan , Firouzeh Akhavan-Zandjani , Britta Lüdemann
Flexibler Einband: 501 Seiten
Erschienen bei LYX ein Imprint der Bastei Lübbe AG, 06.11.2014
ISBN 9783802595806
Genre: Fantasy

Rezension:

Mit "Winterflammen" legt Kristen Callihan den dritten Teil ihrer Reihe "The Darkest London" vor.
Gut drei Monate sind seit den Geschehnissen von "Im Bann des Mondes" vergangen. Winston Lane, Polizeiinspektor und Ehemann der ältesten Ellis-Schwester Poppy, hat seine schweren Verletzungen dank der Hilfe von Archer und Ian Ranulf überlebt, doch er ist nicht nur äußerlich von tiefen Narben gezeichnet. Auch innerlich ist etwas in ihm zerbrochen, hat er seinen Glauben und seinen Halt verloren. Zu tief sitzt der Verrat seiner Frau. Vierzehn Jahre dachte er, dass Poppy nichts weiter als seine liebende Ehefrau und leidenschaftliche Buchhändlerin sei. Doch schmerzlich wurde ihm klargemacht, dass seine Poppy die vielleicht mächtigste der Ellis-Schwestern ist. Nicht nur kann sie das Element Wasser beherrschen, indem sie es zu Eis verwandelt, sie ist auch Oberhaupt der Gesellschaft zur Unterdrückung Übernatürlicher.
Winston kämpft sowohl damit, zu akzeptieren welche Wesen rund um ihn existieren, als auch mit dem Verrat seiner Frau. Obwohl er sie nach wie vor liebt, weiß er nicht wie er mit dieser Lüge, die alles verändert, umgehen soll.

Poppy, ebenfalls zutiefst verletzt und verunsichert, wird zu diesem Zeitpunkt eine Warnung zugespielt, dass ein Dämon, den sie vor vielen Jahren bannte, fliehen konnte und nun sowohl hinter Winston als auch ihr her ist. Umgehend macht sich Poppy auf den Weg zu Winston und trotz aller Schwierigkeiten, in denen sie gerade stecken, nehmen sie gemeinsam den Kampf gegen einen der mächtigsten bekannten Dämonen auf. Unterstützt werden sie dabei von Jack Talent, den Ian als Winstons Kammerdiener zur Verfügung stellt und von Mary Chase, einem GIM, die einen neuen Lebensweg in der Gesellschaft zur Unterdrückung Übernatürlicher einschlagen möchte.
Während der gemeinsamen Jagd auf den Dämon, kommt ein weiteres Geheimnis aus der Vergangenheit ans Licht. Ein Geheimnis, das in erster Linie durch Winston verschuldet wurde. Und obwohl es Poppy und Winston schwer fällt, mit all den Geheimnissen und Lügen der Vergangenheit umzugehen, sind beide verzweifelt bemüht, einen Weg in eine gemeinsame Zukunft zu finden. Schritt für Schritt gelingt ihnen das auch, wenn auch immer wieder Missverständnisse, Bedenken und Argwohn aufblitzen.
Natürlich sind auch Miranda und Archer und Daisy und Ian mit von der Partie. Miranda und Daisy knabbern selbst noch an Poppys Geheimnis, doch nach und nach stellt sich die schwesterliche Einheit wieder ein.

Kristen Callihans Bücher sind mitreißend geschrieben. Sie beherrscht sowohl die Kunst ihren Charakteren Persönlichkeit zu verleihen, als auch eine packende Handlung zu Papier zu bringen. Egal ob Werwölfe oder Dämonen, Mythen oder historische Begebenheiten, ihr gelingt es, alles zu einer perfekten Einheit zu gestalten. Sie gönnt ihren Figuren die Zeit, die sie für ihre Handlungen brauchen, treibt aber das Geschehen konsequent voran, sodass die Spannung stets gehalten wird. Ich freue mich sehr, dass die Reihe "The Darkest London" weitergehen wird. Zumindest vier mögliche Kandidaten für die weiteren Bände wurden schon vorgestellt.

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(120)

217 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 71 Rezensionen

schizophrenie, tod, psychiatrie, nathan filer, trauer

Nachruf auf den Mond

Nathan Filer , Eva Bonné
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Droemer, 02.03.2015
ISBN 9783426281246
Genre: Romane

Rezension:

Matthew Homes ist zwar erst 19 Jahre alt, doch seine Lebensgeschichte füllt mit Leichtigkeit bereits ein ganzes Buch. Er ist der geborene Erzähler und während eines weiteren Aufenthaltes in einer Psychiatrischen Klinik in Bristol bringt er seine Geschichte zu Papier.
Im Grunde ist sein Leben seit seiner Geburt schwierig. Er stand stets im Schatten seines knapp drei Jahre älteren Bruders Simon, der am Down-Syndrom litt. Besonders für ihre Mutter kamen Simons Wünsche und Bedürfnisse immer zuerst. Für Matt war die zweite Reihe reserviert. Die Tragödie nimmt ihren Lauf, als Simon bei einem Ferienaufenthalt in Cornwall stirbt. Die folgenden Monate prägen und verändern Matts Leben für immer. Vor allem das irrationale Verhalten seiner Mutter trägt dazu bei. Weder sie noch Matt verarbeiten Simons Tod. Matt gibt sich auch jetzt, Jahre später, noch die Schuld am Tod seines Bruders.

An und für sich ein ausgezeichneter Schüler, nützt er seine akademischen Möglichkeiten nicht, verlässt die Schule und arbeitet eine Weile als Pfleger. Zu diesem Zeitpunkt verschlechtert sich sein psychischer Zustand zunehmend. War er bisher auch schon überzeugt, dass Simon noch immer bei ihm ist, wird diese Überzeugung nun zur fixen Idee. Matt sieht Simon im Wind, im Regen, in jedem Atom und ganz besonders im Vollmond. Zugleich verstärken sich seine Selbstmordgedanken. Ein Aufenthalt in der geschlossenen Abteilung der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses ist unausweichlich.

In "Nachruf auf den Mond" erzählt Matt viel aus dem Leben in der Psychiatrie. Er beschreibt sowohl die Pfleger und Krankenschwestern, die dort arbeiten als auch die anderen Patienten. Eindringlich schildert er die Wirkung der ihm verordneten Medikamente auf sein Verhalten. Je besser die Medikamente auf ihn eingestellt werden, umso verzweifelter wird er, da er dann Simon mehr und mehr verliert.
Nathan Filer hat selbst als Krankenpfleger in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet. Dadurch gewinnt "Nachruf auf den Mond" meiner Meinung nach auch seine Ausgeglichenheit. Die Verzweiflung der Patienten wird ebenso dargestellt wie die Bemühungen des Pflegepersonals. Matts Kampf zwischen einer Zukunft, die er meistens gar nicht will, und einer Vergangenheit, die ihn peinigt und quält, berührt den Leser tief. Als Leser verliert man manchmal den Faden was Matt wann während seines Klinikaufenthaltes erlebt, was aber der Geschichte keineswegs schadet.
Besonders im Gedächtnis geblieben, ist mir Matts Feststellung "Ich bin krank, nicht irre". Ein Satz, der einen aufrüttelt und zum Nachdenken bringt. Genauso wie Matts Feststellung, dass sein Zustand zwar behandelbar ist, aber dass er immer wieder Patient in der Psychiatrie sein wird. Und dass er immer wieder einen Anfang suchen muss.

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freundschaft, roadtrip, rollstuhl, familie, schicksal

Umweg nach Hause

Jonathan Evison , Isabel Bogdan
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 09.02.2015
ISBN 9783462046595
Genre: Romane

Rezension:

Erzählt wird "Umweg nach Hause" von Ben, einem Mann um die Vierzig, der in seinem Leben an einem absoluten Tiefpunkt angekommen ist. Vor zwei Jahren hat eine vorerst nicht näher erklärte Katastrophe sein normales Leben schlagartig zum Stillstand gebracht. Seitdem hat er keinen Lebensmittelpunkt mehr, seine Frau hat ihn verlassen, Freunde haben sich von ihm abgewandt, er ist pleite, beruflich ohne jede Perspektive und den meisten seiner Mitmenschen ein seltsames Ärgernis.
Um nicht vollkommen unterzugehen, besucht er einen windigen Pflegekurs und bemüht sich um eine Anstellung. Er bewirbt sich bei Elsa und ihrem Sohn Trev, einem 19-jährigen Teenager, der an einer wahrscheinlich tödlich verlaufenden Muskelerkrankung leidet. Aus irgendwelchen Gründen findet Trev Ben sympathisch und erwählt ihn zu seinem neuen Pfleger. Die beiden entwickeln einen für sie angenehmen Tagesablauf, der von festen Routinen geprägt ist. Trev ist absoluter Fan des Wetterkanals und Sammler von außergewöhnlichen Sehenswürdigkeiten, auf der Landkarte, und von seltsamen Sexpositionen, in Gesprächen mit Ben.
Während sich das Verhältnis von Ben und Trev recht positiv entwickelt, wird Ben nach wie vor von der Vergangenheit bedrängt. Seine Frau Janet, von der er seit gut zwei Jahren getrennt lebt, fordert vehement die Scheidung. Seine Schwiegereltern geben ihm zu verstehen, dass er in ihrem Leben nicht länger erwünscht ist und auch Elsa, Trevs Mutter, ist von Bens Qualitäten nicht wirklich überzeugt. Einzig Forest, Bens Freund aus Collegezeiten, steht zu ihm. Wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung bleibt er an Bens Seite. Eine wirkliche Veränderung löst indirekt Bob, Trevs Vater aus. Als vor vielen Jahren Trevs verheerende Diagnose gestellt wurde, konnte Bob mit dieser Situation nicht umgehen und verließ seine Familie. Seitdem bemüht er sich unermüdlich um Kontakt zu seinem Sohn. Nach einem weiteren gescheiterten Kontaktaufnahmeversuch, entscheidet Trev für sich, dass sein Vater wohl genug gelitten hat. Gemeinsam mit Ben begibt er sich in einem umgebauten Van auf die Reise vom Bundesstaat Washington nach Salt Lake City, wo sein Vater wohnt. Diese Reise bringt nicht nur schillernde Mitfahrer, griesgrämige Motelbesitzer, verdächtige Verfolger und atemberaubende Landschaften in das Leben von Ben und Trev, sie rückt auch ihr Leben irgendwie in die richtigere Bahn. Trev kommt ohne seine starren Routinen wunderbar zurecht und Ben ist mit Fahren und Organisieren dermaßen beschäftigt, dass er zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommt, dass sein Leben nach der Katastrophe vor zwei Jahren doch weitergehen könnte.

Jonathan Evison / Ben erzählt in kleinen Rückblicken von diesem einen Tag, der Bens Leben mehr oder weniger beendete. Immer näher führt er den Leser an eine schreckliche Katastrophe heran, die, das ist relativ bald klar, zum Tod von Bens Kindern führte. Welche Rolle Ben dabei spielte und warum nicht nur er selbst sich die Schuld daran gibt, das erfährt der Leser Schritt für Schritt.
Jonathan Evison erzählt in "Umweg nach Hause" eine wahrlich große Geschichte. Er erzählt nicht nur von Tod, Krankheit und Verlust, sondern auch davon wie unerbittlich das soziale Umfeld sein kann. Wie rasch einer allein die Schuld bekommt, wie leicht es dies den anderen macht, mit der Tragödie umzugehen und wie beinhart Menschen einen anderen aufgeben, der ohnehin schon am Boden liegt. Doch "Umweg nach Hause" ist kein negatives Buch. Jonathan Evison gelingt eine wunderbare Balance. Trev kann nach wie vor über sich selbst lachen und seine Krankheit, wenn nötig, zu seinem Vorteil einsetzen. Ben ist so hilflos und überfordert, dass er im Leser Beschützerinstinkte auslöst. Und dann gibt es Forest! Bens einzigen Freund, der ein Freund bleibt. Als Janet, Familie, Freunde und Nachbarn Ben den Rücken gekehrt hatten, blieb er an seiner Seite. Litt und soff mit ihm und blieb unerschütterlich an seiner Seite, egal wie oft Ben diese Freundschaft und Hilfe auch abwehren wollte.
Ganz nebenbei erzählt "Umweg nach Hause" auch von einer Reise durch mehrere amerikanische Bundesstaaten. Die Highways, Motels und Nationalparks sieht man dabei in all ihrer Pracht vor sich.

Es ist eine Freude, "Umweg nach Hause" lesen zu dürfen!

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rose gordon

Ein unerwarteter Bräutigam

Rose Gordon
E-Buch Text
Erschienen bei AmazonCrossing, 17.06.2014
ISBN 9781477872611
Genre: Romane

Rezension:

Alexander Banks lebt ein ruhiges und ausgeglichenes Leben. Er stammt aus einer angesehenen Familie, ist begeisterter Wissenschaftler, hat eine große, etwas unorthodoxe aber glückliche Familie um sich und ahnt nichts von den dunklen Wolken, die sich über ihm zusammenbrauen.
Sein Vater, Lord Watson, ist schon des längeren krank und bittet eines Tages Alex zu einem vertraulichen Gespräch. Darin informiert er seinen Sohn, dass Lord Watson und sein bereits verstorbener guter Freund, die Namen ihrer Kinder in einem Verlobungsvertrag festgehalten haben. Dieser besagt, dass Alex Olivia heiraten muss, es sei denn, er heiratet vor seinem dreißigsten Geburtstag eine andere Frau. Erschwerend kommen hinzu, dass Alex bereits in vier Wochen Dreißig wird und Olivia, sowohl in Aussehen als auch Betragen, als die fürchterlichste Frau ganz Englands angesehen wird. Alex, eher trocken und etwas ungeübt was gesellschaftliches Verhalten anbelangt, steht nun vor der gewaltigen Aufgabe innerhalb der nächsten vier Wochen nicht nur eine Braut zu finden, sondern diese Erwählte auch zur sofortigen Heirat zu überreden.
Er beschließt die Brautsuche wie ein wissenschaftliches Projekt aufzubauen und durchzuführen. Hilfe erhält er dabei von Olivias Bruder Marcus, der niemandem seine Schwester zur Ehefrau wünscht und von Caroline, der Cousine von Marcus und Olivia. Caroline selbst erfüllt bald die meisten Anforderungen, die Alex an seine zukünftige Frau stellt. Vor allem ist sie ebenso wie Alex an Astronomie und Biologie interessiert.

Wie ALex Caroline erobert, mit welchen Gemeinheiten Olivia reagiert und wie Alexanders Cousinen und ihre Ehemänner mit Rat und Tat zu Hilfe eilen, schildert Rose Gordon leicht, amüsant und in einem wirklich gelungenen Erzählstil. Vergangene Dramen und Geheimnisse wirken sich teils bedrohlich auf die Gegenwart und Zukunft aus. Aus ihnen ergeben sich auch einige Missverständnisse, die das sich abzeichnende Glück von Alex und Caroline zu zerstören drohen.
Am wenigsten sagt mir in diesem Buch Olivia zu. Sie soll zwar hässlich und unangenehm sein, aber sie wirkt dann schon oft zu überzeichnet, als dass sie ihrer Rolle noch gerecht wird. Die Autorin nimmt es mit dem historischen Rahmen nicht allzu genau, was mich aber persönlich nicht stört, da zum Beispiel der lockere Umgangston innerhalb der Familie Banks durchaus zu den gezeichneten Figuren passt und sich auch positiv in die Handlung einfügt.
Alles in allem ein gelungener Regency-Roman; ich hoffe sehr, dass die anschließenden Bände auch noch übersetzt werden.

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zeugen jehovas, religion, richterin, familienrecht, roman

Kindeswohl

Ian McEwan ,
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 09.01.2015
ISBN 9783257069167
Genre: Romane

Rezension:

Ian McEwans "Kindeswohl" kann man gut und gerne als Meisterwerk bezeichnen. Selten oder kaum habe ich bisher ein Buch gelesen, das einen so rasch in seine Handlung aufsaugt. Nach knapp zwei Seiten hatte ich bereits das Gefühl seine Hauptfigur, Fiona Maye, nicht nur zu kennen, sondern auch zu verstehen.
Man trifft Fiona Maye, eine angesehene Richterin, in ihrer Wohnung am Gray's Inn Square in London an, wo ihr persönliches Leben gerade auf den Kopf gestellt worden ist. Ihr Mann Jack will nach gut dreißig Ehejahren noch einmal die große Leidenschaft erleben und bittet Fiona um die Erlaubnis für eine Affäre mit einer jüngeren Frau. Fiona verweigert diese Erlaubnis strikt. Dem Streit, der daraufhin folgt, ist sie kaum gewachsen. Gleichzeitig wird sie über einen eiligen Fall informiert. Ein 17-jähriger Junge, der an Leukämie erkrankt ist, würde infolge seiner Behandlung dringend Blutkonserven benötigen. Seine Eltern und er selbst lehnen dies kategorisch ab, da sie den Zeugen Jehovas angehören, die Bluttransfusionen, egal wie lebensentscheidend sie auch sein könnten, verbieten. Zeit ist in diesem Fall die entscheidende Komponente. Adams Anwälte drängen aufgrund der Tatsache, dass er in wenigen Wochen volljährig wäre und für sein Alter sehr reif ist, darauf, seinem Wunsch nachzukommen und auf die Behandlung mit Blutkonserven zu verzichten, wissend, dass dies sein wahrscheinliches Todesurteil ist. Fiona entscheidet sich für ein Treffen mit Adam im Krankenhaus. Dieses Treffen und ihr eigenes emotionales Angeschlagen sein, bringen Fionas unerfüllten Kinderwunsch wieder verstärkt in ihr Bewusstsein. Doch sie ist an konsequente, logisch durchdachte und rasche Entscheidungen gewöhnt. So trifft sie auch in diesem Fall ihr Urteil. Ein Urteil, das in den folgenden Wochen eine Reihe von Konsequenzen nach sich ziehen wird.

Fiona Maye ist die geborene Hauptfigur. Sie hat Charakter, Ecken und Kanten, Interessen, Überzeugungen, ein Gewissen und die eine oder andere Schwäche. Trotz aller Distanz und Objektivität, die für ihre Arbeit als Richterin notwendig sind, hat sie sich ein Gespür für menschliche Tragödien und einen Sinn fürs Absurde bewahrt. Mit der über sie hereinbrechenden Krise mit ihrem eventuell untreu werdendem Ehemann, geht sie weder souverän noch abgeklärt um, sondern eher zurückhaltend und verwirrt.
IanMcEwan gelingt es mit seiner Figur der Fiona Maye, aufzuzeigen, wie schwierig Entscheidungen zwischen Richtig und Falsch sein können. Sobald Menschen und Meinungen aufeinandertreffen, kann es kaum mehr nur die eine Wahrheit geben.

IanMcEwan schreibt klar, präzise und schnörkellos. Kaum ein Autor bringt seine Figuren so perfekt skizziert aufs Papier. Seine Geschichten, ganz besonders auch "Kindeswohl", entfalten sich wie von selbst und mühelos vor dem Leser. Er erzählt hier auf eher überschaubaren 224 Seiten mehr, als so mancher Autor, der die zwei- oder dreifache Seitenanzahl aufwendet, und dann dennoch keine so dichte und überzeugende Handlung vermitteln kann.

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