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63 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 24 Rezensionen

gebrüder grimm, hessen, kassel, grimm, märchen

Grimms Morde

Tanja Kinkel
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Droemer, 02.10.2017
ISBN 9783426281017
Genre: Historische Romane

Rezension:

Tanja Kinkel hat sich für ihren Roman "Grimms Morde" eine der spannendsten Epochen der deutschen Geschichte ausgesucht. Nach der napoleonischen Herrschaft über Europa, den Befreiungskriegen und dem Wiedererstarken der deutschen Fürstentümer, befindet sich der Kontinent in einem fragilen Gleichgewicht. Intellektuell werden die deutschen Fürstentümer und Königreiche durch die Vertreter von Klassik und Romantik geprägt.
Tanja Kinkel führt zwei der prägendsten Familien jener Zeit in Kassel zusammen: die Familien Grimm und Droste-Hülshoff. Jacob und Wilhelm Grimm, die als Hofbibliothekar und Bibliothekssekretär für den Kurfürsten von Hessen-Kassel tätig sind, bilden das eine Geschwisterpaar des Romans. Ihnen gegenüber stehen Annette und Jenny von Droste-Hülshoff, Mitglieder der alteingesessenen Adelsfamilien von Droste zu Hülshoff und Haxthausen.

Als im Frühling 1821 die Freiin von Bachros, ehemalige Mätresse des verstorbenen Kurfürsten brutal ermordet wird, fällt der Verdacht auf Jacob Grimm. Zum einen wurde die Freiin exakt so ermordet, wie Jacob Grimm es in einem der Märchen, die von ihm und seinem Bruder gesammelt und veröffentlicht wurden, schildert. Zum anderen ist Jacob ein dankbarer Verdächtiger, da er stur und konsequent seine Meinung äußert, in Zeiten, die von Spitzeln und Überwachung geprägt sind.
Da besagtes Märchen von den Schwestern Droste-Hülshoff beigesteuert wurde, sehen sie es nun als ihre Pflicht an, den Brüdern Grimm zu Hilfe zu eilen. Die Geschwister verbindet eine langjährige Bekanntschaft, in der die unterschiedlichsten Gefühle ein kompliziertes Netz gewoben haben und den Umgang untereinander erschweren. Neben der Mordermittlung, in die sich vor allem Jacob und Annette einbringen, müssen sie sich auch noch mit Freundschaft, Liebe, Abscheu und Standesdünkel auseinandersetzen.
Spannend entwickelt Tanja Kinkel eine Geschichte rund um den Tod der Freiin von Bachros, die ihren Ursprung letztendlich in der Zeit findet, in der Napoleons Bruder als König über Westphalen herrschte. So rücken die diversen Mätressen der Kurfürsten von Hessen-Kassel ebenso ins Blickfeld wie auch die vergangene französische Politik und der gegenwärtige Staatsapparat, getragen von Zensur und vorgegebener Meinung.

Tanja Kinkel gelingt es mühelos historische Zusammenhänge herzustellen beziehungsweise jene auch durch die fortschreitende Handlung präsenter werden zu lassen. Sie gewährt einen hervorragenden Einblick in das tägliche Leben in Kassel im Jahre 1821. Ebenso gut gelingt es ihr, die unterschiedlichen Persönlichkeiten herauszuarbeiten. Im Laufe des Buches erfährt man viel über die Vergangenheit, Beweggründe, Hoffnungen und Träume der Protagonisten. Der rhetorische Schlagabtausch zwischen Annette von Droste-Hülshoff und Jacob Grimm ist kurzweilig und amüsant. Es ist schön, zu lesen, wie beide erkennen, dass ihre anfängliche Abneigung gerade in einer ähnlichen aufrechten Geisteshaltung verwurzelt ist.
"Grimms Morde" ist spannend, interessant und kurzweilig. Gleichzeitig macht es Lust darauf, mehr über die Familien Grimm und Droste-Hülshoff zu lesen. An Literatur von und über diese scheitert es bestimmt nicht.

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161 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 30 Rezensionen

cambridge, boxen, pitt club, gesellschaftskritik, der club

Der Club

Takis Würger
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 22.02.2017
ISBN 9783036957531
Genre: Romane

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107 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 50 Rezensionen

musik, gitarre, blues, rock, gitarren

Vintage

Grégoire Hervier , Alexandra Baisch , Stefanie Jacobs
Fester Einband
Erschienen bei Diogenes, 23.08.2017
ISBN 9783257070026
Genre: Romane

Rezension:

"Vintage" von Gregoire Hervier ist einer der außergewöhnlichsten Romane, die ich jemals gelesen habe. Er lässt sich mühelos den Genres Roman, Krimi, Reisebericht und Sachbuch/Musikgeschichte zuordnen.
Thomas Dupre, ehemaliger Gitarrist einer kaum bekannten Band, erfolgloser Journalist, Zeilenschinder, wie er sich selbst bezeichnet und seiner Definition nach Besitzer von rein gar nichts, arbeitet aushilfsweise in Alain de Chevignes "Prestige Guitars" in Paris. Die Vintage-Gitarren, die dort verkauft, gehandelt und repariert werden, sind Thomas'ganze Leidenschaft. Als ein mysteriöser Schotte eine der teuersten Gitarren des Ladens erwirbt, überbringt Thomas diese persönlich nach Schottland.

Lord Charles Winsley, fanatischer Sammler alter Gitarren und wohnhaft in Jimmy Pages ehemaligem Landhaus, Boleskine House, zieht Thomas regelrecht in seinen Bann. Es ist dem Lord ein leichtes, ihn dazu zu überreden, die sagenumwobene Gibson Moderne von 1957 zu suchen. Eine Gitarre, die zwar als Heiliger Gral der Vintage-Gitarren gilt, aber von der es nicht einmal einen gesicherten Beweis gibt, ob es sie jemals gegeben hat. Da Geld keine Rolle spielt, beginnt Thomas allen Hinweisen, seien sie noch so obskur, nachzugehen. Über Sydney - Memphis, Tennessee - Clarksdale, Mississippi kommt er schließlich nach Oxford, Mississippi. An der dortigen Ole Miss University trifft er auf einen Professor und eine Doktorandin, die seine Suche nach der Gibson Moderne begeistert unterstützen. Ein vollkommen in Vergessenheit geratener Musiker namens Li Grand Zombi Robertson, der konsequent nur die Musik spielte, die ihm gefiel und der seiner Zeit Jahrzehnte voraus war und der Tiefe Süden ziehen Thomas in ihren Bann. Akribisch geht er jedem noch so kleinen Hinweis nach; Mississippi, Tennessee und Louisiana, kleine Orte, in denen die Zeit scheinbar seit einem halben Jahrhundert stillsteht, die Sumpflandschaften in Mississippi und Louisiana, die ein Vorankommen nur mit einem Boot möglich machen, bittere Armut und über allem eine Musik, die scheinbar nicht von dieser Welt ist.
Seltsame Todesfälle, Lügen, ein psychopathischer Elvis-Imitator und ein Lord, der ganz eigene Ziele verfolgt, bringen Thomas'Leben gehörig aus dem Gleichgewicht.

Ein Roman, der so explizit einem Thema folgt und dennoch spannend, vielfältig, lehrreich und unterhaltsam ist, bedarf eines ganz besonderen Autors. Gregoire Hervier erzählt von den legendären Gibson Gitarren, der Entwicklung der Musik und ihrer Aufnahmetechniken, verflicht all dies mit Mythen und Legenden, siedelt es im Tiefen Süden der USA an und bringt damit ein Road Movie zu Papier, das seinesgleichen sucht. Jedes Wort, jeder Satz und jedes Kapitel ergeben eine perfekte Melodie, es gibt keine falschen Zwischentöne. Gregoire Hervier gelingt es, die Fakten zum Thema Musikgeschichte lebendig und spannend in seiner Geschichte zu verpacken. Der Leser sieht seine Figuren vor sich, spürt die Schwüle des Bayous und die Einsamkeit der amerikanischen Landstraßen, und vor allem vergisst er alles rund um sich während er sich Seite um Seite "Vintage" zu Eigen macht.
Mehr kann ich mir von einem Buch gar nicht wünschen!

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468 Bibliotheken, 12 Leser, 1 Gruppe, 70 Rezensionen

magie, london, fantasy, vier farben der magie, kell

Vier Farben der Magie

Victoria Schwab , Petra Huber
Flexibler Einband: 496 Seiten
Erschienen bei FISCHER Tor, 27.04.2017
ISBN 9783596296323
Genre: Fantasy

Rezension:

Die Stadt London gibt es vier Mal.

In der Weltenwanderer-Trilogie von V.E. Schwab existieren vier Welten, die durch magische Portale miteinander verbunden waren, bis diese vor vielen Jahrhunderten verschlossen wurden. In jeder der vier Welten gibt es eine Stadt London. Doch bei diesem Namen hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf.
Das graue London entspricht unserem London zu Beginn des 19. Jahrhunderts; das weiße London ist geprägt von Krieg, Kämpfen und Blut. Das schwarze London ist untergegangen und nur das rote London ist eine blühende Stadt voller Lebensfreude, Glück und Magie. Im roten London ist Magie Teil des täglichen Lebens, pulsierend und alles durchdringend.
Nur den Antari, besonders mächtigen Magiern, ist es möglich, die Grenzen der Welten zu überschreiten. Kell, ein Antari aus dem roten London ist einer jener Weltenwanderer. Die Antari sind Boten zwischen den Königen, doch ist es ihnen strengstens untersagt, Gegenstände von einem ins andere London mitzunehmen. Gerade dies ist aber Kells geheime Passion. Er sammelt Alltagsgegenstände, Kuriositäten aus den drei Städten. So faszinieren ihn die kleinen Spieluhren des grauen Londons, die gänzlich ohne Magie ihren Zauber für den Betrachter entfalten. Als er eher widerwillig einen Gegenstand, einen schwarzen Stein, aus dem weißen London ins rote London mitnimmt, bringt er beinahe das empfindliche Gleichgewicht zwischen den Welten in Gefahr und setzt das rote London dem Untergang aus. Kells einzige Möglichkeit, seinen Fehler wieder gutzumachen, ist, den Stein, ein mächtiges magisches Artefakt, im schwarzen London zu zerstören.
Auf der Flucht vor seinen Verfolgern trifft er im grauen London Lila Bard, eine Diebin und Überlebenskünstlerin. Obwohl der Anfang ihrer Bekanntschaft mehr als holprig verläuft, erweist sich Lila als unersetzliche Verbündete. Gemeinsam setzen sie sich den Mächten des Bösen entgegen. Und Lila, obwohl im gänzlich unmagischen trist-grauen London geboren, schafft es gemeinsam mit Kell, zwischen den Welten zu reisen.

V.E. Schwab hat mit "Vier Farben der Magie" eine herrliche Fantasy-Welt erschaffen. Der Grundgedanke, dass es London viermal und in gänzlich anderen Formen gibt, war für mich entscheidend, dieses Buch zu lesen. Die vier Welten sind, obwohl man nur drei davon kennenlernt, sehr gut herausgearbeitet. Mich persönlich hätte auch ein Besuch Kells im schwarzen London gereizt. V.E. Schwab spielt mit den verschiedenen Ausprägungen der Magie, wie auch mit ihrem Fehlen im grauen London.
Ihre Hauptfiguren, Kell und Lila, sind alles andere als perfekt. Ihre guten wie auch ihre schlechten Eigenschaften halten sich meist die Waage und nur manchmal schlägt das Pendel in die eine oder andere Richtung aus.
Die Geschichte, die Handlung und die Personen sind meiner Meinung nach wunderbar gelungen. Mir fehlt nur eines und das betrifft die Sprache selbst. Es fehlt immer wieder die Leichtigkeit des Erzählens, der Esprit oder die Magie der Sprache.

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37 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 15 Rezensionen

salem, hexen, mord, mystik, hexerei

Die Frauen von Salem

Brunonia Barry , Elke Link
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei btb, 13.06.2017
ISBN 9783442714360
Genre: Romane

Rezension:

Brunonia Barry kehrt in ihrem neuen Roman "Die Frauen von Salem" nach Salem, Massacusetts zurück. Man trifft auf viele vertraute Figuren und Orte aus ihrem Debütroman "Die Mondschwimmerin". Yellow Dog Island, die kleine Insel vor der Küste Salems, der Teesalon, Towner und Rafferty, sie alle spielen auch in diesem Buch eine wichtige Rolle und sind dem Leser sofort wieder vertraut.

In der Halloween-Nacht 1989 wurden drei junge Frauen in Salem auf brutale Weise ermordet. Die drei Frauen waren allgemein als die "Göttinnen" bekannt. Sie waren schön und betörend, geheimnisvoll und verrucht. Für die einen waren sie nur leichtlebig und verantwortungslos, für die anderen Göttinnen und wieder für andere Anhängerinnen des Teufels. Rose Whelan, die in der Todesnacht bei den Göttinnen war und einst eine angesehene Historikerin, geriet unter Mordverdacht. Obwohl ihr nie etwas nachgewiesen werden konnte, forderten die Geschehnisse ihren Tribut. Rose zog sich in ihre eigene Welt zurück, wurde obdachlos, sprach mit Bäumen und widmete ihre gesamte Zeit den Hexenprozessen von 1692. Und Callie, im Jahre 1989 fünf Jahre alt und Tochter einer der Göttinnen, überlebte, versteckt im Gebüsch, den Mord an ihrer Mutter und deren Freundinnen.
Als 25 Jahre später ein Jugendlicher in Salem ermordet wird, wieder in der Halloween-Nacht und wieder im Beisein von Rose, ist Rafferty gezwungen nach und nach auch den ungelösten Fall von 1989 wieder aufzurollen. Und Callie kehrt, als sie in den Nachrichten von den Geschehnissen hört, nach Salem zurück.
Nach der Ermordung ihrer Mutter wurde Callie von Nonnen in einem Waisenhaus großgezogen. Diese Nonnen begegneten dem kleinen seltsamen Mädchen mit einer beständigen Reserviertheit. Die Ermordung ihrer Mutter und deren Verbundenheit mit den Hexen von Salem, sowie Callies spröde verschlossene Persönlichkeit, überforderten die Nonnen. Die Erinnerungen an die Mordnacht hat Callie erfolgreich verdrängt, nur einzelne Fetzen der Geschehnisse finden den Weg in ihre Alpträume. Die Alpträume verfolgen sie bei Nacht, tagsüber plagen sie eine Art von Hellsichtigkeit und Visionen, die unvermittelt auftreten. Aber zumindest in ihrem Beruf als Klangtherapeutin sind sind sowohl Empathie als auch Sensibilität von Vorteil.
Im heutigen Salem, das es bestens versteht die Hexenprozesse von 1692 zu vermarkten und das für Weiße und Graue Hexen offensteht, lösen dennoch die von allerlei Mythen umgebenen Morde an den Göttinnen sowie der Tod des Teenagers und die sonderbare Rose bei der Bevölkerung Unbehagen und Ansätze von Panik aus. All dies bekommt Callie bei ihrer Rückkehr zu spüren. Verzweifelt versucht sie die Unschuld von Rose zu beweisen und auch endlich für sich selbst die Geheimnisse der Mordnacht zu lösen. Unterstützt wird sie dabei von Polizeichef Rafferty und seiner Frau Towner Whitney.

Brunonia Barry gelingt es, das vergangene wie auch das gegenwärtige Salem lebendig werden zu lassen. Die Hexenprozesse, Nathaniel Hawthorne, die Mayflower und die Puritaner stehen in ihrer Lebendigkeit dem Salem von heute, in dem sich Esoterik, alte Mythen und pure Geschäftstüchtigkeit mischen, in nichts nach. Wenn man "Die Frauen von Salem" liest, kann man das Meer riechen, die Menschen vor sich sehen und einem imaginären Stadtplan folgen. Brunonia Barry verwebt auf beeindruckende Weise mythologische Stoffe, historische Fakten und esoterische Einflüsse. Es spricht eindeutig für sie, dass diese Mischung perfekt ausbalanciert ist und keinen schalen Eindruck hinterlässt. Ich hoffe sehr, dass Brunonia Barry in einem zukünftigen Roman wieder nach Salem und zur Familie Whitney und ihren Freunden zurückkehren wird. Geschichten gibt es in Salem genug zu erzählen!

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5 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Jack Engles Leben und Abenteuer

Walt Whitman , Renate Orth-Guttmann , Irma Wehrli , Wieland Freund
Fester Einband
Erschienen bei Manesse, 22.05.2017
ISBN 9783717524502
Genre: Romane

Rezension:

Walt Whitman ist der Dichter Amerikas; sein Lebenswerk "Grashalme" und daraus wiederum "O Captain! My Captain!" sind untrennbar mit der amerikanischen Literaturgeschichte verbunden. Umso größer war die Aufregung als ein 1852 veröffentlichter Fortsetzungsroman 165 Jahre später Walt Whitman zugeordnet werden konnte.

In "Jack Engles Leben und Abenteuer" erzählt eben jener Jack Engles auszugsweise aus seinem Leben. Im Alter von zehn Jahren beginnt seine Geschichte, sein Leben, als ihn sein Weg vor die Türe des Milchhändlers Ephraim Foster führt. Jack ist einer von unzähligen heimatlosen Minderjährigen, die allein, auf sich selbst gestellt, ihr Leben meistern müssen. Selbstbewusst bittet er Ephraim Foster um ein Frühstück, weder frech noch fordernd, eher dem Herzen dieses Mannes, der ihm bisher gänzlich unbekannt ist, vertrauend. Und sein Gespür soll ihn nicht trügen. Ephraim und seine Frau Violet nehmen den kleinen Herumtreiber auf. Sie schenken ihm ein Heim, Liebe, Sicherheit und Güte.
Im Alter von zwanzig Jahren tritt Jack eine Stelle bei Mr. Covert, einem erfolgreichen aber dubiosen Rechtsanwalt an. Obwohl ihn diese Berufswahl alles andere als begeistert, kann er sich dem innigsten Wunsch Ephraim Fosters nicht widersetzen. Folglich tritt er Tag für Tag fügsam zum Dienst an. Seine Welt wird um Kanzleidiener, Laufburschen, Wall Street Spekulanten, Politiker, Tänzerinnen.Prediger und die damals wie heute pulsierende Vitalität New Yorks bereichert. Bald schon wird er mit Hinweisen auf seine Herkunft konfrontiert. Jack, der keinerlei Anhaltspunkte zu seiner Vergangenheit hatte, erfährt durch viele akribisch zusammengetragene Teilchen von einer Geschichte, die Mord, Betrug und Verrat im Übermaß beinhaltet. Auch kreuzt er immer wieder die Wege zweier Damen, die, wie er zu seiner Freude erfahren wird, ebenfalls mit ihm von Geburt an verbunden sind.

"Jack Engles Leben und Abenteuer" erinnert in vielerlei Hinsicht an die Romane von Charles Dickens. Die Metropolen New York und London bilden den Rahmen für Geschichten, die von ihren Gegensätzen leben: Reich und Arm, Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Vertrauen und Verrat. Walt Whitmans Figuren sind weicher gezeichnet als die von Charles Dickens. Die Bösewichte sind nicht ganz so abgrundtief böse. Als Leser kann man ihrem Handeln und Tun leichter folgen. Sie werden von Habgier und Egoismus angetrieben, doch sind sie letztendlich menschlicher als der typische Dickens-Bösewicht. Der gesamte Roman wird von einem positiven Grundton durchzogen. Der Glaube an eine bessere Zukunft, heute wie damals typisch amerikanisch, treibt jeden an.

Mein Lieblingskapitel ist Kapitel 19. In diesem gönnt sich Jack Engles eine Auszeit auf dem Friedhof der Trinity Church. Heute wie damals ist die Trinity Church in unmittelbarer Nachbarschaft zur Hektik rund um die Wall Street gelegen. Diese Kirche und der kleine Friedhof mit seinen verwitterten Grabsteinen und hohen Bäumen ist eine Insel der Ruhe inmitten der niemals schlafenden Metropole New York. Ob eine Querstraße weiter millionenschwere Geschäfte gemacht werden oder Polizeiwagen vorbeirasen, dort spielt es keine Rolle.
Walt Whitman erzählt nicht nur die Geschichte Jack Engles, er erzählt auch von New York selbst.

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13 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten

J.L. Carr , Monika Köpfer , Saša Stanišić
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 26.04.2017
ISBN 9783832198541
Genre: Romane

Rezension:

Die Frage, ob es ein perfekt geschriebenes Buch gibt, lässt sich nach der Lektüre von "Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten" schlicht und einfach mit Ja beantworten.

Nicht umsonst gilt es als bestes Buch von J.L. Carr. Sein Biograph hat Carr als schwer fassbar, donquichottisch und durch und durch englisch beschrieben. Cricket, alten Kirchen am Land, handgezeichneten Landkarten und natürlich dem eigenen Garten galt sein ganzes Interesse. Diese Charaktereigenschaften sind klar in die "Steeple Sinderby Wanderers" eingeflossen.

Im 547-Seelen-Dorf Sinderby, in den Hochmooren Yorkshires gelegen, machen sich ein Exil-Ungar, ein Ex-Profifußballer und ein gescheiterter Theologiestudent, der sich seinen Lebensunterhalt mit dem Dichten von Versen für Glückwunschkarten verdient, daran, den englischen Fußball zu revolutionieren. Sie beschließen, alles daran zu setzen, die neue Fußball-Saison als Sieger im Pokalfinale im Wembley-Stadion zu beenden. Der nur scheinbar unmögliche Traum wird auf sechs philosophisch-logisch-einfache Regeln aufgebaut. Konsequenz, Hingabe, ein findiger Vorstandsvorsitzender und brachiale Durchsetzungskraft, immerhin wird im England der siebziger Jahre Fußball gespielt, bringen die Sinderby Wanderers Runde um Runde weiter.
Kirchenglocken, ein eiserner Bettwärmer, eine Schrotflinte und typisch englische Gelassenheit und Höflichkeit tragen weiters dazu bei, die eine oder andere brenzlige Situation in Wohlgefallen aufgehen zu lassen.
Die Schwester des Dorfgeistlichen, ihres Zeichens Gründerin einer eigenen Religion, die Dorfamazonen, und immer wieder Mr. Fangfoss, der Vorsitzende von allem in und um Sinderby, tragen ihren Teil zum wahrwerdenden Wunder bei.

"Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten" ist nur auf den ersten Blick ein Roman über Fußball. Obwohl der Leser den Steeple Sinderby Wanderers Runde um Runde zu ihrem großen Triumph folgt, ist das Fußballspiel an sich sekundär. Die wunderbar gezeichneten Charaktere, der Wortwitz, die Situationskomik, das Aufeinanderprallen des kleinen Dorfes in Yorkshire mit der großen weiten Welt in Form von Fernsehübertragungen, Journalisten, Opportunisten und Skinheads, all dies bringt J.L. Carr so leicht zu Papier, dass man immer wieder ganze Absätze ein zweites Mal liest, um sie auch dementsprechend genießen und würdigen zu können.
Es ist eine Freude, der Mannschaft von Sinderby auf ihrem Weg zum großen Triumph folgen zu dürfen. Alle, Spieler und Helfer, das Wort Betreuer würde niemandem gerecht werden, sind eine eingeschworene Truppe, die den Leser von der guten alten Zeit träumen lassen und für 192 Seiten den Glauben an die Menschheit wieder herstellen.
Es ist ein Buch, das die traurigen und schönen Momente des Lebens einfängt.

Sasa Stanisic fasst dies in seinem Vorwort sehr schön zusammen: "Helden können nicht immer Helden sein. Es gibt auch sonst viel zu tun." Dem ist nichts hinzuzufügen.

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35 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 10 Rezensionen

cambridge, papagei, mor, graupapagei, krimi

Gray

Leonie Swann
E-Buch Text: 380 Seiten
Erschienen bei Goldmann Verlag, 15.05.2017
ISBN 9783641194307
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Gray, der titelgebende Protagonist in Leonie Swanns neuem Roman, ermittelt gemeinsam mit seinem temporären Halter, Dr. Augustus Huff, in der Stadt, die wie keine zweite für Bildung und Wissen steht: Cambridge!
Dr. Augustus Huff, geboren auf den Äußeren Hebriden, Anthropologe und Dozent in Cambridge, lebt ein Leben, das einerseits vom Geiste Cambridges und andererseits von einer Reihe Zwangshandlungen geprägt wird. Als einer seiner Studenten, ein zukünftiger Lord, beim Fassadenklettern abstürzt und stirbt, wird er zum vorübergehenden Aufpasser von dessen hochintelligentem Graupapagei, Gray, ernannt. Gray ist nicht unbedingt der ideale Gefährte für einen Menschen, dessen Tagesablauf von starren Ritualen und Handlungen bestimmt ist. Dennoch sind die beiden einander rasch in echter Zuneigung verbunden.
Durch Gray wird Huff, wie ihn der sprachgewandte Papagei nennt, aber auch mehr und mehr in die mysteriösen Begleitumstände, die den Tod von Elliot umgeben, hineingezogen. Zunächst widerwillig und überfordert beginnt Huff seine Ermittlungen, die ihn ebenso wie Elliot auf die Dächer von Cambridge führen. Nach und nach deckt er ein perfides Netzwerk aus Lügen, Verrat und Liebe auf. Es ist beinahe rührend, wie er dabei versucht, sowohl seinen lebenden Studenten als auch Elliot gerecht zu werden.
Die Lösung des Falles liegt lange im Verborgenen und Leonie Swann präsentiert den wahren Mörder erst sehr spät.

Die beiden Hauptfiguren, Dr. Huff und Gray, sind wunderbar gelungen. Augustus Huff ist liebenswürdig und überrascht mit besonderen Talenten. Einen begnadeten Fassadenkletterer hätte niemand in ihm vermutet. Gray ist schlagfertig, witzig und ein starker Charakter. Cambridge glänzt als Stadt des Geschehens. Die Colleges, der River Cam, die Studenten und Professoren, all dies bildet einen perfekten Rahmen für einen Mordfall in Studentenkreisen.
Doch leider fehlt dem Roman der komplette Spannungsbogen. Von der ersten bis zur letzten Seite verläuft die Handlung linear. Egal ob Dr. Huff einen Verdächtigen durch Cambridge verfolgt oder über die Dächer der Kapelle des King's College klettert, es entsteht keine Spannung. Obwohl Leonie Swann die Atmosphäre von Cambridge wunderbar einfängt und sowohl ihre Haupt- als auch ihre Nebenfiguren überzeugen, fehlt es der Handlung durchgehend an Schärfe und Überzeugung. Alles in allem ist "Gray" nett zu lesen, mehr aber auch nicht.

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69 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 33 Rezensionen

england, krieg, erster weltkrieg, liebe, frauen

Der letzte Sommer

Helen Simonson , Michaela Grabinger
Fester Einband: 540 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 19.07.2016
ISBN 9783832198268
Genre: Romane

Rezension:

Helen Simonson entführt den Leser in einen scheinbar goldenen Sommer. Ein kleines Städtchen in Sussex, Rye, ist der Ort der Handlung. Doch es ist der Sommer 1914 und schon im Herbst desselben Jahres wird nichts mehr so sein, wie es einmal war.
Doch noch wirkt alles sehr friedlich. Für die junge Lehrerin Beatrice Nash bedeutet Rye den Ausgangspunkt ihres unabhängigen Lebens. Nach dem Tod ihres Vaters und einer schwierigen Zeit bei seinen Verwandten, hat sie in Rye eine Stelle als Lateinlehrerin gefunden. Ihre Gönner sind John und Agatha Kent. John ist ein hoher Beamter im Außenministerium und Agatha seine selbstbewusste und sehr fortschrittlich denkende Gattin. John Kent unterstützt seine Frau wo immer es ihm möglich ist.
Zur Familie Kent gehören auch die beiden Neffen, Hugh und Daniel. Hugh ist ruhig, ernst und vernünftig. Er hat beinahe seine Ausbildung zum Chirurgen abgeschlossen. Daniel ist exaltiert und verträumt, er sieht sich in der Zukunft als Dichter.

Obwohl manche in Rye eine Lateinlehrerin mit schiefen Blicken bedenken, lebt sich Beatrice rasche ein. Nach und nach lernen sowohl sie als auch der Leser die Bewohner Ryes kennen. Die sommerliche Idylle wird durch die ersten Berichte kriegerischer Auseinandersetzungen am Kontinent empfindlich gestört. Doch Anfangs ist alles sehr weit weg. Es werden zwar Freiwilligenheere aufgestellt und die Damen beginnen Spendenaktionen, doch noch ist der Krieg an sich etwas Unvorstellbares. Als die ersten belgischen Flüchtlinge England erreichen und von den Gräueltaten deutscher Soldaten berichten, bekommt der Krieg ein weniger heroisches Gesicht. Hugh meldet sich daraufhin zum Heer. Er will seine medizinischen Kenntnisse einsetzen und Leben retten. Die Flüchtlinge werden zwar aufgenommen, aber doch schief angesehen. Sie stören das gewohnte tägliche Leben empfindlich.
Als der Krieg mehr und mehr in den Mittelpunkt rückt, werden auch das sommerliche Hopfenfest und das Stadtfest in seinen Dienst gestellt. Während manche wirklich nur helfen wollen, sehen andere die einmalige Gelegenheit, sich zu profilieren.
Hugh, Daniel, Beatrice, John und Agatha Kent müssen einschneidende Veränderungen in ihrem Leben hinnehmen. Die Leichtigkeit und das scheinbar ziellose Tagträumen der jüngeren Generation finden ein abruptes Ende.

Helen Simonson hat ein Buch der leisen Töne geschrieben. Ihre Figuren sind ungemein lebensecht, da sie alle über positive und negative Charaktereigenschaften verfügen. Niemand ist gänzlich gut oder böse. Doch gerade dadurch versteht man vieles besser. Im Grunde versuchen alle mit den veränderten Lebensbedingungen zurechtzukommen. Die eine Figur wird einem dabei sympathischer, die andere unsympathischer, doch niemand wird zum Bösewicht an sich. Die Veränderungen in der Gesellschaft stellen auch den fortschrittlichsten Geist mehr als einmal auf die Probe.
Besonders stark ist der Kontrast zwischen Anfang und Ende des Buches. Anfangs erlebt man einen friedlichen Sommer in Südengland, am Ende ist man in den belgischen Schützengräben. Die Not und Verzweiflung sind regelrecht spürbar. Die Komitees der Damen im fernen England erscheinen beinahe lächerlich.
Helen Simonson erzählt in "Der letzte Sommer" eine beinahe zeitlose Geschichte. Es geht um Unabhängigkeit, Liebe, gesellschaftliche Veränderungen, Flucht und um nicht weniger als Krieg und Frieden. Ihre Schilderungen, wie die Menschen all dies überstehen, wie sie dadurch stärker werden oder daran zerbrechen, sind einfühlsam und berührend. Sie verzichtet in ihrem Roman auf jede Art lauter Effekte. Es ist ein stilles Buch, das in aller Ruhe gelesen werden will, aber gerade dadurch seine volle Wirkung entfaltet.

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148 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 93 Rezensionen

mord, kunst, erotik, thriller, maestra

Maestra

L.S. Hilton , Wibke Kuhn
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Piper, 02.05.2016
ISBN 9783492060516
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

L.S. Hilton hat eine Hauptfigur erschaffen, die einen ziemlich verwirrt zurücklässt. Judith Rashleigh ist jung, klug, ehrgeizig, schön und skrupellos. Diese Eigenschaften sollten ihr sowohl den beruflichen als auch den persönlichen Lebensweg beträchtlich erleichtern. Doch dem ist ganz und gar nicht so.
Zum Zeitpunkt als wir Judith kennenlernen, arbeitet sie in einem der beiden renommiertesten Auktionshäuser Londons. Obwohl sie einen exzellenten Sudienabschluss vorzuweisen hat, wird sie von ihren Vorgesetzten als Mädchen für alles eingesetzt. Ihre Kindheit, die von einer alkoholkranken Mutter und Armut geprägt war, können als Auslöser für Judiths glühenden Ehrgeiz angesehen werden, aus ihrem Leben, insbesondere in materieller Sicht, etwas zu machen. Da Geld immer knapp ist, nimmt sie einen Nebenjob in einer zwielichtigen Bar an; dort soll sie gut betuchten Männern Gesellschaft leisten. Für Judith äußerst leicht verdientes Geld.
Als ein Gemälde des berühmten englischen Malers George Stubbs, das Judith als Fälschung erkannt hat, als echter Stubbs versteigert werden soll, sieht Judith ihren großen Moment gekommen. Sie weist ihren Vorgesetzten auf die Fälschung hin, doch anstatt belobigt zu werden, wird sie kurzerhand gefeuert. Ihr wird praktisch der Boden unter den Füßen weggerissen. Mit einem Schlag verliert sie ihre Zukunft. Ein weiterer Berufsweg in der Kunstszene ist nach dieser Kündigung unmöglich.

Judith bleibt nur noch ihr Nebenjob in der Bar. Als einer ihrer Stammkunden sie einlädt, ihn an die Cote d'Azur zu begleiten, willigt sie sofort ein. Dort, umgeben von purem Luxus, findet Judith ihre Welt. Sie kanalisiert ihren Hass, ihre Wut und ihre Enttäuschung; sie schwört ihrem ehemaligen Arbeitgeber Rache, koste es, was es wolle. Als ihr Gönner unter delikaten Umständen stirbt, ist Judith wie ausgewechselt. Vorbei ist es mit der gebildeten, jungen Frau, die sich in der Kunstwelt nach oben arbeiten wollte. Von nun an lebt Judith ihr Leben auf des Messers Schneide. Sexuell setzt sie sich keine Grenzen, sie liebt ihre sexuellen Abenteuer und Eroberungen. Jeder Mann, der sie Reichtum und Macht näher bringen könnte, wird von ihr gezielt ausgesucht und eingesetzt. Ihr Weg führt sie nach Italien. Dort holt sie die Vergangenheit in Form eines Kunsthändlers und des gefälschten Stubbs'wieder ein. Und dort begeht Judith auch ihren ersten Mord. Kühl, durchdacht und ohne Skrupel entledigt sie sich des Mannes, der unbewusst in der Vergangenheit ihre Karriere in der Kunstwelt zerstörte und der nun ihrer Zukunft im Weg gestanden wäre.

Es soll nicht bei diesem einen Mord bleiben. Judith mordet mit einer Präzision, die einen Profikiller vor Neid erblassen lassen würde.

Obwohl ich eigentlich eine Schwäche für die Bösewichte in Literatur und Film habe und sie für die faszinierenderen Charaktere halte, bin ich mir bei Judith nicht schlüssig. Sie ist weder sympathisch noch unsympathisch, sie ermordet einfach jeden, der ihr nur ansatzweise in die Quere kommen könnte. Dabei bleibt sie dem Leser seltsam fremd. Manche ihrer Taten lassen sich nur schwer nachvollziehen. Auch in der Handlung gibt es einige Sprünge, die nicht völlig logisch sind. Mit zumindest bleiben einige Punkte unklar. Meiner Meinung nach hätte L.S. Hilton auch sehr viel mehr aus dem Kunstthema machen können. Über weite Strecken gerät es zu sehr in Vergessenheit. Alles in allem ein Roman, der meinen Erwartungen nicht gerecht wird und einen eher schalen Nachgeschmack hinterlässt.

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71 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 30 Rezensionen

hemingway, biografie, f. scott fitzgerald, 1920er jahre, cote d'azur

Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte

Emily Walton
Fester Einband: 168 Seiten
Erschienen bei Braumüller Verlag, 01.03.2016
ISBN 9783992001521
Genre: Biografien

Rezension:

Dieses Buch ist ein Juwel!

Das wäre kurz gefasst meine Rezension zu Emily Waltons "Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte". Hauptfigur in diesem Roman ist der titelgebende F. Scott Fitzgerald. Im Jahre 1926 ist er mit seiner Frau Zelda und ihrer kleinen Tochter Scottie schon einige Zeit in Frankreich. In diesem Sommer nun will er den Roman schreiben, der ihn als besten Schriftsteller Amerikas etabliert. Zu diesem Zweck übersiedelt die Familie von Paris nach Juan-les-Pins, einen kleinen Küstenort. Ohne die Ablenkungen durch Partys, zügellose Feiern und Alkohol, ist sich Fitzgerald sicher, im Herbst seinem Verleger ein wahres Meisterwerk überreichen zu können.
Juan-les-Pins scheint der ideale Ort dafür zu sein. Sara und Gerald Murphy, ein reiches amerikanisches Ehepaar, Freunde der Fitzgeralds, hat sich dort ein privates Reich erschaffen. Die angesagtesten Künstler dieser Zeit sind bei ihnen willkommen und verbringen regelmäßig ihre Zeit dort. Archibald und Ada MacLeish, Ernest Hemingway, Pablo Picasso und Dorothy Parker gehören ihrem exklusiven, aber erstaunlich umgänglichen Kreis an. Doch genau jener Kreis an starken Persönlichkeiten wirft Fitzgerald aus der Bahn. Er kann nur glücklich und zufreiden sein, wenn er der absolute Mittelpunkt jeder Gesellschaft ist. Ist er das nicht, gibt er sich ungehemmt dem Alkohol hin, wird unausstehlich und neigt zu groben Streichen. Mit dem Fortschreiten des Sommers, in dem sich auch Zeldas Gesundheit ständig verschlechtert, stockt auch mehr und mehr sein literarisches Schaffen. Bis es schließlich ganz zum Erliegen kommt.

Emily Walton erzählt leicht und flüssig. Mit wenigen Sätzen charakterisiert sie diese unsterblichen Persönlichkeiten, zeichnet sie eine ganze Epoche. Die besondere Stimmung unter den "Expats" im Frankreich der 20er Jahre fängt sie gekonnt ein. Obwohl das Buch nur 168 Seiten hat, sein einziger Fehler übrigens, es hätte gerne noch sehr viel länger sein dürfen, kann man nach der Lektüre ein aussagekräftiges und komplexes Porträt Fitzgeralds gestalten. Die gesamte Lektüre ist ein wahrer Genuss. Emily Walton schürt auch den Wunsch, wieder in den Werken dieser legendären Schriftsteller zu lesen. Ihr Schreibstil hat mich stark an Edith Wharton und Sybille Bedford erinnert. All diesen Schrfitstellerinnen ist gemein, dass sie eine Epoche, ihr Flair und ihre Stimmung mühelos vermitteln können.

Für "Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte" kann man nur eine bedingungslose und euphorische Leseempfehlung aussprechen!

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207 Bibliotheken, 9 Leser, 1 Gruppe, 17 Rezensionen

götter, fantasy, mythologie, american gods, neil gaiman

American Gods

Neil Gaiman , Hannes Riffel
Flexibler Einband: 624 Seiten
Erschienen bei Eichborn , 15.05.2015
ISBN 9783847905875
Genre: Fantasy

Rezension:

Neil Gaiman hat mit "American Gods" ein Buch geschrieben, das alle Dimensionen sprengt. Der nun vorliegende Director's Cut ist die ungekürzte Originalversion, die zum ersten Mal in dieser Form veröffentlicht worden ist. "American Gods" lässt sich nicht auf ein Genre beschränken; enthalten sind Roman, Krimi, Fantasy, Mythologie und Reiseliteratur.
Hauptfigur ist Shadow, der nach drei Jahren im Gefängnis frühzeitig entlassen wird. Von Anfang an ist er eine geheimnisvolle Figur; sein Name ist Shadow, sonst nichts, die Beschreibung seines Aussehens beschränkt sich auf die Hinweise, dass er groß und kräftig ist, selbst der Grund seines Gefängnisaufenthaltes wird nur angedeutet. Shadow will keinen Ärger. Sein einziges Ziel ist die Rückkehr zu seiner Frau Laura. Unmittelbar vor seiner Entlassung wird er darüber informiert, dass Laura bei einem Verkehrsunfall gestorben ist. Vollkommen betäubt macht er sich auf den Weg nach Hause. Doch am Flughafen trifft er Wednesday, einen älteren Herrn, der großes Interesse an Shadow bekundet und ihm unbedingt einen Job anbieten will. Obwohl Shadow alles tut, um ihm aus dem Weg zu gehen, taucht Wednesday immer wieder an seiner Seite auf. Schließlich akzeptiert Shadow das Jobangebot Wednesdays; er soll als Bodyguard, Chauffeur, Mädchen für alles fungieren.

Wednesday nimmt Shadow auf eine Reise quer durch die USA mit. Sie treffen auf die sonderbarsten Personen; meistens ältere, leicht abgerissene Herrschaften, denen etwas Seltsames anhaftet. Wednesday ist dabei, eine große Schlacht zu organisieren, in der es um nicht weniger als die Seele Amerikas geht. Mit der Zeit wird Shadow in die Pläne eingeweiht. Dabei offenbart sich Wednesday als Odin persönlich und die skurrilen Typen, die sie quer im Land aufsuchen als alte Götter, die mit den frühen Einwanderern aus allen Erdteilen nach Amerika kamen: Osteuropa, Irland, Ägypten, Westafrika, Karibik,... Nun sind sie in Vergessenheit geraten, kaum jemand erinnert sich noch an sie. Um ihr Überleben sicherzustellen, soll es zum offenen Kampf gegen die neuen Götter kommen. Diese neuen Götter haben Verbündete, die ähnlich wie Geheimdienste agieren. Gleichzeitig verlagert sich ein Teil der Handlung "hinter die Kulissen", wobei angedeutet wird, dass unsere reale Welt mehr Schein als Sein ist.
Die große Schlacht findet letzten Endes statt; doch unter ganz anderen Voraussetzungen als zuvor gedacht, denn kein Geringerer als Loki ist der Mastermind hinter dem großen Plan. Und Shadow erlebt dabei mehr als eine Überraschung.

"American Gods" müsste man wahrscheinlich mindestens zweimal hintereinander lesen, um die Fülle an Geschichten, Personen und Ereignissen aufzudröseln, zu verdauen und wirklich zu verstehen. Gleichzeitig müsste man ein Mythologie Lexikon parallel lesen, um alle Götter identifizieren zu können und ihre Bedeutung für den Roman klarer erfassen zu können. Trotz dieser Fülle fesselt Neil Gaiman den Leser an seine Geschichte. Schon auf den ersten Seiten erschafft er eine dermaßen unheilvolle Stimmung, dass der Leser erahnt, dass wirklich Großes auf ihn zukommen wird. Neil Gaiman lässt seine Götter so auftreten, wie man sie aus antiken Sagen kennt: egoistisch, von ihrer Sonderstellung berauscht, leicht größenwahnsinnig und den Menschen nicht sonderlich zugetan. Doch genau mit diesen Eigenschaften erschafft man Hauptfiguren, die fesseln und überzeugen. Ebenso schillernd und unterschiedlich wie die Personen sind auch die Orte des Romans: heruntergekommene Spelunken und karge Gebirgslandschaften wechseln sich mit einem malerischen Ort namens Lakewood ab, der als Ideal einer Kleinstadt gelten kann.
Und so ganz nebenbei bereist man noch unzählige Bundesstaaten der USA. Die Reise durch die Südstaaten, im besonderen Tennessee, wird so verlockend geschildert, dass man am liebsten sofort dorthin aufbrechen möchte.
"Americcan Gods" kann man nicht unbedingt als leichte Lektüre bezeichnen. Obwohl ich Shadow und Wednesday auf ihrer Reise durchaus folgen konnte, glaube ich trotzdem nicht, dass ich alles verstanden habe. Die Welt, die Neil Gaiman entwirft, ist viel zu komplex, als dass man sie vollständig erfassen könnte. Ich finde seinen Stil einfach großartig, sowohl packend als auch sperrig, flüssig und aufgesplittert.

Meine Lieblingsätzez aus dem Buch, die irgendwie auch die Gedankengänge des Autors perfekt spiegeln, lauten folgendermaßen:
"Mr. Nancy entriegelte die Sturmläden und öffnete die Fenster. Im Haus roch es muffig und feucht und auch ein wenig süßlich, als spukten hier die Geister von längst verstorbenen Keksen herum."

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67 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

new york, familie, liebesroman, neuanfang, erotik

Sonnenaufgang über New York

Ruthie Knox , Marion Herbert
Flexibler Einband: 500 Seiten
Erschienen bei LYX ein Imprint der Bastei Lübbe AG, 06.08.2015
ISBN 9783802597732
Genre: Liebesromane

Rezension:

May Erickson ist ein typisches Mädchen vom Lande. Behütet aufgewachsen in einer kleinen Stadt in Wisconsin, ist sie selbstverständlich, wie fast jeder Einwohner dieses Bundesstaates, eingefleischter Fan der Green Bay Packers. Als sich vor vier Jahren der Reserve-Quarterback ebenjener Green Bay Packers in May verliebte, überraschte dies so manchen. Der lieben, durchschnittlichen May hätte man ja vieles zugetraut, aber nicht unbedingt eine Liaison mit Dan "Thor" Einarsson persönlich.
Jetzt, vier Jahre später, ist Dan Quarterback der New York Mets und May ist ihm nach langer Fernbeziehung nach New York gefolgt. Als er ihr bei einem Wohltätigkeitsdinner den unromantischsten Heiratsantrag aller Zeiten macht, sieht May rot und rammt ihm vor laufender Kamera eine Gabel in die Hand. Als sie am nächsten Tag aus der von Fotografen belagerten Wohnung zu fliehen versucht, wird ihr zu allem Pech auch noch die Handtasche gestohlen. Damit sind Ausweise, Geld, Kreditkarte und Handy weg.

May ist verzweifelt; sie ist alleine in einer Stadt, der sie so gar nichts abgewinnen kann. Ihre Familie verbringt das Wochenende in einer abgelegenen Hütte in Michigan und ist für sie somit nicht erreichbar. Mehr oder weniger unbewusst landet sie in einer Kneipe namens Pulvermacher's. Diese Kneipe ist für jeden Bewohner Wisconsins eine Heimat fern der Heimat. Die zum Träumen neigende May hofft, dort einen sympathischen, freundlichen und hilfsbereiten Green Bay Packers Fan zu treffen, der ihr irgendwie weiterhelfen kann. Stattdessen trifft sie Ben, der zwar ursprünglich aus Wisconsin stammt, ansonsten aber unfreundlich, mürrisch und eigenbrötlerisch wirkt; dies nun nicht zu Unrecht, denn das Leben ist mit ihm nicht gerade sanft umgesprungen. Zunächst unwillig, lässt er sich doch auf ein Gespräch mit May ein.
Doch dieses zufällige Aufeinandertreffen löst eine wahre Kettenreaktion aus. Am Ende einer turbulenten Woche werden sich die Leben von May und Ben komplett verändert haben.

Ruthie Knox schafft für ihre beiden Hauptfiguren May und Ben eine wunderbare Ausgangslage. Beide haben viel erlebt, haben einiges zu verkraften und sind auf eine sehr individuelle Art und Weise sympathisch und lebensecht. Dennoch bleibt ihre Geschichte holprig; beide reagieren oftmals unverständlich. Ich hatte zwei-, dreimal den Eindruck, dass Ruthie Knox diese unerwarteten Reaktionen nur deshalb einführt, weil sie nicht bereit war, May und Ben ihr Eigenleben zu schenken. Mit diesen relativ ruckhaften Eingriffen brachte sie aber meiner Meinung nach, immer das gesamte Buch ins Stolpern.
Einen undankbaren Part hatte bis zuletzt Dan "Thor" Einarsson. Sein einziger Fehler war und blieb ein unromantischer Heiratsantrag. Ansonsten ist er verständnisvoll, bereit, May zu verzeihen, ein guter Freund und nebenbei ein Quarterback der NFL, der aussieht wie ein nordischer Gott. Schwer, ihm etwas vorzuwerfen. Eigentlich ist er fast zu perfekt, um als Gegenpol zu dienen.
Dennoch mochte ich die Art und Weise wie Ruthie Knox ihren Figuren Leben einhaucht, Geschichten entwickelt und erzählt. "Sonnenaufgang über New York" wird nicht mein letztes Buch von ihr sein.

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

kinder, liebschaften, neue liebe, roman, hilma wolitzer

Charmanter Mann aus Erstbesitz

Hilma Wolitzer ,
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 27.07.2015
ISBN 9783552062955
Genre: Liebesromane

Rezension:

Edward hatte mit Bee die Liebe seines Lebens gefunden.
Als er mit Anfang vierzig, nach einer gescheiterten Verlobung und zahlreichen losen Affären, bei der Hochzeit gemeinsamer Freunde Bee kennenlernte, hatte er keine Ahnung, dass die geschiedene Mutter zweier Kinder sein ganzes Leben verändern würde. Doch für sie zog der eingefleischte New Yorker Edward in einen ruhigen Vorort, lernte was es heißt, Stiefvater zu sein, baute sich gemeinsam mit Bee ein neues soziales und kulturelles Umfeld auf. Einziger Wermutstropfen in ihrem Glück war, dass sie kein gemeinsames Kind mehr bekommen hatten. Doch ansonsten erlebten sie zwanzig Jahre familiären Glücks, zwanzig Jahre voller Harmonie, Sicherheit und Vertrauen.
Dann, nach kurzer schwerer Krankheit, stirbt Bee. Plötzlich ist Edward alleine, alleine in einem Haus, das von ihrem gemeinsamen Leben geprägt ist. Gesellschaft leistet ihm nun in erster Linie Bingo, der alte Familienhund. Die Kinder sind bereits ausgezogen, alte Freunde zwar immer erreichbar, aber eben nicht unmittelbarer Teil des Alltags. Halt gibt Edward zunächst sein Beruf; er ist mit Herz und Seele Lehrer, doch die Einsamkeit hat Einzug in sein Leben gehalten. Nach angemessener Zeit versuchen Freunde ihn bei gemeinsamen Essen zu verkuppeln, die Kinder schalten eine Kontaktanzeige. Obwohl alle in bester Absicht handeln, reagiert Edward auf diese Vorhaben sehr verhalten. Er erkennt zwar seine Einsamkeit, schreckt aber vor dem Gedanken, eine neue Frau in sein Leben zu lassen, zurück.

Dennoch beantwortet er einzelne Zuschriften, die er auf seine Kontaktanzeige erhalten hat. Mit einigen der Frauen trifft er sich. Doch diese Treffen bleiben einmalige Angelegenheiten, sie schwanken zwischen skurril, peinlich, traurig und seltsam. Letzten Endes erfüllen sie aber ihren Zweck insofern, dass Edward wieder am Leben teilnimmt. Nur mit einer neuen Frau scheint es nicht zu klappen. Auch seine Vergangenheit meldet sich wieder, in Form einer alten Bekannten, die sein Leben wie schon damals, gehörig durcheinander wirbelt.

Hilma Wolitzer hat mit "Charmanter Mann aus Erstbesitz" einen ganz wunderbaren Roman geschrieben; einen Roman der leisen Töne. Der Leser trifft Edward zum ersten Mal beim Bügeln, wenige Monate nach dem Tod seiner Frau. Das Bügeln beruhigt ihn, er schwelgt dabei in Erinnerungen an Bee. In kurzen eingestreuten Episoden erfährt man mehr über das Leben von Bee, Edward, ihren Kindern und Bees Mutter Gladys. Parallel dazu ist diese Situation Ausgangspunkt von Edwards Leben nach dem Tod von Bee. Berührende, schöne und traurige Begebenheiten wechseln sich ab und ergeben ein sehr vielschichtiges Bild. Das Bild einer Familie, die herrlich normal ist, in der keine außergewöhnlichen Katastrophen passieren, sondern das Lebens seine Gesetze diktiert und mit den daraus resultierenden Gefühlen und menschlichen Konstellationen umgegangen werden muss. Edward und seine Familie sind einem in vielen kleinen Dingen vertraut.
"Charmanter Mann aus Erstbesitz" ist Unterhaltung vom Besten. Sowohl Sprache als auch Handlung haben mich überzeugt. Edward, als Hauptfigur, ist ruhig, kultiviert und lebendig, er wird seiner Rolle als Zentrum des Romans mühelos gerecht. Alle anderen Figuren ergänzen ihn perfekt und ergeben somit ein harmonisches Ganzes.
Es wäre durchaus spannend, irgendwann mehr von der Familie Schuyler zu erfahren.

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(83)

150 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 21 Rezensionen

iran, couchsurfing, reisen, reisebericht, reise

Couchsurfing im Iran

Stephan Orth
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei MALIK, 09.03.2015
ISBN 9783890294544
Genre: Biografien

Rezension:

Stephan Orth besucht ein Land, das wohl bei den wenigsten als Urlaubsziel in Erwägung gezogen wird: den Iran. Noch dazu ist er als Couchsurfer unterwegs. Eine Art des Reisens, bei der man sich am besten gleich auf einige Überraschungen einstellt.
Man beginnt diese Reise mit Stephan Orth am Flughafen von Teheran, wo die Passagiere mehr als in anderen Ländern merken, dass hier so manches anders läuft: Aufforderungen wie "Respected Ladies: Observe the Islamic dress code", eine andere Zeitrechnung, das europäische Handy akzeptiert die Jahreszahl 1393 nicht und die allgegenwärtige Präsenz von Khomeini und Chamenei begrüßen den ankommenden Ausländer, gepaart mit einer echten und tiefempfundenen Freundlichkeit der Iraner.

Stephan Orth ist nicht zum ersten Mal im Iran und wie auch bei seiner vorhergegangenen Reise ist er als Couchsurfer unterwegs. Eine Art des Reisens, die im Iran zwar offiziell verboten ist, aber laut seinen Schilderungen von so vielen praktiziert wird, dass sie wohl doch von offizieller Seite toleriert wird.
Sein erklärtes Ziel ist es, mit den Iranern praktisch zu verschmelzen. Er will den echten Iran kennenlernen, er will wissen wie der durchschnittliche Iraner denkt, lebt, arbeitet und wovon er träumt. Durch seine Kontakte als Couchsurfer kommt er mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt: Studenten, Händlern, Lehrern, Veteranen, Großfamilien und sogar mit einer Gruppe BDSM-Praktizierender.
Er bereist das Land mittels Flugzeug, Taxi und Motorrad. Einmal versucht er sich als Tramp, was nicht recht funktionieren will, da immer sofort ein hilfsbereiter Iraner anhält und ihn zu sich nach Hause einlädt. Auf diese Weise ist an ein Weiterkommen im Iran kaum zu denken.

Zwei Dinge sind für Stephan Orth besonders irritierend. zum einen, dass im Iran noch immer mit ungebrochener Begeisterung Modern Talking gehört wird und zum anderen, dass der Iran wohl das einzige Land ist, wo ein Deutscher freudestrahlend auf Hitler angesprochen wird und auch mit dem Hitlergruß begrüßt wird. Die Iraner sind ausgesprochen stolz auf die gemeinsamen Vorfahren aus grauer Vorzeit, die sie mit den Deutschen verbinden.
Alles in allem genießt Stephan Orth seinen Aufenthalt im Iran rundum. Nur manchmal wird ihm die bedingungslose Freundlichkeit der Gastgeber etwas zu viel. Denn für einen echten Iraner findet Gastfreundschaft rund um die Uhr statt. Eine stille Stunde für sich allein, gibt es praktisch nicht. Nur bei mancher Begegnung mit der offiziellen Seite des Iran, so zum Beispiel bei der Visumsverlängerung, geht sein Puls dann doch etwas in die Höhe.

Als Leser erhält man einen Einblick in ein Land, das sich hier ganz anders präsentiert als man es durch Nachrichtensendungen, Zeitungen und Reportagen gewöhnt ist. Manchmal beschleicht einen schon der Verdacht, dass das fast schon zu schön ist, um wahr zu sein.Auf jeden Fall erweitert es den Blickwinkel auf ein faszinierendes Land mit einer alten Kultur und Geschichte, das im letzten Jahrhundert großes Pech mit seinen Regierenden hatte, lapidar ausgedrückt.
Auch Stephan Orths Bilder sind eine angenehme Ausnahme. Sie zeigen nämlich lächelnde und lachende Iraner.

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(202)

402 Bibliotheken, 7 Leser, 0 Gruppen, 83 Rezensionen

kindheit, magie, neil gaiman, fantasy, freundschaft

Der Ozean am Ende der Straße

Neil Gaiman , Hannes Riffel
Fester Einband: 238 Seiten
Erschienen bei Eichborn , 08.10.2014
ISBN 9783847905790
Genre: Fantasy

Rezension:

Ein Mann um die 50, der bis zum Ende des Buches namenlos bleibt, kehrt zur Beerdigung eines Familienmitgliedes, dessen Identität ebenso wenig genannt wird, in sein Heimatdorf im ländlichen England zurück. Nach dem Gottesdienst und vor dem, den Konventionen geschuldeten Beisammensein mit anderen Familienmitgliedern und Freunden, braucht er dringend Abstand. Er setzt sich in sein Auto und fährt blind los. Erst als er sein Ziel erreicht, wird ihm klar, wohin ihn sein Weg geführt hat. Er befindet sich bei der abgelegenen Farm der Familie Hempstock. Dort übermannen ihn alte, lang verdrängte Erinnerungen. Auf einer Bank bei einem Ententeich, der ein ganzer Ozean ist, kehrt er zurück zu seinem siebenjährigen Selbst.

Der siebenjährige Junge war ein zutiefst unglückliches Kind, der das große Haus der Familie mit dem verwilderten Garten und seine Bücher liebte. Seine Eltern, seine jüngere Schwester und er sind auf den ersten Blick eine ganz und gar durchschnittliche Familie, doch hinter der schönen Fassade plagen die Eltern Geldsorgen, eine mögliche Untreue des Vaters steht im Raum und manche Aspekte der Kindererziehung, die insbesondere den Jungen betreffen, grenzen an Kindesmisshandlung.
Doch dann lernt der kleine Junge die Frauen der Familie Hempstock kennen, Großmutter, Mutter und Lettie, die elfjährige Tochter. Männer sind in der Familie Hempstock kein Thema. Die, die es gab sind gegangen und nicht wiedergekommen. Seltsames geschieht rund um diese Frauen, die Grenzen von Raum und Zeit existieren auf ihrem Land nicht. Da die Großmutter den Vollmond der Erntezeit liebt, sieht man nachts von der Rückseite ihrer Farm aus immer diesen Erntemond. Der Ententeich bei der Farm enthält laut Lettie einen ganzen Ozean, der mit den Hempstocks aus ihrer alten Heimat gekommen ist. Als das Böse um sich greift, Menschen beeinflusst, Zwietracht sät und der Vater des kleinen Jungen bei einer Disziplinierungsmaßnahme beinahe zu weit geht, schreiten die Hempstock-Frauen ein. Sie bieten dem Jungen Schutz und Zuflucht. Wesen aus alten Mythen und Legenden, etwas, das älter ist als die Zeit, versuchen an die Macht zu kommen, doch die Hempstocks scheinen über all jenen zu stehen, sie zu beherrschen.

Man kann Neil Gaimans Buch auf zwei Arten lesen. Als die Geschichte eines traumatisierten Jungen, der mit der Realität nicht zurechtkommt und sich in eine Fantasiewelt flüchtet oder als die Geschichte eines kleinen Jungen, in dessen unmittelbarer Nähe mehr passiert als mit unserer Schulweisheit zu erklären ist. Ich habe mich für die zweite Sichtweise entschieden. Dann liest man ein unglaublich intensives, melancholisches Buch. Man spürt die Angst und Verzweiflung des Jungen. Die Frauen der Familie Hempstock sind eine Urgewalt, an dener der Leser keinerlei Zweifel hegt. Neil Gaiman gelingt es, alle Grenzen aufzuheben, er katapultiert den Jungen und den Leser in eine Welt, in der alles möglich ist. Er erklärt wenig. Die Intensität des Buches beruht auch darauf, dass der Leser von Neil Gaiman in und durch eine Welt geführt wird, die vollkommen fremd ist. Ich habe noch nichts Ähnliches gelesen.
"Der Ozean am Ende der Straße" ist eine großartige Entdeckung.

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(29)

104 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

london, geheimnis, gesellschaft, fantasieroman, poppy

The Darkest London - Winterflammen

Kristen Callihan , Firouzeh Akhavan-Zandjani , Britta Lüdemann
Flexibler Einband: 501 Seiten
Erschienen bei LYX, 06.11.2014
ISBN 9783802595806
Genre: Fantasy

Rezension:

Mit "Winterflammen" legt Kristen Callihan den dritten Teil ihrer Reihe "The Darkest London" vor.
Gut drei Monate sind seit den Geschehnissen von "Im Bann des Mondes" vergangen. Winston Lane, Polizeiinspektor und Ehemann der ältesten Ellis-Schwester Poppy, hat seine schweren Verletzungen dank der Hilfe von Archer und Ian Ranulf überlebt, doch er ist nicht nur äußerlich von tiefen Narben gezeichnet. Auch innerlich ist etwas in ihm zerbrochen, hat er seinen Glauben und seinen Halt verloren. Zu tief sitzt der Verrat seiner Frau. Vierzehn Jahre dachte er, dass Poppy nichts weiter als seine liebende Ehefrau und leidenschaftliche Buchhändlerin sei. Doch schmerzlich wurde ihm klargemacht, dass seine Poppy die vielleicht mächtigste der Ellis-Schwestern ist. Nicht nur kann sie das Element Wasser beherrschen, indem sie es zu Eis verwandelt, sie ist auch Oberhaupt der Gesellschaft zur Unterdrückung Übernatürlicher.
Winston kämpft sowohl damit, zu akzeptieren welche Wesen rund um ihn existieren, als auch mit dem Verrat seiner Frau. Obwohl er sie nach wie vor liebt, weiß er nicht wie er mit dieser Lüge, die alles verändert, umgehen soll.

Poppy, ebenfalls zutiefst verletzt und verunsichert, wird zu diesem Zeitpunkt eine Warnung zugespielt, dass ein Dämon, den sie vor vielen Jahren bannte, fliehen konnte und nun sowohl hinter Winston als auch ihr her ist. Umgehend macht sich Poppy auf den Weg zu Winston und trotz aller Schwierigkeiten, in denen sie gerade stecken, nehmen sie gemeinsam den Kampf gegen einen der mächtigsten bekannten Dämonen auf. Unterstützt werden sie dabei von Jack Talent, den Ian als Winstons Kammerdiener zur Verfügung stellt und von Mary Chase, einem GIM, die einen neuen Lebensweg in der Gesellschaft zur Unterdrückung Übernatürlicher einschlagen möchte.
Während der gemeinsamen Jagd auf den Dämon, kommt ein weiteres Geheimnis aus der Vergangenheit ans Licht. Ein Geheimnis, das in erster Linie durch Winston verschuldet wurde. Und obwohl es Poppy und Winston schwer fällt, mit all den Geheimnissen und Lügen der Vergangenheit umzugehen, sind beide verzweifelt bemüht, einen Weg in eine gemeinsame Zukunft zu finden. Schritt für Schritt gelingt ihnen das auch, wenn auch immer wieder Missverständnisse, Bedenken und Argwohn aufblitzen.
Natürlich sind auch Miranda und Archer und Daisy und Ian mit von der Partie. Miranda und Daisy knabbern selbst noch an Poppys Geheimnis, doch nach und nach stellt sich die schwesterliche Einheit wieder ein.

Kristen Callihans Bücher sind mitreißend geschrieben. Sie beherrscht sowohl die Kunst ihren Charakteren Persönlichkeit zu verleihen, als auch eine packende Handlung zu Papier zu bringen. Egal ob Werwölfe oder Dämonen, Mythen oder historische Begebenheiten, ihr gelingt es, alles zu einer perfekten Einheit zu gestalten. Sie gönnt ihren Figuren die Zeit, die sie für ihre Handlungen brauchen, treibt aber das Geschehen konsequent voran, sodass die Spannung stets gehalten wird. Ich freue mich sehr, dass die Reihe "The Darkest London" weitergehen wird. Zumindest vier mögliche Kandidaten für die weiteren Bände wurden schon vorgestellt.

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(119)

210 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 72 Rezensionen

schizophrenie, tod, psychiatrie, nathan filer, trauer

Nachruf auf den Mond

Nathan Filer , Eva Bonné
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Droemer, 02.03.2015
ISBN 9783426281246
Genre: Romane

Rezension:

Matthew Homes ist zwar erst 19 Jahre alt, doch seine Lebensgeschichte füllt mit Leichtigkeit bereits ein ganzes Buch. Er ist der geborene Erzähler und während eines weiteren Aufenthaltes in einer Psychiatrischen Klinik in Bristol bringt er seine Geschichte zu Papier.
Im Grunde ist sein Leben seit seiner Geburt schwierig. Er stand stets im Schatten seines knapp drei Jahre älteren Bruders Simon, der am Down-Syndrom litt. Besonders für ihre Mutter kamen Simons Wünsche und Bedürfnisse immer zuerst. Für Matt war die zweite Reihe reserviert. Die Tragödie nimmt ihren Lauf, als Simon bei einem Ferienaufenthalt in Cornwall stirbt. Die folgenden Monate prägen und verändern Matts Leben für immer. Vor allem das irrationale Verhalten seiner Mutter trägt dazu bei. Weder sie noch Matt verarbeiten Simons Tod. Matt gibt sich auch jetzt, Jahre später, noch die Schuld am Tod seines Bruders.

An und für sich ein ausgezeichneter Schüler, nützt er seine akademischen Möglichkeiten nicht, verlässt die Schule und arbeitet eine Weile als Pfleger. Zu diesem Zeitpunkt verschlechtert sich sein psychischer Zustand zunehmend. War er bisher auch schon überzeugt, dass Simon noch immer bei ihm ist, wird diese Überzeugung nun zur fixen Idee. Matt sieht Simon im Wind, im Regen, in jedem Atom und ganz besonders im Vollmond. Zugleich verstärken sich seine Selbstmordgedanken. Ein Aufenthalt in der geschlossenen Abteilung der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses ist unausweichlich.

In "Nachruf auf den Mond" erzählt Matt viel aus dem Leben in der Psychiatrie. Er beschreibt sowohl die Pfleger und Krankenschwestern, die dort arbeiten als auch die anderen Patienten. Eindringlich schildert er die Wirkung der ihm verordneten Medikamente auf sein Verhalten. Je besser die Medikamente auf ihn eingestellt werden, umso verzweifelter wird er, da er dann Simon mehr und mehr verliert.
Nathan Filer hat selbst als Krankenpfleger in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet. Dadurch gewinnt "Nachruf auf den Mond" meiner Meinung nach auch seine Ausgeglichenheit. Die Verzweiflung der Patienten wird ebenso dargestellt wie die Bemühungen des Pflegepersonals. Matts Kampf zwischen einer Zukunft, die er meistens gar nicht will, und einer Vergangenheit, die ihn peinigt und quält, berührt den Leser tief. Als Leser verliert man manchmal den Faden was Matt wann während seines Klinikaufenthaltes erlebt, was aber der Geschichte keineswegs schadet.
Besonders im Gedächtnis geblieben, ist mir Matts Feststellung "Ich bin krank, nicht irre". Ein Satz, der einen aufrüttelt und zum Nachdenken bringt. Genauso wie Matts Feststellung, dass sein Zustand zwar behandelbar ist, aber dass er immer wieder Patient in der Psychiatrie sein wird. Und dass er immer wieder einen Anfang suchen muss.

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118 Bibliotheken, 1 Leser, 3 Gruppen, 67 Rezensionen

freundschaft, roadtrip, rollstuhl, familie, schicksal

Umweg nach Hause

Jonathan Evison , Isabel Bogdan
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 09.02.2015
ISBN 9783462046595
Genre: Romane

Rezension:

Erzählt wird "Umweg nach Hause" von Ben, einem Mann um die Vierzig, der in seinem Leben an einem absoluten Tiefpunkt angekommen ist. Vor zwei Jahren hat eine vorerst nicht näher erklärte Katastrophe sein normales Leben schlagartig zum Stillstand gebracht. Seitdem hat er keinen Lebensmittelpunkt mehr, seine Frau hat ihn verlassen, Freunde haben sich von ihm abgewandt, er ist pleite, beruflich ohne jede Perspektive und den meisten seiner Mitmenschen ein seltsames Ärgernis.
Um nicht vollkommen unterzugehen, besucht er einen windigen Pflegekurs und bemüht sich um eine Anstellung. Er bewirbt sich bei Elsa und ihrem Sohn Trev, einem 19-jährigen Teenager, der an einer wahrscheinlich tödlich verlaufenden Muskelerkrankung leidet. Aus irgendwelchen Gründen findet Trev Ben sympathisch und erwählt ihn zu seinem neuen Pfleger. Die beiden entwickeln einen für sie angenehmen Tagesablauf, der von festen Routinen geprägt ist. Trev ist absoluter Fan des Wetterkanals und Sammler von außergewöhnlichen Sehenswürdigkeiten, auf der Landkarte, und von seltsamen Sexpositionen, in Gesprächen mit Ben.
Während sich das Verhältnis von Ben und Trev recht positiv entwickelt, wird Ben nach wie vor von der Vergangenheit bedrängt. Seine Frau Janet, von der er seit gut zwei Jahren getrennt lebt, fordert vehement die Scheidung. Seine Schwiegereltern geben ihm zu verstehen, dass er in ihrem Leben nicht länger erwünscht ist und auch Elsa, Trevs Mutter, ist von Bens Qualitäten nicht wirklich überzeugt. Einzig Forest, Bens Freund aus Collegezeiten, steht zu ihm. Wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung bleibt er an Bens Seite. Eine wirkliche Veränderung löst indirekt Bob, Trevs Vater aus. Als vor vielen Jahren Trevs verheerende Diagnose gestellt wurde, konnte Bob mit dieser Situation nicht umgehen und verließ seine Familie. Seitdem bemüht er sich unermüdlich um Kontakt zu seinem Sohn. Nach einem weiteren gescheiterten Kontaktaufnahmeversuch, entscheidet Trev für sich, dass sein Vater wohl genug gelitten hat. Gemeinsam mit Ben begibt er sich in einem umgebauten Van auf die Reise vom Bundesstaat Washington nach Salt Lake City, wo sein Vater wohnt. Diese Reise bringt nicht nur schillernde Mitfahrer, griesgrämige Motelbesitzer, verdächtige Verfolger und atemberaubende Landschaften in das Leben von Ben und Trev, sie rückt auch ihr Leben irgendwie in die richtigere Bahn. Trev kommt ohne seine starren Routinen wunderbar zurecht und Ben ist mit Fahren und Organisieren dermaßen beschäftigt, dass er zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommt, dass sein Leben nach der Katastrophe vor zwei Jahren doch weitergehen könnte.

Jonathan Evison / Ben erzählt in kleinen Rückblicken von diesem einen Tag, der Bens Leben mehr oder weniger beendete. Immer näher führt er den Leser an eine schreckliche Katastrophe heran, die, das ist relativ bald klar, zum Tod von Bens Kindern führte. Welche Rolle Ben dabei spielte und warum nicht nur er selbst sich die Schuld daran gibt, das erfährt der Leser Schritt für Schritt.
Jonathan Evison erzählt in "Umweg nach Hause" eine wahrlich große Geschichte. Er erzählt nicht nur von Tod, Krankheit und Verlust, sondern auch davon wie unerbittlich das soziale Umfeld sein kann. Wie rasch einer allein die Schuld bekommt, wie leicht es dies den anderen macht, mit der Tragödie umzugehen und wie beinhart Menschen einen anderen aufgeben, der ohnehin schon am Boden liegt. Doch "Umweg nach Hause" ist kein negatives Buch. Jonathan Evison gelingt eine wunderbare Balance. Trev kann nach wie vor über sich selbst lachen und seine Krankheit, wenn nötig, zu seinem Vorteil einsetzen. Ben ist so hilflos und überfordert, dass er im Leser Beschützerinstinkte auslöst. Und dann gibt es Forest! Bens einzigen Freund, der ein Freund bleibt. Als Janet, Familie, Freunde und Nachbarn Ben den Rücken gekehrt hatten, blieb er an seiner Seite. Litt und soff mit ihm und blieb unerschütterlich an seiner Seite, egal wie oft Ben diese Freundschaft und Hilfe auch abwehren wollte.
Ganz nebenbei erzählt "Umweg nach Hause" auch von einer Reise durch mehrere amerikanische Bundesstaaten. Die Highways, Motels und Nationalparks sieht man dabei in all ihrer Pracht vor sich.

Es ist eine Freude, "Umweg nach Hause" lesen zu dürfen!

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

rose gordon

Ein unerwarteter Bräutigam

Rose Gordon
E-Buch Text
Erschienen bei AmazonCrossing, 17.06.2014
ISBN 9781477872611
Genre: Romane

Rezension:

Alexander Banks lebt ein ruhiges und ausgeglichenes Leben. Er stammt aus einer angesehenen Familie, ist begeisterter Wissenschaftler, hat eine große, etwas unorthodoxe aber glückliche Familie um sich und ahnt nichts von den dunklen Wolken, die sich über ihm zusammenbrauen.
Sein Vater, Lord Watson, ist schon des längeren krank und bittet eines Tages Alex zu einem vertraulichen Gespräch. Darin informiert er seinen Sohn, dass Lord Watson und sein bereits verstorbener guter Freund, die Namen ihrer Kinder in einem Verlobungsvertrag festgehalten haben. Dieser besagt, dass Alex Olivia heiraten muss, es sei denn, er heiratet vor seinem dreißigsten Geburtstag eine andere Frau. Erschwerend kommen hinzu, dass Alex bereits in vier Wochen Dreißig wird und Olivia, sowohl in Aussehen als auch Betragen, als die fürchterlichste Frau ganz Englands angesehen wird. Alex, eher trocken und etwas ungeübt was gesellschaftliches Verhalten anbelangt, steht nun vor der gewaltigen Aufgabe innerhalb der nächsten vier Wochen nicht nur eine Braut zu finden, sondern diese Erwählte auch zur sofortigen Heirat zu überreden.
Er beschließt die Brautsuche wie ein wissenschaftliches Projekt aufzubauen und durchzuführen. Hilfe erhält er dabei von Olivias Bruder Marcus, der niemandem seine Schwester zur Ehefrau wünscht und von Caroline, der Cousine von Marcus und Olivia. Caroline selbst erfüllt bald die meisten Anforderungen, die Alex an seine zukünftige Frau stellt. Vor allem ist sie ebenso wie Alex an Astronomie und Biologie interessiert.

Wie ALex Caroline erobert, mit welchen Gemeinheiten Olivia reagiert und wie Alexanders Cousinen und ihre Ehemänner mit Rat und Tat zu Hilfe eilen, schildert Rose Gordon leicht, amüsant und in einem wirklich gelungenen Erzählstil. Vergangene Dramen und Geheimnisse wirken sich teils bedrohlich auf die Gegenwart und Zukunft aus. Aus ihnen ergeben sich auch einige Missverständnisse, die das sich abzeichnende Glück von Alex und Caroline zu zerstören drohen.
Am wenigsten sagt mir in diesem Buch Olivia zu. Sie soll zwar hässlich und unangenehm sein, aber sie wirkt dann schon oft zu überzeichnet, als dass sie ihrer Rolle noch gerecht wird. Die Autorin nimmt es mit dem historischen Rahmen nicht allzu genau, was mich aber persönlich nicht stört, da zum Beispiel der lockere Umgangston innerhalb der Familie Banks durchaus zu den gezeichneten Figuren passt und sich auch positiv in die Handlung einfügt.
Alles in allem ein gelungener Regency-Roman; ich hoffe sehr, dass die anschließenden Bände auch noch übersetzt werden.

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zeugen jehovas, religion, roman, richterin, familienrecht

Kindeswohl

Ian McEwan ,
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 09.01.2015
ISBN 9783257069167
Genre: Romane

Rezension:

Ian McEwans "Kindeswohl" kann man gut und gerne als Meisterwerk bezeichnen. Selten oder kaum habe ich bisher ein Buch gelesen, das einen so rasch in seine Handlung aufsaugt. Nach knapp zwei Seiten hatte ich bereits das Gefühl seine Hauptfigur, Fiona Maye, nicht nur zu kennen, sondern auch zu verstehen.
Man trifft Fiona Maye, eine angesehene Richterin, in ihrer Wohnung am Gray's Inn Square in London an, wo ihr persönliches Leben gerade auf den Kopf gestellt worden ist. Ihr Mann Jack will nach gut dreißig Ehejahren noch einmal die große Leidenschaft erleben und bittet Fiona um die Erlaubnis für eine Affäre mit einer jüngeren Frau. Fiona verweigert diese Erlaubnis strikt. Dem Streit, der daraufhin folgt, ist sie kaum gewachsen. Gleichzeitig wird sie über einen eiligen Fall informiert. Ein 17-jähriger Junge, der an Leukämie erkrankt ist, würde infolge seiner Behandlung dringend Blutkonserven benötigen. Seine Eltern und er selbst lehnen dies kategorisch ab, da sie den Zeugen Jehovas angehören, die Bluttransfusionen, egal wie lebensentscheidend sie auch sein könnten, verbieten. Zeit ist in diesem Fall die entscheidende Komponente. Adams Anwälte drängen aufgrund der Tatsache, dass er in wenigen Wochen volljährig wäre und für sein Alter sehr reif ist, darauf, seinem Wunsch nachzukommen und auf die Behandlung mit Blutkonserven zu verzichten, wissend, dass dies sein wahrscheinliches Todesurteil ist. Fiona entscheidet sich für ein Treffen mit Adam im Krankenhaus. Dieses Treffen und ihr eigenes emotionales Angeschlagen sein, bringen Fionas unerfüllten Kinderwunsch wieder verstärkt in ihr Bewusstsein. Doch sie ist an konsequente, logisch durchdachte und rasche Entscheidungen gewöhnt. So trifft sie auch in diesem Fall ihr Urteil. Ein Urteil, das in den folgenden Wochen eine Reihe von Konsequenzen nach sich ziehen wird.

Fiona Maye ist die geborene Hauptfigur. Sie hat Charakter, Ecken und Kanten, Interessen, Überzeugungen, ein Gewissen und die eine oder andere Schwäche. Trotz aller Distanz und Objektivität, die für ihre Arbeit als Richterin notwendig sind, hat sie sich ein Gespür für menschliche Tragödien und einen Sinn fürs Absurde bewahrt. Mit der über sie hereinbrechenden Krise mit ihrem eventuell untreu werdendem Ehemann, geht sie weder souverän noch abgeklärt um, sondern eher zurückhaltend und verwirrt.
IanMcEwan gelingt es mit seiner Figur der Fiona Maye, aufzuzeigen, wie schwierig Entscheidungen zwischen Richtig und Falsch sein können. Sobald Menschen und Meinungen aufeinandertreffen, kann es kaum mehr nur die eine Wahrheit geben.

IanMcEwan schreibt klar, präzise und schnörkellos. Kaum ein Autor bringt seine Figuren so perfekt skizziert aufs Papier. Seine Geschichten, ganz besonders auch "Kindeswohl", entfalten sich wie von selbst und mühelos vor dem Leser. Er erzählt hier auf eher überschaubaren 224 Seiten mehr, als so mancher Autor, der die zwei- oder dreifache Seitenanzahl aufwendet, und dann dennoch keine so dichte und überzeugende Handlung vermitteln kann.

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